A. Analytischer Teil1905-003/1925/M1
  • S.

    II

    DIE TECHNIK DES WITZES

    Wir folgen einem Winke des Zufalls und greifen das erste
    Witzbeispiel auf, das uns im vorigen Abschnitt entgegenge-
    treten ist.

    In dem Stück der „Reisebilder“, welches „Die Bäder von
    Lucca“ betitelt ist, führt H. Heine die köstliche Gestalt des
    Lotteriekollekteurs und Hühneraugenoperateurs Hirsch-Hyacinth
    aus Hamburg auf, der sich gegen den Dichter seiner Beziehungen
    zum reichen Baron Rothschild berühmt und zuletzt sagt: Und
    so wahr mir Gott alles Gute geben soll, Herr Doktor, ich saß
    neben Salomon Rothschild und er behandelte mich ganz wie
    seinesgleichen, ganz famillionär.

    An diesem als ausgezeichnet anerkannten und sehr lachkräftigen
    Beispiel haben Heymans und Lipps die Ableitung der ko-
    mischen Wirkung des Witzes aus der „Verblüffung und Erleuch-
    tung“ (s. o.) erläutert. Wir aber lassen diese Frage beiseite und
    stellen uns die andere: was es denn ist, was die Rede des Hirsch-
    Hyacinth zu einem Witze macht? Es könnte nur zweierlei sein;
    entweder ist es der in dem Satz ausgedrückte Gedanke, der den
    Charakter des Witzigen an sich trägt, oder der Witz haftet an
    dem Ausdruck, den der Gedanke in dem Satz gefunden hat. Auf
    welcher Seite sich uns der Witzcharakter zeigt, dort wollen wir

  • S.

    15

    Die Technik des Witzes

    ihn weiter verfolgen und versuchen, seiner habhaft zu werden.
    Ein Gedanke kann ja im allgemeinen in verschiedenen sprach-
    lichen Formen — in Worten also — zum Ausdruck gebracht
    werden, die ihn gleich zutreffend wiedergeben mögen. In der
    Rede des Hirsch-Hyacinth liegt uns nun eine bestimmte Aus-
    drucksform eines Gedankens vor und, wie uns ahnt, eine beson-
    ders eigentümliche, nicht diejenige, welche am leichtesten ver-
    ständlich ist. Versuchen wir, denselben Gedanken möglichst ge-
    treulich in anderen Worten auszudrücken. Lipps hat dies bereits
    getan und damit die Fassung des Dichters gewissermaßen erläu-
    tert. Er sagt (S. 87): „Wir verstehen, daß Heine sagen will,
    die Aufnahme sei eine familiäre gewesen, nämlich von der be-
    kannten Art, die durch den Beigeschmack des Millionärtums an
    Annehmlichkeiten nicht zu gewinnen pflegt.“ Wir verändern
    nichts an diesem Sinn, wenn wir eine andere Fassung annehmen,
    die sich vielleicht besser in die Rede des Hirsch-Hyacinth einfügt:
    „Rothschild behandelte mich ganz wie seinesgleichen, ganz
    familiär, d. h. soweit ein Millionär das zu stande bringt.“
    „Die Herablassung eines reichen Mannes hat immer etwas Mißliches
    für den, der sie an sich erfährt,“ würden wir noch hinzusetzen.1

    Ob wir nun bei dieser oder einer anderen gleichwertigen
    Textierung des Gedankens verbleiben, wir sehen, daß die Frage,
    welche wir uns vorgelegt haben, bereits entschieden ist. Der Witz-
    charakter haftet in diesem Beispiel nicht am Gedanken. Es ist
    eine richtige und scharfsinnige Bemerkung, die Heine seinem
    Hirsch-Hyacinth in den Mund legt, eine Bemerkung von unver-
    kennbarer Bitterkeit, wie sie bei dem armen Manne angesichts
    so großen Reichtums leicht begreiflich ist, aber wir würden uns
    nicht getrauen, sie witzig zu heißen. Meinte nun jemand, der

    1) Derselbe Witz wird uns noch an anderer Stelle beschäfti-
    gen, und dort werden wir Anlaß finden, an der von Lipps gegebenen Übertragung
    desselben, der sich die unsrige anschließt, eine Korrektur vorzunehmen, welche
    aber die hier nachfolgenden Erörterungen nicht zu stören vermag.

  • S.

       

    16

       

    Der Witz

       

            bei der Übertragung die Erinnerung an die Fassung des Dichters
            nicht los zu werden vermag, der Gedanke sei doch auch an sich
            witzig, so können wir ja auf ein sicheres Kriterium des bei der
            Übertragung verloren gegangenen Witzcharakters verweisen. Die
            Rede des Hirsch-Hyacinth machte uns laut lachen, die sinngetreue
            Übertragung derselben nach Lipps oder in unserer Fassung
            mag uns gefallen, zum Nachdenken anregen, aber zum Lachen
            bringen kann sie uns nicht.    

       

            Wenn aber der Witzcharakter unseres Beispiels nicht dem
            Gedanken anhaftet, so ist er in der Form, im Wortlaut seines
            Ausdruckes zu suchen. Wir brauchen nur die Besonderheit dieser
            Ausdrucksweise zu studieren, um zu erfassen, was man als die
            Wort- oder Ausdruckstechnik dieses Witzes bezeichnen kann und
            was in inniger Beziehung zu dem Wesen des Witzes stehen muß,
            da Charakter und Wirkung des Witzes mit dessen Ersetzung
            durch anderes verschwinden. Wir befinden uns übrigens in voller
            Übereinstimmung mit den Autoren, wenn wir soviel Wert auf die
            sprachliche Form des Witzes legen. So z. B. sagt K. Fischer
            (S. 72): „Es ist zunächst die bloße Form, die das Urteil zum
            Witz macht, und man wird hier an ein Wort Jean Pauls er-
            innert, welches eben diese Natur des Witzes in demselben Aus-
            spruche erklärt und beweist: „So sehr sieget die bloße Stellung,
            es sei der Krieger oder der Sätze.“    

       

            Worin besteht nun die „Technik“ dieses Witzes? Was ist mit
            dem Gedanken etwa in unserer Fassung vorgegangen, bis aus
            ihm der Witz wurde, über den wir so herzlich lachen? Zweierlei,
            wie die Vergleichung unserer Fassung mit dem Text des Dichters
            lehrt. Erstens hat eine erhebliche Verkürzung stattgefunden.
            Wir mußten, um den im Witz enthaltenen Gedanken voll aus-
            zudrücken, an die Worte „R. behandelte mich ganz wie
            seinesgleichen, ganz familiär“, einen Nachsatz anfügen,
            der aufs kürzeste eingeengt lautete: d. h. soweit ein Millionär
            das zustande bringt, und dann fühlten wir erst noch das    

  • S.

       

    Die Technik des Witzes

       

    17

    Bedürfnis nach einem erläuternden Zusatz.1 Beim Dichter heißt

    es weit kürzer:

    „R. behandelte mich ganz wie seinesgleichen,

    ganz famillionär.“ Die ganze Einschränkung, die der zweite

    Satz an den ersten anfügt, welcher die familiäre Behandlung

    konstatiert, ist im Witze verloren gegangen.

    Aber doch nicht ganz ohne einen Ersatz, aus dem man sie

    rekonstruieren kann. Es hat auch noch eine zweite Abänderung

    stattgefunden. Das Wort „familiär“ im witzlosen Ausdruck

    des Gedankens ist im Text des Witzes zu „famillionär“ um-

    gewandelt worden, und ohne Zweifel hängt gerade an diesem

    Wortgebilde der Witzcharakter und der Lacheffekt des Witzes.

    Das neugebildete Wort deckt sich in seinem Anfang mit dem

    „familiär“ des ersten, in seinen auslautenden Silben mit dem

    „Millionär“ des zweiten Satzes, es vertritt gleichsam den einen

    Bestandteil „Millionär“ aus dem zweiten Satze, infolgedessen den

    ganzen zweiten Satz, und setzt uns auf diese Weise in den Stand,

    den im Text des Witzes ausgelassenen zweiten Satz zu erraten.

    Es ist als ein Mischgebilde aus den zwei Komponenten „familiär“

    und „Millionär“ zu beschreiben, und man wäre versucht, sich

    seine Entstehung aus diesen beiden Worten graphisch zu ver-

    anschaulichen.2

       

    Famili är

       

    Millionär

       

    Famillionär

    Den Vorgang aber, welcher den Gedanken in den Witz

    übergeführt hat, kann man sich in folgender Weise darstellen,


       

    1) Ganz ähnliches gilt für die Übertragung von Lipps.

       

    2) Die beiden Worten gemeinsamen Silben sind hier fett gedruckt im Gegensatz

       

    zu den verschiedenen Typen der besonderen Bestandteile beider Worte. Das zweite l,

       

    welches in der Aussprache kaum zur Geltung kommt, durfte natürlich übergangen

       

    werden. Es ist naheliegend, daß die Übereinstimmung der beiden Worte in mehreren

       

    Silben der Witztechnik den Anlaß zur Herstellung des Mischwortes bietet.

       

    Freud, IX.

       

    2

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      18   Der Witz

    die zunächst recht phantastisch erscheinen mag, aber nichts-
    destoweniger genau das wirklich vorhandene Ergebnis liefert:
    „R. behandelte mich ganz familiär,
    d. h. soweit ein Millionär es zu stande bringt.“

    Nun denke man sich eine zusammendrängende Kraft auf diese
    Sätze einwirken und nehme an, daß der Nachsatz aus irgend
    einem Grunde der weniger resistente sei. Dieser wird dann zum
    Schwinden gebracht werden, der bedeutsame Bestandteil desselben,
    das Wort „Millionär“, welches sich gegen die Unterdrückung zu
    sträuben vermag, wird gleichsam an den ersten Satz angepreßt,
    mit dem ihm so sehr ähnlichen Element dieses Satzes „familiär“
    verschmolzen, und gerade diese zufällig gegebene Möglichkeit,
    das Wesentliche des zweiten Satzes zu retten, wird den Untergang
    der anderen unwichtigeren Bestandteile begünstigen. So entsteht
    dann der Witz: „R. behandelte mich ganz familiär.“
    (mili) (är)

    Abgesehen von solcher zusammendrängenden Kraft, die uns
    ja unbekannt ist, dürfen wir den Hergang der Witzbildung, also
    die Witztechnik dieses Falles, beschreiben als eine Verdich-
    tung mit Ersatzbildung, und zwar besteht in unserem Bei-
    spiel die Ersatzbildung in der Herstellung eines Mischwortes.
    Dieses Mischwort „famillionär“, an sich unverständlich, in dem
    Zusammenhange, in dem es steht, sofort verstanden und als sinn-
    reich erkannt, ist nun der Träger der zum Lachen zwingenden
    Wirkung des Witzes, deren Mechanismus uns allerdings durch
    die Aufdeckung der Witztechnik in keiner Weise näher gebracht
    wird. Inwiefern kann ein sprachlicher Verdichtungsvorgang mit
    Ersatzbildung durch ein Mischwort uns Lust schaffen und zum
    Lachen nötigen? Wir merken, dies ist ein anderes Problem, dessen
    Behandlung wir aufschieben dürfen, bis wir einen Zugang zu ihm
    gefunden haben. Vorläufig werden wir bei der Technik des
    Witzes bleiben.

    Unsere Erwartung, daß die Technik des Witzes für die Ein-

  • S.

    Die Technik des Witzes19

    sicht in das Wesen desselben nicht gleichgültig sein könne, ver-
    anlaßt uns zunächst zu forschen, ob es noch andere Witzbeispiele
    gibt, die wie Heines „famillionär“ gebaut sind. Es gibt deren
    nun nicht sehr viele, aber immerhin genug, um eine kleine Gruppe,
    die durch die Mischwortbildung charakterisiert ist, aufzustellen.
    Heine selbst hat aus dem Worte Millionär einen zweiten Witz
    gezogen, sich gleichsam selbst kopiert, indem er von einem
    „Millionarr“ spricht (Ideen, Kap. XIV), was eine durchsichtige
    Zusammenziehung von Millionär und Narr ist und ganz ähnlich
    wie das erste Beispiel einen unterdrückten Nebengedanken zum
    Ausdruck bringt.

    Andere Beispiele, die mir bekannt geworden sind: Die Berliner
    heißen einen gewissen Brunnen in ihrer Stadt, dessen Errich-
    tung dem Oberbürgermeister Forckenbeck viel Ungnade zuge-
    zogen hat, das „Forckenbecken“, und dieser Bezeichnung ist
    der Witz nicht abzusprechen, wenngleich das Wort „Brunnen“
    erst eine Wandlung in das ungebräuchliche „Becken“ erfahren
    mußte, um mit dem Namen in einem Gemeinsamen zusammen-
    treffen. — Der böse Witz Europas hatte einst einen Potentaten
    aus Leopold in Cleopold umgetauft wegen seiner damaligen
    Beziehungen zu einer Dame mit dem Vornamen Clé o, eine un-
    zweifelhafte Verdichtungsleistung, die nun mit dem Aufwand eines
    einzigen Buchstabens eine ärgerliche Anspielung immer frisch
    erhält. — Eigennamen verfallen überhaupt leicht dieser Bear-
    beitung der Witztechnik: In Wien gab es zwei Brüder, namens
    Salinger, von denen einer Börsensensal war. Das gab die
    Handhabe, den einen Bruder Sensalinger zu nennen, während
    für den anderen zur Unterscheidung die unliebenswürdige Be-
    zeichnung Scheusalinger in Aufnahme kam. Es war bequem
    und gewiß witzig; ich weiß nicht, ob es berechtigt war. Der
    Witz pflegt danach nicht viel zu fragen.

    Folgender Verdichtungswitz wurde mir erzählt: Ein junger
    Mann, der bisher in der Fremde ein heiteres Leben geführt,
    2*

  • S.

    20

    Der Witz

    besucht nach längerer Abwesenheit einen hier wohnenden Freund,
    der nun mit Überraschung den Ehering an der Hand des Be-
    suchers bemerkt. Was? ruft er aus, Sie sind verheiratet? Ja,
    lautet die Antwort: Trauring, aber wahr. Der Witz ist
    vortrefflich; in dem Worte „Trauring“ kommen die beiden
    Komponenten, das Wort: Ehering in Trauring gewandelt und
    der Satz: Traurig, aber wahr, zusammen.

    Es tut der Wirkung des Witzes hier keinen Eintrag, daß das
    Mischwort eigentlich nicht ein unverständliches, sonst nicht exi-
    stenzfähiges Gebilde ist wie „famillionär“, sondern sich voll-
    kommen mit dem einen der beiden verdichteten Elemente deckt.

    Zu einem Witz, der wiederum dem „famillionär“ ganz analog
    ist, habe ich selbst im Gespräche unabsichtlich das Material ge-
    liefert. Ich erzählte einer Dame von den großen Verdiensten
    eines Forschers, den ich für einen mit Unrecht Verkannten halte.
    „Aber der Mann verdient doch ein Monument“, meinte sie. „Mög-
    lich, daß er es einmal bekommen wird,“ antwortete ich, „aber
    momentan ist sein Erfolg sehr gering.“ „Monument“ und
    „momentan“ sind Gegensätze.“ Die Dame vereinigt nun die
    Gegensätze: Also wünschen wir ihm einen monumentanen
    Erfolg.

    Einer vortrefflichen Bearbeitung des gleichen Themas in eng-
    lischer Sprache (A. A. Brill, Freuds Theory of wit, Journal of
    abnormal Psychology 1911) verdanke ich einige fremdsprachige
    Beispiele, die den gleichen Mechanismus der Verdichtung zeigen
    wie unser „famillionär“.

    Der englische Autor de Quincey, erzählt Brill, hat
    irgendwo die Bemerkung gemacht, daß alte Leute dazu neigen,
    in „anecdotage“ zu verfallen. Das Wort ist zusammengeschmolzen
    aus den sich teilweise überdeckenden anecdote und
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              

  • S.

       

    Die Technik des Witzes21

       

    In einer anonymen kurzen Geschichte fand Brill einmal die
    Weihnachtszeit bezeichnet als „the alcoholidays“. Die gleiche
    Verschmelzung aus alcohol und
    holidays (Festtage).

       

    Als Flaubert seinen berühmten Roman Salammbô, der im
    alten Karthago spielt, veröffentlicht hatte, verspottete ihn Sainte-
    Beuve als Carthaginoiserie wegen seiner peinlichen Detail-
    malerei: Carthaginois
    chinoiserie.

       

    Das vorzüglichste Witzspiel dieser Gruppe hat einen der ersten
    Männer Österreichs zum Urheber, der nach bedeutsamer wissen-
    schaftlicher und öffentlicher Tätigkeit nun ein oberstes Amt im
    Staate bekleidet. Ich habe mir die Freiheit genommen, die Witze,
    die dieser Person zugeschrieben werden und in der Tat alle das
    gleiche Gepräge tragen, als Material für diese Untersuchungen
    zu verwenden,1 vor allem darum, weil es schwer gehalten hätte,
    sich ein besseres zu verschaffen.

       

    Herr N. wird eines Tages auf die Person eines Schriftstellers
    aufmerksam gemacht, der durch eine Reihe von wirklich lang-
    weiligen Aufsätzen bekannt geworden ist, welche er in einer
    Wiener Tageszeitung veröffentlicht hat. Die Aufsätze behandeln
    durchweg kleine Episoden aus den Beziehungen des ersten Na-
    poleon zu Österreich. Der Verfasser ist rothaarig. Herr N. fragt,
    sobald er den Namen gehört hat: Ist das nicht der rote
    Fadian, der sich durch die Geschichte der Napoleoni-
    den zieht?

       

           

    1) Ob ich ein Recht dazu habe? Ich bin wenigstens nicht durch eine Indiskretion
    zur Kenntnis dieser Witze gekommen, die in dieser Stadt (Wien) allgemein bekannt
    sind und in jedermanns Munde gefunden werden. Eine Anzahl derselben hat Ed.
    Hanslick in der „Neuen Freien Presse“ und in seiner Autobiographie der Öffent-
    lichkeit übergeben. Für die bei mündlicher Tradition kaum vermeidlichen Entstellungen,
    die etwa die anderen betroffen hätten, bitte ich um Entschuldigung.

       

  • S.

    22

    Um die Technik dieses Witzes zu finden, müssen wir auf ihn
    jenes Reduktionsverfahren anwenden, welches den Witz durch
    Änderung des Ausdruckes aufhebt und dafür den ursprünglichen
    vollen Sinn wieder einsetzt, wie er sich aus einem guten Witz
    mit Sicherheit erraten läßt. Der Witz des Herrn N. vom roten
    Fadian ist aus zwei Komponenten hervorgegangen, aus einem
    absprechenden Urteil über den Schriftsteller und aus der Reminis-
    zenz an das berühmte Gleichnis, mit welchem Goethe die Aus-
    züge: „Aus Ottiliens Tagebuche“ in den „Wahlverwandtschaften“
    einleitet.1 Die unmutige Kritik mag gelautet haben: Das also
    ist der Mensch, der ewig und immer wieder nur langweilige
    Feuilletons über Napoleon in Österreich zu schreiben weiß! Diese
    Äußerung ist nun gar nicht witzig. Auch der schöne Vergleich
    Goethes ist kein witziger und ganz gewiß nicht geeignet, uns
    zum Lachen zu bringen. Erst wenn diese beiden in Beziehung
    zueinander gesetzt werden und dem eigentümlichen Verdichtungs-
    und Verschmelzungsprozeß unterliegen, entsteht ein Witz, und zwar
    von erstem Range.“2

    Die Verknüpfung zwischen dem schimpflichen Urteil über den
    langweiligen Geschichtschreiber und dem schönen Gleichnis in
    den Wahlverwandtschafteu muß sich aus Gründen, die ich hier
    noch nicht verständlich machen kann, auf weniger einfache Weise
    hergestellt haben als in vielen ähnlichen Fällen. Ich werde es
    versuchen, den vermutlichen wirklichen Hergang durch folgende
    Konstruktion zu ersetzen. Zunächst mag das Element der be-
    ständigen Wiederkehr desselben Themas bei Herrn N. eine leise

    1) „Wir hören von einer besonderen Einrichtung in der englischen Marine. Sämt-
    liche Tauwerke der königlichen Flotte. vom stärksten bis zum schwlchsten. sind der-
    gestalt gesponnen, daß ein roter Faden durch das Ganze durchgeht. den man nicht
    hereuswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kennt-
    lich sind, daß sie der Krone gehören. Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein
    Faden der Neigung und Anhänglichkeit, der alles verbindet und des Ganze bezeich-
    net." (20. Band der Sophien-Ausgabe, S. 212)

    2) Wie wenig diese regelmäßig zu wiederholende Beobachtung mit der Behauptung
    stimmt, der Witz sei ein spielendes Urteil, brauche ich nur anzudeuten.

  • S.

      Die Technik des Witzes   23

    Reminiszenz an die bekannte Stelle der Wahlverwandtschaften geweckt haben, die ja zumeist fälschlich mit dem Wortlaut „es zieht sich wie ein roter Faden“ zitiert wird. Der „rote Faden“ des Gleichnisses übt nun eine verändernde Wirkung auf den Ausdruck des ersten Satzes aus, infolge des zufälligen Umstandes, daß auch der Geschmähte rot, nämlich rothaarig ist. Es mag nun gelautet haben: Also dieser rote Mensch ist es, der die langweiligen Feuilletons über Napoleon schreibt. Nun griff der Prozeß ein, der die Verdichtung beider Stücke zu einem bezweckte. Unter dem Drucke desselben, der in der Gleichheit des Elements „rot“ den ersten Stützpunkt gefunden hatte, assimilierte sich das „langweilig“ dem „Faden“ und verwandelte sich in „fad“, und nun konnten die beiden Komponenten verschmelzen zu dem Wortlaut des Witzes, an welchem diesmal das Zitat fast mehr Anteil hat als das gewiß ursprünglich allein vorhandene schmähende Urteil.

    „Also dieser rote Mensch ist es, der das fade Zeug über N. schreibt.
      Der rote Faden, der sich durch alles
      [hindurchzieht.

    Ist das nicht der rote Fadian, der sich durch die
      [Geschichte der N. zieht?“

    Eine Rechtfertigung, aber auch eine Korrektur dieser Darstellung werde ich in einem späteren Abschnitt geben, wenn ich diesen Witz von anderen als bloß formalen Gesichtspunkten her analysieren darf. Was immer aber an ihr zweifelhaft sein möge, die Tatsache, daß hier eine Verdichtung vorgefallen ist, kann nicht in Zweifel gezogen werden. Das Ergebnis der Verdichtung ist einerseits wiederum eine erhebliche Verkürzung, anderseits anstatt einer auffälligen Mischwortbildung vielmehr eine Durchdringung der Bestandteile beider Komponenten. „Roter Fadian“ wäre immerhin als bloßes Schimpfwort existenzfähig; es ist in unserem Falle sicherlich ein Verdichtungsprodukt.

  • S.

    24

    Wenn nun an dieser Stelle zuerst ein Leser unwillig würde
    über eine Betrachtungsweise, die ihm das Vergnügen am Witz
    zu zerstören droht, ohne ihm aber die Quelle dieses Vergnügens
    aufklären zu können, so würde ich ihn zunächst um Geduld bitten.
    Wir stehen erst bei der Technik des Witzes, deren Untersuchung
    ja auch Aufschlüsse verspricht, wenn wir sie erst weit genug
    ausgedehnt haben.

    Wir sind durch die Analyse des letzten Beispiels vorbereitet
    darauf, daß, wenn wir dem Verdichtungsvorgang noch in anderen
    Beispielen begegnen, der Ersatz des Unterdrückten nicht in einer
    N[ischwortbildung, sondern auch in einer anderen Abänderung des
    Ausdrucks gegeben sein könne. Worin dieser andersartige Ersatz
    bestehen mag, wollen wir aus anderen Witzen des Herrn N. lernen.

    „Ich bin tête-à-bête mit ihm gefahren.“ Nichts
    leichter als diesen Witz zu reduzieren. Offenbar kann es dann
    nur heißen: Ich bin tête-à-tête mit dem X. gefahren, und
    der X. ist ein dummes Vieh.

    Keiner der beiden Sätze ist witzig. Oder in einen Satz zusammen-
    gezogen: Ich bin tête-à—tête mit dem dummen Vieh
    von X. gefahren
    , was ebensowenig witzig ist. Der Witz stellt
    sich erst her, wenn das „dumme Vieh“ weggelassen wird und
    zum Ersatz dafür das eine tête sein t im b verwandelt, mit.
    welcher geringen Modifikation das erst unterdrückte „Vieh“ doch
    wieder zum Ausdruck gelangt. Man kann die Technik dieser
    Gruppe von Witzen beschreiben als Verdichtung mit leichter
    Modifikation
    und ahnt, daß der Witz um so besser sein
    wird, je geringfügiger die Modifikation ausfällt.

