Über den Traum1901-001/1921
  • S.

    37

    Wenn der Schlafzustand überwunden ist, stellt sich die Zensur
    rasch zur vollen Höhe wieder her und kann jetzt wieder vernichten, was
    ihr während der Zeit ihrer Schwäche abgerungen worden ist. Dass das
    Vergessen des Traumes wenigstens zum Teil diese Erklärung
    fordert, geht aus einer ungezählte Male bestätigten Erfahrung hervor.
    Während der Erzählung eines Traumes oder während der Analyse des-
    selben geschieht es nicht selten, dass plötzlich ein vergessen geglaubtes
    Bruchstück des Trauminhaltes wieder auftaucht. Dies dem Vergessen
    entrissene Stück enthält regelmäßig den besten und nächsten Zugang
    zur Bedeutung des Traumes. Es sollte wahrscheinlich nur darum dem
    Vergessen, d. i. der neuerlichen Unterdrückung, verfallen.

    XI.

    Wenn wir den Trauminhalt als Darstellung eines erfüllten Wunsches
    auffassen und seine Dunkelheit auf die Abänderungen der Zensur an
    verdrängtem Material zurückführen, fällt es uns auch nicht mehr schwer,
    die Funktion des Traumes zu erschliessen. In seltsamem Gegensatz zu
    Redewendungen, welche den Schlaf durch Träume stören lassen, müssen
    wir den Traum als den Hüter des Schlafes anerkennen. Für
    den Kindertraum dürfte unsere Behauptung leicht Glauben finden.

    Der Schlafzustand oder die psychische Schlafveränderung, worin
    immer sie bestehen mag, wird herbeigeführt durch den dem Kind auf-
    genötigten oder auf Grund von Müdigkeitssensationen gefassten Ent-
    schluss zu schlafen, und einzig ermöglicht durch die Abhaltung von
    Reizen, welche dem psychischen Apparat andere Ziele setzen könnten
    als das des Schlafens. Die Mittel, welche dazu dienen, äussere Reize
    ferne zu halten, sind bekannt; aber welche Mittel stehen uns zur Ver-
    fügung, um die inneren seelischen Reize niederzuhalten, die sich dem
    Einschlafen widersetzen? Man beobachte eine Mutter, die ihr Kind ein-
    schläfert. Es äussert unausgesetzt Bedürfnisse, es will noch einen Kuss,
    es möchte noch spielen. Diese Bedürfnisse werden zum Teil befriedigt,
    zum anderen mit Autorität auf den nächsten Tag verschoben. Es ist
    klar, dass Wünsche und Bedürfnisse, die sich regen, die Hemmnisse des
    Einschlafens sind. Wer kennt nicht die heitere Geschichte von dem
    schlimmen Buben (Balduin Groller’s), der, bei Nacht erwachend,
    durch den Schlafraum brüllt: Das Nashorn will er? Ein braveres
    Kind würde, anstatt zu brüllen, träumen, dass es mit dem Nashorn
    spiele. Da der Traum, welcher den Wunsch erfüllt zeigt, während des
    Schlafens Glauben findet, hebt er den Wunsch auf und ermöglicht
    den Schlaf. Es ist nicht abzuweisen, dass dieser Glaube dem Traum-
    bilde zufällt, weil dieses sich in die psychische Erscheinung der Wahr-

  • S.

    38

    nehmung kleidet, während dem Kinde die später zu erwerbende Fähig-
    keit noch fehlt, Halluzination oder Phantasie von Realität zu unter-
    scheiden.

    Der Erwachsene hat diese Unterscheidung gelernt, er hat auch
    die Nutzlosigkeit des Wünschens begriffen und durch fortgesetzte Übung
    erreicht, seine Strebungen aufzuschieben, bis sie auf langen Umwegen
    über die Veränderung der Aussenwelt ihre Erledigung finden können.
    Dem entsprechend sind auch die Wunscherfüllungen auf kurzem psychi-
    schem Weg bei ihm im Schlafe selten; ja es ist selbst möglich, dass
    sie überhaupt nicht vorkommen, und dass alles, was uns nach der Art
    eines Kindestraumes gebildet zu sein scheint, eine viel kompliziertere
    Auflösung erfordert. Dafür aber hat sich beim Erwachsenen — und
    wohl bei jedem Vollsinnigen ohne Ausnahme — eine Differenzierung
    des psychischen Materiales herausgebildet, die dem Kinde fehlte. Es ist
    ein psychische Instanz zu Stande gekommen, welche, durch die Lebens-
    erfahrung belehrt, einen beherrschenden und hemmenden Einfluss auf
    die seelischen Regungen mit eifersüchtiger Strenge festhält, und die
    durch ihre Stellung zum Bewusstsein und zur willkürlichen Motilität mit
    den grössten Mitteln psychischer Macht ausgestattet ist. Ein Teil der
    kindlichen Regungen aber ist als lebensunnütz von dieser Instanz unter-
    drückt worden, und alles Gedankenmaterial, was von diesen abstammt,
    befindet sich im Zustande der Verdrängung.

