S.
23
IV.
Die Traumentstellung.
Wenn ich nun die Behauptung aufstelle, daß Wunscherfüllung
der Sinn eines jeden Traumes sei, also daß es keine anderen als
Wunschträume geben kann, so bin ich des entschiedensten Wider-
spruches im vorhinein sicher. Man wird mir entgegenhalten: „Daß
es Träume gibt, welche als Wunscherfüllungen zu verstehen sind,
ist nicht neu, sondern längst von den Autoren bemerkt worden.
(Vgl. Radestock [p. 137–138], Volkelt [p. 110–111], Purkinje
[p. 456], Tissiè [p. 70], M. Simon [p. 42 über die Hungerträume
des eingekerkerten Barons Trenck] und die Stelle bei Griesinger
[p. 111].)*) Daß es aber nichts anderes als Wunscherfüllungsträume
geben soll, das ist wieder eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung,
die sich aber zum Glück leicht zurückweisen läßt. Es kommen doch
reichlich genug Träume vor, welche den peinlichsten Inhalt erkennen
lassen, aber keine Spur irgend einer Wunscherfüllung. Der pessi-
mistische Philosoph Ed. v. Hartmann steht wohl der Wunscherfül-
lungstheorie am fernsten. Er äußert in seiner Philosophie des Un-
bewußten, II. Teil (Stereotypausgabe, p. 344):„Was den Traum betrifft, so treten mit ihm alle Plackereien
des wachen Lebens auch in den Schlafzustand hinüber, nur das ein-
zige nicht, was den Gebildeten einigermaßen mit dem Leben aus-
söhnen kann: wissenschaftlicher und Kunst–Genuß ...“ Aber auch
minder unzufriedene Beobachter haben hervorgehoben, daß im Traume
Schmerz und Unlust häufiger sei als Lust, so Scholz (p. 33), Vol-
kelt (p. 80) u. a. Ja die Damen Sarah Weed und Florence Hal-
lam haben aus der Bearbeitung ihrer Träume einen ziffermäßigen
Ausdruck für das Überwiegen der Unlust in den Träumen entnommen.
Sie bezeichnen 58% der Träume als peinlich und nur 28.6% als
positiv angenehm. Außer diesen Träumen, welche die mannigfaltigen
peinlichen Gefühle des Lebens in den Schlaf fortsetzen, gibt es auch
Angstträume, in denen uns diese entsetzlichste aller Unlustempfin-
dungen schüttelt, bis wir erwachen, und von solchen Angstträumen*)Schon der Neuplatoniker Plotin sagte: „Wenn die Begierde sich regt,
dann kommt die Phantasie und präsentiert uns gleichsam das Objekt derselben“
(Du Prel, p. 276).S.
104
werden gerade die Kinder so leicht heimgesucht (vgl. Debacker,
Über den Pavor nocturnus), bei denen wir die Wunschträume un-
verhüllt gefunden haben.Wirklich scheinen gerade die Angstträu-
me eine Verallgemeine-
rung des Satzes, den wir aus den Beispielen des vorigen Abschnittes
gewonnen haben, der Traum sei eine Wunscherfüllung, unmöglich
zu machen, ja diesen Satz als Absurdität zu brandmarken.Dennoch ist es nicht sehr schwer, sich diesen anscheinend zwin-
genden Einwänden zu entziehen. Man wolle bloß beachten, daß unsere
Lehre nicht auf der Würdigung des manifesten Trauminhaltes be-
ruht, sondern sich auf den Gedankeninhalt bezieht, welcher durch die
Deutungsarbeit hinter dem Traume erkannt wird. Stellen wir mani-
festen und latenten Trauminhalt einander gegenüber. Es ist
richtig, daß es Träume gibt, deren manifester Inhalt von der pein-
lichsten Art ist. Aber hat jemand versucht, diese Träume zu deuten,
den latenten Gedankeninhalt derselben aufzudecken? Wenn aber nicht,
dann treffen uns die beiden Einwände nicht mehr; es bleibt immerhin
möglich, daß auch peinliche und Angst-Träume sich nach der Deu-
tung als Wunscherfüllungen enthüllen*).Bei wissenschaftlicher Arbeit ist es oft von Vorteil, wenn die
Lösung des einen Problems Schwierigkeiten bereitet, ein zweites
hinzuzunehmen, etwa wie man zwei Nüsse leichter miteinander als
einzeln aufknackt. So stehen wir nicht nur vor der Frage: Wie
können peinliche und Angst-Träume Wunscherfüllungen sein, son-
dern wir können auch aus unseren bisherigen Erörterungen über den
Traum eine zweite Frage aufwerfen: Warum zeigen die Träume
indifferenten Inhalts, welche sich als Wunscherfüllungen ergeben,
diesen ihren Sinn nicht unverhüllt? Man nehme den weitläu-
fig be-
handelten Traum von Irmas Injektion, er ist keineswegs peinli-
cher
Natur, er ist durch die Deutung als eklatante Wunscherfül-
lung zu
erkennen. Wozu bedarf es aber überhaupt einer Deutung? Warum
sagt der Traum nicht direkt, was er bedeutet? Tatsächlich macht auch
der Traum von Irmas Injektion zunächst nicht den Ein-
druck, daß
*)Es ist ganz unglaublich, mit welcher Hartnäckigkeit sich Leser und
Kritiker dieser Erwägung verschließen und die grundlegende Unterscheidung
von manifestem und latentem Trauminhalt unbeachtet lassen. – Keine der in
der Literatur niedergelegten Äußerungen kommt aber dieser meiner Aufstellung
so sehr entgegen wie eine Stelle in J. Sullys Aufsatz: „Dreams as a revelation“,
deren Verdienst dadurch nicht geschmälert werden soll, daß ich sie erst hier
anführe:„It would seem then, after all, that dreams are not the utter non-
sense they have been said to be by such authorities as Chaucer, Shakespeare and
Milton. The chaotic aggregations of our nightfancy have a significance and
communicate new knowledge. Like some letter in cipher, the dream-
inscription when scrutinised closely loses its first look of bal-
derdash and takes on the aspect of aserious, intelligible message.
Or, to vary the figure slightly, we may said that, like some palimps-
est, the dream discloses beneath its worthless surface-
characters
traces of an old and precious communication“ (p. 364).S.
105
er einen Wunsch des Träumers als erfüllt darstellt. Der Leser wird
diesen Eindruck nicht bekommen haben, aber auch ich selbst wußte
es nicht, ehe ich die Analyse angestellt hatte. Heißen wir dieses der
Erklärung bedürftige Verhalten des Traumes: die Tatsache der
Traumentstellung, so erhebt sich also die zweite Frage: Wovon
rührt diese Traumentstellung her?Wenn man hierüber seine ersten Einfälle befragt, könnte man
auf verschiedene mögliche Lösungen geraten, z. B. daß während des
Schlafes ein Unvermögen bestehe, den Traumgedanken einen ent-
sprechenden Ausdruck zu schaffen. Allein die Analyse gewisser
Träume nötigt uns, für die Traumentstellung eine andere Erklärung
zuzulassen. Ich will dies an einem zweiten Traume von mir selbst
zeigen, welcher wiederum vielfache Indiskretionen erfordert, aber für
dies persönliche Opfer durch eine gründliche Aufhellung des Problems
entschädigt.Vorbericht: Im Frühjahr 1897 erfuhr ich, daß zwei Pro-
fessoren unserer Universität mich für die Ernennung zum Prof.
extraord. vorgeschlagen hatten. Diese Nachricht kam mir über-
raschend und erfreute mich lebhaft als Ausdruck einer durch persön-
liche Beziehungen nicht aufzuklärenden Anerkennung von Seite
zweier hervorragender Männer. Ich sagte mir aber sofort, daß ich
an dieses Ereignis keine Erwartungen knüpfen dürfe. Das Ministerium
hatte in den letzten Jahren Vorschläge solcher Art unberücksichtigt
gelassen, und mehrere Kollegen, die mir an Jahren voraus waren und
an Verdiensten mindestens gleich kamen, warteten seitdem vergebens
auf ihre Ernennung. Ich hatte keinen Grund, anzunehmen, daß es mir
besser ergehen würde. Ich beschloß also bei mir, mich zu trösten.
Ich bin, soviel ich weiß, nicht ehrgeizig, übe meine ärztliche Tätig-
keit mit zufriedenstellendem Erfolge aus, auch ohne daß mich ein
Titel empfiehlt. Es handelte sich übrigens gar nicht darum, ob ich
die Trauben für süß oder sauer erklärte, da sie unzweifelhaft zu
hoch für mich hingen.Eines Abends besuchte mich ein befreundeter Kollege, einer von
denjenigen, deren Schicksal ich mir zur Warnung hatte dienen lassen.
Seit längerer Zeit ein Kandidat für die Beförderung zum Professor,
die den Arzt in unserer Gesellschaft zum Halbgott für seine Kranken
erhebt, und minder resigniert als ich, pflegte er von Zeit zu Zeit
seine Vorstellung in den Bureaus des hohen Ministeriums zu machen,
um seine Angelegenheit zu fördern. Von einem solchen Besuche
kam er zu mir. Er erzählte, daß er diesmal den hohen Herrn in
die Enge getrieben und ihn gerade heraus befragt habe, ob an dem
Aufschub seiner Ernennung wirklich — konfessionelle Rücksichten
die Schuld trügen. Die Antwort hatte gelautet, daß allerdings — bei
der gegenwärtigen Strömung — Se. Exzellenz vorläufig nicht in der
Lage sei usw. „Nun weiß ich wenigstens, woran ich bin,“ schloß
mein Freund seine Erzählung, die mir nichts Neues brachte, michS.
106
aber in meiner Resignation bestärken mußte. Dieselben konfessionellen
Rücksichten sind nämlich auch auf meinen Fall anwendbar.Am Morgen nach diesem Besuche hatte ich folgenden Traum,
der auch durch seine Form bemerkenswert war. Er bestand aus
zwei Gedanken und zwei Bildern, so daß ein Gedanke und ein Bild
einander ablösten. Ich setze aber nur die erste Hälfte des Traumes
hieher, da die andere mit der Absicht nichts zu tun hat, welcher die
Mitteilung des Traumes dienen soll.I. Freund R. ist mein Onkel. – Ich empfinde große
Zärtlichkeit für ihn.II. Ich sehe sein Gesicht etwas verändert vor mir. Es
ist wie in die Länge gezogen, ein gelber Bart, der es um
rahmt, ist besonders deutlich hervorgehoben.Dann folgen die beiden anderen Stücke, wieder ein Gedanke
und ein Bild, die ich übergehe.Die Deutung dieses Traumes vollzog sich folgendermaßen:
Als mir der Traum im Laufe des Vormittags einfiel, lachte ich
auf und sagte: Der Traum ist ein Unsinn. Er ließ sich aber nicht
abtun und ging mir den ganzen Tag nach, bis ich mir endlich am
Abend Vorwürfe machte: „Wenn einer deiner Patienten zur Traum-
deutung nichts zu sagen wüßte als: Das ist ein Unsinn, so würdest
du es ihm verweisen und vermuten, daß sich hinter dem Traume
eine unangenehme Geschichte versteckt, welche zur Kenntnis zu neh-
men er sich ersparen will. Verfahre mit dir selbst ebenso; deine
Meinung, der Traum sei ein Unsinn, bedeutet nur einen inneren
Widerstand gegen die Traumdeutung. Laß dich nicht abhalten.“
Ich machte mich also an die Deutung.„R. ist mein Onkel.“ Was kann das heißen? Ich habe doch nur
einen Onkel gehabt, den Onkel Josef*). Mit dem war’s allerdings
eine traurige Geschichte. Er hatte sich einmal, es sind mehr als
30 Jahre her, in gewinnsüchtiger Absicht zu einer Handlung ver-
leiten lassen, welche das Gesetz schwer bestraft und wurde dann auch
von der Strafe betroffen. Mein Vater, der damals aus Kummer in
wenigen Tagen grau wurde, pflegte immer zu sagen, Onkel Josef
sei nie ein schlechter Mensch gewesen, wohl aber ein Schwachkopf;
so drückte er sich aus. Wenn also Freund R. mein Onkel Josef ist,
so will ich damit sagen: R. ist ein Schwachkopf. Kaum glaublich
und sehr unangenehm! Aber da ist ja jenes Gesicht, das ich im
Traume sehe, mit den länglichen Zügen und dem gelben Barte. Mein
Onkel hatte wirklich so ein Gesicht, länglich von einem schönen
blonden Barte umrahmt. Mein Freund R. war intensiv schwarz,*)Es ist merkwürdig, wie sich hier meine Erinnerung – im Wachen –
für die Zwecke der Analyse einschränkt. Ich habe fünf von meinen Onkeln ge-
kannt, einen von ihnen geliebt und geehrt. In dem Augenblicke aber, da ich den
Widerstand gegen die Traumdeutung überwunden habe, sage ich mir: Ich habe
doch nur einen Onkel gehabt, den, der eben im Traume gemeint ist.S.
107
Die Deutung des Onkeltraumes.
aber wenn die Schwarzhaarigen zu ergrauen anfangen, so büßen sie
für die Pracht ihrer Jugendjahre. Ihr schwarzer Bart macht Haar
für Haar eine unerfreuliche Farbenwanderung durch; er wird zuerst
rotbraun, dann gelbbraun, dann erst definitiv grau. In diesem Stadium
befindet sich jetzt der Bart meines Freundes R.; übrigens auch
schon der meinige, wie ich mit Mißvergnügen bemerke. Das Ge-
sicht, das ich im Traume sehe, ist gleichzeitig das meines Freundes
R. und das meines Onkels. Es ist wie eine Mischphotographie von
Galton, der, um Familienähnlichkeiten zu eruieren, mehrere Ge-
sichter auf die nämliche Platte photographieren ließ. Es ist also
kein Zweifel möglich, ich meine wirklich, daß mein Freund R. ein
Schwachkopf ist – wie mein Onkel Josef.
Ich ahne noch gar nicht, zu welchem Zwecke ich diese Be-
ziehung hergestellt, gegen die ich mich unausgesetzt sträuben muß.
Sie ist doch nicht sehr tiefgehend, denn der Onkel war ein Verbrecher,
mein Freund R. ist unbescholten. Etwa bis auf die Bestrafung dafür,
daß er mit dem Rade einen Lehrbuben niedergeworfen. Sollte ich
diese Untat meinen? Das hieße die Vergleichung ins Lächerliche
ziehen. Da fällt mir aber ein anderes Gespräch ein, das ich vor
einigen Tagen mit einem anderen Kollegen N., und zwar über das
gleiche Thema hatte. Ich traf N. auf der Straße; er ist auch zum Pro-
fessor vorgeschlagen, wußte von meiner Ehrung und gratulierte mir
dazu. Ich lehnte entschieden ab. „Gerade Sie sollten sich den Scherz
nicht machen, da Sie den Wert des Vorschlages an sich selbst erfahren
haben.“ Er darauf, wahrscheinlich nicht ernsthaft: „Das kann man
nicht wissen. Gegen mich liegt ja etwas Besonderes vor. Wissen Sie
nicht, daß eine Person einmal eine gerichtliche Anzeige gegen mich
erstattet hat? Ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß die Unter-
suchung eingestellt wurde; es war ein gemeiner Erpressungsversuch;
ich hatte noch alle Mühe, die Anzeigerin selbst vor Bestrafung zu
retten. Aber vielleicht macht man im Ministerium diese Angelegen-
heit gegen mich geltend, um mich nicht zu ernennen. Sie aber, Sie
sind unbescholten.“ Da habe ich ja den Verbrecher, gleichzeitig aber
auch die Deutung und Tendenz meines Traumes. Mein Onkel Josef
stellt mir da beide nicht zu Professoren ernannte Kollegen dar, den
einen als Schwachkopf, den anderen als Verbrecher. Ich weiß jetzt
auch, wozu ich diese Darstellung brauche. Wenn für den Aufschub
der Ernennung meiner Freunde R. und N. „konfessionelle“ Rück-
sichten maßgebend sind, so ist auch meine Ernennung in Frage ge-
stellt; wenn ich aber die Zurückweisung der beiden auf andere
Gründe schieben kann, die mich nicht treffen, so bleibt mir die
Hoffnung ungestört. So verfährt mein Traum, er macht den einen,
R., zum Schwachkopf, den anderen, N., zum Verbrecher; ich bin
aber weder das eine noch das andere; unsere Gemeinsamkeit ist
aufgehoben, ich darf mich auf meine Ernennung zum Professor
freuen, und bin der peinlichen Anwendung entgangen, die ich ausS.
108
IV. Die Traumentstellung.
R.s Nachricht, was ihm der hohe Beamte be-
kannt, für meine eigene
Person hätte machen müssen.Ich muß mich mit der Deutung dieses Traumes noch weiter
beschäftigen. Er ist für mein Gefühl noch nicht befriedigend er-
ledigt, ich bin noch immer nicht über die Leichtigkeit beruhigt, mit
der ich zwei geachtete Kollegen degradiere, um mir den Weg zur
Professur frei zu halten. Meine Unzufriedenheit mit meinem Vor-
gehen hat sich bereits ermäßigt, seitdem ich den Wert der Aussagen
im Traume zu würdigen weiß. Ich würde gegen jedermann bestreiten,
daß ich R. wirklich für einen Schwachkopf halte, und daß ich an
N.s Darstellung jener Erpressungsaffäre nicht glaube. Ich glaube ja
auch nicht, daß Irma durch eine Injektion Ottos mit einem Propylen-
präparat gefährlich krank geworden ist; es ist hier wie dort nur
mein Wunsch, daß es sich so verhalten möge, den mein Traum
ausdrückt. Die Behauptung, in welcher sich mein Wunsch realisiert,
klingt im zweiten Traume minder absurd als im ersten; sie ist hier
in geschickter Benutzung tatsächlicher Anhaltspunkte geformt, etwa
wie eine gut gemachte Verleumdung, an der „etwas daran ist“, denn
Freund R. hatte seinerzeit das Votum eines Fachprofessors gegen
sich, und Freund N. hat mir das Material für die Anschwärzung
arglos selbst geliefert. Dennoch, ich wiederhole es, scheint mir der
Traum weiterer Aufklärung bedürftig.Ich entsinne mich jetzt, daß der Traum noch ein Stück enthielt,
auf welches die Deutung bisher keine Rücksicht genommen hat. Nach-
dem mir eingefallen, R. ist mein Onkel, empfinde ich im Traume
warme Zärtlichkeit für ihn. Wohin gehört diese Empfindung? Für
meinen Onkel Josef habe ich zärtliche Gefühle natürlich niemals
gehabt. Freund R. ist mir seit Jahren lieb und teuer; aber käme
ich zu ihm und drückte ihm meine Zuneigung in Worten aus, die
annähernd dem Grad meiner Zärtlichkeit im Traume entsprechen, so
wäre er ohne Zweifel erstaunt. Meine Zärtlichkeit gegen ihn erscheint
mir unwahr und übertrieben, ähnlich wie mein Urteil über seine
geistigen Qualitäten, das ich durch die Verschmelzung seiner Persön-
lichkeit mit der des Onkels ausdrücke; aber in entgegengesetztem
Sinne übertrieben. Nun dämmert mir aber ein neuer Sachverhalt.
Die Zärtlichkeit des Traumes gehört nicht zum latenten Inhalt, zu
den Gedanken hinter dem Traume; sie steht im Gegensatze zu diesem
Inhalt; sie ist geeignet, mir die Kenntnis der Traumdeutung zu ver-
decken. Wahrscheinlich ist gerade dies ihre Bestimmung. Ich er-
innere mich, mit welchem Widerstand ich an die Traumdeutung ging,
wie lange ich sie aufschieben wollte und den Traum für baren Un-
sinn erklärte. Von meinen psychoanalytischen Behandlungen her weiß
ich, wie ein solches Verwerfungsurteil zu deuten ist. Es hat keinen
Erkenntniswert, sondern bloß den einer Affektäußerung. Wenn meine
kleine Tochter einen Apfel nicht mag, den man ihr angeboten hat,
so behauptet sie, der Apfel schmeckt bitter, ohne ihn auch nur ge-S.
109
Die psychische Zensur.
kostet zu haben. Wenn meine Patienten sich so benehmen wie die
Kleine, so weiß ich, daß es sich bei ihnen um eine Vorstellung han-
delt, welche sie verdrängen wollen. Dasselbe gilt für meinen Traum.
Ich mag ihn nicht deuten, weil die Deutung etwas enthält, wogegen
ich mich sträube. Nach vollzogener Traumdeutung erfahre ich, wo-
gegen ich mich gesträubt hatte; es war die Behauptung, daß R.
ein Schwachkopf ist. Die Zärtlichkeit, die ich gegen R. empfinde,
kann ich nicht auf die latenten Traumgedanken, wohl aber auf dies
mein Sträuben zurückführen. Wenn mein Traum im Vergleiche zu
seinem latenten Inhalt in diesem Punkte entstellt, und zwar ins Gegen-
sätzliche entstellt ist, so dient die im Traume manifeste Zärtlichkeit
dieser Entstellung oder, mit anderen Worten, die Entstellung erweist
sich hier als absichtlich, als ein Mittel der Verstellung. Meine
Traumgedanken enthalten eine Schmähung für R.; damit ich diese
nicht merke, gelingt in den Traum das Gegenteil, ein zärtliches
Empfinden für ihn.Es könnte dies eine allgemein gültige Erkenntnis sein. Wie die
Beispiele in Abschnitt III gezeigt haben, gibt es ja Träume, welche
unverhüllte Wunscherfüllungen sind. Wo die Wunscherfüllung un-
kenntlich verkleidet ist, da müßte eine Tendenz zur Abwehr gegen
diesen Wunsch vorhanden sein, und infolge dieser Abwehr könnte
der Wunsch sich nicht anders als entstellt zum Ausdruck bringen.
Ich will zu diesem Vorkommnis aus dem psychischen Binnenleben
das Seitenstück aus dem sozialen Leben suchen. Wo findet man im
sozialen Leben eine ähnliche Entstellung eines psychischen Aktes?
Nur dort, wo es sich um zwei Personen handelt, von denen die eine
eine gewisse Macht besitzt, die zweite wegen dieser Macht eine Rück-
sicht zu nehmen hat. Diese zweite Person entstellt dann ihre psychi-
schen Akte oder, wie wir auch sagen können, sie verstellt sich.
Die Höflichkeit, die ich alle Tage übe, ist zum guten Teile eine
solche Verstellung; wenn ich meine Träume für den Leser deute,
bin ich zu solchen Entstellungen genötigt. Über den Zwang zu sol-
cher Entstellung klagt auch der Dichter:„Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben doch
nicht sagen.“In ähnlicher Lage befindet sich der politische Schriftsteller, der
den Machthabern unangenehme Wahrheiten zu sagen hat. Wenn er
sie unverhohlen sagt, wird der Machthaber seine Äußerung unter-
drücken, nachträglich, wenn es sich um mündliche Äußerung handelt,
präventiv, wenn sie auf dem Wege des Druckes kundgegeben wer-
den soll. Der Schriftsteller hat die Zensur zu fürchten, er ermäßigt
und entstellt darum den Ausdruck seiner Meinung. Je nach der
Stärke und Empfindlichkeit dieser Zensur sieht er sich genötigt,
entweder bloß gewisse Formen des Angriffes einzuhalten oder in
Anspielungen anstatt in direkten Bezeichnungen zu reden oder er muß
seine anstößige Mitteilung hinter einer harmlos erscheinenden Ver-
S.
110
IV. Die Traumstellung.
kleidung verbergen, er darf z. B. von Vorfällen zwischen zwei Man
darinen im Reiche der Mitte erzählen, während er die Beamten des
Vaterlandes im Auge hat. Je strenger die Zensur waltet, desto
weitgehender wird die Verkleidung, desto witziger oft die Mittel,
welche den Leser doch auf die Spur der eigentlichen Bedeutung
leiten.Die bis ins einzelne durchzuführende Übereinstimmung zwischen
den Phänomenen der Zensur und denen der Traumstellung gibt
uns die Berechtigung, ähnliche Bedingungen für beide vorauszusetzen.
Wir würden also als Urheber der Traumgestaltung zwei psychische
Mächte (Strömungen, Systeme) im Einzelmenschen annehmen, von
denen die eine den durch den Traum zum Ausdruck gebrachten
Wunsch bildet, während die andere eine Zensur an diesem Traum
wunsche übt und durch diese Zensur eine Entstellung seiner Äußerung
erzwingt. Es fragt sich nur, worin die Machtbefugnis dieser zweiten
Instanz besteht, kraft deren sie ihre Zensur ausüben darf. Wenn wir
uns erinnern, daß die latenten Traumgedanken vor der Analyse nicht
bewußt sind, der von ihnen ausgehende manifeste Trauminhalt aber
als bewußt erinnert wird, so liegt die Annahme nicht fern, das Vor
recht der zweiten Instanz sei eben die Zulassung zum Bewußtsein.
Aus dem ersten System könne nichts zum Bewußtsein gelangen, was
nicht vorher die zweite Instanz passiert habe, und die zweite Instanz
lasse nichts passieren, ohne ihre Rechte auszuüben und die ihr ge-
nehmen Abänderungen am Bewußtseinswerber durchzusetzen. Wir
verraten dabei eine ganz bestimmte Auffassung vom „Wesen“ des
Bewußtseins; das Bewußtwerden ist für uns ein besonderer psychi-
scher Akt, verschieden und unabhängig von dem Vorgang des Gedacht-
oder Vorgestelltwerdens, und das Bewußtsein erscheint uns als ein
Sinnesorgan, welches einen anderwärts gegebenen Inhalt wahrnimmt.
Es läßt sich zeigen, daß die Psychopathologie dieser Grundannahmen
schlechterdings nicht entraten kann. Eine eingehendere Würdigung
derselben dürfen wir uns für eine spätere Stelle vorbehalten.Wenn ich die Vorstellung der beiden psychischen Instanzen
und ihrer Beziehungen zum Bewußtsein festhalte, ergibt sich für die
auffällige Zärtlichkeit, die ich im Traume für meinen Freund R.
empfinde, der in der Traumdeutung so herabgesetzt wird, eine völlig
kongruente Analogie aus dem politischen Leben der Menschen. Ich
versetze mich in ein Staatsleben, in welchem ein auf seine Macht
eifersüchtiger Herrscher und eine rege öffentliche Meinung mitein-
ander ringen. Das Volk empöre sich gegen einen ihm mißliebigen
Beamten und verlange dessen Entlassung; um nicht zu zeigen, daß er
dem Volkswillen Rechnung tragen muß, wird der Selbstherrscher dem
Beamten gerade dann eine hohe Auszeichnung verleihen, zu der sonst
kein Anlaß vorläge. So zeichnet meine zweite, den Zugang zum
Bewußtsein beherrschende Instanz Freund R. durch einen Erguß von
übergroßer Zärtlichkeit aus, weil die Wunschbestrebungen des erstenS.
111
Systems ihn in einem besonderen Interesse, dem sie gerade nach-
hängen, als einen Schwachkopf beschimpfen möchten*).Vielleicht werden wir hier von der Ahnung erfaßt, daß die
Traumdeutung im stande sei, uns Aufschlüsse über den Bau unseres
seelischen Apparates zu geben, welche wir von der Philosophie bis-
her vergebens erwartet haben. Wir folgen aber nicht dieser Spur,
sondern kehren, nachdem wir die Traumstellung aufgeklärt haben,
zu unserem Ausgangsproblem zurück. Es wurde gefragt, wie denn
die Träume mit peinlichem Inhalt als Wunscherfüllungen aufgelöst
werden können. Wir sehen nun, dies ist möglich, wenn eine Traum-
entstellung stattgefunden hat, wenn der peinliche Inhalt nur zur
Verkleidung eines erwünschten dient. Mit Rücksicht auf unsere An-
nahmen über die zwei psychischen Instanzen können wir jetzt auch
sagen: die peinlichen Träume enthalten tatsächlich etwas, was der
zweiten Instanz peinlich ist, was aber gleichzeitig einen Wunsch der
ersten Instanz erfüllt. Sie sind insofern Wunschträume, als ja jeder
Traum von der ersten Instanz ausgeht, die zweite sich nur abwehrend,
nicht schöpferisch, gegen den Traum verhält. Beschränken wir uns
auf eine Würdigung dessen, was die zweite Instanz zum Traume bei-
trägt, so können wir den Traum niemals verstehen. Es bleiben dann
alle Rätsel bestehen, welche von den Autoren an Traum bemerkt
worden sind.Daß der Traum wirklich einen geheimen Sinn hat, der eine
Wunscherfüllung ergibt, muß wiederum für jeden Fall durch die
Analyse erwiesen werden. Ich greife darum einige Träume pein-
lichen Inhaltes heraus und versuche deren Analyse. Es sind zum Teil
Träume von Hysterikern, die einen langen Vorbericht und stellen-
weise ein Eindringen in die psychischen Vorgänge bei der Hysterie
erfordern. Ich kann dieser Erschwerung der Darstellung aber nicht
aus dem Wege gehen.Wenn ich einen Psychoneurotiker in analytische Behandlung
nehme, werden seine Träume regelmäßig, wie bereits erwähnt, zum
Thema unserer Besprechungen. Ich muß ihm dabei alle die psycho-
*)Solche heuchlerische Träume sind weder bei mir noch bei anderen
seltene Vorkommnisse. Während ich mit der Bearbeitung eines gewissen wissen-
schaftlichen Problems beschäftigt bin, sucht mich mehrere Nächte kurz nach-
einander ein leicht verwirrender Traum heim, der die Versöhnung mit einem
längst bei Seite geschobenen Freunde zum Inhalt hat. Beim vierten oder fünften
Male gelingt es mir endlich, den Sinn dieser Träume zu erfassen. Er trägt in der
Aufmunterung, doch den letzten Rest von Rücksicht für die betreffende Person
aufzugeben, sich von ihr völlig frei zu machen, und hatte sich in so heuchleri-
scher Weise ins Gegenteil verkleidet. Von einer Person habe ich einen „heuchle-
rischen Ödipustraum“ mitgeteilt, in dem sich die feindseligen Regungen und
Todeswünsche der Traumgedanken durch manifeste Zärtlichkeit ersetzen. („Typi-
sches Beispiel eines verkappten Ödipustraumes.“) Eine andere Art von heuchle-
rischen Träumen wird an anderer Stelle (siehe unten p. 338 u. ff.) erwähnt
werden.S.
112
logischen Aufklärungen geben, mit deren Hilfe ich selbst zum Ver-
ständnis seiner Symptome gelangt bin, und erfahre dabei eine uner-
bittliche Kritik, wie ich sie von den Fachgenossen wohl nicht schärfer
zu erwarten habe. Ganz regelmäßig erhebt sich der Widerspruch
meiner Patienten gegen den Satz, daß die Träume sämtlich Wunsch-
erfüllungen seien. Hier einige Beispiele von dem Material an Träu-
men, welche mir als Gegenbeweise vorgehalten werden.„Sie sagen immer, der Traum ist ein erfüllter Wunsch,“ beginnt
eine witzige Patientin. „Nun will ich Ihnen einen Traum erzählen,
dessen Inhalt ganz im Gegenteil dahin geht, daß mir ein Wunsch
nicht erfüllt wird. Wie vereinen Sie das mit Ihrer Theorie? Der
Traum lautet wie folgt:Ich will ein Souper geben, habe aber nichts vorrätig als
etwas geräucherten Lachs. Ich denke daran, einkaufen zu gehen,
erinnere mich aber, daß es Sonntag nachmittag ist, wo alle Läden
gesperrt sind. Ich will nun einigen Lieferanten telephonieren, aber
das Telephon ist gestört. So muß ich auf den Wunsch, ein Souper
zu geben, verzichten.“Ich antworte natürlich, daß über den Sinn dieses Traumes nur
die Analyse entscheiden kann, wenngleich ich zugebe, daß er für
den ersten Anblick vernünftig und zusammenhängend erscheint und
dem Gegenteil einer Wunscherfüllung ähnlich sieht. „Aus welchem
Material ist aber dieser Traum hervorgegangen? Sie wissen, daß
die Anregung zu einem Traume jedesmal in den Erlebnissen des
letzten Tages liegt.“Analyse: Der Mann der Patientin, ein biederer und tüchtiger
Großfleischhauer, hat ihr Tags vorher erklärt, er werde zu dick und
wolle darum eine Entfettungskur beginnen. Er werde früh aufstehen,
Bewegung machen, strenge Diät halten und vor allem keine Ein-
ladungen zu Soupers mehr annehmen. – Von dem Manne erzählt
sie lachend weiter, er habe am Stammtisch die Bekanntschaft eines
Malers gemacht, der ihn durchaus abkonterfeien wolle, weil er einen
so ausdrucksvollen Kopf noch nicht gefunden habe. Ihr Mann habe
aber in seiner derben Manier erwidert, er bedanke sich schön und
er sei ganz überzeugt, ein Stück vom Hintern eines schönen jungen
Mädchens sei dem Maler lieber als sein ganzes Gesicht*). Sie sei
jetzt sehr verliebt in ihren Mann und necke sich mit ihm herum.
Sie hat ihn auch gebeten, ihr keinen Kaviar zu schenken. – Was
soll das heißen?Sie wünscht es sich nämlich schon lange, jeden Vormittag eine
Kaviarsemmel essen zu können, gönnt sich aber die Ausgabe nicht.
Natürlich bekäme sie den Kaviar sofort von ihrem Manne, wenn sie
*)Dem Maler sitzen. Goethe: Und wenn er keinen Hintern hat,
Wie kann der Edle sitzen?S.
113
Träume von einem versagten Wunsch.
ihn darum bitten würde. Aber sie hat ihn im Gegenteil gebeten,
ihr keinen Kaviar zu schenken, damit sie ihn länger damit
necken kann.(Diese Begründung scheint mir fadenscheinig. Hinter solchen
unbefriedigenden Auskünften pflegen sich uneingestandene Motive
zu verbergen. Man denke an die Hypnotisierten Bernheims, die
einen posthypnotischen Auftrag ausführen, und nach ihren Motiven
befragt, nicht etwa antworten: Ich weiß nicht, warum ich das
getan habe, sondern eine offenbar unzureichende Begründung er-
finden müssen. So ähnlich wird es wohl mit dem Kaviar meiner Pa-
tientin sein. Ich merke, sie ist genötigt, sich im Leben einen uner-
füllten Wunsch zu schaffen. Ihr Traum zeigt ihr auch die Wunsch-
verweigerung als eingetroffen. Wozu braucht sie aber einen uner-
füllten Wunsch?)Die bisherigen Einfälle haben zur Deutung des Traumes nicht
ausgereicht. Ich dringe nach weiteren. Nach einer kurzen Pause,
wie sie eben der Überwindung des Widerstandes entspricht, be-
richtet sie ferner, daß sie gestern einen Besuch bei einer Freundin
gemacht, auf die sie eigentlich eifersüchtig ist, weil ihr Mann diese
Frau immer so lobt. Zum Glück ist diese Freundin sehr dürr und
mager und ihr Mann ist ein Liebhaber voller Körperformen. Wovon
sprach nun diese magere Freundin? Natürlich von ihrem Wunsche,
etwas stärker zu werden. Sie fragte sie auch: „Wann laden Sie uns
wieder einmal ein? Man ißt immer so gut bei Ihnen.“Nun ist der Sinn des Traumes klar. Ich kann der Patientin
sagen: „Es ist gerade so, als ob Sie sich bei der Aufforderung ge-
dacht hätten: Dich werde ich natürlich einladen, damit du dich bei
mir anessen, dick werden und meinem Manne noch besser gefallen
kannst. Lieber geb’ ich kein Souper mehr. Der Traum sagt Ihnen
dann, daß Sie kein Souper geben können, erfüllt also Ihren Wunsch,
zur Abrundung der Körperformen Ihrer Freundin nichts beizutragen.
Daß man von den Dingen, die man in Gesellschaften vorgesetzt
bekommt, dick wird, lehrt Sie ja der Vorsatz Ihres Mannes, im
Interesse seiner Entfettung Soupereinladungen nicht mehr anzu-
nehmen.“ Es fehlt jetzt nur noch irgend ein Zusammentreffen, wel-
ches die Lösung bestätigt. Es ist auch der geräucherte Lachs im
Trauminhalt noch nicht abgeleitet. „Wie kommen Sie zu dem im
Traume erwähnten Lachs?“ „Geräucherter Lachs ist die Lieblings-
speise dieser Freundin,“ antwortet sie. Zufällig kenne ich die Dame
auch und kann bestätigen, daß sie sich den Lachs ebensowenig ver-
gönnt wie meine Patientin den Kaviar.Derselbe Traum läßt auch noch eine andere und feinere
Deutung zu, die durch einen Nebenumstand selbst notwendig gemacht
wird. Die beiden Deutungen widersprechen einander nicht, sondern
überdecken einander und ergeben ein schönes Beispiel für die ge-
wöhnliche Doppelsinnigkeit der Träume wie aller anderen psycho-
logischen Bildungen.Freud, Traumdeutung. 4. Aus.
S.
114
IV. Die Traumstellung.
pathologischen Bildungen. Wir haben gehört, daß die Patientin
gleichzeitig mit ihrem Traume von der Wunschverweigerung bemüht
war, sich einen versagten Wunsch im Realen zu verschaffen (die
Kaviärsemmel). Auch die Freundin hatte einen Wunsch geäußert,
nämlich dicker zu werden, und es würde uns nicht wundern, wenn
unsere Dame geträumt hätte, der Freundin gehe ein Wunsch nicht
in Erfüllung. Es ist nämlich ihr eigener Wunsch, daß der Freundin
ein Wunsch – nämlich der nach Körperzunahme – nicht in Er-
füllung gehe. Anstatt dessen träumt sie aber, daß ihr selbst ein
Wunsch nicht erfüllt wird. Der Traum erhält eine neue Deutung,
wenn sie ihr Traume nicht sich, sondern die Freundin meint, wenn
sie sich an Stelle der Freundin gesetzt oder, wie wir sagen können,
sich mit ihr identifiziert hat.Ich meine, dies hat sie wirklich getan, und als Anzeichen
dieser Identifizierung hat sie sich den versagten Wunsch im Realen
geschaffen. Was hat aber die hysterische Identifizierung für Sinn?
Das aufzuklären bedarf einer eingehenden Darstellung. Die Iden-
tifizierung ist ein für den Mechanismus der hysterischen Symptome
höchst wichtiges Moment; auf diesem Wege bringen es die Kranken
zu stande, die Erlebnisse einer großen Reihe von Personen, nicht
nur die eigenen, in ihren Symptomen auszudrücken, gleichsam für
einen ganzen Menschenhaufen zu leiden und alle Rollen eines Schau-
spieles allein mit ihren persönlichen Mitteln darzustellen. Man wird
mir einwenden, das sei die bekannte hysterische Imitation, die Fähig-
keit Hysterischer, alle Symptome, die ihnen bei anderen Eindruck
machen, nachzuahmen, gleichsam ein zur Reproduktion gesteigertes
Mitleiden. Damit ist aber nur der Weg bezeichnet, auf dem der
psychische Vorgang bei der hysterischen Imitation abläuft; etwas
anderes ist der Weg und der seelische Akt, der diesen Weg geht.
Letzterer ist um ein geringes komplizierter, als man sich die Imitation
der Hysterischen vorstellen liebt; er entspricht einem unbewußten
Schlußprozeß, wie ein Beispiel klarstellen wird. Der Arzt, welcher
eine Kranke mit einer bestimmten Art von Zuckungen unter anderen
Kranken auf demselben Zimmer im Krankenhause hat, zeigt sich
nicht erstaunt, wenn er eines Morgens erfährt, daß dieser besondere
hysterische Anfall Nachahmung gefunden hat. Er sagt sich einfach:
Die anderen haben ihn gesehen und nachgemacht; das ist psychische
Infektion. Ja, aber die psychische Infektion geht etwa auf folgende
Weise zu. Die Kranken wissen in der Regel mehr voneinander als
der Arzt über jede von ihnen, und sie kümmern sich umeinander,
wenn die ärztliche Visite vorüber ist. Die eine bekomme heute ihren
Anfall; es wird alsbald den anderen bekannt, daß ein Brief vom
Hause, Auffrischung des Liebeskummers und dergleichen davon die
Ursache ist. Ihr Mitgefühl wird rege, es vollzieht sich in ihnen folgen-
der, nicht zum Bewußtsein gelangender Schluß: Wenn man von
solcher Ursache solche Anfälle haben kann, so kann ich auch solcheS.
115
Anfälle bekommen, den ich habe dieselben Anlässe. Wäre dies ein
des Bewußtseins fähiger Schluß, so würde er vielleicht in die Angst
ausmünden, den gleichen Anfall zu bekommen; er vollzieht sich
aber auf einem anderen psychischen Terrain, endet daher in der
Realisierung des gefürchteten Symptoms. Die Identifizierung ist also
nicht simple Imitation, sondern Aneignung auf Grund des gleichen
ätiologischen Anspruches; sie drückt ein „gleichwie“ aus und bezieht
sich auf ein im Unbewußten verbleibendes Gemeinsames.Die Identifizierung wird in der Hysterie am häufigsten benutzt
zum Ausdruck einer sexuellen Gemeinsamkeit. Die Hysterica identi-
fiziert sich in ihren Symptomen am ehesten – wenn auch nicht aus-
schließlich – mit solchen Personen, mit denen sie im sexuellen
Verkehre gestanden hat, oder welche mit den nämlichen Personen
wie sie selbst sexuell verkehren. Die Sprache trägt einer solchen
Auffassung gleichfalls Rechnung. Zwei Liebende sind „Eines“. In
der hysterischen Phantasie wie im Traume genügt es für die Iden-
tifizierung, daß man an sexuelle Beziehungen denkt, ohne daß sie
darum als real gelten müssen. Die Patientin folgt also bloß den Re-
geln der hysterischen Denkvorgänge, wenn sie ihres Eifersucht gegen
die Freundin (die sie als unberechtigt übrigens selbst erkennt) Aus-
druck gibt, indem sie sich im Traume an ihre Stelle setzt und durch
die Schaffung eines Symptoms (des versagten Wunsches) mit ihr
identifiziert. Man möchte den Vorgang noch sprachlich in folgender
Weise erläutern: Sie setzt sich an die Stelle der Freundin im Traum,
weil diese sich bei ihrem Manne an ihre Stelle setzt, weil sie deren
Platz in der Wertschätzung ihres Mannes einnehmen möchte*).In einfacherer Weise und doch auch nach dem Schema, daß
die Nichterfüllung des einen Wunsches die Erfüllung eines anderen
bedeutet, löste sich der Widerspruch gegen mein Traumlehre bei
einer anderen Patientin, der witzigsten unter all meinen Träume-
rinnen. Ich hatte ihr an einem Tage auseinandergesetzt, daß der
Traum eine Wunscherfüllung sei; am nächsten Tag brachte sie mir
einen Traum, daß sie mit ihrer Schwiegermutter nach dem gemein-
samen Landaufenthalt fahre. Nun wußte ich, daß sie sich heftig
gesträubt hatte, den Sommer in der Nähe der Schwiegermutter zu
verbringen, wußte auch, daß sie der von ihr gefürchteten Gemein-
schaft in den letzten Tagen durch die Miete eines vom Sitze der
Schwiegermutter weit entfernten Landaufenthaltes glücklich ausge-
wichen war. Jetzt machte der Traum diese erwünschte Lösung rück-
gängig; war das nicht der schärfste Gegensatz zu meiner Lehre von*)Ich bedauere selbst die Einschaltung solcher Stücke aus der Psycho-
pathologie der Hysterie, welche, infolge ihrer fragmentarischen Darstellung und
aus allem Zusammenhang gerissen, doch nicht sehr aufklärend wirken können.
