S.
II
DIE TECHNIK DES WITZES
Wir folgen einem Winke des Zufalls und greifen das erste
Witzbeispiel auf, das uns im vorigen Abschnitt entgegenge-
treten ist.In dem Stück der „Reisebilder“, welches „Die Bäder von
Lucca“ betitelt ist, führt H. Heine die köstliche Gestalt des
Lotteriekollekteurs und Hühneraugenoperateurs Hirsch-Hyacinth
aus Hamburg auf, der sich gegen den Dichter seiner Beziehungen
zum reichen Baron Rothschild berühmt und zuletzt sagt: Und
so wahr mir Gott alles Gute geben soll, Herr Doktor, ich saß
neben Salomon Rothschild und er behandelte mich ganz wie
seinesgleichen, ganz famillionär.An diesem als ausgezeichnet anerkannten und sehr lachkräftigen
Beispiel haben Heymans und Lipps die Ableitung der ko-
mischen Wirkung des Witzes aus der „Verblüffung und Erleuch-
tung“ (s. o.) erläutert. Wir aber lassen diese Frage beiseite und
stellen uns die andere: was es denn ist, was die Rede des Hirsch-
Hyacinth zu einem Witze macht? Es könnte nur zweierlei sein;
entweder ist es der in dem Satz ausgedrückte Gedanke, der den
Charakter des Witzigen an sich trägt, oder der Witz haftet an
dem Ausdruck, den der Gedanke in dem Satz gefunden hat. Auf
welcher Seite sich uns der Witzcharakter zeigt, dort wollen wirS.
15
Die Technik des Witzes
ihn weiter verfolgen und versuchen, seiner habhaft zu werden.
Ein Gedanke kann ja im allgemeinen in verschiedenen sprach-
lichen Formen — in Worten also — zum Ausdruck gebracht
werden, die ihn gleich zutreffend wiedergeben mögen. In der
Rede des Hirsch-Hyacinth liegt uns nun eine bestimmte Aus-
drucksform eines Gedankens vor und, wie uns ahnt, eine beson-
ders eigentümliche, nicht diejenige, welche am leichtesten ver-
ständlich ist. Versuchen wir, denselben Gedanken möglichst ge-
treulich in anderen Worten auszudrücken. Lipps hat dies bereits
getan und damit die Fassung des Dichters gewissermaßen erläu-
tert. Er sagt (S. 87): „Wir verstehen, daß Heine sagen will,
die Aufnahme sei eine familiäre gewesen, nämlich von der be-
kannten Art, die durch den Beigeschmack des Millionärtums an
Annehmlichkeiten nicht zu gewinnen pflegt.“ Wir verändern
nichts an diesem Sinn, wenn wir eine andere Fassung annehmen,
die sich vielleicht besser in die Rede des Hirsch-Hyacinth einfügt:
„Rothschild behandelte mich ganz wie seinesgleichen, ganz
familiär, d. h. soweit ein Millionär das zu stande bringt.“
„Die Herablassung eines reichen Mannes hat immer etwas Mißliches
für den, der sie an sich erfährt,“ würden wir noch hinzusetzen.1Ob wir nun bei dieser oder einer anderen gleichwertigen
Textierung des Gedankens verbleiben, wir sehen, daß die Frage,
welche wir uns vorgelegt haben, bereits entschieden ist. Der Witz-
charakter haftet in diesem Beispiel nicht am Gedanken. Es ist
eine richtige und scharfsinnige Bemerkung, die Heine seinem
Hirsch-Hyacinth in den Mund legt, eine Bemerkung von unver-
kennbarer Bitterkeit, wie sie bei dem armen Manne angesichts
so großen Reichtums leicht begreiflich ist, aber wir würden uns
nicht getrauen, sie witzig zu heißen. Meinte nun jemand, der1) Derselbe Witz wird uns noch an anderer Stelle beschäfti-
gen, und dort werden wir Anlaß finden, an der von Lipps gegebenen Übertragung
desselben, der sich die unsrige anschließt, eine Korrektur vorzunehmen, welche
aber die hier nachfolgenden Erörterungen nicht zu stören vermag.S.
16
Der Witz
bei der Übertragung die Erinnerung an die Fassung des Dichters
nicht los zu werden vermag, der Gedanke sei doch auch an sich
witzig, so können wir ja auf ein sicheres Kriterium des bei der
Übertragung verloren gegangenen Witzcharakters verweisen. Die
Rede des Hirsch-Hyacinth machte uns laut lachen, die sinngetreue
Übertragung derselben nach Lipps oder in unserer Fassung
mag uns gefallen, zum Nachdenken anregen, aber zum Lachen
bringen kann sie uns nicht.Wenn aber der Witzcharakter unseres Beispiels nicht dem
Gedanken anhaftet, so ist er in der Form, im Wortlaut seines
Ausdruckes zu suchen. Wir brauchen nur die Besonderheit dieser
Ausdrucksweise zu studieren, um zu erfassen, was man als die
Wort- oder Ausdruckstechnik dieses Witzes bezeichnen kann und
was in inniger Beziehung zu dem Wesen des Witzes stehen muß,
da Charakter und Wirkung des Witzes mit dessen Ersetzung
durch anderes verschwinden. Wir befinden uns übrigens in voller
Übereinstimmung mit den Autoren, wenn wir soviel Wert auf die
sprachliche Form des Witzes legen. So z. B. sagt K. Fischer
(S. 72): „Es ist zunächst die bloße Form, die das Urteil zum
Witz macht, und man wird hier an ein Wort Jean Pauls er-
innert, welches eben diese Natur des Witzes in demselben Aus-
spruche erklärt und beweist: „So sehr sieget die bloße Stellung,
es sei der Krieger oder der Sätze.“Worin besteht nun die „Technik“ dieses Witzes? Was ist mit
dem Gedanken etwa in unserer Fassung vorgegangen, bis aus
ihm der Witz wurde, über den wir so herzlich lachen? Zweierlei,
wie die Vergleichung unserer Fassung mit dem Text des Dichters
lehrt. Erstens hat eine erhebliche Verkürzung stattgefunden.
Wir mußten, um den im Witz enthaltenen Gedanken voll aus-
zudrücken, an die Worte „R. behandelte mich ganz wie
seinesgleichen, ganz familiär“, einen Nachsatz anfügen,
der aufs kürzeste eingeengt lautete: d. h. soweit ein Millionär
das zustande bringt, und dann fühlten wir erst noch dasS.
Die Technik des Witzes
17
Bedürfnis nach einem erläuternden Zusatz.1 Beim Dichter heißt
es weit kürzer:
„R. behandelte mich ganz wie seinesgleichen,
ganz famillionär.“ Die ganze Einschränkung, die der zweite
Satz an den ersten anfügt, welcher die familiäre Behandlung
konstatiert, ist im Witze verloren gegangen.
Aber doch nicht ganz ohne einen Ersatz, aus dem man sie
rekonstruieren kann. Es hat auch noch eine zweite Abänderung
stattgefunden. Das Wort „familiär“ im witzlosen Ausdruck
des Gedankens ist im Text des Witzes zu „famillionär“ um-
gewandelt worden, und ohne Zweifel hängt gerade an diesem
Wortgebilde der Witzcharakter und der Lacheffekt des Witzes.
Das neugebildete Wort deckt sich in seinem Anfang mit dem
„familiär“ des ersten, in seinen auslautenden Silben mit dem
„Millionär“ des zweiten Satzes, es vertritt gleichsam den einen
Bestandteil „Millionär“ aus dem zweiten Satze, infolgedessen den
ganzen zweiten Satz, und setzt uns auf diese Weise in den Stand,
den im Text des Witzes ausgelassenen zweiten Satz zu erraten.
Es ist als ein Mischgebilde aus den zwei Komponenten „familiär“
und „Millionär“ zu beschreiben, und man wäre versucht, sich
seine Entstehung aus diesen beiden Worten graphisch zu ver-
anschaulichen.2
Famili är
Millionär
Famillionär
Den Vorgang aber, welcher den Gedanken in den Witz
übergeführt hat, kann man sich in folgender Weise darstellen,
1) Ganz ähnliches gilt für die Übertragung von Lipps.
2) Die beiden Worten gemeinsamen Silben sind hier fett gedruckt im Gegensatz
zu den verschiedenen Typen der besonderen Bestandteile beider Worte. Das zweite l,
welches in der Aussprache kaum zur Geltung kommt, durfte natürlich übergangen
werden. Es ist naheliegend, daß die Übereinstimmung der beiden Worte in mehreren
Silben der Witztechnik den Anlaß zur Herstellung des Mischwortes bietet.
Freud, IX.
2
S.
18 Der Witz
die zunächst recht phantastisch erscheinen mag, aber nichts-
destoweniger genau das wirklich vorhandene Ergebnis liefert:
„R. behandelte mich ganz familiär,
d. h. soweit ein Millionär es zu stande bringt.“Nun denke man sich eine zusammendrängende Kraft auf diese
Sätze einwirken und nehme an, daß der Nachsatz aus irgend
einem Grunde der weniger resistente sei. Dieser wird dann zum
Schwinden gebracht werden, der bedeutsame Bestandteil desselben,
das Wort „Millionär“, welches sich gegen die Unterdrückung zu
sträuben vermag, wird gleichsam an den ersten Satz angepreßt,
mit dem ihm so sehr ähnlichen Element dieses Satzes „familiär“
verschmolzen, und gerade diese zufällig gegebene Möglichkeit,
das Wesentliche des zweiten Satzes zu retten, wird den Untergang
der anderen unwichtigeren Bestandteile begünstigen. So entsteht
dann der Witz: „R. behandelte mich ganz familiär.“
(mili) (är)Abgesehen von solcher zusammendrängenden Kraft, die uns
ja unbekannt ist, dürfen wir den Hergang der Witzbildung, also
die Witztechnik dieses Falles, beschreiben als eine Verdich-
tung mit Ersatzbildung, und zwar besteht in unserem Bei-
spiel die Ersatzbildung in der Herstellung eines Mischwortes.
Dieses Mischwort „famillionär“, an sich unverständlich, in dem
Zusammenhange, in dem es steht, sofort verstanden und als sinn-
reich erkannt, ist nun der Träger der zum Lachen zwingenden
Wirkung des Witzes, deren Mechanismus uns allerdings durch
die Aufdeckung der Witztechnik in keiner Weise näher gebracht
wird. Inwiefern kann ein sprachlicher Verdichtungsvorgang mit
Ersatzbildung durch ein Mischwort uns Lust schaffen und zum
Lachen nötigen? Wir merken, dies ist ein anderes Problem, dessen
Behandlung wir aufschieben dürfen, bis wir einen Zugang zu ihm
gefunden haben. Vorläufig werden wir bei der Technik des
Witzes bleiben.Unsere Erwartung, daß die Technik des Witzes für die Ein-
S.
Die Technik des Witzes19
sicht in das Wesen desselben nicht gleichgültig sein könne, ver-
anlaßt uns zunächst zu forschen, ob es noch andere Witzbeispiele
gibt, die wie Heines „famillionär“ gebaut sind. Es gibt deren
nun nicht sehr viele, aber immerhin genug, um eine kleine Gruppe,
die durch die Mischwortbildung charakterisiert ist, aufzustellen.
Heine selbst hat aus dem Worte Millionär einen zweiten Witz
gezogen, sich gleichsam selbst kopiert, indem er von einem
„Millionarr“ spricht (Ideen, Kap. XIV), was eine durchsichtige
Zusammenziehung von Millionär und Narr ist und ganz ähnlich
wie das erste Beispiel einen unterdrückten Nebengedanken zum
Ausdruck bringt.Andere Beispiele, die mir bekannt geworden sind: Die Berliner
heißen einen gewissen Brunnen in ihrer Stadt, dessen Errich-
tung dem Oberbürgermeister Forckenbeck viel Ungnade zuge-
zogen hat, das „Forckenbecken“, und dieser Bezeichnung ist
der Witz nicht abzusprechen, wenngleich das Wort „Brunnen“
erst eine Wandlung in das ungebräuchliche „Becken“ erfahren
mußte, um mit dem Namen in einem Gemeinsamen zusammen-
treffen. — Der böse Witz Europas hatte einst einen Potentaten
aus Leopold in Cleopold umgetauft wegen seiner damaligen
Beziehungen zu einer Dame mit dem Vornamen Clé o, eine un-
zweifelhafte Verdichtungsleistung, die nun mit dem Aufwand eines
einzigen Buchstabens eine ärgerliche Anspielung immer frisch
erhält. — Eigennamen verfallen überhaupt leicht dieser Bear-
beitung der Witztechnik: In Wien gab es zwei Brüder, namens
Salinger, von denen einer Börsensensal war. Das gab die
Handhabe, den einen Bruder Sensalinger zu nennen, während
für den anderen zur Unterscheidung die unliebenswürdige Be-
zeichnung Scheusalinger in Aufnahme kam. Es war bequem
und gewiß witzig; ich weiß nicht, ob es berechtigt war. Der
Witz pflegt danach nicht viel zu fragen.Folgender Verdichtungswitz wurde mir erzählt: Ein junger
Mann, der bisher in der Fremde ein heiteres Leben geführt,
2*S.
20
Der Witz
besucht nach längerer Abwesenheit einen hier wohnenden Freund,
der nun mit Überraschung den Ehering an der Hand des Be-
suchers bemerkt. Was? ruft er aus, Sie sind verheiratet? Ja,
lautet die Antwort: Trauring, aber wahr. Der Witz ist
vortrefflich; in dem Worte „Trauring“ kommen die beiden
Komponenten, das Wort: Ehering in Trauring gewandelt und
der Satz: Traurig, aber wahr, zusammen.Es tut der Wirkung des Witzes hier keinen Eintrag, daß das
Mischwort eigentlich nicht ein unverständliches, sonst nicht exi-
stenzfähiges Gebilde ist wie „famillionär“, sondern sich voll-
kommen mit dem einen der beiden verdichteten Elemente deckt.Zu einem Witz, der wiederum dem „famillionär“ ganz analog
ist, habe ich selbst im Gespräche unabsichtlich das Material ge-
liefert. Ich erzählte einer Dame von den großen Verdiensten
eines Forschers, den ich für einen mit Unrecht Verkannten halte.
„Aber der Mann verdient doch ein Monument“, meinte sie. „Mög-
lich, daß er es einmal bekommen wird,“ antwortete ich, „aber
momentan ist sein Erfolg sehr gering.“ „Monument“ und
„momentan“ sind Gegensätze.“ Die Dame vereinigt nun die
Gegensätze: Also wünschen wir ihm einen monumentanen
Erfolg.Einer vortrefflichen Bearbeitung des gleichen Themas in eng-
lischer Sprache (A. A. Brill, Freuds Theory of wit, Journal of
abnormal Psychology 1911) verdanke ich einige fremdsprachige
Beispiele, die den gleichen Mechanismus der Verdichtung zeigen
wie unser „famillionär“.Der englische Autor de Quincey, erzählt Brill, hat
irgendwo die Bemerkung gemacht, daß alte Leute dazu neigen,
in „anecdotage“ zu verfallen. Das Wort ist zusammengeschmolzen
aus den sich teilweise überdeckenden anecdote und
S.
Die Technik des Witzes21
In einer anonymen kurzen Geschichte fand Brill einmal die
Weihnachtszeit bezeichnet als „the alcoholidays“. Die gleiche
Verschmelzung aus alcohol und
holidays (Festtage).Als Flaubert seinen berühmten Roman Salammbô, der im
alten Karthago spielt, veröffentlicht hatte, verspottete ihn Sainte-
Beuve als Carthaginoiserie wegen seiner peinlichen Detail-
malerei: Carthaginois
chinoiserie.Das vorzüglichste Witzspiel dieser Gruppe hat einen der ersten
Männer Österreichs zum Urheber, der nach bedeutsamer wissen-
schaftlicher und öffentlicher Tätigkeit nun ein oberstes Amt im
Staate bekleidet. Ich habe mir die Freiheit genommen, die Witze,
die dieser Person zugeschrieben werden und in der Tat alle das
gleiche Gepräge tragen, als Material für diese Untersuchungen
zu verwenden,1 vor allem darum, weil es schwer gehalten hätte,
sich ein besseres zu verschaffen.Herr N. wird eines Tages auf die Person eines Schriftstellers
aufmerksam gemacht, der durch eine Reihe von wirklich lang-
weiligen Aufsätzen bekannt geworden ist, welche er in einer
Wiener Tageszeitung veröffentlicht hat. Die Aufsätze behandeln
durchweg kleine Episoden aus den Beziehungen des ersten Na-
poleon zu Österreich. Der Verfasser ist rothaarig. Herr N. fragt,
sobald er den Namen gehört hat: Ist das nicht der rote
Fadian, der sich durch die Geschichte der Napoleoni-
den zieht?1) Ob ich ein Recht dazu habe? Ich bin wenigstens nicht durch eine Indiskretion
zur Kenntnis dieser Witze gekommen, die in dieser Stadt (Wien) allgemein bekannt
sind und in jedermanns Munde gefunden werden. Eine Anzahl derselben hat Ed.
Hanslick in der „Neuen Freien Presse“ und in seiner Autobiographie der Öffent-
lichkeit übergeben. Für die bei mündlicher Tradition kaum vermeidlichen Entstellungen,
die etwa die anderen betroffen hätten, bitte ich um Entschuldigung.S.
22
Um die Technik dieses Witzes zu finden, müssen wir auf ihn
jenes Reduktionsverfahren anwenden, welches den Witz durch
Änderung des Ausdruckes aufhebt und dafür den ursprünglichen
vollen Sinn wieder einsetzt, wie er sich aus einem guten Witz
mit Sicherheit erraten läßt. Der Witz des Herrn N. vom roten
Fadian ist aus zwei Komponenten hervorgegangen, aus einem
absprechenden Urteil über den Schriftsteller und aus der Reminis-
zenz an das berühmte Gleichnis, mit welchem Goethe die Aus-
züge: „Aus Ottiliens Tagebuche“ in den „Wahlverwandtschaften“
einleitet.1 Die unmutige Kritik mag gelautet haben: Das also
ist der Mensch, der ewig und immer wieder nur langweilige
Feuilletons über Napoleon in Österreich zu schreiben weiß! Diese
Äußerung ist nun gar nicht witzig. Auch der schöne Vergleich
Goethes ist kein witziger und ganz gewiß nicht geeignet, uns
zum Lachen zu bringen. Erst wenn diese beiden in Beziehung
zueinander gesetzt werden und dem eigentümlichen Verdichtungs-
und Verschmelzungsprozeß unterliegen, entsteht ein Witz, und zwar
von erstem Range.“2Die Verknüpfung zwischen dem schimpflichen Urteil über den
langweiligen Geschichtschreiber und dem schönen Gleichnis in
den Wahlverwandtschafteu muß sich aus Gründen, die ich hier
noch nicht verständlich machen kann, auf weniger einfache Weise
hergestellt haben als in vielen ähnlichen Fällen. Ich werde es
versuchen, den vermutlichen wirklichen Hergang durch folgende
Konstruktion zu ersetzen. Zunächst mag das Element der be-
ständigen Wiederkehr desselben Themas bei Herrn N. eine leise1) „Wir hören von einer besonderen Einrichtung in der englischen Marine. Sämt-
liche Tauwerke der königlichen Flotte. vom stärksten bis zum schwlchsten. sind der-
gestalt gesponnen, daß ein roter Faden durch das Ganze durchgeht. den man nicht
hereuswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kennt-
lich sind, daß sie der Krone gehören. Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein
Faden der Neigung und Anhänglichkeit, der alles verbindet und des Ganze bezeich-
net." (20. Band der Sophien-Ausgabe, S. 212)2) Wie wenig diese regelmäßig zu wiederholende Beobachtung mit der Behauptung
stimmt, der Witz sei ein spielendes Urteil, brauche ich nur anzudeuten.S.
Die Technik des Witzes 23
Reminiszenz an die bekannte Stelle der Wahlverwandtschaften geweckt haben, die ja zumeist fälschlich mit dem Wortlaut „es zieht sich wie ein roter Faden“ zitiert wird. Der „rote Faden“ des Gleichnisses übt nun eine verändernde Wirkung auf den Ausdruck des ersten Satzes aus, infolge des zufälligen Umstandes, daß auch der Geschmähte rot, nämlich rothaarig ist. Es mag nun gelautet haben: Also dieser rote Mensch ist es, der die langweiligen Feuilletons über Napoleon schreibt. Nun griff der Prozeß ein, der die Verdichtung beider Stücke zu einem bezweckte. Unter dem Drucke desselben, der in der Gleichheit des Elements „rot“ den ersten Stützpunkt gefunden hatte, assimilierte sich das „langweilig“ dem „Faden“ und verwandelte sich in „fad“, und nun konnten die beiden Komponenten verschmelzen zu dem Wortlaut des Witzes, an welchem diesmal das Zitat fast mehr Anteil hat als das gewiß ursprünglich allein vorhandene schmähende Urteil.
„Also dieser rote Mensch ist es, der das fade Zeug über N. schreibt.
Der rote Faden, der sich durch alles
[hindurchzieht.Ist das nicht der rote Fadian, der sich durch die
[Geschichte der N. zieht?“Eine Rechtfertigung, aber auch eine Korrektur dieser Darstellung werde ich in einem späteren Abschnitt geben, wenn ich diesen Witz von anderen als bloß formalen Gesichtspunkten her analysieren darf. Was immer aber an ihr zweifelhaft sein möge, die Tatsache, daß hier eine Verdichtung vorgefallen ist, kann nicht in Zweifel gezogen werden. Das Ergebnis der Verdichtung ist einerseits wiederum eine erhebliche Verkürzung, anderseits anstatt einer auffälligen Mischwortbildung vielmehr eine Durchdringung der Bestandteile beider Komponenten. „Roter Fadian“ wäre immerhin als bloßes Schimpfwort existenzfähig; es ist in unserem Falle sicherlich ein Verdichtungsprodukt.
S.
24
Wenn nun an dieser Stelle zuerst ein Leser unwillig würde
über eine Betrachtungsweise, die ihm das Vergnügen am Witz
zu zerstören droht, ohne ihm aber die Quelle dieses Vergnügens
aufklären zu können, so würde ich ihn zunächst um Geduld bitten.
Wir stehen erst bei der Technik des Witzes, deren Untersuchung
ja auch Aufschlüsse verspricht, wenn wir sie erst weit genug
ausgedehnt haben.Wir sind durch die Analyse des letzten Beispiels vorbereitet
darauf, daß, wenn wir dem Verdichtungsvorgang noch in anderen
Beispielen begegnen, der Ersatz des Unterdrückten nicht in einer
N[ischwortbildung, sondern auch in einer anderen Abänderung des
Ausdrucks gegeben sein könne. Worin dieser andersartige Ersatz
bestehen mag, wollen wir aus anderen Witzen des Herrn N. lernen.„Ich bin tête-à-bête mit ihm gefahren.“ Nichts
leichter als diesen Witz zu reduzieren. Offenbar kann es dann
nur heißen: Ich bin tête-à-tête mit dem X. gefahren, und
der X. ist ein dummes Vieh.Keiner der beiden Sätze ist witzig. Oder in einen Satz zusammen-
gezogen: Ich bin tête-à—tête mit dem dummen Vieh
von X. gefahren, was ebensowenig witzig ist. Der Witz stellt
sich erst her, wenn das „dumme Vieh“ weggelassen wird und
zum Ersatz dafür das eine tête sein t im b verwandelt, mit.
welcher geringen Modifikation das erst unterdrückte „Vieh“ doch
wieder zum Ausdruck gelangt. Man kann die Technik dieser
Gruppe von Witzen beschreiben als Verdichtung mit leichter
Modifikation und ahnt, daß der Witz um so besser sein
wird, je geringfügiger die Modifikation ausfällt.Ganz ähnlich, obwohl nicht unkompliziert, ist die Technik
eines anderen Witzes. Herr N. sagt im Wechselgespräch über
eine Person, an der manches zu rühmen und vieles auszusetzen ist:
Ja, die Eitelkeit ist eine seiner vier Achillesfersen.11) Dasselbe Witzwort soll schon vorher von H. Heine auf Alfred de Musset
geprägt worden sein.S.
