S.
88
III
Der Traum ist eine Wunscherfüllung
Wenn man einen engen Hohlweg passiert hat und plötzlich auf einer
Anhöhe angelangt ist, von welcher aus die Wege sich teilen und die reichste
Aussicht nach verschiedenen Richtungen sich öffnet, darf man einen Moment
lang verweilen und überlegen, wohin man zunächst sich wenden soll. Ähnlich
ergeht es uns, nachdem wir diese erste Traumdeutung überwunden haben.
Wir stehen in der Klarheit einer plötzlichen Erkenntnis. Der Traum ist
nicht vergleichbar dem unregelmäßigen Ertönen eines musikalischen
Instruments, das anstatt von der Hand des Spielers von dem Stoß einer
äußeren Gewalt getroffen wird, er ist nicht sinnlos, nicht absurd, setzt nicht
voraus, daß ein Teil unseres Vorstellungsschatzes schläft, während ein anderer
zu erwachen beginnt. Er ist ein vollgültiges psychisches Phänomen, und
zwar eine Wunscherfüllung; er ist einzureihen in den Zusammenhang der
uns verständlichen seelischen Aktionen des Wachens; eine hoch komplizierte
geistige Tätigkeit hat ihn aufgebaut. Aber eine Fülle von Fragen bestürmt
uns im gleichen Moment, da wir uns dieser Erkenntnis freuen wollen.
Wenn der Traum laut Angabe der Traumdeutung einen erfüllten Wunsch
darstellt, woher rührt die auffällige und befremdende Form, in welcher
diese Wunscherfüllung ausgedrückt ist? Welche Veränderung ist mit den Traum-
gedanken vorgegangen, bis sich aus ihnen der manifeste Traum, wie wir
ihn beim Erwachen erinnern, gestaltete? Auf welchem Wege ist diese
Veränderung vor sich gegangen? Woher stammt das Material, das zum
Traum verarbeitet worden ist? Woher rühren manche der Eigentümlich-
keiten, die wir an den Traumgedanken bemerken konnten, wie z. B., daß
sie einander widersprechen dürfen? (Die Analogie mit dem Kessel, S. 84.)
Kann der Traum uns etwas Neues über unsere inneren psychischen Vor-
gänge lehren, kann sein Inhalt Meinungen korrigieren, an die wir tagsüber
geglaubt haben? Ich schlage vor, alle diese Fragen einstweilen beiseite zu
lassen und einen einzigen Weg weiter zu verfolgen. Wir haben erfahren,
daß der Traum einen Wunsch als erfüllt darstellt. Unser nächstes Interesse
soll es sein zu erkunden, ob dies ein allgemeiner Charakter des Traumes ist,
oder nur der zufällige Inhalt jenes Traumes (,,von Irmas Injektion“), mit
dem unsere Analyse begonnen hat, denn selbst, wenn wir uns darauf gefaßt
machen, daß jeder Traum einen Sinn und psychischen Wert hat, müssen
wir noch die Möglichkeit offen lassen, daß dieser Sinn nicht in jedem Traume
der nämliche sei. Unser erster Traum war eine Wunscherfüllung; ein andererS.
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III. Der Traum ist eine Wunscherfüllung.
stellt sich vielleicht als eine erfüllte Befürchtung heraus; ein dritter mag
eine Reflexion zum Inhalt haben, ein vierter einfach eine Erinnerung repro-
duzieren. Gibt es also noch andere Wunschträume oder gibt es vielleicht
nichts anderes als Wunschträume?Es ist leicht zu zeigen, daß die Träume häufig den Charakter der
Wunscherfüllung unverhüllt erkennen lassen, so daß man sich wundern mag,
warum die Sprache der Träume nicht schon längst ein Verständnis gefunden
hat. Da ist z. B. ein Traum, den ich mir beliebig oft, gleichsam experimentell,
erzeugen kann. Wenn ich am Abend Sardellen, Oliven oder sonst stark
gesalzene Speisen nehme, bekomme ich in der Nacht Durst, der mich weckt.
