Die Traumdeutung 1900-001/1930
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    III

    Der Traum ist eine Wunscherfüllung

    Wenn man einen engen Hohlweg passiert hat und plötzlich auf einer
    Anhöhe angelangt ist, von welcher aus die Wege sich teilen und die reichste
    Aussicht nach verschiedenen Richtungen sich öffnet, darf man einen Moment
    lang verweilen und überlegen, wohin man zunächst sich wenden soll. Ähnlich
    ergeht es uns, nachdem wir diese erste Traumdeutung überwunden haben.
    Wir stehen in der Klarheit einer plötzlichen Erkenntnis. Der Traum ist
    nicht vergleichbar dem unregelmäßigen Ertönen eines musikalischen
    Instruments, das anstatt von der Hand des Spielers von dem Stoß einer
    äußeren Gewalt getroffen wird, er ist nicht sinnlos, nicht absurd, setzt nicht
    voraus, daß ein Teil unseres Vorstellungsschatzes schläft, während ein anderer
    zu erwachen beginnt. Er ist ein vollgültiges psychisches Phänomen, und
    zwar eine Wunscherfüllung; er ist einzureihen in den Zusammenhang der
    uns verständlichen seelischen Aktionen des Wachens; eine hoch komplizierte
    geistige Tätigkeit hat ihn aufgebaut. Aber eine Fülle von Fragen bestürmt
    uns im gleichen Moment, da wir uns dieser Erkenntnis freuen wollen.
    Wenn der Traum laut Angabe der Traumdeutung einen erfüllten Wunsch
    darstellt, woher rührt die auffällige und befremdende Form, in welcher
    diese Wunscherfüllung ausgedrückt ist? Welche Veränderung ist mit den Traum-
    gedanken vorgegangen, bis sich aus ihnen der manifeste Traum, wie wir
    ihn beim Erwachen erinnern, gestaltete? Auf welchem Wege ist diese
    Veränderung vor sich gegangen? Woher stammt das Material, das zum
    Traum verarbeitet worden ist? Woher rühren manche der Eigentümlich-
    keiten, die wir an den Traumgedanken bemerken konnten, wie z. B., daß
    sie einander widersprechen dürfen? (Die Analogie mit dem Kessel, S. 84.)
    Kann der Traum uns etwas Neues über unsere inneren psychischen Vor-
    gänge lehren, kann sein Inhalt Meinungen korrigieren, an die wir tagsüber
    geglaubt haben? Ich schlage vor, alle diese Fragen einstweilen beiseite zu
    lassen und einen einzigen Weg weiter zu verfolgen. Wir haben erfahren,
    daß der Traum einen Wunsch als erfüllt darstellt. Unser nächstes Interesse
    soll es sein zu erkunden, ob dies ein allgemeiner Charakter des Traumes ist,
    oder nur der zufällige Inhalt jenes Traumes (,,von Irmas Injektion“), mit
    dem unsere Analyse begonnen hat, denn selbst, wenn wir uns darauf gefaßt
    machen, daß jeder Traum einen Sinn und psychischen Wert hat, müssen
    wir noch die Möglichkeit offen lassen, daß dieser Sinn nicht in jedem Traume
    der nämliche sei. Unser erster Traum war eine Wunscherfüllung; ein anderer

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    III. Der Traum ist eine Wunscherfüllung.

    stellt sich vielleicht als eine erfüllte Befürchtung heraus; ein dritter mag
    eine Reflexion zum Inhalt haben, ein vierter einfach eine Erinnerung repro-
    duzieren. Gibt es also noch andere Wunschträume oder gibt es vielleicht
    nichts anderes als Wunschträume?