    Während sich nun die Instanz, in welcher wir unser normales
    Ich erkennen, auf den Wunsch zu schlafen einstellt, scheint sie durch
    die psychophysiologischen Bedingungen des Schlafes genötigt, an der
    Energie nachzulassen‚ mit welcher sie bei Tag das Verdrängte nieder-
    zuhalten pflegte. Dieser Nachlass selbst ist zwar harmlos; die Er-
    regungen der unterdrückten Kinderseele mögen sich immerhin tummeln;
    in Folge des nämlichen Schlafzustandes finden sie doch den Zugang
    zum Bewusstsein erschwert und den zur Motilität versperrt. Die Ge-
    fahr, dass der Schlaf durch sie gestört werde, muss aber abgewehrt
    werden. Nun müssen wir ja ohnehin die Annahme zulassen, dass selbst
    im tiefen Schlaf ein Betrag von freier Aufmerksamkeit als Wächter
    gegen Sinnesreize aufgeboten wird, welche etwa das Erwachen rätlicher
    erscheinen lassen als die Fortsetzung des Schlafes. Es wäre sonst
    nicht zu erklären, dass wir jederzeit durch Sinnesreize von gewisser
    Qualität aufzuwecken sind, wie bereits der alte Physiologe
    Burdach betonte, die Mutter z. B. durch das Wimmern ihres Kindes,
    der Müller durch das Stehenbleiben seiner Mühle, die meisten Menschen
    durch den leisen Anruf bei ihrem Namen. Diese Wache haltende Auf-
    merksamkeit wendet sich nun auch den inneren Wunschreizen aus dem
    Verdrängten zu und bildet mit ihnen den Traum, der als Kompromiss
    gleichzeitig beide Instanzen befriedigt. Der Traum schafft eine Art von
     

  • S.

    39

    psychischer Erledigung für den unterdrückten oder mit Hilfe des Ver-
    drängten geformten Wunsch, indem er ihn als erfüllt hinstellt; er genügt
    aber auch der anderen Instanz, indem er die Fortsetzung des Schlafes
    gestattet. Unser Ich benimmt sich dabei gerne wie ein Kind, es schenkt
    den Traumbildern Glauben, als ob es sagen wollte: Ja, ja, du hast
    Recht, aber lass mich schlafen. Die Geringschätzung, die wir erwacht
    dem Traume entgegenbringen, und die sich auf die Verworrenheit und
    scheinbare Unlogik des Traumes beruft, ist wahrscheinlich nichts anderes
    als das Urteil unseres schlafenden Ichs über die Regungen aus dem
    Verdrängten, das sich mit besserem Rechte auf die motorische Ohnmacht
    dieser Schlafstörer stützt. Dies geringschätzige Urteil wird uns mit-
    unter selbst im Schlafe bewusst; wenn der Trauminhalt allzusehr über
    die Zensur hinausgeht, denken wir: Es ist ja nur ein Traum — und
    schlafen weiter.

    Es ist kein Einwand gegen diese Auffassung, wenn es auch für
    den Traum Grenzfälle gibt, in denen er seine Funktion, den Schlaf vor
    Unterbrechung zu bewahren, nicht mehr festhalten kann — wie beim
    Angsttraum — und sie gegen die andere, ihn rechtzeitig aufzuheben,
    vertauscht. Er verfährt dabei auch nur wie der gewissenhafte Nacht-
    wächter, der zunächst seine Pflicht tut, indem er Störungen zur Ruhe
    bringt, um die Bürgerschaft nicht zu wecken, dann aber seine Pflicht
    damit fortsetzt, die Bürgerschaft selbst zu wecken, wenn ihm die Ur-
    sachen der Störung bedenklich scheinen und er mit ihnen allein nicht
    fertig wird.