Wenn sie auf die innigen Beziehungen des Themas vom Traume zu den Psycho-
neurosen hinzuweisen vermögen, so haben sie die Absicht erfüllt, in der ich sie
aufgenommen habe.S.
116
der Wunscherfüllung durch den Traum? Gewiß, man brauchte nur
die Konsequenz aus diesem Traum zu ziehen, um eine Deutung zu
haben. Nach diesem Traume hatte ich unrecht; es war also ihr
Wunsch, daß ich unrecht haben sollte, und diesen zeigte
ihr der Traum erfüllt. Der Wunsch, daß ich unrecht haben sollte,
der sich an dem Thema der Landwohnung erfüllte, bezog sich aber
in Wirklichkeit auf einen anderen und ernsteren Gegenstand. Ich
hatte um die nämliche Zeit aus dem Material, welches ihre Analyse
ergab, geschlossen, daß in einer gewissen Periode ihres Lebens etwas
für ihre Erkrankung Bedeutsames vorgefallen sein müsse. Sie hatte
es in Abrede gestellt, weil es sich nicht in ihrer Erinnerung vorfand.
Wir kamen bald darauf, daß ich recht hatte. Ihr Wunsch, daß ich
unrecht haben möge, verwandelt in den Traum, daß sie mit ihrer
Schwiegermutter aufs Land fahre, entsprach also dem berechtigten
Wunsche, daß jene damals erst vermuteten Dinge sich nie ereignet
haben möchten.Ohne Analyse, nur vermittels einer Vermutung, gestattete ich
mir, ein kleines Vorkommnis bei einem Freunde zu deuten, der
durch die acht Gymnasialklassen mein Kollege gewesen war. Er
hörte einmal in einem kleinen Kreise einen Vortrag von mir über
die Neuigkeit, daß ein Traum eine Wunscherfüllung sei, ging nach
Hause, träumte, daß er alle seine Prozesse verloren habe – er
war Advokat – und beklagte sich bei mir darüber. Ich half mir mit
der Ausflucht: Man kann nicht alle Prozesse gewinnen, dachte aber
bei mir: Wenn ich durch acht Jahre als Primus in der ersten Bank
gesessen, während er irgendwo in der Mitte der Klasse den Platz
gewechselt, sollte ihm aus diesen Knabenjahren der Wunsch fern
geblieben sein, daß ich mich auch einmal gründlich blamieren möge?Ein anderer Traum von mehr düsterem Charakter wurde mir
gleichfalls von einer Patientin als Einspruch gegen die Theorie des
Wunschtraumes vorgetragen. Die Patientin, ein junges Mädchen,
begann: „Sie erinnern sich, daß meine Schwester jetzt nur einen
Buben hat, den Karl; den älteren, Otto, hat sie verloren, als ich noch
in ihrem Hause war. Otto war mein Liebling, ich habe ihn eigent-
lich erzogen. Den Kleinen habe ich auch gern, aber natürlich lange
nicht so sehr wie den Verstorbenen. Nun träume ich diese Nacht,
daß ich den Karl tot vor mir liegen sehe. Er liegt in seinem
kleinen Sarge, die Hände gefaltet, Kerzen rings herum,
kurz ganz so wie damals der kleine Otto, dessen Tod mich
so erschüttert hat. Nun sagen Sie mir, was soll das heißen? Sie
kennen mich ja; bin ich eine so schlechte Person, daß ich meiner
Schwester den Verlust des einzigen Kindes wünschen sollte, das sie
noch besitzt? Oder heißt der Traum, daß ich lieber den Karl tot
wünschte als den Otto, den ich um so viel lieber gehabt habe.“Ich versicherte ihr, daß diese letzte Deutung ausgeschlossen
sei. Nach kurzem Besinnen konnte ich ihr die richtige DeutungS.
117
des Traumes sagen, die ich dann von ihr bestätigen ließ. Es gelang
mir dies, weil mir die ganze Vorgeschichte der Träumerin be-
kannt war.Frühzeitig verwais-
tert, war das Mädchen im Hause ihrer um vieles
älteren Schwester aufgezogen worden und begegnete unter den
Freunden und Besuchern des Hauses auch dem Manne, der einen
bleibenden Eindruck auf ihr Herz machte. Es schien eine Weile,
als ob diese kaum ausgesprochenen Beziehungen mit einer Heirat
enden sollten, aber dieser glückliche Ausgang wurde durch die
Schwester vereitelt, deren Motive nie eine völlige Aufklärung ge-
funden haben. Nach dem Bruche mied der von unserer Patientin
geliebte Mann das Haus; sie selbst machte sich einige Zeit nach dem
Tode des kleinen Otto, an den sie ihre Zärtlichkeit unterdessen ge-
wendet hatte, selbständig. Es gelang ihr aber nicht, sich von der
Abhängigkeit frei zu machen, in welche sie durch ihre Neigung zu
dem Freunde ihrer Schwester geraten war. Ihr Stolz gebot ihr,
ihm auszuweichen; es war ihr aber unmöglich, ihre Liebe auf andere
Bewerber zu übertragen, die sich in der Folge einstellten. Wenn
der geliebte Mann, der dem Literatenstand angehörte, irgendwo einen
Vortrag angekündigt hatte, war sie unfehlbar unter den Zuhörern
zu finden, und auch sonst ergriff sie jede Gelegenheit, ihn an drittem
Orte aus der Ferne zu sehen. Ich erinnerte mich, daß sie mir Tags
vorher erzählt hatte, der Professor ginge in ein bestimmtes Konzert,
und sie wolle auch dorthin gehen, um sich wieder einmal seines An-
blickes zu erfreuen. Das war am Tag vor dem Traume: an dem Tage,
an dem sie mir den Traum erzählte, sollte das Konzert stattfinden.
Ich konnte mir so die richtige Deutung leicht konstruieren und fragte
sie, ob ihr irgend ein Ereignis einfalle, das nach dem Tode des
kleinen Otto eingetreten sei. Sie antwortete sofort: „Gewiß, damals
ist der Professor nach langem Ausbleiben wiedergekommen, und ich
habe ihn an dem Sarge des kleinen Otto wieder einmal gesehen. Es
war genau so, wie ich es erwartet hatte. Ich deutete also den Traum
in folgender Art: „Wenn jetzt der andere Knabe stürbe, würde sich
dasselbe wiederholen. Sie würden den Tag bei Ihrer Schwester zu-
bringen, der Professor käme sicherlich hinauf, um zu kondolieren,
und unter den nämlichen Verhältnissen wie damals würden Sie ihn
wiedersehen. Der Traum bedeutet nichts als diesen Ihren Wunsch
nach Wiedersehen, gegen den Sie innerlich ankämpfen. Ich weiß,
daß Sie das Billett für das heutige Konzert in der Tasche tragen. Ihr
Traum ist ein Ungeduldstraum, er hat das Wiedersehen, das heute
stattfinden soll, um einige Stunden verfrüht.“Zur Verdeckung ihres Wunsches hatte sie offenbar eine Situation
gewählt, in welcher solche Wünsche unterdrückt zu werden pflegen,
eine Situation, in der man von Trauer so sehr erfüllt ist, daß man an
Liebe nicht denkt. Und doch ist es sehr gut möglich, daß auch in
der realen Situation, welche der Traum getreulich kopierte, am SargeS.
118
des ersten, von ihr stärker geliebten Knaben sie die zärtliche Emp-
findung für den lange vermißten Besucher nicht hatte unterdrücken
können.Eine andere Aufklärung fand ein ähnlicher Traum einer anderen
Patientin, die sich in früheren Jahren durch raschen Witz und heitere
Laune hervorgetan hatte und diese Eigenschaften jetzt wenigstens noch
in ihren Einfällen während der Behandlung bewies. Dieser Dame kam
es im Zusammenhange eines längeren Traumes vor, daß sie ihre ein-
zige 15jährige Tochter in einer Schachtel tot daliegen sah. Sie hatte
nicht übel Lust, aus dieser Traum Erscheinung einen Einwand gegen
die Wunscherfüllungstheorie zu machen, ahnte aber selbst, daß das
Detail der Schachtel den Weg zu einer anderen Auffassung des
Traumes anzeigen müsse*). Bei der Analyse fiel ihr ein, daß in der
Gesellschaft abends vorher die Rede auf das englische Wort „box“
gekommen war und auf die mannigfaltigen Übersetzungen desselben
im Deutschen, als: Schachtel, Loge, Kasten, Ohrfeige usw. Aus
anderen Bestandstücken desselben Traumes ließ sich nun ergänzen,
daß sie die Verwandtschaft des englischen „box“ mit dem deutschen
„Büchse“ erraten habe und dann von der Erinnerung heimgesucht
worden sei, daß „Büchse“ auch als vulgäre Bezeichnung des weib-
lichen Genitales gebraucht werde. Mit einiger Nachsicht für ihre
Kenntnisse in der topographischen Anatomie konnte man also an-
nehmen, daß das Kind in der „Schachtel“ eine Frucht im Mutterleibe
bedeute. Soweit aufgeklärt, leugnete sie nun nicht, daß das Traum-
bild wirklich einem Wunsche von ihr entspreche. Wie so viele
junge Frauen war sie keineswegs glücklich, als sie in die Gravidität
geriet, und gestand sich mehr als einmal den Wunsch ein, daß ihr
das Kind im Mutterleibe absterben möge; ja in einem Wutanfalle
nach einer heftigen Szene mit ihrem Manne schlug sie mit den Fäusten
auf ihren Leib los, um das Kind darin zu treffen. Das tote Kind
war also wirklich eine Wunscherfüllung, aber die eines seit 15 Jah-
ren beseitigten Wunsches, und es ist nicht zu verwundern, wenn man
die Wunscherfüllung nach so verspätetem Eintreffen nicht mehr er-
kennt. Unterdessen hat sich eben zu viel geändert.Die Gruppe, zu welcher die beiden letzten Träume gehören, die
den Tod lieber Angehöriger zum Inhalt haben, soll bei den typischen
Träumen nochmals Berücksichtigung finden. Ich werde dort an neuen
Beispielen zeigen können, daß trotz des unerwünschten Inhaltes alle
diese Träume als Wunscherfüllungen gedeutet werden müssen. Keinem
Patienten, sondern einem intelligenten Rechtsgelehrten meiner Be-
kanntschaft verdanke ich folgenden Traum, der mir wiederum in
der Absicht erzählt wurde, mich von voreiliger Verallgemeinerung in
der Lehre vom Wunschtraume zurückzuhalten. „Ich träume,“ be-
richtet mein Gewährsmann, „daß ich, eine Dame am Arm, vor
*)Ähnlich wie im Traume vom vereitelten Souper der geräucherte Lachs.
S.
119
mein Haus komme. Dort wartet ein geschlossener Wagen,
ein Herr tritt auf mich zu, legitimiert sich als Polizei-
agent und fordert mich auf, ihm zu folgen. Ich bitte nur
noch um die Zeit, meine Angelegenheiten zu ordnen. –
Glauben Sie, daß es vielleicht ein Wunsch von mir ist, verhaftet zu
werden?“ – Gewiß nicht, muß ich zugeben. Wissen Sie vielleicht,
unter welcher Beschuldigung Sie verhaftet wurden? – „Ja, ich glaube
wegen Kindesmordes.“ – Kindesmord? Sie wissen doch, daß dieses
Verbrechen nur eine Mutter an ihrem Neugeborenen begehen kann?
– „Das ist richtig.“*) – Und unter welchen Umständen haben Sie
geträumt; was ist am Abend vorher vorgegangen? – „Das möchte
ich Ihnen nicht gern erzählen, es ist eine heikle Angelegenheit.“
– Ich brauche es aber, sonst müssen wir auf die Deutung des Traumes
verzichten. – „Also hören Sie. Ich habe die Nacht nicht zu Hause,
sondern bei einer Dame zugebracht, die mir sehr viel bedeutet. Als
wir am Morgen erwachten, ging neuerdings etwas zwischen uns vor.
Dann schlief ich wiederum ein und träumte, was Sie wissen.“ –
Es ist eine verheiratete Frau? – „Ja.“ – Und Sie wollen kein
Kind mit ihr erzeugen? – „Nein, nein, das könnte uns verraten.“
– Sie üben also nicht normalen Koitus? – „Ich gebrauche die Vor-
sicht, mich vor der Ejakulation zurückzuziehen.“ – Darf ich an-
nehmen, Sie hätten das Kunststück in dieser Nacht mehreremal aus
geführt, und seien nach der Wiederholung am Morgen ein wenig
unsicher gewesen, ob es Ihnen gelungen ist? – „Das könnte wohl
sein.“ – Dann ist Ihr Traum eine Wunscherfüllung. Sie erhalten
durch ihn die Beruhigung, daß Sie kein Kind erzeugt haben, oder was
nahezu das gleiche ist, Sie hätten ein Kind umgebracht. Die Mittel
glieder kann ich Ihnen leicht nachweisen. Erinnern Sie sich, vor
einigen Tagen sprachen wir über die Ehenot und über die Inkonse-
quenz, daß es gestattet ist, den Koitus so zu halten, daß keine Be-
fruchtung zu stande kommt, während jeder Eingriff, wenn einmal
Ei und Same sich getroffen und einen Fötus gebildet haben, als
Verbrechen bestraft wird. Im Anschluß daran gedachten wir auch
der mittelalterlichen Streitfrage, in welchem Zeitpunkte eigentlich
die Seele in den Fötus hineinfahre, weil der Begriff des Mordes erst
von da an zulässig wird. Sie kennen gewiß auch das schaurige Ge-
dicht von Lenau, welches Kindermord und Kinderverhütung gleich-
stellt. – „An Lenau habe ich merkwürdigerweise heute vormittag
wie zufällig gedacht.“ – Auch ein Nachklang Ihres Traumes. Und
nun will ich Ihnen noch eine kleine Nebenwunscherfüllung in Ihrem
Traume nachweisen. Sie kommen mit der Dame am Arm vor Ihr*)Es ereignet sich häufig, daß ein Traum unvollständig erzählt wird
und daß erst während der Analyse die Erinnerung an diese ausgelassenen Stücke
des Traumes auftaucht. Diese nachträglich eingefügten Stücke ergeben regel-
mäßig den Schlüssel zur Traumdeutung. Vergleiche weiter unten über das Ver-
gessen der Träume.S.
120
IV. Die Traumentstellung.
Haus. Sie führen Sie also heim, anstatt daß Sie in Wirklichkeit
die Nacht in deren Hause zubringen. Daß die Wunscherfüllung, die
den Kern des Traumes bildet, sich in so unangenehmer Form ver-
birgt, hat vielleicht mehr als einen Grund. Aus meinem Aufsatze
über die Ätiologie der Angstneurose könnten Sie erfahren, daß ich
den Coitus interruptus als eines der ursächlichen Momente für die
Entstehung der neurotischen Angst in Anspruch nehme. Es würde
dazu stimmen, wenn Ihnen nach mehrmaligem Koitus dieser Art
eine unbehagliche Stimmung verbliebe, die nun als Element in die
Zusammensetzung Ihres Traumes eingeht. Dieser Verstimmung be-
dienen Sie sich auch, um sich die Wunscherfüllung zu verhüllen.
Übrigens ist auch die Erwähnung des Kindesmordes nicht erklärt.
Wie kommen Sie zu diesem spezifisch weiblichen Verbrechen? –
„Ich will Ihnen gestehen, daß ich vor Jahren einmal in eine solche
Angelegenheit verflochten war. Ich war schuld daran, daß ein Mäd-
chen sich durch eine Fruchtabtreibung vor den Folgen eines Ver-
hältnisses mit mir zu schützen versuchte. Ich hatte mit der Aus- führung des Vorsatzes gar nichts zu tun, war aber lange Zeit in be- greiflicher Angst, daß die Sache entdeckt würde.“ – Ich verstehe, diese
Erinnerung ergab einen zweiten Grund, warum Ihnen die Vermutung,
Sie hätten Ihr Kunststück schlecht gemacht, peinlich sein mußte.Ein junger Arzt, welcher in meinem Kolleg diesen Traum er-
zählen hörte, muß sich von ihm betroffen gefühlt haben, denn er
beeilte sich, ihn nachzuträumen, dessen Gedankenform auf ein anderes
Thema anzuwenden. Er hatte Tags vorher sein Einkommenbekenntnis
übergeben, welches vollkommen aufrichtig gehalten war, da er nur
wenig zu bekennen hatte. Er träumte nun, ein Bekannter komme
aus der Sitzung der Steuerkommission zu ihm und teile ihm mit, daß
alle anderen Steuerbekenntnisse unbeanstandet geblieben seien, das
seinige aber habe allgemeines Mißtrauen erweckt und werde ihm eine
empfindliche Steuerstrafe eintragen. Der Traum ist eine lässig verhüllte
Wunscherfüllung, für einen Arzt von großem Einkommen zu gelten. Er
erinnert übrigens an die bekannte Geschichte von jenem jungen Mäd-
chen, welchem abgeraten wird, ihrem Freier zuzusagen, weil er ein
jähzorniger Mensch sei und sie in der Ehe sicherlich mit Schlägen trak- tieren werde. Die Antwort des Mädchens lautet dann: Schläg’ er mich
erst! Ihr Wunsch, verheiratet zu sein, ist so lebhaft, daß sie die in
Aussicht gestellte Unannehmlichkeit, die mit dieser Ehe verbunden
sein soll, mit in den Kauf nimmt und selbst zum Wunsche erhebt.Fasse ich die sehr häufig vorkommenden Träume solcher Art,
die meiner Lehre direkt zu widersprechen scheinen, indem sie das
Versagen eines Wunsches oder das Eintreffen von etwas offenbar
Ungewünschtem zum Inhalt haben, als „Gegenwunschträume“
zusammen, so sehe ich, daß sie sich allgemein auf zwei Prinzipien
zurückführen lassen, von denen das eine noch nicht erwähnt worden
ist, obwohl es im Leben wie im Träumen der Menschen eine großeS.
121
Rolle spielt. Die eine Triebkraft dieser Träume ist der Wunsch, daß
ich unrecht haben soll. Diese Träume ereignen sich regelmäßig im
Laufe meiner Behandlungen, wenn sich der Patient im Widerstand
gegen mich befindet, und ich kann mit großer Sicherheit darauf
rechnen, einen solchen Traum hervorzurufen, nachdem ich dem Kran-
ken die Lehre, der Traum sei eine Wunscherfüllung, zuerst vorge-
tragen habe*). Ja, ich darf erwarten, daß es manchen meiner Leser
ebenso ergehen wird; er wird sich bereitwillig im Traume einen
Wunsch versagen, um sich nur den Wunsch, daß ich unrecht haben
möge, zu erfüllen. Der letzte Kurtraum dieser Art, den ich mit
teilen will, zeigt wiederum das nämliche. Ein junges Mädchen,
welches sich die Fortsetzung meiner Behandlung mühsam erkämpft
hat gegen den Willen ihrer Angehörigen und der zu Rate gezogenen
Autoritäten, träumt: Zu Hause verbiete man ihr, weiter zu
mir zu kommen. Sie beruft sich dann bei mir auf ein ihr
gegebenes Versprechen, sie im Notfalle auch umsonst zu
behandeln, und ich sage ihr: In Geldsachen kann ich keine
Rücksicht üben.Es ist wirklich nicht leicht, hier die Wunscherfüllung nach-
zuweisen, aber in all solchen Fällen findet sich außer dem einen
Rätsel noch ein anderes, dessen Lösung auch das erste lösen hilft.
Woher stammen die Worte, die sie mir in den Mund legt? Ich habe
ihr natürlich nie etwas Ähnliches gesagt, aber einer ihrer Brüder
und gerade jener, der den größten Einfluß auf sie hat, war so liebens-
würdig, über mich diesen Ausspruch zu tun. Der Traum will also er-
reichen, daß der Bruder recht behalte, und diesem Bruder Recht
verschaffen will sie nicht nur im Traume; es ist der Inhalt ihres
Lebens und das Motiv ihres Krankseins. Ein Traum, welcher der
Theorie von der Wunscherfüllung auf den ersten Blick besondere
Schwierigkeiten bereitet, ist von einem Arzt (Aug. Stärcke) ge-
träumt und gedeutet worden:„Ich habe und sehe an meinem linken Zeigefinger einen
syphilitischen Primäraffekt an der letzten Phalange.“Man wird sich vielleicht von der Analyse dieses Traumes durch
die Erwägung abhalten lassen, daß er ja bis auf seinen unerwünschten
Inhalt klar und kohärent erscheint. Allein wenn man die Mühe
einer Analyse nicht scheut, erfährt man, daß „Primäraffekt“ gleich-
zusetzen ist einer „prima affectio“ (erste Liebe) und daß das wider-
liche Geschwür nach den Worten Stärckes „sich als Vertreter von
mit großem Affekt belegten Wunscherfüllungen“ erweist.Das andere Motiv der Gegenwunschträume liegt so nahe, daß
man leicht in Gefahr kommt, es zu übersehen, wie mir selbst durch
*)Ähnliche „Gegenwunschträume“ wurden mir in den letzten Jahren
wiederholt von meinen Hörern berichtet als deren Reaktion auf ihr erstes Zu-
sammentreffen mit der „Wunschtheorie des Traumes“.S.
122
IV. Die Traumentstellung.
längere Zeit geschehen ist. In der Sexualkonstitution so vieler Men-
schen gibt es eine masochistische Komponente, die durch die Ver-
kehrung ins Gegenteil der aggressiven, sadistischen entstanden ist.
Man heißt solche Menschen „ideelle“ Masochisten, wenn sie die Lust
nicht in dem ihnen zugefügten körperlichen Schmerz, sondern in der
Demütigung und seelischen Peinigung suchen. Es leuchtet ohne
weiteres ein, daß diese Personen Gegenwunsch- und Unlustträume
haben können, die für sie doch nichts anderes als Wunscherfüllungen
sind, Befriedigung ihrer masochistischen Neigungen. Ich setze einen
solchen Traum hieher: Ein junger Mann, der in früheren Jahren
seinen älteren Bruder, dem er homosexuell zugetan war, sehr gequält
hat, träumt nun nach gründlicher Charakterwandlung einen aus drei
Stücken bestehenden Traum. I. Wie ihn sein älterer Bruder
„sekiert“. II. Wie zwei Erwachsene in homosexueller Ab-
sicht miteinander schön tun. III. Der Bruder hat das Unter-
nehmen verkauft, dessen Leitung er sich für seine Zukunft
vorbehalten hat. Aus letzterem Traume erwacht er mit den pein-
lichsten Gefühlen, und doch ist es ein masochistischer Wunschtraum,
dessen Übersetzung lauten könnte: es geschähe mir ganz recht, wenn
der Bruder mir jenen Verkauf antäte zur Strafe für alle Quälereien,
die er von mir ausgestanden hat.
Ich hoffe, die vorstehenden Erwägungen und Beispiele werden
genügen, um es – bis auf weiteren Einspruch – glaubwürdig er-
scheinen zu lassen, daß auch die Träume mit peinlichem Inhalt als
Wunscherfüllungen aufzulösen sind. Es wird auch niemand eine
Äußerung des Zufalles darin erblicken, daß man bei der Deutung
dieser Träume jedesmal auf Themata gerät, von denen man nicht
gern spricht oder an die man nicht gern denkt. Das peinliche Ge-
fühl, welches solche Träume erwecken, ist wohl einfach identisch mit
dem Widerwillen, der uns von der Behandlung oder Erwägung sol-
cher Themata – meist mit Erfolg – abhalten möchte, und welcher
von jedem von uns überwunden werden muß, wenn wir uns genötigt
sehen, es doch in Angriff zu nehmen. Dieses im Traume also wieder-
kehrende Unlustgefühl schließt aber das Bestehen eines Wunsches
nicht aus; es gibt bei jedem Menschen Wünsche, die er anderen nicht
mitteilen möchte, und Wünsche, die er sich selbst nicht eingestehen
will. Anderseits finden wir uns berechtigt, den Unlustcharakter all-
dieser Träume mit der Tatsache der Traumentstellung in Zusammen-
hang zu bringen und zu schließen, diese Träume seien gerade darum
so entstellt und die Wunscherfüllung in ihnen bis zur Unkenntlich-
keit verkleidet, weil ein Widerwillen, eine Verdrängungsabsicht gegen
das Thema des Traumes oder gegen den aus ihm geschöpften Wunsch
besteht. Die Traumentstellung erweist sich also tatsächlich als ein
Akt der Zensur. Allem, was die Analyse der Unlustträume zu Tage
gefördert hat, tragen wir aber Rechnung, wenn wir unsere Formel,
die das Wesen des Traumes ausdrücken soll, in folgender Art ver-
S.
123
Der Traum eine verkleidete Erfüllung eines verdrängten Wunsches.
ändern: Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines
(unterdrückten, verdrängten) Wunsches*).Nun erübrigen noch die Angstträume als besondere Unterart der
Träume mit peinlichem Inhalt, deren Auffassung als Wunschträume
bei dem Unaufgeklärten die geringste Bereitwilligkeit begegnen wird.
Doch kann ich die Angstträume hier ganz kurz abtun; es ist nicht
eine neue Seite des Traumproblems, die sich uns in ihnen zeigen
würde, sondern es handelt sich bei ihnen um das Verständnis der
neurotischen Angst überhaupt. Die Angst, die wir im Traume emp-
finden, ist nur scheinbar durch den Inhalt des Traumes erklärt. Wenn
wir den Trauminhalt der Deutung unterziehen, merken wir, daß die
Traumangst durch den Inhalt des Traumes nicht besser gerechtfertigt
wird als etwa die Angst einer Phobie durch die Vorstellung, an
welcher die Phobie hängt. Es ist z. B. zwar richtig, daß man aus
dem Fenster stürzen kann und darum Ursache hat, sich beim Fenster
einer gewissen Vorsicht zu befleißen, aber es ist nicht zu verstehen,
warum bei der entsprechenden Phobie die Angst so groß ist und den
Kranken weit über ihre Anlässe hinaus verfolgt. Dieselbe Aufklärung
erweist sich dann als gültig für die Phobie wie für den Angsttraum.
Die Angst ist beidemal an die sie begleitende Vorstellung nur an-
gelötet und stammt aus anderer Quelle.Wegen dieses intimen Zusammenhanges der Traumangst mit der
Neurosenangst muß ich hier bei der Erörterung der ersteren auf die
letztere verweisen. In einem kleinen Aufsatze über die „Angst-
neurose“ (Neurolog. Zentralblatt, 1895) habe ich seinerzeit behauptet,
daß die neurotische Angst aus dem Sexualleben stammt und einer von
ihrer Bestimmung abgelenkten, nicht zur Verwendung gelangten
Libido entspricht. Diese Formel hat sich seither immer mehr als
stichhaltig erwiesen. Aus ihr läßt sich nun der Satz ableiten, daß die
Angstträume Träume sexuellen Inhaltes sind, deren zugehörige Libido
eine Verwandlung in Angst erfahren hat. Es wird sich späterhin die
Gelegenheit ergeben, diese Behauptung durch die Analyse einiger
Träume bei Neurotikern zu unterstützen. Auch werde ich bei weiteren
Versuchen, mich einer Theorie des Traumes zu nähern nochmals auf
die Bedingung der Angstträume und deren Verträglichkeit mit der
Wunscherfüllungstheorie zu sprechen kommen.
*)Ein großer unter den lebenden Dichtern, der, wie mir gesagt wurde, von
Psychoanalyse und Traumdeutung nichts wissen will, findet doch aus Eigenem eine
fast identische Formel für das Wesen des Traumes: „Unnötiges Auftauchen unter
drückter Sehnsuchtswünsche unter falschem Antlitz und Namen.“ C. Spitteler,
Meine frühesten Erlebnisse (Süddeutsche Monatshefte, Oktober 1913).
Vorgreifend führe ich hier die von Otto Rank herrührende Erweiterung
und Modifikation der obigen Grundformel an: „Der Traum stellt regelmäßig
auf der Grundlage und mit Hilfe verdrängten infantil-sexuellen Materials ak-
tuelle, in der Regel auch erotische Wünsche in verhüllter und symbolisch ein-
gekleideter Form als erfüllt dar.“ („Ein Traum, der sich selbst deutet.“)S.
V.
Das Traummaterlal und die Traumquellen.
Als wir aus der Analyse des Traumes von Irmas Injektion
ersehen hatten, daß der Traum eine Wunscherfüllung ist, nahm uns
zunächst das Interesse gefangen, ob wir hiemit einen allgemeinen
Charakter des Traumes aufgedeckt haben, und wir brachten vorläufig
jede andere wissenschaftliche Neugierde zum Schweigen, die sich in
uns während jener Deutungsarbeit geregt haben mochte. Nachdem
wir jetzt auf dem einen Wege zum Ziele gelangt sind, dürfen wir
zurückkehren und einen neuen Ausgangspunkt für unsere Streifungen
durch die Probleme des Traumes wählen, sollten wir darüber auch
das noch keineswegs voll erledigte Thema der Wunscherfüllung für
eine Weile aus den Augen verlieren.Seitdem wir durch Anwendung unseres Verfahrens der Traum-
deutung einen latenten Trauminhalt aufdecken können, der an
Bedeutsamkeit den manifesten Trauminhalt weit hinter sich läßt,
muß es uns drängen, die einzelnen Traumprobleme von neuem auf-
zunehmen, um zu versuchen, ob sich für uns nicht Rätsel und Wider-
sprüche befriedigend lösen, die, solange man nur den manifesten
Trauminhalt kannte, unangreifbar erschienen sind.Die Angaben der Autoren über den Zusammenhang des Traumes
mit dem Wachleben sowie über die Herkunft des Traummaterials
sind im einleitenden Abschnitt ausführlich mitgeteilt worden. Wir
erinnern uns auch jener drei Eigentümlichkeiten des Traumgedächt-
nisses, die so vielfach bemerkt, aber nicht erklärt worden sind –
1. Daß der Traum die Eindrücke der letzten Tage deutlich
bevorzugt (Robert, Strümpell, Hildebrandt, auch Weed-
Hallam);
2. daß er eine Auswahl nach anderen Prinzipien als unser
Wachgedächtnis trifft, indem er nicht das Wesentliche und Wichtige,
sondern das Nebensächliche und Unbeachtete erinnert;
3. daß er die Verfügung über unsere frühesten Kindheits-
eindrücke besitzt und selbst Einzelheiten aus dieser Lebenszeit her-
vorholt, die uns wiederum als trivial erscheinen und im Wachen für
längst vergessen gehalten worden sind*).*)Es ist klar, daß die Auffassung Roberts, der Traum sei dazu be-
stimmt, unser Gedächtnis von den wertlosen Eindrücken des Tages zu entlasten,S.
125
Das Rezente und das Indifferente im Traume.
Diese Besonderheiten in der Auswahl des Traummaterials sind
von den Autoren natürlich am manifesten Trauminhalt beobachtet
worden.a) Das Rezente und das Indifferente im Traume.
Wenn ich jetzt in Betreff der Herkunft der im Trauminhalt
auftretenden Elemente meine eigene Erfahrung zu Rate ziehe, so muß
ich zunächst die Behauptung aufstellen, daß in jedem Traume eine
Anknüpfung an die Erlebnisse des letztabgelaufenen Tages auf-
zufinden ist. Welchen Traum immer ich vornehme, einen eigenen oder
fremden, jedesmal bestätigt sich mir diese Erfahrung. In Kenntnis
dieser Tatsache kann ich etwa die Traumdeutung damit beginnen,
daß ich zuerst nach dem Erlebnisse des Tages forsche, welches den
Traum angeregt hat; für viele Fälle ist dies sogar der nächste Weg.
An den beiden Träumen, die ich im vorigen Abschnitt einer genauen
Analyse unterzogen habe (von Irmas Injektion, von meinem Onkel
mit dem gelben Barte), ist die Beziehung zum Tage so augenfällig,
daß sie keiner weiteren Beleuchtung bedarf. Um aber zu zeigen, wie
regelmäßig sich diese Beziehung erweisen läßt, will ich ein Stück
meiner eigenen Traumchronik daraufhin untersuchen. Ich teile die
Träume nur soweit mit, als es zur Aufdeckung der gesuchten Traum-
quelle bedarf.1. Ich mache einen Besuch in einem Hause, wo ich nur mit
Schwierigkeiten vorgelassen werde usw., lasse eine Frau unterdessen
auf mich warten.
Quelle: Gespräch mit einer Verwandten am Abend, daß eine
Anschaffung, die sie verlangt, warten müsse, bis usw.
2. Ich habe eine Monographie über eine gewisse (unklar)
Pflanzenart geschrieben.
Quelle: Am Vormittag im Schaufenster einer Buchhandlung
eine Monographie gesehen über die Gattung Zykla-
men.
3. Ich sehe zwei Frauen auf der Straße, Mutter und Tochter,
von denen die letztere meine Patientin war.
Quelle: Eine in Behandlung stehende Patientin hat mir abends
mitgeteilt, welche Schwierigkeiten ihre Mutter einer Fortsetzung der
Behandlung entgegensetzt.
4. In der Buchhandlung von S. und R. nehme ich ein Abonne-
ment auf eine periodische Publikation, die jährlich 20 fl. kostet.
Quelle: Meine Frau hat mich am Tage daran erinnert, daß
ich ihr 20 fl. vom Wochengelde noch schuldig bin.
5. Ich erhalte eine Zuschrift vom sozialdemokratischen Ko-
mitee, in der ich als Mitglied behandelt werde.
nicht mehr zu halten ist, wenn im Traume einigermaßen häufig gleichgültige
Erinnerungsbilder aus unserer Kindheit auftreten. Man müßte den Schluß
ziehen, daß der Traum die ihm zufallende Aufgabe sehr ungenügend zu er-
füllen pflegt.S.
126
V. Das Traummaterial und die Traumquellen.
Quelle: Zuschriften erhalten gleichzeitig vom liberalen
Wahlkomitee und vom Präsidium des humanitären Vereines, dessen
Mitglied ich wirklich bin.6. Ein Mann auf einem steilen Felsen mitten im Meere
in Böcklinscher Manier.Quelle: Dreyfus auf der Teufelsinsel, gleichzeitig Nach-
richten von meinen Verwandten in England usw.Man könnte die Frage aufwerfen, ob die Traumanknüpfung un-
fehlbar an die Ereignisse des letzten Tages erfolgt, oder ob sie sich
auf Eindrücke eines längeren Zeitraumes der jüngsten Vergangenheit
erstrecken kann. Dieser Gegenstand kann prinzipielle Bedeutsamkeit
wahrscheinlich nicht beanspruchen, doch möchte ich mich für das
ausschließliche Vorrecht des letzten Tages vor dem Traume (des
Traumtages) entscheiden. So oft ich zu finden vermeinte, daß ein
Eindruck vor zwei oder drei Tagen die Quelle des Traumes gewesen
sei, konnte ich mich doch bei genauerer Nachforschung überzeugen,
daß jener Eindruck am Vortage wieder erinnert worden war, daß
also eine nachweisbare Reproduktion am Vortage sich zwischen dem
Ereignistage und der Traumzeit eingeschoben hatte, und konnte außer
dem den rezenten Anlaß nachweisen, von dem die Erinnerung an den
älteren Eindruck ausgegangen sein konnte. Hingegen konnte ich mich
nicht davon überzeugen, daß zwischen dem erregenden Tageseindruck
und dessen Wiederkehr im Traume ein regelmäßiges Intervall von
biologischer Bedeutsamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda
18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
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merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
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merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
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merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
merksamkeit (alsS.
127
merksamkeit geschenkt hat, gibt an, daß er eine solche Periodizität
der Reproduktion in seinen Träumen „trotz des Achtens darauf“ nicht
finden konnte. Er erzählt einen Traum, in welchem er sich in Spanien
befand und nach einem Ort: Daraus, Varaus oder Zaraus fahrenblickende Kollege bei mir war (das erste Mal seit meiner Rückkunft), für den
ich vor Jahren schon den Scherznamen „Rabbi Savonarola“ aufgebracht habe.
Er stellte mir einen Unfallkranken vor, der in dem Pontebbagebiet verunglückt war,
in dem ich selbst acht Tage vorher gereist war, und leitete so meine Gedanken
zur letzten Italienreise zurück. Das Erscheinen des auffälligen Elementes „Savona-
rola“ im Trauminhalt ist durch diesen Besuch des Kollegen am Traumtage
aufgeklärt, das 28tägige Intervall wird seiner Bedeutung für dessen Herleitung
verlustig.II. Traum vom 10./11. Oktober.
Ich arbeite wieder einmal Chemie im Universitätslaboratorium. Hofrat
L. lädt mich ein, an einen anderen Ort zu kommen und geht auf dem Korridor
voran, eine Lampe oder sonst ein Instrument wie scharfsinnig (?) (scharf-
sichtig?) in der erhobenen Hand vor sich hintragend, in eigentümlicher Haltung
mit vorgestrecktem Kopf. Wir kommen dann über einen freien Platz . . .
(Rest vergessen).Das Auffälligste in diesem Trauminhalt ist die Art, wie Hofrat L. die
Lampe (oder Lupe) vor sich hinträgt, das Auge spähend in die Weite gerichtet.
L. habe ich viele Jahre lang nicht mehr gesehen, aber ich weiß jetzt schon, er
ist nur eine Ersatzperson für einen anderen, größeren, für den Archimedes
nahe bei der Arethusaquelle in Syrakus, der genau so wie er im Traume dasteht
und so den Brennspiegel handhabt, nach dem Belagerungsheer der Römer spähend.
Wann habe ich dieses Denkmal zuerst (und zuletzt) gesehen? Nach meinen Auf-
zeichnungen war es am 17. September abends und von diesem Datum bis zum
Traume sind tatsächlich 13 + 10 = 23 Tage verstrichen, eine „männliche Periode“
nach Fließ.Leider hebt das Eingehen auf die Deutung des Traumes auch hier ein
Stück von der Unerläßlichkeit dieses Zusammenhanges auf. Der Traumanlaß
war die am Traumtag erhaltene Nachricht, daß die Klinik, in deren Hörsaal ich
als Gast meine Vorlesungen abhalte, demnächst anderswohin verlegt werden
solle. Ich nahm an, daß die alte Lokalität sehr unbequem gelegen sei, sagte
man, es werde dann sein, als ob ich überhaupt keinen Hörsaal zur Verfügung
habe und von da an müßten meine Gedanken bis in den Beginn meiner Dozenten-
zeit zurückgegangen sein, als ich wirklich keinen Hörsaal hatte und mit meinen
Bemühungen, mir einen zu verschaffen, auf geringes Entgegenkommen bei den
hochvermögenden Herren Hofräten und Professoren stieß. Ich ging damals zu
L., der gerade die Würde eines Dekans bekleidete und den ich für einen Gönner
hielt, um ihm meine Not zu klagen. Er versprach mir Abhilfe, ließ aber dann
nichts weiter von sich hören. Im Traum ist er der Archimedes, der mir gibt,
τοῦ στῶ und mich selbst in die andere Lokalität geleitet. Daß den Traum-
gedanken weder Rachsucht noch Größenbewußtsein fremd sind, wird der
Deutungskundige leicht erraten. Ich muß aber urteilen, daß ohne diesen Traum-
anlaß der Archimedes kaum in den Traum dieser Nacht gelangt wäre; es bleibt
mir unsicher, ob der starke und noch rezente Eindruck der Statue in Siracusa
sich nicht auch bei einem anderen Zeitintervall geltend gemacht hätte.III. Traum vom 2./3. Oktober 1910.
(Bruchstück) . . . Etwas von Prof. Oser, der selbst das Menu für mich
gemacht hat, was sehr beruhigend wirkt (anderes vergessen).Der Traum ist die Reaktion auf eine Verdauungsstörung dieses Tages, die
mich erwägen ließ, ob ich mich nicht wegen Bestimmung einer Diät an einen
Kollegen wenden solle. Daß ich im Traum den im Sommer verstorbenen Oser
dazu bestimme, knüpft an den sehr kurz vorher (1. Oktober) erfolgten Tod einesS.
128
wollte. Erwacht, konnte er sich an einen solchen Ortsnamen nicht
erinnern und legte den Traum bei Seite. Einige Monate später fand
er tatsächlich den Namen Zaraus als den einer Station zwischen
San Sebastian und Bilboa, welche er 250 Tage vor dem Traume
mit dem Zuge passiert hatte (p. 227).
Ich meine also, es gibt für jeden Traum einen Traumerreger aus
jenen Erlebnissen, über die „man noch keine Nacht geschlafen hat“.
Die Eindrücke der jüngsten Vergangenheit (mit Ausschluß des
Tages vor der Traumnacht) zeigen also keine andersartige Beziehung
zum Trauminhalt als andere Eindrücke aus beliebig ferner liegenden
Zeiten. Der Traum kann sein Material aus jeder Zeit des Lebens
wählen, wofern nur von den Erlebnissen des Traumtages (den „re-
zenten“ Eindrücken) zu diesen früheren ein Gedankenfaden reicht.
Woher aber die Bevorzugung der rezenten Eindrücke? Wir
werden zu Vermutungen über diesen Punkt gelangen, wenn wir einen
der erwähnten Träume einer genaueren Analyse unterziehen. Ich
wähle den Traum von der Monographie.
Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über eine
gewisse Pflanze geschrieben. Das Buch liegt vor mir, ich
blättere eben eine eingeschlagene farbige Tafel um. Jedem
Exemplar ist ein getrocknetes Spezimen der Pflanze beige-
bunden, ähnlich wie aus einem Herbarium.
Analyse: Ich habe am Vormittag im Schaufenster einer Buch-
handlung ein neues Buch gesehen, welches sich betitelt: Die Gattung
Zyklamen, offenbar eine Monographie über diese Pflanze.
Zyklamen ist die Lieblingsblume meiner Frau. Ich mache
mir Vorwürfe, daß ich so selten daran denke, ihr Blumen mitzu-
bringen, wie sie sich’s wünscht. – Bei dem Thema: Blumen mit-
bringen erinnere ich mich einer Geschichte, welche ich unlängst
im Freundeskreise erzählt und als Beweis für meine Behauptung
verwendet habe, daß Vergessen sehr häufig die Ausführung einer
Absicht des Unbewußten sei und immerhin einen Schluß auf die
geheime Gesinnung des Vergessenden gestatte. Eine junge Frau,
welche daran gewöhnt war, zu ihrem Geburtstage einen Strauß von
ihrem Manne vorzufinden, vermißt dieses Zeichen der Zärtlichkeitanderen von mir hochgeschätzten Universitätslehrers an. Wann ist aber Oser
gestorben und wann habe ich seinen Tod erfahren? Nach dem Ausweis des
Zeitungsblattes am 22. August; da ich damals in Holland weilte, wohin ich die
Wiener Zeitung regelmäßig nachsenden ließ, muß ich die Todesnachricht am 24.
oder 25. August gelesen haben. Dieses Intervall entspricht aber keiner Periode
mehr, es umfaßt 7 + 30 + 2 = 39 Tage oder vielleicht 40 Tage. Ich kann mich
nicht besinnen, in der Zwischenzeit von Oser gesprochen oder an ihn gedacht
zu haben.
Solche für die Periodenlehre nicht mehr ohne weitere Bearbeitung brauch-
bare Intervalle ergeben sich nun aus meinen Träumen ungleich häufiger als die
regulären. Konstant finde ich nur die im Text behauptete Beziehung zu einem
Eindrucke des Traumtages selbst.S.