Die Technik des Witzes
25
Die leichte Modifikation besteht hier darin, daß anstatt der einen
Achillesferse, die man ja auch beim Helden zugestehen muß,
deren vier behauptet werden. Vier Fersen, also vier Füße hat
aber nur das Vieh. Somit haben die beiden im Witz verdichteten
Gedanken gelautet:
„Y. ist bis auf seine Eitelkeit ein hervorragender
Mensch; aber ich mag ihn doch nicht, er ist doch
eher ein Vieh als ein Mensch.“¹Ähnlich, nur viel einfacher, ist ein anderer Witz, den ich in
einem Familienkreise in statu nascendi zu hören bekam. Von
zwei Brüdern, Gymnasiasten, ist der eine ein vortrefflicher, der
andere ein recht mittelmäßiger Schüler. Nun passiert auch dem
Musterknaben einmal ein Unfall in der Schule, den die Mutter
zur Sprache bringt, um der Besorgnis Ausdruck zu geben, das
Ereignis könne den Anfang einer dauernden Verschlechterung
bedeuten. Der bisher durch seinen Bruder verdunkelte Knabe
greift diesen Anlaß bereitwillig auf. Ja, sagt er, Karl geht auf
allen Vieren zurück.Die Modifikation besteht hier in einem kleinen Zusatz zur
Versicherung, daß der andere auch nach seinem Urteil zurückgeht.
Diese Modifikation vertritt und ersetzt aber ein leidenschaftliches
Plaidoyer für die eigene Sache: Überhaupt müßt ihr nicht glauben,
daß er darum soviel gescheiter ist als ich, weil er in der Schule
besseren Erfolg hat. Er ist doch nur ein dummes Vieh, d. h. viel
dümmer, als ich bin.Ein schönes Beispiel von Verdichtung mit leichter Modifikation
zeigt ein anderer sehr bekannter Witz des Herrn N., der von
einer im öffentlichen Leben stehenden Persönlichkeit behauptete,
sie habe eine große Zukunft hinter sich. Es war ein¹) Eine der Komplikationen der Technik dieses Beispiels liegt darin, daß die
Modifikation, durch welche sich die ausgelassene Schmähung ersetzt, als Anspielung
auf diese letztere zu bezeichnen ist, da sie erst über einen Schlußprozeß zu ihr hinführt.
Über ein anderes Moment, welches hier die Technik kompliziert, s. u.S.
26 Der Witz
jüngerer Mann, auf den dieser Witz zielte, der durch seine Ab-
stammung, Erziehung und seine persönlichen Eigenschaften berufen
erschien, dereinst die Führung einer großen Partei zu übernehmen
und an ihrer Spitze zur Regierung zu gelangen. Aber die Zeiten
änderten sich, die Partei wurde regierungsunfähig, und nun ließ
sich vorhersehen, daß auch der zu ihrem Führer prädestinierte
Mann es zu nichts bringen werde. Die kürzeste reduzierte Fassung,
durch die man diesen Witz ersetzen könnte, würde lauten: Der
Mann hat eine große Zukunft vor sich gehabt, mit
der ist es aber jetzt aus. Anstatt des „gehabt“ und des
Nachsatzes die kleine Veränderung im Hauptsatze, daß das „vor“
durch ein „hinter“, sein Gegenteil, abgelöst wird.¹Fast der nämlichen Modifikation bediente sich Herr N. im Falle
eines Kavaliers, der Ackerbauminister geworden war ohne anderes
Anrecht, als daß er selbst Landwirtschaft betrieb. Die öffentliche
Meinung hatte Gelegenheit, ihn als den mindest begabten, der
je mit diesem Amt betraut gewesen, zu erkennen. Als er aber
das Amt niedergelegt und sich auf seine landwirtschaftlichen
Interessen zurückgezogen hatte, sagte Herr N. von ihm:
Er ist, wie Cincinnatus, auf seinen Platz vor dem
Pflug zurückgekehrt.Der Römer, den man auch von der Landwirtschaft weg zum
Amt berufen hatte, nahm seinen Platz hinter dem Pflug wieder
ein. Vor dem Pflug ging damals wie heute nur — der Ochs.Eine gelungene Verdichtung mit leiser Modifikation ist es auch,
wenn Karl Kraus von einem sogenannten Revolverjournalisten
mitteilt, er sei mit dem Orienterexpreßzug in eines der Balkan-
länder gefahren. Gewiß treffen in diesem Wort die beiden anderen
1) An der Technik dieses Witzes wirkt noch ein anderes Moment mit, welches ich
mir später anzuführen aufspare. Es betrifft den inhaltlichen Charakter der Modifikation
(Darstellung durch das Gegenteil, Widersinn). Die Witztechnik ist durch nichts behindert,
sich mehrerer Mittel gleichzeitig zu bedienen, die wir aber nur der Reihe nach kennen
lernen können.S.
27
„Orientexpreßzug“ und „Erpressung“ zusammen. Infolge
des Zusammenhanges macht sich das Element „Erpressung“ nur
als Modifikation des vom Verbum geforderten „Orientexpreßzuges“
geltend. Dieser Witz hat für uns, indem er einen Druckfehler
vorspiegelt, noch ein anderes Interesse.Wir könnten die Reihe dieser Beispiele leicht um weitere
vermehren, aber ich meine, wir bedürfen keiner neuen Fälle, um
die Charaktere der Technik in dieser zweiten Gruppe, Verdichtung
mit Modifikation, sicher zu erfassen. Vergleichen wir nun die
zweite Gruppe mit der ersten, deren Technik in Verdichtung mit
Mischwortbildung bestand, so sehen wir leicht ein, daß die Unter-
schiede nicht wesentliche und die Übergänge fließend sind. Die
Mischwortbildung wie die Modifikation unterordnen sich dem Begriff
der Ersatzbildung, und, wenn wir wollen, können wir die Misch-
wortbildung auch als Modifikation des Grundwartes durch das
zweite Element beschreiben.*
Wir dürfen aber hier einen ersten Halt machen und uns fragen,
mit welchem aus der Literatur bekannten Moment sich unser
erstes Ergebnis ganz oder teilweise deckt. Offenbar mit dem der
Kürze, die Jean Paul die Seele des Witzes nennt (s. o. S. 9).
Die Kürze ist. nun nicht an sich witzig, sonst wäre jeder Lakonismus
ein Witz. Die Kürze des Witzes muß von besonderer Art sein.
Wir erinnern uns, daß Lipps versucht hat, die Besonderheit der
Witzkürzung näher zu beschreiben (s. S. 5). Hier hat nun unsere
Untersuchung eingesetzt und nachgewiesen, daß die Kürze des
Witzes oftmals das Ergebnis eines besonderen Vorganges ist, der
im Wortlaut des Witzes eine zweite Spur, die Ersatzbildung,
hinterlassen hat. Bei der Anwendung des Reduktionsverfahrens,
welches den eigentürnlichen Verdichtungsvorgang rückgängig zu
machen beabsichtigt, finden wir aber auch, daß der Witz nur an
dem wörtlichen Ausdruck hängt, welcher durch den Verdichtungs-S.
28 Der Witz
vorgang hergestellt wird. Natürlich wendet sich jetzt unser volles
Interesse diesem sonderbaren und bisher fast nicht gewürdigten
Vorgang zu. Wir können auch noch gar nicht verstehen, wie aus
ihm all das Wertvolle des Witzes, der Lustgewinn, den der Witz
uns bringt, entstehen kann.Sind ähnliche Vorgänge, wie wir sie hier als Technik des
Witzes beschrieben haben, auf irgend einem anderen Gebiete des
seelischen Geſchehens schon bekannt geworden? Allerdings, auf
einem einzigen und scheinbar recht weit abliegenden. Im Jahre
1900 habe ich ein Buch veröffentlicht, welches, wie sein Titel
(„Die Traumdeutung“)¹ besagt, den Versuch macht, das Räthselhafte
des Traumes aufzuklären und ihn als Abkömmling normaler seelischer
Leistung hinzustellen. Ich finde dort Anlaß, den manifesten,
oft sonderbaren, Trauminhalt in Gegensatz zu bringen zu den
latenten, aber völlig korrekten Traumgedanken, von denen
er abstammt, und gehe auf die Untersuchung der Vorgänge ein,
welche aus den latenten Traumgedanken den Traum machen,
sowie der psychischen Kräfte, die bei dieser Umwandlung beteiligt
sind. Die Gesamtheit der umwandelnden Vorgänge nenne ich die
Traumarbeit und als ein Stück dieser Traumarbeit habe ich
einen Verdichtungsvorgang beschrieben, der mit dem der Witz-
technik die größte Ähnlichkeit zeigt, wie dieser zur Verkürzung
führt und Ersatzbildungen von gleichem Charakter schafft. Jedem
werden aus eigener Erinnerung an seine Träume die Mischgebilde
von Personen und auch von Objekten bekannt sein, die in den
Träumen auftreten; ja, der Traum bildet auch solche von Worten,
die sich dann in der Analyse zerlegen lassen (z. B. Autodidasker =
Autodidakt + Lasker [„Die Traumdeutung“, S. 206]).² Andere
Male, und zwar noch viel häufiger, werden von der Verdichtungs-
arbeit des Traumes nicht Mischgebilde erzeugt, sondern Bilder,
die völlig einem Objekt oder einer Person gleichen bis auf eine- 7. Aufl. 1922 [Ges. Schriften, Bd. II].
- 7. Aufl., S. 204 u. f.
S.
29
Zutat oder Abänderung, die aus anderer Quelle stammt, also
Modifikationen ganz wie die in den Witzen des Herrn N. Wir
können nicht bezweifeln, daß wir hier wie dort den nämlichen
psychischen Prozeß vor uns haben, den wir an den identischen
Leistungen erkennen dürfen. Eine so weitgehende Analogie der
Witztechnik mit der Traumarbeit wird gewiß unser Interesse für
die erstere steigern und die Erwartung in uns rege machen, aus
einem Vergleich von Witz und Traum manches zur Aufklärung
des Witzes zu ziehen. Aber wir enthalten uns, auf diese Arbeit
einzugehen, indem wir uns sagen, daß wir die Technik erst bei
einer sehr geringen Zahl von Witzen erforscht haben, so daß wir
nicht wissen können, ob die Analogie, deren Leitung wir uns
überlassen wollen, auch vorhalten wird. Wir wenden uns also
von dem Vergleich mit dem Traume ab und kehren zur Witz-
technik zurück, lassen an dieser Stelle unserer Untersuchung gleich-
sam einen Faden heraushängen, den wir vielleicht Später wieder
aufnehmen werden.*
Das nächste, was wir erfahren wollen, ist, ob der Vorgang der
Verdichtung mit Ersatzbildung bei allen Witzen nachweisbar ist,
so daß er als der allgemeine Charakter der Witztechnik bezeichnet
werden kann.Ich erinnere mich da an einen Witz, der mir infolge besonderer
Umstände im Gedächtnis geblieben ist. Einer der großen Lehrer
meiner jungen Jahre, den wir für unbefähigt hielten, einen Witz
zu schätzen, wie wir auch nie einen eigenen Witz von ihm gehört
hatten, kam eines Tages lachend in das Institut und gab bereit-
williger als sonst Bescheid über den Anlaß seiner heiteren Stimmung.
„Ich habe da einen vorzüglichen Witz gelesen. In einem Pariser
Salon wurde ein junger Mann eingeführt, der ein Verwandter
des großen J. J. Rousseau sein sollte und auch diesen Namen trug.
Er war überdies rothaarig. Er benahm sich aber so ungeschickt,S.
30
Der Witz
daß die Dame des Hauses zu dem Herrn, der ihn eingeführt, als
Kritik äußerte: „Vous m’avez fait connaître un jeune homme
roux et sot, mais non pas un Rousseau.“ Und er lachte von
neuem.Dies ist nach der Nomenklatur der Autoren ein Klangwitz,
und zwar niedriger Sorte, einer, der mit dem Eigennamen spielt,
etwa wie der Witz in der Kapuzinade aus Wallensteins Lager,
die bekanntlich der Manier des Abraham a Santa Clara
nachgebildet ist:„Läßt sich nennen den Wallenstein,
ja freilich ist er uns allen ein Stein
des Anstoßes und Ärgernisses.“1Welches ist aber die Technik dieses Witzes?
Da zeigt es sich, daß der Charakter, welchen wir vielleicht
hofften allgemein nachzuweisen, schon bei dem ersten neuen Fall
versagt. Es liegt hier keine Auslassung, kaum eine Verkürzung
vor. Die Dame sagt im Witze selbst fast alles aus, was wir ihren
Gedanken unterlegen können. „Sie haben mich auf einen Ver-
wandten von J. J. Rousseau gespannt gemacht, vielleicht einen
Geistesverwandten, und siehe da, es ist ein rothaariger dummer
Junge, ein roux et sot.“ Ich habe da allerdings einen Zusatz,
eine Einschaltung machen können, aber dieser Reduktionsversuch
hebt den Witz nicht auf. Er bleibt und haftet an dem Gleich-
klang von Rousseauroux sot. Damit ist nun erwiesen, daß die Verdichtung
mit Ersatzbildung an dem Zustandekommen dieses Witzes keinen
Anteil hat.Was aber sonst? Neue Versuche zur Reduktion können mich
belehren, daß der Witz so lange resistent bleibt, bis der Name
Rousseau durch einen anderen ersetzt wird. Ich setze z. B.
anstatt desselben Racine ein und sofort hat die Kritik der Dame,
die ebenso möglich bleibt wie vorhin, jede Spur von Witz ein-1) Daß dieser Witz infolge eines anderen Moments doch einer höheren Einschätzung
würdig ist, kann erst an späterer Stelle gezeigt werden.S.
Die Technik des Witzes
31
gebüßt. Nun weiß ich, wo ich die Technik dieses Witzes zu
suchen habe, kann aber noch über deren Formulierung schwanken;
ich will folgende versuchen: Die Technik des Witzes liegt darin,
daß ein und dasselbe Wort — der Name — in zweifacher
Verwendung vorkommt, einmal als Ganzes und dann in seine
Silben zerteilt wie in einer Scharade.Ich kann einige wenige Beispiele anführen, die in ihrer Technik
mit diesem identisch sind.Mit einem auf die gleiche Technik der zweifachen Verwendung
beruhenden Witz soll sich eine italienische Dame für eine taktlose
Bemerkung des ersten Napoleon gerächt haben. Er sagte ihr auf
einem Hofballe, auf ihre Landsleute deutend: „Tutti gli Italiani
danzano si male“, und sie erwiderte schlagfertig: „Non tutti, ma
buona parte.“ (Brill, l. c.)(Nach Th. Vischer und K. Fischer.) Als in Berlin einmal die
Antigone aufgeführt wurde, fand die Kritik, daß die Aufführung
des antiken Charakters entbehrt habe. Der Berliner Witz machte
sich diese Kritik in folgender Weise zu eigen: Antik? Oh, nee.In ärztlichen Kreisen ist ein analoger Zerteilungswitz heimisch.
Wenn man einen seiner jugendlichen Patienten befragte, ob er
sich je mit der Masturbation befaßt habe, würde man gewiß
keine andere Antwort hören als: O na, nie.In allen drei Beispielen, die für die Gattung genügen mögen,
dieselbe Technik des Witzes. Ein Name wird in ihnen zweimal
verwendet, das eine Mal ganz, das andere Mal in seine Silben
zerteilt, in welcher Zerteilung seine Silben einen gewissen anderen
Sinn ergeben.¹Die mehrfache Verwendung desselben Wortes einmal als eines
Ganzen und dann der Silben, in die es sich zerfällen läßt, war¹) Die Güte dieser Witze beruht darauf, daß gleichzeitig ein anderes Mittel der
Technik von weit höherer Ordnung zur Anwendung gekommen ist (s. u.). — An dieser
Stelle kann ich übrigens auch auf eine Beziehung des Witzes zum Rätsel aufmerksam
machen. Der Philosoph Fr. Brentano hat eine Gattung von Rätseln gedichtet, inS.
32
der erste Fall einer von der Verdichtung abweichenden Technik,
der uns begegnet ist. Nach kurzer Besinnung müssen wir aber
aus der Fülle der uns zuströmenden Beispiele erraten, daß die
neu aufgefundene Technik kaum auf dieses Mittel beschränkt
sein dürfte. Es gibt offenbar eine zunächst noch gar nicht über-
sehbare Anzahl von Möglichkeiten, wie man dasselbe Wort oder
dasselbe Material von Worten zur mehrfachen Verwendung in
einem Satze ausnützen kann. Sollten uns alle diese Möglichkeiten
als technische Mittel des Witzes entgegentreten? Es scheint so zu
sein; die nachfolgenden Beispiele von Witzen werden es erweisen.Man kann zunächst dasselbe Material von Worten nehmen und
nur etwas an der Anordnung derselben ändern. Je geringer die
Abänderung ist, je eher man den Eindruck empfängt, verschiedener
Sinn sei doch mit denselben Worten gesagt werden, desto besser
ist in technischer Hinsicht der Witz.D. Spitzer (Wiener Spaziergänge, II. Bd., S. 42):
„Das Ehepaar X lebt auf ziemlich großem Fuße. Nach der
Ansicht der einen soll der Mann viel verdient und sich dabei
etwas zurückgelegt haben, nach anderen wieder soll sich die
Frau etwas zurückgelegt und dabei viel verdient haben.“Ein geradezu diabolisch guter Witz! Und mit wie geringen
Mitteln er hergestellt ist! Viel verdient — sich etwas zurückgelegt,denen eine kleine Anzahl von Silben zu ernten ist, die, zu einem Worte vereinigt,
oder so oder anders zusammengefaßt, einen anderen Sinn ergeben, z. B.:...ließ mich das Platanenblattahnen
oder:
wie du dem Inder hast verschrieben, in der Hast verschrieben?Die zu erratenden Silben werden im Zusammenhang des Satzes durch das entsprechend
oft zu wiederholende Füllwort dal ersetzt. Ein Kollege des Philosophen übte eine
geistreiche Rache, als er von der Verlobung des in reiferen Jahren stehenden Mannes
hörte, indem er fragte? Daldaldal daldaldal? (Brentano brennt-a-no?)Was macht den Unterschied zwischen diesen Daldal-Rätseln und den obenstehenden
Witzen? Daß inersteren die Technik als Bedingung angegeben ist und der Wortlaut
erraten werden soll, während in den Witzen der Wortlaut mitgeteilt und die Technik
versteckt ist.S.
33
sich etwas zurückgelegt — viel verdient; es ist eigentlich nichts
als eine Umstellung dieser beiden Phrasen, wodurch sich das vom
Manne Ausgesagte von dem über die Frau Angedeuteten unter-
scheidet. Allerdings ist dies auch hier wiederum nicht die ganze
Technik dieses Witzes.1Ein reicher Spielraum eröffnet sich der Witztechnik, wenn man
die „mehrfache Verwendung des gleichen Materials“
dahin ausdehnt, daß das Wort — oder die Worte, — an denen
der Witz haftet, das eine Mal unverändert, das andere Mal mit
einer kleinen Modifikation gebraucht werden dürfe.Z. B. ein anderer Witz des Herrn N.:
Er hört von einem Herrn, der selbst als Jude geboren ist, eine
gehässige Äußerung über jüdisches Wesen. „Herr Hofrat,“ meint
er, „Ihr Antesemitismus war mir bekannt, Ihr Anti-
semitismus ist mir neu.“Hier ist nur ein einziger Buchstabe verändert, dessen Modifikation
bei sorgloser Aussprache kaum bemerkt wird. Das Beispiel erinnert
an die anderen Modifikationswitze des Herrn N. (s. S. 21), aber
zum Unterschiede von ihnen fehlt ihm die Verdichtung; es ist
im Witze selbst alles gesagt, was gesagt werden soll. „Ich weiß,
daß Sie früher selbst Jude waren; es wundert mich also, daß
gerade Sie über Juden schimpfen.“Ein vortreffliches Beispiel eines solchen Modifikationswitzes ist
auch der bekannte Ausruf: Traduttore — Traditore!Die fast bis zur Identität gehende Ähnlichkeit der beiden Worte
ergibt eine sehr eindrucksvolle Darstellung der Notwendigkeit, die
den Übersetzer zum Frevler an seinem Autor werden läßt.21) Ebensowenig wie in dem vortrefflichen, bei Brill angeführten Witz von Oliver
Wendell Holmes: „Put not your trust in money, but put your money in
trust.“ Es wird hier ein Widerspruch angekündigt, der nicht erfolgt. Der zweite
Teil des Satzes nimmt diesen Widerspruch zurück. Übrigens ein gutes Beispiel für die
Unübersetzbarkeit der Witze von solcher Technik.2) Brill zitiert einen ganz analogen Modifikationswitz: Amantes amentes (Ver-
liebte = Narren).S.
34
Der Witz
Die Mannigfaltigkeit der möglichen leisen Modifikationen ist
bei diesen Witzen so groß, daß keiner mehr ganz dem anderen
gleicht.Hier ein Witz, der sich bei einem rechtswissenschaftlichen
Examen zugetragen haben soll! Der Kandidat soll eine Stelle des
Corpus juris übersetzen. „Labeo ait“ . . . Ich falle, sagt er . . .
Sie fallen, sag’ ich, erwidert der Prüfer und die Prüfung ist
zu Ende. Wer den Namen des großen Rechtsgelehrten für eine,
zudem falsch erinnerte, Vokabel verkennt, verdient freilich nichts
Besseres. Aber die Technik des Witzes liegt in der Verwendung
fast der nämlichen Worte, welche die Unwissenheit des Geprüften
bezeugen, zu seiner Bestrafung durch den Prüfer. Der Witz ist
außerdem ein Beispiel von „Schlagfertigkeit“, deren Technik, wie
sich zeigen lassen wird, von der hier erläuterten nicht viel absteht.Worte sind ein plastisches Material, mit dem sich allerlei an-
fangen läßt. Es gibt Worte, welche in gewissen Verwendungen
die ursprüngliche volle Bedeutung eingebüßt haben, deren sie sich
in anderem Zusammenhange noch erfreuen. In einem Witz von
Lichtenberg sind gerade jene Verhältnisse herausgesucht, unter
denen die abgeblaßten Worte ihre volle Bedeutung wieder be-
kommen müssen.„Wie geht’s?“ fragte der Blinde den Lahmen. „Wie Sie
sehen“, antwortete der Lahme dem Blinden.Es gibt im Deutschen auch Worte, die in anderem Sinne voll
und leer genommen werden können, und zwar in mehr als nur
einem. Es können nämlich zwei verschiedene Abkömmlinge des-
selben Stammes, das eine sich zu einem Worte mit voller Bedeutung,
das andere sich zu einer abgeblaßten End- oder Anhängesilbe
entwickelt haben, und beide doch vollkommen gleich lauten. Der
Gleichlaut zwischen einem vollen Wort und einer abgeblaßten
Silbe mag auch ein zufälliger sein. In beiden Fällen kann die
Witztechnik aus solchen Verhältnissen des Sprachmaterials Nutzen
ziehen.S.