    Besonders deutlich wird eine solche Funktion des Traumes, wenn
    an den Schlafenden ein Anreiz zu Sinnesempfindungen herantritt. Dass
    Sinnesreize während des Schlafzustandes angebracht den Inhalt der
    Träume beeinflussen, ist allgemein bekannt‚ lässt sich experimentell
    nachweisen und gehört zu den wenigen sicheren, aber arg überschätzten
    Ergebnissen der ärztlichen Forschung über den Traum. Es hat sich
    aber an diese Ermittlung ein bisher unlösbares Rätsel geknüpft. Der
    Sinnesreiz, den der Experimentator auf den Schlafenden einwirken lässt,
    erscheint im Traume nämlich nicht richtig erkannt, sondern unterliegt
    irgend einer von unbestimmt vielen Deutungen, deren Determinierung
    der psychischen Willkür überlassen schien. Psychische Willkür gibt
    es natürlich nicht. Der Schlafende kann gegen einen Sinnenreiz von
    aussen auf mehrfache Weise reagieren. Entweder er erwacht, oder es
    gelingt ihm, den Schlaf trotzdem fortzusetzen. Im letzteren Falle kann
    er sich des Traumes bedienen, um den äusseren Reiz fortzuschaffen, und
    zwar wiederum auf mehr als eine Weise. Er kann z. B. den Reiz auf-
    heben, indem er eine Situation träumt, die mit ihm ganz und gar un-
    verträglich ist. So benahm sich z. B. ein Schläfer, den ein schmerz-
    hafter Abszess am Perineum stören wollte. Er träumte, dass er auf
     

  • S.

    40

    einem Pferd reite, benutzte dabei den Breiumschlag, der ihm den
    Schmerz lindern sollte, als Sattel und kam so über die Störung hinweg.
    Oder aber, was der häufigere Fall ist, der äussere Reiz erfährt eine Um-
    deutung, die ihn in den Zusammenhang eines eben auf seine Erfüllung
    lauernden verdrängten Wunsches einfügt, ihn so seiner Realität beraubt
    und wie ein Stück des psychischen Materials behandelt. So träumt
    jemand, er habe ein Lustspiel geschrieben, das eine bestimmte Grund-
    idee verkörpert, es werde im Theater aufgeführt, der erste Akt sei
    vorüber und finde rasenden Beifall. Es wird fürchterlich geklatscht . . .
    Es muss hier dem Träumer gelungen sein, seinen Schlaf über die
    Störung hinaus zu verlängern, denn als er erwachte, hörte er das
    Geräusch nicht mehr, urteilte aber mit gutem Recht, es müsste ein
    Teppich oder Betten geklopft worden sein. — Die Träume, die sich
    unmittelbar vor dem Wecken durch ein lautes Geräusch einstellen,
    haben alle noch den Versuch gemacht, den erwarteten Weckreiz durch
    eine andere Erklärung abzuleugnen und den Schlaf noch um ein Weilchen
    zu verlängern.

    XII.

    Wer an dem Gesichtspunkte der Zensur als dem Hauptmotiv
    der Traumentstellung festhält, der wird nicht befremdet sein, aus den
    Ergebnissen der Traumdeutung zu erfahren, dass die meisten Träume
    der Erwachsenen durch die Analyse auf erotische Wünsche zu-
    rückgeführt werden. Diese Behauptung zielt nicht auf die Träume von
    unverhüllt sexuellem Inhalt, die wohl allen Träumern aus eigenem Er-
    leben bekannt sind und gewöhnlich allein als „sexuelle Träume“ be-
    schrieben werden. Solche Träume bieten noch immer des Befremdenden
    genug durch die Auswahl der Personen, die sie zu Sexualobjekten
    machen, durch die Wegräumung aller Schranken, an denen der Träumer
    im wachen Leben seine geschlechtlichen Bedürfnisse Halt machen lässt,
    durch viele sonderbare an das sogenannt Perverse mahnende Einzel-
    heiten. Die Analyse zeigt aber, dass sehr viele andere Träume, die in
    ihrem manifesten Inhalt nichts Erotisches erkennen lassen, durch die
    Deutungsarbeit als sexuelle Wunscherfüllungen entlarvt werden, und
    dass anderseits sehr viele von der Denkarbeit des Wachens als „Tages-
    reste“ erübrigte Gedanken zu ihrer Darstellung im Traum nur durch die
    Zuhilfenahme verdrängter erotischer Wünsche gelangen.

    Zur Aufklärung dieses theoretisch nicht postulierten Sachverhaltes
    sei darauf hingewiesen, dass keine andere Gruppe von Trieben eine so
    weitgehende Unterdrückung durch die Anforderungen der Erziehung
    zur Kultur erfahren hat wie gerade die sexuellen, dass aber auch die