Die Traumdeutung1900-001/1914
  • S.

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    IV.

    Die Traumentstellung.

    Wenn ich nun die Behauptung aufstelle, daß Wunscherfüllung
    der Sinn eines jeden Traumes sei, also daß es keine anderen als
    Wunschträume geben kann, so bin ich des entschiedensten Wider-
    spruches im vorhinein sicher. Man wird mir entgegenhalten: „Daß
    es Träume gibt, welche als Wunscherfüllungen zu verstehen sind,
    ist nicht neu, sondern längst von den Autoren bemerkt worden.
    (Vgl. Radestock [p. 137–138], Volkelt [p. 110–111], Purkinje
    [p. 456], Tissiè [p. 70], M. Simon [p. 42 über die Hungerträume
    des eingekerkerten Barons Trenck] und die Stelle bei Griesinger
    [p. 111].)*) Daß es aber nichts anderes als Wunscherfüllungsträume
    geben soll, das ist wieder eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung,
    die sich aber zum Glück leicht zurückweisen läßt. Es kommen doch
    reichlich genug Träume vor, welche den peinlichsten Inhalt erkennen
    lassen, aber keine Spur irgend einer Wunscherfüllung. Der pessi-
    mistische Philosoph Ed. v. Hartmann steht wohl der Wunscherfül-
    lungstheorie am fernsten. Er äußert in seiner Philosophie des Un-
    bewußten, II. Teil (Stereotypausgabe, p. 344):

    „Was den Traum betrifft, so treten mit ihm alle Plackereien
    des wachen Lebens auch in den Schlafzustand hinüber, nur das ein-
    zige nicht, was den Gebildeten einigermaßen mit dem Leben aus-
    söhnen kann: wissenschaftlicher und Kunst–Genuß ...“ Aber auch
    minder unzufriedene Beobachter haben hervorgehoben, daß im Traume
    Schmerz und Unlust häufiger sei als Lust, so Scholz (p. 33), Vol-
    kelt (p. 80) u. a. Ja die Damen Sarah Weed und Florence Hal-
    lam haben aus der Bearbeitung ihrer Träume einen ziffermäßigen
    Ausdruck für das Überwiegen der Unlust in den Träumen entnommen.
    Sie bezeichnen 58% der Träume als peinlich und nur 28.6% als
    positiv angenehm. Außer diesen Träumen, welche die mannigfaltigen
    peinlichen Gefühle des Lebens in den Schlaf fortsetzen, gibt es auch
    Angstträume, in denen uns diese entsetzlichste aller Unlustempfin-
    dungen schüttelt, bis wir erwachen, und von solchen Angstträumen

    *)Schon der Neuplatoniker Plotin sagte: „Wenn die Begierde sich regt,
    dann kommt die Phantasie und präsentiert uns gleichsam das Objekt derselben“
    (Du Prel, p. 276).

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    werden gerade die Kinder so leicht heimgesucht (vgl. Debacker,
    Über den Pavor nocturnus), bei denen wir die Wunschträume un-
    verhüllt gefunden haben.

    Wirklich scheinen gerade die Angstträu-
    me eine Verallgemeine-
    rung des Satzes, den wir aus den Beispielen des vorigen Abschnittes
    gewonnen haben, der Traum sei eine Wunscherfüllung, unmöglich
    zu machen, ja diesen Satz als Absurdität zu brandmarken.

    Dennoch ist es nicht sehr schwer, sich diesen anscheinend zwin-
    genden Einwänden zu entziehen. Man wolle bloß beachten, daß unsere
    Lehre nicht auf der Würdigung des manifesten Trauminhaltes be-
    ruht, sondern sich auf den Gedankeninhalt bezieht, welcher durch die
    Deutungsarbeit hinter dem Traume erkannt wird. Stellen wir mani-
    festen und latenten Trauminhalt einander gegenüber. Es ist
    richtig, daß es Träume gibt, deren manifester Inhalt von der pein-
    lichsten Art ist. Aber hat jemand versucht, diese Träume zu deuten,
    den latenten Gedankeninhalt derselben aufzudecken? Wenn aber nicht,
    dann treffen uns die beiden Einwände nicht mehr; es bleibt immerhin
    möglich, daß auch peinliche und Angst-Träume sich nach der Deu-
    tung als Wunscherfüllungen enthüllen*).

    Bei wissenschaftlicher Arbeit ist es oft von Vorteil, wenn die
    Lösung des einen Problems Schwierigkeiten bereitet, ein zweites
    hinzuzunehmen, etwa wie man zwei Nüsse leichter miteinander als
    einzeln aufknackt. So stehen wir nicht nur vor der Frage: Wie
    können peinliche und Angst-Träume Wunscherfüllungen sein, son-
    dern wir können auch aus unseren bisherigen Erörterungen über den
    Traum eine zweite Frage aufwerfen: Warum zeigen die Träume
    indifferenten Inhalts, welche sich als Wunscherfüllungen ergeben,
    diesen ihren Sinn nicht unverhüllt? Man nehme den weitläu-
    fig be-
    handelten Traum von Irmas Injektion, er ist keineswegs peinli-
    cher
    Natur, er ist durch die Deutung als eklatante Wunscherfül-
    lung zu
    erkennen. Wozu bedarf es aber überhaupt einer Deutung? Warum
    sagt der Traum nicht direkt, was er bedeutet? Tatsächlich macht auch
    der Traum von Irmas Injektion zunächst nicht den Ein-
    druck, daß


    *)Es ist ganz unglaublich, mit welcher Hartnäckigkeit sich Leser und
    Kritiker dieser Erwägung verschließen und die grundlegende Unterscheidung
    von manifestem und latentem Trauminhalt unbeachtet lassen. – Keine der in
    der Literatur niedergelegten Äußerungen kommt aber dieser meiner Aufstellung
    so sehr entgegen wie eine Stelle in J. Sullys Aufsatz: „Dreams as a revelation“,
    deren Verdienst dadurch nicht geschmälert werden soll, daß ich sie erst hier
    anführe:

    „It would seem then, after all, that dreams are not the utter non-
    sense they have been said to be by such authorities as Chaucer, Shakespeare and
    Milton. The chaotic aggregations of our nightfancy have a significance and
    communicate new knowledge. Like some letter in cipher, the dream-
    inscription when scrutinised closely loses its first look of bal-
    derdash and takes on the aspect of aserious, intelligible message.
    Or, to vary the figure slightly, we may said that, like some palimps-
    est, the dream discloses beneath its worthless surface-
    characters
    traces of an old and precious communication“ (p. 364).

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    er einen Wunsch des Träumers als erfüllt darstellt. Der Leser wird
    diesen Eindruck nicht bekommen haben, aber auch ich selbst wußte
    es nicht, ehe ich die Analyse angestellt hatte. Heißen wir dieses der
    Erklärung bedürftige Verhalten des Traumes: die Tatsache der
    Traumentstellung, so erhebt sich also die zweite Frage: Wovon
    rührt diese Traumentstellung her?

    Wenn man hierüber seine ersten Einfälle befragt, könnte man
    auf verschiedene mögliche Lösungen geraten, z. B. daß während des
    Schlafes ein Unvermögen bestehe, den Traumgedanken einen ent-
    sprechenden Ausdruck zu schaffen. Allein die Analyse gewisser
    Träume nötigt uns, für die Traumentstellung eine andere Erklärung
    zuzulassen. Ich will dies an einem zweiten Traume von mir selbst
    zeigen, welcher wiederum vielfache Indiskretionen erfordert, aber für
    dies persönliche Opfer durch eine gründliche Aufhellung des Problems
    entschädigt.

    Vorbericht: Im Frühjahr 1897 erfuhr ich, daß zwei Pro-
    fessoren unserer Universität mich für die Ernennung zum Prof.
    extraord. vorgeschlagen hatten. Diese Nachricht kam mir über-
    raschend und erfreute mich lebhaft als Ausdruck einer durch persön-
    liche Beziehungen nicht aufzuklärenden Anerkennung von Seite
    zweier hervorragender Männer. Ich sagte mir aber sofort, daß ich
    an dieses Ereignis keine Erwartungen knüpfen dürfe. Das Ministerium
    hatte in den letzten Jahren Vorschläge solcher Art unberücksichtigt
    gelassen, und mehrere Kollegen, die mir an Jahren voraus waren und
    an Verdiensten mindestens gleich kamen, warteten seitdem vergebens
    auf ihre Ernennung. Ich hatte keinen Grund, anzunehmen, daß es mir
    besser ergehen würde. Ich beschloß also bei mir, mich zu trösten.
    Ich bin, soviel ich weiß, nicht ehrgeizig, übe meine ärztliche Tätig-
    keit mit zufriedenstellendem Erfolge aus, auch ohne daß mich ein
    Titel empfiehlt. Es handelte sich übrigens gar nicht darum, ob ich
    die Trauben für süß oder sauer erklärte, da sie unzweifelhaft zu
    hoch für mich hingen.

    Eines Abends besuchte mich ein befreundeter Kollege, einer von
    denjenigen, deren Schicksal ich mir zur Warnung hatte dienen lassen.
    Seit längerer Zeit ein Kandidat für die Beförderung zum Professor,
    die den Arzt in unserer Gesellschaft zum Halbgott für seine Kranken
    erhebt, und minder resigniert als ich, pflegte er von Zeit zu Zeit
    seine Vorstellung in den Bureaus des hohen Ministeriums zu machen,
    um seine Angelegenheit zu fördern. Von einem solchen Besuche
    kam er zu mir. Er erzählte, daß er diesmal den hohen Herrn in
    die Enge getrieben und ihn gerade heraus befragt habe, ob an dem
    Aufschub seiner Ernennung wirklich — konfessionelle Rücksichten
    die Schuld trügen. Die Antwort hatte gelautet, daß allerdings — bei
    der gegenwärtigen Strömung — Se. Exzellenz vorläufig nicht in der
    Lage sei usw. „Nun weiß ich wenigstens, woran ich bin,“ schloß
    mein Freund seine Erzählung, die mir nichts Neues brachte, mich

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    aber in meiner Resignation bestärken mußte. Dieselben konfessionellen
    Rücksichten sind nämlich auch auf meinen Fall anwendbar.

    Am Morgen nach diesem Besuche hatte ich folgenden Traum,
    der auch durch seine Form bemerkenswert war. Er bestand aus
    zwei Gedanken und zwei Bildern, so daß ein Gedanke und ein Bild
    einander ablösten. Ich setze aber nur die erste Hälfte des Traumes
    hieher, da die andere mit der Absicht nichts zu tun hat, welcher die
    Mitteilung des Traumes dienen soll.

    I. Freund R. ist mein Onkel. – Ich empfinde große
    Zärtlichkeit für ihn.

    II. Ich sehe sein Gesicht etwas verändert vor mir. Es
    ist wie in die Länge gezogen, ein gelber Bart, der es um
    rahmt, ist besonders deutlich hervorgehoben.

    Dann folgen die beiden anderen Stücke, wieder ein Gedanke
    und ein Bild, die ich übergehe.

    Die Deutung dieses Traumes vollzog sich folgendermaßen:
    Als mir der Traum im Laufe des Vormittags einfiel, lachte ich
    auf und sagte: Der Traum ist ein Unsinn. Er ließ sich aber nicht
    abtun und ging mir den ganzen Tag nach, bis ich mir endlich am
    Abend Vorwürfe machte: „Wenn einer deiner Patienten zur Traum-
    deutung nichts zu sagen wüßte als: Das ist ein Unsinn, so würdest
    du es ihm verweisen und vermuten, daß sich hinter dem Traume
    eine unangenehme Geschichte versteckt, welche zur Kenntnis zu neh-
    men er sich ersparen will. Verfahre mit dir selbst ebenso; deine
    Meinung, der Traum sei ein Unsinn, bedeutet nur einen inneren
    Widerstand gegen die Traumdeutung. Laß dich nicht abhalten.“
    Ich machte mich also an die Deutung.

    „R. ist mein Onkel.“ Was kann das heißen? Ich habe doch nur
    einen Onkel gehabt, den Onkel Josef*). Mit dem war’s allerdings
    eine traurige Geschichte. Er hatte sich einmal, es sind mehr als
    30 Jahre her, in gewinnsüchtiger Absicht zu einer Handlung ver-
    leiten lassen, welche das Gesetz schwer bestraft und wurde dann auch
    von der Strafe betroffen. Mein Vater, der damals aus Kummer in
    wenigen Tagen grau wurde, pflegte immer zu sagen, Onkel Josef
    sei nie ein schlechter Mensch gewesen, wohl aber ein Schwachkopf;
    so drückte er sich aus. Wenn also Freund R. mein Onkel Josef ist,
    so will ich damit sagen: R. ist ein Schwachkopf. Kaum glaublich
    und sehr unangenehm! Aber da ist ja jenes Gesicht, das ich im
    Traume sehe, mit den länglichen Zügen und dem gelben Barte. Mein
    Onkel hatte wirklich so ein Gesicht, länglich von einem schönen
    blonden Barte umrahmt. Mein Freund R. war intensiv schwarz,

    *)Es ist merkwürdig, wie sich hier meine Erinnerung – im Wachen –
    für die Zwecke der Analyse einschränkt. Ich habe fünf von meinen Onkeln ge-
    kannt, einen von ihnen geliebt und geehrt. In dem Augenblicke aber, da ich den
    Widerstand gegen die Traumdeutung überwunden habe, sage ich mir: Ich habe
    doch nur einen Onkel gehabt, den, der eben im Traume gemeint ist.

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    Die Deutung des Onkeltraumes.

    aber wenn die Schwarzhaarigen zu ergrauen anfangen, so büßen sie
    für die Pracht ihrer Jugendjahre. Ihr schwarzer Bart macht Haar
    für Haar eine unerfreuliche Farbenwanderung durch; er wird zuerst
    rotbraun, dann gelbbraun, dann erst definitiv grau. In diesem Stadium
    befindet sich jetzt der Bart meines Freundes R.; übrigens auch
    schon der meinige, wie ich mit Mißvergnügen bemerke. Das Ge-
    sicht, das ich im Traume sehe, ist gleichzeitig das meines Freundes
    R. und das meines Onkels. Es ist wie eine Mischphotographie von
    Galton, der, um Familienähnlichkeiten zu eruieren, mehrere Ge-
    sichter auf die nämliche Platte photographieren ließ. Es ist also
    kein Zweifel möglich, ich meine wirklich, daß mein Freund R. ein
    Schwachkopf ist – wie mein Onkel Josef.
    Ich ahne noch gar nicht, zu welchem Zwecke ich diese Be-
    ziehung hergestellt, gegen die ich mich unausgesetzt sträuben muß.
    Sie ist doch nicht sehr tiefgehend, denn der Onkel war ein Verbrecher,
    mein Freund R. ist unbescholten. Etwa bis auf die Bestrafung dafür,
    daß er mit dem Rade einen Lehrbuben niedergeworfen. Sollte ich
    diese Untat meinen? Das hieße die Vergleichung ins Lächerliche
    ziehen. Da fällt mir aber ein anderes Gespräch ein, das ich vor
    einigen Tagen mit einem anderen Kollegen N., und zwar über das
    gleiche Thema hatte. Ich traf N. auf der Straße; er ist auch zum Pro-
    fessor vorgeschlagen, wußte von meiner Ehrung und gratulierte mir
    dazu. Ich lehnte entschieden ab. „Gerade Sie sollten sich den Scherz
    nicht machen, da Sie den Wert des Vorschlages an sich selbst erfahren
    haben.“ Er darauf, wahrscheinlich nicht ernsthaft: „Das kann man
    nicht wissen. Gegen mich liegt ja etwas Besonderes vor. Wissen Sie
    nicht, daß eine Person einmal eine gerichtliche Anzeige gegen mich
    erstattet hat? Ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß die Unter-
    suchung eingestellt wurde; es war ein gemeiner Erpressungsversuch;
    ich hatte noch alle Mühe, die Anzeigerin selbst vor Bestrafung zu
    retten. Aber vielleicht macht man im Ministerium diese Angelegen-
    heit gegen mich geltend, um mich nicht zu ernennen. Sie aber, Sie
    sind unbescholten.“ Da habe ich ja den Verbrecher, gleichzeitig aber
    auch die Deutung und Tendenz meines Traumes. Mein Onkel Josef
    stellt mir da beide nicht zu Professoren ernannte Kollegen dar, den
    einen als Schwachkopf, den anderen als Verbrecher. Ich weiß jetzt
    auch, wozu ich diese Darstellung brauche. Wenn für den Aufschub
    der Ernennung meiner Freunde R. und N. „konfessionelle“ Rück-
    sichten maßgebend sind, so ist auch meine Ernennung in Frage ge-
    stellt; wenn ich aber die Zurückweisung der beiden auf andere
    Gründe schieben kann, die mich nicht treffen, so bleibt mir die
    Hoffnung ungestört. So verfährt mein Traum, er macht den einen,
    R., zum Schwachkopf, den anderen, N., zum Verbrecher; ich bin
    aber weder das eine noch das andere; unsere Gemeinsamkeit ist
    aufgehoben, ich darf mich auf meine Ernennung zum Professor
    freuen, und bin der peinlichen Anwendung entgangen, die ich aus

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    IV. Die Traumentstellung.

    R.s Nachricht, was ihm der hohe Beamte be-
    kannt, für meine eigene
    Person hätte machen müssen.

    Ich muß mich mit der Deutung dieses Traumes noch weiter
    beschäftigen. Er ist für mein Gefühl noch nicht befriedigend er-
    ledigt, ich bin noch immer nicht über die Leichtigkeit beruhigt, mit
    der ich zwei geachtete Kollegen degradiere, um mir den Weg zur
    Professur frei zu halten. Meine Unzufriedenheit mit meinem Vor-
    gehen hat sich bereits ermäßigt, seitdem ich den Wert der Aussagen
    im Traume zu würdigen weiß. Ich würde gegen jedermann bestreiten,
    daß ich R. wirklich für einen Schwachkopf halte, und daß ich an
    N.s Darstellung jener Erpressungsaffäre nicht glaube. Ich glaube ja
    auch nicht, daß Irma durch eine Injektion Ottos mit einem Propylen-
    präparat gefährlich krank geworden ist; es ist hier wie dort nur
    mein Wunsch, daß es sich so verhalten möge, den mein Traum
    ausdrückt. Die Behauptung, in welcher sich mein Wunsch realisiert,
    klingt im zweiten Traume minder absurd als im ersten; sie ist hier
    in geschickter Benutzung tatsächlicher Anhaltspunkte geformt, etwa
    wie eine gut gemachte Verleumdung, an der „etwas daran ist“, denn
    Freund R. hatte seinerzeit das Votum eines Fachprofessors gegen
    sich, und Freund N. hat mir das Material für die Anschwärzung
    arglos selbst geliefert. Dennoch, ich wiederhole es, scheint mir der
    Traum weiterer Aufklärung bedürftig.

    Ich entsinne mich jetzt, daß der Traum noch ein Stück enthielt,
    auf welches die Deutung bisher keine Rücksicht genommen hat. Nach-
    dem mir eingefallen, R. ist mein Onkel, empfinde ich im Traume
    warme Zärtlichkeit für ihn. Wohin gehört diese Empfindung? Für
    meinen Onkel Josef habe ich zärtliche Gefühle natürlich niemals
    gehabt. Freund R. ist mir seit Jahren lieb und teuer; aber käme
    ich zu ihm und drückte ihm meine Zuneigung in Worten aus, die
    annähernd dem Grad meiner Zärtlichkeit im Traume entsprechen, so
    wäre er ohne Zweifel erstaunt. Meine Zärtlichkeit gegen ihn erscheint
    mir unwahr und übertrieben, ähnlich wie mein Urteil über seine
    geistigen Qualitäten, das ich durch die Verschmelzung seiner Persön-
    lichkeit mit der des Onkels ausdrücke; aber in entgegengesetztem
    Sinne übertrieben. Nun dämmert mir aber ein neuer Sachverhalt.
    Die Zärtlichkeit des Traumes gehört nicht zum latenten Inhalt, zu
    den Gedanken hinter dem Traume; sie steht im Gegensatze zu diesem
    Inhalt; sie ist geeignet, mir die Kenntnis der Traumdeutung zu ver-
    decken. Wahrscheinlich ist gerade dies ihre Bestimmung. Ich er-
    innere mich, mit welchem Widerstand ich an die Traumdeutung ging,
    wie lange ich sie aufschieben wollte und den Traum für baren Un-
    sinn erklärte. Von meinen psychoanalytischen Behandlungen her weiß
    ich, wie ein solches Verwerfungsurteil zu deuten ist. Es hat keinen
    Erkenntniswert, sondern bloß den einer Affektäußerung. Wenn meine
    kleine Tochter einen Apfel nicht mag, den man ihr angeboten hat,
    so behauptet sie, der Apfel schmeckt bitter, ohne ihn auch nur ge-

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    Die psychische Zensur.

    kostet zu haben. Wenn meine Patienten sich so benehmen wie die
    Kleine, so weiß ich, daß es sich bei ihnen um eine Vorstellung han-
    delt, welche sie verdrängen wollen. Dasselbe gilt für meinen Traum.
    Ich mag ihn nicht deuten, weil die Deutung etwas enthält, wogegen
    ich mich sträube. Nach vollzogener Traumdeutung erfahre ich, wo-
    gegen ich mich gesträubt hatte; es war die Behauptung, daß R.
    ein Schwachkopf ist. Die Zärtlichkeit, die ich gegen R. empfinde,
    kann ich nicht auf die latenten Traumgedanken, wohl aber auf dies
    mein Sträuben zurückführen. Wenn mein Traum im Vergleiche zu
    seinem latenten Inhalt in diesem Punkte entstellt, und zwar ins Gegen-
    sätzliche entstellt ist, so dient die im Traume manifeste Zärtlichkeit
    dieser Entstellung oder, mit anderen Worten, die Entstellung erweist
    sich hier als absichtlich, als ein Mittel der Verstellung. Meine
    Traumgedanken enthalten eine Schmähung für R.; damit ich diese
    nicht merke, gelingt in den Traum das Gegenteil, ein zärtliches
    Empfinden für ihn.

    Es könnte dies eine allgemein gültige Erkenntnis sein. Wie die
    Beispiele in Abschnitt III gezeigt haben, gibt es ja Träume, welche
    unverhüllte Wunscherfüllungen sind. Wo die Wunscherfüllung un-
    kenntlich verkleidet ist, da müßte eine Tendenz zur Abwehr gegen
    diesen Wunsch vorhanden sein, und infolge dieser Abwehr könnte
    der Wunsch sich nicht anders als entstellt zum Ausdruck bringen.
    Ich will zu diesem Vorkommnis aus dem psychischen Binnenleben
    das Seitenstück aus dem sozialen Leben suchen. Wo findet man im
    sozialen Leben eine ähnliche Entstellung eines psychischen Aktes?
    Nur dort, wo es sich um zwei Personen handelt, von denen die eine
    eine gewisse Macht besitzt, die zweite wegen dieser Macht eine Rück-
    sicht zu nehmen hat. Diese zweite Person entstellt dann ihre psychi-
    schen Akte oder, wie wir auch sagen können, sie verstellt sich.
    Die Höflichkeit, die ich alle Tage übe, ist zum guten Teile eine
    solche Verstellung; wenn ich meine Träume für den Leser deute,
    bin ich zu solchen Entstellungen genötigt. Über den Zwang zu sol-
    cher Entstellung klagt auch der Dichter:

    „Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben doch
    nicht sagen.“

    In ähnlicher Lage befindet sich der politische Schriftsteller, der
    den Machthabern unangenehme Wahrheiten zu sagen hat. Wenn er
    sie unverhohlen sagt, wird der Machthaber seine Äußerung unter-
    drücken, nachträglich, wenn es sich um mündliche Äußerung handelt,
    präventiv, wenn sie auf dem Wege des Druckes kundgegeben wer-
    den soll. Der Schriftsteller hat die Zensur zu fürchten, er ermäßigt
    und entstellt darum den Ausdruck seiner Meinung. Je nach der
    Stärke und Empfindlichkeit dieser Zensur sieht er sich genötigt,
    entweder bloß gewisse Formen des Angriffes einzuhalten oder in
    Anspielungen anstatt in direkten Bezeichnungen zu reden oder er muß
    seine anstößige Mitteilung hinter einer harmlos erscheinenden Ver-
     

  • S.

    110

    IV. Die Traumstellung.

    kleidung verbergen, er darf z. B. von Vorfällen zwischen zwei Man
    darinen im Reiche der Mitte erzählen, während er die Beamten des
    Vaterlandes im Auge hat. Je strenger die Zensur waltet, desto
    weitgehender wird die Verkleidung, desto witziger oft die Mittel,
    welche den Leser doch auf die Spur der eigentlichen Bedeutung
    leiten.

    Die bis ins einzelne durchzuführende Übereinstimmung zwischen
    den Phänomenen der Zensur und denen der Traumstellung gibt
    uns die Berechtigung, ähnliche Bedingungen für beide vorauszusetzen.
    Wir würden also als Urheber der Traumgestaltung zwei psychische
    Mächte (Strömungen, Systeme) im Einzelmenschen annehmen, von
    denen die eine den durch den Traum zum Ausdruck gebrachten
    Wunsch bildet, während die andere eine Zensur an diesem Traum
    wunsche übt und durch diese Zensur eine Entstellung seiner Äußerung
    erzwingt. Es fragt sich nur, worin die Machtbefugnis dieser zweiten
    Instanz besteht, kraft deren sie ihre Zensur ausüben darf. Wenn wir
    uns erinnern, daß die latenten Traumgedanken vor der Analyse nicht
    bewußt sind, der von ihnen ausgehende manifeste Trauminhalt aber
    als bewußt erinnert wird, so liegt die Annahme nicht fern, das Vor
    recht der zweiten Instanz sei eben die Zulassung zum Bewußtsein.
    Aus dem ersten System könne nichts zum Bewußtsein gelangen, was
    nicht vorher die zweite Instanz passiert habe, und die zweite Instanz
    lasse nichts passieren, ohne ihre Rechte auszuüben und die ihr ge-
    nehmen Abänderungen am Bewußtseinswerber durchzusetzen. Wir
    verraten dabei eine ganz bestimmte Auffassung vom „Wesen“ des
    Bewußtseins; das Bewußtwerden ist für uns ein besonderer psychi-
    scher Akt, verschieden und unabhängig von dem Vorgang des Gedacht-
    oder Vorgestelltwerdens, und das Bewußtsein erscheint uns als ein
    Sinnesorgan, welches einen anderwärts gegebenen Inhalt wahrnimmt.
    Es läßt sich zeigen, daß die Psychopathologie dieser Grundannahmen
    schlechterdings nicht entraten kann. Eine eingehendere Würdigung
    derselben dürfen wir uns für eine spätere Stelle vorbehalten.

    Wenn ich die Vorstellung der beiden psychischen Instanzen
    und ihrer Beziehungen zum Bewußtsein festhalte, ergibt sich für die
    auffällige Zärtlichkeit, die ich im Traume für meinen Freund R.
    empfinde, der in der Traumdeutung so herabgesetzt wird, eine völlig
    kongruente Analogie aus dem politischen Leben der Menschen. Ich
    versetze mich in ein Staatsleben, in welchem ein auf seine Macht
    eifersüchtiger Herrscher und eine rege öffentliche Meinung mitein-
    ander ringen. Das Volk empöre sich gegen einen ihm mißliebigen
    Beamten und verlange dessen Entlassung; um nicht zu zeigen, daß er
    dem Volkswillen Rechnung tragen muß, wird der Selbstherrscher dem
    Beamten gerade dann eine hohe Auszeichnung verleihen, zu der sonst
    kein Anlaß vorläge. So zeichnet meine zweite, den Zugang zum
    Bewußtsein beherrschende Instanz Freund R. durch einen Erguß von
    übergroßer Zärtlichkeit aus, weil die Wunschbestrebungen des ersten

  • S.

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    Systems ihn in einem besonderen Interesse, dem sie gerade nach-
    hängen, als einen Schwachkopf beschimpfen möchten*).

    Vielleicht werden wir hier von der Ahnung erfaßt, daß die
    Traumdeutung im stande sei, uns Aufschlüsse über den Bau unseres
    seelischen Apparates zu geben, welche wir von der Philosophie bis-
    her vergebens erwartet haben. Wir folgen aber nicht dieser Spur,
    sondern kehren, nachdem wir die Traumstellung aufgeklärt haben,
    zu unserem Ausgangsproblem zurück. Es wurde gefragt, wie denn
    die Träume mit peinlichem Inhalt als Wunscherfüllungen aufgelöst
    werden können. Wir sehen nun, dies ist möglich, wenn eine Traum-
    entstellung stattgefunden hat, wenn der peinliche Inhalt nur zur
    Verkleidung eines erwünschten dient. Mit Rücksicht auf unsere An-
    nahmen über die zwei psychischen Instanzen können wir jetzt auch
    sagen: die peinlichen Träume enthalten tatsächlich etwas, was der
    zweiten Instanz peinlich ist, was aber gleichzeitig einen Wunsch der
    ersten Instanz erfüllt. Sie sind insofern Wunschträume, als ja jeder
    Traum von der ersten Instanz ausgeht, die zweite sich nur abwehrend,
    nicht schöpferisch, gegen den Traum verhält. Beschränken wir uns
    auf eine Würdigung dessen, was die zweite Instanz zum Traume bei-
    trägt, so können wir den Traum niemals verstehen. Es bleiben dann
    alle Rätsel bestehen, welche von den Autoren an Traum bemerkt
    worden sind.

    Daß der Traum wirklich einen geheimen Sinn hat, der eine
    Wunscherfüllung ergibt, muß wiederum für jeden Fall durch die
    Analyse erwiesen werden. Ich greife darum einige Träume pein-
    lichen Inhaltes heraus und versuche deren Analyse. Es sind zum Teil
    Träume von Hysterikern, die einen langen Vorbericht und stellen-
    weise ein Eindringen in die psychischen Vorgänge bei der Hysterie
    erfordern. Ich kann dieser Erschwerung der Darstellung aber nicht
    aus dem Wege gehen.

    Wenn ich einen Psychoneurotiker in analytische Behandlung
    nehme, werden seine Träume regelmäßig, wie bereits erwähnt, zum
    Thema unserer Besprechungen. Ich muß ihm dabei alle die psycho-
     

    *)Solche heuchlerische Träume sind weder bei mir noch bei anderen
    seltene Vorkommnisse. Während ich mit der Bearbeitung eines gewissen wissen-
    schaftlichen Problems beschäftigt bin, sucht mich mehrere Nächte kurz nach-
    einander ein leicht verwirrender Traum heim, der die Versöhnung mit einem
    längst bei Seite geschobenen Freunde zum Inhalt hat. Beim vierten oder fünften
    Male gelingt es mir endlich, den Sinn dieser Träume zu erfassen. Er trägt in der
    Aufmunterung, doch den letzten Rest von Rücksicht für die betreffende Person
    aufzugeben, sich von ihr völlig frei zu machen, und hatte sich in so heuchleri-
    scher Weise ins Gegenteil verkleidet. Von einer Person habe ich einen „heuchle-
    rischen Ödipustraum“ mitgeteilt, in dem sich die feindseligen Regungen und
    Todeswünsche der Traumgedanken durch manifeste Zärtlichkeit ersetzen. („Typi-
    sches Beispiel eines verkappten Ödipustraumes.“) Eine andere Art von heuchle-
    rischen Träumen wird an anderer Stelle (siehe unten p. 338 u. ff.) erwähnt
    werden.

  • S.

    112

    logischen Aufklärungen geben, mit deren Hilfe ich selbst zum Ver-
    ständnis seiner Symptome gelangt bin, und erfahre dabei eine uner-
    bittliche Kritik, wie ich sie von den Fachgenossen wohl nicht schärfer
    zu erwarten habe. Ganz regelmäßig erhebt sich der Widerspruch
    meiner Patienten gegen den Satz, daß die Träume sämtlich Wunsch-
    erfüllungen seien. Hier einige Beispiele von dem Material an Träu-
    men, welche mir als Gegenbeweise vorgehalten werden.

    „Sie sagen immer, der Traum ist ein erfüllter Wunsch,“ beginnt
    eine witzige Patientin. „Nun will ich Ihnen einen Traum erzählen,
    dessen Inhalt ganz im Gegenteil dahin geht, daß mir ein Wunsch
    nicht erfüllt wird. Wie vereinen Sie das mit Ihrer Theorie? Der
    Traum lautet wie folgt:

    Ich will ein Souper geben, habe aber nichts vorrätig als
    etwas geräucherten Lachs. Ich denke daran, einkaufen zu gehen,
    erinnere mich aber, daß es Sonntag nachmittag ist, wo alle Läden
    gesperrt sind. Ich will nun einigen Lieferanten telephonieren, aber
    das Telephon ist gestört. So muß ich auf den Wunsch, ein Souper
    zu geben, verzichten.“

    Ich antworte natürlich, daß über den Sinn dieses Traumes nur
    die Analyse entscheiden kann, wenngleich ich zugebe, daß er für
    den ersten Anblick vernünftig und zusammenhängend erscheint und
    dem Gegenteil einer Wunscherfüllung ähnlich sieht. „Aus welchem
    Material ist aber dieser Traum hervorgegangen? Sie wissen, daß
    die Anregung zu einem Traume jedesmal in den Erlebnissen des
    letzten Tages liegt.“

    Analyse: Der Mann der Patientin, ein biederer und tüchtiger
    Großfleischhauer, hat ihr Tags vorher erklärt, er werde zu dick und
    wolle darum eine Entfettungskur beginnen. Er werde früh aufstehen,
    Bewegung machen, strenge Diät halten und vor allem keine Ein-
    ladungen zu Soupers mehr annehmen. – Von dem Manne erzählt
    sie lachend weiter, er habe am Stammtisch die Bekanntschaft eines
    Malers gemacht, der ihn durchaus abkonterfeien wolle, weil er einen
    so ausdrucksvollen Kopf noch nicht gefunden habe. Ihr Mann habe
    aber in seiner derben Manier erwidert, er bedanke sich schön und
    er sei ganz überzeugt, ein Stück vom Hintern eines schönen jungen
    Mädchens sei dem Maler lieber als sein ganzes Gesicht*). Sie sei
    jetzt sehr verliebt in ihren Mann und necke sich mit ihm herum.
    Sie hat ihn auch gebeten, ihr keinen Kaviar zu schenken. – Was
    soll das heißen?

    Sie wünscht es sich nämlich schon lange, jeden Vormittag eine
    Kaviarsemmel essen zu können, gönnt sich aber die Ausgabe nicht.
    Natürlich bekäme sie den Kaviar sofort von ihrem Manne, wenn sie


    *)Dem Maler sitzen. Goethe: Und wenn er keinen Hintern hat,
    Wie kann der Edle sitzen?

  • S.

    113

    Träume von einem versagten Wunsch.

    ihn darum bitten würde. Aber sie hat ihn im Gegenteil gebeten,
    ihr keinen Kaviar zu schenken, damit sie ihn länger damit
    necken kann.

    (Diese Begründung scheint mir fadenscheinig. Hinter solchen
    unbefriedigenden Auskünften pflegen sich uneingestandene Motive
    zu verbergen. Man denke an die Hypnotisierten Bernheims, die
    einen posthypnotischen Auftrag ausführen, und nach ihren Motiven
    befragt, nicht etwa antworten: Ich weiß nicht, warum ich das
    getan habe, sondern eine offenbar unzureichende Begründung er-
    finden müssen. So ähnlich wird es wohl mit dem Kaviar meiner Pa-
    tientin sein. Ich merke, sie ist genötigt, sich im Leben einen uner-
    füllten Wunsch zu schaffen. Ihr Traum zeigt ihr auch die Wunsch-
    verweigerung als eingetroffen. Wozu braucht sie aber einen uner-
    füllten Wunsch?)

    Die bisherigen Einfälle haben zur Deutung des Traumes nicht
    ausgereicht. Ich dringe nach weiteren. Nach einer kurzen Pause,
    wie sie eben der Überwindung des Widerstandes entspricht, be-
    richtet sie ferner, daß sie gestern einen Besuch bei einer Freundin
    gemacht, auf die sie eigentlich eifersüchtig ist, weil ihr Mann diese
    Frau immer so lobt. Zum Glück ist diese Freundin sehr dürr und
    mager und ihr Mann ist ein Liebhaber voller Körperformen. Wovon
    sprach nun diese magere Freundin? Natürlich von ihrem Wunsche,
    etwas stärker zu werden. Sie fragte sie auch: „Wann laden Sie uns
    wieder einmal ein? Man ißt immer so gut bei Ihnen.“

    Nun ist der Sinn des Traumes klar. Ich kann der Patientin
    sagen: „Es ist gerade so, als ob Sie sich bei der Aufforderung ge-
    dacht hätten: Dich werde ich natürlich einladen, damit du dich bei
    mir anessen, dick werden und meinem Manne noch besser gefallen
    kannst. Lieber geb’ ich kein Souper mehr. Der Traum sagt Ihnen
    dann, daß Sie kein Souper geben können, erfüllt also Ihren Wunsch,
    zur Abrundung der Körperformen Ihrer Freundin nichts beizutragen.
    Daß man von den Dingen, die man in Gesellschaften vorgesetzt
    bekommt, dick wird, lehrt Sie ja der Vorsatz Ihres Mannes, im
    Interesse seiner Entfettung Soupereinladungen nicht mehr anzu-
    nehmen.“ Es fehlt jetzt nur noch irgend ein Zusammentreffen, wel-
    ches die Lösung bestätigt. Es ist auch der geräucherte Lachs im
    Trauminhalt noch nicht abgeleitet. „Wie kommen Sie zu dem im
    Traume erwähnten Lachs?“ „Geräucherter Lachs ist die Lieblings-
    speise dieser Freundin,“ antwortet sie. Zufällig kenne ich die Dame
    auch und kann bestätigen, daß sie sich den Lachs ebensowenig ver-
    gönnt wie meine Patientin den Kaviar.

    Derselbe Traum läßt auch noch eine andere und feinere
    Deutung zu, die durch einen Nebenumstand selbst notwendig gemacht
    wird. Die beiden Deutungen widersprechen einander nicht, sondern
    überdecken einander und ergeben ein schönes Beispiel für die ge-
    wöhnliche Doppelsinnigkeit der Träume wie aller anderen psycho-
    logischen Bildungen.

    Freud, Traumdeutung. 4. Aus.

  • S.

    114

    IV. Die Traumstellung.

    pathologischen Bildungen. Wir haben gehört, daß die Patientin
    gleichzeitig mit ihrem Traume von der Wunschverweigerung bemüht
    war, sich einen versagten Wunsch im Realen zu verschaffen (die
    Kaviärsemmel). Auch die Freundin hatte einen Wunsch geäußert,
    nämlich dicker zu werden, und es würde uns nicht wundern, wenn
    unsere Dame geträumt hätte, der Freundin gehe ein Wunsch nicht
    in Erfüllung. Es ist nämlich ihr eigener Wunsch, daß der Freundin
    ein Wunsch – nämlich der nach Körperzunahme – nicht in Er-
    füllung gehe. Anstatt dessen träumt sie aber, daß ihr selbst ein
    Wunsch nicht erfüllt wird. Der Traum erhält eine neue Deutung,
    wenn sie ihr Traume nicht sich, sondern die Freundin meint, wenn
    sie sich an Stelle der Freundin gesetzt oder, wie wir sagen können,
    sich mit ihr identifiziert hat.

    Ich meine, dies hat sie wirklich getan, und als Anzeichen
    dieser Identifizierung hat sie sich den versagten Wunsch im Realen
    geschaffen. Was hat aber die hysterische Identifizierung für Sinn?
    Das aufzuklären bedarf einer eingehenden Darstellung. Die Iden-
    tifizierung ist ein für den Mechanismus der hysterischen Symptome
    höchst wichtiges Moment; auf diesem Wege bringen es die Kranken
    zu stande, die Erlebnisse einer großen Reihe von Personen, nicht
    nur die eigenen, in ihren Symptomen auszudrücken, gleichsam für
    einen ganzen Menschenhaufen zu leiden und alle Rollen eines Schau-
    spieles allein mit ihren persönlichen Mitteln darzustellen. Man wird
    mir einwenden, das sei die bekannte hysterische Imitation, die Fähig-
    keit Hysterischer, alle Symptome, die ihnen bei anderen Eindruck
    machen, nachzuahmen, gleichsam ein zur Reproduktion gesteigertes
    Mitleiden. Damit ist aber nur der Weg bezeichnet, auf dem der
    psychische Vorgang bei der hysterischen Imitation abläuft; etwas
    anderes ist der Weg und der seelische Akt, der diesen Weg geht.
    Letzterer ist um ein geringes komplizierter, als man sich die Imitation
    der Hysterischen vorstellen liebt; er entspricht einem unbewußten
    Schlußprozeß, wie ein Beispiel klarstellen wird. Der Arzt, welcher
    eine Kranke mit einer bestimmten Art von Zuckungen unter anderen
    Kranken auf demselben Zimmer im Krankenhause hat, zeigt sich
    nicht erstaunt, wenn er eines Morgens erfährt, daß dieser besondere
    hysterische Anfall Nachahmung gefunden hat. Er sagt sich einfach:
    Die anderen haben ihn gesehen und nachgemacht; das ist psychische
    Infektion. Ja, aber die psychische Infektion geht etwa auf folgende
    Weise zu. Die Kranken wissen in der Regel mehr voneinander als
    der Arzt über jede von ihnen, und sie kümmern sich umeinander,
    wenn die ärztliche Visite vorüber ist. Die eine bekomme heute ihren
    Anfall; es wird alsbald den anderen bekannt, daß ein Brief vom
    Hause, Auffrischung des Liebeskummers und dergleichen davon die
    Ursache ist. Ihr Mitgefühl wird rege, es vollzieht sich in ihnen folgen-
    der, nicht zum Bewußtsein gelangender Schluß: Wenn man von
    solcher Ursache solche Anfälle haben kann, so kann ich auch solche

  • S.

    115

    Anfälle bekommen, den ich habe dieselben Anlässe. Wäre dies ein
    des Bewußtseins fähiger Schluß, so würde er vielleicht in die Angst
    ausmünden, den gleichen Anfall zu bekommen; er vollzieht sich
    aber auf einem anderen psychischen Terrain, endet daher in der
    Realisierung des gefürchteten Symptoms. Die Identifizierung ist also
    nicht simple Imitation, sondern Aneignung auf Grund des gleichen
    ätiologischen Anspruches; sie drückt ein „gleichwie“ aus und bezieht
    sich auf ein im Unbewußten verbleibendes Gemeinsames.

    Die Identifizierung wird in der Hysterie am häufigsten benutzt
    zum Ausdruck einer sexuellen Gemeinsamkeit. Die Hysterica identi-
    fiziert sich in ihren Symptomen am ehesten – wenn auch nicht aus-
    schließlich – mit solchen Personen, mit denen sie im sexuellen
    Verkehre gestanden hat, oder welche mit den nämlichen Personen
    wie sie selbst sexuell verkehren. Die Sprache trägt einer solchen
    Auffassung gleichfalls Rechnung. Zwei Liebende sind „Eines“. In
    der hysterischen Phantasie wie im Traume genügt es für die Iden-
    tifizierung, daß man an sexuelle Beziehungen denkt, ohne daß sie
    darum als real gelten müssen. Die Patientin folgt also bloß den Re-
    geln der hysterischen Denkvorgänge, wenn sie ihres Eifersucht gegen
    die Freundin (die sie als unberechtigt übrigens selbst erkennt) Aus-
    druck gibt, indem sie sich im Traume an ihre Stelle setzt und durch
    die Schaffung eines Symptoms (des versagten Wunsches) mit ihr
    identifiziert. Man möchte den Vorgang noch sprachlich in folgender
    Weise erläutern: Sie setzt sich an die Stelle der Freundin im Traum,
    weil diese sich bei ihrem Manne an ihre Stelle setzt, weil sie deren
    Platz in der Wertschätzung ihres Mannes einnehmen möchte*).

    In einfacherer Weise und doch auch nach dem Schema, daß
    die Nichterfüllung des einen Wunsches die Erfüllung eines anderen
    bedeutet, löste sich der Widerspruch gegen mein Traumlehre bei
    einer anderen Patientin, der witzigsten unter all meinen Träume-
    rinnen. Ich hatte ihr an einem Tage auseinandergesetzt, daß der
    Traum eine Wunscherfüllung sei; am nächsten Tag brachte sie mir
    einen Traum, daß sie mit ihrer Schwiegermutter nach dem gemein-
    samen Landaufenthalt fahre. Nun wußte ich, daß sie sich heftig
    gesträubt hatte, den Sommer in der Nähe der Schwiegermutter zu
    verbringen, wußte auch, daß sie der von ihr gefürchteten Gemein-
    schaft in den letzten Tagen durch die Miete eines vom Sitze der
    Schwiegermutter weit entfernten Landaufenthaltes glücklich ausge-
    wichen war. Jetzt machte der Traum diese erwünschte Lösung rück-
    gängig; war das nicht der schärfste Gegensatz zu meiner Lehre von

    *)Ich bedauere selbst die Einschaltung solcher Stücke aus der Psycho-
    pathologie der Hysterie, welche, infolge ihrer fragmentarischen Darstellung und
    aus allem Zusammenhang gerissen, doch nicht sehr aufklärend wirken können.
    Wenn sie auf die innigen Beziehungen des Themas vom Traume zu den Psycho-
    neurosen hinzuweisen vermögen, so haben sie die Absicht erfüllt, in der ich sie
    aufgenommen habe.