    Es ist leicht zu zeigen, daß die Träume häufig den Charakter der
    Wunscherfüllung unverhüllt erkennen lassen, so daß man sich wundern mag,
    warum die Sprache der Träume nicht schon längst ein Verständnis gefunden
    hat. Da ist z. B. ein Traum, den ich mir beliebig oft, gleichsam experimentell,
    erzeugen kann. Wenn ich am Abend Sardellen, Oliven oder sonst stark
    gesalzene Speisen nehme, bekomme ich in der Nacht Durst, der mich weckt.
    Dem Erwachen geht aber ein Traum voraus, der jedesmal den gleichen
    Inhalt hat, nämlich, daß ich trinke. Ich schlürfe Wasser in vollen Zügen,
    es schmeckt mir so köstlich, wie nur ein kühler Trunk schmecken kann,
    wenn man verschmachtet ist, und dann erwache ich und muß wirklich trinken.
    Der Anlaß dieses einfachen Traumes ist der Durst, den ich ja beim Er-
    wachen verspüre. Aus dieser Empfindung geht der Wunsch hervor zu trinken,
    und diesen Wunsch zeigt mir der Traum erfüllt. Er dient dabei einer
    Funktion, die ich bald errate. Ich bin ein guter Schläfer, nicht gewöhnt,
    durch ein Bedürfnis geweckt zu werden. Wenn es mir gelingt, meinen Durst
    durch den Traum, daß ich trinke, zu beschwichtigen, so brauche ich nicht
    aufzuwachen, um ihn zu befriedigen. Es ist also ein Bequemlichkeitstraum.
    Das Träumen setzt sich an Stelle des Handelns wie auch sonst im Leben.
    Leider ist das Bedürfnis nach Wasser, um den Durst zu löschen, nicht mit
    einem Traum zu befriedigen, wie mein Rachedurst gegen Freund Otto und
    Dr. M., aber der gute Wille ist der gleiche. Derselbe Traum hat sich
    unlängst einigermaßen modifiziert. Da bekam ich schon vor dem Ein-
    schlafen Durst und trank das Wasserglas leer, das auf dem Kästchen
    neben meinem Bett stand. Einige Stunden später kam in der Nacht ein
    neuer Durstanfall, der seine Unbequemlichkeiten im Gefolge hatte. Um
    mir Wasser zu verschaffen, hätte ich aufstehen und mir das Glas holen
    müssen, welches auf dem Nachtkästchen meiner Frau stand. Ich träumte
    nun zweckentsprechend, daß mein Frau mir aus einem Gefäß zu trinken
    gibt; dies Gefäß war ein etruskischer Aschenkrug, den ich mir von einer
    italienischen Reise heimgebracht und seither verschenkt hatte. Das Wasser
    in ihm schmeckte aber so salzig (von der Asche offenbar), daß ich erwachen
    mußte. Man merkt, wie bequem der Traum es einzurichten versteht; da
    Wunscherfüllung seine einzige Absicht ist, darf er vollkommen egoistisch sein.
    Liebe zur Bequemlichkeit ist mit Rücksicht auf andere wirklich nicht
    vereinbar. Die Einmengung des Aschenkruges ist wahrscheinlich wieder
    eine Wunscherfüllung; es tut mir leid, daß ich dies Gefäß nicht mehr
    besitze, wie übrigens auch das Wasserglas auf seiten meiner Frau mir nicht
    zugänglich ist. Der Aschenkrug paßt sich auch der nun stärker gewordenen
    Sensation des salzigen Geschmacks an, von der ich weiß, daß sie mich
    zum Erwachen zwingen wird1).

    1)Das Tatsächliche der Durstträume war auch Weygandt bekannt, der S. 41
    darüber äußert: „Gerade die Durstempfindung wird am präzisesten von allen auf-

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    Solche Bequemlichkeitsträume waren bei mir in juvenilen Jahren sehr
    häufig. Von jeher gewöhnt, bis tief in die Nacht zu arbeiten, war mir das
    zeitige Erwachen immer eine Schwierigkeit. Ich pflegte dann zu träumen,
    daß ich außer Bett bin und beim Waschtisch stehe. Nach einer Weile konnte
    ich mich der Einsicht nicht verschließen, daß ich noch nicht aufgestanden
    war, hatte aber doch dazwischen eine Weile geschlafen. Denselben Träg-
    heitstraum in besonders witziger Form kenne ich von einem jungen Kollegen,
    der meine Schlafneigung zu teilen scheint. Die Zimmerfrau, bei der er in der
    Nähe des Spitals wohnte, hatte den strengen Auftrag, ihn jeden Morgen
    rechtzeitig zu wecken, aber auch ihre liebe Not, wenn sie den Auf-
    trag ausführen wollte. Eines Morgens war der Schlaf besonders süß.
    Die Frau rief ins Zimmer: Herr Pepi, stehen S’ auf, Sie müssen ins
    Spital. Daraufhin träumte der Schläfer ein Zimmer im Spital, ein Bett,
    in dem er lag, und eine Kopftafel, auf der zu lesen stand: Pepi H . . .
    cand. med., zweiundzwanzig Jahre. Er sagte sich träumend: Wenn ich
    also schon im Spital bin, brauche ich nicht erst hinzugehen, wendete
    sich um und schlief weiter. Er hatte sich dabei das Motiv seines
    Träumens unverhohlen eingestanden.