Dem Erwachen geht aber ein Traum voraus, der jedesmal den gleichen
Inhalt hat, nämlich, daß ich trinke. Ich schlürfe Wasser in vollen Zügen,
es schmeckt mir so köstlich, wie nur ein kühler Trunk schmecken kann,
wenn man verschmachtet ist, und dann erwache ich und muß wirklich trinken.
Der Anlaß dieses einfachen Traumes ist der Durst, den ich ja beim Er-
wachen verspüre. Aus dieser Empfindung geht der Wunsch hervor zu trinken,
und diesen Wunsch zeigt mir der Traum erfüllt. Er dient dabei einer
Funktion, die ich bald errate. Ich bin ein guter Schläfer, nicht gewöhnt,
durch ein Bedürfnis geweckt zu werden. Wenn es mir gelingt, meinen Durst
durch den Traum, daß ich trinke, zu beschwichtigen, so brauche ich nicht
aufzuwachen, um ihn zu befriedigen. Es ist also ein Bequemlichkeitstraum.
Das Träumen setzt sich an Stelle des Handelns wie auch sonst im Leben.
Leider ist das Bedürfnis nach Wasser, um den Durst zu löschen, nicht mit
einem Traum zu befriedigen, wie mein Rachedurst gegen Freund Otto und
Dr. M., aber der gute Wille ist der gleiche. Derselbe Traum hat sich
unlängst einigermaßen modifiziert. Da bekam ich schon vor dem Ein-
schlafen Durst und trank das Wasserglas leer, das auf dem Kästchen
neben meinem Bett stand. Einige Stunden später kam in der Nacht ein
neuer Durstanfall, der seine Unbequemlichkeiten im Gefolge hatte. Um
mir Wasser zu verschaffen, hätte ich aufstehen und mir das Glas holen
müssen, welches auf dem Nachtkästchen meiner Frau stand. Ich träumte
nun zweckentsprechend, daß mein Frau mir aus einem Gefäß zu trinken
gibt; dies Gefäß war ein etruskischer Aschenkrug, den ich mir von einer
italienischen Reise heimgebracht und seither verschenkt hatte. Das Wasser
in ihm schmeckte aber so salzig (von der Asche offenbar), daß ich erwachen
mußte. Man merkt, wie bequem der Traum es einzurichten versteht; da
Wunscherfüllung seine einzige Absicht ist, darf er vollkommen egoistisch sein.
Liebe zur Bequemlichkeit ist mit Rücksicht auf andere wirklich nicht
vereinbar. Die Einmengung des Aschenkruges ist wahrscheinlich wieder
eine Wunscherfüllung; es tut mir leid, daß ich dies Gefäß nicht mehr
besitze, wie übrigens auch das Wasserglas auf seiten meiner Frau mir nicht
zugänglich ist. Der Aschenkrug paßt sich auch der nun stärker gewordenen
Sensation des salzigen Geschmacks an, von der ich weiß, daß sie mich
zum Erwachen zwingen wird1).1)Das Tatsächliche der Durstträume war auch Weygandt bekannt, der S. 41
darüber äußert: „Gerade die Durstempfindung wird am präzisesten von allen auf-S.
87
Solche Bequemlichkeitsträume waren bei mir in juvenilen Jahren sehr
häufig. Von jeher gewöhnt, bis tief in die Nacht zu arbeiten, war mir das
zeitige Erwachen immer eine Schwierigkeit. Ich pflegte dann zu träumen,
daß ich außer Bett bin und beim Waschtisch stehe. Nach einer Weile konnte
ich mich der Einsicht nicht verschließen, daß ich noch nicht aufgestanden
war, hatte aber doch dazwischen eine Weile geschlafen. Denselben Träg-
heitstraum in besonders witziger Form kenne ich von einem jungen Kollegen,
der meine Schlafneigung zu teilen scheint. Die Zimmerfrau, bei der er in der
Nähe des Spitals wohnte, hatte den strengen Auftrag, ihn jeden Morgen
rechtzeitig zu wecken, aber auch ihre liebe Not, wenn sie den Auf-
trag ausführen wollte. Eines Morgens war der Schlaf besonders süß.
