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    ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UND TOD

    Zuerst erschienen anfangs 1915 in „Imago“,
    Bd. V, dann in der Vierten Folge der „Sammlung
    kleiner Schriften zur Neurosenlehre“. Eine hollän-
    dische Übersetzung (von Dr. Jan van Emden)
    erschien 1917 (unter dem Titel „Oorlog en
    Dood“), eine englische (von Brill und Kuttner)
    1918.

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    DIE ENTTÄUSCHUNG DES KRIEGES

    Von dem Wirbel dieser Kriegszeit gepackt, einseitig unterrichtet,
    ohne Distanz von den großen Veränderungen, die sich bereits
    vollzogen haben oder zu vollziehen beginnen, und ohne Witterung
    der sich gestaltenden Zukunft, werden wir selbst irre an der Be-
    deutung der Eindrücke, die sich uns aufdrängen, und an dem
    Werte der Urteile, die wir bilden. Es will uns scheinen, als hätte
    noch niemals ein Ereignis so viel kostbares Gemeingut der Mensch-
    heit zerstört, so viele der klarsten Intelligenzen verwirrt, so gründ-
    lich das Hohe erniedrigt. Selbst die Wissenschaft hat ihre leiden-
    schaftslose Unparteilichkeit verloren; ihre aufs tiefste erbitterten
    Diener suchen ihr Waffen zu entnehmen, um einen Beitrag zur
    Bekämpfung des Feindes zu leisten. Der Anthropologe muß den
    Gegner für minderwertig und degeneriert erklären, der Psychiater
    die Diagnose seiner Geistes- oder Seelenstörung verkünden. Aber
    wahrscheinlich empfinden wir das Böse dieser Zeit unmäßig stark

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    und haben kein Recht, es mit dem Bösen anderer Zeiten zu ver-
    gleichen, die wir nicht erlebt haben.

    Der Einzelne, der nicht selbst ein Kämpfer und somit ein Par-
    tikelchen der riesigen Kriegsmaschinerie geworden ist, fühlt sich
    in seiner Orientierung verwirrt und in seiner Leistungsfähigkeit
    gehemmt. Ich meine, ihm wird jeder kleine Wink willkommen
    sein, der es ihm erleichtert, sich wenigstens in seinem eigenen
    Innern zurechtzufinden. Unter den Momenten, welche das seeli-
    sche Elend der Daheimgebliebenen verschuldet haben, und deren
    Bewältigung ihnen so schwierige Aufgaben stellt, möchte ich zwei
    hervorheben und an dieser Stelle behandeln: Die Enttäuschung,
    die dieser Krieg hervorgerufen hat, und die veränderte Einstel-
    lung zum Tode, zu der er uns – wie alle anderen Kriege –
    nötigt.

    Wenn ich von Enttäuschung rede, weiß jedermann sofort, was
    damit gemeint ist. Man braucht kein Mitleidsschwärmer zu sein,
    man kann die biologische und psychologische Notwendigkeit des
    Leidens für die Ökonomie des Menschenlebens einsehen und darf
    doch den Krieg in seinen Mitteln und Zielen verurteilen und
    das Aufhören der Kriege herbeisehnen. Man sagte sich zwar, die
    Kriege könnten nicht aufhören, solange die Völker unter so ver-
    schiedenartigen Existenzbedingungen leben, solange die Wertungen
    des Einzellebens bei ihnen weit auseinandergehen, und solange
    die Gehässigkeiten, welche sie trennen, so starke seelische Trieb-
    kräfte repräsentieren. Man war also darauf vorbereitet, daß Kriege
    zwischen den primitiven und den zivilisierten Völkern, zwischen
    den Menschenrassen, die durch die Hautfarbe voneinander ge-
    schieden werden, ja Kriege mit und unter den wenig entwickelten
    oder verwilderten Völkerindividuen Europas die Menschheit noch
    durch geraume Zeit in Anspruch nehmen werden. Aber man
    getraute sich etwas anderes zu hoffen. Von den großen weltbe-
    herrschenden Nationen weißer Rasse, denen die Führung des
    Menschengeschlechtes zugefallen ist, die man mit der Pflege welt-
     