    Ganz ähnlich, obwohl nicht unkompliziert, ist die Technik
    eines anderen Witzes. Herr N. sagt im Wechselgespräch über
    eine Person, an der manches zu rühmen und vieles auszusetzen ist:
    Ja, die Eitelkeit ist eine seiner vier Achillesfersen.1

    1) Dasselbe Witzwort soll schon vorher von H. Heine auf Alfred de Musset
    geprägt worden sein.

  • S.

     

    Die Technik des Witzes

     

    25

     

    Die leichte Modifikation besteht hier darin, daß anstatt der einen
      Achillesferse, die man ja auch beim Helden zugestehen muß,
      deren vier behauptet werden. Vier Fersen, also vier Füße hat
      aber nur das Vieh. Somit haben die beiden im Witz verdichteten
      Gedanken gelautet:
      „Y. ist bis auf seine Eitelkeit ein hervorragender
      Mensch; aber ich mag ihn doch nicht, er ist doch
      eher ein Vieh als ein Mensch.“¹

     

    Ähnlich, nur viel einfacher, ist ein anderer Witz, den ich in
      einem Familienkreise in statu nascendi zu hören bekam. Von
      zwei Brüdern, Gymnasiasten, ist der eine ein vortrefflicher, der
      andere ein recht mittelmäßiger Schüler. Nun passiert auch dem
      Musterknaben einmal ein Unfall in der Schule, den die Mutter
      zur Sprache bringt, um der Besorgnis Ausdruck zu geben, das
      Ereignis könne den Anfang einer dauernden Verschlechterung
      bedeuten. Der bisher durch seinen Bruder verdunkelte Knabe
      greift diesen Anlaß bereitwillig auf. Ja, sagt er, Karl geht auf
      allen Vieren zurück.

     

    Die Modifikation besteht hier in einem kleinen Zusatz zur
      Versicherung, daß der andere auch nach seinem Urteil zurückgeht.
      Diese Modifikation vertritt und ersetzt aber ein leidenschaftliches
      Plaidoyer für die eigene Sache: Überhaupt müßt ihr nicht glauben,
      daß er darum soviel gescheiter ist als ich, weil er in der Schule
      besseren Erfolg hat. Er ist doch nur ein dummes Vieh, d. h. viel
      dümmer, als ich bin.

     

    Ein schönes Beispiel von Verdichtung mit leichter Modifikation
      zeigt ein anderer sehr bekannter Witz des Herrn N., der von
      einer im öffentlichen Leben stehenden Persönlichkeit behauptete,
      sie habe eine große Zukunft hinter sich. Es war ein

     

    ¹) Eine der Komplikationen der Technik dieses Beispiels liegt darin, daß die
      Modifikation, durch welche sich die ausgelassene Schmähung ersetzt, als Anspielung
      auf diese letztere zu bezeichnen ist, da sie erst über einen Schlußprozeß zu ihr hinführt.
      Über ein anderes Moment, welches hier die Technik kompliziert, s. u.

  • S.

     

        26     Der Witz  

      
     

    jüngerer Mann, auf den dieser Witz zielte, der durch seine Ab-
        stammung, Erziehung und seine persönlichen Eigenschaften berufen
        erschien, dereinst die Führung einer großen Partei zu übernehmen
        und an ihrer Spitze zur Regierung zu gelangen. Aber die Zeiten
        änderten sich, die Partei wurde regierungsunfähig, und nun ließ
        sich vorhersehen, daß auch der zu ihrem Führer prädestinierte
        Mann es zu nichts bringen werde. Die kürzeste reduzierte Fassung,
        durch die man diesen Witz ersetzen könnte, würde lauten: Der
        Mann hat eine große Zukunft vor sich gehabt, mit
        der ist es aber jetzt aus. Anstatt des „gehabt“ und des
        Nachsatzes die kleine Veränderung im Hauptsatze, daß das „vor“
        durch ein „hinter“, sein Gegenteil, abgelöst wird.¹

     

    Fast der nämlichen Modifikation bediente sich Herr N. im Falle
        eines Kavaliers, der Ackerbauminister geworden war ohne anderes
        Anrecht, als daß er selbst Landwirtschaft betrieb. Die öffentliche
        Meinung hatte Gelegenheit, ihn als den mindest begabten, der
        je mit diesem Amt betraut gewesen, zu erkennen. Als er aber
        das Amt niedergelegt und sich auf seine landwirtschaftlichen
        Interessen zurückgezogen hatte, sagte Herr N. von ihm:
        Er ist, wie Cincinnatus, auf seinen Platz vor dem
        Pflug zurückgekehrt.

     

    Der Römer, den man auch von der Landwirtschaft weg zum
        Amt berufen hatte, nahm seinen Platz hinter dem Pflug wieder
        ein. Vor dem Pflug ging damals wie heute nur — der Ochs.

     

    Eine gelungene Verdichtung mit leiser Modifikation ist es auch,
        wenn Karl Kraus von einem sogenannten Revolverjournalisten
        mitteilt, er sei mit dem Orienterexpreßzug in eines der Balkan-
        länder gefahren. Gewiß treffen in diesem Wort die beiden anderen

      


     

        1) An der Technik dieses Witzes wirkt noch ein anderes Moment mit, welches ich
        mir später anzuführen aufspare. Es betrifft den inhaltlichen Charakter der Modifikation
        (Darstellung durch das Gegenteil, Widersinn). Die Witztechnik ist durch nichts behindert,
        sich mehrerer Mittel gleichzeitig zu bedienen, die wir aber nur der Reihe nach kennen
        lernen können.  

  • S.

    27

    „Orientexpreßzug“ und „Erpressung“ zusammen. Infolge
    des Zusammenhanges macht sich das Element „Erpressung“ nur
    als Modifikation des vom Verbum geforderten „Orientexpreßzuges“
    geltend. Dieser Witz hat für uns, indem er einen Druckfehler
    vorspiegelt, noch ein anderes Interesse.

    Wir könnten die Reihe dieser Beispiele leicht um weitere
    vermehren, aber ich meine, wir bedürfen keiner neuen Fälle, um
    die Charaktere der Technik in dieser zweiten Gruppe, Verdichtung
    mit Modifikation, sicher zu erfassen. Vergleichen wir nun die
    zweite Gruppe mit der ersten, deren Technik in Verdichtung mit
    Mischwortbildung bestand, so sehen wir leicht ein, daß die Unter-
    schiede nicht wesentliche und die Übergänge fließend sind. Die
    Mischwortbildung wie die Modifikation unterordnen sich dem Begriff
    der Ersatzbildung, und, wenn wir wollen, können wir die Misch-
    wortbildung auch als Modifikation des Grundwartes durch das
    zweite Element beschreiben.

    *

    Wir dürfen aber hier einen ersten Halt machen und uns fragen,
    mit welchem aus der Literatur bekannten Moment sich unser
    erstes Ergebnis ganz oder teilweise deckt. Offenbar mit dem der
    Kürze, die Jean Paul die Seele des Witzes nennt (s. o. S. 9).
    Die Kürze ist. nun nicht an sich witzig, sonst wäre jeder Lakonismus
    ein Witz. Die Kürze des Witzes muß von besonderer Art sein.
    Wir erinnern uns, daß Lipps versucht hat, die Besonderheit der
    Witzkürzung näher zu beschreiben (s. S. 5). Hier hat nun unsere
    Untersuchung eingesetzt und nachgewiesen, daß die Kürze des
    Witzes oftmals das Ergebnis eines besonderen Vorganges ist, der
    im Wortlaut des Witzes eine zweite Spur, die Ersatzbildung,
    hinterlassen hat. Bei der Anwendung des Reduktionsverfahrens,
    welches den eigentürnlichen Verdichtungsvorgang rückgängig zu
    machen beabsichtigt, finden wir aber auch, daß der Witz nur an
    dem wörtlichen Ausdruck hängt, welcher durch den Verdichtungs-

  • S.

    28 Der Witz

    vorgang hergestellt wird. Natürlich wendet sich jetzt unser volles
    Interesse diesem sonderbaren und bisher fast nicht gewürdigten
    Vorgang zu. Wir können auch noch gar nicht verstehen, wie aus
    ihm all das Wertvolle des Witzes, der Lustgewinn, den der Witz
    uns bringt, entstehen kann.

    Sind ähnliche Vorgänge, wie wir sie hier als Technik des
    Witzes beschrieben haben, auf irgend einem anderen Gebiete des
    seelischen Geſchehens schon bekannt geworden? Allerdings, auf
    einem einzigen und scheinbar recht weit abliegenden. Im Jahre
    1900 habe ich ein Buch veröffentlicht, welches, wie sein Titel
    („Die Traumdeutung“)¹ besagt, den Versuch macht, das Räthselhafte
    des Traumes aufzuklären und ihn als Abkömmling normaler seelischer
    Leistung hinzustellen. Ich finde dort Anlaß, den manifesten,
    oft sonderbaren, Trauminhalt in Gegensatz zu bringen zu den
    latenten, aber völlig korrekten Traumgedanken, von denen
    er abstammt, und gehe auf die Untersuchung der Vorgänge ein,
    welche aus den latenten Traumgedanken den Traum machen,
    sowie der psychischen Kräfte, die bei dieser Umwandlung beteiligt
    sind. Die Gesamtheit der umwandelnden Vorgänge nenne ich die
    Traumarbeit und als ein Stück dieser Traumarbeit habe ich
    einen Verdichtungsvorgang beschrieben, der mit dem der Witz-
    technik die größte Ähnlichkeit zeigt, wie dieser zur Verkürzung
    führt und Ersatzbildungen von gleichem Charakter schafft. Jedem
    werden aus eigener Erinnerung an seine Träume die Mischgebilde
    von Personen und auch von Objekten bekannt sein, die in den
    Träumen auftreten; ja, der Traum bildet auch solche von Worten,
    die sich dann in der Analyse zerlegen lassen (z. B. Autodidasker =
    Autodidakt + Lasker [„Die Traumdeutung“, S. 206]).² Andere
    Male, und zwar noch viel häufiger, werden von der Verdichtungs-
    arbeit des Traumes nicht Mischgebilde erzeugt, sondern Bilder,
    die völlig einem Objekt oder einer Person gleichen bis auf eine

    1. 7. Aufl. 1922 [Ges. Schriften, Bd. II].
    2. 7. Aufl., S. 204 u. f.
  • S.

    29

    Zutat oder Abänderung, die aus anderer Quelle stammt, also
    Modifikationen ganz wie die in den Witzen des Herrn N. Wir
    können nicht bezweifeln, daß wir hier wie dort den nämlichen
    psychischen Prozeß vor uns haben, den wir an den identischen
    Leistungen erkennen dürfen. Eine so weitgehende Analogie der
    Witztechnik mit der Traumarbeit wird gewiß unser Interesse für
    die erstere steigern und die Erwartung in uns rege machen, aus
    einem Vergleich von Witz und Traum manches zur Aufklärung
    des Witzes zu ziehen. Aber wir enthalten uns, auf diese Arbeit
    einzugehen, indem wir uns sagen, daß wir die Technik erst bei
    einer sehr geringen Zahl von Witzen erforscht haben, so daß wir
    nicht wissen können, ob die Analogie, deren Leitung wir uns
    überlassen wollen, auch vorhalten wird. Wir wenden uns also
    von dem Vergleich mit dem Traume ab und kehren zur Witz-
    technik zurück, lassen an dieser Stelle unserer Untersuchung gleich-
    sam einen Faden heraushängen, den wir vielleicht Später wieder
    aufnehmen werden.

    *

    Das nächste, was wir erfahren wollen, ist, ob der Vorgang der
    Verdichtung mit Ersatzbildung bei allen Witzen nachweisbar ist,
    so daß er als der allgemeine Charakter der Witztechnik bezeichnet
    werden kann.

    Ich erinnere mich da an einen Witz, der mir infolge besonderer
    Umstände im Gedächtnis geblieben ist. Einer der großen Lehrer
    meiner jungen Jahre, den wir für unbefähigt hielten, einen Witz
    zu schätzen, wie wir auch nie einen eigenen Witz von ihm gehört
    hatten, kam eines Tages lachend in das Institut und gab bereit-
    williger als sonst Bescheid über den Anlaß seiner heiteren Stimmung.
    „Ich habe da einen vorzüglichen Witz gelesen. In einem Pariser
    Salon wurde ein junger Mann eingeführt, der ein Verwandter
    des großen J. J. Rousseau sein sollte und auch diesen Namen trug.
    Er war überdies rothaarig. Er benahm sich aber so ungeschickt,

  • S.

    30

    Der Witz

    daß die Dame des Hauses zu dem Herrn, der ihn eingeführt, als
    Kritik äußerte: „Vous m’avez fait connaître un jeune homme
    roux et sot, mais non pas un Rousseau.“ Und er lachte von
    neuem.

    Dies ist nach der Nomenklatur der Autoren ein Klangwitz,
    und zwar niedriger Sorte, einer, der mit dem Eigennamen spielt,
    etwa wie der Witz in der Kapuzinade aus Wallensteins Lager,
    die bekanntlich der Manier des Abraham a Santa Clara
    nachgebildet ist:

    „Läßt sich nennen den Wallenstein,
    ja freilich ist er uns allen ein Stein
    des Anstoßes und Ärgernisses.“1

    Welches ist aber die Technik dieses Witzes?

    Da zeigt es sich, daß der Charakter, welchen wir vielleicht
    hofften allgemein nachzuweisen, schon bei dem ersten neuen Fall
    versagt. Es liegt hier keine Auslassung, kaum eine Verkürzung
    vor. Die Dame sagt im Witze selbst fast alles aus, was wir ihren
    Gedanken unterlegen können. „Sie haben mich auf einen Ver-
    wandten von J. J. Rousseau gespannt gemacht, vielleicht einen
    Geistesverwandten, und siehe da, es ist ein rothaariger dummer
    Junge, ein roux et sot.“ Ich habe da allerdings einen Zusatz,
    eine Einschaltung machen können, aber dieser Reduktionsversuch
    hebt den Witz nicht auf. Er bleibt und haftet an dem Gleich-
    klang von Rousseauroux sot. Damit ist nun erwiesen, daß die Verdichtung
    mit Ersatzbildung an dem Zustandekommen dieses Witzes keinen
    Anteil hat.

    Was aber sonst? Neue Versuche zur Reduktion können mich
    belehren, daß der Witz so lange resistent bleibt, bis der Name
    Rousseau durch einen anderen ersetzt wird. Ich setze z. B.
    anstatt desselben Racine ein und sofort hat die Kritik der Dame,
    die ebenso möglich bleibt wie vorhin, jede Spur von Witz ein-

    1) Daß dieser Witz infolge eines anderen Moments doch einer höheren Einschätzung
    würdig ist, kann erst an späterer Stelle gezeigt werden.

  • S.

     

    Die Technik des Witzes

     

    31

    gebüßt. Nun weiß ich, wo ich die Technik dieses Witzes zu
    suchen habe, kann aber noch über deren Formulierung schwanken;
    ich will folgende versuchen: Die Technik des Witzes liegt darin,
    daß ein und dasselbe Wort — der Name — in zweifacher
    Verwendung vorkommt, einmal als Ganzes und dann in seine
    Silben zerteilt wie in einer Scharade.

    Ich kann einige wenige Beispiele anführen, die in ihrer Technik
    mit diesem identisch sind.

    Mit einem auf die gleiche Technik der zweifachen Verwendung
    beruhenden Witz soll sich eine italienische Dame für eine taktlose
    Bemerkung des ersten Napoleon gerächt haben. Er sagte ihr auf
    einem Hofballe, auf ihre Landsleute deutend: „Tutti gli Italiani
    danzano si male“, und sie erwiderte schlagfertig: „Non tutti, ma
    buona parte.“ (Brill, l. c.)

    (Nach Th. Vischer und K. Fischer.) Als in Berlin einmal die
    Antigone aufgeführt wurde, fand die Kritik, daß die Aufführung
    des antiken Charakters entbehrt habe. Der Berliner Witz machte
    sich diese Kritik in folgender Weise zu eigen: Antik? Oh, nee.

    In ärztlichen Kreisen ist ein analoger Zerteilungswitz heimisch.
    Wenn man einen seiner jugendlichen Patienten befragte, ob er
    sich je mit der Masturbation befaßt habe, würde man gewiß
    keine andere Antwort hören als: O na, nie.

    In allen drei Beispielen, die für die Gattung genügen mögen,
    dieselbe Technik des Witzes. Ein Name wird in ihnen zweimal
    verwendet, das eine Mal ganz, das andere Mal in seine Silben
    zerteilt, in welcher Zerteilung seine Silben einen gewissen anderen
    Sinn ergeben.¹

    Die mehrfache Verwendung desselben Wortes einmal als eines
    Ganzen und dann der Silben, in die es sich zerfällen läßt, war

    ¹) Die Güte dieser Witze beruht darauf, daß gleichzeitig ein anderes Mittel der
    Technik von weit höherer Ordnung zur Anwendung gekommen ist (s. u.). — An dieser
    Stelle kann ich übrigens auch auf eine Beziehung des Witzes zum Rätsel aufmerksam
    machen. Der Philosoph Fr. Brentano hat eine Gattung von Rätseln gedichtet, in

  • S.

    32

    der erste Fall einer von der Verdichtung abweichenden Technik,
    der uns begegnet ist. Nach kurzer Besinnung müssen wir aber
    aus der Fülle der uns zuströmenden Beispiele erraten, daß die
    neu aufgefundene Technik kaum auf dieses Mittel beschränkt
    sein dürfte. Es gibt offenbar eine zunächst noch gar nicht über-
    sehbare Anzahl von Möglichkeiten, wie man dasselbe Wort oder
    dasselbe Material von Worten zur mehrfachen Verwendung in
    einem Satze ausnützen kann. Sollten uns alle diese Möglichkeiten
    als technische Mittel des Witzes entgegentreten? Es scheint so zu
    sein; die nachfolgenden Beispiele von Witzen werden es erweisen.

    Man kann zunächst dasselbe Material von Worten nehmen und
    nur etwas an der Anordnung derselben ändern. Je geringer die
    Abänderung ist, je eher man den Eindruck empfängt, verschiedener
    Sinn sei doch mit denselben Worten gesagt werden, desto besser
    ist in technischer Hinsicht der Witz.

    D. Spitzer (Wiener Spaziergänge, II. Bd., S. 42):

    „Das Ehepaar X lebt auf ziemlich großem Fuße. Nach der
    Ansicht der einen soll der Mann viel verdient und sich dabei
    etwas zurückgelegt haben, nach anderen wieder soll sich die
    Frau etwas zurückgelegt und dabei viel verdient haben.“

    Ein geradezu diabolisch guter Witz! Und mit wie geringen
    Mitteln er hergestellt ist! Viel verdient — sich etwas zurückgelegt,

    denen eine kleine Anzahl von Silben zu ernten ist, die, zu einem Worte vereinigt,
    oder so oder anders zusammengefaßt, einen anderen Sinn ergeben, z. B.:

    ...ließ mich das Platanenblattahnen
    oder:
    wie du dem Inder hast verschrieben, in der Hast verschrieben?

    Die zu erratenden Silben werden im Zusammenhang des Satzes durch das entsprechend
    oft zu wiederholende Füllwort dal ersetzt. Ein Kollege des Philosophen übte eine
    geistreiche Rache, als er von der Verlobung des in reiferen Jahren stehenden Mannes
    hörte, indem er fragte? Daldaldal daldaldal? (Brentano brennt-a-no?)

    Was macht den Unterschied zwischen diesen Daldal-Rätseln und den obenstehenden
    Witzen? Daß inersteren die Technik als Bedingung angegeben ist und der Wortlaut
    erraten werden soll, während in den Witzen der Wortlaut mitgeteilt und die Technik
    versteckt ist.

  • S.

    33

    sich etwas zurückgelegt — viel verdient; es ist eigentlich nichts
    als eine Umstellung dieser beiden Phrasen, wodurch sich das vom
    Manne Ausgesagte von dem über die Frau Angedeuteten unter-
    scheidet. Allerdings ist dies auch hier wiederum nicht die ganze
    Technik dieses Witzes.1

    Ein reicher Spielraum eröffnet sich der Witztechnik, wenn man
    die „mehrfache Verwendung des gleichen Materials“
    dahin ausdehnt, daß das Wort — oder die Worte, — an denen
    der Witz haftet, das eine Mal unverändert, das andere Mal mit
    einer kleinen Modifikation gebraucht werden dürfe.

    Z. B. ein anderer Witz des Herrn N.:

    Er hört von einem Herrn, der selbst als Jude geboren ist, eine
    gehässige Äußerung über jüdisches Wesen. „Herr Hofrat,“ meint
    er, „Ihr Antesemitismus war mir bekannt, Ihr Anti-
    semitismus
    ist mir neu.“

    Hier ist nur ein einziger Buchstabe verändert, dessen Modifikation
    bei sorgloser Aussprache kaum bemerkt wird. Das Beispiel erinnert
    an die anderen Modifikationswitze des Herrn N. (s. S. 21), aber
    zum Unterschiede von ihnen fehlt ihm die Verdichtung; es ist
    im Witze selbst alles gesagt, was gesagt werden soll. „Ich weiß,
    daß Sie früher selbst Jude waren; es wundert mich also, daß
    gerade Sie über Juden schimpfen.“

    Ein vortreffliches Beispiel eines solchen Modifikationswitzes ist
    auch der bekannte Ausruf: Traduttore — Traditore!

    Die fast bis zur Identität gehende Ähnlichkeit der beiden Worte
    ergibt eine sehr eindrucksvolle Darstellung der Notwendigkeit, die
    den Übersetzer zum Frevler an seinem Autor werden läßt.2

    1) Ebensowenig wie in dem vortrefflichen, bei Brill angeführten Witz von Oliver
    Wendell Holmes: „Put not your trust in money, but put your money in
    trust
    .“ Es wird hier ein Widerspruch angekündigt, der nicht erfolgt. Der zweite
    Teil des Satzes nimmt diesen Widerspruch zurück. Übrigens ein gutes Beispiel für die
    Unübersetzbarkeit der Witze von solcher Technik.

    2) Brill zitiert einen ganz analogen Modifikationswitz: Amantes amentes (Ver-
    liebte = Narren).

  • S.

    34

    Der Witz

    Die Mannigfaltigkeit der möglichen leisen Modifikationen ist
    bei diesen Witzen so groß, daß keiner mehr ganz dem anderen
    gleicht.

    Hier ein Witz, der sich bei einem rechtswissenschaftlichen
    Examen zugetragen haben soll! Der Kandidat soll eine Stelle des
    Corpus juris übersetzen. „Labeo ait“ . . . Ich falle, sagt er . . .
    Sie fallen, sag’ ich, erwidert der Prüfer und die Prüfung ist
    zu Ende. Wer den Namen des großen Rechtsgelehrten für eine,
    zudem falsch erinnerte, Vokabel verkennt, verdient freilich nichts
    Besseres. Aber die Technik des Witzes liegt in der Verwendung
    fast der nämlichen Worte, welche die Unwissenheit des Geprüften
    bezeugen, zu seiner Bestrafung durch den Prüfer. Der Witz ist
    außerdem ein Beispiel von „Schlagfertigkeit“, deren Technik, wie
    sich zeigen lassen wird, von der hier erläuterten nicht viel absteht.

    Worte sind ein plastisches Material, mit dem sich allerlei an-
    fangen läßt. Es gibt Worte, welche in gewissen Verwendungen
    die ursprüngliche volle Bedeutung eingebüßt haben, deren sie sich
    in anderem Zusammenhange noch erfreuen. In einem Witz von
    Lichtenberg sind gerade jene Verhältnisse herausgesucht, unter
    denen die abgeblaßten Worte ihre volle Bedeutung wieder be-
    kommen müssen.

    „Wie geht’s?“ fragte der Blinde den Lahmen. „Wie Sie
    sehen“, antwortete der Lahme dem Blinden.

    Es gibt im Deutschen auch Worte, die in anderem Sinne voll
    und leer genommen werden können, und zwar in mehr als nur
    einem. Es können nämlich zwei verschiedene Abkömmlinge des-
    selben Stammes, das eine sich zu einem Worte mit voller Bedeutung,
    das andere sich zu einer abgeblaßten End- oder Anhängesilbe
    entwickelt haben, und beide doch vollkommen gleich lauten. Der
    Gleichlaut zwischen einem vollen Wort und einer abgeblaßten
    Silbe mag auch ein zufälliger sein. In beiden Fällen kann die
    Witztechnik aus solchen Verhältnissen des Sprachmaterials Nutzen
    ziehen.

