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    Die beiden Grundprinzipien des Empedokles – φιλία und νεῖκος –
    sind dem Namen wie der Funktion nach das Gleiche wie unsere beiden Ur-
    triebe Eros und Destruktion, der eine bemüht, das Vorhandene zu
    immer größeren Einheiten zusammenzufassen, der andere, diese Vereini-
    gungen aufzulösen und die durch sie entstandenen Gebilde zu zerstören. Wir
    werden uns aber auch nicht verwundern, daß diese Theorie in manchen
    Zügen verändert ist, wenn sie nach zweiundeinhalb Jahrtausenden wieder
    auftaucht. Von der Einschränkung auf das Biopsychische abgesehen, die uns
    auferlegt ist, unsere Grundstoffe sind nicht mehr die vier Elemente des
    Empedokles, das Leben hat sich für uns scharf vom Unbelebten geson-
    dert, wir denken nicht mehr an Vermengung und Trennung von Stoffteilchen,
    sondern an Verlötung und Entmischung von Triebkomponenten. Auch
    haben wir das Prinzip des „Streites“ gewissermaßen biologisch unterbaut,
    indem wir unseren Destruktionstrieb auf den Todestrieb zurückführten, den
    Drang des Lebenden, zum Leblosen zurückzukehren. Das will nicht in Ab-
    rede stellen, daß ein analoger Trieb schon vorher bestanden hat, und natür-
    lich nicht behaupten, daß ein solcher Trieb erst mit dem Erscheinen des
    Lebens entstanden ist. Und niemand kann vorhersehen, in welcher Einklei-
    dung der Wahrheitskern in der Lehre des Empedokles sich späterer Ein-
    sicht zeigen wird.

    VII.

    Ein inhaltreicher Vortrag, den S. Ferenczi 1927 gehalten, „Das Pro-
    blem der Beendigung der Analysen“,8) schließt mit der tröstlichen Versiche-
    rung, „daß die Analyse kein endloser Prozeß ist, sondern bei entsprechender
    Sachkenntnis und Geduld des Analytikers zu einem natürlichen Abschluß
    gebracht werden kann“. Ich meine, im ganzen kommt dieser Aufsatz doch
    einer Mahnung gleich, sich nicht die Abkürzung, sondern die Vertiefung
    der Analyse zum Ziel zu setzen. Ferenczi fügt noch die wertvolle Be-
    merkung an, es sei so sehr entscheidend für den Erfolg, daß der Analytiker
    aus seinen eigenen „Irrungen und Irrtümern“ genügend gelernt und die
    „schwachen Punkte der eigenen Persönlichkeit“ in seine Gewalt bekommen
    habe. Das ergibt eine wichtige Ergänzung zu unserem Thema. Nicht nur die
    Ichbeschaffenheit des Patienten, auch die Eigenart des Analytikers fordert
    ihre Stelle unter den Momenten, die die Aussichten der analytischen Kur
    beeinflussen und dieselbe nach Art der Widerstände erschweren.

    Es ist unbestreitbar, daß die Analytiker in ihrer eigenen Persönlichkeit
    nicht durchwegs das Maß von psychischer Normalität erreicht haben, zu

    8)Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIV, 1928.

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    dem sie ihre Patienten erziehen wollen. Gegner der Analyse pflegen auf diese
    Tatsache höhnend hinzuweisen und sie als Argument für die Nutzlosigkeit
    der analytischen Bemühung zu verwerten. Man könnte diese Kritik als un-
    gerechte Anforderung zurückweisen. Analytiker sind Personen, die eine be-
    stimmte Kunst auszuüben gelernt haben und daneben Menschen sein dürfen
    wie auch andere. Man behauptet doch sonst nicht, daß jemand zum Arzt
    für interne Krankheiten nicht taugt, wenn seine internen Organe nicht gesund
    sind; man kann im Gegenteil gewisse Vorteile dabei finden, wenn ein selbst
    von Tuberkulose Bedrohter sich in der Behandlung von Tuberkulösen spe-
    zialisiert. Aber die Fälle liegen doch nicht gleich. Der lungen- oder herz-
    kranke Arzt wird, insoweit er überhaupt leistungsfähig geblieben ist, durch
    sein Kranksein weder in der Diagnostik noch in der Therapie interner Leiden
    behindert sein, während der Analytiker infolge der besonderen Bedingungen
    der analytischen Arbeit durch seine eigenen Defekte wirklich darin gestört
    wird, die Verhältnisse des Patienten richtig zu erfassen und in zweckdien-
    licher Weise auf sie zu reagieren. Es hat also seinen guten Sinn, wenn man
    vom Analytiker als Teil seines Befähigungsnachweises ein höheres Maß von
    seelischer Normalität und Korrektheit fordert; dazu kommt noch, daß er
    auch eine gewisse Überlegenheit benötigt, um auf den Patienten in gewissen
    analytischen Situationen als Vorbild, in anderen als Lehrer zu wirken. Und
    endlich ist nicht zu vergessen, daß die analytische Beziehung auf Wahrheits-
    liebe, d. h. auf die Anerkennung der Realität gegründet ist und jeden Schein
    und Trug ausschließt.