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    umspannender Interessen beschäftigt wußte, deren Schöpfungen
    die technischen Fortschritte in der Beherrschung der Natur wie
    die künstlerischen und wissenschaftlichen Kulturwerte sind, von
    diesen Völkern hatte man erwartet, daß sie es verstehen würden,
    Mißhelligkeiten und Interessenkonflikte auf anderem Wege zum
    Austrage zu bringen. Innerhalb jeder dieser Nationen waren hohe
    sittliche Normen für den einzelnen aufgestellt worden, nach denen
    er seine Lebensführung einzurichten hatte, wenn er an der Kultur-
    gemeinschaft teilnehmen wollte. Diese oft überstrengen Vor-
    schriften forderten viel von ihm, eine ausgiebige Selbstbeschrän-
    kung, einen weitgehenden Verzicht auf Triebbefriedigung. Es war
    ihm vor allem versagt, sich der außerordentlichen Vorteile zu
    bedienen, die der Gebrauch von Lüge und Betrug im Wett-
    kampfe mit den Nebenmenschen schafft. Der Kulturstaat hielt
    diese sittlichen Normen für die Grundlage seines Bestandes, er
    schritt ernsthaft ein, wenn man sie anzutasten wagte, erklärte es
    oft für untunlich, sie auch nur einer Prüfung durch den kriti-
    schen Verstand zu unterziehen. Es war also anzunehmen, daß er
    sie selbst respektieren wolle und nichts gegen sie zu unternehmen
    gedenke, wodurch er der Begründung seiner eigenen Existenz
    widersprochen hätte. Endlich konnte man zwar die Wahrnehmung
    machen, daß es innerhalb dieser Kulturnationen gewisse einge-
    sprengte Völkerreste gäbe, die ganz allgemein unliebsam wären
    und darum nur widerwillig, auch nicht im vollen Umfange, zur
    Teilnahme an der gemeinsamen Kulturarbeit zugelassen würden,
    für die sie sich als genug geeignet erwiesen hatten. Aber die
    großen Völker selbst, konnte man meinen, hätten so viel Ver-
    ständnis für ihre Gemeinsamkeiten und so viel Toleranz für ihre
    Verschiedenheiten erworben, daß „fremd“ und „feindlich“ nicht
    mehr wie noch im klassischen Altertume für sie zu einem Be-
    griffe verschmelzen durften.

    Vertrauend auf diese Einigung der Kulturvölker haben unge-
    zählte Menschen ihren Wohnort in der Heimat gegen den Auf-
     

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    enthält in der Fremde eingetauscht und ihre Existenz an die
    Verkehrsbeziehungen zwischen den befreundeten Völkern geknüpft.
    Wen aber die Not des Lebens nicht ständig an die nämliche Stelle
    bannte, der konnte sich aus allen Vorzügen und Reizen der Kultur-
    länder ein neues größeres Vaterland zusammensetzen, in dem er
    sich ungehemmt und unverdächtigt erging. Er genoß so das blaue
    und das graue Meer, die Schönheit der Schneeberge und die der
    grünen Wiesenflächen, den Zauber des nordischen Waldes und
    die Pracht der südlichen Vegetation, die Stimmung der Land-
    schaften, auf denen große historische Erinnerungen ruhen, und
    die Stille der unberührten Natur. Dies neue Vaterland war für
    ihn auch ein Museum, erfüllt mit allen Schätzen, welche die
    Künstler der Kulturmenschheit seit vielen Jahrhunderten geschaffen
    und hinterlassen hatten. Während er von einem Saale dieses
    Museums in einen andern wanderte, konnte er in parteiloser
    Anerkennung feststellen, was für verschiedene Typen von Voll-
    kommenheit, Blutmischung, Geschichte und die Eigenart der Mutter
    Erde an seinen weiteren Kompatrioten ausgebildet hatten. Hier
    war die kühle unbeugsame Energie aufs höchste entwickelt, dort
    die graziöse Kunst, das Leben zu verschönern, anderswo der Sinn
    für Ordnung und Gesetz oder andere der Eigenschaften, die den
    Menschen zum Herrn der Erde gemacht haben.

    Vergessen wir auch nicht, daß jeder Kulturweltbürger sich
    einen besonderen „Parnaß“ und eine „Schule von Athen“ ge-
    schaffen hatte. Unter den großen Denkern, Dichtern, Künstlern
    aller Nationen, hatte er die ausgewählt, denen er das Beste zu
    schulden vermeinte, was ihm an Lebensgenuß und Lebensver-
    ständnis zugänglich geworden war, und sie den unsterblichen
    Alten in seiner Verehrung zugesellt wie den vertrauten Meistern
    seiner eigenen Zunge. Keiner von diesen Großen war ihm darum
    fremd erschienen, weil er in anderer Sprache geredet hatte, weder
    der unvergleichliche Ergünder der menschlichen Leidenschaften,
    noch der schönheitstrunkene Schwärmer oder der gewaltig drohende

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    Prophet, der feinsinnige Spötter, und niemals warf er sich dabei
    vor, abtrünnig geworden zu sein der eigenen Nation und der
    geliebten Muttersprache.

    Der Genuß der Kulturgemeinschaft wurde gelegentlich durch
    Stimmen gestört, welche warnten, daß infolge altüberkommener
    Differenzen Kriege auch unter den Mitgliedern derselben unver-
    meidlich wären. Man wollte nicht daran glauben, aber wie stellte
    man sich einen solchen Krieg vor, wenn es dazu kommen sollte?
    Als eine Gelegenheit die Fortschritte im Gemeingefühle der
    Menschen aufzuzeigen seit jener Zeit, da die griechischen Am-
    phiktyonien verboten hatten, eine dem Bündnisse angehörige Stadt
    zu zerstören, ihre Ölbäume umzuhauen und ihr das Wasser ab-
    zuschneiden. Als einen ritterlichen Waffengang, der sich darauf
    beschränken wollte, die Überlegenheit des einen Teiles festzu-
    stellen, unter möglichster Vermeidung schwerer Leiden, die zu
    dieser Entscheidung nichts beitragen könnten, mit voller Schonung
    für den Verwundeten, der aus dem Kampfe ausscheiden muß,
    und für den Arzt und Pfleger, der sich seiner Herstellung widmet.
    Natürlich mit allen Rücksichten für den nicht kriegführenden
    Teil der Bevölkerung, für die Frauen, die dem Kriegshandwerk
    ferne bleiben, und für die Kinder, die, herangewachsen, einander
    von beiden Seiten Freunde und Mithelfer werden sollen. Auch
    mit Erhaltung all der internationalen Unternehmungen und Insti-
    tutionen, in denen sich die Kulturgemeinschaft der Friedenszeit
    verkörpert hatte.