Die Frau rief ins Zimmer: Herr Pepi, stehen S’ auf, Sie müssen ins
Spital. Daraufhin träumte der Schläfer ein Zimmer im Spital, ein Bett,
in dem er lag, und eine Kopftafel, auf der zu lesen stand: Pepi H . . .
cand. med., zweiundzwanzig Jahre. Er sagte sich träumend: Wenn ich
also schon im Spital bin, brauche ich nicht erst hinzugehen, wendete
sich um und schlief weiter. Er hatte sich dabei das Motiv seines
Träumens unverhohlen eingestanden.Ein anderer Traum, dessen Reiz gleichfalls während des Schlafes
selbst einwirkte: Eine meiner Patientinnen, die sich einer ungünstig ver-
laufenen Kieferoperation hatte unterziehen müssen, sollte nach dem Wunsche
der Ärzte Tag und Nacht einen Kühlapparat auf der kranken Wange tragen.
Sie pflegte ihn aber wegzuschleudern, sobald sie eingeschlafen war. Eines
Tages bat man mich, ihr darüber Vorwürfe zu machen; sie hatte den Apparat
wiederum auf den Boden geworfen. Die Kranke verantwortete sich: „Dies-
mal kann ich wirklich nichts dafür; es war die Folge eines Traums, den
ich bei Nacht gehabt. Ich war im Traum in einer Loge in der Oper und
interessierte mich lebhaft für die Vorstellung. Im Sanatorium aber lag der
Herr Karl Meyer und jammerte fürchterlich vor Kieferschmerzen. Ich
habe gesagt, da ich die Schmerzen nicht habe, brauche ich auch den Apparat
nicht; darum habe ich ihn weggeworfen.“ Dieser Traum der armen Duldnerin
klingt wie die Darstellung einer Redensart, die sich einem in unangenehmen
Lagen über die Lippen drängt: Ich wüßte mir wirklich ein besseres Ver-
gnügen. Der Traum zeigt dieses bessere Vergnügen. Herr Karl Meyer,
dem die Träumerin ihre Schmerzen zuschob, war der indifferenteste junge
Mann ihrer Bekanntschaft, an den sie sich erinnern konnte.gefaßt: sie erzeugt stets eine Vorstellung des Durstlöschens. – Die Art, wie sich der
Traum das Durstlöschen vorstellt, ist mannigfaltig und wird nach einer naheliegenden
Erinnerung spezialisiert. Eine allgemeine Erscheinung ist auch hier, daß sich sofort
nach der Vorstellung des Durstlöschens eine Enttäuschung über die geringe Wirkung
der vermeintlichen Erfrischungen einstellt.“ Er übersieht aber das Allgemeingültige
in der Reaktion des Traumes auf den Reiz. – Wenn andere Personen, die in der
Nacht vom Durst befallen werden, erwachen, ohne vorher zu träumen, so bedeutet
dies keinen Einwand gegen mein Experiment, sondern charakterisiert diese anderen
als schlechtere Schläfer. – Vgl. dazu Jesaias, 29, 8:„Denn gleich wie einem
Hungrigen träumet, daß er esse, wenn er aber aufwacht, so ist seine Seele noch
leer; und wie einem Durstigen träumet, daß er trinke, wenn er aber aufwacht, ist
er matt und durstig“…S.
