A. Analytischer Teil1905-003/1925/M1
  • S.

    III. Die Tendenzen des Witzes.

    Als ich zu Ende des vorigen Abschnittes den Hein eschen
    Vergleich des katholischen Priesters mit einem Angestellten einer
    GroBhandlung und des protestantischen mit einem selbständigen
    Kleinhändler niederschrieb, verspiirte ich eine Hemmung, die mich
    bestimmen wollte, dieses Gleichnis nicht zu verwenden. Ich sagte
    mir, daB sich unter meinen Lesern wahrscheinlich einige befinden
    wiirden, denen nicht nur die Religion, sondern auch deren Regie
    und Personal ehrwiirdig sind; diese Leser würden sich nur über
    den Vergleich entrüsten und in einen Affektzustand geraten, der
    ihnen jedes Interesse fiir die Unterscheidung raubt, ob das Gleichnis
    an sich oder nur infolge irgend welcher Zutaten witzig erscheint.
    Bei anderen Gleichnissen, z. B. dem benachbarten von dem an-
    genehmen Mondlicht, welches eine gewisse Philosophie auf die
    Gegenstånde wirft, wåre eine solche fiir unsere Untersuchung
    storende Beeinflussung eines Teiles der Leser nicht zu besorgen.
    Der frommgliubigste Mann bliebe in der Verfassung, sich ein
    Urteil über unser Problem zu bilden.

    Es ist leicht, den Charakter des Witzes zu erraten, mit welchem
    die Verschiedenheit der Reaktion auf den Witz beim Hörer zu-
    sammenhingt. Der Witz ist das eine Mal Selbstzweck und dient
    keiner besonderen Absicht, das andere Mal stellt er sich in den
    Dienst einer solchen Absicht; er wird tendenziós. Nur der-
    jenige Witz, welcher eine Tendenz hat, låuft Gefahr auf Personen
    zu stoßen, die ihn nicht anhören wollen.

    Der nicht tendenziôse Witz ist von Th. Vischer als ,ab-
    strakter“ Witz bezeichnet worden; ich ziehe es vor, ihn „harm-
    losen“ Witz zu nennen.

    Da wir vorhin den Witz nach dem Material, an dem seine
    Technik angreift, in Wort- und Gedankenwitz unterschieden haben,
    obliegt es uns, die Beziehung dieser Einteilung zur neu vorge-
    brachten zu untersuchen. Wort- und Gedankenwitz einerseits, ab-
    strakter und tendenziôser Witz anderseits stehen, nun in keiner
    Relation der Beeinflussung zueinander; es sind zwei voneinander
    völlig unabhängige Einteilungen der witzigen Produktionen. Viel-
    leicht könnte jemand den Eindruck empfangen haben, als seien
    die harmlosen Witze vorweigend Wortwitze, wåhrend die kom-

  • S.

    76 III. Die Tendenzen des Witzes.

    pliziertere Technik des Gedankenwitzes meist von starken Ten-
    denzen in Dienst genommen wird; allein es gibt harmlose Witze,
    die mit Wortspiel und Gleichklang arbeiten, und ebenso harmlose,
    die sich aller Mittel des Gedankenwitzes bedienen. Nicht minder
    leicht zu zeigen ist, daB der tendenzióse Witz der Technik nach
    nichts anderes als ein Wortwitz zu sein braucht. So z. B. sind
    Witze, die mit Eigennamen „spielen“, häufig von beleidigender,
    verletzender "Tendenz, sie gehören seibstredend zu den Wortwitzen.
    Die harmlosesten aller Witze sind aber auch wieder Wortwitze,
    z. B. die neuerdings beliebt gewordenen Schüttelreime, in denen
    die mehrfache Verwendung desselben Materials mit einer ganz
    eigentümlichen Modifikation die Technik darstellt:

    „Und weil er Geld in Menge hatte,

    lag stets er in der Hängematte.“

    Es wird hoffentlich niemand in Abrede stellen, daß das Wohl-
    gefallen an dieser Art von sonst anspruchslosen Reimen das näm-
    liche ist, an dem wir den Witz erkennen.

    Gute Beispiele von abstrakten oder harmlosen Gedankenwitzen
    findet man reichlich unter den Lichtenbergschen Vergleichun-
    gen, von denen wir einige bereits kennen gelernt haben. Ich füge
    einige weitere hinzu:

    „Sie hatten ein Oktavbündchennach Göttingen
    geschickt und an Leib und Seele einen Quartanten
    wieder bekommen.“

    „Um dieses Gebäude gehörig aufzuführen, muß
    vor allen Dingen ein guter Grund gelegt werden,
    und da weiß ich keinen.festeren, als wenn man
    über jede Schicht pro gleich eine Schicht kontra
    aufträgt.“

    »Einerzeugtden Gedanken, der andere hebtihn
    aus der Taufe, der dritte zeugt Kinder mit ihm,
    der vierte besucht ihn auf dem Sterbebette und
    der fünfte begråbt ihn.“ (Gleichnis mit Unifizierung.)

    „Er glaubte nichtallein keine Gespenster, son»
    dern er fiirchtete sich nicht einmal davor.“ Der
    Witz liegt hier ausschlieflich an der widersinnigen Darstellung,
    die das gewöhnlich fiir geringer Geschätzte in den Komparativ
    setzt, das für bedeutsamer Gehaltene zum Positiv nimmt.
    Mit Verzicht auf diese witzige Einkleidung hieße es: is ist viel
    leichter, sich mit dem Verstand über die Gespensterfurcht hinweg-
    zusetzen, als sich ihrer bei vorkommender Gelegenheit zu erwehren.
    Dies ist gar nicht mehr witzig, wohl aber eine richtige und noch

  • S.

    Harmloser und tendenziöser Witz, 77

    zu wenig gewiirdigte psychologische Erkenntnis, die nåmliche, der
    Lessing in den bekannten Worten Ausdruck gibt:
    „Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.“

    Ich kann die Gelegenheit, die sich hier bietet, ergreifen, um
    ein immerhin mögliches MiBverståndnis wegzuräumen. „Harm-
    loser“ oder ,abstrakter Witz soll nämlich keineswegs gleich-
    bedeutend sein mit ,gehaltlosem* Witz, sondern eben nur den
    Gegensatz zu den später zu besprechenden ,tendenziósen* Witzen
    bezeichnen. Wie obiges Beispiel zeigt, kann ein harmloser, d. i.
    tendenzloser Witz auch sehr gehaltvoll sein, etwas Wertvolles aus-
    sagen. Der Gehalt eines Witzes ist aber vom Witz unabhängig
    und ist der Gehalt des Gedankens, der hier durch eine besondere
    Veranstaltung witzig ausgedrückt wird. Freilich so wie die Uhr-
    macher ein besonders gutes Werk auch mit einem kostbaren Ge-
    håuse auszustatten pflegen, mag es auch beim Witz vorkommen,
    daß die besten Witzleistungen gerade zur Einkleidung der gehalt-
    vollsten Gedanken benützt werden.

    Wenn wir nun scharf auf die Unterscheidung von Gedanken-
    gehalt und witziger Einkleidung beim Gedankenwitz achten, so ge-
    langen wir zu einer Einsicht, welche uns viel Unsicherheit in
    unserem Urteil über Witze aufzukliren vermag. Es stellt sich
    nämlich, was doch überraschend ist, heraus, daß wir unser Wohl-
    gefallen an einem Witz nach dem ET Eindruck von Gehalt
    und Witzleistung abgeben und urch den einen Faktor über
    das Ausmaß des anderen geradezu täuschen lassen. Erst die
    Reduktion des Witzes klärt uns die Urteilstäuschung auf.