  • S.

     

    Die Technik des Witzes

     

    35

    Schleiermacher wird z. B. ein Witz zugeschrieben, der
    uns als fast reines Beispiel solcher technischen Mittel wichtig ist:
    Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht,
    was Leiden schafft.

    Dies ist unstreitig witzig, wiewohl nicht gerade kräftig als Witz.
    Es fallen hier eine Menge von Momenten weg, die uns bei der
    Analyse anderer Witze irremachen können, solange wir jeden
    von ihnen vereinzelt in Untersuchung ziehen. Der im Wortlaut
    ausgedrückte Gedanke ist wertlos; er gibt jedenfalls eine recht
    ungenügende Definition der Eifersucht. Von „Sinn im Unsinn“,
    „verborgenem Sinn“, „Verblüffung und Erleuchtung“ ist keine
    Rede. Einen Vorstellungskontrast wird man mit der größten An-
    strengung nicht herausfinden, einen Kontrast zwischen den Worten
    und dem, was sie bedeuten, nur mit großem Zwang. Von einer
    Verkürzung ist nichts zu finden; der Wortlaut macht im Gegen-
    teil den Eindruck der Weitschweifigkeit. Und doch ist es ein Witz,
    selbst ein sehr vollkommener. Sein einzig auffälliger Charakter ist
    gleichzeitig derjenige, mit dessen Aufhebung der Witz verschwindet,
    nämlich daß hier dieselben Worte eine mehrfache Verwendung
    erfahren. Man hat dann die Wahl, ob man diesen Witz jener
    Unterabteilung zurechnen will, in welcher Worte einmal ganz und
    das andere Mal zerteilt gebraucht werden (wie Rousseau, Anti-
    gone), oder jener anderen, in der die volle und die abgeblaßte
    Bedeutung von Wortbestandteilen die Mannigfaltigkeit herstellen.

    Außer diesem ist nur noch ein anderes Moment für die Technik des
    Witzes beachtenswert. Es ist hier ein ungewohnter Zusammenhang
    hergestellt, eine Art Unifizierung vorgenommen worden, indem
    die Eifersucht durch ihren eigenen Namen, gleichsam durch sich selbst
    definiert ist. Auch dies ist, wie wir hier hören werden, eine Technik
    des Witzes. Diese beiden Momente müssen also für sich hinreichend
    sein, einer Rede den gesuchten Charakter des Witzes zu geben.
    Wenn wir uns nun in die Mannigfaltigkeit der „mehrfachen
    Verwendung“ desselben Wortes noch weiter einlassen, so merken

    3*

  • S.

        36     Der Witz

    wir mit einem Male, daß wir Formen von „Doppelsinn“ oder
    „Wortspiel“ vor uns haben, die als Technik des Witzes längst
    allgemein bekannt und gewürdigt sind. Wozu haben wir uns die
    Mühe gegeben, etwas neu zu entdecken, was wir aus der seichtesten
    Abhandlung über den Witz hätten entnehmen können? Wir
    können zu unserer Rechtfertigung zunächst nur anführen, daß
    wir an dem nämlichen Phänomen des sprachlichen Ausdrucks
    doch eine andere Seite hervorheben. Was bei den Autoren den
    „spielerischen“ Charakter des Witzes erweisen soll, fällt bei uns
    unter den Gesichtspunkt der „mehrfachen Verwendung“.

    Die weiteren Fälle von mehrfacher Verwendung, die man auch
    als Doppelsinn zu einer neuen, dritten Gruppe vereinigen kann,
    lassen sich leicht in Unterabteilungen bringen, die freilich nicht
    durch wesentliche Unterscheidungen voneinander gesondert sind,
    ebensowenig wie die ganze dritte Gruppe von der zweiten. Da
    gibt es zunächst

    a) die Fälle von Doppelsinn eines Namens und seiner ding-
    lichen Bedeutung, z. B. „Drück dich aus unserer Ge-
    sellschaft ab, Pistol“ (bei Shakespeare).

    „Mehr Hof als Freiung“, sagte ein witziger Wiener mit Be-
    ziehung auf mehrere schöne Mädchen, die seit Jahren viel gefeiert
    wurden und noch immer keinen Mann gefunden hatten. „Hof“
    und „Freiung“ sind zwei aneinanderstoßende Plätze im Innern
    der Stadt Wien.

    Heine: „Hier in Hamburg herrscht nicht der schändliche
    Macbeth, sondern hier herrscht Banko“ (Banquo).

    Wo der unveränderte Name nicht brauchbar — man könnte
    sagen: nicht mißbrauchbar — ist, kann man mittels einer der
    uns bekannten kleinen Modifikationen den Doppelsinn aus ihm
    gewinnen:

    „Weshalb haben die Franzosen den Lohengrin zurückgewiesen?“
    fragte man in nun überwundenen Zeiten. Die Antwort lautete:
    „Elsa’s (Elsaß) wegen.“

  • S.

    Die Technik des Witzes 37

    b) Den Doppelsinn der sachlichen und metaphorischen
    Bedeutung eines Wortes, der eine ergiebige Quelle für die Witz-
    technik ist. Ich zitiere nur ein Beispiel: Ein als Witzbold bekannter
    ärztlicher Kollege sagte einmal zum Dichter Arthur Schnitzler:
    „Ich wundere mich nicht, daß du ein großer Dichter geworden
    bist. Hat doch schon dein Vater seinen Zeitgenossen den Spiegel
    vorgehalten.“ Der Spiegel, den der Vater des Dichters, der berühmte
    Arzt Dr. Schnitzler, gehandhabt, war der Kehlkopfspiegel;
    nach einem bekannten Ausspruch Hamlets ist es der Zweck des
    Schauspieles, also auch des Dichters, der es schafft, „der Natur
    gleichsam den Spiegel vorzuhalten: der Tugend ihre eigenen Züge,
    der Schmach ihr eigenes Bild und dem Jahrhundert und Körper
    der Zeit den Abdruck seiner Gestalt zu zeigen“ (III., 2. Szene).

    c) Den eigentlichen Doppelsinn oder das Wortspiel, den
    sozusagen idealen Fall der mehrfachen Verwendung; dem Wort
    wird hier nicht Gewalt angetan, es wird nicht in seine Silben-
    bestandteile zerrissen, es braucht sich keiner Modifikation zu unter-
    ziehen, nicht die Sphäre, der es angehört, etwa als Eigenname,
    mit einer anderen zu vertauschen; ganz so wie es ist und im Ge-
    füge des Satzes steht, darf es dank der Gunst gewisser Umstände
    zweierlei Sinn aussagen.

    Beispiele stehen hier reichlich zur Verfügung:

    (Nach K. Fischer.) Eine der ersten Regentenhandlungen des
    letzten Napoleon war bekanntlich die Wegnahme der Güter der
    Orléans. Ein vortreffliches Wortspiel sagte damals: „C’est le premier
    vol de l’aigle.“ „Vol“ heißt Flug, aber auch Raub.

    Ludwig XV. wünschte den Witz eines seiner Hofherren, von
    dessen Talent man ihm erzählt hatte, auf die Probe zu stellen;
    bei der ersten Gelegenheit befiehlt er dem Kavalier, einen Witz
    zu machen über ihn selbst; er selbst, der König, wolle „Sujet“
    dieses Witzes sein. Der Hofmann antwortete mit dem geschickten
    Bonmot: „Le roi n’est pas sujet.“ „Sujet“ heißt ja auch Un-
    tertan.

  • S.

    38

    Der Witz

    Der Arzt, der vom Krankenbett der Frau weggeht, sagt zu dem
    ihn begleitenden Ehemanne kopfschüttelnd: Die Frau gefällt
    mir nicht. Mir gefällt sie schon lange nicht, beeilt sich dieser
    zuzustimmen.

    Der Arzt bezieht sich natürlich auf den Zustand der Frau, er
    hat aber seine Besorgnis um die Kranke in solchen Worten aus-
    gedrückt, daß der Mann in ihnen die Bestätigung seiner ehelichen
    Abneigung finden kann.

    Von einer satirischen Komödie sagte Heine: „Diese Satire
    wäre nicht so bissig geworden, wenn der Dichter mehr zu beißen
    gehabt hätte.“ Dieser Witz ist eher ein Beispiel von metaphori-
    schem und gemeinem Doppelsinn als ein richtiges Wortspiel, aber
    wem läge daran, hier an scharfen Grenzen festzuhalten?

    Ein anderes gutes Wortspiel wird bei den Autoren (Heymans,
    Lipps) in einer Form erzählt, durch die ein Verständnis desselben
    verhindert wird.1 Die richtige Fassung und Einkleidung fand ich
    unlängst in einer sonst wenig brauchbaren Sammlung von Witzen.2

    „Saphir kam einst mit Rothschild zusammen. Sie hatten

    1) „Wenn Saphir“, so sagt Heymans, „einem reichen Gläubiger, dem er einen
    Besuch abstattet, auf die Frage: Sie kommen wohl um die 300 Gulden, antwortet:
    Nein, Sie kommen um die 300 Gulden, so ist eben dasjenige, was er meint, in einer
    sprachlich vollkommen korrekten und auch keineswegs ungewöhnlichen Form ausge-
    drückt.1 In der Tat ist es so: Die Antwort Saphirs ist an sich betrachtet in
    schönster Ordnung. Wir verstehen auch, was er sagen will, nämlich daß er seine
    Schuld nicht zu bezahlen beabsichtige. Aber Saphir gebraucht dieselben Worte, die
    vorher von seinem Gläubiger gebraucht wurden. Wir können also nicht umhin, sie
    auch in dem Sinne zu nehmen, in welchem sie von jenem gebraucht wurden. Und
    dann hat Saphirs Antwort gar keinen Sinn mehr. Der Gläubiger „kommt“ ja über-
    haupt nicht. Er kann ja auch nicht um die 300 Gulden kommen, d. h.: er kann nicht
    kommen, um 300 Gulden zu bringen. Zudem hat er als Gläubiger nicht zu bringen,
    sondern zu fordern. Indem die Worte Saphirs in solcher Weise zugleich als Sinn
    und als Unsinn erkannt werden, entsteht die Komik“ (Lipps, S. 97).
    Nach der obenstehenden, zur Aufklärung vollständig wiedergegebenen Fassung ist
    die Technik dieses Witzes weit einfacher als Lipps meint. Saphir kommt nicht,
    um die 300 Gulden zu bringen, sondern um sie erst von dem Reichen zu holen. Somit
    entfallen die Erörterungen über „Sinn und Unsinn“ in diesem Witz.

    2) Das große Buch der Witze, gesammelt und herausgegeben von Willy Hermann.
    Berlin 1904.

  • S.

    Die Technik des Witzes

    39

    kaum ein Weilchen miteinander geplaudert, als Saphir sagte:
    „Hören Sie, Rothschild, meine Kasse ist dünn geworden, Sie
    könnten mir 100 Dukaten pumpen.“ „Je nun,“ erwiderte Roth-
    schild, „darauf soll es mir nicht ankommen, aber nur unter der
    Bedingung, daß Sie einen Witz machen.“ „Darauf soll’s mir
    ebenfalls nicht ankommen“, versetzte Saphir. „Gut, so kommen
    Sie morgen auf mein Bureau.“ Saphir stellte sich pünktlich ein.
    „Ach,“ sagte Rothschild, als er den Eintretenden gewahrte.
    „Sie kommen um Ihre 100 Dukaten.“ „Nein,“ erwiderte
    dieser, „Sie kommen um Ihre 100 Dukaten, da es mir bis
    zum Jüngsten Tage nicht einfallen wird, sie wieder zu bezahlen.““

    „Was stellen diese Statuen vor?“ fragt ein Fremder einen
    einheimischen Berliner angesichts einer Front von Denkmälern
    auf einem öffentlichen Platz. „Je nu,“ antwortet dieser, „e n t-
    weder das rechte oder das linke Bein.“¹

    Heine in der Harzreise: „Auch sind mir in diesem Augen-
    blicke nicht alle Studentennamen im Gedächtnisse und unter den
    Professoren sind manche, die noch gar keinen Namen haben.“

    Wir üben uns vielleicht in der diagnostischen Differenzierung,
    wenn wir hier einen anderen allbekannten Professorenwitz an-
    schließen. „Der Unterschied zwischen ordentlichen und außer-
    ordentlichen Professoren besteht darin, daß die ordentlichen
    nichts außerordentliches und die außerordentlichen nichts
    ordentliches leisten.“ Das ist gewiß ein Spiel mit den zwei
    Bedeutungen der Worte „ordentlich“ und „außerordentlich“, in
    und außer der ordo (dem Stande) einerseits und tüchtig, beziehungs-
    weise hervorragend, anderseits. Die Übereinstimmung dieses Witzes
    aber mit anderen uns bekanntgewordenen Beispielen mahnt uns
    daran, daß hier die mehrfache Verwendung weit auffälliger ist als
    der Doppelsinn. Man hört ja in dem Satz nichts anderes als das
    immer wiederkehrende „ordentlich“, bald als solches, bald

    ¹⁾ Weiteres zur Analyse dieses Wortspiels siehe unten.

  • S.

    40

    negativ modifiziert (vgl. S. 32). Außerdem ist hier wiederum das
    Kunststück vollbracht, einen Begriff durch seinen Wortlaut zu
    definieren (vgl. Eifersucht ist eine Leidenschaft usw.), genauer
    beschrieben, zwei korrelative Begriffe durcheinander, wenn auch
    negativ, zu definieren, was eine kunstvolle Verschränkung ergibt.
    Endlich kann man den Gesichtspunkt der Unifizierung auch hier
    hervorheben, die Herstellung eines innigeren Zusammenhanges
    zwischen den Elementen der Aussage, als man nach deren Natur
    zu erwarten ein Recht hätte.

    Heine in der Harzreise: „Der Pedell Sch. grüßte mich sehr
    kollegialisch, denn er ist ebenfalls Schriftsteller und hat meiner
    in seinen halbjährigen Schriften oft erwähnt; wie er mich denn
    auch außerdem oft zitiert hat, und wenn er mich nicht zu
    Hause fand, immer so gütig war, die Zitation mit Kreide auf
    meine Stubentür zu schreiben.“

    Der „Wiener Spaziergänger“ Daniel Spitzer fand für einen
    sozialen Typus, der zur Zeit des Gründertums blühte, die lakonische,
    aber gewiß auch sehr witzige, biographische Charakteristik:

    „Eiserne Stirne — eiserne Kasse — eiserne Krone.“ (Letz-
    teres ein Orden, mit dessen Verleihung der Adelsstand verknüpft
    war.) Eine ganz ausgezeichnete Unifizierung, alles gleichsam aus
    Eisen! Die verschiedenen, aber nicht sehr auffällig miteinander
    kontrastierenden Bedeutungen des Beiwortes „eisern“ ermöglichen
    diese „mehrfachen Verwendungen“.

    Ein anderes Wortspiel mag uns den Übergang zu einer neuen
    Unterart der Doppelsinntechnik erleichtern. Der auf S. 37 er-
    wähnte witzige Kollege ließ sich zur Zeit des Dreyfushandels den
    Witz zuschulden kommen:

    „Dieses Mädchen erinnert mich an Dreyfus. Die Armee glaubt
    nicht an ihre Unschuld.“

    Das Wort „Unschuld“, auf dessen Doppalsinn der Witz auf-
    gebaut ist, hat in dem einen Zusammenhang den gebräuchlichen
    Sinn mit. dem Gegensatz: Verschulden, Verbrechen, in dem anderen

  • S.

    Die Technik des Witzes41

    aber einen sexuellen Sinn, dessen Gegensatz sexuelle Erfahrung
    ist. Nun gibt es sehr viele derartige Beispiele von Doppelsinn,
    und in ihnen allen kommt es für die Wirkung des Witzes ganz
    besonders auf den sexuellen Sinn an. Man könnte für diese
    Gruppe etwa die Bezeichnung „Zweideutigkeit“ reservieren.

    Ein ausgezeichnetes Beispiel solch eines zweideutigen Witzes
    ist der auf Seite 32 mitgeteilte von D. Spitzer:
    „Nach der Ansicht der einen soll der Mann viel verdient
    und sich dabei etwas zurückgelegt haben, nach anderen
    wieder soll sich die Frau etwas zurückgelegt und dabei
    viel verdient haben.“

    Vergleicht man aber dieses Beispiel von Doppelsinn mit Zwei-
    deutigkeit mit anderen, so fällt ein Unterschied ins Auge, der
    für die Technik nicht ganz belanglos ist. In dem Witz von der
    „Unschuld“ liegt der eine Sinn des Wortes unserem Erfassen
    ebenso nahe wie der andere; man wüßte wirklich nicht zu unter-
    scheiden, ob die sexuelle oder die nichtsexuelle Bedeutung des
    Wortes die gebräuchlichere und uns vertrautere ist. Anders in
    dem Beispiel von D. Spitzer; in diesem ist der eine, banale,
    Sinn der Worte „sich etwas zurückgelegt“ der bei weitem auf-
    dringlichere, verdeckt und versteckt gleichsam den sexuellen Sinn,
    der einem Arglosen etwa gar entgehen könnte. Setzen wir zum
    scharfen Gegensatz ein anderes Beispiel von Doppelsinn hin, in
    dem auf solches Verstecken der sexuellen Bedeutung verzichtet
    ist, z. B. Heines Charakterschilderung einer gefälligen Dame:
    „Sie konnte nichts abschlagen außer ihr Wasser.“ Es klingt
    wie eine Zote, der Eindruck des Witzes kommt kaum zur Geltung.1
    Nun kann die Eigentümlichkeit, daß die beiden Bedeutungen des


    1) Vergl. hiezu K. Fischer (S. 85), der für solche doppelsinnige Witze, in denen
    die beiden Bedeutungen nicht gleichmäßig im Vordergrunde stehen, sondern die eine
    hinter der anderen, den Namen „Zweideutigkeit“ beansprucht, den ich oben anders
    verwendet habe. Solche Namengebung ist Sache des Übereinkommens, der Sprachge-
    brauch hat keine sichere Entscheidung getroffen.

  • S.

       

            42         Der Witz    

       

    Doppelsinnes uns nicht gleich naheliegen, auch bei Witzen ohne
            sexuelle Beziehung vorkommen, sei es, daß der eine Sinn der an
            sich gebräuchlichere ist, sei es, daß er durch den Zusammen-
            hang mit den anderen Teilen des Satzes vorangestellt wird (z. B.
            c'est le premier vol de l'aigle); alle diese Fälle schlage ich vor
            als Doppelsinn mit Anspielung zu bezeichnen.

       

    *

       

    Wir haben bis jetzt bereits eine so große Anzahl verschiedener
            Techniken des Witzes kennengelernt, daß ich fürchten muß, wir
            könnten die Übersicht über dieselben verlieren. Versuchen wir
            darum eine Zusammenstellung derselben:

       

    • I. Die Verdichtung:            

      • a) mit Mischwortbildung,
      • b) mit Modifikationen.

             

    • II. Die Verwendung des nämlichen Materials:            

      • c) Ganzes und Teile,
      • d) Umordnung,
      • e) leichte Modifikation,
      • f) dieselben Worte voll und leer.

             

    • III. Doppelsinn:            

      • g) Name und Sachbedeutung,
      • h) metaphorische und sachliche Bedeutung,
      • i) eigentlicher Doppelsinn (Wortspiel),
      • k) Zweideutigkeit,
      • l) Doppelsinn mit Anspielung.

             

       

    Diese Mannigfaltigkeit wirkt verwirrend. Sie könnte uns miß-
            mutig werden lassen, daß wir uns gerade der Beschäftigung mit
            den technischen Mitteln des Witzes zugewendet haben, und könnte
            uns argwöhnen lassen, daß wir deren Bedeutung für eine Erkennt-
            nis des Wesentlichen am Witze doch überschätzen. Stände dieser
            erleichternden Vermutung nicht die eine unabweisbare Tatsache
            im Wege, daß der Witz jedesmal aufgehoben ist, sobald wir die

  • S.

     

    Die Technik des Witzes

     

    43

     

    Leistung dieser Techniken im Ausdruck wegräumen! Wir werden
        also doch darauf hingewiesen, die Einheit in dieser Mannigfaltigkeit
        zu suchen. Es müßte möglich sein, alle diese Techniken unter
        einen Hut zu bringen. Die zweite und dritte Gruppe zu vereinigen
        ist nicht schwierig, wie wir uns schon gesagt haben. Der Doppel-
        sinn, das Wortspiel ist ja nur der ideale Fall von Verwendung
        des nämlichen Materials. Letzterer ist dabei offenbar der um-
        fassendere Begriff. Die Beispiele von Zerteilung, Umordnung des
        gleichen Materials, mehrfacher Verwendung mit leichter Modi-
        fikation (c, d, e) würden sich dem Begriff des Doppelsinnes nicht
        ohne Zwang unterordnen. Aber welche Gemeinsamkeit gibt es
        zwischen der Technik der ersten Gruppe — Verdichtung mit
        Ersatzbildung — und jener der beiden anderen, mehrfache Ver-
        wendung des nämlichen Materials?

     

    Nun, eine sehr einfache und deutliche, sollt' ich meinen. Die
        Verwendung des nämlichen Materials ist ja nur ein Spezialfall
        der Verdichtung; das Wortspiel ist nichts anderes als eine Ver-
        dichtung ohne Ersatzbildung; die Verdichtung bleibt die über-
        geordnete Kategorie. Eine zusammendrängende oder richtiger
        ersparende Tendenz beherrscht alle diese Techniken. Es scheint
        alles Sache der Ökonomie zu sein, wie Prinz Hamlet sagt
        (Thrift, Horatio, Thrift!).

     

    Machen wir die Probe auf diese Ersparnis an den einzelnen
        Beispielen. „C'est le premier vol de l'aigle.“ Das ist der erste
        Flug des Adlers. Ja, aber es ist ein Raubausflug. Vol bedeutet
        zum Glück für die Existenz dieses Witzes sowohl „Flug“ als auch
        „Raub“. Ist dabei nichts verdichtet und erspart worden? Gewiß
        der ganze zweite Gedanke, und zwar ist er ohne Ersatz fallen
        gelassen worden. Der Doppelsinn des Wortes vol macht solchen
        Ersatz überflüssig, oder ebenso richtig: Das Wort vol enthält den
        darum einen Zusatz oder eine Abänderung brauchte. Das eben
        ist die Wohltat des Doppelsinnes.

  • S.

      44   Der Witz   
      


    Ein anderes Beispiel: Eiserne Stirne — eiserne Kasse — eiserne

    Krone. Welch außerordentliche Ersparnis gegen eine Ausführung

    des Gedankens, in welcher der Ausdruck das „eisern“ nicht ge-

    funden hätte! „Mit der nötigen Frechheit und Gewissenlosigkeit ist

    es nicht schwer, ein großes Vermögen zu erwerben, und zur Be-

    lohnung für solche Verdienste bleibt natürlich der Adel nicht aus.“

    Ja, in diesen Beispielen ist die Verdichtung, also die Ersparnis,

    unverkennbar. Sie soll aber in allen nachweisbar sein. Wo steckt

    nun die Ersparnis in solchen Witzen wie Rousseau — roux et

    sot, Antigone — antik? o — nee, in denen wir zuerst die

    Verdichtung vermißt haben, die uns vor allem bewogen haben, die

    Technik der mehrfachen Verwendung des nämlichen Materials auf-

    zustellen? Hier würden wir allerdings mit der Verdichtung nicht

    durchkommen, aber wenn wir diese mit dem ihr übergeordneten

    Begriff der „Ersparnis“ vertauschen, geht es ohne Schwierigkeit.

    Was wir in den Beispielen Rousseau, Antigone usw. ersparen,

    ist leicht zu sagen. Wir ersparen es, eine Kritik zu äußern, ein

    Urteil zu bilden, beides ist im Namen selbst schon gegeben. Im

    Beispiel der Leidenschaft — Eifersucht ersparen wir es uns, eine

    Definition mühsam zusammenzustellen: Eifersucht, Leidenschaft

    und — Eifer sucht, Leiden schafft; die Füllworte dazu und die

    Definition ist fertig. Ähnliches gilt für alle anderen bisher analy-

    sierten Beispiele. Wo am wenigsten erspart wird, wie in dem

    Wortspiel von Saphir: „Sie kommen um Ihre 100 Dukaten“, da

    wird wenigstens erspart, den Wortlaut der Antwort neu zu bilden;

    der Wortlaut der Anrede genügt auch zur Antwort. Es ist wenig,

    aber nur in diesem Wenigen liegt der Witz. Die mehrfache Ver-

    wendung der nämlichen Worte zur Anrede wie zur Antwort gehört

    gewiß zum „Sparen“. Ganz, wie Hamlet die rasche Aufeinander-

    folge des Todes seines Vaters und der Hochzeit seiner Mutter

    aufgefaßt sehen will:

    „Das Gebackene

    Vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln.“

  • S.