    Ein anderer Traum, dessen Reiz gleichfalls während des Schlafes
    selbst einwirkte: Eine meiner Patientinnen, die sich einer ungünstig ver-
    laufenen Kieferoperation hatte unterziehen müssen, sollte nach dem Wunsche
    der Ärzte Tag und Nacht einen Kühlapparat auf der kranken Wange tragen.
    Sie pflegte ihn aber wegzuschleudern, sobald sie eingeschlafen war. Eines
    Tages bat man mich, ihr darüber Vorwürfe zu machen; sie hatte den Apparat
    wiederum auf den Boden geworfen. Die Kranke verantwortete sich: „Dies-
    mal kann ich wirklich nichts dafür; es war die Folge eines Traums, den
    ich bei Nacht gehabt. Ich war im Traum in einer Loge in der Oper und
    interessierte mich lebhaft für die Vorstellung. Im Sanatorium aber lag der
    Herr Karl Meyer und jammerte fürchterlich vor Kieferschmerzen. Ich
    habe gesagt, da ich die Schmerzen nicht habe, brauche ich auch den Apparat
    nicht; darum habe ich ihn weggeworfen.“ Dieser Traum der armen Duldnerin
    klingt wie die Darstellung einer Redensart, die sich einem in unangenehmen
    Lagen über die Lippen drängt: Ich wüßte mir wirklich ein besseres Ver-
    gnügen. Der Traum zeigt dieses bessere Vergnügen. Herr Karl Meyer,
    dem die Träumerin ihre Schmerzen zuschob, war der indifferenteste junge
    Mann ihrer Bekanntschaft, an den sie sich erinnern konnte.

    gefaßt: sie erzeugt stets eine Vorstellung des Durstlöschens. – Die Art, wie sich der
    Traum das Durstlöschen vorstellt, ist mannigfaltig und wird nach einer naheliegenden
    Erinnerung spezialisiert. Eine allgemeine Erscheinung ist auch hier, daß sich sofort
    nach der Vorstellung des Durstlöschens eine Enttäuschung über die geringe Wirkung
    der vermeintlichen Erfrischungen einstellt.“ Er übersieht aber das Allgemeingültige
    in der Reaktion des Traumes auf den Reiz. – Wenn andere Personen, die in der
    Nacht vom Durst befallen werden, erwachen, ohne vorher zu träumen, so bedeutet
    dies keinen Einwand gegen mein Experiment, sondern charakterisiert diese anderen
    als schlechtere Schläfer. – Vgl. dazu Jesaias, 29, 8:

    „Denn gleich wie einem
    Hungrigen träumet, daß er esse, wenn er aber aufwacht, so ist seine Seele noch
    leer; und wie einem Durstigen träumet, daß er trinke, wenn er aber aufwacht, ist
    er matt und durstig“…

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    Nicht schwieriger ist es, die Wunscherfüllung in einigen anderen
    Träumen aufzudecken, die ich von Gesunden gesammelt habe. Ein Freund,
    der meine Traumtheorie kennt und sie seiner Frau mitgeteilt hat, sagt
    mir eines Tages: „Ich soll dir von meiner Frau erzählen, daß sie gestern
    geträumt hat, sie hätte die Periode bekommen. Du wirst wissen, was das
    bedeutet.“ Freilich weiß ich’s; wenn die junge Frau geträumt hat, daß sie
    die Periode hat, so ist die Periode ausgeblieben. Ich kann mir’s denken,
    daß sie gerne noch einige Zeit ihre Freiheit genossen hätte, ehe die Be-
    schwerden der Mütterlichkeit beginnen. Es war eine geschickte Art, die
    Anzeige von ihrer ersten Gravidität zu machen. Ein anderer Freund schreibt,
    daß sie an ihrer Hemdenbrust Milch
    flecken bemerke. Dies ist auch eine Graviditätsanzeige, aber nicht mehr
    vom ersten Mal; die junge Mutter wünscht sich, für das zweite Kind mehr
    Nahrung zu haben als seinerzeit fürs erste.