129
Der Traum von der botanischen Monographie.
an einem solchen Festtag und bricht darüber in Tränen aus. Der
Mann kommt hinzu, weiß sich ihr Weinen nicht zu erklären, bis sie
ihm sagt: Heute ist mein Geburtstag. Da schlägt er sich vor die
Stirn, ruft aus: Entschuldige, hab' ich doch ganz daran vergessen,
und will fort, ihr Blumen zu holen. Sie läßt sich aber nicht trösten,
denn sie sieht in der Vergeßlichkeit ihres Mannes einen Beweis dafür,
daß sie in seinen Gedanken nicht mehr dieselbe Rolle spielt wie
einstens. – Diese Frau L. ist meiner Frau vor zwei Tagen begegnet,
hat ihr mitgeteilt, daß sie sich wohl fühlt, und sich nach mir er-
kundigt. Sie stand in früheren Jahren in meiner Behandlung.Ein neuer Ansatz: Ich habe wirklich einmal etwas Ähnliches
geschrieben wie eine Monographie über eine Pflanze, nämlich einen
Aufsatz über die Kokapflanze, welcher die Aufmerksamkeit von
K. Koller auf die anästhesierende Eigenschaft des Kokains gelenkt
hat. Ich hatte diese Verwendung des Alkaloids in meiner Publikation
selbst angedeutet, war aber nicht gründlich genug, die Sache weiter
zu verfolgen. Dazu fällt mir ein, daß ich am Vormittag des Tages
nach dem Traume (zu dessen Deutung ich erst abends Zeit fand) des
Kokains in einer Art von Tagesphantasie gedacht habe. Wenn ich
je Glaukom bekommen sollte, würde ich nach Berlin reisen und
mich dort bei meinem Berliner Freunde von einem Arzte, den er
mir empfiehlt, inkognito operieren lassen. Der Operateur, der nicht
wüßte, an wem er arbeitet, würde wieder einmal rühmen, wie leicht
sich diese Operationen seit der Einführung des Kokains gestaltet
haben; ich würde durch keine Miene verraten, daß ich an dieser
Entdeckung selbst einen Anteil habe. An diese Phantasie schlossen
sich Gedanken an, wie unbequem es doch für den Arzt sei, ärztliche
Leistungen von Seite der Kollegen für seine Person in Anspruch zu
nehmen. Den Berliner Augenarzt, der mich nicht kennt, würde ich
wie ein anderer entlohnen können. Nachdem dieser Tagtraum mir
in den Sinn gekommen, merke ich erst, daß sich die Erinnerung
an ein bestimmtes Erlebnis hinter ihm verbirgt. Kurz nach der
Entdeckung Kollers war nämlich mein Vater an Glaukom erkrankt;
er wurde von meinem Freunde, dem Augenarzte Dr. Königstein,
operiert. Dr. Koller besorgte die Kokainanästhesie und machte dann
die Bemerkung, daß bei diesem Falle sich alle die drei Personen
vereinigt fänden, die an der Einführung des Kokains Anteil gehabt
haben.Meine Gedanken gehen nun weiter, wann ich zuletzt an diese
Geschichte des Kokains erinnert worden bin. Es war dies vor einigen
Tagen, als ich die Festschrift in die Hand bekam, mit deren Er-
scheinen dankbare Schüler das Jubiläum ihres Lehrers und Labo-
ratoriumsvorstandes gefeiert hatten. Unter den Ruhmestiteln des La-
boratoriums fand ich auch angeführt, daß dort die Entdeckung der
anästhesierenden Eigenschaft des Kokains durch K. Koller vorge-
fallen sei. Ich bemerke nun plötzlich, daß mein Traum mit einemFreud, Traumdeutung. 4. Aufl.9
S.
130
Erlebnis des Abends vorher zusammenhängt. Ich hatte gerade Dok-
tor Königstein nach Hause begleitet, mit dem ich in ein Gespräch
über eine Angelegenheit geraten war, die mich jedesmal, wenn sie
berührt wird, lebhaft erregt. Als ich mich in dem Hausflure mit
ihm aufhielt, kam Professor Gärtner mit seiner jungen Frau hinzu.
Ich konnte mich nicht enthalten, die beiden darüber zu beglück-
wünschen, wie blühend sie aussehen. Nun ist Professor Gärtner
einer der Verfasser der Festschrift, von der ich eben sprach, und
konnte mich wohl an diese erinnern. Auch die Frau L., deren
Geburtstagsenttäuschung ich unlängst erzählte, war im Gespräche
mit Dr. Königstein, in anderem Zusammenhange allerdings, er-
wähnt worden.Ich will versuchen, auch die anderen Bestimmungen des Traum-
inhaltes zu deuten. Ein getrocknetes Spezimen der Pflanze liegt
der Monographie bei, als ob es ein Herbarium wäre. Ans Her-
barium knüpft sich eine Gymnasialerinnerung. Unser Gymnasial-
direktor rief einmal die Schüler der höheren Klassen zusammen, um
ihnen das Herbarium der Anstalt zur Durchsicht und zur Reinigung
zu übergeben. Es hatten sich kleine Würmer eingefunden –
Bücherwurm. Zu meiner Hilfeleistung scheint er nicht Zutrauen
gezeigt zu haben, denn er überließ mir nur wenige Blätter. Ich weiß
noch heute, daß Kruziferen darauf waren. Ich hatte niemals ein be-
sonders intimes Verhältnis zur Botanik. Bei meiner botanischen Vor-
prüfung bekam ich wiederum eine Kruzifere zur Bestimmung und-
erkannte sie nicht. Es wäre mir schlecht ergangen, wenn nicht meine
theoretischen Kenntnisse mir herausgeholfen hätten. – Von den
Kruziferen gerate ich auf die Kompositen. Eigentlich ist auch die
Artischocke eine Komposite, und zwar die, welche ich meine Lieb-
lingsblume heißen könnte. Edler als ich, pflegt meine Frau mir
diese Lieblingsblume häufig vom Markte heimzubringen.Ich sehe die Monographie vor mir liegen, die ich geschrieben
habe. Auch dies ist nicht ohne Bezug. Mein visueller Freund schrieb
mir gestern aus Berlin: „Mit deinem Traumbuche beschäftige ich
mich sehr viel. Ich sehe es fertig vor mir liegen und blättere
darin.“ Wie habe ich ihn um diese Sehergabe beneidet! Wenn ich
es doch auch schon fertig vor mir liegen sehen könnte!Die zusammengelegte farbige Tafel: Als ich Student der
Medizin war, litt ich viel unter dem Impuls, nur aus Monographien
lernen zu wollen. Ich hielt mir damals, trotz meiner beschränkten
Mittel, mehrere medizinische Archive, deren farbige Tafeln mein
Entzücken waren. Ich war stolz auf diese Neigung zur Gründlichkeit.
Als ich dann selbst zu publizieren begann, mußte ich auch die Tafeln
für meine Abhandlungen zeichnen und ich weiß, daß eine derselben
so kümmerlich ausfiel, daß mich ein wohlwollender Kollege ihret-
wegen verhöhnte. Dazu kommt noch, ich weiß nicht recht wie, eine
sehr frühe Jugenderinnerung. Mein Vater machte sich einmal denS.
131
Scherz, mir und meiner ältesten Schwester ein Buch mit farbigen
Tafeln (Beschreibung einer Reise in Persien) zur Vernichtung zu
überlassen. Es war erzählich kaum zu rechtfertigen. Ich war damals
fünf Jahre, die Schwester unter drei Jahren alt, und das Bild, wie
wir Kinder überselig dieses Buch zerpflückten (wie eine Arti-
schocke, Blatt für Blatt, muß ich sagen), ist nahezu das einzige,
was mir aus dieser Lebenszeit in plastischer Erinnerung geblieben ist.
Als ich dann Student wurde, entwickelte sich bei mir eine aus-
gesprochene Vorliebe, Bücher zu sammeln und zu besitzen (analog
der Neigung, aus Monographien zu studieren, eine Liebhaberei, wie
sie in den Traumgedanken betreffs Zyklamen und Artischocke be-
reits vorkommt). Ich wurde ein Bücherwurm (vgl. Herbarium).
Ich habe diese erste Leidenschaft meines Lebens, seitdem ich über
mich nachdenke, immer auf diesen Kindereindruck zurückgeführt
oder vielmehr, ich habe erkannt, daß diese Kinderszene eine „Deck-
erinnerung“ für meine spätere Bibliophilie ist*). Natürlich habe ich
auch frühzeitig erfahren, daß man durch Leidenschaften leicht in
Leiden gerät. Als ich 17 Jahre alt war, hatte ich ein ansehnliches
Konto beim Buchhändler und keine Mittel, es zu begleichen, und mein
Vater ließ es kaum als Entschuldigung gelten, daß sich meine Nei-
gungen auf nichts Böseres geworfen hatten. Die Erwähnung dieses
späteren Jugenderlebnisses bringt mich aber sofort zu dem Gespräche
mit meinem Freunde Dr. Königstein zurück. Denn um dieselben
Vorwürfe wie damals, daß ich meinen Liebhabereien zuviel nach-
gebe, handelte es sich auch im Gespräche am Abend des Traumtages.
Aus Gründen, die nicht hieher gehören, will ich die Deutung
dieses Traumes nicht verfolgen, sondern bloß den Weg angeben,
welcher zu ihr führt. Während der Deutungsarbeit bin ich an das
Gespräch mit Dr. Königstein erinnert worden, und zwar von mehr
als einer Stelle aus. Wenn ich mir vorhalte, welche Dinge in diesem
Gespräche berührt worden sind, so wird der Sinn des Traumes mir
verständlich. Alle angefangenen Gedankengänge, von den Lieb-
habereien meiner Frau und meinen eigenen, vom Kokain, von den
Schwierigkeiten ärztlicher Behandlung unter Kollegen, von meiner
Vorliebe für monographische Studien und meiner Vernachlässigung
gewisser Fächer wie der Botanik, dies alles erhält dann seine Fort-
setzung und mündet in irgend einen der Fäden der vielverzweigten
Unterredung ein. Der Traum bekommt wieder den Charakter einer
Rechtfertigung, eines Plaidoyers für mein Recht, wie der erst ana-
lysierte Traum von Irmas Injektion; ja er setzt das dort begonnene
Thema fort und erörtert es an einem neuen Material, welches im
Intervall zwischen beiden Träumen hinzugekommen ist. Selbst die
scheinbar indifferente Ausdrucksform des Traumes bekommt einen
*)Vergleiche meinen Aufsatz „Über Deckerinnerungen“ in der Monat-
schrift für Psychiatrie und Neurologie, 1899.S.
132
Akzent. Es heißt jetzt: Ich bin doch der Mann, der die wertvolle
und erfolgreiche Abhandlung (über das Kokain) geschrieben hat,
ähnlich wie ich damals zu meiner Rechtfertigung vorbrachte: Ich
bin doch ein tüchtiger und fleißiger Student; in beiden Fällen also:
Ich darf mir das erlauben. Ich kann aber auf die Ausführung der
Traumdeutung hier verzichten, weil mich zur Mitteilung des Traumes
nur die Absicht bewogen hat, an einem Beispiele die Beziehung des
Trauminhaltes zu dem erregenden Erlebnis des Vortages zu unter-
suchen. So lange ich von diesem Traume nur den manifesten Inhalt
kenne, wird mir nur eine Beziehung des Traumes zu einem Tages-
eindruck augenfällig; nachdem ich die Analyse gemacht habe, ergibt
sich eine zweite Quelle des Traumes in einem anderen Erlebnis des
selben Tages. Der erste der Eindrücke, auf welche sich der Traum
bezieht, ist ein gleichgültiger, ein Nebenumstand. Ich sehe im Schau-
fenster ein Buch, dessen Titel mich flüchtig berührt, dessen Inhalt
mich kaum interessieren dürfte. Das zweite Erlebnis hatte einen
hohen psychischen Wert; ich habe mit meinem Freunde, dem Augen-
arzt, wohl eine Stunde lang eifrig gesprochen, ihm Andeutungen ge-
macht, die uns beiden nahegehen mußten, und Erinnerungen in mir
wachgerufen, bei denen die mannigfaltigsten Erregungen meines In-
nern mir bemerklich wurden. Überdies wurde dieses Gespräch un-
vollendet abgebrochen, weil Bekannte hinzukamen. Wie stehen nun
die beiden Eindrücke des Tages zueinander und zu dem in der Nacht
erfolgenden Traum?Im Trauminhalt finde ich nur eine Anspielung auf den gleich-
gültigen Eindruck und kann so bestätigen, daß der Traum mit Vor-
liebe Nebensächliches aus dem Leben in seinen Inhalt aufnimmt. In
der Traumdeutung hingegen führt alles auf das wichtige, mit Recht
erregende Erlebnis hin. Wenn ich den Sinn des Traumes, wie es
einzig richtig ist, nach dem latenten, durch die Analyse zu Tage ge-
förderten Inhalt beurteile, so bin ich unversehens zu einer neuen und
wichtigen Erkenntnis gelangt. Ich sehe das Rätsel zerfallen, daß der
Traum sich nur mit den wertlosen Brocken des Tageslebens be-
schäftigt; ich muß auch der Behauptung widersprechen, daß das
Seelenleben des Wachens sich in den Traum nicht fortsetzt, und der
Traum dafür psychische Tätigkeit an läppisches Material verschwendet.
Das Gegenteil ist wahr; was uns bei Tage in Anspruch genommen
hat, beherrscht auch die Traumgedanken, und wir geben uns die
Mühe zu träumen nur bei solchen Materien, welche uns bei Tage
Anlaß zum Denken geboten hätten.Die naheliegendste Erklärung dafür, daß ich doch vom gleich-
gültigen Tageseindruck träume, während der mit Recht aufregende
mich zum Traume veranlaßt hat, ist wohl die, daß hier wieder ein
Phänomen der Traumstellung vorliegt, welche wir oben auf eine
als Zensur waltende psychische Macht zurückgeführt haben. Die
Erinnerung an die Monographie über die Gattung Zyklamen erfährtS.
133
Eine Verwendung, als ob sie eine Anspielung auf das Gespräch
mit dem Freunde wäre, ganz ähnlich wie im Traume von dem ver-
hinderten Souper die Erwähnung der Freundin durch die Anspielung
„geräucherter Lachs“ vertreten wird. Es fragt sich nur, durch welche
Mittelglieder kann der Eindruck der Monographie zu dem Gespräche
mit dem Augenarzt in das Verhältnis der Anspielung treten, da eine
solche Beziehung zunächst nicht ersichtlich ist. In dem Beispiele
vom verhinderten Souper ist die Beziehung von vornherein gegeben;
„geräucherter Lachs“ als die Lieblingsspeise der Freundin gehört ohne
weiteres zu dem Vorstellungskreise, den die Person der Freundin bei
der Träumenden anzuregen vermag. In unserem neuen Beispiel han-
delt es sich um zwei gesonderte Eindrücke, die zunächst nichts ge-
meinsam haben, als daß sie am nämlichen Tage erfolgen. Die Mono-
graphie fällt mir am Vormittage auf, das Gespräch führe ich dann am
Abend. Die Antwort, welche die Analyse an die Hand gibt, lautet:
Solche erst nicht vorhandene Beziehungen zwischen den beiden Ein-
drücken werden nachträglich vom Vorstellungsinhalt des einen zum
Vorstellungsinhalt des anderen angesponnen. Ich habe die betreffen-
den Mittelglieder bereits bei der Niederschrift der Analyse hervor-
gehoben. An die Vorstellung der Monographie über Zyklamen würde
ich ohne Beeinflussung von anderswoher wohl nur die Idee knüpfen,
daß diese die Lieblingsblume meiner Frau ist, etwa noch die Er-
innerung an den vermißten Blumenstrauß der Frau L. Ich glaube
nicht, daß diese Hintergedanken genügt hätten, einen Traum hervor-
zurufen.„There needs no ghost, my lord, come from the grave
To tell us this“heißt es im Hamlet. Aber siehe da, in der Analyse werde ich
daran erinnert, daß der Mann, der unser Gespräch störte, Gärtner
hieß, daß ich seine Frau blühend fand; ja ich besinne mich eben
jetzt nachträglich, daß eine meiner Patientinnen, die den schönen
Namen Flora trägt, eine Weile im Mittelpunkte unseres Gespräches
stand. Es muß so zugegangen sein, daß ich über diese Mittelglieder
aus dem botanischen Vorstellungskreis die Verknüpfung der beiden
Tageserlebnisse, des gleichgültigen und des aufregenden, vollzog. Dann
stellten sich weitere Beziehungen ein, die des Kokains, welche mit
Fug und Recht zwischen der Person des Dr. Königstein und einer
botanischen Monographie, die ich geschrieben habe, vermitteln kann,
und befestigten diese Verschmelzung der beiden Vorstellungskreise
zu einem, so daß nun ein Stück aus dem ersten Erlebnis als An-
spielung auf das zweite verwendet werden konnte.Ich bin darauf gefaßt, daß man diese Aufklärung als eine will-
kürliche oder als eine gekünstelte anfechten wird. Was wäre ge-
schehen, wenn Professor Gärtner mit seiner blühenden Frau nicht
hinzugetreten wäre, wenn die besprochene Patientin nicht Flora,
sondern Anna hieße? Und doch ist die Antwort leicht. Wenn sichS.
134
V. Das Traummaterial und die Traumquellen.
nicht diese Gedankenbeziehungen ergeben hätten, so wären wahr-
scheinlich andere ausgewählt worden. Es ist so leicht, derartige Be-
ziehungen herzustellen, wie ja die Scherz- und Rätselfragen, mit
denen wir uns den Tag erheitern, zu beweisen vermögen. Der Macht-
bereich des Witzes ist ein uneingeschränkter. Um einen Schritt weiter
zu gehen: wenn sich zwischen den beiden Eindrücken des Tages keine
genug ausgiebigen Mittelbeziehungen hätten herstellen lassen, so wäre
der Traum eben anders ausgefallen; ein anderer gleichgültiger Ein-
druck des Tages, wie sie in Scharen an uns herantreten und von uns
vergessen werden, hätte für den Traum die Stelle der „Monographie“
übernommen, wäre in Verbindung mit den Inhalt des Gespräches ge-
langt und hätte dieses im Trauminhalt vertreten. Da kein anderer als
der von der Monographie dieses Schicksal hatte, so wird er wohl der
für die Verknüpfung passendste gewesen sein. Man braucht sich nie
wie Hänschen Schlau bei Lessing darüber zu wundern, „daß nur
die Reichen in der Welt das meiste Geld besitzen“.
Der psychologische Vorgang, durch welchen nach unserer Dar-
stellung das gleichgültige Erlebnis zur Stellvertretung für das psy-
chisch Wertvolle gelangt, muß uns noch bedenklich und befremdend
erscheinen. In einem späteren Abschnitt werden wir uns vor der
Aufgabe sehen, die Eigentümlichkeiten dieser scheinbar inkorrekten
Operation unserem Verständnis näherzubringen. Hier haben wir es
nur mit dem Erfolge des Vorganges zu tun, zu dessen Annahme wir
durch ungezählte und regelmäßig wiederkehrende Erfahrungen bei
der Traumanalyse gedrängt werden. Der Vorgang ist aber so, als ob
eine Verschiebung – sagen wir: des psychischen Akzentes –
auf dem Wege jener Mittelglieder zu stande käme, bis anfangs
schwach mit Intensität geladene Vorstellungen durch Übernahme der
Ladung von den anfänglich intensiver besetzten zu einer Stärke ge-
langen, welche sie befähigt, den Zugang zum Bewußtsein zu er-
zwingen. Solche Verschiebungen wundern uns keineswegs, wo es
sich um die Anbringung von Affektgrößen oder überhaupt um moto-
rische Aktionen handelt. Daß die einsam gebliebene Jungfrau ihre
Zärtlichkeit auf Tiere überträgt, der Junggeselle leidenschaftlicher
Sammler wird, daß der Soldat einen Streifen farbigen Zeuges, die
Fahne, mit seinem Herzblute verteidigt, daß im Liebesverhältnis
ein um Sekunden verlängerter Händedruck Seligkeit erzeugt, oder
im Othello ein verlorenes Schnupftuch einen Wutausbruch, das
sind sämtlich Beispiele von psychischen Verschiebungen, die uns
unanfechtbar erscheinen. Daß aber auf demselben Wege und nach
denselben Grundsätzen eine Entscheidung darüber gefällt wird,
was in unser Bewußtsein gelangt und was ihm vorenthalten bleibt,
also was wir denken, das macht uns den Eindruck des Krankhaften,
und wir heißen es Denkfehler, wo es im Wachleben vorkommt. Ver-
raten wir hier als das Ergebnis später anzustellender Betrachtungen,
daß der psychische Vorgang, den wir in der Traumverschiebung er-S.
135
kannt haben, sich zwar nicht als ein krankhaft gestörter, wohl aber
als ein vom normalen verschiedener, als ein Vorgang von mehr pri-
märer Natur herausstellt.
Wir deuten somit die Tatsache, daß der Trauminhalt Reste von
nebensächlichen Erlebnissen aufnimmt, als eine Äußerung der Traum-
entstellung (durch Verschiebung) und erinnern daran, daß wir in
der Traumentstellung eine Folge der zwischen zwei psychischen In-
stanzen bestehenden Durchgangszensur erkannt haben. Wir erwarten
dabei, daß die Traumanalyse uns regelmäßig die wirkliche, psychisch
bedeutsame Traumquelle aus dem Tagesleben aufdecken wird, deren
Erinnerung ihren Akzent auf die gleichgültige Erinnerung verschoben
hat. Durch diese Auffassung haben wir uns in vollen Gegensatz zu
der Theorie von Robert gebracht, die für uns unverwendbar ge-
worden ist. Die Tatsache, welche Robert erklären wollte, besteht
eben nicht; ihre Annahme beruht auf einem Mißverständnis, auf der
Unterlassung, für den scheinbaren Trauminhalt den wirklichen Sinn
des Traumes einzusetzen. Man kann noch weiterhin gegen die Lehre
von Robert einwenden: Wenn der Traum wirklich die Aufgabe hätte,
unser Gedächtnis durch „besondere psychische Arbeit“ von den
„Schlacken“ der Tageserinnerung zu befreien, so müßte unser Schla-
fen gequälter sein und auf angstrengtere Arbeit verwendet werden,
als wir es von unserem wachen Geistesleben behaupten können. Denn
die Anzahl der indifferenten Eindrücke des Tages, vor denen wir
unser Gedächtnis zu schützen hätten, ist offenbar unermeßlich groß;
die Nacht würde nicht hinreichen, die Summe zu bewältigen. Es ist
sehr viel wahrscheinlicher, daß das Vergessen der gleichgültigen
Eindrücke ohne aktives Eingreifen unserer seelischen Mächte vor
sich geht.
Dennoch verspüren wir eine Warnung, von dem Robertschen
Gedanken ohne weitere Berücksichtigung Abschied zu nehmen. Wir
haben die Tatsache unerklärt gelassen, daß einer der indifferenten
Eindrücke des Tages – und zwar des letzten Tages – regelmäßig
einen Beitrag zum Trauminhalt liefert. Die Beziehungen zwi-
schen diesem Eindruck und der eigentlichen Traumquelle im Unbe-
wußten bestehen nicht immer von vornherein; wie wir gesehen haben,
werden sie erst nachträglich, gleichsam zum Dienste der beabsich-
tigten Verschiebung, während der Traumarbeit hergestellt. Es muß
also eine Nötigung vorhanden sein, Verbindungen gerade nach der
Richtung des rezenten, obwohl gleichgültigen Eindruckes anzubahnen;
dieser muß eine besondere Eignung durch irgend eine Qualität
dazu bieten. Sonst wäre es ja ebenso leicht durchführbar, daß die
Traumgedanken ihren Akzent auf einen unwesentlichen Bestandteil
ihres eigenen Vorstellungskreises verschieben.
Folgende Erfahrungen können uns hier auf den Weg zur Auf-
klärung leiten. Wenn uns ein Tag zwei oder mehr Erlebnisse ge-
bracht hat, welche Träume anzuregen würdig sind, so vereinigt derS.
136
V. Das Traummaterial und die Traumquellen.
Traum die Erwähnung beider zu einem einzigen Ganzen; er gehorcht
einem Zwang, eine Einheit aus ihnen zu gestalten; z. B.: Ich
stieg eines Nachmittags im Sommer in ein Eisenbahncoupé ein, in
welchem ich zwei Bekannte traf, die einander aber fremd waren. Der
eine war ein einflußreicher Kollege, der andere ein Angehöriger einer
vornehmen Familie, in welcher ich ärztlich beschäftigt war. Ich
machte die beiden Herren miteinander bekannt; ihr Verkehr ging
aber während der langen Fahrt über mich, so daß ich bald mit dem
einen, bald mit dem anderen einen Gesprächstoff zu behandeln hatte.
Den Kollegen bat ich, einem gemeinsamen Bekannten, der eben seine
ärztliche Praxis begonnen hatte, seine Empfehlung zuzuwenden. Der
Kollege erwiderte, er sei von der Tüchtigkeit des jungen Mannes über
zeugt, aber sein unscheinbares Wesen werde ihm den Eingang in vor-
nehme Häuser nicht leicht werden lassen. Ich erwiderte: Gerade
darum bedarf er der Empfehlung. Bei dem anderen Mitreisenden er-
kundigte ich mich bald darauf nach dem Befinden seiner Tante – der
Mutter einer meiner Patientinnen –, welche damals schwer krank
danieder lag. In der Nacht nach dieser Reise träumte ich, mein
junger Freund, für den ich die Protektion erbeten hatte, befinde sich
in einem eleganten Salon und halte vor einer ausgewählten Gesell-
schaft, in die ich alle mir bekannten vornehmen und reichen Leute
versetzt hatte, mit weltmännischen Gesten eine Trauerrede auf die
(für den Traum bereits verstorbene) alte Dame, welche die Tante
des zweiten Reisegenossen war. (Ich gestehe offen, daß ich mit dieser
Dame nicht in guten Beziehungen gestanden hatte.) Mein Traum hatte
also wiederum Verknüpfungen zwischen beiden Eindrücken des Tages
aufgefunden und mittels derselben eine einheitliche Situation kom-
poniert.Auf Grund vieler ähnlicher Erfahrungen muß ich den Satz auf-
stellen, daß für die Traumarbeit eine Art von Nötigung besteht, alle
vorhandenen Traumreizquellen zu einer Einheit im Traume zusammen-
zusetzen*). Wir werden diesen Zwang zur Zusammensetzung in
einem späteren Abschnitt (über die Traumarbeit) als ein Stück der
Verdichtung, eines anderen psychischen Primärvorganges, kennen
lernen.Ich will jetzt die Frage in Erörterung ziehen, ob die traum-
erregende Quelle, auf welche die Analyse hinführt, jedesmal ein re-
zentes (und bedeutsames) Ereignis sein muß, oder ob ein inneres Er-
lebnis, also die Erinnerung an ein psychisch wertvolles Ereignis, ein
Gedankengang die Rolle des Traumerregers übernehmen kann. Die
Antwort, die sich aus zahlreichen Analysen auf das bestimmteste er-
*) Die Neigung der Traumarbeit, gleichzeitig als interessant Vorhandenes
in einer Behandlung zu verschmelzen, ist bereits von mehreren Autoren bemerkt
worden, z. B. von Delage (p. 41), Delboeuf: rapprochement forcé (p. 236);
andere hübsche Beispiele bei H. Ellis (p. 35 u. ff.) u. a.S.
137
„Rapprochement forcé“ der Traumreize.
gibt, lautet im letzteren Sinne. Der Traumerreger kann ein innerer
Vorgang sein, der gleichsam durch die Denkarbeit am Tage rezent
geworden ist. Es wird jetzt wohl der richtige Moment sein, die
verschiedenen Bedingungen, welche die Traumquellen erkennen lassen,
in einem Schema zusammenzustellen.Die Traumquelle kann sein:
a) Ein rezentes und psychisch bedeutsames Erlebnis, welches im
Traume direkt vertreten ist*).
b) Mehrere rezente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den Traum
zu einer Einheit vereinigt werden**).
c) Ein oder mehrere rezente und bedeutsame Erlebnisse, die im
Trauminhalt durch die Erwähnung eines gleichzeitigen, aber indiffe-
renten Erlebnisses vertreten werden***).
d) Ein inneres bedeutsames Erlebnis (Erinnerung, Gedanken-
gang), welches dann im Traume regelmäßig durch die Erwähnung
eines rezenten, aber indifferenten Eindruckes vertreten wird†).Wie man sieht, wird für die Traumdeutung durchwegs die Be-
dingung festgehalten, daß ein Bestandteil des Trauminhaltes einen
rezenten Eindruck des Vortages wiederholt. Dieser zur Vertretung
im Traume bestimmte Anteil kann entweder dem Vorstellungskreis
des eigentlichen Traumerregers selbst angehören, und zwar entweder
als wesentlicher oder als unwichtiger Bestandteil desselben – oder
er rührt aus dem Bereiche eines indifferenten Eindruckes her, der
durch mehr oder minder reichliche Verknüpfung mit dem Kreise des
Traumerregers in Beziehung gebracht worden ist. Die scheinbare
Mehrheit der Bedingungen kommt hier nur durch die Alternative
zu stande, daß eine Verschiebung unterblieben oder vorge-
fallen ist, und wir merken hier, daß diese Alternative uns dieselbe
Leichtigkeit bietet, die Kontraste des Traumes zu erklären, wie der
medizinischen Theorie des Traumes die Reihe vom partiellen bis zum
vollen Wachen der Gehirnzellen (vgl. p. 57 f.).Man bemerkt an dieser Reihe ferner, daß das psychisch wert-
volle, aber nicht rezente Element (der Gedankengang, die Erinnerung)
für die Zwecke der Traumbildung durch ein rezentes, aber psychisch
indifferentes Element ersetzt werden kann, wenn dabei nur die beiden
Bedingungen eingehalten werden, daß 1. der Trauminhalt eine An-
knüpfung an das rezent Erlebte erhält; 2. der Traumerreger ein
psychisch wertvoller Vorgang bleibt. In einem einzigen Falle (a)
werden beide Bedingungen durch denselben Eindruck erfüllt. Zieht
man noch in Erwägung, daß dieselben indifferenten Eindrücke, welche
für den Traum verwertet werden, solange sie rezent sind, diese*)Traum von Irmas Injektion; Traum vom Freunde, der mein Onkel ist.
**)Traum von der Trauerrede des jungen Arztes.
***)Traum von der botanischen Monographie.
†)Solcher Art sind die meisten Träume meiner Patienten während der
Analyse.S.
138
Eignung einbüßen, sobald sie einen Tag (oder höchstens mehrere)
älter geworden sind, so muß man sich zur Annahme entschließen, daß
die Frische eines Eindruckes ihm an sich einen gewissen psychischen
Wert für die Traumbildung verleiht, welcher der Wertigkeit affekt-
betonter Erinnerungen oder Gedankengänge irgendwie gleichkommt.
Wir werden erst bei späteren psychologischen Überlegungen erraten
können, worin dieser Wert rezenter Eindrücke für die Traumbildung
begründet sein kann*).Nebenbei wird hier unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß
zur Nachtzeit und von unserem Bewußtsein unbemerkt wichtige Ver-
änderungen mit unserem Erinnerungs- und Vorstellungsmaterial vor
sich gehen können. Die Forderung, eine Nacht über eine Angelegen-
heit zu schlafen, ehe man sich endgültig über sie entscheidet, ist offen-
bar vollberechtigt. Wir merken aber, daß wir an diesem Punkte aus
der Psychologie des Träumens in die des Schlafes übergegriffen haben,
ein Schritt, zu welchem sich der Anlaß noch öfter ergeben wird.Es gibt nun einen Einwand, welcher die letzten Schlußfolgerun-
gen umzustoßen droht. Wenn indifferente Eindrücke nur solange sie
rezent sind in den Trauminhalt gelangen können, wie kommt es, daß
wir im Trauminhalt auch Elemente aus früheren Lebensperioden
vorfinden, die zur Zeit, da sie rezent waren – nach Strümpells
Worten keinen psychischen Wert besaßen, also längst vergessen
sein sollten, Elemente also, die weder frisch noch psychisch bedeut-
sam sind?Dieser Einwand ist voll zu erledigen, wenn man sich auf die
Ergebnisse der Psychoanalyse bei Neurotikern stützt. Die Lösung
lautet nämlich, daß die Verschiebung, welche das psychisch wichtige
Material durch indifferentes ersetzt (für das Träumen wie für das
Denken), hier bereits in jenen frühen Lebensperioden stattgefunden
hat und seither im Gedächtnis fixiert worden ist. Jene ursprünglich
indifferenten Elemente sind eben nicht mehr indifferent, seitdem sie
durch Verschiebung die Wertigkeit vom psychisch bedeutsamen Ma-
terial übernommen haben. Was wirklich indifferent geblieben ist,
kann auch nicht mehr im Traume reproduziert werden.Aus den vorstehenden Erörterungen wird man mit Recht schlie-
ßen, daß ich die Behauptung aufstelle, es gebe keine indifferenten
Traumerreger, also auch keine harmlosen Träume. Dies ist in aller
Strenge und Ausschließlichkeit meine Meinung, abgesehen von den
Träumen der Kinder und etwa den kurzen Traumreaktionen auf nächt-
liche Sensationen. Was man sonst träumt, ist entweder manifest als
psychisch bedeutsam zu erkennen, oder es ist entstellt und dann erst
nach vollzogener Traumdeutung zu beurteilen, worauf es sich wie-
derm als bedeutsam zu erkennen gibt. Der Traum gibt sich nie mit
Kleinigkeiten ab; um Geringes lassen wir uns im Schlafe nicht stö-*) Vgl. im Abschnitt VII über die „Übertragung“.
S.
139
Es gibt keine „harmlosen“ Träume.
ren*). Die scheinbar harmlosen Träume erweisen sich als arg, wenn
man sich um ihre Deutung bemüht; wenn man mir die Redensart ge-
stattet, sie haben es „faustdick hinter den Ohren“. Da dies wiederum
ein Punkt ist, bei dem ich Widerspruch erwarten darf, und da ich
gern die Gelegenheit ergreife, die Traumstellung bei ihrer Arbeit
zu zeigen, will ich eine Reihe von „harmlosen“ Träumen aus meiner
Sammlung hier der Analyse unterziehen.I. Eine kluge und feine junge Dame, die aber auch im Leben
zu den Reservierten, zu den „stillen Wassern“ gehört erzählt: Ich
habe geträumt, daß ich auf den Markt zu spät komme und
beim Fleischhauer sowie bei der Gemüsefrau nichts be-
komme. Gewiß ein harmloser Traum, aber so sieht ein Traum nicht
aus; ich lasse ihn mir detailliert erzählen. Dann lautet der Bericht
folgendermaßen: Sie geht auf den Markt mit ihrer Köchin,
die den Korb trägt. Der Fleischhauer sagt ihr, nachdem sie
etwas verlangt hat: Das ist nicht mehr zu haben, und will
ihr etwas anderes geben mit der Bemerkung: Das ist auch
gut. Sie lehnt ab und geht zur Gemüsefrau. Die will ihr ein
eigentümliches Gemüse verkaufen, was in Bündeln zu-
sammengebunden ist, aber schwarz von Farbe. Sie sagt:
Das kenne ich nicht, das nehme ich nicht.Die Tagesanknüpfung des Traumes ist einfach genug. Sie war
wirklich zu spät auf den Markt gegangen und hatte nichts mehr be-
kommen. Die Fleischbank war schon geschlossen, drängt sich
einem als Beschreibung des Erlebnisses auf. Doch halt, ist das nicht
eine recht gemeine Redensart, die – oder vielmehr ihren Gegenteil
– auf eine Nachlässigkeit in der Kleidung eines Mannes geht? Die
Träumerin hat diese Worte übrigens nicht gebraucht, ist vielleicht
ihnen ausgewichen; suchen wir nach der Deutung der im Traume
enthaltenen Einzelheiten.Wo etwas im Traume den Charakter einer Rede hat, also gesagt
oder gehört wird, nicht bloß gedacht – was sich meist sicher unter-
scheiden läßt – da stammt es von Reden des wachen Lebens her, die
freilich als Rohmaterial behandelt, zerstückelt, leise verändert, vor
allem aber aus dem Zusammenhange gerissen worden sind**). Man
kann bei der Deutungsarbeit von solchen Reden ausgehen. Woher
stammt also die Rede des Fleischhauers: Das ist nicht mehr zu
haben? Von mir selbst; ich hatte ihr einige Tage vorher erklärt,
*)H. Ellis, der liebenswürdigste Kritiker der „Traumdeutung“, schreibt
(p. 169): „Da ist der Punkt, von dem an viele von uns nicht mehr im stande sein
werden, F. weiter zu folgen.“ Allein H. Ellis hat keine Analysen von Träumen
angestellt und will nicht glauben, wie unberechtigt das Urteilen nach dem mani-
festen Trauminhalt ist.**)Vergleiche über die Reden im Traume im Abschnitte über die Traum-
arbeit. Ein einziger der Autoren scheint die Herkunft der Traumreden erkannt
zu haben, Delboeuf (p. 226), indem er sie mit „clichés“ vergleicht.S.
140
V. Das Traummaterial und die Traumquellen.
„daß die ältesten Kindererlebnisse nicht mehr als solche zu haben
sind, sondern durch ‚Übertragungen‘ und Träume in der Analyse
ersetzt werden“. Ich bin also der Fleischhauer, und sie lehnt diese
Übertragungen alter Denk- und Empfindungsweisen auf die Gegenwart
ab. – Woher rührt ihre Trauerrede: „Das kenne ich nicht, das
nehme ich nicht? Diese ist für die Analyse zu zerteilen. „Das
kenne ich nicht“ hat sie selbst Tags vorher zu ihrer Köchin ge-
sagt, mit der sie einen Streit hatte, damals aber hinzugefügt: Be-
nehmen Sie sich anständig. Hier wird eine Verschiebung greif-
bar; von den beiden Sätzen, die sie gegen ihre Köchin gebraucht,
hat sie den bedeutungslosen in den Traum genommen; der unter-
drückte aber: „Benehmen Sie sich anständig!“ stimmt allein zum
übrigen Trauminhalt. So könnte man jemandem zurufen, der unan-
ständige Zumutungen wagt und vergißt, „die Fleischbank zuzu-
schließen“. Daß wir der Deutung wirklich auf die Spur gekommen
sind, beweist dann der Zusammenhang mit den Anspielungen, die
in der Begebenheit mit der Gemüsefrau niedergelegt sind. Ein Ge-
müse, das in Bündeln zusammengebunden verkauft wird (länglich
ist, wie sie nachträglich hinzufügt), und dabei schwarz, was kann
das anderes sein als die Traumvereinigung von Spargel und schwar-
zem Rettig? Spargel brauche ich keinem und keiner Wissenden zu
deuten, aber auch das andere Gemüse – als Zuruf: Schwarzer,
rett’ dich! – scheint mir auf das nämliche sexuelle Thema hinzu-
weisen, das wir gleich anfangs errieten, als wir für die Traumerzäh-
lung einsetzen wollten: die Fleischbank war geschlossen. Es kommt
nicht darauf an, den Sinn dieses Traumes vollständig zu erkennen;
so viel steht fest, daß er sinnreich ist und keineswegs harmlos*)).II. Ein anderer harmloser Traum derselben Patientin, in ge-
wisser Hinsicht ein Gegenstück zum vorigen: Ihr Mann fragt:
Soll man das Klavier nicht stimmen lassen? Sie: Es lohnt
nicht, es muß ohnedies neu beledert werden. Wiederum die
Wiederholung eines realen Ereignisses vom Vortag. Ihr Mann hat so
gefragt und sie so ähnlich geantwortet. Aber was bedeutet es, daß
sie es träumt? Sie erzählt zwar vom Klavier, es sei ein ekelhafter
Kasten, der einen schlechten Ton gibt, ein Ding, das ihr Mann*) Für Wißbegierige bemerke ich, daß hinter dem Traume sich eine
Phantasie verbirgt von unanständigem, sexuell provozierendem Benehmen meiner-
seits und von Abwehr von Seite der Dame. Wem diese Deutung unerhört er-
scheinen sollte, den mahne ich an die zahlreichen Fälle, wo Ärzte solche Anklagen
von hysterischen Frauen erfahren haben, bei denen die nämliche Phantasie nicht
entstellt und als Traum aufgetreten, sondern unverhüllt bewußt und wahnhaft
geworden ist. – Mit diesem Traume trat die Patientin in die psychoanalytische
Behandlung ein. Ich lernte erst später verstehen, daß sie mit ihm das initiale
Trauma wiederholte, von dem ihre Neurose ausging, und habe seither das gleiche
Verhalten bei anderen Personen gefunden, die in ihrer Kindheit sexuellen Atten-
taten ausgesetzt waren und nun gleichsam deren Wiederholung im Traume
herbeiwünschen.S.
141
schon vor der Ehe besessen hat*) usw., aber den Schlüssel zur
Lösung ergibt doch erst die Rede: Es lohnt nicht. Diese stammt
von einem gestern gemachten Besuche bei ihrer Freundin. Dort wurde
sie aufgefordert, ihre Jacke abzulegen, und weigerte sich mit den
Worten: es lohnt nicht, ich muß gleich gehen. Bei dieser Erzählung
muß mir einfallen, daß sie gestern während der Analysenarbeit plötz-
lich an ihre Jacke griff, an der sich ein Knopf geöffnet hatte. Es ist
also, als wollte sie sagen: Bitte, sehen Sie nicht hin, es lohnt nicht.
So ergänzt sich der Kasten zum Brustkasten, und die Deutung
des Traumes führt direkt in die Zeit ihrer körperlichen Entwicklung,
da sie anfing, mit ihren Körperformen unzufrieden zu sein. Es führt
auch wohl in frühere Zeiten, wenn wir auf das „Ekelhaft“ und
den „schlechten Ton“ Rücksicht nehmen und uns daran erinnern,
wie häufig die kleinen Hemisphären des weiblichen Körpers – als
Gegensatz und als Ersatz – für die großen eintreten, – in der An-
spielung und im Traume.III. Ich unterbreche diese Reihe, indem ich einen kurzen harm-
losen Traum eines jungen Mannes einschiebe. Er hat geträumt, daß
er wieder seinen Winterrock anzieht, was schrecklich ist.
Anlaß dieses Traumes ist angeblich die plötzlich wieder eingetretene
Kälte. Ein feineres Urteil wird indes bemerken, daß die beiden
kurzen Stücke des Traumes nicht gut zueinander passen, denn in der
Kälte den schweren oder dicken Rock tragen, was könnte daran
„schrecklich“ sein. Zum Schaden für die Harmlosigkeit dieses Trau-
mes bringt auch der erste Einfall bei der Analyse die Erinnerung, daß
eine Dame ihm gestern vertraulich gestanden, daß ihr letztes Kind
einem geplatzten Kondom seine Existenz verdankt. Er rekonstruiert
nun seine Gedanken bei diesem Anlasse: Ein dünner Kondom ist ge-
fährlich, ein dicker schlecht. Der Kondom ist der „Überzieher“ mit
Recht, man zieht ihn ja über; so heißt man auch einen leichten Rock.
Ein Ereignis wie das von der Dame berichtete wäre für den un-
verheirateten Mann allerdings „schrecklich“. – Nun wieder zurück
zu unserer harmlosen Träumerin.IV. Sie steckt eine Kerze in den Leuchter; die Kerze
ist aber gebrochen, so daß sie nicht gut steht. Die Mäd-
chen in der Schule sagen, sie sei ungeschickt: das Fräu-
lein aber, es sei nicht ihre Schuld.