Die Technik des Witzes
35
Schleiermacher wird z. B. ein Witz zugeschrieben, der
uns als fast reines Beispiel solcher technischen Mittel wichtig ist:
Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht,
was Leiden schafft.Dies ist unstreitig witzig, wiewohl nicht gerade kräftig als Witz.
Es fallen hier eine Menge von Momenten weg, die uns bei der
Analyse anderer Witze irremachen können, solange wir jeden
von ihnen vereinzelt in Untersuchung ziehen. Der im Wortlaut
ausgedrückte Gedanke ist wertlos; er gibt jedenfalls eine recht
ungenügende Definition der Eifersucht. Von „Sinn im Unsinn“,
„verborgenem Sinn“, „Verblüffung und Erleuchtung“ ist keine
Rede. Einen Vorstellungskontrast wird man mit der größten An-
strengung nicht herausfinden, einen Kontrast zwischen den Worten
und dem, was sie bedeuten, nur mit großem Zwang. Von einer
Verkürzung ist nichts zu finden; der Wortlaut macht im Gegen-
teil den Eindruck der Weitschweifigkeit. Und doch ist es ein Witz,
selbst ein sehr vollkommener. Sein einzig auffälliger Charakter ist
gleichzeitig derjenige, mit dessen Aufhebung der Witz verschwindet,
nämlich daß hier dieselben Worte eine mehrfache Verwendung
erfahren. Man hat dann die Wahl, ob man diesen Witz jener
Unterabteilung zurechnen will, in welcher Worte einmal ganz und
das andere Mal zerteilt gebraucht werden (wie Rousseau, Anti-
gone), oder jener anderen, in der die volle und die abgeblaßte
Bedeutung von Wortbestandteilen die Mannigfaltigkeit herstellen.Außer diesem ist nur noch ein anderes Moment für die Technik des
Witzes beachtenswert. Es ist hier ein ungewohnter Zusammenhang
hergestellt, eine Art Unifizierung vorgenommen worden, indem
die Eifersucht durch ihren eigenen Namen, gleichsam durch sich selbst
definiert ist. Auch dies ist, wie wir hier hören werden, eine Technik
des Witzes. Diese beiden Momente müssen also für sich hinreichend
sein, einer Rede den gesuchten Charakter des Witzes zu geben.
Wenn wir uns nun in die Mannigfaltigkeit der „mehrfachen
Verwendung“ desselben Wortes noch weiter einlassen, so merken3*
S.
36 Der Witz
wir mit einem Male, daß wir Formen von „Doppelsinn“ oder
„Wortspiel“ vor uns haben, die als Technik des Witzes längst
allgemein bekannt und gewürdigt sind. Wozu haben wir uns die
Mühe gegeben, etwas neu zu entdecken, was wir aus der seichtesten
Abhandlung über den Witz hätten entnehmen können? Wir
können zu unserer Rechtfertigung zunächst nur anführen, daß
wir an dem nämlichen Phänomen des sprachlichen Ausdrucks
doch eine andere Seite hervorheben. Was bei den Autoren den
„spielerischen“ Charakter des Witzes erweisen soll, fällt bei uns
unter den Gesichtspunkt der „mehrfachen Verwendung“.Die weiteren Fälle von mehrfacher Verwendung, die man auch
als Doppelsinn zu einer neuen, dritten Gruppe vereinigen kann,
lassen sich leicht in Unterabteilungen bringen, die freilich nicht
durch wesentliche Unterscheidungen voneinander gesondert sind,
ebensowenig wie die ganze dritte Gruppe von der zweiten. Da
gibt es zunächsta) die Fälle von Doppelsinn eines Namens und seiner ding-
lichen Bedeutung, z. B. „Drück dich aus unserer Ge-
sellschaft ab, Pistol“ (bei Shakespeare).„Mehr Hof als Freiung“, sagte ein witziger Wiener mit Be-
ziehung auf mehrere schöne Mädchen, die seit Jahren viel gefeiert
wurden und noch immer keinen Mann gefunden hatten. „Hof“
und „Freiung“ sind zwei aneinanderstoßende Plätze im Innern
der Stadt Wien.Heine: „Hier in Hamburg herrscht nicht der schändliche
Macbeth, sondern hier herrscht Banko“ (Banquo).Wo der unveränderte Name nicht brauchbar — man könnte
sagen: nicht mißbrauchbar — ist, kann man mittels einer der
uns bekannten kleinen Modifikationen den Doppelsinn aus ihm
gewinnen:„Weshalb haben die Franzosen den Lohengrin zurückgewiesen?“
fragte man in nun überwundenen Zeiten. Die Antwort lautete:
„Elsa’s (Elsaß) wegen.“S.
Die Technik des Witzes 37
b) Den Doppelsinn der sachlichen und metaphorischen
Bedeutung eines Wortes, der eine ergiebige Quelle für die Witz-
technik ist. Ich zitiere nur ein Beispiel: Ein als Witzbold bekannter
ärztlicher Kollege sagte einmal zum Dichter Arthur Schnitzler:
„Ich wundere mich nicht, daß du ein großer Dichter geworden
bist. Hat doch schon dein Vater seinen Zeitgenossen den Spiegel
vorgehalten.“ Der Spiegel, den der Vater des Dichters, der berühmte
Arzt Dr. Schnitzler, gehandhabt, war der Kehlkopfspiegel;
nach einem bekannten Ausspruch Hamlets ist es der Zweck des
Schauspieles, also auch des Dichters, der es schafft, „der Natur
gleichsam den Spiegel vorzuhalten: der Tugend ihre eigenen Züge,
der Schmach ihr eigenes Bild und dem Jahrhundert und Körper
der Zeit den Abdruck seiner Gestalt zu zeigen“ (III., 2. Szene).c) Den eigentlichen Doppelsinn oder das Wortspiel, den
sozusagen idealen Fall der mehrfachen Verwendung; dem Wort
wird hier nicht Gewalt angetan, es wird nicht in seine Silben-
bestandteile zerrissen, es braucht sich keiner Modifikation zu unter-
ziehen, nicht die Sphäre, der es angehört, etwa als Eigenname,
mit einer anderen zu vertauschen; ganz so wie es ist und im Ge-
füge des Satzes steht, darf es dank der Gunst gewisser Umstände
zweierlei Sinn aussagen.Beispiele stehen hier reichlich zur Verfügung:
(Nach K. Fischer.) Eine der ersten Regentenhandlungen des
letzten Napoleon war bekanntlich die Wegnahme der Güter der
Orléans. Ein vortreffliches Wortspiel sagte damals: „C’est le premier
vol de l’aigle.“ „Vol“ heißt Flug, aber auch Raub.Ludwig XV. wünschte den Witz eines seiner Hofherren, von
dessen Talent man ihm erzählt hatte, auf die Probe zu stellen;
bei der ersten Gelegenheit befiehlt er dem Kavalier, einen Witz
zu machen über ihn selbst; er selbst, der König, wolle „Sujet“
dieses Witzes sein. Der Hofmann antwortete mit dem geschickten
Bonmot: „Le roi n’est pas sujet.“ „Sujet“ heißt ja auch Un-
tertan.S.
38
Der Witz
Der Arzt, der vom Krankenbett der Frau weggeht, sagt zu dem
ihn begleitenden Ehemanne kopfschüttelnd: Die Frau gefällt
mir nicht. Mir gefällt sie schon lange nicht, beeilt sich dieser
zuzustimmen.Der Arzt bezieht sich natürlich auf den Zustand der Frau, er
hat aber seine Besorgnis um die Kranke in solchen Worten aus-
gedrückt, daß der Mann in ihnen die Bestätigung seiner ehelichen
Abneigung finden kann.Von einer satirischen Komödie sagte Heine: „Diese Satire
wäre nicht so bissig geworden, wenn der Dichter mehr zu beißen
gehabt hätte.“ Dieser Witz ist eher ein Beispiel von metaphori-
schem und gemeinem Doppelsinn als ein richtiges Wortspiel, aber
wem läge daran, hier an scharfen Grenzen festzuhalten?Ein anderes gutes Wortspiel wird bei den Autoren (Heymans,
Lipps) in einer Form erzählt, durch die ein Verständnis desselben
verhindert wird.1 Die richtige Fassung und Einkleidung fand ich
unlängst in einer sonst wenig brauchbaren Sammlung von Witzen.2„Saphir kam einst mit Rothschild zusammen. Sie hatten
1) „Wenn Saphir“, so sagt Heymans, „einem reichen Gläubiger, dem er einen
Besuch abstattet, auf die Frage: Sie kommen wohl um die 300 Gulden, antwortet:
Nein, Sie kommen um die 300 Gulden, so ist eben dasjenige, was er meint, in einer
sprachlich vollkommen korrekten und auch keineswegs ungewöhnlichen Form ausge-
drückt.1 In der Tat ist es so: Die Antwort Saphirs ist an sich betrachtet in
schönster Ordnung. Wir verstehen auch, was er sagen will, nämlich daß er seine
Schuld nicht zu bezahlen beabsichtige. Aber Saphir gebraucht dieselben Worte, die
vorher von seinem Gläubiger gebraucht wurden. Wir können also nicht umhin, sie
auch in dem Sinne zu nehmen, in welchem sie von jenem gebraucht wurden. Und
dann hat Saphirs Antwort gar keinen Sinn mehr. Der Gläubiger „kommt“ ja über-
haupt nicht. Er kann ja auch nicht um die 300 Gulden kommen, d. h.: er kann nicht
kommen, um 300 Gulden zu bringen. Zudem hat er als Gläubiger nicht zu bringen,
sondern zu fordern. Indem die Worte Saphirs in solcher Weise zugleich als Sinn
und als Unsinn erkannt werden, entsteht die Komik“ (Lipps, S. 97).
Nach der obenstehenden, zur Aufklärung vollständig wiedergegebenen Fassung ist
die Technik dieses Witzes weit einfacher als Lipps meint. Saphir kommt nicht,
um die 300 Gulden zu bringen, sondern um sie erst von dem Reichen zu holen. Somit
entfallen die Erörterungen über „Sinn und Unsinn“ in diesem Witz.2) Das große Buch der Witze, gesammelt und herausgegeben von Willy Hermann.
Berlin 1904.S.
Die Technik des Witzes
39
kaum ein Weilchen miteinander geplaudert, als Saphir sagte:
„Hören Sie, Rothschild, meine Kasse ist dünn geworden, Sie
könnten mir 100 Dukaten pumpen.“ „Je nun,“ erwiderte Roth-
schild, „darauf soll es mir nicht ankommen, aber nur unter der
Bedingung, daß Sie einen Witz machen.“ „Darauf soll’s mir
ebenfalls nicht ankommen“, versetzte Saphir. „Gut, so kommen
Sie morgen auf mein Bureau.“ Saphir stellte sich pünktlich ein.
„Ach,“ sagte Rothschild, als er den Eintretenden gewahrte.
„Sie kommen um Ihre 100 Dukaten.“ „Nein,“ erwiderte
dieser, „Sie kommen um Ihre 100 Dukaten, da es mir bis
zum Jüngsten Tage nicht einfallen wird, sie wieder zu bezahlen.““„Was stellen diese Statuen vor?“ fragt ein Fremder einen
einheimischen Berliner angesichts einer Front von Denkmälern
auf einem öffentlichen Platz. „Je nu,“ antwortet dieser, „e n t-
weder das rechte oder das linke Bein.“¹Heine in der Harzreise: „Auch sind mir in diesem Augen-
blicke nicht alle Studentennamen im Gedächtnisse und unter den
Professoren sind manche, die noch gar keinen Namen haben.“Wir üben uns vielleicht in der diagnostischen Differenzierung,
wenn wir hier einen anderen allbekannten Professorenwitz an-
schließen. „Der Unterschied zwischen ordentlichen und außer-
ordentlichen Professoren besteht darin, daß die ordentlichen
nichts außerordentliches und die außerordentlichen nichts
ordentliches leisten.“ Das ist gewiß ein Spiel mit den zwei
Bedeutungen der Worte „ordentlich“ und „außerordentlich“, in
und außer der ordo (dem Stande) einerseits und tüchtig, beziehungs-
weise hervorragend, anderseits. Die Übereinstimmung dieses Witzes
aber mit anderen uns bekanntgewordenen Beispielen mahnt uns
daran, daß hier die mehrfache Verwendung weit auffälliger ist als
der Doppelsinn. Man hört ja in dem Satz nichts anderes als das
immer wiederkehrende „ordentlich“, bald als solches, bald¹⁾ Weiteres zur Analyse dieses Wortspiels siehe unten.
S.
40
negativ modifiziert (vgl. S. 32). Außerdem ist hier wiederum das
Kunststück vollbracht, einen Begriff durch seinen Wortlaut zu
definieren (vgl. Eifersucht ist eine Leidenschaft usw.), genauer
beschrieben, zwei korrelative Begriffe durcheinander, wenn auch
negativ, zu definieren, was eine kunstvolle Verschränkung ergibt.
Endlich kann man den Gesichtspunkt der Unifizierung auch hier
hervorheben, die Herstellung eines innigeren Zusammenhanges
zwischen den Elementen der Aussage, als man nach deren Natur
zu erwarten ein Recht hätte.Heine in der Harzreise: „Der Pedell Sch. grüßte mich sehr
kollegialisch, denn er ist ebenfalls Schriftsteller und hat meiner
in seinen halbjährigen Schriften oft erwähnt; wie er mich denn
auch außerdem oft zitiert hat, und wenn er mich nicht zu
Hause fand, immer so gütig war, die Zitation mit Kreide auf
meine Stubentür zu schreiben.“Der „Wiener Spaziergänger“ Daniel Spitzer fand für einen
sozialen Typus, der zur Zeit des Gründertums blühte, die lakonische,
aber gewiß auch sehr witzige, biographische Charakteristik:„Eiserne Stirne — eiserne Kasse — eiserne Krone.“ (Letz-
teres ein Orden, mit dessen Verleihung der Adelsstand verknüpft
war.) Eine ganz ausgezeichnete Unifizierung, alles gleichsam aus
Eisen! Die verschiedenen, aber nicht sehr auffällig miteinander
kontrastierenden Bedeutungen des Beiwortes „eisern“ ermöglichen
diese „mehrfachen Verwendungen“.Ein anderes Wortspiel mag uns den Übergang zu einer neuen
Unterart der Doppelsinntechnik erleichtern. Der auf S. 37 er-
wähnte witzige Kollege ließ sich zur Zeit des Dreyfushandels den
Witz zuschulden kommen:„Dieses Mädchen erinnert mich an Dreyfus. Die Armee glaubt
nicht an ihre Unschuld.“Das Wort „Unschuld“, auf dessen Doppalsinn der Witz auf-
gebaut ist, hat in dem einen Zusammenhang den gebräuchlichen
Sinn mit. dem Gegensatz: Verschulden, Verbrechen, in dem anderenS.
Die Technik des Witzes41
aber einen sexuellen Sinn, dessen Gegensatz sexuelle Erfahrung
ist. Nun gibt es sehr viele derartige Beispiele von Doppelsinn,
und in ihnen allen kommt es für die Wirkung des Witzes ganz
besonders auf den sexuellen Sinn an. Man könnte für diese
Gruppe etwa die Bezeichnung „Zweideutigkeit“ reservieren.Ein ausgezeichnetes Beispiel solch eines zweideutigen Witzes
ist der auf Seite 32 mitgeteilte von D. Spitzer:
„Nach der Ansicht der einen soll der Mann viel verdient
und sich dabei etwas zurückgelegt haben, nach anderen
wieder soll sich die Frau etwas zurückgelegt und dabei
viel verdient haben.“Vergleicht man aber dieses Beispiel von Doppelsinn mit Zwei-
deutigkeit mit anderen, so fällt ein Unterschied ins Auge, der
für die Technik nicht ganz belanglos ist. In dem Witz von der
„Unschuld“ liegt der eine Sinn des Wortes unserem Erfassen
ebenso nahe wie der andere; man wüßte wirklich nicht zu unter-
scheiden, ob die sexuelle oder die nichtsexuelle Bedeutung des
Wortes die gebräuchlichere und uns vertrautere ist. Anders in
dem Beispiel von D. Spitzer; in diesem ist der eine, banale,
Sinn der Worte „sich etwas zurückgelegt“ der bei weitem auf-
dringlichere, verdeckt und versteckt gleichsam den sexuellen Sinn,
der einem Arglosen etwa gar entgehen könnte. Setzen wir zum
scharfen Gegensatz ein anderes Beispiel von Doppelsinn hin, in
dem auf solches Verstecken der sexuellen Bedeutung verzichtet
ist, z. B. Heines Charakterschilderung einer gefälligen Dame:
„Sie konnte nichts abschlagen außer ihr Wasser.“ Es klingt
wie eine Zote, der Eindruck des Witzes kommt kaum zur Geltung.1
Nun kann die Eigentümlichkeit, daß die beiden Bedeutungen des
1) Vergl. hiezu K. Fischer (S. 85), der für solche doppelsinnige Witze, in denen
die beiden Bedeutungen nicht gleichmäßig im Vordergrunde stehen, sondern die eine
hinter der anderen, den Namen „Zweideutigkeit“ beansprucht, den ich oben anders
verwendet habe. Solche Namengebung ist Sache des Übereinkommens, der Sprachge-
brauch hat keine sichere Entscheidung getroffen.S.
42 Der Witz
Doppelsinnes uns nicht gleich naheliegen, auch bei Witzen ohne
sexuelle Beziehung vorkommen, sei es, daß der eine Sinn der an
sich gebräuchlichere ist, sei es, daß er durch den Zusammen-
hang mit den anderen Teilen des Satzes vorangestellt wird (z. B.
c'est le premier vol de l'aigle); alle diese Fälle schlage ich vor
als Doppelsinn mit Anspielung zu bezeichnen.*
Wir haben bis jetzt bereits eine so große Anzahl verschiedener
Techniken des Witzes kennengelernt, daß ich fürchten muß, wir
könnten die Übersicht über dieselben verlieren. Versuchen wir
darum eine Zusammenstellung derselben:-
I. Die Verdichtung:
- a) mit Mischwortbildung,
- b) mit Modifikationen.
-
II. Die Verwendung des nämlichen Materials:
- c) Ganzes und Teile,
- d) Umordnung,
- e) leichte Modifikation,
- f) dieselben Worte voll und leer.
-
III. Doppelsinn:
- g) Name und Sachbedeutung,
- h) metaphorische und sachliche Bedeutung,
- i) eigentlicher Doppelsinn (Wortspiel),
- k) Zweideutigkeit,
- l) Doppelsinn mit Anspielung.
Diese Mannigfaltigkeit wirkt verwirrend. Sie könnte uns miß-
mutig werden lassen, daß wir uns gerade der Beschäftigung mit
den technischen Mitteln des Witzes zugewendet haben, und könnte
uns argwöhnen lassen, daß wir deren Bedeutung für eine Erkennt-
nis des Wesentlichen am Witze doch überschätzen. Stände dieser
erleichternden Vermutung nicht die eine unabweisbare Tatsache
im Wege, daß der Witz jedesmal aufgehoben ist, sobald wir die-
S.
Die Technik des Witzes
43
Leistung dieser Techniken im Ausdruck wegräumen! Wir werden
also doch darauf hingewiesen, die Einheit in dieser Mannigfaltigkeit
zu suchen. Es müßte möglich sein, alle diese Techniken unter
einen Hut zu bringen. Die zweite und dritte Gruppe zu vereinigen
ist nicht schwierig, wie wir uns schon gesagt haben. Der Doppel-
sinn, das Wortspiel ist ja nur der ideale Fall von Verwendung
des nämlichen Materials. Letzterer ist dabei offenbar der um-
fassendere Begriff. Die Beispiele von Zerteilung, Umordnung des
gleichen Materials, mehrfacher Verwendung mit leichter Modi-
fikation (c, d, e) würden sich dem Begriff des Doppelsinnes nicht
ohne Zwang unterordnen. Aber welche Gemeinsamkeit gibt es
zwischen der Technik der ersten Gruppe — Verdichtung mit
Ersatzbildung — und jener der beiden anderen, mehrfache Ver-
wendung des nämlichen Materials?Nun, eine sehr einfache und deutliche, sollt' ich meinen. Die
Verwendung des nämlichen Materials ist ja nur ein Spezialfall
der Verdichtung; das Wortspiel ist nichts anderes als eine Ver-
dichtung ohne Ersatzbildung; die Verdichtung bleibt die über-
geordnete Kategorie. Eine zusammendrängende oder richtiger
ersparende Tendenz beherrscht alle diese Techniken. Es scheint
alles Sache der Ökonomie zu sein, wie Prinz Hamlet sagt
(Thrift, Horatio, Thrift!).Machen wir die Probe auf diese Ersparnis an den einzelnen
Beispielen. „C'est le premier vol de l'aigle.“ Das ist der erste
Flug des Adlers. Ja, aber es ist ein Raubausflug. Vol bedeutet
zum Glück für die Existenz dieses Witzes sowohl „Flug“ als auch
„Raub“. Ist dabei nichts verdichtet und erspart worden? Gewiß
der ganze zweite Gedanke, und zwar ist er ohne Ersatz fallen
gelassen worden. Der Doppelsinn des Wortes vol macht solchen
Ersatz überflüssig, oder ebenso richtig: Das Wort vol enthält den
darum einen Zusatz oder eine Abänderung brauchte. Das eben
ist die Wohltat des Doppelsinnes.S.
44 Der Witz
Ein anderes Beispiel: Eiserne Stirne — eiserne Kasse — eiserne
Krone. Welch außerordentliche Ersparnis gegen eine Ausführung
des Gedankens, in welcher der Ausdruck das „eisern“ nicht ge-
funden hätte! „Mit der nötigen Frechheit und Gewissenlosigkeit ist
es nicht schwer, ein großes Vermögen zu erwerben, und zur Be-
lohnung für solche Verdienste bleibt natürlich der Adel nicht aus.“
Ja, in diesen Beispielen ist die Verdichtung, also die Ersparnis,
unverkennbar. Sie soll aber in allen nachweisbar sein. Wo steckt
nun die Ersparnis in solchen Witzen wie Rousseau — roux et
sot, Antigone — antik? o — nee, in denen wir zuerst die
Verdichtung vermißt haben, die uns vor allem bewogen haben, die
Technik der mehrfachen Verwendung des nämlichen Materials auf-
zustellen? Hier würden wir allerdings mit der Verdichtung nicht
durchkommen, aber wenn wir diese mit dem ihr übergeordneten
Begriff der „Ersparnis“ vertauschen, geht es ohne Schwierigkeit.
Was wir in den Beispielen Rousseau, Antigone usw. ersparen,
ist leicht zu sagen. Wir ersparen es, eine Kritik zu äußern, ein
Urteil zu bilden, beides ist im Namen selbst schon gegeben. Im
Beispiel der Leidenschaft — Eifersucht ersparen wir es uns, eine
Definition mühsam zusammenzustellen: Eifersucht, Leidenschaft
und — Eifer sucht, Leiden schafft; die Füllworte dazu und die
Definition ist fertig. Ähnliches gilt für alle anderen bisher analy-
sierten Beispiele. Wo am wenigsten erspart wird, wie in dem
Wortspiel von Saphir: „Sie kommen um Ihre 100 Dukaten“, da
wird wenigstens erspart, den Wortlaut der Antwort neu zu bilden;
der Wortlaut der Anrede genügt auch zur Antwort. Es ist wenig,
aber nur in diesem Wenigen liegt der Witz. Die mehrfache Ver-
wendung der nämlichen Worte zur Anrede wie zur Antwort gehört
gewiß zum „Sparen“. Ganz, wie Hamlet die rasche Aufeinander-
folge des Todes seines Vaters und der Hochzeit seiner Mutter
aufgefaßt sehen will:
„Das Gebackene
Vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln.“
S.