    Eine junge Frau, die Wochen hindurch bei der Pflege ihres infektiös
    erkrankten Kindes vom Verkehr abgeschnitten war, träumt nach glücklicher
    Beendigung der Krankheit von einer Gesellschaft, in der sich A. Daudet,
    Bourget, M. Prévost u. a. befinden, die sämtlich sehr liebenswürdig gegen
    sie sind und sie vortrefflich amüsieren. Die betreffenden Autoren tragen
    auch im Traum die Züge, welche ihnen ihre Bilder geben; M. Prévost, von
    dem sie ein Bild nicht kennt, sieht dem – Desinfektionsmanne gleich,
    der am Tag vorher die Krankenzimmer gereinigt und sie als erster Be-
    sucher nach langer Zeit betreten hatte. Man meint den Traum lückenlos
    übersetzen zu können: Jetzt wäre es einmal Zeit für etwas Amüsanteres
    als diese ewigen Krankenpflegen.

    Vielleicht wird diese Auslese genügen, um zu erweisen, daß man sehr
    häufig und unter den mannigfaltigsten Bedingungen Träume findet, die
    sich nur als Wunscherfüllungen verstehen lassen, und die ihren Inhalt un-
    verhüllt zur Schau tragen. Es sind dies zumeist kurze und einfache Träume,
    die von den verworrenen und überreichen Traumkompositionen, die wesent-
    lich die Aufmerksamkeit der Autoren auf sich gezogen haben, wohltuend
    abstechen. Es verlohnt sich aber, bei diesen einfachen Träumen noch zu
    verweilen. Die allereinfachsten Formen von Träumen darf man wohl bei
    Kindern erwarten, deren psychische Leistungen sicherlich minder kompliziert
    sind als die Erwachsener. Die Kinderpsychologie ist nach meiner Meinung
    dazu berufen, für die Psychologie der Erwachsenen ähnliche Dienste zu
    leisten wie die Untersuchung des Baues oder der Entwicklung niederer
    Tiere für die Erforschung der Struktur der höchsten Tierklassen. Es sind
    bis jetzt wenig zielbewußte Schritte geschehen, die Psychologie der Kinder
    zu solchem Zwecke auszunützen.

    Die Träume der kleinen Kinder sind häufig simple Wunscherfüllungen
    und dann im Gegensatz zu den Träumen Erwachsener gar nicht interessant.
    Sie geben keine Rätsel zu lösen, sind aber natürlich unschätzbar für den
    Erweis, daß der Traum seinem innersten Wesen nach eine Wunscherfüllung
    bedeutet. Bei meinem Materiale von eigenen Kindern konnte ich einige
    Beispiele von solchen Träumen sammeln.

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    Einem Ausfluge nach dem schönen Hallstatt im Sommer 1896 von
    Aussee aus verdanke ich zwei Träume, den einen von meiner damals acht-
    einhalbjährigen Tochter, den anderen von einem fünfeinvierteljährigen
    Knaben. Als Vorbericht muß ich angeben, daß wir in diesem Sommer auf
    einem Hügel bei Aussee wohnten, von wo aus wir bei schönem Wetter
    eine herrliche Dachsteinaussicht genossen. Mit dem Fernrohr war die
    Simony-Hütte gut zu erkennen. Die Kleinen bemühten sich wiederholt,
    sie durchs Fernrohr zu sehen; ich weiß nicht, mit welchem Erfolg. Vor
    der Partie hatte ich den Kindern erzählt, Hallstatt läge am Fuße des
    Dachsteins. Sie freuten sich sehr auf den Tag. Von Hallstatt aus gingen
    wir ins Escherntal, das mit seinen wechselnden Ansichten die Kinder sehr
    entzückte. Nur eines, der fünfjährige Knabe, wurde allmählich mißgestimmt.
    So oft ein neuer Berg in Sicht kam, fragte er: Ist das der Dachstein?
    worauf ich antworten mußte: Nein, nur ein Vorberg. Nachdem sich diese
    Frage einige Male wiederholt hatte, verstummte er ganz; den Stufenweg
    zum Wasserfall wollte er überhaupt nicht mitmachen. Ich hielt ihn für
    ermüdet. Am nächsten Morgen kam er aber ganz selig auf mich zu und
    erzählte: Heute Nacht habe ich geträumt, daß wir auf der Simony-Hütte
    gewesen sind. Ich verstand ihn nun; er hatte erwartet, als ich vom Dach-
    stein sprach, daß er auf dem Ausfluge nach Hallstatt den Berg besteigen
    und die Hütte zu Gesicht bekommen werde, von der beim Fernrohr so
    viel die Rede war. Als er dann merkte, daß man ihm zumute, sich mit
    Vorbergen und einem Wasserfall abspeisen zu lassen, fühlte er sich getäuscht
    und wurde verstimmt. Der Traum entschädigte ihn dafür. Ich versuchte
    Details des Traumes zu erfahren; sie waren ärmlich. „Man geht sechs
    Stunden lang auf Stufen hinauf“, wie er es gehört hatte.

