S.
II
ZUR THEORIE
a) Einige allgemeine Charaktere der Zwangsbildungen1)
Meine im Jahre 1896 gegebene Definition der Zwangsvor-
stellungen, sie seien „verwandelte, aus der Verdrängung wieder-
kehrende Vorwürfe, die sich immer auf eine sexuelle, mit Lust
ausgeführte Aktion der Kinderjahre beziehen“2) erscheint mir
heute formell angreifbar, obwohl sie aus den besten Elementen
zusammengesetzt ist. Sie strebte zu sehr nach Vereinheitlichung
und nahm sich den Vorgang der Zwangskranken selbst zum
Muster, welche mit der ihnen eigenthümlichen Neigung zur Un-
bestimmtheit die verschiedenartigsten psychischen Bildungen als
„Zwangsvorstellungen“3) zusammenwerfen.4) Es ist in der That
korrekter, von „Zwangsdenken“5) zu sprechen und hervorzuheben,
daß die Zwangsgebilde den Werth der verschiedenartigsten psychi-
schen Akte haben können. Sie lassen sich als Wünsche, Ver-
1)Verschiedene der hier und im nächsten Abschnitte behandelten Punkte sind in
der Literatur der Zwangsneurose bereits erwähnt worden, wie man aus dem gründ-
lichen Hauptwerke über diese Krankheitsform, dem 1904 veröffentlichten Buch von
L. Löwenfeld, „Die psychischen Zwangserscheinungen“, ersehen kann.2)„Weitere Bemerkungen über die Abwehrneuropsychosen“ (Bd. I dieser Ge-
samtausgabe).3)Dieser Mangel der Definition wird im Aufsatze selbst verbessert. Es heißt
darin: „Die wiederbelebten Erinnerungen und die aus ihnen gebildeten Vorwürfe
treten aber niemals unverändert ins Bewußtsein ein, sondern was als Zwangsvor-
stellung und Zwangsaffekt bewußt wird, die pathogene Erinnerung für das bewußte
Leben substituirt, sind Kompromißbildungen zwischen den verdrängten und
den verdrängenden Vorstellungen“. In der Definition ist also ein besonderer Akzent
auf das Wort „verwandelt“ zu legen.S.
328
suchungen, Impulse, Reflexionen, Zweifel, Gebote und Verbote
bestimmen. Die Kranken haben im Allgemeinen das Bestreben,
diese Bestimmtheit abzuschwächen und den seines Affektindex
beraubten Inhalt als Zwangsvorstellung zu führen. Ein Beispiel
für solche Behandlung eines Wunsches, der zur bloßen „Denk-
verbindung“ herabgesetzt werden sollte, bot uns unser Patient in
einer der ersten Sitzungen (S. 290).Man muß auch bald zugestehen, daß bisher nicht einmal die
Phänomenologie des Zwangsdenkens entsprechend gewürdigt werden
konnte. In dem sekundären Abwehrkampf, den der Kranke gegen
die in sein Bewußtsein eingedrungenen „Zwangsvorstellungen“
führt, kommen Bildungen zustande, die einer besonderen Be-
nennung würdig sind. Man denke z. B. an die Gedankenreihen,
die unseren Patienten während seiner Rückfahrt von der Waffen-
übung beschäftigen. Es sind nicht rein vernünftige Erwägungen,
die den Zwangsgedanken entgegengesetzt werden, sondern gleich-
sam Mischlinge zwischen beiden Denkungsarten, sie nehmen
gewisse Voraussetzungen des Zwanges, den sie bekämpfen, in sich
auf und stellen sich (mit den Mitteln der Vernunft) auf den
Boden des krankhaften Denkens. Ich meine, solche Bildungen
verdienen den Namen von „Delirien“. Ein Beispiel, das ich an
seine Stelle in der Krankengeschichte einzufügen bitte, wird die
Unterscheidung klarmachen. Als unser Patient sich eine Zeitlang
während seines Studiums dem beschriebenen tollen Treiben hin-
gegeben hatte, bis in die späte Nacht zu arbeiten, dann für den
Geist des Vaters die Türe zu öffnen, dann seine Genitalien im
Spiegel zu beschauen (S. 313), suchte er sich mit der Mahnung
zurecht zu bringen, was wohl der Vater dazu sagen würde, wenn
er wirklich noch am Leben wäre. Aber dieses Argument hatte
keinen Erfolg, solange es in dieser vernünftigen Form vorgebracht
wurde; der Spuk hörte erst auf, nachdem er dieselbe Idee in die Form
einer deliriösen Drohung gebracht hatte: Wenn er diesen Unsinn
noch einmal übe, werde dem Vater im Jenseits ein Übel zustoßen.S.
329
Der Wert der sicherlich berechtigten Unterscheidung zwischen
primärem und sekundärem Abwehrkampf wird in unerwarteter
Weise durch die Erkenntnis eingeschränkt, daß die Kranken
den Wortlaut ihrer eigenen Zwangsvorstellungen nicht
kennen. Es klingt paradox, hat aber seinen guten Sinn. Im
Verlaufe einer Psychoanalyse wächst nämlich nicht nur der Mut
des Kranken, sondern gleichsam auch der seiner Krankheit; sie
getraut sich deutlicherer Äußerungen. Um die bildliche Darstellung
zu verlassen, es geht wohl so zu, daß der Kranke, der sich bisher
erschreckt von der Wahrnehmung seiner krankhaften Produktionen
abgewendet hatte, ihnen nun seine Aufmerksamkeit schenkt und
sie deutlicher und ausführlicher erfährt.1)Eine schärfere Kenntnis der Zwangs-
bildungen gewinnt man überdies auf zwei besonderen Wegen. Erstens macht man die
Erfahrung, daß die Träume den eigentlichen Text des Zwangs-
gebotes u. dgl. bringen können, der im Wachen nur verstümmelt
und entstellt, wie in einer verunstalteten Depesche, bekannt
worden ist. Diese Texte treten im Traume als Reden auf, ent-
gegen der Regel, daß Reden im Traume von Reden am Tage
herrrühren.2) Zweitens gewinnt man in der analytischen Verfolgung
einer Krankengeschichte die Überzeugung, daß oft mehrere auf-
einander folgende, aber im Wortlaute nicht identische Zwangs-
vorstellungen im Grunde doch eine und dieselbe sind. Die
Zwangsvorstellung ist das erstemal glücklich abgewiesen worden,
sie kehrt nun ein andermal in entstellter Form wieder, wird
nicht erkannt und kann sich vielleicht gerade infolge ihrer Ent-
stellung im Abwehrkampfe besser behaupten. Die ursprüngliche
Form aber ist die richtige, die oft ihren Sinn ganz unverhüllt
erkennen läßt. Hat man eine unverständliche Zwangsidee müh-1)Bei manchen Kranken geht die Abwendung ihrer Aufmerksamkeit so weit,
daß sie den Inhalt einer Zwangsvorstellung überhaupt nicht angeben, eine Zwangs-
handlung, die sie unzählige Male ausgeführt, nicht beschreiben können.2)Vgl. „Traumdeutung“, 7. Aufl. S. 283.
S.
