• S.

    348

     

    II) Zur Theorie

    a) Einige allgemeine Charaktere der Zwangsbildungen46

    Meine im Jahre 1896 gegebene Definition der Zwangs-
    vorstellungen, sie seien „verwandelte, aus der Verdrängung
    wiederkehrende Vorwürfe, die sich immer auf eine sexuelle,
    mit Lust ausgeführte Aktion der Kinderjahre beziehen“,47
    erscheint mir heute formell angreifbar, obwohl sie aus den

    Dame gegen die Anziehung eines anderen Magneten verlassen. Der
    Sieg in diesem Konflikte verbleibt der Dame, allerdings mit Unter-
    stützung der normalen Besinnung.

    45) Vgl. „Über infantile Sexualtheorien“ (Bd. V der Ges. Schr.).

    46) Verschiedene der hier und im nächsten Abschnitte behandel-
    ten Punkte sind in der Literatur der Zwangsneurose bereits er-
    wähnt worden, wie man aus dem gründlichen Hauptwerke über
    diese Krankheitsform, dem 1904 veröffentlichten Buch von L. Lö-
    wenfeld, „Die psychischen Zwangserscheinungen“, ersehen kann.

    47) „Weitere Bemerkungen über die Abwehrneuropsychosen“ 
    (Bd. I der Ges. Schriften).

  • S.

    349

    besten Elementen zusammengesetzt ist. Sie strebte zu sehr
    nach Vereinheitlichung und nahm sich den Vorgang der
    Zwangskranken selbst zum Muster, welche mit der ihnen
    eigentümlichen Neigung zur Unbestimmtheit die verschie-
    denartigsten psychischen Bildungen als „Zwangsvorstel-
    lungen“ zusammenwerfen.48 Es ist in der Tat korrekter,
    von „Zwangsdenken“ zu sprechen und hervorzuheben, daß
    die Zwangsgebilde den Wert der verschiedenartigsten psy-
    chischen Akte haben können. Sie lassen sich als Wünsche,
    Versuchungen, Impulse, Reflexionen, Zweifel, Gebote und
    Verbote bestimmen. Die Kranken haben im allgemeinen das
    Bestreben, diese Bestimmtheit abzuschwächen und den seines
    Affektindex beraubten Inhalt als Zwangsvorstellung zu
    führen. Ein Beispiel für solche Behandlung eines Wun-
    sches, der zur bloßen „Denkverbindung“ herabgesetzt wer-
    den sollte, bot uns unser Patient in einer der ersten Sitzun-
    gen (S. 307)

    Man muß auch bald zugestehen, daß bisher nicht einmal
    die Phänomenologie des Zwangsdenkens entsprechend ge-
    würdigt werden konnte. In dem sekundären Abwehrkampf,
    den der Kranke gegen die in sein Bewußtsein eingedrunge-
    nen „Zwangsvorstellungen“ führt, kommen Bildungen zu-
    stande, die einer besonderen Benennung würdig sind. Man
    denke z.B. an die Gedankenreihen, die unseren Patienten
    während seiner Rückfahrt von der Waffenübung beschäf-

    48) Dieser Mangel der Definition wird im Aufsatze selbst ver-
    bessert. Es heißt darin: „Die wiederbelebten Erinnerungen und die
    aus ihnen gebildeten Vorwürfe treten aber niemals unverändert ins
    Bewußtsein ein, sondern was als Zwangsvorstellung und Zwangs-
    affekt bewußt wird, die pathogene Erinnerung für das bewußte
    Leben substituiert, sind Kompromißbildungen zwischen den
    verdrängten und den verdrängenden Vorstellungen.“ In der Defi-
    nition ist also ein besonderer Akzent auf das Wort „verwandelt“
    zu legen.

  • S.

    350

    tigen. Es sind nicht rein vernünftige Erwägungen, die den
    Zwangsgedanken entgegengesetzt werden, sondern gleich-
    sam Mischlinge zwischen beiden Denkungsarten, sie neh-
    men gewisse Voraussetzungen des Zwanges, den sie be-
    kämpfen, in sich auf und stellen sich (mit den Mitteln der
    Vernunft) auf den Boden des krankhaften Denkens. Ich
    meine, solche Bildungen verdienen den Namen von „De-
    lirien“. Ein Beispiel, das ich an seine Stelle in der
    Krankengeschichte einzufügen bitte, wird die Unterschei-
    dung klarmachen. Als unser Patient sich eine Zeitlang wäh-
    rend seines Studiums dem beschriebenen tollen Treiben
    hingegeben hatte, bis in die späte Nacht zu arbeiten, dann
    für den Geist des Vaters die Türe zu öffnen, dann seine
    Genitalien im Spiegel zu beschauen (S. 333), suchte er sich
    mit der Mahnung zurechtzubringen, was wohl der Vater
    dazu sagen würde, wenn er wirklich noch am Leben wäre.
    Aber dieses Argument hatte keinen Erfolg, solange es in
    dieser vernünftigen Form vorgebracht wurde; der Spuk
    hörte erst auf, nachdem er dieselbe Idee in die Form einer
    deliriösen Drohung gebracht hatte: Wenn er diesen Unsinn
    noch einmal übe, werde dem Vater im Jenseits ein Übel
    zustoßen.

    Der Wert der sicherlich berechtigten Unterscheidung
    zwischen primärem und sekundärem Abwehrkampf wird in
    unerwarteter Weise durch die Erkenntnis eingeschränkt,
    daß die Kranken den Wortlaut ihrer eigenen
    Zwangsvorstellungen nicht kennen. Es klingt
    paradox, hat aber seinen guten Sinn. Im Verlaufe einer
    Psychoanalyse wächst nämlich nicht nur der Mut des Kran-
    ken, sondern gleichsam auch der seiner Krankheit; sie
    getraut sich deutlicherer Äußerungen. Um die bildliche
    Darstellung zu verlassen, es geht wohl so zu, daß der
    Kranke, der sich bisher erschreckt von der Wahrnehmung

  • S.

    351

    seiner krankhaften Produktionen abgewendet hatte, ihnen
    nun seine Aufmerksamkeit schenkt und sie deutlicher und
    ausführlicher erfährt.49

    Eine schärfere Kenntnis der Zwangsbildungen gewinnt
    man überdies auf zwei besonderen Wegen. Erstens macht
    man die Erfahrung, daß die Träume den eigentlichen Text
    des Zwangsgebotes u. dgl. bringen können, der im Wachen
    nur verstümmelt und entstellt, wie in einer verunstalteten
    Depesche, bekannt worden ist. Diese Texte treten im
    Traume als Reden auf, entgegen der Regel, daß Reden
    im Traume von Reden am Tage herrühren.50 Zweitens
    gewinnt man in der analytischen Verfolgung einer Kran-
    kengeschichte die Überzeugung, daß oft mehrere aufeinan-
    derfolgende, aber im Wortlaute nicht identische Zwangs-
    vorstellungen im Grunde doch eine und dieselbe sind. Die
    Zwangsvorstellung ist das erstenmal glücklich abgewiesen
    werden, sie kehrt nun ein andermal in entstellter Form
    wieder, wird nicht erkannt und kann sich vielleicht gerade
    infolge ihrer Entstehung im Abwehrkampfe besser behaup-
    ten. Die ursprüngliche Form aber ist die richtige, die oft
    ihren Sinn ganz unverhüllt erkennen läßt. Hat man eine
    unverständliche Zwangsidee mühselig aufgeklärt, so kann
    man nicht selten vom Kranken hören, daß ein Einfall,
    Wunsch, Versuchung wie der konstruierte, wirklich vor der
    Zwangsidee einmal aufgetreten ist, aber sich nicht gehalten
    hat. Die Beispiele hierfür aus der Geschichte unseres Pa-
    tienten würden leider zu umständlich ausfallen.