88
Nicht schwieriger ist es, die Wunscherfüllung in einigen anderen
Träumen aufzudecken, die ich von Gesunden gesammelt habe. Ein Freund,
der meine Traumtheorie kennt und sie seiner Frau mitgeteilt hat, sagt
mir eines Tages: „Ich soll dir von meiner Frau erzählen, daß sie gestern
geträumt hat, sie hätte die Periode bekommen. Du wirst wissen, was das
bedeutet.“ Freilich weiß ich’s; wenn die junge Frau geträumt hat, daß sie
die Periode hat, so ist die Periode ausgeblieben. Ich kann mir’s denken,
daß sie gerne noch einige Zeit ihre Freiheit genossen hätte, ehe die Be-
schwerden der Mütterlichkeit beginnen. Es war eine geschickte Art, die
Anzeige von ihrer ersten Gravidität zu machen. Ein anderer Freund schreibt,
daß sie an ihrer Hemdenbrust Milch
flecken bemerke. Dies ist auch eine Graviditätsanzeige, aber nicht mehr
vom ersten Mal; die junge Mutter wünscht sich, für das zweite Kind mehr
Nahrung zu haben als seinerzeit fürs erste.Eine junge Frau, die Wochen hindurch bei der Pflege ihres infektiös
erkrankten Kindes vom Verkehr abgeschnitten war, träumt nach glücklicher
Beendigung der Krankheit von einer Gesellschaft, in der sich A. Daudet,
Bourget, M. Prévost u. a. befinden, die sämtlich sehr liebenswürdig gegen
sie sind und sie vortrefflich amüsieren. Die betreffenden Autoren tragen
auch im Traum die Züge, welche ihnen ihre Bilder geben; M. Prévost, von
dem sie ein Bild nicht kennt, sieht dem – Desinfektionsmanne gleich,
der am Tag vorher die Krankenzimmer gereinigt und sie als erster Be-
sucher nach langer Zeit betreten hatte. Man meint den Traum lückenlos
übersetzen zu können: Jetzt wäre es einmal Zeit für etwas Amüsanteres
als diese ewigen Krankenpflegen.Vielleicht wird diese Auslese genügen, um zu erweisen, daß man sehr
häufig und unter den mannigfaltigsten Bedingungen Träume findet, die
sich nur als Wunscherfüllungen verstehen lassen, und die ihren Inhalt un-
verhüllt zur Schau tragen. Es sind dies zumeist kurze und einfache Träume,
die von den verworrenen und überreichen Traumkompositionen, die wesent-
lich die Aufmerksamkeit der Autoren auf sich gezogen haben, wohltuend
abstechen. Es verlohnt sich aber, bei diesen einfachen Träumen noch zu
verweilen. Die allereinfachsten Formen von Träumen darf man wohl bei
Kindern erwarten, deren psychische Leistungen sicherlich minder kompliziert
sind als die Erwachsener. Die Kinderpsychologie ist nach meiner Meinung
dazu berufen, für die Psychologie der Erwachsenen ähnliche Dienste zu
leisten wie die Untersuchung des Baues oder der Entwicklung niederer
Tiere für die Erforschung der Struktur der höchsten Tierklassen. Es sind
bis jetzt wenig zielbewußte Schritte geschehen, die Psychologie der Kinder
zu solchem Zwecke auszunützen.Die Träume der kleinen Kinder sind häufig simple Wunscherfüllungen
und dann im Gegensatz zu den Träumen Erwachsener gar nicht interessant.
Sie geben keine Rätsel zu lösen, sind aber natürlich unschätzbar für den
Erweis, daß der Traum seinem innersten Wesen nach eine Wunscherfüllung
bedeutet. Bei meinem Materiale von eigenen Kindern konnte ich einige
Beispiele von solchen Träumen sammeln.S.
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Einem Ausfluge nach dem schönen Hallstatt im Sommer 1896 von
Aussee aus verdanke ich zwei Träume, den einen von meiner damals acht-
einhalbjährigen Tochter, den anderen von einem fünfeinvierteljährigen
Knaben. Als Vorbericht muß ich angeben, daß wir in diesem Sommer auf
einem Hügel bei Aussee wohnten, von wo aus wir bei schönem Wetter
eine herrliche Dachsteinaussicht genossen. Mit dem Fernrohr war die
Simony-Hütte gut zu erkennen. Die Kleinen bemühten sich wiederholt,
sie durchs Fernrohr zu sehen; ich weiß nicht, mit welchem Erfolg. Vor
der Partie hatte ich den Kindern erzählt, Hallstatt läge am Fuße des
Dachsteins. Sie freuten sich sehr auf den Tag. Von Hallstatt aus gingen
wir ins Escherntal, das mit seinen wechselnden Ansichten die Kinder sehr
entzückte. Nur eines, der fünfjährige Knabe, wurde allmählich mißgestimmt.
