A. Analytischer Teil1905-003/1925/M1
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    I

    EINLEITUNG

    Wer einmal Anlaß gehabt hat, sich in der Literatur bei Ästhe-
    tikern und Psychologen zu erkundigen, welche Aufklärung über
    Wesen und Beziehungen des Witzes gegeben werden kann, der
    wird wohl zugestehen müssen, daß die philosophische Bemühung
    dem Witz lange nicht in dem Maße zu teil geworden ist, welches
    er durch seine Rolle in unserem Geistesleben verdient. Man kann
    nur eine geringe Anzahl von Denkern nennen, die sich ein-
    gehender mit den Problemen des Witzes beschäftigt haben. Aller-
    dings finden sich unter den Bearbeitern des Witzes die glänzenden
    Namen des Dichters Jean Paul (Fr. Richter) und der Philosophen
    Th. Vischer, Kuno Fischer und Th. Lipps; aber auch bei
    diesen Autoren steht das Thema des Witzes im Hintergrunde,
    während das Hauptinteresse der Untersuchung dem umfassenderen
    und anziehenderen Probleme des Komischen zugewendet ist.

    Man gewinnt aus der Literatur zunächst den Eindruck, als sei
    es völlig untunlich, den Witz anders als im Zusammenhange mit
    dem Komischen zu behandeln.

    Nach Th. Lipps (Komik und Humor, 1898)1 ist der Witz

    1) Beiträge zur Ästhetik, herausgegeben von Theodor Lipps und Richard Maria
    Werner. VI. — Ein Buch, dem ich den Mut und die Möglichkeit verdanke, diesen
    Versuch zu unternehmen.

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    Der Witz

    „die durchaus subjektive Komik“, d. h. die Komik, „die wir hervor-
    bringen, die an unserem Tun als solchem haftet, zu der wir uns
    durchwegs als darüberstehendes Subjekt, niemals als Objekt, auch
    nicht als freiwilliges Objekt verhalten“ (S. 80). Erläuternd hiezu
    die Bemerkung: Witz heiße überhaupt „jedes bewußte und ge-
    schickte Hervorrufen der Komik, sei es der Komik der Anschauung
    oder der Situation“ (S. 78).

    K. Fischer erläutert die Beziehung des Witzes zum Komi-
    schen mit Beihilfe der in seiner Darstellung zwischen beide ein-
    geschobenen Karikatur. (Über den Witz, 1889.) Gegenstand der
    Komik ist das Häßliche in irgend einer seiner Erscheinungsformen:
    „Wo es verdeckt ist, muß es im Licht der komischen Betrachtung
    entdeckt, wo es wenig oder kaum bemerkt wird, muß es hervor-
    geholt und so verdeutlicht werden, daß es klar und offen am
    Tage liegt... So entsteht die Karikatur“ (S. 45). — „Unsere
    ganze geistige Welt, das intellektuelle Reich unserer Gedanken
    und Vorstellungen, entfaltet sich nicht vor dem Blicke der äußeren
    Betrachtung, läßt sich nicht unmittelbar bildlich und anschaulich
    vorstellen und enthält doch auch seine Hemmungen, Gebrechen,
    Verunstaltungen, eine Fülle des Lächerlichen und der komischen
    Kontraste. Diese hervorzuheben und der ästhetischen Betrachtung
    zugänglich zu machen, wird eine Kraft nötig sein, welche im-
    stande ist, nicht bloß Objekte unmittelbar vorzustellen, sondern
    auf diese Vorstellungen selbst zu reflektieren und sie zu ver-
    deutlichen: eine gedankenerhellende Kraft. Diese Kraft ist allein
    das Urteil. Das Urteil, welches den komischen Kontrast erzeugt,
    ist der Witz, er hat im stillen schon in der Karikatur mitge-
    spielt, aber erst im Urteil erreicht er seine eigentümliche Form
    und das freie Gebiet seiner Entfaltung“ (S. 49).