    Die offiziell so bezeichnete „Zwangsvorstellung“ trägt
    also in ihrer Entstellung gegen den ursprünglichen Wort-

    49) Bei manchen Kranken geht die Abwendung ihrer Aufmerk-
    samkeit so weit, daß sie den Inhalt einer Zwangsvorstellung über-
    haupt nicht angeben, eine Zwangshandlung, die sie unzählige Male
    ausgeführt, nicht beschreiben können.

    50) Vgl. „Traumdeutung“ (Ges. Schriften, Bd. II, S. 348f.)

  • S.

    352

    laut die Spuren des primären Abwehrkampfes an sich.
    Ihre Entstellung macht sie nun lebensfähig, denn das be-
    wußte Denken ist genötigt, sie in ähnlicher Weise miß-
    zuverstehen wie den Trauminhalt, der selbst ein Kompro-
    miß- und Entstellungsprodukt ist und vom wachen Denken
    weiter mißverstanden wird.

    Das Mißverständnis des bewußten Denkens läßt sich nun
    nicht nur an den Zwangsideen selbst, sondern auch an den
    Produkten des sekundären Abwehrkampfes, z. B. an den
    Schutzformeln nachweisen. Hierfür kann ich zwei gute
    Beispiele bringen. Unser Patient gebrauchte als Abwehr-
    formel ein rasch ausgesprochenes aber, von einer ab-
    weisenden Handbewegung begleitet. Er erzählte dann ein-
    mal, diese Formel habe sich in letzter Zeit verändert; er
    sage nicht mehr áber, sondern abér. Nach dem Grunde
    dieser Fortentwicklung befragt, gab er an, das stumme e
    der zweiten Silbe gebe ihm keine Sicherheit gegen die
    gefürchtete Einmengung von etwas Fremdem und Gegen-
    sätzlichem, und darum habe er beschlossen, das e zu
    akzentuieren. Diese Aufklärung, ganz im Stile der Zwangs-
    neurose gehalten, erwies sich doch als unzutreffend, sie
    konnte höchstens den Wert einer Rationalisierung beanspru-
    chen; in Wirklichkeit war das abér eine Angleichung an
    Abwehr, welchen Terminus er aus den theoretischen Ge-
    sprächen über die Psychoanalyse kannte. Die Kur war
    also in mißbräuchlicher und deliriöser Weise zur Verstär-
    kung einer Abwehrformel verwendet worden. Ein andermal
    sprach er von seinem Hauptzauberwort, das er zum Schutze
    gegen alle Anfechtungen aus den Anfangsbuchstaben aller
    heilkräftigsten Gebete zusammengesetzt und mit einem
    angehängten Amen versehen hatte. Ich kann das Wort
    selbst nicht hierhersetzen aus Gründen, die sich sogleich
    ergeben werden. Denn als ich es erfuhr, mußte ich be-

  • S.

    353

    merken, daß es vielmehr ein Anagramm des Namens seiner
    verehrten Dame war; in diesem Namen war ein S ent-
    halten, welches er ans Ende und unmittelbar vor das an-
    gehängte Amen gesetzt hatte. Er hatte also – wir dürfen
    sagen: seinen Samen mit der Geliebten zusammengebracht,
    d. h. mit ihrer Person in der Vorstellung onaniert. Diesen
    aufdringlichen Zusammenhang hatte er aber selbst nicht
    bemerkt; die Abwehr hatte sich vom Verdrängten narren
    lassen. Übrigens ein gutes Beispiel für den Satz, daß mit
    der Zeit das Abzuwehrende sich regelmäßig Eingang in
    das verschafft, wodurch es abgewehrt wird. 

    Wenn behauptet wird, daß die Zwangsgedanken eine Ent-
    stellung erfahren haben ähnlich wie die Traumgedanken,
    ehe sie zum Trauminhalte werden, so darf uns die Technik
    dieser Entstellung interessieren, und es stünde nichts im
    Wege, die verschiedenen Mittel derselben an einer Reihe
    von übersetzten und verstandenen Zwangsideen darzulegen.
    Auch hiervon kann ich aber unter den Bedingungen dieser
    Publikation nur einzelne Proben geben. Nicht alle Zwangs-
    ideen unseres Patienten waren so kompliziert gebaut und
    so schwer aufzuschließen wie die große Rattenvorstellung.
    Bei anderen war eine sehr einfache Technik gebraucht wor-
    den, die der Enstellung durch Auslassung – Ellipse –‚
    die beim Witz so vorzügliche Anwendung findet, aber auch
    hier ihre Schuldigkeit als Schutzmittel gegen das Ver-
    ständnis tat.

    Eine seiner ältesten und beliebtesten Zwangsideen (vom
    Wert einer Mahnung oder Warnung) lautete z. B.: Wenn
    ich die Dame heirate, geschieht dem Vater ein Unglück
    (im Jenseits). Setzen wir die übersprungenen und aus der
    Analyse bekannten Zwischenglieder ein, so lautet der Ge-
    dankengang: Wenn der Vater lebte, so würde er über
    meinen Vorsatz, die Dame zu heiraten, ebenso wütend wer-

  • S.

    354

    den wie damals in der Kinderszene, so daß ich wiederum
    eine Wut gegen ihn bekäme und ihm alles Böse wünschte,
    was sich kraft der Allmacht51 meiner Wünsche an ihm
    erfüllen müßte.

    Oder ein anderer Fall von elliptischer Auflösung, gleich-
    falls einer Warnung oder eines asketischen Verbotes. Er
    hatte eine herzige kleine Nichte, die er sehr liebte. Eines
    Tages bekam er die Idee: Wenn du dir einen Koitus ge-
    stattest, wird der Ella ein Unglück geschehen (sterben). Mit
    Einsetzung des Ausgelassenen: Bei jedem Koitus, auch mit
    einer Fremden, mußt du doch daran denken, daß der
    Sexualverkehr in deiner Ehe nie ein Kind zur Folge haben
    wird (die Sterilität seiner Geliebten). Das wird dir so leid
    tun, daß du auf die kleine Ella neidisch werden und der
    Schwester das Kind nicht gönnen wirst. Diese neidischen
    Regungen müssen den Tod des Kindes zur Folge haben.52

    Die elliptische Entstellungstechnik scheint für die Zwangs-
    neurose typisch zu sein; ich bin ihr auch bei den Zwangs-
    gedanken anderer Patenten begegnet. Besonders durchsich-
    tig und durch eine gewisse Ähnlichkeit mit der Struktur
    der Rattenvorstellung interessant war ein Fall von Zweifel
    bei einer wesentlich an Zwangshandlungen leidenden Dame.

    51) Über diese „Allmacht“ siehe später.

    52) An die Verwendung der Auslassungstechnik heim Witze will
    ich durch einige Beispiele erinnern, die ich einer Schrift von mir
    entnehme. [Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 1905;
    Gesammelte Schriften, Bd. IX, S. 83.] „In Wien lebt ein geist-
    reicher und kampflustiger Schriftsteller, der sich durch die Schärfe
    seiner Invektive wiederholt körperliche Mißhandlungen von seiten
    der Angegriffenen zugezogen hat. Als einmal eine neue Missetat
    eines seiner habituellen Gegner beredet wurde, äußerte ein Dritter:
    Wenn der X. das hört, bekommt er eine Ohrfeige . . .
    Der Widersinn vergeht, wenn man in die Lücke einsetzt: Dann
    schreibt er einen so bissigen Artikel gegen den
    Betreffenden, daß“ usw. – Dieser elliptische Witz zeigt
    auch inhaltliche Übereinstimmung mit dem obigen ersten Beispiel.

  • S.