     

        Die Technik des Witzes     45  

      


     

        Ehe wir aber die „Tendenz zur Ersparnis“ als den allgemein-
        sten Charakter der Witztechnik annehmen und die Fragen stellen,
        woher sie stammt, was sie bedeutet und wieso der Lustgewinn
        des Witzes aus ihr entspringt, wollen wir einem Zweifel Raum
        gönnen, der ein Recht hat, angehört zu werden. Mag es sein,
        daß jede Witztechnik die Tendenz zeigt, mit dem Ausdruck zu
        sparen, aber die Beziehung ist nicht umkehrbar. Nicht jede Er-
        sparung am Ausdruck, jede Kürzung, ist darum auch witzig.
        Wir standen schon einmal an dieser Stelle, damals als wir noch
        bei jedem Witz den Verdichtungsvorgang nachzuweisen hofften,
        und damals machten wir uns den berechtigten Einwand, ein
        Lakonismus sei noch kein Witz. Es müßte also eine besondere
        Art von Verkürzung und von Ersparnis sein, an welcher der
        Charakter des Witzes hinge, und solange wir diese Besonderheit
        nicht kennen, bringt uns die Auffindung des Gemeinsamen in der
        Witztechnik der Lösung unserer Aufgabe nicht näher. Außerdem
        finden wir den Mut zu bekennen, daß die Ersparungen, welche
        die Witztechnik macht, uns nicht zu imponieren vermögen. Sie
        erinnern vielleicht an die Art, wie manche Hausfrauen sparen,
        wenn sie, um einen entlegenen Markt aufzusuchen, Zeit und
        Geld für die Fahrt aufwenden, weil dort das Gemüse um einige
        Heller wohlfeiler zu haben ist. Was erspart sich der Witz durch
        seine Technik? Einige neue Worte zusammenzufügen, die sich
        meist mühelos ergeben hätten; anstatt dessen muß er sich die
        Mühe geben, das eine Wort aufzusuchen, welches ihm beide
        Gedanken deckt; ja, er muß oft erst den Ausdruck des einen
        Gedankens in eine nicht gebräuchliche Form umwandeln, bis diese
        ihm den Anhalt zur Zusammenfassung mit dem zweiten Gedanken
        ergeben kann. Wäre es nicht einfacher, leichter und eigentlich
        sparsamer gewesen, die beiden Gedanken so auszudrücken, wie es
        sich eben trifft, auch wenn dabei keine Gemeinsamkeit des Aus-
        druckes zustande kommt? Wird die Ersparnis an geäußerten
        Worten nicht durch den Aufwand an intellektueller Leistung  

  • S.

    46                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             *                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 The following is a list of the most common and important terms related to the topic of "undefined". Each term is accompanied by a brief definition to help you understand its meaning and context.

    Undefined: In mathematics, an undefined expression is one that does not have a meaningful value. This can occur for several reasons, such as division by zero, taking the square root of a negative number (in the real number system), or attempting to evaluate certain limits. It's important to distinguish "undefined" from "indeterminate," which refers to expressions that can take on various values depending on how they are approached (e.g., 0/0 or ∞/∞).

    Division by Zero: This is the most common and fundamental way an expression becomes undefined. Any number divided by zero is undefined. For example, 5/0 is undefined. This is because if you multiply zero by any finite number, you will always get zero, never 5. Therefore, there is no number that, when multiplied by zero, equals 5.

    Square Root of a Negative Number: In the real number system, the square root of a negative number is undefined. This is because no real number, when multiplied by itself, can result in a negative number. For example, √(-4) is undefined in the real number system. However, in the complex number system, such expressions are defined using the imaginary unit 'i', where i² = -1.

    Logarithm of Zero or a Negative Number: The logarithm of zero or any negative number is undefined in the real number system. The logarithm function, log_b(x), is defined only for positive values of x (x > 0) and a positive base b (b > 0) not equal to 1. This is because a logarithm represents the power to which the base must be raised to produce the number, and no real power of a positive base can result in zero or a negative number.

    Tangent of π/2 + nπ: The tangent function, tan(x), is undefined at odd multiples of π/2 (e.g., π/2, 3π/2, -π/2, etc.). This is because tan(x) = sin(x)/cos(x), and at these angles, cos(x) = 0, leading to division by zero. Graphically, the tangent function has vertical asymptotes at these points.

    Asymptote: An asymptote is a line that a curve approaches as it heads towards infinity. In the context of undefined expressions, vertical asymptotes often occur at x-values where a function is undefined (e.g., where the denominator of a rational function is zero). This indicates that the function's value approaches positive or negative infinity as x approaches that specific value.

    Limit (Undefined vs. Does Not Exist): While "undefined" often refers to a specific value of a function, in the context of limits, a limit can "not exist." A limit does not exist if the function approaches different values from the left and right, or if it oscillates infinitely, or if it approaches infinity (though sometimes "limit is infinity" is used to describe this behavior). An undefined value at a point does not necessarily mean the limit at that point does not exist; the limit might exist if the function approaches a specific value from both sides, even if the function itself is undefined at that exact point (e.g., a hole in the graph).

    Indeterminate Forms: These are expressions that arise in the context of limits and do not immediately provide enough information to determine the limit's value. Common indeterminate forms include 0/0, ∞/∞, 0 × ∞, ∞ - ∞, 1^∞, 0^0, and ∞^0. These forms require further analysis, often using techniques like L'Hôpital's Rule or algebraic manipulation, to find the actual limit, which may or may not be a defined number.

    Domain of a Function: The domain of a function is the set of all possible input values (x-values) for which the function is defined. When an expression is undefined for certain values, those values are excluded from the function's domain. For example, the domain of f(x) = 1/x is all real numbers except x=0.

    Range of a Function: The range of a function is the set of all possible output values (y-values) that the function can produce. While "undefined" primarily relates to the input (domain) where a function cannot be evaluated, the concept of undefined outputs can indirectly affect the range if certain values are never reached or are excluded due to the function's behavior (e.g., asymptotes).

  • S.

    47

    Besonders gern modifiziert der Witz einen der Vokale des
    Wortes, z. B.: Von einem kaiserfeindlichen italienischen Dichter,
    der dann doch genötigt war, einen deutschen Kaiser in Hexametern
    zu besingen, sagt Hevesi (Almanaccando), Reisen in Italien,
    S. 87): Da er die Cäsaren nicht auszurotten vermag, merzt
    er wenigstens die Cäsuren aus.

    Bei der Fülle von Kalauern, die uns zur Verfügung stünden,
    hat es vielleicht noch ein besonderes Interesse, ein wirklich
    schlechtes Beispiel hervorzuheben, das Heine zur Last fällt.
    Nachdem er sich (Buch Le Grand, Kapit. V) durch lange Zeit
    vor seiner Dame als „indischer Prinz“ gebärdet, wirft er dann
    die Maske ab und gesteht: „Madame! Ich habe Sie belogen...
    Ich war ebensowenig jemals in Kalkutta, wie der Kalkuten-
    braten, den ich gestern mittag gegessen.“ Offenbar liegt der
    Fehler dieses Witzes darin, daß die beiden ähnlichen Worte nicht
    mehr bloß ähnlich, sondern eigentlich identisch sind. Der Vogel,
    dessen Braten er gegessen, heißt so, weil er aus dem nämlichen
    Kalkutta stammt oder stammen soll.

    K. Fischer hat diesen Formen des Witzes große Aufmerksam-
    keit geschenkt und will sie von den „Wortspielen“ scharf getrennt
    wissen (S. 78). „Das calembour ist das schlechte Wortspiel, denn
    es spielt mit dem Wort nicht als Wort, sondern als Klang.“ Das
    Wortspiel aber „geht von dem Klange des Wortes in das Wort
    selbst ein“. Anderseits zählt er auch Witze wie „famillionär“,
    Antigone (antik? O nee) usw. zu den Klangwitzen. Ich sehe keine
    Nötigung, ihm hierin zu folgen. Auch im Wortspiel ist das Wort
    für uns nur ein Klangbild, mit dem sich dieser oder jener Sinn
    verbindet. Der Sprachgebrauch macht aber auch hier wieder keine
    scharfen Unterschiede, und wenn er den „Kalauer“ mit Miß-
    achtung, das „Wortspiel“ mit einem gewissen Respekt behandelt,
    so scheinen diese Wertungen durch andere als technische Gesichts-
    punkte bedingt zu sein. Man achte einmal darauf, welcher Art
    die Witze sind, die man als „Kalauer“ zu hören bekommt. Es

  • S.

     

    48

     

    Der Witz

     

    gibt Personen, welche die Gabe besitzen, wenn sie in aufgeräum-
    ter Stimmung sind, durch längere Zeit jede an sie gerichtete
    Rede mit einem Kalauer zu beantworten. Einer meiner Freunde,
    sonst das Muster der Bescheidenheit, wenn seine ernsthaften
    Leistungen in der Wissenschaft in Rede stehen, pflegt dergleichen
    auch von sich zu rühmen. Als die Gesellschaft, die er einst so in
    Atem erhielt, der Verwunderung über seine Ausdauer Ausdruck
    gab, sagte er: „Ja, ich liege hier auf der Ka-Lauer“, und als
    man ihn bat endlich aufzuhören, stellte er die Bedingung, daß
    man ihm zum Poeta Ka-laureatus ernenne. Beides sind aber
    vertreffliche Verdichtungswitze mit Mischwortbildung. (Ich liege
    hier auf der Lauer, um Kalauer zu machen.)

    Jedenfalls aber entnehmen wir schon aus den Streitigkeiten
    über die Abgrenzung von Kalauer und Wortspiel, daß ersterer
    uns nicht zur Kenntnis einer völlig neuen Witztechnik verhelfen
    kann. Wenn beim Kalauer auch der Anspruch auf die mehrsinnige
    Verwendung des nämlichen Materials aufgegeben ist, so fällt doch
    der Akzent auf das Wiederfinden des Bekannten, auf die Über-
    einstimmung der beiden dem Kalauer dienenden Worte, und
    somit ist dieser nur eine Unterart der Gruppe, die im eigent-
    lichen Wortspiel ihren Gipfel erreicht.

    *

    Es gibt aber wirklich Witze, deren Technik fast jegliche An-
    knüpfung an die der bisher betrachteten Gruppen vermissen läßt.

    Man erzählt von Heine, daß er sich eines Abends in einem
    Pariser Salon mit dem Dichter Soulié befunden und unterhalten
    habe, unterdessen tritt einer jener Pariser Geldkönige in den Saal,
    die man nicht bloß um des Geldes willen mit Midas vergleicht,
    und sieht sich bald von einer Menge umringt, die ihn mit größter
    Ehrerbietung behandelt. „Sehen Sie doch,“ sagt Soulié zu Heine,
    „wie dort das neunzehnte Jahrhundert das goldene Kalb anbetet.“
    Mit einem Blick auf den Gegenstand der Verehrung antwortet

  • S.

    Die Technik des Witzes49

    Heine, gleichsam berichtigend: „Oh, der muß schon älter
    sein“ (K. Fischer, S. 82).

    Worin ist nun die Technik dieses ausgezeichneten Witzes ge-
    legen? In einem Wortspiel, meint K. Fischer: „So kann z. B.
    das Wort „goldenes Kalb“ den Mammon und auch den Götzen-
    dienst bedeuten, im ersten Falle ist das Gold, im zweiten das
    Tierbild die Hauptsache; es kann auch dazu dienen, um nicht
    eben schmeichelhaft jemand zu bezeichnen, der sehr viel Geld
    und sehr wenig Verstand hat“ (S. 82). Wenn wir die Probe
    machen und den Ausdruck „goldenes Kalb“ wegschaffen, heben
    wir allerdings auch den Witz auf. Wir lassen dann Soulié sagen:
    „Sehen Sie doch, wie die Leute den dummen Kerl umschwärmen,
    bloß weil er reich ist“, und das ist freilich gar nicht mehr witzig.
    Heines Antwort wird dann auch unmöglich.

    Aber wir wollen uns besinnen, daß es ja sich gar nicht um
    den etwa witzigen Vergleich Souliés, sondern um die Antwort
    Heines handelt, die gewiß weit witziger ist. Dann haben wir
    kein Recht, an die Phrase vom goldenen Kalb zu rühren, dieselbe
    bleibt als Voraussetzung für die Worte Heines bestehen und die
    Reduktion darf nur diese letzteren betreffen. Wenn wir diese
    Worte: „Oh, der muß schon älter sein“, ausführen, können wir
    sie nur etwa so ersetzen: „Oh, das ist kein Kalb mehr, das ist
    schon ein ausgewachsener Ochs.“ Für den Witz Heines erübrigte
    also, daß er das „goldene Kalb“ nicht mehr metaphorisch, sondern
    persönlich genommen, auf den Geldmenschen selbst bezogen hätte.
    Wenn dieser Doppelsinn nicht etwa schon in der Meinung Souliés
    enthalten war!

    Wie aber? Nun glauben wir zu bemerken, daß diese Reduktion
    den Witz Heines nicht völlig vernichtet, vielmehr dessen Wesent-
    liches unangetastet gelassen habe. Es lautet jetzt so, daß Soulié
    sagt: „Sehen Sie doch, wie dort das neunzehnte Jahrhundert das
    goldene Kalb anbetet!“ und Heine zur Antwort gibt: „Oh, das
    ist kein Kalb mehr, das ist schon ein Ochs.“ Und in dieser redu-4
    Freud, IX.

  • S.

    50

    zierten Fassung ist es noch immer ein Witz. Eine andere Reduktion
    der Worte Heines ist aber nicht möglich.

    Schade, daß dieses schöne Beispiel so komplizierte technische
    Bedingungen enthält. Wir können an ihm zu keiner Klärung
    kommen, verlassen es darum und suchen uns ein anderes, in dem
    wir eine innere Verwandtschaft mit dem vorigen zu verspüren
    glauben.

    Es sei einer der „Badewitze“, welche die Badescheu der Juden
    in Galizien behandeln. Wir verlangen nämlich keinen Adelsbrief
    von unseren Beispielen, wir fragen nicht nach ihrer Herkunft,
    sondern nur nach ihrer Tüchtigkeit, ob sie uns zum Lachen zu
    bringen vermögen und ob sie unseres theoretischen Interesses
    würdig sind. Beiden diesen Anforderungen entsprechen aber gerade
    die Judenwitze am besten.

    Zwei Juden treffen in der Nähe des Badehauses zusammen.
    „Hast du genommen ein Bad?“ fragt der eine. „Wieso?“
    fragt der andere dagegen, „fehlt eins?“

    Wenn man über einen Witz recht herzlich lacht, ist man nicht
    gerade in der geeignetsten Disposition, um seiner Technik nach-
    zuforschen. Darum bereitet es einige Schwierigkeiten, sich in diese
    Analysen hineinzufinden. „Das ist ein komisches Mißverständnis“,
    drängt sich uns auf. — Gut, aber die Technik dieses Witzes? —
    Offenbar der doppelsinnige Gebrauch des Wortes nehmen. Für den
    einen ist „nehmen“ das farblos gewordene Hilfswort; für den
    anderen das Verbum mit unabgeschwächter Bedeutung. Also ein
    Fall von „voll“ und „leer“ nehmen desselben Wortes (Gruppe II, f).
    Ersetzen wir den Ausdruck „ein Bad genommen“ durch den gleich-
    wertigen einfacheren „gebadet“, so Fällt der Witz weg. Die Antwort
    paßt nicht mehr. Der Witz haftet also wiederum am Ausdruck
    „genommen ein Bad“.

    Ganz richtig, doch scheint es, daß auch in diesem Falle die
    Reduktion an unrichtiger Stelle angesetzt hat. Der Witz liegt
    nicht in der Frage, sondern in der Antwort, in der Gegenfrage:

  • S.

     

    Die Technik des Witzes 51

     

    „Wieso? Fehlt eins?“ Und diese Antwort ist ihres Witzes durch

     

    keine Erweiterung oder Veränderung, die nur ihren Sinn ungestört

     

    läßt, zu berauben. Auch haben wir den Eindruck, daß in

     

    der Antwort des zweiten Juden das Übersehen des Bedeut-

     

    samer ist als das Mißverständnis des Wortes „nehmen“. Aber wir

     

    sehen auch hier noch nicht klar und wollen ein drittes Beispiel

     

    suchen.

     

    Wiederum ein Judenwitz, an dem aber nur das Beiwerk jüdisch

     

    ist, der Kern ist allgemein menschlich. Gewiß hat auch dieses

     

    Beispiel seine unerwünschten Komplikationen, aber zum Glück

     

    nicht diejenigen, welche uns bisher klar zu sehen verhindert haben.

     

    „Ein Verarmter hat sich von einem wohlhabenden Bekannten

     

    unter vielen Beteuerungen seiner Notlage 25 fl. geborgt. Am

     

    selben Tage noch trifft ihn der Gönner im Restaurant vor einer

     

    Schüssel Lachs mit Mayonnaise. Er macht ihm Vorwürfe: „Wie,

     

    Sie borgen sich Geld von mir aus und dann bestellen Sie sich

     

    Lachs mit Mayonnaise. Dazu haben Sie mein Geld gebraucht?“

     

    „Ich verstehe Sie nicht,‘ antwortet der Beschuldigte, „wenn ich

     

    kein Geld habe, kann ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise,

     

    wenn ich Geld habe, darf ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise.

     

    Also wann soll ich eigentlich essen Lachs mit Mayon-

     

    naise?“

     

    Hier ist endlich nichts mehr von Doppelsinn zu entdecken.

     

    Auch die Wiederholung von „Lachs mit Mayonnaise“ kann nicht

     

    die Technik des Witzes enthalten, denn sie ist nicht „mehrfache

     

    Verwendung“ desselben Materials, sondern durch den Inhalt ge-

     

    forderte wirkliche Wiederholung des Identischen. Wir dürfen vor

     

    dieser Analyse eine Weile ratlos bleiben, werden vielleicht zur

     

    Ausflucht greifen wollen, der Anekdote, die uns lachen machte,

     

    den Charakter des Witzes zu bestreiten.

     

    Was läßt sich sonst Bemerkenswertes über die Antwort des

     

    Verarmten sagen? Daß ihr in eigentlich auffälliger Weise der

     

    Charakter des Logischen verliehen ist. Mit Unrecht aber, die

     

    *

  • S.

        52     Der Witz

    Antwort ist ja unlogisch. Der Mann verteidigt sich dagegen, daß
    er das ihm geliehene Geld für den Leckerbissen verwendet hat,
    und fragt mit einem Schein von Recht — wann er denn eigent-
    lich Lachs essen darf. Aber das ist gar nicht die richtige Antwort;
    der Geldgeber wirft ihm nicht vor, daß er sich den Lachs gerade
    an dem Tage gegönnt, an dem er sich das Geld geborgt, sondern
    mahnt ihn daran, daß er in seinen Verhältnissen überhaupt
    nicht das Recht habe, an solche Leckerbissen zu denken. Diesen
    einzig möglichen Sinn des Vorwurfes läßt der verarmte Bonvivant
    unberücksichtigt, antwortet, als ob er den Vorwurf mißverstanden
    hätte, auf etwas anderes.

    Wenn nun gerade in dieser Ablenkung der Antwort von
    dem Sinn des Vorwurfes die Technik dieses Witzes gelegen wäre?
    Eine ähnliche Veränderung des Standpunktes, Verschiebung des
    psychischen Akzents wäre dann vielleicht auch in den beiden
    früheren Beispielen, die wir als verwandt empfunden haben, nach-
    zuweisen.

    Siehe da, dieser Nachweis gelingt ganz leicht und deckt in
    der Tat die Technik dieser Beispiele auf. Soulié macht Heine
    darauf aufmerksam, daß die Gesellschaft im neunzehnten Jahr-
    hundert das „goldene Kalb“ anbetet, geradeso wie einst das Volk
    der Juden in der Wüste. Dazu paßte eine Antwort von Heine
    etwa wie: „Ja, so ist die menschliche Natur, die Jahrtausende
    haben an ihr nichts geändert“, oder irgend etwas anderes Bei-
    pflichtendes. Heine lenkt aber in seiner Antwort von dem ange-
    regten Gedanken ab, er antwortet überhaupt nicht darauf, er
    bedient sich des Doppelsinnes, dessen die Phrase „goldenes Kalb“
    fähig ist, um einen Seitenweg einzuschlagen, greift den einen
    Bestandteil der Phrase, das „Kalb“, auf und antwortet, als ob
    auf dieses der Akzent in der Rede Souliés gefallen wäre: „Oh,
    das ist kein Kalb mehr“ usw.¹


    ¹ I) Die Antwort Heines ist eine Kombination von zwei Witztechniken, einer Ab-
    lenkung mit einer Anspielung. Er sagt ja nicht direkt: Das ist ein Ochs.

  • S.

    Die Technik des Witzes53

    Noch deutlicher ist die Ablenkung im Badewitz. Dieses Beispiel
    fordert eine graphische Darstellung heraus.

    Der erste fragt: „Hast du genommen ein Bad?“ Der Akzent
    ruht auf dem Element Bad.

    Der zweite antwortet, als hätte die Frage gelautet: „Hast du
    genommen ein Bad?“

    Der Wortlaut „genommen ein Bad?“ soll nur diese Verschie-
    bung des Akzents ermöglichen. Lautete es: „Hast du gebadet?“
    so wäre ja jede Verschiebung unmöglich. Die unwitzige Antwort
    wäre dann: „Gebadet? Was meinst du? Ich weiß nicht, was das
    ist.“ Die Technik des Witzes aber liegt in der Verschiebung des
    Akzents von „Baden“ auf „nehmen“.1

    Kehren wir zum Beispiel „Lachs mit Mayonnaise“ als dem
    reinsten zurück. Das Neue an demselben darf uns nach ver-
    schiedenen Richtungen beschäftigen. Zunächst müssen wir die
    hier aufgedeckte Technik mit einem Namen belegen. Ich schlage
    vor, sie als Verschiebung zu bezeichnen, weil das Wesentliche
    an ihr die Ablenkung des Gedankenganges, die Verschiebung des
    psychischen Akzents auf ein anderes als das angefangene Thema
    ist. Sodann obliegt uns die Untersuchung, in welchem Verhältnis
    die Verschiebungstechnik zum Ausdruck des Witzes steht. Unser
    Beispiel (Lachs mit Mayonnaise) läßt uns erkennen, daß der Ver-
    schiebungswitz in hohem Grade unabhängig vom wörtlichen Aus-
    druck ist. Er hängt nicht am Worte, sondern am Gedankengange.
    Um ihn wegzuschaffen, fruchtet uns keine Ersetzung der Worte
    bei Festhaltung des Sinnes der Antwort. Die Reduktion ist nur
    möglich, wenn wir den Gedankengang abändern und den Fein-

    1) Das Wort „nehmen“ eignet sich infolge seiner vielseitigen Gebrauchsfähigkeiten
    sehr gut für die Herstellung von Wortspielen, von denen ich ein reines Beispiel zum
    Gegensatz gegen den obenstehenden Verschiebungswitz mitteilen will: „Ein bekannter
    Börsenspekulant und Bankdirektor geht mit einem Freunde über die Ringstraße
    spazieren. Vor einem Kaffeehaus macht er diesem den Vorschlag: ‚Gehen wir hinein
    und nehmen wir etwas.‘ Der Freund hält ihn zurück: ‚Aber Herr Hofrat, es sind
    doch Leute darin.‘“

  • S.

    54 Der Witz

    schmecker auf den Vorwurf direkt antworten lassen, welchem
    er in der Fassung des Witzes ausgewichen ist. Die reduzierte
    Fassung würde dann lauten: „Was mir schmeckt, kann ich
    mir nicht versagen, und woher ich das Geld dafür nehme, ist
    mir gleichgültig. Da haben Sie die Erklärung, warum ich ge-
    rade heute Lachs mit Mayonnaise esse, nachdem Sie mir Geld
    geliehen haben.“ — Das wäre aber kein Witz, sondern ein
    Zynismus.