Ein realer Anlaß auch hier; sie hat gestern wirklich eine Kerze
in den Leuchter gesteckt; die war aber nicht gebrochen. Hier ist eine
durchsichtige Symbolik verwendet worden. Die Kerze ist ein Gegen-
stand, der die weiblichen Genitalien reizt; wenn sie gebrochen ist, so
daß sie nicht gut steht, so bedeutet dies die Impotenz des Mannes
(„es sei nicht ihre Schuld“). Ob nur die sorgfältig erzogene und*)Eine Ersetzung durch das Gegenteil, wie uns nach der Deutung klar
werden wird.S.
142
allem Häßlichen fremd gebliebene junge Frau diese Verwendung der
Kerze kennt? Zufällig kann sie noch angeben, durch welches Er-
lebnis sie zu dieser Erkenntnis gekommen ist. Bei einer Kahnfahrt
auf dem Rhein fährt ein Boot an ihnen vorüber, in dem Studenten
sitzen, welche mit großem Behagen ein Lied singen oder brüllen:
„Wenn die Königin von Schweden bei geschlossenen Fensterläden mit
Apollokerzen . . .“Das letzte Wort hört oder versteht sie nicht. Ihr Mann muß
ihr die verlangte Aufklärung geben. Diese Verse sind dann im Traum
inhalt ersetzt durch eine harmlose Erinnerung an einen Auftrag, den
sie einmal im Pensionat ungeschickt ausführte, und zwar vermöge
des Gemeinsamen: geschlossene Fensterläden. Die Verbindung
des Themas von der Onanie mit der Impotenz ist klar genug. „Apollo“
im latenten Trauminhalt verknüpft diesen Traum mit einem früheren,
in dem von der jungfräulichen Pallas die Rede war. Alles wahrlich
nicht harmlos.V. Damit man sich die Schlüsse aus den Träumen auf die
wirklichen Lebensverhältnisse der Träumer nicht zu leicht vorstelle,
füge ich noch einen Traum an, der gleichfalls harmlos scheint und
von derselben Person herrührt. Ich habe etwas geträumt, erzählt
sie, was ich bei Tag wirklich getan habe, nämlich einen
kleinen Koffer so voll mit Büchern gefüllt, daß ich Mühe
hatte, ihn zu schließen, und ich habe es so geträumt, wie
es wirklich vorgefallen ist. Hier legt die Erzählerin selbst das
Hauptgewicht auf die Übereinstimmung von Traum und Wirklichkeit.
Alle solche Urteile über den Traum, Bemerkungen zum Traume, ge-
hören nun, obwohl sie sich einen Platz im wachen Denken geschaffen
haben, doch regelmäßig in den latenten Trauminhalt, wie uns noch
spätere Beispiele bestätigen werden. Es wird uns also gesagt, das, was
der Traum erzählt, ist am Tage vorher wirklich vorgefallen*). Es wäre
nun zu weitläufig, mitzuteilen, auf welchem Wege man zum Einfalle
kommt, bei der Deutung das Englische zur Hilfe zu nehmen. Genug,
es handelt sich wieder um eine kleine box (vgl. p. 118 den Traum vom
toten Kind in der Schachtel), die so angefüllt worden ist, daß nichts
mehr hineinging. Wenigstens nichts Arges diesmal.
In all diesen „harmlosen“ Träumen schlägt das sexuelle Mo-
ment als Motiv der Zensur so sehr auffällig vor. Doch ist dies ein
Thema von prinzipieller Bedeutung, welches wir zur Seite stellen
müssen.b) Das Infantile als Traumquelle.
Als dritte unter den Eigentümlichkeiten des Trauminhaltes haben
wir mit allen Autoren (bis auf Robert) angeführt, daß im Traume
Eindrücke aus den frühesten Lebensaltern erscheinen können, über*)Vgl. p. 16, Note.
S.
143
welche das Gedächtnis im Wachen nicht zu ver-
fügen scheint. Wie selten oder wie häufig sich dies ereignet, ist begreiflicherweise schwer
zu beurteilen, weil die betreffenden Elemente des Traumes nach dem
Erwachen nicht in ihrer Herkunft erkannt werden. Der Nachweis, daß
es sich hier um Eindrücke der Kindheit handelt, muß also auf objek-
tivem Wege erbracht werden, wozu sich die Bedingungen nur in
seltenen Fällen zusammenfinden können. Als besonders beweiskräftig
wird von A. Maury die Geschichte eines Mannes erzählt, welcher
eines Tages sich entschloß, nach zwanzigjähriger Abwesenheit seinen
Heimatsort aufzusuchen. In der Nacht vor der Abreise träumte er, er
sei in einer ihm ganz unbekannten Ortschaft und begegne daselbst
auf der Straße einem unbekannten Herrn, mit dem er sich unterhalte.
In seine Heimat zurückgekehrt, konnte er sich nun überzeugen, daß
diese unbekannte Ortschaft in nächster Nähe seiner Heimatstadt wirk-
lich existiere, und auch der unbekannte Mann des Traumes stellte sich
als ein dort lebender Freund seines verstorbenen Vaters heraus. Wohl
ein zwingender Beweis dafür, daß er beide, Mann wie Ortschaft, in
seiner Kindheit gesehen habe. Der Traum ist übrigens als Ungedulds-
traum zu deuten wie der des Mädchens, welches das Billett für den
Konzertabend in der Tasche trägt (p. 117), des Kindes, welchem der
Vater den Ausflug nach dem Hameau versprochen hat, u. dgl. Die
Motive, welche dem Träumer gerade diesen Eindruck aus seiner Kind-
heit reproduzieren, sind natürlich ohne Analyse nicht aufzudecken.Einer meiner Kolleghörer, welcher sich rühmte, daß seine
Träume nur sehr selten der Traumentstellung unterliegen, teilte mir mit,
daß er vor einiger Zeit im Traume gesehen, sein ehemaliger Hof-
meister befinde sich im Bette der Bonne, die bis zu seinem
elften Jahre im Hause gewesen war. Die Örtlichkeit für diese Szene
fiel ihm noch im Traume ein. Lebhaft interessiert teilte er den Traum
seinem älteren Bruder mit, der ihm lachend die Wirklichkeit des
Geträumten bestätigte. Er erinnere sich sehr gut daran, denn er sei
damals sechs Jahre alt gewesen. Das Liebespaar pflegte ihn, den
älteren Knaben, durch Bier betrunken zu machen, wenn die Umstände
einer nächtlichen Verkehre günstig waren. Das kleinere, damals
dreijährige Kind – unser Träumer –, das im Zimmer der Bonne
schlief, wurde nicht als Störung betrachtet.Noch in einem anderen Falle läßt es sich mit Sicherheit ohne
Beihilfe der Traumdeutung feststellen, daß der Traum Elemente aus
der Kindheit enthält, wenn nämlich der Traum ein sogenannter
perennierender ist, der, in der Kindheit zuerst geträumt, später
immer wieder von Zeit zu Zeit während des Schlafes des Erwachse-
nen auftritt. Zu den bekannten Beispielen dieser Art kann ich einige
aus meiner Erfahrung hinzufügen, wenngleich ich an mir selbst einen
solchen perennierenden Traum nicht kennen gelernt habe. Ein Arzt
in den Dreißigern erzählte mir, daß in seinem Traumleben von den
ersten Zeiten seiner Kindheit an bis zum heutigen Tage häufig einS.
144
gelber Löwe erscheint, über den er die genaueste Auskunft zu geben
vermag. Dieser ihm aus Träumen bekannte Löwe fand sich nämlich
eines Tages in natura als ein lange verschollener Gegenstand aus
Porzellan vor, und der junge Mann hörte damals von seiner Mutter,
daß dieses Objekt das begehrteste Spielzeug seiner frühen Kinderzeit
gewesen war, woran er sich selbst nicht mehr erinnern konnte.Wendet man sich nun von dem manifesten Trauminhalt zu den
Traumgedanken, welche erst die Analyse aufdeckt, so kann man mit
Erstaunen die Mitwirkung der Kindheitserlebnisse auch bei solchen
Träumen konstatieren, deren Inhalt keine derartige Vermutung er
weckt hätte. Dem geehrten Kollegen vom „gelben Löwen“ verdanke
ich ein besonders liebenswürdiges und lehrreiches Beispiel eines
solchen Traumes. Nach der Lektüre von Nansens Reisebericht über
seine Polarexpedition träumte er, in einer Eiswüste galvanisiere er
den kühnen Forscher wegen einer Ischias, über welche dieser klage!
Zur Analyse dieses Traumes fiel ihm eine Geschichte aus seiner
Kindheit ein, ohne welche der Traum allerdings unverständlich bleibt.
Als er ein drei-
oder vierjähriges Kind war, hörte er eines Tages
neugierig zu, wie die Erwachsenen von Entdeckungsreisen sprachen,
und fragte dann den Papa, ob das eine schwere Krankheit sei. Er
hatte offenbar Reisen mit „Reißen“ verwechselt, und der Spott
seiner Geschwister sorgte dafür, daß ihm das beschämende Erlebnis
nicht in Vergessenheit geriet.Ein ganz ähnlicher Fall ist es, wenn ich in der Analyse
des Traumes von der Monographie über die Gattung Zyklamen auf
eine erhalten gebliebene Jugenderinnerung stoße, daß der Vater dem
fünfjährigen Knaben ein mit farbigen Tafeln ausgestattetes Buch
zur Zerstörung überläßt. Man wird etwa den Zweifel aufwerfen, ob
diese Erinnerung wirklich an der Gestaltung des Trauminhaltes An-
teil genommen hat, ob nicht vielmehr die Arbeit der Analyse eine
Beziehung erst nachträglich herstellt. Aber die Reichhaltigkeit und
Verschlungenheit der Assoziationsverknüpfungen bürgt für die erstere
Auffassung: Zyklamen – Lieblingsblume – Lieblingsspeise – Ar-
tischocke; zerpflücken wie eine Artischocke, Blatt für Blatt (eine
Wendung, die einem anläßlich der Teilung des chinesischen Reiches
damals täglich ans Ohr schlug); – Herbarium – Bücherwurm, dessen
Lieblingsspeise Bücher sind. Außerdem kann ich versichern, daß
der letzte Sinn des Traumes, den ich hier nicht ausgeführt habe, zum
Inhalt der Kinderszene in intimster Beziehung steht.Bei einer anderen Reihe von Träumen wird man durch die
Analyse belehrt, daß der Wunsch selbst, der den Traum erregt hat,
als dessen Erfüllung der Traum sich darstellt, aus dem Kinderleben
stamm-
mt, so daß man zu seiner Überraschung im Traume das Kind
mit seinen Impulsen weiterlebend findet.Ich setze an dieser Stelle die Deutung des Traumes fort, aus
dem wir bereits einmal neue Belehrung geschöpft haben, ich meineS.
145
den Traum: Freund R. ist mein Onkel (p. 106). Wir haben dessen
Deutung so weit gefördert, daß uns das Wunschmotiv, zum Professor
ernannt zu werden, greifend entgegentrat, und wir erklärten uns die
Zärtlichkeit des Traumes für Freund R. als eine Oppositions-
und
Trotzschöpfung gegen die Schmähung der beiden Kollegen, die in den
Traumgedanken enthalten war. Der Traum war mein eigener; ich
darf darum dessen Analyse mit der Mitteilung fortsetzen, daß mein
Gefühl durch die erreichte Lösung noch nicht befriedigt war. Ich
wußte, daß mein Urteil über die in den Traumgedanken mißhandel-
ten Kollegen im Wachen ganz anders gelautet hätte; die Macht des
Wunsches, ihr Schicksal in Betreff ihrer Ernennung nicht zu teilen,
erschien mir zu gering, um den Gegensatz zwischen wacher und
Traum-Schätzung voll aufzuklären. Wenn mein Bedürfnis, mit einem
anderen Titel angeredet zu werden, so stark sein sollte, so beweist
dies einen krankhaften Ehrgeiz, den ich nicht an mir kenne, den
ich fern von mir glaube. Ich weiß nicht, wie andere, die mich
zu kennen glauben, in diesem Punkte über mich urteilen würden;
vielleicht habe ich auch wirklich Ehrgeiz besessen; aber wenn, so
hat er sich längst auf andere Objekte als auf Titel und Rang eines
Professor extraordinarius geworfen.
Woher dann also der Ehrgeiz, der mir den Traum eingegeben
hat? Da fällt mir ein, was ich so oft in der Kindheit erzählen
gehört habe, daß bei meiner Geburt eine alte Bäuerin der über den
Erstgeborenen glücklichen Mutter prophezeit, daß sie der Welt einen
großen Mann geschenkt habe. Solche Prophezeiungen müssen sehr
häufig vorfallen; es gibt so viel erwartungsvolle Mütter und so viel
alte Bäuerinnen oder andere alte Weiber, deren Macht auf Erden
vergangen ist, und die sich darum der Zukunft zugewendet haben.
Es wird auch nicht der Schade der Prophetin gewesen sein. Sollte
meine Größenſehnsucht aus dieser Quelle stammen? Aber da besinne
ich mich eben eines anderen Eindruckes aus späteren Jugendjahren,
der sich zur Erklärung noch besser eignen würde: Es war eines
Abends in einem der Wirtshäuser im Prater, wohin die Eltern den
elf- oder zwölfjährigen Knaben mitzunehmen pflegten, daß uns ein
Mann auffiel, der von Tisch zu Tisch ging und für ein kleines
Honorar Verse über ein ihm aufgegebenes Thema improvisierte. Ich
wurde abgeschickt, den Dichter an unseren Tisch zu bestellen, und
er erwies sich dem Boten dankbar. Ehe er nach seiner Aufgabe
fragte, ließ er einige Reime über mich fallen und erklärte es in
seiner Inspiration für wahrscheinlich, daß ich noch einmal „Minister“
werde. An den Eindruck dieser zweiten Prophezeiung kann ich mich
noch sehr wohl erinnern. Es war die Zeit des Bürgerministeriums,
der Vater hatte kurz vorher die Bilder der bürgerlichen Doktoren
Herbst, Giskra, Ungor, Berger u. a. nach Hause gebracht, und
wir hatten diesen Herren zur Ehre illuminiert. Es waren sogar Juden
unter ihnen; jeder fleißige Judenknabe trug also das Ministerporte-
1)1)Freud, Traumdeutung, 4. Aufl.
S.
146
V. Das Traummaterial und die Traumquellen.
feuille in seiner Schultasche. Es muß mit den Eindrücken jener Zeit
sogar zusammenhängen, daß ich bis kurz vor der Inskription an
der Universität willens war, Jura zu studieren und erst im letzten
Moment umsattelte. Dem Mediziner ist ja die Ministerlaufbahn über-
haupt verschlossen. Und nun mein Traum! Ich merke es erst jetzt,
daß er mich aus der trüben Gegenwart in die hoffnungsfrohe Zeit
des Bürgerministers zurückversetzt und meinen Wunsch von da-
mals nach seinen Kräften erfüllt. Indem ich die beiden gelehrten
und achtenswerten Kollegen, weil sie Juden sind, so schlecht be-
handle, den einen, als ob er ein Schwachkopf, den anderen, als ob
er ein Verbrecher wäre, indem ich so verfahre, benehme ich mich,
als ob ich der Minister wäre, habe ich mich an die Stelle des Mini-
sters gesetzt. Welch gründliche Rache an Sr. Exzellenz! Er ver-
weigert es, mich zum Professor extraordinarius zu ernennen, und ich
setze mich dafür im Traume an seine Stelle.In einem anderen Falle konnte ich merken, daß der Wunsch,
welcher den Traum erregt, obzwar ein gegenwärtiger, doch eine
mächtige Verstärkung aus tiefreichenden Kinderrinnerungen bezieht.
Es handelt sich hier um eine Reihe von Träumen, denen die Sehn-
sucht nach Rom zu kommen, zu grunde liegt. Ich werde diese
Sehnsucht wohl noch lange Zeit durch Träume befriedigen müssen,
denn um die Zeit des Jahres, welche mir für eine Reise zur Ver-
fügung steht, ist der Aufenthalt in Rom aus Rücksichten der Gesund-
heit zu meiden*). So träume ich denn einmal, daß ich vom Coupé-
fenster aus Tiber und Engelsbrücke sehe; dann setzt sich der Zug
in Bewegung, und es fällt mir ein, daß ich die Stadt ja gar nicht
betreten habe. Die Aussicht, die ich im Traume sah, war einem
bekannten Stiche nachgebildet, den ich Tags zuvor im Salon eines
Patienten flüchtig bemerkt hatte. Ein andermal führt mich jemand
auf einen Hügel und zeigt mir Rom, vom Nebel halb verschleiert und
noch so fern, daß ich mich über die Deutlichkeit der Aussicht
wundere. Der Inhalt dieses Traumes ist reicher, als ich hier aus-
führen möchte. Das Motiv, „das Gelobte Land von fern sehen“, ist
darin leicht zu erkennen. Die Stadt, die ich so zuerst im Nebel
gesehen habe, ist Lübeck; der Hügel findet sein Vorbild in
Gleichenberg. In einem dritten Traume bin ich endlich in Rom,
wie mir der Traum sagt. Ich sehe aber zu meiner Enttäuschung
eine keineswegs städtische Szenerie, einen kleinen Fluß mit dunk-
lem Wasser, auf der einen Seite desselben schwarze Felsen,
auf der anderen Wiesen mit großen weißen Blumen. Ich be-
merke einen Herrn Zucker (den ich oberflächlich kenne) und
beschließe, ihn um den Weg in die Stadt zu fragen. Es ist
offenbar, daß ich mich vergebens bemühe, eine Stadt im Traume*) Ich habe seither längst erfahren, daß auch zur Erfüllung solcher lange
für unerreichbar gehaltener Wünsche nur Mut erfordert wird.S.
147
zu sehen, die ich im Wachen nicht gesehen habe. Wenn ich das
Landschaftsbild des Traumes in seine Elemente zersetze, so deuten
die weißen Blumen auf das mir bekannte Ravenna, das wenigstens
eine Zeitlang als Italiens Hauptstadt Rom den Vorrang abgenommen
hatte. In den Sümpfen um Ravenna haben wir die schönsten See-
rosen mitten im schwarzen Wasser gefunden; der Traum läßt sie
auf Wiesen wachsen wie die Narzissen in unserem Aussee, weil es
damals so mühselig war, sie aus dem Wasser zu holen. Der dunkle
Fels, so nahe am Wasser, erinnert lebhaft an das Tal der Tepl bei
Karlsbad. „Karlsbad“ setzt mich nun in den Stand, mir den sonder-
baren Zug zu erklären, daß ich Herrn Zucker um den Weg frage.
Es sind hier in dem Material, aus dem der Traum gesponnen ist,
zwei jener lustigen jüdischen Anekdoten zu erkennen, die so viel
tiefsinnige, oft bittere Lebensweisheit verbergen, und die wir in Ge-
sprächen und Briefen so gern zitieren. Die eine ist die Geschichte von
der „Konstitution“, des Inhaltes, wie ein armer Jude ohne Fahrbillet
den Einlaß in den Eilzug nach Karlsbad erschleicht, dann ertappt,
bei jeder Revision vom Zuge gewiesen und immer härter behandelt
wird, und der dann einem Bekannten, welcher ihn auf einer seiner
Leidensstationen antrifft, auf die Frage, wohin er reise, zur Ant-
wort gibt: „Wenn’s meine Konstitution aus-
hält – nach Karlsbad.“ Nahe dabei ruht im Gedächtnis eine andere Geschichte von
einem des Französischen unkundigen Juden, dem eingeschärft wird,
in Paris nach dem Wege zur Rue Richelieu zu fragen. Auch Paris
war lange Jahre hindurch ein Ziel meiner Sehnsucht, und die Selig-
keit, in welcher ich zuerst den Fuß auf das Pflaster von Paris
setzte, nahm ich als Gewähr, daß ich auch die Erfüllung anderer
Wünsche erreichen werde. Das Um-den-Weg-Fragen ist ferner eine
direkte Anspielung an Rom, denn nach Rom führen bekanntlich
alle Wege. Übrigens deutet der Name Zucker wiederum auf Karls-
bad, wohin wir doch alle mit der konstitutionellen Krankheit
Diabetes Behafteten schicken. Der Anlaß dieses Traumes war der
Vorschlag meines Berliner Freundes, uns zu Ostern in Prag zu treffen.
Aus den Dingen, die ich mit ihm zu besprechen hatte, würde sich
eine weitere Beziehung zu Zucker und Diabetes ergeben.Ein vierter Traum, kurz nach dem letzterwähnten, bringt mich
wieder nach Rom. Ich sehe eine Straßenecke vor mir und wundere
mich darüber, daß dort so viele deutsche Plakate angeschlagen sind.
Tags vorher hatte ich meinem Freunde in prophetischer Voraussicht
geschrieben, Prag dürfte für deutsche Spaziergänger kein bequemer
Aufenthaltsort sein. Der Traum drückte also gleichzeitig den Wunsch
aus, ihn in Rom zu treffen anstatt in einer böhmischen Stadt, und
das wahrscheinlich aus der Studentenzeit stammende Interesse daran,
daß in Prag der deutschen Sprache mehr Duldung gewährt sein möge.
Die tschechische Sprache muß ich übrigens in meinen drei ersten
Kinderjahren verstanden haben, da ich in einem kleinen Orte MährensS.
148
mit slawischer Bevölkerung geboren bin. Ein tschechischer Kinder-
vers, den ich in meinem 17. Jahre gehört, hat sich meinem Gedächt-
nis mühelos so eingeprägt, daß ich ihn noch heute hersagen kann,
obwohl ich keine Ahnung von seiner Bedeutung habe. Es fehlt also
auch diesen Träumen nicht an mannigfaltigen Beziehungen zu den
Eindrücken meiner ersten Lebensjahre.
Auf meiner letzten Italienreise, die mich unter anderm am
Trasimenersee vorüberführte, fand ich endlich, nachdem ich den
Tiber gesehen und schmerzlich bewegt 80 Kilometer weit von Rom
umgekehrt war, die Verstärkung auf, welche meine Sehnsucht nach
der ewigen Stadt aus Jugendeindrücken bezieht. Ich erwog gerade
den Plan, nächstes Jahr an Rom vorbei nach Neapel zu reisen,
als mir ein Satz einfiel, den ich bei einem unsrer klassischen Schrift-
steller gelesen haben muß: Es ist fraglich, wer eifriger in seiner
Stube auf und ab lief, nachdem er den Plan gefaßt, nach Rom zu
gehen, der Konrektor Winckelmann oder der Feldherr Hanni-
bal. Ich war ja auf den Spuren Hannibals gewandelt; es war
mir so wenig wie ihm beschieden, Rom zu sehen, und auch er war
nach Kampanien gezogen, nachdem alle Welt ihn in Rom er-
wartet hatte. Hannibal, mit dem ich diese Ähnlichkeit erreicht
hatte, war aber der Lieblingsheld meiner Gymnasialjahre gewesen;
wie so viele in jenem Alter, hatte ich meine Sympathien während der
Punischen Kriege nicht den Römern, sondern dem Karthager zuge-
wendet. Als dann im Obergymnasium das erste Verständnis für die
Konsequenzen der Abstammung aus landesfremder Rasse erwuchs,
und die antisemitischen Regungen unter den Kameraden mahnten
Stellung zu nehmen, da hob sich die Gestalt des semitischen Feldherrn
noch höher in meinen Augen. Hannibal und Rom symbolisierten
dem Jüngling den Gegensatz zwischen der Zähigkeit des Judentums
und der Organisation der katholischen Kirche. Die Bedeutung, welche
die antisemitische Bewegung seither für unser Gemütsleben gewonnen
hat, verhalf dann den Gedanken und Empfindungen jener frühen
Zeit zur Fixierung. So ist der Wunsch, nach Rom zu kommen, für
das Traumleben zum Deckmantel und Symbol für mehrere andere
heißersehnte Wünsche geworden, an deren Verwirklichung man mit
der Ausdauer und Ausschließlichkeit des Puniers arbeiten möchte, und
deren Erfüllung zeitweilig vom Schicksal ebensowenig begünstigt
scheint wie der Lebenswunsch Hannibals, in Rom einzuziehen.
Und nun stoße ich erst auf das Jugenderlebnis, das in all diesen
Empfindungen und Träumen noch heute seine Macht äußert. Ich
mochte zehn oder zwölf Jahre gewesen sein, als mein Vater begann,
mich auf seine Spaziergänge mitzunehmen und mir in Gesprächen
seine Ansichten über die Dinge dieser Welt zu eröffnen. So erzählte
er mir einmal, um mir zu zeigen, in wie viel bessere Zeiten ich ge-
kommen sei als er: „Als ich ein junger Mensch war, bin ich in deinem
Geburtsorte am Samstag in der Straße spazieren gegangen, schön ge-
S.
149
Das infantile Moment zu den Romträumen.
kleidet, mit einer neuen Pelzmütze auf dem Kopfe. Da kommt ein
Christ daher, haut mir mit einem Schlage die Mütze in den Kot und
ruft dabei: Jud, herunter vom Trottoir! „Und was hast du getan?“
Ich bin auf den Fahrweg gegangen und habe die Mütze aufgehoben,
war die gelassene Antwort. Das schien mir nicht heldenhaft von
dem großen starken Manne, der mich Kleinen an der Hand führte.
Ich stellte dieser Situation, die mich nicht befriedigte, eine andere
gegenüber, die meinem Empfinden besser entsprach, die Szene, in
welcher Hannibals Vater Hamilkar*) Barkar seinen Knaben
vor dem Hausaltar schwören läßt, an den Römern Rache zu nehmen.
Seitdem hatte Hannibal einen Platz in meinen Phantasien.Ich meine, daß ich die Schwärmerei für den karthagischen Ge-
neral noch ein Stück weiter in meine Kindheit zurück verfolgen kann,
so daß es sich auch hier nur um die Übertragung einer bereits ge-
bildeten Affektrelation auf einen neuen Träger handeln dürfte. Eines
der ersten Bücher, das dem lesefähigen Kinde in die Hände fiel, war
Thiers’ Konsulat und Kaiserreich; ich erinnere mich, daß ich meinen
Holzsoldaten kleine Zettel mit den Namen der kaiserlichen Marschälle
auf den flachen Rücken geklebt, und daß damals schon Masséna (als
Jude Menasse) mein erklärter Liebling war. (Diese Bevorzugung
wird wohl auch durch den Zufall des gleichen Geburtsdatums, genau
hundert Jahre später, aufzuklären sein.) Napoleon selbst schließt
sich durch den Übergang über die Alpen an Hannibal an. Und
vielleicht ließe sich die Entwicklung dieses Kriegerideals noch weiter
zurück in die Kindheit verfolgen bis auf Wünsche, die der bald freund-
schaftliche, bald kriegerische Verkehr während der ersten drei Jahre
mit einem um ein Jahr älteren Knaben bei dem schwächeren der
beiden Gespielen hervorrufen mußte.Je tiefer man sich in die Analyse der Träume einläßt, desto
häufiger wird man auf die Spur von Kindheitserlebnissen geführt,
welche im latenten Trauminhalt eine Rolle als Traumquellen spielen.Wir haben gehört (p. 16), daß der Traum sehr selten Er-
innerungen so reproduziert, daß sie unverkürzt und unverändert den
alleinigen manifesten Trauminhalt bilden. Immerhin sind einige Bei-
spiele für dieses Vorkommen sichergestellt, zu denen ich einige neue
hinzufügen kann, die sich wiederum auf Infantilszenen beziehen. Bei
einem meiner Patienten brachte einmal ein Traum eine kaum entstellte
Wiedergabe eines sexuellen Vorfalles, die sofort als getreue Er-
innerung erkannt wurde. Die Erinnerung daran war im Wachen zwar nie völlig verloren gewesen, aber doch stark verdunkelt worden, und
ihre Neubelebung war ein Erfolg der vorausgegangenen analytischen
Arbeit. Der Träumer hatte mit zwölf Jahren einen bettlägerigen Kol-
*) In der ersten Auflage stand hier der Name: Hasdrubal, ein befremdender
Irrtum, dessen Aufklärung ich in meiner „Psychopathologie des Alltagslebens“
(1901, 1904, 4. Aufl. 1912) gegeben habe.S.
150
legen besucht, der sich wahrscheinlich nur zufällig bei einer Be-
wegung im Bette entblößte. Beim Anblick seiner Genitalien von einer
Art Zwang ergriffen, entblößte er sich selbst und faßte das Glied
des anderen, der ihn aber unwillig und verwundert ansah, worauf
er verlegen wurde und abließ. Diese Szene wiederholte ein Traum
23 Jahre später auch mit allen Einzelheiten der in ihr vorkommen-
den Empfindungen, veränderte sie aber dahin, daß der Träumer
anstatt der aktiven die passive Rolle übernahm, während die Person
des Schulkollegen durch eine der Gegenwart angehörige ersetzt
wurde.In der Regel freilich ist die Infantilszene im manifesten Traum-
inhalt nur durch eine Anspielung vertreten und muß durch Deutung
aus dem Traume entwickelt werden. Die Mitteilung solcher Beispiele
kann nicht sehr beweiskräftig ausfallen, weil ja für diese Kinder-
erlebnisse meistens jede andere Gewähr fehlt; sie werden, wenn sie in
ein frühes Alter fallen, von der Erinnerung nicht mehr anerkannt.
Das Recht, überhaupt aus Träumen auf solche Kindererlebnisse zu
schließen, ergibt sich bei der psychoanalytischen Arbeit aus einer
ganzen Reihe von Momenten, die in ihrem Zusammenwirken ver-
läßlich genug erscheinen. Zum Zwecke der Traumdeutung aus ihrem
Zusammenhange gerissen, werden solche Zurückführungen von Träu-
men auf Kindererlebnisse vielleicht wenig Eindruck machen, besonders
da ich nicht einmal alles Material mitteile, auf welches sich die
Deutung stützt. Indes will ich mich von der Mitteilung darum nicht
abhalten lassen.I. Bei einer meiner Patientinnen haben alle Träume den Charak-
ter des „Gehetzten“; sie hetzt sich, um zurecht zu kommen, den
Eisenbahnzug nicht zu versäumen u. dgl. In einem Traume soll sie
ihre Freundin besuchen; die Mutter hat ihr gesagt, sie soll fahren,
nicht gehen; sie läuft aber und fällt dabei in einem fort. – Das
bei der Analyse auftauchende Material gestattet, die Erinnerung an
Kinderhetzereien zu erkennen (man weiß, was der Wiener „eine
Hetz“ nennt), und gibt speziell für den einen Traum die Zurück-
führung auf den bei Kindern beliebten Scherz, den Satz: „Die Kuh
rannte bis sie fiel“ so rasch auszusprechen, als ob er ein einziges
Wort wäre, was wiederum ein „Hetzen“ ist. Alle diese harmlosen
Hetzereien unter kleinen Freundinnen werden erinnert, weil sie andere,
minder harmlose, ersetzen.II. Von einer anderen folgender Traum: Sie ist in einem
großen Zimmer, in dem allerlei Maschinen stehen, etwa so,
wie sie sich eine orthopädische Anstalt vorstellt. Sie hört,
daß ich keine Zeit habe, und daß sie die Behandlung gleich-
zeitig mit fünf anderen machen muß. Sie sträubt sich aber
und will sich in das für sie bestimmte Bett – oder was es
ist – nicht legen. Sie steht in einem Winkel und wartet,
daß ich sage, es ist nicht wahr. Die anderen lachen sie unter-S.
151
des aus, es sei Faxerei von ihr. – Daneben, als ob sie viele
kleine Quadrate machen würde.Der erste Teil dieses Trauminhaltes ist eine Anknüpfung an die
Kur und Übertragung auf mich. Der zweite enthält die Anspielung
an die Kinderszene; mit der Erwähnung des Bettes sind die beiden
Stücke aneinander gelötet. Die orthopädische Anstalt geht auf eine
meiner Reden zurück, in der ich die Behandlung ihrer Dauer wie
ihrem Wesen nach mit einer orthopädischen verglichen hatte.
Ich mußte ihr zu Anfang der Behandlung mitteilen, daß ich vor-
läufig wenig Zeit für sie habe, ihr aber später eine ganze
Stunde täglich widmen würde. Dies machte die alte Empfindlichkeit
in ihr rege, die ein Hauptcharakterzug der zur Hysterie bestimmten
Kinder ist. Sie sind unersättlich für Liebe. Meine Patientin war
die jüngste von sechs Geschwistern (daher: mit fünf anderen) und
als solche der Liebling des Vaters, scheint aber gefunden zu haben,
daß der geliebte Vater ihr noch zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit
widme. – Daß sie wartet, bis ich sage, es ist nicht wahr, hat fol-
gende Ableitung: Ein kleiner Schneiderjunge hatte ihr ein Kleid ge-
bracht, und sie ihm dafür das Geld mitgegeben. Dann fragte sie ihren
Mann, ob sie das Geld nochmals bezahlen müsse, wenn er es verliere.
Der Mann, um sie zu necken, versicherte: ja (die Neckerei im
Trauminhalt), und sie fragte immer wieder von neuem und wartete
darauf, daß er endlich sage, es ist nicht wahr. Nun läßt
sich für den latenten Trauminhalt der Gedanke konstruieren, ob sie
mir wohl das Doppelte bezahlen müsse, wenn ich ihr die doppelte
Zeit widme, ein Gedanke, der geizig oder schmutzig ist. (Die Un-
reinlichkeit der Kinderzeit wird sehr häufig vom Traume durch
Geldgeiz ersetzt; das Wort „schmutzig“ bildet dabei die Brücke.)
Wenn all das vom Warten, bis ich sage usw., das Wort „schmutzig“
im Traume umschreiben soll, so stimmt das Im-Winkel-Stehen und
das Sich-nicht-ins-Bett-Legen dazu als Bestandteil einer Kinder-
szene, in der sie das Bett schmutzig gemacht hätte, zur Strafe in den
Winkel gestellt wird unter der Androhung, daß sie der Papa nicht
mehr liebhaben werde, die Geschwister sie auslachen usw. Die kleinen
Quadrate zielen auf ihre kleine Nichte, die ihr die Rechenkunst ge-
zeigt, wie man in neun Quadrate, glaube ich, Zahlen so einschreibt,
daß sie, nach allen Richtungen addiert, 15 ergeben.III. Der Traum eines Mannes: Er sieht zwei Knaben, die
sich balgen, und zwar Faßbinderknaben, wie er aus den her-
umliegenden Gerätschaften schließt; einer der Knaben hat
den anderen niedergeworfen, der liegende Knabe hat Ohr-
ringe mit blauen Steinen. Er eilt dem Missetäter mit er-
hobenem Stocke nach, um ihn zu züchtigen. Dieser flüch-
tet zu einer Frau, die bei einem Bretterzaun steht, als ob
sie seine Mutter wäre. Es ist eine Taglöhnersfrau, die dem
Träumer den Rücken zuwendet. Endlich kehrt sie sich umS.
152
und schaut ihn mit einem gräßlichen Blicke an, so daß er er-
schreckt davonläuft. An ihren Augen sieht man vom un-
teren Lid das rote Fleisch verstehen.Der Traum hat triviale Begebenheiten des Vortages reichlich
verwertet. Er hat gestern wirklich zwei Knaben auf der Straße ge-
sehen, von denen einer den anderen hinwarf. Als er hinzu eilte, um
zu schlichten, ergriffen sie beide die Flucht. – Faßbinderknaben:
wird erst durch einen nachfolgenden Traum erklärt, in dessen Ana-
lyse er die Redensart gebraucht: Dem Faß den Boden ausschla-
gen. – Ohrringe mit blauen Steinen tragen nach seiner Beobachtung
meist die Prostituierten. So fügt sich ein bekannter Klapphorn-
vers von zwei Knaben an: Der andere Knabe, der hieß Marie
(d. h.: war ein Mädchen). – Die stehende Frau: Nach der Szene
mit den beiden Knaben ging er am Donauufer spazieren und benutzte
die Einsamkeit dort, um gegen einen Bretterzaun zu urinieren.
Auf dem weiteren Wege lächelte ihn eine anständig gekleidete ältere
Dame sehr freundlich an und wollte ihm ihre Adreßkarte überreichen.Da die Frau im Traume so steht wie er beim Urinieren, so
handelt es sich um ein urinierendes Weib, und dazu gehört dann der
gräßliche „Anblick“, das Vorstehen des roten Fleisches, was sich
nur auf die beim Kauern klaffenden Genitalien beziehen kann, die
in der Kinderzeit gesehen, in der späteren Erinnerung als „wildes
Fleisch“, als „Wunde“ wieder auftreten. Der Traum vereinigt zwei
Anlässe, bei denen der kleine Knabe die Genitalien kleiner Mädchen
sehen konnte, beim Hinwerfen und bei deren Urinieren, und
wie aus dem anderen Zusammenhang hervorgeht, bewahrt er die Er-
innerung an eine Züchtigung oder Drohung des Vaters wegen der
von dem Buben bei diesen Anlässen bewiesenen sexuellen Neugierde.IV. Eine ganze Summe von Kindererinnerungen, zu einer Phan-
tasie notdürftig vereinigt, findet sich hinter folgendem Traume einer
jüngeren Dame.Sie geht in Hetze aus, Kommissionen zu machen. Auf
dem Graben sinkt sie dann, wie zusammengebrochen, in
die Knie. Viele Leute sammeln sich um sie, besonders die
Fiakerkutscher; aber niemand hilft ihr auf. Sie macht viele
vergebliche Versuche; endlich muß es gelungen sein, denn
man setzt sie in einen Fiaker, der sie nach Hause bringen
soll; durchs Fenster wirft man ihr einen großen schwer
gefüllten Korb nach (ähnlich einem Einkaufskorbe).Es ist dieselbe, die in ihren Träumen immer gehetzt wird, wie
sie als Kind gehetzt hat. Die erste Situation des Traumes ist offenbar
von dem Anblicke eines gestürzten Pferdes hergenommen, wie auch
das „Zusammenbrechen“ auf Wettrennen deutet. Sie war in jungen
Jahren Reiterin, in noch jüngeren wahrscheinlich auch Pferd.
Zu dem Hinstürzen gehört die erste Kindheitserinnerung an den
17jährigen Sohn des Portiers, der, auf der Straße von epileptischenS.
153
Krämpfen befallen, im Wagen nach Hause gebracht wurde. Davon
hat sie natürlich nur gehört, aber die Vorstellung von epileptischen
Krämpfen, vom „Hinfallenden“ hat große Macht über ihre Phan-
tasie gewonnen und später ihre eigenen hysterischen Anfälle in
ihrer Form beeinflußt. – Wenn eine Frauensperson vom Fallen
träumt, so hat das wohl regelmäßig einen sexuellen Sinn, sie wird
eine „Gefallene“; für unseren Traum wird diese Deutung am
wenigsten zweifelhaft sein, denn sie fällt auf dem Graben, jenem
Platze von Wien, der als Korso der Prostitution bekannt ist. Der
Einkaufskorb gibt mehr als eine Deutung; als Korb erinnert er
an die vielen Körbe, die sie zuerst ihren Freiern ausgeteilt, und
später, wie sie meint, sich auch selbst geholt hat. Dazu gehört dann
auch, daß ihr niemand aufhelfen will, was sie selbst als Ver-
schmähtwerden auslegt. Ferner erinnert der Einkaufskorb an Phan-
tasien, die der Analyse bereits bekannt geworden sind, in denen sie
tief unter ihrem Stande geheiratet hat und nun selbst zu Markte ein-
kaufen geht. Endlich aber könnte der Einkaufskorb als Zeichen einer
dienenden Person gedeutet werden. Dazu kommen nun weitere
Kindheitserinnerungen, an eine Köchin, die weggeschickt wurde,
weil sie stahl; die ist auch so in die Knie gesunken und hat ge-
fleht. Sie war damals zwölf Jahre alt. Dann an ein Stubenmädchen,
das weggeschickt wurde, weil es sich mit dem Kutscher des Hauses
abgab, der sie übrigens später heiratete. Diese Erinnerung ergibt
uns also eine Quelle für die Kutscher im Traume (die sich im
Gegensatz zur Wirklichkeit der Gefallenen nicht annehmen). Es
bleibt aber noch das Nachwerfen des Korbes, und zwar durchs
Fenster, zu erklären. Das mahnt sie an das Expedieren des Ge-
päcks auf der Eisenbahn, an das „Fensterln“ auf dem Lande,
an kleine Eindrücke von dem Landaufenthalte, wie ein Herr einer
Dame blaue Pflaumen durchs Fenster in ihr Zimmer wirft, wie
ihre kleine Schwester sich gefürchtet, weil ein vorübergehender Trottel
durchs Fenster ins Zimmer sah. Und nun taucht dahinter eine dunkle
Erinnerung aus dem zehnten Lebensjahre auf, von einer Bonne,
die auf dem Lande Liebesszenen mit einem Diener des Hauses auf-
führte, von denen das Kind doch etwas gemerkt haben konnte, und
die mitsamt ihrem Liebhaber „expediert“, „hinausgeworfen“
wurde (im Traume der Gegensatz: „hineingeworfen“), eine Ge-
schichte, der wir uns auch von mehreren anderen Wegen her genähert
hatten. Das Gepäck, der Koffer einer dienenden Person, wird aber
in Wien geringschätzig als die „sieben Zwetschken“ bezeichnet.
„Pack’ deine sieben Zwetschken zusammen und geh’.“
An solchen Träumen von Patienten, deren Analyse zu dunkel
oder gar nicht mehr erinnerten Kindereindrücken, oft aus den ersten
drei Lebensjahren, führt, hat meine Sammlung natürlich überreichen
Vorrat. Es ist aber mißlich, Schlüsse aus ihnen zu ziehen, die für
den Traum im allgemeinen gelten sollen; es handelt sich ja regelmäßigS.
154
um neurotische, speziell hysterische Personen, und die Rolle, welche
den Kinderszenen in diesen Träumen zufällt, könnte durch die Natur
der Neurose und nicht durch das Wesen des Traumes bedingt sein.
Indes begegnet es mir bei der Deutung meiner eigenen Träume, die
ich doch nicht wegen grober Leidenssymptome unternehme, ebenso
oft, daß ich im latenten Trauminhalt unvermutet auf eine Infantil-
szene stoße, und daß mir eine ganze Serie von Träumen mit einem-
mal in die von einem Kindererlebnis ausgehenden Bahnen einmündet.
Beispiele hiefür habe ich schon erbracht und werde ich noch bei
verschiedenen Anlässen weiter erbringen. Vielleicht kann ich den
ganzen Abschnitt nicht besser beschließen als durch Mitteilung
einiger eigenen Träume, in denen rezente Anlässe und langvergessene
Kindererlebnisse mitsammen als Traumquellen auftreten.Nachdem ich gereist bin, müde und hungrig das Bett aufgesucht
habe, melden sich im Schlafe die großen Bedürfnisse des Lebens und
ich träume: Ich gehe in eine Küche, um mir Mehlspeise
geben zu lassen. Dort stehen drei Frauen, von denen eine
die Wirtin ist und etwas in der Hand dreht, als ob sie
Knödel machen würde. Sie antwortet, daß ich warten soll,
bis sie fertig ist (nicht deutlich als Rede). Ich werde un-
geduldig und gehe beleidigt weg. Ich ziehe einen Über-
rock an; der erste, den ich versuche, ist mir aber zu lang.