    355

    Sie ging mit ihrem Manne in Nürnberg spazieren und ließ
    sich von ihm in einen Laden begleiten, in dem sie ver-
    schiedene Gegenstände für ihr Kind, darunter auch einen
    Kamm, einkaufte. Der Mann, dem das Wählen zu lange
    dauerte, gab an‚ er habe auf dem Wege einige Münzen bei
    einem Antiquar gesehen, die er erwerben wolle; er werde
    sie nach dem Kaufe aus diesem Laden abholen. Er blieb
    aber nach ihrer Schätzung viel zu lange aus. Als er wie-
    derkam und auf die Frage, wo er sich aufgehalten, ant-
    wortete: Eben bei jenem Antiquar, bekam sie in demselben
    Momente den quälenden Zweifel, ob sie den fürs Kind ge-
    kauften Kamm nicht vielmehr seit jeher besessen habe.
    Natürlich verstand sie den simplen Zusammenhang nicht
    aufzudecken. Wir können gar nicht anders, als diesen
    Zweifel für einen verschobenen erklären und den voll-
    ständigen unbewußten Gedanken in folgender Art kon-
    struieren: Wenn es wahr ist, daß du nur beim Antiquar
    warst, wenn ich das glauben soll, dann kann ich ebenso
    glauben, daß ich diesen eben gekauften Kamm schon seit
    Jahren besitze. Also eine höhnische persiflierende Gleich-
    stellung, ähnlich wie der Gedanke unseres Patienten: Ja,
    so gewiß die beiden (Vater und Dame) Kinder bekommen
    werden, so gewiß werde ich dem A. das Geld zurück-
    geben. Bei der Dame hing der Zweifel an der ihr un-
    bewußten Eifersucht, die sie annehmen ließ, ihr Mann habe
    das Intervall zu einem galanten Besuch benutzt.

    Eine psychologische Würdigung des Zwangsdenkens ver-
    suche ich diesmal nicht zu unternehmen. Sie würde außer-
    ordentlich wertvolle Ergebnisse bringen und zur Klärung
    unserer Einsichten in das Wesen des Bewußten und Un-
    bewußten mehr leisten als das Studium der Hysterie und
    der hypnotischen Erscheinungen. Es wäre sehr wünschens-
    wert, daß die Philosophen und Psychologen, welche vom

  • S.

    356

    Hörensagen her oder aus ihren konventionellen Definitio-
    nen scharfsinnige Lehren über das Unbewußte entwickeln,
    sich vorher die entscheidenden Eindrücke aus den Er-
    scheinungen des Zwangsdenkens holten; man könnte es
    beinahe fordern, wenn es nicht soviel mühseliger wäre als 
    die ihnen sonst vertrauten Arbeitsweisen. Ich werde hier
    nur noch anführen, daß bei der Zwangsneurose gelegent-
    lich die unbewußten seelischen Vorgänge in reinster, un-
    entstellter Form zum Bewußten durchbrechen, daß der
    Durchbruch von den verschiedensten Stadien des unbewuß-
    ten Denkprozesses her erfolgen kann, und daß die Zwangs-
    vorstellungen im Momente des Durchbruchs meist als längst
    bestehende Bildungen erkannt werden können. Daher die
    auffällige Erscheinung, daß der Zwangskranke, wenn man
    mit ihm dem ersten Auftreten einer Zwangsidee nach-
    forscht, dieselbe im Laufe der Analyse immer weiter nach
    rückwärts verlegen muß, immer neue erste Veranlassungen
    für sie findet.

    b) Einige psychische Besonderheiten der Zwangskranken – ihr Verhältnis zur Realität, zum Aberglauben und zum Tod

    Ich habe hier einige seelische Charaktere der Zwangs-
    kranken zu behandeln, welche an sich nicht wichtig schei-
    nen, aber auf dem Wege zum Verständnisse von Wichtige-
    rem liegen. Sie waren bei meinem Patienten sehr deutlich
    ausgesprochen, – ich weiß aber, daß sie nicht seiner Indi-
    vidualität, sondern seinem Leiden zuzurechnen sind und
    sich in ganz typischer Weise bei anderen Zwangskranken
    wiederfinden.

    Unser Patient war in hohem Grade abergläubisch, und
    dies zwar, obwohl er ein hochgebildeter, aufgeklärter Mann
    von bedeutendem Scharfsinn war und zuzeiten versichern
    konnte, daß er von all dem Plunder nichts für wahr halte.

  • S.

    357

    Er war also abergläubisch und war es doch nicht und unter-
    schied sich doch deutlich von den ungebildeten Abergläubi-
    schen, die sich eins mit ihrem Glauben fühlen. Er schien zu
    verstehen, daß sein Aberglaube von seinem Zwangsdenken
    abhing, obwohl er sich zuzeiten voll zu ihm bekannte. Ein
    so widerspruchsvolles und schwankendes Benehmen läßt
    sich am ehesten unter dem Gesichtswinkel eines bestimmten
    Erklärungsversuches erfassen. Ich habe nicht gezögert, an-
    zunehmen, daß er betreffs dieser Dinge zwei verschiedene
    und entgegengesetzte Überzeugungen hatte und nicht etwa
    eine noch unfertige Meinung. Zwischen diesen beiden Mei-
    nungen oszillierte er dann in sichtbarster Abhängigkeit von
    seiner sonstigen Stellung zum Zwangsleiden. Sowie er eines
    Zwanges Herr geworden war, belächelte er seine Leicht-
    gläubigkeit mit überlegenem Verständnis, und es ereignete
    sich ihm nichts, was ihn hätte erschüttern können, und so-
    bald er wieder unter die Herrschaft eines ungelösten Zwan-
    ges – oder was gleichwertig ist: eines Widerstandes – 
    gekommen war, erlebte er die sonderbarsten Zufälle, welche
    der gläubigen Überzeugung zu Hilfe kamen.

    Sein Aberglaube war immerhin der eines gebildeten Man-
    nes und sah von Abgeschmacktheiten, wie die Angst vor
    dem Freitag, vor der Zahl 13 u. dgl., ab. Er glaubte aber
    an Vorzeichen, an prophetische Träume, begegnete bestän-
    dig jenen Personen, mit denen er sich unerklärlicherweise
    eben beschäftigt hatte, und erhielt Briefe von Korrespon-
    denten, die sich ihm nach den längsten Pausen plötzlich in
    geistige Erinnerung gebracht hatten. Dabei war er recht-
    schaffen genug oder vielmehr so weit seiner offiziellen
    Überzeugung getreu, daß er Fälle nicht vergessen hatte, in
    denen die intensivsten Ahnungen zu nichts gekommen
    waren, z. B. einmal, als er sich in den Sommeraufenthalt
    begab, die sichere Ahnung, er werde nicht mehr lebend nach

  • S.

    358 

    Wien zurückkehren. Auch gab er zu, daß die größte Mehr-
    zahl der Vorzeichen Dinge betrafen, die keine besondere
    Bedeutung für seine Person hatten, und daß, wenn er einem
    Bekannten begegnete, an den er sehr lange nicht und gerade
    wenige Momente vorher gedacht hatte, sich zwischen die-
    sem wundersamen Erschauten und ihm weiter nichts zutrug.
    Natürlich war er auch nicht imstande, es in Abrede zu stel-
    len, daß alles Bedeutsame seines Lebens sich ohne Vor-
    zeichen zugetragen hatte, so wie er z. B. vom Tode des Va-
    ters ahnungslos überrascht werden war. Aber alle solche
    Argumente änderten an dem Zwiespalt seiner Überzeug-
    gen nichts und erwiesen nur den Zwangscharakter seines
    Aberglaubens, der bereits aus dessen mit dem Widerstand
    gleichsinnigen Schwankungen zu erschließen war.

    Ich war natürlich nicht in der Lage, alle seine älteren
    Wundergeschichten rationell aufzuklären, aber für das, was
    sich von ähnlichen Dingen während der Zeit der Behand-
    lung ereignete, konnte ich ihm nachweisen, daß er selbst
    beständig an der Fabrikation der Wunder beteiligt sei, und
    welcher Mittel er sich dabei bediene. Er arbeitete mit dem
    indirekten Sehen und Lesen, mit Vergessen und vor allem
    mit Gedächtnistäuschungen. Am Ende half er mir selbst die
    kleinen Taschenspielerkünste aufdecken, durch welche jene
    Wunder gemacht wurden. Als interessante infantile Wurzel
    seines Glaubens an das Eintreffen von Ahnungen und von
    Vorhersagen ergab sich einmal die Erinnerung, daß die
    Mutter so oft, wenn ein Termin gewählt werden sollte, ge-
    sagt hatte: „An dem und dem Tage kann ich nicht; da
    werde ich liegen müssen.“ Und wirklich lag sie an dem an-
    gekündigten Tage jedesmal zu Bett!