    Ein solcher Krieg hätte immer noch genug des Schrecklichen
    und schwer zu Ertragenden enthalten, aber er hätte die Entwick-
    lung ethischer Beziehungen zwischen den Großindividuen der
    Menschheit, den Völkern und Staaten, nicht unterbrochen.

    Der Krieg, an den wir nicht glauben wollten, brach nun aus
    und er brachte die – Enttäuschung. Er ist nicht nur blutiger
    und verlustreicher als einer der Kriege vorher, infolge der mächtig-
    vervollkommneten Waffen des Angriffes und der Verteidigung, 

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    sondern mindestens ebenso grausam, erbittert, schonungslos wie
    irgend ein früherer. Er setzt sich über alle Einschränkungen hinaus,
    zu denen man sich in friedlichen Zeiten verpflichtet, die man das
    Völkerrecht genannt hatte, anerkennt nicht die Vorrechte des
    Verwundeten und des Arztes, die Unterscheidung des friedlichen
    und des kämpfenden Teiles der Bevölkerung, die Ansprüche des
    Privateigentums. Er wirft nieder, was ihm im Wege steht, in
    blinder Wut, als sollte es keine Zukunft und keinen Frieden
    unter den Menschen nach ihm geben. Er zerreißt alle Bande der
    Gemeinschaft unter den miteinander ringenden Völkern und droht
    eine Erbitterung zu hinterlassen, welche eine Wiederanknüpfung
    derselben für lange Zeit unmöglich machen wird.

    Er brachte auch das kaum begreifliche Phänomen zum Vor-
    scheine, daß die Kulturvölker einander so wenig kennen und ver-
    stehen, daß sich das eine mit Haß und Abscheu gegen das andere
    wenden kann. Ja, daß eine der großen Kulturnationen so allge-
    mein mißliebig ist, daß der Versuch gewagt werden kann, sie als
    „barbarisch“ von der Kulturgemeinschaft auszuschließen, obwohl
    sie ihre Eignung durch die großartigsten Beitragsleistungen längst
    erwiesen hat. Wir leben der Hoffnung, eine unparteiische Ge-
    schichtsschreibung werde den Nachweis erbringen, daß gerade
    diese Nation, die, in deren Sprache wir schreiben, für deren Sieg
    unsere Lieben kämpfen, sich am wenigsten gegen die Gesetze der
    menschlichen Gesittung vergangen habe, aber wer darf in solcher
    Zeit als Richter auftreten in eigener Sache?

    Völker werden ungefähr durch die Staaten, die sie bilden,
    repräsentiert; diese Staaten durch die Regierungen, die sie leiten.
    Der einzelne Volksangehörige kann in diesem Kriege mit Schrecken
    feststellen, was sich ihm gelegentlich schon in Friedenszeiten auf-
    drängen wollte, daß der Staat dem Einzelnen den Gebrauch des
    Unrechts untersagt hat, nicht weil er es abschaffen, sondern weil
    er es monopolisieren will wie Salz und Tabak. Der kriegführende
    Staat gibt sich jedes Unrecht, jede Gewalttätigkeit frei, die den 

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    Einzelnen entehren würde. Er bedient sich nicht nur der erlaubten
    List, sondern auch der bewußten Lüge und des absichtlichen Be-
    truges gegen den Feind, und dies zwar in einem Maße, welches
    das in früheren Kriegen Gebräuchliche zu übersteigen scheint.
    Der Staat fordert das Äußerste an Gehorsam und Aufopferung
    von seinen Bürgern, entmündigt sie aber dabei durch ein Über-
    maß von Verheimlichung und eine Zensur der Mitteilung und
    Meinungsäußerung, welche die Stimmung der so intellektuell
    Unterdrückten wehrlos macht gegen jede ungünstige Situation
    und jedes wüste Gerücht. Er löst sich los von Zusicherungen und
    Verträgen, durch die er sich gegen andere Staaten gebunden hatte,
    bekennt sich ungescheut zu seiner Habgier und seinem Macht-
    streben, die dann der Einzelne aus Patriotismus gutheißen soll.