  • S.

    116

    der Wunscherfüllung durch den Traum? Gewiß, man brauchte nur
    die Konsequenz aus diesem Traum zu ziehen, um eine Deutung zu
    haben. Nach diesem Traume hatte ich unrecht; es war also ihr
    Wunsch, daß ich unrecht haben sollte, und diesen zeigte
    ihr der Traum erfüllt. Der Wunsch, daß ich unrecht haben sollte,
    der sich an dem Thema der Landwohnung erfüllte, bezog sich aber
    in Wirklichkeit auf einen anderen und ernsteren Gegenstand. Ich
    hatte um die nämliche Zeit aus dem Material, welches ihre Analyse
    ergab, geschlossen, daß in einer gewissen Periode ihres Lebens etwas
    für ihre Erkrankung Bedeutsames vorgefallen sein müsse. Sie hatte
    es in Abrede gestellt, weil es sich nicht in ihrer Erinnerung vorfand.
    Wir kamen bald darauf, daß ich recht hatte. Ihr Wunsch, daß ich
    unrecht haben möge, verwandelt in den Traum, daß sie mit ihrer
    Schwiegermutter aufs Land fahre, entsprach also dem berechtigten
    Wunsche, daß jene damals erst vermuteten Dinge sich nie ereignet
    haben möchten.

    Ohne Analyse, nur vermittels einer Vermutung, gestattete ich
    mir, ein kleines Vorkommnis bei einem Freunde zu deuten, der
    durch die acht Gymnasialklassen mein Kollege gewesen war. Er
    hörte einmal in einem kleinen Kreise einen Vortrag von mir über
    die Neuigkeit, daß ein Traum eine Wunscherfüllung sei, ging nach
    Hause, träumte, daß er alle seine Prozesse verloren habe – er
    war Advokat – und beklagte sich bei mir darüber. Ich half mir mit
    der Ausflucht: Man kann nicht alle Prozesse gewinnen, dachte aber
    bei mir: Wenn ich durch acht Jahre als Primus in der ersten Bank
    gesessen, während er irgendwo in der Mitte der Klasse den Platz
    gewechselt, sollte ihm aus diesen Knabenjahren der Wunsch fern
    geblieben sein, daß ich mich auch einmal gründlich blamieren möge?

    Ein anderer Traum von mehr düsterem Charakter wurde mir
    gleichfalls von einer Patientin als Einspruch gegen die Theorie des
    Wunschtraumes vorgetragen. Die Patientin, ein junges Mädchen,
    begann: „Sie erinnern sich, daß meine Schwester jetzt nur einen
    Buben hat, den Karl; den älteren, Otto, hat sie verloren, als ich noch
    in ihrem Hause war. Otto war mein Liebling, ich habe ihn eigent-
    lich erzogen. Den Kleinen habe ich auch gern, aber natürlich lange
    nicht so sehr wie den Verstorbenen. Nun träume ich diese Nacht,
    daß ich den Karl tot vor mir liegen sehe. Er liegt in seinem
    kleinen Sarge, die Hände gefaltet, Kerzen rings herum,
    kurz ganz so wie damals der kleine Otto, dessen Tod mich
    so erschüttert hat. Nun sagen Sie mir, was soll das heißen? Sie
    kennen mich ja; bin ich eine so schlechte Person, daß ich meiner
    Schwester den Verlust des einzigen Kindes wünschen sollte, das sie
    noch besitzt? Oder heißt der Traum, daß ich lieber den Karl tot
    wünschte als den Otto, den ich um so viel lieber gehabt habe.“

    Ich versicherte ihr, daß diese letzte Deutung ausgeschlossen
    sei. Nach kurzem Besinnen konnte ich ihr die richtige Deutung

  • S.

    117

    des Traumes sagen, die ich dann von ihr bestätigen ließ. Es gelang
    mir dies, weil mir die ganze Vorgeschichte der Träumerin be-
    kannt war.

    Frühzeitig verwais-
    tert, war das Mädchen im Hause ihrer um vieles
    älteren Schwester aufgezogen worden und begegnete unter den
    Freunden und Besuchern des Hauses auch dem Manne, der einen
    bleibenden Eindruck auf ihr Herz machte. Es schien eine Weile,
    als ob diese kaum ausgesprochenen Beziehungen mit einer Heirat
    enden sollten, aber dieser glückliche Ausgang wurde durch die
    Schwester vereitelt, deren Motive nie eine völlige Aufklärung ge-
    funden haben. Nach dem Bruche mied der von unserer Patientin
    geliebte Mann das Haus; sie selbst machte sich einige Zeit nach dem
    Tode des kleinen Otto, an den sie ihre Zärtlichkeit unterdessen ge-
    wendet hatte, selbständig. Es gelang ihr aber nicht, sich von der
    Abhängigkeit frei zu machen, in welche sie durch ihre Neigung zu
    dem Freunde ihrer Schwester geraten war. Ihr Stolz gebot ihr,
    ihm auszuweichen; es war ihr aber unmöglich, ihre Liebe auf andere
    Bewerber zu übertragen, die sich in der Folge einstellten. Wenn
    der geliebte Mann, der dem Literatenstand angehörte, irgendwo einen
    Vortrag angekündigt hatte, war sie unfehlbar unter den Zuhörern
    zu finden, und auch sonst ergriff sie jede Gelegenheit, ihn an drittem
    Orte aus der Ferne zu sehen. Ich erinnerte mich, daß sie mir Tags
    vorher erzählt hatte, der Professor ginge in ein bestimmtes Konzert,
    und sie wolle auch dorthin gehen, um sich wieder einmal seines An-
    blickes zu erfreuen. Das war am Tag vor dem Traume: an dem Tage,
    an dem sie mir den Traum erzählte, sollte das Konzert stattfinden.
    Ich konnte mir so die richtige Deutung leicht konstruieren und fragte
    sie, ob ihr irgend ein Ereignis einfalle, das nach dem Tode des
    kleinen Otto eingetreten sei. Sie antwortete sofort: „Gewiß, damals
    ist der Professor nach langem Ausbleiben wiedergekommen, und ich
    habe ihn an dem Sarge des kleinen Otto wieder einmal gesehen. Es
    war genau so, wie ich es erwartet hatte. Ich deutete also den Traum
    in folgender Art: „Wenn jetzt der andere Knabe stürbe, würde sich
    dasselbe wiederholen. Sie würden den Tag bei Ihrer Schwester zu-
    bringen, der Professor käme sicherlich hinauf, um zu kondolieren,
    und unter den nämlichen Verhältnissen wie damals würden Sie ihn
    wiedersehen. Der Traum bedeutet nichts als diesen Ihren Wunsch
    nach Wiedersehen, gegen den Sie innerlich ankämpfen. Ich weiß,
    daß Sie das Billett für das heutige Konzert in der Tasche tragen. Ihr
    Traum ist ein Ungeduldstraum, er hat das Wiedersehen, das heute
    stattfinden soll, um einige Stunden verfrüht.“

    Zur Verdeckung ihres Wunsches hatte sie offenbar eine Situation
    gewählt, in welcher solche Wünsche unterdrückt zu werden pflegen,
    eine Situation, in der man von Trauer so sehr erfüllt ist, daß man an
    Liebe nicht denkt. Und doch ist es sehr gut möglich, daß auch in
    der realen Situation, welche der Traum getreulich kopierte, am Sarge

  • S.

    118

    des ersten, von ihr stärker geliebten Knaben sie die zärtliche Emp-
    findung für den lange vermißten Besucher nicht hatte unterdrücken
    können.

    Eine andere Aufklärung fand ein ähnlicher Traum einer anderen
    Patientin, die sich in früheren Jahren durch raschen Witz und heitere
    Laune hervorgetan hatte und diese Eigenschaften jetzt wenigstens noch
    in ihren Einfällen während der Behandlung bewies. Dieser Dame kam
    es im Zusammenhange eines längeren Traumes vor, daß sie ihre ein-
    zige 15jährige Tochter in einer Schachtel tot daliegen sah. Sie hatte
    nicht übel Lust, aus dieser Traum Erscheinung einen Einwand gegen
    die Wunscherfüllungstheorie zu machen, ahnte aber selbst, daß das
    Detail der Schachtel den Weg zu einer anderen Auffassung des
    Traumes anzeigen müsse*). Bei der Analyse fiel ihr ein, daß in der
    Gesellschaft abends vorher die Rede auf das englische Wort „box“
    gekommen war und auf die mannigfaltigen Übersetzungen desselben
    im Deutschen, als: Schachtel, Loge, Kasten, Ohrfeige usw. Aus
    anderen Bestandstücken desselben Traumes ließ sich nun ergänzen,
    daß sie die Verwandtschaft des englischen „box“ mit dem deutschen
    „Büchse“ erraten habe und dann von der Erinnerung heimgesucht
    worden sei, daß „Büchse“ auch als vulgäre Bezeichnung des weib-
    lichen Genitales gebraucht werde. Mit einiger Nachsicht für ihre
    Kenntnisse in der topographischen Anatomie konnte man also an-
    nehmen, daß das Kind in der „Schachtel“ eine Frucht im Mutterleibe
    bedeute. Soweit aufgeklärt, leugnete sie nun nicht, daß das Traum-
    bild wirklich einem Wunsche von ihr entspreche. Wie so viele
    junge Frauen war sie keineswegs glücklich, als sie in die Gravidität
    geriet, und gestand sich mehr als einmal den Wunsch ein, daß ihr
    das Kind im Mutterleibe absterben möge; ja in einem Wutanfalle
    nach einer heftigen Szene mit ihrem Manne schlug sie mit den Fäusten
    auf ihren Leib los, um das Kind darin zu treffen. Das tote Kind
    war also wirklich eine Wunscherfüllung, aber die eines seit 15 Jah-
    ren beseitigten Wunsches, und es ist nicht zu verwundern, wenn man
    die Wunscherfüllung nach so verspätetem Eintreffen nicht mehr er-
    kennt. Unterdessen hat sich eben zu viel geändert.

    Die Gruppe, zu welcher die beiden letzten Träume gehören, die
    den Tod lieber Angehöriger zum Inhalt haben, soll bei den typischen
    Träumen nochmals Berücksichtigung finden. Ich werde dort an neuen
    Beispielen zeigen können, daß trotz des unerwünschten Inhaltes alle
    diese Träume als Wunscherfüllungen gedeutet werden müssen. Keinem
    Patienten, sondern einem intelligenten Rechtsgelehrten meiner Be-
    kanntschaft verdanke ich folgenden Traum, der mir wiederum in
    der Absicht erzählt wurde, mich von voreiliger Verallgemeinerung in
    der Lehre vom Wunschtraume zurückzuhalten. „Ich träume,“ be-
    richtet mein Gewährsmann, „daß ich, eine Dame am Arm, vor


    *)Ähnlich wie im Traume vom vereitelten Souper der geräucherte Lachs.

  • S.

    119

    mein Haus komme. Dort wartet ein geschlossener Wagen,
    ein Herr tritt auf mich zu, legitimiert sich als Polizei-
    agent und fordert mich auf, ihm zu folgen. Ich bitte nur
    noch um die Zeit, meine Angelegenheiten zu ordnen. –
    Glauben Sie, daß es vielleicht ein Wunsch von mir ist, verhaftet zu
    werden?“ – Gewiß nicht, muß ich zugeben. Wissen Sie vielleicht,
    unter welcher Beschuldigung Sie verhaftet wurden? – „Ja, ich glaube
    wegen Kindesmordes.“ – Kindesmord? Sie wissen doch, daß dieses
    Verbrechen nur eine Mutter an ihrem Neugeborenen begehen kann?
    – „Das ist richtig.“*) – Und unter welchen Umständen haben Sie
    geträumt; was ist am Abend vorher vorgegangen? – „Das möchte
    ich Ihnen nicht gern erzählen, es ist eine heikle Angelegenheit.“
    – Ich brauche es aber, sonst müssen wir auf die Deutung des Traumes
    verzichten. – „Also hören Sie. Ich habe die Nacht nicht zu Hause,
    sondern bei einer Dame zugebracht, die mir sehr viel bedeutet. Als
    wir am Morgen erwachten, ging neuerdings etwas zwischen uns vor.
    Dann schlief ich wiederum ein und träumte, was Sie wissen.“ –
    Es ist eine verheiratete Frau? – „Ja.“ – Und Sie wollen kein
    Kind mit ihr erzeugen? – „Nein, nein, das könnte uns verraten.“
    – Sie üben also nicht normalen Koitus? – „Ich gebrauche die Vor-
    sicht, mich vor der Ejakulation zurückzuziehen.“ – Darf ich an-
    nehmen, Sie hätten das Kunststück in dieser Nacht mehreremal aus
    geführt, und seien nach der Wiederholung am Morgen ein wenig
    unsicher gewesen, ob es Ihnen gelungen ist? – „Das könnte wohl
    sein.“ – Dann ist Ihr Traum eine Wunscherfüllung. Sie erhalten
    durch ihn die Beruhigung, daß Sie kein Kind erzeugt haben, oder was
    nahezu das gleiche ist, Sie hätten ein Kind umgebracht. Die Mittel
    glieder kann ich Ihnen leicht nachweisen. Erinnern Sie sich, vor
    einigen Tagen sprachen wir über die Ehenot und über die Inkonse-
    quenz, daß es gestattet ist, den Koitus so zu halten, daß keine Be-
    fruchtung zu stande kommt, während jeder Eingriff, wenn einmal
    Ei und Same sich getroffen und einen Fötus gebildet haben, als
    Verbrechen bestraft wird. Im Anschluß daran gedachten wir auch
    der mittelalterlichen Streitfrage, in welchem Zeitpunkte eigentlich
    die Seele in den Fötus hineinfahre, weil der Begriff des Mordes erst
    von da an zulässig wird. Sie kennen gewiß auch das schaurige Ge-
    dicht von Lenau, welches Kindermord und Kinderverhütung gleich-
    stellt. – „An Lenau habe ich merkwürdigerweise heute vormittag
    wie zufällig gedacht.“ – Auch ein Nachklang Ihres Traumes. Und
    nun will ich Ihnen noch eine kleine Nebenwunscherfüllung in Ihrem
    Traume nachweisen. Sie kommen mit der Dame am Arm vor Ihr

    *)Es ereignet sich häufig, daß ein Traum unvollständig erzählt wird
    und daß erst während der Analyse die Erinnerung an diese ausgelassenen Stücke
    des Traumes auftaucht. Diese nachträglich eingefügten Stücke ergeben regel-
    mäßig den Schlüssel zur Traumdeutung. Vergleiche weiter unten über das Ver-
    gessen der Träume.

  • S.

    120

    IV. Die Traumentstellung.

    Haus. Sie führen Sie also heim, anstatt daß Sie in Wirklichkeit
    die Nacht in deren Hause zubringen. Daß die Wunscherfüllung, die
    den Kern des Traumes bildet, sich in so unangenehmer Form ver-
    birgt, hat vielleicht mehr als einen Grund. Aus meinem Aufsatze
    über die Ätiologie der Angstneurose könnten Sie erfahren, daß ich
    den Coitus interruptus als eines der ursächlichen Momente für die
    Entstehung der neurotischen Angst in Anspruch nehme. Es würde
    dazu stimmen, wenn Ihnen nach mehrmaligem Koitus dieser Art
    eine unbehagliche Stimmung verbliebe, die nun als Element in die
    Zusammensetzung Ihres Traumes eingeht. Dieser Verstimmung be-
    dienen Sie sich auch, um sich die Wunscherfüllung zu verhüllen.
    Übrigens ist auch die Erwähnung des Kindesmordes nicht erklärt.
    Wie kommen Sie zu diesem spezifisch weiblichen Verbrechen? –
    „Ich will Ihnen gestehen, daß ich vor Jahren einmal in eine solche
    Angelegenheit verflochten war. Ich war schuld daran, daß ein Mäd-
    chen sich durch eine Fruchtabtreibung vor den Folgen eines Ver-
    hältnisses mit mir zu schützen versuchte. Ich hatte mit der Aus- führung des Vorsatzes gar nichts zu tun, war aber lange Zeit in be- greiflicher Angst, daß die Sache entdeckt würde.“ – Ich verstehe, diese
    Erinnerung ergab einen zweiten Grund, warum Ihnen die Vermutung,
    Sie hätten Ihr Kunststück schlecht gemacht, peinlich sein mußte.

    Ein junger Arzt, welcher in meinem Kolleg diesen Traum er-
    zählen hörte, muß sich von ihm betroffen gefühlt haben, denn er
    beeilte sich, ihn nachzuträumen, dessen Gedankenform auf ein anderes
    Thema anzuwenden. Er hatte Tags vorher sein Einkommenbekenntnis
    übergeben, welches vollkommen aufrichtig gehalten war, da er nur
    wenig zu bekennen hatte. Er träumte nun, ein Bekannter komme
    aus der Sitzung der Steuerkommission zu ihm und teile ihm mit, daß
    alle anderen Steuerbekenntnisse unbeanstandet geblieben seien, das
    seinige aber habe allgemeines Mißtrauen erweckt und werde ihm eine
    empfindliche Steuerstrafe eintragen. Der Traum ist eine lässig verhüllte
    Wunscherfüllung, für einen Arzt von großem Einkommen zu gelten. Er
    erinnert übrigens an die bekannte Geschichte von jenem jungen Mäd-
    chen, welchem abgeraten wird, ihrem Freier zuzusagen, weil er ein
    jähzorniger Mensch sei und sie in der Ehe sicherlich mit Schlägen trak- tieren werde. Die Antwort des Mädchens lautet dann: Schläg’ er mich
    erst! Ihr Wunsch, verheiratet zu sein, ist so lebhaft, daß sie die in
    Aussicht gestellte Unannehmlichkeit, die mit dieser Ehe verbunden
    sein soll, mit in den Kauf nimmt und selbst zum Wunsche erhebt.

    Fasse ich die sehr häufig vorkommenden Träume solcher Art,
    die meiner Lehre direkt zu widersprechen scheinen, indem sie das
    Versagen eines Wunsches oder das Eintreffen von etwas offenbar
    Ungewünschtem zum Inhalt haben, als „Gegenwunschträume“
    zusammen, so sehe ich, daß sie sich allgemein auf zwei Prinzipien
    zurückführen lassen, von denen das eine noch nicht erwähnt worden
    ist, obwohl es im Leben wie im Träumen der Menschen eine große

  • S.

    121

    Rolle spielt. Die eine Triebkraft dieser Träume ist der Wunsch, daß
    ich unrecht haben soll. Diese Träume ereignen sich regelmäßig im
    Laufe meiner Behandlungen, wenn sich der Patient im Widerstand
    gegen mich befindet, und ich kann mit großer Sicherheit darauf
    rechnen, einen solchen Traum hervorzurufen, nachdem ich dem Kran-
    ken die Lehre, der Traum sei eine Wunscherfüllung, zuerst vorge-
    tragen habe*). Ja, ich darf erwarten, daß es manchen meiner Leser
    ebenso ergehen wird; er wird sich bereitwillig im Traume einen
    Wunsch versagen, um sich nur den Wunsch, daß ich unrecht haben
    möge, zu erfüllen. Der letzte Kurtraum dieser Art, den ich mit
    teilen will, zeigt wiederum das nämliche. Ein junges Mädchen,
    welches sich die Fortsetzung meiner Behandlung mühsam erkämpft
    hat gegen den Willen ihrer Angehörigen und der zu Rate gezogenen
    Autoritäten, träumt: Zu Hause verbiete man ihr, weiter zu
    mir zu kommen. Sie beruft sich dann bei mir auf ein ihr
    gegebenes Versprechen, sie im Notfalle auch umsonst zu
    behandeln, und ich sage ihr: In Geldsachen kann ich keine
    Rücksicht üben.

    Es ist wirklich nicht leicht, hier die Wunscherfüllung nach-
    zuweisen, aber in all solchen Fällen findet sich außer dem einen
    Rätsel noch ein anderes, dessen Lösung auch das erste lösen hilft.
    Woher stammen die Worte, die sie mir in den Mund legt? Ich habe
    ihr natürlich nie etwas Ähnliches gesagt, aber einer ihrer Brüder
    und gerade jener, der den größten Einfluß auf sie hat, war so liebens-
    würdig, über mich diesen Ausspruch zu tun. Der Traum will also er-
    reichen, daß der Bruder recht behalte, und diesem Bruder Recht
    verschaffen will sie nicht nur im Traume; es ist der Inhalt ihres
    Lebens und das Motiv ihres Krankseins. Ein Traum, welcher der
    Theorie von der Wunscherfüllung auf den ersten Blick besondere
    Schwierigkeiten bereitet, ist von einem Arzt (Aug. Stärcke) ge-
    träumt und gedeutet worden:

    „Ich habe und sehe an meinem linken Zeigefinger einen
    syphilitischen Primäraffekt an der letzten Phalange.“

    Man wird sich vielleicht von der Analyse dieses Traumes durch
    die Erwägung abhalten lassen, daß er ja bis auf seinen unerwünschten
    Inhalt klar und kohärent erscheint. Allein wenn man die Mühe
    einer Analyse nicht scheut, erfährt man, daß „Primäraffekt“ gleich-
    zusetzen ist einer „prima affectio“ (erste Liebe) und daß das wider-
    liche Geschwür nach den Worten Stärckes „sich als Vertreter von
    mit großem Affekt belegten Wunscherfüllungen“ erweist.

    Das andere Motiv der Gegenwunschträume liegt so nahe, daß
    man leicht in Gefahr kommt, es zu übersehen, wie mir selbst durch


    *)Ähnliche „Gegenwunschträume“ wurden mir in den letzten Jahren
    wiederholt von meinen Hörern berichtet als deren Reaktion auf ihr erstes Zu-
    sammentreffen mit der „Wunschtheorie des Traumes“.

  • S.

    122

    IV. Die Traumentstellung.

    längere Zeit geschehen ist. In der Sexualkonstitution so vieler Men-
    schen gibt es eine masochistische Komponente, die durch die Ver-
    kehrung ins Gegenteil der aggressiven, sadistischen entstanden ist.
    Man heißt solche Menschen „ideelle“ Masochisten, wenn sie die Lust
    nicht in dem ihnen zugefügten körperlichen Schmerz, sondern in der
    Demütigung und seelischen Peinigung suchen. Es leuchtet ohne
    weiteres ein, daß diese Personen Gegenwunsch- und Unlustträume
    haben können, die für sie doch nichts anderes als Wunscherfüllungen
    sind, Befriedigung ihrer masochistischen Neigungen. Ich setze einen
    solchen Traum hieher: Ein junger Mann, der in früheren Jahren
    seinen älteren Bruder, dem er homosexuell zugetan war, sehr gequält
    hat, träumt nun nach gründlicher Charakterwandlung einen aus drei
    Stücken bestehenden Traum. I. Wie ihn sein älterer Bruder
    „sekiert“. II. Wie zwei Erwachsene in homosexueller Ab-
    sicht miteinander schön tun. III. Der Bruder hat das Unter-
    nehmen verkauft, dessen Leitung er sich für seine Zukunft
    vorbehalten hat. Aus letzterem Traume erwacht er mit den pein-
    lichsten Gefühlen, und doch ist es ein masochistischer Wunschtraum,
    dessen Übersetzung lauten könnte: es geschähe mir ganz recht, wenn
    der Bruder mir jenen Verkauf antäte zur Strafe für alle Quälereien,
    die er von mir ausgestanden hat.
    Ich hoffe, die vorstehenden Erwägungen und Beispiele werden
    genügen, um es – bis auf weiteren Einspruch – glaubwürdig er-
    scheinen zu lassen, daß auch die Träume mit peinlichem Inhalt als
    Wunscherfüllungen aufzulösen sind. Es wird auch niemand eine
    Äußerung des Zufalles darin erblicken, daß man bei der Deutung
    dieser Träume jedesmal auf Themata gerät, von denen man nicht
    gern spricht oder an die man nicht gern denkt. Das peinliche Ge-
    fühl, welches solche Träume erwecken, ist wohl einfach identisch mit
    dem Widerwillen, der uns von der Behandlung oder Erwägung sol-
    cher Themata – meist mit Erfolg – abhalten möchte, und welcher
    von jedem von uns überwunden werden muß, wenn wir uns genötigt
    sehen, es doch in Angriff zu nehmen. Dieses im Traume also wieder-
    kehrende Unlustgefühl schließt aber das Bestehen eines Wunsches
    nicht aus; es gibt bei jedem Menschen Wünsche, die er anderen nicht
    mitteilen möchte, und Wünsche, die er sich selbst nicht eingestehen
    will. Anderseits finden wir uns berechtigt, den Unlustcharakter all-
    dieser Träume mit der Tatsache der Traumentstellung in Zusammen-
    hang zu bringen und zu schließen, diese Träume seien gerade darum
    so entstellt und die Wunscherfüllung in ihnen bis zur Unkenntlich-
    keit verkleidet, weil ein Widerwillen, eine Verdrängungsabsicht gegen
    das Thema des Traumes oder gegen den aus ihm geschöpften Wunsch
    besteht. Die Traumentstellung erweist sich also tatsächlich als ein
    Akt der Zensur. Allem, was die Analyse der Unlustträume zu Tage
    gefördert hat, tragen wir aber Rechnung, wenn wir unsere Formel,
    die das Wesen des Traumes ausdrücken soll, in folgender Art ver-
     

  • S.

    123

    Der Traum eine verkleidete Erfüllung eines verdrängten Wunsches.

    ändern: Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines
    (unterdrückten, verdrängten) Wunsches*).

    Nun erübrigen noch die Angstträume als besondere Unterart der
    Träume mit peinlichem Inhalt, deren Auffassung als Wunschträume
    bei dem Unaufgeklärten die geringste Bereitwilligkeit begegnen wird.
    Doch kann ich die Angstträume hier ganz kurz abtun; es ist nicht
    eine neue Seite des Traumproblems, die sich uns in ihnen zeigen
    würde, sondern es handelt sich bei ihnen um das Verständnis der
    neurotischen Angst überhaupt. Die Angst, die wir im Traume emp-
    finden, ist nur scheinbar durch den Inhalt des Traumes erklärt. Wenn
    wir den Trauminhalt der Deutung unterziehen, merken wir, daß die
    Traumangst durch den Inhalt des Traumes nicht besser gerechtfertigt
    wird als etwa die Angst einer Phobie durch die Vorstellung, an
    welcher die Phobie hängt. Es ist z. B. zwar richtig, daß man aus
    dem Fenster stürzen kann und darum Ursache hat, sich beim Fenster
    einer gewissen Vorsicht zu befleißen, aber es ist nicht zu verstehen,
    warum bei der entsprechenden Phobie die Angst so groß ist und den
    Kranken weit über ihre Anlässe hinaus verfolgt. Dieselbe Aufklärung
    erweist sich dann als gültig für die Phobie wie für den Angsttraum.
    Die Angst ist beidemal an die sie begleitende Vorstellung nur an-
    gelötet und stammt aus anderer Quelle.

    Wegen dieses intimen Zusammenhanges der Traumangst mit der
    Neurosenangst muß ich hier bei der Erörterung der ersteren auf die
    letztere verweisen. In einem kleinen Aufsatze über die „Angst-
    neurose“ (Neurolog. Zentralblatt, 1895) habe ich seinerzeit behauptet,
    daß die neurotische Angst aus dem Sexualleben stammt und einer von
    ihrer Bestimmung abgelenkten, nicht zur Verwendung gelangten
    Libido entspricht. Diese Formel hat sich seither immer mehr als
    stichhaltig erwiesen. Aus ihr läßt sich nun der Satz ableiten, daß die
    Angstträume Träume sexuellen Inhaltes sind, deren zugehörige Libido
    eine Verwandlung in Angst erfahren hat. Es wird sich späterhin die
    Gelegenheit ergeben, diese Behauptung durch die Analyse einiger
    Träume bei Neurotikern zu unterstützen. Auch werde ich bei weiteren
    Versuchen, mich einer Theorie des Traumes zu nähern nochmals auf
    die Bedingung der Angstträume und deren Verträglichkeit mit der
    Wunscherfüllungstheorie zu sprechen kommen.


    *)Ein großer unter den lebenden Dichtern, der, wie mir gesagt wurde, von
    Psychoanalyse und Traumdeutung nichts wissen will, findet doch aus Eigenem eine
    fast identische Formel für das Wesen des Traumes: „Unnötiges Auftauchen unter
    drückter Sehnsuchtswünsche unter falschem Antlitz und Namen.“ C. Spitteler,
    Meine frühesten Erlebnisse (Süddeutsche Monatshefte, Oktober 1913).
    Vorgreifend führe ich hier die von Otto Rank herrührende Erweiterung
    und Modifikation der obigen Grundformel an: „Der Traum stellt regelmäßig
    auf der Grundlage und mit Hilfe verdrängten infantil-sexuellen Materials ak-
    tuelle, in der Regel auch erotische Wünsche in verhüllter und symbolisch ein-
    gekleideter Form als erfüllt dar.“ („Ein Traum, der sich selbst deutet.“)

  • S.

    V.

    Das Traummaterlal und die Traumquellen.

    Als wir aus der Analyse des Traumes von Irmas Injektion
    ersehen hatten, daß der Traum eine Wunscherfüllung ist, nahm uns
    zunächst das Interesse gefangen, ob wir hiemit einen allgemeinen
    Charakter des Traumes aufgedeckt haben, und wir brachten vorläufig
    jede andere wissenschaftliche Neugierde zum Schweigen, die sich in
    uns während jener Deutungsarbeit geregt haben mochte. Nachdem
    wir jetzt auf dem einen Wege zum Ziele gelangt sind, dürfen wir
    zurückkehren und einen neuen Ausgangspunkt für unsere Streifungen
    durch die Probleme des Traumes wählen, sollten wir darüber auch
    das noch keineswegs voll erledigte Thema der Wunscherfüllung für
    eine Weile aus den Augen verlieren.

    Seitdem wir durch Anwendung unseres Verfahrens der Traum-
    deutung einen latenten Trauminhalt aufdecken können, der an
    Bedeutsamkeit den manifesten Trauminhalt weit hinter sich läßt,
    muß es uns drängen, die einzelnen Traumprobleme von neuem auf-
    zunehmen, um zu versuchen, ob sich für uns nicht Rätsel und Wider-
    sprüche befriedigend lösen, die, solange man nur den manifesten
    Trauminhalt kannte, unangreifbar erschienen sind.

    Die Angaben der Autoren über den Zusammenhang des Traumes
    mit dem Wachleben sowie über die Herkunft des Traummaterials
    sind im einleitenden Abschnitt ausführlich mitgeteilt worden. Wir
    erinnern uns auch jener drei Eigentümlichkeiten des Traumgedächt-
    nisses, die so vielfach bemerkt, aber nicht erklärt worden sind –
    1. Daß der Traum die Eindrücke der letzten Tage deutlich
    bevorzugt (Robert, Strümpell, Hildebrandt, auch Weed-
    Hallam);
    2. daß er eine Auswahl nach anderen Prinzipien als unser
    Wachgedächtnis trifft, indem er nicht das Wesentliche und Wichtige,
    sondern das Nebensächliche und Unbeachtete erinnert;
    3. daß er die Verfügung über unsere frühesten Kindheits-
    eindrücke besitzt und selbst Einzelheiten aus dieser Lebenszeit her-
    vorholt, die uns wiederum als trivial erscheinen und im Wachen für
    längst vergessen gehalten worden sind*).

    *)Es ist klar, daß die Auffassung Roberts, der Traum sei dazu be-
    stimmt, unser Gedächtnis von den wertlosen Eindrücken des Tages zu entlasten,

  • S.

    125

    Das Rezente und das Indifferente im Traume.

    Diese Besonderheiten in der Auswahl des Traummaterials sind
    von den Autoren natürlich am manifesten Trauminhalt beobachtet
    worden.

    a) Das Rezente und das Indifferente im Traume.

    Wenn ich jetzt in Betreff der Herkunft der im Trauminhalt
    auftretenden Elemente meine eigene Erfahrung zu Rate ziehe, so muß
    ich zunächst die Behauptung aufstellen, daß in jedem Traume eine
    Anknüpfung an die Erlebnisse des letztabgelaufenen Tages auf-
    zufinden ist. Welchen Traum immer ich vornehme, einen eigenen oder
    fremden, jedesmal bestätigt sich mir diese Erfahrung. In Kenntnis
    dieser Tatsache kann ich etwa die Traumdeutung damit beginnen,
    daß ich zuerst nach dem Erlebnisse des Tages forsche, welches den
    Traum angeregt hat; für viele Fälle ist dies sogar der nächste Weg.
    An den beiden Träumen, die ich im vorigen Abschnitt einer genauen
    Analyse unterzogen habe (von Irmas Injektion, von meinem Onkel
    mit dem gelben Barte), ist die Beziehung zum Tage so augenfällig,
    daß sie keiner weiteren Beleuchtung bedarf. Um aber zu zeigen, wie
    regelmäßig sich diese Beziehung erweisen läßt, will ich ein Stück
    meiner eigenen Traumchronik daraufhin untersuchen. Ich teile die
    Träume nur soweit mit, als es zur Aufdeckung der gesuchten Traum-
    quelle bedarf.

    1. Ich mache einen Besuch in einem Hause, wo ich nur mit
    Schwierigkeiten vorgelassen werde usw., lasse eine Frau unterdessen
    auf mich warten.
    Quelle: Gespräch mit einer Verwandten am Abend, daß eine
    Anschaffung, die sie verlangt, warten müsse, bis usw.
    2. Ich habe eine Monographie über eine gewisse (unklar)
    Pflanzenart geschrieben.
    Quelle: Am Vormittag im Schaufenster einer Buchhandlung
    eine Monographie gesehen über die Gattung Zykla-
    men.
    3. Ich sehe zwei Frauen auf der Straße, Mutter und Tochter,
    von denen die letztere meine Patientin war.
    Quelle: Eine in Behandlung stehende Patientin hat mir abends
    mitgeteilt, welche Schwierigkeiten ihre Mutter einer Fortsetzung der
    Behandlung entgegensetzt.
    4. In der Buchhandlung von S. und R. nehme ich ein Abonne-
    ment auf eine periodische Publikation, die jährlich 20 fl. kostet.
    Quelle: Meine Frau hat mich am Tage daran erinnert, daß
    ich ihr 20 fl. vom Wochengelde noch schuldig bin.
    5. Ich erhalte eine Zuschrift vom sozialdemokratischen Ko-
    mitee, in der ich als Mitglied behandelt werde.


    nicht mehr zu halten ist, wenn im Traume einigermaßen häufig gleichgültige
    Erinnerungsbilder aus unserer Kindheit auftreten. Man müßte den Schluß
    ziehen, daß der Traum die ihm zufallende Aufgabe sehr ungenügend zu er-
    füllen pflegt.

  • S.

    126

    V. Das Traummaterial und die Traumquellen.

    Quelle: Zuschriften erhalten gleichzeitig vom liberalen
    Wahlkomitee und vom Präsidium des humanitären Vereines, dessen
    Mitglied ich wirklich bin.

    6. Ein Mann auf einem steilen Felsen mitten im Meere
    in Böcklinscher Manier.

    Quelle: Dreyfus auf der Teufelsinsel, gleichzeitig Nach-
    richten von meinen Verwandten in England usw.

    Man könnte die Frage aufwerfen, ob die Traumanknüpfung un-
    fehlbar an die Ereignisse des letzten Tages erfolgt, oder ob sie sich
    auf Eindrücke eines längeren Zeitraumes der jüngsten Vergangenheit
    erstrecken kann. Dieser Gegenstand kann prinzipielle Bedeutsamkeit
    wahrscheinlich nicht beanspruchen, doch möchte ich mich für das
    ausschließliche Vorrecht des letzten Tages vor dem Traume (des
    Traumtages) entscheiden. So oft ich zu finden vermeinte, daß ein
    Eindruck vor zwei oder drei Tagen die Quelle des Traumes gewesen
    sei, konnte ich mich doch bei genauerer Nachforschung überzeugen,
    daß jener Eindruck am Vortage wieder erinnert worden war, daß
    also eine nachweisbare Reproduktion am Vortage sich zwischen dem
    Ereignistage und der Traumzeit eingeschoben hatte, und konnte außer
    dem den rezenten Anlaß nachweisen, von dem die Erinnerung an den
    älteren Eindruck ausgegangen sein konnte. Hingegen konnte ich mich
    nicht davon überzeugen, daß zwischen dem erregenden Tageseindruck
    und dessen Wiederkehr im Traume ein regelmäßiges Intervall von
    biologischer Bedeutsamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda
    18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    -
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
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    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
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    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
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    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
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    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
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    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
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    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
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    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
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    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
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    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
    merksamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf-
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    merksamkeit (als

  • S.

    127

    merksamkeit geschenkt hat, gibt an, daß er eine solche Periodizität
    der Reproduktion in seinen Träumen „trotz des Achtens darauf“ nicht
    finden konnte. Er erzählt einen Traum, in welchem er sich in Spanien
    befand und nach einem Ort: Daraus, Varaus oder Zaraus fahren

    blickende Kollege bei mir war (das erste Mal seit meiner Rückkunft), für den
    ich vor Jahren schon den Scherznamen „Rabbi Savonarola“ aufgebracht habe.
    Er stellte mir einen Unfallkranken vor, der in dem Pontebbagebiet verunglückt war,
    in dem ich selbst acht Tage vorher gereist war, und leitete so meine Gedanken
    zur letzten Italienreise zurück. Das Erscheinen des auffälligen Elementes „Savona-
    rola“ im Trauminhalt ist durch diesen Besuch des Kollegen am Traumtage
    aufgeklärt, das 28tägige Intervall wird seiner Bedeutung für dessen Herleitung
    verlustig.

    II. Traum vom 10./11. Oktober.
    Ich arbeite wieder einmal Chemie im Universitätslaboratorium. Hofrat
    L. lädt mich ein, an einen anderen Ort zu kommen und geht auf dem Korridor
    voran, eine Lampe oder sonst ein Instrument wie scharfsinnig (?) (scharf-
    sichtig?) in der erhobenen Hand vor sich hintragend, in eigentümlicher Haltung
    mit vorgestrecktem Kopf. Wir kommen dann über einen freien Platz . . .
    (Rest vergessen).

    Das Auffälligste in diesem Trauminhalt ist die Art, wie Hofrat L. die
    Lampe (oder Lupe) vor sich hinträgt, das Auge spähend in die Weite gerichtet.
    L. habe ich viele Jahre lang nicht mehr gesehen, aber ich weiß jetzt schon, er
    ist nur eine Ersatzperson für einen anderen, größeren, für den Archimedes
    nahe bei der Arethusaquelle in Syrakus, der genau so wie er im Traume dasteht
    und so den Brennspiegel handhabt, nach dem Belagerungsheer der Römer spähend.
    Wann habe ich dieses Denkmal zuerst (und zuletzt) gesehen? Nach meinen Auf-
    zeichnungen war es am 17. September abends und von diesem Datum bis zum
    Traume sind tatsächlich 13 + 10 = 23 Tage verstrichen, eine „männliche Periode“
    nach Fließ.

    Leider hebt das Eingehen auf die Deutung des Traumes auch hier ein
    Stück von der Unerläßlichkeit dieses Zusammenhanges auf. Der Traumanlaß
    war die am Traumtag erhaltene Nachricht, daß die Klinik, in deren Hörsaal ich
    als Gast meine Vorlesungen abhalte, demnächst anderswohin verlegt werden
    solle. Ich nahm an, daß die alte Lokalität sehr unbequem gelegen sei, sagte
    man, es werde dann sein, als ob ich überhaupt keinen Hörsaal zur Verfügung
    habe und von da an müßten meine Gedanken bis in den Beginn meiner Dozenten-
    zeit zurückgegangen sein, als ich wirklich keinen Hörsaal hatte und mit meinen
    Bemühungen, mir einen zu verschaffen, auf geringes Entgegenkommen bei den
    hochvermögenden Herren Hofräten und Professoren stieß. Ich ging damals zu
    L., der gerade die Würde eines Dekans bekleidete und den ich für einen Gönner
    hielt, um ihm meine Not zu klagen. Er versprach mir Abhilfe, ließ aber dann
    nichts weiter von sich hören. Im Traum ist er der Archimedes, der mir gibt,
    τοῦ στῶ und mich selbst in die andere Lokalität geleitet. Daß den Traum-
    gedanken weder Rachsucht noch Größenbewußtsein fremd sind, wird der
    Deutungskundige leicht erraten. Ich muß aber urteilen, daß ohne diesen Traum-
    anlaß der Archimedes kaum in den Traum dieser Nacht gelangt wäre; es bleibt
    mir unsicher, ob der starke und noch rezente Eindruck der Statue in Siracusa
    sich nicht auch bei einem anderen Zeitintervall geltend gemacht hätte.

    III. Traum vom 2./3. Oktober 1910.
    (Bruchstück) . . . Etwas von Prof. Oser, der selbst das Menu für mich
    gemacht hat, was sehr beruhigend wirkt (anderes vergessen).

    Der Traum ist die Reaktion auf eine Verdauungsstörung dieses Tages, die
    mich erwägen ließ, ob ich mich nicht wegen Bestimmung einer Diät an einen
    Kollegen wenden solle. Daß ich im Traum den im Sommer verstorbenen Oser
    dazu bestimme, knüpft an den sehr kurz vorher (1. Oktober) erfolgten Tod eines

  • S.

    128

    wollte. Erwacht, konnte er sich an einen solchen Ortsnamen nicht
    erinnern und legte den Traum bei Seite. Einige Monate später fand
    er tatsächlich den Namen Zaraus als den einer Station zwischen
    San Sebastian und Bilboa, welche er 250 Tage vor dem Traume
    mit dem Zuge passiert hatte (p. 227).
    Ich meine also, es gibt für jeden Traum einen Traumerreger aus
    jenen Erlebnissen, über die „man noch keine Nacht geschlafen hat“.
    Die Eindrücke der jüngsten Vergangenheit (mit Ausschluß des
    Tages vor der Traumnacht) zeigen also keine andersartige Beziehung
    zum Trauminhalt als andere Eindrücke aus beliebig ferner liegenden
    Zeiten. Der Traum kann sein Material aus jeder Zeit des Lebens
    wählen, wofern nur von den Erlebnissen des Traumtages (den „re-
    zenten“ Eindrücken) zu diesen früheren ein Gedankenfaden reicht.
    Woher aber die Bevorzugung der rezenten Eindrücke? Wir
    werden zu Vermutungen über diesen Punkt gelangen, wenn wir einen
    der erwähnten Träume einer genaueren Analyse unterziehen. Ich
    wähle den Traum von der Monographie.
    Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über eine
    gewisse Pflanze geschrieben. Das Buch liegt vor mir, ich
    blättere eben eine eingeschlagene farbige Tafel um. Jedem
    Exemplar ist ein getrocknetes Spezimen der Pflanze beige-
    bunden, ähnlich wie aus einem Herbarium.
    Analyse: Ich habe am Vormittag im Schaufenster einer Buch-
    handlung ein neues Buch gesehen, welches sich betitelt: Die Gattung
    Zyklamen, offenbar eine Monographie über diese Pflanze.
    Zyklamen ist die Lieblingsblume meiner Frau. Ich mache
    mir Vorwürfe, daß ich so selten daran denke, ihr Blumen mitzu-
    bringen, wie sie sich’s wünscht. – Bei dem Thema: Blumen mit-
    bringen erinnere ich mich einer Geschichte, welche ich unlängst
    im Freundeskreise erzählt und als Beweis für meine Behauptung
    verwendet habe, daß Vergessen sehr häufig die Ausführung einer
    Absicht des Unbewußten sei und immerhin einen Schluß auf die
    geheime Gesinnung des Vergessenden gestatte. Eine junge Frau,
    welche daran gewöhnt war, zu ihrem Geburtstage einen Strauß von
    ihrem Manne vorzufinden, vermißt dieses Zeichen der Zärtlichkeit

    anderen von mir hochgeschätzten Universitätslehrers an. Wann ist aber Oser
    gestorben und wann habe ich seinen Tod erfahren? Nach dem Ausweis des
    Zeitungsblattes am 22. August; da ich damals in Holland weilte, wohin ich die
    Wiener Zeitung regelmäßig nachsenden ließ, muß ich die Todesnachricht am 24.
    oder 25. August gelesen haben. Dieses Intervall entspricht aber keiner Periode
    mehr, es umfaßt 7 + 30 + 2 = 39 Tage oder vielleicht 40 Tage. Ich kann mich
    nicht besinnen, in der Zwischenzeit von Oser gesprochen oder an ihn gedacht
    zu haben.
    Solche für die Periodenlehre nicht mehr ohne weitere Bearbeitung brauch-
    bare Intervalle ergeben sich nun aus meinen Träumen ungleich häufiger als die
    regulären. Konstant finde ich nur die im Text behauptete Beziehung zu einem
    Eindrucke des Traumtages selbst.