So oft ein neuer Berg in Sicht kam, fragte er: Ist das der Dachstein?
worauf ich antworten mußte: Nein, nur ein Vorberg. Nachdem sich diese
Frage einige Male wiederholt hatte, verstummte er ganz; den Stufenweg
zum Wasserfall wollte er überhaupt nicht mitmachen. Ich hielt ihn für
ermüdet. Am nächsten Morgen kam er aber ganz selig auf mich zu und
erzählte: Heute Nacht habe ich geträumt, daß wir auf der Simony-Hütte
gewesen sind. Ich verstand ihn nun; er hatte erwartet, als ich vom Dach-
stein sprach, daß er auf dem Ausfluge nach Hallstatt den Berg besteigen
und die Hütte zu Gesicht bekommen werde, von der beim Fernrohr so
viel die Rede war. Als er dann merkte, daß man ihm zumute, sich mit
Vorbergen und einem Wasserfall abspeisen zu lassen, fühlte er sich getäuscht
und wurde verstimmt. Der Traum entschädigte ihn dafür. Ich versuchte
Details des Traumes zu erfahren; sie waren ärmlich. „Man geht sechs
Stunden lang auf Stufen hinauf“, wie er es gehört hatte.Auch bei dem achteinhalbjährigen Mädchen waren auf diesem Ausflug
Wünsche rege geworden, die der Traum befriedigen mußte. Wir hatten den
zwölfjährigen Knaben unserer Nachbarn nach Hallstatt mitgenommen, einen
vollendeten Ritter, der, wie mir schien, sich bereits aller Sympathien des
kleinen Frauenzimmers erfreute. Sie erzählte nun am nächsten Morgen
folgenden Traum: Denk’ dir, ich hab’ geträumt, daß der Emil einer von
uns ist, Papa und Mama zu euch sagt und im großen Zimmer mit uns
schläft wie unsere Buben. Dann kommt die Mama ins Zimmer und wirft
eine Handvoll großer Schokoladestangen in blauem und grünem Papier
unter unsere Betten. Die Brüder, die sich also nicht kraft erblicher Über-
tragung auf Traumdeutung verstehen, erklärten ganz wie unsere Autoren:
Dieser Traum ist ein Unsinn. Das Mädchen trat wenigstens für einen Teil
des Traumes ein, und es ist wertvoll für die Theorie der Neurosen zu
erfahren, für welchen: Daß der Emil ganz bei uns ist, das ist ein Unsinn,
aber das mit den Schokoladestangen nicht. Mir war gerade das letztere
dunkel. Die Mama lieferte mir hiefür die Erklärung. Auf dem Wege vom
Bahnhof nach Hause hatten die Kinder vor dem Automaten Halt gemacht
und sich gerade solche Schokoladestangen in metallisch glänzendem Papier
gewünscht, die der Automat nach ihrer Erfahrung zu verkaufen hatte. Die
Mama hatte mit Recht gemeint, jener Tag habe genug Wunscherfüllungen
gebracht, und diesen Wunsch für den Traum übrig gelassen. Mir war dieS.
90
III. Der Traum ist eine Wunscherfüllung.
kleine Szene entgangen. Den von meiner Tochter proskribierten Teil des
Traumes verstand ich ohne weiteres. Ich hatte selbst gehört, wie der artige
Gast auf dem Wege die Kinder aufgefordert hatte zu warten, bis der Papa
oder die Mama nachkommen. Aus dieser zeitweiligen Zugehörigkeit machte
der Traum der Kleinen eine dauernde Adoption. Andere Formen des
Beisammenseins als die im Traum erwähnten, die von den Brüdern her-
genommen sind, kannte ihre Zärtlichkeit noch nicht. Warum die Schokolade-
stangen unter die Betten geworfen wurden, ließ sich ohne Ausfragen des
Kindes natürlich nicht aufklären.Einen ganz ähnlichen Traum wie den meines Knaben habe ich von
befreundeter Seite erfahren. Er betraf ein achtjähriges Mädchen. Der Vater
hatte mit mehreren Kindern einen Spaziergang nach Dornbach in der
Absicht unternommen, die Rohrer-Hütte zu besuchen, kehrte aber um, weil
es zu spät geworden war, und versprach den Kindern, sie ein anderes Mal
zu entschädigen. Auf dem Rückweg kamen sie an der Tafel vorbei, welche
den Weg zum Hameau anzeigt. Die Kinder verlangten nun, auch aufs
Hameau geführt zu werden, mußten sich aber aus demselben Grund wiederum
auf einen anderen Tag vertrösten lassen. Am nächsten Morgen kam das
achtjährige Mädchen dem Papa befriedigt entgegen: ‚Papa, heut' hab ich
geträumt, du warst mit uns bei der Rohrer-Hütte und auf dem Hameau.