Die Technik des Witzes 45
Ehe wir aber die „Tendenz zur Ersparnis“ als den allgemein-
sten Charakter der Witztechnik annehmen und die Fragen stellen,
woher sie stammt, was sie bedeutet und wieso der Lustgewinn
des Witzes aus ihr entspringt, wollen wir einem Zweifel Raum
gönnen, der ein Recht hat, angehört zu werden. Mag es sein,
daß jede Witztechnik die Tendenz zeigt, mit dem Ausdruck zu
sparen, aber die Beziehung ist nicht umkehrbar. Nicht jede Er-
sparung am Ausdruck, jede Kürzung, ist darum auch witzig.
Wir standen schon einmal an dieser Stelle, damals als wir noch
bei jedem Witz den Verdichtungsvorgang nachzuweisen hofften,
und damals machten wir uns den berechtigten Einwand, ein
Lakonismus sei noch kein Witz. Es müßte also eine besondere
Art von Verkürzung und von Ersparnis sein, an welcher der
Charakter des Witzes hinge, und solange wir diese Besonderheit
nicht kennen, bringt uns die Auffindung des Gemeinsamen in der
Witztechnik der Lösung unserer Aufgabe nicht näher. Außerdem
finden wir den Mut zu bekennen, daß die Ersparungen, welche
die Witztechnik macht, uns nicht zu imponieren vermögen. Sie
erinnern vielleicht an die Art, wie manche Hausfrauen sparen,
wenn sie, um einen entlegenen Markt aufzusuchen, Zeit und
Geld für die Fahrt aufwenden, weil dort das Gemüse um einige
Heller wohlfeiler zu haben ist. Was erspart sich der Witz durch
seine Technik? Einige neue Worte zusammenzufügen, die sich
meist mühelos ergeben hätten; anstatt dessen muß er sich die
Mühe geben, das eine Wort aufzusuchen, welches ihm beide
Gedanken deckt; ja, er muß oft erst den Ausdruck des einen
Gedankens in eine nicht gebräuchliche Form umwandeln, bis diese
ihm den Anhalt zur Zusammenfassung mit dem zweiten Gedanken
ergeben kann. Wäre es nicht einfacher, leichter und eigentlich
sparsamer gewesen, die beiden Gedanken so auszudrücken, wie es
sich eben trifft, auch wenn dabei keine Gemeinsamkeit des Aus-
druckes zustande kommt? Wird die Ersparnis an geäußerten
Worten nicht durch den Aufwand an intellektueller LeistungS.
46 * The following is a list of the most common and important terms related to the topic of "undefined". Each term is accompanied by a brief definition to help you understand its meaning and context.
Undefined: In mathematics, an undefined expression is one that does not have a meaningful value. This can occur for several reasons, such as division by zero, taking the square root of a negative number (in the real number system), or attempting to evaluate certain limits. It's important to distinguish "undefined" from "indeterminate," which refers to expressions that can take on various values depending on how they are approached (e.g., 0/0 or ∞/∞).
Division by Zero: This is the most common and fundamental way an expression becomes undefined. Any number divided by zero is undefined. For example, 5/0 is undefined. This is because if you multiply zero by any finite number, you will always get zero, never 5. Therefore, there is no number that, when multiplied by zero, equals 5.
Square Root of a Negative Number: In the real number system, the square root of a negative number is undefined. This is because no real number, when multiplied by itself, can result in a negative number. For example, √(-4) is undefined in the real number system. However, in the complex number system, such expressions are defined using the imaginary unit 'i', where i² = -1.
Logarithm of Zero or a Negative Number: The logarithm of zero or any negative number is undefined in the real number system. The logarithm function, log_b(x), is defined only for positive values of x (x > 0) and a positive base b (b > 0) not equal to 1. This is because a logarithm represents the power to which the base must be raised to produce the number, and no real power of a positive base can result in zero or a negative number.
Tangent of π/2 + nπ: The tangent function, tan(x), is undefined at odd multiples of π/2 (e.g., π/2, 3π/2, -π/2, etc.). This is because tan(x) = sin(x)/cos(x), and at these angles, cos(x) = 0, leading to division by zero. Graphically, the tangent function has vertical asymptotes at these points.
Asymptote: An asymptote is a line that a curve approaches as it heads towards infinity. In the context of undefined expressions, vertical asymptotes often occur at x-values where a function is undefined (e.g., where the denominator of a rational function is zero). This indicates that the function's value approaches positive or negative infinity as x approaches that specific value.
Limit (Undefined vs. Does Not Exist): While "undefined" often refers to a specific value of a function, in the context of limits, a limit can "not exist." A limit does not exist if the function approaches different values from the left and right, or if it oscillates infinitely, or if it approaches infinity (though sometimes "limit is infinity" is used to describe this behavior). An undefined value at a point does not necessarily mean the limit at that point does not exist; the limit might exist if the function approaches a specific value from both sides, even if the function itself is undefined at that exact point (e.g., a hole in the graph).
Indeterminate Forms: These are expressions that arise in the context of limits and do not immediately provide enough information to determine the limit's value. Common indeterminate forms include 0/0, ∞/∞, 0 × ∞, ∞ - ∞, 1^∞, 0^0, and ∞^0. These forms require further analysis, often using techniques like L'Hôpital's Rule or algebraic manipulation, to find the actual limit, which may or may not be a defined number.
Domain of a Function: The domain of a function is the set of all possible input values (x-values) for which the function is defined. When an expression is undefined for certain values, those values are excluded from the function's domain. For example, the domain of f(x) = 1/x is all real numbers except x=0.
Range of a Function: The range of a function is the set of all possible output values (y-values) that the function can produce. While "undefined" primarily relates to the input (domain) where a function cannot be evaluated, the concept of undefined outputs can indirectly affect the range if certain values are never reached or are excluded due to the function's behavior (e.g., asymptotes).
S.
47
Besonders gern modifiziert der Witz einen der Vokale des
Wortes, z. B.: Von einem kaiserfeindlichen italienischen Dichter,
der dann doch genötigt war, einen deutschen Kaiser in Hexametern
zu besingen, sagt Hevesi (Almanaccando), Reisen in Italien,
S. 87): Da er die Cäsaren nicht auszurotten vermag, merzt
er wenigstens die Cäsuren aus.Bei der Fülle von Kalauern, die uns zur Verfügung stünden,
hat es vielleicht noch ein besonderes Interesse, ein wirklich
schlechtes Beispiel hervorzuheben, das Heine zur Last fällt.
Nachdem er sich (Buch Le Grand, Kapit. V) durch lange Zeit
vor seiner Dame als „indischer Prinz“ gebärdet, wirft er dann
die Maske ab und gesteht: „Madame! Ich habe Sie belogen...
Ich war ebensowenig jemals in Kalkutta, wie der Kalkuten-
braten, den ich gestern mittag gegessen.“ Offenbar liegt der
Fehler dieses Witzes darin, daß die beiden ähnlichen Worte nicht
mehr bloß ähnlich, sondern eigentlich identisch sind. Der Vogel,
dessen Braten er gegessen, heißt so, weil er aus dem nämlichen
Kalkutta stammt oder stammen soll.K. Fischer hat diesen Formen des Witzes große Aufmerksam-
keit geschenkt und will sie von den „Wortspielen“ scharf getrennt
wissen (S. 78). „Das calembour ist das schlechte Wortspiel, denn
es spielt mit dem Wort nicht als Wort, sondern als Klang.“ Das
Wortspiel aber „geht von dem Klange des Wortes in das Wort
selbst ein“. Anderseits zählt er auch Witze wie „famillionär“,
Antigone (antik? O nee) usw. zu den Klangwitzen. Ich sehe keine
Nötigung, ihm hierin zu folgen. Auch im Wortspiel ist das Wort
für uns nur ein Klangbild, mit dem sich dieser oder jener Sinn
verbindet. Der Sprachgebrauch macht aber auch hier wieder keine
scharfen Unterschiede, und wenn er den „Kalauer“ mit Miß-
achtung, das „Wortspiel“ mit einem gewissen Respekt behandelt,
so scheinen diese Wertungen durch andere als technische Gesichts-
punkte bedingt zu sein. Man achte einmal darauf, welcher Art
die Witze sind, die man als „Kalauer“ zu hören bekommt. EsS.
48
Der Witz
gibt Personen, welche die Gabe besitzen, wenn sie in aufgeräum-
ter Stimmung sind, durch längere Zeit jede an sie gerichtete
Rede mit einem Kalauer zu beantworten. Einer meiner Freunde,
sonst das Muster der Bescheidenheit, wenn seine ernsthaften
Leistungen in der Wissenschaft in Rede stehen, pflegt dergleichen
auch von sich zu rühmen. Als die Gesellschaft, die er einst so in
Atem erhielt, der Verwunderung über seine Ausdauer Ausdruck
gab, sagte er: „Ja, ich liege hier auf der Ka-Lauer“, und als
man ihn bat endlich aufzuhören, stellte er die Bedingung, daß
man ihm zum Poeta Ka-laureatus ernenne. Beides sind aber
vertreffliche Verdichtungswitze mit Mischwortbildung. (Ich liege
hier auf der Lauer, um Kalauer zu machen.)Jedenfalls aber entnehmen wir schon aus den Streitigkeiten
über die Abgrenzung von Kalauer und Wortspiel, daß ersterer
uns nicht zur Kenntnis einer völlig neuen Witztechnik verhelfen
kann. Wenn beim Kalauer auch der Anspruch auf die mehrsinnige
Verwendung des nämlichen Materials aufgegeben ist, so fällt doch
der Akzent auf das Wiederfinden des Bekannten, auf die Über-
einstimmung der beiden dem Kalauer dienenden Worte, und
somit ist dieser nur eine Unterart der Gruppe, die im eigent-
lichen Wortspiel ihren Gipfel erreicht.*
Es gibt aber wirklich Witze, deren Technik fast jegliche An-
knüpfung an die der bisher betrachteten Gruppen vermissen läßt.Man erzählt von Heine, daß er sich eines Abends in einem
Pariser Salon mit dem Dichter Soulié befunden und unterhalten
habe, unterdessen tritt einer jener Pariser Geldkönige in den Saal,
die man nicht bloß um des Geldes willen mit Midas vergleicht,
und sieht sich bald von einer Menge umringt, die ihn mit größter
Ehrerbietung behandelt. „Sehen Sie doch,“ sagt Soulié zu Heine,
„wie dort das neunzehnte Jahrhundert das goldene Kalb anbetet.“
Mit einem Blick auf den Gegenstand der Verehrung antwortetS.
Die Technik des Witzes49
Heine, gleichsam berichtigend: „Oh, der muß schon älter
sein“ (K. Fischer, S. 82).Worin ist nun die Technik dieses ausgezeichneten Witzes ge-
legen? In einem Wortspiel, meint K. Fischer: „So kann z. B.
das Wort „goldenes Kalb“ den Mammon und auch den Götzen-
dienst bedeuten, im ersten Falle ist das Gold, im zweiten das
Tierbild die Hauptsache; es kann auch dazu dienen, um nicht
eben schmeichelhaft jemand zu bezeichnen, der sehr viel Geld
und sehr wenig Verstand hat“ (S. 82). Wenn wir die Probe
machen und den Ausdruck „goldenes Kalb“ wegschaffen, heben
wir allerdings auch den Witz auf. Wir lassen dann Soulié sagen:
„Sehen Sie doch, wie die Leute den dummen Kerl umschwärmen,
bloß weil er reich ist“, und das ist freilich gar nicht mehr witzig.
Heines Antwort wird dann auch unmöglich.Aber wir wollen uns besinnen, daß es ja sich gar nicht um
den etwa witzigen Vergleich Souliés, sondern um die Antwort
Heines handelt, die gewiß weit witziger ist. Dann haben wir
kein Recht, an die Phrase vom goldenen Kalb zu rühren, dieselbe
bleibt als Voraussetzung für die Worte Heines bestehen und die
Reduktion darf nur diese letzteren betreffen. Wenn wir diese
Worte: „Oh, der muß schon älter sein“, ausführen, können wir
sie nur etwa so ersetzen: „Oh, das ist kein Kalb mehr, das ist
schon ein ausgewachsener Ochs.“ Für den Witz Heines erübrigte
also, daß er das „goldene Kalb“ nicht mehr metaphorisch, sondern
persönlich genommen, auf den Geldmenschen selbst bezogen hätte.
Wenn dieser Doppelsinn nicht etwa schon in der Meinung Souliés
enthalten war!Wie aber? Nun glauben wir zu bemerken, daß diese Reduktion
den Witz Heines nicht völlig vernichtet, vielmehr dessen Wesent-
liches unangetastet gelassen habe. Es lautet jetzt so, daß Soulié
sagt: „Sehen Sie doch, wie dort das neunzehnte Jahrhundert das
goldene Kalb anbetet!“ und Heine zur Antwort gibt: „Oh, das
ist kein Kalb mehr, das ist schon ein Ochs.“ Und in dieser redu-4
Freud, IX.S.
50
zierten Fassung ist es noch immer ein Witz. Eine andere Reduktion
der Worte Heines ist aber nicht möglich.Schade, daß dieses schöne Beispiel so komplizierte technische
Bedingungen enthält. Wir können an ihm zu keiner Klärung
kommen, verlassen es darum und suchen uns ein anderes, in dem
wir eine innere Verwandtschaft mit dem vorigen zu verspüren
glauben.Es sei einer der „Badewitze“, welche die Badescheu der Juden
in Galizien behandeln. Wir verlangen nämlich keinen Adelsbrief
von unseren Beispielen, wir fragen nicht nach ihrer Herkunft,
sondern nur nach ihrer Tüchtigkeit, ob sie uns zum Lachen zu
bringen vermögen und ob sie unseres theoretischen Interesses
würdig sind. Beiden diesen Anforderungen entsprechen aber gerade
die Judenwitze am besten.Zwei Juden treffen in der Nähe des Badehauses zusammen.
„Hast du genommen ein Bad?“ fragt der eine. „Wieso?“
fragt der andere dagegen, „fehlt eins?“Wenn man über einen Witz recht herzlich lacht, ist man nicht
gerade in der geeignetsten Disposition, um seiner Technik nach-
zuforschen. Darum bereitet es einige Schwierigkeiten, sich in diese
Analysen hineinzufinden. „Das ist ein komisches Mißverständnis“,
drängt sich uns auf. — Gut, aber die Technik dieses Witzes? —
Offenbar der doppelsinnige Gebrauch des Wortes nehmen. Für den
einen ist „nehmen“ das farblos gewordene Hilfswort; für den
anderen das Verbum mit unabgeschwächter Bedeutung. Also ein
Fall von „voll“ und „leer“ nehmen desselben Wortes (Gruppe II, f).
Ersetzen wir den Ausdruck „ein Bad genommen“ durch den gleich-
wertigen einfacheren „gebadet“, so Fällt der Witz weg. Die Antwort
paßt nicht mehr. Der Witz haftet also wiederum am Ausdruck
„genommen ein Bad“.Ganz richtig, doch scheint es, daß auch in diesem Falle die
Reduktion an unrichtiger Stelle angesetzt hat. Der Witz liegt
nicht in der Frage, sondern in der Antwort, in der Gegenfrage:S.
Die Technik des Witzes 51
„Wieso? Fehlt eins?“ Und diese Antwort ist ihres Witzes durch
keine Erweiterung oder Veränderung, die nur ihren Sinn ungestört
läßt, zu berauben. Auch haben wir den Eindruck, daß in
der Antwort des zweiten Juden das Übersehen des Bedeut-
samer ist als das Mißverständnis des Wortes „nehmen“. Aber wir
sehen auch hier noch nicht klar und wollen ein drittes Beispiel
suchen.
Wiederum ein Judenwitz, an dem aber nur das Beiwerk jüdisch
ist, der Kern ist allgemein menschlich. Gewiß hat auch dieses
Beispiel seine unerwünschten Komplikationen, aber zum Glück
nicht diejenigen, welche uns bisher klar zu sehen verhindert haben.
„Ein Verarmter hat sich von einem wohlhabenden Bekannten
unter vielen Beteuerungen seiner Notlage 25 fl. geborgt. Am
selben Tage noch trifft ihn der Gönner im Restaurant vor einer
Schüssel Lachs mit Mayonnaise. Er macht ihm Vorwürfe: „Wie,
Sie borgen sich Geld von mir aus und dann bestellen Sie sich
Lachs mit Mayonnaise. Dazu haben Sie mein Geld gebraucht?“
„Ich verstehe Sie nicht,‘ antwortet der Beschuldigte, „wenn ich
kein Geld habe, kann ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise,
wenn ich Geld habe, darf ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise.
Also wann soll ich eigentlich essen Lachs mit Mayon-
naise?“
Hier ist endlich nichts mehr von Doppelsinn zu entdecken.
Auch die Wiederholung von „Lachs mit Mayonnaise“ kann nicht
die Technik des Witzes enthalten, denn sie ist nicht „mehrfache
Verwendung“ desselben Materials, sondern durch den Inhalt ge-
forderte wirkliche Wiederholung des Identischen. Wir dürfen vor
dieser Analyse eine Weile ratlos bleiben, werden vielleicht zur
Ausflucht greifen wollen, der Anekdote, die uns lachen machte,
den Charakter des Witzes zu bestreiten.
Was läßt sich sonst Bemerkenswertes über die Antwort des
Verarmten sagen? Daß ihr in eigentlich auffälliger Weise der
Charakter des Logischen verliehen ist. Mit Unrecht aber, die
*
S.
52 Der Witz
Antwort ist ja unlogisch. Der Mann verteidigt sich dagegen, daß
er das ihm geliehene Geld für den Leckerbissen verwendet hat,
und fragt mit einem Schein von Recht — wann er denn eigent-
lich Lachs essen darf. Aber das ist gar nicht die richtige Antwort;
der Geldgeber wirft ihm nicht vor, daß er sich den Lachs gerade
an dem Tage gegönnt, an dem er sich das Geld geborgt, sondern
mahnt ihn daran, daß er in seinen Verhältnissen überhaupt
nicht das Recht habe, an solche Leckerbissen zu denken. Diesen
einzig möglichen Sinn des Vorwurfes läßt der verarmte Bonvivant
unberücksichtigt, antwortet, als ob er den Vorwurf mißverstanden
hätte, auf etwas anderes.Wenn nun gerade in dieser Ablenkung der Antwort von
dem Sinn des Vorwurfes die Technik dieses Witzes gelegen wäre?
Eine ähnliche Veränderung des Standpunktes, Verschiebung des
psychischen Akzents wäre dann vielleicht auch in den beiden
früheren Beispielen, die wir als verwandt empfunden haben, nach-
zuweisen.Siehe da, dieser Nachweis gelingt ganz leicht und deckt in
der Tat die Technik dieser Beispiele auf. Soulié macht Heine
darauf aufmerksam, daß die Gesellschaft im neunzehnten Jahr-
hundert das „goldene Kalb“ anbetet, geradeso wie einst das Volk
der Juden in der Wüste. Dazu paßte eine Antwort von Heine
etwa wie: „Ja, so ist die menschliche Natur, die Jahrtausende
haben an ihr nichts geändert“, oder irgend etwas anderes Bei-
pflichtendes. Heine lenkt aber in seiner Antwort von dem ange-
regten Gedanken ab, er antwortet überhaupt nicht darauf, er
bedient sich des Doppelsinnes, dessen die Phrase „goldenes Kalb“
fähig ist, um einen Seitenweg einzuschlagen, greift den einen
Bestandteil der Phrase, das „Kalb“, auf und antwortet, als ob
auf dieses der Akzent in der Rede Souliés gefallen wäre: „Oh,
das ist kein Kalb mehr“ usw.¹
¹ I) Die Antwort Heines ist eine Kombination von zwei Witztechniken, einer Ab-
lenkung mit einer Anspielung. Er sagt ja nicht direkt: Das ist ein Ochs.S.
Die Technik des Witzes53
Noch deutlicher ist die Ablenkung im Badewitz. Dieses Beispiel
fordert eine graphische Darstellung heraus.Der erste fragt: „Hast du genommen ein Bad?“ Der Akzent
ruht auf dem Element Bad.Der zweite antwortet, als hätte die Frage gelautet: „Hast du
genommen ein Bad?“Der Wortlaut „genommen ein Bad?“ soll nur diese Verschie-
bung des Akzents ermöglichen. Lautete es: „Hast du gebadet?“
so wäre ja jede Verschiebung unmöglich. Die unwitzige Antwort
wäre dann: „Gebadet? Was meinst du? Ich weiß nicht, was das
ist.“ Die Technik des Witzes aber liegt in der Verschiebung des
Akzents von „Baden“ auf „nehmen“.1Kehren wir zum Beispiel „Lachs mit Mayonnaise“ als dem
reinsten zurück. Das Neue an demselben darf uns nach ver-
schiedenen Richtungen beschäftigen. Zunächst müssen wir die
hier aufgedeckte Technik mit einem Namen belegen. Ich schlage
vor, sie als Verschiebung zu bezeichnen, weil das Wesentliche
an ihr die Ablenkung des Gedankenganges, die Verschiebung des
psychischen Akzents auf ein anderes als das angefangene Thema
ist. Sodann obliegt uns die Untersuchung, in welchem Verhältnis
die Verschiebungstechnik zum Ausdruck des Witzes steht. Unser
Beispiel (Lachs mit Mayonnaise) läßt uns erkennen, daß der Ver-
schiebungswitz in hohem Grade unabhängig vom wörtlichen Aus-
druck ist. Er hängt nicht am Worte, sondern am Gedankengange.
Um ihn wegzuschaffen, fruchtet uns keine Ersetzung der Worte
bei Festhaltung des Sinnes der Antwort. Die Reduktion ist nur
möglich, wenn wir den Gedankengang abändern und den Fein-1) Das Wort „nehmen“ eignet sich infolge seiner vielseitigen Gebrauchsfähigkeiten
sehr gut für die Herstellung von Wortspielen, von denen ich ein reines Beispiel zum
Gegensatz gegen den obenstehenden Verschiebungswitz mitteilen will: „Ein bekannter
Börsenspekulant und Bankdirektor geht mit einem Freunde über die Ringstraße
spazieren. Vor einem Kaffeehaus macht er diesem den Vorschlag: ‚Gehen wir hinein
und nehmen wir etwas.‘ Der Freund hält ihn zurück: ‚Aber Herr Hofrat, es sind
doch Leute darin.‘“S.