330
selig aufgeklärt, so kann man nicht selten vom Kranken hören,
daß ein Einfall, Wunsch, Versuchung wie der konstruirte, wirklich
vor der Zwangsidee einmal aufgetreten ist, aber sich nicht ge-
halten hat. Die Beispiele hiefür aus der Geschichte unseres
Patienten würden leider zu umständlich ausfallen.Die offiziell so bezeichnete „Zwangsvorstellung“ trägt also in
ihrer Entstellung gegen den ursprünglichen Wortlaut die Spuren
des primären Abwehrkampfes an sich. Ihre Entstellung macht sie
nun lebensfähig, denn das bewußte Denken ist genötigt, sie in
ähnlicher Weise mißzuverstehen wie den Trauminhalt, der selbst
ein Kompromiß-
und Entstehungsprodukt ist und vom wachen
Denken weiter mißverstanden wird.Das Mißverständnis des bewußten Denkens läßt sich nun nicht
nur an den Zwangs-
ideen selbst, sondern auch an den Produkten
des sekundären Abwehrkampfes, z. B. an den Schutzformeln nach-
weisen. Hiefür kann ich zwei gute Beispiele bringen. Unser
Patient gebrauchte als Abwehrformel ein rasch ausgesprochenes
aber, von einer abweisenden Handbewegung begleitet. Er erzählte
dann einmal, diese Formel habe sich in letzter Zeit verändert;
er sage nicht mehr aber, sondern abér. Nach dem Grunde dieser
Fortentwicklung befragt, gab er an, das stumme e der zweiten
Silbe gebe ihm keine Sicherheit gegen die gefürchtete Einmengung
von etwas Fremdem und Gegensätzlichem, und darum habe er
beschlossen, das e zu akzentuieren. Diese Aufklärung, ganz im
Stile der Zwangsneurose gehalten, erwies sich doch als unzu-
treffend, sie konnte höchstens den Wert einer Rationalisierung
beanspruchen; in Wirklichkeit war das abér eine Angleichung an
Abwehr, welchen Terminus er aus den theoretischen Gesprächen
über die Psychoanalyse kannte. Die Kur war also in mißbräuchlicher
und deliriöser Weise zur Verstärkung einer Abwehrformel ver-
wendet worden. Ein andermal sprach er von seinem Haupt-
zauberwort, das er zum Schutze gegen alle Anfechtungen aus
den Anfangsbuchstaben aller heilkräftigsten Gebete zusammen-S.
331
gesetzt und mit einem angehängten Amen versehen hatte. Ich
kann das Wort selbst nicht hierhersetzen aus Gründen, die sich
sogleich ergeben werden. Denn, als ich es erfuhr, mußte ich
bemerken, daß es vielmehr ein Anagramm des Namens seiner
verehrten Dame war; in diesem Namen war ein S enthalten,
welches er ans Ende und unmittelbar vor das angehängte Amen
gesetzt hatte. Er hatte also – wir dürfen sagen: seinen Samen
mit der Geliebten zusammengebracht, d. h. mit ihrer Person in
der Vorstellung onaniert. Diesen aufdringlichen Zusammenhang
hatte er aber selbst nicht bemerkt; die Abwehr hatte sich vom
Verdrängten narren lassen. Übrigens ein gutes Beispiel für den
Satz, daß mit der Zeit das Abzuwehrende sich regelmäßig Eingang
in das verschafft, wodurch es abgewehrt wird.Wenn behauptet wird, daß die Zwangsgedanken eine Ent-
stellung erfahren haben ähnlich wie die Traumgedanken, ehe
sie zum Trauminhalte werden, so darf uns die Technik dieser
Entstellung interessieren, und es stünde nichts im Wege, die
verschiedenen Mittel derselben an einer Reihe von übersetzten
und verstandenen Zwangs-
ideen darzulegen. Auch hiervon kann
ich aber unter den Bedingungen dieser Publikation nur einzelne
Proben geben. Nicht alle Zwangs-
ideen unseres Patienten waren
so kompliziert gebaut und so schwer aufzuschließen wie die große
Rattenvorstellung. Bei anderen war eine sehr einfache Technik
gebraucht worden, die der Entstellung durch Auslassung –
Ellipse –, die beim Witz so vorzügliche Anwendung findet,
aber auch hier ihre Schuldigkeit als Schutzmittel gegen das
Verständnis tat.Eine seiner ältesten und beliebtesten Zwangs-
ideen (vom Wert
einer Mahnung oder Warnung) lautete z. B.: Wenn ich die Dame
heirate, geschieht dem Vater ein Unglück (im Jenseits). Setzen
wir die übersprungenen und aus der Analyse bekannten Zwischen-
glieder ein, so lautet der Gedankengang: Wenn der Vater lebte,
so würde er über meinen Vorsatz, die Dame zu heiraten, ebensoS.
332
wütend werden wie damals in der Kinderszene, so daß ich
wiederum eine Wut gegen ihn bekäme und ihm alles Böse
wünschte, was sich kraft der Allmacht1 meiner Wünsche an ihm
erfüllen müßte.Oder ein anderer Fall von elliptischer Auflösung, gleichfalls
einer Warnung oder eines asketischen Verbotes. Er hatte eine
herzige kleine Nichte, die er sehr liebte. Eines Tages bekam er
die Idee: Wenn du dir einen Koitus gestattest, wird der Ella
ein Unglück geschehen (sterben). Mit Einsetzung des Ausge-
lassenen: Bei jedem Koitus, auch mit einer Fremden, mußt du
doch daran denken, daß der Sexualverkehr in deiner Ehe nie
ein Kind zur Folge haben wird (die Sterilität seiner Geliebten).
Das wird dir so leid tun, daß du auf die kleine Ella neidisch
werden und der Schwester das Kind nicht gönnen wirst. Diese
neidischen Regungen müssen den Tod des Kindes zur Folge
haben.2Die elliptische Entstellungstechnik scheint für die Zwangs-
neurose typisch zu sein; ich bin ihr auch bei den Zwangsgedanken
anderer Patienten begegnet. Besonders durchsichtig und durch
eine gewisse Ähnlichkeit mit der Struktur der Rattenvorstellung
interessant war ein Fall von Zweifel bei einer wesentlich an
Zwangshandlungen leidenden Dame. Sie ging mit ihrem Manne
in Nürnberg spazieren und ließ sich von ihm in einen Laden
begleiten, in dem sie verschiedene Gegenstände für ihr Kind,1)Über diese „Allmacht“ siehe später.
2)An die Verwendung der Auslassungstechnik beim Witze will ich durch einige
Beispiele erinnern, die ich einer Schrift von mir entnehme. [Der Witz und seine
Beziehung zum Unbewußten, 1905; 3. Aufl. 1921, S. 65. Enthalten in Bd. IX dieser
Gesamtausgabe.] „In Wien lebt ein geistreicher und kampflustiger Schriftsteller, der
sich durch die Schärfe seiner Invektive wiederholt körperliche Mißhandlungen von
seiten der Angegriffenen zugezogen hat. Als einmal eine neue Missetat eines seiner
habituellen Gegner beredet wurde, äußerte ein Dritter: Wenn der X. das hört,
bekommt er eine Ohrfeige . . . Der Widersinn vergeht, wenn man in die
Lücke einsetzt: Dann schreibt er einen so bissigen Artikel gegen den Be-
treffenden, daß“ usw. – Dieser elliptische Witz zeigt auch inhaltliche Überein-
stimmung mit dem obigen ersten Beispiel.S.
333
darunter auch einen Kamm, einkaufte. Der Mann, dem das
Wählen zu lange dauerte, gab an, er habe auf dem Wege
einige Münzen bei einem Antiquar gesehen, die er erwerben
wolle; er werde sie nach dem Kaufe aus diesem Laden abholen.