    Man wende nicht ein, daß der Staat auf den Gebrauch des
    Unrechts nicht verzichten kann, weil er sich dadurch in Nach-
    teil setzte. Auch für den Einzelnen ist die Befolgung der sitt-
    lichen Normen, der Verzicht auf brutale Machtbetätigung in der
    Regel sehr unvorteilhaft, und der Staat zeigt sich nur selten dazu
    fähig, den Einzelnen für das Opfer zu entschädigen, das er von
    ihm gefordert hat. Man darf sich auch nicht darüber verwundern,
    daß die Lockerung aller sittlichen Beziehungen zwischen den Groß-
    individuen der Menschheit eine Rückwirkung auf die Sittlichkeit
    der Einzelnen geäußert hat, denn unser Gewissen ist nicht der
    unbeugsame Richter, für den die Ethiker es ausgeben, es ist in
    seinem Ursprunge „soziale Angst“ und nichts anderes. Wo die
    Gemeinschaft den Vorwurf aufhebt, hört auch die Unterdrückung
    der bösen Gelüste auf, und die Menschen begehen Taten von
    Grausamkeit, Tücke, Verrat und Roheit, deren Möglichkeit man
    mit ihrem kulturellen Niveau für unvereinbar gehalten hätte.

    So mag der Kulturweltbürger, den ich vorhin eingeführt habe,
    ratlos dastehen in der ihm fremd gewordenen Welt, sein großes
    Vaterland zerfallen, die gemeinsamen Besitztümer verwüstet, die
    Mitbürger entzweit und erniedrigt! 

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    Zur Kritik seiner Enttäuschung wäre einiges zu bemerken. Sie
    ist, strenge genommen, nicht berechtigt, denn sie besteht in der
    Zerstörung einer Illusion. Illusionen empfehlen sich uns dadurch,
    daß sie Unlustgefühle ersparen und uns an ihrer Statt Befriedi-
    gungen genießen lassen. Wir müssen es dann ohne Klage hin-
    nehmen, daß sie irgend einmal mit einem Stücke der Wirklich-
    keit zusammenstoßen, an dem sie zerschellen.

    Zweierlei in diesem Kriege hat unsere Enttäuschung rege ge-
    macht: die geringe Sittlichkeit der Staaten nach außen, die sich
    nach innen als die Wächter der sittlichen Normen gebärden, und
    die Brutalität im Benehmen der Einzelnen, denen man als Teil-
    nehmer an der höchsten menschlichen Kultur ähnliches nicht zu-
    getraut hat.

    Beginnen wir mit dem zweiten Punkte und versuchen wir es
    die Anschauung, die wir kritisieren wollen, in einen einzigen
    knappen Satz zu fassen. Wie stellt man sich denn eigentlich den
    Vorgang vor, durch welchen ein einzelner Mensch zu einer
    höheren Stufe von Sittlichkeit gelangt? Die erste Antwort wird
    wohl lauten: Er ist eben von Geburt und von Anfang an gut
    und edel. Sie soll hier weiter nicht berücksichtigt werden. Eine
    zweite Antwort wird auf die Anregung eingehen, daß hier ein
    Entwicklungsvorgang vorliegen müsse, und wird wohl annehmen,
    diese Entwicklung bestehe darin, daß die bösen Neigungen des
    Menschen in ihm ausgerottet und unter dem Einflusse von Er-
    ziehung und Kulturumgebung durch Neigungen zum Guten ersetzt
    werden. Dann darf man sich allerdings verwundern, daß bei dem
    so Erzogenen das Böse wieder so tatkräftig zum Vorschein kommt.

    Aber diese Antwort enthält auch den Satz, dem wir wider-
    sprechen wollen. In Wirklichkeit gibt es keine „Ausrottung“ des
    Bösen. Die psychologische – im strengeren Sinne die psycho-
    analytische – Untersuchung zeigt vielmehr, daß das tiefste Wesen
    des Menschen in Triebregungen besteht, die elementarer Natur,
    bei allen Menschen gleichartig sind und auf die Befriedigung

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    gewisser ursprünglicher Bedürfnisse zielen. Diese Triebregungen
    sind an sich weder gut noch böse. Wir klassifizieren sie und ihre
    Äußerungen in solcher Weise, je nach ihrer Beziehung zu den
    Bedürfnissen und Anforderungen der menschlichen Gemeinschaft.
    Zugegeben ist, daß alle die Regungen, welche von der Gesell-
    schaft als böse verpönt werden – nehmen wir als Vertretung
    derselben die eigensüchtigen und die grausamen – sich unter
    diesen primitiven befinden.

    Diese primitiven Regungen legen einen langen Entwicklungs-
    weg zurück, bis sie zur Betätigung beim Erwachsenen zugelassen
    werden. Sie werden gehemmt, auf andere Ziele und Gebiete
    gelenkt, gehen Verschmelzungen miteinander ein, wechseln ihre
    Objekte, wenden sich zum Teil gegen die eigene Person. Reaktions-
    bildungen gegen gewisse Triebe täuschen die inhaltliche Verwand-
    lung derselben vor, als ob aus Egoismus – Altruismus, aus Grau-
    samkeit – Mitleid geworden wäre. Diesen Reaktionsbildungen
    kommt zugute, daß manche Triebregungen fast von Anfang an in
    Gegensatzpaaren auftreten, ein sehr merkwürdiges und der
    populären Kenntnis fremdes Verhältnis, das man die „Gefühls-
    ambivalenz“ benannt hat. Am leichtesten zu beobachten und vom
    Verständnis zu bewältigen ist die Tatsache, daß starkes Lieben und
    starkes Hassen so häufig miteinander bei derselben Person vereint
    vorkommen. Die Psychoanalyse fügt dem zu, daß die beiden ent-
    gegengesetzten Gefühlsregungen nicht selten auch die nämliche
    Person zum Objekte nehmen.