54 Der Witz
schmecker auf den Vorwurf direkt antworten lassen, welchem
er in der Fassung des Witzes ausgewichen ist. Die reduzierte
Fassung würde dann lauten: „Was mir schmeckt, kann ich
mir nicht versagen, und woher ich das Geld dafür nehme, ist
mir gleichgültig. Da haben Sie die Erklärung, warum ich ge-
rade heute Lachs mit Mayonnaise esse, nachdem Sie mir Geld
geliehen haben.“ — Das wäre aber kein Witz, sondern ein
Zynismus.Es ist lehrreich, diesen Witz mit einem ihm dem Sinne nach
sehr nahestehenden zu vergleichen:Ein Mann, der dem Trunk ergeben ist, ernährt sich in einer
kleinen Stadt durch Lektionengeben. Sein Laster wird aber all-
mählich bekannt, und er verliert infolgedessen die meisten seiner
Schüler. Ein Freund wird beauftragt, ihn zur Besserung zu
mahnen. „Sehen Sie, Sie könnten die schönsten Lektionen in der
Stadt haben, wenn Sie das Trinken aufgeben wollten. Also tun
Sie’s doch.“ — „Wie kommen Sie mir vor?“ ist die entrüstete
Antwort. „Ich geb’ Lektionen, damit ich trinken kann;
soll ich das Trinken aufgeben, damit ich Lektionen
bekomme!“Auch dieser Witz trägt den Anschein von Logik, der uns bei
„Lachs mit Mayonnaise“ aufgefallen ist, aber er ist kein Ver-
schiebungswitz mehr. Die Antwort ist eine direkte. Der Zynismus,
der dort verhüllt ist, wird hier offen eingestanden. — „Das Trinken
ist mir ja die Hauptsache.“ Die Technik dieses Witzes ist eigentlich
recht armselig und kann uns dessen Wirkung nicht erklären,
sie liegt nur in der Umordnung des gleichen Materials, strenger
genommen in der Umkehrung der Mittel- und Zweck-Relation
zwischen dem Trinken und dem Lektionengeben oder -bekommen.
Sowie ich in der Reduktion dieses Moment im Ausdruck nicht
mehr betone, habe ich den Witz verwischt, also etwa so: „Was
ist das für unsinnige Zumutung? Mir ist doch das Trinken die
Hauptsache, nicht die Lektionen. Die Lektionen sind für michS.
55
doch nur ein Mittel, um weitertrinken zu können.“ Der Witz
haftete also wirklich am Ausdruck.Im Badewitz ist die Abhängigkeit des Witzes vom Wortlaut
(Hast du genommen ein Bad?) unverkennbar, und die Abänderung
desselben bringt die Aufhebung des Witzes mit sich. Die Technik
ist hier nämlich eine kompliziertere, eine Verbindung von Doppel-
sinn (von der Unterart f) und Verschiebung. Der “Wortlaut der
Frage läßt einen Doppelsinn zu, und der Witz kommt dadurch
zustande, daß die Antwort nicht an den vom Fragesteller beab-
sichtigten, sondern an den Nebensinn anknüpft. Wir sind dem-
gemäß imstande, eine Reduktion zu finden, welche den Doppel»
sinn im Ausdruck bestehen läßt und doch den Witz aufhebt,
indem wir bloß die Verschiebung rückgängig machen:„Hast du genommen ein Bad?“ — „Was soll ich genommen
haben? Ein Bad? Was ist das?“ Das ist aber kein Witz mehr,
sondern eine gehässige oder scherzhafte Übertreibung.Eine ganz ähnliche Rolle spielt der Doppelsinn im Heine-
schen Witz über das „goldene Kalb“. Er ermöglicht der Antwort
die Ablenkung von dem angeregten Gedankengang, welche im
Witz von Lachs mit Mayonnaise ohne solche Anlehnung an den
Wortlaut geschieht. In der Reduktion würden die Rede Souliés
und die Antwort Heines etwa lauten: „Es erinnert doch lebhaft
an die Anbetung des goldenen Kalbes, wie die Gesellschaft hier
den Mann, bloß weil er so reich ist, umschwärmt.“ Und Heine:
„Daß er wegen seines Reichtums so gefeiert wird, finde ich nicht
das ärgste. Aber Sie betonen mir zu wenig, daß man ihm wegen
seines lieichturns seine Dummheit verzeiht.“ Damit wäre bei Er-
haltung des Doppelsinnes der Verschiebungswitz aufgehoben.An dieser Stelle dürfen wir uns auf den Einwand gefaßt machen,
daß uns vorgehalten werde, diese heikeln Unterscheidungen suchen
auseinanderzureißen, was doch zusammengehöre. Gibt nicht
jeder Doppelsinn Anlaß zu einer Verschiebung, zu einer Ablenkung
des Gedankenganges von dem einen Sinn zum anderen? UndS.
56 Der Witz
wir sollten damit einverstanden sein, daß „Doppelsinn“ und „Ver-
schiebung“ als Repräsentanten zweier ganz verschiedener Typen
der Witztechnik aufgestellt werden? Nun, diese Beziehung zwischen
Doppelsinn und Verschiebung besteht allerdings, aber sie hat mit
unserer Unterscheidung der Witztechniken nichts zu tun. Beim
Doppelsinn enthält der Witz nichts als ein mehrfacher Deutung
fähiges Wort, welches dem Hörer gestattet, den Übergang von
einem Gedanken zu einem anderen zu finden, den man etwa —
mit einigem Zwang — einer Verschiebung gleichstellen kann.
Beim Verschiebungswitz aber enthält der Witz selbst einen Ge-
dankengang, in dem eine solche Verschiebung vollzogen ist; die
Verschiebung gehört hier der Arbeit an, die den Witz hergestellt
hat, nicht jener, die zu seinem Verständnis notwendig ist. Sollte
uns dieser Unterschied nicht einleuchten, so haben wir an den
Reduktionsversuchen ein nie versagendes Mittel, uns denselben
greifbar vor Augen zu führen. Einen Wert wollen wir aber jenem
Einwand nicht bestreiten. Wir werden durch ihn aufmerksam
gemacht, daß wir die psychischen Vorgänge bei der Bildung des
Witzes (die Witzarbeit) nicht mit den psychischen Vorgängen bei
der Aufnahme des Witzes (die Verständnisarbeit) zusammenwerfen
dürfen. Nur die ersteren1 sind der Gegenstand unserer gegen-
wärtigen Untersuchung.2Gibt es noch andere Beispiele der Verschiebungstechnik? Sie
sind nicht leicht aufzufinden. Ein ganz reines Beispiel, dem auch
die bei unserem Vorbild so sehr überbetonte Logik abgeht, ist
folgender Witz:1 Über die letzteren siehe die späteren Abschnitte.
2 Vielleicht sind hier einige Worte zur weiteren Klärung nicht überflüssig: Die
Verschiebung findet regelmäßig statt zwischen einer Rede und einer Antwort, welche
den Gedankengang nach anderer Richtung fortsetzt, als er in der Rede begonnen
wurde. Die Berechtigung, Verschiebung von Doppelsinn zu sondern, geht am schönsten
aus den Beispielen hervor, in denen sich beide kombinieren, wo also der Wortlaut
der Rede einen Doppelsinn zuläßt, der vom Redner nicht beabsichtigt ist, aber der
Antwort den Weg zur Verschiebung weist. (Siehe die Beispiele.)S.
Die Technik des Witzes57
Ein Pferdehändler empfiehlt dem Kunden ein Reitpferd: „Wenn
Sie dieses Pferd nehmen und sich um 4 Uhr früh aufsetzen,
sind Sie um ⁱ/₂₇ Uhr in Preßburg.“ — „Was mach’ ich in
Preßburg um ⁱ/₂₇ Uhr früh?“Die Verschiebung ist hier wohl eklatant. Der Händler erwähnt
die frühe Ankunft in der kleinen Stadt offenbar nur in der Absicht,
die Leistungsfähigkeit des Pferdes an einer Probe zu beweisen.
Der Kunde sieht von dem Leistungsvermögen des Tieres, das er
weiter nicht in Zweifel zieht, ab und geht bloß auf die Daten
des zur Probe gewählten Beispiels ein. Die Reduktion dieses
Witzes ist dann nicht schwer zu geben.Mehr Schwierigkeiten bietet ein anderes, in seiner Technik
recht undurchsichtiges Beispiel, welches sich aber doch als Doppel-
sinn mit Verschiebung auflösen läßt. Der Witz erzählt von der
Ausflucht eines Schadchens (jüdischen Heiratsvermittlers), gehört
also zu einer Gruppe, die uns noch mehrfach beschäftigen wird.
Der Schadchen hat dem Bewerber versichert, daß der Vater
des Mädchens nicht mehr am Leben ist. Nach der Verlobung
stellt sich heraus, daß der Vater noch lebt und eine Kerkerstrafe
abbüßt. Der Bewerber macht nun dem Schadchen Vorwürfe.
„Nun,“ meint dieser, „was habe ich Ihnen gesagt? Ist denn das
ein Leben?“Der Doppelsinn liegt in dem Worte „Leben“ und die Ver-
schiebung besteht darin, daß der Schadchen sich von dem gemeinen
Sinn des Wortes, in dem es den Gegensatz zu „Tod“ bildet, auf
den Sinn wirft, den das Wort in der Redensart: Das ist kein
Leben, hat. Er erklärt dabei seine damalige Äußerung nachträglich
für doppelsinnig, obwohl diese mehrfache Bedeutung gerade hier
recht fernliegt. Soweit wäre die Technik ähnlich wie im Witz
vom „goldenen Kalb“ und im „Badewitz“. Aber es ist hier noch
ein anderes Moment zu beachten, welches durch seine Vordringlich-
keit das Verständnis der Technik stört. Man könnte sagen, dieser
Witz sei ein „charakterisierender“, er bemüht sich, die für denS.
58 Der Witz
Heiratsvermittler charakteristische Mischung von verlogener Dreistig-
keit und schlagfertigem Witz durch ein Beispiel zu illustrieren. Wir
werden hören, daß dies nur die Schauseite, die Fassade, des Witzes
ist; sein Sinn, d. h. seine Absicht ist eine andere. Wir schieben
es auch auf, eine Reduktion von ihm zu versuchen.1Nach diesen komplizierten und schwierig zu analysierenden
Beispielen wird es uns wiederum Befriedigung bereiten, wenn wir
in einem Falle ein völlig reines und durchsichtiges Vorbild eines
„Verschiebungswitzes“ zu erkennen vermögen. Ein Schnorrer
trägt dem reichen Baron seine Bitte um Gewährung einer Unter-
stützung für die Reise nach Ostende vor; die Ärzte hätten ihm
Seebäder zur Herstellung seiner Gesundheit empfohlen. „Gut, ich
will Ihnen etwas dazu geben,“ meint der Reiche, „aber müssen
Sie gerade nach Ostende gehen, dem teuersten aller Seebäder?“
— „Herr Baron,“ lautet die zurechtweisende Antwort, „für meine
Gesundheit ist mir nichts zu teuer.“ — Gewiß, ein richtiger Stand-
punkt, nur eben nicht richtig für den Bittsteller. Die Antwort
ist vom Standpunkt eines reichen Mannes gegeben. Der Schnorrer
benimmt sich, als wäre es sein eigenes Geld, das er für seine
Gesundheit opfern soll, als gingen Geld und Gesundheit die näm-
liche Person an.*
Knüpfen wir nun von neuem an das so lehrreiche Beispiel
„Lachs mit Mayonnaise“ an. Es kehrte uns gleichfalls eine Schau-
seite zu, an welcher ein auffälliges Aufgebot von logischer Arbeit
zu bemerken war, und wir haben durch die Analyse erfahren,
daß diese Logik einen Denkfehler, nämlich eine Verschiebung des
Gedankenganges zu verdecken hatte. Von hier aus mögen wir,
wenn auch nur auf dem Wege der Kontrastverknüpfung, an
andere Witze gemahnt werden, die ganz im Gegenteil etwas Wider-
sinniges, einen Unsinn, eine Dummheit unverhüllt zur Schau1) Siehe unten Abschnitt III.
S.
Die Technik des Witzes59
stellen. Wir werden neugierig sein, worin die
Witze bestehen mag.Ich stelle das stärkste und zugleich reinste Beispiel der ganzen
Gruppe voran. Es ist wiederum ein Judenwitz.Itzig ist zur Artillerie assentiert worden. Er ist offenbar ein
intelligenter Bursche, aber ungefugig und ohne Interesse fur den
Dienst. Einer seiner Vorgesetzten, der ihm wohlgesinnt ist, nimmt
ihn beiseite und sagt ihm: „Itzig, du taugst nicht zu uns. Ich
will dir einen Rat geben: Kauf dir eine Kanon' und mach'
dich selbständig.“Der Rat, uber den man herzlich lachen kann, ist ein offen-
barer Unsinn. Es gibt doch keine Kanonen zu kaufen, und ein
einzelner kann sich als Wehrkraft unmöglich selbständig machen,
gleichsam „etablieren“. Es kann uns aber keinen Moment zweifel-
haft bleiben, daß dieser Rat kein bloßer Unsinn ist, sondern ein
witziger Unsinn, ein vorzuglicher Witz. Wodurch wird also der
Unsinn zum Witz?Wir brauchen nicht lange zu uberlegen. Aus den in der Ein-
leitung angedeuteten Erörterungen der Autoren können wir erraten,
daß in solchem witzigen Unsinn ein Sinn steckt, und daß dieser
Sinn im Unsinn den Unsinn zum Witz macht. Der Sinn in
unserem Beispiel ist leicht zu finden. Der Offizier, welcher dem
Artilleristen Itzig den unsinnigen Rat gibt, stellt sich nur dumm,
um Itzig zu zeigen, wie dumm er selbst sich benimmt. Er kopiert
den Itzig. „Ich will dir jetzt einen Rat geben, der genau so
dumm ist wie du.“ Er geht auf Itzigs Dummheit ein und bringt
sie ihm zur Einsicht, indem er sie zur Grundlage eines Vorschlags
macht, der Itzigs Wünschen entsprechen muß, denn besäße Itzig
eine eigene Kanone und betriebe das Kriegshandwerk auf eigene
Rechnung, wie kämen ihm da seine Intelligenz und sein Ehr-
geiz zustatten! Wie würde er die Kanone instand halten und sich
mit ihrem Mechanismus vertraut machen, um die Konkurrenz mit
anderen Kanonenbesitzern zu bestehen!S.
60
Der Witz
Ich unterbreche die Analyse dieses Beispiels, um in einem
kürzeren und einfacheren, aber minder grellen Fall von Unsinns-
witz den gleichen Sinn des Unsinns nachzuweisen.„Niemals geboren zu werden, wäre das beste für die
sterblichen Menschenkinder.“ „Aber“, setzen die Weisen
der „Fliegenden Blätter“ hinzu, „unter 100.000 Menschen
passiert dies kaum einem.“Der moderne Zusatz zum alten Weisheitsspruch ist ein klarer
Unsinn, der durch das anscheinend vorsichtige „kaum“ noch
dümmer wird. Aber er knüpft als unbestreitbar richtige Ein-
schränkung an den ersten Satz an, kann uns also die Augen
darüber öffnen, daß jene mit Ehrfurcht vernommene Weisheit
auch nicht viel besser als ein Unsinn ist. Wer nie geboren worden
ist, ist überhaupt kein Menschenkind; für den gibt es kein Gutes
und kein Bestes. Der Unsinn im Witze dient also hier zur Auf-
deckung und Darstellung eines anderen Unsinns wie im Beispiel
vom Artilleristen Itzig.Ich kann hier ein drittes Beispiel anfügen, welches durch seinen
Inhalt die ausführliche Mitteilung, die es erfordert, kaum ver-
dienen würde, aber gerade wieder die Verwendung des Unsinns
im Witze zur Darstellung eines anderen Unsinns besonders deutlich
erläutert:Ein Mann, der verreisen muß, vertraut seine Tochter einem
Freunde an mit der Bitte, während seiner Abwesenheit über ihre
Tugend zu wachen. Er kommt nach Monaten zurück und findet
sie geschwängert. Natürlich macht er dem Freund Vorwürfe. Der
kann sich den Unglücksfall angeblich nicht erklären. „Wo hat sie
denn geschlafen?“ fragt endlich der Vater. — „Im Zimmer mit
meinem Sohn.“ — „Aber wie kannst du sie im selben Zimmer
schlafen lassen, nachdem ich dich so gebeten
habe, sie zu behüten?“ — „Es war doch eine spanische Wand
zwischen ihnen. Da war das Bett von deiner Tochter, da das
Bett von meinem Sohn und dazwischen die spanische Wand.“ —S.
Die Technik des Witzes
61
„Und wenn er um die spanische Wand herumgegangen ist?“ —
„Außer das“, meint der andere nachdenklich. „So wäre es
möglich.“Von diesem, seinen sonstigen Qualitäten nach recht geringen
Witz gelangen wir am leichtesten zur Reduktion. Sie würde
offenbar lauten: Du hast kein Recht, mir Vorwürfe zu machen.
Wie kannst du denn so dumm sein, deine Tochter in ein Haus
zu geben, in dem sie in der beständigen Gesellschaft eines jungen
Mannes leben muß? Als ob es einem Fremden möglich wäre,
unter solchen Umständen für die Tugend eines Mädchens ein-
zustehen! Die scheinbare Dummheit des Freundes ist also auch
hier nur die Spiegelung der Dummheit des Vaters. Durch die
Reduktion haben wir die Dummheit im Witze und mit ihr den
Witz selbst beseitigt. Das Element „Dummheit“ selbst sind wir
nicht losgeworden; es findet im Zusammenhange des auf seinen
Sinn reduzierten Satzes eine andere Stelle.Nun können wir auch die Reduktion des Witzes von der
Kanone versuchen. Der Offizier hätte zu sagen: „Itzig, ich weiß,
du bist ein intelligenter Geschäftsmann. Aber ich sage dir, es ist
eine große Dummheit, wenn du nicht einsiehst, daß es beim
Militär unmöglich so zugehen kann wie im Geschäftsleben, wo
jeder auf eigene Faust und gegen den anderen arbeitet. Beim
Militär heißt es sich unterordnen und zusammenwirken.“Die Technik der bisherigen Unsinnswitze besteht also wirklich
in der Anbringung von etwas Dummem, Unsinnigem, dessen Sinn
die Veranschaulichung, Darstellung von etwas anderem Dummen
und Unsinnigen ist.Hat die Verwendung des Widersinnes in der Witztechnik jedes-
mal diese Bedeutung? Hier ist noch ein Beispiel, welches im
bejahenden Sinne antwortet:Als dem Phokion einmal nach einer Rede Beifall geklatscht
wurde, fragte er zu seinen Freunden gewendet: „Was habe ich
denn Dummes gesagt?“S.
62 Der Witz
Diese Frage klingt widersinnig. Aber wir verstehen alsbald ihren
Sinn. „Was habe ich denn gesagt, was diesem dummen Volk so
gefallen konnte? Ich müßte mich ja eigentlich des Beifalls schämen;
wenn es den Dummen gefallen hat, kann es selbst nicht sehr
gescheit gewesen sein.“Andere Beispiele können uns aber darüber belehren, daß der
Widersinn sehr häufig in der Witztechnik gebraucht wird, ohne
dem Zwecke der Darstellung eines anderen Unsinns zu dienen.Einem bekannten Universitätslehrer, der sein wenig anmutendes
Spezialfach reichlich mit Witzen zu würzen pflegt, wird zur Geburt
seines jüngsten Kindes gratuliert, das ihm in bereits vorgerücktem
Alter beschieden wurde. „Ja,“ erwiderte er den Glückwunschschen-
den, „es ist merkwürdig, was Menschenhände zustande
bringen können.“ — Diese Antwort erscheint ganz besonders
sinnlos und nicht am Platze. Kinder heißen doch ein Segen Gottes
recht im Gegensatz zum Werk der Menschenhand. Aber bald fällt
uns ein, daß diese Antwort doch einen Sinn hat, und zwar einen
obszönen. Es ist keine Rede davon, daß der glückliche Vater sich
dumm stellen will, um etwas anderes oder andere Personen als
dumm zu bezeichnen. Die anscheinend sinnlose Antwort wirkt
auf uns überraschend, verblüffend, wie wir mit den Autoren sagen
wollen. Wir haben gehört, daß die Autoren die ganze Wirkung
solcher Witze aus dem Wechsel von „Verblüffung und Erleuchtung“
ableiten. Darüber wollen wir uns später ein Urteil zu bilden ver-
suchen; wir begnügen uns hervorzuheben, daß die Technik dieses
Witzes in der Anbringung von solchem Verblüffenden, Unsinnigen
besteht.Eine ganz besondere Stellung unter diesen Dummheitswitzen
nimmt ein Witz von Lichtenberg ein.
Er wundere sich, daß den Katzen gerade an der
Stelle zwei Löcher in den Pelz geschnitten wären,
wo sie die Augen hätten. Sich über etwas Selbstverständliches
zu wundern, etwas, was eigentlich nur die AuseinandersetzungS.
63
Die Technik des Witzes
einer Identität ist, ist doch gewiß eine Dummheit. Es mahnt an
einen ernsthaft gemeinten Ausruf bei Michelet (Das Weib),
der nach meiner Erinnerung etwa so lautet: Wie schön ist es
doch von der Natur eingerichtet, daß das Kind, sobald es zur Welt
kommt, eine Mutter vorfindet, die bereit ist, sich seiner anzu-
nehmen! Der Satz von Michelet ist eine wirkliche Dummheit,
aber der Lichtenberg sche ist ein Witz, der sich der Dumm-
heit zu irgend einem Zwecke bedient, hinter dem etwas steckt.
Was? Das können wir freilich in diesem Moment nicht angeben.*
Wir haben nun bereits an zwei Gruppen von Beispielen er-
fahren, daß die Witzarbeit sich der Abweichungen vom normalen
Denken, der Verschiebung und des Widersinnes, als
technischer Mittel zur Herstellung des witzigen Ausdrucks bedient.
Es ist gewiß eine berechtigte Erwartung, daß auch andere Denk-
fehler eine gleiche Verwendung finden können. Wirklich lassen
sich einige Beispiele von dieser Art angeben:Ein Herr kommt in eine Konditorei und läßt sich eine Torte
geben; bringt dieselbe aber bald wieder und verlangt an ihrer
Statt ein Gläschen Likör. Dieses trinkt er aus und will sich ent-
fernen, ohne gezahlt zu haben. Der Ladenbesitzer hält ihn zurück.
„Was wollen Sie von mir?“ — „Sie sollen den Likör bezahlen.“
— „Für den habe ich Ihnen ja die Torte gegeben.“ — „Die
haben Sie ja auch nicht bezahlt.“ — „Die habe ich ja auch
nicht gegessen.“Auch dieses Geschichtchen trägt den Schein von Logik zur
Schau, den wir als geeignete Fassade für einen Denkfehler bereits
kennen. Der Fehler liegt offenbar darin, daß der schlaue Kunde
zwischen dem Zurückgeben der Torte und dem Dafürnehmen des
Likörs eine Beziehung herstellt, die nicht besteht. Der Sachverhalt
zerfällt vielmehr in zwei Vorgänge, die für den Verkäufer von-
einander unabhängig sind, nur in seiner eigenen Absicht im Ver-S.
64
hältnisse des Ersatzes stehen. Er hat zuerst die Torte genommen
und zurückgegeben, für die er also nichts schuldig ist, dann nimmt
er den Likör, und den ist er schuldig zu bezahlen. Man kann
sagen, der Kunde wende die Relation „dafür“ doppelsinnig an;
richtiger, er stelle vermittels eines Doppelsinnes eine Verbindung
her, die sachlich nicht stichhaltig ist.1Es ist nun die Gelegenheit da, ein nicht unwichtiges Be-
kenntnis abzulegen. Wir beschäftigen uns hier mit der Erforschung
der Technik des Witzes an Beispielen und sollten also sicher sein,
daß die von uns gewählten Beispiele wirklich richtige Witze sind.