    Machen wir einen Moment halt, um den Analytiker unserer aufrichtigen
    Anteilnahme zu versichern, daß er bei Ausübung seiner Tätigkeit so schwere
    Anforderungen erfüllen soll. Es hat doch beinahe den Anschein, als wäre
    das Analysieren der dritte jener „unmöglichen“ Berufe, in denen man des
    ungenügenden Erfolgs von vornherein sicher sein kann. Die beiden anderen,
    weit länger bekannten, sind das Erziehen und das Regieren. Daß der zukünf-
    tige Analytiker ein vollkommener Mensch sei, ehe er sich mit der Analyse
    beschäftigt hat, also daß nur Personen von so hoher und so seltener Voll-
    endung sich diesem Beruf zuwenden, kann man offenbar nicht verlangen.
    Wo und wie soll aber der Ärmste sich jene ideale Eignung erwerben, die
    er in seinem Berufe brauchen wird? Die Antwort wird lauten: in der Eigen-
    analyse, mit der seine Vorbereitung für seine zukünftige Tätigkeit beginnt.
    Aus praktischen Gründen kann diese nur kurz und unvollständig sein, ihr
    hauptsächlicher Zweck ist, dem Lehrer ein Urteil zu ermöglichen, ob der
    Kandidat zur weiteren Ausbildung zugelassen werden kann. Ihre Leistung

  • S.

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    ist erfüllt, wenn sie dem Lehrling die sichere Überzeugung von der Existenz
    des Unbewußten bringt, ihm die sonst unglaubwürdigen Selbstwahrneh-
    mungen beim Auftauchen des Verdrängten vermittelt und ihm an einer ersten
    Probe die Technik zeigt, die sich in der analytischen Tätigkeit allein bewährt
    hat. Dies allein würde als Unterweisung nicht ausreichen, allein man rechnet
    darauf, daß die in der Eigenanalyse erhaltenen Anregungen mit deren Auf-
    hören nicht zu Ende kommen, daß die Prozesse der Ichumarbeitung sich
    spontan beim Analysierten fortsetzen und alle weiteren Erfahrungen in dem
    neu erworbenen Sinn verwenden werden. Das geschieht auch wirklich, und
    soweit es geschieht, macht es den Analysierten tauglich zum Analytiker.

    Es ist bedauerlich, daß außerdem noch anderes geschieht. Man bleibt auf
    Eindrücke angewiesen, wenn man dies beschreiben will; Feindseligkeit auf
    der einen, Parteilichkeit auf der anderen Seite schaffen eine Atmosphäre, die
    der objektiven Erforschung nicht günstig ist. Es scheint also, daß zahlreiche
    Analytiker es erlernen, Abwehrmechanismen anzuwenden, die ihnen ge-
    statten, Folgerungen und Forderungen der Analyse von der eigenen Person
    abzulenken, wahrscheinlich indem sie sie gegen andere richten, so daß sie
    selbst bleiben, wie sie sind, und sich dem kritisierenden und korrigierenden
    Einfluß der Analyse entziehen können. Es mag sein, daß dieser Vorgang
    dem Dichter recht gibt, der uns mahnt, wenn einem Menschen Macht ver-
    liehen wird, falle es ihm schwer, sie nicht zu mißbrauchen.9) Mitunter drängt
    sich dem um ein Verständnis Bemühten die unliebsame Analogie mit der
    Wirkung der Röntgenstrahlen auf, wenn man ohne besondere Vorsichten
    mit ihnen hantiert. Es wäre nicht zu verwundern, wenn durch die unaus-
    gesetzte Beschäftigung mit all dem Verdrängten, was in der menschlichen
    Seele nach Befreiung ringt, auch beim Analytiker alle jene Triebansprüche
    wachgerüttelt würden, die er sonst in der Unterdrückung erhalten kann. Auch
    dies sind „Gefahren der Analyse“, die zwar nicht dem passiven, sondern dem
    aktiven Partner der analytischen Situation drohen, und man sollte es nicht
    unterlassen, ihnen zu begegnen. Es kann nicht zweifelhaft sein, auf welche
    Weise. Jeder Analytiker sollte periodisch, etwa nach Verlauf von fünf
    Jahren, sich wieder zum Objekt der Analyse machen, ohne sich dieses
    Schrittes zu schämen. Das hieße also, auch die Eigenanalyse würde aus einer
    endlichen eine unendliche Aufgabe, nicht nur die therapeutische Analyse
    am Kranken.