  • S.

    129

    Der Traum von der botanischen Monographie.

    an einem solchen Festtag und bricht darüber in Tränen aus. Der
    Mann kommt hinzu, weiß sich ihr Weinen nicht zu erklären, bis sie
    ihm sagt: Heute ist mein Geburtstag. Da schlägt er sich vor die
    Stirn, ruft aus: Entschuldige, hab' ich doch ganz daran vergessen,
    und will fort, ihr Blumen zu holen. Sie läßt sich aber nicht trösten,
    denn sie sieht in der Vergeßlichkeit ihres Mannes einen Beweis dafür,
    daß sie in seinen Gedanken nicht mehr dieselbe Rolle spielt wie
    einstens. – Diese Frau L. ist meiner Frau vor zwei Tagen begegnet,
    hat ihr mitgeteilt, daß sie sich wohl fühlt, und sich nach mir er-
    kundigt. Sie stand in früheren Jahren in meiner Behandlung.

    Ein neuer Ansatz: Ich habe wirklich einmal etwas Ähnliches
    geschrieben wie eine Monographie über eine Pflanze, nämlich einen
    Aufsatz über die Kokapflanze, welcher die Aufmerksamkeit von
    K. Koller auf die anästhesierende Eigenschaft des Kokains gelenkt
    hat. Ich hatte diese Verwendung des Alkaloids in meiner Publikation
    selbst angedeutet, war aber nicht gründlich genug, die Sache weiter
    zu verfolgen. Dazu fällt mir ein, daß ich am Vormittag des Tages
    nach dem Traume (zu dessen Deutung ich erst abends Zeit fand) des
    Kokains in einer Art von Tagesphantasie gedacht habe. Wenn ich
    je Glaukom bekommen sollte, würde ich nach Berlin reisen und
    mich dort bei meinem Berliner Freunde von einem Arzte, den er
    mir empfiehlt, inkognito operieren lassen. Der Operateur, der nicht
    wüßte, an wem er arbeitet, würde wieder einmal rühmen, wie leicht
    sich diese Operationen seit der Einführung des Kokains gestaltet
    haben; ich würde durch keine Miene verraten, daß ich an dieser
    Entdeckung selbst einen Anteil habe. An diese Phantasie schlossen
    sich Gedanken an, wie unbequem es doch für den Arzt sei, ärztliche
    Leistungen von Seite der Kollegen für seine Person in Anspruch zu
    nehmen. Den Berliner Augenarzt, der mich nicht kennt, würde ich
    wie ein anderer entlohnen können. Nachdem dieser Tagtraum mir
    in den Sinn gekommen, merke ich erst, daß sich die Erinnerung
    an ein bestimmtes Erlebnis hinter ihm verbirgt. Kurz nach der
    Entdeckung Kollers war nämlich mein Vater an Glaukom erkrankt;
    er wurde von meinem Freunde, dem Augenarzte Dr. Königstein,
    operiert. Dr. Koller besorgte die Kokainanästhesie und machte dann
    die Bemerkung, daß bei diesem Falle sich alle die drei Personen
    vereinigt fänden, die an der Einführung des Kokains Anteil gehabt
    haben.

    Meine Gedanken gehen nun weiter, wann ich zuletzt an diese
    Geschichte des Kokains erinnert worden bin. Es war dies vor einigen
    Tagen, als ich die Festschrift in die Hand bekam, mit deren Er-
    scheinen dankbare Schüler das Jubiläum ihres Lehrers und Labo-
    ratoriumsvorstandes gefeiert hatten. Unter den Ruhmestiteln des La-
    boratoriums fand ich auch angeführt, daß dort die Entdeckung der
    anästhesierenden Eigenschaft des Kokains durch K. Koller vorge-
    fallen sei. Ich bemerke nun plötzlich, daß mein Traum mit einem

    Freud, Traumdeutung. 4. Aufl.9

  • S.

    130

    Erlebnis des Abends vorher zusammenhängt. Ich hatte gerade Dok-
    tor Königstein nach Hause begleitet, mit dem ich in ein Gespräch
    über eine Angelegenheit geraten war, die mich jedesmal, wenn sie
    berührt wird, lebhaft erregt. Als ich mich in dem Hausflure mit
    ihm aufhielt, kam Professor Gärtner mit seiner jungen Frau hinzu.
    Ich konnte mich nicht enthalten, die beiden darüber zu beglück-
    wünschen, wie blühend sie aussehen. Nun ist Professor Gärtner
    einer der Verfasser der Festschrift, von der ich eben sprach, und
    konnte mich wohl an diese erinnern. Auch die Frau L., deren
    Geburtstagsenttäuschung ich unlängst erzählte, war im Gespräche
    mit Dr. Königstein, in anderem Zusammenhange allerdings, er-
    wähnt worden.

    Ich will versuchen, auch die anderen Bestimmungen des Traum-
    inhaltes zu deuten. Ein getrocknetes Spezimen der Pflanze liegt
    der Monographie bei, als ob es ein Herbarium wäre. Ans Her-
    barium knüpft sich eine Gymnasialerinnerung. Unser Gymnasial-
    direktor rief einmal die Schüler der höheren Klassen zusammen, um
    ihnen das Herbarium der Anstalt zur Durchsicht und zur Reinigung
    zu übergeben. Es hatten sich kleine Würmer eingefunden –
    Bücherwurm. Zu meiner Hilfeleistung scheint er nicht Zutrauen
    gezeigt zu haben, denn er überließ mir nur wenige Blätter. Ich weiß
    noch heute, daß Kruziferen darauf waren. Ich hatte niemals ein be-
    sonders intimes Verhältnis zur Botanik. Bei meiner botanischen Vor-
    prüfung bekam ich wiederum eine Kruzifere zur Bestimmung und-
    erkannte sie nicht. Es wäre mir schlecht ergangen, wenn nicht meine
    theoretischen Kenntnisse mir herausgeholfen hätten. – Von den
    Kruziferen gerate ich auf die Kompositen. Eigentlich ist auch die
    Artischocke eine Komposite, und zwar die, welche ich meine Lieb-
    lingsblume heißen könnte. Edler als ich, pflegt meine Frau mir
    diese Lieblingsblume häufig vom Markte heimzubringen.

    Ich sehe die Monographie vor mir liegen, die ich geschrieben
    habe. Auch dies ist nicht ohne Bezug. Mein visueller Freund schrieb
    mir gestern aus Berlin: „Mit deinem Traumbuche beschäftige ich
    mich sehr viel. Ich sehe es fertig vor mir liegen und blättere
    darin.“ Wie habe ich ihn um diese Sehergabe beneidet! Wenn ich
    es doch auch schon fertig vor mir liegen sehen könnte!

    Die zusammengelegte farbige Tafel: Als ich Student der
    Medizin war, litt ich viel unter dem Impuls, nur aus Monographien
    lernen zu wollen. Ich hielt mir damals, trotz meiner beschränkten
    Mittel, mehrere medizinische Archive, deren farbige Tafeln mein
    Entzücken waren. Ich war stolz auf diese Neigung zur Gründlichkeit.
    Als ich dann selbst zu publizieren begann, mußte ich auch die Tafeln
    für meine Abhandlungen zeichnen und ich weiß, daß eine derselben
    so kümmerlich ausfiel, daß mich ein wohlwollender Kollege ihret-
    wegen verhöhnte. Dazu kommt noch, ich weiß nicht recht wie, eine
    sehr frühe Jugenderinnerung. Mein Vater machte sich einmal den

  • S.

    131

    Scherz, mir und meiner ältesten Schwester ein Buch mit farbigen
    Tafeln (Beschreibung einer Reise in Persien) zur Vernichtung zu
    überlassen. Es war erzählich kaum zu rechtfertigen. Ich war damals
    fünf Jahre, die Schwester unter drei Jahren alt, und das Bild, wie
    wir Kinder überselig dieses Buch zerpflückten (wie eine Arti-
    schocke, Blatt für Blatt, muß ich sagen), ist nahezu das einzige,
    was mir aus dieser Lebenszeit in plastischer Erinnerung geblieben ist.
    Als ich dann Student wurde, entwickelte sich bei mir eine aus-
    gesprochene Vorliebe, Bücher zu sammeln und zu besitzen (analog
    der Neigung, aus Monographien zu studieren, eine Liebhaberei, wie
    sie in den Traumgedanken betreffs Zyklamen und Artischocke be-
    reits vorkommt). Ich wurde ein Bücherwurm (vgl. Herbarium).
    Ich habe diese erste Leidenschaft meines Lebens, seitdem ich über
    mich nachdenke, immer auf diesen Kindereindruck zurückgeführt
    oder vielmehr, ich habe erkannt, daß diese Kinderszene eine „Deck-
    erinnerung“ für meine spätere Bibliophilie ist*). Natürlich habe ich
    auch frühzeitig erfahren, daß man durch Leidenschaften leicht in
    Leiden gerät. Als ich 17 Jahre alt war, hatte ich ein ansehnliches
    Konto beim Buchhändler und keine Mittel, es zu begleichen, und mein
    Vater ließ es kaum als Entschuldigung gelten, daß sich meine Nei-
    gungen auf nichts Böseres geworfen hatten. Die Erwähnung dieses
    späteren Jugenderlebnisses bringt mich aber sofort zu dem Gespräche
    mit meinem Freunde Dr. Königstein zurück. Denn um dieselben
    Vorwürfe wie damals, daß ich meinen Liebhabereien zuviel nach-
    gebe, handelte es sich auch im Gespräche am Abend des Traumtages.
    Aus Gründen, die nicht hieher gehören, will ich die Deutung
    dieses Traumes nicht verfolgen, sondern bloß den Weg angeben,
    welcher zu ihr führt. Während der Deutungsarbeit bin ich an das
    Gespräch mit Dr. Königstein erinnert worden, und zwar von mehr
    als einer Stelle aus. Wenn ich mir vorhalte, welche Dinge in diesem
    Gespräche berührt worden sind, so wird der Sinn des Traumes mir
    verständlich. Alle angefangenen Gedankengänge, von den Lieb-
    habereien meiner Frau und meinen eigenen, vom Kokain, von den
    Schwierigkeiten ärztlicher Behandlung unter Kollegen, von meiner
    Vorliebe für monographische Studien und meiner Vernachlässigung
    gewisser Fächer wie der Botanik, dies alles erhält dann seine Fort-
    setzung und mündet in irgend einen der Fäden der vielverzweigten
    Unterredung ein. Der Traum bekommt wieder den Charakter einer
    Rechtfertigung, eines Plaidoyers für mein Recht, wie der erst ana-
    lysierte Traum von Irmas Injektion; ja er setzt das dort begonnene
    Thema fort und erörtert es an einem neuen Material, welches im
    Intervall zwischen beiden Träumen hinzugekommen ist. Selbst die
    scheinbar indifferente Ausdrucksform des Traumes bekommt einen


    *)Vergleiche meinen Aufsatz „Über Deckerinnerungen“ in der Monat-
    schrift für Psychiatrie und Neurologie, 1899.

  • S.

    132

    Akzent. Es heißt jetzt: Ich bin doch der Mann, der die wertvolle
    und erfolgreiche Abhandlung (über das Kokain) geschrieben hat,
    ähnlich wie ich damals zu meiner Rechtfertigung vorbrachte: Ich
    bin doch ein tüchtiger und fleißiger Student; in beiden Fällen also:
    Ich darf mir das erlauben. Ich kann aber auf die Ausführung der
    Traumdeutung hier verzichten, weil mich zur Mitteilung des Traumes
    nur die Absicht bewogen hat, an einem Beispiele die Beziehung des
    Trauminhaltes zu dem erregenden Erlebnis des Vortages zu unter-
    suchen. So lange ich von diesem Traume nur den manifesten Inhalt
    kenne, wird mir nur eine Beziehung des Traumes zu einem Tages-
    eindruck augenfällig; nachdem ich die Analyse gemacht habe, ergibt
    sich eine zweite Quelle des Traumes in einem anderen Erlebnis des
    selben Tages. Der erste der Eindrücke, auf welche sich der Traum
    bezieht, ist ein gleichgültiger, ein Nebenumstand. Ich sehe im Schau-
    fenster ein Buch, dessen Titel mich flüchtig berührt, dessen Inhalt
    mich kaum interessieren dürfte. Das zweite Erlebnis hatte einen
    hohen psychischen Wert; ich habe mit meinem Freunde, dem Augen-
    arzt, wohl eine Stunde lang eifrig gesprochen, ihm Andeutungen ge-
    macht, die uns beiden nahegehen mußten, und Erinnerungen in mir
    wachgerufen, bei denen die mannigfaltigsten Erregungen meines In-
    nern mir bemerklich wurden. Überdies wurde dieses Gespräch un-
    vollendet abgebrochen, weil Bekannte hinzukamen. Wie stehen nun
    die beiden Eindrücke des Tages zueinander und zu dem in der Nacht
    erfolgenden Traum?

    Im Trauminhalt finde ich nur eine Anspielung auf den gleich-
    gültigen Eindruck und kann so bestätigen, daß der Traum mit Vor-
    liebe Nebensächliches aus dem Leben in seinen Inhalt aufnimmt. In
    der Traumdeutung hingegen führt alles auf das wichtige, mit Recht
    erregende Erlebnis hin. Wenn ich den Sinn des Traumes, wie es
    einzig richtig ist, nach dem latenten, durch die Analyse zu Tage ge-
    förderten Inhalt beurteile, so bin ich unversehens zu einer neuen und
    wichtigen Erkenntnis gelangt. Ich sehe das Rätsel zerfallen, daß der
    Traum sich nur mit den wertlosen Brocken des Tageslebens be-
    schäftigt; ich muß auch der Behauptung widersprechen, daß das
    Seelenleben des Wachens sich in den Traum nicht fortsetzt, und der
    Traum dafür psychische Tätigkeit an läppisches Material verschwendet.
    Das Gegenteil ist wahr; was uns bei Tage in Anspruch genommen
    hat, beherrscht auch die Traumgedanken, und wir geben uns die
    Mühe zu träumen nur bei solchen Materien, welche uns bei Tage
    Anlaß zum Denken geboten hätten.

    Die naheliegendste Erklärung dafür, daß ich doch vom gleich-
    gültigen Tageseindruck träume, während der mit Recht aufregende
    mich zum Traume veranlaßt hat, ist wohl die, daß hier wieder ein
    Phänomen der Traumstellung vorliegt, welche wir oben auf eine
    als Zensur waltende psychische Macht zurückgeführt haben. Die
    Erinnerung an die Monographie über die Gattung Zyklamen erfährt

  • S.

    133

    Eine Verwendung, als ob sie eine Anspielung auf das Gespräch
    mit dem Freunde wäre, ganz ähnlich wie im Traume von dem ver-
    hinderten Souper die Erwähnung der Freundin durch die Anspielung
    „geräucherter Lachs“ vertreten wird. Es fragt sich nur, durch welche
    Mittelglieder kann der Eindruck der Monographie zu dem Gespräche
    mit dem Augenarzt in das Verhältnis der Anspielung treten, da eine
    solche Beziehung zunächst nicht ersichtlich ist. In dem Beispiele
    vom verhinderten Souper ist die Beziehung von vornherein gegeben;
    „geräucherter Lachs“ als die Lieblingsspeise der Freundin gehört ohne
    weiteres zu dem Vorstellungskreise, den die Person der Freundin bei
    der Träumenden anzuregen vermag. In unserem neuen Beispiel han-
    delt es sich um zwei gesonderte Eindrücke, die zunächst nichts ge-
    meinsam haben, als daß sie am nämlichen Tage erfolgen. Die Mono-
    graphie fällt mir am Vormittage auf, das Gespräch führe ich dann am
    Abend. Die Antwort, welche die Analyse an die Hand gibt, lautet:
    Solche erst nicht vorhandene Beziehungen zwischen den beiden Ein-
    drücken werden nachträglich vom Vorstellungsinhalt des einen zum
    Vorstellungsinhalt des anderen angesponnen. Ich habe die betreffen-
    den Mittelglieder bereits bei der Niederschrift der Analyse hervor-
    gehoben. An die Vorstellung der Monographie über Zyklamen würde
    ich ohne Beeinflussung von anderswoher wohl nur die Idee knüpfen,
    daß diese die Lieblingsblume meiner Frau ist, etwa noch die Er-
    innerung an den vermißten Blumenstrauß der Frau L. Ich glaube
    nicht, daß diese Hintergedanken genügt hätten, einen Traum hervor-
    zurufen.

    „There needs no ghost, my lord, come from the grave
    To tell us this“

    heißt es im Hamlet. Aber siehe da, in der Analyse werde ich
    daran erinnert, daß der Mann, der unser Gespräch störte, Gärtner
    hieß, daß ich seine Frau blühend fand; ja ich besinne mich eben
    jetzt nachträglich, daß eine meiner Patientinnen, die den schönen
    Namen Flora trägt, eine Weile im Mittelpunkte unseres Gespräches
    stand. Es muß so zugegangen sein, daß ich über diese Mittelglieder
    aus dem botanischen Vorstellungskreis die Verknüpfung der beiden
    Tageserlebnisse, des gleichgültigen und des aufregenden, vollzog. Dann
    stellten sich weitere Beziehungen ein, die des Kokains, welche mit
    Fug und Recht zwischen der Person des Dr. Königstein und einer
    botanischen Monographie, die ich geschrieben habe, vermitteln kann,
    und befestigten diese Verschmelzung der beiden Vorstellungskreise
    zu einem, so daß nun ein Stück aus dem ersten Erlebnis als An-
    spielung auf das zweite verwendet werden konnte.

    Ich bin darauf gefaßt, daß man diese Aufklärung als eine will-
    kürliche oder als eine gekünstelte anfechten wird. Was wäre ge-
    schehen, wenn Professor Gärtner mit seiner blühenden Frau nicht
    hinzugetreten wäre, wenn die besprochene Patientin nicht Flora,
    sondern Anna hieße? Und doch ist die Antwort leicht. Wenn sich

  • S.

    134

    V. Das Traummaterial und die Traumquellen.

    nicht diese Gedankenbeziehungen ergeben hätten, so wären wahr-
    scheinlich andere ausgewählt worden. Es ist so leicht, derartige Be-
    ziehungen herzustellen, wie ja die Scherz- und Rätselfragen, mit
    denen wir uns den Tag erheitern, zu beweisen vermögen. Der Macht-
    bereich des Witzes ist ein uneingeschränkter. Um einen Schritt weiter
    zu gehen: wenn sich zwischen den beiden Eindrücken des Tages keine
    genug ausgiebigen Mittelbeziehungen hätten herstellen lassen, so wäre
    der Traum eben anders ausgefallen; ein anderer gleichgültiger Ein-
    druck des Tages, wie sie in Scharen an uns herantreten und von uns
    vergessen werden, hätte für den Traum die Stelle der „Monographie“
    übernommen, wäre in Verbindung mit den Inhalt des Gespräches ge-
    langt und hätte dieses im Trauminhalt vertreten. Da kein anderer als
    der von der Monographie dieses Schicksal hatte, so wird er wohl der
    für die Verknüpfung passendste gewesen sein. Man braucht sich nie
    wie Hänschen Schlau bei Lessing darüber zu wundern, „daß nur
    die Reichen in der Welt das meiste Geld besitzen“.
    Der psychologische Vorgang, durch welchen nach unserer Dar-
    stellung das gleichgültige Erlebnis zur Stellvertretung für das psy-
    chisch Wertvolle gelangt, muß uns noch bedenklich und befremdend
    erscheinen. In einem späteren Abschnitt werden wir uns vor der
    Aufgabe sehen, die Eigentümlichkeiten dieser scheinbar inkorrekten
    Operation unserem Verständnis näherzubringen. Hier haben wir es
    nur mit dem Erfolge des Vorganges zu tun, zu dessen Annahme wir
    durch ungezählte und regelmäßig wiederkehrende Erfahrungen bei
    der Traumanalyse gedrängt werden. Der Vorgang ist aber so, als ob
    eine Verschiebung – sagen wir: des psychischen Akzentes –
    auf dem Wege jener Mittelglieder zu stande käme, bis anfangs
    schwach mit Intensität geladene Vorstellungen durch Übernahme der
    Ladung von den anfänglich intensiver besetzten zu einer Stärke ge-
    langen, welche sie befähigt, den Zugang zum Bewußtsein zu er-
    zwingen. Solche Verschiebungen wundern uns keineswegs, wo es
    sich um die Anbringung von Affektgrößen oder überhaupt um moto-
    rische Aktionen handelt. Daß die einsam gebliebene Jungfrau ihre
    Zärtlichkeit auf Tiere überträgt, der Junggeselle leidenschaftlicher
    Sammler wird, daß der Soldat einen Streifen farbigen Zeuges, die
    Fahne, mit seinem Herzblute verteidigt, daß im Liebesverhältnis
    ein um Sekunden verlängerter Händedruck Seligkeit erzeugt, oder
    im Othello ein verlorenes Schnupftuch einen Wutausbruch, das
    sind sämtlich Beispiele von psychischen Verschiebungen, die uns
    unanfechtbar erscheinen. Daß aber auf demselben Wege und nach
    denselben Grundsätzen eine Entscheidung darüber gefällt wird,
    was in unser Bewußtsein gelangt und was ihm vorenthalten bleibt,
    also was wir denken, das macht uns den Eindruck des Krankhaften,
    und wir heißen es Denkfehler, wo es im Wachleben vorkommt. Ver-
    raten wir hier als das Ergebnis später anzustellender Betrachtungen,
    daß der psychische Vorgang, den wir in der Traumverschiebung er-

  • S.

    135

    kannt haben, sich zwar nicht als ein krankhaft gestörter, wohl aber
    als ein vom normalen verschiedener, als ein Vorgang von mehr pri-
    märer Natur herausstellt.
    Wir deuten somit die Tatsache, daß der Trauminhalt Reste von
    nebensächlichen Erlebnissen aufnimmt, als eine Äußerung der Traum-
    entstellung (durch Verschiebung) und erinnern daran, daß wir in
    der Traumentstellung eine Folge der zwischen zwei psychischen In-
    stanzen bestehenden Durchgangszensur erkannt haben. Wir erwarten
    dabei, daß die Traumanalyse uns regelmäßig die wirkliche, psychisch
    bedeutsame Traumquelle aus dem Tagesleben aufdecken wird, deren
    Erinnerung ihren Akzent auf die gleichgültige Erinnerung verschoben
    hat. Durch diese Auffassung haben wir uns in vollen Gegensatz zu
    der Theorie von Robert gebracht, die für uns unverwendbar ge-
    worden ist. Die Tatsache, welche Robert erklären wollte, besteht
    eben nicht; ihre Annahme beruht auf einem Mißverständnis, auf der
    Unterlassung, für den scheinbaren Trauminhalt den wirklichen Sinn
    des Traumes einzusetzen. Man kann noch weiterhin gegen die Lehre
    von Robert einwenden: Wenn der Traum wirklich die Aufgabe hätte,
    unser Gedächtnis durch „besondere psychische Arbeit“ von den
    „Schlacken“ der Tageserinnerung zu befreien, so müßte unser Schla-
    fen gequälter sein und auf angstrengtere Arbeit verwendet werden,
    als wir es von unserem wachen Geistesleben behaupten können. Denn
    die Anzahl der indifferenten Eindrücke des Tages, vor denen wir
    unser Gedächtnis zu schützen hätten, ist offenbar unermeßlich groß;
    die Nacht würde nicht hinreichen, die Summe zu bewältigen. Es ist
    sehr viel wahrscheinlicher, daß das Vergessen der gleichgültigen
    Eindrücke ohne aktives Eingreifen unserer seelischen Mächte vor
    sich geht.
    Dennoch verspüren wir eine Warnung, von dem Robertschen
    Gedanken ohne weitere Berücksichtigung Abschied zu nehmen. Wir
    haben die Tatsache unerklärt gelassen, daß einer der indifferenten
    Eindrücke des Tages – und zwar des letzten Tages – regelmäßig
    einen Beitrag zum Trauminhalt liefert. Die Beziehungen zwi-
    schen diesem Eindruck und der eigentlichen Traumquelle im Unbe-
    wußten bestehen nicht immer von vornherein; wie wir gesehen haben,
    werden sie erst nachträglich, gleichsam zum Dienste der beabsich-
    tigten Verschiebung, während der Traumarbeit hergestellt. Es muß
    also eine Nötigung vorhanden sein, Verbindungen gerade nach der
    Richtung des rezenten, obwohl gleichgültigen Eindruckes anzubahnen;
    dieser muß eine besondere Eignung durch irgend eine Qualität
    dazu bieten. Sonst wäre es ja ebenso leicht durchführbar, daß die
    Traumgedanken ihren Akzent auf einen unwesentlichen Bestandteil
    ihres eigenen Vorstellungskreises verschieben.
    Folgende Erfahrungen können uns hier auf den Weg zur Auf-
    klärung leiten. Wenn uns ein Tag zwei oder mehr Erlebnisse ge-
    bracht hat, welche Träume anzuregen würdig sind, so vereinigt der

  • S.

    136

    V. Das Traummaterial und die Traumquellen.

    Traum die Erwähnung beider zu einem einzigen Ganzen; er gehorcht
    einem Zwang, eine Einheit aus ihnen zu gestalten; z. B.: Ich
    stieg eines Nachmittags im Sommer in ein Eisenbahncoupé ein, in
    welchem ich zwei Bekannte traf, die einander aber fremd waren. Der
    eine war ein einflußreicher Kollege, der andere ein Angehöriger einer
    vornehmen Familie, in welcher ich ärztlich beschäftigt war. Ich
    machte die beiden Herren miteinander bekannt; ihr Verkehr ging
    aber während der langen Fahrt über mich, so daß ich bald mit dem
    einen, bald mit dem anderen einen Gesprächstoff zu behandeln hatte.
    Den Kollegen bat ich, einem gemeinsamen Bekannten, der eben seine
    ärztliche Praxis begonnen hatte, seine Empfehlung zuzuwenden. Der
    Kollege erwiderte, er sei von der Tüchtigkeit des jungen Mannes über
    zeugt, aber sein unscheinbares Wesen werde ihm den Eingang in vor-
    nehme Häuser nicht leicht werden lassen. Ich erwiderte: Gerade
    darum bedarf er der Empfehlung. Bei dem anderen Mitreisenden er-
    kundigte ich mich bald darauf nach dem Befinden seiner Tante – der
    Mutter einer meiner Patientinnen –, welche damals schwer krank
    danieder lag. In der Nacht nach dieser Reise träumte ich, mein
    junger Freund, für den ich die Protektion erbeten hatte, befinde sich
    in einem eleganten Salon und halte vor einer ausgewählten Gesell-
    schaft, in die ich alle mir bekannten vornehmen und reichen Leute
    versetzt hatte, mit weltmännischen Gesten eine Trauerrede auf die
    (für den Traum bereits verstorbene) alte Dame, welche die Tante
    des zweiten Reisegenossen war. (Ich gestehe offen, daß ich mit dieser
    Dame nicht in guten Beziehungen gestanden hatte.) Mein Traum hatte
    also wiederum Verknüpfungen zwischen beiden Eindrücken des Tages
    aufgefunden und mittels derselben eine einheitliche Situation kom-
    poniert.

    Auf Grund vieler ähnlicher Erfahrungen muß ich den Satz auf-
    stellen, daß für die Traumarbeit eine Art von Nötigung besteht, alle
    vorhandenen Traumreizquellen zu einer Einheit im Traume zusammen-
    zusetzen*). Wir werden diesen Zwang zur Zusammensetzung in
    einem späteren Abschnitt (über die Traumarbeit) als ein Stück der
    Verdichtung, eines anderen psychischen Primärvorganges, kennen
    lernen.

    Ich will jetzt die Frage in Erörterung ziehen, ob die traum-
    erregende Quelle, auf welche die Analyse hinführt, jedesmal ein re-
    zentes (und bedeutsames) Ereignis sein muß, oder ob ein inneres Er-
    lebnis, also die Erinnerung an ein psychisch wertvolles Ereignis, ein
    Gedankengang die Rolle des Traumerregers übernehmen kann. Die
    Antwort, die sich aus zahlreichen Analysen auf das bestimmteste er-


    *) Die Neigung der Traumarbeit, gleichzeitig als interessant Vorhandenes
    in einer Behandlung zu verschmelzen, ist bereits von mehreren Autoren bemerkt
    worden, z. B. von Delage (p. 41), Delboeuf: rapprochement forcé (p. 236);
    andere hübsche Beispiele bei H. Ellis (p. 35 u. ff.) u. a.

  • S.

    137

    „Rapprochement forcé“ der Traumreize.

    gibt, lautet im letzteren Sinne. Der Traumerreger kann ein innerer
    Vorgang sein, der gleichsam durch die Denkarbeit am Tage rezent
    geworden ist. Es wird jetzt wohl der richtige Moment sein, die
    verschiedenen Bedingungen, welche die Traumquellen erkennen lassen,
    in einem Schema zusammenzustellen.

    Die Traumquelle kann sein:
    a) Ein rezentes und psychisch bedeutsames Erlebnis, welches im
    Traume direkt vertreten ist*).
    b) Mehrere rezente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den Traum
    zu einer Einheit vereinigt werden**).
    c) Ein oder mehrere rezente und bedeutsame Erlebnisse, die im
    Trauminhalt durch die Erwähnung eines gleichzeitigen, aber indiffe-
    renten Erlebnisses vertreten werden***).
    d) Ein inneres bedeutsames Erlebnis (Erinnerung, Gedanken-
    gang), welches dann im Traume regelmäßig durch die Erwähnung
    eines rezenten, aber indifferenten Eindruckes vertreten wird†).

    Wie man sieht, wird für die Traumdeutung durchwegs die Be-
    dingung festgehalten, daß ein Bestandteil des Trauminhaltes einen
    rezenten Eindruck des Vortages wiederholt. Dieser zur Vertretung
    im Traume bestimmte Anteil kann entweder dem Vorstellungskreis
    des eigentlichen Traumerregers selbst angehören, und zwar entweder
    als wesentlicher oder als unwichtiger Bestandteil desselben – oder
    er rührt aus dem Bereiche eines indifferenten Eindruckes her, der
    durch mehr oder minder reichliche Verknüpfung mit dem Kreise des
    Traumerregers in Beziehung gebracht worden ist. Die scheinbare
    Mehrheit der Bedingungen kommt hier nur durch die Alternative
    zu stande, daß eine Verschiebung unterblieben oder vorge-
    fallen ist, und wir merken hier, daß diese Alternative uns dieselbe
    Leichtigkeit bietet, die Kontraste des Traumes zu erklären, wie der
    medizinischen Theorie des Traumes die Reihe vom partiellen bis zum
    vollen Wachen der Gehirnzellen (vgl. p. 57 f.).

    Man bemerkt an dieser Reihe ferner, daß das psychisch wert-
    volle, aber nicht rezente Element (der Gedankengang, die Erinnerung)
    für die Zwecke der Traumbildung durch ein rezentes, aber psychisch
    indifferentes Element ersetzt werden kann, wenn dabei nur die beiden
    Bedingungen eingehalten werden, daß 1. der Trauminhalt eine An-
    knüpfung an das rezent Erlebte erhält; 2. der Traumerreger ein
    psychisch wertvoller Vorgang bleibt. In einem einzigen Falle (a)
    werden beide Bedingungen durch denselben Eindruck erfüllt. Zieht
    man noch in Erwägung, daß dieselben indifferenten Eindrücke, welche
    für den Traum verwertet werden, solange sie rezent sind, diese

    *)Traum von Irmas Injektion; Traum vom Freunde, der mein Onkel ist.
    **)Traum von der Trauerrede des jungen Arztes.
    ***)Traum von der botanischen Monographie.
    †)Solcher Art sind die meisten Träume meiner Patienten während der
    Analyse.

  • S.

    138

    Eignung einbüßen, sobald sie einen Tag (oder höchstens mehrere)
    älter geworden sind, so muß man sich zur Annahme entschließen, daß
    die Frische eines Eindruckes ihm an sich einen gewissen psychischen
    Wert für die Traumbildung verleiht, welcher der Wertigkeit affekt-
    betonter Erinnerungen oder Gedankengänge irgendwie gleichkommt.
    Wir werden erst bei späteren psychologischen Überlegungen erraten
    können, worin dieser Wert rezenter Eindrücke für die Traumbildung
    begründet sein kann*).

    Nebenbei wird hier unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß
    zur Nachtzeit und von unserem Bewußtsein unbemerkt wichtige Ver-
    änderungen mit unserem Erinnerungs- und Vorstellungsmaterial vor
    sich gehen können. Die Forderung, eine Nacht über eine Angelegen-
    heit zu schlafen, ehe man sich endgültig über sie entscheidet, ist offen-
    bar vollberechtigt. Wir merken aber, daß wir an diesem Punkte aus
    der Psychologie des Träumens in die des Schlafes übergegriffen haben,
    ein Schritt, zu welchem sich der Anlaß noch öfter ergeben wird.

    Es gibt nun einen Einwand, welcher die letzten Schlußfolgerun-
    gen umzustoßen droht. Wenn indifferente Eindrücke nur solange sie
    rezent sind in den Trauminhalt gelangen können, wie kommt es, daß
    wir im Trauminhalt auch Elemente aus früheren Lebensperioden
    vorfinden, die zur Zeit, da sie rezent waren – nach Strümpells
    Worten keinen psychischen Wert besaßen, also längst vergessen
    sein sollten, Elemente also, die weder frisch noch psychisch bedeut-
    sam sind?

    Dieser Einwand ist voll zu erledigen, wenn man sich auf die
    Ergebnisse der Psychoanalyse bei Neurotikern stützt. Die Lösung
    lautet nämlich, daß die Verschiebung, welche das psychisch wichtige
    Material durch indifferentes ersetzt (für das Träumen wie für das
    Denken), hier bereits in jenen frühen Lebensperioden stattgefunden
    hat und seither im Gedächtnis fixiert worden ist. Jene ursprünglich
    indifferenten Elemente sind eben nicht mehr indifferent, seitdem sie
    durch Verschiebung die Wertigkeit vom psychisch bedeutsamen Ma-
    terial übernommen haben. Was wirklich indifferent geblieben ist,
    kann auch nicht mehr im Traume reproduziert werden.

    Aus den vorstehenden Erörterungen wird man mit Recht schlie-
    ßen, daß ich die Behauptung aufstelle, es gebe keine indifferenten
    Traumerreger, also auch keine harmlosen Träume. Dies ist in aller
    Strenge und Ausschließlichkeit meine Meinung, abgesehen von den
    Träumen der Kinder und etwa den kurzen Traumreaktionen auf nächt-
    liche Sensationen. Was man sonst träumt, ist entweder manifest als
    psychisch bedeutsam zu erkennen, oder es ist entstellt und dann erst
    nach vollzogener Traumdeutung zu beurteilen, worauf es sich wie-
    derm als bedeutsam zu erkennen gibt. Der Traum gibt sich nie mit
    Kleinigkeiten ab; um Geringes lassen wir uns im Schlafe nicht stö-

    *) Vgl. im Abschnitt VII über die „Übertragung“.

  • S.

    139

    Es gibt keine „harmlosen“ Träume.

    ren*). Die scheinbar harmlosen Träume erweisen sich als arg, wenn
    man sich um ihre Deutung bemüht; wenn man mir die Redensart ge-
    stattet, sie haben es „faustdick hinter den Ohren“. Da dies wiederum
    ein Punkt ist, bei dem ich Widerspruch erwarten darf, und da ich
    gern die Gelegenheit ergreife, die Traumstellung bei ihrer Arbeit
    zu zeigen, will ich eine Reihe von „harmlosen“ Träumen aus meiner
    Sammlung hier der Analyse unterziehen.

    I. Eine kluge und feine junge Dame, die aber auch im Leben
    zu den Reservierten, zu den „stillen Wassern“ gehört erzählt: Ich
    habe geträumt, daß ich auf den Markt zu spät komme und
    beim Fleischhauer sowie bei der Gemüsefrau nichts be-
    komme. Gewiß ein harmloser Traum, aber so sieht ein Traum nicht
    aus; ich lasse ihn mir detailliert erzählen. Dann lautet der Bericht
    folgendermaßen: Sie geht auf den Markt mit ihrer Köchin, 
    die den Korb trägt. Der Fleischhauer sagt ihr, nachdem sie
    etwas verlangt hat: Das ist nicht mehr zu haben, und will
    ihr etwas anderes geben mit der Bemerkung: Das ist auch
    gut. Sie lehnt ab und geht zur Gemüsefrau. Die will ihr ein
    eigentümliches Gemüse verkaufen, was in Bündeln zu-
    sammengebunden ist, aber schwarz von Farbe. Sie sagt:
    Das kenne ich nicht, das nehme ich nicht.

    Die Tagesanknüpfung des Traumes ist einfach genug. Sie war
    wirklich zu spät auf den Markt gegangen und hatte nichts mehr be-
    kommen. Die Fleischbank war schon geschlossen, drängt sich
    einem als Beschreibung des Erlebnisses auf. Doch halt, ist das nicht
    eine recht gemeine Redensart, die – oder vielmehr ihren Gegenteil
    – auf eine Nachlässigkeit in der Kleidung eines Mannes geht? Die
    Träumerin hat diese Worte übrigens nicht gebraucht, ist vielleicht
    ihnen ausgewichen; suchen wir nach der Deutung der im Traume
    enthaltenen Einzelheiten.

    Wo etwas im Traume den Charakter einer Rede hat, also gesagt
    oder gehört wird, nicht bloß gedacht – was sich meist sicher unter-
    scheiden läßt – da stammt es von Reden des wachen Lebens her, die
    freilich als Rohmaterial behandelt, zerstückelt, leise verändert, vor
    allem aber aus dem Zusammenhange gerissen worden sind**). Man
    kann bei der Deutungsarbeit von solchen Reden ausgehen. Woher
    stammt also die Rede des Fleischhauers: Das ist nicht mehr zu
    haben? Von mir selbst; ich hatte ihr einige Tage vorher erklärt,


    *)H. Ellis, der liebenswürdigste Kritiker der „Traumdeutung“, schreibt
    (p. 169): „Da ist der Punkt, von dem an viele von uns nicht mehr im stande sein
    werden, F. weiter zu folgen.“ Allein H. Ellis hat keine Analysen von Träumen
    angestellt und will nicht glauben, wie unberechtigt das Urteilen nach dem mani-
    festen Trauminhalt ist.

    **)Vergleiche über die Reden im Traume im Abschnitte über die Traum-
    arbeit. Ein einziger der Autoren scheint die Herkunft der Traumreden erkannt
    zu haben, Delboeuf (p. 226), indem er sie mit „clichés“ vergleicht.

  • S.

    140

    V. Das Traummaterial und die Traumquellen.

    „daß die ältesten Kindererlebnisse nicht mehr als solche zu haben
    sind, sondern durch ‚Übertragungen‘ und Träume in der Analyse
    ersetzt werden“. Ich bin also der Fleischhauer, und sie lehnt diese
    Übertragungen alter Denk- und Empfindungsweisen auf die Gegenwart
    ab. – Woher rührt ihre Trauerrede: „Das kenne ich nicht, das
    nehme ich nicht? Diese ist für die Analyse zu zerteilen. „Das
    kenne ich nicht“ hat sie selbst Tags vorher zu ihrer Köchin ge-
    sagt, mit der sie einen Streit hatte, damals aber hinzugefügt: Be-
    nehmen Sie sich anständig. Hier wird eine Verschiebung greif-
    bar; von den beiden Sätzen, die sie gegen ihre Köchin gebraucht,
    hat sie den bedeutungslosen in den Traum genommen; der unter-
    drückte aber: „Benehmen Sie sich anständig!“ stimmt allein zum
    übrigen Trauminhalt. So könnte man jemandem zurufen, der unan-
    ständige Zumutungen wagt und vergißt, „die Fleischbank zuzu-
    schließen“. Daß wir der Deutung wirklich auf die Spur gekommen
    sind, beweist dann der Zusammenhang mit den Anspielungen, die
    in der Begebenheit mit der Gemüsefrau niedergelegt sind. Ein Ge-
    müse, das in Bündeln zusammengebunden verkauft wird (länglich
    ist, wie sie nachträglich hinzufügt), und dabei schwarz, was kann
    das anderes sein als die Traumvereinigung von Spargel und schwar-
    zem Rettig? Spargel brauche ich keinem und keiner Wissenden zu
    deuten, aber auch das andere Gemüse – als Zuruf: Schwarzer,
    rett’ dich! – scheint mir auf das nämliche sexuelle Thema hinzu-
    weisen, das wir gleich anfangs errieten, als wir für die Traumerzäh-
    lung einsetzen wollten: die Fleischbank war geschlossen. Es kommt
    nicht darauf an, den Sinn dieses Traumes vollständig zu erkennen;
    so viel steht fest, daß er sinnreich ist und keineswegs harmlos*)).

    II. Ein anderer harmloser Traum derselben Patientin, in ge-
    wisser Hinsicht ein Gegenstück zum vorigen: Ihr Mann fragt:
    Soll man das Klavier nicht stimmen lassen? Sie: Es lohnt
    nicht, es muß ohnedies neu beledert werden. Wiederum die
    Wiederholung eines realen Ereignisses vom Vortag. Ihr Mann hat so
    gefragt und sie so ähnlich geantwortet. Aber was bedeutet es, daß
    sie es träumt? Sie erzählt zwar vom Klavier, es sei ein ekelhafter
    Kasten, der einen schlechten Ton gibt, ein Ding, das ihr Mann

    *) Für Wißbegierige bemerke ich, daß hinter dem Traume sich eine
    Phantasie verbirgt von unanständigem, sexuell provozierendem Benehmen meiner-
    seits und von Abwehr von Seite der Dame. Wem diese Deutung unerhört er-
    scheinen sollte, den mahne ich an die zahlreichen Fälle, wo Ärzte solche Anklagen
    von hysterischen Frauen erfahren haben, bei denen die nämliche Phantasie nicht
    entstellt und als Traum aufgetreten, sondern unverhüllt bewußt und wahnhaft
    geworden ist. – Mit diesem Traume trat die Patientin in die psychoanalytische
    Behandlung ein. Ich lernte erst später verstehen, daß sie mit ihm das initiale
    Trauma wiederholte, von dem ihre Neurose ausging, und habe seither das gleiche
    Verhalten bei anderen Personen gefunden, die in ihrer Kindheit sexuellen Atten-
    taten ausgesetzt waren und nun gleichsam deren Wiederholung im Traume
    herbeiwünschen.

  • S.

    141

    schon vor der Ehe besessen hat*) usw., aber den Schlüssel zur
    Lösung ergibt doch erst die Rede: Es lohnt nicht. Diese stammt
    von einem gestern gemachten Besuche bei ihrer Freundin. Dort wurde
    sie aufgefordert, ihre Jacke abzulegen, und weigerte sich mit den
    Worten: es lohnt nicht, ich muß gleich gehen. Bei dieser Erzählung
    muß mir einfallen, daß sie gestern während der Analysenarbeit plötz-
    lich an ihre Jacke griff, an der sich ein Knopf geöffnet hatte. Es ist
    also, als wollte sie sagen: Bitte, sehen Sie nicht hin, es lohnt nicht.
    So ergänzt sich der Kasten zum Brustkasten, und die Deutung
    des Traumes führt direkt in die Zeit ihrer körperlichen Entwicklung,
    da sie anfing, mit ihren Körperformen unzufrieden zu sein. Es führt
    auch wohl in frühere Zeiten, wenn wir auf das „Ekelhaft“ und
    den „schlechten Ton“ Rücksicht nehmen und uns daran erinnern,
    wie häufig die kleinen Hemisphären des weiblichen Körpers – als
    Gegensatz und als Ersatz – für die großen eintreten, – in der An-
    spielung und im Traume.

    III. Ich unterbreche diese Reihe, indem ich einen kurzen harm-
    losen Traum eines jungen Mannes einschiebe. Er hat geträumt, daß
    er wieder seinen Winterrock anzieht, was schrecklich ist.
    Anlaß dieses Traumes ist angeblich die plötzlich wieder eingetretene
    Kälte. Ein feineres Urteil wird indes bemerken, daß die beiden
    kurzen Stücke des Traumes nicht gut zueinander passen, denn in der
    Kälte den schweren oder dicken Rock tragen, was könnte daran
    „schrecklich“ sein. Zum Schaden für die Harmlosigkeit dieses Trau-
    mes bringt auch der erste Einfall bei der Analyse die Erinnerung, daß
    eine Dame ihm gestern vertraulich gestanden, daß ihr letztes Kind
    einem geplatzten Kondom seine Existenz verdankt. Er rekonstruiert
    nun seine Gedanken bei diesem Anlasse: Ein dünner Kondom ist ge-
    fährlich, ein dicker schlecht. Der Kondom ist der „Überzieher“ mit
    Recht, man zieht ihn ja über; so heißt man auch einen leichten Rock.
    Ein Ereignis wie das von der Dame berichtete wäre für den un-
    verheirateten Mann allerdings „schrecklich“. – Nun wieder zurück
    zu unserer harmlosen Träumerin.