    Erst nach Überwindung all solcher „Triebschicksale“ stellt
    sich das heraus, was man den Charakter eines Menschen nennt,
    und was mit „gut“ oder „böse“ bekanntlich nur sehr unzu-
    reichend klassifiziert werden kann. Der Mensch ist selten im
    ganzen gut oder böse, meist „gut“ in dieser Relation, „böse“ in
    einer anderen oder „gut“ unter solchen äußeren Bedingungen,
    unter anderen entschieden „böse“. Interessant ist die Erfahrung,
    daß die kindliche Präexistenz starker „böser“ Regungen oft

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    geradezu die Bedingung wird für eine besonders deutliche Wen-
    dung des Erwachsenen zum „Guten“. Die stärksten kindlichen
    Egoisten können die hilfreichsten und aufopferungsfähigsten Bür-
    ger werden; die meisten Mitleidsschwärmer, Menschenfreunde,
    Tierschützer haben sich aus kleinen Sadisten und Tierquälern
    entwickelt.

    Die Umbildung der „bösen“ Triebe ist das Werk zweier im
    gleichen Sinne wirkenden Faktoren, eines inneren und eines
    äußeren. Der innere Faktor besteht in der Beeinflussung der
    bösen – sagen wir: eigensüchtigen – Triebe durch die Erotik,
    das Liebesbedürfnis des Menschen im weitesten Sinne genommen.
    Durch die Zumischung der erotischen Komponenten werden die
    eigensüchtigen Triebe in soziale umgewandelt. Man lernt das
    Geliebtwerden als einen Vorteil schätzen, wegen dessen man auf
    andere Vorteile verzichten darf. Der äußere Faktor ist der Zwang
    der Erziehung, welche die Ansprüche der kulturellen Umgebung
    vertritt, und die dann durch die direkte Einwirkung des Kultur-
    milieus fortgesetzt wird. Kultur ist durch Verzicht auf Trieb-
    befriedigung gewonnen worden und fordert von jedem neu An-
    kommenden, daß er denselben Triebverzicht leiste. Während des
    individuellen Lebens findet eine beständige Umsetzung von äußerem
    Zwange in inneren Zwang statt. Die Kultureinflüsse leiten dazu
    an, daß immer mehr von den eigensüchtigen Strebungen durch
    erotische Zusätze in altruistische, soziale, verwandelt werden. Man
    darf endlich annehmen, daß aller innere Zwang, der sich in der
    Entwicklung des Menschen geltend macht, ursprünglich, d. h. in
    der Menschheitsgeschichte nur äußerer Zwang war. Die
    Menschen, die heute geboren werden, bringen ein Stück Neigung
    (Disposition) zur Umwandlung der egoistischen in soziale Triebe
    als ererbte Organisation mit, die auf leichte Anstöße hin diese
    Umwandlung durchführt. Ein anderes Stück dieser Triebumwand-
    lung muß im Leben selbst geleistet werden. In solcher Art steht
    der einzelne Mensch nicht nur unter der Einwirkung seines gegen-
     

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    wärtigen Kulturmilieus, sondern unterliegt auch dem Einflusse der
    Kulturgeschichte seiner Vorfahren.

    Heißen wir die einem Menschen zukommende Fähigkeit zur
    Umbildung der egoistischen Triebe unter dem Einflusse der Erotik
    seine Kultureignung, so können wir aussagen, daß dieselbe aus
    zwei Anteilen besteht, einem angeborenen und einem im Leben
    erworbenen, und daß das Verhältnis der beiden zueinander und
    zu dem unverwandelt gebliebenen Anteile des Trieblebens ein sehr
    variables ist.

    Im allgemeinen sind wir geneigt, den angeborenen Anteil
    zu hoch zu veranschlagen, und überdies laufen wir Gefahr,
    die gesamte Kultureignung in ihrem Verhältnisse zum primitiv
    gebliebenen Triebleben zu überschätzen, d. h. wir werden dazu
    verleitet, die Menschen „besser“ zu beurteilen, als sie in Wirk-
    lichkeit sind. Es besteht nämlich noch ein anderes Moment,
    welches unser Urteil trübt und das Ergebnis im günstigen Sinne
    verfälscht.