Er blieb aber nach ihrer Schätzung viel zu lange aus. Als er
wiederkam und auf die Frage, wo er sich aufgehalten, antwortete:
Eben bei jenem Antiquar, bekam sie in demselben Momente den
quälenden Zweifel, ob sie den fürs Kind gekauften Kamm nicht
vielmehr seit jeher besessen habe. Natürlich verstand sie den
simplen Zusammenhang nicht aufzudecken. Wir können gar nicht
anders als diesen Zweifel für einen verschobenen erklären und
den vollständigen unbewußten Gedanken in folgender Art kon-
struieren: Wenn es wahr ist, daß du nur beim Antiquar warst,
wenn ich das glauben soll, dann kann ich ebenso glauben, daß
ich diesen eben gekauften Kamm schon seit Jahren besitze. Also
eine höhnische persiflierende Gleichstellung, ähnlich wie der
Gedanke unseres Patienten: Ja so gewiß die Beiden (Vater und
Dame) Kinder bekommen werden, so gewiß werde ich dem A.
das Geld zurückgeben. Bei der Dame hing der Zweifel an der
ihr unbewußten Eifersucht, die sie annehmen ließ, ihr Mann
habe das Intervall zu einem galanten Besuch benutzt.Eine psychologische Würdigung des Zwangsdenkens versuche
ich diesmal nicht zu unternehmen. Sie würde außerordentlich
wertvolle Ergebnisse bringen und zur Klärung unserer Einsichten
in das Wesen des Bewußten und Unbewußten mehr leisten als
das Studium der Hysterie und der hypnotischen Erscheinungen.
Es wäre sehr wünschenswert, daß die Philosophen und Psycho-
logen, welche vom Hörensagen her oder aus ihren konventionellen
Definitionen scharfsinnige Lehren über das Unbewußte entwickeln,
sich vorher die entscheidenden Eindrücke aus den Erscheinungen
des Zwangsdenkens holten; man könnte es beinahe fordern, wenn
es nicht soviel mühseliger wäre als die ihnen sonst vertrauten
Arbeitsweisen. Ich werde hier nur noch anführen, daß bei derS.
334
Zwangsneurose gelegentlich die unbewußten seelischen Vorgänge
in reinster, unentstellter Form zum Bewußten durchbrechen, daß
der Durchbruch von den verschiedensten Stadien des unbewußten
Denkprozesses her erfolgen kann, und daß die Zwangsvorstellungen
im Momente des Durchbruches meist als längst bestehende
Bildungen erkannt werden können. Daher die auffällige Erscheinung,
daß der Zwangskranke, wenn man mit ihm dem ersten Auftreten
einer Zwangsidee nachforscht, dieselbe im Laufe der Analyse
immer weiter nach rückwärts verlegen muß, immer neue erste
Veranlassungen für sie findet.b) Einige psychische Besonderheiten der Zwangskranken —
ihr Verhältniß zur Realität, zum Aberglauben und zum TodIch habe hier einige seelische Charaktere der Zwangskranken
zu behandeln, welche an sich nicht wichtig scheinen, aber auf
dem Wege zum Verständnisse von Wichtigerem liegen. Sie waren
bei meinem Patienten sehr deutlich ausgesprochen, — ich weiß
aber, daß sie nicht seiner Individualität, sondern seinem Leiden
zuzurechnen sind und sich in ganz typischer Weise bei anderen
Zwangskranken wiederfinden.Unser Patient war in hohem Grade abergläubisch, und dies
zwar, obwohl er ein hochgebildeter, aufgeklärter Mann von
bedeutendem Scharfsinn war und zuzeiten versichern konnte,
daß er von all dem Plunder nichts für wahr halte. Er war also
abergläubisch und war es doch nicht und unterschied sich doch
deutlich von den ungebildeten Abergläubischen, die sich eins mit
ihrem Glauben fühlen. Er schien zu verstehen, daß sein Aber-
glaube von seinem Zwangsdenken abhing, obwohl er sich zuzeiten
voll zu ihm bekannte. Ein so widerspruchsvolles und schwankendes
Benehmen läßt sich am ehesten unter dem Gesichtswinkel eines
bestimmten Erklärungsversuches erfassen. Ich habe nicht gezögert
anzunehmen, daß er betreffs dieser Dinge zwei verschiedene undS.
335
entgegengesetzte Überzeugungen hatte und nicht etwa eine noch
unfertige Meinung. Zwischen diesen beiden Meinungen oszillierte
er dann in sichtbarster Abhängigkeit von seiner sonstigen
Stellung zum Zwangsleiden. Sowie er eines Zwanges Herr ge-
worden war, belächelte er seine Leichtgläubigkeit mit über-
legenem Verständnis, und es ereignete sich ihm nichts, was ihn
hätte erschüttern können, und sobald er wieder unter die
Herrschaft eines ungelösten Zwanges – oder was gleichwertig
ist: eines Widerstandes – gekommen war, erlebte er die sonder-
barsten Zufälle, welche der gläubigen Überzeugung zu Hilfe
kamen.Sein Aberglaube war immerhin der eines gebildeten Mannes
und sah von Abgeschmacktheiten, wie die Angst vor dem Freitag,
vor der Zahl 13 u. dgl., ab. Er glaubte aber an Vorzeichen, an
prophetische Träume, begegnete beständig jenen Personen, mit
denen er sich unerklärlicherweise eben beschäftigt hatte, und
erhielt Briefe von Korrespondenten, die sich ihm nach den längsten
Pausen plötzlich in geistige Erinnerung gebracht hatten. Dabei
war er rechtschaffen genug oder vielmehr soweit seiner offiziellen
Überzeugung getreu, daß er Fälle nicht vergessen hatte, in denen
die intensivsten Ahnungen zu nichts gekommen waren z. B. einmal
als er sich in den Sommeraufenthalt begab, die sichere Ahnung,
er werde nicht mehr lebend nach Wien zurückkehren. Auch gab
er zu, daß die größte Mehrzahl der Vorzeichen Dinge betrafen,
die keine besondere Bedeutung für seine Person hatten, und daß,
wenn er einem Bekannten begegnete, an den er sehr lange nicht
und gerade wenige Momente vorher gedacht hatte, sich zwischen
diesem wundersam Erschauten und ihm weiter nichts zutrug.
Natürlich war er auch nicht imstande, es in Abrede zu stellen,
daß alles Bedeutsame seines Lebens sich ohne Vorzeichen zuge-
tragen hatte, sowie er z. B. vom Tode des Vaters ahnungslos
überrascht worden war. Aber alle solche Argumente änderten
an dem Zwiespalt seiner Überzeugungen nichts und erwiesenS.
336
nur den Zwangschara-
kter seines Aberglaubens, der bereits aus
dessen mit dem Widerstand gleichsinnigen Schwankungen zu er-
schließen war.Ich war natürlich nicht in der Lage, alle seine älteren Wunder-
geschichten rationell aufzuklären, aber für das, was sich von ähn-
lichen Dingen während der Zeit der Behandlung ereignete, konnte
ich ihm nachweisen, daß er selbst beständig an der Fabrikation
der Wunder beteiligt sei, und welcher Mittel er sich dabei bediene.
Er arbeitete mit dem indirekten Sehen und Lesen, mit Vergessen
und vor allem mit Gedächtnistäuschungen. Am Ende half er
mir selbst die kleinen Taschenspielerkünste aufdecken, durch
welche jene Wunder gemacht wurden. Als interessante infantile
Wurzel seines Glaubens an das Eintreffen von Ahnungen und
von Vorhersagen ergab sich einmal die Erinnerung, daß die
Mutter so oft, wenn ein Termin gewählt werden sollte, gesagt
hatte: „An dem und dem Tage kann ich nicht; da werde ich
liegen müssen.“ Und wirklich lag sie an dem angekündigten
Tage jedesmal zu Bett!Unverkennbar, daß es ihm ein Bedürfnis war, im Erleben
solche Stützpunkte für seinen Aberglauben zu finden, daß er
darum die bekannten unerklärlichen Zufälligkeiten des Alltags
so sehr beachtete und mit dem unbewußten Tun nachhalf, wo
diese nicht ausreichten. Dies Bedürfnis habe ich bei vielen anderen
Zwangskranken gefunden und vermute es bei noch mehreren.