    Unverkennbar, daß es ihm ein Bedürfnis war, im Er-
    leben solche Stützpunkte für seinen Aberglauben zu finden,
    daß er darum die bekannten unerklärlichen Zufälligkeiten

  • S.

    359

    des Alltags so sehr beachtete und mit dem unbewußten Tun
    nachhalf, wo diese nicht ausreichten. Dies Bedürfnis habe
    ich bei vielen anderen Zwangskranken gefunden und ver-
    mute es bei noch mehreren. Es scheint mir aus dem psycho-
    logischen Charakter der Zwangsneurose gut erklärlich. Wie
    ich vorhin (S. 324) auseinandergesetzt, erfolgt bei dieser
    Störung die Verdrängung nicht durch Amnesie, sondern 
    durch Zerreißung von kausalen Zusammenhängen infolge
    von Affektentziehung. Eine gewisse mahnende Kraft – die
    ich an anderer Stelle mit einer endopsychischen Wahrneh-
    mung verglichen habe53 – scheint nun diesen verdrängten
    Beziehungen zu verbleiben, so daß sie auf dem Wege der
    Projektion in die Außenwelt eingetragen werden und dort
    Zeugnis ablegen für das im Psychischen Unterbliebene.

    Ein anderes, den Zwangskranken gemeinsames, seelisches
    Bedürfnis, das mit dem eben erwähnten eine gewisse Ver-
    wandtschaft hat und dessen Verfolgung tief in die Triebe
    erforschung führt, ist das nach der Unsicherheit im
    Leben oder nach dem Zweifel. Die Herstellung der Un-
    sicherheit ist eine der Methoden, welche die Neurose an-
    wendet, um den Kranken aus der Realität zu ziehen und
    von der Welt zu isolieren, was ja in der Tendenz jeder
    psychoneurotischen Störung liegt. Es ist wiederum über-
    deutlich, wieviel die Kranken dazutun, um einer Sicherheit
    auszuweichen und in einem Zweifel verharren zu können;
    ja, bei einigen findet diese Tendenz einen lebendigen Aus-
    druck in ihrer Abneigung gegen – Uhren, die wenigstens
    die Zeitbestimmung sichern, und in ihren unbewußt ans-
    geführten Kunststückchen, jedes solche den Zweifel aus-
    schließende Instrument unschädlich zu machen. Unser Pa-
    tient hatte eine besondere Geschicklichkeit in der Vermei-

    53) Zur Psychopathologie des Alltagslebens. (Ges. Schriften,
    Bd, IV, S. 287)

  • S.

    360 

    dung von Auskünften entwickelt, welche einer Entscheidung
    in seinem Konflikt förderlich gewesen wären. So war er
    über die für die Eheschließung maßgebendsten Verhältnisse
    seiner Geliebten nicht aufgeklärt, wußte angeblich nicht zu
    sagen, wer die Operation an ihr ausgeführt, und ob sie ein-
    oder doppelseitig gewesen sei. Er wurde dazu verhalten,
    das Vergessene zu erinnern und das Vernachlässigte zu
    erkunden.

    Die Vorliebe der Zwangskranken für die Unsicherheit
    und den Zweifel wird für sie zum Motiv, um ihre Ge-
    danken vorzugsweise an jene Themen zu heften, wo die
    Unsicherheit eine allgemein menschliche ist, unser Wissen
    oder unser Urteil durch Notwendigkeit dem Zweifel aus-
    gesetzt bleiben mußte. Solche Themen sind vor allem: Die
    Abstammung vom Vater, die Lebensdauer, das Leben nach
    dem Tode und das Gedächtnis, dem wir ja Glauben zu
    schenken pflegen, ohne für seine Verläßlichkeit die min-
    deste Gewähr zu besitzen.54

    Der Unsicherheit des Gedächtnisses bedient sich die
    Zwangsneurose in ausgiebigster Weise zur Symptombil-
    dung; welche Rolle Lebensdauer und Jenseits inhaltlich im
    Denken der Kranken spielen, werden wir bald erfahren. Ich
    will als passendsten Übergang vorher noch jenen Zug des

    54) Lichtenberg: „Ob der Mond bewohnt ist, weiß der
    Astronom ungefähr mit der Zuverlässigkeit, mit der er weiß, wer
    sein Vater war, aber nicht mit der, woher er weiß, wer seine
    Mutter gewesen ist.“ – Es war ein großer Kulturfortschritt, als
    die Menschen sich entschlossen, den Schluß neben das Zeugnis der
    Sinne zu stellen und vom Mutterrecht zum Vaterrecht überzugehen.
    – Prähistorische Figuren, in denen eine kleinere Gestalt auf dem
    Kopfe einer größeren sitzt, stellen die Abstammung vom Vater
    dar; die mutterlose Athene entspringt aus dem Haupte des Zeus.
    Noch in unserer Sprache heißt der Zeuge vor Gericht, der etwas
    beglaubigt, nach dem männlichen Anteil am Geschäfte der Fort-
    pflanzung, und schon in den Hieroglyphen wird der Zeuge mit
    dem Bilde der männlichen Genitalien geschrieben.

  • S.

    361

    Aberglaubens bei unserem Patienten besprechen, dessen Er-
    wähnung an einer früheren Stelle (S. 354.) gewiß bei mehr
    als einem Leser Befremden erregt haben wird.

    Ich meine die von ihm behauptete Allmacht seiner Ge
    danken und Gefühle, guten und bösen Wünsche. Die Ver-
    suchung, diese Idee für einen Wahn zu erklären, welcher
    das Maß der Zwangsneurose überschreitet, ist gewiß nicht
    gering; allein ich habe dieselbe Überzeugung bei einem
    andern Zwangskranken gefunden, der seit langem her-
    gestellt ist und sich normal betätigt, und eigentlich beneh-
    men sich alle Zwangsneurotiker so, als ob sie diese Über-
    zeugung teilten. Es wird unsere Aufgabe sein, diese Über-
    schätzung aufzuklären. Nehmen wir ohne weiteres an, daß
    in diesem Glauben ein Stück des alten Kindergrößenwahnes
    ehrlich eingestanden wird, und befragen wir unseren Pa-
    tienten, worauf er seine Überzeugung stützt. Er antwortet
    mit der Berufung auf zwei Erlebnisse. Als er zum zweiten-
    mal in jene Wasserheilanstalt kam, in welcher er die erste
    und einzige Beeinflussung seines Leidens erfahren hatte,
    verlangte er das nämliche Zimmer wieder, welches seine
    Beziehungen zu einer der Pflegerinnen durch seine Lage
    begünstigt hatte. Er erhielt die Antwort: das Zimmer sei
    schon vergeben, ein alter Professor habe es bereits bezogen,
    und er reagiert auf diese, seine Kuraussichten sehr herab-
    setzende Nachricht mit den unfreundlichen Worten: Dafür
    soll ihn aber der Schlag treffen. Vierzehn Tage später er-
    wachte er aus dem Schlaf, durch die Vorstellung einer
    Leiche gestört, und am Morgen hörte er, daß den Professor
    wirklich der Schlag getroffen, und daß man ihn etwa um
    die Zeit seines Erwachens aufs Zimmer gebracht habe. Das
    andere Erlebnis betraf ein älteres, sehr liebebedürftiges
    Mädchen, welches sich sehr entgegenkommend gegen ihn
    benahm und ihn einmal direkt befragte, ob er sie nicht lieb-

  • S.