    Das nämliche trifft übrigens auch beim Wortwitz zu. Wenn
    wir hören: „Die Erfahrung besteht darin, daß man erfährt, was
    man nicht wünscht erfahren zu haben“; — so sind wir ver-
    blüfft, glauben eine neue Wahrheit zu vernehmen, und es
    dauert eine Weile, bis wir in dieser Verkleidung die Platt-
    heit: „Durch Schaden wird man klug“ (K. Fischer) erkennen.
    Die treffliche Witzleistung, die „Erfahrung“ nahezu allein durch
    die Anwendung des Wortes „erfahren“ zu definieren, täuscht uns
    so, daB wir den Gehalt des Satzes iiberschåtzen. Ebenso ergeht
    es uns bei dem Lichtenbergschen Unifizierungswitz vom
    „Januarius* (S. 53), der uns weiter nichts zu sagen hat, als was
    wir längst wissen, daß Neujahrswünsche so selten in Erfüllung
    gehen wie andere Wünsche, und in vielen ähnlichen Füllen.

    Das Gegenteilige erfahren wir bei anderen Witzen, in denen
    offenbar das Treffende und Richtige des Gedankens uns gefangen
    nimmt, so daB wir den Satz einen glünzenden Witz heiBen, wührend

  • S.

    78 111, Die Tendenzen des Witzes.

    nur der Gedanke glänzend, die Witzleistung oft schwächlich ist.
    Gerade bei den Lichtenbergschen Witzen ist der Gedanken-
    kern häufig weit wertvoller als die Witzeinkleidung, auf welche
    wir dann die Schitzung vom ersteren her unberechtigterweise
    ausdehnen, So ist z. B. die Bemerkung über die „Fackel der
    Wahrheit“ (S. 68) ein kaum witziger Vergleich, aber sie ist so
    treffend, daß wir den Satz als einen besonders witzigen hervor-
    heben móchten.

    Die Lichtenbergschen Witze sind vor allem durch ibren
    Gedankeninhalt und ihre Treffsicherheit hervorragend. Goethe
    hat mit Recht von diesem Autor gesagt, daß seine witzigen und
    scherzhaften Einfille geradezu Probleme verbergen, richtiger: an
    die Lösung von Problemen streifen. Wenn er z. B. als witzigen
    Einfall aufzeichnet:

    „Er las immer Agamemnon anstatt angenommen, so
    sehr hatte er den Homer gelesen“ (technisch): Dummheit + Wort-
    gleichklang, so hat er damit nichts weniger als das Geheimnis
    des Verlesens selbst aufgedeckt.*) Ähnlich ist der Witz, dessen
    Technik (S. 47) uns wohl recht unbefriedigend erschienen ist:

    „Er wunderte sich, daß den Katzen gerade an
    der Stelle zwei Lócher in den Pelz geschnitten
    würen,wosiedie Augen hätten.“ Die Dummheit, die hier
    zur Schau getragen wird, ist nur eine scheinbare; in Wirklichkeit
    steckt hinter dieser einfiltigen Bemerkung das große Problem der
    Teleologie im tierischen Aufbau; es ist gar nicht so selbst-
    verständlich, daß die Lidspalte sich dort öffnet, wo die Hornhaut
    freiliegt, bis die Entwicklungsgeschichte uns dieses Zusammen-
    treffen aufklürt.

    Wir wollen es im Gedächtnis behalten, daß wir von einem
    witzigen Satz einen Gesamteindruck empfangen, in dem wir den
    Anteil. des Gedankeninhalts von dem Anteil der Witzarbeit nicht
    zu sondern vermógen; vielleicht findet sich spiter hiezu eine noch
    bedeutsamere Parallele.

    Für unsere theoretische Aufklärung über das Wesen des
    Witzes müssen uns die harmlosen Witze wertvoller sein als die
    tendenziósen, die gehaltlosen wertvoller als die tiefsinnigen. Harm-
    lose und gehaltlose Wortspiele etwa werden uns das Problem des
    Witzes in seiner reinsten Form entgegenbringen, weil wir bei ihnen
    der Gefahr der Verwirrung durch die Tendenz und der Urteils-

    +) Vgl. meine „Psychopathologie des Alltagslebens“. 1904. 7.Auil., 1920.

  • S.

    Die Lust stammt aus der Technik, 79

    tåuschung durch den guten Sinn entgehen. An solchem Material
    kann unsere Erkenntnis einen neuen Fortschritt machen.
    Ich wähle ein möglichst harmloses Beispiel von Wortwitz:

    Ein Mädchen, welches während seiner Toilette die An-
    kündigung eines Besuches erhält, klagt: „Ach wie schade, gerade
    wenn man am anziehendsten ist, darf man sich nicht sehen
    lassen.“*)

    Da mir aber Bedenken aufsteigen, ob ich diesen Witz für
    einen tendenzlosen auszugeben das Recht habe, ersetze ich ihn
    durch einen anderen, herzlich einfältigen, der von solcher Ein-
    wendung frei sein dürfte.

    In einem Hause, wo ich zu Gast geladen bin, wird zum
    Schluß der Mahlzeit die Roulard genannte Mehlspeise gereicht,
    deren Herstellung einiges Geschick bei der Köchin voraussetzt.
    „Zu Hause gemacht ?“ fragt darum einer der Gäste, und der Haus-
    herr antwortet: „Ja, gewiß, ein Home-Roulard“ (Home-Rule).

    Wir wollen diesmal nicht die Technik des Witzes untersuchen,
    sondern gedenken unsere Aufmerksamkeit einem anderen, dem
    wichtigsten Momente zwar, zuzuwenden. Das Anhören dieses im-
    provisierten Witzes bereitete den Anwesenden ein — von mir klar
    erinnertes — Vergnügen und machte uns lachen. In diesem wie
    in ungezühlten anderen Fällen kann die Lustempfindung des
    Hörers nicht von der Tendenz und nicht vom Gedankeninhalt
    des Witzes herrühren; es bleibt nichts übrig als diese Lust-
    empfindung mit der Technik des Witzes in Zusammenhang zu
    bringen. Die von uns vorhin beschriebenen technischen Mittel
    des Witzes — die Verdichtung, Verschiebung, indirekte Dar-
    stellung usw. — haben also das Vermögen, beim Hörer eine
    Lustempfindung hervorzurufen, wenngleich wir noch gar nicht ein-
    sehen können, wie ihnen dies Vermögen zukommen mag. Auf
    so leichte Art gewinnen wir den zweiten Satz zur Aufklärung des
    Witzes; der erste lautete (S. 9), daß der Charakter des Witzes
    an der Ausdrucksform hängt. Besinnen wir uns noch, daß der
    zweite Satz uns eigentlich nichts Neues gelehrt hat. Er isoliert
    nur, was bereits in einer früher von uns gemachten Erfahrung
    enthalten war. Wir erinnern ja, wenn es gelang, den Witz zu
    reduzieren, d. h. mit sorgfältiger Erhaltung des Sinnes dessen
    Ausdruck durch einen anderen zu ersetzen, so war damit nicht
    nur der Witzcharakter, sondern auch der Lacheffekt, also das
    Vergnügen am Witze, aufgehoben,

    り R. Kleinpaul, Die Rätsel der Sprache, 1890.