Es scheint mir aus dem psychologischen Charakter der Zwangs-
neurose gut erklärlich. Wie ich vorhin (S. 305) auseinandergesetzt,
erfolgt bei dieser Störung die Verdrängung nicht durch Amnesie,
sondern durch Zerreißung von kausalen Zusammenhängen infolge
von Affektentziehung. Eine gewisse mahnende Kraft – die ich
an anderer Stelle mit einer endopsychischen Wahrnehmung ver-
glichen habe1) – scheint nun diesen verdrängten Beziehungen1)Zur Psychopathologie des Alltagslebens. (Diese Gesamtausgabe Bd. IV, S. 511.)
S.
337
zu verbleiben, so daß sie auf dem Wege der Projektion in die
Außenwelt eingetragen werden und dort Zeugnis ablegen für
das im Psychischen Unterbliebene.Ein anderes den Zwangs-
kranken gemeinsames seelisches Be-
dürfnis, das mit dem eben erwähnten eine gewisse Verwandt-
schaft hat und dessen Verfolgung tief in die Trieberforschung
führt, ist das nach der Unsicherheit im Leben oder nach
dem Zweifel. Die Herstellung der Unsicherheit ist eine der
Methoden, welche die Neurose anwendet, um den Kranken
aus der Realität zu ziehen und von der Welt zu isolieren,
was ja in der Tendenz jeder psychoneurotischen Störung liegt.
Es ist wiederum überdeutlich, wieviel die Kranken dazutun,
um einer Sicherheit auszuweichen und in einem Zweifel ver-
harren zu können; ja, bei einigen findet diese Tendenz einen
lebendigen Ausdruck in ihrer Abneigung gegen – Uhren, die
wenigstens die Zeitbestimmung sichern, und in ihren unbe-
wußt ausgeführten Kunststückchen, jedes solche den Zweifel
ausschließende Instrument unschädlich zu machen. Unser Patient
hatte eine besondere Geschicklichkeit in der Vermeidung von
Auskünften entwickelt, welche einer Entscheidung in seinem
Konflikt förderlich gewesen wären. So war er über die für
die Eheschließung maßgebendsten Verhältnisse seiner Geliebten
nicht aufgeklärt, wußte angeblich nicht zu sagen, wer die
Operation an ihr ausgeführt, und ob sie ein- oder doppelseitig
gewesen sei. Er wurde dazu verhalten, das Vergessene zu erinnern
und das Vernachlässigte zu erkunden.Die Vorliebe der Zwangskranken für die Unsicherheit und
den Zweifel wird für sie zum Motiv, um ihre Gedanken
vorzugsweise an jene Themen zu heften, wo die Unsicherheit
eine allgemein menschliche ist, unser Wissen oder unser Urteil
durch Notwendigkeit dem Zweifel ausgesetzt bleiben mußte.
Solche Themen sind vor allem: Die Abstammung vom Vater,
die Lebensdauer, das Leben nach dem Tode und das Gedächtnis,S.
338
dem wir ja Glauben zu schenken pflegen, ohne für seine Ver-
läßlichkeit die mindeste Gewähr zu besitzen.1)Der Unsicherheit des Gedächtnisses bedient sich die Zwangs-
neurose in ausgiebigster Weise zur Symptombildung; welche
Rolle Lebensdauer und Jenseits inhaltlich im Denken der Kranken
spielen, werden wir bald erfahren. Ich will als passendsten Über-
gang vorher noch jenen Zug des Aberglaubens bei unserem
Patienten besprechen, dessen Erwähnung an einer früheren Stelle
(S. 332) gewiß bei mehr als einem Leser Befremden erregt
haben wird.Ich meine die von ihm behauptete Allmacht seiner Gedanken
und Gefühle, guten und bösen Wünsche. Die Versuchung, diese
Idee für einen Wahn zu erklären, welcher das Maß der Zwangs-
neurose überschreitet, ist gewiß nicht gering; allein ich habe
dieselbe Überzeugung bei einem andern Zwangskranken gefunden,
der seit langem hergestellt ist und sich normal betätigt, und
eigentlich benehmen sich alle Zwangsneurotiker so, als ob sie
diese Überzeugung teilten. Es wird unsere Aufgabe sein, diese
Überschätzung aufzuklären. Nehmen wir ohneweiters an, daß
in diesem Glauben ein Stück des alten Kindergrößenwahnes
ehrlich eingestanden wird, und befragen wir unseren Patienten,
worauf er seine Überzeugung stützt. Er antwortet mit der Be-
rufung auf zwei Erlebnisse. Als er zum zweitenmal in jene
Wasserheilanstalt kam, in welcher er die erste und einzige Be-
einflussung seines Leidens erfahren hatte, verlangte er das näm-
liche Zimmer wieder, welches seine Beziehungen zu einer der1)Lichtenberg: „Ob der Mond bewohnt ist, weiß der Astronom ungefähr mit
der Zuverlässigkeit, mit der er weiß, wer sein Vater war, aber nicht mit der, woher
er weiß, wer seine Mutter gewesen ist.“ – Es war ein großer Kulturfortschritt, als
die Menschen sich entschlossen, den Schluß neben das Zeugnis der Sinne zu stellen
und vom Mutterrecht zum Vaterrecht überzugehen. – Prähistorische Figuren, in
denen eine kleinere Gestalt auf dem Kopfe einer größeren sitzt, stellen die Ab-
stammung vom Vater dar; die mutterlose Athene entspringt aus dem Haupte des
Zeus. Noch in unserer Sprache heißt der Zeuge vor Gericht, der etwas beglaubigt,
nach dem männlichen Anteil am Geschäfte der Fortpflanzung, und schon in den
Hieroglyphen wird der Zeuge mit dem Bilde der männlichen Genitalien geschrieben.S.
339
Pflegerinnen durch seine Lage begünstigt hatte. Er erhielt die
Antwort: das Zimmer sei schon vergeben, ein alter Professor
habe es bereits bezogen, und er reagiert auf diese, seine Kur-
aussichten sehr herabsetzende Nachricht mit den unfreundlichen
Worten: Dafür soll ihn aber der Schlag treffen. Vierzehn Tage
später erwachte er aus dem Schlaf, durch die Vorstellung einer
Leiche gestört, und am Morgen hörte er, daß den Professor
wirklich der Schlag getroffen, und daß man ihn etwa um die
Zeit seines Erwachens aufs Zimmer gebracht habe. Das andere
Erlebnis betraf ein älteres, sehr liebebedürftiges Mädchen, welches
sich sehr entgegenkommend gegen ihn benahm und ihn einmal
direkt befragte, ob er sie nicht lieb haben könne. Er gab eine
ausweichende Antwort; wenige Tage nachher hörte er, daß sich
das Mädchen aus dem Fenster gestürzt habe. Er machte sich
nun Vorwürfe und sagte sich, es wäre in seiner Macht gelegen,
sie am Leben zu erhalten, wenn er ihr seine Liebe geschenkt
hätte. Auf solche Weise gewann er die Überzeugung von der
Allmacht seiner Liebe und seines Hasses. Ohne die Allmacht der
Liebe zu leugnen, wollen wir hervorheben, daß es sich in
beiden Fällen um den Tod handelt, und werden uns der nahe-
liegenden Erklärung anschließen, daß unser Patient wie andere
Zwangs-kranke gezwungen ist, die Wirkung seiner feindseligen
Gefühle in der Außenwelt zu überschätzen, weil seiner bewußten
Kenntnis ein großes Stück der innern psychischen Wirkung der-
selben Gefühle entgeht. Seine Liebe – oder vielmehr sein Haß
– sind wirklich übermächtig; sie schaffen gerade jene Zwangs-
gedanken, deren Herkunft er nicht versteht, und gegen die er
sich erfolglos wehrt.1)Zum Thema des Todes hatte unser Patient ein ganz besonderes
Verhältnis. Er nahm an allen Todesfällen warmen Anteil, be-1)[Zusatz 1923:] Die Allmacht der Gedanken, richtiger der Wünsche, ist seither
als ein wesentliches Stück des primitiven Seelenlebens erkannt worden. (Siehe „Totem
und Tabu“, Bd. X dieser Gesamtausgabe).S.