    IV. Sie steckt eine Kerze in den Leuchter; die Kerze
    ist aber gebrochen, so daß sie nicht gut steht. Die Mäd-
    chen in der Schule sagen, sie sei ungeschickt: das Fräu-
    lein aber, es sei nicht ihre Schuld.
    Ein realer Anlaß auch hier; sie hat gestern wirklich eine Kerze
    in den Leuchter gesteckt; die war aber nicht gebrochen. Hier ist eine
    durchsichtige Symbolik verwendet worden. Die Kerze ist ein Gegen-
    stand, der die weiblichen Genitalien reizt; wenn sie gebrochen ist, so
    daß sie nicht gut steht, so bedeutet dies die Impotenz des Mannes
    („es sei nicht ihre Schuld“). Ob nur die sorgfältig erzogene und

    *)Eine Ersetzung durch das Gegenteil, wie uns nach der Deutung klar
    werden wird.

  • S.

    142

    allem Häßlichen fremd gebliebene junge Frau diese Verwendung der
    Kerze kennt? Zufällig kann sie noch angeben, durch welches Er-
    lebnis sie zu dieser Erkenntnis gekommen ist. Bei einer Kahnfahrt
    auf dem Rhein fährt ein Boot an ihnen vorüber, in dem Studenten
    sitzen, welche mit großem Behagen ein Lied singen oder brüllen:
    „Wenn die Königin von Schweden bei geschlossenen Fensterläden mit
    Apollokerzen . . .“

    Das letzte Wort hört oder versteht sie nicht. Ihr Mann muß
    ihr die verlangte Aufklärung geben. Diese Verse sind dann im Traum
    inhalt ersetzt durch eine harmlose Erinnerung an einen Auftrag, den
    sie einmal im Pensionat ungeschickt ausführte, und zwar vermöge
    des Gemeinsamen: geschlossene Fensterläden. Die Verbindung
    des Themas von der Onanie mit der Impotenz ist klar genug. „Apollo“
    im latenten Trauminhalt verknüpft diesen Traum mit einem früheren,
    in dem von der jungfräulichen Pallas die Rede war. Alles wahrlich
    nicht harmlos.

    V. Damit man sich die Schlüsse aus den Träumen auf die
    wirklichen Lebensverhältnisse der Träumer nicht zu leicht vorstelle,
    füge ich noch einen Traum an, der gleichfalls harmlos scheint und
    von derselben Person herrührt. Ich habe etwas geträumt, erzählt
    sie, was ich bei Tag wirklich getan habe, nämlich einen
    kleinen Koffer so voll mit Büchern gefüllt, daß ich Mühe
    hatte, ihn zu schließen, und ich habe es so geträumt, wie
    es wirklich vorgefallen ist. Hier legt die Erzählerin selbst das
    Hauptgewicht auf die Übereinstimmung von Traum und Wirklichkeit.
    Alle solche Urteile über den Traum, Bemerkungen zum Traume, ge-
    hören nun, obwohl sie sich einen Platz im wachen Denken geschaffen
    haben, doch regelmäßig in den latenten Trauminhalt, wie uns noch
    spätere Beispiele bestätigen werden. Es wird uns also gesagt, das, was
    der Traum erzählt, ist am Tage vorher wirklich vorgefallen*). Es wäre
    nun zu weitläufig, mitzuteilen, auf welchem Wege man zum Einfalle
    kommt, bei der Deutung das Englische zur Hilfe zu nehmen. Genug,
    es handelt sich wieder um eine kleine box (vgl. p. 118 den Traum vom
    toten Kind in der Schachtel), die so angefüllt worden ist, daß nichts
    mehr hineinging. Wenigstens nichts Arges diesmal.
    In all diesen „harmlosen“ Träumen schlägt das sexuelle Mo-
    ment als Motiv der Zensur so sehr auffällig vor. Doch ist dies ein
    Thema von prinzipieller Bedeutung, welches wir zur Seite stellen
    müssen.

    b) Das Infantile als Traumquelle.

    Als dritte unter den Eigentümlichkeiten des Trauminhaltes haben
    wir mit allen Autoren (bis auf Robert) angeführt, daß im Traume
    Eindrücke aus den frühesten Lebensaltern erscheinen können, über

    *)Vgl. p. 16, Note.

  • S.

    143

    welche das Gedächtnis im Wachen nicht zu ver-
    fügen scheint. Wie selten oder wie häufig sich dies ereignet, ist begreiflicherweise schwer
    zu beurteilen, weil die betreffenden Elemente des Traumes nach dem
    Erwachen nicht in ihrer Herkunft erkannt werden. Der Nachweis, daß
    es sich hier um Eindrücke der Kindheit handelt, muß also auf objek-
    tivem Wege erbracht werden, wozu sich die Bedingungen nur in
    seltenen Fällen zusammenfinden können. Als besonders beweiskräftig
    wird von A. Maury die Geschichte eines Mannes erzählt, welcher
    eines Tages sich entschloß, nach zwanzigjähriger Abwesenheit seinen
    Heimatsort aufzusuchen. In der Nacht vor der Abreise träumte er, er
    sei in einer ihm ganz unbekannten Ortschaft und begegne daselbst
    auf der Straße einem unbekannten Herrn, mit dem er sich unterhalte.
    In seine Heimat zurückgekehrt, konnte er sich nun überzeugen, daß
    diese unbekannte Ortschaft in nächster Nähe seiner Heimatstadt wirk-
    lich existiere, und auch der unbekannte Mann des Traumes stellte sich
    als ein dort lebender Freund seines verstorbenen Vaters heraus. Wohl
    ein zwingender Beweis dafür, daß er beide, Mann wie Ortschaft, in
    seiner Kindheit gesehen habe. Der Traum ist übrigens als Ungedulds-
    traum zu deuten wie der des Mädchens, welches das Billett für den
    Konzertabend in der Tasche trägt (p. 117), des Kindes, welchem der
    Vater den Ausflug nach dem Hameau versprochen hat, u. dgl. Die
    Motive, welche dem Träumer gerade diesen Eindruck aus seiner Kind-
    heit reproduzieren, sind natürlich ohne Analyse nicht aufzudecken.

    Einer meiner Kolleghörer, welcher sich rühmte, daß seine
    Träume nur sehr selten der Traumentstellung unterliegen, teilte mir mit,
    daß er vor einiger Zeit im Traume gesehen, sein ehemaliger Hof-
    meister befinde sich im Bette der Bonne, die bis zu seinem
    elften Jahre im Hause gewesen war. Die Örtlichkeit für diese Szene
    fiel ihm noch im Traume ein. Lebhaft interessiert teilte er den Traum
    seinem älteren Bruder mit, der ihm lachend die Wirklichkeit des
    Geträumten bestätigte. Er erinnere sich sehr gut daran, denn er sei
    damals sechs Jahre alt gewesen. Das Liebespaar pflegte ihn, den
    älteren Knaben, durch Bier betrunken zu machen, wenn die Umstände
    einer nächtlichen Verkehre günstig waren. Das kleinere, damals
    dreijährige Kind – unser Träumer –, das im Zimmer der Bonne
    schlief, wurde nicht als Störung betrachtet.

    Noch in einem anderen Falle läßt es sich mit Sicherheit ohne
    Beihilfe der Traumdeutung feststellen, daß der Traum Elemente aus
    der Kindheit enthält, wenn nämlich der Traum ein sogenannter
    perennierender ist, der, in der Kindheit zuerst geträumt, später
    immer wieder von Zeit zu Zeit während des Schlafes des Erwachse-
    nen auftritt. Zu den bekannten Beispielen dieser Art kann ich einige
    aus meiner Erfahrung hinzufügen, wenngleich ich an mir selbst einen
    solchen perennierenden Traum nicht kennen gelernt habe. Ein Arzt
    in den Dreißigern erzählte mir, daß in seinem Traumleben von den
    ersten Zeiten seiner Kindheit an bis zum heutigen Tage häufig ein

  • S.

    144

    gelber Löwe erscheint, über den er die genaueste Auskunft zu geben
    vermag. Dieser ihm aus Träumen bekannte Löwe fand sich nämlich
    eines Tages in natura als ein lange verschollener Gegenstand aus
    Porzellan vor, und der junge Mann hörte damals von seiner Mutter,
    daß dieses Objekt das begehrteste Spielzeug seiner frühen Kinderzeit
    gewesen war, woran er sich selbst nicht mehr erinnern konnte.

    Wendet man sich nun von dem manifesten Trauminhalt zu den
    Traumgedanken, welche erst die Analyse aufdeckt, so kann man mit
    Erstaunen die Mitwirkung der Kindheitserlebnisse auch bei solchen
    Träumen konstatieren, deren Inhalt keine derartige Vermutung er
    weckt hätte. Dem geehrten Kollegen vom „gelben Löwen“ verdanke
    ich ein besonders liebenswürdiges und lehrreiches Beispiel eines
    solchen Traumes. Nach der Lektüre von Nansens Reisebericht über
    seine Polarexpedition träumte er, in einer Eiswüste galvanisiere er
    den kühnen Forscher wegen einer Ischias, über welche dieser klage!
    Zur Analyse dieses Traumes fiel ihm eine Geschichte aus seiner
    Kindheit ein, ohne welche der Traum allerdings unverständlich bleibt.
    Als er ein drei-
    oder vierjähriges Kind war, hörte er eines Tages
    neugierig zu, wie die Erwachsenen von Entdeckungsreisen sprachen,
    und fragte dann den Papa, ob das eine schwere Krankheit sei. Er
    hatte offenbar Reisen mit „Reißen“ verwechselt, und der Spott
    seiner Geschwister sorgte dafür, daß ihm das beschämende Erlebnis
    nicht in Vergessenheit geriet.

    Ein ganz ähnlicher Fall ist es, wenn ich in der Analyse
    des Traumes von der Monographie über die Gattung Zyklamen auf
    eine erhalten gebliebene Jugenderinnerung stoße, daß der Vater dem
    fünfjährigen Knaben ein mit farbigen Tafeln ausgestattetes Buch
    zur Zerstörung überläßt. Man wird etwa den Zweifel aufwerfen, ob
    diese Erinnerung wirklich an der Gestaltung des Trauminhaltes An-
    teil genommen hat, ob nicht vielmehr die Arbeit der Analyse eine
    Beziehung erst nachträglich herstellt. Aber die Reichhaltigkeit und
    Verschlungenheit der Assoziationsverknüpfungen bürgt für die erstere
    Auffassung: Zyklamen – Lieblingsblume – Lieblingsspeise – Ar-
    tischocke; zerpflücken wie eine Artischocke, Blatt für Blatt (eine
    Wendung, die einem anläßlich der Teilung des chinesischen Reiches
    damals täglich ans Ohr schlug); – Herbarium – Bücherwurm, dessen
    Lieblingsspeise Bücher sind. Außerdem kann ich versichern, daß
    der letzte Sinn des Traumes, den ich hier nicht ausgeführt habe, zum
    Inhalt der Kinderszene in intimster Beziehung steht.

    Bei einer anderen Reihe von Träumen wird man durch die
    Analyse belehrt, daß der Wunsch selbst, der den Traum erregt hat,
    als dessen Erfüllung der Traum sich darstellt, aus dem Kinderleben
    stamm-
    mt, so daß man zu seiner Überraschung im Traume das Kind
    mit seinen Impulsen weiterlebend findet.

    Ich setze an dieser Stelle die Deutung des Traumes fort, aus
    dem wir bereits einmal neue Belehrung geschöpft haben, ich meine

  • S.

    145

    den Traum: Freund R. ist mein Onkel (p. 106). Wir haben dessen
    Deutung so weit gefördert, daß uns das Wunschmotiv, zum Professor
    ernannt zu werden, greifend entgegentrat, und wir erklärten uns die
    Zärtlichkeit des Traumes für Freund R. als eine Oppositions-
    und
    Trotzschöpfung gegen die Schmähung der beiden Kollegen, die in den
    Traumgedanken enthalten war. Der Traum war mein eigener; ich
    darf darum dessen Analyse mit der Mitteilung fortsetzen, daß mein
    Gefühl durch die erreichte Lösung noch nicht befriedigt war. Ich
    wußte, daß mein Urteil über die in den Traumgedanken mißhandel-
    ten Kollegen im Wachen ganz anders gelautet hätte; die Macht des
    Wunsches, ihr Schicksal in Betreff ihrer Ernennung nicht zu teilen,
    erschien mir zu gering, um den Gegensatz zwischen wacher und
    Traum-Schätzung voll aufzuklären. Wenn mein Bedürfnis, mit einem
    anderen Titel angeredet zu werden, so stark sein sollte, so beweist
    dies einen krankhaften Ehrgeiz, den ich nicht an mir kenne, den
    ich fern von mir glaube. Ich weiß nicht, wie andere, die mich
    zu kennen glauben, in diesem Punkte über mich urteilen würden;
    vielleicht habe ich auch wirklich Ehrgeiz besessen; aber wenn, so
    hat er sich längst auf andere Objekte als auf Titel und Rang eines
    Professor extraordinarius geworfen.
    Woher dann also der Ehrgeiz, der mir den Traum eingegeben
    hat? Da fällt mir ein, was ich so oft in der Kindheit erzählen
    gehört habe, daß bei meiner Geburt eine alte Bäuerin der über den
    Erstgeborenen glücklichen Mutter prophezeit, daß sie der Welt einen
    großen Mann geschenkt habe. Solche Prophezeiungen müssen sehr
    häufig vorfallen; es gibt so viel erwartungsvolle Mütter und so viel
    alte Bäuerinnen oder andere alte Weiber, deren Macht auf Erden
    vergangen ist, und die sich darum der Zukunft zugewendet haben.
    Es wird auch nicht der Schade der Prophetin gewesen sein. Sollte
    meine Größenſehnsucht aus dieser Quelle stammen? Aber da besinne
    ich mich eben eines anderen Eindruckes aus späteren Jugendjahren,
    der sich zur Erklärung noch besser eignen würde: Es war eines
    Abends in einem der Wirtshäuser im Prater, wohin die Eltern den
    elf- oder zwölfjährigen Knaben mitzunehmen pflegten, daß uns ein
    Mann auffiel, der von Tisch zu Tisch ging und für ein kleines
    Honorar Verse über ein ihm aufgegebenes Thema improvisierte. Ich
    wurde abgeschickt, den Dichter an unseren Tisch zu bestellen, und
    er erwies sich dem Boten dankbar. Ehe er nach seiner Aufgabe
    fragte, ließ er einige Reime über mich fallen und erklärte es in
    seiner Inspiration für wahrscheinlich, daß ich noch einmal „Minister“
    werde. An den Eindruck dieser zweiten Prophezeiung kann ich mich
    noch sehr wohl erinnern. Es war die Zeit des Bürgerministeriums,
    der Vater hatte kurz vorher die Bilder der bürgerlichen Doktoren
    Herbst, Giskra, Ungor, Berger u. a. nach Hause gebracht, und
    wir hatten diesen Herren zur Ehre illuminiert. Es waren sogar Juden
    unter ihnen; jeder fleißige Judenknabe trug also das Ministerporte-
    1)

    1)Freud, Traumdeutung, 4. Aufl.

  • S.

    146

    V. Das Traummaterial und die Traumquellen.

    feuille in seiner Schultasche. Es muß mit den Eindrücken jener Zeit
    sogar zusammenhängen, daß ich bis kurz vor der Inskription an
    der Universität willens war, Jura zu studieren und erst im letzten
    Moment umsattelte. Dem Mediziner ist ja die Ministerlaufbahn über-
    haupt verschlossen. Und nun mein Traum! Ich merke es erst jetzt,
    daß er mich aus der trüben Gegenwart in die hoffnungsfrohe Zeit
    des Bürgerministers zurückversetzt und meinen Wunsch von da-
    mals nach seinen Kräften erfüllt. Indem ich die beiden gelehrten
    und achtenswerten Kollegen, weil sie Juden sind, so schlecht be-
    handle, den einen, als ob er ein Schwachkopf, den anderen, als ob
    er ein Verbrecher wäre, indem ich so verfahre, benehme ich mich,
    als ob ich der Minister wäre, habe ich mich an die Stelle des Mini-
    sters gesetzt. Welch gründliche Rache an Sr. Exzellenz! Er ver-
    weigert es, mich zum Professor extraordinarius zu ernennen, und ich
    setze mich dafür im Traume an seine Stelle.

    In einem anderen Falle konnte ich merken, daß der Wunsch,
    welcher den Traum erregt, obzwar ein gegenwärtiger, doch eine
    mächtige Verstärkung aus tiefreichenden Kinderrinnerungen bezieht.
    Es handelt sich hier um eine Reihe von Träumen, denen die Sehn-
    sucht nach Rom zu kommen, zu grunde liegt. Ich werde diese
    Sehnsucht wohl noch lange Zeit durch Träume befriedigen müssen,
    denn um die Zeit des Jahres, welche mir für eine Reise zur Ver-
    fügung steht, ist der Aufenthalt in Rom aus Rücksichten der Gesund-
    heit zu meiden*). So träume ich denn einmal, daß ich vom Coupé-
    fenster aus Tiber und Engelsbrücke sehe; dann setzt sich der Zug
    in Bewegung, und es fällt mir ein, daß ich die Stadt ja gar nicht
    betreten habe. Die Aussicht, die ich im Traume sah, war einem
    bekannten Stiche nachgebildet, den ich Tags zuvor im Salon eines
    Patienten flüchtig bemerkt hatte. Ein andermal führt mich jemand
    auf einen Hügel und zeigt mir Rom, vom Nebel halb verschleiert und
    noch so fern, daß ich mich über die Deutlichkeit der Aussicht
    wundere. Der Inhalt dieses Traumes ist reicher, als ich hier aus-
    führen möchte. Das Motiv, „das Gelobte Land von fern sehen“, ist
    darin leicht zu erkennen. Die Stadt, die ich so zuerst im Nebel
    gesehen habe, ist Lübeck; der Hügel findet sein Vorbild in
    Gleichenberg. In einem dritten Traume bin ich endlich in Rom,
    wie mir der Traum sagt. Ich sehe aber zu meiner Enttäuschung
    eine keineswegs städtische Szenerie, einen kleinen Fluß mit dunk-
    lem Wasser, auf der einen Seite desselben schwarze Felsen,
    auf der anderen Wiesen mit großen weißen Blumen. Ich be-
    merke einen Herrn Zucker (den ich oberflächlich kenne) und
    beschließe, ihn um den Weg in die Stadt zu fragen. Es ist
    offenbar, daß ich mich vergebens bemühe, eine Stadt im Traume

    *) Ich habe seither längst erfahren, daß auch zur Erfüllung solcher lange
    für unerreichbar gehaltener Wünsche nur Mut erfordert wird.

  • S.

    147

    zu sehen, die ich im Wachen nicht gesehen habe. Wenn ich das
    Landschaftsbild des Traumes in seine Elemente zersetze, so deuten
    die weißen Blumen auf das mir bekannte Ravenna, das wenigstens
    eine Zeitlang als Italiens Hauptstadt Rom den Vorrang abgenommen
    hatte. In den Sümpfen um Ravenna haben wir die schönsten See-
    rosen mitten im schwarzen Wasser gefunden; der Traum läßt sie
    auf Wiesen wachsen wie die Narzissen in unserem Aussee, weil es
    damals so mühselig war, sie aus dem Wasser zu holen. Der dunkle
    Fels, so nahe am Wasser, erinnert lebhaft an das Tal der Tepl bei
    Karlsbad. „Karlsbad“ setzt mich nun in den Stand, mir den sonder-
    baren Zug zu erklären, daß ich Herrn Zucker um den Weg frage.
    Es sind hier in dem Material, aus dem der Traum gesponnen ist,
    zwei jener lustigen jüdischen Anekdoten zu erkennen, die so viel
    tiefsinnige, oft bittere Lebensweisheit verbergen, und die wir in Ge-
    sprächen und Briefen so gern zitieren. Die eine ist die Geschichte von
    der „Konstitution“, des Inhaltes, wie ein armer Jude ohne Fahrbillet
    den Einlaß in den Eilzug nach Karlsbad erschleicht, dann ertappt,
    bei jeder Revision vom Zuge gewiesen und immer härter behandelt
    wird, und der dann einem Bekannten, welcher ihn auf einer seiner
    Leidensstationen antrifft, auf die Frage, wohin er reise, zur Ant-
    wort gibt: „Wenn’s meine Konstitution aus-
    hält – nach Karlsbad.“ Nahe dabei ruht im Gedächtnis eine andere Geschichte von
    einem des Französischen unkundigen Juden, dem eingeschärft wird,
    in Paris nach dem Wege zur Rue Richelieu zu fragen. Auch Paris
    war lange Jahre hindurch ein Ziel meiner Sehnsucht, und die Selig-
    keit, in welcher ich zuerst den Fuß auf das Pflaster von Paris
    setzte, nahm ich als Gewähr, daß ich auch die Erfüllung anderer
    Wünsche erreichen werde. Das Um-den-Weg-Fragen ist ferner eine
    direkte Anspielung an Rom, denn nach Rom führen bekanntlich
    alle Wege. Übrigens deutet der Name Zucker wiederum auf Karls-
    bad, wohin wir doch alle mit der konstitutionellen Krankheit
    Diabetes Behafteten schicken. Der Anlaß dieses Traumes war der
    Vorschlag meines Berliner Freundes, uns zu Ostern in Prag zu treffen.
    Aus den Dingen, die ich mit ihm zu besprechen hatte, würde sich
    eine weitere Beziehung zu Zucker und Diabetes ergeben.

    Ein vierter Traum, kurz nach dem letzterwähnten, bringt mich
    wieder nach Rom. Ich sehe eine Straßenecke vor mir und wundere
    mich darüber, daß dort so viele deutsche Plakate angeschlagen sind.
    Tags vorher hatte ich meinem Freunde in prophetischer Voraussicht
    geschrieben, Prag dürfte für deutsche Spaziergänger kein bequemer
    Aufenthaltsort sein. Der Traum drückte also gleichzeitig den Wunsch
    aus, ihn in Rom zu treffen anstatt in einer böhmischen Stadt, und
    das wahrscheinlich aus der Studentenzeit stammende Interesse daran,
    daß in Prag der deutschen Sprache mehr Duldung gewährt sein möge.
    Die tschechische Sprache muß ich übrigens in meinen drei ersten
    Kinderjahren verstanden haben, da ich in einem kleinen Orte Mährens

  • S.

    148

    mit slawischer Bevölkerung geboren bin. Ein tschechischer Kinder-
    vers, den ich in meinem 17. Jahre gehört, hat sich meinem Gedächt-
    nis mühelos so eingeprägt, daß ich ihn noch heute hersagen kann,
    obwohl ich keine Ahnung von seiner Bedeutung habe. Es fehlt also
    auch diesen Träumen nicht an mannigfaltigen Beziehungen zu den
    Eindrücken meiner ersten Lebensjahre.
    Auf meiner letzten Italienreise, die mich unter anderm am
    Trasimenersee vorüberführte, fand ich endlich, nachdem ich den
    Tiber gesehen und schmerzlich bewegt 80 Kilometer weit von Rom
    umgekehrt war, die Verstärkung auf, welche meine Sehnsucht nach
    der ewigen Stadt aus Jugendeindrücken bezieht. Ich erwog gerade
    den Plan, nächstes Jahr an Rom vorbei nach Neapel zu reisen,
    als mir ein Satz einfiel, den ich bei einem unsrer klassischen Schrift-
    steller gelesen haben muß: Es ist fraglich, wer eifriger in seiner
    Stube auf und ab lief, nachdem er den Plan gefaßt, nach Rom zu
    gehen, der Konrektor Winckelmann oder der Feldherr Hanni-
    bal. Ich war ja auf den Spuren Hannibals gewandelt; es war
    mir so wenig wie ihm beschieden, Rom zu sehen, und auch er war
    nach Kampanien gezogen, nachdem alle Welt ihn in Rom er-
    wartet hatte. Hannibal, mit dem ich diese Ähnlichkeit erreicht
    hatte, war aber der Lieblingsheld meiner Gymnasialjahre gewesen;
    wie so viele in jenem Alter, hatte ich meine Sympathien während der
    Punischen Kriege nicht den Römern, sondern dem Karthager zuge-
    wendet. Als dann im Obergymnasium das erste Verständnis für die
    Konsequenzen der Abstammung aus landesfremder Rasse erwuchs,
    und die antisemitischen Regungen unter den Kameraden mahnten
    Stellung zu nehmen, da hob sich die Gestalt des semitischen Feldherrn
    noch höher in meinen Augen. Hannibal und Rom symbolisierten
    dem Jüngling den Gegensatz zwischen der Zähigkeit des Judentums
    und der Organisation der katholischen Kirche. Die Bedeutung, welche
    die antisemitische Bewegung seither für unser Gemütsleben gewonnen
    hat, verhalf dann den Gedanken und Empfindungen jener frühen
    Zeit zur Fixierung. So ist der Wunsch, nach Rom zu kommen, für
    das Traumleben zum Deckmantel und Symbol für mehrere andere
    heißersehnte Wünsche geworden, an deren Verwirklichung man mit
    der Ausdauer und Ausschließlichkeit des Puniers arbeiten möchte, und
    deren Erfüllung zeitweilig vom Schicksal ebensowenig begünstigt
    scheint wie der Lebenswunsch Hannibals, in Rom einzuziehen.
    Und nun stoße ich erst auf das Jugenderlebnis, das in all diesen
    Empfindungen und Träumen noch heute seine Macht äußert. Ich
    mochte zehn oder zwölf Jahre gewesen sein, als mein Vater begann,
    mich auf seine Spaziergänge mitzunehmen und mir in Gesprächen
    seine Ansichten über die Dinge dieser Welt zu eröffnen. So erzählte
    er mir einmal, um mir zu zeigen, in wie viel bessere Zeiten ich ge-
    kommen sei als er: „Als ich ein junger Mensch war, bin ich in deinem
    Geburtsorte am Samstag in der Straße spazieren gegangen, schön ge-
     

  • S.

    149

    Das infantile Moment zu den Romträumen.

    kleidet, mit einer neuen Pelzmütze auf dem Kopfe. Da kommt ein
    Christ daher, haut mir mit einem Schlage die Mütze in den Kot und
    ruft dabei: Jud, herunter vom Trottoir! „Und was hast du getan?“
    Ich bin auf den Fahrweg gegangen und habe die Mütze aufgehoben,
    war die gelassene Antwort. Das schien mir nicht heldenhaft von
    dem großen starken Manne, der mich Kleinen an der Hand führte.
    Ich stellte dieser Situation, die mich nicht befriedigte, eine andere
    gegenüber, die meinem Empfinden besser entsprach, die Szene, in
    welcher Hannibals Vater Hamilkar*) Barkar seinen Knaben
    vor dem Hausaltar schwören läßt, an den Römern Rache zu nehmen.
    Seitdem hatte Hannibal einen Platz in meinen Phantasien.

    Ich meine, daß ich die Schwärmerei für den karthagischen Ge-
    neral noch ein Stück weiter in meine Kindheit zurück verfolgen kann,
    so daß es sich auch hier nur um die Übertragung einer bereits ge-
    bildeten Affektrelation auf einen neuen Träger handeln dürfte. Eines
    der ersten Bücher, das dem lesefähigen Kinde in die Hände fiel, war
    Thiers’ Konsulat und Kaiserreich; ich erinnere mich, daß ich meinen
    Holzsoldaten kleine Zettel mit den Namen der kaiserlichen Marschälle
    auf den flachen Rücken geklebt, und daß damals schon Masséna (als
    Jude Menasse) mein erklärter Liebling war. (Diese Bevorzugung
    wird wohl auch durch den Zufall des gleichen Geburtsdatums, genau
    hundert Jahre später, aufzuklären sein.) Napoleon selbst schließt
    sich durch den Übergang über die Alpen an Hannibal an. Und
    vielleicht ließe sich die Entwicklung dieses Kriegerideals noch weiter
    zurück in die Kindheit verfolgen bis auf Wünsche, die der bald freund-
    schaftliche, bald kriegerische Verkehr während der ersten drei Jahre
    mit einem um ein Jahr älteren Knaben bei dem schwächeren der
    beiden Gespielen hervorrufen mußte.

    Je tiefer man sich in die Analyse der Träume einläßt, desto
    häufiger wird man auf die Spur von Kindheitserlebnissen geführt,
    welche im latenten Trauminhalt eine Rolle als Traumquellen spielen.

    Wir haben gehört (p. 16), daß der Traum sehr selten Er-
    innerungen so reproduziert, daß sie unverkürzt und unverändert den
    alleinigen manifesten Trauminhalt bilden. Immerhin sind einige Bei-
    spiele für dieses Vorkommen sichergestellt, zu denen ich einige neue
    hinzufügen kann, die sich wiederum auf Infantilszenen beziehen. Bei
    einem meiner Patienten brachte einmal ein Traum eine kaum entstellte
    Wiedergabe eines sexuellen Vorfalles, die sofort als getreue Er-
    innerung erkannt wurde. Die Erinnerung daran war im Wachen zwar nie völlig verloren gewesen, aber doch stark verdunkelt worden, und
    ihre Neubelebung war ein Erfolg der vorausgegangenen analytischen
    Arbeit. Der Träumer hatte mit zwölf Jahren einen bettlägerigen Kol-


    *) In der ersten Auflage stand hier der Name: Hasdrubal, ein befremdender
    Irrtum, dessen Aufklärung ich in meiner „Psychopathologie des Alltagslebens“
    (1901, 1904, 4. Aufl. 1912) gegeben habe.

  • S.

    150

    legen besucht, der sich wahrscheinlich nur zufällig bei einer Be-
    wegung im Bette entblößte. Beim Anblick seiner Genitalien von einer
    Art Zwang ergriffen, entblößte er sich selbst und faßte das Glied
    des anderen, der ihn aber unwillig und verwundert ansah, worauf
    er verlegen wurde und abließ. Diese Szene wiederholte ein Traum
    23 Jahre später auch mit allen Einzelheiten der in ihr vorkommen-
    den Empfindungen, veränderte sie aber dahin, daß der Träumer
    anstatt der aktiven die passive Rolle übernahm, während die Person
    des Schulkollegen durch eine der Gegenwart angehörige ersetzt
    wurde.

    In der Regel freilich ist die Infantilszene im manifesten Traum-
    inhalt nur durch eine Anspielung vertreten und muß durch Deutung
    aus dem Traume entwickelt werden. Die Mitteilung solcher Beispiele
    kann nicht sehr beweiskräftig ausfallen, weil ja für diese Kinder-
    erlebnisse meistens jede andere Gewähr fehlt; sie werden, wenn sie in
    ein frühes Alter fallen, von der Erinnerung nicht mehr anerkannt.
    Das Recht, überhaupt aus Träumen auf solche Kindererlebnisse zu
    schließen, ergibt sich bei der psychoanalytischen Arbeit aus einer
    ganzen Reihe von Momenten, die in ihrem Zusammenwirken ver-
    läßlich genug erscheinen. Zum Zwecke der Traumdeutung aus ihrem
    Zusammenhange gerissen, werden solche Zurückführungen von Träu-
    men auf Kindererlebnisse vielleicht wenig Eindruck machen, besonders
    da ich nicht einmal alles Material mitteile, auf welches sich die
    Deutung stützt. Indes will ich mich von der Mitteilung darum nicht
    abhalten lassen.

    I. Bei einer meiner Patientinnen haben alle Träume den Charak-
    ter des „Gehetzten“; sie hetzt sich, um zurecht zu kommen, den
    Eisenbahnzug nicht zu versäumen u. dgl. In einem Traume soll sie
    ihre Freundin besuchen; die Mutter hat ihr gesagt, sie soll fahren,
    nicht gehen; sie läuft aber und fällt dabei in einem fort. – Das
    bei der Analyse auftauchende Material gestattet, die Erinnerung an
    Kinderhetzereien zu erkennen (man weiß, was der Wiener „eine
    Hetz“ nennt), und gibt speziell für den einen Traum die Zurück-
    führung auf den bei Kindern beliebten Scherz, den Satz: „Die Kuh
    rannte bis sie fiel“ so rasch auszusprechen, als ob er ein einziges
    Wort wäre, was wiederum ein „Hetzen“ ist. Alle diese harmlosen
    Hetzereien unter kleinen Freundinnen werden erinnert, weil sie andere,
    minder harmlose, ersetzen.

    II. Von einer anderen folgender Traum: Sie ist in einem
    großen Zimmer, in dem allerlei Maschinen stehen, etwa so,
    wie sie sich eine orthopädische Anstalt vorstellt. Sie hört,
    daß ich keine Zeit habe, und daß sie die Behandlung gleich-
    zeitig mit fünf anderen machen muß. Sie sträubt sich aber
    und will sich in das für sie bestimmte Bett – oder was es
    ist – nicht legen. Sie steht in einem Winkel und wartet,
    daß ich sage, es ist nicht wahr. Die anderen lachen sie unter-

  • S.

    151

    des aus, es sei Faxerei von ihr. – Daneben, als ob sie viele
    kleine Quadrate machen würde.

    Der erste Teil dieses Trauminhaltes ist eine Anknüpfung an die
    Kur und Übertragung auf mich. Der zweite enthält die Anspielung
    an die Kinderszene; mit der Erwähnung des Bettes sind die beiden
    Stücke aneinander gelötet. Die orthopädische Anstalt geht auf eine
    meiner Reden zurück, in der ich die Behandlung ihrer Dauer wie
    ihrem Wesen nach mit einer orthopädischen verglichen hatte.
    Ich mußte ihr zu Anfang der Behandlung mitteilen, daß ich vor-
    läufig wenig Zeit für sie habe, ihr aber später eine ganze
    Stunde täglich widmen würde. Dies machte die alte Empfindlichkeit
    in ihr rege, die ein Hauptcharakterzug der zur Hysterie bestimmten
    Kinder ist. Sie sind unersättlich für Liebe. Meine Patientin war
    die jüngste von sechs Geschwistern (daher: mit fünf anderen) und
    als solche der Liebling des Vaters, scheint aber gefunden zu haben,
    daß der geliebte Vater ihr noch zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit
    widme. – Daß sie wartet, bis ich sage, es ist nicht wahr, hat fol-
    gende Ableitung: Ein kleiner Schneiderjunge hatte ihr ein Kleid ge-
    bracht, und sie ihm dafür das Geld mitgegeben. Dann fragte sie ihren
    Mann, ob sie das Geld nochmals bezahlen müsse, wenn er es verliere.
    Der Mann, um sie zu necken, versicherte: ja (die Neckerei im
    Trauminhalt), und sie fragte immer wieder von neuem und wartete
    darauf, daß er endlich sage, es ist nicht wahr. Nun läßt
    sich für den latenten Trauminhalt der Gedanke konstruieren, ob sie
    mir wohl das Doppelte bezahlen müsse, wenn ich ihr die doppelte
    Zeit widme, ein Gedanke, der geizig oder schmutzig ist. (Die Un-
    reinlichkeit der Kinderzeit wird sehr häufig vom Traume durch
    Geldgeiz ersetzt; das Wort „schmutzig“ bildet dabei die Brücke.)
    Wenn all das vom Warten, bis ich sage usw., das Wort „schmutzig“
    im Traume umschreiben soll, so stimmt das Im-Winkel-Stehen und
    das Sich-nicht-ins-Bett-Legen dazu als Bestandteil einer Kinder-
    szene, in der sie das Bett schmutzig gemacht hätte, zur Strafe in den
    Winkel gestellt wird unter der Androhung, daß sie der Papa nicht
    mehr liebhaben werde, die Geschwister sie auslachen usw. Die kleinen
    Quadrate zielen auf ihre kleine Nichte, die ihr die Rechenkunst ge-
    zeigt, wie man in neun Quadrate, glaube ich, Zahlen so einschreibt,
    daß sie, nach allen Richtungen addiert, 15 ergeben.

    III. Der Traum eines Mannes: Er sieht zwei Knaben, die
    sich balgen, und zwar Faßbinderknaben, wie er aus den her-
    umliegenden Gerätschaften schließt; einer der Knaben hat
    den anderen niedergeworfen, der liegende Knabe hat Ohr-
    ringe mit blauen Steinen. Er eilt dem Missetäter mit er-
    hobenem Stocke nach, um ihn zu züchtigen. Dieser flüch-
    tet zu einer Frau, die bei einem Bretterzaun steht, als ob
    sie seine Mutter wäre. Es ist eine Taglöhnersfrau, die dem
    Träumer den Rücken zuwendet. Endlich kehrt sie sich um

  • S.

    152

    und schaut ihn mit einem gräßlichen Blicke an, so daß er er-
    schreckt davonläuft. An ihren Augen sieht man vom un-
    teren Lid das rote Fleisch verstehen.

    Der Traum hat triviale Begebenheiten des Vortages reichlich
    verwertet. Er hat gestern wirklich zwei Knaben auf der Straße ge-
    sehen, von denen einer den anderen hinwarf. Als er hinzu eilte, um
    zu schlichten, ergriffen sie beide die Flucht. – Faßbinderknaben:
    wird erst durch einen nachfolgenden Traum erklärt, in dessen Ana-
    lyse er die Redensart gebraucht: Dem Faß den Boden ausschla-
    gen. – Ohrringe mit blauen Steinen tragen nach seiner Beobachtung
    meist die Prostituierten. So fügt sich ein bekannter Klapphorn-
    vers von zwei Knaben an: Der andere Knabe, der hieß Marie
    (d. h.: war ein Mädchen). – Die stehende Frau: Nach der Szene
    mit den beiden Knaben ging er am Donauufer spazieren und benutzte
    die Einsamkeit dort, um gegen einen Bretterzaun zu urinieren.
    Auf dem weiteren Wege lächelte ihn eine anständig gekleidete ältere
    Dame sehr freundlich an und wollte ihm ihre Adreßkarte überreichen.

    Da die Frau im Traume so steht wie er beim Urinieren, so
    handelt es sich um ein urinierendes Weib, und dazu gehört dann der
    gräßliche „Anblick“, das Vorstehen des roten Fleisches, was sich
    nur auf die beim Kauern klaffenden Genitalien beziehen kann, die
    in der Kinderzeit gesehen, in der späteren Erinnerung als „wildes
    Fleisch“, als „Wunde“ wieder auftreten. Der Traum vereinigt zwei
    Anlässe, bei denen der kleine Knabe die Genitalien kleiner Mädchen
    sehen konnte, beim Hinwerfen und bei deren Urinieren, und
    wie aus dem anderen Zusammenhang hervorgeht, bewahrt er die Er-
    innerung an eine Züchtigung oder Drohung des Vaters wegen der
    von dem Buben bei diesen Anlässen bewiesenen sexuellen Neugierde.

    IV. Eine ganze Summe von Kindererinnerungen, zu einer Phan-
    tasie notdürftig vereinigt, findet sich hinter folgendem Traume einer
    jüngeren Dame.

    Sie geht in Hetze aus, Kommissionen zu machen. Auf
    dem Graben sinkt sie dann, wie zusammengebrochen, in
    die Knie. Viele Leute sammeln sich um sie, besonders die
    Fiakerkutscher; aber niemand hilft ihr auf. Sie macht viele
    vergebliche Versuche; endlich muß es gelungen sein, denn
    man setzt sie in einen Fiaker, der sie nach Hause bringen
    soll; durchs Fenster wirft man ihr einen großen schwer
    gefüllten Korb nach (ähnlich einem Einkaufskorbe).

    Es ist dieselbe, die in ihren Träumen immer gehetzt wird, wie
    sie als Kind gehetzt hat. Die erste Situation des Traumes ist offenbar
    von dem Anblicke eines gestürzten Pferdes hergenommen, wie auch
    das „Zusammenbrechen“ auf Wettrennen deutet. Sie war in jungen
    Jahren Reiterin, in noch jüngeren wahrscheinlich auch Pferd.
    Zu dem Hinstürzen gehört die erste Kindheitserinnerung an den
    17jährigen Sohn des Portiers, der, auf der Straße von epileptischen

  • S.

    153

    Krämpfen befallen, im Wagen nach Hause gebracht wurde. Davon
    hat sie natürlich nur gehört, aber die Vorstellung von epileptischen
    Krämpfen, vom „Hinfallenden“ hat große Macht über ihre Phan-
    tasie gewonnen und später ihre eigenen hysterischen Anfälle in
    ihrer Form beeinflußt. – Wenn eine Frauensperson vom Fallen
    träumt, so hat das wohl regelmäßig einen sexuellen Sinn, sie wird
    eine „Gefallene“; für unseren Traum wird diese Deutung am
    wenigsten zweifelhaft sein, denn sie fällt auf dem Graben, jenem
    Platze von Wien, der als Korso der Prostitution bekannt ist. Der
    Einkaufskorb gibt mehr als eine Deutung; als Korb erinnert er
    an die vielen Körbe, die sie zuerst ihren Freiern ausgeteilt, und
    später, wie sie meint, sich auch selbst geholt hat. Dazu gehört dann
    auch, daß ihr niemand aufhelfen will, was sie selbst als Ver-
    schmähtwerden auslegt. Ferner erinnert der Einkaufskorb an Phan-
    tasien, die der Analyse bereits bekannt geworden sind, in denen sie
    tief unter ihrem Stande geheiratet hat und nun selbst zu Markte ein-
    kaufen geht. Endlich aber könnte der Einkaufskorb als Zeichen einer
    dienenden Person gedeutet werden. Dazu kommen nun weitere
    Kindheitserinnerungen, an eine Köchin, die weggeschickt wurde,
    weil sie stahl; die ist auch so in die Knie gesunken und hat ge-
    fleht. Sie war damals zwölf Jahre alt. Dann an ein Stubenmädchen,
    das weggeschickt wurde, weil es sich mit dem Kutscher des Hauses
    abgab, der sie übrigens später heiratete. Diese Erinnerung ergibt
    uns also eine Quelle für die Kutscher im Traume (die sich im
    Gegensatz zur Wirklichkeit der Gefallenen nicht annehmen). Es
    bleibt aber noch das Nachwerfen des Korbes, und zwar durchs
    Fenster, zu erklären. Das mahnt sie an das Expedieren des Ge-
    päcks auf der Eisenbahn, an das „Fensterln“ auf dem Lande,
    an kleine Eindrücke von dem Landaufenthalte, wie ein Herr einer
    Dame blaue Pflaumen durchs Fenster in ihr Zimmer wirft, wie
    ihre kleine Schwester sich gefürchtet, weil ein vorübergehender Trottel
    durchs Fenster ins Zimmer sah. Und nun taucht dahinter eine dunkle
    Erinnerung aus dem zehnten Lebensjahre auf, von einer Bonne,
    die auf dem Lande Liebesszenen mit einem Diener des Hauses auf-
    führte, von denen das Kind doch etwas gemerkt haben konnte, und
    die mitsamt ihrem Liebhaber „expediert“, „hinausgeworfen“
    wurde (im Traume der Gegensatz: „hineingeworfen“), eine Ge-
    schichte, der wir uns auch von mehreren anderen Wegen her genähert
    hatten. Das Gepäck, der Koffer einer dienenden Person, wird aber
    in Wien geringschätzig als die „sieben Zwetschken“ bezeichnet.
    „Pack’ deine sieben Zwetschken zusammen und geh’.“
    An solchen Träumen von Patienten, deren Analyse zu dunkel
    oder gar nicht mehr erinnerten Kindereindrücken, oft aus den ersten
    drei Lebensjahren, führt, hat meine Sammlung natürlich überreichen
    Vorrat. Es ist aber mißlich, Schlüsse aus ihnen zu ziehen, die für
    den Traum im allgemeinen gelten sollen; es handelt sich ja regelmäßig

  • S.

    154

    um neurotische, speziell hysterische Personen, und die Rolle, welche
    den Kinderszenen in diesen Träumen zufällt, könnte durch die Natur
    der Neurose und nicht durch das Wesen des Traumes bedingt sein.
    Indes begegnet es mir bei der Deutung meiner eigenen Träume, die
    ich doch nicht wegen grober Leidenssymptome unternehme, ebenso
    oft, daß ich im latenten Trauminhalt unvermutet auf eine Infantil-
    szene stoße, und daß mir eine ganze Serie von Träumen mit einem-
    mal in die von einem Kindererlebnis ausgehenden Bahnen einmündet.
    Beispiele hiefür habe ich schon erbracht und werde ich noch bei
    verschiedenen Anlässen weiter erbringen. Vielleicht kann ich den
    ganzen Abschnitt nicht besser beschließen als durch Mitteilung
    einiger eigenen Träume, in denen rezente Anlässe und langvergessene
    Kindererlebnisse mitsammen als Traumquellen auftreten.

    Nachdem ich gereist bin, müde und hungrig das Bett aufgesucht
    habe, melden sich im Schlafe die großen Bedürfnisse des Lebens und
    ich träume: Ich gehe in eine Küche, um mir Mehlspeise
    geben zu lassen. Dort stehen drei Frauen, von denen eine
    die Wirtin ist und etwas in der Hand dreht, als ob sie
    Knödel machen würde. Sie antwortet, daß ich warten soll,
    bis sie fertig ist (nicht deutlich als Rede). Ich werde un-
    geduldig und gehe beleidigt weg. Ich ziehe einen Über-
    rock an; der erste, den ich versuche, ist mir aber zu lang.
    Ich ziehe ihn wieder aus, etwas überrascht, daß er Pelz-
    besatz hat. Ein zweiter, den ich anziehe, hat einen langen
    Streifen mit türkischer Zeichnung eingesetzt. Ein Fremder
    mit langem Gesichte und kurzem Spitzbarte kommt hinzu
    und hindert mich am Anziehen, indem er ihn für den seinen
    erklärt. Ich zeige ihm nun, daß er über und über türkisch
    gestickt ist. Er fragt: Was gehen Sie die türkischen (Zeich-
    nungen, Streifen …) an? Wir sind aber dann ganz freund-
    lich miteinander.