    Auch bei dem achteinhalbjährigen Mädchen waren auf diesem Ausflug
    Wünsche rege geworden, die der Traum befriedigen mußte. Wir hatten den
    zwölfjährigen Knaben unserer Nachbarn nach Hallstatt mitgenommen, einen
    vollendeten Ritter, der, wie mir schien, sich bereits aller Sympathien des
    kleinen Frauenzimmers erfreute. Sie erzählte nun am nächsten Morgen
    folgenden Traum: Denk’ dir, ich hab’ geträumt, daß der Emil einer von
    uns ist, Papa und Mama zu euch sagt und im großen Zimmer mit uns
    schläft wie unsere Buben. Dann kommt die Mama ins Zimmer und wirft
    eine Handvoll großer Schokoladestangen in blauem und grünem Papier
    unter unsere Betten. Die Brüder, die sich also nicht kraft erblicher Über-
    tragung auf Traumdeutung verstehen, erklärten ganz wie unsere Autoren:
    Dieser Traum ist ein Unsinn. Das Mädchen trat wenigstens für einen Teil
    des Traumes ein, und es ist wertvoll für die Theorie der Neurosen zu
    erfahren, für welchen: Daß der Emil ganz bei uns ist, das ist ein Unsinn,
    aber das mit den Schokoladestangen nicht. Mir war gerade das letztere
    dunkel. Die Mama lieferte mir hiefür die Erklärung. Auf dem Wege vom
    Bahnhof nach Hause hatten die Kinder vor dem Automaten Halt gemacht
    und sich gerade solche Schokoladestangen in metallisch glänzendem Papier
    gewünscht, die der Automat nach ihrer Erfahrung zu verkaufen hatte. Die
    Mama hatte mit Recht gemeint, jener Tag habe genug Wunscherfüllungen
    gebracht, und diesen Wunsch für den Traum übrig gelassen. Mir war die

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    III. Der Traum ist eine Wunscherfüllung.

    kleine Szene entgangen. Den von meiner Tochter proskribierten Teil des
    Traumes verstand ich ohne weiteres. Ich hatte selbst gehört, wie der artige
    Gast auf dem Wege die Kinder aufgefordert hatte zu warten, bis der Papa
    oder die Mama nachkommen. Aus dieser zeitweiligen Zugehörigkeit machte
    der Traum der Kleinen eine dauernde Adoption. Andere Formen des
    Beisammenseins als die im Traum erwähnten, die von den Brüdern her-
    genommen sind, kannte ihre Zärtlichkeit noch nicht. Warum die Schokolade-
    stangen unter die Betten geworfen wurden, ließ sich ohne Ausfragen des
    Kindes natürlich nicht aufklären.