340
teiligte sich pietätvoll an den Leichenbegängnissen, so daß er
von den Geschwistern spöttisch der Leichenvogel genannt werden
konnte; er brachte aber auch in der Phantasie beständig Leute
um, um herzliche Teilnahme mit den Hinterbliebenen zu äußern.
Der Tod einer älteren Schwester, als er zwischen 3 und 4 Jahren
alt war, spielte in seinen Phantasien eine große Rolle und war
in die innigste Beziehung zu den kindlichen Missetaten jener
Jahre gebracht worden. Wir wissen ferner, wie frühzeitig der
Gedanke an den Tod des Vaters ihn beschäftigt hatte, und
dürfen seine Erkrankung selbst als Reaktion auf dieses 15 Jahre
vorher im Zwange gewünschte Ereignis auffassen. Nichts anderes
als eine Kompensation für diese Todeswünsche gegen den Vater
ist die befremdliche Erstreckung seiner Zwangsbeſürchtungen auf
das „Jenseits“. Sie wurde eingeführt, als die Trauer um den
verstorbenen Vater 1½ Jahre später eine Auffriſchung erfuhr,
und sollte, der Realität zum Trotze und dem Wunsche, der sich
vorher in allerlei Phantasien versucht hatte, zuliebe, den Tod
des Vaters wieder aufheben. Wir haben den Zusatz „im Jenseits“
an mehreren Stellen (S. 328, 331) übersetzen gelernt mit den
Worten: „wenn der Vater noch lebte“.Aber nicht viel anders als unser Patient benehmen sich
andere Zwangs-
kranke, denen das Schicksal nicht ein erstes Zu-
sammentreffen mit dem Phänomen des Todes in so frühen Jahren
beschieden hat. Ihre Gedanken beschäftigen sich unausgesetzt mit
der Lebensdauer und der Todesmöglichkeit anderer, ihre aber-
gläubiſchen Neigungen hatten zuerst keinen andern Inhalt und
haben vielleicht überhaupt keine andere Herkunft. Vor allem
aber bedürfen sie der Todesmöglichkeit zur Lösung der von
ihnen ungelöst gelassenen Konflikte. Ihr wesentlicher Charakter
ist, daß sie der Entscheidung zumal in Liebessachen unfähig
sind; sie trachten jede Entscheidung hinauszuschieben und im
Zweifel, für welche Person oder für welche Maßregel gegen
eine Person sie die Entscheidung treffen sollen, muß das alteS.
341
deutsche Reichsgericht ihr Vorbild werden, dessen Prozesse ge
wöhnlich durch den Tod der streitenden Parteien vor dem
Richterspruch beendigt wurden. So lauern sie in jedem Lebens-
konflikt auf den Tod einer für sie bedeutsamen, zumeist einer
geliebten Person, sei es eines Teiles der Eltern, sei es eines
Nebenbuhlers oder eines der Liebesobjekte, zwischen denen ihre
Neigung schwankt. Mit dieser Würdigung des Todeskomplexes
bei der Zwangsneurose streifen wir aber bereits an das Trieb-
leben der Zwangskranken, das uns nun beschäftigen soll.c) Das Triebleben und die Ableitung von Zwang und Zweifel
Wenn wir zur Kenntnis der psychischen Kräfte gelangen
wollen, deren Gegenspiel diese Neurose aufgebaut hat, so müssen
wir auf das zurückgreifen, was wir bei unserem Patienten über
die Anlässe seiner Erkrankung im reifen Alter und in der Kind-
heit erfahren haben. Er erkrankte in den zwanziger Jahren, als
er vor die Versuchung gestellt wurde, ein anderes Mädchen als
die von ihm längst Geliebte zu heiraten, und entzog sich der
Entscheidung dieses Konfliktes durch Aufschub aller für deren
Vorbereitung erforderlichen Tätigkeiten, wozu ihm die Neurose
die Mittel lieferte. Das Schwanken zwischen der Geliebten
und der anderen läßt sich auf den Konflikt zwischen dem Ein-
fluß des Vaters und der Liebe zur Dame reduzieren, also auf
eine Konfliktwahl zwischen Vater und Sexualobjekt, wie sie den
Erinnerungen und Zwangseinfällen zufolge schon in früher Kind-
heit bestanden hatte. Überdies ist durch sein ganzes Leben un-
verkennbar, daß in bezug auf seine Geliebte wie auf seinen
Vater ein Widerstreit zwischen Liebe und Haß bei ihm bestand.
Rachephantasien und Zwangserscheinungen wie der Verstehzwang
oder die Hantierung mit dem Steine auf der Landstraße be-
zeugen diesen Zwiespalt in ihm, der bis zu einem gewissen
Grade normal verständlich war, denn die Geliebte hatte ihm
durch eine erste Abweisung und durch spätere Kühle Grund zuS.
342
feindseligen Gefühlen gegeben. Aber die gleiche Zwiespältigkeit
der Gefühle beherrschte, wie wir durch die Übersetzung seiner
Zwangsgedanken erfahren haben, sein Verhältnis zum Vater,
und auch der Vater mußte ihm in Kinderzeiten Grund zur
Feindseligkeit gegeben haben, wie wir fast mit Sicherheit fest-
stellen konnten. Sein aus Zärtlichkeit und Feindseligkeit zu-
sammengesetztes Verhältnis zur Geliebten fiel zum großen Teile
in seine bewußte Wahrnehmung. Er täuschte sich höchstens
über das Maß und über den Ausdruck des negativen Gefühls,
hingegen war die einst intensiv bewußt gewesene Feindseligkeit
gegen den Vater ihm längst entrückt, und konnte nur gegen
seinen heftigsten Widerstand ins Bewußtsein zurückgebracht
werden. In der Verdrängung des infantilen Hasses gegen den
Vater erblicken wir jenen Vorgang, welcher alles weitere Ge-
schehen in den Rahmen der Neurose zwang.Die einzeln bei unserem Patienten aufgezählten Gefühls-
konflikte sind nicht unabhängig von einander, sondern paarig mit-
einander verlötet. Der Haß gegen die Geliebte mußte sich zur
Anhänglichkeit an den Vater summieren und umgekehrt. Aber
die zwei Konfliktströmungen, die nach dieser Vereinfachung er-
übrigen, der Gegensatz zwischen dem Vater und der Geliebten
und der Widerspruch von Liebe und Haß in jedem einzelnen
Verhältnisse haben inhaltlich wie genetisch nichts miteinander
zu schaffen. Der erste der beiden Konflikte entspricht dem
normalen Schwanken zwischen Mann und Weib als Objekten
der Liebeswahl, welches dem Kinde zuerst in der berühmten
Frage nahe gebracht wird: Wen hast du lieber, Papa oder
Mama? und das ihn dann durchs Leben begleitet trotz aller
Verschiedenheiten in der Ausbildung der Empfindungsintensitäten
und in der Fixierung der endgültigen Sexualziele. Nur verliert
diese Gegensätzlichkeit normalerweise bald den Charakter des
scharfen Widerspruches, des unerbittlichen Entweder – Oder:
es wird Raum für die ungleichen Ansprüche beider Teile ge-S.