    In der Analyse dieses Traumes fällt mir ganz unerwartet der
    erste Roman ein, den ich, vielleicht 13jährig, gelesen, d. h. mit dem
    Ende des ersten Bandes begonnen hatte. Den Namen des Romans
    und seines Autors habe ich nie gewußt, aber der Schluß ist mir nun
    in lebhafter Erinnerung. Der Held verfällt in Wahnsinn und ruft
    beständig die drei Frauennamen, die ihm im Leben das größte Glück
    und das Unheil bedeutet haben. Pélagie ist einer dieser Namen.
    Noch weiß ich nicht, was ich mit diesem Einfall in der Analyse
    beginnen werde. Da tauchen zu den drei Frauen die drei Parzen
    auf, die das Geschick des Menschen spinnen, und ich weiß, daß eine
    der drei Frauen, die Wirtin im Traume, die Mutter ist, die das
    Leben gibt, mitunter auch, wie bei mir, dem Lebenden die erste
    Nahrung. An der Frauenbrust treffen sich Liebe und Hunger. Ein
    junger Mann, erzählt die Anekdote, der ein großer Verehrer der
    Frauenschönheit wurde, äußerte einmal, als die Rede auf die schöne

  • S.

    155

    Amme kam, die ihn als Säugling genährt: es tue ihm leid, die gute
    Gelegenheit damals nicht besser ausgenutzt zu haben. Ich pflege
    mich der Anekdote zur Erläuterung für das Moment der Nach-
    träglichkeit in dem Mechanismus der Psychoneurosen zu bedienen.
    – Die eine der Parzen also reibt die Handflächen aneinander, als ob
    sie Knödel machen würde. Eine sonderbare Beschäftigung für eine
    Parze, welche dringend der Aufklärung bedarf! Diese kommt nun
    aus einer anderen und früheren Kindererinnerung. Als ich sechs
    Jahre alt war und den ersten Unterricht bei meiner Mutter genoß,
    sollte ich glauben, daß wir aus Erde gemacht sind und darum zur
    Erde zurückkehren müssen. Es behagte mir aber nicht und ich
    zweifelte die Lehre an. Da rieb die Mutter die Handflächen anein-
    ander – ganz ähnlich wie beim Knödelmachen, nur daß sich kein
    Teig zwischen ihnen befindet – und zeigte mir die schwärzlichen
    Epidermisschuppen, die sich dabei abreiben, als eine Probe der
    Erde, aus der wir gemacht sind, vor. Mein Erstaunen über diese
    Demonstration ad oculos war grenzenlos, und ich ergab mich in das,
    was ich später in den Worten ausgedrückt hören sollte: Du bist der
    Natur einen Tod schuldig*). So sind es also wirklich Parzen, zu
    denen ich in die Küche gehe, wie so oft in den Kinderjahren, wenn
    ich hungrig war, und die Mutter beim Herd mich mahnte zu warten,
    bis das Mittagessen fertig sei. Und nun nun die Knödel! Wenigstens
    einer meiner Universitätslehrer, aber gerade der, dem ich meine histo-
    logischen Kenntnisse (Epidermis) verdanke, könnte sich bei dem
    Namen Knödel an eine Person erinnern, die er belangen mußte, weil
    sie ein Plagiat an seinen Schriften begangen hatte. Ein Plagiat
    begehen, sich aneignen, was man bekommen kann, auch wenn es
    einem anderen gehört, leitet offenbar zum zweiten Teil des Traumes,
    in dem ich wie der Überrockdieb behandelt werde, der eine Zeit-
    lang in den Hörsälen sein Wesen trieb. Ich habe den Ausdruck
    Plagiat niedergeschrieben, absichtslos, weil er sich mir darbot, und
    nun merke ich, daß er dem latenten Trauminhalt angehören muß,
    weil er als Brücke zwischen den verschiedenen Stücken des manifesten
    Trauminhaltes dienen kann. Die Assoziationskette – Pélagie –
    Plagiat – Plagiostomen**) (Haifische) – Fischblase ver-
    bindet den alten Roman mit der Affäre Knödl und mit den Über-
    ziehern, die ja offenbar ein Gerät der sexuellen Technik bedeuten.
    (Vgl. Maurys Traum vom Kilo – Lotto, p. 45.) Eine höchst
    gezwungene und unsinnige Verbindung zwar, aber doch keine, die ich
    im Wachen herstellen könnte, wenn sie nicht schon durch die Traum-
    arbeit hergestellt wäre. Ja, als ob dem Drange, Verbindungen zu er-
     


    *)Beide zu diesen Kinderszenen gehörigen Affekte, das Erstaunen und die
    Ergebung ins Unvermeidliche, fanden sich in einem Traume kurz vorher, der
    mir zuerst die Erinnerung an dieses Kindererlebnis wiederbrachte.

    **)Die Plagiostomen ergänze ich nicht willkürlich; sie mahnen mich
    an eine ärgerliche Gelegenheit von Blamage vor demselben Lehrer.

  • S.

    156

    zwingen, gar nichts heilig wäre, dient nun der teure Name Brücke
    (Wortbrücke s. o.) dazu, mich an dasselbe Institut zu erinnern, in
    dem ich meine glücklichsten Stunden als Schüler verbracht, sonst
    ganz bedürfnislos („So wird’s Euch an der Weisheit Brüsten mit
    jedem Tage mehr gelüsten“), im vollsten Gegensatz zu den Be-
    gierden, die mich, während ich träume, plagen. Und endlich taucht
    die Erinnerung an einen anderen teuren Lehrer auf, dessen Name
    wiederum an etwas Eßbares anklingt (Fleischl, wie Knödl) und
    an eine traurige Szene, in der Epidermisschuppen eine Rolle
    spielen (die Mutter – Wirtin) und Geistesstörung (der Roman) und
    ein Mittel aus der lateinischen Küche, das den Hunger benimmt, das
    Kokain.

    So könnte ich den verschlungenen Gedankenwegen weiterfolgen
    und das in der Analyse fehlende Stück des Traumes voll aufklären,
    aber ich muß es unterlassen, weil die persönlichen Opfer, die es
    erfordern würde, zu groß sind. Ich greife nur einen der Fäden auf,
    der direkt zu einem der dem Gewirre zu grunde liegenden Traum
    gedanken führen kann. Der Fremde mit langem Gesichte und Spitz
    barte, der mich am Anziehen hindern will, trägt die Züge eines
    Kaufmannes in Spalato, bei dem meine Frau reichlich türkische
    Stoffe eingekauft hat. Er hieß Popović, ein verdächtiger Name, der
    auch dem Humoristen Stettenheim zu einer andeutungsvollen Be-
    merkung Anlaß gegeben hat. („Er nannte mir seinen Namen und
    drückte mir errötend die Hand.“) Übrigens derselbe Mißbrauch mit
    Namen wie oben mit Pélagie, Knödl, Brücke, Fleischl. Daß
    solche Namenspielerei Kinderunart ist, darf man ohne Widerspruch
    behaupten; wenn ich mich in ihr ergehe, ist es aber ein Akt der
    Vergeltung, denn mein eigener Name ist unzähligemale solchen
    schwachsinnigen Witzeleien zum Opfer gefallen. Goethe bemerkte
    einmal, wie empfindlich man für seinen Namen ist, mit dem man
    sich verwachsen fühlt wie mit seiner Haut, als Herder auf seinen
    Namen dichtete:

    „Der du von Göttern abstammst, von Goten oder vom Kote“ –
    „So seid ihr Götterbilder auch zu Staub.“

    Ich merke, daß die Abschweifung über den Mißbrauch von
    Namen nur diese Klage vorbereiten sollte. Aber brechen wir hier
    ab. – Der Einkauf in Spalato mahnt mich an einen anderen Ein-
    kauf in Cattaro, bei dem ich allzu zurückhaltend war und die Ge-
    legenheit zu schönen Erwerbungen versäumte. (Die Gelegenheit bei
    der Amme versäumt, s. o.) Einer der Traumgedanken, die dem
    Träumer der Hunger eingibt, lautet nämlich: Man soll sich nichts
    entgehen lassen, nehmen, was man haben kann, auch wenn
    ein kleines Unrecht dabei mitläuft; man soll keine Ge-
    legenheit versäumen, das Leben ist so kurz, der Tod un-
    vermeidlich. Weil es auch sexuell gemeint ist und weil die Be-

  • S.

    157

    Ein revolutionärer Traum.

    gierde vor dem Unrecht nicht haltmachen will, hat dieses „carpe
    diem“ die Zensur zu fürchten und muß sich hinter einem Traume
    verbergen. Dazu kommen nun alle Gegengedanken zu Wort, die
    Erinnerung an die Zeit, da die geistige Nahrung dem Träumer
    allein genügte, alle Abhaltungen und selbst die Drohungen mit den
    ekelhaften sexuellen Strafen.

    II. Ein zweiter Traum erfordert einen längeren Vorbericht:

    Ich bin auf den Westbahnhof gefahren, um meine Ferienreise
    nach Aussee anzutreten, gehe aber schon zum früher abgehenden
    Ischler Zuge auf den Perron. Dort sehe ich nun den Grafen Thun
    dastehen, der wiederum zum Kaiser nach Ischl fährt. Er war trotz
    des Regens im offenen Wagen angekommen, direkt durch die Ein-
    gangstür für Lokalzüge hinausgetreten und hatte den Türhüter, der
    ihn nicht kannte und ihm das Billett abnehmen wollte, mit einer
    kurzen Handbewegung ohne Erklärung von sich gewiesen. Ich soll
    dann, nachdem er im Ischler Zuge abgefahren ist, den Perron wieder
    verlassen und in den heißen Wartesaal zurückgehen, setze es aber
    mühselig durch, daß ich bleiben darf. Ich vertreibe mir die Zeit,
    aufzupassen, wer da kommen wird, um sich auf dem Protektionswege
    ein Coupé anweisen zu lassen; nehme mir vor, dann Lärm zu schlagen,
    d. h. gleiches Recht zu verlangen. Unterdessen singe ich mir etwas
    vor, was ich dann als die Arie aus Figaros Hochzeit erkenne:

    „Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen,
    Tänzelein wagen,
    Soll er’s nur sagen,
    Ich spiel’ ihm eins auf.“

    (Ein anderer hätte den Gesang vielleicht nicht erkannt.)

    Ich war den ganzen Abend in übermütiger, streitlustiger Stim-
    mung gewesen, hatte Kellner und Kutscher gefrozzelt, hoffentlich
    ohne ihnen wehe zu tun; nun gehen mir allerlei freche und revolu-
    tionäre Gedanken durch den Kopf, wie sie zu den Worten Figaros
    passen und zur Erinnerung an die Komödie von Beaumarchais,
    die ich in der Comédie française aufführen gesehen. Das Wort von
    den großen Herren, die sich die Mühe gegeben haben, geboren zu
    werden; das Herrenrecht, das der Graf Almaviva bei Susanne zur
    Geltung bringen will; die Scherze, die unsere bösen oppositionellen
    Tagschreiber mit dem Namen des Grafen Thun anstellen, indem sie
    ihn Graf Nichtsthun nennen. Ich beneide ihn wirklich nicht; er hat
    jetzt einen schweren Gang zum Kaiser, und ich bin der eigentliche
    Graf Nichtsthun; ich gehe auf Ferien. Allerlei lustige Ferien-
    vorsätze dazu. Es kommt nun ein Herr, der mir als Regierungs-
    vertreter bei den medizinischen Prüfungen bekannt ist, und der sich
    durch seine Leistungen in dieser Rolle den schmeichelhaften Bei-
    namen des „Regierungsbeischläfers“ zugezogen hat. Er verlangt unter
    Berufung auf seine amtliche Eigenschaft ein Halbcoupé erster Klasse

  • S.

    158

    und ich höre den Beamten zu einem anderen sagen: Wo geben wir
    den Herrn mit der halben Ersten hin? Eine nette Bevorzugung; ich
    zahle meine erste Klasse ganz. Ich bekomme dann auch ein Coupé
    für mich, aber nicht in einem durchgehenden Wagen, so daß mir die
    Nacht über kein Abort zur Verfügung steht. Meine Klage beim
    Beamten hat keinen Erfolg; ich räche mich, indem ich ihm den Vor-
    schlag mache, in diesem Coupé wenigstens ein Loch im Boden an-
    bringen zu lassen für etwaige Bedürfnisse der Reisenden. Ich er-
    wache auch wirklich um 3/43 Uhr morgens mit Harndrang aus nach-
    stehendem Traume.

    Menschenmenge, Studentenversammlung – Ein Graf (Thun
    oder Taaffe) redet. Aufgefordert, etwas über die Deutschen
    zu sagen, erklärt er mit höhnischer Gebärde für ihre Lieb-
    lingsblume den Huflattich und steckt dann etwas wie ein
    zerfetztes Blatt, eigentlich ein zusammengeknülltes Blatt-
    gerippe ins Knopfloch. Ich fahre auf, fahre also auf*), wun-
    dere mich aber doch über diese meine Gesinnung. Dann un-
    deutlicher: Als ob es die Aula wäre, die Zugänge besetzt,
    und man müßte fliehen. Ich bahne mir den Weg durch eine
    Reihe von schön eingerichteten Zimmern, offenbar Re-
    gierungszimmern mit Möbeln in einer Farbe zwischen
    braun und violett, und komme endlich in einen Gang,
    in dem eine Haushälterin, ein älteres dickes Frauen-
    zimmer, sitzt. Ich vermeide es, mit ihr zu sprechen; sie hält mich
    aber offenbar für berechtigt, hier zu passieren, denn sie
    fragt, ob sie mit der Lampe mitgehen soll. Ich deute oder
    sage ihr, sie soll auf der Treppe stehen bleiben, und komme
    mir dabei sehr schlau vor, daß ich die Kontrolle am Ende
    vermeide. So bin ich drunten und finde einen schmalen,
    steil aufsteigenden Weg, den ich gehe.

    Wieder undeutlich … Als ob jetzt die zweite Aufgabe
    käme, aus der Stadt wegzukommen, wie früher aus dem
    Hause. Ich fahre in einem Einspänner und gebe ihm Auf-
    trag, zu einem Bahnhofe zu fahren. „Auf der Bahnstrecke
    selbst kann ich nicht mit Ihnen fahren,“ sage ich, nachdem
    er einen Einwand gemacht hat, als ob ich ihn übermüdet
    hätte. Dabei ist es, als wäre ich schon eine Strecke mit ihm
    gefahren, die man sonst mit der Bahn fährt. Die Bahnhöfe
    sind besetzt, ich überlege, ob ich nach Krems oder Znaim
    soll, denke aber dort wird der Hof sein, und entscheide mich
    für Graz oder so etwas. Nun sitze ich im Waggon, der ähn-
    lich einem Stadtbahnwagen ist, und habe im Knopfloch ein


    *)Diese Wiederholung hat sich, scheinbar aus Zerstreutheit, in den Text
    des Traumes eingeschlichen und wird von mir belassen, da die Analyse zeigt,
    daß sie ihre Bedeutung hat.

  • S.

    159

    eigentümlich geflochtenes, langes Ding, daran violett-
    braune Veilchen aus starrem Stoffe, was den Leuten sehr
    auffällt. Hier bricht die Szene ab.
    Ich bin wieder vor dem Bahnhofe, aber zu zweit mit
    einem älteren Herrn, erfinde einen Plan, um unerkannt zu
    bleiben, sehe diesen Plan aber auch schon ausgeführt. Den-
    ken und Erleben ist hier gleichsam eins. Er stellt sich blind,
    wenigstens auf einem Auge, und ich halte ihm ein männli-
    ches Uringlas vor (das wir in der Stadt kaufen mußten oder
    gekauft haben). Ich bin also sein Krankenpfleger und muß
    ihm das Glas geben, weil er blind ist. Wenn der Kondukteur
    uns so sieht, muß er uns als unauffällig entkommen lassen.
    Dabei ist die Stellung des Betreffenden und sein urinie-
    rendes Glied plastisch gesehen. Darauf das Erwachen mit
    Harndrang.

    Der ganze Traum macht etwa den Eindruck einer Phantasie,
    die den Träumer in das Revolutionsjahr 1848 versetzt, dessen An-
    denken ja durch das Jubiläum des Jahres 1898 erneuert war, wie
    überdies durch einen kleinen Ausflug in die Wachau, bei dem ich
    Emmersdorf kennen gelernt hatte, welchen Ort ich fälschlich für den
    Ruhesitz des Studentführers Fischhof hielt, auf den einige Züge
    des manifesten Trauminhaltes weisen mögen. Die Gedankenverbindung
    führt mich dann nach England, in das Haus meines Bruders, der
    seiner Frau scherzhaft vorzuhalten pflegte „Fifty years ago“ nach
    dem Titel eines Gedichtes von Lord Tennyson, worauf die Kinder
    zu rektifizieren gewöhnt waren: „Fifteen years ago.“ Diese Phantasie,
    die sich an die Gedanken anschließt, welche der Anblick des Grafen
    Thun hervorgerufen hatte, ist aber nur wie die Fassade italienischer
    Kirchen ohne organischen Zusammenhang dem Gebäude dahinter vor-
    gesetzt; anders als diese Fassaden ist sie übrigens lückenhaft, ver-
    worren, und Bestandteile aus dem Innern drängen sich an vielen Stellen
    durch. Die erste Situation des Traumes ist aus mehreren Szenen zu-
    sammengebraut, in die ich sie zerlegen kann. Die hochmütige Stellung
    des Grafen im Traume ist kopiert nach einer Gymnasialszene aus
    meinem 15. Jahre. Wir hatten gegen einen mißliebigen und ignoran-
    ten Lehrer eine Verschwörung angezettelt, deren Seele ein Kollege war,
    der sich seitdem Heinrich VIII. von England zum Vorbilde ge-
    nommen zu haben scheint. Die Führung des Hauptschlages fiel mir
    zu, und eine Diskussion über die Bedeutung der Donau für Österreich
    (Wachau!) war der Anlaß, bei dem es zur offenen Empörung kam.
    Ein Mitverschworener war der einzige aristokratische Kollege, den
    wir hatten, wegen seiner auffälligen Längenentwicklung die „Giraffe“
    genannt, und der stand, vom Schultyrannen, dem Professor der deut-
    schen Sprache, zur Rede gestellt, so da wie der Graf im Traume. Das
    Erklären der Lieblingsblume und Ins-Knopfloch-Stecken von etwas,
    was wieder eine Blume sein muß (was an die Orchideen erinnert, die

  • S.

    160

    Ich einer Freundin am selben Tage gebracht hatte, und außerdem an
    eine Rose von Jericho), mahnt auffällig an die Szene aus den Königs
    dramen Shakespeares, die den Bürgerkrieg der roten und der
    weißen Rose eröffnet; die Erwähnung Heinrichs VIII. hat den Weg
    zu dieser Reminiszenz gebahnt. Dann ist es nicht weit von den Rosen
    zu den roten und weißen Nelken. (Dazwischen schieben sich in der
    Analyse zwei Verselein ein, eins deutsch, das andere spanisch:
    Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken. – Isabelita, no llores
    que se marchitan las flores. Das Spanische vom Figaro her.) Die
    weißen Nelken sind bei uns in Wien das Abzeichen der Antisemiten,
    die roten das der Sozialdemokraten geworden. Dahinter eine Er
    innerung an eine antisemitische Herausforderung während einer Eisen
    bahnfahrt im schönen Sachsenland (Angelsachsen). Die dritte
    Szene, welche Bestandteile für die Bildung der ersten Traumsitu
    ation abgegeben hat, fällt in meine erste Studentenzeit. In einem
    deutschen Studentenvereine gab es eine Diskussion über das Ver
    hältnis der Philosophie zu den Naturwissenschaften. Ich grüner
    Junge, der materialistischen Lehre voll, drängte mich vor, um
    einen höchst einseitigen Standpunkt zu vertreten. Da erhob sich ein
    überlegener älterer Kollege, der seitdem seine Fähigkeit erwiesen
    hat, Menschen zu lenken und Massen zu organisieren, der übrigens
    auch einen Namen aus dem Tierreiche trägt, und machte uns
    tüchtig herunter; auch er habe in seiner Jugend die Schweine
    gehütet und sei dann reuig ins Vaterhaus zurückgekehrt. Ich fuhr
    auf (wie im Traume), wurde saugrob und antwortete, seitdem ich
    wüßte, daß er die Schweine gehütet, wunderte ich mich nicht
    mehr über den Ton seiner Reden. (Im Traume wundere ich mich
    über meine deutschnationale Gesinnung.) Großer Aufruhr; ich wurde
    von vielen Seiten aufgefordert, meine Worte zurückzunehmen, blieb
    aber standhaft. Der Beleidigte war zu verständig, um das Ansinnen
    einer Herausforderung, das man an ihn richtete, anzunehmen, und
    ließ die Sache auf sich beruhen.

    Die übrigen Elemente der Traumszene stammen aus tieferen
    Schichten. Was soll es bedeuten, daß der Graf den „Huflattich“
    proklamiert? Hier muß ich meine Assoziationsreihe befragen. Huf
    lattich – lattice – Salat – Salathund (der Hund, der anderen
    nicht gönnt, was er doch selber nicht frißt). Hier sieht man durch
    auf einen Vorrat an Schimpfwörtern: Gir-
    affe, Schwein, Sau,
    Hund; ich wüßte auch auf dem Umwege über einen Namen zu einem
    Esel zu gelangen und damit wieder zu einem Hohn auf einen aka
    demischen Lehrer. Außerdem übersetze ich mir – ich weiß nicht,
    ob mit Recht – Huflattich mit „pisse-
    en-
    lit“; die Kenntnis
    kommt mir aus dem Germinal Zolas, in dem die Kinder auf
    gefordert werden, solchen Salat mitzubringen. Der Hund – chien –
    enthält in seinem Namen einen Anklang an die größere Funktion
    (chier, wie pisser für die kleineren). Nun werden wir bald das

  • S.

    161

    Ein revolutionärer Traum.

    Unanständige in allen drei Aggregatzuständen beisammen haben; denn
    im selben Germinal, der mit der künftigen Revolution genug zu tun
    hat, ist ein ganz eigentümlicher Wettkampf beschrieben, der sich auf
    die Produktion gasförmiger Exkretionen, Flatus genannt, bezieht*).
    Und nun muß ich bemerken, wie der Weg zu diesen Flatus seit langem
    angelegt ist, von den Blumen aus über das spanische Verslein,
    die Isabelita, zu Isabella und Ferdinand, über Heinrich VIII.,
    die englische Geschichte zum Kampfe der Armada gegen England,
    nach dessen siegreicher Beendigung die Engländer eine Medaille präg-
    ten mit der Inschrift: Afflavit et dissipati sunt, da der Sturmwind die
    spanische Flotte zerstreut hatte. Diesen Spruch gedachte ich aber zur
    halb scherzhaft gemeinten Überschrift des Kapitels „Therapie“ zu
    nehmen, wenn ich je dazu gelangen sollte, ausführliche Kunde von
    meiner Auffassung und Behandlung der Hysterie zu geben.

    Von der zweiten Szene des Traumes kann ich eine so ausführ-
    liche Auflösung nicht geben, und zwar aus Rücksichten der Zensur.
    Ich setze mich hier nämlich an die Stelle eines hohen Herrn jener
    Revolutionszeit, der auch ein Abenteuer mit einem Adler gehabt,
    an incontinentia alvi gelitten haben soll u. dgl., und ich glaube, ich
    wäre nicht berechtigt, hier die Zensur zu passieren, obwohl
    ein Hofrat (Aula, consiliarius aulicus) mir den größeren Teil
    jener Geschichten erzählt hat. Die Reihe von Zimmern im Traume
    verdankt ihre Anregung dem Salonwagen Sr. Exzellenz, in den ich
    einen Moment hineinblicken konnte; sie bedeutet aber, wie so häufig
    im Traume, Frauenzimmer (ärarische Frauenzimmer). Mit der
    Person der Haushälterin statte ich einer geistreichen älteren Dame
    schlechten Dank für die Bewirtung und die vielen guten Geschichten
    ab, die mir in ihrem Hause geboten worden sind. – Der Zug mit
    der Lampe geht auf Grillparzer zurück, der ein reizendes Erlebnis
    ähnlichen Inhaltes notiert und dann in Hero und Leander (des
    Meeres und der Liebe Wellen – die Armada und der Sturm)
    verwendet hat**).

    Auch die detaillierte Analyse der beiden übrigen Traumstücke
    muß ich zurückhalten; ich werde nur jene Elemente herausgreifen,
    die zu den beiden Kinderszenen führen, um deren Willen ich den
    Traum überhaupt aufgenommen habe. Man wird mit Recht vermuten,
    daß es sexuelles Material ist, welches mich zu dieser Unterdrückung

    *)Nicht im Germinal, sondern in La Terre. Ein Irrtum, der mir erst
    nach der Analyse bemerklich wird. – Ich mache übrigens auf die identischen
    Buchstaben in Huflattich und Flatus aufmerksam.

    **)An diesem Teil des Traumes hat H. Silberer in einer inhaltsreichen
    Arbeit (Phantasie und Mythos, 1910) zu zeigen versucht, daß die Traumarbeit
    nicht nur die latenten Traumgedanken, sondern auch die psychischen Vorgänge
    bei der Traumbildung wiederzugeben vermöge. („Das funktionale Phänomen“)
    Ich meine aber, er übersieht dabei, daß die „psychischen Vorgänge bei der Traum-
    bildung“ für mich ein Gedankenmaterial sind wie alles andere. In diesem über-
    mütigen Traum bin ich offenbar stolz darauf, diese Vorgänge entdeckt zu haben.

    Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 11

  • S.

    162

    nötigt; man braucht sich aber mit dieser Aufklärung nicht zufrieden
    zu geben. Man macht doch sich selbst aus vielem kein Geheimnis,
    was man vor anderen als Geheimnis behandeln muß, und hier handelt
    es sich nicht um die Gründe, die mich nötigen, die Lösung zu ver-
    bergen, sondern um die Motive der inneren Zensur, welche den eigent-
    lichen Inhalt des Traumes vor mir selbst verstecken. Ich muß also
    darum sagen, daß die Analyse diese drei Traumstücke als impertinente
    Prahlereien, als Ausfluß eines lächerlichen, in meinem wachen Leben
    längst unterdrückten Größenwahnes erkennen läßt, der sich mit ein-
    zelnen Ausläufern bis in den manifesten Trauminhalt wagt (ich
    komme mir schlau vor), allerdings die übermütige Stimmung des
    Abends vor dem Träumen trefflich verstehen läßt. Prahlerei zwar auf
    allen Gebieten; so geht die Erwähnung von Graz auf die Redensart:
    Was kostet Graz? in der man sich gefällt, wenn man sich über-
    reich mit Geld versehen glaubt. Wer an Meister Rabelais’ unüber-
    troffene Schilderung von dem Leben und Taten des Gargantua und
    seines Sohnes Pantagruel denken will, wird auch den angedeuteten
    Inhalt des ersten Traumstückes unter die Prahlereien einreihen können.
    Zu den zwei versprochenen Kinderszenen gehört aber folgendes: Ich
    hatte für diese Reise einen neuen Koffer gekauft, dessen Farbe, ein
    Braunviolett, im Traume mehrmals auftritt (violettbraune Veil-
    chen aus starrem Stoffe neben einem Dinge, das man „Mädchenfänger“
    heißt – die Möbel in den Regierungszimmern). Daß man mit etwas
    Neuem den Leuten auffällt, ist ein bekannter Kinderglaube. Nun
    ist mir folgende Szene aus meinem Kinderleben erzählt worden, deren
    Erinnerung ersetzt ist durch die Erinnerung an die Erzählung. Ich
    soll – im Alter von zwei Jahren – noch gelegentlich das Bett
    naß gemacht haben, und als ich dafür Vorwürfe zu hören bekam,
    den Vater durch das Versprechen getröstet haben, daß ich ihm in
    N. (der nächsten größeren Stadt) ein neues, schönes, rotes Bett
    kaufen werde. (Daher im Traume die Einschaltung, daß wir das Glas
    in der Stadt gekauft haben oder kaufen mußten; was man
    versprochen hat, muß man halten.) (Man beachte übrigens die Zu-
    sammenstellung des männlichen Glases und des weiblichen Koffers,
    box.) Der ganze Größenwahn des Kindes ist in diesem Versprechen
    enthalten. Die Bedeutung der Harnschwierigkeiten des Kindes für den
    Traum ist uns bereits bei einer früheren Traumdeutung (vgl. den
    Traum p. 151) aufgefallen. Aus den Psychoanalysen an Neurotischen
    haben wir auch den intimen Zusammenhang des Bettnässens mit dem
    Charakterzug des Ehrgeizes erkannt.

    Dann gab es aber einmal einen anderen häuslichen Anstand, als
    ich sieben oder acht Jahre alt war, an den ich mich sehr wohl erinnere.
    Ich setzte mich abends vor dem Schlafengehen über das Gebot der
    Diskretion hinweg, Bedürfnisse nicht im Schlafzimmer der Eltern in
    deren Anwesenheit zu verrichten, und der Vater ließ in seiner Straf-
    rede darüber die Bemerkung fallen: aus dem Buben wird nichts wer-

  • S.

    163

    den. Es muß eine furchtbare Kränkung für meinen Ehrgeiz gewesen
    sein, denn Anspielungen an diese Szene kehren immer in meinen
    Träumen wieder und sind regelmäßig mit Aufzählung meiner Leistun-
    gen und Erfolge verknüpft, als wollte ich sagen: Siehst du, ich bin
    doch etwas geworden. Diese Kinderszene gibt nun den Stoff für das
    letzte Bild des Traumes, in dem natürlich zur Rache die Rollen ver-
    tauscht sind. Der ältere Mann, offenbar der Vater, da die Blindheit
    auf einem Auge sein einseitiges Glaukom bedeutet*), uriniert jetzt
    vor mir wie ich damals vor ihm. Mit dem Glaukom mahne ich ihn
    an das Kokain, daß ihm bei der Operation zu gute kam, als hätte ich
    damit mein Versprechen erfüllt. Außerdem mache ich mich über
    ihn lustig, weil er blind ist, muß ich ihm das Glas vorhalten und
    schwelge in Anspielun-
    gen auf meine Erkenntnisse in der Lehre von
    der Hysterie, auf die ich stolz bin**).


    *)Andere Deutung: Er ist einäugig wie Odhins, der Götterva-
    ter. –
    Odhins Trost. – Der Trost aus der Kinderszene, daß ich ihm ein neues Bett
    kaufen werde.

    **)Dazu einiges Deutungsma-
    terial: Das Vorhalten des Glases erinnert an
    die Geschichte vom Bauern, der beim Optiker Glas nach Glas versucht, aber nicht
    lesen kann. – (Bauernfänger – Mädchenfänger im vorigen Traum-
    stück.)
    – Die Behandlung des schwachsinnig gewordenen Vaters bei den Bauern in
    Zolas La Terre. – Die traurige Genugtuung, daß der Vater in seinen letzten
    Lebensta-
    gen wie ein Kind das Bett beschmutzt hat; daher bin ich im Traume
    sein Krankenpfleger. – Denken und Erleben sind hier gleichsam eins; er-
    innert an ein stark revolutio-
    näres Buchdrama von Oskar Panizza, in dem
    Gottvater als paralytischer Greis schmählich genug behandelt wird; dort heißt
    es: Wille und Tat sind bei ihm eins, und er muß von seinem Erzengel, einer
    Art Ganymed, abgehalten werden zu schimpfen und zu fluchen, weil diese Ver-
    wünschungen sich sofort erfüllen würden. – Das Plänema-
    chen ist ein aus
    späterer Zeit der Kritik stammender Vorwurf gegen den Vater, wie überhaupt
    der ganze rebellische, majestätsbe-
    leidigende und die hohe Obrigkeit verhöhnen-
    de
    Inhalt des Traumes auf Auflehnung gegen den Vater zurückgeht. Der Fürst
    heißt Landesvater, und der Vater ist die älteste, erste, für das Kind einzige
    Autorität, aus dessen Machtvollkommenheit im Laufe der menschlichen Kultur-
    geschichte die anderen sozialen Obrigkeiten hervorgegangen sind (insofern nicht
    das „Mutterrecht“ zur Einschrän-
    kung dieses Satzes nötigt). – Die Fassung im
    Traume „Denken und Erleben sind Eins“ zielt auf die Erklärung der hysterischen
    Symptome, zu der auch das männliche Glas eine Beziehung hat. Einem
    Wiener brauchte ich das Prinzip des „Gschnas“ nicht auseinander-
    zusetzen;
    es besteht darin, Gegenstände von seltenem und wertvollem Ansehen aus
    trivialem, am liebsten komischem und wertlosem Material herzustellen, z. B.
    Rüstungen aus Kochtöpfen, Strohwischen und Salzstangeln, wie unsere Künstler
    an ihren lustigen Abenden lieben. Ich hatte nun gemerkt, daß die Hysterischen
    es ebenso machen; neben dem, was ihnen wirklich zugesto-
    ßen ist, gestalten sie
    sich unbewußt gräßliche oder ausschweifende Phantasiebe-
    gebenheiten, die sie
    aus dem harmlosesten und banalsten Material des Erlebens aufbauen. An diesen
    Phantasien hängen erst die Symptome, nicht an den Erinnerungen der wirk-
    lichen Begebenheiten, seien diese nun ernsthaft oder gleichfalls harmlos. Diese
    Aufklärung hatte mir über viele Schwierigkei-
    ten hinweggeholfen und machte
    mir viel Freude. Ich konnte sie mit dem Traumelement des „männlichen
    Glases“ andeuten, weil mir von dem letzten „Gschnasabend“ erzählt worden
    war, es sei dort ein Giftbecher der Lukretia Borgia ausgestellt gewesen, dessen

  • S.

    164

    V. Das Traummaterial und die Traumquellen.

    Wenn die beiden Urinierszenen aus der Kindheit bei mir ohne
    dies mit dem Thema der Größenſucht eng verbunden sind, so kam
    ihrer Erweckung auf der Reise nach Aussee noch der zufällige Um
    stand zu gute, daß mein Coupé kein Klosett besaß, und ich vorbereitet
    sein mußte, während der Fahrt in Verlegenheit zu kommen, was dann
    am Morgen auch eintraf. Ich erwachte dann mit den Empfindungen
    des körperlichen Bedürfnisses. Ich meine, man könnte geneigt sein,
    diesen Empfindungen die Rolle des eigentlichen Traumerregers zuzu
    weisen, würde aber einer anderen Auffassung den Vorzug geben,
    nämlich daß die Traumgedanken erst den Harndrang hervorgerufen
    haben. Es ist bei mir ganz ungewöhnlich, daß ich durch irgend ein
    Bedürfnis im Schlafe gestört werde, am wenigsten um die Zeit dieses
    Erwachens, 3/43 Uhr morgens. Einem weiteren Einwand begegne ich
    durch die Bemerkung, daß ich auf anderen Reisen unter bequemeren
    Verhältnissen niemals den Harndrang nach frühzeitigem Erwachen
    verspürt habe. Übrigens kann ich diesen Punkt auch ohne Schaden
    unentschieden lassen.

    Seitdem ich ferner durch Erfahrungen bei der Traumanalyse
    aufmerksam gemacht worden bin, daß auch von Träumen, deren
    Deutung zunächst vollständig erscheint, weil Traumquellen und
    Wunscherreger leicht nachweisbar sind, – daß auch von solchen
    Träumen wichtige Gedankenfäden ausgehen, die bis in die früheste
    Kindheit hineinreichen, habe ich mich fragen müssen, ob nicht auch
    in diesem Zuge eine wesentliche Bedingung des Träumens gegeben ist.
    Wenn ich diesen Gedanken verallgemeinern dürfte, so käme jedem
    Traum in seinem manifesten Inhalt eine Anknüpfung an das rezent
    Erlebte zu, in seinem latenten Inhalt aber eine Anknüpfung an das
    älteste Erlebte, von dem ich bei der Analyse der Hysterie wirklich
    zeigen kann, daß es in gutem Sinne bis auf die Gegenwart rezent
    geblieben ist. Diese Vermutung erscheint aber noch recht schwer er
    weislich; ich werde auf die wahrscheinliche Rolle frühester Kindheits
    erlebnisse für die Traumbildung noch in anderem Zusammenhang
    (Abschnitt VII) zurückkommen müssen.

    Von den drei eingangs betrachteten Besonderheiten des Traum
    gedächtnisses hat sich uns die eine – die Bevorzugung des Neben
    sächlichen im Trauminhalt – durch ihre Zurückführung auf die
    Traum-
    stellung befriedigend gelöst. Die beiden anderen, die
    Auszeichnung des Rezenten wie des Infantilen haben wir bestätigen,
    aber nicht aus den Motiven des Träumens ableiten können. Wir wollen
    diese beiden Charaktere, deren Erklärung oder Verwertung uns er
    übrigt, im Gedächtnis behalten; sie werden anderswo ihre Einreihung
    finden müssen, entweder in der Psychologie des Schlafzustandes oder
    bei jenen Erwägungen über den Aufbau des seelischen Apparates, die


    Kern und Hauptbestandteil ein Uringlas für Männer, wie es in den Spitälern
    gebräuchlich ist, gebildet hätte.

  • S.

    165

    wir später anstellen werden, wenn wir gemerkt haben, daß man
    durch die Traumdeutung wie durch eine Fensterlücke in das Innere
    desselben einen Blick werfen kann.

    Ein anderes Ergebnis der letzten Traumanalysen will ich aber
    gleich hier hervorheben. Der Traum erscheint häufig mehrdeutig;
    es können nicht nur, wie Beispiele zeigen, mehrere Wunscherfüllungen
    nebeneinander in ihm vereinigt sein; es kann auch ein Sinn, eine
    Wunscherfüllung die andere decken, bis man zu unterst auf die
    Erfüllung eines Wunsches aus der ersten Kindheit stößt; und auch
    hier wieder die Erwägung, ob in diesem Satze das „häufig“ nicht
    richtiger durch „regelmäßig“ zu ersetzen ist*).

    c) Die somatischen Traumquellen.

    Wenn man den Versuch macht, einen gebildeten Laien für die
    Probleme des Träumens zu interessieren, und in dieser Absicht die
    Frage an ihn richtet, aus welchen Quellen wohl nach seiner Meinung
    die Träume herrühren, so merkt man zumeist, daß der Gefragte im
    gesicherten Besitze eines Teiles der Lösung zu sein vermeint. Er ge-
    denkt sofort des Einflusses, den gestörte oder beschwerte Verdauung
    („Träume kommen aus dem Magen“), zufällige Körperlage und kleine
    Erlebnisse während des Schlafens auf die Traumbildung äußern, und
    scheint nicht zu ahnen, daß nach Berücksichtigung all dieser Momente
    etwas der Erklärung Bedürftiges noch erübrigt.

    Welche Rolle für die Traumbildung die wissenschaftliche Lite-
    ratur den somatischen Reizquellen zugesteht, haben wir im einleiten-
    den Abschnitt (S. 16 u. ff.) ausführlich auseinandergesetzt, so daß wir
    uns hier nur an die Ergebnisse dieser Untersuchung zu erinnern
    brauchen. Wir haben gehört, daß dreierlei somatische Reizquellen
    unterschieden werden, die von äußeren Objekten ausgehenden objek-
    tiven Sinnesreize, die nur subjektiv begründeten inneren Erregungs-
    zustände der Sinnesorgane und die aus dem Körperinnern stammenden
    Leibreize, und wir haben die Neigung der Autoren bemerkt, neben
    diesen somatischen Reizquellen etwaige psychische Quellen des Trau-
    mes in den Hintergrund zu drängen oder ganz auszuschalten (p. 31).
    Bei der Prüfung der Ansprüche, welche zu gunsten dieser Klassen
    von somatischen Reizquellen erhoben werden, haben wir erfahren,
    daß die Bedeutung der objektiven Sinnesorganerregungen – teils
    zufällige Reize während des Schlafes, teils solche, die sich auch vom
    schlafenden Seelenleben nicht fern halten lassen – durch zahlreiche


    *)Die Übereinanderschichtung der Bedeutungen des Traumes ist eines der
    heikelsten, aber auch inhaltsreichsten Probleme der Traumdeutung. Wer an diese
    Möglichkeit vergißt, wird leicht irregehen und zur Aufstellung unhaltbarer Be-
    hauptungen über das Wesen des Traumes verleitet werden. Doch sind über dieses
    Thema noch viel zu wenige Untersuchungen angestellt worden. Bisher hat nur
    die ziemlich regelmäßige Symbolschichtung im Harnreiztraume eine gründliche
    Würdigung durch O. Rank erfahren (s. u. p. 291).

  • S.

    166

    Beobachtungen sichergestellt wird und durch das Experiment eine
    Bestätigung erfährt (p. 19), daß die Rolle der subjektiven Sinnes-
    erregungen durch die Wiederkehr der hypnagogischen Sinnesbilder in
    den Träumen (p. 24) dargetan erscheint, und daß die im weitesten
    Umfang angenommene Zurückführung unserer Traumbilder und
    Traumvorstellungen auf inneren Leibreiz zwar nicht in ihrer ganzen
    Breite beweisbar ist, aber sich an die allbekannte Beeinflussung an-
    lehnen kann, welche der Erregungszustand der Digestions-, Harn-
    und Sexualorgane auf den Inhalt unserer Träume ausübt.
    „Nervenreiz“ und „Leibreiz“ wären also die somatischen
    Quellen des Traumes, d. h. nach mehreren Autoren die einzigen
    Quellen des Traumes überhaupt.

    Wir haben aber auch bereits einer Reihe von Zweifeln Gehör
    geschenkt, welche nicht sowohl die Richtigkeit als vielmehr die Zu-
    länglichkeit der somatischen Reiztheorie anzugreifen schienen.

    So sicher sich alle Vertreter dieser Lehre bezüglich deren tat-
    sächlichen Grundlagen fühlen mußten – zumal soweit die akziden-
    tellen und äußeren Nervenreize in Betracht kommen, die im Traum-
    inhalt wiederzufinden keinerlei Mühe erfordert –, so blieb doch
    keiner der Einsicht fern, daß der reiche Vorstellungsinhalt der Träume
    eine Ableitung aus den äußeren Nervenreizen allein wohl nicht zu-
    lasse. Miß Mary Whiton Calkins hat ihre eigenen Träume und
    die einer zweiten Person durch sechs Wochen hindurch von diesem
    Gesichtspunkte aus geprüft und nur 13,2% respektive 6,7% ge-
    funden, in denen das Element äußerer Sinneswahrnehmung nach-
    weisbar war; nur zwei Fälle der Sammlung ließen sich auf organische
    Empfindungen zurückführen. Die Statistik bestätigt uns hier, was
    uns bereits eine flüchtige Überschau unserer eigenen Erfahrungen
    hatte vermuten lassen.

    Man beschied sich vielfach, den „Nervenreiztraum“ als eine gut
    erforschte Unterart des Traumes vor anderen Traumformen hervorzu-
    heben. Spitta trennte die Träume in Nervenreiz- und Asso-
    ziationstraum. Es war aber klar, daß die Lösung unbefriedigend
    blieb, solange es nicht gelang, das Band zwischen den somatischen
    Traumquellen und dem Vorstellungsinhalt des Traumes nachzuweisen.

    Neben den ersten Einwand, der Unzulänglichkeit in der
    Häufigkeit der äußeren Reizquellen, stellt sich so als zweiter die
    Unzulänglichkeit in der Aufklärung des Traumes, die durch die
    Einführung dieser Art von Traumquellen zu erreichen ist. Die Ver-
    treter der Lehre sind uns zwei solcher Aufklärungen schuldig, erstens
    warum der äußere Reiz im Traume nicht in seiner wirklichen Natur
    erkannt, sondern regelmäßig verkannt wird (vgl. die Weckerträume,
    p. 21), und zweitens warum das Resultat der Reaktion der wahr-
    nehmenden Seele auf diesen verkannten Reiz so unbestimmbar wechsel-
    voll ausfallen kann. Als Antwort auf diese Frage haben wir von
    Strümpell gehört, daß die Seele infolge ihrer Abwendung von der

  • S.

    167

    Die somatischen Traumquellen nach den Autoren.