    Es ist lehrreich, diesen Witz mit einem ihm dem Sinne nach
    sehr nahestehenden zu vergleichen:

    Ein Mann, der dem Trunk ergeben ist, ernährt sich in einer
    kleinen Stadt durch Lektionengeben. Sein Laster wird aber all-
    mählich bekannt, und er verliert infolgedessen die meisten seiner
    Schüler. Ein Freund wird beauftragt, ihn zur Besserung zu
    mahnen. „Sehen Sie, Sie könnten die schönsten Lektionen in der
    Stadt haben, wenn Sie das Trinken aufgeben wollten. Also tun
    Sie’s doch.“ — „Wie kommen Sie mir vor?“ ist die entrüstete
    Antwort. „Ich geb’ Lektionen, damit ich trinken kann;
    soll ich das Trinken aufgeben, damit ich Lektionen
    bekomme!“

    Auch dieser Witz trägt den Anschein von Logik, der uns bei
    „Lachs mit Mayonnaise“ aufgefallen ist, aber er ist kein Ver-
    schiebungswitz mehr. Die Antwort ist eine direkte. Der Zynismus,
    der dort verhüllt ist, wird hier offen eingestanden. — „Das Trinken
    ist mir ja die Hauptsache.“ Die Technik dieses Witzes ist eigentlich
    recht armselig und kann uns dessen Wirkung nicht erklären,
    sie liegt nur in der Umordnung des gleichen Materials, strenger
    genommen in der Umkehrung der Mittel- und Zweck-Relation
    zwischen dem Trinken und dem Lektionengeben oder -bekommen.
    Sowie ich in der Reduktion dieses Moment im Ausdruck nicht
    mehr betone, habe ich den Witz verwischt, also etwa so: „Was
    ist das für unsinnige Zumutung? Mir ist doch das Trinken die
    Hauptsache, nicht die Lektionen. Die Lektionen sind für mich

  • S.

    55

    doch nur ein Mittel, um weitertrinken zu können.“ Der Witz
    haftete also wirklich am Ausdruck.

    Im Badewitz ist die Abhängigkeit des Witzes vom Wortlaut
    (Hast du genommen ein Bad?) unverkennbar, und die Abänderung
    desselben bringt die Aufhebung des Witzes mit sich. Die Technik
    ist hier nämlich eine kompliziertere, eine Verbindung von Doppel-
    sinn (von der Unterart f) und Verschiebung. Der “Wortlaut der
    Frage läßt einen Doppelsinn zu, und der Witz kommt dadurch
    zustande, daß die Antwort nicht an den vom Fragesteller beab-
    sichtigten, sondern an den Nebensinn anknüpft. Wir sind dem-
    gemäß imstande, eine Reduktion zu finden, welche den Doppel»
    sinn im Ausdruck bestehen läßt und doch den Witz aufhebt,
    indem wir bloß die Verschiebung rückgängig machen:

    „Hast du genommen ein Bad?“ — „Was soll ich genommen
    haben? Ein Bad? Was ist das?“ Das ist aber kein Witz mehr,
    sondern eine gehässige oder scherzhafte Übertreibung.

    Eine ganz ähnliche Rolle spielt der Doppelsinn im Heine-
    schen Witz über das „goldene Kalb“. Er ermöglicht der Antwort
    die Ablenkung von dem angeregten Gedankengang, welche im
    Witz von Lachs mit Mayonnaise ohne solche Anlehnung an den
    Wortlaut geschieht. In der Reduktion würden die Rede Souliés
    und die Antwort Heines etwa lauten: „Es erinnert doch lebhaft
    an die Anbetung des goldenen Kalbes, wie die Gesellschaft hier
    den Mann, bloß weil er so reich ist, umschwärmt.“ Und Heine:
    „Daß er wegen seines Reichtums so gefeiert wird, finde ich nicht
    das ärgste. Aber Sie betonen mir zu wenig, daß man ihm wegen
    seines lieichturns seine Dummheit verzeiht.“ Damit wäre bei Er-
    haltung des Doppelsinnes der Verschiebungswitz aufgehoben.

    An dieser Stelle dürfen wir uns auf den Einwand gefaßt machen,
    daß uns vorgehalten werde, diese heikeln Unterscheidungen suchen
    auseinanderzureißen, was doch zusammengehöre. Gibt nicht
    jeder Doppelsinn Anlaß zu einer Verschiebung, zu einer Ablenkung
    des Gedankenganges von dem einen Sinn zum anderen? Und

  • S.

    56 Der Witz

    wir sollten damit einverstanden sein, daß „Doppelsinn“ und „Ver-
    schiebung“ als Repräsentanten zweier ganz verschiedener Typen
    der Witztechnik aufgestellt werden? Nun, diese Beziehung zwischen
    Doppelsinn und Verschiebung besteht allerdings, aber sie hat mit
    unserer Unterscheidung der Witztechniken nichts zu tun. Beim
    Doppelsinn enthält der Witz nichts als ein mehrfacher Deutung
    fähiges Wort, welches dem Hörer gestattet, den Übergang von
    einem Gedanken zu einem anderen zu finden, den man etwa —
    mit einigem Zwang — einer Verschiebung gleichstellen kann.
    Beim Verschiebungswitz aber enthält der Witz selbst einen Ge-
    dankengang, in dem eine solche Verschiebung vollzogen ist; die
    Verschiebung gehört hier der Arbeit an, die den Witz hergestellt
    hat, nicht jener, die zu seinem Verständnis notwendig ist. Sollte
    uns dieser Unterschied nicht einleuchten, so haben wir an den
    Reduktionsversuchen ein nie versagendes Mittel, uns denselben
    greifbar vor Augen zu führen. Einen Wert wollen wir aber jenem
    Einwand nicht bestreiten. Wir werden durch ihn aufmerksam
    gemacht, daß wir die psychischen Vorgänge bei der Bildung des
    Witzes (die Witzarbeit) nicht mit den psychischen Vorgängen bei
    der Aufnahme des Witzes (die Verständnisarbeit) zusammenwerfen
    dürfen. Nur die ersteren1 sind der Gegenstand unserer gegen-
    wärtigen Untersuchung.2

    Gibt es noch andere Beispiele der Verschiebungstechnik? Sie
    sind nicht leicht aufzufinden. Ein ganz reines Beispiel, dem auch
    die bei unserem Vorbild so sehr überbetonte Logik abgeht, ist
    folgender Witz:

    1 Über die letzteren siehe die späteren Abschnitte.
    2 Vielleicht sind hier einige Worte zur weiteren Klärung nicht überflüssig: Die
    Verschiebung findet regelmäßig statt zwischen einer Rede und einer Antwort, welche
    den Gedankengang nach anderer Richtung fortsetzt, als er in der Rede begonnen
    wurde. Die Berechtigung, Verschiebung von Doppelsinn zu sondern, geht am schönsten
    aus den Beispielen hervor, in denen sich beide kombinieren, wo also der Wortlaut
    der Rede einen Doppelsinn zuläßt, der vom Redner nicht beabsichtigt ist, aber der
    Antwort den Weg zur Verschiebung weist. (Siehe die Beispiele.)

  • S.

    Die Technik des Witzes57

    Ein Pferdehändler empfiehlt dem Kunden ein Reitpferd: „Wenn
    Sie dieses Pferd nehmen und sich um 4 Uhr früh aufsetzen,
    sind Sie um ⁱ/₂₇ Uhr in Preßburg.“ — „Was mach’ ich in
    Preßburg um ⁱ/₂₇ Uhr früh?“

    Die Verschiebung ist hier wohl eklatant. Der Händler erwähnt
    die frühe Ankunft in der kleinen Stadt offenbar nur in der Absicht,
    die Leistungsfähigkeit des Pferdes an einer Probe zu beweisen.
    Der Kunde sieht von dem Leistungsvermögen des Tieres, das er
    weiter nicht in Zweifel zieht, ab und geht bloß auf die Daten
    des zur Probe gewählten Beispiels ein. Die Reduktion dieses
    Witzes ist dann nicht schwer zu geben.

    Mehr Schwierigkeiten bietet ein anderes, in seiner Technik
    recht undurchsichtiges Beispiel, welches sich aber doch als Doppel-
    sinn mit Verschiebung auflösen läßt. Der Witz erzählt von der
    Ausflucht eines Schadchens (jüdischen Heiratsvermittlers), gehört
    also zu einer Gruppe, die uns noch mehrfach beschäftigen wird.
    Der Schadchen hat dem Bewerber versichert, daß der Vater
    des Mädchens nicht mehr am Leben ist. Nach der Verlobung
    stellt sich heraus, daß der Vater noch lebt und eine Kerkerstrafe
    abbüßt. Der Bewerber macht nun dem Schadchen Vorwürfe.
    „Nun,“ meint dieser, „was habe ich Ihnen gesagt? Ist denn das
    ein Leben?“

    Der Doppelsinn liegt in dem Worte „Leben“ und die Ver-
    schiebung besteht darin, daß der Schadchen sich von dem gemeinen
    Sinn des Wortes, in dem es den Gegensatz zu „Tod“ bildet, auf
    den Sinn wirft, den das Wort in der Redensart: Das ist kein
    Leben, hat. Er erklärt dabei seine damalige Äußerung nachträglich
    für doppelsinnig, obwohl diese mehrfache Bedeutung gerade hier
    recht fernliegt. Soweit wäre die Technik ähnlich wie im Witz
    vom „goldenen Kalb“ und im „Badewitz“. Aber es ist hier noch
    ein anderes Moment zu beachten, welches durch seine Vordringlich-
    keit das Verständnis der Technik stört. Man könnte sagen, dieser
    Witz sei ein „charakterisierender“, er bemüht sich, die für den

  • S.

     

        58     Der Witz  

     

    Heiratsvermittler charakteristische Mischung von verlogener Dreistig-
    keit und schlagfertigem Witz durch ein Beispiel zu illustrieren. Wir
    werden hören, daß dies nur die Schauseite, die Fassade, des Witzes
    ist; sein Sinn, d. h. seine Absicht ist eine andere. Wir schieben
    es auch auf, eine Reduktion von ihm zu versuchen.1

     

    Nach diesen komplizierten und schwierig zu analysierenden
    Beispielen wird es uns wiederum Befriedigung bereiten, wenn wir
    in einem Falle ein völlig reines und durchsichtiges Vorbild eines
    „Verschiebungswitzes“ zu erkennen vermögen. Ein Schnorrer
    trägt dem reichen Baron seine Bitte um Gewährung einer Unter-
    stützung für die Reise nach Ostende vor; die Ärzte hätten ihm
    Seebäder zur Herstellung seiner Gesundheit empfohlen. „Gut, ich
    will Ihnen etwas dazu geben,“ meint der Reiche, „aber müssen
    Sie gerade nach Ostende gehen, dem teuersten aller Seebäder?“
    — „Herr Baron,“ lautet die zurechtweisende Antwort, „für meine
    Gesundheit ist mir nichts zu teuer.“ — Gewiß, ein richtiger Stand-
    punkt, nur eben nicht richtig für den Bittsteller. Die Antwort
    ist vom Standpunkt eines reichen Mannes gegeben. Der Schnorrer
    benimmt sich, als wäre es sein eigenes Geld, das er für seine
    Gesundheit opfern soll, als gingen Geld und Gesundheit die näm-
    liche Person an.

     

    *

     

    Knüpfen wir nun von neuem an das so lehrreiche Beispiel
    „Lachs mit Mayonnaise“ an. Es kehrte uns gleichfalls eine Schau-
    seite zu, an welcher ein auffälliges Aufgebot von logischer Arbeit
    zu bemerken war, und wir haben durch die Analyse erfahren,
    daß diese Logik einen Denkfehler, nämlich eine Verschiebung des
    Gedankenganges zu verdecken hatte. Von hier aus mögen wir,
    wenn auch nur auf dem Wege der Kontrastverknüpfung, an
    andere Witze gemahnt werden, die ganz im Gegenteil etwas Wider-
    sinniges, einen Unsinn, eine Dummheit unverhüllt zur Schau

     

    1) Siehe unten Abschnitt III.

  • S.

    Die Technik des Witzes59

    stellen. Wir werden neugierig sein, worin die
    Witze bestehen mag.

    Ich stelle das stärkste und zugleich reinste Beispiel der ganzen
    Gruppe voran. Es ist wiederum ein Judenwitz.

    Itzig ist zur Artillerie assentiert worden. Er ist offenbar ein
    intelligenter Bursche, aber ungefugig und ohne Interesse fur den
    Dienst. Einer seiner Vorgesetzten, der ihm wohlgesinnt ist, nimmt
    ihn beiseite und sagt ihm: „Itzig, du taugst nicht zu uns. Ich
    will dir einen Rat geben: Kauf dir eine Kanon' und mach'
    dich selbständig.“

    Der Rat, uber den man herzlich lachen kann, ist ein offen-
    barer Unsinn. Es gibt doch keine Kanonen zu kaufen, und ein
    einzelner kann sich als Wehrkraft unmöglich selbständig machen,
    gleichsam „etablieren“. Es kann uns aber keinen Moment zweifel-
    haft bleiben, daß dieser Rat kein bloßer Unsinn ist, sondern ein
    witziger Unsinn, ein vorzuglicher Witz. Wodurch wird also der
    Unsinn zum Witz?

    Wir brauchen nicht lange zu uberlegen. Aus den in der Ein-
    leitung angedeuteten Erörterungen der Autoren können wir erraten,
    daß in solchem witzigen Unsinn ein Sinn steckt, und daß dieser
    Sinn im Unsinn den Unsinn zum Witz macht. Der Sinn in
    unserem Beispiel ist leicht zu finden. Der Offizier, welcher dem
    Artilleristen Itzig den unsinnigen Rat gibt, stellt sich nur dumm,
    um Itzig zu zeigen, wie dumm er selbst sich benimmt. Er kopiert
    den Itzig. „Ich will dir jetzt einen Rat geben, der genau so
    dumm ist wie du.“ Er geht auf Itzigs Dummheit ein und bringt
    sie ihm zur Einsicht, indem er sie zur Grundlage eines Vorschlags
    macht, der Itzigs Wünschen entsprechen muß, denn besäße Itzig
    eine eigene Kanone und betriebe das Kriegshandwerk auf eigene
    Rechnung, wie kämen ihm da seine Intelligenz und sein Ehr-
    geiz zustatten! Wie würde er die Kanone instand halten und sich
    mit ihrem Mechanismus vertraut machen, um die Konkurrenz mit
    anderen Kanonenbesitzern zu bestehen!

  • S.

     

    60

     

    Der Witz


    Ich unterbreche die Analyse dieses Beispiels, um in einem
    kürzeren und einfacheren, aber minder grellen Fall von Unsinns-
    witz den gleichen Sinn des Unsinns nachzuweisen.

    „Niemals geboren zu werden, wäre das beste für die
    sterblichen Menschenkinder.“ „Aber“, setzen die Weisen
    der „Fliegenden Blätter“ hinzu, „unter 100.000 Menschen
    passiert dies kaum einem.“

    Der moderne Zusatz zum alten Weisheitsspruch ist ein klarer
    Unsinn, der durch das anscheinend vorsichtige „kaum“ noch
    dümmer wird. Aber er knüpft als unbestreitbar richtige Ein-
    schränkung an den ersten Satz an, kann uns also die Augen
    darüber öffnen, daß jene mit Ehrfurcht vernommene Weisheit
    auch nicht viel besser als ein Unsinn ist. Wer nie geboren worden
    ist, ist überhaupt kein Menschenkind; für den gibt es kein Gutes
    und kein Bestes. Der Unsinn im Witze dient also hier zur Auf-
    deckung und Darstellung eines anderen Unsinns wie im Beispiel
    vom Artilleristen Itzig.

    Ich kann hier ein drittes Beispiel anfügen, welches durch seinen
    Inhalt die ausführliche Mitteilung, die es erfordert, kaum ver-
    dienen würde, aber gerade wieder die Verwendung des Unsinns
    im Witze zur Darstellung eines anderen Unsinns besonders deutlich
    erläutert:

    Ein Mann, der verreisen muß, vertraut seine Tochter einem
    Freunde an mit der Bitte, während seiner Abwesenheit über ihre
    Tugend zu wachen. Er kommt nach Monaten zurück und findet
    sie geschwängert. Natürlich macht er dem Freund Vorwürfe. Der
    kann sich den Unglücksfall angeblich nicht erklären. „Wo hat sie
    denn geschlafen?“ fragt endlich der Vater. — „Im Zimmer mit
    meinem Sohn.“ — „Aber wie kannst du sie im selben Zimmer
    schlafen lassen, nachdem ich dich so gebeten
    habe, sie zu behüten?“ — „Es war doch eine spanische Wand
    zwischen ihnen. Da war das Bett von deiner Tochter, da das
    Bett von meinem Sohn und dazwischen die spanische Wand.“ —

  • S.

       

    Die Technik des Witzes

       

    61

       

    „Und wenn er um die spanische Wand herumgegangen ist?“ —
    „Außer das“, meint der andere nachdenklich. „So wäre es
    möglich.“

       

    Von diesem, seinen sonstigen Qualitäten nach recht geringen
    Witz gelangen wir am leichtesten zur Reduktion. Sie würde
    offenbar lauten: Du hast kein Recht, mir Vorwürfe zu machen.
    Wie kannst du denn so dumm sein, deine Tochter in ein Haus
    zu geben, in dem sie in der beständigen Gesellschaft eines jungen
    Mannes leben muß? Als ob es einem Fremden möglich wäre,
    unter solchen Umständen für die Tugend eines Mädchens ein-
    zustehen! Die scheinbare Dummheit des Freundes ist also auch
    hier nur die Spiegelung der Dummheit des Vaters. Durch die
    Reduktion haben wir die Dummheit im Witze und mit ihr den
    Witz selbst beseitigt. Das Element „Dummheit“ selbst sind wir
    nicht losgeworden; es findet im Zusammenhange des auf seinen
    Sinn reduzierten Satzes eine andere Stelle.

       

    Nun können wir auch die Reduktion des Witzes von der
    Kanone versuchen. Der Offizier hätte zu sagen: „Itzig, ich weiß,
    du bist ein intelligenter Geschäftsmann. Aber ich sage dir, es ist
    eine große Dummheit, wenn du nicht einsiehst, daß es beim
    Militär unmöglich so zugehen kann wie im Geschäftsleben, wo
    jeder auf eigene Faust und gegen den anderen arbeitet. Beim
    Militär heißt es sich unterordnen und zusammenwirken.“

       

    Die Technik der bisherigen Unsinnswitze besteht also wirklich
    in der Anbringung von etwas Dummem, Unsinnigem, dessen Sinn
    die Veranschaulichung, Darstellung von etwas anderem Dummen
    und Unsinnigen ist.

       

    Hat die Verwendung des Widersinnes in der Witztechnik jedes-
    mal diese Bedeutung? Hier ist noch ein Beispiel, welches im
    bejahenden Sinne antwortet:

       

    Als dem Phokion einmal nach einer Rede Beifall geklatscht
    wurde, fragte er zu seinen Freunden gewendet: „Was habe ich
    denn Dummes gesagt?“

  • S.

        62     Der Witz


     

    Diese Frage klingt widersinnig. Aber wir verstehen alsbald ihren
    Sinn. „Was habe ich denn gesagt, was diesem dummen Volk so
    gefallen konnte? Ich müßte mich ja eigentlich des Beifalls schämen;
    wenn es den Dummen gefallen hat, kann es selbst nicht sehr
    gescheit gewesen sein.“

    Andere Beispiele können uns aber darüber belehren, daß der
    Widersinn sehr häufig in der Witztechnik gebraucht wird, ohne
    dem Zwecke der Darstellung eines anderen Unsinns zu dienen.

    Einem bekannten Universitätslehrer, der sein wenig anmutendes
    Spezialfach reichlich mit Witzen zu würzen pflegt, wird zur Geburt
    seines jüngsten Kindes gratuliert, das ihm in bereits vorgerücktem
    Alter beschieden wurde. „Ja,“ erwiderte er den Glückwunschschen-
    den, „es ist merkwürdig, was Menschenhände zustande
    bringen können.“ — Diese Antwort erscheint ganz besonders
    sinnlos und nicht am Platze. Kinder heißen doch ein Segen Gottes
    recht im Gegensatz zum Werk der Menschenhand. Aber bald fällt
    uns ein, daß diese Antwort doch einen Sinn hat, und zwar einen
    obszönen. Es ist keine Rede davon, daß der glückliche Vater sich
    dumm stellen will, um etwas anderes oder andere Personen als
    dumm zu bezeichnen. Die anscheinend sinnlose Antwort wirkt
    auf uns überraschend, verblüffend, wie wir mit den Autoren sagen
    wollen. Wir haben gehört, daß die Autoren die ganze Wirkung
    solcher Witze aus dem Wechsel von „Verblüffung und Erleuchtung“
    ableiten. Darüber wollen wir uns später ein Urteil zu bilden ver-
    suchen; wir begnügen uns hervorzuheben, daß die Technik dieses
    Witzes in der Anbringung von solchem Verblüffenden, Unsinnigen
    besteht.

    Eine ganz besondere Stellung unter diesen Dummheitswitzen
    nimmt ein Witz von Lichtenberg ein.
    Er wundere sich, daß den Katzen gerade an der
    Stelle zwei Löcher in den Pelz geschnitten wären,
    wo sie die Augen hätten. Sich über etwas Selbstverständliches
    zu wundern, etwas, was eigentlich nur die Auseinandersetzung

  • S.

    63

    Die Technik des Witzes


    einer Identität ist, ist doch gewiß eine Dummheit. Es mahnt an
    einen ernsthaft gemeinten Ausruf bei Michelet (Das Weib),
    der nach meiner Erinnerung etwa so lautet: Wie schön ist es
    doch von der Natur eingerichtet, daß das Kind, sobald es zur Welt
    kommt, eine Mutter vorfindet, die bereit ist, sich seiner anzu-
    nehmen! Der Satz von Michelet ist eine wirkliche Dummheit,
    aber der Lichtenberg sche ist ein Witz, der sich der Dumm-
    heit zu irgend einem Zwecke bedient, hinter dem etwas steckt.
    Was? Das können wir freilich in diesem Moment nicht angeben.

    *

    Wir haben nun bereits an zwei Gruppen von Beispielen er-
    fahren, daß die Witzarbeit sich der Abweichungen vom normalen
    Denken, der Verschiebung und des Widersinnes, als
    technischer Mittel zur Herstellung des witzigen Ausdrucks bedient.
    Es ist gewiß eine berechtigte Erwartung, daß auch andere Denk-
    fehler eine gleiche Verwendung finden können. Wirklich lassen
    sich einige Beispiele von dieser Art angeben:

    Ein Herr kommt in eine Konditorei und läßt sich eine Torte
    geben; bringt dieselbe aber bald wieder und verlangt an ihrer
    Statt ein Gläschen Likör. Dieses trinkt er aus und will sich ent-
    fernen, ohne gezahlt zu haben. Der Ladenbesitzer hält ihn zurück.
    „Was wollen Sie von mir?“ — „Sie sollen den Likör bezahlen.“
    — „Für den habe ich Ihnen ja die Torte gegeben.“ — „Die
    haben Sie ja auch nicht bezahlt.“ — „Die habe ich ja auch
    nicht gegessen.“

    Auch dieses Geschichtchen trägt den Schein von Logik zur
    Schau, den wir als geeignete Fassade für einen Denkfehler bereits
    kennen. Der Fehler liegt offenbar darin, daß der schlaue Kunde
    zwischen dem Zurückgeben der Torte und dem Dafürnehmen des
    Likörs eine Beziehung herstellt, die nicht besteht. Der Sachverhalt
    zerfällt vielmehr in zwei Vorgänge, die für den Verkäufer von-
    einander unabhängig sind, nur in seiner eigenen Absicht im Ver-

  • S.

    64

    hältnisse des Ersatzes stehen. Er hat zuerst die Torte genommen
    und zurückgegeben, für die er also nichts schuldig ist, dann nimmt
    er den Likör, und den ist er schuldig zu bezahlen. Man kann
    sagen, der Kunde wende die Relation „dafür“ doppelsinnig an;
    richtiger, er stelle vermittels eines Doppelsinnes eine Verbindung
    her, die sachlich nicht stichhaltig ist.1

    Es ist nun die Gelegenheit da, ein nicht unwichtiges Be-
    kenntnis abzulegen. Wir beschäftigen uns hier mit der Erforschung
    der Technik des Witzes an Beispielen und sollten also sicher sein,
    daß die von uns gewählten Beispiele wirklich richtige Witze sind.
    Es steht aber so, daß wir in einer Reihe von Fällen ins Schwanken
    geraten, ob das betreffende Beidpiel ein Witz genannt werden
    darf oder nicht. Ein Kriterium steht uns ja nicht zu Gebote,
    ehe die Untersuchung ein solches ergeben hat, der Sprachgebrauch
    ist unzuverlässig und bedarf selbst der Prüfung auf seine Be-
    rechtigung; wir können uns bei der Entscheidung auf nichts
    anderes stützen als auf eine gewisse „Empfindung“, welche wir
    dahin interpretieren dürfen, daß sich in unserem Urteilen die
    Entscheidung nach bestimmten Kriterien vollziehe, die unserer
    Erkenntnis noch nicht zugänglich sind. Für eine zureichonde Be-
    gründung werden wir die Berufung auf diese „Empfindung“ nicht
    ausgeben dürfen. Bei dem letzterwähnten Beispiel werden wir
    nun zweifeln müssen, ob wir es als Witz darstellen dürfen, als
    einen sophistischen Witz etwa, oder als ein Saphisma schlechtweg.
    Wir wissen eben noch nicht, worin der Charakter des Witzes liegt.