    362

    haben könne. Er gab eine ausweichende Antwort; wenige
    Tage nachher hörte er, daß sich das Mädchen aus dem Fen-
    ster gestürzt habe. Er machte sich nun Vorwürfe und sagte
    sich, es wäre in seiner Macht gelegen, sie am Leben zu
    erhalten, wenn er ihr seine Liebe geschenkt hätte. Auf
    solche Weise gewann er die Überzeugung von der Allmacht
    seiner Liebe und seines Hasses. Ohne die Allmacht der
    Liebe zu leugnen, wollen wir hervorheben, daß es sich in
    beiden Fällen um den Tod handelt, und werden uns der
    naheliegenden Erklärung anschließen, daß unser Patient wie
    andere Zwangskranke gezwungen ist, die Wirkung seiner
    feindseligen Gefühle in der Außenwelt zu überschätzen‚
    weil seiner bewußten Kenntnis ein großes Stück der inneren
    psychischen Wirkung derselben Gefühle entgeht. Seine
    Liebe – oder vielmehr sein Haß – sind wirklich über-
    mächtig; sie schaffen gerade jene Zwangsgedanken, deren
    Herkunft er nicht versteht, und gegen die er sich erfolglos
    wehrt.55

    Zum Thema des Todes hatte unser Patient ein ganz be-
    sonderes Verhältnis. Er nahm an allen Todesfällen warmen
    Anteil, beteiligte sich pietätvoll an den Leichenbegängnis-
    sen, so daß er von den Geschwistern spöttisch der Leichen-
    vogel genannt werden konnte; er brachte aber auch in der
    Phantasie beständig Leute um, um herzliche Teilnahme mit
    den Hinterbliebenen zu äußern. Der Tod einer älteren
    Schwester, als er zwischen 3 und 4 Jahren alt war, spielte
    in seinen Phantasien eine große Rolle und war in die
    innigste Beziehung zu den kindlichen Missetaten jener Jahre
    gebracht worden. Wir wissen ferner, wie frühzeitig der

    55) [Zusatz 1923:] Die Allmacht der Gedanken, richtiger der
    Wünsche, ist seither als ein wesentliches Stück des primitiven
    Seelenlebens erkannt werden. (Siehe „Totem und Tabu", Bd. X
    der Ges. Schriften.)

  • S.

    363

    Gedanke an den Tod des Vaters ihn beschäftigt hatte, und
    dürfen seine Erkrankung selbst als Reaktion auf dieses
    15 Jahre vorher im Zwange gewünschte Ereignis anfassen.
    Nichts anderes als eine Kompensation für diese Todes-
    wünsche gegen den Vater ist die befremdliche Erstreckung
    seiner Zwangsbefürchtungen auf das „Jenseits“. Sie wurde
    eingeführt, als die Trauer um den verstorbenen Vater
    1½ Jahre später eine Auffrischung erfuhr, und sollte, der
    Realität zum Trotze und dem Wunsche, der sich vorher in
    allerlei Phantasien versucht hatte, zuliebe, den Tod des
    Vaters wieder aufheben. Wir haben den Zusatz „im Jen-
    seits“ an mehreren Stellen (S. 350, 353) übersetzen gelernt
    mit den Worten: „Wenn der Vater noch lebte.“

    Aber nicht viel anders als unser Patient benehmen sich
    andere Zwangskranke, denen das Schicksal nicht ein erstes
    Zusammentreffen mit dem Phänomen des Todes in so
    frühen Jahren beschieden hat. Ihre Gedanken beschäftigen
    sich unausgesetzt mit der Lebensdauer und der Todesmög-
    lichkeit anderer, ihre abergläubischen Neigungen hatten zu-
    erst keinen andern Inhalt und haben vielleicht überhaupt
    keine andere Herkunft. Vor allem aber bedürfen sie der
    Todesmöglichkeit zur Lösung der von ihnen ungelöst ge-
    lassenen Konflikte. Ihr wesentlicher Charakter ist, daß sie
    der Entscheidung, zumal in Liebessachen, unfähig sind; sie
    trachten, jede Entscheidung hinauszuschieben, und im Zwei-
    fel, für welche Person oder für welche Maßregel gegen
    eine Person sie die Entscheidung treffen sollen, muß das
    alte deutsche Reichsgericht ihr Vorbild werden, dessen
    Prozesse gewöhnlich durch den Tod der streitenden Par-
    teien vor dem Richterspruch beendigt wurden. So lauern
    sie in jedem Lebenskonflikt auf den Tod einer für sie be-
    deutsamen, zumeist einer geliebten Person, sei es eines
    Teiles der Eltern, sei es eines Nebenbuhlers oder eines der

  • S.

    364

    Liebesobjekte, zwischen. denen ihre Neigung schwankt. Mit
    dieser Würdigung des Todeskomplexes bei der Zwangsneu-
    rose streifen wir aber bereits an das Triebleben der Zwangs-
    kranken, das uns nun beschäftigen soll.

    c) Das Triebleben und die Ableitung von Zwang und Zweifel

    Wenn wir zur Kenntnis der psychischen Kräfte gelangen
    wollen, deren Gegenspiel diese Neurose aufgebaut hat, so
    müssen wir auf das zurückgreifen, was wir bei unserem
    Patienten über die Anlässe seiner Erkrankung im reifen
    Alter und in der Kindheit erfahren haben. Er erkrankte in
    den zwanziger Jahren, als er vor die Versuchung gestellt
    wurde, ein anderes Mädchen als die von ihm längst Ge-
    liebte zu heiraten, und entzog sich der Entscheidung dieses
    Konfliktes durch Aufschub aller für deren Vorbereitung
    erforderlichen Tätigkeiten, wozu ihm die Neurose die Mittel
    lieferte. Das Schwanken zwischen der Geliebten und der
    anderen läßt sich auf den Konflikt zwischen dem Einfluß
    des Vaters und der Liebe zur Dame reduzieren, also auf
    eine Konfliktwahl zwischen Vater und Sexualobjekt, wie
    sie den Erinnerungen und Zwangseinfällen zufolge schon in
    früher Kindheit bestanden hatte. Überdies ist durch sein
    ganzes Leben unverkennbar, daß in Bezug auf seine Ge-
    liebte wie auf seinen Vater ein Widerstreit zwischen Liebe
    und Haß bei ihm bestand. Rachephantasien und Zwangs-
    erscheinungen wie der Verstehzwang oder die Hantierung
    mit dem Steine auf der Landstraße bezeugen diesen Zwie-
    spalt in ihm, der bis zu einem gewissen Grade normal ver-
    ständlich war, denn die Geliebte hatte ihm durch eine erste
    Abweisung und durch spätere Kühle Grund zu feindseligen
    Gefühlen gegeben. Aber die gleiche Zwiespältigkeit der
    Gefühle beherrschte, wie wir durch die Übersetzung seiner

  • S.

    365

    Zwangsgedanken erfahren haben, sein Verhältnis zum Va-
    ter, und euch der Vater mußte ihm in Kinderzeiten Grund
    zur Feindseligkeit gegeben haben, wie wir fast mit Sicher-
    heit feststellen konnten. Sein aus Zärtlichkeit und Feind-
    seligkeilt zusammengesetztes Verhältnis zur Geliebten fiel
    zum großen Teile in seine bewußte Wahrnehmung. Er
    täuschte sich höchstens über das Maß und über den Aus-
    druck des negativen Gefühls, hingegen war die einst in-
    tensiv bewußt gewesene Feindseligkeit gegen den Vater ihm
    längst entrückt und konnte nur gegen seinen heftigsten
    Widerstand ins Bewußtsein zurückgebracht werden. In der
    Verdrängung des infantilen Hasses gegen den Vater er-
    blicken wir jenen Vorgang, welcher alles weitere Ge-
    schehen in den Rahmen der Neurose zwang.