    Außenwelt während des Schlafens nicht im Stande ist, die richtige
    Deutung des objektiven Sinnesreizes zu geben, sondern genötigt wird,
    auf Grund der nach vielen Richtungen unbestimmten Anregung Illu-
    sionen zu bilden, in seinen Worten ausgedrückt (p. 108):
    „Sobald durch einen äußeren oder inneren Nervenreiz während
    des Schlafes in der Seele eine Empfindung oder ein Empfindungs-
    komplex, ein Gefühl, überhaupt ein psychischer Vorgang entsteht und
    von der Seele perzipiert wird, so ruft dieser Vorgang aus dem der
    Seele vom Wachen her verbliebenen Erfahrungskreise Empfindungs-
    bilder, also frühere Wahrnehmungen, entweder nach Wert oder zu-
    gehörigen psychischen Werten hervor. Er sammelt gleichsam um sich
    eine größere oder kleinere Anzahl solcher Bilder, durch welche der
    vom Nervenreiz herrührende Eindruck seinen psychischen Wert be-
    kommt. Man sagt gewöhnlich auch hier, wie es der Sprachgebrauch
    für das wache Verhalten tut, daß die Seele im Schlafe die Nervenreiz-
    eindrücke deute. Das Resultat dieser Deutung ist der sogenannte
    Nervenreiztraum, d. h. ein Traum, dessen Bestandteile dadurch
    bedingt sind, daß ein Nervenreiz nach den Gesetzen der Reproduktion
    seine psychische Wirkung im Seelenleben vollzieht.“
    In allem Wesentlichen mit dieser Lehre identisch ist die Äußerung
    von Wundt, die Vorstellungen des Traumes gehen jedenfalls zum
    größten Teil von Sinnesreizen aus, namentlich auch von solchen des
    allgemeinen Sinnes, und sind daher zumeist phantastische Illusionen,
    wahrscheinlich nur zum kleineren Teil reine, zu Halluzinationen ge-
    steigerte Erinnerungsvorstellungen. Für das Verhältnis des Traum-
    inhaltes zu den Traumreizen, welches sich nach dieser Theorie ergibt,
    findet Strümpell das treffliche Gleichnis (p. 84), es sei, wie „wenn
    die zehn Finger eines der Musik ganz unkundigen Menschen über die
    Tasten des Instruments hinlaufen.“ Der Traum erschiene so nicht als
    ein seelisches Phänomen aus psychischen Motiven entsprungen, son-
    dern als der Erfolg eines physiologischen Reizes, der sich in psychi-
    scher Symptomatologie äußert, weil der vom Reize betroffene Apparat
    keiner anderen Äußerung fähig ist. Auf eine ähnliche Voraussetzung
    ist z. B. die Erklärung der Zwangsvorstellungen aufgebaut, die Mey-
    nert durch das berühmte Gleichnis vom Zifferblatt, auf dem ein-
    zelne Zahlen stärker gewölbt vorspringen, zu geben versuchte.
    So beliebt diese Lehre von den somatischen Traumreizen ge-
    worden ist und so bestechend sie erscheinen mag, so ist es doch leicht,
    den schwachen Punkt in ihr aufzuweisen. Jeder somatische Traum-
    reiz, welcher im Schlafe den seelischen Apparat zur Deutung durch
    Illusionsbildung auffordert, kann ungezählt viele solcher Deutungs-
    versuche anregen, also in ungemein verschiedenen Vorstellungen seine
    Vertretung im Trauminhalt erreichen*). Die Lehre von Strümpell


    *)Ich möchte jedermann raten, die in zwei Bänden gesammelten, aus
    führlichen und genauen Protokolle experimentell erzeugter Träume von Mourly

  • S.

    168

    und Wundt ist aber unfähig, irgend ein Motiv anzugeben, welches
    die Beziehung zwischen dem äußeren Reiz und der zu seiner Deutung
    gewählten Traumvorstellung regelt, also die „sonderbare Auswahl“ zu
    erklären, welche die Reize „oft genug bei ihrer reproduktiven Wirk-
    samkeit treffen“. (Lipps, Grundtatsachen des Seelenlebens, p. 170.)
    Andere Einwendungen richten sich gegen die Grundvoraussetzung der
    ganzen Illusionslehre, daß die Seele im Schlafe nicht in der Lage sei,
    die wirkliche Natur der objektiven Sinnesreize zu erkennen. Der alte
    Physiologe Burdach beweist uns, daß die Seele auch im Schlafe
    sehr wohl fähig ist, die an sie gelangenden Sinneseindrücke richtig
    zu deuten und der richtigen Deutung gemäß zu reagieren, indem
    er ausführt, daß man gewisse, dem Individuum wichtig erscheinende
    Sinneseindrücke von der Vernachlässigung während des Schlafes
    ausnehmen kann (Amme und Kind), und daß man durch den eigenen
    Namen weit sicherer geweckt wird als durch einen gleichgültigen
    Gehöreindruck, was ja voraussetzt, daß die Seele auch im Schlafe
    zwischen den Sensationen unterscheidet (Abschnitt I, p. 39/40). Bur-
    dach folgert aus diesen Beobachtungen, daß während des Schlaf-
    zustandes nicht eine Unfähigkeit, die Sinnesreize zu deuten, sondern
    ein Mangel an Interesse für sie anzunehmen ist. Die nämlichen
    Argumente, die Burdach 1830 verwendet, kehren dann zur Be-
    kämpfung der somatischen Reiztheorie unverändert bei Lipps im
    Jahre 1883 wieder. Die Seele erscheint uns demnach wie der Schläfer
    in der Anekdote, der auf die Frage „Schläfst du“ antwortet „Nein“,
    nach der zweiten Anrede „dann leih’ mir zehn Gulden“ aber sich
    hinter der Ausrede verschanzt: „Ich schlafe“.
    Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Traum-
    reizen läßt sich auch auf andere Weise dartun. Die Beobachtung
    zeigt, daß ich durch äußere Reize nicht zum Träumen genötigt
    werde, wenngleich diese Reize im Trauminhalt erscheinen, sobald
    und für den Fall, daß ich träume. Gegen einen Haut- oder Druck-
    reiz etwa, der mich im Schlafe befällt, stehen mir verschiedene
    Reaktionen zu Gebote. Ich kann ihn überhören und dann beim
    Erwachen finden, daß z. B. ein Bein unbedeckt oder ein Arm ge-
    drückt war; die Pathologie zeigt mir ja die zahlreichsten Beispiele,
    daß verschiedenartige und kräftig erregende Empfindungs- und Be-
    wegungsreize während des Schlafes wirkungslos bleiben. Ich kann die
    Sensation während des Schlafes verspüren, gleichsam durch den Schlaf
    hindurch, wie es in der Regel mit schmerzhaften Reizen geschieht,
    aber ohne den Schmerz in einen Traum zu verweben; und ich kann
    drittens auf den Reiz erwachen, um ihn zu beseitigen. Erst eine vierte


    Vold durchzulesen, um sich zu überzeugen, wie wenig Aufklärung der Inhalt
    des einzelnen Traumes in den angegebenen Versuchsbedingungen findet, und wie
    gering überhaupt der Nutzen solcher Experimente für das Verständnis der
    Traumprobleme ist.

  • S.

    169

    Die Schernersche Leibreiztheorie.

    mögliche Reaktion ist, daß ich durch den Nervenreiz zum Traum
    veranlaßt werde; die anderen Möglichkeiten werden aber mindestens
    ebenso häufig vollzogen wie die der Traumbildung. Dies könnte nicht
    geschehen, wenn nicht das Motiv des Träumens außerhalb der
    somatischen Reizquellen läge.

    In gerechter Würdigung jener oben aufgedeckten Lücke in der
    Erklärung des Traumes durch somatische Reize haben nun andere
    Autoren – Scherner, dem der Philosoph Volkelt sich anschloß –
    die Seelentätigkeiten, welche aus den somatischen Reizen die bunten
    Traumbilder entstehen lassen, näher zu bestimmen gesucht, also doch
    wieder das Wesen des Träumens ins Seelische und in eine psychische
    Aktivität verlegt. Scherner gab nicht nur eine poetisch nach-
    empfundene, glühend belebte Schilderung der psychischen Eigen-
    tümlichkeiten, die sich bei der Traumbildung entfalten; er glaubte
    auch das Prinzip erraten zu haben, nach dem die Seele mit den ihr
    dargebotenen Reizen verfährt. In freier Betätigung der ihrer Tages-
    fesseln entledigten Phantasie strebt nach Scherner die Traumarbeit
    dahin, die Natur des Organs, von dem der Reiz ausgeht, und die
    Art dieses Reizes symbolisch darzustellen. Es ergibt sich so eine
    Art von Traumbuch als Anleitung zur Deutung der Träume, mittels
    dessen aus Traumbildern auf Körpergefühle, Organzustände und Reiz-
    zustände geschlossen werden darf. „So drückt das Bild der Katze
    die ärgerliche Mißstimmung des Gemütes aus, das Bild des hellen
    und glatten Gebäcks die Leibesnacktheit. Der menschliche Leib als
    Ganzes wird von der Traumphantasie als Haus vorgestellt, das ein-
    zelne Körperorgan durch einen Teil des Hauses. In den ‚Zahnreiz-
    träumen‘ entspricht dem Mundorgan ein hochgewölbter Hausflur
    und dem Hinabfall des Schlundes zur Speiseröhre eine Treppe, im
    ‚Kopfschmerz-traum‘ wird zur Bezeichnung der Höhenstellung des
    Kopfes die Decke eines Zimmers gewählt, welche mit ekelhaften,
    krötenartigen Spinnen bedeckt ist“ (p. 39). „Diese Symbole werden
    vom Traume in mehrfacher Auswahl für das nämliche Organ ver-
    wendet; so findet die atmende Lunge in dem flammernerfüllten Ofen
    mit seinem Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten und
    Körben, die Harnblase in runden, beutelförmigen oder überhaupt
    nur ausgehöhlten Gegenständen. Besonders wichtig ist es, daß am
    Schlusse des Traumes öfter das erregende Organ oder dessen Funktion
    unverhüllt hingestellt wird, und zwar zumeist an dem eigenen Leibe
    des Träumers. So endet der ‚Zahnreiztraum‘ gewöhnlich damit, daß
    der Träumer sich einen Zahn aus dem Munde zieht“ (p. 35). Man kann
    nicht sagen, daß diese Theorie der Traumdeutung viel Gunst bei den
    Autoren gefunden hat. Sie erschien vor allem extravagant; man hat
    selbst gezögert, das Stück Berechtigung herauszufinden, das sie nach
    meinem Urteil beanspruchen darf. Sie führt, wie man sieht, zur
    Wiederbelebung der Traumdeutung mittels Symbolik, deren sich
    die Alten bedienten, nur daß das Gebiet, aus welchem die Deutung

  • S.

    170

    geholt werden soll, auf den Umfang der menschlichen Leiblichkeit
    beschränkt wird. Der Mangel einer wissenschaftlich faßbaren Technik
    bei der Deutung muß die Anwendbarkeit der Schernerschen Lehre
    schwer beeinträchtigen. Willkür in der Traumdeutung scheint keines-
    wegs ausgeschlossen, zumal da auch hier ein Reiz sich in mehr-
    fachen Vertretungen im Trauminhalt äußern kann; so hat bereits
    Scherners Anhänger Volkelt die Darstellung des Körpers als Haus
    nicht bestätigen können. Es muß auch Anstoß erregen, daß hier
    wiederum der Seele die Traumarbeit als nutz- und ziellose Betätigung
    auferlegt ist, da sich doch nach der in Rede stehenden Lehre die
    Seele damit begnügt, über den sie beschäftigenden Reiz zu phantasie-
    ren, ohne daß etwas wie eine Erledigung des Reizes in der Ferne
    winkte.

    Von einem Einwand aber wird die Schernersche Lehre der
    Symbolisierung von Leibreizen durch den Traum schwer getroffen.
    Diese Leibreize sind jederzeit vorhanden, die Seele ist für sie nach
    allgemeiner Annahme während des Schlafens zugänglicher als im
    Wachen. Man versteht dann nicht, warum die Seele nicht kontinuier-
    lich die Nacht hindurch träumt, und zwar jede Nacht von allen
    Organen. Will man sich diesem Einwand durch die Bedingung ent-
    ziehen, es müßten vom Auge, Ohre, von den Zähnen, Därmen usw. be-
    sondere Erregungen ausgehen, um die Traumtätigkeit zu wecken,
    so steht man vor der Schwierigkeit, diese Reizsteigerungen als ob-
    jektiv zu erweisen, was nur in einer geringen Zahl von Fällen möglich
    ist. Wenn der Traum vom Fliegen eine Symbolisierung des Auf-
    und Niedersteigens der Lungenflügel bei der Atmung bedeutet, so
    müßte entweder dieser Traum, wie schon Strümpell bemerkt, weit
    häufiger geträumt werden oder eine gesteigerte Atmungstätigkeit wäh-
    rend dieses Traumes nachweisbar sein. Es ist noch ein dritter Fall
    möglich, der wahrscheinlichste von allen, daß nämlich zeitweise be-
    sondere Motive wirksam sind, um den gleichmäßig vorhandenen visze-
    ralen Sensationen Aufmerksamkeit zuzuwenden, aber dieser Fall führt
    bereits über die Schernersche Theorie hinaus.

    Der Wert der Erörterungen von Scherner und Volkelt liegt
    darin, daß sie auf eine Reihe von Charakteren des Trauminhaltes auf-
    merksam machen, welche der Erklärung bedürftig sind und neue Er-
    kenntnisse zu verdecken scheinen. Es ist ganz richtig, daß in den
    Träumen Symbolisierungen von Körperorganen und Funktionen ent-
    halten sind, daß Wasser im Traume häufig auf Harnreiz deutet, daß
    das männliche Genitale durch einen aufrecht stehenden Stab oder eine
    Säule dargestellt werden kann usw. In Träumen, welche ein sehr
    bewegtes Gesichtsfeld und leuchtende Farben zeigen, im Gegensatz
    zu der Mattigkeit anderer Träume, kann man die Deutung als „Ge-
    sichtsreiztraum“ kaum abweisen, ebensowenig den Beitrag der Illu-
    sionsbildung in Träumen bestreiten, welche Lärm und Stimmengewirr
    enthalten. Ein Traum, wie der von Scherner, daß zwei Reihen

  • S.

    171

    Die somatischen Reize als rezentes Material behandelt.

    schöner blonder Knaben auf einer Brücke einander gegenüberstehen,
    sich gegenseitig angreifen, dann wieder ihre alte Stellung einnehmen,
    bis endlich der Träumer sich auf eine Brücke setzt und einen langen
    Zahn aus seinem Kiefer zieht; oder ein ähnlicher von Volkelt, in
    dem zwei Reihen von Schubladen eine Rolle spielen, und der wiederum
    mit dem Ausziehen eines Zahnes endigt: dergleichen bei beiden
    Autoren in großer Fülle mitgeteilte Traumbildungen lassen es nicht
    zu, daß man die Schernersche Theorie als müßige Erfindung bei
    Seite wirft, ohne nach ihrem guten Kerne zu forschen. Es stellt sich
    dann die Aufgabe, für die vermeintliche Symbolisierung des angeb-
    lichen Zahnreizes eine andersartige Aufklärung zu erbringen.

    Ich habe es die ganze Zeit über, welche uns die Lehre von den
    somatischen Traumquellen beschäftigte, unterlassen, jenes Argument
    geltend zu machen, welches sich aus unseren Traumanalysen ableitet.
    Wenn wir durch ein Verfahren, das andere Autoren auf ihr Material
    an Träumen nicht angewendet haben, erweisen konnten, daß der
    Traum einen ihm eigenen Wert als psychische Aktion besitzt, daß
    ein Wunsch das Motiv seiner Bildung wird, und daß die Erlebnisse
    des Vortages das nächste Material für seinen Inhalt abgeben, so ist
    jede andere Traumlehre, welche ein so wichtiges Untersuchungs-
    verfahren vernachlässigt und dementsprechend den Traum als eine
    nutzlose und rätselhafte psychische Reaktion auf somatische Reize
    erscheinen läßt, auch ohne besondere Kritik gerichtet. Es müßte
    denn, was sehr unwahrscheinlich ist, zwei ganz verschiedene Arten
    von Träumen geben, von denen die eine nur uns, die andere nur den
    früheren Beurteilern des Traumes untergekommen ist. Es erübrigt
    nur noch, den Tatsachen, auf welche sich die gebräuchliche Lehre
    von den somatischen Traumreizen stützt, eine Unterbringung inner-
    halb unserer Traumlehre zu verschaffen.

    Den ersten Schritt hiezu haben wir bereits getan, als wir den
    Satz aufstellten, daß die Traumarbeit unter dem Zwange stehe, alle
    gleichzeitig vorhandenen Traumanregungen zu einer Einheit zu ver-
    arbeiten (p. 136). Wir sahen, daß, wenn zwei oder mehr eindrucks-
    fähige Erlebnisse vom Vortage übrig geblieben sind, die aus ihnen
    sich ergebenden Wünsche in einem Traume vereinigt werden, des
    gleichen, daß zum Traummaterial der psychisch wertvolle Eindruck
    und die indifferenten Erlebnisse des Vortages zusammentreten, voraus-
    gesetzt, daß sich kommunizierende Vorstellungen zwischen beiden her-
    stellen lassen. Der Traum erscheint somit als Reaktion auf alles, was
    in der schlafenden Psyche gleichzeitig als aktuell vorhanden ist. So
    weit wir also das Traummaterial bisher analysiert haben, erkannten
    wir es als eine Sammlung von psychischen Resten, Erinnerungsspuren,
    denen wir (wegen der Bevorzugung des rezenten und des infantilen
    Materials) einen psychologisch derzeit unbestimmbaren Charakter von
    Aktualität zusprechen mußten. Es schafft uns nun nicht viel Ver-
    legenheit vorherzusagen, was geschehen wird, wenn zu diesen Er-

  • S.

    172

    innerungsaktualitäten neues Material an Sensationen während des
    Schlafzustandes hinzutritt. Diese Erregungen erlangen wiederum eine
    Wichtigkeit für den Traum dadurch, daß sie aktuell sind; sie werden
    mit den anderen psychischen Aktualitäten vereinigt, um das Material
    für die Traumbildung abzugeben. Die Reize während des Schlafes
    werden, am es anders zu sagen, in eine Wunscherfüllung verarbeitet,
    deren andere Bestandteile die uns bekannten psychischen Tagesreste
    sind. Diese Vereinigung muß nicht vollzogen werden; wir haben ja
    gehört, daß gegen körperliche Reize während des Schlafes mehr als
    eine Art des Verhaltens möglich ist. Wo sie vollzogen wird, da ist
    es eben gelungen, ein Vorstellungsmaterial für den Trauminhalt zu
    finden, welches für beiderlei Traumquellen, die somatischen wie die
    psychischen, eine Vertretung darstellt.

    Das Wesen des Traumes wird nicht verändert, wenn zu den
    psychischen Traumquellen somatisches Material hinzutritt; er bleibt
    eine Wunscherfüllung, gleichgültig wie deren Ausdruck durch das
    aktuelle Material bestimmt wird.

    Ich will hier gern Raum lassen für eine Reihe von Eigentüm-
    lichkeiten, welche die Bedeutung äußerer Reize für den Traum ver-
    änderlich gestalten können. Ich stelle mir vor, daß ein Zusammen-
    wirken individueller, physiologischer und zufälliger, in den jeweiligen
    Umständen gegebener Momente darüber entscheidet, wie man sich in
    den einzelnen Fällen von intensiverer objektiver Reizung während des
    Schlafes benehmen wird; die habituelle und akzidentelle Schlaftiefe
    im Zusammenhalt mit der Intensität des Reizes wird es das eine Mal er-
    möglichen, den Reiz so zu unterdrücken, daß er im Schlafe nicht
    stört, ein anderes Mal dazu nötigen, aufzuwachen, oder den Versuch
    unterstützen, den Reiz durch Verwebung in einen Traum zu über-
    winden. Der Mannigfaltigkeit dieser Konstellationen entsprechend
    werden äußere objektive Reize bei dem einen häufiger oder seltener
    im Traume zum Ausdruck kommen als bei dem anderen. Bei mir,
    der ich ein ausgezeichneter Schläfer bin und hartnäckig daran fest-
    halte, mich durch keinen Anlaß im Schlafe stören zu lassen, ist die
    Einmengung äußerer Erregungsursachen in die Träume sehr selten,
    während psychische Motive mich doch offenbar sehr leicht zum
    Träumen bringen. Ich habe eigentlich nur einen einzigen Traum auf-
    gezeichnet, in dem eine objektive, schmerzhafte Reizquelle zu erkennen
    ist, und gerade in diesem Traume wird es sehr lehrreich werden, nach-
    zusehen, welchen Traumerfolg der äußere Reiz gehabt hat.

    Ich reite auf einem grauen Pferde, zuerst zaghaft und
    ungeschickt, als ob ich nur angelehnt wäre. Da begegne ich
    einem Kollegen P., der im Lodenanzug hoch zu Roß sitzt
    und mich an etwas mahnt (wahrscheinlich, daß ich schlecht
    sitze). Nun finde ich mich auf dem höchst intelligenten
    Roß immer mehr zurecht, sitze bequem und merke, daß ich
    oben ganz heimisch bin. Als Sattel habe ich eine Art

  • S.

    173

    Polster, das den Raum zwischen Hals und Croup des Pfer-
    des vollkommen ausfüllt. Ich reite so knapp zwischen zwei
    Lastwagen hindurch. Nachdem ich die Straße eine Strecke
    weit geritten bin, kehre ich um und will absteigen, zunächst
    vor einer kleinen offenen Kapelle, die in der Straßenfront
    liegt. Dann steige ich wirklich vor einer ihr nahestehenden
    ab; das Hotel ist in derselben Straße; ich könnte das Pferd
    allein hingehen lassen, ziehe aber vor, es bis dahin zu
    führen. Es ist, als ob ich mich schämen würde, dort als
    Reiter anzukommen. Vor dem Hotel steht ein Hotelbursche,
    der mir einen Zettel zeigt, der von mir gefunden wurde, und
    mich darum verspottet. Auf dem Zettel steht, zweimal unter
    strichen: Nichts essen und dann ein zweiter Vorsatz (un-
    deutlich) wie: nichts arbeiten; dazu eine dumpfe Idee, daß
    ich in einer fremden Stadt bin, in der ich nichts arbeite.

    Dem Traume wird man zunächst nicht anmerken, daß er unter
    dem Einflusse, unter dem Zwange vielmehr, eines Schmerzreizes ent-
    standen ist. Ich hatte aber Tags vorher an Furunkeln gelitten, die
    mir jede Bewegung zur Qual machten, und zuletzt war ein Furunkel
    an der Wurzel des Skrotum zur Apfelgröße herangewachsen, hatte
    mir bei jedem Schritte die unerträglichsten Schmerzen bereitet, und
    fieberhafte Müdigkeit, Eßunlust, die trotzdem festgehaltene schwere
    Arbeit des Tages hatten sich mit den Schmerzen vereint, um meine
    Stimmung zu stören. Ich war nicht recht fähig, meinen ärztlichen
    Aufgaben nachzukommen, aber bei der Art und bei dem Sitze des
    Übels ließ sich an eine andere Verrichtung denken, für die ich sicher-
    lich so untauglich gewesen wäre wie für keine andere, und diese ist
    das Reiten. Gerade in diese Tätigkeit versetzt mich nun der Traum;
    es ist die energischeste Negation des Leidens, die der Vorstellung zu-
    gänglich ist. Ich kann überhaupt nicht reiten, träume auch sonst
    nicht davon, bin überhaupt nur einmal auf einem Pferde gesessen
    und damals ohne Sattel, und es behagte mir nicht. Aber in diesem
    Traume reite ich, als ob ich keinen Furunkel am Damm hätte,
    nein, gerade weil ich keinen haben will. Mein Sattel ist der Be-
    schreibung gemäß der Breiumschlag, der mir das Einschlafen er-
    möglicht hat. Wahrscheinlich habe ich durch die ersten Stunden des
    Schlafes – so verwahrt – nichts von meinem Leiden verspürt. Dann
    meldeten sich die schmerzhaften Empfindungen und wollten mich
    aufwecken, da kam der Traum und sagte beschwichtigend: „Schlaf
    doch weiter, du wirst doch nicht aufwachen! Du hast ja gar keinen
    Furunkel, denn du reitest ja auf einem Pferde, und mit einem Furunkel
    an der Stelle kann man doch nicht reiten!“ Und es gelang ihm so;
    der Schmerz wurde übertäubt und ich schlief weiter.

    Der Traum hat sich aber nicht damit begnügt, mir durch die
    hartnäckige Festhaltung einer mit dem Leiden unverträglichen Vor-
    stellung, den Furunkel „abzusuggerieren“, wobei er sich benommen

  • S.

    174

    wie der halluzinatorische Wahnsinn der Mutter, die ihr Kind ver
    loren hat*), oder des Kaufmannes, den Verluste um sein Vermögen
    gebracht haben; sondern die Einzelheiten der abgeleugneten Sensation
    und des zu ihrer Verdrängung gebrauchten Bildes dienen ihm auch
    als Material, um das, was sonst in der Seele aktuell vorhanden ist, an
    die Situation des Traumes anzuknüpfen und zur Darstellung zu bringen.
    Ich reite ein graues Pferd, die Farbe des Pferdes entspricht genau
    dem pfeffer-
    und salzfarbigen Dreß, in dem ich dem Kollegen
    P. zuletzt auf dem Lande begegnet bin. Scharf gewürzte Nahrung
    ist mir als die Ursache der Furunkulose vorgehalten worden, immer
    hin als Ätiologie dem Zucker vorzuziehen, an den man bei Furun
    kulose denken kann. Freund P. liebt es, sich mir gegenüber aufs
    hohe Roß zu setzen, seitdem er mich bei einer Patientin abgelöst,
    mit der ich große Kunststücke ausgeführt hatte (ich sitze im
    Traume auf dem Pferde zuerst wie ein Kunstreiter tangential),
    die mich aber wirklich, wie das Roß in der Anekdote den Sonntags
    reiter geführt hat, wohin sie wollte. So kommt das Roß zur sym
    bolischen Bedeutung einer Patientin (es ist im Traume höchst in
    telligent). „Ich fühle mich ganz heimisch oben“ geht auf die
    Stellung, die ich in dem Hause innehatte, ehe ich durch P. er
    setzt wurde. „Ich habe gemeint, Sie sitzen oben fest im
    Sattel“, hat mir mit Beziehung auf dasselbe Haus einer meiner
    wenigen Gönner unter den großen Ärzten dieser Stadt vor kurzem
    gesagt. Es war auch ein Kunststück, mit solchen Schmerzen acht
    bis zehn Stunden täglich Psychotherapie zu treiben, aber ich weiß,
    daß ich ohne volles körperliches Wohlbefinden meine besonders
    schwierige Arbeit nicht lange fortsetzen kann, und der Traum ist voll
    düsterer Anspielungen auf die Situation, die sich dann ergeben muß
    (der Zettel, wie ihn die Neurastheniker haben und dem Arzte vor
    zeigen): – Nicht arbeiten und nicht essen. Bei weiterer Deu
    tung sehe ich, daß es der Traumarbeit gelungen ist, von der Wunsch
    situation des Reitens den Weg zu finden zu sehr frühen Kinder
    streitszenen, die sich zwischen mir und einem jetzt in England
    lebenden, übrigens um ein Jahr älteren Neffen abgespielt haben
    mußten. Außerdem hat er Elemente aus meinen Reisen in Italien
    aufgenommen; die Straße im Traume ist aus Eindrücken von Verona
    und von Siena zusammengesetzt. Noch tiefer gehende Deutung führt
    zu sexuellen Traumgedanken, und ich erinnere mich, was bei einer
    Patientin, die nie in Italien war, die Traumanspielungen an das
    schöne Land bedeuten sollten (gen Italien – Genitalien), nicht ohne
    Anknüpfung gleichzeitig an das Haus, in dem ich vor Freund P.
    Arzt war, und an die Stelle, an welcher mein Furunkel sitzt.


    *)Vergleiche die Stelle bei Griesinger und die Bemerkung in meinem
    zweiten Aufsatz über die Abwehr-Psychoneurosen, Neurologisches Zentral
    blatt 1896.

  • S.

    175

    In einem anderen Traume gelang es mir auf ähnliche Weise,
    eine diesmal von einer Sinnesreizung drohende Schlafstörung ab-
    zuwehren, aber es war nur ein Zufall, der mich in den Stand setzte,
    den Zusammenhang des Traumes mit dem zufälligen Traumreiz zu
    entdecken, und solcher Art den Traum zu verstehen. Eines Morgens
    erwachte ich, es war im Hochsommer in einem tirolischen Höhenort,
    mit dem Wissen, geträumt zu haben: Der Papst ist gestorben.
    Die Deutung dieses kurzen, nicht visuellen Traumes gelang mir nicht.
    Ich erinnerte mich nur der einen Anlehnung für den Traum, daß in
    der Zeitung kurze Zeit vorher ein leichtes Unwohlsein Sr. Heiligkeit
    gemeldet worden war. Aber im Laufe des Vormittags fragt meine
    Frau: „Hast du heute morgens das fürchterliche Glockenläuten ge-
    hört?“ Ich wußte nichts davon, daß ich es gehört hatte, aber ich
    verstand jetzt meinen Traum. Er war die Reaktion meines Schlaf-
    bedürfnisses auf den Lärm gewesen, durch den die frommen Tiroler
    mich wecken wollten. Ich rächte mich an ihnen durch die Folgerung,
    die den Inhalt des Traumes bildet, und schlief nun ganz ohne Inter-
    esse für das Geläute weiter.

    Unter den in den vorstehenden Abschnitten erwähnten Träumen
    fänden sich bereits mehrere, die als Beispiele für die Verarbeitung
    sogenannter Nervenreize dienen können. Der Traum vom Trinken in
    vollen Zügen ist ein solcher; in ihm ist der somatische Reiz anschei-
    nend die einzige Traumquelle, der aus der Sensation entspringende
    Wunsch – der Durst – das einzige Traummotiv. Ähnlich ist es in
    anderen einfachen Träumen, wenn der somatische Reiz für sich allein
    einen Wunsch zu bilden vermag. Der Traum der Kranken, die nachts
    den Kühlapparat von der Wange abwirft, zeigt, eine ungewöhnliche
    Art, auf Schmerzensreize mit einer Wunscherfüllung zu reagieren;
    es scheint, daß es der Kranken vorübergehend gelungen war, sich
    analgisch zu machen, wobei sie ihre Schmerzen einem Fremden zu-
    schob.

    Mein Traum von den drei Parzen ist ein offenbarer Hunger-
    traum, aber er weiß das Nahrungsbedürfnis bis auf die Sehnsucht
    des Kindes nach der Mutterbrust zurückzuschieben, und die harmlose
    Begierde zur Decke für eine ernstere, die sich nicht so unverhüllt
    äußern darf, zu benutzen. Im Traume vom Grafen Thun konnten
    wir sehen, auf welchen Wegen ein akzidentell gegebenes körperliches
    Bedürfnis in den stärksten, aber auch stärkst unterdrückten Regungen
    des Seelenlebens in Verbindung gebracht wird. Und wenn, wie in
    dem von Garnier berichteten Falle, der erste Konsul das Geräusch
    der explodierenden Höllenmaschine in einen Schlachtentraum verwebt,
    ehe er davon erwacht, so offenbart sich darin ganz besonders klar
    das Bestreben, in dessen Dienste die Seelentätigkeit sich überhaupt um
    die Sensationen während des Schlafens kümmert. Ein junger Advokat,
    der voll von seinem ersten großen Konkurs des Nachmittags ein-
    schläft, benimmt sich ganz ähnlich wie der große Napoleon. Er

  • S.

    176

    träumt von einem gewissen G. Reich in Hussiatyn, den er aus
    dem Konkurs kennt, aber Hussiatyn drängt sich weiter gebieterisch
    auf; er muß erwachen und hört seine Frau, die an einem Bronchial-
    katarrh leidet, heftig – husten.
    Halten wir diesen Traum des ersten Napoleon, der übrigens ein
    ausgezeichneter Schläfer war, und jenen anderen des langschläfrigen
    Studenten zusammen, der von seiner Zimmerfrau geweckt, er müsse
    ins Spital, sich in ein Spitalbett träumt und dann mit der Motivierung
    weiterschläft: Wenn ich schon im Spital bin, brauche ich ja nicht
    aufzustehen, um hinzugehen. Der letztere ist ein offenbarer Bequem-
    lichkeitstraum, der Schläfer gesteht sich das Motiv seines Träumens
    unverhohlen ein, deckt aber damit eines der Geheimnisse des Träumens
    überhaupt auf. In gewissem Sinne sind alle Träume – Bequem-
    lichkeitsträume; sie dienen der Absicht, den Schlaf fortzusetzen,
    anstatt zu erwachen. Der Traum ist der Wächter des Schlafes,
    nicht sein Störer. Gegen die psychisch erweckenden Momente
    werden wir diese Auffassung an anderer Stelle rechtfertigen; ihre An-
    wendbarkeit auf die Rolle der objektiven äußeren Reize können wir
    hier bereits begründen. Die Seele kümmert sich entweder überhaupt
    nicht um die Anlässe zu Sensationen während des Schlafes, wenn sie
    dies gegen die Intensität und die von ihr wohlverstandene Bedeutung
    dieser Reize vermag; oder sie verwendet den Traum dazu, diese Reize
    in Abrede zu stellen oder zu entwerten, oder drittens, wenn sie die-
    selben anerkennen muß, so sucht sie jene Deutung derselben auf,
    welche die aktuelle Sensation als einen Teilbestand einer gewünschten
    und mit dem Schlafen verträglichen Situation hinstellt. Die aktuelle
    Sensation wird in einen Traum verflochten, um ihr die Realität zu
    rauben. Napoleon darf weiter schlafen; es ist ja nur eine Traum-
    erinnerung an den Kanonendonner von Arcole, was ihn stören will*).
    Der Wunsch zu schlafen, auf den sich das bewußte
    Ich eingestellt hat und der nebst der Traumzensur**) des-
    sen Beitrag zum Träumen darstellt, muß so als Motiv der
    Traumbildung jedesmal eingerechnet werden, und jeder ge-
    lungene Traum ist eine Erfüllung desselben. Wie dieser all-
    gemeine, regelmäßig vorhandene und sich gleichbleibende Schlaf-
    wunsch sich zu den anderen Wünschen stellt, von denen bald der,
    bald jener durch den Trauminhalt erfüllt wird, dies wird Gegen-
    stand einer anderen Auseinandersetzung sein. In dem Schlafwunsch
    haben wir aber jenes Moment aufgedeckt, welches die Lücke in der
    Strümpell-Wundtschen Theorie auszufüllen, die Schiefheit und
    Launenhaftigkeit in der Deutung des äußeren Reizes aufzuklären ver-
    mag. Die richtige Deutung, deren die schlafende Seele sehr wohl


    *)Der Inhalt dieses Traumes wird in den zwei Quellen, aus denen ich ihn
    kenne, nicht übereinstimmend erzählt.

    **)(Und der später zu erwähnenden „sekundären Bearbeitung“).

  • S.

    177

    Verwertung peinlicher Sensationen zur Erfüllung verdrängter Wünsche.

    fähig ist, nähme ein tätiges Interesse in Anspruch, stellte die Anfor-
    derung, dem Schlafe ein Ende zu machen; es werden darum von den
    überhaupt möglichen Deutungen nur solche zugelassen, die mit der
    absolutistisch geübten Zensur des Schlafwunsches vereinbar sind.
    Etwa: Die Nachtigall ist’s und nicht die Lerche. Denn wenn’s die
    Lerche ist, so hat die Liebesnacht ihr Ende gefunden. Unter den nun
    zulässigen Deutungen des Reizes wird dann jene ausgewählt, welche
    die beste Verknüpfung mit den in der Seele lauernden Wunsch-
    anregungen erwerben kann. So ist alles eindeutig bestimmt und nichts
    der Willkür überlassen. Die Mißdeutung ist nicht Illusion, sondern –
    wenn man so will – Ausrede. Hier ist aber wiederum, wie bei dem
    Ersatz durch Verschiebung zu Diensten der Traumzensur, ein Akt der
    Beugung des normalen psychischen Vorganges zuzugeben.

    Wenn die äußeren Nerven- und inneren Leibreize intensiv genug
    sind, um sich psychische Beachtung zu erzwingen, so stellen sie –
    falls überhaupt Träumen und nicht Erwachen ihr Erfolg ist – einen
    festen Punkt für die Traumbildung dar, einen Kern im Traummaterial,
    zu dem eine entsprechende Wunscherfüllung in ähnlicher Weise ge-
    sucht wird, wie (siehe oben) die vermittelnden Vorstellungen zwischen
    zwei psychischen Traumreizen. Es ist insofern für eine Anzahl
    von Träumen richtig, daß in ihnen das somatische Element den
    Trauminhalt kommandiert. In diesem extremen Falle wird selbst
    behufs der Traumbildung ein gerade nicht aktueller Wunsch geweckt.
    Der Traum kann aber nicht anders, als einen Wunsch in einer
    Situation als erfüllt darstellen; er ist gleichsam vor die Aufgabe ge-
    stellt, zu suchen, welcher Wunsch durch die nun aktuelle Sensation
    als erfüllt dargestellt werden kann. Ist dies aktuelle Material von
    schmerzlichem oder peinlichem Charakter, so ist es doch darum zur
    Traumbildung nicht unbrauchbar. Das Seelenleben verfügt auch über
    Wünsche, deren Erfüllung Unlust hervorruft, was ein Widerspruch
    scheint, aber durch die Berufung auf das Vorhandensein zweier
    psychischer Instanzen und die zwischen ihnen bestehende Zensur
    erklärlich wird.

    Es gibt, wie wir gehört haben, im Seelenleben verdrängte
    Wünsche, die dem ersten System angehören, gegen deren Erfüllung
    das zweite System sich sträubt. Es gibt, ist nicht etwa historisch
    gemeint, daß es solche Wünsche gegeben hat und diese dann vernichtet
    worden sind; sondern die Lehre von der Verdrängung, deren man
    in der Psychoneurotik bedarf, behauptet, daß solche verdrängte
    Wünsche noch existieren, gleichzeitig aber eine Hemmung, die auf
    ihnen lastet. Die Sprache trifft das Richtige, wenn sie von „Unter-
    drücken“ solcher Impulse redet. Die psychische Veranstaltung, da-
    mit solche unterdrückte Wünsche zur Realisierung durchdringen,
    bleibt erhalten und gebrauchsfähig. Ereignet es sich aber, daß ein
    solcher unterdrückter Wunsch doch vollzogen wird, so äußert sich
    die überwundene Hemmung des zweiten (bewußtseinsfähigen) Systems

    Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 12

  • S.

    178

    V. Das Traummaterial und die Traumquellen.

    als Unlust. Um nun diese Erörterung zu schließen: wenn Sensationen
    mit Unlustcharakter im Schlafe aus somatischen Quellen vorhanden
    sind, so wird diese Konstellation von der Traumarbeit benutzt, um
    die Erfüllung eines sonst unterdrückten Wunsches – mit mehr oder
    weniger Beibehalt der Zensur – darzustellen.

    Dieser Sachverhalt ermöglicht eine Reihe von Angstträumen,
    während eine andere Reihe dieser der Wunschtheorie ungünstigen
    Traumbildungen einen anderen Mechanismus erkennen läßt. Die
    Angst in den Träumen kann nämlich eine psychoneurotische sein,
    aus psychosexuellen Erregungen stammen, wobei die Angst verdräng-
    ter Libido entspricht. Dann hat diese Angst wie der ganze Angst
    traum die Bedeutung eines neurotischen Symptoms, und wir stehen an
    der Grenze, wo die wunscherfüllende Tendenz des Traumes scheitert.
    In anderen Angstträumen aber ist die Angstempfindung somatisch
    gegeben (etwa wie bei Lungen- und Herzkranken bei zufälliger Atem-
    behinderung), und dann wird sie dazu benutzt, solchen energisch
    unterdrückten Wünschen zur Erfüllung als Traum zu verhelfen,
    deren Träumen aus psychischen Motiven die gleiche Angstentbindung
    zur Folge gehabt hätte. Es ist nicht schwer, die beiden scheinbar
    gesonderten Fälle zu vereinigen. Von zwei psychischen Bildungen,
    einer Affektneigung und einem Vorstellungsinhalt, die innig zu
    sammengehören, hebt die eine, die aktuell gegeben ist, auch im
    Traume die andere; bald die somatisch gegebene Angst den unter
    drückten Vorstellungsinhalt, bald der aus der Verdrängung befreite,
    mit sexueller Erregung einhergehende Vorstellungsinhalt die Angst
    entbindung. Von dem einen Falle kann man sagen, daß ein somatisch
    gegebener Affekt psychisch gedeutet wird; im anderen Falle ist alles
    psychisch gegeben, aber der unterdrückt gewesene Inhalt ersetzt sich
    leicht durch eine zur Angst passende somatische Deutung. Die
    Schwierigkeiten, die sich hier für das Verständnis ergeben, haben
    mit dem Traume nur wenig zu tun; sie rühren daher, daß wir mit
    diesen Erörterungen die Probleme der Angstentwicklung und der
    Verdrängung streifen.

    Zu den kommandierenden Traumreizen aus der inneren Leib-
    lichkeit gehört unzweifelhaft die körperliche Gesamtstimmung. Nicht
    daß sie den Trauminhalt liefern könnte, aber sie nötigt den Traum-
    gedanken eine Auswahl aus dem Material auf, welches zur Dar-
    stellung im Trauminhalt dienen soll, indem sie den einen Teil dieses
    Materials als zu ihrem Wesen passend nahe legt, den anderen fern
    hält. Überdies ist ja wohl diese Allgemeinstimmung vom Tage her
    mit den für den Traum bedeutsamen psychischen Resten verknüpft.
    Dabei kann diese Stimmung selbst im Traume erhalten bleiben, oder
    überwunden werden, so daß sie, wenn unlustvoll, ins Gegenteil um-
    schlägt.

    Wenn die somatischen Reizquellen während des Schlafes – die
    Schlafsensationen also – nicht von ungewöhnlicher Intensität sind,

  • S.

    179

    so spielen sie nach meiner Schätzung für die Traumbildung eine
    ähnliche Rolle wie die als rezent verbliebenen, aber indifferenten Ein-
    drücke des Tages. Ich meine nämlich, sie werden zur Traumbildung
    herangezogen, wenn sie sich zur Vereinigung mit dem Vorstellungs-
    inhalt der psychischen Traumquelle eignen, im anderen Falle aber
    nicht. Sie werden wie ein wohlfeiles, allezeit bereitliegendes Material
    behandelt, welches zur Verwendung kommt, so oft man dessen be-
    darf, anstatt daß ein kostbares Material die Art seiner Verwendung
    selbst mit vorschreibt. Der Fall ist etwa ähnlich, wie wenn der
    Kunstgönner dem Künstler einen seltenen Stein, einen Onyx, bringt,
    aus ihm ein Kunstwerk zu gestalten. Die Größe des Steines, seine
    Farbe und Fleckung helfen mit entscheiden, welcher Kopf oder
    welche Szene in ihm dargestellt werden soll, während bei gleich-
    mäßigem und reichlichem Material von Marmor oder Sandstein der
    Künstler allein der Idee nachfolgt, die sich in seinem Sinne gestaltet.
    Auf diese Weise allein scheint mir die Tatsache verständlich, daß
    jener Trauminhalt, der von den nicht ins Ungewohnte gesteigerten
    Reizen aus unserer Weiblichkeit geliefert wird, doch nicht in allen
    Träumen und nicht in jeder Nacht im Traume erscheint*).

    Vielleicht wird ein Beispiel, das uns wieder zur Traumdeutung
    zurückführt, meine Meinung am besten erläutern. Eines Tages mühte
    ich mich ab zu verstehen, was die Empfindung von Gehemmtsein,
    nicht von der Stelle können, nicht fertig werden u. dgl., die so häufig
    geträumt wird und die der Angst so nahe verwandt ist, wohl be-
    deuten mag. In der Nacht darauf hatte ich folgenden Traum: Ich
    gehe in sehr unvollständiger Toilette aus einer Wohnung
    im Parterre über die Treppe in ein höheres Stockwerk.
    Dabei überspringe ich jedesmal drei Stufen, freue mich,
    daß ich so flink Treppen steigen kann. Plötzlich sehe ich,
    daß ein Dienstmädchen die Treppen herab und also mir
    entgegenkommt. Ich schäme mich, will mich eilen, und
    nun tritt jenes Gehemmtsein auf, ich klebe an den Stufen und
    komme nicht von der Stelle.

    Analyse: Die Situation des Traumes ist der täglichen Wirk-
    lichkeit entnommen. Ich habe in einem Hause in Wien zwei Woh-
    nungen, die nur durch die Treppe außen verbunden sind. Im Hoch-
    parterre befindet sich meine ärztliche Wohnung und mein Arbeits-
    zimmer, einen Stock höher die Wohnräume. Wenn ich in später
    Stunde unten meine Arbeit vollendet habe, gehe ich über die Treppe
    ins Schlafzimmer. An dem Abend vor dem Traume hatte ich diesen
    kurzen Weg wirklich in etwas derangierter Toilette gemacht, d. h.