Ihre Ungeduld hatte also die Erfüllung des vom Papa geleisteten Ver-
sprechens antizipiert.Ebenso aufrichtig ist ein anderer Traum, den die landschaftliche
Schönheit Aussees bei meinem damals dreieinvierteljährigen Töchterchen
erregt hat. Die Kleine war zum erstenmal über den See gefahren, und
die Zeit der Seefahrt war ihr zu rasch vergangen. An der Landungsstelle
wollte sie das Boot nicht verlassen und weinte bitterlich. Am nächsten Morgen
erzählte sie: ‚Heute Nacht bin ich auf dem See gefahren. Hoffen wir,
daß die Dauer dieser Traumfahrt sie besser befriedigt hat.Mein ältester, derzeit achtjähriger Knabe träumt bereits die Reali-
sierung seiner Phantasien. Er ist mit dem Achilles in einem Wagen ge-
fahren und der Diomedes war Wagenlenker. Er hat sich natürlich tags vorher
für die Sagen Griechenlands begeistert, die der älteren Schwester geschenkt
worden sind.Wenn man mir zugibt, daß das Sprechen aus dem Schlaf der Kinder
gleichfalls dem Kreis des Träumens angehört, so kann ich im folgenden
einen der jüngsten Träume meiner Sammlung mitteilen. Mein jüngstes
Mädchen, damals neunzehn Monate alt, hatte eines Morgens erbrochen
und war darum den Tag über nüchtern erhalten worden. In der Nacht
die diesem Hungertag folgte, hörte man sie erregt aus dem Schlaf rufen:
Anna F. eud, Er(d)beer, Hochbeer, Eier(s)peis, Papp. Ihren Namen
gebrauchte sie damals, um die Besitzergreifung auszudrücken; der Speise-
zettel umfaßte wohl alles, was ihr als begehrenswerte Mahlzeit erscheinen
mußte; daß die Erdbeeren darin in zwei Varietäten vorkamen, war eine
Demonstration gegen die häusliche Sanitätspolizei und hatte seinen Grund
in dem von ihr wohl bemerkten Nebenumstand, daß die Kinderfrau ihreS.
91
Indisposition auf allzu reichlichen Erdbeergenuß geschoben hatte; für dies
ihr unbequeme Gutachten nahm sie also im Traume ihre Revanche.1)
Wenn wir die Kindheit glücklich preisen, weil sie die sexuelle Be-
gierde noch nicht kennt, so wollen wir nicht verkennen, eine wie reiche
Quelle der Enttäuschung, Entsagung und damit der Traumanregung der
andere der großen Lebensbetriebe für sie werden kann.2) Hier ein zweites
Beispiel dafür. Mein zweiundzwanzigmonatiger Neffe hat zu meinem Ge-
burtstage die Aufgabe bekommen, mir zu gratulieren und als Geschenk ein
Körbchen mit Kirschen zu überreichen, die um diese Zeit des Jahres noch
zu den Primeurs zählen. Es scheint ihm hart anzukommen, denn er wieder-
holt unaufhörlich: Kirschen sind d(r)in, und ist nicht zu bewegen, das
Körbchen aus den Händen zu geben. Aber er weiß sich zu entschädigen.