Ich ziehe ihn wieder aus, etwas überrascht, daß er Pelz-
besatz hat. Ein zweiter, den ich anziehe, hat einen langen
Streifen mit türkischer Zeichnung eingesetzt. Ein Fremder
mit langem Gesichte und kurzem Spitzbarte kommt hinzu
und hindert mich am Anziehen, indem er ihn für den seinen
erklärt. Ich zeige ihm nun, daß er über und über türkisch
gestickt ist. Er fragt: Was gehen Sie die türkischen (Zeich-
nungen, Streifen …) an? Wir sind aber dann ganz freund-
lich miteinander.In der Analyse dieses Traumes fällt mir ganz unerwartet der
erste Roman ein, den ich, vielleicht 13jährig, gelesen, d. h. mit dem
Ende des ersten Bandes begonnen hatte. Den Namen des Romans
und seines Autors habe ich nie gewußt, aber der Schluß ist mir nun
in lebhafter Erinnerung. Der Held verfällt in Wahnsinn und ruft
beständig die drei Frauennamen, die ihm im Leben das größte Glück
und das Unheil bedeutet haben. Pélagie ist einer dieser Namen.
Noch weiß ich nicht, was ich mit diesem Einfall in der Analyse
beginnen werde. Da tauchen zu den drei Frauen die drei Parzen
auf, die das Geschick des Menschen spinnen, und ich weiß, daß eine
der drei Frauen, die Wirtin im Traume, die Mutter ist, die das
Leben gibt, mitunter auch, wie bei mir, dem Lebenden die erste
Nahrung. An der Frauenbrust treffen sich Liebe und Hunger. Ein
junger Mann, erzählt die Anekdote, der ein großer Verehrer der
Frauenschönheit wurde, äußerte einmal, als die Rede auf die schöneS.
155
Amme kam, die ihn als Säugling genährt: es tue ihm leid, die gute
Gelegenheit damals nicht besser ausgenutzt zu haben. Ich pflege
mich der Anekdote zur Erläuterung für das Moment der Nach-
träglichkeit in dem Mechanismus der Psychoneurosen zu bedienen.
– Die eine der Parzen also reibt die Handflächen aneinander, als ob
sie Knödel machen würde. Eine sonderbare Beschäftigung für eine
Parze, welche dringend der Aufklärung bedarf! Diese kommt nun
aus einer anderen und früheren Kindererinnerung. Als ich sechs
Jahre alt war und den ersten Unterricht bei meiner Mutter genoß,
sollte ich glauben, daß wir aus Erde gemacht sind und darum zur
Erde zurückkehren müssen. Es behagte mir aber nicht und ich
zweifelte die Lehre an. Da rieb die Mutter die Handflächen anein-
ander – ganz ähnlich wie beim Knödelmachen, nur daß sich kein
Teig zwischen ihnen befindet – und zeigte mir die schwärzlichen
Epidermisschuppen, die sich dabei abreiben, als eine Probe der
Erde, aus der wir gemacht sind, vor. Mein Erstaunen über diese
Demonstration ad oculos war grenzenlos, und ich ergab mich in das,
was ich später in den Worten ausgedrückt hören sollte: Du bist der
Natur einen Tod schuldig*). So sind es also wirklich Parzen, zu
denen ich in die Küche gehe, wie so oft in den Kinderjahren, wenn
ich hungrig war, und die Mutter beim Herd mich mahnte zu warten,
bis das Mittagessen fertig sei. Und nun nun die Knödel! Wenigstens
einer meiner Universitätslehrer, aber gerade der, dem ich meine histo-
logischen Kenntnisse (Epidermis) verdanke, könnte sich bei dem
Namen Knödel an eine Person erinnern, die er belangen mußte, weil
sie ein Plagiat an seinen Schriften begangen hatte. Ein Plagiat
begehen, sich aneignen, was man bekommen kann, auch wenn es
einem anderen gehört, leitet offenbar zum zweiten Teil des Traumes,
in dem ich wie der Überrockdieb behandelt werde, der eine Zeit-
lang in den Hörsälen sein Wesen trieb. Ich habe den Ausdruck
Plagiat niedergeschrieben, absichtslos, weil er sich mir darbot, und
nun merke ich, daß er dem latenten Trauminhalt angehören muß,
weil er als Brücke zwischen den verschiedenen Stücken des manifesten
Trauminhaltes dienen kann. Die Assoziationskette – Pélagie –
Plagiat – Plagiostomen**) (Haifische) – Fischblase ver-
bindet den alten Roman mit der Affäre Knödl und mit den Über-
ziehern, die ja offenbar ein Gerät der sexuellen Technik bedeuten.
(Vgl. Maurys Traum vom Kilo – Lotto, p. 45.) Eine höchst
gezwungene und unsinnige Verbindung zwar, aber doch keine, die ich
im Wachen herstellen könnte, wenn sie nicht schon durch die Traum-
arbeit hergestellt wäre. Ja, als ob dem Drange, Verbindungen zu er-
*)Beide zu diesen Kinderszenen gehörigen Affekte, das Erstaunen und die
Ergebung ins Unvermeidliche, fanden sich in einem Traume kurz vorher, der
mir zuerst die Erinnerung an dieses Kindererlebnis wiederbrachte.**)Die Plagiostomen ergänze ich nicht willkürlich; sie mahnen mich
an eine ärgerliche Gelegenheit von Blamage vor demselben Lehrer.S.
156
zwingen, gar nichts heilig wäre, dient nun der teure Name Brücke
(Wortbrücke s. o.) dazu, mich an dasselbe Institut zu erinnern, in
dem ich meine glücklichsten Stunden als Schüler verbracht, sonst
ganz bedürfnislos („So wird’s Euch an der Weisheit Brüsten mit
jedem Tage mehr gelüsten“), im vollsten Gegensatz zu den Be-
gierden, die mich, während ich träume, plagen. Und endlich taucht
die Erinnerung an einen anderen teuren Lehrer auf, dessen Name
wiederum an etwas Eßbares anklingt (Fleischl, wie Knödl) und
an eine traurige Szene, in der Epidermisschuppen eine Rolle
spielen (die Mutter – Wirtin) und Geistesstörung (der Roman) und
ein Mittel aus der lateinischen Küche, das den Hunger benimmt, das
Kokain.So könnte ich den verschlungenen Gedankenwegen weiterfolgen
und das in der Analyse fehlende Stück des Traumes voll aufklären,
aber ich muß es unterlassen, weil die persönlichen Opfer, die es
erfordern würde, zu groß sind. Ich greife nur einen der Fäden auf,
der direkt zu einem der dem Gewirre zu grunde liegenden Traum
gedanken führen kann. Der Fremde mit langem Gesichte und Spitz
barte, der mich am Anziehen hindern will, trägt die Züge eines
Kaufmannes in Spalato, bei dem meine Frau reichlich türkische
Stoffe eingekauft hat. Er hieß Popović, ein verdächtiger Name, der
auch dem Humoristen Stettenheim zu einer andeutungsvollen Be-
merkung Anlaß gegeben hat. („Er nannte mir seinen Namen und
drückte mir errötend die Hand.“) Übrigens derselbe Mißbrauch mit
Namen wie oben mit Pélagie, Knödl, Brücke, Fleischl. Daß
solche Namenspielerei Kinderunart ist, darf man ohne Widerspruch
behaupten; wenn ich mich in ihr ergehe, ist es aber ein Akt der
Vergeltung, denn mein eigener Name ist unzähligemale solchen
schwachsinnigen Witzeleien zum Opfer gefallen. Goethe bemerkte
einmal, wie empfindlich man für seinen Namen ist, mit dem man
sich verwachsen fühlt wie mit seiner Haut, als Herder auf seinen
Namen dichtete:„Der du von Göttern abstammst, von Goten oder vom Kote“ –
„So seid ihr Götterbilder auch zu Staub.“Ich merke, daß die Abschweifung über den Mißbrauch von
Namen nur diese Klage vorbereiten sollte. Aber brechen wir hier
ab. – Der Einkauf in Spalato mahnt mich an einen anderen Ein-
kauf in Cattaro, bei dem ich allzu zurückhaltend war und die Ge-
legenheit zu schönen Erwerbungen versäumte. (Die Gelegenheit bei
der Amme versäumt, s. o.) Einer der Traumgedanken, die dem
Träumer der Hunger eingibt, lautet nämlich: Man soll sich nichts
entgehen lassen, nehmen, was man haben kann, auch wenn
ein kleines Unrecht dabei mitläuft; man soll keine Ge-
legenheit versäumen, das Leben ist so kurz, der Tod un-
vermeidlich. Weil es auch sexuell gemeint ist und weil die Be-S.
157
Ein revolutionärer Traum.
gierde vor dem Unrecht nicht haltmachen will, hat dieses „carpe
diem“ die Zensur zu fürchten und muß sich hinter einem Traume
verbergen. Dazu kommen nun alle Gegengedanken zu Wort, die
Erinnerung an die Zeit, da die geistige Nahrung dem Träumer
allein genügte, alle Abhaltungen und selbst die Drohungen mit den
ekelhaften sexuellen Strafen.II. Ein zweiter Traum erfordert einen längeren Vorbericht:
Ich bin auf den Westbahnhof gefahren, um meine Ferienreise
nach Aussee anzutreten, gehe aber schon zum früher abgehenden
Ischler Zuge auf den Perron. Dort sehe ich nun den Grafen Thun
dastehen, der wiederum zum Kaiser nach Ischl fährt. Er war trotz
des Regens im offenen Wagen angekommen, direkt durch die Ein-
gangstür für Lokalzüge hinausgetreten und hatte den Türhüter, der
ihn nicht kannte und ihm das Billett abnehmen wollte, mit einer
kurzen Handbewegung ohne Erklärung von sich gewiesen. Ich soll
dann, nachdem er im Ischler Zuge abgefahren ist, den Perron wieder
verlassen und in den heißen Wartesaal zurückgehen, setze es aber
mühselig durch, daß ich bleiben darf. Ich vertreibe mir die Zeit,
aufzupassen, wer da kommen wird, um sich auf dem Protektionswege
ein Coupé anweisen zu lassen; nehme mir vor, dann Lärm zu schlagen,
d. h. gleiches Recht zu verlangen. Unterdessen singe ich mir etwas
vor, was ich dann als die Arie aus Figaros Hochzeit erkenne:„Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen,
Tänzelein wagen,
Soll er’s nur sagen,
Ich spiel’ ihm eins auf.“(Ein anderer hätte den Gesang vielleicht nicht erkannt.)
Ich war den ganzen Abend in übermütiger, streitlustiger Stim-
mung gewesen, hatte Kellner und Kutscher gefrozzelt, hoffentlich
ohne ihnen wehe zu tun; nun gehen mir allerlei freche und revolu-
tionäre Gedanken durch den Kopf, wie sie zu den Worten Figaros
passen und zur Erinnerung an die Komödie von Beaumarchais,
die ich in der Comédie française aufführen gesehen. Das Wort von
den großen Herren, die sich die Mühe gegeben haben, geboren zu
werden; das Herrenrecht, das der Graf Almaviva bei Susanne zur
Geltung bringen will; die Scherze, die unsere bösen oppositionellen
Tagschreiber mit dem Namen des Grafen Thun anstellen, indem sie
ihn Graf Nichtsthun nennen. Ich beneide ihn wirklich nicht; er hat
jetzt einen schweren Gang zum Kaiser, und ich bin der eigentliche
Graf Nichtsthun; ich gehe auf Ferien. Allerlei lustige Ferien-
vorsätze dazu. Es kommt nun ein Herr, der mir als Regierungs-
vertreter bei den medizinischen Prüfungen bekannt ist, und der sich
durch seine Leistungen in dieser Rolle den schmeichelhaften Bei-
namen des „Regierungsbeischläfers“ zugezogen hat. Er verlangt unter
Berufung auf seine amtliche Eigenschaft ein Halbcoupé erster KlasseS.
158
und ich höre den Beamten zu einem anderen sagen: Wo geben wir
den Herrn mit der halben Ersten hin? Eine nette Bevorzugung; ich
zahle meine erste Klasse ganz. Ich bekomme dann auch ein Coupé
für mich, aber nicht in einem durchgehenden Wagen, so daß mir die
Nacht über kein Abort zur Verfügung steht. Meine Klage beim
Beamten hat keinen Erfolg; ich räche mich, indem ich ihm den Vor-
schlag mache, in diesem Coupé wenigstens ein Loch im Boden an-
bringen zu lassen für etwaige Bedürfnisse der Reisenden. Ich er-
wache auch wirklich um 3/43 Uhr morgens mit Harndrang aus nach-
stehendem Traume.Menschenmenge, Studentenversammlung – Ein Graf (Thun
oder Taaffe) redet. Aufgefordert, etwas über die Deutschen
zu sagen, erklärt er mit höhnischer Gebärde für ihre Lieb-
lingsblume den Huflattich und steckt dann etwas wie ein
zerfetztes Blatt, eigentlich ein zusammengeknülltes Blatt-
gerippe ins Knopfloch. Ich fahre auf, fahre also auf*), wun-
dere mich aber doch über diese meine Gesinnung. Dann un-
deutlicher: Als ob es die Aula wäre, die Zugänge besetzt,
und man müßte fliehen. Ich bahne mir den Weg durch eine
Reihe von schön eingerichteten Zimmern, offenbar Re-
gierungszimmern mit Möbeln in einer Farbe zwischen
braun und violett, und komme endlich in einen Gang,
in dem eine Haushälterin, ein älteres dickes Frauen-
zimmer, sitzt. Ich vermeide es, mit ihr zu sprechen; sie hält mich
aber offenbar für berechtigt, hier zu passieren, denn sie
fragt, ob sie mit der Lampe mitgehen soll. Ich deute oder
sage ihr, sie soll auf der Treppe stehen bleiben, und komme
mir dabei sehr schlau vor, daß ich die Kontrolle am Ende
vermeide. So bin ich drunten und finde einen schmalen,
steil aufsteigenden Weg, den ich gehe.Wieder undeutlich … Als ob jetzt die zweite Aufgabe
käme, aus der Stadt wegzukommen, wie früher aus dem
Hause. Ich fahre in einem Einspänner und gebe ihm Auf-
trag, zu einem Bahnhofe zu fahren. „Auf der Bahnstrecke
selbst kann ich nicht mit Ihnen fahren,“ sage ich, nachdem
er einen Einwand gemacht hat, als ob ich ihn übermüdet
hätte. Dabei ist es, als wäre ich schon eine Strecke mit ihm
gefahren, die man sonst mit der Bahn fährt. Die Bahnhöfe
sind besetzt, ich überlege, ob ich nach Krems oder Znaim
soll, denke aber dort wird der Hof sein, und entscheide mich
für Graz oder so etwas. Nun sitze ich im Waggon, der ähn-
lich einem Stadtbahnwagen ist, und habe im Knopfloch ein
*)Diese Wiederholung hat sich, scheinbar aus Zerstreutheit, in den Text
des Traumes eingeschlichen und wird von mir belassen, da die Analyse zeigt,
daß sie ihre Bedeutung hat.S.
159
eigentümlich geflochtenes, langes Ding, daran violett-
braune Veilchen aus starrem Stoffe, was den Leuten sehr
auffällt. Hier bricht die Szene ab.
Ich bin wieder vor dem Bahnhofe, aber zu zweit mit
einem älteren Herrn, erfinde einen Plan, um unerkannt zu
bleiben, sehe diesen Plan aber auch schon ausgeführt. Den-
ken und Erleben ist hier gleichsam eins. Er stellt sich blind,
wenigstens auf einem Auge, und ich halte ihm ein männli-
ches Uringlas vor (das wir in der Stadt kaufen mußten oder
gekauft haben). Ich bin also sein Krankenpfleger und muß
ihm das Glas geben, weil er blind ist. Wenn der Kondukteur
uns so sieht, muß er uns als unauffällig entkommen lassen.
Dabei ist die Stellung des Betreffenden und sein urinie-
rendes Glied plastisch gesehen. Darauf das Erwachen mit
Harndrang.Der ganze Traum macht etwa den Eindruck einer Phantasie,
die den Träumer in das Revolutionsjahr 1848 versetzt, dessen An-
denken ja durch das Jubiläum des Jahres 1898 erneuert war, wie
überdies durch einen kleinen Ausflug in die Wachau, bei dem ich
Emmersdorf kennen gelernt hatte, welchen Ort ich fälschlich für den
Ruhesitz des Studentführers Fischhof hielt, auf den einige Züge
des manifesten Trauminhaltes weisen mögen. Die Gedankenverbindung
führt mich dann nach England, in das Haus meines Bruders, der
seiner Frau scherzhaft vorzuhalten pflegte „Fifty years ago“ nach
dem Titel eines Gedichtes von Lord Tennyson, worauf die Kinder
zu rektifizieren gewöhnt waren: „Fifteen years ago.“ Diese Phantasie,
die sich an die Gedanken anschließt, welche der Anblick des Grafen
Thun hervorgerufen hatte, ist aber nur wie die Fassade italienischer
Kirchen ohne organischen Zusammenhang dem Gebäude dahinter vor-
gesetzt; anders als diese Fassaden ist sie übrigens lückenhaft, ver-
worren, und Bestandteile aus dem Innern drängen sich an vielen Stellen
durch. Die erste Situation des Traumes ist aus mehreren Szenen zu-
sammengebraut, in die ich sie zerlegen kann. Die hochmütige Stellung
des Grafen im Traume ist kopiert nach einer Gymnasialszene aus
meinem 15. Jahre. Wir hatten gegen einen mißliebigen und ignoran-
ten Lehrer eine Verschwörung angezettelt, deren Seele ein Kollege war,
der sich seitdem Heinrich VIII. von England zum Vorbilde ge-
nommen zu haben scheint. Die Führung des Hauptschlages fiel mir
zu, und eine Diskussion über die Bedeutung der Donau für Österreich
(Wachau!) war der Anlaß, bei dem es zur offenen Empörung kam.
Ein Mitverschworener war der einzige aristokratische Kollege, den
wir hatten, wegen seiner auffälligen Längenentwicklung die „Giraffe“
genannt, und der stand, vom Schultyrannen, dem Professor der deut-
schen Sprache, zur Rede gestellt, so da wie der Graf im Traume. Das
Erklären der Lieblingsblume und Ins-Knopfloch-Stecken von etwas,
was wieder eine Blume sein muß (was an die Orchideen erinnert, dieS.
160
Ich einer Freundin am selben Tage gebracht hatte, und außerdem an
eine Rose von Jericho), mahnt auffällig an die Szene aus den Königs
dramen Shakespeares, die den Bürgerkrieg der roten und der
weißen Rose eröffnet; die Erwähnung Heinrichs VIII. hat den Weg
zu dieser Reminiszenz gebahnt. Dann ist es nicht weit von den Rosen
zu den roten und weißen Nelken. (Dazwischen schieben sich in der
Analyse zwei Verselein ein, eins deutsch, das andere spanisch:
Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken. – Isabelita, no llores
que se marchitan las flores. Das Spanische vom Figaro her.) Die
weißen Nelken sind bei uns in Wien das Abzeichen der Antisemiten,
die roten das der Sozialdemokraten geworden. Dahinter eine Er
innerung an eine antisemitische Herausforderung während einer Eisen
bahnfahrt im schönen Sachsenland (Angelsachsen). Die dritte
Szene, welche Bestandteile für die Bildung der ersten Traumsitu
ation abgegeben hat, fällt in meine erste Studentenzeit. In einem
deutschen Studentenvereine gab es eine Diskussion über das Ver
hältnis der Philosophie zu den Naturwissenschaften. Ich grüner
Junge, der materialistischen Lehre voll, drängte mich vor, um
einen höchst einseitigen Standpunkt zu vertreten. Da erhob sich ein
überlegener älterer Kollege, der seitdem seine Fähigkeit erwiesen
hat, Menschen zu lenken und Massen zu organisieren, der übrigens
auch einen Namen aus dem Tierreiche trägt, und machte uns
tüchtig herunter; auch er habe in seiner Jugend die Schweine
gehütet und sei dann reuig ins Vaterhaus zurückgekehrt. Ich fuhr
auf (wie im Traume), wurde saugrob und antwortete, seitdem ich
wüßte, daß er die Schweine gehütet, wunderte ich mich nicht
mehr über den Ton seiner Reden. (Im Traume wundere ich mich
über meine deutschnationale Gesinnung.) Großer Aufruhr; ich wurde
von vielen Seiten aufgefordert, meine Worte zurückzunehmen, blieb
aber standhaft. Der Beleidigte war zu verständig, um das Ansinnen
einer Herausforderung, das man an ihn richtete, anzunehmen, und
ließ die Sache auf sich beruhen.Die übrigen Elemente der Traumszene stammen aus tieferen
Schichten. Was soll es bedeuten, daß der Graf den „Huflattich“
proklamiert? Hier muß ich meine Assoziationsreihe befragen. Huf
lattich – lattice – Salat – Salathund (der Hund, der anderen
nicht gönnt, was er doch selber nicht frißt). Hier sieht man durch
auf einen Vorrat an Schimpfwörtern: Gir-
affe, Schwein, Sau,
Hund; ich wüßte auch auf dem Umwege über einen Namen zu einem
Esel zu gelangen und damit wieder zu einem Hohn auf einen aka
demischen Lehrer. Außerdem übersetze ich mir – ich weiß nicht,
ob mit Recht – Huflattich mit „pisse-
en-
lit“; die Kenntnis
kommt mir aus dem Germinal Zolas, in dem die Kinder auf
gefordert werden, solchen Salat mitzubringen. Der Hund – chien –
enthält in seinem Namen einen Anklang an die größere Funktion
(chier, wie pisser für die kleineren). Nun werden wir bald dasS.
161
Ein revolutionärer Traum.
Unanständige in allen drei Aggregatzuständen beisammen haben; denn
im selben Germinal, der mit der künftigen Revolution genug zu tun
hat, ist ein ganz eigentümlicher Wettkampf beschrieben, der sich auf
die Produktion gasförmiger Exkretionen, Flatus genannt, bezieht*).
Und nun muß ich bemerken, wie der Weg zu diesen Flatus seit langem
angelegt ist, von den Blumen aus über das spanische Verslein,
die Isabelita, zu Isabella und Ferdinand, über Heinrich VIII.,
die englische Geschichte zum Kampfe der Armada gegen England,
nach dessen siegreicher Beendigung die Engländer eine Medaille präg-
ten mit der Inschrift: Afflavit et dissipati sunt, da der Sturmwind die
spanische Flotte zerstreut hatte. Diesen Spruch gedachte ich aber zur
halb scherzhaft gemeinten Überschrift des Kapitels „Therapie“ zu
nehmen, wenn ich je dazu gelangen sollte, ausführliche Kunde von
meiner Auffassung und Behandlung der Hysterie zu geben.Von der zweiten Szene des Traumes kann ich eine so ausführ-
liche Auflösung nicht geben, und zwar aus Rücksichten der Zensur.
Ich setze mich hier nämlich an die Stelle eines hohen Herrn jener
Revolutionszeit, der auch ein Abenteuer mit einem Adler gehabt,
an incontinentia alvi gelitten haben soll u. dgl., und ich glaube, ich
wäre nicht berechtigt, hier die Zensur zu passieren, obwohl
ein Hofrat (Aula, consiliarius aulicus) mir den größeren Teil
jener Geschichten erzählt hat. Die Reihe von Zimmern im Traume
verdankt ihre Anregung dem Salonwagen Sr. Exzellenz, in den ich
einen Moment hineinblicken konnte; sie bedeutet aber, wie so häufig
im Traume, Frauenzimmer (ärarische Frauenzimmer). Mit der
Person der Haushälterin statte ich einer geistreichen älteren Dame
schlechten Dank für die Bewirtung und die vielen guten Geschichten
ab, die mir in ihrem Hause geboten worden sind. – Der Zug mit
der Lampe geht auf Grillparzer zurück, der ein reizendes Erlebnis
ähnlichen Inhaltes notiert und dann in Hero und Leander (des
Meeres und der Liebe Wellen – die Armada und der Sturm)
verwendet hat**).Auch die detaillierte Analyse der beiden übrigen Traumstücke
muß ich zurückhalten; ich werde nur jene Elemente herausgreifen,
die zu den beiden Kinderszenen führen, um deren Willen ich den
Traum überhaupt aufgenommen habe. Man wird mit Recht vermuten,
daß es sexuelles Material ist, welches mich zu dieser Unterdrückung*)Nicht im Germinal, sondern in La Terre. Ein Irrtum, der mir erst
nach der Analyse bemerklich wird. – Ich mache übrigens auf die identischen
Buchstaben in Huflattich und Flatus aufmerksam.**)An diesem Teil des Traumes hat H. Silberer in einer inhaltsreichen
Arbeit (Phantasie und Mythos, 1910) zu zeigen versucht, daß die Traumarbeit
nicht nur die latenten Traumgedanken, sondern auch die psychischen Vorgänge
bei der Traumbildung wiederzugeben vermöge. („Das funktionale Phänomen“)
Ich meine aber, er übersieht dabei, daß die „psychischen Vorgänge bei der Traum-
bildung“ für mich ein Gedankenmaterial sind wie alles andere. In diesem über-
mütigen Traum bin ich offenbar stolz darauf, diese Vorgänge entdeckt zu haben.Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 11
S.
162
nötigt; man braucht sich aber mit dieser Aufklärung nicht zufrieden
zu geben. Man macht doch sich selbst aus vielem kein Geheimnis,
was man vor anderen als Geheimnis behandeln muß, und hier handelt
es sich nicht um die Gründe, die mich nötigen, die Lösung zu ver-
bergen, sondern um die Motive der inneren Zensur, welche den eigent-
lichen Inhalt des Traumes vor mir selbst verstecken. Ich muß also
darum sagen, daß die Analyse diese drei Traumstücke als impertinente
Prahlereien, als Ausfluß eines lächerlichen, in meinem wachen Leben
längst unterdrückten Größenwahnes erkennen läßt, der sich mit ein-
zelnen Ausläufern bis in den manifesten Trauminhalt wagt (ich
komme mir schlau vor), allerdings die übermütige Stimmung des
Abends vor dem Träumen trefflich verstehen läßt. Prahlerei zwar auf
allen Gebieten; so geht die Erwähnung von Graz auf die Redensart:
Was kostet Graz? in der man sich gefällt, wenn man sich über-
reich mit Geld versehen glaubt. Wer an Meister Rabelais’ unüber-
troffene Schilderung von dem Leben und Taten des Gargantua und
seines Sohnes Pantagruel denken will, wird auch den angedeuteten
Inhalt des ersten Traumstückes unter die Prahlereien einreihen können.
Zu den zwei versprochenen Kinderszenen gehört aber folgendes: Ich
hatte für diese Reise einen neuen Koffer gekauft, dessen Farbe, ein
Braunviolett, im Traume mehrmals auftritt (violettbraune Veil-
chen aus starrem Stoffe neben einem Dinge, das man „Mädchenfänger“
heißt – die Möbel in den Regierungszimmern). Daß man mit etwas
Neuem den Leuten auffällt, ist ein bekannter Kinderglaube. Nun
ist mir folgende Szene aus meinem Kinderleben erzählt worden, deren
Erinnerung ersetzt ist durch die Erinnerung an die Erzählung. Ich
soll – im Alter von zwei Jahren – noch gelegentlich das Bett
naß gemacht haben, und als ich dafür Vorwürfe zu hören bekam,
den Vater durch das Versprechen getröstet haben, daß ich ihm in
N. (der nächsten größeren Stadt) ein neues, schönes, rotes Bett
kaufen werde. (Daher im Traume die Einschaltung, daß wir das Glas
in der Stadt gekauft haben oder kaufen mußten; was man
versprochen hat, muß man halten.) (Man beachte übrigens die Zu-
sammenstellung des männlichen Glases und des weiblichen Koffers,
box.) Der ganze Größenwahn des Kindes ist in diesem Versprechen
enthalten. Die Bedeutung der Harnschwierigkeiten des Kindes für den
Traum ist uns bereits bei einer früheren Traumdeutung (vgl. den
Traum p. 151) aufgefallen. Aus den Psychoanalysen an Neurotischen
haben wir auch den intimen Zusammenhang des Bettnässens mit dem
Charakterzug des Ehrgeizes erkannt.Dann gab es aber einmal einen anderen häuslichen Anstand, als
ich sieben oder acht Jahre alt war, an den ich mich sehr wohl erinnere.
Ich setzte mich abends vor dem Schlafengehen über das Gebot der
Diskretion hinweg, Bedürfnisse nicht im Schlafzimmer der Eltern in
deren Anwesenheit zu verrichten, und der Vater ließ in seiner Straf-
rede darüber die Bemerkung fallen: aus dem Buben wird nichts wer-S.
163
den. Es muß eine furchtbare Kränkung für meinen Ehrgeiz gewesen
sein, denn Anspielungen an diese Szene kehren immer in meinen
Träumen wieder und sind regelmäßig mit Aufzählung meiner Leistun-
gen und Erfolge verknüpft, als wollte ich sagen: Siehst du, ich bin
doch etwas geworden. Diese Kinderszene gibt nun den Stoff für das
letzte Bild des Traumes, in dem natürlich zur Rache die Rollen ver-
tauscht sind. Der ältere Mann, offenbar der Vater, da die Blindheit
auf einem Auge sein einseitiges Glaukom bedeutet*), uriniert jetzt
vor mir wie ich damals vor ihm. Mit dem Glaukom mahne ich ihn
an das Kokain, daß ihm bei der Operation zu gute kam, als hätte ich
damit mein Versprechen erfüllt. Außerdem mache ich mich über
ihn lustig, weil er blind ist, muß ich ihm das Glas vorhalten und
schwelge in Anspielun-
gen auf meine Erkenntnisse in der Lehre von
der Hysterie, auf die ich stolz bin**).
*)Andere Deutung: Er ist einäugig wie Odhins, der Götterva-
ter. –
Odhins Trost. – Der Trost aus der Kinderszene, daß ich ihm ein neues Bett
kaufen werde.**)Dazu einiges Deutungsma-
terial: Das Vorhalten des Glases erinnert an
die Geschichte vom Bauern, der beim Optiker Glas nach Glas versucht, aber nicht
lesen kann. – (Bauernfänger – Mädchenfänger im vorigen Traum-
stück.)
– Die Behandlung des schwachsinnig gewordenen Vaters bei den Bauern in
Zolas La Terre. – Die traurige Genugtuung, daß der Vater in seinen letzten
Lebensta-
gen wie ein Kind das Bett beschmutzt hat; daher bin ich im Traume
sein Krankenpfleger. – Denken und Erleben sind hier gleichsam eins; er-
innert an ein stark revolutio-
näres Buchdrama von Oskar Panizza, in dem
Gottvater als paralytischer Greis schmählich genug behandelt wird; dort heißt
es: Wille und Tat sind bei ihm eins, und er muß von seinem Erzengel, einer
Art Ganymed, abgehalten werden zu schimpfen und zu fluchen, weil diese Ver-
wünschungen sich sofort erfüllen würden. – Das Plänema-
chen ist ein aus
späterer Zeit der Kritik stammender Vorwurf gegen den Vater, wie überhaupt
der ganze rebellische, majestätsbe-
leidigende und die hohe Obrigkeit verhöhnen-
de
Inhalt des Traumes auf Auflehnung gegen den Vater zurückgeht. Der Fürst
heißt Landesvater, und der Vater ist die älteste, erste, für das Kind einzige
Autorität, aus dessen Machtvollkommenheit im Laufe der menschlichen Kultur-
geschichte die anderen sozialen Obrigkeiten hervorgegangen sind (insofern nicht
das „Mutterrecht“ zur Einschrän-
kung dieses Satzes nötigt). – Die Fassung im
Traume „Denken und Erleben sind Eins“ zielt auf die Erklärung der hysterischen
Symptome, zu der auch das männliche Glas eine Beziehung hat. Einem
Wiener brauchte ich das Prinzip des „Gschnas“ nicht auseinander-
zusetzen;
es besteht darin, Gegenstände von seltenem und wertvollem Ansehen aus
trivialem, am liebsten komischem und wertlosem Material herzustellen, z. B.
Rüstungen aus Kochtöpfen, Strohwischen und Salzstangeln, wie unsere Künstler
an ihren lustigen Abenden lieben. Ich hatte nun gemerkt, daß die Hysterischen
es ebenso machen; neben dem, was ihnen wirklich zugesto-
ßen ist, gestalten sie
sich unbewußt gräßliche oder ausschweifende Phantasiebe-
gebenheiten, die sie
aus dem harmlosesten und banalsten Material des Erlebens aufbauen. An diesen
Phantasien hängen erst die Symptome, nicht an den Erinnerungen der wirk-
lichen Begebenheiten, seien diese nun ernsthaft oder gleichfalls harmlos. Diese
Aufklärung hatte mir über viele Schwierigkei-
ten hinweggeholfen und machte
mir viel Freude. Ich konnte sie mit dem Traumelement des „männlichen
Glases“ andeuten, weil mir von dem letzten „Gschnasabend“ erzählt worden
war, es sei dort ein Giftbecher der Lukretia Borgia ausgestellt gewesen, dessenS.
164
V. Das Traummaterial und die Traumquellen.
Wenn die beiden Urinierszenen aus der Kindheit bei mir ohne
dies mit dem Thema der Größenſucht eng verbunden sind, so kam
ihrer Erweckung auf der Reise nach Aussee noch der zufällige Um
stand zu gute, daß mein Coupé kein Klosett besaß, und ich vorbereitet
sein mußte, während der Fahrt in Verlegenheit zu kommen, was dann
am Morgen auch eintraf. Ich erwachte dann mit den Empfindungen
des körperlichen Bedürfnisses. Ich meine, man könnte geneigt sein,
diesen Empfindungen die Rolle des eigentlichen Traumerregers zuzu
weisen, würde aber einer anderen Auffassung den Vorzug geben,
nämlich daß die Traumgedanken erst den Harndrang hervorgerufen
haben. Es ist bei mir ganz ungewöhnlich, daß ich durch irgend ein
Bedürfnis im Schlafe gestört werde, am wenigsten um die Zeit dieses
Erwachens, 3/43 Uhr morgens. Einem weiteren Einwand begegne ich
durch die Bemerkung, daß ich auf anderen Reisen unter bequemeren
Verhältnissen niemals den Harndrang nach frühzeitigem Erwachen
verspürt habe. Übrigens kann ich diesen Punkt auch ohne Schaden
unentschieden lassen.Seitdem ich ferner durch Erfahrungen bei der Traumanalyse
aufmerksam gemacht worden bin, daß auch von Träumen, deren
Deutung zunächst vollständig erscheint, weil Traumquellen und
Wunscherreger leicht nachweisbar sind, – daß auch von solchen
Träumen wichtige Gedankenfäden ausgehen, die bis in die früheste
Kindheit hineinreichen, habe ich mich fragen müssen, ob nicht auch
in diesem Zuge eine wesentliche Bedingung des Träumens gegeben ist.
Wenn ich diesen Gedanken verallgemeinern dürfte, so käme jedem
Traum in seinem manifesten Inhalt eine Anknüpfung an das rezent
Erlebte zu, in seinem latenten Inhalt aber eine Anknüpfung an das
älteste Erlebte, von dem ich bei der Analyse der Hysterie wirklich
zeigen kann, daß es in gutem Sinne bis auf die Gegenwart rezent
geblieben ist. Diese Vermutung erscheint aber noch recht schwer er
weislich; ich werde auf die wahrscheinliche Rolle frühester Kindheits
erlebnisse für die Traumbildung noch in anderem Zusammenhang
(Abschnitt VII) zurückkommen müssen.Von den drei eingangs betrachteten Besonderheiten des Traum
gedächtnisses hat sich uns die eine – die Bevorzugung des Neben
sächlichen im Trauminhalt – durch ihre Zurückführung auf die
Traum-
stellung befriedigend gelöst. Die beiden anderen, die
Auszeichnung des Rezenten wie des Infantilen haben wir bestätigen,
aber nicht aus den Motiven des Träumens ableiten können. Wir wollen
diese beiden Charaktere, deren Erklärung oder Verwertung uns er
übrigt, im Gedächtnis behalten; sie werden anderswo ihre Einreihung
finden müssen, entweder in der Psychologie des Schlafzustandes oder
bei jenen Erwägungen über den Aufbau des seelischen Apparates, die
Kern und Hauptbestandteil ein Uringlas für Männer, wie es in den Spitälern
gebräuchlich ist, gebildet hätte.S.
165
wir später anstellen werden, wenn wir gemerkt haben, daß man
durch die Traumdeutung wie durch eine Fensterlücke in das Innere
desselben einen Blick werfen kann.Ein anderes Ergebnis der letzten Traumanalysen will ich aber
gleich hier hervorheben. Der Traum erscheint häufig mehrdeutig;
es können nicht nur, wie Beispiele zeigen, mehrere Wunscherfüllungen
nebeneinander in ihm vereinigt sein; es kann auch ein Sinn, eine
Wunscherfüllung die andere decken, bis man zu unterst auf die
Erfüllung eines Wunsches aus der ersten Kindheit stößt; und auch
hier wieder die Erwägung, ob in diesem Satze das „häufig“ nicht
richtiger durch „regelmäßig“ zu ersetzen ist*).c) Die somatischen Traumquellen.
Wenn man den Versuch macht, einen gebildeten Laien für die
Probleme des Träumens zu interessieren, und in dieser Absicht die
Frage an ihn richtet, aus welchen Quellen wohl nach seiner Meinung
die Träume herrühren, so merkt man zumeist, daß der Gefragte im
gesicherten Besitze eines Teiles der Lösung zu sein vermeint. Er ge-
denkt sofort des Einflusses, den gestörte oder beschwerte Verdauung
(„Träume kommen aus dem Magen“), zufällige Körperlage und kleine
Erlebnisse während des Schlafens auf die Traumbildung äußern, und
scheint nicht zu ahnen, daß nach Berücksichtigung all dieser Momente
etwas der Erklärung Bedürftiges noch erübrigt.Welche Rolle für die Traumbildung die wissenschaftliche Lite-
ratur den somatischen Reizquellen zugesteht, haben wir im einleiten-
den Abschnitt (S. 16 u. ff.) ausführlich auseinandergesetzt, so daß wir
uns hier nur an die Ergebnisse dieser Untersuchung zu erinnern
brauchen. Wir haben gehört, daß dreierlei somatische Reizquellen
unterschieden werden, die von äußeren Objekten ausgehenden objek-
tiven Sinnesreize, die nur subjektiv begründeten inneren Erregungs-
zustände der Sinnesorgane und die aus dem Körperinnern stammenden
Leibreize, und wir haben die Neigung der Autoren bemerkt, neben
diesen somatischen Reizquellen etwaige psychische Quellen des Trau-
mes in den Hintergrund zu drängen oder ganz auszuschalten (p. 31).
Bei der Prüfung der Ansprüche, welche zu gunsten dieser Klassen
von somatischen Reizquellen erhoben werden, haben wir erfahren,
daß die Bedeutung der objektiven Sinnesorganerregungen – teils
zufällige Reize während des Schlafes, teils solche, die sich auch vom
schlafenden Seelenleben nicht fern halten lassen – durch zahlreiche
*)Die Übereinanderschichtung der Bedeutungen des Traumes ist eines der
heikelsten, aber auch inhaltsreichsten Probleme der Traumdeutung. Wer an diese
Möglichkeit vergißt, wird leicht irregehen und zur Aufstellung unhaltbarer Be-
hauptungen über das Wesen des Traumes verleitet werden. Doch sind über dieses
Thema noch viel zu wenige Untersuchungen angestellt worden. Bisher hat nur
die ziemlich regelmäßige Symbolschichtung im Harnreiztraume eine gründliche
Würdigung durch O. Rank erfahren (s. u. p. 291).S.
166
Beobachtungen sichergestellt wird und durch das Experiment eine
Bestätigung erfährt (p. 19), daß die Rolle der subjektiven Sinnes-
erregungen durch die Wiederkehr der hypnagogischen Sinnesbilder in
den Träumen (p. 24) dargetan erscheint, und daß die im weitesten
Umfang angenommene Zurückführung unserer Traumbilder und
Traumvorstellungen auf inneren Leibreiz zwar nicht in ihrer ganzen
Breite beweisbar ist, aber sich an die allbekannte Beeinflussung an-
lehnen kann, welche der Erregungszustand der Digestions-, Harn-
und Sexualorgane auf den Inhalt unserer Träume ausübt.
„Nervenreiz“ und „Leibreiz“ wären also die somatischen
Quellen des Traumes, d. h. nach mehreren Autoren die einzigen
Quellen des Traumes überhaupt.Wir haben aber auch bereits einer Reihe von Zweifeln Gehör
geschenkt, welche nicht sowohl die Richtigkeit als vielmehr die Zu-
länglichkeit der somatischen Reiztheorie anzugreifen schienen.So sicher sich alle Vertreter dieser Lehre bezüglich deren tat-
sächlichen Grundlagen fühlen mußten – zumal soweit die akziden-
tellen und äußeren Nervenreize in Betracht kommen, die im Traum-
inhalt wiederzufinden keinerlei Mühe erfordert –, so blieb doch
keiner der Einsicht fern, daß der reiche Vorstellungsinhalt der Träume
eine Ableitung aus den äußeren Nervenreizen allein wohl nicht zu-
lasse. Miß Mary Whiton Calkins hat ihre eigenen Träume und
die einer zweiten Person durch sechs Wochen hindurch von diesem
Gesichtspunkte aus geprüft und nur 13,2% respektive 6,7% ge-
funden, in denen das Element äußerer Sinneswahrnehmung nach-
weisbar war; nur zwei Fälle der Sammlung ließen sich auf organische
Empfindungen zurückführen. Die Statistik bestätigt uns hier, was
uns bereits eine flüchtige Überschau unserer eigenen Erfahrungen
hatte vermuten lassen.Man beschied sich vielfach, den „Nervenreiztraum“ als eine gut
erforschte Unterart des Traumes vor anderen Traumformen hervorzu-
heben. Spitta trennte die Träume in Nervenreiz- und Asso-
ziationstraum. Es war aber klar, daß die Lösung unbefriedigend
blieb, solange es nicht gelang, das Band zwischen den somatischen
Traumquellen und dem Vorstellungsinhalt des Traumes nachzuweisen.Neben den ersten Einwand, der Unzulänglichkeit in der
Häufigkeit der äußeren Reizquellen, stellt sich so als zweiter die
Unzulänglichkeit in der Aufklärung des Traumes, die durch die
Einführung dieser Art von Traumquellen zu erreichen ist. Die Ver-
treter der Lehre sind uns zwei solcher Aufklärungen schuldig, erstens
warum der äußere Reiz im Traume nicht in seiner wirklichen Natur
erkannt, sondern regelmäßig verkannt wird (vgl. die Weckerträume,
p. 21), und zweitens warum das Resultat der Reaktion der wahr-
nehmenden Seele auf diesen verkannten Reiz so unbestimmbar wechsel-
voll ausfallen kann. Als Antwort auf diese Frage haben wir von
Strümpell gehört, daß die Seele infolge ihrer Abwendung von derS.
167
Die somatischen Traumquellen nach den Autoren.