    Hingegen ist das nächstfolgende Beispiel, welches den sozusagen
    komplementären Denkfehler aufweist, ein unzweifelhafter Witz.
    Es ist wiederum eine Heiratsvermittlergeschichte:

    1) Eine ähnliche Unsinnstechnik ergibt sich, wenn der Witz einen Zusammenhang
    aufrecht erhalten will, der durch die besonderen Bedingungen seines Inhalts auf-
    gehoben erscheint. Dazu gehört Lichtenbergs Messer ohne Klinge, wo der
    Stiel fehlt. Ähnlich der von J. Falke (l. c.) erzählte Witz: „Ist das die Stelle, wo
    der Duke of Wellington diese Worte gesprochen hat ?“ — Ja, das ist die Stelle,
    aber die Worte hat er nie gesprochen
    .

  • S.

    65

    Die Technik des Witzes

    Der Schadchen verteidigt das von ihm vorgeschlagene Mäd-
    chen gegen die Ausstellungen des jungen Mannes. „Die Schwieger-
    mutter gefällt mir nicht,“ sagt dieser, „sie ist eine boshafte, dumme
    Person.“ — „Sie heiraten doch nicht die Schwiegermutter, Sie
    wollen die Tochter.“ — „Ja, aber jung ist sie nicht mehr und
    schön von Gesicht gerade auch nicht.“ — „Das macht nichts; ist
    sie nicht jung und schön, wird Sie Ihnen um so eher treu bleiben.“
    — „Geld ist auch nicht viel da.“ — „Wer spricht vom Geld?
    Heiraten Sie denn das Geld? Sie wollen doch eine Frau!“ —
    „Aber sie hat ja auch einen Buckel!“ — „Nun, was wollen Sie?
    Gar keinen Fehler soll sie haben!“

    Es handelt sich also in Wirklichkeit um ein nicht mehr junges,
    unschönes Mädchen mit geringer Mitgift, das eine abstoßende
    Mutter hat und außerdem mit einer argen Verunstaltung versehen
    ist. Gewiß keine zur Eheschließung einladenden Verhältnisse. Der
    Heiratsvermittler weiß bei jedem einzelnen dieser Fehler anzu-
    geben, von welchem Gesichtspunkte man sich mit ihm versöhnen
    könnte; den nicht zu entschuldigenden Buckel nimmt er dann
    als den einen Fehler in Anspruch, den man jedem Menschen
    hingehen lassen müsse. Es liegt wiederum der Schein von Logik
    vor, welcher für das Sophisma charakteristisch ist und der den
    Denkfehler verdecken soll. Das Mädchen hat offenbar lauter Fehler,
    mehrere, über die man hinwegsehen könnte, und einen, über den
    man nicht hinwegkommt; es ist nicht zu heiraten. Der Vermittler
    tut, als ob jeder einzelne Fehler durch seine Ausflucht beseitigt
    wäre, während doch von jedem ein Stück Entwertung erübrigt,
    das sich zum nächsten summiert. Er besteht darauf, jeden Faktor
    vereinzelt zu behandeln, und weigert sich, sie zur Summe zusammen-
    zusetzen.

    Die nämliche Unterlassung ist der Kern eines anderen Sophis-
    mas, das viel belacht worden ist, dessen Berechtigung, ein Witz
    zu heißen, man aber anzweifeln könnte.

    A hat von B einen kupfernen Kessel entlehnt und wird nach
    Freud. IX.
    5

  • S.

    66

    der Rückgabe von B verklagt, weil der Kessel nun ein großes
    Loch zeigt, das ihn unverwendbar macht. Seine Verteidigung
    lautet: „Erstens habe ich von B überhaupt keinen
    Kessel entlehnt; zweitens hatte der Kessel bereits
    ein Loch, als ich ihn von B übernahm; drittens habe
    ich den Kessel ganz zurückgegeben
    .“ Jede einzelne
    Einrede ist für sich gut, zusammengenommen aber schließen sie
    einander aus. A behandelt isoliert, was im Zusammenhange
    betrachtet werden muß, ganz wie der Heiratsvermittler mit den
    Mängeln der Braut verfährt. Man kann auch sagen: A setzt das
    „und“ an die Stelle, an der nur ein „entweder—oder“ möglich ist.

    Ein anderes Sophisma begegnet uns in der folgenden Heirats-
    vermittlergeschichte.

    Der Bewerber hat auszusetzen, daß die Braut ein kürzeres
    Bein hat und hinkt. Der Schadchen widerspricht ihm. „Sie haben
    unrecht. Nehmen Sie an, Sie heiraten eine Frau mit gesunden,
    geraden Gliedern. Was haben Sie davon? Sie sind keinen Tag
    sicher, daß sie nicht hinfällt, ein Bein bricht und dann lahm
    ist fürs ganze Leben. Und dann die Schmerzen, die Aufregung,
    die Doktorrechnung! Wenn Sie aber die nehmen, so kann Ihnen
    das nicht passieren; da haben Sie eine fertige Sach’.“

    Der Schein von Logik ist hier recht dünn, und niemand
    wird dem bereits „fertigen Unglück“ gar noch einen Vorzug vor
    dem bloß möglichen zugestehen wollen. Der in dem Gedanken-
    gang enthaltene Fehler wird sich leichter an einem zweiten
    Beispiel aufzeigen lassen, einer Geschichte, die ich des Jargons
    nicht völlig entkleiden mag.

    Im Tempel zu Krakau sitzt der große Rabbi N. und betet
    mit seinen Schülern. Er stößt plötzlich einen Schrei aus und
    äußert, von den besorgten Schülern befragt: „Eben jetzt ist der
    große Rabbi L. in Lemberg gestorben.“ Die Gemeinde legt Trauer
    um den Verstorbenen an. Im Laufe der nächsten Tage werden
    nun die aus Lemberg Ankommenden befragt, wie der Rabbi

  • S.

       

    Die Technik des Witzes

       

    67

    gestorben, was ihm gefehlt, aber sie wissen nichts davon, sie

    haben ihn im besten Wohlbefinden verlassen. Es stellt sich endlich

    als ganz gesichert heraus, daß Rabbi L. in Lemberg nicht zu

    jener Stunde gestorben ist, in der Rabbi N. seinen Tod telepathisch

    verspürte, da er immer noch weiter lebt. Ein Fremder ergreift

    die Gelegenheit, einen Schüler des Krakauer Rabbi mit dieser

    Begebenheit aufzuziehen. „Es war doch eine große Blamage von

    eurem Rabbi, daß er damals den Rabbi L. in Lemberg sterben

    gesehen hat. Der Mann lebt noch heute.“ „Macht nichts,“

    erwidert der Schüler, „der Kück1 von Krakau bis nach

    Lemberg war doch großartig.“

    Hier wird der beiden letzten Beispielen gemeinsame Denkfehler

    unverhüllt eingestanden. Der Wert der Phantasievorstellung wird

    gegen die Realität ungebührlich erhoben, die Möglichkeit fast der

    Wirklichkeit gleichgestellt. Der Fernblick über die Krakau von

    Lemberg trennende Länderstrecke wäre eine imposante telepathische

    Leistung, wenn er etwas Wahres ergeben hätte, aber darauf

    kommt es dem Schüler nicht an. Es wäre doch möglich gewesen,

    daß der Rabbi in Lemberg in jenem Moment gestorben wäre,

    in dem der Krakauer Rabbi seinen Tod verkündete, und dem

    Schüler verschiebt sich der Akzent von der Bedingung, unter

    der die Leistung des Lehrers bewundernswert ist, zur unbedingten

    Bewunderung dieser Leistung. „In magnis rebus voluisse sat est“

    bezeugt einen ähnlichen Standpunkt. Ebenso wie in diesem Beispiel

    von der Realität abgesehen wird zugunsten der Möglichkeit, so

    mutet im vorigen der Heiratsvermittler dem Bewerber zu, die

    Möglichkeit, daß eine Frau durch einen Unfall lahm werden

    kann, als das bei weitem Bedeutsamere ins Auge zu fassen, wogegen

    die Frage, ob sie wirklich lahm ist oder nicht, ganz zurücktreten

    soll.

    Dieser Gruppe der sophistischen Denkfehler reiht sich

    1) „Kück“ von „gucken“, also Blick, Fernblick.

    5*

  • S.

    68 Der Witz

    eine interessante andere an, in welcher man den Denkfehler als
    einen automatischen bezeichnen kann. Es ist vielleicht nur
    eine Laune des Zufalls, daß alle Beispiele, die ich aus dieser
    neuen Gruppe anführen werde, wiederum den Schadchenge-
    schichten angehören:
    „Ein Schadchen hat zur Besprechung über die Braut einen
    Gehilfen mitgebracht, der seine Mitteilungen bekräftigen soll. Sie
    ist gewachsen wie ein Tannenbaum, meint der Schadchen. —
    Wie ein Tannenbaum, wiederholt das Echo. — Und Augen hat
    sie, die muß man gesehen haben. — Heißt Augen, die sie hat!
    bekräftigt das Echo. — Und gebildet ist sie wie keine andere. —
    Und wie gebildet! — Aber das eine ist wahr, gesteht der Ver-
    mittler zu, sie hat einen kleinen Höcker. — Aber ein Höcker!
    bekräftigt wieder das Echo.“ Die anderen Geschichten sind ganz
    analog, obwohl sinnreicher.

    „Der Bräutigam ist bei der Vorstellung der Braut sehr un-
    angenehm überrascht und zieht den Vermittler beiseite, um ihm
    flüsternd seine Ausstellungen mitzuteilen. ‚Wozu haben Sie mich
    hiehergebracht?‘ fragt er ihn vorwurfsvoll. ‚Sie ist häßlich und
    alt, schielt und hat schlechte Zähne und triefende Augen . . .‘
    — ‚Sie können laut sprechen,‘ wirft der Vermittler ein, ‚taub
    ist sie auch.‘“

    „Der Bräutigam macht mit dem Vermittler den ersten Besuch
    im Hause der Braut, und während sie im Salon auf das Er-
    scheinen der Familie warten, macht der Vermittler auf einen
    Glasschrank aufmerksam, in welchem die schönsten Silbergeräte
    zur Schau gestellt sind. ‚Da schauen Sie hin, an diesen Sachen
    können Sie sehen, wie reich diese Leute sind.‘ — ‚Aber,‘ fragt
    der mißtrauische junge Mann, ‚wäre es denn nicht möglich,
    daß diese schönen Sachen nur für die Gelegenheit zusammen-
    geborgt sind, um den Eindruck des Reichtums zu machen?‘ —
    ‚Was fällt Ihnen ein?‘ antwortet der Vermittler abweisend. ‚Wer
    wird denn den Leuten was borgen!‘“

  • S.

    Die Technik des Witzes69

    In allen drei Fällen ereignet sich das nämliche. Eine Person,
    die mehrmals nacheinander in gleicher Weise reagiert hat, setzt
    diese Weise der Äußerung auch bei dem nächsten Anlasse fort,
    wo sie unpassend wird und den Absichten der Person zuwider-
    läuft. Sie versäumt es, sich den Anforderungen der Situation
    anzupassen, indem sie dem Automatismus der Gewöhnung nach-
    gibt. So vergißt der Helfer in der ersten Geschichte, daß er
    mitgenommen wurde, um den Bewerber zugunsten der vorge-
    schlagenen Braut zu stimmen, und da er bisher seiner Aufgabe
    gerecht wurde, indem er die vorgebrachten Vorzüge der Braut
    durch seine Wiederholung unterstrich, unterstreicht er jetzt auch
    ihren schüchtern zugestandenen Höcker, den er hätte verkleinern
    sollen. Der Vermittler der zweiten Geschichte wird von der Auf-
    zählung der Mängel und Gebrechen der Braut so fasziniert, daß
    er die Liste derselben aus seiner eigenen Kenntnis vervollständigt,
    wiewohl das gewiß nicht sein Amt und seine Absicht ist. In der
    dritten Geschichte endlich läßt er sich von seinem Eifer, den
    jungen Mann von dem Reichtum der Familie zu überzeugen,
    so weit hinreißen, daß er, um nur in dem einen Beweispunkte
    recht zu behalten, etwas vorbringt, was seine ganze Bemühung
    umstoßen muß. Überall siegt der Automatismus über die zweck-
    mäßige Abänderung des Denkens und Äußerns.

    Das ist nun leicht einzusehen, aber verwirrend muß es wirken,
    wenn wir aufmerksam werden, daß diese drei Geschichten mit
    dem gleichen Recht als „komisch“ bezeichnet werden können,
    wie wir sie als witzig angeführt haben. Die Aufdeckung des
    psychischen Automatismus gehört zur Technik des Komischen
    wie jede Entlarvung, jeder Selbstverrat. Wir sehen uns hier
    plötzlich vor das Problem der Beziehung des Witzes zur Komik
    gestellt, das wir zu umgehen trachteten. (Siehe Einleitung.) Sind
    diese Geschichten etwa nur „komisch“ und nicht auch „witzig“?
    Arbeitet hier die Komik mit denselben Mitteln wie der Witz? Und
    wiederum, worin besteht der besondere Charakter des Witzigen?

  • S.

       

    70 Der Witz

       

    Wir müssen daran festhalten, daß die Technik der letztunter-
    suchten Gruppe von Witzen in nichts anderem als in der An-
    bringung von „Denkfehlern“ besteht, sind aber genötigt zuzu-
    gestehen, daß deren Untersuchung uns bisher mehr ins Dunkel
    als zur Erkenntnis geführt hat. Wir geben jedoch die Erwartung
    nicht auf, durch eine vollständigere Kenntnis der Techniken des
    Witzes zu einem Ergebnis zu gelangen, welches der Ausgangs-
    punkt für weitere Einsichten werden kann.

       

    *

       

    Die nächsten Beispiele von Witz, an denen wir unsere Unter-
    suchung fortsetzen wollen, geben leichtere Arbeit. Ihre Technik
    erinnert uns vor allem an Bekanntes.

       

    Etwa ein Witz von Lichtenberg:

       

    „Der Januarius ist der Monat, da man seinen guten
    Freunden Wünsche darbringt, und die übrigen die,
    worin sie nicht erfüllt werden.“

       

    Da diese Witze eher fein als stark zu nennen sind und mit
    wenig aufdringlichen Mitteln arbeiten, wollen wir uns den Ein-
    druck von ihnen erst durch Häufung verstärken.

       

    „Das menschliche Leben zerfällt in zwei Hälften, in
    der ersten wünscht man die zweite herbei, und in der
    zweiten wünscht man die erste zurück.“

       

    „Die Erfahrung besteht darin, daß man erfährt, was
    man nicht zu erfahren wünscht“ (beide bei K. Fischer).

       

    Es ist unvermeidlich, daß wir durch diese Beispiele an eine
    früher behandelte Gruppe gemahnt werden, welche sich durch
    die „mehrfache Verwendung desselben Materials“ auszeichnet. Das
    letzte Beispiel besonders wird uns veranlassen, die Frage auf-
    zuwerfen, warum wir es nicht dort angereiht haben, anstatt es
    hier in neuem Zusammenhange aufzuführen. Die Erfahrung wird
    wieder durch ihren eigenen Wortlaut beschrieben, wie an jener

  • S.

      Die Technik des Witzes   71

    Stelle die Eifersucht (vgl. S. 35). Auch würde ich mich gegen
    diese Zuweisung nicht viel sträuben. An den beiden anderen
    Beispielen, meine ich aber, die ja ähnlichen Charakters sind, ist
    ein anderes Moment auffälliger und bedeutsamer als die mehr-
    fache Verwendung derselben Worte, der hier alles an Doppelsinn
    Streifende abgeht. Und zwar möchte ich hervorheben, daß hier
    neue und unerwartete Einheiten hergestellt sind, Beziehungen
    von Vorstellungen zueinander, und Definitionen durcheinander oder
    durch die Beziehung auf ein gemeinsames Drittes. Ich möchte
    diesen Vorgang Unifizierung heißen; er ist offenbar der Ver-
    dichtung durch Zusammendrängung in die nämlichen Worte analog.
    So werden die zwei Hälften des menschlichen Lebens durch eine
    zwischen ihnen entdeckte gegenseitige Beziehung beschrieben; in
    der ersten wünscht man die zweite herbei, in der zweiten die
    erste zurück. Es sind, genauer gesagt, zwei sehr ähnliche Be-
    ziehungen zueinander, die zur Darstellung gewählt wurden. Der
    Ähnlichkeit der Beziehungen entspricht dann die Ähnlichkeit der
    Worte, welche uns eben an die mehrfache Verwendung des
    nämlichen Materials mahnen konnte (herbei-wünschen — zurück-
    wünschen). In dem Witz von Lichtenberg sind der Januar
    und die ihm gegenübergestellten Monate durch eine wiederum
    modifizierte Beziehung zu etwas Drittem charakterisiert; dies sind
    die Glückwünsche, die man in dem einen Monat empfängt und
    die sich in den anderen nicht erfüllen. Der Unterschied von der
    mehrfachen Verwendung des gleichen Materials, die sich ja dem
    Doppelsinn annähert, ist hier recht deutlich.1

     

    1) Ich will mich der früher erwähnten eigentümlichen Negativrelation des Witzes
    zum Rätsel, daß der eine verbirgt, was der andere zur Schau stellt, bedienen, um die
    „Unifizierung“ besser, als obige Beispiele es gestatten, zu beschreiben. Viele der Rätsel,
    mit deren Produktion sich der Philosoph G. Th. Fechner die Zeit seiner Erblindung
    vertrieb, zeichnen sich durch einen hohen Grad von Unifizierung aus, der ihnen einen
    besonderen Reiz verleiht. Man nehme z. B. das schöne Rätsel Nr. 203 (Rätselbüchlein
    von Dr. Mises. Vierte vermehrte Auflage, Jahreszahl nicht angegeben):

     

    „Die beiden ersten finden ihre Ruhestätte
    Im Paar des andern, und das Ganze macht ihr Bette.“

  • S.

    72

    Ein schönes Beispiel von Unifizierungswitz, das der Erläuterung
    nicht bedarf, ist folgendes:

    Der französische Odendichter J. B. Rousseau schrieb eine
    Ode an die Nachwelt (à la postérité); Voltaire fand, daß der
    Wert des Gedichtes dasselbe keineswegs berechtige, auf die Nach-
    welt zu kommen, und sagte witzig: „Dieses Gedicht wird
    nicht an seine Adresse gelangen
    .“ (Nach K. Fischer.)

    Das letzte Beispiel kann uns darauf aufmerksam machen, daß
    es wesentlich die Unifizierung ist, welche den sogenannt schlag-
    fertigen Witzen zugrunde liegt. Die Schlagfertigkeit besteht ja
    im Eingehen der Abwehr auf die Aggression, im „Umkehren des
    Spießes“, im „Bezahlen mit gleicher Münze“, also in Herstellung
    einer unerwarteten Einheit zwischen Angriff und Gegenangriff.

    Z. B.: Bäcker zum Wirt, der einen schwärenden Finger hat:
    „Der ist dir wohl in dein Bier hineingekommen?“
    Wirt: „Das nicht, aber es ist mir eine von deinen

    Von den beiden Silhenpaaren, die zu ernten sind. ist nichts angegeben als eine
    Beziehung zueinander, und vom Ganzen nur eine solche zum ersten Paar. (Die Auf-
    lösung lautet: Totengräber.) Oder folgende zwei Beispiele von Beschreibung durch
    Relation zu dem nämlichen oder wenig modifizierten dritten:

    Nr. 170. „Die erste Silb’ hat Zähn’ und Haare,
    Die zweite Zähne in den Haaren.
    Wer auf den Zähnen nicht hat Haare,
    Vom Ganzen kaufe keine Ware.“ (Roßkamm.)
    *
    Nr. 168. „Die erste Silbe £rißt,
    Die andere Silhe im,
    Die dritte wird gefressen.
    Das Ganze wird gegessen.“ (Sauerkraut)
    Die vollendetste Unifizierung findet sich in einem Rätsel von Schleiermecher,
    das man nicht anders als witzig heißen kann:
    „Von der letzten umschlungen
    Schwebt das vollendete Ganze
    Zu den zwei ersten empor.“ (Gelgenstrick.)
    Die größte Mehrzahl aller Silhenrätsel ist der Unifiziernng bar, d. h. das Merk-
    mal. aus dem die eine Silbe ernten werden soll, ist ganz unabhängig von dem für
    die zweite, dritte Silbe und wiederum von dem Anhaltspunkt fürs selbständige Erraten
    des Ganzen.

  • S.

        Die Technik des Witzes     73

    Semmeln unter den Nagel geraten.“ (Nach Über-
    horst, Das Komische, II, 1900.)

    Serenissimus macht eine Reise durch seine Staaten und bemerkt
    in der Menge einen Mann, der seiner eigenen hohen Person
    auffällig ähnlich sieht. Er winkt ihn heran, um ihn zu fragen:
    „Hat Seine Mutter wohl einmal in der Residenz
    gedient?“ — „Nein, Durchlaucht,“ lautet die Antwort, „aber
    mein Vater.“

    Herzog Karl von Württemberg trifft auf einem seiner Spazier-
    ritte von ungefähr einen Färber, der mit seiner Hantierung be-
    schäftigt ist. „Kann Er meinen Schimmel blau färben?“
    ruft ihm der Herzog zu und erhält die Antwort zurück: „Jawohl,
    Durchlaucht, wenn er das Sieden vertragen kann!“

    Bei dieser ausgezeichneten „Retourkutsche“ — die eine un-
    sinnige Anfrage mit einer ebenso unmöglichen Bedingung be-
    antwortet — wirkt noch ein anderes technisches Moment mit,
    das ausgeblieben wäre, wenn die Antwort des Färbers gelautet
    hätte: „Nein, Durchlaucht; ich fürchte, der Schimmel wird das
    Sieden nicht vertragen.“

    Der Unifizierung steht noch ein anderes, ganz besonders
    interessantes technisches Mittel zu Gebote, die Anreihung durch
    das Bindewort und. Solche Anreihung bedeutet Zusammenhang;
    wir verstehen sie nicht anders. Wenn z. B. Heine in der Harz-
    reise von der Stadt Göttingen erzählt: „Im allgemeinen
    werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in
    Studenten, Professoren, Philister und Vieh“, so ver-
    stehen wir diese Zusammenstellung genau in dem Sinne, der
    durch den Zusatz Heines noch unterstrichen wird: „welche vier
    Stände doch nichts weniger als scharf geschieden sind.“ Oder, wenn
    er von der Schule spricht, wo er „soviel Latein, Prügel
    und Geographie“ ausstehen mußte, so will diese Anreihung,
    die durch die Mittelstellung der Prügel zwischen den beiden Lehr-
    gegenständen überdeutlich wird, uns sagen, daß wir die durch

  • S.

     

    74

     

    Der Witz

    die Prügel unverkennbar bezeichnete Auffassung des Schulknaben
    gewiß auch auf Latein und Geographie ausdehnen sollen.
        Bei Lipps finden wir unter den Beispielen von „witziger
    Aufzählung“ („Koordination“) als nächst verwandt dem Heine-
    schen „Studenten, Professoren, Philister und Vieh“ den Vers:
        „Mit einer Gabel und mit Müh’ zog ihn die Mutter
    aus der Brüh’“; als ob die Mühe ein Instrument wäre wie
    die Gabel, setzt Lipps erläuternd hinzu. Wir empfangen aber
    den Eindruck, als sei dieser Vers gar nicht witzig, allerdings sehr
    komisch, während die Heinesche Anreihung ein unzweifelhafter
    Witz ist. Vielleicht werden wir uns später an diese Beispiele
    erinnern, wenn wir dem Problem des Verhältnisses von Komik
    und Witz nicht mehr auszuweichen brauchen.

