S.
EINE TEUFELSNEUROSE
IM SIEBZEHNTEN JAHRHUNDERTErschienen zuerst in „Imago“, IX. Bd. (1923),
Heft 1 (Religionspsychologisches Heft).An den Neurosen der Kinderzeit haben wir gelernt, daß manches
hier mühelos mit freiem Auge zu sehen ist, was sich spåterhin
nur gründlicher Forschung zu erkennen gibt. Eine ähnliche Er-
wartung wird sich für die neurotischen Erkrankungen früherer
Jahrhunderte ergeben, wenn wir nur darauf gefaBt sind, dieselben
unter anderen Uberschriften als unsere heutigen Neurosen zu
finden. Wir diirfen nicht erstaunt sein, wenn die Neurosen dieser
frühen Zeiten im dåmonologischen Gewande auftreten, während
die der unpsychologischen Jetztzeit im hypochondrischen, als or-
ganische Krankheiten verkleidet, erscheinen. Mehrere Autoren,
voran Charcot, haben bekanntlich in den Darstellungen der Be-
sessenheit und Verziickung, wie sie uns die Kunst hinterlassen
hat, die AuBerungsformen der Hysterie agnosziert; es wire nicht
schwer gewesen, in den Geschichten dieser Kranken die Inhalte
der Neurose wiederzufinden, wenn man ihnen damals mehr Auf-
merksamkeit geschenkt hätte.Die dämonologische Theorie jener dunkeln Zeiten hat gegen
alle somatischen Auffassungen der „exakten“ Wissenschaftsperiode
recht behalten. Die Besessenheiten entsprechen unseren Neurosen,S.
410 Zur Anwendung der Psychoanalyse
zu deren Erklärung wir wieder psychische Mächte heranziehen.
Die Dämonen sind uns böse, verworfene Wünsche, Abkómmlinge
abgewiesener, verdrängter Triebregungen. Wir lehnen bloß die
Projektion in die äußere Welt ab, welche das Mittelalter mit
diesen seelischen Wesen vornahm; wir lassen sie im Innenlebender Kranken, wo sie hausen, entstanden sein.
1
DIE GESCHICHTE DES MALERS CHRISTOPH
HAITZMANNEinen Einblick in eine solche dåmonologische Neurose des sieb-
zehnten Jahrhunderts verdanke ich dem freundlichen Interesse
des Herrn Hofrats Dr. R. Payer-Thurn, Direktor der ehemals
k. k. FideikommiBbibliothek in Wien. Payer-Thurn hatte in
der Bibliothek ein aus dem Gnadenort Mariazell stammendes
Manuskript aufgefunden, in dem über eine wunderbare Erlösung
von einem Teufelspakt durch die Gnade der heiligen Maria aus-
führlich berichtet wird. Sein Interesse wurde durch die Beziehung
dieses Inhalts zur Faustsage geweckt und wird ihn zu einer ein-
gehenden Darstellung und Bearbeitung des Stoffes veranlassen.
Da er aber fand, daß die Person, deren Erlösung beschrieben
wird, an Krampfanfållen und Visionen litt, wandte er sich an
mich um eine årztliche Begutachtung des Falles. Wir sind iiber-
eingekommen, unsere Arbeiten unabhingig voneinander und ge-
sondert zu veröffentlichen. Ich statte ihm fiir seine Anregung,
wie fiir mancherlei Hilfeleistung beim Studium des Manuskripts
meinen Dank ab.Diese dåmonologische Krankengeschichte bringt wirklich einen
wertvollen Fund, der ohne viel Deutung klar zutage liegt, wie
manche Fundstelle als gediegenes Metall liefert, was anderwärts
mühsam aus dem Erz geschmolzen werden muß.
You are here
Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert1923-002/1924a
1923-002/1924.2/V