    Einen ganz ähnlichen Traum wie den meines Knaben habe ich von
    befreundeter Seite erfahren. Er betraf ein achtjähriges Mädchen. Der Vater
    hatte mit mehreren Kindern einen Spaziergang nach Dornbach in der
    Absicht unternommen, die Rohrer-Hütte zu besuchen, kehrte aber um, weil
    es zu spät geworden war, und versprach den Kindern, sie ein anderes Mal
    zu entschädigen. Auf dem Rückweg kamen sie an der Tafel vorbei, welche
    den Weg zum Hameau anzeigt. Die Kinder verlangten nun, auch aufs
    Hameau geführt zu werden, mußten sich aber aus demselben Grund wiederum
    auf einen anderen Tag vertrösten lassen. Am nächsten Morgen kam das
    achtjährige Mädchen dem Papa befriedigt entgegen: ‚Papa, heut' hab ich
    geträumt, du warst mit uns bei der Rohrer-Hütte und auf dem Hameau.
    Ihre Ungeduld hatte also die Erfüllung des vom Papa geleisteten Ver-
    sprechens antizipiert.

    Ebenso aufrichtig ist ein anderer Traum, den die landschaftliche
    Schönheit Aussees bei meinem damals dreieinvierteljährigen Töchterchen
    erregt hat. Die Kleine war zum erstenmal über den See gefahren, und
    die Zeit der Seefahrt war ihr zu rasch vergangen. An der Landungsstelle
    wollte sie das Boot nicht verlassen und weinte bitterlich. Am nächsten Morgen
    erzählte sie: ‚Heute Nacht bin ich auf dem See gefahren. Hoffen wir,
    daß die Dauer dieser Traumfahrt sie besser befriedigt hat.

    Mein ältester, derzeit achtjähriger Knabe träumt bereits die Reali-
    sierung seiner Phantasien. Er ist mit dem Achilles in einem Wagen ge-
    fahren und der Diomedes war Wagenlenker. Er hat sich natürlich tags vorher
    für die Sagen Griechenlands begeistert, die der älteren Schwester geschenkt
    worden sind.

    Wenn man mir zugibt, daß das Sprechen aus dem Schlaf der Kinder
    gleichfalls dem Kreis des Träumens angehört, so kann ich im folgenden
    einen der jüngsten Träume meiner Sammlung mitteilen. Mein jüngstes
    Mädchen, damals neunzehn Monate alt, hatte eines Morgens erbrochen
    und war darum den Tag über nüchtern erhalten worden. In der Nacht
    die diesem Hungertag folgte, hörte man sie erregt aus dem Schlaf rufen:
    Anna F. eud, Er(d)beer, Hochbeer, Eier(s)peis, Papp. Ihren Namen
    gebrauchte sie damals, um die Besitzergreifung auszudrücken; der Speise-
    zettel umfaßte wohl alles, was ihr als begehrenswerte Mahlzeit erscheinen
    mußte; daß die Erdbeeren darin in zwei Varietäten vorkamen, war eine
    Demonstration gegen die häusliche Sanitätspolizei und hatte seinen Grund
    in dem von ihr wohl bemerkten Nebenumstand, daß die Kinderfrau ihre

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    Indisposition auf allzu reichlichen Erdbeergenuß geschoben hatte; für dies
    ihr unbequeme Gutachten nahm sie also im Traume ihre Revanche.1)
    Wenn wir die Kindheit glücklich preisen, weil sie die sexuelle Be-
    gierde noch nicht kennt, so wollen wir nicht verkennen, eine wie reiche
    Quelle der Enttäuschung, Entsagung und damit der Traumanregung der
    andere der großen Lebensbetriebe für sie werden kann.2) Hier ein zweites
    Beispiel dafür. Mein zweiundzwanzigmonatiger Neffe hat zu meinem Ge-
    burtstage die Aufgabe bekommen, mir zu gratulieren und als Geschenk ein
    Körbchen mit Kirschen zu überreichen, die um diese Zeit des Jahres noch
    zu den Primeurs zählen. Es scheint ihm hart anzukommen, denn er wieder-
    holt unaufhörlich: Kirschen sind d(r)in, und ist nicht zu bewegen, das
    Körbchen aus den Händen zu geben. Aber er weiß sich zu entschädigen.
    Er pflegte bisher jeden Morgen seiner Mutter zu erzählen, daß er vom
    „weißen Soldat“ geträumt, einem Gardeoffizier im Mantel, den er einst
    auf der Straße bewunderte. Am Tag nach dem Geburtstagsopfer erwacht
    er freudig mit der Mitteilung, die nur einem Traum entstammen kann:
    He(r)man alle Kirschen aufgessen!3)

    1)Dieselbe Leistung wie bei der jüngsten Enkelin vollbringt dann der Traum
    kurz nachher bei der Großmutter, deren Alter das des Kindes ungefähr 70 Jahren
    ergänzt. Nachdem sie einen Tag lang durch die Unruhe ihrer Wanderniere zum
    Hungern gezwungen war, träumt sie dann, offenbar mit Versetzung in die glückliche
    Zeit des blühenden Mädchentums, daß sie für beide Hauptmahlzeiten „ausgebeten“,
    zu Gast geladen, ist und jedesmal die köstlichsten Bissen vorgesetzt bekommt.