    Die Triebregungen eines anderen Menschen sind unserer Wahr-
    nehmung natürlich entrückt. Wir schließen auf sie aus seinen Hand-
    lungen und seinem Benehmen, welche wir auf Motive aus seinem
    Triebleben zurückführen. Ein solcher Schluß geht notwendigerweise
    in einer Anzahl von Fällen irre. Die nämlichen, kulturell „guten“
    Handlungen können das einemal von „edlen“ Motiven her-
    stammen, das anderemal nicht. Die theoretischen Ethiker heißen
    nur solche Handlungen „gut“, welche der Ausdruck guter Trieb-
    regungen sind, den anderen versagen sie ihre Anerkennung. Die
    von praktischen Absichten geleitete Gesellschaft kümmert sich aber
    im ganzen um diese Unterscheidung nicht; sie begnügt sich
    damit, daß ein Mensch sein Benehmen und seine Handlungen
    nach den kulturellen Vorschriften richte, und fragt wenig nach
    seinen Motiven.

    Wir haben gehört, daß der äußere Zwang, den Erziehung
    und Umgebung auf den Menschen üben, eine weitere Umbildung 

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    seines Trieblebens zum Guten, eine Wendung vom Egoismus zum
    Altruismus herbeiführt. Aber dies ist nicht die notwendige oder
    regelmäßige Wirkung des äußeren Zwanges. Erziehung und Um-
    gebung haben nicht nur Liebesprämien anzubieten, sondern
    arbeiten auch mit Vorteilprämien anderer Art, mit Lohn und
    Strafen. Sie können also die Wirkung äußern, daß der ihrem
    Einflusse Unterliegende sich zum guten Handeln im kulturellen
    Sinne entschließt, ohne daß sich eine Triebveredlung, eine Um-
    setzung egoistischer in soziale Neigungen, in ihm vollzogen hat.
    Der Erfolg wird im groben derselbe sein; erst unter besonderen
    Verhältnissen wird es sich zeigen, daß der eine immer gut handelt,
    weil ihn seine Triebneigungen dazu nötigen, der andere nur gut
    ist, weil, insolange und insoweit dies kulturelle Verhalten seinen
    eigensüchtigen Absichten Vorteile bringt. Wir aber werden bei
    oberflächlicher Bekanntschaft mit den Einzelnen kein Mittel haben,
    die beiden Fälle zu unterscheiden, und gewiß durch unseren
    Optimismus verführt werden, die Anzahl der kulturell veränderten
    Menschen arg zu überschätzen.

    Die Kulturgesellschaft, die die gute Handlung fordert, und sich
    um die Triebbegründung derselben nicht kümmert, hat also eine
    große Zahl von Menschen zum Kulturgehorsam gewonnen, die
    dabei nicht ihrer Natur folgen. Durch diesen Erfolg ermutigt, hat
    sie sich verleiten lassen, die sittlichen Anforderungen möglichst
    hoch zu spannen und so ihre Teilnehmer zu noch weiterer Ent-
    fernung von ihrer Triebveranlagung gezwungen. Diesen ist nun
    eine fortgesetzte Triebunterdrückung auferlegt, deren Spannung
    sich in den merkwürdigsten Reaktions- und Kompensations-
    erscheinungen kundgibt. Auf dem Gebiete der Sexualität, wo
    solche Unterdrückung am wenigsten durchzuführen ist, kommt es
    so zu den Reaktionserscheinungen der neurotischen Erkrankungen.
    Der sonstige Druck der Kultur zeitigt zwar keine pathologische
    Folgen, äußert sich aber in Charakterverbildungen und in der
    steten Bereitschaft der gehemmten Triebe, bei passender Gelegen- 

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    heit zur Befriedigung durchzubrechen. Wer so genötigt wird,
    dauernd im Sinne von Vorschriften zu reagieren, die nicht der
    Ausdruck seiner Triebneigungen sind, der lebt, psychologisch ver-
    standen, über seine Mittel und darf objektiv als Heuchler bezeichnet
    werden, gleichgültig ob ihm diese Differenz klar bewußt worden
    ist oder nicht. Es ist unleugbar, daß unsere gegenwärtige Kultur
    die Ausbildung dieser Art von Heuchelei in außerordentlichem
    Umfange begünstigt. Man könnte die Behauptung wagen, sie sei
    auf solcher Heuchelei aufgebaut und müßte sich tiefgreifende
    Abänderungen gefallen lassen, wenn es die Menschen unternehmen
    würden, der psychologischen Wahrheit nachzuleben. Es gibt also
    ungleich mehr Kulturheuchler als wirklich kulturelle Menschen, ja
    man kann den Standpunkt diskutieren, ob ein gewisses Maß von
    Kulturheuchelei nicht zur Aufrechterhaltung der Kultur unerläßlich
    sei, weil die bereits organisierte Kultureignung der heute lebenden
    Menschen vielleicht für diese Leistung nicht zureichen würde.
    Anderseits bietet die Aufrechterhaltung der Kultur auch auf so
    bedenklicher Grundlage die Aussicht, bei jeder neuen Generation
    eine weitergehende Triebumbildung als Trägerin einer besseren
    Kultur anzubahnen.