  • S.

    80 III. Die Tendenzen des Witzes

    Wir können hier nicht weiter gehen, ohne uns vorerst mit
    unseren philosophischen Autoritäten auseinander zu setzen.

    Die Philosophen, welche den Witz dem Komischen zurechnen
    und das Komische selbst in der Ästhetik abhandeln, charakterisieren
    das ästhetische Vorstellen durch die Bedingung, daß wir dabei
    nichts von und mit den Dingen wollen, die Dinge nicht brauchen,
    um eines unserer großen Lebensbedürfnisse zu befriedigen, sondern
    uns mit der Betrachtung derselben und dem Genuß der Vor-
    stellung begnügen. „Dieser Genuß, diese Vorstellungsart ist die
    rein ästhetische, die nur in sich beruht, nur in sich ihren Zweck
    hat und keine anderen Lebenszwecke erfüllt“ (K. Fischer, S. 68).

    Wir setzen uns nun kaum in Widerspruch mit diesen Worten
    K. Fischers, übersetzen vielleicht nur seinen Gedanken in unsere
    Ausdrucksweise, wenn wir hervorheben, daß die witzige Tätigkeit
    doch keine zweck- oder ziellose genannt werden darf, da sie sich
    unverkennbar das Ziel gesteckt hat, Lust beim Hörer hervorzurufen.
    Ich zweifle, ob wir irgend etwas zu unternehmen imstande sind,
    wobei eine Absicht nicht in Betracht kommt. Wenn wir unseren
    seelischen Apparat gerade nicht zur Erfüllung einer der unent-
    behrlichen Befriedungen brauchen, lassen wir ihn selbst auf Lust
    arbeiten, suchen wir Lust aus seiner eigenen Tätigkeit zu ziehen.
    Ich vermute, daß dies überhaupt die Bedingung ist, der alles
    ästhetische Vorstellen unterliegt, aber ich verstehe zu wenig von
    der Ästhetik, um diesen Satz durchführen zu wollen; vom Witz
    jedoch kann ich auf Grund der beiden vorhin gewonnenen Ein-
    sichten behaupten, daß er eine Tätigkeit ist, welche darauf abzielt,
    Lust aus den seelischen Vorgängen — intellektuellen oder an-
    deren — zu gewinnen. Es gibt gewiß noch andere Tätigkeiten,
    die dasselbe bezwecken. Vielleicht unterscheiden sie sich darin,
    aus welchem Gebiete seelischer Tätigkeit sie Lust schöpfen wollen,
    vielleicht durch die Methode, deren sie sich dabei bedienen. Wir
    können das gegenwärtig nicht entscheiden; wir halten aber daran
    fest, daß nun die Witztechnik und die sie teilweise beherrschende
    ersparende Tendenz (S. 33) in Beziehung gebracht sind zur Er-
    zeugung von Lust.

    Ehe wir aber daran gehen, das Rätsel, wie die technischen
    Mittel der Witzarbeit Lust beim Hörer erregen können, zu lösen,
    wollen wir uns erinnern, daß wir zum Zwecke der Vereinfachung
    und besseren Durchsichtigkeit die tendenziösen Witze ganz zur
    Seite geschoben haben. Wir müssen doch aufzuklären suchen,
    welches die Tendenzen des Witzes sind, und in welcher Weise
    er diesen Tendenzen dient.

  • S.

    Feindseliger und obszöner Witz. 81

    Wir werden vor allem durch eine Beobachtung gemahnt, den
    tendenziösen Witz bei der Untersuchung nach der Herkunft der
    Lust am Witze nicht beiseite zu lassen. Die Lustwirkung des
    harmlosen Witzes ist zumeist eine mäßige; ein deutliches Wohl-
    gefallen, ein leichtes Lächeln ist zumeist alles, was er beim Hörer
    zu erreichen vermag, und von diesem Effekt ist etwa noch ein
    Teil auf Rechnung seines Gedankeninhalts zu setzen, wie wir
    an geeigneten Beispielen (S. 77) bemerkt haben. Fast niemals
    erzielt der tendenzlose Witz jene plötzlichen Ausbrüche von Ge-
    Lichter, die den tendenziósen so unwiderstehlich machen. Da die
    Technik bei beiden die nåmliche sein kann, darf in uns die Ver-
    mutung rege werden, daß der tendenziôse Witz kraft seiner Tendenz
    über Quellen der Lust verfügen müsse, zu denen der harmlose
    Witz keinen Zugang hat.

    Die Tendenzen des Witzes sind nun leicht zu übersehen. Wo
    der Witz nicht Selbstzweck, d. h. harmlos ist, stellt er sich in den
    Dienst von nur zwei Tendenzen, die selbst eine Vereinigung unter
    einen Gesichtspunkt zulassen; er ist entweder feindseliger
    Witz (der zur Aggression, Satire, Abwehr dient) oder obs ② ⑥ n er
    Witz (welcher der EntblóBung dient). Von vorne herein ist wieder
    zu bemerken, daß die technische Art des Witzes — ob Wort- oder
    Gedankenwitz — keine Relation zu diesen beiden Tendenzen hat.

    Weitliufiger ist es nun, darzulegen, auf welche Weise der
    Witz diesen Tendenzen dient. Ich möchte bei dieser Untersuchung
    nicht den feindseligen, sondern den entblGBenden Witz voranstellen,
    Dieser ist zwar weit seltener einer Untersuchung gewürdigt worden,
    als hitte sich hier eine Abneigung vom Stofflichen aufs Sachliche
    übertragen, allein wir wollen uns hiedurch nicht beirren lassen,
    da wir alsbald auf einen Grenzfall des Witzes stoßen werden,
    der uns Aufklärung über mehr als einen dunklen Punkt zu bringen
    verspricht.

    Man weiß, was unter der „Zote“ verstanden wird: Die be-
    absichtigte Hervorhebung sexueller Tatsachen und Verhältnisse
    durch die Rede. Indes diese Definition ist nicht stichhaltiger als
    andere Definitionen. Ein Vortrag über die Anatomie der Sexual-
    organe oder über die Physiologie der Zeugung braucht trotz dieser
    Definition nicht einen einzigen Berührungspunkt mit der Zote
    gemein zu haben. Es gehört noch dazu, daß die Zote an eine
    bestimmte Person gerichtet werde, von der man sexuell erregt
    wird, und die durch das Anhören der Zote von der Erregung
    des Redenden Kenntnis bekommen und dadurch selbst sexuell
    erregt werden soll. Anstatt dieser Erregung mag sie auch in

    Freud, Der Witz. 4. Aufl. 6

  • S.

    82 III. Die Tendenzen des Witzes,

    Scham oder Verlegenheit gebracht werden, was nur eine Reaktion
    gegen ihre Erregung und auf diesem Umwege ein Eingestindnis
    derselben bedeutet. Die Zote ist also urspriinglich an das Weib
    gerichtet und einem Verführungsversuch gleichzusetzen. Wenn
    sich dann ein Mann in Månnergesellschaft mit dem Erzählen oder
    Anhören von Zoten vergniigt, so ist die ursprüngliche Situation,
    die infolge sozialer Hemmnisse nicht verwirklicht werden kann,
    dabei mitvorgestellt. Wer über die gehörte Zote lacht, lacht wie
    ein Zuschauer bei einer sexuellen Aggression.