Es steht aber so, daß wir in einer Reihe von Fällen ins Schwanken
geraten, ob das betreffende Beidpiel ein Witz genannt werden
darf oder nicht. Ein Kriterium steht uns ja nicht zu Gebote,
ehe die Untersuchung ein solches ergeben hat, der Sprachgebrauch
ist unzuverlässig und bedarf selbst der Prüfung auf seine Be-
rechtigung; wir können uns bei der Entscheidung auf nichts
anderes stützen als auf eine gewisse „Empfindung“, welche wir
dahin interpretieren dürfen, daß sich in unserem Urteilen die
Entscheidung nach bestimmten Kriterien vollziehe, die unserer
Erkenntnis noch nicht zugänglich sind. Für eine zureichonde Be-
gründung werden wir die Berufung auf diese „Empfindung“ nicht
ausgeben dürfen. Bei dem letzterwähnten Beispiel werden wir
nun zweifeln müssen, ob wir es als Witz darstellen dürfen, als
einen sophistischen Witz etwa, oder als ein Saphisma schlechtweg.
Wir wissen eben noch nicht, worin der Charakter des Witzes liegt.Hingegen ist das nächstfolgende Beispiel, welches den sozusagen
komplementären Denkfehler aufweist, ein unzweifelhafter Witz.
Es ist wiederum eine Heiratsvermittlergeschichte:1) Eine ähnliche Unsinnstechnik ergibt sich, wenn der Witz einen Zusammenhang
aufrecht erhalten will, der durch die besonderen Bedingungen seines Inhalts auf-
gehoben erscheint. Dazu gehört Lichtenbergs Messer ohne Klinge, wo der
Stiel fehlt. Ähnlich der von J. Falke (l. c.) erzählte Witz: „Ist das die Stelle, wo
der Duke of Wellington diese Worte gesprochen hat ?“ — Ja, das ist die Stelle,
aber die Worte hat er nie gesprochen.S.
65
Die Technik des Witzes
Der Schadchen verteidigt das von ihm vorgeschlagene Mäd-
chen gegen die Ausstellungen des jungen Mannes. „Die Schwieger-
mutter gefällt mir nicht,“ sagt dieser, „sie ist eine boshafte, dumme
Person.“ — „Sie heiraten doch nicht die Schwiegermutter, Sie
wollen die Tochter.“ — „Ja, aber jung ist sie nicht mehr und
schön von Gesicht gerade auch nicht.“ — „Das macht nichts; ist
sie nicht jung und schön, wird Sie Ihnen um so eher treu bleiben.“
— „Geld ist auch nicht viel da.“ — „Wer spricht vom Geld?
Heiraten Sie denn das Geld? Sie wollen doch eine Frau!“ —
„Aber sie hat ja auch einen Buckel!“ — „Nun, was wollen Sie?
Gar keinen Fehler soll sie haben!“Es handelt sich also in Wirklichkeit um ein nicht mehr junges,
unschönes Mädchen mit geringer Mitgift, das eine abstoßende
Mutter hat und außerdem mit einer argen Verunstaltung versehen
ist. Gewiß keine zur Eheschließung einladenden Verhältnisse. Der
Heiratsvermittler weiß bei jedem einzelnen dieser Fehler anzu-
geben, von welchem Gesichtspunkte man sich mit ihm versöhnen
könnte; den nicht zu entschuldigenden Buckel nimmt er dann
als den einen Fehler in Anspruch, den man jedem Menschen
hingehen lassen müsse. Es liegt wiederum der Schein von Logik
vor, welcher für das Sophisma charakteristisch ist und der den
Denkfehler verdecken soll. Das Mädchen hat offenbar lauter Fehler,
mehrere, über die man hinwegsehen könnte, und einen, über den
man nicht hinwegkommt; es ist nicht zu heiraten. Der Vermittler
tut, als ob jeder einzelne Fehler durch seine Ausflucht beseitigt
wäre, während doch von jedem ein Stück Entwertung erübrigt,
das sich zum nächsten summiert. Er besteht darauf, jeden Faktor
vereinzelt zu behandeln, und weigert sich, sie zur Summe zusammen-
zusetzen.Die nämliche Unterlassung ist der Kern eines anderen Sophis-
mas, das viel belacht worden ist, dessen Berechtigung, ein Witz
zu heißen, man aber anzweifeln könnte.A hat von B einen kupfernen Kessel entlehnt und wird nach
Freud. IX.
5S.
66
der Rückgabe von B verklagt, weil der Kessel nun ein großes
Loch zeigt, das ihn unverwendbar macht. Seine Verteidigung
lautet: „Erstens habe ich von B überhaupt keinen
Kessel entlehnt; zweitens hatte der Kessel bereits
ein Loch, als ich ihn von B übernahm; drittens habe
ich den Kessel ganz zurückgegeben.“ Jede einzelne
Einrede ist für sich gut, zusammengenommen aber schließen sie
einander aus. A behandelt isoliert, was im Zusammenhange
betrachtet werden muß, ganz wie der Heiratsvermittler mit den
Mängeln der Braut verfährt. Man kann auch sagen: A setzt das
„und“ an die Stelle, an der nur ein „entweder—oder“ möglich ist.Ein anderes Sophisma begegnet uns in der folgenden Heirats-
vermittlergeschichte.Der Bewerber hat auszusetzen, daß die Braut ein kürzeres
Bein hat und hinkt. Der Schadchen widerspricht ihm. „Sie haben
unrecht. Nehmen Sie an, Sie heiraten eine Frau mit gesunden,
geraden Gliedern. Was haben Sie davon? Sie sind keinen Tag
sicher, daß sie nicht hinfällt, ein Bein bricht und dann lahm
ist fürs ganze Leben. Und dann die Schmerzen, die Aufregung,
die Doktorrechnung! Wenn Sie aber die nehmen, so kann Ihnen
das nicht passieren; da haben Sie eine fertige Sach’.“Der Schein von Logik ist hier recht dünn, und niemand
wird dem bereits „fertigen Unglück“ gar noch einen Vorzug vor
dem bloß möglichen zugestehen wollen. Der in dem Gedanken-
gang enthaltene Fehler wird sich leichter an einem zweiten
Beispiel aufzeigen lassen, einer Geschichte, die ich des Jargons
nicht völlig entkleiden mag.Im Tempel zu Krakau sitzt der große Rabbi N. und betet
mit seinen Schülern. Er stößt plötzlich einen Schrei aus und
äußert, von den besorgten Schülern befragt: „Eben jetzt ist der
große Rabbi L. in Lemberg gestorben.“ Die Gemeinde legt Trauer
um den Verstorbenen an. Im Laufe der nächsten Tage werden
nun die aus Lemberg Ankommenden befragt, wie der RabbiS.
Die Technik des Witzes
67
gestorben, was ihm gefehlt, aber sie wissen nichts davon, sie
haben ihn im besten Wohlbefinden verlassen. Es stellt sich endlich
als ganz gesichert heraus, daß Rabbi L. in Lemberg nicht zu
jener Stunde gestorben ist, in der Rabbi N. seinen Tod telepathisch
verspürte, da er immer noch weiter lebt. Ein Fremder ergreift
die Gelegenheit, einen Schüler des Krakauer Rabbi mit dieser
Begebenheit aufzuziehen. „Es war doch eine große Blamage von
eurem Rabbi, daß er damals den Rabbi L. in Lemberg sterben
gesehen hat. Der Mann lebt noch heute.“ „Macht nichts,“
erwidert der Schüler, „der Kück1 von Krakau bis nach
Lemberg war doch großartig.“
Hier wird der beiden letzten Beispielen gemeinsame Denkfehler
unverhüllt eingestanden. Der Wert der Phantasievorstellung wird
gegen die Realität ungebührlich erhoben, die Möglichkeit fast der
Wirklichkeit gleichgestellt. Der Fernblick über die Krakau von
Lemberg trennende Länderstrecke wäre eine imposante telepathische
Leistung, wenn er etwas Wahres ergeben hätte, aber darauf
kommt es dem Schüler nicht an. Es wäre doch möglich gewesen,
daß der Rabbi in Lemberg in jenem Moment gestorben wäre,
in dem der Krakauer Rabbi seinen Tod verkündete, und dem
Schüler verschiebt sich der Akzent von der Bedingung, unter
der die Leistung des Lehrers bewundernswert ist, zur unbedingten
Bewunderung dieser Leistung. „In magnis rebus voluisse sat est“
bezeugt einen ähnlichen Standpunkt. Ebenso wie in diesem Beispiel
von der Realität abgesehen wird zugunsten der Möglichkeit, so
mutet im vorigen der Heiratsvermittler dem Bewerber zu, die
Möglichkeit, daß eine Frau durch einen Unfall lahm werden
kann, als das bei weitem Bedeutsamere ins Auge zu fassen, wogegen
die Frage, ob sie wirklich lahm ist oder nicht, ganz zurücktreten
soll.
Dieser Gruppe der sophistischen Denkfehler reiht sich
1) „Kück“ von „gucken“, also Blick, Fernblick.
5*
S.
68 Der Witz
eine interessante andere an, in welcher man den Denkfehler als
einen automatischen bezeichnen kann. Es ist vielleicht nur
eine Laune des Zufalls, daß alle Beispiele, die ich aus dieser
neuen Gruppe anführen werde, wiederum den Schadchenge-
schichten angehören:
„Ein Schadchen hat zur Besprechung über die Braut einen
Gehilfen mitgebracht, der seine Mitteilungen bekräftigen soll. Sie
ist gewachsen wie ein Tannenbaum, meint der Schadchen. —
Wie ein Tannenbaum, wiederholt das Echo. — Und Augen hat
sie, die muß man gesehen haben. — Heißt Augen, die sie hat!
bekräftigt das Echo. — Und gebildet ist sie wie keine andere. —
Und wie gebildet! — Aber das eine ist wahr, gesteht der Ver-
mittler zu, sie hat einen kleinen Höcker. — Aber ein Höcker!
bekräftigt wieder das Echo.“ Die anderen Geschichten sind ganz
analog, obwohl sinnreicher.„Der Bräutigam ist bei der Vorstellung der Braut sehr un-
angenehm überrascht und zieht den Vermittler beiseite, um ihm
flüsternd seine Ausstellungen mitzuteilen. ‚Wozu haben Sie mich
hiehergebracht?‘ fragt er ihn vorwurfsvoll. ‚Sie ist häßlich und
alt, schielt und hat schlechte Zähne und triefende Augen . . .‘
— ‚Sie können laut sprechen,‘ wirft der Vermittler ein, ‚taub
ist sie auch.‘“„Der Bräutigam macht mit dem Vermittler den ersten Besuch
im Hause der Braut, und während sie im Salon auf das Er-
scheinen der Familie warten, macht der Vermittler auf einen
Glasschrank aufmerksam, in welchem die schönsten Silbergeräte
zur Schau gestellt sind. ‚Da schauen Sie hin, an diesen Sachen
können Sie sehen, wie reich diese Leute sind.‘ — ‚Aber,‘ fragt
der mißtrauische junge Mann, ‚wäre es denn nicht möglich,
daß diese schönen Sachen nur für die Gelegenheit zusammen-
geborgt sind, um den Eindruck des Reichtums zu machen?‘ —
‚Was fällt Ihnen ein?‘ antwortet der Vermittler abweisend. ‚Wer
wird denn den Leuten was borgen!‘“S.
Die Technik des Witzes69
In allen drei Fällen ereignet sich das nämliche. Eine Person,
die mehrmals nacheinander in gleicher Weise reagiert hat, setzt
diese Weise der Äußerung auch bei dem nächsten Anlasse fort,
wo sie unpassend wird und den Absichten der Person zuwider-
läuft. Sie versäumt es, sich den Anforderungen der Situation
anzupassen, indem sie dem Automatismus der Gewöhnung nach-
gibt. So vergißt der Helfer in der ersten Geschichte, daß er
mitgenommen wurde, um den Bewerber zugunsten der vorge-
schlagenen Braut zu stimmen, und da er bisher seiner Aufgabe
gerecht wurde, indem er die vorgebrachten Vorzüge der Braut
durch seine Wiederholung unterstrich, unterstreicht er jetzt auch
ihren schüchtern zugestandenen Höcker, den er hätte verkleinern
sollen. Der Vermittler der zweiten Geschichte wird von der Auf-
zählung der Mängel und Gebrechen der Braut so fasziniert, daß
er die Liste derselben aus seiner eigenen Kenntnis vervollständigt,
wiewohl das gewiß nicht sein Amt und seine Absicht ist. In der
dritten Geschichte endlich läßt er sich von seinem Eifer, den
jungen Mann von dem Reichtum der Familie zu überzeugen,
so weit hinreißen, daß er, um nur in dem einen Beweispunkte
recht zu behalten, etwas vorbringt, was seine ganze Bemühung
umstoßen muß. Überall siegt der Automatismus über die zweck-
mäßige Abänderung des Denkens und Äußerns.Das ist nun leicht einzusehen, aber verwirrend muß es wirken,
wenn wir aufmerksam werden, daß diese drei Geschichten mit
dem gleichen Recht als „komisch“ bezeichnet werden können,
wie wir sie als witzig angeführt haben. Die Aufdeckung des
psychischen Automatismus gehört zur Technik des Komischen
wie jede Entlarvung, jeder Selbstverrat. Wir sehen uns hier
plötzlich vor das Problem der Beziehung des Witzes zur Komik
gestellt, das wir zu umgehen trachteten. (Siehe Einleitung.) Sind
diese Geschichten etwa nur „komisch“ und nicht auch „witzig“?
Arbeitet hier die Komik mit denselben Mitteln wie der Witz? Und
wiederum, worin besteht der besondere Charakter des Witzigen?S.
70 Der Witz
Wir müssen daran festhalten, daß die Technik der letztunter-
suchten Gruppe von Witzen in nichts anderem als in der An-
bringung von „Denkfehlern“ besteht, sind aber genötigt zuzu-
gestehen, daß deren Untersuchung uns bisher mehr ins Dunkel
als zur Erkenntnis geführt hat. Wir geben jedoch die Erwartung
nicht auf, durch eine vollständigere Kenntnis der Techniken des
Witzes zu einem Ergebnis zu gelangen, welches der Ausgangs-
punkt für weitere Einsichten werden kann.*
Die nächsten Beispiele von Witz, an denen wir unsere Unter-
suchung fortsetzen wollen, geben leichtere Arbeit. Ihre Technik
erinnert uns vor allem an Bekanntes.Etwa ein Witz von Lichtenberg:
„Der Januarius ist der Monat, da man seinen guten
Freunden Wünsche darbringt, und die übrigen die,
worin sie nicht erfüllt werden.“Da diese Witze eher fein als stark zu nennen sind und mit
wenig aufdringlichen Mitteln arbeiten, wollen wir uns den Ein-
druck von ihnen erst durch Häufung verstärken.„Das menschliche Leben zerfällt in zwei Hälften, in
der ersten wünscht man die zweite herbei, und in der
zweiten wünscht man die erste zurück.“„Die Erfahrung besteht darin, daß man erfährt, was
man nicht zu erfahren wünscht“ (beide bei K. Fischer).Es ist unvermeidlich, daß wir durch diese Beispiele an eine
früher behandelte Gruppe gemahnt werden, welche sich durch
die „mehrfache Verwendung desselben Materials“ auszeichnet. Das
letzte Beispiel besonders wird uns veranlassen, die Frage auf-
zuwerfen, warum wir es nicht dort angereiht haben, anstatt es
hier in neuem Zusammenhange aufzuführen. Die Erfahrung wird
wieder durch ihren eigenen Wortlaut beschrieben, wie an jenerS.
Die Technik des Witzes 71
Stelle die Eifersucht (vgl. S. 35). Auch würde ich mich gegen
diese Zuweisung nicht viel sträuben. An den beiden anderen
Beispielen, meine ich aber, die ja ähnlichen Charakters sind, ist
ein anderes Moment auffälliger und bedeutsamer als die mehr-
fache Verwendung derselben Worte, der hier alles an Doppelsinn
Streifende abgeht. Und zwar möchte ich hervorheben, daß hier
neue und unerwartete Einheiten hergestellt sind, Beziehungen
von Vorstellungen zueinander, und Definitionen durcheinander oder
durch die Beziehung auf ein gemeinsames Drittes. Ich möchte
diesen Vorgang Unifizierung heißen; er ist offenbar der Ver-
dichtung durch Zusammendrängung in die nämlichen Worte analog.
So werden die zwei Hälften des menschlichen Lebens durch eine
zwischen ihnen entdeckte gegenseitige Beziehung beschrieben; in
der ersten wünscht man die zweite herbei, in der zweiten die
erste zurück. Es sind, genauer gesagt, zwei sehr ähnliche Be-
ziehungen zueinander, die zur Darstellung gewählt wurden. Der
Ähnlichkeit der Beziehungen entspricht dann die Ähnlichkeit der
Worte, welche uns eben an die mehrfache Verwendung des
nämlichen Materials mahnen konnte (herbei-wünschen — zurück-
wünschen). In dem Witz von Lichtenberg sind der Januar
und die ihm gegenübergestellten Monate durch eine wiederum
modifizierte Beziehung zu etwas Drittem charakterisiert; dies sind
die Glückwünsche, die man in dem einen Monat empfängt und
die sich in den anderen nicht erfüllen. Der Unterschied von der
mehrfachen Verwendung des gleichen Materials, die sich ja dem
Doppelsinn annähert, ist hier recht deutlich.11) Ich will mich der früher erwähnten eigentümlichen Negativrelation des Witzes
zum Rätsel, daß der eine verbirgt, was der andere zur Schau stellt, bedienen, um die
„Unifizierung“ besser, als obige Beispiele es gestatten, zu beschreiben. Viele der Rätsel,
mit deren Produktion sich der Philosoph G. Th. Fechner die Zeit seiner Erblindung
vertrieb, zeichnen sich durch einen hohen Grad von Unifizierung aus, der ihnen einen
besonderen Reiz verleiht. Man nehme z. B. das schöne Rätsel Nr. 203 (Rätselbüchlein
von Dr. Mises. Vierte vermehrte Auflage, Jahreszahl nicht angegeben):„Die beiden ersten finden ihre Ruhestätte
Im Paar des andern, und das Ganze macht ihr Bette.“S.
72
Ein schönes Beispiel von Unifizierungswitz, das der Erläuterung
nicht bedarf, ist folgendes:Der französische Odendichter J. B. Rousseau schrieb eine
Ode an die Nachwelt (à la postérité); Voltaire fand, daß der
Wert des Gedichtes dasselbe keineswegs berechtige, auf die Nach-
welt zu kommen, und sagte witzig: „Dieses Gedicht wird
nicht an seine Adresse gelangen.“ (Nach K. Fischer.)Das letzte Beispiel kann uns darauf aufmerksam machen, daß
es wesentlich die Unifizierung ist, welche den sogenannt schlag-
fertigen Witzen zugrunde liegt. Die Schlagfertigkeit besteht ja
im Eingehen der Abwehr auf die Aggression, im „Umkehren des
Spießes“, im „Bezahlen mit gleicher Münze“, also in Herstellung
einer unerwarteten Einheit zwischen Angriff und Gegenangriff.Z. B.: Bäcker zum Wirt, der einen schwärenden Finger hat:
„Der ist dir wohl in dein Bier hineingekommen?“
Wirt: „Das nicht, aber es ist mir eine von deinenVon den beiden Silhenpaaren, die zu ernten sind. ist nichts angegeben als eine
Beziehung zueinander, und vom Ganzen nur eine solche zum ersten Paar. (Die Auf-
lösung lautet: Totengräber.) Oder folgende zwei Beispiele von Beschreibung durch
Relation zu dem nämlichen oder wenig modifizierten dritten:Nr. 170. „Die erste Silb’ hat Zähn’ und Haare,
Die zweite Zähne in den Haaren.
Wer auf den Zähnen nicht hat Haare,
Vom Ganzen kaufe keine Ware.“ (Roßkamm.)
*
Nr. 168. „Die erste Silbe £rißt,
Die andere Silhe im,
Die dritte wird gefressen.
Das Ganze wird gegessen.“ (Sauerkraut)
Die vollendetste Unifizierung findet sich in einem Rätsel von Schleiermecher,
das man nicht anders als witzig heißen kann:
„Von der letzten umschlungen
Schwebt das vollendete Ganze
Zu den zwei ersten empor.“ (Gelgenstrick.)
Die größte Mehrzahl aller Silhenrätsel ist der Unifiziernng bar, d. h. das Merk-
mal. aus dem die eine Silbe ernten werden soll, ist ganz unabhängig von dem für
die zweite, dritte Silbe und wiederum von dem Anhaltspunkt fürs selbständige Erraten
des Ganzen.S.
Die Technik des Witzes 73
Semmeln unter den Nagel geraten.“ (Nach Über-
horst, Das Komische, II, 1900.)Serenissimus macht eine Reise durch seine Staaten und bemerkt
in der Menge einen Mann, der seiner eigenen hohen Person
auffällig ähnlich sieht. Er winkt ihn heran, um ihn zu fragen:
„Hat Seine Mutter wohl einmal in der Residenz
gedient?“ — „Nein, Durchlaucht,“ lautet die Antwort, „aber
mein Vater.“Herzog Karl von Württemberg trifft auf einem seiner Spazier-
ritte von ungefähr einen Färber, der mit seiner Hantierung be-
schäftigt ist. „Kann Er meinen Schimmel blau färben?“
ruft ihm der Herzog zu und erhält die Antwort zurück: „Jawohl,
Durchlaucht, wenn er das Sieden vertragen kann!“Bei dieser ausgezeichneten „Retourkutsche“ — die eine un-
sinnige Anfrage mit einer ebenso unmöglichen Bedingung be-
antwortet — wirkt noch ein anderes technisches Moment mit,
das ausgeblieben wäre, wenn die Antwort des Färbers gelautet
hätte: „Nein, Durchlaucht; ich fürchte, der Schimmel wird das
Sieden nicht vertragen.“Der Unifizierung steht noch ein anderes, ganz besonders
interessantes technisches Mittel zu Gebote, die Anreihung durch
das Bindewort und. Solche Anreihung bedeutet Zusammenhang;
wir verstehen sie nicht anders. Wenn z. B. Heine in der Harz-
reise von der Stadt Göttingen erzählt: „Im allgemeinen
werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in
Studenten, Professoren, Philister und Vieh“, so ver-
stehen wir diese Zusammenstellung genau in dem Sinne, der
durch den Zusatz Heines noch unterstrichen wird: „welche vier
Stände doch nichts weniger als scharf geschieden sind.“ Oder, wenn
er von der Schule spricht, wo er „soviel Latein, Prügel
und Geographie“ ausstehen mußte, so will diese Anreihung,
die durch die Mittelstellung der Prügel zwischen den beiden Lehr-
gegenständen überdeutlich wird, uns sagen, daß wir die durchS.
74
Der Witz
die Prügel unverkennbar bezeichnete Auffassung des Schulknaben
gewiß auch auf Latein und Geographie ausdehnen sollen.