    Den bisherigen Erörterungen entnehmen wir bereits den einen
    Trost, daß unsere Kränkung und schmerzliche Enttäuschung wegen
    des unkulturellen Benehmens unserer Weltmitbürger in diesem
    Kriege unberechtigt waren. Sie beruhten auf einer Illusion, der
    wir uns gefangen gaben. In Wirklichkeit sind sie nicht so tief
    gesunken, wie wir fürchten, weil sie gar nicht so hoch gestiegen
    waren, wie wirs von ihnen glaubten. Daß die menschlichen Groß-
    individuen, die Völker und Staaten, die sittlichen Beschränkungen
    gegeneinander fallen ließen, wurde ihnen zur begreiflichen An-
    regung, sich für eine Weile dem bestehenden Drucke der Kultur
    zu entziehen und ihren zurückgehaltenen Trieben vorübergehend
    Befriedigung zu gönnen. Dabei geschah ihrer relativen Sittlichkeit
    innerhalb ihres Volkstumes wahrscheinlich kein Abbruch.

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    16

    Wir können uns aber das Verständnis der Veränderung, die der
    Krieg an unseren früheren Kompatrioten zeigt, noch vertiefen und
    empfangen dabei eine Warnung, kein Unrecht an ihnen zu
    begehen. Seelische Entwicklungen besitzen nämlich eine Eigen-
    tümlichkeit, welche sich bei keinem anderen Entwicklungsvorgang
    mehr vorfindet. Wenn ein Dorf zur Stadt, ein Kind zum Manne
    heranwächst, so gehen dabei Dorf und Kind in Stadt und Mann
    unter. Nur die Erinnerung kann die alten Züge in das neue Bild
    einzeichnen; in Wirklichkeit sind die alten Materialien oder
    Formen beseitigt und durch neue ersetzt worden. Anders geht es
    bei einer seelischen Entwicklung zu. Man kann den nicht zu ver-
    gleichenden Sachverhalt nicht anders beschreiben als durch die
    Behauptung, daß jede frühere Entwicklungsstufe neben der späteren,
    die aus ihr geworden ist, erhalten bleibt; die Sukzession bedingt
    eine Koexistenz mit, obwohl es doch dieselben Materialien sind,
    an denen die ganze Reihenfolge von Veränderungen abgelaufen
    ist. Der frühere seelische Zustand mag sich jahrelang nicht
    geäußert haben, er bleibt doch soweit bestehen, daß er eines
    Tages wiederum die Äußerungsform der seelischen Kräfte werden
    kann, und zwar die einzige, als ob alle späteren Entwicklungen
    annulliert, rückgängig gemacht worden wären. Diese außerordent-
    liche Plastizität der seelischen Entwicklungen ist in ihrer Richtung
    nicht unbeschränkt; man kann sie als eine besondere Fähigkeit
    zur Rückbildung – Regression – bezeichnen, denn es kommt
    wohl vor, daß eine spätere und höhere Entwicklungsstufe, die
    verlassen wurde, nicht wieder erreicht werden kann. Aber die
    primitiven Zustände können immer wieder hergestellt werden;
    das primitive Seelische ist im vollsten Sinne unvergänglich.

    Die sogenannten Geisteskrankheiten müssen beim Laien den
    Eindruck hervorrufen, daß das Geistes- und Seelenleben der Zer-
    störung anheimgefallen sei. In Wirklichkeit betrifft die Zerstörung
    nur spätere Erwerbungen und Entwicklungen. Das Wesen der
    Geisteskrankheit besteht in der Rückkehr zu früheren Zuständen 

  • S.

    17

    des Affektlebens und der Funktion. Ein ausgezeichnetes Beispiel
    für die Plastizität des Seelenlebens gibt der Schlafzustand, den wir
    allnächtlich anstreben. Seitdem wir auch tolle und verworrene
    Träume zu übersetzen verstehen, wissen wir, daß wir mit jedem
    Einschlafen unsere mühsam erworbene Sittlichkeit wie ein Gewand
    von uns werfen – um es am Morgen wieder anzutun. Diese
    Entblößung ist natürlich ungefährlich, weil wir durch den Schlaf-
    zustand gelähmt, zur Inaktivität verurteilt sind. Nur der Traum
    kann von der Regression unseres Gefühlslebens auf eine der frü-
    hesten Entwicklungsstufen Kunde geben. So ist es z. B. bemer-
    kenswert, daß alle unsere Träume von rein egoistischen Motiven
    beherrscht werden. Einer meiner englischen Freunde vertrat diesen
    Satz vor einer wissenschaftlichen Versammlung in Amerika, wor-
    auf ihm eine anwesende Dame die Bemerkung machte, das möge
    vielleicht für Österreich richtig sein, aber sie dürfe von sich und
    ihren Freunden behaupten, daß sie auch noch im Traume al-
    truistisch fühlen. Mein Freund, obwohl selbst ein Angehöriger der
    englischen Rasse, mußte auf Grund seiner eigenen Erfahrungen
    in der Traumanalyse der Dame energisch widersprechen: Im
    Traume sei auch die edle Amerikanerin ebenso egoistisch wie der
    Österreicher.