    Das Sexuelle, welches den Inhalt der Zote bildet, umfaßt
    mehr als das bei beiden Geschlechtern Besondere, nämlich noch
    überdies das beiden Geschlechtern Gemeinsame, auf das die
    Scham sich erstreckt, also das Exkrementelle in seinem ganzen
    Umfang. Dies ist aber der Umfang, den das Sexuelle im Kindes-
    alter hat, wo fiir die Vorstellung gleichsam eine Kloake existiert,
    innerhalb deren Sexuelles und Exkrementelles schlecht oder gar
    nicht gesondert werden.*) Uberall im Gedankenbereich der Neu-
    rosenpsychologie schließt das Sexuelle noch das Exkrementelle
    ein, wird es im alten, infantilen, Sinne verstanden.

    Die Zote ist wie eine EntblóDung der sexuell differenten
    Person, an die sie gerichtet ist. Durch das Aussprechen der
    obszónen Worte zwingt sie die angegriffene Person zur Vorstellung
    des betreffenden Korperteiles oder der Verrichtung und zeigt ihr,
    daß der Angreifer selbst sich solches vorstellt. Es ist nicht zu
    bezweifeln, daB die Lust, das Sexuelle entblóbt zu sehen, das
    ursprüngliche Motiv der Zote ist.

    Es kann der Klirung nur fórderlich sein, wenn wir hier bis
    auf die Fundamente zurückgehen. Die Neigung, das Geschlechts-
    besondere entbloft zu schauen, ist eine der ursprünglichen Kom-
    ponenten unserer Libido. Sie ist selbst vielleicht bereits eine Er-
    setzung, geht auf eine als primár zu supponierende Lust, das
    Sexuelle zu berühren, zurück. Wie so häufig, hat das Schauen
    das Tasten auch hier abgelóst.**) Die Schau- oder Tastlibido ist
    bei jedermann in zweifacher Art, aktiv und passiv, männlich und
    weiblich, vorhanden, und bildet sich je nach dem Überwiegen des
    Geschlechtscharakters nach der einen oder der anderen Richtung
    überwiegend aus. Bei jungen Kindern kann man die Neigung
    zur Selbstentblófung leicht beobachten. Wo der Keim dieser

    *) Siehe meine gleichzeitig erscheinenden ,,Drei Abhandlungen zur
    Sexualtheorie“, 1905. (5. Aufl., 1922.)

    **( Molls Kontrektationstrieb (Untersuchungen über die Libido
    sexualis, 1898).

  • S.

    E

    Die Umbildung der Zote zum obszónen Witz. 83

    Neigung nicht das gewóhnliche Schicksal der Uberlagerung und
    Unterdrückung erfährt, da entwickelt er sich zu der als Exhibitions-
    drang bekannten Perversion erwachsener Minner. Beim Weibe
    wird die passive Exhibitionsneigung fast regelmäßig durch die
    großartige Reaktionsleistung der sexuellen Schamhaftigkeit über-
    lagert, aber nicht ohne daß ihr in der Kleidung ein Ausfalls-
    pfórtchen gespart bliebe. Wie dehnbar und nach Konvention und
    Umständen variabel dann das der Frau als erlaubt verbliebene
    Maß von Exhibition ist, brauche ich nur anzudeuten.

    Beim Manne bleibt ein hoher Grad dieser Strebung als Teil-
    stück der Libido bestehen und dient zur Einleitung des Geschlechts-
    aktes. Wenn diese Strebung sich bei der ersten Annäherung an
    das Weib geltend macht, muß sie sich aus zwei Motiven der
    Rede bedienen. Erstens um sich dem Weibe anzuzeigen, und
    zweitens weil die Erweckung der Vorstellung durch die Rede das
    Weib selbst in die korrespondierende Erregung versetzen und die
    Neigung zur passiven Exhibition bei ihr erwecker kann. Diese
    werbende Rede ist noch nicht die Zote, geht aber ihn sie über. Wo
    nämlich die Bereitschaft des Weibes sich rasch einstellt, da ist
    die obszine Rede kurzlebig, sie weicht alsbald der sexuellen
    Handlung. Anders, wenn auf die rasche Bereitschaft des Weibes
    nicht zu rechnen ist, sondern an deren Statt die Abwehrreaktionen
    desselben auftreten. Dann wird die sexuell erregende Rede als Zote
    Selbstzweck; da die sexuelle Aggression in ihrem Fortschreiten
    bis zum Akt aufgehalten ist, verweilt sie bei der Hervorrufung
    der Erregung und zieht Lust aus den Anzeichen derselben beim
    Weibe. Die Aggression ändert dabei wohl auch ihren Charakter
    in dem nåmlichen Sinne wie jede libidinôse Regung, der sich
    ein Hindernis entgegenstellt; sie wird direkt feindselig, grausam,
    ruft also die sadistische Komponente des Geschlechtstriebes gegen
    das Hindernis zur Hilfe,

    Die Unnachgiebigkeit des Weibes ist also die niichste Be-
    dingung für die Ausbildung der Zote, allerdings eine solche, die
    bloß einen Aufschub zu bedeuten scheint und weitere Bemiihung
    nicht aussichtslos erscheinen läßt. Der ideale Fall eines der-
    artigen Widerstandes beim Weibe ergibt sich bei der gleichzeitigen
    Anwesenheit eines anderen Mannes, eines Dritten, denn dann ist
    das sofortige Nachgeben des Weibes so gut wie ausgeschlossen.
    Dieser Dritte gelangt bald zur größten Bedeutung fiir die Ent-
    wicklung der Zote; zunächst ist aber von der Anwesenheit des
    Weibes nicht abzusehen. Beim Landvolk oder im Wirtshaus des
    kleinen Mannes kann man beobachten, daB erst das Hinzutreten

    er

  • S.

    84 111. Die Tendenzen des Witzes.

    der Kellnerin oder der Wirtin die Zote zum Vorschein bringt;
    auf höherer sozialer Stufe erst tritt das Gegenteil ein, macht die
    Anwesenheit eines weiblichen Wesens der Zote ein Ende; die
    Männer sparen sich diese Art der Unterhaltung, die ursprünglich
    ein sich schimendes Weib voraussetzt, auf, bis sie allein „unter
    sich“ sind. So wird allmählich anstatt des Weibes der Zuschauer,
    jetzt Zuhörer, die Instanz, für welahe die Zote bestimmt ist, und
    diese nähert sich durch solche Wandlung bereits dem Charakter
    des Witzes.

    Unsere Aufmerksamkeit kann von dieser Stelle an von zwei
    Momenten in Anspruch genommen werden, von der Rolle des
    Dritten, des Zuhörers, und von den inhaltlichen Bedingungen der
    Zote selbst.

    Der tendenziöse Witz braucht im allgemeinen drei Personen,
    außer der, die den Witz macht, eine zweite, die zum Objekt der
    feindseligen oder sexuellen Aggression genommen wird, und eine
    dritte, an der sich die Absicht des Witzes, Lust zu erzeugen,
    erfüllt. Die tiefere Begründung für diese Verhältnisse werden wir
    später aufzusuchen haben, vorläufig halten wir uns an die Tat-
    sache, die sich ja darin bekundet, daß nicht, wer den Witz macht,
    ihn auch belacht, also dessen Lustwirkung genießt, sondern der
    untitige Zuhörer. In der nämlichen Relation befinden sich die
    drei Personen bei der Zote. Man kann den Hergang so be-
    schreiben: Der libidinôse Impuls des Ersten entfaltet, sowie er
    die Befriedigung durch das Weib gehemmt findet, eine gegen
    diese zweite Person feindselige Tendenz und ruft die ursprünglich
    storende dritte Person zum Bundesgenossen auf. Durch die zotige
    Rede des Ersten wird das Weib vor diesem: Dritten entblóBt, der
    nun als Zuhörer — durch die miihelose Befriedigung seiner eigenen
    Libido — bestochen wird.