Bei Lipps finden wir unter den Beispielen von „witziger
Aufzählung“ („Koordination“) als nächst verwandt dem Heine-
schen „Studenten, Professoren, Philister und Vieh“ den Vers:
„Mit einer Gabel und mit Müh’ zog ihn die Mutter
aus der Brüh’“; als ob die Mühe ein Instrument wäre wie
die Gabel, setzt Lipps erläuternd hinzu. Wir empfangen aber
den Eindruck, als sei dieser Vers gar nicht witzig, allerdings sehr
komisch, während die Heinesche Anreihung ein unzweifelhafter
Witz ist. Vielleicht werden wir uns später an diese Beispiele
erinnern, wenn wir dem Problem des Verhältnisses von Komik
und Witz nicht mehr auszuweichen brauchen.*
Am Beispiel vom Herzog und vom Färber haben wir bemerkt,
daß es ein Witz durch Unifizierung bliebe, wenn der Färber
antworten würde: Nein, ich fürchte, der Schimmel wird das
Sieden nicht vertragen. Seine Antwort lautete aber: Ja, Durch-
laucht, wenn er das Sieden vertragen kann. In der Ersetzung des
eigentlich hingehörigen „Nein“ durch ein „Ja“ liegt ein neues
technisches Mittel des Witzes, dessen Verwendung wir an anderen
Beispielen verfolgen wollen.Ein dem eben erwähnten bei K. Fischer benachbarter Witz
ist einfacher: Friedrich der Große hört von einem Prediger in
Schlesien, der im Rufe steht, mit Geistern zu verkehren; er läßt
den Mann kommen und empfängt ihn mit der Frage: „Er kann
Geister beschwören?“ Die Antwort war: „Zu Befehl,
Majestät, aber sie kommen nicht.“ Hier ist es nun ganz
augenfällig, daß das Mittel des Witzes in nichts anderem bestand
als in der Ersetzung des einzig möglichen „Nein“ durch sein
Gegenteil. Um diese Ersetzung durchzuführen, mußte an das „Ja“S.
75
Die Technik des Witzes
ein „aber“ geknüpft werden, so daß „ja“ und „aber“ dem Sinne
von „nein“ gleichkommen.Diese Darstellung durchs Gegenteil, wie wir sie nennen
wollen, dient der Witzarbeit in verschiedenen Ausführungen.
In folgenden zwei Beispielen tritt sie fast rein hervor: Heine:
„Diese Frau glich in vielen Punkten der Venus von
Melos: sie ist auch außerordentlich alt, hat eben-
falls keine Zähne und auf der gelblichen Ober-
fläche ihres Körpers einige weiße Flecken.“Eine Darstellung der Häßlichkeit vermittels ihrer Überein-
stimmungen mit dem Schönsten; diese Übereinstimmungen können
freilich nur in doppelsinnig ausgedrückten Eigenschaften oder in
Nebensachen bestehen. Letzteres trifft für das zweite Beispiel zu:Lichtenberg: Der große Geist.
„Er hatte die Eigenschaften der größten Männer
in sich vereinigt, er trug den Kopf schief wie
Alexander, hatte immer etwas in den Haaren zu
nesteln wie Cäsar, konnte Kaffee trinken wie
Leibnitz, und wenn er einmal recht in seinem Lehn-
stuhl saß, so vergaß er Essen und Trinken darüber
wie Newton, und man mußte ihn wie diesen wecken;
seine Perücke trug er wie Dr. Johnson, und ein
Hosenknopf stand ihm immer offen wie dem Cer-
vantes.“Ein besonders schönes Beispiel von Darstellung durch das
Gegenteil, in welchem auf die Verwendung doppelsinniger Worte
gänzlich verzichtet ist, hat J. v. Falke von einer Reise nach
Irland heimgebracht. Schauplatz ein Wachsfigurenkabinett, sagen
wir Madame Tussaud. Auch hier ein Führer, der eine Gesell-
schaft von alt und jung von Figur zu Figur mit seinen Erläute-
rungen begleitet. „This is the Duke of Wellington and his horse“,
worauf ein junges Fräulein die Frage stellt: „Which is the Duke
of Wellington and which is his horse?“ „Just, as you like, myS.
76
Der Witz
pretty child,“ lautet die Antwort, „you pay the money and you
have the choice.“ (Welches ist der Herzog von W. und welches
ist sein Pferd? — Wie es Ihnen beliebt, mein schönes Kind, Sie
zahlen Ihr Geld und Sie haben die Wahl.) (Lebenserinnerungen,
S. 271.)Die Reduktion dieses irischen Witzes würde lauten: Unver-
schämt, was diese Wachsfigurenleute dem Publikum zu bieten
wagen! Pferd und Reiter sind nicht auseinanderzukennen.
(Scherzhafte Übertreibung.) Und dafür zahlt man sein gutes Geld!
Diese entrüstete Äußerung wird nun dramatisiert, in einem kleinen
Vorfall begründet, an Stelle des Publikums im allgemeinen tritt
eine einzelne Dame, die Reiterfigur wird individuell bestimmt, es
muß der in Irland so überaus populäre Herzog von Wellington
sein. Die Unverschämtheit des Besitzers oder Führers aber, der
den Leuten das Geld aus der Tasche zieht und ihnen nichts dafür
bietet, wird durch das Gegenteil dargestellt, durch eine Rede, in
welcher er sich als gewissenhaften Geschäftsmann herausstreicht,
dem nichts mehr am Herzen liegt als die Achtung der Rechte,
die das Publikum durch die Zahlung erworben hat. Nun merkt
man auch, daß die Technik dieses Witzes keine ganz einfache
ist. Indem ein Weg gefunden wurde, den Schwindler seine Ge-
wissenhaftigkeit beteuern zu lassen, ist der Witz ein Fall von
Darstellung durchs Gegenteil; indem er dies aber bei einem
Anlaß tut, wo man ganz anderes von ihm verlangt, so daß er
mit geschäftlicher Solidität antwortet, wo man Ähnlichkeit der
Figuren von ihm erwartet, ist es ein Beispiel von Verschiebung.
Die Technik des Witzes liegt in der Kombination der beiden
Mittel.Von diesem Beispiel ist es nicht weit zu einer kleinen Gruppe,
die man als Überbietungswitze benennen könnte. In ihnen wird
das „Ja“, welches in der Reduktion am Platze wäre, durch ein
„Nein“ ersetzt, das aber mit einem noch verstärkten „Ja“ infolge
seines Inhalts gleichwertig ist, und ebenso im umgekehrten Falle.S.
Die Technik des Witzes
77
Der Widerspruch steht an Stelle einer Bestätigung mit Über-
bietung; so z. B. das Epigramm von Lessing:1„Die gute Galathee! Man sagt, sie schwärz’ ihr Haar:
Da doch ihr Haar schon schwarz, als sie es kaufte, war.“Oder die boshafte Scheinverteidigung der Schulweisheit durch
Lichtenberg:„Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden,
als Eure Schulweisheit sich träumen läßt“, hatte
Prinz Hamlet verächtlich gesagt. Lichtenberg weiß, daß
diese Verurteilung lange nicht scharf genug ist, indem sie nicht
alles verwertet, was man gegen die Schulweisheit einwenden kann.
Er fügt also das noch Fehlende hinzu: „Aber es gibt auch
vieles in der Schulweisheit, das sich weder im
Himmel noch auf Erden findet.“ Seine Darstellung hebt
zwar hervor, wodurch uns die Schulweisheit für den von Hamlet
gerügten Mangel entschädigt, aber in dieser Entschädigung liegt
ein zweiter und noch größerer Vorwurf.Durchsichtiger noch, weil frei von jeder Spur von Verschiebung,
sind zwei Judenwitze, allerdings von grobem Kaliber.Zwei Juden sprechen über das Baden. „Ich nehme jedes
Jahr ein Bad,“ sagt der eine, „ob ich es nötig habe
oder nicht.“Es ist klar, daß er sich durch solche prahlerische Versicherung
seiner Reinlichkeit erst recht der Unreinlichkeit überführt.Ein Jude bemerkt Speisereste am Bart des anderen. „Ich
kann dir sagen, was du gestern gegessen hast.“ —
„Nun, sag‘.“ — „Also Linsen.“ — „Gefehlt, vorgestern!“Ein prächtiger Überbietungswitz, der leicht auf Darstellung
durchs Gegenteil zurückzuführen ist, ist auch folgender:Der König besucht in seiner Herablassung die chirurgische
Klinik und trifft den Professor bei der Vornahme der Amputation
eines Beines, deren einzelne Stadien er nun mit lauten Äußerungen1) Nach einem Vorbild der „Griechischen Anthologie“.
S.
78
Der Witz
seines königlichen Wohlgefallens begleitet. „Bravo, bravo, mein
lieber Geheimrat.“ Nach vollendeter Operation tritt der Pro-
fessor an ihn heran und fragt, sich tief verneigend: „Befehlen
Majestät auch das andere Bein?“Was der Professor sich während des königlichen Beifalls gedacht
haben mag, das ließ sich gewiß nicht unverändert aussprechen:
„Das muß ja den Eindruck machen, als nehme ich dem armen
Teufel das kranke Bein ab im königlichen Auftrag und nur wegen
des königlichen Wohlgefallens. Ich habe doch wirklich andere
Gründe für diese Operation.“ Aber dann geht er vor den König
hin und sagt: „Ich habe keine anderen Gründe für eine Operation
als Ew. Majestät Auftrag. Der mir gespendete Beifall hat mich
so beseligt, daß ich nur Ew. Majestät Befehl erwarte, um auch
das gesunde Bein zu amputieren.“ Es gelingt ihm so, sich ver-
ständlich zu machen, indem er das Gegenteil von dem aussagt,
was er sich denkt und bei sich behalten muß. Dieses Gegenteil
ist eine unglaubwürdige Überbietung.Die Darstellung durchs Gegenteil ist, wie wir an diesen Bei-
spielen sehen, ein häufig gebrauchtes und kräftig wirkendes Mittel
der Witztechnik. Aber wir dürfen auch etwas anderes nicht über-
sehen, daß diese Technik keineswegs dem Witz allein eigen ist.
Wenn Marcus Antonius, nachdem er in langer Rede auf
dem Forum die Stimmung der Zuhörer um Cäsars Leichnam
umgemodelt, endlich wieder einmal die Worte hinwirft:
„Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann . . .“,
so weiß er, daß das Volk ihm nun den wahren Sinn seiner
Worte entgegenschreien wird:
„Sie sind Verräter: ehrenwerte Männer!“
Oder wenn der „Simplizissimus“ eine Sammlung unerhörter
Brutalitäten und Zynismen als Äußerungen von „Gemütsmen-
schen“ überschreibt, so ist das auch eine Darstellung durchs
Gegenteil. Diese heißt man aber „Ironie“, nicht mehr Witz. Der
Ironie ist gar keine andere Technik als die der Darstellung durchsS.
Die Technik des Witzes79
Gegenteil eigentümlich. Überdies liest und hört man vom ironi-
schen Witz. Es ist also nicht mehr zu bezweifeln, daß die
Technik allein nicht hinreicht, den Witz zu charakterisieren. Es
muß noch etwas anderes hinzukommen, das wir bis jetzt nicht
aufgefunden haben. Anderseits steht aber noch immer unwider-
sprochen da, daß mit der Rückbildung der Technik der Witz
beseitigt ist. Vorläufig mag es uns schwerfallen, die beiden
festen Punkte, die wir für die Aufklärung des Witzes gewonnen
haben, miteinander vereint zu denken.*
Wenn die Darstellung durchs Gegenteil zu den technischen
Mitteln des Witzes gehört, so wird in uns die Erwartung rege,
daß der Witz auch von deren Gegenteil, der Darstellung durch
Ähnliches und Verwandtes, Gebrauch machen könne. Die
Fortsetzung unserer Untersuchung kann uns in der Tat belehren,
daß dies die Technik einer neuen, ganz besonders umfangreichen
Gruppe von Gedankenwitzen ist. Wir beschreiben die Eigenart
dieser Technik weit treffender, wenn wir anstatt Darstellung durch
„Verwandtes“ setzen: durch Z u s a m m e n g e h ö r i g e s oder Zu-
sammenhängendes. Wir wollen sogar mit letzterem Charakter
den Anfang machen und ihn sofort durch ein Beispiel erläutern.
Eine amerikanische Anekdote erzählt: Zwei wenig skrupellosen
Geschäftsleuten war es gelungen, sich durch eine Reihe recht
gewagter Unternehmungen ein großes Vermögen zu erwerben,
und nun ging ihr Bemühen dahin, sich der guten Gesellschaft
aufzudrängen. Unter anderen erschien es ihnen als ein zweck-
mäßiges Mittel, sich von dem vornehmsten und teuersten Maler
der Stadt, dessen Bilder als Ereignisse betrachtet wurden, malen
zu lassen. Auf einer großen Soiree wurden die kostbaren Bilder
zuerst gezeigt, und die beiden Hausherren führten selbst den
einflussreichsten Kunstkenner und Kritiker zur Wand des Salons,
auf welcher die beiden Porträts nebeneinander aufgehängt waren,S.
80
Der Witz
um ihm sein bewunderndes Urteil zu entlocken. Der sah die
Bilder lange Zeit an, schüttelte dann den Kopf, als ob er etwas
vermissen würde, und fragte bloß, auf den freien Raum zwischen
beiden Bildern deutend: „And where is the Saviour?“ (Und wo
bleibt der Heiland? Oder: Ich vermisse da das Bild des Heilands.)Der Sinn dieser Rede ist klar. Es handelt sich wieder um
die Darstellung von etwas, was direkt nicht ausgedrückt werden
kann. Auf welchem Wege kommt diese „indirekte Darstel-
lung“ zustande? Durch eine Reihe leicht sich einstellender
Assoziationen und Schlüsse verfolgen wir den Weg von der Dar-
stellung des Witzes an nach rückwärts.Die Frage: Wo ist der Heiland, das Bild des Heilands? läßt
uns erraten, daß der Redner durch den Anblick der beiden
Bilder an einen ähnlichen, ihm wie uns vertrauten Anblick
gemahnt worden ist, welcher aber als hier fehlendes Element
das Bild des Erlösers in der Mitte zwischen zwei anderen Bildern
zeigte. Es gibt nur einen solchen Fall: Christus hängend zwischen
den beiden Schächern. Das Fehlende wird vom Witz hervor-
gehoben, die Ähnlichkeit haftet an den im Witz übergangenen
Bildern rechts und links vom Heiland. Sie kann nur darin bestehen,
daß auch die im Salon aufgehängten die Bilder von Schächern
sind. Was der Kritiker sagen wollte und nicht sagen konnte, war
also: Ihr seid ein paar Halunken; ausführlicher: Was kümmern
mich eure Bilder? Ihr seid ein paar Halunken, das weiß ich.
Und er hat es schließlich über einige Assoziationen und Schluß-
folgerungen auf einem Wege gesagt, den wir als den der
Anspielung bezeichnen.Wir erinnern uns sofort, daß wir der Anspielung bereits
begegnet sind. Beim Doppelsinn nämlich; wenn von den zwei
Bedeutungen, die in demselben Wort ihren Ausdruck finden, die
eine als die häufigere und gebräuchlichere so sehr im Vorder-
grunde steht, daß sie uns an erster Stelle einfallen muß, während
die andere als die entlegenere zurücksteht, so wollten wir diesenS.
Die Technik des Witzes
81
Fall als Doppelsinn mit Anspielung bezeichnen. Bei einer
ganzen Reihe der bisher untersuchten Beispiele hatten wir
angemerkt, daß deren Technik keine einfache sei, und erkennen
nun die Anspielung als deren komplizierendes Moment. (Z. B. vgl.
etwa den Umordnungswitz von der Frau, die sich etwas zurück-
gelegt und dabei viel verdient hat, oder den Widersinnswitz bei
der Gratulation zum jüngsten Kind, es sei merkwürdig, was
Menschenhände alles vermögen, S. 62.)In der amerikanischen Anekdote haben wir nun die Anspielung
frei vom Doppelsinn vor uns und finden als ihren Charakter die
Ersetzung durch etwas im Denkzusammenhange Verbundenes.
Es ist leicht zu erraten, daß der verwertbare Zusammenhang von
mehr als einer Art sein kann. Um uns nicht in der Fülle zu
verlieren, werden wir nur die ausgeprägtesten Variationen und
diese nur an wenigen Beispielen erörtern.Der zur Ersetzung verwendete Zusammenhang kann ein bloßer
Anklang sein, so daß diese Unterart dem Kalauer beim Wort-
witz analog wird. Es ist aber nicht der Anklang zweier Worte
aneinander, sondern ganzer Sätze, charakteristischer Wort-
verbindungen u. dgl.Z. B. Lichtenberg hat den Spruch geprägt: „Neue Bäder
heilen gut“, der uns sofort an das Sprichwort erinnert: Neue
Besen kehren gut, mit dem er die ersten anderthalb Worte,
das letzte und die ganze Struktur des Satzes gemeinsam hat.
Er ist auch sicherlich im Kopfe des witzigen Denkers als Nach-
bildung des bekannten Sprichwortes entstanden. Der Spruch
Lichtenbergs wird so zur Anspielung auf das Sprichwort.
Mittels dieser Anspielung wird uns etwas angedeutet, was nicht
geradeheraus gesagt wird, daß an der Wirkung von Bädern auch
noch anderes beteiligt ist als das in seinen Eigenschaften sich gleich-
bleibende Thermalwasser.Ähnlich ist ein anderer Scherz oder Witz von Lichtenberg
technisch aufzulösen: Ein Mädchen, kaum zwölf Moden
Freud, IX.
6S.
82
Der Witz
alt. Das klingt an die Zeitbestimmung „zwölf Monden“
(i. e. Monate) an und war vielleicht ursprünglich ein Schreib-
fehler für letzteren, in der Poesie zulässigen Ausdruck. Aber es
hat einen guten Sinn, die wechselnde Mode anstatt des wechselnden
Mondes zur Altersbestimmung für ein weibliches Wesen zu
verwenden.Der Zusammenhang kann in der Gleichheit bis auf eine einzige
leichte Modifikation bestehen. Diese Technik läuft also
wiederum einer Worttechnik parallel. Beide Arten von Witzen
rufen fast den gleichen Eindruck hervor, doch sind sie nach den
Vorgängen bei der Witzarbeit besser voneinander zu trennen.Als Beispiel eines solchen Wortwitzes oder Kalauers: Die große,
aber nicht nur durch den Umfang ihrer Stimme berühmte Sängerin
Marie Wilt erfuhr die Kränkung, daß man den Titel eines
aus dem bekannten Roman von J. Verne gezogenen Theater-
stückes zu einer Anspielung auf ihre Mißgestalt verwendete:
„Die Reise um die Wilt in 80 Tagen.“Oder: „Jede Klafter eine Königin“, eine Modifikation
des bekannten Shakespeareschen „Jeder Zoll ein König“
und eine Anspielung auf dieses Zitat, auf eine vornehme und
überlebensgroße Dame bezogen. Es wäre wirklich nicht viel
Ernsthaftes dagegen zu sagen, wenn jemand diesen Witz vielmehr
zu den Verdichtungen mit Modifikationen als Ersatzbildung (S. 24)
stellen würde. (Vgl. tête-à-bête.)Von einer hochstrebenden, aber in der Verfolgung ihrer Ziele
eigensinnigen Person sagte ein Freund: „Er hat ein Ideal vor
dem Kopf.“ „Ein Brett vor dem Kopf haben“, ist die
geläufige Redensart, auf welche diese Modifikation anspielt und
deren Sinn sie für sich selbst in Anspruch nimmt. Auch hier kann
man die Technik als Verdichtung mit Modifikation beschreiben.Fast ununterscheidbar werden Anspielung durch Modifikation
und Verdichtung mit Ersatzbildung, wenn sich die Modifikation
auf die Veränderung von Buchstaben einschränkt, z. B. Dichteritis.S.
Die Technik des Witzes
83
Die Anspielung auf die böse Seuche der Diphtheritis stellt auch
das Dichten Unberufener als gemeingefährlich hin.Die Negationspartikeln ermöglichen sehr schöne Anspielungen
mit geringen Abänderungskosten:„Mein Unglaubensgenosse Spinoza“, sagt Heine. „Wir von
Gottes Ungnaden Taglöhner, Leibeigene, Neger, Fronknechte“
usw. . . . beginnt bei Lichtenberg ein nicht weiter ausgeführtes
Manifest dieser Unglücklichen, die jedenfalls auf solche Titulatur
mehr Anrecht haben als Könige und Fürstlichkeiten auf die un-
modifizierte.Eine Form der Anspielung ist schließlich auch die Auslassung,
der Verdichtung ohne Ersatzbildung vergleichbar. Eigentlich wird
bei jeder Anspielung etwas ausgelassen, nämlich die zur Anspielung
hinführenden Gedankenwege. Es kommt nur darauf an, ob die
Lücke das Augenfälligere ist oder der die Lücke teilweise aus-
füllende Ersatz in dem Wortlaut der Anspielung. So kämen wir
über eine Reihe von Beispielen von der krassen Auslassung zur
eigentlichen Anspielung zurück.Auslassung ohne Ersatz findet sich in folgendem Beispiel: In
Wien lebt ein geistreicher und kampflustiger Schriftsteller, der
sich durch die Schärfe seiner Invektive wiederholt körperliche
Mißhandlungen von seiten der Angegriffenen zugezogen hat. Als
einmal eine neue Missetat eines seiner habituellen Gegner beredet
wurde, äußerte ein dritter: Wenn der X das hört, bekommt
er wieder eine Ohrfeige. Zur Technik dieses Witzes gehört
zunächst die Verblüffung über den scheinbaren Widersinn, denn
eine Ohrfeige bekommen, leuchtet uns als unmittelbare Folge
davon, daß man etwas gehört hat, keineswegs ein. Der Widersinn
vergeht, wenn man in die Lücke einsetzt: dann schreibt
er einen so bissigen Artikel gegen den Betreffenden,
daß usw. Anspielung durch Auslassung und Widersinn sind also
die technischen Mittel dieses Witzes.Heine: „Er lobt sich so stark, daß die Räucherkerz-
6*S.
84
chen im Preise steigen.“ Diese Lücke ist leicht auszufüllen.
Das Ausgelassene ist durch eine Folgerung ersetzt, die nun als
Anspielung auf dasselbe zurückleitet. Eigenlob stinkt.Nun wieder einmal die beiden Juden vor dem Badehause!
„Schon wieder ein Jahr vergangen!“ seufzt der eine.
Diese Beispiele lassen wohl keinen Zweifel bestehen, daß die
Auslassung zur Anspielung gehört.Eine immer noch auffällige Lücke findet sich in nachstehendem
Beispiel, das doch ein echter und richtiger Anspielungswitz ist.
Nach einem Künstlerfest in Wien wurde ein Scherzbuch heraus-
gegeben, in welchem unter anderen folgender, höchst merkwürdiger
Sinnspruch verzeichnet stand:„Eine Frau ist wie ein Regenschirm. Man nimmt
sich dann doch einen Komfortabel.“Ein Regenschirm schützt nicht genug vor dem Regen. Das
„dann doch“ kann nur heißen: wenn es tüchtig regnet, und ein
Komfortabel ist ein öffentliches Fuhrwerk. Da wir es aber hier
mit der Form des Gleichnisses zu tun haben, wollen wir die ein-
gehendere Untersuchung dieses Witzes auf einen späteren Moment
verschieben.Ein wahres Wespennest der stachligsten Anspielungen enthalten
Heines „Bäder von Lucca“, die von dieser Form des Witzes die
kunstvollste Verwendung zu polemischen Zwecken (gegen den
Grafen Platen) machen. Lange zuvor, ehe der Leser diese Ver-
wendung ahnen kann, wird einem gewissen Thema, das sich zur
direkten Darstellung besonders schlecht eignet, durch Anspielungen
aus dem mannigfaltigsten Material präludiert, z. B. in den Wort-
verdrehungen des Hirsch-Hyacinth: „Sie sind zu korpulent und
ich bin zu mager, Sie haben viel Einbildung und ich habe desto
mehr Geschäftssinn, ich bin ein Praktikus und Sie sind ein
Diarrhetikus, kurz und gut, Sie sind ganz mein Antipodex.“
— „Venus Urinia“ — die dicke Gudel vom Dreckwall in Ham-
burg — u. dgl., dann nehmen die Begebenheiten, von denen derS.