    Wie man sieht, verlegt Lipps den Charakter, welcher den
    Witz innerhalb des Komischen auszeichnet, in die Betätigung, in
    das aktive Verhalten des Subjekts, während K. Fischer den
    Witz durch die Beziehung zu seinem Gegenstand, als welcher das

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    Einleitung

       

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    verborgene Häßliche der Gedankenwelt gelten soll, kennzeichnet.
    Man kann diese Definitionen des Witzes nicht auf ihre Triftigkeit
    prüfen, ja man kann sie kaum verstehen, wenn man sie nicht in
    den Zusammenhang einfügt, aus dem gerissen sie hier erscheinen,
    und man stände so vor der Nötigung, sich durch die Darstellungen
    des Komischen bei den Autoren hindurch zu arbeiten, um von
    ihnen etwas über den Witz zu erfahren. Indes wird man an
    anderen Stellen gewahr, daß dieselben Autoren auch wesentliche
    und allgemein gültige Charaktere des Witzes anzugeben wissen,
    bei welchen von dessen Beziehung zum Komischen abgesehen ist.
    Die Kennzeichnung des Witzes bei K. Fischer, die den Autor
    selbst am besten zu befriedigen scheint, lautet: Der Witz ist ein
    spielendes Urteil (S. 51). Zur Erläuterung dieses Ausdruckes
    werden wir auf die Analogie verwiesen: „wie die ästhetische
    Freiheit in der spielenden Betrachtung der Dinge bestand“ (S. 50).
    An anderer Stelle (S. 20) wird das ästhetische Verhalten gegen
    ein Objekt durch die Bedingung charakterisiert, daß wir von
    diesem Objekt nichts verlangen, insbesondere keine Befriedigung
    unserer ernsten Bedürfnisse, sondern uns mit dem Genuß der
    Betrachtung desselben begnügen. Das ästhetische Verhalten ist
    spielend im Gegensatz zur Arbeit. — „Es könnte sein, daß
    aus der ästhetischen Freiheit auch eine von der gewöhnlichen
    Fessel und Richtschnur losgelöste Art des Urteilens entspringt,
    die ich um ihres Ursprungs willen „das spielende Urteil“
    nennen will, und daß in diesem Begriff die erste Bedingung,
    wenn nicht die ganze Formel enthalten ist, die unsere Aufgabe löst.
    „Freiheit gibt Witz und Witz gibt Freiheit,“ sagt Jean Paul.
    „Der Witz ist ein bloßes Spiel mit Ideen“ (S. 24).
    Von jeher liebte man es, den Witz als die Fertigkeit zu defi-
    nieren, Ähnlichkeiten zwischen Unähnlichem, also versteckte Ähnlich-
    keiten zu finden. Jean Paul hat diesen Gedanken selbst witzig
    so ausgedrückt: „Der Witz ist der verkleidete Priester, der jedes
    Paar traut.“ Th. Vischer fügt die Fortsetzung an: „Er traut

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    die Paare am liebsten, deren Verbindung die Verwandten nicht
    dulden wollen.
    “ Vischer wendet aber ein, daß es Witze gebe,
    bei denen von Vergleichung, also auch von Auffindung von
    Ähnlichkeit, keine Rede sei. Er definiert also den Witz mit leiser
    Abweichung von Jean Paul als die Fertigkeit, mit überraschender
    Schnelle mehrere Vorstellungen, die nach ihrem inneren Gehalt
    und dem Nexus, dem sie angehören, einander eigentlich fremd
    sind, zu einer Einheit zu verbinden. K. Fischer hebt dann
    hervor, daß in einer Menge von witzigen Urteilen nicht Ähnlich-
    keiten, sondern Unterschiede gefunden werden, und Lipps macht
    darauf aufmerksam, daß sich diese Definitionen auf den Witz
    beziehen, den der Witzige hat, und nicht, den er macht.

    Andere in gewissem Sinne miteinander verknüpfte Gesichts-
    punkte, die bei der Begriffsbestimmung oder Beschreibung des
    Witzes herangezogen wurden, sind der „Vorstellungs-
    kontrast
    “, „der Sinn im Unsinn“, „die Verblüffung
    und Erleuchtung
    “.