    Die einzeln bei unserem Patienten aufgezählten Gefühls-
    konflikte sind nicht unabhängig voneinander, sondern paa-
    rig miteinander verlötet. Der Haß gegen die Geliebte mußte
    sich zur Anhänglichkeit an den Vater summieren und um-
    gekehrt. Aber die zwei Konfliktströmungen, die nach die-
    ser Vereinfachung erübrigen, der Gegensatz zwischen dem
    Vater und der Geliebten und der Widerspruch von Liebe
    und Haß in jedem einzelnen Verhältnisse haben inhaltlich
    wie genetisch nichts miteinander zu schaffen. Der erste der
    beiden Konflikte entspricht dem normalen Schwanken zwi-
    schen Mann und Weib als Objekten der Liebeswahl, wel-
    ches dem Kinde zuerst in der berühmten Frage nahe-
    gebracht wird: Wen hast du lieber, Papa, oder Mama? und
    das ihn dann durchs Leben begleitet trotz aller Ver-
    schiedenheiten in der Ausbildung der Empfindungsintensi-
    täten und in der Fixierung der endgültigen Sexualziele. Nur
    verliert diese Gegensätzlichkeit normalerweise bald den
    Charakter des scharfen Widerspruches, des unerbittlichen
    Entweder-Oder: es wird Raum für die ungleichen An-

  • S.

    366 

    sprüche beider Teile geschaffen, obwohl auch beim Nor-
    malen jederzeit die Wertschätzung des einen Geschlechtes
    durch die Entwertung des anderen gehoben wird.

    Fremdartiger berührt uns der andere der Konflikte, der
    zwischen Liebe und Haß. Wir wissen, daß beginnende Ver-
    liebtheit häufig als Haß wahrgenommen wird, daß Liebe,
    der die Befriedigung versagt ist, sich leicht zum Teil in
    Haß umsetzt, und hören von den Dichtern, daß in stür-
    mischen Stadien der Verliebtheit beide gegensätzliche Ge-
    fühle eine Zeitlang nebeneinander wie im Wettstreite be-
    stehen können. Aber ein chronisches Nebeneinander von
    Liebe und Hals gegen dieselbe Person, beide Gefühle von
    höchster Intensität, setzt uns in Erstaunen. Wir hätten er-
    wartet, daß die große Liebe längst den Haß überwunden
    hätte oder von ihm aufgezehrt worden wäre. Wirklich ist
    ein solcher Fortbestand der Gegensätze nur unter beson-
    deren psychologischen Bedingungen und durch Mitwirkung
    des unbewußten Zustandes möglich. Die Liebe hat den Haß
    nicht auslöschen, sondern nur ins Unbewußte drängen kön-
    nen, und im Unbewußten kann er, gegen die Aufhebung
    durch die Bewußtseinswirkung geschützt, sich erhalten und
    selbst wachsen. Die bewußte Liebe pflegt unter diesen Um-
    ständen reaktionsweise zu einer besonders hohen Intensität
    anzuschwellen, damit sie der ihr konstant auferlegten Ar-
    beit gewachsen sei, ihr Gegenspiel in der Verdrängung zu-
    rückzuhalten. Eine sehr frühzeitig, in den prähistorischen
    Kindheitsjahren erfolgte Scheidung der beiden Gegensätze
    mit Verdrängung des einen Anteiles, gewöhnlich des Hasses,
    scheint die Bedingung dieser befremdenden Konstellation
    des Liebeslebens zu sein.56

    56) Vgl. die Erörterungen hierüber in einer der ersten Sitzun-
    gen. – [Zusatz 1923:] Für diese Gefühlskonstellation ist später
    von Bleuler der passende Name „Ambivalenz“ geschaffen wor-

  • S.

    367

    Wenn man eine Anzahl von Analysen Zwangskranker
    überschaut, so muß man den Eindruck gewinnen, daß ein
    solches Verhalten von Liebe und Haß wie bei unserem Pa
    tienten zu den häufigsten, ausgesprochensten und darum
    wahrscheinlich bedeutsamsten Charakteren der Zwangsneu-
    rose gehört. Aber so verlockend es wäre, das Problem der
    „Neurosenwahl” auf das Triebleben zu beziehen, man hat
    doch Gründe genug, dieser Versuchung aus dem Wege zu
    gehen, und muß sich sagen, daß man bei allen Neurosen
    die nämlichen unterdrückten Triebe als Symptomträger
    aufdeckt. Der von der Liebe in der Unterdrückung des Un-
    bewußten zurückgehaltene Haß spielt doch auch eine große
    Rolle in der Pathogenese der Hysterie und der Paranoia.
    Wir kennen das Wesen der Liebe zu wenig, um hier eine
    bestimmte Entscheidung zu treffen; insbesondere das Ver-
    hältnis ihres negativen Faktors 57 zur sadistischen Kom-
    ponente der Libido ist völlig ungeklärt. Es hat daher etwa.
    den Wert einer vorläufigen Auskunft, wenn wir sagen: in
    den besprochenen Fällen von unbewußtem Hasse sei die
    sadistische Komponente der Liebe konstitutionell besonders
    stark entwickelt gewesen, habe darum eine vorzeitige und
    allzu gründliche Unterdrückung erfahren, und nun leiten
    sich die beobachteten Phänomene der Neurose einerseits von
    der durch Reaktion in die Höhe getriebenen bewußten Zärt-
    lichkeit, anderseits von dem im Unbewußten als Haß fort-
    wirkenden Sadismus ab.

    den. Vgl. übrigens die spätere Fortführung dieser Erörterungen im
    Aufsatze „Die Disposition zur Zwangsneurose" [Bd. V der Ges.
    Schriften].

    57) „ja oft habe ich den Wunsch, ihn nicht mehr unter den
    Lebenden zu sehen. Und doch, wenn das je einträfe, ich weiß, ich
    würde noch viel unglücklicher sein, so wehrlos, so ganz wehrlos
    bin ich gegen ihn“, sagt Alkibiades über den Sokrates im
    Symposion (übersetzt von R. Kassner).

  • S.

    368

    Wie immer aber dies merkwürdige Verhalten von Liebe
    und Haß zu verstehen sein mag, sein Vorkommen ist durch
    die Beobachtung an unserem Patienten über jeden Zweifel
    erhaben, und es ist erfreulich zu sehen, wie leicht begreif-
    lich nun die rätselhaften Vorgänge der Zwangsneurose durch
    die Beziehung auf dieses eine Moment werden. Steht einer
    intensiven Liebe ein fast ebenso starker Haß bindend ent-
    gegen, so muß die nächste Folge eine partielle Willens-
    lähmung sein, eine Unfähigkeit zur Entschließung in all den
    Aktionen, für welche die Liebe das treibende Motiv sein
    soll. Aber die Unentschlossenheit bleibt nicht lange auf
    eine Gruppe von Handlungen beschränkt. Denn erstens,
    welche Handlungen einen Liebenden träten nicht mit seinem
    Hauptmotiv in Beziehung? Zweitens kommt dem sexuellen
    Verhalten eine vorbildliche Macht zu, mit der es um-
    formend auf die übrigen Reaktionen eines Menschen wirkt,
    und drittens liegt es im psychologischen Charakter der
    Zwangsneurose, von dem Mechanismus der Verschie-
    bung den ausgiebigsten Gebrauch zu machen. So breitet
    sich die Entschlußlähmung allmählich über das gesamte
    Tun des Menschen aus.58

    Damit ist die Herrschaft von Zwang und Zweifel,
    wie sie uns im Seelenleben der Zwangskranken entgegen-
    treten, gegeben. Der Zweifel entspricht der innern Wahr-
    nehmung der Unentschlossenheit, welche, infolge der Hem-
    mung der Liebe durch den Haß, bei jeder beabsichtigten
    Handlung sich des Kranken bemächtigt. Er ist eigentlich ein
    Zweifel an der Liebe, die ja das subjektiv Sicherste sein
    sollte, der auf alles übrige diffundiert und sich vorzugs-
    weise auf das indifferenteste Kleinste verschoben hat. Wer

    58) Vgl. Die Darstellung durch ein Kleinstes als Witztechnik,
    Ges. Schriften, Bd.IX‚ S. 84.

  • S.