    *)Rank hat in einer Reihe von Arbeiten gezeigt, daß gewisse, durch
    Organreiz hervorgerufene Weckträume (die Harnreiz- und Pollutionsträume) be-
    sonders geeignet sind, den Kampf zwischen dem Schlafbedürfnis und den An-
    forderungen des organischen Bedürfnisses sowie den Einfluß des letzteren auf
    den Trauminhalt zu demonstrieren.

  • S.

    180

    ich hatte Kragen, Krawatte und Manschetten abgelegt;
    war daraus ein höherer, aber, wie gewöhnlich, unbestimmter Grad
    von Kleiderlosigkeit geworden. Das Überspringen von Stufen ist
    meine gewöhnliche Art, die Treppe zu gehen, übrigens eine bereits
    im Traume anerkannte Wunscherfüllung, denn mit der Leichtigkeit
    dieser Leistung hatte ich mich ob des Zustandes meiner Herzarbeit
    getröstet. Ferner ist diese Art, die Treppe zu gehen, ein wirksamer
    Gegensatz zu der Hemmung in der zweiten Hälfte des Traumes. Sie
    zeigt mir – was des Beweises nicht bedurfte – daß der Traum keine
    Schwierigkeit hat, sich motorische Aktionen in aller Vollkommen-
    heit ausgeführt vorzustellen; man denke an das Fliegen im Traume!

    Die Treppe, über die ich gehe, ist aber nicht die meines Hauses;
    ich erkenne sie zunächst nicht, erst die mir entgegenkommende
    Person klärt mich über die gemeinte Örtlichkeit auf. Diese Person
    ist das Dienstmädchen der alten Dame, die ich täglich zweimal be-
    suche, um ihr Injektionen zu machen; die Treppe ist auch ganz
    ähnlich jener, die ich zweimal im Tage dort zu ersteigen habe.

    Wie gelangt nun diese Treppe und diese Frauenperson in
    meinen Traum? Das Schämen, weil man nicht voll angekleidet ist,
    hat unzweifelhaft sexuellen Charakter; das Dienstmädchen, von dem
    ich träume, ist älter als ich, mürrisch und keineswegs anreizend.
    Zu diesen Fragen fällt mir nun nichts anderes ein als das folgende:
    Wenn ich in diesem Hause den Morgenbesuch mache, werde ich ge-
    wöhnlich auf der Treppe von Räuspern befallen; das Produkt der
    Expektoration gerät auf die Stiege. In diesen beiden Stockwerken
    befindet sich nämlich kein Spucknapf, und ich vertrete den Stand-
    punkt, daß die Reinhaltung der Treppe nicht auf meine Kosten er-
    folgen darf, sondern durch die Anbringung eines Spucknapfes er-
    möglicht werden soll. Die Hausmeisterin, eine gleichfalls ältliche
    und mürrische Person, aber von reinlichen Instinkten, wie ich ihr zu-
    zugestehen bereit bin, nimmt in dieser Angelegenheit einen anderen
    Standpunkt ein. Sie lauert mir auf, ob ich mir wieder die besagte
    Freiheit erlauben werde, und wenn sie das konstatiert hat, höre ich
    sie vernehmlich brummen. Auch versagt sie mir dann für Tage die ge-
    wohnte Hochachtung, wenn wir uns begegnen. Am Vortag des Trau-
    mes bekam nun die Partei der Hausmeisterin eine Verstärkung durch
    das Dienstmädchen. Ich hatte eilig wie immer meinen Besuch bei
    der Kranken abgemacht, als die Dienerin mich im Vorzimmer stellte
    und die Bemerkung von sich gab: „Herr Doktor hätten sich heute
    schon die Stiefel abputzen können, ehe Sie ins Zimmer kommen.
    Der rote Teppich ist wiederum ganz schmutzig von Ihren Füßen.“
    Dies ist der ganze Anspruch, den Treppe und Dienstmädchen geltend
    machen können, um in meinem Traume zu erscheinen.

    Zwischen meinem Über-die-Treppe-Fliegen und dem Auf-der-
    Treppe-Spucken besteht ein inniger Zusammenhang. Rachenkatarrh
    wie Herzbeschwerden sollen beide die Strafen für das Laster des

  • S.

    181

    Typische Träume.

    Rauchens darstellen, wegen dessen ich natürlich auch bei meiner
    Hausfrau nicht den Ruf der größten Nettigkeit genieße, in dem einen
    Hause so wenig wie in dem anderen, die der Traum zu einem Ge-
    bilde verschmilzt.

    Die weitere Deutung des Traumes muß ich verschieben, bis
    ich berichten kann, woher der typische Traum von der unvoll-
    ständigen Bekleidung rührt. Ich bemerke nur als vorläufiges Er-
    gebnis des mitgeteilten Traumes, daß die Traumsensation der ge-
    hemmten Bewegung überall dort hervorgerufen wird, wo ein gewisser
    Zusammenhang ihrer bedarf. Ein besonderer Zustand meiner Motilität
    im Schlafe kann nicht die Ursache dieses Trauminhaltes sein, denn
    einen Moment vorher sah ich mich ja wie zur Sicherung dieser Er-
    kenntnis leichtfüßig über die Stufen eilen.

    d) Typische Träume.

    Wir sind im allgemeinen nicht im stande, den Traum eines
    anderen zu deuten, wenn derselbe uns nicht die hinter dem Traum-
    inhalt stehenden unbewußten Gedanken ausliefern will, und dadurch
    wird die praktische Verwertbarkeit unserer Methode der Traum-
    deutung schwer beeinträchtigt. Nun gibt es aber, so recht im Gegen-
    satz zu der sonstigen Freiheit des einzelnen, sich seine Traumwelt in
    individueller Besonderheit auszustatten und dadurch dem Verständnis
    der anderen unzugänglich zu machen, eine gewisse Anzahl von
    Träumen, die fast jedermann in derselben Weise geträumt hat, von
    denen wir anzunehmen gewohnt sind, daß sie auch bei jedermann
    dieselbe Bedeutung haben. Ein besonderes Interesse wendet sich
    diesen typischen Träumen auch darum zu, weil sie vermutlich bei
    allen Menschen aus den gleichen Quellen stammen, also besonders
    gut geeignet scheinen, uns über die Quellen der Träume Aufschluß
    zu geben.

    Wir werden also mit ganz besonderen Erwartungen darangehen,
    unsere Technik der Traumdeutung an diesen typischen Träumen zu
    versuchen und uns nur sehr ungern eingestehen, daß unsere Kunst
    sich gerade an diesem Material nicht recht bewährt. Bei der Deutung
    der typischen Träume versagen in der Regel die Einfälle des Träumers,
    die uns sonst zum Verständnis des Traumes geleitet haben, oder sie
    werden unklar und unzureichend, so daß wir unsere Aufgabe mit ihrer
    Hilfe nicht lösen können.

    Woher dies rührt, und wie wir diesem Mangel unserer Technik
    abhelfen, wird sich an einer späteren Stelle unserer Arbeit ergeben.
    Dann wird dem Leser auch verständlich werden, warum ich hier nur
    einige aus der Gruppe der typischen Träume behandeln kann und
    die Erörterung der anderen auf jenen späteren Zusammenhang ver-
    schiebe.

  • S.

    182

    α) Der Verlegenheitstraum der Nacktheit.

    Der Traum, daß man nackt oder schlecht bekleidet in Gegen-
    wart Fremder sei, kommt auch mit der Zutat vor, man habe sich
    dessen gar nicht geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt aber dem
    Nacktheitstraume nur dann, wenn man in ihm Scham und Verlegenheit
    empfindet, entfliehen oder sich verbergen will und dabei der eigen-
    tümlichen Hemmung unterliegt, daß man nicht von der Stelle kann
    und sich unvermögend fühlt, die peinliche Situation zu verändern.
    Nur in dieser Verbindung ist der Traum typisch; der Kern seines
    Inhaltes mag sonst in allerlei andere Verknüpfungen einbezogen
    werden oder mit individuellen Zutaten versetzt sein. Es handelt sich
    im wesentlichen um die peinliche Empfindung von der Natur der
    Scham, daß man seine Nacktheit, meist durch Lokomotion, verbergen
    möchte und es nicht zu stande bringt. Ich glaube, die allermeisten
    meiner Leser werden sich in dieser Situation im Traume bereits be-
    funden haben.

    Für gewöhnlich ist die Art und Weise der Entkleidung wenig
    deutlich. Man hört etwa erzählen, ich war im Hemde, aber dies ist
    selten ein klares Bild; meist ist die Unbekleidung so unbestimmt,
    daß sie durch eine Alternative in der Erzählung wiedergegeben wird:
    „Ich war im Hemde oder im Unterrocke.“ In der Regel ist der
    Defekt der Toilette nicht so arg, daß die dazugehörige Scham gerecht-
    fertigt schiene. Für den, der den Rock des Kaisers getragen hat, er-
    setzt sich die Nacktheit häufig durch eine vorschriftswidrige Ad-
    justierung. Ich bin ohne Säbel auf der Straße und sehe Offiziere näher
    kommen, oder ohne Halsbinde, oder trage eine karrierte Zivilhose
    u. dgl.

    Die Leute, vor denen man sich schämt, sind fast immer Fremde
    mit unbestimmt gelassenen Gesichtern. Niemals ereignet es sich im
    typischen Traume, daß man wegen der Kleidung, die einem selbst
    solche Verlegenheit bereitet, beanstandet oder auch nur bemerkt wird.
    Die Leute machen ganz im Gegenteil gleichgültige, oder wie ich es
    in einem besonders klaren Traume wahrnehmen konnte, feierlich steife
    Mienen. Das gibt zu denken.

    Die Schamverlegenheit des Träumers und die Gleichgültigkeit
    der Leute ergeben mitsammen einen Widerspruch, wie er im Traume
    häufig vorkommt. Zu der Empfindung des Träumenden würde doch
    nur passen, daß die Fremden ihn erstaunt ansehen und verlachen,
    oder sich über ihn entrüsten. Ich meine aber, dieser anstößige Zug
    ist durch die Wunscherfüllung beseitigt worden, während der andere,
    durch irgend welche Macht gehalten, stehen blieb, und so stimmen
    die beiden Stücke dann schlecht zueinander. Wir besitzen ein inter-
    essantes Zeugnis dafür, daß der Traum in seiner durch Wunsch-
    erfüllung partiell entstellten Form das richtige Verständnis nicht ge-
    funden hat. Er ist nämlich die Grundlage eines Märchens geworden,

  • S.

    183

    Der Verlegenheitstraum der Nacktheit.

    welches uns allen in der Andersenschen Fassung*) bekannt ist,
    und in der jüngsten Zeit durch L. Fulda im „Talisman“ poetischer
    Verwertung zugeführt worden ist. Im Andersenschen Märchen wird
    von zwei Betrügern erzählt, die für den Kaiser ein kostbares Gewand
    weben, das aber nur den Guten und Treuen sichtbar sein soll. Der
    Kaiser geht mit diesem unsichtbaren Gewand bekleidet aus, und durch
    die prüfsteinartige Kraft des Gewebes erschreckt tun alle Leute, als
    ob sie die Nacktheit des Kaisers nicht merkten.

    Letzteres ist aber nicht viel Kühnheit dazu, anzunehmen, daß der unverständ-
    liche Trauminhalt eine Anregung gegeben hat, um eine Einkleidung
    zu erfinden, in welcher die vor der Erinnerung stehende Situation
    sinnreich wird. Dieselbe ist dabei ihrer ursprünglichen Bedeutung
    beraubt und fremden Zwecken dienstbar gemacht worden. Aber wir
    werden hören, daß solches Mißverständnis des Trauminhaltes durch die
    bewußte Denktätigkeit eines zweiten psychischen Systems häufig
    vorkommt und als ein Faktor für die endgültige Traumgestaltung an
    zuerkennen ist, ferner daß bei der Bildung von Zwangsvorstellungen
    und Phobien ähnliche Mißverständnisse – gleichfalls innerhalb der
    nämlichsten psychischen Persönlichkeit – eine Hauptrolle spielen.
    Es läßt sich auch für unseren Traum angeben, woher das Material
    für die Umdeutung genommen wird. Der Betrüger ist der Traum,
    der Kaiser der Träumer selbst, und die moralisierende Tendenz ver-
    rät eine dunkle Kenntnis davon, daß es sich im latenten Traum
    inhalte um unerlaubte, der Verdrängung geopferte Wünsche handelt.
    Der Zusammenhang, in welchem solche Träume während meiner Ana-
    lysen bei Neurotikern auftreten, läßt nämlich keinen Zweifel darüber,
    daß dem Traume eine Erinnerung aus der frühesten Kindheit zu
    grunde liegt. Nur in unserer Kindheit gab es die Zeit, daß wir in
    mangelhafter Bekleidung von unseren Angehörigen wie von fremden
    Pflegepersonen, Dienstmädchen, Besuchern gesehen wurden und wir
    haben uns damals unserer Nacktheit nicht geschämt**). An vielen
    Kindern kann man noch in späteren Jahren beobachten, daß ihre Ent-
    kleidung wie berauschend auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham zu
    leiten. Sie lachen, springen herum, schlagen sich auf den Leib, die
    Mutter oder wer dabei ist, verweist es ihnen, sagt: Pfui, das ist eine
    Schande, das darf man nicht. Die Kinder zeigen häufig Exhibitions-
    gelüste; man kann kaum durch ein Dorf in unseren Gegenden gehen,
    ohne daß man einem zwei- bis dreijährigen Kleinen begegnete, welches
    vor dem Wanderer, vielleicht ihm zu Ehren, sein Hemdchen hochhebt.
    Einer meiner Patienten hat in seiner bewußten Erinnerung eine Szene
    aus seinen achten Lebensjahre bewahrt, wie er nach der Entkleidung


    *)„Des Kaisers neue Kleider.“

    **)Das Kind tritt auch im Märchen auf, denn dort ruft plötzlich ein
    kleines Kind: „Aber er hat ja gar nichts an.“

  • S.

    184

    vor dem Schlafengehen im Hemde zu seiner kleinen Schwester im
    nächsten Zimmer hinaustanzt, und wie die dienende Person
    es ihm verwehrt. In der Jugendgeschichte von Neurotikern spielt die
    Entblößung vor Kindern des anderen Geschlechtes eine große Rolle;
    in der Paranoia ist der Wahn, beim An- und Auskleiden beobachtet
    zu werden, auf diese Erlebnisse zurückzuführen; unter den pervers
    Gebliebenen ist eine Klasse, bei denen der infantile Impuls zum
    Zwang erhoben worden ist, die der Exhibitionisten.

    Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer Rück-
    schau später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichts
    anderes als die Massenphantasie von der Kindheit des einzelnen.
    Darum sind auch im Paradies die Menschen nackt und schämen sich
    nicht voreinander, bis ein Moment kommt, in dem die Scham und
    die Angst erwachen, die Vertreibung erfolgt, das Geschlechtsleben
    und die Kulturarbeit beginnt. In dieses Paradies kann uns nun der
    Traum allnächtlich zurückführen; wir haben bereits der Vermutung
    Ausdruck gegeben, daß die Eindrücke aus der ersten Kindheit (der
    prähistorischen Periode bis etwa zum vollendeten vierten Jahre) an
    und für sich, vielleicht ohne daß es auf ihren Inhalt weiter ankäme,
    nach Reproduktion verlangen, daß deren Wiederholung eine Wunsch-
    erfüllung ist. Die Nacktheitsträume sind also Exhibitionsträume*).

    Den Kern des Exhibitionstraumes bildet die eigene Gestalt, die
    nicht als die eines Kindes, sondern wie in der Gegenwart gesehen
    wird, und die mangelhafte Bekleidung, welche durch die Überlagerung
    so vieler späterer Negligéerinnerungen oder der Zensur zuliebe un-
    deutlich ausfällt; dazu kommen nun die Personen, vor denen man
    sich schämt. Ich kenne kein Beispiel, daß die tatsächlichen Zu-
    schauer bei jenen infantilen Exhibitionen im Traume wieder auftreten.
    Der Traum ist eben fast niemals eine einfache Erinnerung. Merk-
    würdigerweise werden jene Personen, denen unser sexuelles Interesse
    in der Kindheit galt, in allen Reproduktionen des Traumes, der
    Hysterie und der Zwangsneurose ausgelassen; erst die Paranoia setzt
    die Zuschauer wieder ein und schließt, obwohl sie unsichtbar ge-
    blieben sind, mit fanatischer Überzeugung auf ihre Gegenwart. Was
    der Traum für sie einsetzt, „viele fremde Leute“, die sich nicht um
    das gebotene Schauspiel kümmern, ist geradezu der Wunschgegen-
    satz zu jener einzelnen, wohlvertrauten Person, der man die Ent-
    blößung bot. „Viele fremde Leute“ finden sich in Träumen übrigens
    auch häufig in beliebigem anderen Zusammenhang; sie bedeuten
    immer als Wunschgegensatz „Geheimnis“**). Man merkt, wie auch

    *)Eine Anzahl interessanter Nacktheitsträume bei Frauen, die sich ohne
    Schwierigkeiten auf die infantile Exhibitionslust zurückführen ließen, aber in
    manchen Zügen von dem oben behandelten „typischen“ Nacktheitstraum ab-
    weichen, hat Ferenczi mitgeteilt.

    **)Dasselbe bedeutet, aus begreiflichen Gründen, im Traume die Anwesen-
    heit der „ganzen Familie“.

  • S.

    185

    die Restitution des alten Sachverhaltes, die in der Paranoia vor sich
    geht, diesem Gegensatze Rechnung trägt. Man ist nicht mehr allein,
    man wird ganz gewiß beobachtet, aber die Beobachter sind „viele,
    fremde, merkwürdig unbestimmt gelassene Leute“.

    Außerdem kommt im Exhibitionstraume die Verdrängung zur
    Sprache. Die peinliche Empfindung des Traumes ist ja die Reaktion
    des zweiten psychischen Systems dagegen, daß der von ihr ver-
    worfene Inhalt der Exhibitionsszene dennoch zur Vorstellung gelangt
    ist. Um sie zu ersparen, hätte die Szene nicht wieder belebt werden dürfen.
    Von der Empfindung des Gehemmtseins werden wir später
    nochmals handeln. Sie dient im Traume vortrefflich dazu, den
    Willenskonflikt, das Nein, darzustellen. Nach der unbewußten
    Absicht soll die Exhibition fortgesetzt, nach der Forderung der Zensur
    unterbrochen werden.

    Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den Märchen
    und anderen Dichtungsstoffen sind gewiß weder vereinzelte noch zu-
    fällige. Gelegentlich hat ein scharfes Dichterauge den Umwandlungs-
    prozeß, dessen Werkzeug sonst der Dichter ist, analytisch erkannt und
    ihn in umgekehrter Richtung verfolgt, also die Dichtung auf den
    Traum zurückgeführt. Ein Freund macht mich auf folgende Stelle
    aus G. Kellers „Grünem Heinrich“ aufmerksam: „Ich wünsche
    Ihnen nicht, lieber Lee, daß Sie jemals die ausgesuchte pikante
    Wahrheit in der Lage des Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm-
    bedeckt vor Nausikaa und ihren Gespielen erscheint, so recht aus
    Erfahrung empfinden lernen! Wollen Sie wissen, wie das zugeht?
    Halten wir das Beispiel einmal fest. Wenn Sie einst getrennt von
    Ihrer Heimat und allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde umher-
    schweifen und Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben
    Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen, so wird es
    Ihnen des Nachts unfehlbar träumen, daß Sie sich Ihrer Heimat
    nähern; Sie sehen sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben,
    holde, feine und liebe Gestalten treten Ihnen entgegen; da entdecken
    Sie plötzlich, daß Sie zerfetzt, nackt und staubbedeckt umhergehen.
    Eine namenlose Scham und Angst faßt Sie, Sie suchen sich zu be-
    decken, zu verbergen und erwachen im Schweiße gebadet. Dies ist,
    solange es Menschen gibt, der Traum des kummervollen, umher-
    geworfenen Mannes, und so hat Homer jene Lage aus dem tiefsten
    und ewigen Wesen der Menschheit herausgenommen.“

    Das tiefste und ewige Wesen der Menschen, auf dessen Er-
    weckung der Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das sind
    jene Regungen des Seelenlebens, die in der später prähistorisch ge-
    wordenen Kinderzeit wurzeln. Hinter den bewußtseinsfähigen und
    einwandfreien Wünschen des Heimatlosen brechen im Traume die
    unterdrückten und unerlaubt gewordenen Kinderwünsche hervor, und
    darum schlägt der Traum, den die Sage von der Nausikaa objektiviert,
    regelmäßig in einen Angsttraum um.

  • S.

    186

    Mein eigener, auf p. 179 erwähnter Traum von dem Eilen über
    die Treppe, das sich bald nachher in ein An-
    den-Stufen-Kleben ver-
    wandelt, ist gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er die wesentlichen
    Bestandstücke eines solchen aufweist. Er müßte sich also auf Kinder-
    erlebnisse zurückführen lassen, und die Kenntnis derselben müßte
    einen Aufschluß darüber geben, inwiefern das Benehmen des Dienst-
    mädchens gegen mich, ihr Vorwurf, daß ich den Teppich schmutzig
    gemacht habe, ihr zur Stellung verhilft, die sie im Traume einnimmt.
    Ich kann die gewünschten Aufklärungen nun wirklich beibringen.
    In einer Psychoanalyse lernt man die zeitliche Annäherung auf sach-
    lichen Zusammenhang umdeuten; zwei Gedanken, die, anscheinend
    zusammenhangslos, unmittelbar aufeinanderfolgen, gehören zu einer
    Einheit, die zu erraten ist, ebenso wie ein a und ein b, die ich neben-
    einander hinschreibe, als eine Silbe: a b, ausgesprochen werden sollen.
    Ähnlich mit der Aufeinanderbeziehung der Träume. Der erwähnte
    Traum von der Treppe ist aus einer Traumreihe herausgegriffen,
    deren andere Glieder mir der Deutung nach bekannt sind. Der von
    ihnen eingeschlossene Traum muß in demselben Zusammenhang ge-
    hören. Nun liegt jenen anderen einschließenden Träumen die Er-
    innerung an eine Kinderfrau zu grunde, die mich von irgend einem
    Termin der Säuglingszeit bis zum Alter von 21/2 Jahren betreut hat,
    von der mir auch eine dunkle Erinnerung im Bewußtsein geblieben
    ist. Nach den Auskünften, die ich unlängst von meiner Mutter ein-
    geholt habe, war sie alt und häßlich, aber sehr klug und tüchtig;
    nach den Schlüssen, die ich aus meinen Träumen ziehen darf, hat
    sie mir nicht immer die liebevollste Behandlung angedeihen und mich
    harte Worte hören lassen, wenn ich der Erziehung zur Reinlichkeit
    kein genügendes Verständnis entgegenbrachte. Indem also das Dienst-
    mädchen dieses Erziehungswerk fortzusetzen sich bemüht, erwirbt sie
    den Anspruch, von mir als Inkarnation der prähistorischen Alten im
    Traume behandelt zu werden. Es ist wohl anzunehmen, daß das
    Kind dieser Erzieherin, trotz ihrer schlechten Behandlung, seine Liebe
    geschenkt hat*).

    ß) Die Träume vom Tod teurer Personen.

    Eine andere Reihe von Träumen, die typisch genannt werden
    dürfen, sind die mit dem Inhalte, daß ein teurer Verwandter, Eltern
    oder Geschwister, Kinder usw. gestorben ist. Man muß sofort von
    diesen Träumen zwei Klassen unterscheiden, die einen, bei welchen
    man im Traume von Trauer unberührt bleibt, so daß man sich nach

    *)Eine Überdeutung dieses Traumes: Auf der Treppe spucken, das führte,
    da „Spucken“ eine Tätigkeit der Geister ist, bei loser Übersetzung zum „esprit
    d’escalier“: Treppenwitz heißt soviel als Mangel an Schlagfertigkeit. Den habe
    ich mir wirklich vorzuwerfen. Ob aber die Kinderfrau es an „Schlagfertig-
    keit“ hat fehlen lassen?

  • S.

    187

    Die Träume vom Tod teurer Personen.

    dem Erwachen über seine Gefühllosigkeit wundert, die anderen, bei
    denen man tiefen Schmerz über den Todesfall empfindet, ja ihn selbst
    in heißen Tränen während des Schlafes äußert.

    Die Träume der ersten Gruppe dürfen wir bei Seite lassen;
    sie haben keinen Anspruch, als typisch zu gelten. Wenn man sie
    analysiert, findet man, daß sie etwas anderes bedeuten als sie ent-
    halten, daß sie dazu bestimmt sind, irgend einen anderen Wunsch
    zu verdecken. So der Traum der Tante, die den einzigen Sohn ihrer
    Schwester aufgebahrt vor sich sieht (p. 116). Das bedeutet nicht, daß
    sie dem kleinen Neffen den Tod wünscht, sondern verbirgt nur, wie
    wir erfahren haben, den Wunsch, eine gewisse geliebte Person nach
    langer Entbehrung wieder zu sehen, dieselbe, die sie früher einmal
    nach ähnlich langer Pause bei der Leiche eines anderen Neffen wieder
    gesehen hat. Dieser Wunsch, welcher der eigentliche Inhalt des
    Traumes ist, gibt keinen Anlaß zur Trauer, und darum wird auch
    im Traume keine Trauer verspürt. Man merkt es hier, daß die im
    Traume enthaltene Empfindung nicht zum manifesten Trauminhalt
    gehört, sondern zum latenten, daß der Affektinhalt des Traumes von
    der Entstellung frei geblieben ist, welche den Vorstellungsinhalt be-
    troffen hat.

    Anders die Träume, in denen der Tod einer geliebten ver-
    wandten Person vorgestellt und dabei schmerzlicher Affekt verspürt
    wird. Diese bedeuten, was ihr Inhalt besagt, den Wunsch, daß die
    betreffende Person sterben möge, und da ich hier erwarten darf, daß
    sich die Gefühle aller Leser und aller Personen, die Ähnliches ge-
    träumt haben, gegen meine Auslegung sträuben werden, muß ich den
    Beweis auf der breitesten Basis anstreben.

    Wir haben bereits einen Traum erläutert, aus dem wir lernen
    konnten, daß die Wünsche, welche sich in Träumen als erfüllt dar-
    stellen, nicht immer aktuelle Wünsche sind. Es können auch ver-
    flossene, abgetane, überlagerte und verdrängte Wünsche sein, denen
    wir nur wegen ihres Wiederauftauchens im Traume doch eine Art
    von Fortexistenz zusprechen müssen. Sie sind nicht tot wie die
    Verstorbenen nach unserem Begriffe, sondern wie die Schatten der
    Odyssee, die sobald sie Blut getrunken haben, zu einem gewissen
    Leben erwachen. In jenem Traume vom toten Kinde in der Schachtel
    (p. 118) handelte es sich um einen Wunsch, der vor 15 Jahren
    aktuell war und von damals her unumwunden eingestanden wurde.

    Es ist vielleicht für die Theorie des Traumes nicht gleichgültig, wenn
    ich hinzufüge, daß selbst diesem Wunsche eine Erinnerung aus der
    frühesten Kindheit zu Grunde liegt. Die Träumerin hat als kleines
    Kind – wann, ist nicht sicher festzustellen – gehört, daß ihre Mutter
    in der Schwangerschaft, deren Frucht sie wurde, in eine schwere Ver-
    stimmung verfallen war und dem Kinde in ihrem Leibe sehnlichst den
    Tod gewünscht hatte. Selbst erwachsen und gravid geworden, folgte
    sie nur dem Beispiele der Mutter.

  • S.

    188

    Wenn jemand unter Schmerzensäußerungen davon träumt, sein
    Vater oder seine Mutter, Bruder oder Schwester seien gestorben, so
    werde ich diesen Traum niemals als Beweis dafür verwenden, daß
    er ihnen jetzt den Tod wünscht. Die Theorie des Traumes fordert
    nicht so viel; sie begnügt sich zu schließen, daß er ihnen – irgend
    einmal in der Kindheit – den Tod gewünscht habe. Ich fürchte
    aber, diese Einschränkung wird noch wenig zur Beruhigung der
    Beschwerdeführer beitragen; diese dürften ebenso energisch die Mög-
    lichkeit bestreiten, daß sie je so gedacht haben, wie sie sich sicher
    fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wünsche zu hegen. Ich muß
    darum ein Stück vom untergegangenen Kinderseelenleben nach den
    Zeugnissen, die noch die Gegenwart aufweist, wieder herstellen*).

    Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren Ge-
    schwistern ins Auge. Ich weiß nicht, warum wir voraussetzen, es
    müsse ein liebevolles sein, da doch die Beispiele von Geschwister-
    feindschaft unter Erwachsenen in der Erfahrung eines jeden sich
    drängen, und wir so oft feststellen können, diese Entzweiung rühre
    noch aus der Kindheit her oder habe von jeher bestanden. Aber auch
    sehr viele Erwachsene, die heute an ihren Geschwistern zärtlich hängen
    und ihnen beistehen, haben in ihrer Kindheit in kaum unterbrochener
    Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat das jüngere miß-
    handelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen beraubt; das jüngere hat
    sich in ohnmächtiger Wut gegen das ältere verzehrt, es beneidet und
    gefürchtet, oder sein ersten Regungen von Freiheitsdrang und Rechts-
    bewußtsein haben sich gegen den Unterdrücker gewendet. Die Eltern
    sagen, die Kinder vertragen sich nicht, und wissen den Grund hiefür
    nicht zu finden. Es ist nicht schwer zu sehen, daß der Charakter auch
    des braven Kindes ein anderer ist, als wir ihn bei einem Erwachsenen
    zu finden wünschen. Das Kind ist absolut egoistisch, es empfindet
    seine Bedürfnisse intensiv und strebt rücksichtslos nach ihrer Befriedi-
    gung, insbesondere gegen seine Mitbewerber, andere Kinder, und in
    erster Linie gegen seine Geschwister. Wir heißen das Kind aber
    darum nicht „schlecht“, wir heißen es „schlimm“; es ist unverant-
    wortlich für seine bösen Taten vor unserem Urteil wie vor dem
    Strafgesetz. Und das mit Recht; denn wir dürfen erwarten, daß noch
    innerhalb von Lebenszeiten, die wir der Kindheit zurechnen, in
    dem kleinen Egoisten die altruistischen Regungen und die Moral er-
    wachen werden, daß, mit Meynert zu reden, ein sekundäres Ich
    das primäre überlagern und hemmen wird. Wohl entsteht die Mora-
    lität nicht gleichzeitig auf der ganzen Linie, auch ist die Dauer der
    morallosen Kindheitsperiode bei den einzelnen Individuen verschieden.

    *)Vgl. hiezu: Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben im Jahrbuch
    für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, Bd. I, 1909, und
    „Über infantile Sexualtheorien“ in Sammlung kl. Schriften z. Neurosenlehre,
    zweite Folge.

  • S.

    189

    lang. Wo die Entwicklung dieser Moralität ausbleibt, sprechen wir
    gern von „Degeneration“; es handelt sich offenbar um eine Ent-
    wicklunghemmung. Wo der primäre Charakter durch die spätere
    Entwicklung bereits überlagert ist, kann er durch die Erkrankung
    an Hysterie wenigstens partiell wieder freigelegt werden. Die Über-
    einstimmung des sogenannten hysterischen Charakters mit dem eines
    schlimmen Kindes ist geradezu auffällig. Die Zwangsneurose hin-
    gegen entspricht dem Durchbruch einer Übermoralität, die als ver-
    stärkende Belastung dem sich immer wieder regenden primären Cha-
    rakter auferlegt war.

    Viele Personen also, die heute ihre Geschwister lieben und sich
    durch ihr Hinsterben beraubt fühlen würden, tragen von früher her
    böse Wünsche gegen dieselben in ihrem Unbewußten, welche sich in
    Träumen zu realisieren vermögen. Es ist aber ganz besonders inter-
    essant, kleine Kinder bis zu drei Jahren oder wenig darüber in
    ihrem Verhalten gegen jüngere Geschwister zu beobachten. Das Kind
    war bisher das einzige, nun wird ihm angekündigt, daß der Storch
    ein neues Kind gebracht hat. Das Kind mustert den Ankömmling und
    äußert dann entschieden: „Der Storch soll es wieder mitnehmen.“*)

    Ich bekenne mich in allem Ernst zur Meinung, daß das Kind
    abzuschätzen weiß, welche Benachteiligung es von dem Fremdling zu
    erwarten hat. Von einer mir nahestehenden Dame, die sich heute
    mit ihrer um vier Jahre jüngeren Schwester sehr gut verträgt, weiß
    ich, daß sie die Nachricht von deren Ankunft mit dem Vorbehalt
    beantwortet hat: „Aber meine rote Kappe werde ich ihr doch nicht
    geben.“ Sollte das Kind erst später zu dieser Erkenntnis kommen,
    so wird seine Feindseligkeit in diesem Zeitpunkte erwachen. Ich
    kenne einen Fall, daß ein nicht dreijähriges Mädchen den Säugling
    in der Wiege zu erwürgen versuchte, von dessen weiterer Anwesen-
    heit ihr nichts Gutes ahnte. Der Eifersucht sind Kinder um diese
    Lebenszeit in aller Stärke und Deutlichkeit fähig. Oder das kleine
    Geschwisterchen ist wirklich bald wieder verschwunden, das Kind hat
    wieder alle Zärtlichkeit im Hause auf sich vereinigt, nun kommt ein
    neues vom Storche geschickt; ist es da nicht korrekt, daß unser
    Liebling den Wunsch in sich erschaffen sollte, der neue Konkurrent
    möge dasselbe Schicksal haben wie der frühere, damit es ihm wieder
    so gut gehe wie vorhin und in der Zwischenzeit?**) Natürlich ist

    *)Der 31/2jährige Hans, dessen Phobie Gegenstand der Analyse in der
    vorhin erwähnten Veröffentlichung ist, ruft im Fieber kurz nach der Geburt
    einer Schwester: Ich will aber kein Schwesterchen haben. In seiner Neurose,
    11/2 Jahre später gemacht, er den Wunsch, daß die Mutter das Kleine beim
    Baden in die Wanne fallen lassen möge, damit es sterbe, unumwunden ein. Dabei
    ist Hans ein gutartiges zärtliches Kind, welches bald auch diese Schwester lieb-
    gewinnt und sie besonders gern protegiert.

    **)Solche in der Kindheit erlebte Sterbefälle mögen in der Familie bald
    vergessen worden sein, die psychoanalytische Erforschung zeigt doch, daß sie
    für die spätere Neurose sehr bedeutungsvoll geworden sind.

  • S.

    190

    dieses Verhalten des Kindes gegen die Nachgeborenen in normalen
    Verhältnissen eine einfache Funktion des Altersunterschiedes. Bei
    einem gewissen Intervall werden sich in dem älteren Mädchen
    bereits die mütterlichen Instinkte gegen das hilflose Neugeborene
    regen.

    Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister müssen
    im Kindesalter noch weit häufiger sein, als sie der stumpfen Beob-
    achtung Erwachsener auffallen*).

    Bei meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, habe
    ich die Gelegenheit zu solchen Beobachtungen versäumt; ich hole sie
    jetzt bei meinem kleinen Neffen nach, dessen Alleinherrschaft nach
    15 Monaten durch das Auftreten einer Mitbewerberin gestört wurde.
    Ich höre zwar, daß der junge Mann sich sehr ritterlich gegen das
    Schwesterchen benimmt, ihr die Hand küßt und sie streichelt; ich
    überzeuge mich aber, daß er schon vor seinem vollendeten zweiten
    Jahre seine Sprachfähigkeit dazu benutzt, um Kritik an der ihm doch
    nur überflüssig erscheinenden Person zu üben. So oft die Rede auf
    sie kommt, mengt er sich ins Gespräch und ruft unwillig: Zu k(l)ein,
    zu k(l)ein. In den letzten Monaten, seitdem das Kind sich durch
    vortreffliche Entwicklung dieser Geringschätzung entzogen hat, weiß
    er seine Mahnung, daß sie soviel Aufmerksamkeit nicht verdient, an-
    ders zu begründen. Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen daran:
    Sie hat keine Zähne**). Von dem ältesten Mädchen einer anderen
    Schwester haben wir alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals
    sechsjährige Kind sich eine halbe Stunde lang von allen Tanten be-
    stätigen ließ: „Nicht wahr, das kann die Lucie noch nicht ver-
    stehen?“ Lucie war die um 21/2 Jahre jüngere Konkurrentin.

    Den gesteigerten Feindseligkeit entsprechenden Traum vom Tode
    der Geschwister habe ich z. B. bei keiner meiner Patientinnen ver-
    mißt. Ich fand nur eine Ausnahme, die sich leicht in eine Bestäti-
    gung der Regel umdeuten ließ. Als ich einst einer Dame während


    *)Beobachtungen, die sich auf das ursprünglich feindselige Verhalten von
    Kindern gegen Geschwister und einen Elternteil beziehen, sind seither in großer
    Anzahl gemacht und in der psychoanalytischen Literatur niedergelegt worden.
    Besonders echt und naiv hat der Dichter S p i t t e l e r diese typische kind-
    liche Einstellung aus seiner frühesten Kindheit geschildert: „Übrigens war noch
    ein zweiter Adolf da. Ein kleines Geschöpf, von dem man behauptete, er wäre
    mein Bruder, von dem ich aber nicht begriff, wozu er nützlich sei; noch weniger,
    weswegen man solch ein Wesen aus ihm mache wie von mir selber. Ich genügte
    für mein Bedürfnis, was brauchte ich einen Bruder? Und nicht bloß unnütz
    war er, sondern mitunter sogar hinderlich. Wenn ich die Großmutter belästigte,
    wollte er sie ebenfalls belästigen, wenn ich im Kinderwagen gefahren wurde,
    saß er gegenüber und nahm mir die Hälfte Platz weg, so daß wir uns mit den
    Füßen stoßen mußten.“

    **)In die nämlichen Worte kleidet der 31/2jährige Hans seine vernichtende
    Kritik seiner Schwester (l. c.). Er nimmt an, daß sie wegen des Mangels der
    Zähne nicht sprechen kann.

  • S.

    191

    Die Vorstellung des Kindes vom „Totsein“.

    einer Sitzung diesen Sachverhalt erklärte, der mir bei dem Symptom
    an der Tagesordnung in Betracht zu kommen schien, antwortete sie
    mir zu meinem Erstaunen, sie habe solche Träume nie gehabt. Ein
    anderer Traum fiel ihr aber ein, der angeblich damit nichts zu
    schaffen hatte, ein Traum, den sie mit vier Jahren, zuerst als damals
    Jüngste, und dann wiederholt geträumt hatte. „Eine Menge Kinder,
    alle ihre Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen tummel-
    ten sich auf einer Wiese. Plötzlich bekamen sie Flügel,
    flogen auf und waren weg.“ Von der Bedeutung des Traumes
    hatte sie keine Ahnung; es wird uns nicht schwer fallen, einen Traum
    vom Tode aller Geschwister in seiner ursprünglichen, durch die
    Zensur wenig beeinflußten Form darin zu erkennen. Ich getraue mich
    folgende Analyse unterzuschieben. Bei dem Tode eines aus der
    Kinderschar – die Kinder zweier Brüder wurden in diesem Falle
    in geschwisterlicher Gemeinschaft aufgezogen – wird unsere noch
    nicht vierjährige Träumerin eine weise, erwachsene Person gefragt
    haben: Was wird denn aus den Kindern, wenn sie tot sind? Die
    Antwort wird gelautet haben: Dann bekommen sie Flügel und wer-
    den Engel. Im Traume nach dieser Aufklärung haben nun die Ge-
    schwister alle Flügel wie die Engel und – was die Hauptsache ist –
    sie fliegen weg. Unsere kleine Engelmacherin bleibt allein, man denke,
    das einzige nach einer solchen Schar! Daß sich die Kinder auf einer
    Wiese tummeln, von der sie wegfliegen, deutet kaum mißverständlich
    auf Schmetterlinge hin, als ob dieselbe Gedankenverbindung das
    Kind geleitet hätte, welche die Alten bewog, die Psyche mit
    Schmetterlingsflügeln zu bilden.

    Vielleicht wirft nun jemand ein, die feindseligen Impulse der
    Kinder gegen ihre Geschwister seien wohl zuzugeben, aber wie käme
    das Kindergemüt zu der Höhe von Schlechtigkeit, dem Mitbewerber
    oder stärkeren Spielgenossen gleich den Tod zu wünschen, als ob alle
    Vergehen nur durch die Todesstrafe zu sühnen seien? Wer so spricht,
    erwägt nicht, daß die Vorstellung des Kindes vom „Todsein“ mit der
    unserigen das Wort und dann nur noch wenig anderes gemein hat.
    Das Kind weiß nichts von den Greueln der Verwesung, vom Frieren
    im kalten Grabe, vom Schrecken des endlosen Nichts, das der Er-
    wachsene, wie alle Mythen vom Jenseits zeugen, in seiner Vorstellung
    so schlecht verträgt. Die Furcht vor dem Tode ist ihm fremd, darum
    spielt es mit dem gräßlichen Worte und droht einem anderen Kinde:
    „Wenn du das noch einmal tust, wirst du sterben, wie der Franz
    gestorben ist,“ wobei es die arme Mutter schaudernd überläuft, die
    vielleicht nicht daran vergessen kann, daß die größere Hälfte der
    erdgeborenen Menschen ihr Leben nicht über die Jahre der Kindheit
    bringt. Noch mit acht Jahren kann das Kind, von einem Gange
    durch das Naturhistorische Museum heimgekehrt, seiner Mutter sagen:
    „Mama, ich habe dich so lieb; wenn du einmal stirbst, lasse ich dich
    ausstopfen und stelle dich hier im Zimmer auf, damit ich dich immer,

  • S.

    192

    immer sehen kann!“ So wenig gleicht die kindliche Vorstellung vom
    Gestorbensein der unserigen*).

    Gestorben sein heißt für das Kind, welchem ja überdies die
    Szenen des Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so viel als
    „fort sein“, die Überlebenden nicht mehr stören. Es unterscheidet
    nicht, auf welche Art diese Abwesenheit zu stande kommt, ob durch
    Verreisen, Entfremdung oder Tod. Wenn in den prähistorischen
    Jahren eines Kindes seine Kinderfrau weggeschickt worden und einige
    Zeit darauf seine Mutter gestorben ist, so liegen für seine Erinnerung,
    wie man sie in der Analyse aufdeckt, beide Ereignisse in einer Reihe
    übereinander. Daß das Kind die Abwesenden nicht sehr intensiv ver-
    mißt, hat manche Mutter zu ihrem Schmerze erfahren, wenn sie nach
    mehrwöchiger Sommerreise in ihr Haus zurückkehrte und auf ihre
    Erkundigung hören mußte: Die Kinder haben nicht ein einziges
    Mal nach der Mama gefragt. Wenn sie aber wirklich in jenes „un-
    entdeckte Land“ verreist ist, „von des Bezirk kein Wanderer wieder-
    kehrt“, so scheinen die Kinder sie zunächst vergessen zu haben und
    erst nachträglich beginnen sie, sich an die Tote zu erinnern.

    Wenn das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines anderen
    Kindes zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltung, diesen Wunsch
    in die Form zu kleiden, es möge tot sein, und die psychische Reak-
    tion auf den Todeswunschtraum beweist, daß trotz aller Verschieden-
    heit im Inhalt der Wunsch beim Kinde doch irgendwie das nämliche
    ist wie der gleichlautende Wunsch des Erwachsenen.

    Wenn nun der Todeswunsch des Kindes gegen seine Geschwister
    erklärt wird durch den Egoismus des Kindes, der sie die Geschwister
    als Mitbewerber auffassen läßt, wie soll sich der Todeswunsch gegen
    die Eltern erklären, die für das Kind die Spender von Liebe und
    Erfüller seiner Bedürfnisse sind, deren Erhaltung es gerade aus ego-
    istischen Motiven wünschen sollte?

    Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung, daß
    die Träume vom Tode der Eltern überwiegend häufig den Teil des
    Elternpaares betreffen, der das Geschlecht des Träumers teilt, daß
    also der Mann zumeist vom Tode des Vaters, das Weib vom Tode der
    Mutter träumt. Ich kann das nicht als regelmäßig hinstellen, aber
    das Überwiegen in dem angedeuteten Sinne ist so deutlich, daß es
    eine Erklärung durch ein Moment von allgemeiner Bedeutung fordert.
    Es verhält sich – grob ausgesprochen – so, als ob eine sexuelle
    Vorliebe sich frühzeitig geltend machen würde, als ob der Knabe im


    *)Von einem hochbegabten 10jährigen Knaben hörte ich nach dem plötz-
    lichen Tode seines Vaters zu meinem Erstaunen folgende Äußerung: „Daß der
    Vater gestorben ist, verstehe ich, aber warum er nicht zum Nachtmahl nach
    Hause kommt, kann ich mir nicht erklären.“ – Weiteres Material zu diesem
    Thema findet sich in der Rubrik „Kinderseele“ von „Imago“, Zeitschrift für
    Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften, Bd. I und II,
    1912 und 1913.

  • S.