Er pflegte bisher jeden Morgen seiner Mutter zu erzählen, daß er vom
„weißen Soldat“ geträumt, einem Gardeoffizier im Mantel, den er einst
auf der Straße bewunderte. Am Tag nach dem Geburtstagsopfer erwacht
er freudig mit der Mitteilung, die nur einem Traum entstammen kann:
He(r)man alle Kirschen aufgessen!3)1)Dieselbe Leistung wie bei der jüngsten Enkelin vollbringt dann der Traum
kurz nachher bei der Großmutter, deren Alter das des Kindes ungefähr 70 Jahren
ergänzt. Nachdem sie einen Tag lang durch die Unruhe ihrer Wanderniere zum
Hungern gezwungen war, träumt sie dann, offenbar mit Versetzung in die glückliche
Zeit des blühenden Mädchentums, daß sie für beide Hauptmahlzeiten „ausgebeten“,
zu Gast geladen, ist und jedesmal die köstlichsten Bissen vorgesetzt bekommt.2)Eingehendere Beschäftigung mit dem Seelenleben der Kinder belehrt uns
freilich, daß sexuelle Triebkräfte in infantiler Gestaltung in der psychischen Tätigkeit
des Kindes eine genügend große, nur zu lange übersehene Rolle spielen, und läßt
uns an dem Glücke der Kindheit, wie die Erwachsenen es späterhin konstruieren,
einigermaßen zweifeln. (Vgl. des Verfassers „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“
1905 und 6. Aufl. 1926. Ges. Schriften, Bd. V.)3)Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß sich bei kleinen Kindern bald kompli-
ziertere und minder durchsichtige Träume einzustellen pflegen, und daß anderseits
Träume von so einfachem infantilen Charakter unter Umständen auch bei Erwach-
senen häufig vorkommen. Wie reich an ungeahntem Inhalt Träume von Kindern im
Alter von vier bis fünf Jahren bereits sein können, zeigen die Beispiele in meiner
„Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben“ (Jahrbuch von Bleuler-Freud I.,
1909) und in Jungs „Über Konflikte der kindlichen Seele“ (ebenda II. Bd. 1910).
Analytisch gedeutete Kinderträume siehe noch bei v. Hug-Hellmuth, Putnam,
Raalte, Spielrein, Tausk; andere bei Banchieri, Busemann, Doglia und be-
sonders bei Wigam, der die Wunscherfüllungstendenz derselben betont. Anderseits
scheinen sich bei Erwachsenen Träume vom infantilen Typus besonders häufig
wieder einzustellen, wenn sie unter ungewöhnliche Lebensbedingungen versetzt
werden. So berichtet Otto Nordenskjöld in seinem Buche „Antarctic“ 1904 über
die mit ihm überwinternde Mannschaft (Bd. I, p. 336): „Sehr bezeichnend für die
Richtung unserer innersten Gedanken waren unsere Träume, die nie lebhafter und
zahlreicher waren als gerade jetzt. Selbst diejenigen unserer Kameraden, die sonst
nur ausnahmsweise träumten, hatten jetzt des Morgens, wenn wir unsere letzten Er-
fahrungen aus dieser Phantasiewelt miteinander austauschten, lange Geschichten zu
erzählen. Alle handelten sie von jener äußeren Welt, die uns jetzt so fern lag,
waren aber oft unseren jetzigen Verhältnissen angepaßt. Ein besonders charakteri-
stischer Traum bestand darin, daß sich einer der Kameraden auf die Schulbank
zurückversetzt glaubte, wo ihm die Aufgabe zuteil wurde, ganz kleinen Miniatur-
seehunden, die eigens für Unterrichtszwecke angefertigt waren, die Haut abzuziehen.
Essen und Trinken waren übrigens die Mittelpunkte, um die sich unsere Träume am
häufigsten drehten. Einer von uns, der nächtlicherweise darin exzellierte, aufS.