    Auf den Vorstellungskontrast legen Definitionen wie die von
    Kraepelin den Nachdruck. Der Witz sei „die willkürliche
    Verbindung oder Verknüpfung zweier miteinander in irgend einer
    Weise kontrastierender Vorstellungen, zumeist durch das Hilfs-
    mittel der sprachlichen Assoziation.
    “ Es wird einem Kritiker wie
    Lipps nicht schwer, die völlige Unzulänglichkeit dieser Formel
    aufzudecken, aber er selbst schließt das Moment des Kontrastes
    nicht aus, sondern verschiebt es nur an eine andere Stelle. „Der
    Kontrast bleibt bestehen, aber er ist nicht so oder so gefaßter
    Kontrast der mit den Worten verbundenen Vorstellungen, sondern
    Kontrast oder Widerspruch der Bedeutung und Bedeutungslosigkeit
    der Worte
    “ (S. 87). Beispiele erläutern, wie letzteres verstanden
    werden soll. „Ein Kontrast entsteht erst dadurch, daß .... wir
    seinen Worten eine Bedeutung zugestehen, die wir ihnen dann
    doch wieder nicht zugestehen können
    “ (S. 90).

    In der Weiterentwicklung dieser letzten Bestimmung kommt

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    Einleitung

     

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    der Gegensatz von „Sinn und Unsinn“ zur Bedeutung. „Was wir
        einen Moment für sinnvoll nehmen, steht als völlig sinnlos vor
        uns. Darin besteht in diesem Falle der komische Prozeß“ (S. 85
        u. ff.). „Witzig erscheint eine Aussage, wenn wir ihr eine Bedeutung
        mit psychologischer Notwendigkeit zuschreiben, und indem wir
        sie ihr zuschreiben, sofort auch wiederum absprechen. Dabei kann
        unter der Bedeutung verschiedenes verstanden sein. Wir leihen
        einer Aussage einen Sinn und wissen, daß er ihr logischerweise
        nicht zukommen kann. Wir finden in ihr eine Wahrheit, die
        wir dann doch wiederum den Gesetzen der Erfahrung oder all-
        gemeinen Gewohnheiten unseres Denkens zufolge nicht darin
        finden können. Wir gestehen ihr eine über ihren wahren Inhalt
        hinausgehende logische oder praktische Folge zu, um eben diese
        Folge zu verneinen, sobald wir die Beschaffenheit der Aussage
        für sich ins Auge fassen. In jedem Falle besteht der psychologische
        Prozeß, den die witzige Aussage in uns hervorruft und auf dem
        das Gefühl der Komik beruht, in dem unvermittelten Übergang
        von jenem Leihen, Fürwahrhalten, Zugestehen, zum Bewußtsein
        oder Eindruck relativer Nichtigkeit.“

     

    So eindringlich diese Auseinandersetzung klingt, so möchte man
        hier doch die Frage aufwerfen, ob der Gegensatz des Sinnvollen
        und Sinnlosen, auf dem das Gefühl der Komik beruht, auch zur
        Begriffsbestimmung des Witzes, insofern er vom Komischen unter-
        schieden ist, beiträgt.

     

    Auch das Moment der „Verblüffung und Erleuchtung“ führt
        tief in das Problem der Relation des Witzes zur Komik hinein.
        Kant sagt vom Komischen überhaupt, es sei eine merkwürdige
        Eigenschaft desselben, daß es uns nur für einen Moment täuschen
        könne. Heymans (Zeitschr. f. Psychologie XI, 1896) führt aus,
        wie die Wirkung eines Witzes durch die Aufeinanderfolge von
        Verblüffung und Erleuchtung zu stande komme. Er erläutert seine
        Meinung an einem prächtigen Witz von Heine, der eine seiner
        Figuren, den armen Lotteriekollekteur Hirsch-Hyacinth, sich rühmen