    *

    Am Beispiel vom Herzog und vom Färber haben wir bemerkt,
    daß es ein Witz durch Unifizierung bliebe, wenn der Färber
    antworten würde: Nein, ich fürchte, der Schimmel wird das
    Sieden nicht vertragen. Seine Antwort lautete aber: Ja, Durch-
    laucht, wenn er das Sieden vertragen kann. In der Ersetzung des
    eigentlich hingehörigen „Nein“ durch ein „Ja“ liegt ein neues
    technisches Mittel des Witzes, dessen Verwendung wir an anderen
    Beispielen verfolgen wollen.

    Ein dem eben erwähnten bei K. Fischer benachbarter Witz
    ist einfacher: Friedrich der Große hört von einem Prediger in
    Schlesien, der im Rufe steht, mit Geistern zu verkehren; er läßt
    den Mann kommen und empfängt ihn mit der Frage: „Er kann
    Geister beschwören?“ Die Antwort war: „Zu Befehl,
    Majestät, aber sie kommen nicht.“ Hier ist es nun ganz
    augenfällig, daß das Mittel des Witzes in nichts anderem bestand
    als in der Ersetzung des einzig möglichen „Nein“ durch sein
    Gegenteil. Um diese Ersetzung durchzuführen, mußte an das „Ja“

  • S.

    75

    Die Technik des Witzes

    ein „aber“ geknüpft werden, so daß „ja“ und „aber“ dem Sinne
    von „nein“ gleichkommen.

    Diese Darstellung durchs Gegenteil, wie wir sie nennen
    wollen, dient der Witzarbeit in verschiedenen Ausführungen.
    In folgenden zwei Beispielen tritt sie fast rein hervor: Heine:
    „Diese Frau glich in vielen Punkten der Venus von
    Melos: sie ist auch außerordentlich alt, hat eben-
    falls keine Zähne und auf der gelblichen Ober-
    fläche ihres Körpers einige weiße Flecken.“

    Eine Darstellung der Häßlichkeit vermittels ihrer Überein-
    stimmungen mit dem Schönsten; diese Übereinstimmungen können
    freilich nur in doppelsinnig ausgedrückten Eigenschaften oder in
    Nebensachen bestehen. Letzteres trifft für das zweite Beispiel zu:

    Lichtenberg: Der große Geist.
    „Er hatte die Eigenschaften der größten Männer
    in sich vereinigt, er trug den Kopf schief wie
    Alexander, hatte immer etwas in den Haaren zu
    nesteln wie Cäsar, konnte Kaffee trinken wie
    Leibnitz, und wenn er einmal recht in seinem Lehn-
    stuhl saß, so vergaß er Essen und Trinken darüber
    wie Newton, und man mußte ihn wie diesen wecken;
    seine Perücke trug er wie Dr. Johnson, und ein
    Hosenknopf stand ihm immer offen wie dem Cer-
    vantes.“

    Ein besonders schönes Beispiel von Darstellung durch das
    Gegenteil, in welchem auf die Verwendung doppelsinniger Worte
    gänzlich verzichtet ist, hat J. v. Falke von einer Reise nach
    Irland heimgebracht. Schauplatz ein Wachsfigurenkabinett, sagen
    wir Madame Tussaud. Auch hier ein Führer, der eine Gesell-
    schaft von alt und jung von Figur zu Figur mit seinen Erläute-
    rungen begleitet. „This is the Duke of Wellington and his horse“,
    worauf ein junges Fräulein die Frage stellt: „Which is the Duke
    of Wellington and which is his horse?“ „Just, as you like, my

  • S.

       

    76

       

    Der Witz

    pretty child,“ lautet die Antwort, „you pay the money and you
    have the choice.“ (Welches ist der Herzog von W. und welches
    ist sein Pferd? — Wie es Ihnen beliebt, mein schönes Kind, Sie
    zahlen Ihr Geld und Sie haben die Wahl.) (Lebenserinnerungen,
    S. 271.)

    Die Reduktion dieses irischen Witzes würde lauten: Unver-
    schämt, was diese Wachsfigurenleute dem Publikum zu bieten
    wagen! Pferd und Reiter sind nicht auseinanderzukennen.
    (Scherzhafte Übertreibung.) Und dafür zahlt man sein gutes Geld!
    Diese entrüstete Äußerung wird nun dramatisiert, in einem kleinen
    Vorfall begründet, an Stelle des Publikums im allgemeinen tritt
    eine einzelne Dame, die Reiterfigur wird individuell bestimmt, es
    muß der in Irland so überaus populäre Herzog von Wellington
    sein. Die Unverschämtheit des Besitzers oder Führers aber, der
    den Leuten das Geld aus der Tasche zieht und ihnen nichts dafür
    bietet, wird durch das Gegenteil dargestellt, durch eine Rede, in
    welcher er sich als gewissenhaften Geschäftsmann herausstreicht,
    dem nichts mehr am Herzen liegt als die Achtung der Rechte,
    die das Publikum durch die Zahlung erworben hat. Nun merkt
    man auch, daß die Technik dieses Witzes keine ganz einfache
    ist. Indem ein Weg gefunden wurde, den Schwindler seine Ge-
    wissenhaftigkeit beteuern zu lassen, ist der Witz ein Fall von
    Darstellung durchs Gegenteil; indem er dies aber bei einem
    Anlaß tut, wo man ganz anderes von ihm verlangt, so daß er
    mit geschäftlicher Solidität antwortet, wo man Ähnlichkeit der
    Figuren von ihm erwartet, ist es ein Beispiel von Verschiebung.
    Die Technik des Witzes liegt in der Kombination der beiden
    Mittel.

    Von diesem Beispiel ist es nicht weit zu einer kleinen Gruppe,
    die man als Überbietungswitze benennen könnte. In ihnen wird
    das „Ja“, welches in der Reduktion am Platze wäre, durch ein
    „Nein“ ersetzt, das aber mit einem noch verstärkten „Ja“ infolge
    seines Inhalts gleichwertig ist, und ebenso im umgekehrten Falle.

  • S.

     

    Die Technik des Witzes

     

    77

    Der Widerspruch steht an Stelle einer Bestätigung mit Über-
    bietung; so z. B. das Epigramm von Lessing:1

    „Die gute Galathee! Man sagt, sie schwärz’ ihr Haar:
    Da doch ihr Haar schon schwarz, als sie es kaufte, war.“

    Oder die boshafte Scheinverteidigung der Schulweisheit durch
    Lichtenberg:

    „Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden,
    als Eure Schulweisheit sich träumen läßt“, hatte
    Prinz Hamlet verächtlich gesagt. Lichtenberg weiß, daß
    diese Verurteilung lange nicht scharf genug ist, indem sie nicht
    alles verwertet, was man gegen die Schulweisheit einwenden kann.
    Er fügt also das noch Fehlende hinzu: „Aber es gibt auch
    vieles in der Schulweisheit, das sich weder im
    Himmel noch auf Erden findet.“ Seine Darstellung hebt
    zwar hervor, wodurch uns die Schulweisheit für den von Hamlet
    gerügten Mangel entschädigt, aber in dieser Entschädigung liegt
    ein zweiter und noch größerer Vorwurf.

    Durchsichtiger noch, weil frei von jeder Spur von Verschiebung,
    sind zwei Judenwitze, allerdings von grobem Kaliber.

    Zwei Juden sprechen über das Baden. „Ich nehme jedes
    Jahr ein Bad,“ sagt der eine, „ob ich es nötig habe
    oder nicht.“

    Es ist klar, daß er sich durch solche prahlerische Versicherung
    seiner Reinlichkeit erst recht der Unreinlichkeit überführt.

    Ein Jude bemerkt Speisereste am Bart des anderen. „Ich
    kann dir sagen, was du gestern gegessen hast.“ —
    „Nun, sag‘.“ — „Also Linsen.“ — „Gefehlt, vorgestern!“

    Ein prächtiger Überbietungswitz, der leicht auf Darstellung
    durchs Gegenteil zurückzuführen ist, ist auch folgender:

    Der König besucht in seiner Herablassung die chirurgische
    Klinik und trifft den Professor bei der Vornahme der Amputation
    eines Beines, deren einzelne Stadien er nun mit lauten Äußerungen

    1) Nach einem Vorbild der „Griechischen Anthologie“.

  • S.

    78

    Der Witz


     

    seines königlichen Wohlgefallens begleitet. „Bravo, bravo, mein
    lieber Geheimrat.“ Nach vollendeter Operation tritt der Pro-
    fessor an ihn heran und fragt, sich tief verneigend: „Befehlen
    Majestät auch das andere Bein?“

    Was der Professor sich während des königlichen Beifalls gedacht
    haben mag, das ließ sich gewiß nicht unverändert aussprechen:
    „Das muß ja den Eindruck machen, als nehme ich dem armen
    Teufel das kranke Bein ab im königlichen Auftrag und nur wegen
    des königlichen Wohlgefallens. Ich habe doch wirklich andere
    Gründe für diese Operation.“ Aber dann geht er vor den König
    hin und sagt: „Ich habe keine anderen Gründe für eine Operation
    als Ew. Majestät Auftrag. Der mir gespendete Beifall hat mich
    so beseligt, daß ich nur Ew. Majestät Befehl erwarte, um auch
    das gesunde Bein zu amputieren.“ Es gelingt ihm so, sich ver-
    ständlich zu machen, indem er das Gegenteil von dem aussagt,
    was er sich denkt und bei sich behalten muß. Dieses Gegenteil
    ist eine unglaubwürdige Überbietung.

    Die Darstellung durchs Gegenteil ist, wie wir an diesen Bei-
    spielen sehen, ein häufig gebrauchtes und kräftig wirkendes Mittel
    der Witztechnik. Aber wir dürfen auch etwas anderes nicht über-
    sehen, daß diese Technik keineswegs dem Witz allein eigen ist.
    Wenn Marcus Antonius, nachdem er in langer Rede auf
    dem Forum die Stimmung der Zuhörer um Cäsars Leichnam
    umgemodelt, endlich wieder einmal die Worte hinwirft:
    „Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann . . .“,
    so weiß er, daß das Volk ihm nun den wahren Sinn seiner
    Worte entgegenschreien wird:
    „Sie sind Verräter: ehrenwerte Männer!“
    Oder wenn der „Simplizissimus“ eine Sammlung unerhörter
    Brutalitäten und Zynismen als Äußerungen von „Gemütsmen-
    schen“ überschreibt, so ist das auch eine Darstellung durchs
    Gegenteil. Diese heißt man aber „Ironie“, nicht mehr Witz. Der
    Ironie ist gar keine andere Technik als die der Darstellung durchs

  • S.

    Die Technik des Witzes79

    Gegenteil eigentümlich. Überdies liest und hört man vom ironi-
    schen Witz. Es ist also nicht mehr zu bezweifeln, daß die
    Technik allein nicht hinreicht, den Witz zu charakterisieren. Es
    muß noch etwas anderes hinzukommen, das wir bis jetzt nicht
    aufgefunden haben. Anderseits steht aber noch immer unwider-
    sprochen da, daß mit der Rückbildung der Technik der Witz
    beseitigt ist. Vorläufig mag es uns schwerfallen, die beiden
    festen Punkte, die wir für die Aufklärung des Witzes gewonnen
    haben, miteinander vereint zu denken.

    *

    Wenn die Darstellung durchs Gegenteil zu den technischen
    Mitteln des Witzes gehört, so wird in uns die Erwartung rege,
    daß der Witz auch von deren Gegenteil, der Darstellung durch
    Ähnliches und Verwandtes, Gebrauch machen könne. Die
    Fortsetzung unserer Untersuchung kann uns in der Tat belehren,
    daß dies die Technik einer neuen, ganz besonders umfangreichen
    Gruppe von Gedankenwitzen ist. Wir beschreiben die Eigenart
    dieser Technik weit treffender, wenn wir anstatt Darstellung durch
    „Verwandtes“ setzen: durch Z u s a m m e n g e h ö r i g e s oder Zu-
    sammenhängendes. Wir wollen sogar mit letzterem Charakter
    den Anfang machen und ihn sofort durch ein Beispiel erläutern.
    Eine amerikanische Anekdote erzählt: Zwei wenig skrupellosen
    Geschäftsleuten war es gelungen, sich durch eine Reihe recht
    gewagter Unternehmungen ein großes Vermögen zu erwerben,
    und nun ging ihr Bemühen dahin, sich der guten Gesellschaft
    aufzudrängen. Unter anderen erschien es ihnen als ein zweck-
    mäßiges Mittel, sich von dem vornehmsten und teuersten Maler
    der Stadt, dessen Bilder als Ereignisse betrachtet wurden, malen
    zu lassen. Auf einer großen Soiree wurden die kostbaren Bilder
    zuerst gezeigt, und die beiden Hausherren führten selbst den
    einflussreichsten Kunstkenner und Kritiker zur Wand des Salons,
    auf welcher die beiden Porträts nebeneinander aufgehängt waren,

  • S.

    80

    Der Witz


     

    um ihm sein bewunderndes Urteil zu entlocken. Der sah die
    Bilder lange Zeit an, schüttelte dann den Kopf, als ob er etwas
    vermissen würde, und fragte bloß, auf den freien Raum zwischen
    beiden Bildern deutend: „And where is the Saviour?“ (Und wo
    bleibt der Heiland? Oder: Ich vermisse da das Bild des Heilands.)

    Der Sinn dieser Rede ist klar. Es handelt sich wieder um
    die Darstellung von etwas, was direkt nicht ausgedrückt werden
    kann. Auf welchem Wege kommt diese „indirekte Darstel-
    lung“ zustande? Durch eine Reihe leicht sich einstellender
    Assoziationen und Schlüsse verfolgen wir den Weg von der Dar-
    stellung des Witzes an nach rückwärts.

    Die Frage: Wo ist der Heiland, das Bild des Heilands? läßt
    uns erraten, daß der Redner durch den Anblick der beiden
    Bilder an einen ähnlichen, ihm wie uns vertrauten Anblick
    gemahnt worden ist, welcher aber als hier fehlendes Element
    das Bild des Erlösers in der Mitte zwischen zwei anderen Bildern
    zeigte. Es gibt nur einen solchen Fall: Christus hängend zwischen
    den beiden Schächern. Das Fehlende wird vom Witz hervor-
    gehoben, die Ähnlichkeit haftet an den im Witz übergangenen
    Bildern rechts und links vom Heiland. Sie kann nur darin bestehen,
    daß auch die im Salon aufgehängten die Bilder von Schächern
    sind. Was der Kritiker sagen wollte und nicht sagen konnte, war
    also: Ihr seid ein paar Halunken; ausführlicher: Was kümmern
    mich eure Bilder? Ihr seid ein paar Halunken, das weiß ich.
    Und er hat es schließlich über einige Assoziationen und Schluß-
    folgerungen auf einem Wege gesagt, den wir als den der
    Anspielung bezeichnen.

    Wir erinnern uns sofort, daß wir der Anspielung bereits
    begegnet sind. Beim Doppelsinn nämlich; wenn von den zwei
    Bedeutungen, die in demselben Wort ihren Ausdruck finden, die
    eine als die häufigere und gebräuchlichere so sehr im Vorder-
    grunde steht, daß sie uns an erster Stelle einfallen muß, während
    die andere als die entlegenere zurücksteht, so wollten wir diesen

  • S.

    Die Technik des Witzes

    81

    Fall als Doppelsinn mit Anspielung bezeichnen. Bei einer
    ganzen Reihe der bisher untersuchten Beispiele hatten wir
    angemerkt, daß deren Technik keine einfache sei, und erkennen
    nun die Anspielung als deren komplizierendes Moment. (Z. B. vgl.
    etwa den Umordnungswitz von der Frau, die sich etwas zurück-
    gelegt und dabei viel verdient hat, oder den Widersinnswitz bei
    der Gratulation zum jüngsten Kind, es sei merkwürdig, was
    Menschenhände alles vermögen, S. 62.)

    In der amerikanischen Anekdote haben wir nun die Anspielung
    frei vom Doppelsinn vor uns und finden als ihren Charakter die
    Ersetzung durch etwas im Denkzusammenhange Verbundenes.
    Es ist leicht zu erraten, daß der verwertbare Zusammenhang von
    mehr als einer Art sein kann. Um uns nicht in der Fülle zu
    verlieren, werden wir nur die ausgeprägtesten Variationen und
    diese nur an wenigen Beispielen erörtern.

    Der zur Ersetzung verwendete Zusammenhang kann ein bloßer
    Anklang sein, so daß diese Unterart dem Kalauer beim Wort-
    witz analog wird. Es ist aber nicht der Anklang zweier Worte
    aneinander, sondern ganzer Sätze, charakteristischer Wort-
    verbindungen u. dgl.

    Z. B. Lichtenberg hat den Spruch geprägt: „Neue Bäder
    heilen gut“, der uns sofort an das Sprichwort erinnert: Neue
    Besen kehren gut, mit dem er die ersten anderthalb Worte,
    das letzte und die ganze Struktur des Satzes gemeinsam hat.
    Er ist auch sicherlich im Kopfe des witzigen Denkers als Nach-
    bildung des bekannten Sprichwortes entstanden. Der Spruch
    Lichtenbergs wird so zur Anspielung auf das Sprichwort.
    Mittels dieser Anspielung wird uns etwas angedeutet, was nicht
    geradeheraus gesagt wird, daß an der Wirkung von Bädern auch
    noch anderes beteiligt ist als das in seinen Eigenschaften sich gleich-
    bleibende Thermalwasser.

    Ähnlich ist ein anderer Scherz oder Witz von Lichtenberg
    technisch aufzulösen: Ein Mädchen, kaum zwölf Moden
    Freud, IX.
    6

  • S.

     

    82

     

    Der Witz

      
      


     

        alt. Das klingt an die Zeitbestimmung „zwölf Monden“
        (i. e. Monate) an und war vielleicht ursprünglich ein Schreib-
        fehler für letzteren, in der Poesie zulässigen Ausdruck. Aber es
        hat einen guten Sinn, die wechselnde Mode anstatt des wechselnden
        Mondes zur Altersbestimmung für ein weibliches Wesen zu
        verwenden.  

     

        Der Zusammenhang kann in der Gleichheit bis auf eine einzige
        leichte Modifikation bestehen. Diese Technik läuft also
        wiederum einer Worttechnik parallel. Beide Arten von Witzen
        rufen fast den gleichen Eindruck hervor, doch sind sie nach den
        Vorgängen bei der Witzarbeit besser voneinander zu trennen.  

     

        Als Beispiel eines solchen Wortwitzes oder Kalauers: Die große,
        aber nicht nur durch den Umfang ihrer Stimme berühmte Sängerin
        Marie Wilt erfuhr die Kränkung, daß man den Titel eines
        aus dem bekannten Roman von J. Verne gezogenen Theater-
        stückes zu einer Anspielung auf ihre Mißgestalt verwendete:
        „Die Reise um die Wilt in 80 Tagen.“  

     

        Oder: „Jede Klafter eine Königin“, eine Modifikation
        des bekannten Shakespeareschen „Jeder Zoll ein König“
        und eine Anspielung auf dieses Zitat, auf eine vornehme und
        überlebensgroße Dame bezogen. Es wäre wirklich nicht viel
        Ernsthaftes dagegen zu sagen, wenn jemand diesen Witz vielmehr
        zu den Verdichtungen mit Modifikationen als Ersatzbildung (S. 24)
        stellen würde. (Vgl. tête-à-bête.)  

     

        Von einer hochstrebenden, aber in der Verfolgung ihrer Ziele
        eigensinnigen Person sagte ein Freund: „Er hat ein Ideal vor
        dem Kopf.“ „Ein Brett vor dem Kopf haben“, ist die
        geläufige Redensart, auf welche diese Modifikation anspielt und
        deren Sinn sie für sich selbst in Anspruch nimmt. Auch hier kann
        man die Technik als Verdichtung mit Modifikation beschreiben.  

     

        Fast ununterscheidbar werden Anspielung durch Modifikation
        und Verdichtung mit Ersatzbildung, wenn sich die Modifikation
        auf die Veränderung von Buchstaben einschränkt, z. B. Dichteritis.  

  • S.

     

    Die Technik des Witzes

     

    83

    Die Anspielung auf die böse Seuche der Diphtheritis stellt auch
    das Dichten Unberufener als gemeingefährlich hin.

    Die Negationspartikeln ermöglichen sehr schöne Anspielungen
    mit geringen Abänderungskosten:

    „Mein Unglaubensgenosse Spinoza“, sagt Heine. „Wir von
    Gottes Ungnaden Taglöhner, Leibeigene, Neger, Fronknechte“
    usw. . . . beginnt bei Lichtenberg ein nicht weiter ausgeführtes
    Manifest dieser Unglücklichen, die jedenfalls auf solche Titulatur
    mehr Anrecht haben als Könige und Fürstlichkeiten auf die un-
    modifizierte.

    Eine Form der Anspielung ist schließlich auch die Auslassung,
    der Verdichtung ohne Ersatzbildung vergleichbar. Eigentlich wird
    bei jeder Anspielung etwas ausgelassen, nämlich die zur Anspielung
    hinführenden Gedankenwege. Es kommt nur darauf an, ob die
    Lücke das Augenfälligere ist oder der die Lücke teilweise aus-
    füllende Ersatz in dem Wortlaut der Anspielung. So kämen wir
    über eine Reihe von Beispielen von der krassen Auslassung zur
    eigentlichen Anspielung zurück.

    Auslassung ohne Ersatz findet sich in folgendem Beispiel: In
    Wien lebt ein geistreicher und kampflustiger Schriftsteller, der
    sich durch die Schärfe seiner Invektive wiederholt körperliche
    Mißhandlungen von seiten der Angegriffenen zugezogen hat. Als
    einmal eine neue Missetat eines seiner habituellen Gegner beredet
    wurde, äußerte ein dritter: Wenn der X das hört, bekommt
    er wieder eine Ohrfeige. Zur Technik dieses Witzes gehört
    zunächst die Verblüffung über den scheinbaren Widersinn, denn
    eine Ohrfeige bekommen, leuchtet uns als unmittelbare Folge
    davon, daß man etwas gehört hat, keineswegs ein. Der Widersinn
    vergeht, wenn man in die Lücke einsetzt: dann schreibt
    er einen so bissigen Artikel gegen den Betreffenden,
    daß usw. Anspielung durch Auslassung und Widersinn sind also
    die technischen Mittel dieses Witzes.

    Heine: „Er lobt sich so stark, daß die Räucherkerz-
    6*

  • S.

    84

    chen im Preise steigen.“ Diese Lücke ist leicht auszufüllen.
    Das Ausgelassene ist durch eine Folgerung ersetzt, die nun als
    Anspielung auf dasselbe zurückleitet. Eigenlob stinkt.

    Nun wieder einmal die beiden Juden vor dem Badehause!

    „Schon wieder ein Jahr vergangen!“ seufzt der eine.

    Diese Beispiele lassen wohl keinen Zweifel bestehen, daß die
    Auslassung zur Anspielung gehört.

    Eine immer noch auffällige Lücke findet sich in nachstehendem
    Beispiel, das doch ein echter und richtiger Anspielungswitz ist.
    Nach einem Künstlerfest in Wien wurde ein Scherzbuch heraus-
    gegeben, in welchem unter anderen folgender, höchst merkwürdiger
    Sinnspruch verzeichnet stand:

    „Eine Frau ist wie ein Regenschirm. Man nimmt
    sich dann doch einen Komfortabel
    .“

    Ein Regenschirm schützt nicht genug vor dem Regen. Das
    „dann doch“ kann nur heißen: wenn es tüchtig regnet, und ein
    Komfortabel ist ein öffentliches Fuhrwerk. Da wir es aber hier
    mit der Form des Gleichnisses zu tun haben, wollen wir die ein-
    gehendere Untersuchung dieses Witzes auf einen späteren Moment
    verschieben.

    Ein wahres Wespennest der stachligsten Anspielungen enthalten
    Heines „Bäder von Lucca“, die von dieser Form des Witzes die
    kunstvollste Verwendung zu polemischen Zwecken (gegen den
    Grafen Platen) machen. Lange zuvor, ehe der Leser diese Ver-
    wendung ahnen kann, wird einem gewissen Thema, das sich zur
    direkten Darstellung besonders schlecht eignet, durch Anspielungen
    aus dem mannigfaltigsten Material präludiert, z. B. in den Wort-
    verdrehungen des Hirsch-Hyacinth: „Sie sind zu korpulent und
    ich bin zu mager, Sie haben viel Einbildung und ich habe desto
    mehr Geschäftssinn, ich bin ein Praktikus und Sie sind ein
    Diarrhetikus, kurz und gut, Sie sind ganz mein Antipodex.“
    — „Venus Urinia“ — die dicke Gudel vom Dreckwall in Ham-
    burg — u. dgl., dann nehmen die Begebenheiten, von denen der

  • S.