Außenwelt während des Schlafens nicht im Stande ist, die richtige
Deutung des objektiven Sinnesreizes zu geben, sondern genötigt wird,
auf Grund der nach vielen Richtungen unbestimmten Anregung Illu-
sionen zu bilden, in seinen Worten ausgedrückt (p. 108):
„Sobald durch einen äußeren oder inneren Nervenreiz während
des Schlafes in der Seele eine Empfindung oder ein Empfindungs-
komplex, ein Gefühl, überhaupt ein psychischer Vorgang entsteht und
von der Seele perzipiert wird, so ruft dieser Vorgang aus dem der
Seele vom Wachen her verbliebenen Erfahrungskreise Empfindungs-
bilder, also frühere Wahrnehmungen, entweder nach Wert oder zu-
gehörigen psychischen Werten hervor. Er sammelt gleichsam um sich
eine größere oder kleinere Anzahl solcher Bilder, durch welche der
vom Nervenreiz herrührende Eindruck seinen psychischen Wert be-
kommt. Man sagt gewöhnlich auch hier, wie es der Sprachgebrauch
für das wache Verhalten tut, daß die Seele im Schlafe die Nervenreiz-
eindrücke deute. Das Resultat dieser Deutung ist der sogenannte
Nervenreiztraum, d. h. ein Traum, dessen Bestandteile dadurch
bedingt sind, daß ein Nervenreiz nach den Gesetzen der Reproduktion
seine psychische Wirkung im Seelenleben vollzieht.“
In allem Wesentlichen mit dieser Lehre identisch ist die Äußerung
von Wundt, die Vorstellungen des Traumes gehen jedenfalls zum
größten Teil von Sinnesreizen aus, namentlich auch von solchen des
allgemeinen Sinnes, und sind daher zumeist phantastische Illusionen,
wahrscheinlich nur zum kleineren Teil reine, zu Halluzinationen ge-
steigerte Erinnerungsvorstellungen. Für das Verhältnis des Traum-
inhaltes zu den Traumreizen, welches sich nach dieser Theorie ergibt,
findet Strümpell das treffliche Gleichnis (p. 84), es sei, wie „wenn
die zehn Finger eines der Musik ganz unkundigen Menschen über die
Tasten des Instruments hinlaufen.“ Der Traum erschiene so nicht als
ein seelisches Phänomen aus psychischen Motiven entsprungen, son-
dern als der Erfolg eines physiologischen Reizes, der sich in psychi-
scher Symptomatologie äußert, weil der vom Reize betroffene Apparat
keiner anderen Äußerung fähig ist. Auf eine ähnliche Voraussetzung
ist z. B. die Erklärung der Zwangsvorstellungen aufgebaut, die Mey-
nert durch das berühmte Gleichnis vom Zifferblatt, auf dem ein-
zelne Zahlen stärker gewölbt vorspringen, zu geben versuchte.
So beliebt diese Lehre von den somatischen Traumreizen ge-
worden ist und so bestechend sie erscheinen mag, so ist es doch leicht,
den schwachen Punkt in ihr aufzuweisen. Jeder somatische Traum-
reiz, welcher im Schlafe den seelischen Apparat zur Deutung durch
Illusionsbildung auffordert, kann ungezählt viele solcher Deutungs-
versuche anregen, also in ungemein verschiedenen Vorstellungen seine
Vertretung im Trauminhalt erreichen*). Die Lehre von Strümpell
*)Ich möchte jedermann raten, die in zwei Bänden gesammelten, aus
führlichen und genauen Protokolle experimentell erzeugter Träume von MourlyS.
168
und Wundt ist aber unfähig, irgend ein Motiv anzugeben, welches
die Beziehung zwischen dem äußeren Reiz und der zu seiner Deutung
gewählten Traumvorstellung regelt, also die „sonderbare Auswahl“ zu
erklären, welche die Reize „oft genug bei ihrer reproduktiven Wirk-
samkeit treffen“. (Lipps, Grundtatsachen des Seelenlebens, p. 170.)
Andere Einwendungen richten sich gegen die Grundvoraussetzung der
ganzen Illusionslehre, daß die Seele im Schlafe nicht in der Lage sei,
die wirkliche Natur der objektiven Sinnesreize zu erkennen. Der alte
Physiologe Burdach beweist uns, daß die Seele auch im Schlafe
sehr wohl fähig ist, die an sie gelangenden Sinneseindrücke richtig
zu deuten und der richtigen Deutung gemäß zu reagieren, indem
er ausführt, daß man gewisse, dem Individuum wichtig erscheinende
Sinneseindrücke von der Vernachlässigung während des Schlafes
ausnehmen kann (Amme und Kind), und daß man durch den eigenen
Namen weit sicherer geweckt wird als durch einen gleichgültigen
Gehöreindruck, was ja voraussetzt, daß die Seele auch im Schlafe
zwischen den Sensationen unterscheidet (Abschnitt I, p. 39/40). Bur-
dach folgert aus diesen Beobachtungen, daß während des Schlaf-
zustandes nicht eine Unfähigkeit, die Sinnesreize zu deuten, sondern
ein Mangel an Interesse für sie anzunehmen ist. Die nämlichen
Argumente, die Burdach 1830 verwendet, kehren dann zur Be-
kämpfung der somatischen Reiztheorie unverändert bei Lipps im
Jahre 1883 wieder. Die Seele erscheint uns demnach wie der Schläfer
in der Anekdote, der auf die Frage „Schläfst du“ antwortet „Nein“,
nach der zweiten Anrede „dann leih’ mir zehn Gulden“ aber sich
hinter der Ausrede verschanzt: „Ich schlafe“.
Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Traum-
reizen läßt sich auch auf andere Weise dartun. Die Beobachtung
zeigt, daß ich durch äußere Reize nicht zum Träumen genötigt
werde, wenngleich diese Reize im Trauminhalt erscheinen, sobald
und für den Fall, daß ich träume. Gegen einen Haut- oder Druck-
reiz etwa, der mich im Schlafe befällt, stehen mir verschiedene
Reaktionen zu Gebote. Ich kann ihn überhören und dann beim
Erwachen finden, daß z. B. ein Bein unbedeckt oder ein Arm ge-
drückt war; die Pathologie zeigt mir ja die zahlreichsten Beispiele,
daß verschiedenartige und kräftig erregende Empfindungs- und Be-
wegungsreize während des Schlafes wirkungslos bleiben. Ich kann die
Sensation während des Schlafes verspüren, gleichsam durch den Schlaf
hindurch, wie es in der Regel mit schmerzhaften Reizen geschieht,
aber ohne den Schmerz in einen Traum zu verweben; und ich kann
drittens auf den Reiz erwachen, um ihn zu beseitigen. Erst eine vierte
Vold durchzulesen, um sich zu überzeugen, wie wenig Aufklärung der Inhalt
des einzelnen Traumes in den angegebenen Versuchsbedingungen findet, und wie
gering überhaupt der Nutzen solcher Experimente für das Verständnis der
Traumprobleme ist.S.
169
Die Schernersche Leibreiztheorie.
mögliche Reaktion ist, daß ich durch den Nervenreiz zum Traum
veranlaßt werde; die anderen Möglichkeiten werden aber mindestens
ebenso häufig vollzogen wie die der Traumbildung. Dies könnte nicht
geschehen, wenn nicht das Motiv des Träumens außerhalb der
somatischen Reizquellen läge.In gerechter Würdigung jener oben aufgedeckten Lücke in der
Erklärung des Traumes durch somatische Reize haben nun andere
Autoren – Scherner, dem der Philosoph Volkelt sich anschloß –
die Seelentätigkeiten, welche aus den somatischen Reizen die bunten
Traumbilder entstehen lassen, näher zu bestimmen gesucht, also doch
wieder das Wesen des Träumens ins Seelische und in eine psychische
Aktivität verlegt. Scherner gab nicht nur eine poetisch nach-
empfundene, glühend belebte Schilderung der psychischen Eigen-
tümlichkeiten, die sich bei der Traumbildung entfalten; er glaubte
auch das Prinzip erraten zu haben, nach dem die Seele mit den ihr
dargebotenen Reizen verfährt. In freier Betätigung der ihrer Tages-
fesseln entledigten Phantasie strebt nach Scherner die Traumarbeit
dahin, die Natur des Organs, von dem der Reiz ausgeht, und die
Art dieses Reizes symbolisch darzustellen. Es ergibt sich so eine
Art von Traumbuch als Anleitung zur Deutung der Träume, mittels
dessen aus Traumbildern auf Körpergefühle, Organzustände und Reiz-
zustände geschlossen werden darf. „So drückt das Bild der Katze
die ärgerliche Mißstimmung des Gemütes aus, das Bild des hellen
und glatten Gebäcks die Leibesnacktheit. Der menschliche Leib als
Ganzes wird von der Traumphantasie als Haus vorgestellt, das ein-
zelne Körperorgan durch einen Teil des Hauses. In den ‚Zahnreiz-
träumen‘ entspricht dem Mundorgan ein hochgewölbter Hausflur
und dem Hinabfall des Schlundes zur Speiseröhre eine Treppe, im
‚Kopfschmerz-traum‘ wird zur Bezeichnung der Höhenstellung des
Kopfes die Decke eines Zimmers gewählt, welche mit ekelhaften,
krötenartigen Spinnen bedeckt ist“ (p. 39). „Diese Symbole werden
vom Traume in mehrfacher Auswahl für das nämliche Organ ver-
wendet; so findet die atmende Lunge in dem flammernerfüllten Ofen
mit seinem Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten und
Körben, die Harnblase in runden, beutelförmigen oder überhaupt
nur ausgehöhlten Gegenständen. Besonders wichtig ist es, daß am
Schlusse des Traumes öfter das erregende Organ oder dessen Funktion
unverhüllt hingestellt wird, und zwar zumeist an dem eigenen Leibe
des Träumers. So endet der ‚Zahnreiztraum‘ gewöhnlich damit, daß
der Träumer sich einen Zahn aus dem Munde zieht“ (p. 35). Man kann
nicht sagen, daß diese Theorie der Traumdeutung viel Gunst bei den
Autoren gefunden hat. Sie erschien vor allem extravagant; man hat
selbst gezögert, das Stück Berechtigung herauszufinden, das sie nach
meinem Urteil beanspruchen darf. Sie führt, wie man sieht, zur
Wiederbelebung der Traumdeutung mittels Symbolik, deren sich
die Alten bedienten, nur daß das Gebiet, aus welchem die DeutungS.
170
geholt werden soll, auf den Umfang der menschlichen Leiblichkeit
beschränkt wird. Der Mangel einer wissenschaftlich faßbaren Technik
bei der Deutung muß die Anwendbarkeit der Schernerschen Lehre
schwer beeinträchtigen. Willkür in der Traumdeutung scheint keines-
wegs ausgeschlossen, zumal da auch hier ein Reiz sich in mehr-
fachen Vertretungen im Trauminhalt äußern kann; so hat bereits
Scherners Anhänger Volkelt die Darstellung des Körpers als Haus
nicht bestätigen können. Es muß auch Anstoß erregen, daß hier
wiederum der Seele die Traumarbeit als nutz- und ziellose Betätigung
auferlegt ist, da sich doch nach der in Rede stehenden Lehre die
Seele damit begnügt, über den sie beschäftigenden Reiz zu phantasie-
ren, ohne daß etwas wie eine Erledigung des Reizes in der Ferne
winkte.Von einem Einwand aber wird die Schernersche Lehre der
Symbolisierung von Leibreizen durch den Traum schwer getroffen.
Diese Leibreize sind jederzeit vorhanden, die Seele ist für sie nach
allgemeiner Annahme während des Schlafens zugänglicher als im
Wachen. Man versteht dann nicht, warum die Seele nicht kontinuier-
lich die Nacht hindurch träumt, und zwar jede Nacht von allen
Organen. Will man sich diesem Einwand durch die Bedingung ent-
ziehen, es müßten vom Auge, Ohre, von den Zähnen, Därmen usw. be-
sondere Erregungen ausgehen, um die Traumtätigkeit zu wecken,
so steht man vor der Schwierigkeit, diese Reizsteigerungen als ob-
jektiv zu erweisen, was nur in einer geringen Zahl von Fällen möglich
ist. Wenn der Traum vom Fliegen eine Symbolisierung des Auf-
und Niedersteigens der Lungenflügel bei der Atmung bedeutet, so
müßte entweder dieser Traum, wie schon Strümpell bemerkt, weit
häufiger geträumt werden oder eine gesteigerte Atmungstätigkeit wäh-
rend dieses Traumes nachweisbar sein. Es ist noch ein dritter Fall
möglich, der wahrscheinlichste von allen, daß nämlich zeitweise be-
sondere Motive wirksam sind, um den gleichmäßig vorhandenen visze-
ralen Sensationen Aufmerksamkeit zuzuwenden, aber dieser Fall führt
bereits über die Schernersche Theorie hinaus.Der Wert der Erörterungen von Scherner und Volkelt liegt
darin, daß sie auf eine Reihe von Charakteren des Trauminhaltes auf-
merksam machen, welche der Erklärung bedürftig sind und neue Er-
kenntnisse zu verdecken scheinen. Es ist ganz richtig, daß in den
Träumen Symbolisierungen von Körperorganen und Funktionen ent-
halten sind, daß Wasser im Traume häufig auf Harnreiz deutet, daß
das männliche Genitale durch einen aufrecht stehenden Stab oder eine
Säule dargestellt werden kann usw. In Träumen, welche ein sehr
bewegtes Gesichtsfeld und leuchtende Farben zeigen, im Gegensatz
zu der Mattigkeit anderer Träume, kann man die Deutung als „Ge-
sichtsreiztraum“ kaum abweisen, ebensowenig den Beitrag der Illu-
sionsbildung in Träumen bestreiten, welche Lärm und Stimmengewirr
enthalten. Ein Traum, wie der von Scherner, daß zwei ReihenS.
171
Die somatischen Reize als rezentes Material behandelt.
schöner blonder Knaben auf einer Brücke einander gegenüberstehen,
sich gegenseitig angreifen, dann wieder ihre alte Stellung einnehmen,
bis endlich der Träumer sich auf eine Brücke setzt und einen langen
Zahn aus seinem Kiefer zieht; oder ein ähnlicher von Volkelt, in
dem zwei Reihen von Schubladen eine Rolle spielen, und der wiederum
mit dem Ausziehen eines Zahnes endigt: dergleichen bei beiden
Autoren in großer Fülle mitgeteilte Traumbildungen lassen es nicht
zu, daß man die Schernersche Theorie als müßige Erfindung bei
Seite wirft, ohne nach ihrem guten Kerne zu forschen. Es stellt sich
dann die Aufgabe, für die vermeintliche Symbolisierung des angeb-
lichen Zahnreizes eine andersartige Aufklärung zu erbringen.Ich habe es die ganze Zeit über, welche uns die Lehre von den
somatischen Traumquellen beschäftigte, unterlassen, jenes Argument
geltend zu machen, welches sich aus unseren Traumanalysen ableitet.
Wenn wir durch ein Verfahren, das andere Autoren auf ihr Material
an Träumen nicht angewendet haben, erweisen konnten, daß der
Traum einen ihm eigenen Wert als psychische Aktion besitzt, daß
ein Wunsch das Motiv seiner Bildung wird, und daß die Erlebnisse
des Vortages das nächste Material für seinen Inhalt abgeben, so ist
jede andere Traumlehre, welche ein so wichtiges Untersuchungs-
verfahren vernachlässigt und dementsprechend den Traum als eine
nutzlose und rätselhafte psychische Reaktion auf somatische Reize
erscheinen läßt, auch ohne besondere Kritik gerichtet. Es müßte
denn, was sehr unwahrscheinlich ist, zwei ganz verschiedene Arten
von Träumen geben, von denen die eine nur uns, die andere nur den
früheren Beurteilern des Traumes untergekommen ist. Es erübrigt
nur noch, den Tatsachen, auf welche sich die gebräuchliche Lehre
von den somatischen Traumreizen stützt, eine Unterbringung inner-
halb unserer Traumlehre zu verschaffen.Den ersten Schritt hiezu haben wir bereits getan, als wir den
Satz aufstellten, daß die Traumarbeit unter dem Zwange stehe, alle
gleichzeitig vorhandenen Traumanregungen zu einer Einheit zu ver-
arbeiten (p. 136). Wir sahen, daß, wenn zwei oder mehr eindrucks-
fähige Erlebnisse vom Vortage übrig geblieben sind, die aus ihnen
sich ergebenden Wünsche in einem Traume vereinigt werden, des
gleichen, daß zum Traummaterial der psychisch wertvolle Eindruck
und die indifferenten Erlebnisse des Vortages zusammentreten, voraus-
gesetzt, daß sich kommunizierende Vorstellungen zwischen beiden her-
stellen lassen. Der Traum erscheint somit als Reaktion auf alles, was
in der schlafenden Psyche gleichzeitig als aktuell vorhanden ist. So
weit wir also das Traummaterial bisher analysiert haben, erkannten
wir es als eine Sammlung von psychischen Resten, Erinnerungsspuren,
denen wir (wegen der Bevorzugung des rezenten und des infantilen
Materials) einen psychologisch derzeit unbestimmbaren Charakter von
Aktualität zusprechen mußten. Es schafft uns nun nicht viel Ver-
legenheit vorherzusagen, was geschehen wird, wenn zu diesen Er-S.
172
innerungsaktualitäten neues Material an Sensationen während des
Schlafzustandes hinzutritt. Diese Erregungen erlangen wiederum eine
Wichtigkeit für den Traum dadurch, daß sie aktuell sind; sie werden
mit den anderen psychischen Aktualitäten vereinigt, um das Material
für die Traumbildung abzugeben. Die Reize während des Schlafes
werden, am es anders zu sagen, in eine Wunscherfüllung verarbeitet,
deren andere Bestandteile die uns bekannten psychischen Tagesreste
sind. Diese Vereinigung muß nicht vollzogen werden; wir haben ja
gehört, daß gegen körperliche Reize während des Schlafes mehr als
eine Art des Verhaltens möglich ist. Wo sie vollzogen wird, da ist
es eben gelungen, ein Vorstellungsmaterial für den Trauminhalt zu
finden, welches für beiderlei Traumquellen, die somatischen wie die
psychischen, eine Vertretung darstellt.Das Wesen des Traumes wird nicht verändert, wenn zu den
psychischen Traumquellen somatisches Material hinzutritt; er bleibt
eine Wunscherfüllung, gleichgültig wie deren Ausdruck durch das
aktuelle Material bestimmt wird.Ich will hier gern Raum lassen für eine Reihe von Eigentüm-
lichkeiten, welche die Bedeutung äußerer Reize für den Traum ver-
änderlich gestalten können. Ich stelle mir vor, daß ein Zusammen-
wirken individueller, physiologischer und zufälliger, in den jeweiligen
Umständen gegebener Momente darüber entscheidet, wie man sich in
den einzelnen Fällen von intensiverer objektiver Reizung während des
Schlafes benehmen wird; die habituelle und akzidentelle Schlaftiefe
im Zusammenhalt mit der Intensität des Reizes wird es das eine Mal er-
möglichen, den Reiz so zu unterdrücken, daß er im Schlafe nicht
stört, ein anderes Mal dazu nötigen, aufzuwachen, oder den Versuch
unterstützen, den Reiz durch Verwebung in einen Traum zu über-
winden. Der Mannigfaltigkeit dieser Konstellationen entsprechend
werden äußere objektive Reize bei dem einen häufiger oder seltener
im Traume zum Ausdruck kommen als bei dem anderen. Bei mir,
der ich ein ausgezeichneter Schläfer bin und hartnäckig daran fest-
halte, mich durch keinen Anlaß im Schlafe stören zu lassen, ist die
Einmengung äußerer Erregungsursachen in die Träume sehr selten,
während psychische Motive mich doch offenbar sehr leicht zum
Träumen bringen. Ich habe eigentlich nur einen einzigen Traum auf-
gezeichnet, in dem eine objektive, schmerzhafte Reizquelle zu erkennen
ist, und gerade in diesem Traume wird es sehr lehrreich werden, nach-
zusehen, welchen Traumerfolg der äußere Reiz gehabt hat.Ich reite auf einem grauen Pferde, zuerst zaghaft und
ungeschickt, als ob ich nur angelehnt wäre. Da begegne ich
einem Kollegen P., der im Lodenanzug hoch zu Roß sitzt
und mich an etwas mahnt (wahrscheinlich, daß ich schlecht
sitze). Nun finde ich mich auf dem höchst intelligenten
Roß immer mehr zurecht, sitze bequem und merke, daß ich
oben ganz heimisch bin. Als Sattel habe ich eine ArtS.
173
Polster, das den Raum zwischen Hals und Croup des Pfer-
des vollkommen ausfüllt. Ich reite so knapp zwischen zwei
Lastwagen hindurch. Nachdem ich die Straße eine Strecke
weit geritten bin, kehre ich um und will absteigen, zunächst
vor einer kleinen offenen Kapelle, die in der Straßenfront
liegt. Dann steige ich wirklich vor einer ihr nahestehenden
ab; das Hotel ist in derselben Straße; ich könnte das Pferd
allein hingehen lassen, ziehe aber vor, es bis dahin zu
führen. Es ist, als ob ich mich schämen würde, dort als
Reiter anzukommen. Vor dem Hotel steht ein Hotelbursche,
der mir einen Zettel zeigt, der von mir gefunden wurde, und
mich darum verspottet. Auf dem Zettel steht, zweimal unter
strichen: Nichts essen und dann ein zweiter Vorsatz (un-
deutlich) wie: nichts arbeiten; dazu eine dumpfe Idee, daß
ich in einer fremden Stadt bin, in der ich nichts arbeite.Dem Traume wird man zunächst nicht anmerken, daß er unter
dem Einflusse, unter dem Zwange vielmehr, eines Schmerzreizes ent-
standen ist. Ich hatte aber Tags vorher an Furunkeln gelitten, die
mir jede Bewegung zur Qual machten, und zuletzt war ein Furunkel
an der Wurzel des Skrotum zur Apfelgröße herangewachsen, hatte
mir bei jedem Schritte die unerträglichsten Schmerzen bereitet, und
fieberhafte Müdigkeit, Eßunlust, die trotzdem festgehaltene schwere
Arbeit des Tages hatten sich mit den Schmerzen vereint, um meine
Stimmung zu stören. Ich war nicht recht fähig, meinen ärztlichen
Aufgaben nachzukommen, aber bei der Art und bei dem Sitze des
Übels ließ sich an eine andere Verrichtung denken, für die ich sicher-
lich so untauglich gewesen wäre wie für keine andere, und diese ist
das Reiten. Gerade in diese Tätigkeit versetzt mich nun der Traum;
es ist die energischeste Negation des Leidens, die der Vorstellung zu-
gänglich ist. Ich kann überhaupt nicht reiten, träume auch sonst
nicht davon, bin überhaupt nur einmal auf einem Pferde gesessen
und damals ohne Sattel, und es behagte mir nicht. Aber in diesem
Traume reite ich, als ob ich keinen Furunkel am Damm hätte,
nein, gerade weil ich keinen haben will. Mein Sattel ist der Be-
schreibung gemäß der Breiumschlag, der mir das Einschlafen er-
möglicht hat. Wahrscheinlich habe ich durch die ersten Stunden des
Schlafes – so verwahrt – nichts von meinem Leiden verspürt. Dann
meldeten sich die schmerzhaften Empfindungen und wollten mich
aufwecken, da kam der Traum und sagte beschwichtigend: „Schlaf
doch weiter, du wirst doch nicht aufwachen! Du hast ja gar keinen
Furunkel, denn du reitest ja auf einem Pferde, und mit einem Furunkel
an der Stelle kann man doch nicht reiten!“ Und es gelang ihm so;
der Schmerz wurde übertäubt und ich schlief weiter.Der Traum hat sich aber nicht damit begnügt, mir durch die
hartnäckige Festhaltung einer mit dem Leiden unverträglichen Vor-
stellung, den Furunkel „abzusuggerieren“, wobei er sich benommenS.
174
wie der halluzinatorische Wahnsinn der Mutter, die ihr Kind ver
loren hat*), oder des Kaufmannes, den Verluste um sein Vermögen
gebracht haben; sondern die Einzelheiten der abgeleugneten Sensation
und des zu ihrer Verdrängung gebrauchten Bildes dienen ihm auch
als Material, um das, was sonst in der Seele aktuell vorhanden ist, an
die Situation des Traumes anzuknüpfen und zur Darstellung zu bringen.
Ich reite ein graues Pferd, die Farbe des Pferdes entspricht genau
dem pfeffer-
und salzfarbigen Dreß, in dem ich dem Kollegen
P. zuletzt auf dem Lande begegnet bin. Scharf gewürzte Nahrung
ist mir als die Ursache der Furunkulose vorgehalten worden, immer
hin als Ätiologie dem Zucker vorzuziehen, an den man bei Furun
kulose denken kann. Freund P. liebt es, sich mir gegenüber aufs
hohe Roß zu setzen, seitdem er mich bei einer Patientin abgelöst,
mit der ich große Kunststücke ausgeführt hatte (ich sitze im
Traume auf dem Pferde zuerst wie ein Kunstreiter tangential),
die mich aber wirklich, wie das Roß in der Anekdote den Sonntags
reiter geführt hat, wohin sie wollte. So kommt das Roß zur sym
bolischen Bedeutung einer Patientin (es ist im Traume höchst in
telligent). „Ich fühle mich ganz heimisch oben“ geht auf die
Stellung, die ich in dem Hause innehatte, ehe ich durch P. er
setzt wurde. „Ich habe gemeint, Sie sitzen oben fest im
Sattel“, hat mir mit Beziehung auf dasselbe Haus einer meiner
wenigen Gönner unter den großen Ärzten dieser Stadt vor kurzem
gesagt. Es war auch ein Kunststück, mit solchen Schmerzen acht
bis zehn Stunden täglich Psychotherapie zu treiben, aber ich weiß,
daß ich ohne volles körperliches Wohlbefinden meine besonders
schwierige Arbeit nicht lange fortsetzen kann, und der Traum ist voll
düsterer Anspielungen auf die Situation, die sich dann ergeben muß
(der Zettel, wie ihn die Neurastheniker haben und dem Arzte vor
zeigen): – Nicht arbeiten und nicht essen. Bei weiterer Deu
tung sehe ich, daß es der Traumarbeit gelungen ist, von der Wunsch
situation des Reitens den Weg zu finden zu sehr frühen Kinder
streitszenen, die sich zwischen mir und einem jetzt in England
lebenden, übrigens um ein Jahr älteren Neffen abgespielt haben
mußten. Außerdem hat er Elemente aus meinen Reisen in Italien
aufgenommen; die Straße im Traume ist aus Eindrücken von Verona
und von Siena zusammengesetzt. Noch tiefer gehende Deutung führt
zu sexuellen Traumgedanken, und ich erinnere mich, was bei einer
Patientin, die nie in Italien war, die Traumanspielungen an das
schöne Land bedeuten sollten (gen Italien – Genitalien), nicht ohne
Anknüpfung gleichzeitig an das Haus, in dem ich vor Freund P.
Arzt war, und an die Stelle, an welcher mein Furunkel sitzt.
*)Vergleiche die Stelle bei Griesinger und die Bemerkung in meinem
zweiten Aufsatz über die Abwehr-Psychoneurosen, Neurologisches Zentral
blatt 1896.S.
175
In einem anderen Traume gelang es mir auf ähnliche Weise,
eine diesmal von einer Sinnesreizung drohende Schlafstörung ab-
zuwehren, aber es war nur ein Zufall, der mich in den Stand setzte,
den Zusammenhang des Traumes mit dem zufälligen Traumreiz zu
entdecken, und solcher Art den Traum zu verstehen. Eines Morgens
erwachte ich, es war im Hochsommer in einem tirolischen Höhenort,
mit dem Wissen, geträumt zu haben: Der Papst ist gestorben.
Die Deutung dieses kurzen, nicht visuellen Traumes gelang mir nicht.
Ich erinnerte mich nur der einen Anlehnung für den Traum, daß in
der Zeitung kurze Zeit vorher ein leichtes Unwohlsein Sr. Heiligkeit
gemeldet worden war. Aber im Laufe des Vormittags fragt meine
Frau: „Hast du heute morgens das fürchterliche Glockenläuten ge-
hört?“ Ich wußte nichts davon, daß ich es gehört hatte, aber ich
verstand jetzt meinen Traum. Er war die Reaktion meines Schlaf-
bedürfnisses auf den Lärm gewesen, durch den die frommen Tiroler
mich wecken wollten. Ich rächte mich an ihnen durch die Folgerung,
die den Inhalt des Traumes bildet, und schlief nun ganz ohne Inter-
esse für das Geläute weiter.Unter den in den vorstehenden Abschnitten erwähnten Träumen
fänden sich bereits mehrere, die als Beispiele für die Verarbeitung
sogenannter Nervenreize dienen können. Der Traum vom Trinken in
vollen Zügen ist ein solcher; in ihm ist der somatische Reiz anschei-
nend die einzige Traumquelle, der aus der Sensation entspringende
Wunsch – der Durst – das einzige Traummotiv. Ähnlich ist es in
anderen einfachen Träumen, wenn der somatische Reiz für sich allein
einen Wunsch zu bilden vermag. Der Traum der Kranken, die nachts
den Kühlapparat von der Wange abwirft, zeigt, eine ungewöhnliche
Art, auf Schmerzensreize mit einer Wunscherfüllung zu reagieren;
es scheint, daß es der Kranken vorübergehend gelungen war, sich
analgisch zu machen, wobei sie ihre Schmerzen einem Fremden zu-
schob.Mein Traum von den drei Parzen ist ein offenbarer Hunger-
traum, aber er weiß das Nahrungsbedürfnis bis auf die Sehnsucht
des Kindes nach der Mutterbrust zurückzuschieben, und die harmlose
Begierde zur Decke für eine ernstere, die sich nicht so unverhüllt
äußern darf, zu benutzen. Im Traume vom Grafen Thun konnten
wir sehen, auf welchen Wegen ein akzidentell gegebenes körperliches
Bedürfnis in den stärksten, aber auch stärkst unterdrückten Regungen
des Seelenlebens in Verbindung gebracht wird. Und wenn, wie in
dem von Garnier berichteten Falle, der erste Konsul das Geräusch
der explodierenden Höllenmaschine in einen Schlachtentraum verwebt,
ehe er davon erwacht, so offenbart sich darin ganz besonders klar
das Bestreben, in dessen Dienste die Seelentätigkeit sich überhaupt um
die Sensationen während des Schlafens kümmert. Ein junger Advokat,
der voll von seinem ersten großen Konkurs des Nachmittags ein-
schläft, benimmt sich ganz ähnlich wie der große Napoleon. ErS.
176
träumt von einem gewissen G. Reich in Hussiatyn, den er aus
dem Konkurs kennt, aber Hussiatyn drängt sich weiter gebieterisch
auf; er muß erwachen und hört seine Frau, die an einem Bronchial-
katarrh leidet, heftig – husten.
Halten wir diesen Traum des ersten Napoleon, der übrigens ein
ausgezeichneter Schläfer war, und jenen anderen des langschläfrigen
Studenten zusammen, der von seiner Zimmerfrau geweckt, er müsse
ins Spital, sich in ein Spitalbett träumt und dann mit der Motivierung
weiterschläft: Wenn ich schon im Spital bin, brauche ich ja nicht
aufzustehen, um hinzugehen. Der letztere ist ein offenbarer Bequem-
lichkeitstraum, der Schläfer gesteht sich das Motiv seines Träumens
unverhohlen ein, deckt aber damit eines der Geheimnisse des Träumens
überhaupt auf. In gewissem Sinne sind alle Träume – Bequem-
lichkeitsträume; sie dienen der Absicht, den Schlaf fortzusetzen,
anstatt zu erwachen. Der Traum ist der Wächter des Schlafes,
nicht sein Störer. Gegen die psychisch erweckenden Momente
werden wir diese Auffassung an anderer Stelle rechtfertigen; ihre An-
wendbarkeit auf die Rolle der objektiven äußeren Reize können wir
hier bereits begründen. Die Seele kümmert sich entweder überhaupt
nicht um die Anlässe zu Sensationen während des Schlafes, wenn sie
dies gegen die Intensität und die von ihr wohlverstandene Bedeutung
dieser Reize vermag; oder sie verwendet den Traum dazu, diese Reize
in Abrede zu stellen oder zu entwerten, oder drittens, wenn sie die-
selben anerkennen muß, so sucht sie jene Deutung derselben auf,
welche die aktuelle Sensation als einen Teilbestand einer gewünschten
und mit dem Schlafen verträglichen Situation hinstellt. Die aktuelle
Sensation wird in einen Traum verflochten, um ihr die Realität zu
rauben. Napoleon darf weiter schlafen; es ist ja nur eine Traum-
erinnerung an den Kanonendonner von Arcole, was ihn stören will*).
Der Wunsch zu schlafen, auf den sich das bewußte
Ich eingestellt hat und der nebst der Traumzensur**) des-
sen Beitrag zum Träumen darstellt, muß so als Motiv der
Traumbildung jedesmal eingerechnet werden, und jeder ge-
lungene Traum ist eine Erfüllung desselben. Wie dieser all-
gemeine, regelmäßig vorhandene und sich gleichbleibende Schlaf-
wunsch sich zu den anderen Wünschen stellt, von denen bald der,
bald jener durch den Trauminhalt erfüllt wird, dies wird Gegen-
stand einer anderen Auseinandersetzung sein. In dem Schlafwunsch
haben wir aber jenes Moment aufgedeckt, welches die Lücke in der
Strümpell-Wundtschen Theorie auszufüllen, die Schiefheit und
Launenhaftigkeit in der Deutung des äußeren Reizes aufzuklären ver-
mag. Die richtige Deutung, deren die schlafende Seele sehr wohl
*)Der Inhalt dieses Traumes wird in den zwei Quellen, aus denen ich ihn
kenne, nicht übereinstimmend erzählt.**)(Und der später zu erwähnenden „sekundären Bearbeitung“).
S.
177
Verwertung peinlicher Sensationen zur Erfüllung verdrängter Wünsche.
fähig ist, nähme ein tätiges Interesse in Anspruch, stellte die Anfor-
derung, dem Schlafe ein Ende zu machen; es werden darum von den
überhaupt möglichen Deutungen nur solche zugelassen, die mit der
absolutistisch geübten Zensur des Schlafwunsches vereinbar sind.
Etwa: Die Nachtigall ist’s und nicht die Lerche. Denn wenn’s die
Lerche ist, so hat die Liebesnacht ihr Ende gefunden. Unter den nun
zulässigen Deutungen des Reizes wird dann jene ausgewählt, welche
die beste Verknüpfung mit den in der Seele lauernden Wunsch-
anregungen erwerben kann. So ist alles eindeutig bestimmt und nichts
der Willkür überlassen. Die Mißdeutung ist nicht Illusion, sondern –
wenn man so will – Ausrede. Hier ist aber wiederum, wie bei dem
Ersatz durch Verschiebung zu Diensten der Traumzensur, ein Akt der
Beugung des normalen psychischen Vorganges zuzugeben.Wenn die äußeren Nerven- und inneren Leibreize intensiv genug
sind, um sich psychische Beachtung zu erzwingen, so stellen sie –
falls überhaupt Träumen und nicht Erwachen ihr Erfolg ist – einen
festen Punkt für die Traumbildung dar, einen Kern im Traummaterial,
zu dem eine entsprechende Wunscherfüllung in ähnlicher Weise ge-
sucht wird, wie (siehe oben) die vermittelnden Vorstellungen zwischen
zwei psychischen Traumreizen. Es ist insofern für eine Anzahl
von Träumen richtig, daß in ihnen das somatische Element den
Trauminhalt kommandiert. In diesem extremen Falle wird selbst
behufs der Traumbildung ein gerade nicht aktueller Wunsch geweckt.
Der Traum kann aber nicht anders, als einen Wunsch in einer
Situation als erfüllt darstellen; er ist gleichsam vor die Aufgabe ge-
stellt, zu suchen, welcher Wunsch durch die nun aktuelle Sensation
als erfüllt dargestellt werden kann. Ist dies aktuelle Material von
schmerzlichem oder peinlichem Charakter, so ist es doch darum zur
Traumbildung nicht unbrauchbar. Das Seelenleben verfügt auch über
Wünsche, deren Erfüllung Unlust hervorruft, was ein Widerspruch
scheint, aber durch die Berufung auf das Vorhandensein zweier
psychischer Instanzen und die zwischen ihnen bestehende Zensur
erklärlich wird.Es gibt, wie wir gehört haben, im Seelenleben verdrängte
Wünsche, die dem ersten System angehören, gegen deren Erfüllung
das zweite System sich sträubt. Es gibt, ist nicht etwa historisch
gemeint, daß es solche Wünsche gegeben hat und diese dann vernichtet
worden sind; sondern die Lehre von der Verdrängung, deren man
in der Psychoneurotik bedarf, behauptet, daß solche verdrängte
Wünsche noch existieren, gleichzeitig aber eine Hemmung, die auf
ihnen lastet. Die Sprache trifft das Richtige, wenn sie von „Unter-
drücken“ solcher Impulse redet. Die psychische Veranstaltung, da-
mit solche unterdrückte Wünsche zur Realisierung durchdringen,
bleibt erhalten und gebrauchsfähig. Ereignet es sich aber, daß ein
solcher unterdrückter Wunsch doch vollzogen wird, so äußert sich
die überwundene Hemmung des zweiten (bewußtseinsfähigen) SystemsFreud, Traumdeutung. 4. Aufl. 12
S.
178
V. Das Traummaterial und die Traumquellen.
als Unlust. Um nun diese Erörterung zu schließen: wenn Sensationen
mit Unlustcharakter im Schlafe aus somatischen Quellen vorhanden
sind, so wird diese Konstellation von der Traumarbeit benutzt, um
die Erfüllung eines sonst unterdrückten Wunsches – mit mehr oder
weniger Beibehalt der Zensur – darzustellen.Dieser Sachverhalt ermöglicht eine Reihe von Angstträumen,
während eine andere Reihe dieser der Wunschtheorie ungünstigen
Traumbildungen einen anderen Mechanismus erkennen läßt. Die
Angst in den Träumen kann nämlich eine psychoneurotische sein,
aus psychosexuellen Erregungen stammen, wobei die Angst verdräng-
ter Libido entspricht. Dann hat diese Angst wie der ganze Angst
traum die Bedeutung eines neurotischen Symptoms, und wir stehen an
der Grenze, wo die wunscherfüllende Tendenz des Traumes scheitert.
In anderen Angstträumen aber ist die Angstempfindung somatisch
gegeben (etwa wie bei Lungen- und Herzkranken bei zufälliger Atem-
behinderung), und dann wird sie dazu benutzt, solchen energisch
unterdrückten Wünschen zur Erfüllung als Traum zu verhelfen,
deren Träumen aus psychischen Motiven die gleiche Angstentbindung
zur Folge gehabt hätte. Es ist nicht schwer, die beiden scheinbar
gesonderten Fälle zu vereinigen. Von zwei psychischen Bildungen,
einer Affektneigung und einem Vorstellungsinhalt, die innig zu
sammengehören, hebt die eine, die aktuell gegeben ist, auch im
Traume die andere; bald die somatisch gegebene Angst den unter
drückten Vorstellungsinhalt, bald der aus der Verdrängung befreite,
mit sexueller Erregung einhergehende Vorstellungsinhalt die Angst
entbindung. Von dem einen Falle kann man sagen, daß ein somatisch
gegebener Affekt psychisch gedeutet wird; im anderen Falle ist alles
psychisch gegeben, aber der unterdrückt gewesene Inhalt ersetzt sich
leicht durch eine zur Angst passende somatische Deutung. Die
Schwierigkeiten, die sich hier für das Verständnis ergeben, haben
mit dem Traume nur wenig zu tun; sie rühren daher, daß wir mit
diesen Erörterungen die Probleme der Angstentwicklung und der
Verdrängung streifen.Zu den kommandierenden Traumreizen aus der inneren Leib-
lichkeit gehört unzweifelhaft die körperliche Gesamtstimmung. Nicht
daß sie den Trauminhalt liefern könnte, aber sie nötigt den Traum-
gedanken eine Auswahl aus dem Material auf, welches zur Dar-
stellung im Trauminhalt dienen soll, indem sie den einen Teil dieses
Materials als zu ihrem Wesen passend nahe legt, den anderen fern
hält. Überdies ist ja wohl diese Allgemeinstimmung vom Tage her
mit den für den Traum bedeutsamen psychischen Resten verknüpft.
Dabei kann diese Stimmung selbst im Traume erhalten bleiben, oder
überwunden werden, so daß sie, wenn unlustvoll, ins Gegenteil um-
schlägt.Wenn die somatischen Reizquellen während des Schlafes – die
Schlafsensationen also – nicht von ungewöhnlicher Intensität sind,S.
179
so spielen sie nach meiner Schätzung für die Traumbildung eine
ähnliche Rolle wie die als rezent verbliebenen, aber indifferenten Ein-
drücke des Tages. Ich meine nämlich, sie werden zur Traumbildung
herangezogen, wenn sie sich zur Vereinigung mit dem Vorstellungs-
inhalt der psychischen Traumquelle eignen, im anderen Falle aber
nicht. Sie werden wie ein wohlfeiles, allezeit bereitliegendes Material
behandelt, welches zur Verwendung kommt, so oft man dessen be-
darf, anstatt daß ein kostbares Material die Art seiner Verwendung
selbst mit vorschreibt. Der Fall ist etwa ähnlich, wie wenn der
Kunstgönner dem Künstler einen seltenen Stein, einen Onyx, bringt,
aus ihm ein Kunstwerk zu gestalten. Die Größe des Steines, seine
Farbe und Fleckung helfen mit entscheiden, welcher Kopf oder
welche Szene in ihm dargestellt werden soll, während bei gleich-
mäßigem und reichlichem Material von Marmor oder Sandstein der
Künstler allein der Idee nachfolgt, die sich in seinem Sinne gestaltet.
Auf diese Weise allein scheint mir die Tatsache verständlich, daß
jener Trauminhalt, der von den nicht ins Ungewohnte gesteigerten
Reizen aus unserer Weiblichkeit geliefert wird, doch nicht in allen
Träumen und nicht in jeder Nacht im Traume erscheint*).Vielleicht wird ein Beispiel, das uns wieder zur Traumdeutung
zurückführt, meine Meinung am besten erläutern. Eines Tages mühte
ich mich ab zu verstehen, was die Empfindung von Gehemmtsein,
nicht von der Stelle können, nicht fertig werden u. dgl., die so häufig
geträumt wird und die der Angst so nahe verwandt ist, wohl be-
deuten mag. In der Nacht darauf hatte ich folgenden Traum: Ich
gehe in sehr unvollständiger Toilette aus einer Wohnung
im Parterre über die Treppe in ein höheres Stockwerk.
Dabei überspringe ich jedesmal drei Stufen, freue mich,
daß ich so flink Treppen steigen kann. Plötzlich sehe ich,
daß ein Dienstmädchen die Treppen herab und also mir
entgegenkommt. Ich schäme mich, will mich eilen, und
nun tritt jenes Gehemmtsein auf, ich klebe an den Stufen und
komme nicht von der Stelle.Analyse: Die Situation des Traumes ist der täglichen Wirk-
lichkeit entnommen. Ich habe in einem Hause in Wien zwei Woh-
nungen, die nur durch die Treppe außen verbunden sind. Im Hoch-
parterre befindet sich meine ärztliche Wohnung und mein Arbeits-
zimmer, einen Stock höher die Wohnräume. Wenn ich in später
Stunde unten meine Arbeit vollendet habe, gehe ich über die Treppe
ins Schlafzimmer. An dem Abend vor dem Traume hatte ich diesen
kurzen Weg wirklich in etwas derangierter Toilette gemacht, d. h.*)Rank hat in einer Reihe von Arbeiten gezeigt, daß gewisse, durch
Organreiz hervorgerufene Weckträume (die Harnreiz- und Pollutionsträume) be-
sonders geeignet sind, den Kampf zwischen dem Schlafbedürfnis und den An-
forderungen des organischen Bedürfnisses sowie den Einfluß des letzteren auf
den Trauminhalt zu demonstrieren.S.