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      10   Der Witz

    läßt, der große Baron Rothschild habe ihn ganz wie seines-
    gleichen, ganz famillionär behandelt. Hier erscheine das Wort,
    welches der Träger des Witzes ist, zunächst einfach als eine
    fehlerhafte Wortbildung, als etwas Unverständliches, Unbegreifliches,
    Rätselhaftes. Dadurch verblüffe es. Die Komik ergebe sich aus
    der Lösung der Verblüffung, aus dem Verständnis des Wortes.
    Lipps ergänzt hiezu, daß diesem ersten Stadium der Erleuchtung,
    das verblüffende Wort bedeute dies und jenes, ein zweites Stadium
    folgt, in dem man einsehe, dies sinnlose Wort habe uns verblüfft
    und dann den guten Sinn ergeben. Erst diese zweite Erleuchtung,
    die Einsicht, daß ein nach gemeinem Sprachgebrauch sinnloses
    Wort das ganze verschuldet habe, diese Auflösung in Nichts, er-
    zeuge erst die Komik (S. 95).

    Ob die eine oder die andere dieser beiden Auffassungen uns
    einleuchtender erscheinen möge, durch die Erörterungen über
    Verblüffung und Erleuchtung werden wir einer bestimmten Ein-
    sicht näher gebracht. Wenn nämlich die komische Wirkung des
    Heineschen famillionär auf der Auflösung des scheinbar sinn-
    losen Wortes beruht, so ist wohl der „Witz“ in die Bildung dieses
    Wortes und in den Charakter des so gebildeten Wortes zu versetzen.

    Außer allem Zusammenhang mit den zuletzt behandelten Ge-
    sichtspunkten wird eine andere Eigentümlichkeit des Witzes als
    wesentlich für ihn von allen Autoren anerkannt. „Kürze ist der
    Körper und die Seele des Witzes, ja er selbst“, sagt Jean Paul
    (Vorschule der Ästhetik, I, § 45) und modifiziert damit nur eine
    Rede des alten Schwätzers Polonius in Shakespeares Hamlet
    (2. Akt, 2. Szene):

    „Weil Kürze dann des Witzes Seele ist,
    Weitschweifigkeit der Leib und äußre Zierat,
    Fass’ ich mich kurz.“

    (Schlegel’sche Übersetzung).

    Bedeutsam ist dann die Schilderung der Kürze des Witzes bei
    Lipps (S. 90). „Der Witz sagt, was er sagt, nicht immer in

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    Einleitung

    wenig, aber immer in zu wenig Worten, d. h. in Worten, die
    nach strenger Logik oder gemeiner Denk- und Redeweise dazu
    nicht genügen. Er kann es schließlich geradezu sagen, indem er
    es verschweigt.“

    „Daß der Witz etwas Verborgenes oder Verstecktes her-
    vorholen müsse“ (K. Fischer, S. 51), wurde uns schon bei der
    Zusammenstellung des Witzes mit der Karikatur gelehrt. Ich hebe
    diese Bestimmung nochmals hervor, weil auch sie mehr mit dem
    Wesen des Witzes als mit seiner Zugehörigkeit zur Komik zu
    tun hat.

    *

    Ich weiß wohl, das die vorstehenden kümmerlichen Auszüge
    aus den Arbeiten der Autoren über den Witz dem Werte dieser
    Arbeiten nicht gerecht werden können. Infolge der Schwierig-
    keiten, welche einer von Mißverständnis freien Wiedergabe so
    komplizierter und fein nuancierter Gedankengänge entgegenstehen,
    kann ich den Wißbegierigen die Mühe nicht ersparen, sich die
    gewünschte Belehrung an den ursprünglichen Quellen zu holen.
    Aber ich weiß nicht, ob sie von ihr voll befriedigt zurückkehren
    würden. Die von den Autoren angegebenen und im vorigen zu-
    sammengestellten Kriterien und Eigenschaften des Witzes — die
    Aktivität, die Beziehung zum Inhalt unseres Denkens, der Charakter
    des spielenden Urteils, die Paarung des Unähnlichen, der Vor-
    stellungskontrast, der „Sinn im Unsinn“, die Aufeinanderfolge von
    Verblüffung und Erleuchtung, das Hervorholen des Versteckten
    und die besondere Art von Kürze des Witzes — erscheinen uns
    zwar auf den ersten Blick als so sehr zutreffend und so leicht
    an Beispielen erweisbar, daß wir nicht in die Gefahr geraten
    können, den Wert solcher Einsichten zu unterschätzen, aber es
    sind disiecta membra, die wir zu einem organisch Ganzen zu-
    sammengefügt sehen möchten. Sie tragen schließlich zur Kenntnis
    des Witzes nicht mehr bei als etwa eine Reihe von Anekdoten