343
schaffen, obwohl auch beim Normalen jederzeit die Wert
schätzung des einen Geschlechtes durch die Entwertung des
anderen gehoben wird.Fremdartiger berührt uns der andere der Konflikte, der zwischen
Liebe und Haß. Wir wissen, daß beginnende Verliebtheit häufig
als Haß wahrgenommen wird, daß Liebe, der die Befriedigung
versagt ist, sich leicht zum Teil in Haß umsetzt, und hören von
den Dichtern, daß in stürmischen Stadien der Verliebtheit beide
gegensätzliche Gefühle eine Zeitlang nebeneinander wie im Wett-
streite bestehen können. Aber ein chronisches Nebeneinander
von Liebe und Haß gegen dieselbe Person, beide Gefühle von
höchster Intensität, setzt uns in Erstaunen. Wir hätten erwartet,
daß die große Liebe längst den Haß überwunden hätte oder
von ihm aufgezehrt worden wäre. Wirklich ist ein solcher Fort-
bestand der Gegensätze nur unter besonderen psychologischen
Bedingungen und durch Mitwirkung des unbewußten Zustandes
möglich. Die Liebe hat den Haß nicht auslöschen, sondern nur
ins Unbewußte drängen können, und im Unbewußten kann er,
gegen die Aufhebung durch die Bewußtseinswirkung geschützt,
sich erhalten und selbst wachsen. Die bewußte Liebe pflegt
unter diesen Umständen reaktionsweise zu einer besonders hohen
Intensität anzuschwellen, damit sie der ihr konstant auferlegten
Arbeit gewachsen sei, ihr Gegenspiel in der Verdrängung zurück-
zuhalten. Eine sehr frühzeitig, in den prähistorischen Kindheits-
jahren erfolgte Scheidung der beiden Gegensätze mit Verdrängung
des einen Anteiles, gewöhnlich des Hasses, scheint die Bedingung
dieser befremdenden Konstellation des Liebeslebens zu sein.1Wenn man eine Anzahl von Analysen Zwangskranker überschaut,
so muß man den Eindruck gewinnen, daß ein solches Verhalten1)Vgl. Die Erörterungen hierüber in einer der ersten Sitzungen. – [Zusatz 1923:]
Für diese Gefühlskonstellation ist später von Bleuler der passende Name „Ambi-
valenz“ geschaffen worden. Vgl. übrigens die spätere Fortführung dieser Erörterungen
im Aufsatze „Die Disposition zur Zwangneurose“ [Bd. V dieser Gesamtausgabe].S.
344
von Liebe und Haß wie bei unserem Patienten zu den häufig-
sten, ausgesprochensten und darum wahrscheinlich bedeutsamsten
Charakteren der Zwangsneurose gehört. Aber so verlockend es
wäre, das Problem der „Neurosenwahl“ auf das Triebleben zu
beziehen, man hat doch Gründe genug, dieser Versuchung aus
dem Wege zu gehen, und muß sich sagen, daß man bei allen
Neurosen die nämlichen unterdrückten Triebe als Symptomträger
aufdeckt. Der von der Liebe in der Unterdrückung des Unbe-
wußten zurückgehaltene Haß spielt doch auch eine große Rolle
in der Pathogenese der Hysterie und der Paranoia. Wir kennen
das Wesen der Liebe zu wenig, um hier eine bestimmte Ent-
scheidung zu treffen; insbesondere das Verhältnis ihres negativen
Faktors1) zur sadistischen Komponente der Libido ist völlig unge-
klärt. Es hat daher etwa den Wert einer vorläufigen Auskunft,
wenn wir sagen: in den besprochenen Fällen von unbewußtem
Hasse sei die sadistische Komponente der Liebe konstitutionell
besonders stark entwickelt gewesen, habe darum eine vorzeitige
und allzu gründliche Unterdrückung erfahren, und nun leiten
sich die beobachteten Phänomene der Neurose einerseits von der
durch Reaktion in die Höhe getriebenen bewußten Zärtlichkeit,
anderseits von dem im Unbewußten als Haß fortwirkenden
Sadismus ab.Wie immer aber dies merkwürdige Verhalten von Liebe und
Haß zu verstehen sein mag, sein Vorkommen ist durch die Be-
obachtung an unserem Patienten über jeden Zweifel erhaben,
und es ist erfreulich zu sehen, wie leicht begreiflich nun die
rätselhaften Vorgänge der Zwangsneurose durch die Beziehung
auf dieses eine Moment werden. Steht einer intensiven Liebe
ein fast ebenso starker Haß bindend entgegen, so muß die nächste
Folge eine partielle Willenslähmung sein, eine Unfähigkeit zur1)„ja oft habe ich den Wunsch, ihn nicht mehr unter den Lebenden zu sehen.
Und doch wenn das je einträfe, ich weiß, ich würde noch viel unglücklicher sein,
so wehrlos, so ganz wehrlos bin ich gegen ihn,“ sagt Alkibiades über den Sokrates
im Symposion (übersetzt von R. Kaßner).S.
345
Entschließung in all den Aktionen, für welche die Liebe das
treibende Motiv sein soll. Aber die Unentschlossenheit bleibt nicht
lange auf eine Gruppe von Handlungen beschränkt. Denn erstens,
welche Handlungen eines Liebenden träten nicht mit seinem
Hauptmotiv in Beziehung? Zweitens kommt dem sexuellen Ver-
halten eine vorbildliche Macht zu, mit der es umformend auf
die übrigen Reaktionen eines Menschen wirkt, und drittens liegt
es im psychologischen Charakter der Zwangsneurose, von dem
Mechanismus der Verschiebung den ausgiebigsten Gebrauch zu
machen. So breitet sich die Entschlußlähmung allmählich über
das gesammte Tun des Menschen aus.1)Damit ist die Herrschaft von Zwang und Zweifel, wie sie
uns im Seelenleben der Zwangskranken entgegentreten, gegeben.
Der Zweifel entspricht der innern Wahrnehmung der Unent-
schlossenheit, welche, infolge der Hemmung der Liebe durch den
Haß, bei jeder beabsichtigten Handlung sich des Kranken be-
mächtigt. Er ist eigentlich ein Zweifel an der Liebe, die ja das
subjektiv Sicherste sein sollte, der auf alles übrige diffundirt
und sich vorzugsweise auf das indifferenteste Kleinste verschoben
hat. Wer an seiner Liebe zweifelt, darf, muß doch auch an allem
andern, geringeren, zweifeln?2)Es ist derselbe Zweifel, der bei den Schutzmaßregeln zur Un-
sicherheit und zur fortgesetzten Wiederholung führt, um diese
Unsicherheit zu bannen, der es endlich zustande bringt, daß diese
Schutzhandlungen ebenso unvollziehbar werden wie die ursprünglich
gehemmte Liebesentschließung. Ich mußte anfangs meiner Er-
fahrungen eine andere und allgemeinere Ableitung der Unsicherheit
bei den Zwangskranken annehmen, die sich näher an die Norm1)Vgl. Die Darstellung durch ein Kleinstes als Witztechnik, I. B. S. 64.