    2)Eingehendere Beschäftigung mit dem Seelenleben der Kinder belehrt uns
    freilich, daß sexuelle Triebkräfte in infantiler Gestaltung in der psychischen Tätigkeit
    des Kindes eine genügend große, nur zu lange übersehene Rolle spielen, und läßt
    uns an dem Glücke der Kindheit, wie die Erwachsenen es späterhin konstruieren,
    einigermaßen zweifeln. (Vgl. des Verfassers „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“
    1905 und 6. Aufl. 1926. Ges. Schriften, Bd. V.)

    3)Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß sich bei kleinen Kindern bald kompli-
    ziertere und minder durchsichtige Träume einzustellen pflegen, und daß anderseits
    Träume von so einfachem infantilen Charakter unter Umständen auch bei Erwach-
    senen häufig vorkommen. Wie reich an ungeahntem Inhalt Träume von Kindern im
    Alter von vier bis fünf Jahren bereits sein können, zeigen die Beispiele in meiner
    „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben“ (Jahrbuch von Bleuler-Freud I.,
    1909) und in Jungs „Über Konflikte der kindlichen Seele“ (ebenda II. Bd. 1910).
    Analytisch gedeutete Kinderträume siehe noch bei v. Hug-Hellmuth, Putnam,
    Raalte, Spielrein, Tausk; andere bei Banchieri, Busemann, Doglia und be-
    sonders bei Wigam, der die Wunscherfüllungstendenz derselben betont. Anderseits
    scheinen sich bei Erwachsenen Träume vom infantilen Typus besonders häufig
    wieder einzustellen, wenn sie unter ungewöhnliche Lebensbedingungen versetzt
    werden. So berichtet Otto Nordenskjöld in seinem Buche „Antarctic“ 1904 über
    die mit ihm überwinternde Mannschaft (Bd. I, p. 336): „Sehr bezeichnend für die
    Richtung unserer innersten Gedanken waren unsere Träume, die nie lebhafter und
    zahlreicher waren als gerade jetzt. Selbst diejenigen unserer Kameraden, die sonst
    nur ausnahmsweise träumten, hatten jetzt des Morgens, wenn wir unsere letzten Er-
    fahrungen aus dieser Phantasiewelt miteinander austauschten, lange Geschichten zu
    erzählen. Alle handelten sie von jener äußeren Welt, die uns jetzt so fern lag,
    waren aber oft unseren jetzigen Verhältnissen angepaßt. Ein besonders charakteri-
    stischer Traum bestand darin, daß sich einer der Kameraden auf die Schulbank
    zurückversetzt glaubte, wo ihm die Aufgabe zuteil wurde, ganz kleinen Miniatur-
    seehunden, die eigens für Unterrichtszwecke angefertigt waren, die Haut abzuziehen.
    Essen und Trinken waren übrigens die Mittelpunkte, um die sich unsere Träume am
    häufigsten drehten. Einer von uns, der nächtlicherweise darin exzellierte, auf

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    Wovon die Tiere träumen, weiß ich nicht. Ein Sprichwort, dessen
    Erwähnung ich einem meiner Hörer danke, behauptet es zu wissen, denn
    es stellt die Frage auf: WovonträumtdieGans? und beantwortet
    sie: VomKukuruz (Mais)1). Die ganze Theorie, daß der Traum eine
    Wunscherfüllung sei, ist in diesen zwei Sätzen enthalten2).

    Wir bemerken jetzt, daß wir zu unserer Lehre von dem verborgenen
    Sinn des Traumes auch auf dem kürzesten Wege gelangt wären, wenn wir
    nur den Sprachgebrauch befragt hätten. Die Sprachweisheit redet zwar
    manchmal verächtlich genug vom Traum – man meint, sie wolle der
    Wissenschaft recht geben, wenn sie urteilt: TräumesindSchäume 
    aber für den Sprachgebrauch ist der Traum doch vorwiegend der holde
    Wunscherfüller. „Das hätt' ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht
    vorgestellt“, ruft entzückt, wer in der Wirklichkeit seine Erwartungen
    übertroffen findet.