    Es kann also auch die Triebumbildung, auf welcher unsere Kultur-
    eignung beruht, durch Einwirkungen des Lebens – dauernd oder
    zeitweilig – rückgängig gemacht werden. Ohne Zweifel gehören
    die Einflüsse des Krieges zu den Mächten, welche solche Rück-
    bildung erzeugen können, und darum brauchen wir nicht allen
    jenen, die sich gegenwärtig unkulturell benehmen, die Kultur-
    eignung abzusprechen, und dürfen erwarten, daß sich ihre Trieb-
    veredlung in ruhigeren Zeiten wieder herstellen wird.

    Vielleicht hat uns aber ein anderes Symptom bei unseren Welt-
    mitbürgern nicht weniger überrascht und geschreckt als das so
    schmerzlich empfundene Herabsinken von ihrer ethischen Höhe.
    Ich meine die Einsichtslosigkeit, die sich bei den besten Köpfen 

  • S.

    18

    zeigt, ihre Verstocktheit, Unzugänglichkeit gegen die eindringlich-
    sten Argumente, ihre kritiklose Leichtgläubigkeit für die anfecht-
    barsten Behauptungen. Dies ergibt freilich ein trauriges Bild, und
    ich will ausdrücklich betonen, daß ich keineswegs als verblendeter
    Parteigänger alle intellektuellen Verfehlungen nur auf einer der
    beiden Seiten finde. Allein diese Erscheinung ist noch leichter zu
    erklären und weit weniger bedenklich als die vorhin gewürdigte.
    Menschenkenner und Philosophen haben uns uns längst belehrt, daß
    wir Unrecht daran tun, unsere Intelligenz als selbständige Macht
    zu schätzen und ihre Abhängigkeit vom Gefühlsleben zu über-
    sehen. Unser Intellekt könne nur verläßlich arbeiten, wenn er
    den Einwirkungen starker Gefühlsregungen entrückt sei; im gegen-
    teiligen Falle benehme er sich einfach wie ein Instrument zu
    Händen eines Willens und liefere das Resultat, das ihm von diesem
    aufgetragen sei. Logische Argumente seien also ohnmächtig gegen
    affektive Interessen, und darum sei das Streiten mit Gründen,
    die nach Falstaffs Wort so gemein sind wie Brombeeren, in der
    Welt der Interessen so unfruchtbar. Die psychoanalytische Erfah-
    rung hat diese Behauptung womöglich noch unterstrichen. Sie
    kann alle Tage zeigen, daß sich die scharfsinnigsten Menschen
    plötzlich einsichtslos wie Schwachsinnige benehmen, sobald die
    verlangte Einsicht einem Gefühlswiderstand bei ihnen begegnet,
    aber auch alles Verständnis wieder erlangen, wenn dieser Wider-
    stand überwunden ist. Die logische Verblendung, die dieser Krieg
    oft gerade bei den besten unserer Mitbürger hervorzaubert hat,
    ist also ein sekundäres Phänomen, eine Folge der Gefühlserregung,
    und hoffentlich dazu bestimmt, mit ihr zu verschwinden.

    Wenn wir solcher Art unsere uns entfremdeten Mitbürger
    wieder verstehen, werden wir die Enttäuschung, die uns die Groß-
    individuen der Menschheit, die Völker, bereitet haben, um vieles
    leichter ertragen, denn an diese dürfen wir nur weit bescheidenere
    Ansprüche stellen. Dieselben wiederholen vielleicht die Entwick-
    lung der Individuen und treten uns heute noch auf sehr primi- 

  • S.

    19

    tiven Stufen der Organisation, der Bildung höherer Einheiten,
    entgegen. Dementsprechend ist das erziehliche Moment des äußeren
    Zwanges zur Sittlichkeit, welches wir beim Einzelnen so wirksam
    fanden, bei ihnen noch kaum nachweisbar. Wir hatten zwar ge-
    hofft, daß die großartige, durch Verkehr und Produktion her-
    gestellte Interessengemeinschaft den Anfang eines solchen Zwanges
    ergeben werde, allein es scheint, die Völker gehorchen ihren
    Leidenschaften derzeit weit mehr als ihren Interessen. Sie bedienen
    sich höchstens der Interessen, um die Leidenschaften zu ratio-
    nalisieren; sie schieben ihre Interessen vor, um die Befriedigung
    ihrer Leidenschaften begründen zu können. Warum die Völker-
    individuen einander eigentlich geringschätzen, hassen, verabscheuen,
    und zwar auch in Friedenszeiten, und jede Nation die andere,
    das ist freilich rätselhaft. Ich weiß es nicht zu sagen. Es ist in
    diesem Falle gerade so, als ob sich alle sittlichen Erwerbungen
    der Einzelnen auslöschten, wenn man eine Mehrheit oder gar
    Millionen Menschen zusammennimmt, und nur die primitivsten,
    ältesten und rohesten, seelischen Einstellungen übrig blieben. An
    diesen bedauerlichen Verhältnissen werden vielleicht erst späte
    Entwicklungen etwas ändern können. Aber etwas mehr Wahr-
    haftigkeit und Aufrichtigkeit allerseits, in den Beziehungen der
    Menschen zueinander und zwischen ihnen und den sie Regieren-
    den, dürfte auch für diese Umwandlung die Wege ebnen.