    Es ist merkwürdig, daß solcher Zotenverkehr beim gemeinen
    Volke so überaus beliebt und eine nie fehlende Betätigung heiterer
    Stimmung ist. Beachtenswert ist aber auch, daß bei diesem kom-
    plizierten Vorgang, der so viele Charaktere des tendenziôsen Witzes
    an sich trägt, an die Zote selbst keiner der formellen Ansprüche,
    welche den Witz kennzeichnen, gestellt wird. Die unverhüllte
    Nudität auszusprechen bereitet dem Ersten Vergnügen und macht
    den Dritten lachen.

    Erst wenn wir zu feiner gebildeter Gesellschaft aufsteigen,
    tritt die formelle Witzbedingung hinzu. Die Zote wird witzig und
    wird nur geduldet, wenn sie witzig ist. Das technische Mittel,
    dessen sie sich zumeist bedient, ist die Anspielung, d. h. die

  • S.

    Die Leistung des Witzes im Dienste der Tendenz. 85

    Ersetzung durch ein Kleines, ein im entfernten Zusammenhang Be-
    findliches, welches der Hörer in seinem Vorstellen zur vollen und
    direkten Obszönität rekonstruiert. Je größer das Mißverhältnis
    zwischen dem in der Zote direkt Gegebenen und dem von ihr
    im Hörer mit Notwendigkeit Angeregten ist, desto feiner wird
    der Witz, desto höher darf er sich dann auch in die gute Gesell-
    schaft hinauf wagen. Außer der groben und der feinen Anspielung
    stehen der witzigen Zote, wie leicht an Beispielen gezeigt werden
    kann, alle anderen Mittel des Wort- und Gedankenwitzes zur
    Verfügung.

    Hier wird endlich greifbar, was der Witz im Dienste seiner
    Tendenz leistet. Er ermöglicht die Befriedung eines Triebes
    (des lüsternen und feindseligen) gegen ein im Wege stehendes
    Hindernis, er umgeht dieses Hindernis und schöpft somit Lust
    aus einer durch das Hindernis unzugänglich gewordenen Lust-
    quelle. Das im Wege stehende Hindernis ist eigentlich nichts
    anderes als die der höheren Bildungs- und Gesellschaftsstufe ent-
    sprechend gesteigerte Unfähigkeit des Weibes, das unverhüllte
    Sexuelle zu ertragen. Das in der Ausgangssituation als anwesend
    gedachte Weib wird eben weiterhin als anwesend beibehalten, oder
    ihr Einfluß wirkt auch in ihrer Abwesenheit auf die Männer ein-
    schüchternd fort. Man kann beobachten, wie Männer höherer
    Stände durch die Gesellschaft niedrig stehender Mädchen sofort
    veranlaßt werden, die witzige Zote in die einfache zurücksinken
    zu lassen.

    Die Macht, welche dem Weibe und in geringerem Maße auch
    dem Manne den Genuß der unverhüllten Obszönität erschwert
    oder unmöglich macht, heißen wir die „Verdrängung“ und er-
    kennen in ihr denselben psychischen Vorgang, der in ernsten
    Krankheitsfällen ganze Komplexe von Regungen mitsamt deren
    Abkömmlingen vom Bewußtsein ferne hält, und sich als ein Haupt-
    faktor der Verursachung bei den sog. Psychoneurosen heraus-
    gestellt hat. Wir gestehen der Kultur und höheren Erziehung
    einen großen Einfluß auf die Ausbildung der Verdrängung zu
    und nehmen an, daß unter diesen Bedingungen eine Veränderung
    der psychischen Organisation zustande kommt, die auch als ererbte
    Anlage mitgebracht werden kann, der zufolge sonst angenehm
    Empfundenes nun als unannehmbar erscheint und mit allen psychi-
    schen Kriften abgelehnt wird. Durch die Verdringungsarbeit der
    Kultur gehen primäre, jetzt aber von der Zensur in uns verworfene,
    Genufimóglichkeiten verloren. Der Psyche des Menschen wird
    aber alles Verzichten so sehr schwer, und so finden wir, daß der

  • S.

    %

    86 III. Die Tendenzen des Witzes.

    tendenziôse Witz ein Mittel abgibt, den Verzicht rückgüngig zu
    machen, das Verlorene wieder zu gewinnen. Wenn wir über einen
    feinen obszónen Witz lachen, so lachen wir über das nåmliche,
    was den Bauer bei einer groben Zote lachen macht; die Lust
    stammt in beiden Füllen aus der nåmlichen Quelle; über die grobe
    Zote zu lachen, bråchten wir aber nicht zustande, wir würden
    uns schämen, oder sie erschiene uns ekelhaft; wir können erst
    lachen, wenn uns der Witz seine Hilfe geliehen hat.

    Es scheint sich uns also zu bestütigen, was wir eingangs
    vermutet haben, daB der tendenzióse Witz über andere Quellen
    der Lust verfügt als der harmlose, bei dem alle Lust irgendwie
    an die Technik geknüpft ist. Wir kónnen auch von neuem hervor-
    heben, daß wir beim tendenziósen Witz auBerstande sind, durch
    unsere Empfindung zu unterscheiden, welcher Anteil der Lust aus
    den Quellen der Technik, welcher aus denen der Tendenz her-
    rührt. Wir wissen also streng genommen nicht,
    worüber wir lachen. Bei allen obszónen Witzen unterliegen
    wir grellen Urteilstäuschungen über die „Güte“ des Witzes, soweit
    dieselbe von formalen Bedingungen abhängt; die Technik dieser
    Witze ist oft recht årmlich, ihr Lacherfolg ein ungeheurer.

    Wir wollen nun untersuchen, ob die Rolle des Witzes im
    Dienst der feindseligen Tendenz die nåmliche ist.

    Von vorne herein stoßen wir hier auf dieselben Bedingungen.
    Die feindseligen Impulse gegen unsere Nebenmenschen unterliegen
    seit unserer individuellen Kindheit wie seit den Kinderzeiten
    menschlicher Kultur den nämlichen Einschränkungen, der nåm-
    lichen fortschreitenden Verdrängung wie unsere sexuellen Stre-
    bungen. Wir haben es noch nicht soweit gebracht, daß wir unsere
    Feinde zu lieben vermóchten oder ihnen nach dem Backenstreich
    auf die rechte Backe die linke hinhielten; auch tragen alle Moral-
    vorschriften der Beschränkung im tätigen Haß noch heute die
    deutlichsten Anzeichen an sich, daß sie ursprünglich für eine
    kleine Gemeinschaft von Stammesgenossen gelten sollten. So wie
    wir uns alle als Angehörige eines Volkes fühlen dürfen, gestatten
    wir uns, von den meisten dieser Beschränkungen gegen ein fremdes
    Volk abzusehen. Aber innerhalb unseres eigenen Kreises haben
    wir doch Fortschritte in der Beherrschung feindseliger Regungen
    gemacht; wie es Lichtenberg drastisch ausdrückt: Wo man
    jetzt sagt: Entschuldigen Sie, da schlug man einem früher um's
    Ohr. Die gewalttitige Feindseligkeit, vom Gesetz verboten, ist
    durch die Invektive in Worten abgelóst worden, und die bessere

  • S.