    Die Technik des Witzes

    85

    Dichter erzählt, eine Wendung, die zunächst nur von dem un-
    artigen Mutwillen des Dichters zu zeugen scheint, bald aber ihre
    symbolische Beziehung zur polemischen Absicht enthüllt und sich
    somit gleichfalls als Anspielung kundgibt. Endlich bricht der Angriff
    auf Platen los und nun sprudeln und quellen die Anspielungen
    auf das bereits bekanntgewordene Thema der Männerliebe des
    Grafen aus jedem der Sätze, die Heine gegen das Talent und
    den Charakter seines Gegners richtet, z. B.:

    „Wenn auch die Musen ihm nicht hold sind, so hat er doch
    den Genius der Sprache in seiner Gewalt, oder vielmehr er weiß
    ihm Gewalt anzutun; denn die freie Liebe dieses Genius fehlt ihm,
    er muß auch diesem Jungen beharrlich nachlaufen, und er weiß
    nur die äußeren Formen zu erfassen, die trotz ihrer schönen
    Rundung sich nie edel aussprechen.“

    „Es geht ihm dann wie dem Vogel Strauß, der sich hinlänglich
    verborgen glaubt, wenn er den Kopf in den Sand gesteckt, so daß
    nur der Steiß sichtbar wird. Unser erlauchter Vogel hätte besser
    getan, wenn er den Steiß in den Sand versteckt und uns den
    Kopf gezeigt hätte.“

    Die Anspielung ist vielleicht das gebräuchlichste und am leich-
    testen zu handhabende Mittel des Witzes und liegt den meisten
    der kurzlebigen Witzproduktionen zugrunde, die wir in unsere
    Unterhaltung einzuflechten gewöhnt sind, und welche eine Ab-
    lösung von diesem Mutterboden und selbständige Konservierung
    nicht vertragen. Gerade bei ihr werden wir aber von neuem an
    jenes Verhältnis gemahnt, das begonnen hat, uns an der Schätzung
    der Witztechnik irrezumachen. Auch die Anspielung ist nicht
    etwa an sich witzig, es gibt korrekt gebildete Anspielungen, die
    auf diesen Charakter keinen Anspruch haben. Witzig ist nur die
    „witzige“ Anspielung, so daß das Kennzeichen des Witzes, das
    wir bis in die Technik verfolgt haben, uns dort wieder entschwindet.

    Ich habe die Anspielung gelegentlich als „indirekte Dar-
    stellung“ bezeichnet und werde nun darauf aufmerksam, daß

  • S.

    86

    Der Witz


     

    man sehr wohl die verschiedenen Arten der Anspielung mit der
    Darstellung durch das Gegenteil und mit den noch zu erwähnenden
    Techniken zu einer einzigen großen Gruppe vereinigen kann, für
    welche „indirekte Darstellung“ der umfassendste Name
    wäre. Denkfehler — Unifizierung — indirekte Dar-
    stellung heißen also die Gesichtspunkte, unter welche sich die
    uns bekanntgewordenen Techniken des Gedankenwitzes bringen
    ließen.

    Bei fortgesetzter Untersuchung unseres Materials glauben wir
    nun eine neue Unterart der indirekten Darstellung zu erkennen,
    die sich scharf charakterisieren, aber nur durch wenige Beispiele
    belegen läßt. Es ist dies die Darstellung durch ein Kleines
    oder Kleinstes, welche die Aufgabe löst, einen ganzen Charakter
    durch ein winziges Detail zum vollen Ausdruck zu bringen. Die
    Anreihung dieser Gruppe an die Anspielung wird durch die Er-
    wägung ermöglicht, daß ja diese Winzigkeit mit dem Darzu-
    stellenden in Zusammenhang steht, sich als Folgerung aus ihm
    ableiten läßt, z. B.:

    Ein galizischer Jude fährt in der Eisenbahn und hat es sich
    recht bequem gemacht, den Rock aufgeknöpft, die Füße auf die
    Bank gelegt. Da steigt ein modern gekleideter Herr ein. Sofort
    nimmt sich der Jude zusammen, setzt sich in bescheidene Positur.
    Der Fremde blättert in einem Buch, rechnet, besinnt sich und
    richtet plötzlich an den Juden die Frage: „Ich bitte Sie, wann
    haben wir Jomkipur?“ (Versöhnungstag.) „A e s o i“, sagt der Jude
    und legt die Füße wieder auf die Bank, ehe er die Antwort gibt.

    Es wird nicht abzuweisen sein, daß diese Darstellung durch
    ein Kleines an die Tendenz zur Ersparnis anknüpft, welche wir
    nach der Erforschung der Wortwitztechnik als das letzte Gemein-
    same übrig behalten haben.

    Ein ganz ähnliches Beispiel ist folgendes:
    Der Arzt, der gebeten worden ist, der Frau Baronin bei ihrer
    Entbindung beizustehen, erklärt den Moment für noch nicht ge-

  • S.

       

    Die Technik des Witzes

    87

    kommen und schlägt dem Baron unterdes eine Kartenpartie im
    Nebenzimmer vor. Nach einer Weile dringt der Wehruf der Frau
    Baronin an das Ohr der beiden Männer. „Ah mon Dieu, que je
    souffre!“ Der Gemahl springt auf, aber der Arzt wehrt ab: „Es ist
    nichts, spielen wir weiter.“ Eine Weile später hört man die Kreißende
    wieder: „Mein Gott, mein Gott, was für Schmerzen!“ —
    „Wollen Sie nicht hineingehen, Herr Professor?“ fragt der Baron. —
    „Nein, nein, es ist noch nicht Zeit.“ — Endlich hört man aus dem
    Nebenzimmer ein unverkennbares: „Ai, waih, waih geschrien“;
    da wirft der Arzt die Karten weg und sagt: „Es ist Zeit.“
    Wie der Schmerz durch alle Schichtungen der Erziehung die
    ursprüngliche Natur durchbrechen läßt, und wie eine wichtige
    Entscheidung mit Recht von einer scheinbar belanglosen Äußerung
    abhängig gemacht wird, das zeigt beides dieser gute Witz an dem
    Beispiel der schrittweisen Veränderung der Klagerufe bei der ge-
    bärenden vornehmen Frau.

       

    *

    Eine andere Art der indirekten Darstellung, deren sich der
    Witz bedient, das Gleichnis, haben wir uns so lange aufgespart,
    weil dessen Beurteilung auf neue Schwierigkeiten stößt, oder
    Schwierigkeiten, die sich schon bei anderen Gelegenheiten ergeben
    haben, besonders deutlich erkennen läßt. Wir haben schon vorhin
    eingestanden, daß wir bei manchen zur Untersuchung vorliegenden
    Beispielen ein Schwanken, ob sie überhaupt den Witzen zu-
    zurechnen seien, nicht zu bannen vermögen, und haben in dieser
    Unsicherheit eine bedenkliche Erschütterung der Grundlagen un-
    serer Untersuchung erkannt. Bei keinem anderen Material empfinde
    ich aber diese Unsicherheit stärker und häufiger als bei den Gleichnis-
    witzen. Die Empfindung, welche mir — und wahrscheinlich
    einer großen Anzahl anderer unter den nämlichen Bedingungen
    wie mir — zu sagen pflegt: Dies ist ein Witz, dies darf man
    für einen Witz ausgeben, noch ehe der verborgene wesentliche
    Charakter des Witzes entdeckt ist; diese Empfindung läßt mich

  • S.

    88

    bei den witzigen Vergleichen am ehesten im Stiche. Wenn ich
    den Vergleich zuerst ohne Bedenken für einen Witz erklärt habe,
    so glaube ich einen Augenblick später zu bemerken, daß das
    Vergnügen, das er mir bereitet, von anderer Qualität ist, als
    welches ich einem Witz zu verdanken pflege, und der Umstand,
    daß die witzigen Vergleiche nur sehr selten das ewlosionsartige
    Lachen hervorzurufen vermögen, durch welches sich ein guter
    Witz bezeugt, macht es mir unmöglich, mich dem Zweifel wie
    sonst zu entziehen, indem ich mich auf die besten und effekt-
    vollsten Beispiele der Gattung einschränke.

    Daß es ausgezeichnet schöne und wirksame Beispiele von Gleich-
    nissen gibt, die uns den Eindruck des Witzes keineswegs machen,
    ist leicht zu zeigen. Der schöne Vergleich der durchgehenden
    Zärtlichkeit in Ottiliens Tagebuch mit dem roten Faden der
    englischen Marine (s. S. 22) ist ein solcher; auch ein anderes,
    das zu bewundern ich noch nicht müde geworden bin und dessen
    Eindruck ich nicht überwunden habe, kann ich mir nicht ver-
    sagen, im gleichen Sinne anzuführen. Es ist das Gleichnis, mit
    welchem Ferd. Lassalle eine seiner berühmten Verteidigungs-
    reden (Die Wissenschaft und die Arbeiter) geschlossen hat: „Ein
    Mann, welcher, wie ich Ihnen dies erklärt habe, sein Leben dem
    Wahlspruch gewidmet hat „Die Wissenschaft und die Arbeiter“,
    dem würde auch eine Verurteilung, die er auf seinem Wege
    findet, keinen anderen Eindruck machen können, als etwa das
    Springen einer Retorte dem in seine wissenschaft-
    lichen Experimente vertieften Chemiker. Mit einem
    leisen Stirnrunzeln über den Widerstand der
    Materie setzt er, sowie die Störung beseitigt ist,
    ruhig seine Forschungen und Arbeiten fort
    .“

    Eine reiche Auswahl von treffenden und witzigen (ileichnissen
    findet man in den Schriften Lichtenbergs (II. B. der Göttinger
    Ausgabe, 1855); von dort will ich auch das Material für unsere
    Untersuchung entnehmen.

  • S.

    89

    Die Technik des Witzes

    „Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein
    Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu sengen.“

    Das erscheint wohl witzig, aber bei näherem Zusehen merkt
    man, daß die witzige Wirkung nicht vom Vergleich selbst, sondern
    von einer Nebeneigenschaft desselben ausgeht. Die „Fackel der
    Wahrheit“ ist eigentlich kein neuer Vergleich, sondern ein längst
    gebräuchlicher und zur fixierten Phrase herabgesunken, wie es
    immer zutrifft, wenn ein Vergleich Glück hat und vom Sprach-
    gebrauch akzeptiert wird. Während wir in der Redensart „die
    Fackel der Wahrheit“ den Vergleich kaum mehr bemerken, wird
    ihm bei Lichtenberg die ursprüngliche Vollkraft wiedergegeben,
    da nun auf dem Vergleich weiter gebaut, eine Folgerung aus
    ihm gezogen wird. Solches Vollnehmen abgeblaßter Redens-
    arten ist uns aber als Technik des Witzes bereits bekannt, es
    findet eine Stelle bei der mehrfachen Verwendung des nämlichen
    Materials (s. S. 34). Es könnte sehr wohl sein, daß der witzige
    Eindruck des Lichtenbergschen Satzes nur von der Anlehnung
    an diese Witztechnik herrührt.

    Dieselbe Beurteilung wird gewiß auch für einen anderen
    witzigen Vergleich desselben Autors gelten können:
    „Ein großes Licht war der Mann eben nicht, aber ein
    großer Leuchter... Er war Professor der Philosophie.“

    Einen Gelehrten ein großes Licht, ein lumen mundi zu
    heißen, ist längst kein wirksamer Vergleich mehr, mag er ur-
    sprünglich als Witz gewirkt haben oder nicht. Aber man frischt
    den Vergleich auf, man gibt ihm seine Vollkraft wieder, indem
    man eine Modifikation aus ihm ableitet und solcherart einen
    zweiten, neuen, Vergleich aus ihm gewinnt. Die Art, wie der
    zweite Vergleich entstanden ist, scheint die Bedingung des Witzes
    zu enthalten, nicht die beiden Vergleiche selbst. Es wäre dies ein
    Fall der nämlichen Witztechnik wie im Beispiele von der Fackel.

    Aus einem anderen, aber ähnlich zu beurteilenden Grunde
    erscheint folgender Vergleich als witzig:

  • S.

    90

    Der Witz

    „Ich sehe die Rezensionen als eine Art von Kinder-
    krankheit an, die die neugeborenen Bücher mehr oder weniger
    befällt. Man hat Exempel, daß die gesündesten daran sterben,
    und die schwächlichen oft durchkommen. Manche bekommen sie
    gar nicht. Man hat oft versucht, ihnen durch Amulette von
    Vorrede und Dedikation vorzubeugen, oder sie gar durch
    eigene Urteile zu makulieren; es hilft aber nicht immer.“

    Der Vergleich der Rezensionen mit den Kinderkrankheiten ist
    zuerst nur auf das Befallenwerden, kurz nachdem sie das Licht
    der Welt erblickt haben, gegründet. Ob er soweit witzig ist, ge-
    traue ich mich nicht zu entscheiden. Aber dann wird er fort-
    geführt: es ergibt sich, daß die weiteren Schicksale der neuen
    Bücher innerhalb des Rahmens des nämlichen Gleichnisses oder
    durch angelehnte Gleichnisse dargestellt werden können. Solche
    Fortsetzung einer Vergleichung ist unzweifelhaft witzig, aber wir
    wissen bereits, dank welcher Technik sie so erscheint; es ist ein
    Fall von Unifizierung, Herstellung eines ungeahnten Zu-
    sammenhanges. Der Charakter der Unifizierung wird aber dadurch
    nicht geändert, daß dieselbe hier in der Anreihung an ein erstes
    Gleichnis besteht.

    Bei einer Reihe anderer Vergleichungen ist man versucht, den
    unleugbar vorliegenden witzigen Eindruck auf ein anderes Moment
    zu schieben, welches wiederum mit der Natur des Gleichnisses
    an sich nichts zu tun hat. Es sind dies Vergleichungen, die eine
    auffällige Zusammenstellung, oft eine absurd klingende Vereinigung
    enthalten, oder sich durch eine solche als Ergebnis des Vergleiches
    ersetzen. Die Mehrzahl der Lichtenbergschen Beispiele ge-
    hören dieser Gruppe an.

    „Es ist schade, daß man bei Schriftstellern die gelehrten
    Eingeweide nicht sehen kann, um zu erforschen, was sie ge-
    gessen haben.“ „Die gelehrten Eingeweide“, das ist eine verblüf-
    fende, eigentlich absurde Attribuierung, die sich erst durch die
    Vergleichung aufklärt. Wie wäre es, wenn der witzige Eindruck

  • S.

    Die Technik des Witzes91

    dieses Vergleiches ganz und voll auf den verblüffenden Charakter
    dieser Zusammenstellung zurückginge? Dies entspräche einem der
    uns gut bekannten Mittel des Witzes, der Darstellung durch
    Widersinn.

    Lichtenberg hat dieselbe Vergleichung der Aufnahme von
    Lese- und Lernstoff mit der Aufnahme von physischer Nahrung
    auch zu einem anderen Witz verwendet:
    „Er hielt sehr viel vom Lernen auf der Stube und war
    also gänzlich für gelehrte Stallfütterung.“

    Die nämliche absurde oder mindestens auffällige Attribuierung,
    welche, wie wir zu merken beginnen, der eigentliche Träger des
    Witzes ist, zeigen andere Gleichnisse desselben Autors:
    „Das ist die Wetterseite meiner moralischen Kon-
    stitution, da kann ich etwas aushalten.“

    „Jeder Mensch hat auch seine moralische Backside, die
    er nicht ohne Not zeigt und die er so lange als möglich mit
    den Hosen des guten Anstandes zudeckt.“

    Die „moralische Backside“, das ist die auffällige Attribuierung,
    die als Resultat einer Vergleichung da steht. Dazu kommt aber
    eine Fortführung des Vergleiches mit einem regelrechten Wort-
    spiel („Not“) und einer zweiten noch ungewöhnlicheren Zusammen-
    stellung („Die Hosen des guten Anstandes“), die vielleicht selbst
    an sich witzig ist, denn die Hosen werden dadurch, daß sie die
    Hosen des guten Anstandes sind, selbst gleichsam witzig. Es darf
    uns dann nicht wundernehmen, wenn wir vom Ganzen den Ein-
    druck eines sehr witzigen Vergleiches empfangen; wir beginnen
    zu merken, daß wir ganz allgemein dazu neigen, einen Charakter,
    welcher nur an einem Teil des Ganzen haftet, in unserer
    Schätzung auf dieses Ganze auszudehnen. Die „Hosen des guten
    Anstandes“ erinnern übrigens an einen ähnlichen verblüffenden
    Vers von Heine:

    „Bis mir endlich alle Knöpfe rissen
    an der Hose der Geduld.“

  • S.

     

    92                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    The following is a summary of the provided text, focusing on the key aspects related to the user's request for a historical document transcription. The document describes the process of transcribing a historical document for academic archival purposes. It emphasizes the importance of transcribing *only* what is visibly printed on the image, without reciting any known published work. The output format is specified as HTML. A key instruction is to maintain all historical orthography, abbreviations, ligatures, and glyph forms exactly as visible, and to avoid modernization. The document also notes that it is from the "Modern (post-1950)" period. The transcription process involves identifying page numbers, running heads, main body text paragraphs, and footnotes. Special attention is paid to characters like the German sharp S (`ß`), German quotation marks (`„“`), apostrophes in words like `aufg’hackt`, and em dashes (`—`). The placement of punctuation relative to quotation marks is also highlighted. The summary also notes the use of ` ` for spacing in the header to maintain the visual layout of the page number and running head. The use of `` for footnote markers and `


    ` for the separator line is also mentioned. In essence, the document outlines a meticulous approach to transcribing historical texts, prioritizing fidelity to the original visual presentation and content.

  • S.

    93

    Die Technik des Witzes

    hier der Eindruck des Treffenden, Geistreichen, Scharfsinnigen so
    vorherrschend, daß unser Urteil über den Charakter des Witzigen
    hiedurch irregeführt wird. Wenn in einem solchen Ausspruch
    etwas Witz sich dem ausgezeichneten Sinn beimengt, werden wir
    wahrscheinlich verleitet, das Ganze für einen vortrefflichen Witz
    zu erklären. Ich möchte vielmehr die Behauptung wagen, daß
    alles, was hieran wirklich witzig ist, aus dem Befremden über
    die sonderbare Kombination „Brot—Brot—Ruhm“ hervorgeht.
    Also als Witz eine Darstellung durch Widersinn.

    Die sonderbare Zusammenstellung oder absurde Attribuierung
    kann als Ergebnis eines Vergleiches für sich allein hingestellt
    werden:

    Lichtenberg: Eine zweischläfrige Frau — Ein
    einschläfriger Kirchenstuhl. Hinter beiden steckt der
    Vergleich mit einem Bett, bei beiden wirkt außer der Verblüffung
    noch das technische Moment der Anspielung mit, das eine
    Mal an die einschläfernde Wirkung von Predigten, das andere
    Mal an das nie zu erschöpfende Thema der geschlechtlichen Be-
    ziehungen.

    Haben wir bisher gefunden, daß eine Vergleichung, so oft sie
    uns witzig erschien, diesen Eindruck der Beimengung einer der
    uns bekannten Witztechniken verdankte, so scheinen einige andere
    Beispiele endlich dafür zu zeugen, daß ein Vergleich auch an
    und für sich witzig sein kann.

    Lichtenbergs Charakteristik gewisser Oden:
    „Sie sind das in der Poesie, was Jakob Böhmes unsterbliche
    Werke in Prosa sind, eine Art von Pickenick, wobei der
    Verfasser die Worte und der Leser den Sinn stellen.“
    „Wenn er philosophiert, so wirft er gewöhnlich ein
    angenehmes Mondlicht über die Gegenstände, das im ganzen
    gefällt, aber nicht einen einzigen Gegenstand deutlich zeigt.“
    Oder Heine: „Ihr Gesicht glich einem Codex
    palimpsestus, wo unter der neuschwarzen Mönchs-

  • S.

    94

    Der Witz

    schrift eines Kirchenvatertextes die halb er-
    loschenen Verse eines altgriechischen Liebes-
    dichters hervorlauschen.“

    Oder die fortgesetzte Vergleichung mit stark herabsetzen der
    Tendenz in den „Bädern von Lucca“:

    „Der katholische Pfaffe treibt es mehr wie ein Kommis,
    der in einer großen Handlung angestellt ist; die Kirche, das
    große Haus, dessen Chef der Papst ist, gibt ihm bestimmte Be-
    schäftigung und dafür ein bestimmtes Salär; er arbeitet lässig, wie
    jeder, der nicht für eigene Rechnung arbeitet, und viele Kollegen
    hat, und im großen Geschäftstreiben leicht unbemerkt bleibt —
    nur der Kredit des Hauses liegt ihm am Herzen, und noch mehr
    dessen Erhaltung, da er bei einem etwaigen Bankerott seinen
    Lebensunterhalt verlöre. Der protestantische Pfaffe hin-
    gegen ist überall selbst Prinzipal und treibt die Religionsgeschäfte
    für eigene Rechnung. Er treibt keinen Großhandel wie sein
    katholischer Gewerbegenosse, sondern nur einen Kleinhandel;
    und da er demselben allein vorstehen muß, darf er nicht lässig
    sein, er muß seine Glaubensartikel den Leuten anrühmen,
    die Artikel seiner Konkurrenten herabsetzen, und als echter Klein-
    händler steht er in seiner Ausschnittbude, voll von Gewerbsneid
    gegen alle großen Häuser, absonderlich gegen das große Haus
    in Rom, das viele tausend Buchhalter und Packknechte besoldet
    und seine Faktoreien hat in allen vier Weltteilen.“

    Angesichts dieser wie vieler anderer Beispiele können wir
    doch nicht mehr in Abrede stellen, daß ein Vergleich auch an
    sich witzig sein mag, ohne daß dieser Eindruck auf eine Kom-
    plikation mit einer der bekannten Witztechniken zu beziehen wäre.
    Es entgeht uns aber dann völlig, wodurch der witzige Charakter
    des Gleichnisses bestimmt ist, da er gewiß nicht am Gleichnis als
    Ausdrucksform des Gedankens oder an der Operation des Ver-
    gleichens haftet. Wir können nicht anders als das Gleichnis unter
    die Arten der „indirekten Darstellung“ aufnehmen, deren sich die

  • S.

    Die Technik des Witzes95

    Witztechnik bedient, und müssen das Problem unerledigt lassen,
    das uns beim Gleichnis weit deutlicher als bei den früher behan-
    delten Mitteln des Witzes entgegengetreten ist. Es muß wohl auch
    seinen besonderen Grund haben, wenn uns die Entscheidung, ob
    etwas ein Witz ist oder nicht, beim Gleichnis mehr Schwierig-
    keiten bereitet als bei anderen Ausdrucksformen.

    Einen Grund aber, uns zu beklagen, daß diese erste Unter-
    suchung ergebnislos verlaufen sei, bietet uns auch diese Lücke
    in unserem Verständnis nicht. Bei dem intimen Zusammenhang,
    den wir den verschiedenen Eigenschaften des Witzes zuzuschreiben
    bereit sein mußten, wäre es unvorsichtig gewesen zu erwarten,
    wir könnten eine Seite des Problems voll aufklären, ehe wir noch
    einen Blick auf die anderen geworfen haben. Wir werden das
    Problem nun wohl an anderer Stelle angreifen müssen.

    Sind wir sicher, daß keine der möglichen Techniken des Witzes
    unserer Untersuchung entgangen ist? Das wohl nicht, aber wir
    können uns bei fortgesetzter Prüfung an neuem Material über-
    zeugen, daß wir die häufigsten und wichtigsten technischen Mittel
    der Witzarbeit kennengelernt haben, zum mindesten soviel, als
    zur Schöpfung eines Urteils über die Natur dieses psychischen
    Vorganges erfordert wird. Ein solches Urteil steht gegenwärtig
    noch aus; hingegen sind wir in den Besitz einer wichtigen An-
    zeige gelangt, von welcher Richtung wir eine weitere Aufklärung
    des Problems zu erwarten haben. Die interessanten Vorgänge der
    Verdichtung mit Ersatzbildung, die wir als den Kern der Technik
    des Wortwitzes erkannt haben, wiesen uns auf die Traumbildung
    hin, in deren Mechanismus die nämlichen psychischen Vor-
    gänge aufgedeckt worden sind. Eben dahin weisen aber auch die
    Techniken des Gedankenwitzes, die Verschiebung, die Denkfehler,
    der Widersinn, die indirekte Darstellung, die Darstellung durchs
    Gegenteil, die samt und sonders in der Technik der Traumarbeit
    wiederkehren. Der Verschiebung verdankt der Traum das be-
    fremdende Ansehen, das uns abhält, in ihm die Fortsetzung

  • S.

    96