    Indes hier ist es an der Zeit, ein Mißverständnis abzuwehren. Ich habe
    nicht die Absicht zu behaupten, daß die Analyse überhaupt eine Arbeit ohne

    9)Anatole France: La revolte des anges.

  • S.

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    Abschluß ist. Wie immer man sich theoretisch zu dieser Frage stellen mag,
    die Beendigung einer Analyse ist, meine ich, eine Angelegenheit der Praxis.
    Jeder erfahrene Analytiker wird sich an eine Reihe von Fällen erinnern
    können, in denen er rebus bene gestis vom Patienten dauernden Abschied
    genommen hat. Weit weniger entfernt sich die Praxis von der Theorie in
    Fällen der sogenannten Charakteranalyse. Hier wird man nicht leicht ein
    natürliches Ende voraussehen können, auch wenn man sich von übertriebenen
    Erwartungen ferne hält und der Analyse keine extremen Aufgaben stellt.
    Man wird sich nicht zum Ziel setzen, alle menschlichen Eigenarten zugunsten
    einer schematischen Normalität abzuschleifen oder gar zu fordern, daß der
    „gründlich Analysierte“ keine Leidenschaften verspüren und keine inneren
    Konflikte entwickeln dürfe. Die Analyse soll die für die Ichfunktionen gün-
    stigsten psychologischen Bedingungen herstellen; damit wäre ihre Aufgabe
    erledigt.

    VIII.

    In therapeutischen ebenso wie in Charakteranalysen wird man auf die
    Tatsache aufmerksam, daß zwei Themen sich besonders hervortun und dem
    Analytiker ungewöhnlich viel zu schaffen machen. Man kann das Gesetz-
    mäßige, das sich darin äußert, nicht lange verkennen. Die beiden Themen
    sind an die Differenz der Geschlechter gebunden; das eine ist ebenso cha-
    rakteristisch für den Mann wie das andere für das Weib. Trotz der Ver-
    schiedenheit des Inhalts sind es offenbare Entsprechungen. Etwas, das beiden
    Geschlechtern gemeinsam ist, ist durch den Geschlechtsunterschied in eine
    andere Ausdrucksform gepreßt worden.

    Die beiden einander entsprechenden Themen sind für das Weib der
    Penisneid – das positive Streben nach dem Besitz eines männlichen Geni-
    tales –, für den Mann das Sträuben gegen seine passive oder feminine Ein-
    stellung zum anderen Mann. Das Gemeinsame hat die psychoanalytische
    Nomenklatur frühzeitig als Verhalten zum Kastrationskomplex herausge-
    hoben, Alfred Adler hat später die für den Mann voll zutreffende Bezeich-
    nung „männlicher Protest“ in Gebrauch gebracht; ich meine, „Ablehnung
    der Weiblichkeit“ wäre vom Anfang an die richtige Beschreibung dieses so
    merkwürdigen Stückes des menschlichen Seelenlebens gewesen.

    Beim Versuch einer Einfügung in unser theoretisches Lehrgebäude darf
    man nicht übersehen, daß dieser Faktor seiner Natur nach nicht die gleiche
    Unterbringung bei beiden Geschlechtern finden kann. Beim Mann ist das
    Männlichkeitsstreben von Anfang an und durchaus ichgerecht; die passive
    Einstellung wird, da sie die Annahme der Kastration voraussetzt, energisch