    Die Ermöglichung der Invektive durch den Witz, 87

    Kenntnis der Verkettung menschlicher Regungen raubt uns durch
    ihr konsequentes „Tout comprendre c'est tout pardonner“ immer
    mehr von der Fähigkeit, uns gegen den Nebenmenschen, der uns
    in den Weg getreten ist, zu erzürnen. Mit kräftigen Anlagen
    zur Feindschaft noch als Kinder begabt, Iehrt uns später die höhere
    persönliche Kultur, daß es unwiirdig ist, Schimpfworter zu ge-
    brauchen, und selbst, wo der Kampf an sich erlaubt geblieben.
    ist, hat die Anzahl der Dinge, die als Mittel im Kampfe nicht
    verwendet werden dürfen, außerordentlich zugenommen, Seitdem
    wir auf den Ausdruck der Feindseligkeit durch die Tat verzichten
    mußten — durch den leidenschaftsiosen Dritten daran gehindert,
    in dessen Interesse die Bewahrung der persönlichen Sicherheit
    liegt —, haben wir ganz ähnlich wie bei der sexuellen Aggression
    eine neue Technik der Schmähung ausgebildet, die auf die An-
    werbung dieses Dritten gegen unseren Feind abzielt. Indem wir
    den Feind klein, niedrig, verächtlich, komisch machen, schaffen
    wir uns auf einem Umwege den Genuß seiner Überwindung, den
    uns der Dritte, der keine Mühe aufgewendet hat, durch sein
    Lachen bezeugt.

    Wir sind nun auf die Rolle des Witzes bei der feindseligen
    Aggression vorbereitet. Der Witz wird uns gestatten, Lächerliches
    am Feind zu verwerten, das wir entgegenstehender Hindernisse
    wegen nicht laut oder nicht bewußt vorbringen durften, wird also
    wiederum Einschränkungen umgehen und unzugäng-
    lich gewordene Lustquellen eröffnen. Er wird ferner
    den Hörer durch seinen Lustgewinn bestechen, ohne strengste
    Prüfung unsere Partei zu nehmen, wie wir selbst andere Male, vom
    harmlosen Witz bestochen, den Gehalt des witzig ausgedrückten
    Satzes zu überschätzen pflegten. „Die Lacher auf seine Seite
    ziehen,“ sagt mit vollkommen zutreffendem Ausdruck unsere
    Sprache.

    Man fasse z. B. die über den vorigen Abschnitt zer-
    streuten Witze des Herrn N. ins Auge. Es sind sämtlich
    Schmähungen. Es ist, als wollte Herr N. laut schreien: Aber
    der Ackerbauminister ist ja selber ein Ochs! Laßt mich in Ruhe
    mit dem ***; der platzt ja vor Eitelkeit! Etwas Langweiligeres
    als die Aufsätze dieses Historikers über Napoleon in Österreich.
    habe ich überhaupt noch nicht gelesen! Aber der Hochstand
    seiner Persönlichkeit macht es ihm unmöglich, diese seine Urteile
    in dieser Form von sich zu geben. Sie nehmen darum den Witz
    zur Hilfe, welcher ihnen eine Aufnahme beim Hörer sichert, die
    sie trotz ihres etwaigen Wahrheitsgehaltes in unwitziger Form

  • S.

    88 III. Die Tendenzen des Witzes.

    niemals gefunden hätten. Einer dieser Witze ist besonders lehr-
    reich, der vom „roten Fadian“, vielleicht der überwältigendste von
    allen. Was nötigt uns daran zum Lachen und lenkt unser Interesse
    von der Frage, ob dem armen Schriftsteller Unrecht geschehen
    ist oder nicht, so vollständig ab? Gewiß die witzige Form, der
    Witz also; aber über was lachen wir dabei? Ohne Zweifel über
    die Person selbst, die uns als „roter Fadian“ vorgeführt wird,
    und insbesondere über ihre Rothaarigkeit. Körperliche Gebrechen
    zu verlachen hat sich der Gebildete abgewöhnt, auch zählt für
    ihn die Rothaarigkeit nicht zu den lachenswürdigen Körperfehlern.
    Wohl aber gilt sie dafür beim Schulknaben und beim gemeinen
    Volk, ja auch noch auf der Bildungsstufe gewisser kommunaler
    und parlamentarischer Vertreter. Und nun hat dieser Witz des
    Herrn N. es auf die kunstvollste Weise ermöglicht, daß wir, er-
    wachsene und feinfühlige Leute, über die roten Haare des Histo-
    rikers X. lachen wie die Schulknaben. Es lag dies gewiß nicht
    in der Absicht des Herrn N.; aber es ist sehr zweifelhaft, ob
    jemand, der seinen Witz walten läßt, dessen genaue Absicht
    kennen muß,

    War in diesen Fällen das Hindernis für die Aggression,
    welches der Witz umgehen half, ein innerliches — die ästhetische
    Auflehnung gegen die Schmähung —, so kann es andere Male
    rein äußerlicher Natur sein. So in dem Falle, wenn Serenissimus
    den Fremden, dessen Ähnlichkeit mit seiner eigenen Person ihm
    auffällt, fragt: War seine Mutter einmal in der Residenz? und
    die schlagfertige Antwort darauf lautet: Nein, aber mein Vater.
    Der Gefragte möchte gewiß den Frechen niederschlagen, der es
    wagt, durch solche Anspielung dem Andenken der geliebten Mutter
    Schmach anzutun; aber dieser Freche ist Serenissimus, den man
    nicht niederschlagen, nicht einmal beleidigen darf, wenn man diese
    Rache nicht mit seiner ganzen Existenz erkaufen will. Es hieße
    also die Beleidigung schweigend herunterwürgen; aber zum Glück
    zeigt der Witz den Weg, sie ungefährdet zu vergelten, indem man
    mit dem technischen Mittel der Unifizierung die Anspielung auf-
    nimmt und gegen den Angreifer wendet. Der Eindruck des
    Witzigen wird hier so sehr von der Tendenz bestimmt, daß wir
    angesichts der witzigen Entgegnung zu vergessen neigen, daß die
    Frage des Angreifers selbst durch Anspielung witzig ist.

    Die Verhinderung der Schmähung oder beleidigenden Ent-
    gegnung durch äußere Umstände ist ein so häufiger Fall, daß
    der tendenziöse Witz mit ganz besonderer Vorliebe zur Ermög-
    lichung der Aggression oder der Kritik gegen Höhergestellte, die

  • S.

    Ermöglichung der Auflehnung gegen die Autorität. 89

    Autorität in Anspruch nehmen, verwendet wird. Der Witz stellt
    dann eine Auflehnung gegen solche Autorität, eine Befreiung von
    dem Drucke derselben dar. In diesem Moment liegt ja auch
    der Reiz der Karikatur, über welche wir selbst dann lachen, wenn
    sie schlecht geraten ist, bloß weil wir ihr die Auflehnung gegen
    die Autorität als Verdienst anrechnen.