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Wovon die Tiere träumen, weiß ich nicht. Ein Sprichwort, dessen
Erwähnung ich einem meiner Hörer danke, behauptet es zu wissen, denn
es stellt die Frage auf: WovonträumtdieGans? und beantwortet
sie: VomKukuruz (Mais)1). Die ganze Theorie, daß der Traum eine
Wunscherfüllung sei, ist in diesen zwei Sätzen enthalten2).Wir bemerken jetzt, daß wir zu unserer Lehre von dem verborgenen
Sinn des Traumes auch auf dem kürzesten Wege gelangt wären, wenn wir
nur den Sprachgebrauch befragt hätten. Die Sprachweisheit redet zwar
manchmal verächtlich genug vom Traum – man meint, sie wolle der
Wissenschaft recht geben, wenn sie urteilt: TräumesindSchäume
aber für den Sprachgebrauch ist der Traum doch vorwiegend der holde
Wunscherfüller. „Das hätt' ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht
vorgestellt“, ruft entzückt, wer in der Wirklichkeit seine Erwartungen
übertroffen findet.Große Mittagsgesellschaften zu gehen, war seelenfroh, wenn er des Morgens berichten
konnte, „daß er ein Diner von drei Gängen eingenommen habe“; ein anderer träumte
von Tabak, von ganzen Bergen Tabak; wieder andere von dem Schiff, das mit
vollen Segeln auf dem offenen Wasser daherkam. Noch ein anderer Traum verdient
der Erwähnung: Der Briefträger kommt mit der Post und gibt eine lange Er-
klärung, warum diese so lange habe auf sich warten lassen, er habe sie verkehrt ab-
geliefert und erst nach großer Mühe sei es ihm gelungen, sie wieder zu erlangen.
Natürlich beschäftigte man sich im Schlaf mit noch unmöglicherweise Dingen, aber der
Mangel an Phantasie in fast allen Träumen, die ich selbst träumte oder erzählen
hörte, war ganz auffallend. Es würde sicher von großem psychologischen Interesse
sein, wenn alle diese Träume aufgezeichnet würden. Man wird aber leicht verstehen
können, wie ersehnt der Schlaf war, da er uns alles bieten konnte, was ein jeder
von uns am glühendsten begehrte.“ Nach DuPrel (p. 231) zitiere ich noch: „Mungo
Park auf einer Reise in Afrika dem Verschmachten nahe, träumte ohne Aufhören
von wasserreichen Tälern und Auen seiner Heimat. So sah sich auch der von
Hunger gequälte Trenck in der Sternschanze zu Magdeburg von üppigen Mahl-
zeiten umgeben, und GeorgeBack, Teilnehmer der ersten Expedition Franklins,
als er infolge furchtbarer Entbehrungen dem Hungertode nahe war, träumte stets
und gleichmäßig von reichen Mahlzeiten.“1)Ein ungarisches, von Ferenczi angezogenes Sprichwort behauptet vollständiger,
daß „das Schwein von Eicheln, die Gans von Mais träumt“. Ein jüdisches Sprich-
wort lautet: „Wovon träumt das Huhn? – Von Hirse.“ (Sammlung jüd. Sprichw.
u. Redensarten, herausg. v. Bernstein, 2. Aufl., S. 116.)2)Es liegt mir fern zu behaupten, daß noch niemals ein Autor vor mir daran
gedacht habe, einen Traum von einem Wunsch abzuleiten. (Vgl. die ersten Sätze des
nächsten Abschnittes.) Wer auf solche Andeutungen Wert legt, könnte schon aus
dem Altertum den unter dem ersten Ptolemäus lebenden Arzt Herophilos an-
führen, der nach Büchsenschütz (p. 33) drei Arten von Träumen unterschied:
gottgesandte, natürliche, welche entstehen, indem die Seele sich ein Bild dessen
schafft, was ihr zuträglich ist und was eintreten wird, und gemischte, die von selbst
durch Annäherung von Bildern entstehen, wenn wir das sehen, was wir wünschen.
Aus der Beispielsammlung von Scherner weiß J.Stärcke einen Traum hervor-
zuheben, der vom Autor selbst als Wunscherfüllung bezeichnet wird (p. 239).
Scherner sagt: „Den wachen Wunsch der Träumerin erfüllte die Phantasie sofort
einfach darum, weil er im Gemüte derselben lebhaft bestand.“ Dieser Traum steht
unter den „Stimmungsträumen“; in seiner Nähe befinden sich Träume für „männ-
liches und weibliches Liebessehnen“ und für „verdrießliche Stimmung“. Es ist, wie
man sieht, keine Rede davon, daß Scherner den Wünschen für den Traum eine
andere Bedeutung zuschrieb als irgendeinem sonstigen Seelenzustand des Wachens,
geschweige denn, daß er den Wunsch mit dem Wesen des Traumes in Zusammen-
hang gebracht hätte.
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Die Traumdeutung 1900-001/1930