2)Hamlets Liebesverse an Ophelia:
Doubt thou the stars are fire;
Doubt that the sun doth move;
Doubt truth to be a liar;
But never doubt I love. (II, 2.)S.
346
anzuschließen schien. Wenn ich z. B. während der Abfassung
eines Briefes durch Zwischenfragen einer andern Person gestört
worden bin, so empfinde ich hernach eine berechtigte Unsicherheit,
was ich wohl unter dem Einflusse der Störung geschrieben haben
mag, und ich bin genötigt, zur Sicherheit den Brief, nachdem
er fertig geworden ist, nochmals durchzulesen. So konnte ich
auch meinen, daß die Unsicherheit der Zwangskranken, z. B.
bei ihren Gebeten, daher rühre, daß sich ihnen unaufhörlich
unbewußte Phantasien als Störer in die Tätigkeit des Betens
mengten. Diese Annahme war richtig und ist doch leicht mit
unserer früheren Behauptung zu versöhnen. Es trifft zu, daß die
Unsicherheit, eine Schutzmaßregel vollzogen zu haben, von den
störenden unbewußten Phantasien herrührt, aber diese Phantasien
enthalten eben den gegenteiligen Impuls, der gerade durch das
Gebet abgewehrt werden sollte. Es wird dies einmal überdeutlich
bei unserem Patienten, indem die Störung nicht unbewußt bleibt,
sondern sich laut vernehmen läßt. Wenn er beten will „Gott
schütze sie“, so stürzt plötzlich aus dem Unbewußten ein feind-
seliges „nicht“ dazu heraus, und er hat erraten, daß es der An-
satz zu einem Fluche ist (S. 303). Bliebe dieses „nicht“ stumm,
so befände auch er sich im Zustande der Unsicherheit und würde
sein Beten immer mehr verlängern; auf das Lautwerden hin hat
er endlich das Beten aufgegeben. Ehe er das tat, versuchte er
wie andere Zwangskranke allerlei Methoden, um die Einmengung
des Gegensatzes hintanzuhalten, die Verkürzung der Gebete, das
beschleunigte Aussprechen derselben; andere bemühen sich jede
solche Schutzaktion sorgfältig von anderem zu „isolieren“. Aber
alle diese Techniken fruchten auf die Dauer nichts; hat der
liebevolle Impuls in seiner Verschiebung auf eine geringfügige
Handlung etwas durchführen können, so wird ihm der feind-
selige bald auch dahinflolgen und sein Werk wieder aufheben.Wenn dann der Zwangskranke die schwache Stelle in der
Sicherung unseres Seelenlebens, die Unverläßlichkeit des Gedächt-S.
547
nisses, entdeckt hat, so kann er mit ihrer Hilfe den Zweifel auf
alles ausdehnen, auch auf bereits vollzogene Handlungen, die
noch nicht in Beziehung zum Liebe-
Haß-Komplex standen, und
auf die ganze Vergangenheit. Ich erinnere an das Beispiel jener
Frau, die eben im Laden einen Kamm für ihre kleine Tochter
gekauft hatte, und nach dem Argwohn an ihrem Mann zu zweifeln
begann, ob sie ihn nicht vielmehr schon längst besessen: Sagt
diese Frau nicht direkt: Wenn ich an deiner Liebe zweifeln
kann (und das ist nur eine Projektion ihres Zweifels an der
eigenen Liebe zu ihm), so kann ich auch daran, so kann ich an
allem zweifeln, und gibt so den verborgenen Sinn des neurotischen
Zweifels unserem Verständnisse Preis?Der Zwang aber ist ein Versuch zur Kompensation des Zweifels
und zur Korrektur der unerträglichen Hemmungszustände, von
denen der Zweifel Zeugnis ablegt. Ist es endlich mit Hilfe der
Verschiebung gelungen, irgendeinen der gehemmten Vorsätze zum
Entschluß zu bringen, so muß dieser ausgeführt werden; es ist
freilich nicht der ursprüngliche mehr, aber die dort aufgestaute
Energie wird auf die Gelegenheit, an der Ersatzhandlung ihre
Abfuhr zu finden, nicht mehr verzichten. Sie äußert sich also in Ge-
boten und Verboten, indem bald der zärtliche, bald der feindliche
Impuls diesen Weg zur Abfuhr erobert. Die Spannung, wenn das
Zwangsgebot nicht ausgeführt werden soll, ist eine unerträgliche und
wird als höchste Angst wahrgenommen. Aber der Weg selbst zu
der auf ein Kleinstes verschobenen Ersatzhandlung wird so heiß um-
stritten, daß diese meist nur als Schutzmaßregel im engsten An-
schlusse an einen abzuwehrenden Impuls durchgesetzt werden kann.Durch eine Art von Regression treten ferner vorbereitende
Akte an die Stelle der endgültigen Entschließung, das Denken
ersetzt das Handeln, und irgendeine Gedankenvorstufe der Tat
setzt sich mit Zwangsgewalt durch anstatt der Ersatzhandlung.
Je nachdem diese Regression vom Handeln aufs Denken mehr
oder weniger ausgeprägt ist, nimmt der Fall von ZwangsneuroseS.
348
den Charakter des Zwangsdensens (Zwangsvorstellung) oder des
Zwangshandelns im engeren Sinne an. Diese eigentlichen Zwangs-
handlungen werden aber nur dadurch ermöglicht, daß in ihnen
eine Art. Versöhnung der beiden einander bekämpfenden Impulse
in Kompromißbildungen statt hat. Die Zwangshandlungen nähern
sich nämlich immer mehr, und je länger das Leiden andauert, um so
deutlicher, den infantilen Sexualhandlungen nach Art der Onanie. So
ist es bei dieser Form der Neurose doch zu Liebesakten gekommen,
aber nur mit Zuhilfenahme einer neuen Regression, nicht mehr zu
Akten, die einer Person gelten, dem Objekte von Liebe und Haß,
sondern zu autoerotischen Handlungen wie in der Kindheit.
Die erstere Regression, die vom Handeln aufs Denken, wird durch
einen andern an der Entstehung der Neurose beteiligten Faktor be-
günstigt. Ein fast regelmäßiges Vorkommnis in den Geschichten der
Zwangskranken ist das frühzeitige Auftreten und die vorzeitige Ver-
drängung des sexuellen Schau- und Wiβtriebes, der ja auch bei unserem
Patienten ein Stück seiner infantilen Sexualbetätigung dirigiert.1)
Wir haben der Bedeutung der sadistischen Komponente für
die Genese der Zwangsneurose bereits gedacht; wo der Wiβtrieb
in der Konstitution des Zwangskranken überwiegt, da wird das
Grübeln zum Hauptsymptom der Neurose. Der Denkvorgang
selbst wird sexualisiert, indem die sexuelle Lust, die sich sonst
auf den Inhalt des Denkens bezieht, auf den Denkakt selbst
gewendet wird, und die Befriedigung beim Erreichen eines Denk-
ergebnisses wird als sexuelle Befriedigung empfunden. Diese
Beziehung des Wiβtriebes zu den Denkvorgängen macht ihn
besonders geeignet, in den verschiedenen Formen der Zwangs-
neurose, an denen er Anteil hat, die Energie, die sich vergeblich
zur Handlung durchzudringen bemüht, aufs Denken zu locken,
wo sich die Möglichkeit einer andern Art von Lustbefriedigung
bietet. So kann sich mit Hilfe des Wiβtriebes die Ersatzhandlung1)Hiermit hängt wahrscheinlich auch die im Durchschnitt recht große intellek-
tuelle Begabung der Zwangskranken zusammen.S.