    Wenn wir im Auge behalten, daß der tendenziöse Witz sich
    so sehr zum Angriff auf Großes, Würdiges und Mächtiges eignet,
    das durch innerliche Hemmungen oder äußerliche Umstände gegen
    direkte Herabsetzung geschützt ist, so werden wir zu einer be-
    sonderen Auffassung gewisser Gruppen von Witzen gedrängt, die
    sich mit minderwertigen und ohnmächtigen Personen abzugeben
    scheinen. Ich meine die Heiratsvermittlergeschichten, von denen
    wir einzelne bei der Untersuchung der mannigfaltigen Techniken
    des Gedankenwitzes kennen gelernt haben. In einigen derselben
    z. B. in den Beispielen „Taub ist sie auch" und „Wer borgt denn
    den Leuten was!“ ist der Vermittler als ein unvorsichtiger und
    gedankenloser Mensch verlacht worden, der dadurch komisch wird,
    daß ihm die Wahrheit gleichsam automatisch entwischt. Aber
    reimt sich einerseits das, was wir von der Natur des tendenziösen
    Witzes erfahren haben, und anderseits die Größe unseres Wohl-
    gefallens an diesen Geschichten mit der Armseligkeit der Per-
    sonen zusammen, über die der Witz zu lachen scheint? Sind das
    des Witzes würdige Gegner? Geht es nicht vielmehr so zu, daß
    der Witz die Vermittler nur vorschiebt, um etwas Bedeutsameres
    zu treffen, daß er, wie das Sprichwort sagt, auf den Sack schlägt,
    während er den Esel meint? Diese Auffassung ist wirklich nicht
    abzuweisen.

    Die obige Deutung der Vermittlergeschichten läßt eine Fort-
    setzung zu. Es ist wahr, daß ich auf dieselbe nicht einzugehen
    brauche, daß ich mich begnügen kann, in diesen Geschichten
    »Schwänke“ zu sehen, und ihnen den Charakter des Witzes ab-
    sprechen kann. Eine solche subjektive Bedingtheit des Witzes
    besteht also auch; wir sind jetzt auf sie aufmerksam geworden
    und werden sie späterhin untersuchen müssen. Sie besagt, daß
    nur das ein Witz ist, was ich als einen Witz gelten lasse. Was
    für mich ein Witz ist, kann für einen. anderen bloß eine komische
    Geschichte sein. Gestattet aber ein Witz diesen Zweifel, so kann
    es nur daher rühren, daß er eine Schauseite, eine — in unseren
    Fällen komische — Fassade hat, an welcher sich der Blick des
    einen ersättigt, während ein anderer versuchen kann, hinter die-
    selbe zu spähen. Der Verdacht darf auch rege werden, daß diese

  • S.

    90 III. Die Tendenzen des Witzes.

    Fassade dazu bestimmt ist, den prüfenden Blick zu blenden, daß
    solche Geschichten aiso etwas zu verbergen haben.

    Jedenfalls, wenn unsere Vermittlergeschichten Witze sind, so
    sind sie um so bessere Witze, weil sie dank ihrer Fassade im-
    stande sind zu verbergen, nicht nur, was sie zu sagen haben,
    sondern auch, daß sie etwas — Verbotenes — zu sagen haben.
    Die Fortsetzung der Deutung aber, welche dies Verborgene auf-
    deckt und diese Geschichten mit komischer Fassade als ten-
    denzióse Witze entlarvt, würe folgende: Jeder, der sich die Wahr-
    heit so in einem unbewachten Moment entschlüpfen läßt, ist eigent-
    lich froh darüber, daß er der Verstellung ledig wird. Das ist
    eine richtige und tief reichende psychologische Einsicht. Ohne
    solche innerliche Zustimmung läßt sich niemand von dem Auto-
    matismus, der hier die Wahrheit an den Tag bringt, übermannen.*)
    Hiemit wandelt sich aber die lücherliche Person des Schadchen
    in eine bedauernswert sympathische. Wie selig muß der Mann
    sein, die Last der Verstellung endlich abwerfen zu kónnen, wenn
    er sofort die erste Gelegenheit benützt, um das letzte Stück der
    Wahrheit herauszuschreien! Sowie er merkt, daß die Sache verloren
    ist, daB die Braut dem jungen Manne nicht gefällt, verrät er
    gern, daß sie noch einen versteckten Fehler hat, der jenem nicht
    aufgefallen ist, oder er bedient sich des Anlasses, ein für ein Detail
    entscheidendes Argument anzuführen, um dabei den Leuten, in
    deren Dienst er arbeitet, seine Verachtung auszudrücken: Ich
    bitt Sie, wer borgt denn den Leuten was! Die ganze Lächer-
    lichkeit fállt nun auf die in der Geschichte nur gestreiften Eltern,
    die solchen Schwindel für gestattet halten, um nur ihre Töchter
    an den Mann zu bringen, auf die Erbürmlichkeit der Mädchen,
    die sich unter solchen Veranstaltungen verheiraten lassen, auf die
    Unwürdigkeit der Ehen, die nach solchen Einleitungen geschlossen
    werden. Der Vermittler ist der richtige Mann, der solche Kritik
    zum Ausdruck bringen darf, denn er weiß am meisten von diesen
    MiBbråuchen, er darf sie aber nicht laut verkünden, denn er ist
    ein armer Mann, der gerade nur von deren Ausnützung leben
    kann. In einem ähnlichen Konflikt befindet sich aber auch der
    Volksgeist, der diese und ähnliche Geschichten geschaffen hat;
    denn er weiß, die Heiligkeit der geschlossenen Ehen leidet arg
    durch den Hinweis auf die Vorgänge bei der Eheschließung.

    Erinnern wir uns auch der Bemerkung bei der Untersuchung
    der Witztechnik, daß Widersinn im Witz häufig Spott und Kritik

    2 Es ist derselbe Mechanismus, der das ,, Versprechen* und andere Pháno-
    mene des Selbstverrates beherrscht. S.,,Psychopathologie des Alltagslebens“

  • S.