Die Technik des Witzes
85
Dichter erzählt, eine Wendung, die zunächst nur von dem un-
artigen Mutwillen des Dichters zu zeugen scheint, bald aber ihre
symbolische Beziehung zur polemischen Absicht enthüllt und sich
somit gleichfalls als Anspielung kundgibt. Endlich bricht der Angriff
auf Platen los und nun sprudeln und quellen die Anspielungen
auf das bereits bekanntgewordene Thema der Männerliebe des
Grafen aus jedem der Sätze, die Heine gegen das Talent und
den Charakter seines Gegners richtet, z. B.:„Wenn auch die Musen ihm nicht hold sind, so hat er doch
den Genius der Sprache in seiner Gewalt, oder vielmehr er weiß
ihm Gewalt anzutun; denn die freie Liebe dieses Genius fehlt ihm,
er muß auch diesem Jungen beharrlich nachlaufen, und er weiß
nur die äußeren Formen zu erfassen, die trotz ihrer schönen
Rundung sich nie edel aussprechen.“„Es geht ihm dann wie dem Vogel Strauß, der sich hinlänglich
verborgen glaubt, wenn er den Kopf in den Sand gesteckt, so daß
nur der Steiß sichtbar wird. Unser erlauchter Vogel hätte besser
getan, wenn er den Steiß in den Sand versteckt und uns den
Kopf gezeigt hätte.“Die Anspielung ist vielleicht das gebräuchlichste und am leich-
testen zu handhabende Mittel des Witzes und liegt den meisten
der kurzlebigen Witzproduktionen zugrunde, die wir in unsere
Unterhaltung einzuflechten gewöhnt sind, und welche eine Ab-
lösung von diesem Mutterboden und selbständige Konservierung
nicht vertragen. Gerade bei ihr werden wir aber von neuem an
jenes Verhältnis gemahnt, das begonnen hat, uns an der Schätzung
der Witztechnik irrezumachen. Auch die Anspielung ist nicht
etwa an sich witzig, es gibt korrekt gebildete Anspielungen, die
auf diesen Charakter keinen Anspruch haben. Witzig ist nur die
„witzige“ Anspielung, so daß das Kennzeichen des Witzes, das
wir bis in die Technik verfolgt haben, uns dort wieder entschwindet.Ich habe die Anspielung gelegentlich als „indirekte Dar-
stellung“ bezeichnet und werde nun darauf aufmerksam, daßS.
86
Der Witz
man sehr wohl die verschiedenen Arten der Anspielung mit der
Darstellung durch das Gegenteil und mit den noch zu erwähnenden
Techniken zu einer einzigen großen Gruppe vereinigen kann, für
welche „indirekte Darstellung“ der umfassendste Name
wäre. Denkfehler — Unifizierung — indirekte Dar-
stellung heißen also die Gesichtspunkte, unter welche sich die
uns bekanntgewordenen Techniken des Gedankenwitzes bringen
ließen.Bei fortgesetzter Untersuchung unseres Materials glauben wir
nun eine neue Unterart der indirekten Darstellung zu erkennen,
die sich scharf charakterisieren, aber nur durch wenige Beispiele
belegen läßt. Es ist dies die Darstellung durch ein Kleines
oder Kleinstes, welche die Aufgabe löst, einen ganzen Charakter
durch ein winziges Detail zum vollen Ausdruck zu bringen. Die
Anreihung dieser Gruppe an die Anspielung wird durch die Er-
wägung ermöglicht, daß ja diese Winzigkeit mit dem Darzu-
stellenden in Zusammenhang steht, sich als Folgerung aus ihm
ableiten läßt, z. B.:Ein galizischer Jude fährt in der Eisenbahn und hat es sich
recht bequem gemacht, den Rock aufgeknöpft, die Füße auf die
Bank gelegt. Da steigt ein modern gekleideter Herr ein. Sofort
nimmt sich der Jude zusammen, setzt sich in bescheidene Positur.
Der Fremde blättert in einem Buch, rechnet, besinnt sich und
richtet plötzlich an den Juden die Frage: „Ich bitte Sie, wann
haben wir Jomkipur?“ (Versöhnungstag.) „A e s o i“, sagt der Jude
und legt die Füße wieder auf die Bank, ehe er die Antwort gibt.Es wird nicht abzuweisen sein, daß diese Darstellung durch
ein Kleines an die Tendenz zur Ersparnis anknüpft, welche wir
nach der Erforschung der Wortwitztechnik als das letzte Gemein-
same übrig behalten haben.Ein ganz ähnliches Beispiel ist folgendes:
Der Arzt, der gebeten worden ist, der Frau Baronin bei ihrer
Entbindung beizustehen, erklärt den Moment für noch nicht ge-S.
Die Technik des Witzes
87
kommen und schlägt dem Baron unterdes eine Kartenpartie im
Nebenzimmer vor. Nach einer Weile dringt der Wehruf der Frau
Baronin an das Ohr der beiden Männer. „Ah mon Dieu, que je
souffre!“ Der Gemahl springt auf, aber der Arzt wehrt ab: „Es ist
nichts, spielen wir weiter.“ Eine Weile später hört man die Kreißende
wieder: „Mein Gott, mein Gott, was für Schmerzen!“ —
„Wollen Sie nicht hineingehen, Herr Professor?“ fragt der Baron. —
„Nein, nein, es ist noch nicht Zeit.“ — Endlich hört man aus dem
Nebenzimmer ein unverkennbares: „Ai, waih, waih geschrien“;
da wirft der Arzt die Karten weg und sagt: „Es ist Zeit.“
Wie der Schmerz durch alle Schichtungen der Erziehung die
ursprüngliche Natur durchbrechen läßt, und wie eine wichtige
Entscheidung mit Recht von einer scheinbar belanglosen Äußerung
abhängig gemacht wird, das zeigt beides dieser gute Witz an dem
Beispiel der schrittweisen Veränderung der Klagerufe bei der ge-
bärenden vornehmen Frau.*
Eine andere Art der indirekten Darstellung, deren sich der
Witz bedient, das Gleichnis, haben wir uns so lange aufgespart,
weil dessen Beurteilung auf neue Schwierigkeiten stößt, oder
Schwierigkeiten, die sich schon bei anderen Gelegenheiten ergeben
haben, besonders deutlich erkennen läßt. Wir haben schon vorhin
eingestanden, daß wir bei manchen zur Untersuchung vorliegenden
Beispielen ein Schwanken, ob sie überhaupt den Witzen zu-
zurechnen seien, nicht zu bannen vermögen, und haben in dieser
Unsicherheit eine bedenkliche Erschütterung der Grundlagen un-
serer Untersuchung erkannt. Bei keinem anderen Material empfinde
ich aber diese Unsicherheit stärker und häufiger als bei den Gleichnis-
witzen. Die Empfindung, welche mir — und wahrscheinlich
einer großen Anzahl anderer unter den nämlichen Bedingungen
wie mir — zu sagen pflegt: Dies ist ein Witz, dies darf man
für einen Witz ausgeben, noch ehe der verborgene wesentliche
Charakter des Witzes entdeckt ist; diese Empfindung läßt michS.
88
bei den witzigen Vergleichen am ehesten im Stiche. Wenn ich
den Vergleich zuerst ohne Bedenken für einen Witz erklärt habe,
so glaube ich einen Augenblick später zu bemerken, daß das
Vergnügen, das er mir bereitet, von anderer Qualität ist, als
welches ich einem Witz zu verdanken pflege, und der Umstand,
daß die witzigen Vergleiche nur sehr selten das ewlosionsartige
Lachen hervorzurufen vermögen, durch welches sich ein guter
Witz bezeugt, macht es mir unmöglich, mich dem Zweifel wie
sonst zu entziehen, indem ich mich auf die besten und effekt-
vollsten Beispiele der Gattung einschränke.Daß es ausgezeichnet schöne und wirksame Beispiele von Gleich-
nissen gibt, die uns den Eindruck des Witzes keineswegs machen,
ist leicht zu zeigen. Der schöne Vergleich der durchgehenden
Zärtlichkeit in Ottiliens Tagebuch mit dem roten Faden der
englischen Marine (s. S. 22) ist ein solcher; auch ein anderes,
das zu bewundern ich noch nicht müde geworden bin und dessen
Eindruck ich nicht überwunden habe, kann ich mir nicht ver-
sagen, im gleichen Sinne anzuführen. Es ist das Gleichnis, mit
welchem Ferd. Lassalle eine seiner berühmten Verteidigungs-
reden (Die Wissenschaft und die Arbeiter) geschlossen hat: „Ein
Mann, welcher, wie ich Ihnen dies erklärt habe, sein Leben dem
Wahlspruch gewidmet hat „Die Wissenschaft und die Arbeiter“,
dem würde auch eine Verurteilung, die er auf seinem Wege
findet, keinen anderen Eindruck machen können, als etwa das
Springen einer Retorte dem in seine wissenschaft-
lichen Experimente vertieften Chemiker. Mit einem
leisen Stirnrunzeln über den Widerstand der
Materie setzt er, sowie die Störung beseitigt ist,
ruhig seine Forschungen und Arbeiten fort.“Eine reiche Auswahl von treffenden und witzigen (ileichnissen
findet man in den Schriften Lichtenbergs (II. B. der Göttinger
Ausgabe, 1855); von dort will ich auch das Material für unsere
Untersuchung entnehmen.S.
89
Die Technik des Witzes
„Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein
Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu sengen.“Das erscheint wohl witzig, aber bei näherem Zusehen merkt
man, daß die witzige Wirkung nicht vom Vergleich selbst, sondern
von einer Nebeneigenschaft desselben ausgeht. Die „Fackel der
Wahrheit“ ist eigentlich kein neuer Vergleich, sondern ein längst
gebräuchlicher und zur fixierten Phrase herabgesunken, wie es
immer zutrifft, wenn ein Vergleich Glück hat und vom Sprach-
gebrauch akzeptiert wird. Während wir in der Redensart „die
Fackel der Wahrheit“ den Vergleich kaum mehr bemerken, wird
ihm bei Lichtenberg die ursprüngliche Vollkraft wiedergegeben,
da nun auf dem Vergleich weiter gebaut, eine Folgerung aus
ihm gezogen wird. Solches Vollnehmen abgeblaßter Redens-
arten ist uns aber als Technik des Witzes bereits bekannt, es
findet eine Stelle bei der mehrfachen Verwendung des nämlichen
Materials (s. S. 34). Es könnte sehr wohl sein, daß der witzige
Eindruck des Lichtenbergschen Satzes nur von der Anlehnung
an diese Witztechnik herrührt.Dieselbe Beurteilung wird gewiß auch für einen anderen
witzigen Vergleich desselben Autors gelten können:
„Ein großes Licht war der Mann eben nicht, aber ein
großer Leuchter... Er war Professor der Philosophie.“Einen Gelehrten ein großes Licht, ein lumen mundi zu
heißen, ist längst kein wirksamer Vergleich mehr, mag er ur-
sprünglich als Witz gewirkt haben oder nicht. Aber man frischt
den Vergleich auf, man gibt ihm seine Vollkraft wieder, indem
man eine Modifikation aus ihm ableitet und solcherart einen
zweiten, neuen, Vergleich aus ihm gewinnt. Die Art, wie der
zweite Vergleich entstanden ist, scheint die Bedingung des Witzes
zu enthalten, nicht die beiden Vergleiche selbst. Es wäre dies ein
Fall der nämlichen Witztechnik wie im Beispiele von der Fackel.Aus einem anderen, aber ähnlich zu beurteilenden Grunde
erscheint folgender Vergleich als witzig:S.
90
Der Witz
„Ich sehe die Rezensionen als eine Art von Kinder-
krankheit an, die die neugeborenen Bücher mehr oder weniger
befällt. Man hat Exempel, daß die gesündesten daran sterben,
und die schwächlichen oft durchkommen. Manche bekommen sie
gar nicht. Man hat oft versucht, ihnen durch Amulette von
Vorrede und Dedikation vorzubeugen, oder sie gar durch
eigene Urteile zu makulieren; es hilft aber nicht immer.“Der Vergleich der Rezensionen mit den Kinderkrankheiten ist
zuerst nur auf das Befallenwerden, kurz nachdem sie das Licht
der Welt erblickt haben, gegründet. Ob er soweit witzig ist, ge-
traue ich mich nicht zu entscheiden. Aber dann wird er fort-
geführt: es ergibt sich, daß die weiteren Schicksale der neuen
Bücher innerhalb des Rahmens des nämlichen Gleichnisses oder
durch angelehnte Gleichnisse dargestellt werden können. Solche
Fortsetzung einer Vergleichung ist unzweifelhaft witzig, aber wir
wissen bereits, dank welcher Technik sie so erscheint; es ist ein
Fall von Unifizierung, Herstellung eines ungeahnten Zu-
sammenhanges. Der Charakter der Unifizierung wird aber dadurch
nicht geändert, daß dieselbe hier in der Anreihung an ein erstes
Gleichnis besteht.Bei einer Reihe anderer Vergleichungen ist man versucht, den
unleugbar vorliegenden witzigen Eindruck auf ein anderes Moment
zu schieben, welches wiederum mit der Natur des Gleichnisses
an sich nichts zu tun hat. Es sind dies Vergleichungen, die eine
auffällige Zusammenstellung, oft eine absurd klingende Vereinigung
enthalten, oder sich durch eine solche als Ergebnis des Vergleiches
ersetzen. Die Mehrzahl der Lichtenbergschen Beispiele ge-
hören dieser Gruppe an.„Es ist schade, daß man bei Schriftstellern die gelehrten
Eingeweide nicht sehen kann, um zu erforschen, was sie ge-
gessen haben.“ „Die gelehrten Eingeweide“, das ist eine verblüf-
fende, eigentlich absurde Attribuierung, die sich erst durch die
Vergleichung aufklärt. Wie wäre es, wenn der witzige EindruckS.
Die Technik des Witzes91
dieses Vergleiches ganz und voll auf den verblüffenden Charakter
dieser Zusammenstellung zurückginge? Dies entspräche einem der
uns gut bekannten Mittel des Witzes, der Darstellung durch
Widersinn.Lichtenberg hat dieselbe Vergleichung der Aufnahme von
Lese- und Lernstoff mit der Aufnahme von physischer Nahrung
auch zu einem anderen Witz verwendet:
„Er hielt sehr viel vom Lernen auf der Stube und war
also gänzlich für gelehrte Stallfütterung.“Die nämliche absurde oder mindestens auffällige Attribuierung,
welche, wie wir zu merken beginnen, der eigentliche Träger des
Witzes ist, zeigen andere Gleichnisse desselben Autors:
„Das ist die Wetterseite meiner moralischen Kon-
stitution, da kann ich etwas aushalten.“„Jeder Mensch hat auch seine moralische Backside, die
er nicht ohne Not zeigt und die er so lange als möglich mit
den Hosen des guten Anstandes zudeckt.“Die „moralische Backside“, das ist die auffällige Attribuierung,
die als Resultat einer Vergleichung da steht. Dazu kommt aber
eine Fortführung des Vergleiches mit einem regelrechten Wort-
spiel („Not“) und einer zweiten noch ungewöhnlicheren Zusammen-
stellung („Die Hosen des guten Anstandes“), die vielleicht selbst
an sich witzig ist, denn die Hosen werden dadurch, daß sie die
Hosen des guten Anstandes sind, selbst gleichsam witzig. Es darf
uns dann nicht wundernehmen, wenn wir vom Ganzen den Ein-
druck eines sehr witzigen Vergleiches empfangen; wir beginnen
zu merken, daß wir ganz allgemein dazu neigen, einen Charakter,
welcher nur an einem Teil des Ganzen haftet, in unserer
Schätzung auf dieses Ganze auszudehnen. Die „Hosen des guten
Anstandes“ erinnern übrigens an einen ähnlichen verblüffenden
Vers von Heine:„Bis mir endlich alle Knöpfe rissen
an der Hose der Geduld.“S.
92 The following is a summary of the provided text, focusing on the key aspects related to the user's request for a historical document transcription. The document describes the process of transcribing a historical document for academic archival purposes. It emphasizes the importance of transcribing *only* what is visibly printed on the image, without reciting any known published work. The output format is specified as HTML. A key instruction is to maintain all historical orthography, abbreviations, ligatures, and glyph forms exactly as visible, and to avoid modernization. The document also notes that it is from the "Modern (post-1950)" period. The transcription process involves identifying page numbers, running heads, main body text paragraphs, and footnotes. Special attention is paid to characters like the German sharp S (`ß`), German quotation marks (`„“`), apostrophes in words like `aufg’hackt`, and em dashes (`—`). The placement of punctuation relative to quotation marks is also highlighted. The summary also notes the use of ` ` for spacing in the header to maintain the visual layout of the page number and running head. The use of `` for footnote markers and `
` for the separator line is also mentioned. In essence, the document outlines a meticulous approach to transcribing historical texts, prioritizing fidelity to the original visual presentation and content.
S.
93
Die Technik des Witzes
hier der Eindruck des Treffenden, Geistreichen, Scharfsinnigen so
vorherrschend, daß unser Urteil über den Charakter des Witzigen
hiedurch irregeführt wird. Wenn in einem solchen Ausspruch
etwas Witz sich dem ausgezeichneten Sinn beimengt, werden wir
wahrscheinlich verleitet, das Ganze für einen vortrefflichen Witz
zu erklären. Ich möchte vielmehr die Behauptung wagen, daß
alles, was hieran wirklich witzig ist, aus dem Befremden über
die sonderbare Kombination „Brot—Brot—Ruhm“ hervorgeht.
Also als Witz eine Darstellung durch Widersinn.Die sonderbare Zusammenstellung oder absurde Attribuierung
kann als Ergebnis eines Vergleiches für sich allein hingestellt
werden:Lichtenberg: Eine zweischläfrige Frau — Ein
einschläfriger Kirchenstuhl. Hinter beiden steckt der
Vergleich mit einem Bett, bei beiden wirkt außer der Verblüffung
noch das technische Moment der Anspielung mit, das eine
Mal an die einschläfernde Wirkung von Predigten, das andere
Mal an das nie zu erschöpfende Thema der geschlechtlichen Be-
ziehungen.Haben wir bisher gefunden, daß eine Vergleichung, so oft sie
uns witzig erschien, diesen Eindruck der Beimengung einer der
uns bekannten Witztechniken verdankte, so scheinen einige andere
Beispiele endlich dafür zu zeugen, daß ein Vergleich auch an
und für sich witzig sein kann.Lichtenbergs Charakteristik gewisser Oden:
„Sie sind das in der Poesie, was Jakob Böhmes unsterbliche
Werke in Prosa sind, eine Art von Pickenick, wobei der
Verfasser die Worte und der Leser den Sinn stellen.“
„Wenn er philosophiert, so wirft er gewöhnlich ein
angenehmes Mondlicht über die Gegenstände, das im ganzen
gefällt, aber nicht einen einzigen Gegenstand deutlich zeigt.“
Oder Heine: „Ihr Gesicht glich einem Codex
palimpsestus, wo unter der neuschwarzen Mönchs-S.
94
Der Witz
schrift eines Kirchenvatertextes die halb er-
loschenen Verse eines altgriechischen Liebes-
dichters hervorlauschen.“Oder die fortgesetzte Vergleichung mit stark herabsetzen der
Tendenz in den „Bädern von Lucca“:„Der katholische Pfaffe treibt es mehr wie ein Kommis,
der in einer großen Handlung angestellt ist; die Kirche, das
große Haus, dessen Chef der Papst ist, gibt ihm bestimmte Be-
schäftigung und dafür ein bestimmtes Salär; er arbeitet lässig, wie
jeder, der nicht für eigene Rechnung arbeitet, und viele Kollegen
hat, und im großen Geschäftstreiben leicht unbemerkt bleibt —
nur der Kredit des Hauses liegt ihm am Herzen, und noch mehr
dessen Erhaltung, da er bei einem etwaigen Bankerott seinen
Lebensunterhalt verlöre. Der protestantische Pfaffe hin-
gegen ist überall selbst Prinzipal und treibt die Religionsgeschäfte
für eigene Rechnung. Er treibt keinen Großhandel wie sein
katholischer Gewerbegenosse, sondern nur einen Kleinhandel;
und da er demselben allein vorstehen muß, darf er nicht lässig
sein, er muß seine Glaubensartikel den Leuten anrühmen,
die Artikel seiner Konkurrenten herabsetzen, und als echter Klein-
händler steht er in seiner Ausschnittbude, voll von Gewerbsneid
gegen alle großen Häuser, absonderlich gegen das große Haus
in Rom, das viele tausend Buchhalter und Packknechte besoldet
und seine Faktoreien hat in allen vier Weltteilen.“Angesichts dieser wie vieler anderer Beispiele können wir
doch nicht mehr in Abrede stellen, daß ein Vergleich auch an
sich witzig sein mag, ohne daß dieser Eindruck auf eine Kom-
plikation mit einer der bekannten Witztechniken zu beziehen wäre.
Es entgeht uns aber dann völlig, wodurch der witzige Charakter
des Gleichnisses bestimmt ist, da er gewiß nicht am Gleichnis als
Ausdrucksform des Gedankens oder an der Operation des Ver-
gleichens haftet. Wir können nicht anders als das Gleichnis unter
die Arten der „indirekten Darstellung“ aufnehmen, deren sich dieS.
Die Technik des Witzes95
Witztechnik bedient, und müssen das Problem unerledigt lassen,
das uns beim Gleichnis weit deutlicher als bei den früher behan-
delten Mitteln des Witzes entgegengetreten ist. Es muß wohl auch
seinen besonderen Grund haben, wenn uns die Entscheidung, ob
etwas ein Witz ist oder nicht, beim Gleichnis mehr Schwierig-
keiten bereitet als bei anderen Ausdrucksformen.Einen Grund aber, uns zu beklagen, daß diese erste Unter-
suchung ergebnislos verlaufen sei, bietet uns auch diese Lücke
in unserem Verständnis nicht. Bei dem intimen Zusammenhang,
den wir den verschiedenen Eigenschaften des Witzes zuzuschreiben
bereit sein mußten, wäre es unvorsichtig gewesen zu erwarten,
wir könnten eine Seite des Problems voll aufklären, ehe wir noch
einen Blick auf die anderen geworfen haben. Wir werden das
Problem nun wohl an anderer Stelle angreifen müssen.Sind wir sicher, daß keine der möglichen Techniken des Witzes
unserer Untersuchung entgangen ist? Das wohl nicht, aber wir
können uns bei fortgesetzter Prüfung an neuem Material über-
zeugen, daß wir die häufigsten und wichtigsten technischen Mittel
der Witzarbeit kennengelernt haben, zum mindesten soviel, als
zur Schöpfung eines Urteils über die Natur dieses psychischen
Vorganges erfordert wird. Ein solches Urteil steht gegenwärtig
noch aus; hingegen sind wir in den Besitz einer wichtigen An-
zeige gelangt, von welcher Richtung wir eine weitere Aufklärung
des Problems zu erwarten haben. Die interessanten Vorgänge der
Verdichtung mit Ersatzbildung, die wir als den Kern der Technik
des Wortwitzes erkannt haben, wiesen uns auf die Traumbildung
hin, in deren Mechanismus die nämlichen psychischen Vor-
gänge aufgedeckt worden sind. Eben dahin weisen aber auch die
Techniken des Gedankenwitzes, die Verschiebung, die Denkfehler,
der Widersinn, die indirekte Darstellung, die Darstellung durchs
Gegenteil, die samt und sonders in der Technik der Traumarbeit
wiederkehren. Der Verschiebung verdankt der Traum das be-
fremdende Ansehen, das uns abhält, in ihm die FortsetzungS.
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A. Analytischer Teil1905-003/1925/M1