349
durch vorbereitende Denkakte weiter ersetzen. Der Aufschub im
Handeln findet aber bald seinen Ersatz durch das Verweilen im
Denken, und der ganze Prozeß ist schließlich mit Erhaltung all
seiner Eigentümlichkeiten auf ein neues Gebiet übersetzt, wie
die Amerikaner ein Haus zu „moven“ vermögen.Ich würde mich nun getrauen, den lange gesuchten psycho-
logischen Charakter, der den Produkten der Zwangsneurose das
„Zwangsartige“ verleiht, in Anlehnung an die oben stehenden Er-
örterungen zu bestimmen. Zwanghaft werden solche Denkvorgänge,
welche (infolge der Gegensatzhemmung am motorischen Ende der
Denksysteme) mit einem – qualitativ wie quantitativ – sonst nur
für das Handeln bestimmten Energieaufwand unternommen werden,
also Gedanken, die regressiv Taten vertreten müssen. Die An-
nahme wird wohl keinen Widerspruch erfahren, daß das Denken sonst
aus ökonomischen Gründen mit kleineren Energieverschiebungen
(wahrscheinlich auf höherem Niveau) betrieben wird als das zur Ab-
fuhr und zur Veränderung der Außenwelt bestimmte Handeln.Was als Zwangsgedanke überstark zum Bewußtsein durchge-
drungen ist, muß nun gegen die auflösenden Bemühungen des
bewußten Denkens versichert werden. Wir wissen bereits, daß
dieser Schutz durch die Entstellung erreicht wird, welche der
Zwangsgedanke vor seinem Bewußtwerden erfahren hat. Doch ist
dies nicht das einzige Mittel. Überdies wird selten versäumt, die
einzelne Zwangsidee der Situation ihrer Entstehung zu entrücken,
in welcher sie trotz der Entstellung am leichtesten dem Verständnisse
zugänglich wäre. In dieser Absicht wird einerseits ein Intervall
zwischen die pathogene Situation und die abfolgende Zwangsidee
eingeschoben, welches die Kausalerforschungen des bewußten
Denkens irre führt; anderseits wird der Inhalt der Zwangsidee durch
Verallgemeinerung aus seinen speziellen Beziehungen gelöst.Ein Beispiel hiefür gibt unser Patient im „Verstehzwang“
(S. 300); ein besseres vielleicht eine andere Kranke, die sich
verbot, irgendwelchen Schmuck zu tragen, obwohl die Veran-S.
350
lassung auf ein einziges Schmuckstück zurückging, um welches
sie ihre Mutter beneidet hatte, und von dem sie hoffte, es würde
ihr dereinst durch Erbschaft zufallen. Endlich dient noch zum
Schutze der Zwangs-
idee gegen die bewußte Lösungsarbeit der
unbestimmt oder zweideutig gewählte Wortlaut, wenn man diesen
von der einheitlichen Entstellung absondern will. Dieser miß-
verstandene Wortlaut kann nun in die Delirien eingehen und
die weiteren Fortbildungen oder Ersetzungen des Zwanges werden
an das Mißverständnis anknüpfen anstatt an den richtigen Text.
Doch kann man beobachten, daß diese Delirien bestrebt sind,
immer wieder neue Beziehungen zu dem nicht im bewußten Denken
aufgenommenen Gehalt und Wortlaut des Zwanges zu gewinnen.Einer einzigen Bemerkung wegen möchte ich noch zum Trieb-
leben der Zwangsneurose zurückkehren. Unser Patient erwies
sich auch als ein Riecher, der nach seiner Behauptung in der
Kindheit wie ein Hund jeden Menschen nach dem Geruch
erkannt hatte, und dem auch heute noch Riechwahrnehmungen
mehr sagten als anderen.1) Ich habe ähnliches auch bei anderen
Neurotikern, Zwangskranken und Hysterikern gefunden und ge-
lernt, der Rolle einer seit der Kindheit untergegangenen Riechlust
in der Genese der Neurosen Rechnung zu tragen.2) Ganz allgemein
möchte ich die Frage aufwerfen, ob nicht die mit der Abkehrung
des Menschen vom Erdboden unvermeidlich gewordene Ver-
kümmerung des Geruchsinnes und die so hergestellte organische
Verdrängung der Riechlust einen guten Anteil an seiner Befähigung
zu neurotischen Erkrankungen haben kann. Es ergäbe sich ein
Verständnis dafür, daß bei steigender Kultur gerade das Sexualleben
die Opfer der Verdrängung bringen muß. Wir wissen ja längst, welch
inniger Zusammenhang in der tierischen Organisation zwischen dem
Sexualtrieb und der Funktion des Riechorgans hergestellt ist.1)Ich füge hinzu, daß in seinen Kinderjahren starke koprophile Neigungen ge-
waltet hatten. Dazu die bereits betonte Analerotik (S. 320).2)Z. B. bei gewissen Formen des Fetischismus.
S.
551
Zum Schlusse dieser Arbeit will ich die Hoffnung aussprechen,
daß meine in jedem Sinne unvollständigen Mitteilungen wenigsten
anderen die Anregung bringen mögen, durch weitere Vertiefung
in das Studium der Zwangsneurose mehr zutage zu fördern. Das
Charakteristische dieser Neurose, das, was sie von der Hysterie
unterscheidet, ist meines Erachtens nicht im Triebleben, sondern
in den psychologischen Verhältnissen zu suchen. Ich kann meinen
Patienten nicht verlassen, ohne dem Eindrucke Worte zu leihen,
daß er gleichsam in drei Persönlichkeiten zerfallen war; ich
würde sagen: in eine unbewußte und zwei vorbewußte, zwischen
denen sein Bewußtsein oszillieren konnte. Sein Unbewußtes um
schloß die frühzeitig unterdrückten, als leidenschaftlich und böse
zu bezeichnenden Regungen; in seinem Normalzustande war er
gut, lebensfroh, überlegen, klug und aufgeklärt, aber in einer
dritten psychischen Organisation huldigte er dem Aberglauben
und der Askese, so daß er zwei Überzeugungen haben und
zweierlei Weltanschauungen vertreten konnte. Diese vorbewußte
Person enthielt vorwiegend die Reaktionsbildungen auf seine
verdrängten Wünsche, und es war leicht vorherzusehen, daß sie
bei weiterem Bestande der Krankheit die normale Person auf
gezehrt hätte. Ich habe jetzt Gelegenheit, eine an schweren
Zwangshandlungen leidende Dame zu studieren, die in ähnlicher
Weise in eine tolerante, heitere und in eine schwer verdüsterte,
asketische Persönlichkeit zerfallen ist, die erstere als ihr offizielles
Ich vorschiebt, während sie von der letzteren beherrscht wird.
Beide psychischen Organisationen haben Zugang zu ihrem Bewußt-
sein, und hinter der asketischen Person ist das ihr völlig unbekannte
Unbewußte ihres Wesens aufzufinden, bestehend aus uralten,
längst verdrängten Wunschregungen.11)[Zusatz 1923:] Der Patient, dem die mitgeteilte Analyse seine psychische
Gesundheit wiedergegeben hatte, ist wie soviele andere wertvolle und hoffnungsvolle
junge Männer im großen Krieg umgekommen.
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Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose1909-004/1924