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      12   Der Witz

      zur Charakteristik einer Persönlichkeit, über welche wir eine
      Biographie beanspruchen dürfen. Es fehlt uns völlig die Einsicht
      in den vorauszusetzenden Zusammenhang der einzelnen Bestim-
      mungen, etwa was die Kürze des Witzes mit seinem Charakter
      als spielendes Urteil zu schaffen haben kann, und ferner die Auf-
      klärung, ob der Witz allen diesen Bedingungen genügen muß,
      um ein richtiger Witz zu sein, oder nur einzelnen darunter, und
      welche dann durch andere vertretbar, welche unerläßlich sind.
      Auch eine Gruppierung und Einteilung der Witze auf Grund
      ihrer als wesentlich hervorgehobenen Eigenschaften würden wir
      wünschen. Die Einteilung, welche wir bei den Autoren finden,
      stützt sich einerseits auf die technischen Mittel, anderseits auf
      die Verwendung des Witzes in der Rede (Klangwitz, Wortspiel —
      karikierender, charakterisierender Witz, witzige Abfertigung).
      Wir wären also nicht in Verlegenheit, einer weiteren Be-
      mühung zur Aufklärung des Witzes ihre Ziele zu weisen. Um
      auf Erfolg rechnen zu können, müßten wir entweder neue Ge-
      sichtspunkte in die Arbeit eintragen oder durch Verstärkung
      unserer Aufmerksamkeit und Vertiefung unseres Interesses weiter
      einzudringen versuchen. Wir können uns vorsetzen, es wenigstens
      an dem letzteren Mittel nicht fehlen zu lassen. Es ist immerhin
      auffällig, wie wenig Beispiele von als solchen anerkannten Witzen
      den Autoren für ihre Untersuchungen genügen, und wie ein jeder
      die nämlichen von seinen Vorgängern übernimmt. Wir dürfen
      uns der Verpflichtung nicht entziehen, dieselben Beispiele zu ana-
      lysieren, die bereits den klassischen Autoren über den Witz ge-
      dient haben, aber wir beabsichtigen, uns außerdem an neues
      Material zu wenden, um eine breitere Unterlage für unsere
      Schlußfolgerungen zu gewinnen. Es liegt dann nahe, daß wir solche
      Beispiele von Witz zu Objekten unserer Untersuchung nehmen,
      die uns selbst im Leben den größten Eindruck gemacht und uns
      am ausgiebigsten lachen gemacht haben.
      Ob das Thema des Witzes solcher Bemühung wert ist? Ich

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    Einleitung

      meine, daran ist nicht zu zweifeln. Wenn ich von persönlichen,
      während der Entwicklung dieser Studien aufzudeckenden, Motiven
      absehe, die mich drängen, Einsicht in die Probleme des Witzes
      zu gewinnen, kann ich mich auf die Tatsache des intimen Zu-
      sammenhanges alles seelischen Geschehens berufen, welche einer
      psychologischen Erkenntnis auch auf einem entlegenen Gebiet
      einen im vorhinein nicht abschätzbaren Wert für andere Gebiete
      zusichert. Man darf auch daran mahnen, welch eigentümlichen,
      geradezu faszinierenden Reiz der Witz in unserer Gesellschaft
      äußert. Ein neuer Witz wirkt fast wie ein Ereignis von all-
      gemeinstem Interesse; er wird wie die neueste Siegesnachricht
      von dem einen dem anderen zugetragen. Selbst bedeutende
      Männer, die es für mitteilenswert halten, wie sie geworden sind,
      welche Städte und Länder sie gesehen, und mit welchen hervor-
      ragenden Menschen sie verkehrt haben, verschmähen es nicht, in
      ihre Lebensbeschreibung aufzunehmen, diese und jene vortreff-
      lichen Witze hätten sie gehört.1


      1) J. v. Falke, Lebenserinnerungen, 1897.