180
ich hatte Kragen, Krawatte und Manschetten abgelegt;
war daraus ein höherer, aber, wie gewöhnlich, unbestimmter Grad
von Kleiderlosigkeit geworden. Das Überspringen von Stufen ist
meine gewöhnliche Art, die Treppe zu gehen, übrigens eine bereits
im Traume anerkannte Wunscherfüllung, denn mit der Leichtigkeit
dieser Leistung hatte ich mich ob des Zustandes meiner Herzarbeit
getröstet. Ferner ist diese Art, die Treppe zu gehen, ein wirksamer
Gegensatz zu der Hemmung in der zweiten Hälfte des Traumes. Sie
zeigt mir – was des Beweises nicht bedurfte – daß der Traum keine
Schwierigkeit hat, sich motorische Aktionen in aller Vollkommen-
heit ausgeführt vorzustellen; man denke an das Fliegen im Traume!Die Treppe, über die ich gehe, ist aber nicht die meines Hauses;
ich erkenne sie zunächst nicht, erst die mir entgegenkommende
Person klärt mich über die gemeinte Örtlichkeit auf. Diese Person
ist das Dienstmädchen der alten Dame, die ich täglich zweimal be-
suche, um ihr Injektionen zu machen; die Treppe ist auch ganz
ähnlich jener, die ich zweimal im Tage dort zu ersteigen habe.Wie gelangt nun diese Treppe und diese Frauenperson in
meinen Traum? Das Schämen, weil man nicht voll angekleidet ist,
hat unzweifelhaft sexuellen Charakter; das Dienstmädchen, von dem
ich träume, ist älter als ich, mürrisch und keineswegs anreizend.
Zu diesen Fragen fällt mir nun nichts anderes ein als das folgende:
Wenn ich in diesem Hause den Morgenbesuch mache, werde ich ge-
wöhnlich auf der Treppe von Räuspern befallen; das Produkt der
Expektoration gerät auf die Stiege. In diesen beiden Stockwerken
befindet sich nämlich kein Spucknapf, und ich vertrete den Stand-
punkt, daß die Reinhaltung der Treppe nicht auf meine Kosten er-
folgen darf, sondern durch die Anbringung eines Spucknapfes er-
möglicht werden soll. Die Hausmeisterin, eine gleichfalls ältliche
und mürrische Person, aber von reinlichen Instinkten, wie ich ihr zu-
zugestehen bereit bin, nimmt in dieser Angelegenheit einen anderen
Standpunkt ein. Sie lauert mir auf, ob ich mir wieder die besagte
Freiheit erlauben werde, und wenn sie das konstatiert hat, höre ich
sie vernehmlich brummen. Auch versagt sie mir dann für Tage die ge-
wohnte Hochachtung, wenn wir uns begegnen. Am Vortag des Trau-
mes bekam nun die Partei der Hausmeisterin eine Verstärkung durch
das Dienstmädchen. Ich hatte eilig wie immer meinen Besuch bei
der Kranken abgemacht, als die Dienerin mich im Vorzimmer stellte
und die Bemerkung von sich gab: „Herr Doktor hätten sich heute
schon die Stiefel abputzen können, ehe Sie ins Zimmer kommen.
Der rote Teppich ist wiederum ganz schmutzig von Ihren Füßen.“
Dies ist der ganze Anspruch, den Treppe und Dienstmädchen geltend
machen können, um in meinem Traume zu erscheinen.Zwischen meinem Über-die-Treppe-Fliegen und dem Auf-der-
Treppe-Spucken besteht ein inniger Zusammenhang. Rachenkatarrh
wie Herzbeschwerden sollen beide die Strafen für das Laster desS.
181
Typische Träume.
Rauchens darstellen, wegen dessen ich natürlich auch bei meiner
Hausfrau nicht den Ruf der größten Nettigkeit genieße, in dem einen
Hause so wenig wie in dem anderen, die der Traum zu einem Ge-
bilde verschmilzt.Die weitere Deutung des Traumes muß ich verschieben, bis
ich berichten kann, woher der typische Traum von der unvoll-
ständigen Bekleidung rührt. Ich bemerke nur als vorläufiges Er-
gebnis des mitgeteilten Traumes, daß die Traumsensation der ge-
hemmten Bewegung überall dort hervorgerufen wird, wo ein gewisser
Zusammenhang ihrer bedarf. Ein besonderer Zustand meiner Motilität
im Schlafe kann nicht die Ursache dieses Trauminhaltes sein, denn
einen Moment vorher sah ich mich ja wie zur Sicherung dieser Er-
kenntnis leichtfüßig über die Stufen eilen.d) Typische Träume.
Wir sind im allgemeinen nicht im stande, den Traum eines
anderen zu deuten, wenn derselbe uns nicht die hinter dem Traum-
inhalt stehenden unbewußten Gedanken ausliefern will, und dadurch
wird die praktische Verwertbarkeit unserer Methode der Traum-
deutung schwer beeinträchtigt. Nun gibt es aber, so recht im Gegen-
satz zu der sonstigen Freiheit des einzelnen, sich seine Traumwelt in
individueller Besonderheit auszustatten und dadurch dem Verständnis
der anderen unzugänglich zu machen, eine gewisse Anzahl von
Träumen, die fast jedermann in derselben Weise geträumt hat, von
denen wir anzunehmen gewohnt sind, daß sie auch bei jedermann
dieselbe Bedeutung haben. Ein besonderes Interesse wendet sich
diesen typischen Träumen auch darum zu, weil sie vermutlich bei
allen Menschen aus den gleichen Quellen stammen, also besonders
gut geeignet scheinen, uns über die Quellen der Träume Aufschluß
zu geben.Wir werden also mit ganz besonderen Erwartungen darangehen,
unsere Technik der Traumdeutung an diesen typischen Träumen zu
versuchen und uns nur sehr ungern eingestehen, daß unsere Kunst
sich gerade an diesem Material nicht recht bewährt. Bei der Deutung
der typischen Träume versagen in der Regel die Einfälle des Träumers,
die uns sonst zum Verständnis des Traumes geleitet haben, oder sie
werden unklar und unzureichend, so daß wir unsere Aufgabe mit ihrer
Hilfe nicht lösen können.Woher dies rührt, und wie wir diesem Mangel unserer Technik
abhelfen, wird sich an einer späteren Stelle unserer Arbeit ergeben.
Dann wird dem Leser auch verständlich werden, warum ich hier nur
einige aus der Gruppe der typischen Träume behandeln kann und
die Erörterung der anderen auf jenen späteren Zusammenhang ver-
schiebe.S.
182
α) Der Verlegenheitstraum der Nacktheit.
Der Traum, daß man nackt oder schlecht bekleidet in Gegen-
wart Fremder sei, kommt auch mit der Zutat vor, man habe sich
dessen gar nicht geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt aber dem
Nacktheitstraume nur dann, wenn man in ihm Scham und Verlegenheit
empfindet, entfliehen oder sich verbergen will und dabei der eigen-
tümlichen Hemmung unterliegt, daß man nicht von der Stelle kann
und sich unvermögend fühlt, die peinliche Situation zu verändern.
Nur in dieser Verbindung ist der Traum typisch; der Kern seines
Inhaltes mag sonst in allerlei andere Verknüpfungen einbezogen
werden oder mit individuellen Zutaten versetzt sein. Es handelt sich
im wesentlichen um die peinliche Empfindung von der Natur der
Scham, daß man seine Nacktheit, meist durch Lokomotion, verbergen
möchte und es nicht zu stande bringt. Ich glaube, die allermeisten
meiner Leser werden sich in dieser Situation im Traume bereits be-
funden haben.Für gewöhnlich ist die Art und Weise der Entkleidung wenig
deutlich. Man hört etwa erzählen, ich war im Hemde, aber dies ist
selten ein klares Bild; meist ist die Unbekleidung so unbestimmt,
daß sie durch eine Alternative in der Erzählung wiedergegeben wird:
„Ich war im Hemde oder im Unterrocke.“ In der Regel ist der
Defekt der Toilette nicht so arg, daß die dazugehörige Scham gerecht-
fertigt schiene. Für den, der den Rock des Kaisers getragen hat, er-
setzt sich die Nacktheit häufig durch eine vorschriftswidrige Ad-
justierung. Ich bin ohne Säbel auf der Straße und sehe Offiziere näher
kommen, oder ohne Halsbinde, oder trage eine karrierte Zivilhose
u. dgl.Die Leute, vor denen man sich schämt, sind fast immer Fremde
mit unbestimmt gelassenen Gesichtern. Niemals ereignet es sich im
typischen Traume, daß man wegen der Kleidung, die einem selbst
solche Verlegenheit bereitet, beanstandet oder auch nur bemerkt wird.
Die Leute machen ganz im Gegenteil gleichgültige, oder wie ich es
in einem besonders klaren Traume wahrnehmen konnte, feierlich steife
Mienen. Das gibt zu denken.Die Schamverlegenheit des Träumers und die Gleichgültigkeit
der Leute ergeben mitsammen einen Widerspruch, wie er im Traume
häufig vorkommt. Zu der Empfindung des Träumenden würde doch
nur passen, daß die Fremden ihn erstaunt ansehen und verlachen,
oder sich über ihn entrüsten. Ich meine aber, dieser anstößige Zug
ist durch die Wunscherfüllung beseitigt worden, während der andere,
durch irgend welche Macht gehalten, stehen blieb, und so stimmen
die beiden Stücke dann schlecht zueinander. Wir besitzen ein inter-
essantes Zeugnis dafür, daß der Traum in seiner durch Wunsch-
erfüllung partiell entstellten Form das richtige Verständnis nicht ge-
funden hat. Er ist nämlich die Grundlage eines Märchens geworden,S.
183
Der Verlegenheitstraum der Nacktheit.
welches uns allen in der Andersenschen Fassung*) bekannt ist,
und in der jüngsten Zeit durch L. Fulda im „Talisman“ poetischer
Verwertung zugeführt worden ist. Im Andersenschen Märchen wird
von zwei Betrügern erzählt, die für den Kaiser ein kostbares Gewand
weben, das aber nur den Guten und Treuen sichtbar sein soll. Der
Kaiser geht mit diesem unsichtbaren Gewand bekleidet aus, und durch
die prüfsteinartige Kraft des Gewebes erschreckt tun alle Leute, als
ob sie die Nacktheit des Kaisers nicht merkten.Letzteres ist aber nicht viel Kühnheit dazu, anzunehmen, daß der unverständ-
liche Trauminhalt eine Anregung gegeben hat, um eine Einkleidung
zu erfinden, in welcher die vor der Erinnerung stehende Situation
sinnreich wird. Dieselbe ist dabei ihrer ursprünglichen Bedeutung
beraubt und fremden Zwecken dienstbar gemacht worden. Aber wir
werden hören, daß solches Mißverständnis des Trauminhaltes durch die
bewußte Denktätigkeit eines zweiten psychischen Systems häufig
vorkommt und als ein Faktor für die endgültige Traumgestaltung an
zuerkennen ist, ferner daß bei der Bildung von Zwangsvorstellungen
und Phobien ähnliche Mißverständnisse – gleichfalls innerhalb der
nämlichsten psychischen Persönlichkeit – eine Hauptrolle spielen.
Es läßt sich auch für unseren Traum angeben, woher das Material
für die Umdeutung genommen wird. Der Betrüger ist der Traum,
der Kaiser der Träumer selbst, und die moralisierende Tendenz ver-
rät eine dunkle Kenntnis davon, daß es sich im latenten Traum
inhalte um unerlaubte, der Verdrängung geopferte Wünsche handelt.
Der Zusammenhang, in welchem solche Träume während meiner Ana-
lysen bei Neurotikern auftreten, läßt nämlich keinen Zweifel darüber,
daß dem Traume eine Erinnerung aus der frühesten Kindheit zu
grunde liegt. Nur in unserer Kindheit gab es die Zeit, daß wir in
mangelhafter Bekleidung von unseren Angehörigen wie von fremden
Pflegepersonen, Dienstmädchen, Besuchern gesehen wurden und wir
haben uns damals unserer Nacktheit nicht geschämt**). An vielen
Kindern kann man noch in späteren Jahren beobachten, daß ihre Ent-
kleidung wie berauschend auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham zu
leiten. Sie lachen, springen herum, schlagen sich auf den Leib, die
Mutter oder wer dabei ist, verweist es ihnen, sagt: Pfui, das ist eine
Schande, das darf man nicht. Die Kinder zeigen häufig Exhibitions-
gelüste; man kann kaum durch ein Dorf in unseren Gegenden gehen,
ohne daß man einem zwei- bis dreijährigen Kleinen begegnete, welches
vor dem Wanderer, vielleicht ihm zu Ehren, sein Hemdchen hochhebt.
Einer meiner Patienten hat in seiner bewußten Erinnerung eine Szene
aus seinen achten Lebensjahre bewahrt, wie er nach der Entkleidung
*)„Des Kaisers neue Kleider.“
**)Das Kind tritt auch im Märchen auf, denn dort ruft plötzlich ein
kleines Kind: „Aber er hat ja gar nichts an.“S.
184
vor dem Schlafengehen im Hemde zu seiner kleinen Schwester im
nächsten Zimmer hinaustanzt, und wie die dienende Person
es ihm verwehrt. In der Jugendgeschichte von Neurotikern spielt die
Entblößung vor Kindern des anderen Geschlechtes eine große Rolle;
in der Paranoia ist der Wahn, beim An- und Auskleiden beobachtet
zu werden, auf diese Erlebnisse zurückzuführen; unter den pervers
Gebliebenen ist eine Klasse, bei denen der infantile Impuls zum
Zwang erhoben worden ist, die der Exhibitionisten.Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer Rück-
schau später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichts
anderes als die Massenphantasie von der Kindheit des einzelnen.
Darum sind auch im Paradies die Menschen nackt und schämen sich
nicht voreinander, bis ein Moment kommt, in dem die Scham und
die Angst erwachen, die Vertreibung erfolgt, das Geschlechtsleben
und die Kulturarbeit beginnt. In dieses Paradies kann uns nun der
Traum allnächtlich zurückführen; wir haben bereits der Vermutung
Ausdruck gegeben, daß die Eindrücke aus der ersten Kindheit (der
prähistorischen Periode bis etwa zum vollendeten vierten Jahre) an
und für sich, vielleicht ohne daß es auf ihren Inhalt weiter ankäme,
nach Reproduktion verlangen, daß deren Wiederholung eine Wunsch-
erfüllung ist. Die Nacktheitsträume sind also Exhibitionsträume*).Den Kern des Exhibitionstraumes bildet die eigene Gestalt, die
nicht als die eines Kindes, sondern wie in der Gegenwart gesehen
wird, und die mangelhafte Bekleidung, welche durch die Überlagerung
so vieler späterer Negligéerinnerungen oder der Zensur zuliebe un-
deutlich ausfällt; dazu kommen nun die Personen, vor denen man
sich schämt. Ich kenne kein Beispiel, daß die tatsächlichen Zu-
schauer bei jenen infantilen Exhibitionen im Traume wieder auftreten.
Der Traum ist eben fast niemals eine einfache Erinnerung. Merk-
würdigerweise werden jene Personen, denen unser sexuelles Interesse
in der Kindheit galt, in allen Reproduktionen des Traumes, der
Hysterie und der Zwangsneurose ausgelassen; erst die Paranoia setzt
die Zuschauer wieder ein und schließt, obwohl sie unsichtbar ge-
blieben sind, mit fanatischer Überzeugung auf ihre Gegenwart. Was
der Traum für sie einsetzt, „viele fremde Leute“, die sich nicht um
das gebotene Schauspiel kümmern, ist geradezu der Wunschgegen-
satz zu jener einzelnen, wohlvertrauten Person, der man die Ent-
blößung bot. „Viele fremde Leute“ finden sich in Träumen übrigens
auch häufig in beliebigem anderen Zusammenhang; sie bedeuten
immer als Wunschgegensatz „Geheimnis“**). Man merkt, wie auch*)Eine Anzahl interessanter Nacktheitsträume bei Frauen, die sich ohne
Schwierigkeiten auf die infantile Exhibitionslust zurückführen ließen, aber in
manchen Zügen von dem oben behandelten „typischen“ Nacktheitstraum ab-
weichen, hat Ferenczi mitgeteilt.**)Dasselbe bedeutet, aus begreiflichen Gründen, im Traume die Anwesen-
heit der „ganzen Familie“.S.
185
die Restitution des alten Sachverhaltes, die in der Paranoia vor sich
geht, diesem Gegensatze Rechnung trägt. Man ist nicht mehr allein,
man wird ganz gewiß beobachtet, aber die Beobachter sind „viele,
fremde, merkwürdig unbestimmt gelassene Leute“.Außerdem kommt im Exhibitionstraume die Verdrängung zur
Sprache. Die peinliche Empfindung des Traumes ist ja die Reaktion
des zweiten psychischen Systems dagegen, daß der von ihr ver-
worfene Inhalt der Exhibitionsszene dennoch zur Vorstellung gelangt
ist. Um sie zu ersparen, hätte die Szene nicht wieder belebt werden dürfen.
Von der Empfindung des Gehemmtseins werden wir später
nochmals handeln. Sie dient im Traume vortrefflich dazu, den
Willenskonflikt, das Nein, darzustellen. Nach der unbewußten
Absicht soll die Exhibition fortgesetzt, nach der Forderung der Zensur
unterbrochen werden.Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den Märchen
und anderen Dichtungsstoffen sind gewiß weder vereinzelte noch zu-
fällige. Gelegentlich hat ein scharfes Dichterauge den Umwandlungs-
prozeß, dessen Werkzeug sonst der Dichter ist, analytisch erkannt und
ihn in umgekehrter Richtung verfolgt, also die Dichtung auf den
Traum zurückgeführt. Ein Freund macht mich auf folgende Stelle
aus G. Kellers „Grünem Heinrich“ aufmerksam: „Ich wünsche
Ihnen nicht, lieber Lee, daß Sie jemals die ausgesuchte pikante
Wahrheit in der Lage des Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm-
bedeckt vor Nausikaa und ihren Gespielen erscheint, so recht aus
Erfahrung empfinden lernen! Wollen Sie wissen, wie das zugeht?
Halten wir das Beispiel einmal fest. Wenn Sie einst getrennt von
Ihrer Heimat und allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde umher-
schweifen und Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben
Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen, so wird es
Ihnen des Nachts unfehlbar träumen, daß Sie sich Ihrer Heimat
nähern; Sie sehen sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben,
holde, feine und liebe Gestalten treten Ihnen entgegen; da entdecken
Sie plötzlich, daß Sie zerfetzt, nackt und staubbedeckt umhergehen.
Eine namenlose Scham und Angst faßt Sie, Sie suchen sich zu be-
decken, zu verbergen und erwachen im Schweiße gebadet. Dies ist,
solange es Menschen gibt, der Traum des kummervollen, umher-
geworfenen Mannes, und so hat Homer jene Lage aus dem tiefsten
und ewigen Wesen der Menschheit herausgenommen.“Das tiefste und ewige Wesen der Menschen, auf dessen Er-
weckung der Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das sind
jene Regungen des Seelenlebens, die in der später prähistorisch ge-
wordenen Kinderzeit wurzeln. Hinter den bewußtseinsfähigen und
einwandfreien Wünschen des Heimatlosen brechen im Traume die
unterdrückten und unerlaubt gewordenen Kinderwünsche hervor, und
darum schlägt der Traum, den die Sage von der Nausikaa objektiviert,
regelmäßig in einen Angsttraum um.S.
186
Mein eigener, auf p. 179 erwähnter Traum von dem Eilen über
die Treppe, das sich bald nachher in ein An-
den-Stufen-Kleben ver-
wandelt, ist gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er die wesentlichen
Bestandstücke eines solchen aufweist. Er müßte sich also auf Kinder-
erlebnisse zurückführen lassen, und die Kenntnis derselben müßte
einen Aufschluß darüber geben, inwiefern das Benehmen des Dienst-
mädchens gegen mich, ihr Vorwurf, daß ich den Teppich schmutzig
gemacht habe, ihr zur Stellung verhilft, die sie im Traume einnimmt.
Ich kann die gewünschten Aufklärungen nun wirklich beibringen.
In einer Psychoanalyse lernt man die zeitliche Annäherung auf sach-
lichen Zusammenhang umdeuten; zwei Gedanken, die, anscheinend
zusammenhangslos, unmittelbar aufeinanderfolgen, gehören zu einer
Einheit, die zu erraten ist, ebenso wie ein a und ein b, die ich neben-
einander hinschreibe, als eine Silbe: a b, ausgesprochen werden sollen.
Ähnlich mit der Aufeinanderbeziehung der Träume. Der erwähnte
Traum von der Treppe ist aus einer Traumreihe herausgegriffen,
deren andere Glieder mir der Deutung nach bekannt sind. Der von
ihnen eingeschlossene Traum muß in demselben Zusammenhang ge-
hören. Nun liegt jenen anderen einschließenden Träumen die Er-
innerung an eine Kinderfrau zu grunde, die mich von irgend einem
Termin der Säuglingszeit bis zum Alter von 21/2 Jahren betreut hat,
von der mir auch eine dunkle Erinnerung im Bewußtsein geblieben
ist. Nach den Auskünften, die ich unlängst von meiner Mutter ein-
geholt habe, war sie alt und häßlich, aber sehr klug und tüchtig;
nach den Schlüssen, die ich aus meinen Träumen ziehen darf, hat
sie mir nicht immer die liebevollste Behandlung angedeihen und mich
harte Worte hören lassen, wenn ich der Erziehung zur Reinlichkeit
kein genügendes Verständnis entgegenbrachte. Indem also das Dienst-
mädchen dieses Erziehungswerk fortzusetzen sich bemüht, erwirbt sie
den Anspruch, von mir als Inkarnation der prähistorischen Alten im
Traume behandelt zu werden. Es ist wohl anzunehmen, daß das
Kind dieser Erzieherin, trotz ihrer schlechten Behandlung, seine Liebe
geschenkt hat*).ß) Die Träume vom Tod teurer Personen.
Eine andere Reihe von Träumen, die typisch genannt werden
dürfen, sind die mit dem Inhalte, daß ein teurer Verwandter, Eltern
oder Geschwister, Kinder usw. gestorben ist. Man muß sofort von
diesen Träumen zwei Klassen unterscheiden, die einen, bei welchen
man im Traume von Trauer unberührt bleibt, so daß man sich nach*)Eine Überdeutung dieses Traumes: Auf der Treppe spucken, das führte,
da „Spucken“ eine Tätigkeit der Geister ist, bei loser Übersetzung zum „esprit
d’escalier“: Treppenwitz heißt soviel als Mangel an Schlagfertigkeit. Den habe
ich mir wirklich vorzuwerfen. Ob aber die Kinderfrau es an „Schlagfertig-
keit“ hat fehlen lassen?S.
187
Die Träume vom Tod teurer Personen.
dem Erwachen über seine Gefühllosigkeit wundert, die anderen, bei
denen man tiefen Schmerz über den Todesfall empfindet, ja ihn selbst
in heißen Tränen während des Schlafes äußert.Die Träume der ersten Gruppe dürfen wir bei Seite lassen;
sie haben keinen Anspruch, als typisch zu gelten. Wenn man sie
analysiert, findet man, daß sie etwas anderes bedeuten als sie ent-
halten, daß sie dazu bestimmt sind, irgend einen anderen Wunsch
zu verdecken. So der Traum der Tante, die den einzigen Sohn ihrer
Schwester aufgebahrt vor sich sieht (p. 116). Das bedeutet nicht, daß
sie dem kleinen Neffen den Tod wünscht, sondern verbirgt nur, wie
wir erfahren haben, den Wunsch, eine gewisse geliebte Person nach
langer Entbehrung wieder zu sehen, dieselbe, die sie früher einmal
nach ähnlich langer Pause bei der Leiche eines anderen Neffen wieder
gesehen hat. Dieser Wunsch, welcher der eigentliche Inhalt des
Traumes ist, gibt keinen Anlaß zur Trauer, und darum wird auch
im Traume keine Trauer verspürt. Man merkt es hier, daß die im
Traume enthaltene Empfindung nicht zum manifesten Trauminhalt
gehört, sondern zum latenten, daß der Affektinhalt des Traumes von
der Entstellung frei geblieben ist, welche den Vorstellungsinhalt be-
troffen hat.Anders die Träume, in denen der Tod einer geliebten ver-
wandten Person vorgestellt und dabei schmerzlicher Affekt verspürt
wird. Diese bedeuten, was ihr Inhalt besagt, den Wunsch, daß die
betreffende Person sterben möge, und da ich hier erwarten darf, daß
sich die Gefühle aller Leser und aller Personen, die Ähnliches ge-
träumt haben, gegen meine Auslegung sträuben werden, muß ich den
Beweis auf der breitesten Basis anstreben.Wir haben bereits einen Traum erläutert, aus dem wir lernen
konnten, daß die Wünsche, welche sich in Träumen als erfüllt dar-
stellen, nicht immer aktuelle Wünsche sind. Es können auch ver-
flossene, abgetane, überlagerte und verdrängte Wünsche sein, denen
wir nur wegen ihres Wiederauftauchens im Traume doch eine Art
von Fortexistenz zusprechen müssen. Sie sind nicht tot wie die
Verstorbenen nach unserem Begriffe, sondern wie die Schatten der
Odyssee, die sobald sie Blut getrunken haben, zu einem gewissen
Leben erwachen. In jenem Traume vom toten Kinde in der Schachtel
(p. 118) handelte es sich um einen Wunsch, der vor 15 Jahren
aktuell war und von damals her unumwunden eingestanden wurde.Es ist vielleicht für die Theorie des Traumes nicht gleichgültig, wenn
ich hinzufüge, daß selbst diesem Wunsche eine Erinnerung aus der
frühesten Kindheit zu Grunde liegt. Die Träumerin hat als kleines
Kind – wann, ist nicht sicher festzustellen – gehört, daß ihre Mutter
in der Schwangerschaft, deren Frucht sie wurde, in eine schwere Ver-
stimmung verfallen war und dem Kinde in ihrem Leibe sehnlichst den
Tod gewünscht hatte. Selbst erwachsen und gravid geworden, folgte
sie nur dem Beispiele der Mutter.S.
188
Wenn jemand unter Schmerzensäußerungen davon träumt, sein
Vater oder seine Mutter, Bruder oder Schwester seien gestorben, so
werde ich diesen Traum niemals als Beweis dafür verwenden, daß
er ihnen jetzt den Tod wünscht. Die Theorie des Traumes fordert
nicht so viel; sie begnügt sich zu schließen, daß er ihnen – irgend
einmal in der Kindheit – den Tod gewünscht habe. Ich fürchte
aber, diese Einschränkung wird noch wenig zur Beruhigung der
Beschwerdeführer beitragen; diese dürften ebenso energisch die Mög-
lichkeit bestreiten, daß sie je so gedacht haben, wie sie sich sicher
fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wünsche zu hegen. Ich muß
darum ein Stück vom untergegangenen Kinderseelenleben nach den
Zeugnissen, die noch die Gegenwart aufweist, wieder herstellen*).Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren Ge-
schwistern ins Auge. Ich weiß nicht, warum wir voraussetzen, es
müsse ein liebevolles sein, da doch die Beispiele von Geschwister-
feindschaft unter Erwachsenen in der Erfahrung eines jeden sich
drängen, und wir so oft feststellen können, diese Entzweiung rühre
noch aus der Kindheit her oder habe von jeher bestanden. Aber auch
sehr viele Erwachsene, die heute an ihren Geschwistern zärtlich hängen
und ihnen beistehen, haben in ihrer Kindheit in kaum unterbrochener
Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat das jüngere miß-
handelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen beraubt; das jüngere hat
sich in ohnmächtiger Wut gegen das ältere verzehrt, es beneidet und
gefürchtet, oder sein ersten Regungen von Freiheitsdrang und Rechts-
bewußtsein haben sich gegen den Unterdrücker gewendet. Die Eltern
sagen, die Kinder vertragen sich nicht, und wissen den Grund hiefür
nicht zu finden. Es ist nicht schwer zu sehen, daß der Charakter auch
des braven Kindes ein anderer ist, als wir ihn bei einem Erwachsenen
zu finden wünschen. Das Kind ist absolut egoistisch, es empfindet
seine Bedürfnisse intensiv und strebt rücksichtslos nach ihrer Befriedi-
gung, insbesondere gegen seine Mitbewerber, andere Kinder, und in
erster Linie gegen seine Geschwister. Wir heißen das Kind aber
darum nicht „schlecht“, wir heißen es „schlimm“; es ist unverant-
wortlich für seine bösen Taten vor unserem Urteil wie vor dem
Strafgesetz. Und das mit Recht; denn wir dürfen erwarten, daß noch
innerhalb von Lebenszeiten, die wir der Kindheit zurechnen, in
dem kleinen Egoisten die altruistischen Regungen und die Moral er-
wachen werden, daß, mit Meynert zu reden, ein sekundäres Ich
das primäre überlagern und hemmen wird. Wohl entsteht die Mora-
lität nicht gleichzeitig auf der ganzen Linie, auch ist die Dauer der
morallosen Kindheitsperiode bei den einzelnen Individuen verschieden.*)Vgl. hiezu: Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben im Jahrbuch
für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, Bd. I, 1909, und
„Über infantile Sexualtheorien“ in Sammlung kl. Schriften z. Neurosenlehre,
zweite Folge.S.
189
lang. Wo die Entwicklung dieser Moralität ausbleibt, sprechen wir
gern von „Degeneration“; es handelt sich offenbar um eine Ent-
wicklunghemmung. Wo der primäre Charakter durch die spätere
Entwicklung bereits überlagert ist, kann er durch die Erkrankung
an Hysterie wenigstens partiell wieder freigelegt werden. Die Über-
einstimmung des sogenannten hysterischen Charakters mit dem eines
schlimmen Kindes ist geradezu auffällig. Die Zwangsneurose hin-
gegen entspricht dem Durchbruch einer Übermoralität, die als ver-
stärkende Belastung dem sich immer wieder regenden primären Cha-
rakter auferlegt war.Viele Personen also, die heute ihre Geschwister lieben und sich
durch ihr Hinsterben beraubt fühlen würden, tragen von früher her
böse Wünsche gegen dieselben in ihrem Unbewußten, welche sich in
Träumen zu realisieren vermögen. Es ist aber ganz besonders inter-
essant, kleine Kinder bis zu drei Jahren oder wenig darüber in
ihrem Verhalten gegen jüngere Geschwister zu beobachten. Das Kind
war bisher das einzige, nun wird ihm angekündigt, daß der Storch
ein neues Kind gebracht hat. Das Kind mustert den Ankömmling und
äußert dann entschieden: „Der Storch soll es wieder mitnehmen.“*)Ich bekenne mich in allem Ernst zur Meinung, daß das Kind
abzuschätzen weiß, welche Benachteiligung es von dem Fremdling zu
erwarten hat. Von einer mir nahestehenden Dame, die sich heute
mit ihrer um vier Jahre jüngeren Schwester sehr gut verträgt, weiß
ich, daß sie die Nachricht von deren Ankunft mit dem Vorbehalt
beantwortet hat: „Aber meine rote Kappe werde ich ihr doch nicht
geben.“ Sollte das Kind erst später zu dieser Erkenntnis kommen,
so wird seine Feindseligkeit in diesem Zeitpunkte erwachen. Ich
kenne einen Fall, daß ein nicht dreijähriges Mädchen den Säugling
in der Wiege zu erwürgen versuchte, von dessen weiterer Anwesen-
heit ihr nichts Gutes ahnte. Der Eifersucht sind Kinder um diese
Lebenszeit in aller Stärke und Deutlichkeit fähig. Oder das kleine
Geschwisterchen ist wirklich bald wieder verschwunden, das Kind hat
wieder alle Zärtlichkeit im Hause auf sich vereinigt, nun kommt ein
neues vom Storche geschickt; ist es da nicht korrekt, daß unser
Liebling den Wunsch in sich erschaffen sollte, der neue Konkurrent
möge dasselbe Schicksal haben wie der frühere, damit es ihm wieder
so gut gehe wie vorhin und in der Zwischenzeit?**) Natürlich ist*)Der 31/2jährige Hans, dessen Phobie Gegenstand der Analyse in der
vorhin erwähnten Veröffentlichung ist, ruft im Fieber kurz nach der Geburt
einer Schwester: Ich will aber kein Schwesterchen haben. In seiner Neurose,
11/2 Jahre später gemacht, er den Wunsch, daß die Mutter das Kleine beim
Baden in die Wanne fallen lassen möge, damit es sterbe, unumwunden ein. Dabei
ist Hans ein gutartiges zärtliches Kind, welches bald auch diese Schwester lieb-
gewinnt und sie besonders gern protegiert.**)Solche in der Kindheit erlebte Sterbefälle mögen in der Familie bald
vergessen worden sein, die psychoanalytische Erforschung zeigt doch, daß sie
für die spätere Neurose sehr bedeutungsvoll geworden sind.S.
190
dieses Verhalten des Kindes gegen die Nachgeborenen in normalen
Verhältnissen eine einfache Funktion des Altersunterschiedes. Bei
einem gewissen Intervall werden sich in dem älteren Mädchen
bereits die mütterlichen Instinkte gegen das hilflose Neugeborene
regen.Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister müssen
im Kindesalter noch weit häufiger sein, als sie der stumpfen Beob-
achtung Erwachsener auffallen*).Bei meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, habe
ich die Gelegenheit zu solchen Beobachtungen versäumt; ich hole sie
jetzt bei meinem kleinen Neffen nach, dessen Alleinherrschaft nach
15 Monaten durch das Auftreten einer Mitbewerberin gestört wurde.
Ich höre zwar, daß der junge Mann sich sehr ritterlich gegen das
Schwesterchen benimmt, ihr die Hand küßt und sie streichelt; ich
überzeuge mich aber, daß er schon vor seinem vollendeten zweiten
Jahre seine Sprachfähigkeit dazu benutzt, um Kritik an der ihm doch
nur überflüssig erscheinenden Person zu üben. So oft die Rede auf
sie kommt, mengt er sich ins Gespräch und ruft unwillig: Zu k(l)ein,
zu k(l)ein. In den letzten Monaten, seitdem das Kind sich durch
vortreffliche Entwicklung dieser Geringschätzung entzogen hat, weiß
er seine Mahnung, daß sie soviel Aufmerksamkeit nicht verdient, an-
ders zu begründen. Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen daran:
Sie hat keine Zähne**). Von dem ältesten Mädchen einer anderen
Schwester haben wir alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals
sechsjährige Kind sich eine halbe Stunde lang von allen Tanten be-
stätigen ließ: „Nicht wahr, das kann die Lucie noch nicht ver-
stehen?“ Lucie war die um 21/2 Jahre jüngere Konkurrentin.Den gesteigerten Feindseligkeit entsprechenden Traum vom Tode
der Geschwister habe ich z. B. bei keiner meiner Patientinnen ver-
mißt. Ich fand nur eine Ausnahme, die sich leicht in eine Bestäti-
gung der Regel umdeuten ließ. Als ich einst einer Dame während
*)Beobachtungen, die sich auf das ursprünglich feindselige Verhalten von
Kindern gegen Geschwister und einen Elternteil beziehen, sind seither in großer
Anzahl gemacht und in der psychoanalytischen Literatur niedergelegt worden.
Besonders echt und naiv hat der Dichter S p i t t e l e r diese typische kind-
liche Einstellung aus seiner frühesten Kindheit geschildert: „Übrigens war noch
ein zweiter Adolf da. Ein kleines Geschöpf, von dem man behauptete, er wäre
mein Bruder, von dem ich aber nicht begriff, wozu er nützlich sei; noch weniger,
weswegen man solch ein Wesen aus ihm mache wie von mir selber. Ich genügte
für mein Bedürfnis, was brauchte ich einen Bruder? Und nicht bloß unnütz
war er, sondern mitunter sogar hinderlich. Wenn ich die Großmutter belästigte,
wollte er sie ebenfalls belästigen, wenn ich im Kinderwagen gefahren wurde,
saß er gegenüber und nahm mir die Hälfte Platz weg, so daß wir uns mit den
Füßen stoßen mußten.“**)In die nämlichen Worte kleidet der 31/2jährige Hans seine vernichtende
Kritik seiner Schwester (l. c.). Er nimmt an, daß sie wegen des Mangels der
Zähne nicht sprechen kann.S.
191
Die Vorstellung des Kindes vom „Totsein“.
einer Sitzung diesen Sachverhalt erklärte, der mir bei dem Symptom
an der Tagesordnung in Betracht zu kommen schien, antwortete sie
mir zu meinem Erstaunen, sie habe solche Träume nie gehabt. Ein
anderer Traum fiel ihr aber ein, der angeblich damit nichts zu
schaffen hatte, ein Traum, den sie mit vier Jahren, zuerst als damals
Jüngste, und dann wiederholt geträumt hatte. „Eine Menge Kinder,
alle ihre Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen tummel-
ten sich auf einer Wiese. Plötzlich bekamen sie Flügel,
flogen auf und waren weg.“ Von der Bedeutung des Traumes
hatte sie keine Ahnung; es wird uns nicht schwer fallen, einen Traum
vom Tode aller Geschwister in seiner ursprünglichen, durch die
Zensur wenig beeinflußten Form darin zu erkennen. Ich getraue mich
folgende Analyse unterzuschieben. Bei dem Tode eines aus der
Kinderschar – die Kinder zweier Brüder wurden in diesem Falle
in geschwisterlicher Gemeinschaft aufgezogen – wird unsere noch
nicht vierjährige Träumerin eine weise, erwachsene Person gefragt
haben: Was wird denn aus den Kindern, wenn sie tot sind? Die
Antwort wird gelautet haben: Dann bekommen sie Flügel und wer-
den Engel. Im Traume nach dieser Aufklärung haben nun die Ge-
schwister alle Flügel wie die Engel und – was die Hauptsache ist –
sie fliegen weg. Unsere kleine Engelmacherin bleibt allein, man denke,
das einzige nach einer solchen Schar! Daß sich die Kinder auf einer
Wiese tummeln, von der sie wegfliegen, deutet kaum mißverständlich
auf Schmetterlinge hin, als ob dieselbe Gedankenverbindung das
Kind geleitet hätte, welche die Alten bewog, die Psyche mit
Schmetterlingsflügeln zu bilden.Vielleicht wirft nun jemand ein, die feindseligen Impulse der
Kinder gegen ihre Geschwister seien wohl zuzugeben, aber wie käme
das Kindergemüt zu der Höhe von Schlechtigkeit, dem Mitbewerber
oder stärkeren Spielgenossen gleich den Tod zu wünschen, als ob alle
Vergehen nur durch die Todesstrafe zu sühnen seien? Wer so spricht,
erwägt nicht, daß die Vorstellung des Kindes vom „Todsein“ mit der
unserigen das Wort und dann nur noch wenig anderes gemein hat.
Das Kind weiß nichts von den Greueln der Verwesung, vom Frieren
im kalten Grabe, vom Schrecken des endlosen Nichts, das der Er-
wachsene, wie alle Mythen vom Jenseits zeugen, in seiner Vorstellung
so schlecht verträgt. Die Furcht vor dem Tode ist ihm fremd, darum
spielt es mit dem gräßlichen Worte und droht einem anderen Kinde:
„Wenn du das noch einmal tust, wirst du sterben, wie der Franz
gestorben ist,“ wobei es die arme Mutter schaudernd überläuft, die
vielleicht nicht daran vergessen kann, daß die größere Hälfte der
erdgeborenen Menschen ihr Leben nicht über die Jahre der Kindheit
bringt. Noch mit acht Jahren kann das Kind, von einem Gange
durch das Naturhistorische Museum heimgekehrt, seiner Mutter sagen:
„Mama, ich habe dich so lieb; wenn du einmal stirbst, lasse ich dich
ausstopfen und stelle dich hier im Zimmer auf, damit ich dich immer,S.
192
immer sehen kann!“ So wenig gleicht die kindliche Vorstellung vom
Gestorbensein der unserigen*).Gestorben sein heißt für das Kind, welchem ja überdies die
Szenen des Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so viel als
„fort sein“, die Überlebenden nicht mehr stören. Es unterscheidet
nicht, auf welche Art diese Abwesenheit zu stande kommt, ob durch
Verreisen, Entfremdung oder Tod. Wenn in den prähistorischen
Jahren eines Kindes seine Kinderfrau weggeschickt worden und einige
Zeit darauf seine Mutter gestorben ist, so liegen für seine Erinnerung,
wie man sie in der Analyse aufdeckt, beide Ereignisse in einer Reihe
übereinander. Daß das Kind die Abwesenden nicht sehr intensiv ver-
mißt, hat manche Mutter zu ihrem Schmerze erfahren, wenn sie nach
mehrwöchiger Sommerreise in ihr Haus zurückkehrte und auf ihre
Erkundigung hören mußte: Die Kinder haben nicht ein einziges
Mal nach der Mama gefragt. Wenn sie aber wirklich in jenes „un-
entdeckte Land“ verreist ist, „von des Bezirk kein Wanderer wieder-
kehrt“, so scheinen die Kinder sie zunächst vergessen zu haben und
erst nachträglich beginnen sie, sich an die Tote zu erinnern.Wenn das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines anderen
Kindes zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltung, diesen Wunsch
in die Form zu kleiden, es möge tot sein, und die psychische Reak-
tion auf den Todeswunschtraum beweist, daß trotz aller Verschieden-
heit im Inhalt der Wunsch beim Kinde doch irgendwie das nämliche
ist wie der gleichlautende Wunsch des Erwachsenen.Wenn nun der Todeswunsch des Kindes gegen seine Geschwister
erklärt wird durch den Egoismus des Kindes, der sie die Geschwister
als Mitbewerber auffassen läßt, wie soll sich der Todeswunsch gegen
die Eltern erklären, die für das Kind die Spender von Liebe und
Erfüller seiner Bedürfnisse sind, deren Erhaltung es gerade aus ego-
istischen Motiven wünschen sollte?Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung, daß
die Träume vom Tode der Eltern überwiegend häufig den Teil des
Elternpaares betreffen, der das Geschlecht des Träumers teilt, daß
also der Mann zumeist vom Tode des Vaters, das Weib vom Tode der
Mutter träumt. Ich kann das nicht als regelmäßig hinstellen, aber
das Überwiegen in dem angedeuteten Sinne ist so deutlich, daß es
eine Erklärung durch ein Moment von allgemeiner Bedeutung fordert.
Es verhält sich – grob ausgesprochen – so, als ob eine sexuelle
Vorliebe sich frühzeitig geltend machen würde, als ob der Knabe im
*)Von einem hochbegabten 10jährigen Knaben hörte ich nach dem plötz-
lichen Tode seines Vaters zu meinem Erstaunen folgende Äußerung: „Daß der
Vater gestorben ist, verstehe ich, aber warum er nicht zum Nachtmahl nach
Hause kommt, kann ich mir nicht erklären.“ – Weiteres Material zu diesem
Thema findet sich in der Rubrik „Kinderseele“ von „Imago“, Zeitschrift für
Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften, Bd. I und II,
1912 und 1913.S.
193
Vater, das Mädchen in der Mutter den Mitbewerber in der Liebe
erblickte, durch dessen Beseitigung ihm nur Vorteil erwachsen kann.
Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge
man auch hier die realen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern
ins Auge fassen. Man hat zu sondern, was die Kulturforderung der
Pietät von diesem Verhältnis verlangt, und was die tägliche Beob-
achtung als tatsächlich ergibt. In der Beziehung zwischen Eltern
und Kindern liegen mehr als nur ein Anlaß zur Feindseligkeit ver-
borgen; die Bedingungen für das Zustandekommen von Wünschen,
welche vor der Zensur nicht bestehen, sind im reichsten Ausmaße
gegeben. Verweilen wir zunächst bei der Relation zwischen Vater
und Sohn. Ich meine, die Heiligkeit, die wir den Vorschriften des
Dekalogs zuerkannt haben, stumpft unseren Sinn für die Wahr-
nehmung der Wirklichkeit ab. Wir getrauen uns vielleicht kaum zu
merken, daß der größere Teil der Menschheit sich über die Befolgung
des vierten Gebotes hinaussetzt. In den tiefsten wie in den höchsten
Schichten der menschlichen Gesellschaft pflegt die Pietät gegen die
Eltern vor anderen Interessen zurückzutreten. Die dunklen Nach-
richten, die in Mythologie und Sage aus der Urzeit der menschlichen
Gesellschaft auf uns gekommen sind, geben von der Machtfülle des
Vaters und von der Rücksichtslosigkeit, mit der sie gebraucht wurde,
eine unerfreuliche Vorstellung. Kronos verschlingt seine Kinder,
etwa wie der Eber den Wurf des Mutterschweines, und Zeus ent-
mannt den Vater*) und setzt sich als Herrscher an seine Stelle. Je
unumschränkter der Vater in der alten Familie herrschte, desto mehr
muß der Sohn als berufener Nachfolger in die Lage des Feindes ge-
rückt, desto größer muß seine Ungeduld geworden sein, durch den
Tod des Vaters selbst zur Herrschaft zu gelangen. Noch in unserer
bürgerlichen Familie pflegt der Vater durch die Verweigerung der
Selbstbestimmung und der dazu nötigen Mittel an den Sohn dem
natürlichen Keime der Feindschaft, der in dem Verhältnisse liegt, zur
Entwicklung zu verhelfen. Der Arzt kommt oft genug in die Lage zu
bemerken, daß der Schmerz über den Verlust des Vaters beim Sohne
die Befriedigung über die endlich erlangte Freiheit nicht unterdrücken
kann. Den Rest der in unserer heutigen Gesellschaft arg antiquierten
potestas patris familias pflegt jeder Vater krampfhaft festzuhalten
und jeder Dichter ist der Wirkung sicher, der wie Ibsen den uralten
Kampf zwischen Vater und Sohn in den Vordergrund seiner Fabeln
rückt. Die Anlässe zu Konflikten zwischen Tochter und Mutter er-
geben sich, wenn die Tochter heranwächst und in der Mutter die
*)Wenigstens in einigen mythologischen Darstellungen. Nach anderen
wird die Entmannung nur von Kronos an seinem Vater Uranos vollzogen.*)Über die mythologische Bedeutung dieses Motivs vergl. Otto Rank: Der
Mythos von der Geburt des Helden, fünftes Heft der „Schriften zur angew.
Seelenkunde, 1909“ und „Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage“, 1912, Kap. IX, 2.S.
194
Wächterin findet, während sie nach sexueller Freiheit begehrt, die
Mutter aber durch das Aufblühen der Tochter gemahnt wird, daß für
sie die Zeit gekommen ist, sexuellen Ansprüchen zu entsagen.Alle diese Verhältnisse liegen offenkundig da vor jedermanns
Augen. Sie fördern uns aber nicht bei der Absicht, die Träume vom
Tode der Eltern zu erklären, welche sich bei Personen finden, denen
die Pietät gegen die Eltern längst etwas Unantastbares geworden ist.
Auch sind wir durch die vorhergehenden Erörterungen darauf vor-
bereitet, daß sich der Todeswunsch gegen die Eltern aus der frühesten
Kindheit ableiten wird.Mit einer alle Zweifel ausschließenden Sicherheit bestätigt sich
diese Vermutung für die Psychoneurotiker bei den mit ihnen vor-
genommenen Analysen. Man lernt hiebei, – daß sehr frühzeitig die
sexuellen Wünsche des Kindes erwachen – soweit sie im keimenden
Zustand diesen Namen verdienen –, und daß die erste Neigung des
Mädchens dem Vater, die ersten infantilen Begierden des Knaben der
Mutter gelten. Der Vater wird somit für den Knaben, die Mutter
für das Mädchen zum störenden Mitbewerber, und wie wenig für das
Kind dazu gehört, damit diese Empfindung zum Todeswunsch führe,
haben wir bereits für den Fall der Geschwister ausgeführt. Die
sexuelle Auswahl macht sich in der Regel bereits bei den Eltern
geltend; ein natürlicher Zug sorgt dafür, daß der Mann die kleinen
Töchter verzärtelt, die Frau den Söhnen die Stange hält, während
beide, wo der Zauber des Geschlechtes ihr Urteil nicht verstört, mit
Strenge für die Erziehung der Kleinen wirken. Das Kind bemerkt
die Bevorzugung sehr wohl und lehnt sich gegen den Teil des Eltern-
paares auf, der sich ihr widersetzt. Liebe bei dem Erwachsenen zu
finden, ist ihm nicht nur die Befriedigung eines besonderen Bedürf-
nisses, sondern bedeutet auch, daß in allen anderen Stücken seinem
Willen nachgegeben wird. So folgt es dem eigenen sexuellen Triebe
und erneuert gleichzeitig die von den Eltern ausgehende Anregung,
wenn es seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen Sinne wie
diese trifft.Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder
pflegt man die meisten zu übersehen; einige kann man auch nach
den ersten Kinderjahren bemerken. Ein achtjähriges Mädchen meiner
Bekanntschaft benützt die Gelegenheit, wenn die Mutter vom Tische
abberufen wird, um sich als ihre Nachfolgerin zu proklamieren. „Jetzt
will ich die Mama sein: Karl, willst du noch Gemüse? Nimm doch,
ich bitte dich“ usw. Ein besonders begabtes und lebhaftes Mädchen
von nicht vier Jahren, an der dies Stück Kinderpsychologie besonders
durchsichtig ist, äußert direkt: „Jetzt kann das Muatterl einmal fort-
gehen, dann muß das Vaterl mich heiraten, und ich will seine Frau
sein.“ Im Kinderleben schließt dieser Wunsch durchaus nicht aus,
daß das Kind auch seine Mutter zärtlich liebe. Wenn der kleine
Knabe neben der Mutter schlafen darf, sobald der Vater verreist ist,S.
195
und nach dessen Rück-
kehr ins Kinderzimmer zurück muß zu einer
Person, die ihm weit weniger gefällt, so mag sich leicht der Wunsch
bei ihm gestalten, daß der Vater immer abwesend sein möge, damit
er seinen Platz bei der lieben, schönen Mama behalten kann, und ein
Mittel zur Erreichung dieses Wunsches ist es offenbar, wenn der
Vater tot ist; denn das eine hat ihn seine Erfahrung gelehrt: „Tote“
Leute, wie der Großpapa z. B., sind immer abwesend, kommen nie
wieder.Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der vor-
geschlagenen Deutung zwanglos fügen, so ergeben sie allerdings nicht
die volle Überzeugung, welche die Psychoanalysen erwachsener Neuro-
tiker dem Arzte aufdrängen. Die Mitteilung der betreffenden Träume
erfolgt hier mit solchen Einleitungen, daß ihre Deutung als Wunsch-
träume unausweichlich wird. Ich finde eines Tages eine Dame betrübt
und verweint. Sie sagt: „Ich will meine Verwandten nicht mehr sehen,
es muß ihnen ja vor mir grausen.“ Dann erzählt sie fast ohne Über-
gang, daß sie sich an einen Traum erinnert, dessen Bedeutung sie
natürlich nicht kennt. Sie hat ihn mit vier Jahren geträumt, er lautet
folgendermaßen: Ein Luchs oder Fuchs geht auf dem Dache
spazieren, dann fällt etwas herunter oder sie fällt her-
unter, und dann trägt man die Mutter tot aus dem Hause,
wobei sie schmerzlich weint. Ich habe ihr kaum mitgeteilt, daß dieser
Traum den Wunsch aus ihrer Kindheit bedeuten muß, die Mutter tot
zu sehen, und daß sie dieses Traumes wegen meinen muß, die Ver-
wandten grausen sich vor ihr, so liefert sie bereits etwas Material, den
Traum aufzuklären. „Luchsaug“ ist ein Schimpfwort, mit dem sie
einmal als ganz kleines Kind von einem Gassenjungen belegt wurde;
ihrer Mutter ist, als das Kind drei Jahre alt war, ein Ziegelstein vom
Dache auf den Kopf gefallen, so daß sie heftig geblutet hat.Ich hatte einmal Gelegenheit, ein junges Mädchen, das ver-
schiedene psychische Zustände durchmachte, eingehend zu studieren.
In einer tobsüchtigen Verworrenheit, mit der die Krankheit begann,
zeigte die Kranke eine ganz besondere Abneigung gegen ihre Mutter,
schlug und beschimpfte sie, sobald sie sich dem Bette näherte, während
sie gegen eine um vieles ältere Schwester zu derselben Zeit liebevoll
und gefügig blieb. Dann folgte ein klarer, aber etwas apathischer
Zustand mit sehr gestörtem Schlafe; in dieser Phase begann ich die
Behandlung und analysierte ihre Träume. Eine Unzahl derselben
handelte mehr oder minder verhüllt vom Tode der Mutter; bald
wohnte sie dem Leichenbegängnis einer alten Frau bei, bald sah sie
sich und ihre Schwester in Trauerkleidern bei Tische sitzen; es blieb
über den Sinn dieser Träume kein Zweifel. Bei noch weiter fort-
schreitender Besserung traten hysterische Phobien auf; die quälendste
darunter war, daß der Mutter etwas geschehen sei. Von wo sie immer
sich befand, mußte sie dann nach Hause eilen, um sich zu überzeugen,
daß die Mutter noch lebe. Der Fall war nun, zusammengehalten mitS.
196
meinen sonstigen Erfahrungen, sehr lehrreich; er zeigte in gleichsam
mehrsprachiger Übersetzung verschiedene Reaktionsweisen des psychi-
schen Apparates auf dieselbe erregende Vorstellung. In der Verworren-
heit, die ich als Überwältigung der zweiten psychischen Instanz
durch die sonst unterdrückte erste auffasse, wurde die unbewußte-
Feindseligkeit gegen die Mutter motorisch mächtig; als dann die
erste Beruhigung eintrat, der Aufruhr unterdrückt, die Herrschaft der
Zensur wieder hergestellt war, blieb dieser Feindseligkeit nur mehr
das Gebiet des Träumens offen, um den Wunsch nach ihrem Tode zu
verwirklichen; als das Normale sich noch weiter gestärkt hatte, schuf
es als hysterische Gegensatzreaktion und Abwehrerscheinung die über-
mäßige Sorge um die Mutter. In diesem Zusammenhange ist es nicht
mehr unerklärlich, warum die hysterischen Mädchen so oft überzärt-
lich an ihren Müttern hängen.Ein andermal hatte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in das un-
bewußte Seelenleben eines jungen Mannes zu tun, der durch Zwangs-
neurose fast existenzunfähig, nicht auf die Straße gehen konnte, weil
ihn die Sorge quälte, er bringe alle Leute, die an ihm vorbeigingen,
um. Er verbrachte seine Tage damit, die Beweisstücke für sein Alibi
in Ordnung zu halten, falls die Anklage wegen eines der in der Stadt
vorgefallenen Morde gegen ihn erhoben werden sollte. Überflüssig zu
bemerken, daß er ein ebenso moralischer wie fein gebildeter Mensch
war. Die – übrigens zur Heilung führende – Analyse deckte als
die Begründung dieser peinlichen Zwangsvorstellung Mordimpulse
gegen seinen etwas überstrengen Vater auf, die sich, als er sieben Jahre
alt war, zu seinem Erstaunen bewußt geäußert hatten, aber natürlich
aus weit früheren Kindesjahren stammten. Nach der qualvollen Krank-
heit und dem Tode des Vaters trat im 31. Lebensjahre der Zwangs-
vorwurf auf, der sich in Form jener Phobie auf Fremde übertrug. Wer
im Stande war, seinen eigenen Vater von einem Berggipfel in den-
Abgrund stoßen zu wollen, dem ist allerdings zuzutrauen, daß er auch
das Leben Fernerstehender nicht schone; der tut darum recht daran,-
sich in seine Zimmer einzuschließen.Nach meinen bereits zahlreichen Erfahrungen spielen die Eltern
im Kinderseelenleben aller späteren Psychoneurotiker die Hauptrolle,-
und Verliebtheit gegen den einen, Haß gegen den anderen Teil des
Elternpaares gehören zum eisernen Bestand des in jener Zeit gebildeten
und für die Symptomatik der späteren Neurose so bedeutsamen Ma-
terials an psychischen Regungen. Ich glaube aber nicht, daß die
Psychoneurotiker sich hierin von anderen normal verbleibenden Men-
schenkindern scharf sondern, indem sie absolut Neues und ihnen
Eigentümliches zu schaffen vermögen. Es ist bei weitem wahrschein-
licher und wird durch gelegentliche Beobachtungen an normalen
Kindern unterstützt, daß sie auch mit diesen verliebten und feind-
seligen Wünschen gegen ihre Eltern uns nur durch die Vergrößerung-
kenntlich machen, was minder deutlich und weniger intensiv in derS.
197
Die Ödipusmythe und ihre infantile Wurzel.
Seele der meisten Kinder vorgeht. Das Altertum hat uns zur Unter-
stützung dieser Erkenntnis einen Sagenstoff überliefert, dessen durch-
greifende und allgemeingültige Wirksamkeit nur durch eine ähnliche
Allgemeingültigkeit der besprochenen Voraussetzung aus der Kinder-
psychologie verständlich wird.Ich meine die Sage vom König Ödipus und das gleichnamige
Drama des Sophokles. Ödipus, der Sohn des Laios, Königs
von Theben, und der Jokaste wird als Säugling ausgesetzt, weil ein
Orakel dem Vater verkündet hatte, der noch ungeborene Sohn werde
sein Mörder sein. Er wird gerettet und wächst als Königssohn an
einem fremden Hofe auf, bis er, seiner Herkunft unsicher, selbst das
Orakel befragt und von ihm den Rat erhält, die Heimat zu meiden,
weil er der Mörder seines Vaters und der Ehegemahl seiner Mutter
werden müßte. Auf dem Wege von seiner vermeintlichen Heimat weg
trifft er mit König Laios zusammen und erschlägt ihn in rasch ent-
branntem Streite. Dann kommt er vor Theben, wo er die Rätsel
der den Weg sperrenden Sphinx löst und zum Dank dafür von den
Thebanern zum König gewählt und mit Jokastes Hand beschenkt
wird. Er regiert lange Zeit in Frieden und Würde und zeugt mit der
ihm unbekannten Mutter zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest
ausbricht, welche eine neuerliche Befragung des Orakels von Seite
der Thebaner veranlaßt. Hier setzt die Tragödie des Sophokles
ein. Die Boten bringen den Bescheid, daß die Pest aufhören werde,
wenn der Mörder des Laios aus dem Lande getrieben sei. Wo aber
weilt der?„Wo findet sich
die schwererkennbar dunkle Spur der alten Schuld?“(Übersetzung von Donner, v. 109.)
Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als in
der schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten Enthüllung –
der Arbeit einer Psychoanalyse vergleichbar –, daß Ödipus selbst
der Mörder des Laios, aber auch der Sohn des Ermordeten und der
Jokaste ist. Durch seine unwissentlich verübten Greuel erschüttert,
blendet sich Ödipus und verläßt die Heimat. Der Orakelspruch
ist erfüllt.König Ödipus ist eine sogenannte Schicksals-
tragödie; ihre
tragische Wirkung soll auf dem Gegensatz zwischen dem über-
mächtigen Willen der Götter und dem vergeblichen Sträuben der vom
Unheil bedrohten Menschen beruhen; Ergebung in den Willen der
Gottheit, Einsicht in die eigene Ohnmacht soll der tief ergriffene Zu-
schauer aus dem Trauerspiele lernen. Folgerichtig haben moderne
Dichter es versucht, eine ähnliche tragische Wirkung zu erzielen, in-
dem sie den nämlichen Gegensatz mit einer selbsterfundenen Fabel
verwoben. Allein die Zuschauer haben ungerührt zugesehen, wie trotz
alles Sträubens schuldloser Menschen ein Fluch oder OrakelspruchS.
108
sich an ihnen vollzog; die späteren Schicksalstragödien sind ohne
Wirkung geblieben.Wenn der König Ödipus den modernen Menschen nicht minder
zu erschüttern weiß als den zeitgenössischen Griechen, so kann die
Lösung wohl nur darin liegen, daß die Wirkung der griechischen
Tragödie nicht auf dem Gegensatz zwischen Schicksal und Menschen-
willen ruht, sondern in der Besonderheit des Stoffes zu suchen ist, an
welchem dieser Gegensatz erwiesen wird. Es muß eine Stimme in
unserem Innern geben, welche die zwingende Gewalt des Schicksals
im Ödipus anzuerkennen bereit ist, während wir Verfügungen wie
in der „Ahnfrau“ oder in anderen Schicksalstragödien als willkürliche
zurückzuweisen vermögen. Und ein solches Moment ist in der Tat
in der Geschichte des Königs Ödipus enthalten. Sein Schicksal er-
greift uns nur darum, weil es auch das unserige hätte werden können,
weil das Orakel vor unserer Geburt denselben Fluch über uns ver-
hängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war es beschieden, die
erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten Haß und gewalt-
tätigen Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere Träume über-
zeugen uns davon. König Ödipus, der seinen Vater Laios er-
schlagen und seine Mutter Jokaste geheiratet hat, ist nur die Wunsch-
erfüllung unserer Kindheit. Aber glücklicher als er, ist es uns seitdem,
insofern wir nicht Psychoneurotiker geworden sind, gelungen, unsere
sexuellen Regungen von unsern Müttern abzulösen, unsere Eifersucht
gegen unsere Väter zu vergessen. Vor der Person, an welcher sich
jener urzeitliche Kindheitswunsch erfüllt hat, schaudern wir zurück
mit dem ganzen Betrage der Verdrängung, welche diese Wünsche in
unserem Innern seither erlitten haben. Während der Dichter in jener
Untersuchung die Schuld des Ödipus ans Licht bringt, nötigt er uns
zur Erkenntnis unseres eigenen Innern, in dem jene Impulse, wenn
auch unterdrückt, noch immer vorhanden sind. Die Gegenüberstellung,
mit der uns der Chor verläßt,„sehet, das ist Ödipus,
der entwirrt die hohen Rätsel und der erste war an Macht,
dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten;
Seht, in welches Mißgeschickes grause Wogen er versank!“diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit den
Kindesjahren so weise und so mächtig geworden sind in unserer
Schätzung. Wie Ödipus leben wir in Unwissenheit der die Moral
beleidigenden Wünsche, welche die Natur uns aufgenötigt hat, und
nach deren Enthüllung möchten wir wohl alle den Blick abwenden
von den Szenen unserer Kindheit*).
*)Keine der Ermittlungen der psychoanalytischen Forschung hat so er-
bitterten Widerspruch, ein so grimmiges Sträuben – und so ergötzliche Ver-
renkungen der Kritik hervorgerufen wie dieser Hinweis auf die kindlichen, imS.
199
Daß die Sage von Ödipus einem uralten Traumstoffe entsprossen
ist, welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den Eltern
durch die ersten Regungen der Sexualität zum Inhalt hat, dafür findet
sich im Texte der Sophokleischen Tragödie selbst ein nicht miß-
zuverstehender Hinweis. Jokaste tröstet den noch nicht aufgeklärten,
aber durch die Erinnerung der Orakelsprüche besorgt gemachten
Ödipus durch die Erwähnung eines Traumes, den ja so viele Men-
schen träumen, ohne daß er, meint sie, etwas bedeute:
„Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon
955. Sich zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies
Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht.“„Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon
955. Sich zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies
Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht.“Der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso
wie damals auch heute vielen Menschen zu teil, die ihn empört und
verwundert erzählen. Er ist, wie begreiflich, der Schlüssel der Tra-
gödie und das Ergänzungsstück zum Traume vom Tode des Vaters.
Die Ödipusfabel ist die Reaktion der Phantasie auf diese beiden
typischen Träume, und wie die Träume vom Erwachsenen mit Ab-
lehnungsgefühlen erlebt werden, so muß die Sage Schrecken und Selbst-
bestrafung in ihren Inhalt mit aufnehmen. Ihre weitere Gestaltung
rührt wiederum von einer mißverständlichen sekundären Bearbeitung
des Stoffes her, welche ihn einer theologisierenden Absicht dienstbar
zu machen sucht. (Vgl. den Traumstoff von der Exhibition p. 183 f.)
Der Versuch, die göttliche Allmacht mit der menschlichen Ver-
antwortlichkeit zu vereinigen, muß natürlich an diesem Material wie
an jedem anderen mißlingen.Auf demselben Boden wie „König Ödipus“ wurzelt eine andere
der großen tragischen Dichterschöpfungen, der Hamlet Shake-
speares. Aber in der veränderten Behandlung des nämlichen Stoffes
offenbart sich der ganze Unterschied im Seelenleben der beiden weit
auseinanderliegenden Kulturperioden, das säkulare Fortschreiten der
Verdrängung im Gemütsleben der Menschheit. Im Ödipus wird die
zu Grunde liegende Wunschphantasie des Kindes wie im Traume ans
Licht gezogen und realisiert; im Hamlet bleibt sie verdrängt, und wir
erfahren von ihrer Existenz – dem Sachverhalt bei einer Neurose
ähnlich – nur durch die von ihr ausgehenden Hemmungswirkungen.
Mit der überwältigenden Wirkung des moderneren Dramas hat es sich
eigentümlicherweise als vereinbar gezeigt, daß man über den Charakter
des Helden in voller Unklarheit verbleiben könne. Das Stück ist auf
die Zögerung Hamlets gebaut, die ihm zugeteilte Aufgabe der Rache
zu erfüllen; welches die Gründe oder Motive dieser Zögerung sind,
gesteht der Text nicht ein; die vielfältigsten Deutungsversuche haben
es nicht anzugeben vermocht. Nach der heute noch herrschenden,
Unbewußten erhalten gebliebenen Inzestneigungen. Die letzte Zeit hat selbst einen
Versuch gemacht, den Inzest, allen Erfahrungen trotzend, nur als „symbolisch“
gelten zu lassen.S.
200
durch Goethe begründeten Auffassung stellt Hamlet den Typus des
Menschen dar, dessen frische Tatkraft durch die überwuchernde Ent-
wicklung der Gedankentätigkeit gelähmt wird („Von des Gedankens
Blässe angekränkelt“). Nach anderen hat der Dichter einen krank-
haften, unentschlossenen, in das Bereich der Neurasthenie fallenden
Charakter zu schildern versucht. Allein die Fabel des Stückes lehrt,
daß Hamlet uns keineswegs als eine Person erscheinen soll, die des
Handelns überhaupt unfähig ist. Wir sehen ihn zweimal handelnd auf-
treten, das einemal in rasch auffahrender Leidenschaft, wie er den
Lauscher hinter der Tapete niederstößt, ein anderesmal planmäßig,
ja selbst arglistig, indem er mit der vollen Unbedenklichkeit des
Renaissance-Prinzen die zwei Höflinge in den ihm selbst zugedachten
Tod schickt. Was hemmt ihn also bei der Erfüllung der Aufgabe, die
der Geist seines Vaters ihm gestellt hat? Hier bietet sich wieder die
Auskunft, daß es die besondere Natur dieser Aufgabe ist. Hamlet
kann alles, nur nicht die Rache an dem Manne vollziehen, der seinen
Vater beseitigt und bei seiner Mutter dessen Stelle eingenommen hat,
an dem Manne, der ihm die Realisierung seiner verdrängten Kinder-
wünsche zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Rache drängen sollte, ersetzt
sich so bei ihm durch Selbstvorwürfe, durch Gewissensskrupel, die
ihm vorhalten, daß er, wörtlich verstanden, selbst nicht besser sei
als der von ihm zu strafende Sünder. Ich habe dabei ins Bewußte
übersetzt, was in der Seele des Helden unbewußt bleiben muß; wenn
jemand Hamlet einen Hysteriker nennen will, kann ich es nur als
Folgerung aus meiner Deutung anerkennen. Die Sexualabneigung
stimmt sehr wohl dazu, die Hamlet dann im Gespräche mit Ophelia
äußert, die nämliche Sexualabneigung, die von der Seele des Dichters
in den nächsten Jahren immer mehr Besitz nehmen sollte, bis zu ihren
Gipfeläußerungen im Timon von Athen. Es kann natürlich nur das
eigene Seelenleben des Dichters gewesen sein, das uns im Hamlet
entgegentritt; ich entnehme dem Werke von Georg Brandes über
Shakespeare (1896) die Notiz, daß das Drama unmittelbar nach dem
Tode von Shakespeares Vater (1601), also in der frischen Trauer um
ihn, in der Wiederbelebung, dürfen wir annehmen, der auf den Vater
bezüglichen Kindheitsempfindungen gedichtet worden ist. Bekannt
ist auch, daß Shakespeares früh verstorbener Sohn den Namen
Hamnet (identisch mit Hamlet) trug. Wie Hamlet das Verhältnis
des Sohnes zu den Eltern behandelt, so ruht der in der Zeit nahe-
stehende Macbeth auf dem Thema der Kinderlosigkeit. Wie übrigens
jedes neurotische Symptom, wie selbst der Traum, der Überdeutung
fähig ist, ja dieselbe zu seinem vollen Verständnis fordert, so wird
auch jede echte dichterische Schöpfung aus mehr als aus einem Motiv
und einer Anregung in der Seele des Dichters hervorgegangen sein und
mehr als eine Deutung zulassen. Ich habe hier nur die Deutung der
tiefsten Schicht von Regungen in der Seele des schaffenden Dichters
versucht.S.
201
Ich kann die typischen Träume vom Tode teurer Verwandten
nicht verlassen, ohne daß ich deren Bedeutung für die Theorie des
Traumes überhaupt noch mit einigen Worten beleuchte. Diese Träume
zeigen uns den recht ungewöhnlichen Fall verwirklicht, daß der durch
den verdrängten Wunsch gebildete Traumgedanke jeder Zensur ent-
geht und unverändert in den Traum übertritt. Es müssen besondere
Verhältnisse sein, die solches Schicksal ermöglichen. Ich finde die
Begünstigung für diese Träume in folgenden zwei Momenten: Erstens
gibt es keinen Wunsch, von dem wir uns ferner glauben, wir meinen,
das zu wünschen könnte „uns auch im Traume nicht einfallen“, und
darum ist die Traumzensur gegen dieses Ungeheuerliche nicht ge-
rüstet, ähnlich etwa wie die Gesetzgebung Solons keine Strafe für
den Vatermord aufzustellen wußte. Zweitens aber kommt dem ver-
drängten und nicht geahnten Wunsche gerade hier besonders häufig
ein Tagesrest entgegen in Gestalt einer Sorge um das Leben der
teuren Person. Diese Sorge kann sich nicht anders in den Traum ein-
tragen, als indem sie sich des gleichlautenden Wunsches bedient; der
Wunsch aber kann sich mit der am Tage rege gewordenen Sorge
maskieren. Wenn man meint, daß dies alles einfacher zugeht, daß
man eben bei Nacht und im Traume nur fortsetzt, was man bei Tag
angesponnen hat, so läßt man die Träume vom Tode teurer Personen
eben außer allem Zusammenhang mit der Traumerklärung und hält
ein sehr wohl reduzierbares Rätsel überflüssigerweise fest.Lehrreich ist es auch, die Beziehung dieser Träume zu den
Angstträumen zu verfolgen. In den Träumen vom Tode teurer Per-
sonen hat der verdrängte Wunsch einen Weg gefunden, auf dem er
sie der Zensur – und der durch sie bedingten Entstellung – ent-
ziehen kann. Die nie fehlende Begleiterscheinung ist dann, daß
schmerzliche Empfindungen im Traume verspürt werden. Ebenso
kommt der Angsttraum nur zu stande, wenn die Zensur ganz oder teil-
weise überwältigt wird, und anderseits erleichtert es die Überwältigung
der Zensur, wenn Angst als aktuelle Sensation aus somatischen
Quellen bereits gegeben ist. Es wird so handgreiflich, in welcher
Tendenz die Zensur ihres Amtes waltet, die Traumentstellung ausübt;
es geschieht, um die Entwicklung von Angst oder anderen
Formen peinlichen Affektes zu verhüten.Ich habe im vorstehenden von dem Egoismus der Kinderseele
gesprochen und knüpfe nun daran mit der Absicht, hier einen Zu-
sammenhang ahnen zu lassen, daß die Träume auch diesen Charakter
bewahrt haben. Sie sind sämtlich absolut egoistisch, in allen tritt
das liebe Ich auf, wenn auch verkleidet. Die Wünsche, die in ihnen
erfüllt werden, sind regelmäßig Wünsche dieses Ich; es ist nur ein
täuschender Anschein, wenn je das Interesse für einen anderen einen
Traum hervorgerufen haben sollte. Ich will einige Beispiele, welche
dieser Behauptung widersprechen, der Analyse unterziehen.S.
202
I. Ein noch vierjähriger Knabe erzählt: Er hat eine
große garnierte Schüssel gesehen, worauf ein großes Stück
Fleisch gebraten war, und das Stück war auf einmal ganz
– nicht zerschnitten – aufgegessen. Die Person, die es
gegessen hat, hat er nicht gesehen*).Wer mag den fremden Mensch sein, von dessen üppiger Fleisch-
mahlzeit unser kleiner träumt? Die Erlebnisse des Traumtages müssen
uns darüber aufklären. Der Knabe bekommt seit einigen Tagen nach
ärztlicher Vorschrift Milchdiät; am Abend des Traumtages war er aber
unartig, und da wurde ihm zur Strafe die Abendmahlzeit entzogen.
Er hatte schon früher einmal eine solche Hungerkur durchgemacht und
sich sehr tapfer dabei benommen. Er wußte, daß er nichts bekommen
werde, getraute sich aber auch nicht, mit einem Worte anzudeuten,
daß er Hunger habe. Die Erziehung fängt an, bei ihm zu wirken; sie
äußert sich bereits im Traume, der einen Anfang von Traumentstel-
lung zeigt. Es ist kein Zweifel, daß er selbst die Person ist, deren
Wünsche auf eine so reiche Mahlzeit, und zwar eine Bratenmahlzeit,
zielen. Da er aber weiß, daß diese ihm verboten ist, wagt er es nicht,
wie die hungrigen Kinder es im Traume tun (vgl. den Erdbeertraum
meiner kleinen Anna, p. 100), sich selbst zur Mahlzeit hinzusetzen.
Die Person bleibt anonym.II. Ich träume einmal, daß ich in der Auslage einer Buchhand-
lung ein neues Heft jener Sammlung im Liebhabereinband sehe, die
ich sonst zu kaufen pflege (Künstlermonographien, Monographien zur
Weltgeschichte, berühmte Kunststätten usw.). Die neue Sammlung
nennt sich: Berühmte Redner (oder Reden) und das Heft I
derselben trägt den Namen Dr. Lecher.In der Analyse wird mir unwahrscheinlich, daß mich der
Ruhm Dr. Lechers, des Dauerredners der deutschen Obstruktion
im Parlament, während meiner Träume beschäftige. Der Sachverhalt
ist der, daß ich vor einigen Tagen neue Patienten zur psychischen
Kur aufgenommen habe, und nun zehn bis elf Stunden täglich zu
sprechen genötigt bin. Ich bin also selbst so ein Dauerredner.III. Ich träume ein andermal, daß ein mir bekannter Lehrer an
unserer Universität sagt: Mein Sohn, der Myop. Dann folgt ein
Dialog, aus kurzen Reden und Gegenreden bestehend. Es folgt aber
dann ein drittes Traumstück, in dem ich und meine Söhne vor-
kommen, und für den latenten Trauminhalt sind Vater und Sohn,
Professor M., nur Strohmänner, die mich und meinen Ältesten decken.*)Auch das Große, Überreiche, Übermäßige und Übertriebene der Träume
könnte ein Kindheitscharakter sein. Das Kind kennt keinen sehnlicheren Wunsch
als groß zu werden, von allem so viel zu bekommen wie die Großen; es ist
schwer zu befriedigen, kennt kein Genug, verlangt unersättlich nach Wieder-
holung dessen, was ihm gefallen oder geschmeckt hat. Maß halten, sich be-
scheiden, resignieren lernt es erst durch die Kultur der Erziehung. Bekanntlich
neigt auch der Neurotiker zur Maßlosigkeit und Unmäßigkeit.S.
203
Ich werde diesen Traum wegen einer anderen Eigentümlichkeit noch
weiter unten behandeln.IV. Ein Beispiel von wirklich niedrigen egoistischen Gefühlen,
die sich hinter zärtlicher Sorge verbergen, gibt folgender Traum:
Mein Freund Otto schaut schlecht aus, ist braun im
Gesichte und hat vortretende Augen.Otto ist mein Hausarzt, in dessen Schuld ich hoffnungslos ver-
bleibe, weil er seit Jahren die Gesundheit meiner Kinder überwacht,
sie erfolgreich behandelt, wenn sie erkranken, und sie überdies zu
allen Gelegenheiten, die einen Vorwand abgeben können, beschenkt.
Er war am Traumtage zu Besuch, und da bemerkte meine Frau, daß
er müde und abgespannt aussehe. Nachts kommt mein Traum und
leiht ihm einige der Zeichen der Basedowschen Krankheit. Wer
sich in der Traumdeutung von meinen Regeln freimacht, der wird
diesen Traum so verstehen, daß ich um die Gesundheit meines Freun-
des besorgt bin, und daß diese Besorgnis sich im Traume realisiert. Es
wäre ein Widerspruch nicht nur gegen die Behauptung, daß der
Traum eine Wunscherfüllung ist, sondern auch gegen die andere, daß
er nur egoistischen Regungen zugänglich ist. Aber wer so deutet,
möge mir erklären, warum ich bei Otto die Basedowsche Krank-
heit befürchte, zu welcher Diagnose sein Aussehen auch nicht den
leisesten Anlaß gibt? Meine Analyse liefert hingegen folgendes Ma-
terial aus einer Begebenheit, die sich vor sechs Jahren zugetragen hat.Wir fuhren, eine kleine Gesellschaft, in der sich auch Professor R.
befand, in tiefer Dunkelheit durch den Wald von N., einige Stunden
weit von unserem Sommeraufenthalt entfernt. Der nicht ganz nüch-
terne Kutscher warf uns mit dem Wagen einen Abhang hinunter, und
es war noch glücklich, daß wir alle heil davon kamen. Wir waren
aber genötigt, im nächsten Wirtshause zu übernachten, wo die Kunde
von unserem Unfall große Sympathie für uns erweckte. Ein Herr,
der die unverkennbaren Zeichen des Morbus Basedowii an sich trug,
– übrigens nur Bräunung der Gesichtshaut und vortretende Augen,
ganz wie im Traume, kein Struma – stellte sich ganz zu unserer Ver-
fügung und fragte, was er für uns tun könne. Professor R. in seiner
bestimmten Art antwortete: Nichts anderes, als daß Sie mir ein
Nachthemd leihen. Darauf der Edle: Das tut mir leid, das kann ich
nicht, und ging von dannen.Zur Fortsetzung der Analyse fällt mir ein, daß Basedow nicht
nur der Name eines Arztes ist, sondern auch der eines berühmten
Pädagogen. (Im Wachen fühle ich mich jetzt dieses Wissens nicht
recht sicher.) Freund Otto ist aber diejenige Person, die ich gebeten
habe, für den Fall, daß mir etwas zustößt, die körperliche Erziehung
meiner Kinder, speziell in der Pubertätszeit (daher das Nachthemd),
zu überwachen. Indem ich nun Freund Otto im Traume mit den
Krankheitssymptomen jenes edlen Helfers sehe, will ich offenbar
sagen: Wenn mir etwas zustößt, wird von ihm ebensowenig etwas fürS.
204
die Kinder zu haben sein, wie damals von Herrn Baron L. trotz seiner
liebenswürdigen Anerbietungen. Der egoistische Einschlag dieses
Traumes dürfte nun wohl aufgedeckt sein*).Wo steckt aber hier die Wunscherfüllung? Nicht in der Rache
an Freund Otto, dessen Schicksal es nun einmal ist, in meinen
Träumen schlecht behandelt zu werden, sondern in folgender Be-
ziehung. Indem ich Otto als Baron L. im Traume darstelle, habe ich
gleichzeitig meine eigene Person mit einer anderen identifiziert, näm-
lich mit der des Professors R., denn ich fordere ja etwas von Otto,
wie in jener Begebenheit R. vom Baron L. gefordert hat. Und daran
liegt es. Professor R. hat ähnlich wie ich seinen Weg außerhalb der
Schule selbständig verfolgt und ist erst in späten Jahren zu dem
längst verdienten Titel gelangt. Ich will also wieder einmal Professor
werden! Ja selbst das „in späten Jahren“ ist eine Wunscherfüllung,
denn es besagt, daß ich lange genug lebe, um meine Knaben selbst
durch die Pubertät zu geleiten.γ) Der Prüfungstraum.
Jeder, der mit der Maturitätsprüfung seine Gymnasialstudien
abgeschlossen hat, klagt über die Hartnäckigkeit, mit welcher der
Angsttraum, daß er durchfallen werde, die Klasse wiederholen müsse
u. dgl. ihn verfolgt. Für den Besitzer eines akademischen Grades er-
setzt sich dieser typische Traum durch einen anderen, der ihm vor-
hält, daß er die rigorosen Prüfungen abzulegen habe, und gegen
den er vergeblich noch im Schlafe einwendet, daß er ja schon seit
Jahren praktiziere, Privatdozent sei oder Kanzleileiter. Es sind die
unauslöschlichen Erinnerungen an die Strafen, die wir in der Kind-
heit für verübte Untaten erlitten haben, die sich so an den beiden
Knotenpunkten unserer Studien, an dem „dies irae, dies illa“ der
strengen Prüfungen in unserem Inneren wieder geregt haben. Auch
die „Prüfungsangst“ der Neurotiker findet in dieser Kinderangst ihre
Verstärkung. Nachdem wir aufgehört haben Schüler zu sein, sind
es nicht mehr wie zuerst die Eltern und Erzieher oder später die
Lehrer, die unsere Bestrafung besorgen; die unerbittliche Kausal-
verkettung des Lebens hat unsere weitere Erziehung übernommen,
und nun träumen wir von der Matura oder von dem Rigorosum, —
und wer hat damals nicht selbst als Gerechter gesagt? — so oft wir
erwarten, daß der Erfolg uns bestrafen werde, weil wir etwas nicht
recht gemacht, nicht ordentlich zu stande gebracht haben, so oft wir
den Druck einer Verantwortung fühlen.
*)Als Prof. Jones in einem wissenschaftlichen Vortrag vor einer amerika-
nischen Gesellschaft vom Egoismus der Träume sprach, erhob eine gelehrte
Dame gegen diese unwissenschaftliche Verallgemeinerung den Einwand, der
Autor könne doch nur über die Träume von Österreichern urteilen und dürfe
über die Träume von Amerikanern nichts aussagen. Sie sei für ihre Person
sicher, daß alle ihre Träume streng altruistisch seien.S.
205
Eine weitere Aufklärung der Prüfungsträume danke ich einer
Bemerkung von Seite eines kundigen Kollegen, der einmal in einer
wissenschaftlichen Unterhaltung hervorhob, daß seines Wissens der
Maturatraum nur bei Personen vorkomme, die diese Prüfung be-
standen haben, niemals bei solchen, die an ihr gescheitert sind. Der
ängstliche Prüfungstraum, der, wie sich immer mehr bestätigt, dann
auftritt, wenn man vom nächsten Tage eine verantwortliche Leistung
und die Möglichkeit einer Blamage erwartet, würde also eine Gelegen-
heit aus der Vergangenheit herausgesucht haben, bei welcher sich die
große Angst als unberechtigt erwies und durch den Ausgang wieder-
legt wurde. Es wäre dies ein sehr auffälliges Beispiel von Mißver-
ständnis des Trauminhaltes durch die wache Instanz. Die als
Empörung gegen den Traum aufgefaßte Einrede: Aber ich bin ja
schon Doktor u. dgl., wäre in Wirklichkeit der Trost, den der Traum
spendetet, und der also lauten würde: Fürchte dich doch nicht vor
morgen; denke daran, welche Angst du vor der Maturitätsprüfung
gehabt hast, und es ist für dich nichts geschehen. Heute bist du ja
schon Doktor usw. Die Angst aber, die wir dem Traume anrechnen,
stammte aus den Tagesresten.Die Proben auf diese Erklärung, die ich bei mir und anderen
anstellen konnte, wenngleich sie nicht zahlreich genug waren, haben
gut gestimmt. Ich bin z. B. als Rigorosant in gerichtlicher Medizin
durchgefallen; niemals hat dieser Gegenstand mir im Traume zu
schaffen gemacht, während ich häufig genug in Botanik, Zoologie
oder Chemie geprüft wurde, in welchen Fächern ich mit gut be-
gründeter Angst zur Prüfung gegangen, der Strafe aber durch Gunst
des Schicksals oder des Prüfers entgangen bin. Im Gymnasialprüfungs-
traume werde ich regelmäßig aus Geschichte geprüft, wo ich damals
glänzend bestanden habe, aber allerdings nur, weil mein liebens-
würdiger Professor – der einäugige Helfer eines anderen Traumes,
vgl. p. 13, – nicht übersehen hatte, daß auf dem Prüfungszettel, den
ich ihm zurückgab, die mittlere von drei Fragen mit dem Fingernagel
durchgestrichen war, zur Mahnung, daß er auf dieser Frage nicht
bestehen solle. Einer meiner Patienten, der von der Matura zurück-
getreten war und sie später nachgetragen hatte, dann aber bei der
Offiziersprüfung durchgefallen und nicht Offizier geworden ist, be-
richtet mir, daß er oft genug von der ersteren, aber nie von der
letzteren Prüfung träumt.Die Prüfungsträume setzen der Deutung bereits jene Schwierig-
keit entgegen, die ich vorhin als charakteristisch für die meisten der
typischen Träume angegeben habe. Das Material an Assoziationen, wel-
ches uns der Träumer zur Verfügung stellt, reicht für die Deutung
nur selten aus. Man muß sich das bessere Verständnis solcher Träume
aus einer größeren Reihe von Beispielen zusammentragen. Vor kurzem
gewann ich den sicheren Eindruck, daß die Einrede: Du bist ja schon
Doktor u. dgl. nicht nur den Trost verdeckt, sondern auch einenS.
206
Vorwurf andeutet. Derselbe hätte gelautet: Du bist jetzt schon so alt,
schon so weit im Leben, und machst noch immer solche Dummheiten,
Kindereien. Dies Gemenge von Selbstkritik und Trost würde dem
latenten Inhalt der Prüfungsträume entsprechen. Es ist dann nicht
weiter auffällig, wenn die Vorwürfe wegen der „Dummheiten“ und
„Kindereien“ sich in den zuletzt analysierten Beispielen auf die
Wiederholung beanständeter sexueller Akte bezogen.
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Die Traumdeutung1900-001/1914