    193

    Vater, das Mädchen in der Mutter den Mitbewerber in der Liebe
    erblickte, durch dessen Beseitigung ihm nur Vorteil erwachsen kann.
    Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge
    man auch hier die realen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern
    ins Auge fassen. Man hat zu sondern, was die Kulturforderung der
    Pietät von diesem Verhältnis verlangt, und was die tägliche Beob-
    achtung als tatsächlich ergibt. In der Beziehung zwischen Eltern
    und Kindern liegen mehr als nur ein Anlaß zur Feindseligkeit ver-
    borgen; die Bedingungen für das Zustandekommen von Wünschen,
    welche vor der Zensur nicht bestehen, sind im reichsten Ausmaße
    gegeben. Verweilen wir zunächst bei der Relation zwischen Vater
    und Sohn. Ich meine, die Heiligkeit, die wir den Vorschriften des
    Dekalogs zuerkannt haben, stumpft unseren Sinn für die Wahr-
    nehmung der Wirklichkeit ab. Wir getrauen uns vielleicht kaum zu
    merken, daß der größere Teil der Menschheit sich über die Befolgung
    des vierten Gebotes hinaussetzt. In den tiefsten wie in den höchsten
    Schichten der menschlichen Gesellschaft pflegt die Pietät gegen die
    Eltern vor anderen Interessen zurückzutreten. Die dunklen Nach-
    richten, die in Mythologie und Sage aus der Urzeit der menschlichen
    Gesellschaft auf uns gekommen sind, geben von der Machtfülle des
    Vaters und von der Rücksichtslosigkeit, mit der sie gebraucht wurde,
    eine unerfreuliche Vorstellung. Kronos verschlingt seine Kinder,
    etwa wie der Eber den Wurf des Mutterschweines, und Zeus ent-
    mannt den Vater*) und setzt sich als Herrscher an seine Stelle. Je
    unumschränkter der Vater in der alten Familie herrschte, desto mehr
    muß der Sohn als berufener Nachfolger in die Lage des Feindes ge-
    rückt, desto größer muß seine Ungeduld geworden sein, durch den
    Tod des Vaters selbst zur Herrschaft zu gelangen. Noch in unserer
    bürgerlichen Familie pflegt der Vater durch die Verweigerung der
    Selbstbestimmung und der dazu nötigen Mittel an den Sohn dem
    natürlichen Keime der Feindschaft, der in dem Verhältnisse liegt, zur
    Entwicklung zu verhelfen. Der Arzt kommt oft genug in die Lage zu
    bemerken, daß der Schmerz über den Verlust des Vaters beim Sohne
    die Befriedigung über die endlich erlangte Freiheit nicht unterdrücken
    kann. Den Rest der in unserer heutigen Gesellschaft arg antiquierten
    potestas patris familias pflegt jeder Vater krampfhaft festzuhalten
    und jeder Dichter ist der Wirkung sicher, der wie Ibsen den uralten
    Kampf zwischen Vater und Sohn in den Vordergrund seiner Fabeln
    rückt. Die Anlässe zu Konflikten zwischen Tochter und Mutter er-
    geben sich, wenn die Tochter heranwächst und in der Mutter die


    *)Wenigstens in einigen mythologischen Darstellungen. Nach anderen
    wird die Entmannung nur von Kronos an seinem Vater Uranos vollzogen.

    *)Über die mythologische Bedeutung dieses Motivs vergl. Otto Rank: Der
    Mythos von der Geburt des Helden, fünftes Heft der „Schriften zur angew.
    Seelenkunde, 1909“ und „Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage“, 1912, Kap. IX, 2.

  • S.

    194

    Wächterin findet, während sie nach sexueller Freiheit begehrt, die
    Mutter aber durch das Aufblühen der Tochter gemahnt wird, daß für
    sie die Zeit gekommen ist, sexuellen Ansprüchen zu entsagen.

    Alle diese Verhältnisse liegen offenkundig da vor jedermanns
    Augen. Sie fördern uns aber nicht bei der Absicht, die Träume vom
    Tode der Eltern zu erklären, welche sich bei Personen finden, denen
    die Pietät gegen die Eltern längst etwas Unantastbares geworden ist.
    Auch sind wir durch die vorhergehenden Erörterungen darauf vor-
    bereitet, daß sich der Todeswunsch gegen die Eltern aus der frühesten
    Kindheit ableiten wird.

    Mit einer alle Zweifel ausschließenden Sicherheit bestätigt sich
    diese Vermutung für die Psychoneurotiker bei den mit ihnen vor-
    genommenen Analysen. Man lernt hiebei, – daß sehr frühzeitig die
    sexuellen Wünsche des Kindes erwachen – soweit sie im keimenden
    Zustand diesen Namen verdienen –, und daß die erste Neigung des
    Mädchens dem Vater, die ersten infantilen Begierden des Knaben der
    Mutter gelten. Der Vater wird somit für den Knaben, die Mutter
    für das Mädchen zum störenden Mitbewerber, und wie wenig für das
    Kind dazu gehört, damit diese Empfindung zum Todeswunsch führe,
    haben wir bereits für den Fall der Geschwister ausgeführt. Die
    sexuelle Auswahl macht sich in der Regel bereits bei den Eltern
    geltend; ein natürlicher Zug sorgt dafür, daß der Mann die kleinen
    Töchter verzärtelt, die Frau den Söhnen die Stange hält, während
    beide, wo der Zauber des Geschlechtes ihr Urteil nicht verstört, mit
    Strenge für die Erziehung der Kleinen wirken. Das Kind bemerkt
    die Bevorzugung sehr wohl und lehnt sich gegen den Teil des Eltern-
    paares auf, der sich ihr widersetzt. Liebe bei dem Erwachsenen zu
    finden, ist ihm nicht nur die Befriedigung eines besonderen Bedürf-
    nisses, sondern bedeutet auch, daß in allen anderen Stücken seinem
    Willen nachgegeben wird. So folgt es dem eigenen sexuellen Triebe
    und erneuert gleichzeitig die von den Eltern ausgehende Anregung,
    wenn es seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen Sinne wie
    diese trifft.

    Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder
    pflegt man die meisten zu übersehen; einige kann man auch nach
    den ersten Kinderjahren bemerken. Ein achtjähriges Mädchen meiner
    Bekanntschaft benützt die Gelegenheit, wenn die Mutter vom Tische
    abberufen wird, um sich als ihre Nachfolgerin zu proklamieren. „Jetzt
    will ich die Mama sein: Karl, willst du noch Gemüse? Nimm doch,
    ich bitte dich“ usw. Ein besonders begabtes und lebhaftes Mädchen
    von nicht vier Jahren, an der dies Stück Kinderpsychologie besonders
    durchsichtig ist, äußert direkt: „Jetzt kann das Muatterl einmal fort-
    gehen, dann muß das Vaterl mich heiraten, und ich will seine Frau
    sein.“ Im Kinderleben schließt dieser Wunsch durchaus nicht aus,
    daß das Kind auch seine Mutter zärtlich liebe. Wenn der kleine
    Knabe neben der Mutter schlafen darf, sobald der Vater verreist ist,

  • S.

    195

    und nach dessen Rück-
    kehr ins Kinderzimmer zurück muß zu einer
    Person, die ihm weit weniger gefällt, so mag sich leicht der Wunsch
    bei ihm gestalten, daß der Vater immer abwesend sein möge, damit
    er seinen Platz bei der lieben, schönen Mama behalten kann, und ein
    Mittel zur Erreichung dieses Wunsches ist es offenbar, wenn der
    Vater tot ist; denn das eine hat ihn seine Erfahrung gelehrt: „Tote“
    Leute, wie der Großpapa z. B., sind immer abwesend, kommen nie
    wieder.

    Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der vor-
    geschlagenen Deutung zwanglos fügen, so ergeben sie allerdings nicht
    die volle Überzeugung, welche die Psychoanalysen erwachsener Neuro-
    tiker dem Arzte aufdrängen. Die Mitteilung der betreffenden Träume
    erfolgt hier mit solchen Einleitungen, daß ihre Deutung als Wunsch-
    träume unausweichlich wird. Ich finde eines Tages eine Dame betrübt
    und verweint. Sie sagt: „Ich will meine Verwandten nicht mehr sehen,
    es muß ihnen ja vor mir grausen.“ Dann erzählt sie fast ohne Über-
    gang, daß sie sich an einen Traum erinnert, dessen Bedeutung sie
    natürlich nicht kennt. Sie hat ihn mit vier Jahren geträumt, er lautet
    folgendermaßen: Ein Luchs oder Fuchs geht auf dem Dache
    spazieren, dann fällt etwas herunter oder sie fällt her-
    unter, und dann trägt man die Mutter tot aus dem Hause,
    wobei sie schmerzlich weint. Ich habe ihr kaum mitgeteilt, daß dieser
    Traum den Wunsch aus ihrer Kindheit bedeuten muß, die Mutter tot
    zu sehen, und daß sie dieses Traumes wegen meinen muß, die Ver-
    wandten grausen sich vor ihr, so liefert sie bereits etwas Material, den
    Traum aufzuklären. „Luchsaug“ ist ein Schimpfwort, mit dem sie
    einmal als ganz kleines Kind von einem Gassenjungen belegt wurde;
    ihrer Mutter ist, als das Kind drei Jahre alt war, ein Ziegelstein vom
    Dache auf den Kopf gefallen, so daß sie heftig geblutet hat.

    Ich hatte einmal Gelegenheit, ein junges Mädchen, das ver-
    schiedene psychische Zustände durchmachte, eingehend zu studieren.
    In einer tobsüchtigen Verworrenheit, mit der die Krankheit begann,
    zeigte die Kranke eine ganz besondere Abneigung gegen ihre Mutter,
    schlug und beschimpfte sie, sobald sie sich dem Bette näherte, während
    sie gegen eine um vieles ältere Schwester zu derselben Zeit liebevoll
    und gefügig blieb. Dann folgte ein klarer, aber etwas apathischer
    Zustand mit sehr gestörtem Schlafe; in dieser Phase begann ich die
    Behandlung und analysierte ihre Träume. Eine Unzahl derselben
    handelte mehr oder minder verhüllt vom Tode der Mutter; bald
    wohnte sie dem Leichenbegängnis einer alten Frau bei, bald sah sie
    sich und ihre Schwester in Trauerkleidern bei Tische sitzen; es blieb
    über den Sinn dieser Träume kein Zweifel. Bei noch weiter fort-
    schreitender Besserung traten hysterische Phobien auf; die quälendste
    darunter war, daß der Mutter etwas geschehen sei. Von wo sie immer
    sich befand, mußte sie dann nach Hause eilen, um sich zu überzeugen,
    daß die Mutter noch lebe. Der Fall war nun, zusammengehalten mit

  • S.

    196

    meinen sonstigen Erfahrungen, sehr lehrreich; er zeigte in gleichsam
    mehrsprachiger Übersetzung verschiedene Reaktionsweisen des psychi-
    schen Apparates auf dieselbe erregende Vorstellung. In der Verworren-
    heit, die ich als Überwältigung der zweiten psychischen Instanz
    durch die sonst unterdrückte erste auffasse, wurde die unbewußte-
    Feindseligkeit gegen die Mutter motorisch mächtig; als dann die
    erste Beruhigung eintrat, der Aufruhr unterdrückt, die Herrschaft der
    Zensur wieder hergestellt war, blieb dieser Feindseligkeit nur mehr
    das Gebiet des Träumens offen, um den Wunsch nach ihrem Tode zu
    verwirklichen; als das Normale sich noch weiter gestärkt hatte, schuf
    es als hysterische Gegensatzreaktion und Abwehrerscheinung die über-
    mäßige Sorge um die Mutter. In diesem Zusammenhange ist es nicht
    mehr unerklärlich, warum die hysterischen Mädchen so oft überzärt-
    lich an ihren Müttern hängen.

    Ein andermal hatte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in das un-
    bewußte Seelenleben eines jungen Mannes zu tun, der durch Zwangs-
    neurose fast existenzunfähig, nicht auf die Straße gehen konnte, weil
    ihn die Sorge quälte, er bringe alle Leute, die an ihm vorbeigingen,
    um. Er verbrachte seine Tage damit, die Beweisstücke für sein Alibi
    in Ordnung zu halten, falls die Anklage wegen eines der in der Stadt
    vorgefallenen Morde gegen ihn erhoben werden sollte. Überflüssig zu
    bemerken, daß er ein ebenso moralischer wie fein gebildeter Mensch
    war. Die – übrigens zur Heilung führende – Analyse deckte als
    die Begründung dieser peinlichen Zwangsvorstellung Mordimpulse
    gegen seinen etwas überstrengen Vater auf, die sich, als er sieben Jahre
    alt war, zu seinem Erstaunen bewußt geäußert hatten, aber natürlich
    aus weit früheren Kindesjahren stammten. Nach der qualvollen Krank-
    heit und dem Tode des Vaters trat im 31. Lebensjahre der Zwangs-
    vorwurf auf, der sich in Form jener Phobie auf Fremde übertrug. Wer
    im Stande war, seinen eigenen Vater von einem Berggipfel in den-
    Abgrund stoßen zu wollen, dem ist allerdings zuzutrauen, daß er auch
    das Leben Fernerstehender nicht schone; der tut darum recht daran,-
    sich in seine Zimmer einzuschließen.

    Nach meinen bereits zahlreichen Erfahrungen spielen die Eltern
    im Kinderseelenleben aller späteren Psychoneurotiker die Hauptrolle,-
    und Verliebtheit gegen den einen, Haß gegen den anderen Teil des
    Elternpaares gehören zum eisernen Bestand des in jener Zeit gebildeten
    und für die Symptomatik der späteren Neurose so bedeutsamen Ma-
    terials an psychischen Regungen. Ich glaube aber nicht, daß die
    Psychoneurotiker sich hierin von anderen normal verbleibenden Men-
    schenkindern scharf sondern, indem sie absolut Neues und ihnen
    Eigentümliches zu schaffen vermögen. Es ist bei weitem wahrschein-
    licher und wird durch gelegentliche Beobachtungen an normalen
    Kindern unterstützt, daß sie auch mit diesen verliebten und feind-
    seligen Wünschen gegen ihre Eltern uns nur durch die Vergrößerung-
    kenntlich machen, was minder deutlich und weniger intensiv in der

  • S.

    197

    Die Ödipusmythe und ihre infantile Wurzel.

    Seele der meisten Kinder vorgeht. Das Altertum hat uns zur Unter-
    stützung dieser Erkenntnis einen Sagenstoff überliefert, dessen durch-
    greifende und allgemeingültige Wirksamkeit nur durch eine ähnliche
    Allgemeingültigkeit der besprochenen Voraussetzung aus der Kinder-
    psychologie verständlich wird.

    Ich meine die Sage vom König Ödipus und das gleichnamige
    Drama des Sophokles. Ödipus, der Sohn des Laios, Königs
    von Theben, und der Jokaste wird als Säugling ausgesetzt, weil ein
    Orakel dem Vater verkündet hatte, der noch ungeborene Sohn werde
    sein Mörder sein. Er wird gerettet und wächst als Königssohn an
    einem fremden Hofe auf, bis er, seiner Herkunft unsicher, selbst das
    Orakel befragt und von ihm den Rat erhält, die Heimat zu meiden,
    weil er der Mörder seines Vaters und der Ehegemahl seiner Mutter
    werden müßte. Auf dem Wege von seiner vermeintlichen Heimat weg
    trifft er mit König Laios zusammen und erschlägt ihn in rasch ent-
    branntem Streite. Dann kommt er vor Theben, wo er die Rätsel
    der den Weg sperrenden Sphinx löst und zum Dank dafür von den
    Thebanern zum König gewählt und mit Jokastes Hand beschenkt
    wird. Er regiert lange Zeit in Frieden und Würde und zeugt mit der
    ihm unbekannten Mutter zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest
    ausbricht, welche eine neuerliche Befragung des Orakels von Seite
    der Thebaner veranlaßt. Hier setzt die Tragödie des Sophokles
    ein. Die Boten bringen den Bescheid, daß die Pest aufhören werde,
    wenn der Mörder des Laios aus dem Lande getrieben sei. Wo aber
    weilt der?

    „Wo findet sich
    die schwererkennbar dunkle Spur der alten Schuld?“

    (Übersetzung von Donner, v. 109.)

    Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als in
    der schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten Enthüllung –
    der Arbeit einer Psychoanalyse vergleichbar –, daß Ödipus selbst
    der Mörder des Laios, aber auch der Sohn des Ermordeten und der
    Jokaste ist. Durch seine unwissentlich verübten Greuel erschüttert,
    blendet sich Ödipus und verläßt die Heimat. Der Orakelspruch
    ist erfüllt.

    König Ödipus ist eine sogenannte Schicksals-
    tragödie; ihre
    tragische Wirkung soll auf dem Gegensatz zwischen dem über-
    mächtigen Willen der Götter und dem vergeblichen Sträuben der vom
    Unheil bedrohten Menschen beruhen; Ergebung in den Willen der
    Gottheit, Einsicht in die eigene Ohnmacht soll der tief ergriffene Zu-
    schauer aus dem Trauerspiele lernen. Folgerichtig haben moderne
    Dichter es versucht, eine ähnliche tragische Wirkung zu erzielen, in-
    dem sie den nämlichen Gegensatz mit einer selbsterfundenen Fabel
    verwoben. Allein die Zuschauer haben ungerührt zugesehen, wie trotz
    alles Sträubens schuldloser Menschen ein Fluch oder Orakelspruch

  • S.

    108

    sich an ihnen vollzog; die späteren Schicksalstragödien sind ohne
    Wirkung geblieben.

    Wenn der König Ödipus den modernen Menschen nicht minder
    zu erschüttern weiß als den zeitgenössischen Griechen, so kann die
    Lösung wohl nur darin liegen, daß die Wirkung der griechischen
    Tragödie nicht auf dem Gegensatz zwischen Schicksal und Menschen-
    willen ruht, sondern in der Besonderheit des Stoffes zu suchen ist, an
    welchem dieser Gegensatz erwiesen wird. Es muß eine Stimme in
    unserem Innern geben, welche die zwingende Gewalt des Schicksals
    im Ödipus anzuerkennen bereit ist, während wir Verfügungen wie
    in der „Ahnfrau“ oder in anderen Schicksalstragödien als willkürliche
    zurückzuweisen vermögen. Und ein solches Moment ist in der Tat
    in der Geschichte des Königs Ödipus enthalten. Sein Schicksal er-
    greift uns nur darum, weil es auch das unserige hätte werden können,
    weil das Orakel vor unserer Geburt denselben Fluch über uns ver-
    hängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war es beschieden, die
    erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten Haß und gewalt-
    tätigen Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere Träume über-
    zeugen uns davon. König Ödipus, der seinen Vater Laios er-
    schlagen und seine Mutter Jokaste geheiratet hat, ist nur die Wunsch-
    erfüllung unserer Kindheit. Aber glücklicher als er, ist es uns seitdem,
    insofern wir nicht Psychoneurotiker geworden sind, gelungen, unsere
    sexuellen Regungen von unsern Müttern abzulösen, unsere Eifersucht
    gegen unsere Väter zu vergessen. Vor der Person, an welcher sich
    jener urzeitliche Kindheitswunsch erfüllt hat, schaudern wir zurück
    mit dem ganzen Betrage der Verdrängung, welche diese Wünsche in
    unserem Innern seither erlitten haben. Während der Dichter in jener
    Untersuchung die Schuld des Ödipus ans Licht bringt, nötigt er uns
    zur Erkenntnis unseres eigenen Innern, in dem jene Impulse, wenn
    auch unterdrückt, noch immer vorhanden sind. Die Gegenüberstellung,
    mit der uns der Chor verläßt,

    „sehet, das ist Ödipus,
    der entwirrt die hohen Rätsel und der erste war an Macht,
    dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten;
    Seht, in welches Mißgeschickes grause Wogen er versank!“

    diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit den
    Kindesjahren so weise und so mächtig geworden sind in unserer
    Schätzung. Wie Ödipus leben wir in Unwissenheit der die Moral
    beleidigenden Wünsche, welche die Natur uns aufgenötigt hat, und
    nach deren Enthüllung möchten wir wohl alle den Blick abwenden
    von den Szenen unserer Kindheit*).


    *)Keine der Ermittlungen der psychoanalytischen Forschung hat so er-
    bitterten Widerspruch, ein so grimmiges Sträuben – und so ergötzliche Ver-
    renkungen der Kritik hervorgerufen wie dieser Hinweis auf die kindlichen, im

  • S.

    199

    Daß die Sage von Ödipus einem uralten Traumstoffe entsprossen
    ist, welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den Eltern
    durch die ersten Regungen der Sexualität zum Inhalt hat, dafür findet
    sich im Texte der Sophokleischen Tragödie selbst ein nicht miß-
    zuverstehender Hinweis. Jokaste tröstet den noch nicht aufgeklärten,
    aber durch die Erinnerung der Orakelsprüche besorgt gemachten
    Ödipus durch die Erwähnung eines Traumes, den ja so viele Men-
    schen träumen, ohne daß er, meint sie, etwas bedeute:
    „Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon
    955. Sich zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies
    Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht.“

    „Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon
    955. Sich zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies
    Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht.“

    Der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso
    wie damals auch heute vielen Menschen zu teil, die ihn empört und
    verwundert erzählen. Er ist, wie begreiflich, der Schlüssel der Tra-
    gödie und das Ergänzungsstück zum Traume vom Tode des Vaters.
    Die Ödipusfabel ist die Reaktion der Phantasie auf diese beiden
    typischen Träume, und wie die Träume vom Erwachsenen mit Ab-
    lehnungsgefühlen erlebt werden, so muß die Sage Schrecken und Selbst-
    bestrafung in ihren Inhalt mit aufnehmen. Ihre weitere Gestaltung
    rührt wiederum von einer mißverständlichen sekundären Bearbeitung
    des Stoffes her, welche ihn einer theologisierenden Absicht dienstbar
    zu machen sucht. (Vgl. den Traumstoff von der Exhibition p. 183 f.)
    Der Versuch, die göttliche Allmacht mit der menschlichen Ver-
    antwortlichkeit zu vereinigen, muß natürlich an diesem Material wie
    an jedem anderen mißlingen.

    Auf demselben Boden wie „König Ödipus“ wurzelt eine andere
    der großen tragischen Dichterschöpfungen, der Hamlet Shake-
    speares. Aber in der veränderten Behandlung des nämlichen Stoffes
    offenbart sich der ganze Unterschied im Seelenleben der beiden weit
    auseinanderliegenden Kulturperioden, das säkulare Fortschreiten der
    Verdrängung im Gemütsleben der Menschheit. Im Ödipus wird die
    zu Grunde liegende Wunschphantasie des Kindes wie im Traume ans
    Licht gezogen und realisiert; im Hamlet bleibt sie verdrängt, und wir
    erfahren von ihrer Existenz – dem Sachverhalt bei einer Neurose
    ähnlich – nur durch die von ihr ausgehenden Hemmungswirkungen.
    Mit der überwältigenden Wirkung des moderneren Dramas hat es sich
    eigentümlicherweise als vereinbar gezeigt, daß man über den Charakter
    des Helden in voller Unklarheit verbleiben könne. Das Stück ist auf
    die Zögerung Hamlets gebaut, die ihm zugeteilte Aufgabe der Rache
    zu erfüllen; welches die Gründe oder Motive dieser Zögerung sind,
    gesteht der Text nicht ein; die vielfältigsten Deutungsversuche haben
    es nicht anzugeben vermocht. Nach der heute noch herrschenden,


    Unbewußten erhalten gebliebenen Inzestneigungen. Die letzte Zeit hat selbst einen
    Versuch gemacht, den Inzest, allen Erfahrungen trotzend, nur als „symbolisch“
    gelten zu lassen.

  • S.

    200

    durch Goethe begründeten Auffassung stellt Hamlet den Typus des
    Menschen dar, dessen frische Tatkraft durch die überwuchernde Ent-
    wicklung der Gedankentätigkeit gelähmt wird („Von des Gedankens
    Blässe angekränkelt“). Nach anderen hat der Dichter einen krank-
    haften, unentschlossenen, in das Bereich der Neurasthenie fallenden
    Charakter zu schildern versucht. Allein die Fabel des Stückes lehrt,
    daß Hamlet uns keineswegs als eine Person erscheinen soll, die des
    Handelns überhaupt unfähig ist. Wir sehen ihn zweimal handelnd auf-
    treten, das einemal in rasch auffahrender Leidenschaft, wie er den
    Lauscher hinter der Tapete niederstößt, ein anderesmal planmäßig,
    ja selbst arglistig, indem er mit der vollen Unbedenklichkeit des
    Renaissance-Prinzen die zwei Höflinge in den ihm selbst zugedachten
    Tod schickt. Was hemmt ihn also bei der Erfüllung der Aufgabe, die
    der Geist seines Vaters ihm gestellt hat? Hier bietet sich wieder die
    Auskunft, daß es die besondere Natur dieser Aufgabe ist. Hamlet
    kann alles, nur nicht die Rache an dem Manne vollziehen, der seinen
    Vater beseitigt und bei seiner Mutter dessen Stelle eingenommen hat,
    an dem Manne, der ihm die Realisierung seiner verdrängten Kinder-
    wünsche zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Rache drängen sollte, ersetzt
    sich so bei ihm durch Selbstvorwürfe, durch Gewissensskrupel, die
    ihm vorhalten, daß er, wörtlich verstanden, selbst nicht besser sei
    als der von ihm zu strafende Sünder. Ich habe dabei ins Bewußte
    übersetzt, was in der Seele des Helden unbewußt bleiben muß; wenn
    jemand Hamlet einen Hysteriker nennen will, kann ich es nur als
    Folgerung aus meiner Deutung anerkennen. Die Sexualabneigung
    stimmt sehr wohl dazu, die Hamlet dann im Gespräche mit Ophelia
    äußert, die nämliche Sexualabneigung, die von der Seele des Dichters
    in den nächsten Jahren immer mehr Besitz nehmen sollte, bis zu ihren
    Gipfeläußerungen im Timon von Athen. Es kann natürlich nur das
    eigene Seelenleben des Dichters gewesen sein, das uns im Hamlet
    entgegentritt; ich entnehme dem Werke von Georg Brandes über
    Shakespeare (1896) die Notiz, daß das Drama unmittelbar nach dem
    Tode von Shakespeares Vater (1601), also in der frischen Trauer um
    ihn, in der Wiederbelebung, dürfen wir annehmen, der auf den Vater
    bezüglichen Kindheitsempfindungen gedichtet worden ist. Bekannt
    ist auch, daß Shakespeares früh verstorbener Sohn den Namen
    Hamnet (identisch mit Hamlet) trug. Wie Hamlet das Verhältnis
    des Sohnes zu den Eltern behandelt, so ruht der in der Zeit nahe-
    stehende Macbeth auf dem Thema der Kinderlosigkeit. Wie übrigens
    jedes neurotische Symptom, wie selbst der Traum, der Überdeutung
    fähig ist, ja dieselbe zu seinem vollen Verständnis fordert, so wird
    auch jede echte dichterische Schöpfung aus mehr als aus einem Motiv
    und einer Anregung in der Seele des Dichters hervorgegangen sein und
    mehr als eine Deutung zulassen. Ich habe hier nur die Deutung der
    tiefsten Schicht von Regungen in der Seele des schaffenden Dichters
    versucht.

  • S.

    201

    Ich kann die typischen Träume vom Tode teurer Verwandten
    nicht verlassen, ohne daß ich deren Bedeutung für die Theorie des
    Traumes überhaupt noch mit einigen Worten beleuchte. Diese Träume
    zeigen uns den recht ungewöhnlichen Fall verwirklicht, daß der durch
    den verdrängten Wunsch gebildete Traumgedanke jeder Zensur ent-
    geht und unverändert in den Traum übertritt. Es müssen besondere
    Verhältnisse sein, die solches Schicksal ermöglichen. Ich finde die
    Begünstigung für diese Träume in folgenden zwei Momenten: Erstens
    gibt es keinen Wunsch, von dem wir uns ferner glauben, wir meinen,
    das zu wünschen könnte „uns auch im Traume nicht einfallen“, und
    darum ist die Traumzensur gegen dieses Ungeheuerliche nicht ge-
    rüstet, ähnlich etwa wie die Gesetzgebung Solons keine Strafe für
    den Vatermord aufzustellen wußte. Zweitens aber kommt dem ver-
    drängten und nicht geahnten Wunsche gerade hier besonders häufig
    ein Tagesrest entgegen in Gestalt einer Sorge um das Leben der
    teuren Person. Diese Sorge kann sich nicht anders in den Traum ein-
    tragen, als indem sie sich des gleichlautenden Wunsches bedient; der
    Wunsch aber kann sich mit der am Tage rege gewordenen Sorge
    maskieren. Wenn man meint, daß dies alles einfacher zugeht, daß
    man eben bei Nacht und im Traume nur fortsetzt, was man bei Tag
    angesponnen hat, so läßt man die Träume vom Tode teurer Personen
    eben außer allem Zusammenhang mit der Traumerklärung und hält
    ein sehr wohl reduzierbares Rätsel überflüssigerweise fest.

    Lehrreich ist es auch, die Beziehung dieser Träume zu den
    Angstträumen zu verfolgen. In den Träumen vom Tode teurer Per-
    sonen hat der verdrängte Wunsch einen Weg gefunden, auf dem er
    sie der Zensur – und der durch sie bedingten Entstellung – ent-
    ziehen kann. Die nie fehlende Begleiterscheinung ist dann, daß
    schmerzliche Empfindungen im Traume verspürt werden. Ebenso
    kommt der Angsttraum nur zu stande, wenn die Zensur ganz oder teil-
    weise überwältigt wird, und anderseits erleichtert es die Überwältigung
    der Zensur, wenn Angst als aktuelle Sensation aus somatischen
    Quellen bereits gegeben ist. Es wird so handgreiflich, in welcher
    Tendenz die Zensur ihres Amtes waltet, die Traumentstellung ausübt;
    es geschieht, um die Entwicklung von Angst oder anderen
    Formen peinlichen Affektes zu verhüten.

    Ich habe im vorstehenden von dem Egoismus der Kinderseele
    gesprochen und knüpfe nun daran mit der Absicht, hier einen Zu-
    sammenhang ahnen zu lassen, daß die Träume auch diesen Charakter
    bewahrt haben. Sie sind sämtlich absolut egoistisch, in allen tritt
    das liebe Ich auf, wenn auch verkleidet. Die Wünsche, die in ihnen
    erfüllt werden, sind regelmäßig Wünsche dieses Ich; es ist nur ein
    täuschender Anschein, wenn je das Interesse für einen anderen einen
    Traum hervorgerufen haben sollte. Ich will einige Beispiele, welche
    dieser Behauptung widersprechen, der Analyse unterziehen.

  • S.

    202

    I. Ein noch vierjähriger Knabe erzählt: Er hat eine
    große garnierte Schüssel gesehen, worauf ein großes Stück
    Fleisch gebraten war, und das Stück war auf einmal ganz
    – nicht zerschnitten – aufgegessen. Die Person, die es
    gegessen hat, hat er nicht gesehen*).

    Wer mag den fremden Mensch sein, von dessen üppiger Fleisch-
    mahlzeit unser kleiner träumt? Die Erlebnisse des Traumtages müssen
    uns darüber aufklären. Der Knabe bekommt seit einigen Tagen nach
    ärztlicher Vorschrift Milchdiät; am Abend des Traumtages war er aber
    unartig, und da wurde ihm zur Strafe die Abendmahlzeit entzogen.
    Er hatte schon früher einmal eine solche Hungerkur durchgemacht und
    sich sehr tapfer dabei benommen. Er wußte, daß er nichts bekommen
    werde, getraute sich aber auch nicht, mit einem Worte anzudeuten,
    daß er Hunger habe. Die Erziehung fängt an, bei ihm zu wirken; sie
    äußert sich bereits im Traume, der einen Anfang von Traumentstel-
    lung zeigt. Es ist kein Zweifel, daß er selbst die Person ist, deren
    Wünsche auf eine so reiche Mahlzeit, und zwar eine Bratenmahlzeit,
    zielen. Da er aber weiß, daß diese ihm verboten ist, wagt er es nicht,
    wie die hungrigen Kinder es im Traume tun (vgl. den Erdbeertraum
    meiner kleinen Anna, p. 100), sich selbst zur Mahlzeit hinzusetzen.
    Die Person bleibt anonym.

    II. Ich träume einmal, daß ich in der Auslage einer Buchhand-
    lung ein neues Heft jener Sammlung im Liebhabereinband sehe, die
    ich sonst zu kaufen pflege (Künstlermonographien, Monographien zur
    Weltgeschichte, berühmte Kunststätten usw.). Die neue Sammlung
    nennt sich: Berühmte Redner (oder Reden) und das Heft I
    derselben trägt den Namen Dr. Lecher.

    In der Analyse wird mir unwahrscheinlich, daß mich der
    Ruhm Dr. Lechers, des Dauerredners der deutschen Obstruktion
    im Parlament, während meiner Träume beschäftige. Der Sachverhalt
    ist der, daß ich vor einigen Tagen neue Patienten zur psychischen
    Kur aufgenommen habe, und nun zehn bis elf Stunden täglich zu
    sprechen genötigt bin. Ich bin also selbst so ein Dauerredner.

    III. Ich träume ein andermal, daß ein mir bekannter Lehrer an
    unserer Universität sagt: Mein Sohn, der Myop. Dann folgt ein
    Dialog, aus kurzen Reden und Gegenreden bestehend. Es folgt aber
    dann ein drittes Traumstück, in dem ich und meine Söhne vor-
    kommen, und für den latenten Trauminhalt sind Vater und Sohn,
    Professor M., nur Strohmänner, die mich und meinen Ältesten decken.

    *)Auch das Große, Überreiche, Übermäßige und Übertriebene der Träume
    könnte ein Kindheitscharakter sein. Das Kind kennt keinen sehnlicheren Wunsch
    als groß zu werden, von allem so viel zu bekommen wie die Großen; es ist
    schwer zu befriedigen, kennt kein Genug, verlangt unersättlich nach Wieder-
    holung dessen, was ihm gefallen oder geschmeckt hat. Maß halten, sich be-
    scheiden, resignieren lernt es erst durch die Kultur der Erziehung. Bekanntlich
    neigt auch der Neurotiker zur Maßlosigkeit und Unmäßigkeit.

  • S.

    203

    Ich werde diesen Traum wegen einer anderen Eigentümlichkeit noch
    weiter unten behandeln.

    IV. Ein Beispiel von wirklich niedrigen egoistischen Gefühlen,
    die sich hinter zärtlicher Sorge verbergen, gibt folgender Traum:
    Mein Freund Otto schaut schlecht aus, ist braun im
    Gesichte und hat vortretende Augen.

    Otto ist mein Hausarzt, in dessen Schuld ich hoffnungslos ver-
    bleibe, weil er seit Jahren die Gesundheit meiner Kinder überwacht,
    sie erfolgreich behandelt, wenn sie erkranken, und sie überdies zu
    allen Gelegenheiten, die einen Vorwand abgeben können, beschenkt.
    Er war am Traumtage zu Besuch, und da bemerkte meine Frau, daß
    er müde und abgespannt aussehe. Nachts kommt mein Traum und
    leiht ihm einige der Zeichen der Basedowschen Krankheit. Wer
    sich in der Traumdeutung von meinen Regeln freimacht, der wird
    diesen Traum so verstehen, daß ich um die Gesundheit meines Freun-
    des besorgt bin, und daß diese Besorgnis sich im Traume realisiert. Es
    wäre ein Widerspruch nicht nur gegen die Behauptung, daß der
    Traum eine Wunscherfüllung ist, sondern auch gegen die andere, daß
    er nur egoistischen Regungen zugänglich ist. Aber wer so deutet,
    möge mir erklären, warum ich bei Otto die Basedowsche Krank-
    heit befürchte, zu welcher Diagnose sein Aussehen auch nicht den
    leisesten Anlaß gibt? Meine Analyse liefert hingegen folgendes Ma-
    terial aus einer Begebenheit, die sich vor sechs Jahren zugetragen hat.

    Wir fuhren, eine kleine Gesellschaft, in der sich auch Professor R.
    befand, in tiefer Dunkelheit durch den Wald von N., einige Stunden
    weit von unserem Sommeraufenthalt entfernt. Der nicht ganz nüch-
    terne Kutscher warf uns mit dem Wagen einen Abhang hinunter, und
    es war noch glücklich, daß wir alle heil davon kamen. Wir waren
    aber genötigt, im nächsten Wirtshause zu übernachten, wo die Kunde
    von unserem Unfall große Sympathie für uns erweckte. Ein Herr,
    der die unverkennbaren Zeichen des Morbus Basedowii an sich trug,
    – übrigens nur Bräunung der Gesichtshaut und vortretende Augen,
    ganz wie im Traume, kein Struma – stellte sich ganz zu unserer Ver-
    fügung und fragte, was er für uns tun könne. Professor R. in seiner
    bestimmten Art antwortete: Nichts anderes, als daß Sie mir ein
    Nachthemd leihen. Darauf der Edle: Das tut mir leid, das kann ich
    nicht, und ging von dannen.

    Zur Fortsetzung der Analyse fällt mir ein, daß Basedow nicht
    nur der Name eines Arztes ist, sondern auch der eines berühmten
    Pädagogen. (Im Wachen fühle ich mich jetzt dieses Wissens nicht
    recht sicher.) Freund Otto ist aber diejenige Person, die ich gebeten
    habe, für den Fall, daß mir etwas zustößt, die körperliche Erziehung
    meiner Kinder, speziell in der Pubertätszeit (daher das Nachthemd),
    zu überwachen. Indem ich nun Freund Otto im Traume mit den
    Krankheitssymptomen jenes edlen Helfers sehe, will ich offenbar
    sagen: Wenn mir etwas zustößt, wird von ihm ebensowenig etwas für

  • S.

    204

    die Kinder zu haben sein, wie damals von Herrn Baron L. trotz seiner
    liebenswürdigen Anerbietungen. Der egoistische Einschlag dieses
    Traumes dürfte nun wohl aufgedeckt sein*).

    Wo steckt aber hier die Wunscherfüllung? Nicht in der Rache
    an Freund Otto, dessen Schicksal es nun einmal ist, in meinen
    Träumen schlecht behandelt zu werden, sondern in folgender Be-
    ziehung. Indem ich Otto als Baron L. im Traume darstelle, habe ich
    gleichzeitig meine eigene Person mit einer anderen identifiziert, näm-
    lich mit der des Professors R., denn ich fordere ja etwas von Otto,
    wie in jener Begebenheit R. vom Baron L. gefordert hat. Und daran
    liegt es. Professor R. hat ähnlich wie ich seinen Weg außerhalb der
    Schule selbständig verfolgt und ist erst in späten Jahren zu dem
    längst verdienten Titel gelangt. Ich will also wieder einmal Professor
    werden! Ja selbst das „in späten Jahren“ ist eine Wunscherfüllung,
    denn es besagt, daß ich lange genug lebe, um meine Knaben selbst
    durch die Pubertät zu geleiten.

    γ) Der Prüfungstraum.

    Jeder, der mit der Maturitätsprüfung seine Gymnasialstudien
    abgeschlossen hat, klagt über die Hartnäckigkeit, mit welcher der
    Angsttraum, daß er durchfallen werde, die Klasse wiederholen müsse
    u. dgl. ihn verfolgt. Für den Besitzer eines akademischen Grades er-
    setzt sich dieser typische Traum durch einen anderen, der ihm vor-
    hält, daß er die rigorosen Prüfungen abzulegen habe, und gegen
    den er vergeblich noch im Schlafe einwendet, daß er ja schon seit
    Jahren praktiziere, Privatdozent sei oder Kanzleileiter. Es sind die
    unauslöschlichen Erinnerungen an die Strafen, die wir in der Kind-
    heit für verübte Untaten erlitten haben, die sich so an den beiden
    Knotenpunkten unserer Studien, an dem „dies irae, dies illa“ der
    strengen Prüfungen in unserem Inneren wieder geregt haben. Auch
    die „Prüfungsangst“ der Neurotiker findet in dieser Kinderangst ihre
    Verstärkung. Nachdem wir aufgehört haben Schüler zu sein, sind
    es nicht mehr wie zuerst die Eltern und Erzieher oder später die
    Lehrer, die unsere Bestrafung besorgen; die unerbittliche Kausal-
    verkettung des Lebens hat unsere weitere Erziehung übernommen,
    und nun träumen wir von der Matura oder von dem Rigorosum, —
    und wer hat damals nicht selbst als Gerechter gesagt? — so oft wir
    erwarten, daß der Erfolg uns bestrafen werde, weil wir etwas nicht
    recht gemacht, nicht ordentlich zu stande gebracht haben, so oft wir
    den Druck einer Verantwortung fühlen.


    *)Als Prof. Jones in einem wissenschaftlichen Vortrag vor einer amerika-
    nischen Gesellschaft vom Egoismus der Träume sprach, erhob eine gelehrte
    Dame gegen diese unwissenschaftliche Verallgemeinerung den Einwand, der
    Autor könne doch nur über die Träume von Österreichern urteilen und dürfe
    über die Träume von Amerikanern nichts aussagen. Sie sei für ihre Person
    sicher, daß alle ihre Träume streng altruistisch seien.

  • S.

    205

    Eine weitere Aufklärung der Prüfungsträume danke ich einer
    Bemerkung von Seite eines kundigen Kollegen, der einmal in einer
    wissenschaftlichen Unterhaltung hervorhob, daß seines Wissens der
    Maturatraum nur bei Personen vorkomme, die diese Prüfung be-
    standen haben, niemals bei solchen, die an ihr gescheitert sind. Der
    ängstliche Prüfungstraum, der, wie sich immer mehr bestätigt, dann
    auftritt, wenn man vom nächsten Tage eine verantwortliche Leistung
    und die Möglichkeit einer Blamage erwartet, würde also eine Gelegen-
    heit aus der Vergangenheit herausgesucht haben, bei welcher sich die
    große Angst als unberechtigt erwies und durch den Ausgang wieder-
    legt wurde. Es wäre dies ein sehr auffälliges Beispiel von Mißver-
    ständnis des Trauminhaltes durch die wache Instanz. Die als
    Empörung gegen den Traum aufgefaßte Einrede: Aber ich bin ja
    schon Doktor u. dgl., wäre in Wirklichkeit der Trost, den der Traum
    spendetet, und der also lauten würde: Fürchte dich doch nicht vor
    morgen; denke daran, welche Angst du vor der Maturitätsprüfung
    gehabt hast, und es ist für dich nichts geschehen. Heute bist du ja
    schon Doktor usw. Die Angst aber, die wir dem Traume anrechnen,
    stammte aus den Tagesresten.

    Die Proben auf diese Erklärung, die ich bei mir und anderen
    anstellen konnte, wenngleich sie nicht zahlreich genug waren, haben
    gut gestimmt. Ich bin z. B. als Rigorosant in gerichtlicher Medizin
    durchgefallen; niemals hat dieser Gegenstand mir im Traume zu
    schaffen gemacht, während ich häufig genug in Botanik, Zoologie
    oder Chemie geprüft wurde, in welchen Fächern ich mit gut be-
    gründeter Angst zur Prüfung gegangen, der Strafe aber durch Gunst
    des Schicksals oder des Prüfers entgangen bin. Im Gymnasialprüfungs-
    traume werde ich regelmäßig aus Geschichte geprüft, wo ich damals
    glänzend bestanden habe, aber allerdings nur, weil mein liebens-
    würdiger Professor – der einäugige Helfer eines anderen Traumes,
    vgl. p. 13, – nicht übersehen hatte, daß auf dem Prüfungszettel, den
    ich ihm zurückgab, die mittlere von drei Fragen mit dem Fingernagel
    durchgestrichen war, zur Mahnung, daß er auf dieser Frage nicht
    bestehen solle. Einer meiner Patienten, der von der Matura zurück-
    getreten war und sie später nachgetragen hatte, dann aber bei der
    Offiziersprüfung durchgefallen und nicht Offizier geworden ist, be-
    richtet mir, daß er oft genug von der ersteren, aber nie von der
    letzteren Prüfung träumt.

    Die Prüfungsträume setzen der Deutung bereits jene Schwierig-
    keit entgegen, die ich vorhin als charakteristisch für die meisten der
    typischen Träume angegeben habe. Das Material an Assoziationen, wel-
    ches uns der Träumer zur Verfügung stellt, reicht für die Deutung
    nur selten aus. Man muß sich das bessere Verständnis solcher Träume
    aus einer größeren Reihe von Beispielen zusammentragen. Vor kurzem
    gewann ich den sicheren Eindruck, daß die Einrede: Du bist ja schon
    Doktor u. dgl. nicht nur den Trost verdeckt, sondern auch einen

  • S.

    206

    Vorwurf andeutet. Derselbe hätte gelautet: Du bist jetzt schon so alt,
    schon so weit im Leben, und machst noch immer solche Dummheiten,
    Kindereien. Dies Gemenge von Selbstkritik und Trost würde dem
    latenten Inhalt der Prüfungsträume entsprechen. Es ist dann nicht
    weiter auffällig, wenn die Vorwürfe wegen der „Dummheiten“ und
    „Kindereien“ sich in den zuletzt analysierten Beispielen auf die
    Wiederholung beanständeter sexueller Akte bezogen.