    369

    an seiner Liebe zweifelt, darf, muß doch auch an allem
    andern, geringeren, zweifeln?59

    Es ist derselbe Zweifel, der bei den Schutzmaßregeln zur
    Unsicherheit und zur fortgesetzten Wiederholung führt, um
    diese Unsicherheit zu bannen, der es endlich zustande
    bringt, daß diese Schutzhandlungen ebenso unvollziehbar
    werden wie die ursprünglich gehemmte Liebesentschließung.
    Ich mußte anfangs meiner Erfahrungen eine andere und
    allgemeinere Ableitung der Unsicherheit bei den Zwangs-
    kranken annehmen, die sich näher an die Norm anzu-
    schließen schien. Wenn ich z. B. während der Abfassung
    eines Briefes durch Zwischenfragen einer andern Person
    gestört worden bin, so empfinde ich hernach eine berech-
    tigte Unsicherheit, was ich wohl unter dem Einflusse der
    Störung geschrieben haben mag, und ich bin genötigt‚ zur
    Sicherheit den Brief, nachdem er fertig geworden ist, noch-
    mals durchzulesen. So konnte ich auch meinen, daß die Un-
    sicherheit der Zwangskranken, z. B. bei ihren Gebeten,
    daher rühre, daß sich ihnen unaufhörlich unbewußte Phanta-
    sien als Störer in die Tätigkeit des Betens mengten. Diese
    Annahme war richtig und ist doch leicht mit unserer frühe-
    ren Behauptung zu versöhnen. Es trifft zu, daß die Un-
    sicherheit, eine Schutzmaßregel vollzogen zu haben, von den
    störenden unbewußten Phantasien herrührt, aber diese Phan-
    tasien enthalten eben den gegenteiligen Impuls, der gerade
    durch das Gebet abgewehrt werden sollte. Es wird dies
    einmal überdeutlich bei unserem Patienten, indem die Stö-
    rung nicht unbewußt bleibt, sondern sich laut vernehmen

    59) Hamlets Liebesverse an Ophelia:
    Doubt thou the stars are fire;
    Doubt that the sun doth move;
    Doubt truth to be a liar;
    But never doubt I love. (II, 2.)

  • S.

    370

    läßt. Wenn er beten will „Gott schütze sie", so stürzt
    plötzlich aus dem Unbewußten ein feindseliges „nicht“
    dazu heraus, und er hat erraten, daß es der Ansatz zu
    einem Fluche ist (S. 322). Bliebe dieses „nicht“ stumm, so
    befinde auch er sich im Zustande der Unsicherheit und
    würde sein Beten immer mehr verlängern; auf das Laut-
    werden hin hat er endlich das Beten aufgegeben. Ehe er das
    tat, versuchte er wie andere Zwangskranke allerlei Metho-
    den, um die Einmengung des Gegensatzes hintanzuhalten,
    die Verkürzung der Gebete, das beschleunigte Aussprechen
    derselben; andere bemühen sich, jede solche Schutzaktion
    sorgfältig von anderem zu „isolieren“. Aber alle diese
    Techniken fruchten auf die Dauer nichts; hat der liebevolle
    Impuls in seiner Verschiebung auf eine geringfügige Hand-
    lung etwas durchführen können, so wird ihm der feind-
    selige bald auch dahin folgen und sein Werk wieder auf-
    heben.

    Wenn dann der Zwangskranke die schwache Stelle in der
    Sicherung unseres Seelenlebens, die Unverlässlichkeit des
    Gedächtnisses, entdeckt hat, so kann er mit ihrer Hilfe den
    Zweifel auf alles ausdehnen, auch auf bereits vollzogene
    Handlungen, die noch nicht in Beziehung zum Liebe-Haß-
    Komplex standen, und auf die ganze Vergangenheit. Ich
    erinnere an das Beispiel jener Frau, die eben im Laden
    einen Kamm für ihre kleine Tochter gekauft hatte, und
    nach dem Argwohn an ihrem Mann zu zweifeln begann,
    ob sie ihn nicht vielmehr schon längst besessen: Sagt diese
    Frau nicht direkt: Wenn ich an deiner Liebe zweifeln
    kann (und das ist nur eine Projektion ihres Zweifels an
    der eigenen Liebe zu ihm), so kann ich auch daran, so
    kann ich an allem zweifeln, und gibt so den verborgenen
    Sinn des neurotischen Zweifels unserem Verständnis preis?

    Der Zwang aber ist ein Versuch zur Kompensation des

  • S.

    371

    Zweifels und zur Korrektur der unerträglichen Hemmungs-
    zustände, von denen der Zweifel Zeugnis ablegt. Ist es
    endlich mit Hilfe der Verschiebung gelungen, irgendeinen
    der gehemmten Vorsätze zum Entschluß zu bringen, so
    muß dieser ausgeführt werden; es ist freilich nicht der ur-
    sprüngliche mehr, aber die dort aufgestaute Energie wird
    auf die Gelegenheit, an der Ersatzhandlung ihre Abfuhr
    zu finden, nicht mehr verzichten. Sie äußert sich also in
    Geboten und Verboten, indem bald der zärtliche, bald der
    feindliche Impuls diesen Weg zur Abfuhr erobert. Die
    Spannung, wenn das Zwangsgebot nicht ausgeführt werden
    soll, ist eine unerträgliche und wird als höchste Angst
    wahrgenommen. Aber der Weg selbst zu der auf ein Klein-
    stes verschobenen Ersatzhandlung wird so heiß umstritten,
    daß diese meist nur als Schutzmaßregel im engsten An-
    schlusse an einen abzuwehrenden Impuls durchgesetzt wer-
    den kann.

    Durch eine Art von Regression treten ferner vor-
    bereitende Akte an die Stelle der endgültigen Entschlie-
    ßung, das Denken ersetzt das Handeln, und irgendeine Ge-
    dankenvorstufe der Tat setzt sich mit Zwangsgewalt durch
    anstatt der Ersatzhandlung. Je nachdem diese Regression
    vom Handeln aufs Denken mehr oder weniger ausgeprägt
    ist, nimmt der Fall von Zwangsneurose den Charakter des
    Zwangsdenkens (Zwangsvorstellung) oder des Zwangshan-
    delns im engeren Sinne an. Diese eigentlichen Zwangs-
    handlungen werden aber nur dadurch ermöglicht, daß in
    ihnen eine Art Versöhnung der beiden einander bekämpfen-
    den Impulse in Kompromißbildungen statt hat. Die Zwangs-
    handlungen nähern sich nämlich immer mehr, und je
    länger das Leiden andauert, um so deutlicher, den infan-
    tilen Sexualhandlungen nach Art der Onanie. So ist es
    bei dieser Form der Neurose doch zu Liebesakten gekom-

  • S.

    372

    men, aber nur mit Zuhilfenahme einer neuen Regression,
    nicht mehr zu Akten, die einer Person gelten, dem Objekte
    von Liebe und Haß, sondern zu autoerotischen Handlungen
    wie in der Kindheit.

    Die erstere Regression, die vom Handeln aufs Denken,
    wird durch einen andern an der Entstehung der Neurose
    beteiligten Faktor begünstigt. Ein fast regelmäßiges Vor-
    kommnis in den Geschichten der Zwangskranken ist das
    frühzeitige Auftreten und die vorzeitige Verdrängung des
    sexuellen Schau- und Wißtriebes, der ja auch bei unserem
    Patienten ein Stück seiner infantilen Sexualbetätigung diri-
    giert.60 

    Wir haben der Bedeutung der sadistischen Komponente
    für die Genese der Zwangsneurose bereits gedacht; wo der
    Wißtrieb in der Konstitution des Zwangskranken über-
    wiegt, da wird das Grübeln zum Hauptsymptom der Neu-
    rose. Der Denkvorgang selbst wird sexualisiert, indem die
    sexuelle Lust, die sich sonst auf den Inhalt des Denkens
    bezieht, auf den Denkakt selbst gewendet wird, und die
    Befriedigung beim Erreichen eines Denkergebnisses wird
    als sexuelle Befriedigung empfunden. Diese Beziehung des
    Wißtriebes zu den Denkvorgängen macht ihn besonders
    geeignet, in den verschiedenen Formen der Zwangsneurose, 
    an denen er Anteil hat, die Energie, die sich vergeblich zur
    Handlung durchzudringen bemüht, aufs Denken zu locken,
    wo sich die Möglichkeit einer andern Art von Lustbefriedi-
    gung bietet. So kann sich mit Hilfe des Wißtriebes die
    Ersatzhandlung durch vorbereitende Denkakte weiter er-
    setzen. Der Aufschub im Handeln findet aber bald seinen
    Ersatz durch das Verweilen im Denken, und der ganze
    Prozeß ist schließlich mit Erhaltung all seiner Eigentüm-

    60) Hiermit hängt wahrscheinlich auch die im Durchschnitt recht
    große intellektuelle Begabung der Zwangskranken zusammen.