    Große Mittagsgesellschaften zu gehen, war seelenfroh, wenn er des Morgens berichten
    konnte, „daß er ein Diner von drei Gängen eingenommen habe“; ein anderer träumte
    von Tabak, von ganzen Bergen Tabak; wieder andere von dem Schiff, das mit
    vollen Segeln auf dem offenen Wasser daherkam. Noch ein anderer Traum verdient
    der Erwähnung: Der Briefträger kommt mit der Post und gibt eine lange Er-
    klärung, warum diese so lange habe auf sich warten lassen, er habe sie verkehrt ab-
    geliefert und erst nach großer Mühe sei es ihm gelungen, sie wieder zu erlangen.
    Natürlich beschäftigte man sich im Schlaf mit noch unmöglicherweise Dingen, aber der
    Mangel an Phantasie in fast allen Träumen, die ich selbst träumte oder erzählen
    hörte, war ganz auffallend. Es würde sicher von großem psychologischen Interesse
    sein, wenn alle diese Träume aufgezeichnet würden. Man wird aber leicht verstehen
    können, wie ersehnt der Schlaf war, da er uns alles bieten konnte, was ein jeder
    von uns am glühendsten begehrte.“ Nach DuPrel (p. 231) zitiere ich noch: „Mungo 
    Park auf einer Reise in Afrika dem Verschmachten nahe, träumte ohne Aufhören
    von wasserreichen Tälern und Auen seiner Heimat. So sah sich auch der von
    Hunger gequälte Trenck in der Sternschanze zu Magdeburg von üppigen Mahl-
    zeiten umgeben, und GeorgeBack, Teilnehmer der ersten Expedition Franklins,
    als er infolge furchtbarer Entbehrungen dem Hungertode nahe war, träumte stets
    und gleichmäßig von reichen Mahlzeiten.“

    1)Ein ungarisches, von Ferenczi angezogenes Sprichwort behauptet vollständiger,
    daß „das Schwein von Eicheln, die Gans von Mais träumt“. Ein jüdisches Sprich-
    wort lautet: „Wovon träumt das Huhn? – Von Hirse.“ (Sammlung jüd. Sprichw.
    u. Redensarten, herausg. v. Bernstein, 2. Aufl., S. 116.)

    2)Es liegt mir fern zu behaupten, daß noch niemals ein Autor vor mir daran
    gedacht habe, einen Traum von einem Wunsch abzuleiten. (Vgl. die ersten Sätze des
    nächsten Abschnittes.) Wer auf solche Andeutungen Wert legt, könnte schon aus
    dem Altertum den unter dem ersten Ptolemäus lebenden Arzt Herophilos an-
    führen, der nach Büchsenschütz (p. 33) drei Arten von Träumen unterschied:
    gottgesandte, natürliche, welche entstehen, indem die Seele sich ein Bild dessen
    schafft, was ihr zuträglich ist und was eintreten wird, und gemischte, die von selbst
    durch Annäherung von Bildern entstehen, wenn wir das sehen, was wir wünschen.
    Aus der Beispielsammlung von Scherner weiß J.Stärcke einen Traum hervor-
    zuheben, der vom Autor selbst als Wunscherfüllung bezeichnet wird (p. 239).
    Scherner sagt: „Den wachen Wunsch der Träumerin erfüllte die Phantasie sofort
    einfach darum, weil er im Gemüte derselben lebhaft bestand.“ Dieser Traum steht
    unter den „Stimmungsträumen“; in seiner Nähe befinden sich Träume für „männ-
    liches und weibliches Liebessehnen“ und für „verdrießliche Stimmung“. Es ist, wie
    man sieht, keine Rede davon, daß Scherner den Wünschen für den Traum eine
    andere Bedeutung zuschrieb als irgendeinem sonstigen Seelenzustand des Wachens,
    geschweige denn, daß er den Wunsch mit dem Wesen des Traumes in Zusammen-
    hang gebracht hätte.