  • S.

    373

    lichkeiten auf ein neues Gebiet übersetzt, wie die Ameri-
    kaner ein Haus zu „moven“ vermögen.

    Ich würde mich nun getrauen, den lange gesuchten psy-
    chologischen Charakter, der den Produkten der Zwangs-
    neurose das „Zwangsartige“ verleiht, in Anlehnung an
    die obenstehenden Erörterungen zu bestimmen. Zwanghaft
    werden solche Denkvorgänge, welche (infolge der Gegen-
    satzhemmung am motorischen Ende der Denksysteme)
    mit einem – qualitativ wie quantitativ – sonst nur für
    das Handeln bestimmten Energieaufwand unternommen
    werden, also Gedanken, die regressiv Taten ver-
    treten müssen. Die Annahme wird wohl keinen Wider-
    spruch erfahren, daß das Denken sonst aus ökonomischen
    Gründen mit kleineren Energieverschiebungen (wahrschein-
    lich auf höherem Niveau) betrieben wird als das zur Ab-
    fuhr und zur Veränderung der Außenwelt bestimmte Han-
    deln.

    Was als Zwangsgedanke überstark zum Bewußtsein durch-
    gedrungen ist, muß nun gegen die auflösenden Bemühun-
    gen des bewußten Denkens versichert werden. Wir wissen
    bereits, daß dieser Schutz durch die Entstellung erreicht
    wird, welche der Zwangsgedanke vor seinem Bewußt-
    werden erfahren hat. Doch ist dies nicht das einzige Mittel.
    Überdies wird selten versäumt, die einzelne Zwangsidee
    der Situation ihrer Entstehung zu entrücken, in welcher
    sie trotz der Entstellung am leichtesten dem Verständnisse
    zugänglich wäre. In dieser Absicht wird einerseits ein
    Intervall zwischen die pathogene Situation und die ab-
    folgende Zwangsidee eingeschoben, welchen die Kausal-
    forschungen des bewußten Denkens irre führt; anderseits
    wird der lnhalt der Zwangsidee durch Verallgemeine-
    rung aus seinen speziellen Beziehungen gelöst.

    Ein Beispiel hierfür gibt unser Patient im „Versteh-

  • S.

    374 

    zwang“ (S. 318); ein besseres vielleicht eine andere Kranke,
    die sich verbot, irgendwelchen Schmuck zu tragen, obwohl
    die Veranlassung auf ein einziges Schmuckstück zurück-
    ging, um welches sie ihre Mutter beneidet hatte und von
    dem sie hoffte, es würde ihr dereinst durch Erbschaft zu-
    fallen. Endlich dient noch zum Schutze der Zwangsidee
    gegen die bewußte Lösungsarbeit der unbestimmt oder
    zweideutig gewählte Wortlaut, wenn man diesen von der
    einheitlichen Entstellung absondern will. Dieser mißverstan-
    dene Wortlaut kann nun in die Delirien eingehen, und die
    weiteren Fortbildungen oder Ersetzungen des Zwanges
    werden an das Mißverständnis anknüpfen, anstatt an den
    richtigen Text. Doch kann man beobachten, daß diese Deli-
    rien bestrebt sind, immer wieder neue Beziehungen zu
    dem nicht im bewußten Denken aufgenommenen Gehalt
    und Wortlaut des Zwanges zu gewinnen.

    Einer einzigen Bemerkung wegen möchte ich noch zum
    Triebleben der Zwangsneurose zurückkehren. Unser Pa.-
    tient erwies sich auch als ein Riecher, der nach seiner
    Behauptung in der Kindheit wie ein Hund jeden Menschen
    nach dem Geruch erkannt hatte und dem auch heute noch
    Riechwahrnehmungen mehr sagten als anderen.61 Ich habe
    ähnliches auch bei anderen Neurotikern, Zwangskranken
    und Hysterikern gefunden und gelernt, der Rolle einer seit
    der Kindheit untergegangenen Riechlust in der Genese der
    Neurosen Rechnung zu tragen.62 Ganz allgemein möchte
    ich die Frage aufwerfen‚ ob nicht die mit der Abkehrung
    des Menschen vom Erdboden unvermeidlich gewordene
    Verkümmerung des Geruchsinnes und die so hergestellte

    61) Ich füge hinzu, daß in seinen Kinderjahren starke kopro-
    phile Neigungen gewaltet hatten. Dazu die bereits betonte Anal-
    erotik (S. 341).

    62) Z. B. bei gewissen Formen des Fetischismus.

  • S.

    375

    organische Verdrängung der Riechlust einen guten Anteil
    an seiner Befähigung zu neurotischen Erkrankungen haben
    kann. Es ergäbe sich ein Verständnis dafür, daß bei steigen-
    der Kultur gerade das Sexualleben die Opfer der Ver-
    drängung bringen muß. Wir wissen ja längst, welch inniger
    Zusammenhang in der tierischen Organisation zwischen
    dem Sexualtrieb und der Funktion des Riechorgans her-
    gestellt ist.

    Zum Schlusse dieser Arbeit will ich die Hoffnung aus-
    sprechen, daß meine in jedem Sinne unvollständigen Mit-
    teilungen wenigstens anderen die Anregung bringen mögen,
    durch weitere Vertiefung in das Studium der Zwangs-
    neurose mehr zutage zu fördern. Das Charakteristische die-
    ser Neurose, das, was sie von der Hysterie unterscheidet,
    ist meines Erachtens nicht im Triebleben, sondern in den
    psychologischen Verhältnissen zu suchen. Ich kann meinen
    Patienten nicht verlassen, ohne dem Eindrucke Worte zu
    leihen, daß er gleichsam in drei Persönlichkeiten zerfallen
    war; ich würde sagen: in eine unbewußte und zwei vor-
    bewußte, zwischen denen sein Bewußtsein oszillieren konnte.
    Sein Unbewußtes umschloß die frühzeitig unterdrückten,
    als leidenschaftlich und böse zu bezeichnenden Regungen;
    in seinem Normalzustande war er gut, lebensfroh, über-
    legen, klug und aufgeklärt, aber in einer dritten psychi-
    schen Organisation huldigte er dem Aberglauben und der
    Askese, so daß er zwei Überzeugungen haben und zweierlei
    Weltanschauungen vertreten konnte. Diese vorbewußte Per-
    son enthielt vorwiegend die Reaktionsbildungen auf seine
    verdrängten Wünsche, und es war leicht vorherzusehen, daß
    sie bei weiterem Bestande der Krankheit die normale Per-
    son aufgezehrt hätte. Ich habe jetzt Gelegenheit, eine an
    schweren Zwangshandlungen leidende Dame zu studieren,
    die in ähnlicher Weise in eine tolerante, heitere und in eine

  • S.

    376

    schwer verdüsterte, asketische Persönlichkeit zerfallen ist,
    die erstere, als ihr offizielles Ich vorschiebt, während sie
    von der letzteren beherrscht wird. Beide psychischen Or-
    ganisationen haben Zugang zu ihrem Bewußtsein, und
    hinter der asketischen Person ist das ihr völlig unbekannte
    Unbewußte ihres Wesens aufzufinden, bestehend aus ur-
    alten, längst verdrängten Wunschregungen.63
     

    63) [Zusatz 1923:] Der Patient dem die mitgeteilte Analyse
    seine psychische Gesundheit wiedergegeben hatte, ist wie so viele
    andere wertvolle und hoffnungsvolle junge Männer im großen
    Krieg umgekommen.