    Nachweis der aggressiven Tendenz der Schadchenwitze. 91

    in dem Gedanken hinter dem Witz ersetzen, worin es die Witz-
    arbeit übrigens der Traumarbeit gleichtut; wir finden diesen Sach-
    verhalt hier von neuem bestätigt. Daß Spott und Kritik nicht
    der Person des Vermittlers gelten, der in den vorigen Beispielen
    nur als der Priigelknabe des Witzes auftritt, wird durch eine
    andere Reihe von Witzen erwiesen, in denen der Vermittler ganz
    im Gegenteile als iiberlegene Person gezeichnet ist, deren Dialektik
    sich jeder Schwierigkeit gewachsen erweist. Es sind Geschichten
    mit logischer anstatt der komischen Fassade, sophistische Ge-
    dankenwitze. In einer derselben (S. 49) weiß der Vermittler den
    Fehler der Braut, daß sie hinkt, hinweg zu disputieren. Es sei
    wenigstens eine „fertige Sache“, eine andere Frau mit geraden
    Gliedern sei hingegen in bestindiger Gefahr hinzufallen und sich
    ein Bein zu brechen, und dann kämen die Krankheit, die Schmerzen,
    die Behandlungskosten, die man sich bei der bereits Hinkenden
    erspare. Oder in einer anderen Geschichte weiß er eine ganze
    Reihe von Ausstellungen des Bewerbers an der Braut, jede einzeln
    mit guten Argumenten, zurückzuweisen, um ihm dann bei der
    letzten, unbeschónbaren, entgegen zu halten: Was wollen Sie, gar
    kein’ Fehler soll sie haben ?, als ob von den früheren Einwendungen
    nicht doch ein notwendiger Rest übrig geblieben wire. Es ist
    nicht schwer, bei beiden Beispielen dic schwache Stelle in der
    Argumentation nachzuweisen; wir haben dies auch bei der Unter-
    suchung der Technik getan. Aber nun interessiert uns etwas
    anderes, Wenn der Rede des Vermittlers so starker logischer
    Schein geliehen wird, der sich bei sorgfältiger Prüfung als Schein
    zu erkennen gibt, so ist die Wahrheit dahinter, daß der Witz
    dem Vermittler Recht gibt; der Gedanke getraut sich nicht, ihm
    ernsthaft Recht zu geben, ersetzt diesen Ernst durch den Schein,
    den der Witz vorbringt, aber der Scherz verrät hier wie so häufig
    den Ernst. Wir werden nicht irre gehen, wenn wir von all den
    Geschichten mit logischer Fassade annehmen, daß sie das wirklich
    meinen, was sie mit absichtlich fehlerhafter Begründung behaupten,
    Erst diese Verwendung des Sophismas zur versteckten Darstellung
    der Wahrheit verleiht ihm den Charakter des Witzes, der also haupt-
    siichlich von der Tendenz abhängt. Was in beiden Geschichten an-
    gedentet werden soll, ist nämlich, daß der Bewerber sich wirklich
    lächerlich macht, wenn er die einzelnen Vorzüge der Braut so
    sorgsam zusammensucht, die doch alle hinfällig sind, und wenn
    er dabei vergiBt, daß er vorbereitet sein muß, ein Menschenkind
    mit unvermeidlichen Fehlern zu seinem Weibe zu machen, während
    doch die einzige Eigenschaft, welche die Ehe mit der mehr oder

  • S.

    92 III. Die Tendenzen des Witzes.

    minder mangelhaften Persönlichkeit der Frau erträglich machen
    wiirde, die gegenseitige Zuneigung und Bereitwilligkeit zur liebe-
    vollen Anpassung wäre, von der bei dem ganzen Handel nicht
    die Rede ist.

    Die in diesen Beispielen enthaltene Verspottung des Ehe-
    werbers, bei welcher nun der Vermittler ganz passend die Rolle
    des Uberlegenen spielt, wird in anderen Geschichten weit deut-
    licher zum Ausdruck gebracht. Je deutlicher diese Geschichten
    sind, desto weniger von Witztechnik enthalten sie; sie sind gleich-
    sam nur Grenzfille des Witzes, mit dessen Technik sie nur mehr
    die Fassadenbildung gemeinsam haben. Infolge der gleichen
    Tendenz und des Versteckens derselben hinter der Fassade kommt
    ihnen aber die volle Wirkung des Witzes zu. Die Armut an
    technischen Mitteln läßt außerdem verstehen, daß viele Witze
    dieser Art das komische Element des Jargons, das ähnlich der
    Witztechnik wirkt, nicht ohne starke Einbuße entbehren können.

    Eine solche Geschichte, die bei aller Kraft des tendenziösen
    Witzes nichts mehr von dessen Technik erkennen läßt, ist die
    folgende: Der Vermittler fragt: „Was verlangen Sie von Ihrer
    Braut?“ — Antwort: „Schön muß sie sein, reich muß sie sein und”
    gebildet.“ — „Gut,“ sagt der Vermittler, „aber daraus mach” ich drei
    Partien.“ Hier wird der Verweis dem Manne direkt erteilt, nicht
    mehr in der Einkleidung eines Witzes.

    In den bisherigen Beispielen richtete sich die verhüllte
    Aggression noch gegen Personen, in den Vermittlerwitzen gegen
    alle Parteien, die an dem Handel der Eheschließung beteiligt sind:
    Braut, Bräutigam und deren Eltern. Die Angriffsobjekte des
    Witzes können aber eben sowohl Institutionen sein, Personen, in-
    soferne sie Träger derselben sind, Satzungen der Moral oder der
    Religion, Lebensanschauungen, die ein solches Ansehen genießen,
    daß der Einspruch gegen sie nicht anders als in der Maske eines
    Witzes, und zwar eines durch seine Fassade gedeckten Witzes
    auftreten kann. Mögen der Themata wenige sein, auf die dieser
    tendenziôse Witz abzielt, seine Formen und Einkleidungen sind
    äußerst mannigfaltig. Ich glaube, wir tun recht, diese Gattung von
    tendenziósem Witz durch einen besonderen Namen auszuzeichnen.
    Welcher Name der geeignete ist, wird sich ergeben, nachdem wir
    einige Beispiele dieser Gattung gedeutet haben.

    Ich erinnere an die beiden Geschichten vom verarmten Gour-
    mand, der bei ,Lachs mit Mayonnaise” betroffen wird, und vom
    trunksüchtigen Lehrer, die wir als sophistische Verschiebungswitze

  • S.

    Der Zynismus ersetzende Witz. 93

    kennen gelernt haben, und führe deren Deutung fort. Wir haben
    seitdem gehört, daß, wenn der Schein der Logik an die Fassade
    einer Geschichte geheftet ist, der Gedanke wohl im Ernst sagen
    möchte: Der Mann hat Recht, des entgegenstehenden Widerspruches
    wegen aber sich nicht getraut, dem Manne anders Recht zu
    geben als in einem Punkte, in dem sein Unrecht leicht nach-
    zuweisen ist. Die gewählte „Pointe“ ist der richtige Kompromiß
    zwischen seinem Recht und seinem Unrecht, was freilich keine
    Entscheidung ist, aber wohl dem Konflikt in uns selbst entspricht.
    Die beiden Geschichten sind einfach epikuräisch, sie sagen: Ja,
    der Mann hat Recht, es gibt nichts Höheres als den Genuß, und
    es ist ziemlich gleichgültig, auf welche. Art man sich ihn ver-
    schafft. Das klingt furchtbar unmoralisch und ist wohl auch nicht
    viel besser, aber im Grunde ist es nichts anderes als das „Carpe
    diem“ des Poeten, der sich auf die Unsicherheit des Lebens
    und auf die Unfruchtbarkeit der tugendhaften Entsagung berult.
    Wenn die Idee, daß der Mann im Witz von „Lachs mit Mayonnaise“
    Recht haben soll, auf uns so abstoßend wirkt, so rührt dies nur
    von der Illustration der Wahrheit an einem Genuß niedrigster
    Art, der uns sehr entbehrlich scheint, her. In Wirklichkeit hat
    jeder von uns Stunden und Zeiten gehabt, in denen er dieser
    Lebensphilosophie ihr Recht zugestanden und der Morallehre
    vorgehalten hat, daß sie nur zu fordern verstand, ohne zu ent-
    schädigen. Seitdem die Anweisung auf das Jenseits, in dem sich
    alle Entsagung durch Befriedigung lohnen soll, von uns nicht mehr
    geglaubt wird — es gibt übrigens sehr wenig Fromme, wenn man
    die Entsagung zum Kennzeichen des Glaubens macht —, seitdem
    wird das „Carpe diem“ zur ernsten Mahnung. Ich will die Be-
    friedigung gern aufschieben, aber weiß ich denn, ob ich morgen
    noch da sein werde ?

    „Didoman’non c'è certezza.“*)

    Ich will gern auf alle von der Gesellschaft verpänten Wege
    der Befriedigung verzichten, aber bin ich sicher, daß mir die
    Gesellschaft diese Entsagung lohnen wird, indem sie mir — wenn
    auch mit einem gewissen Aufschub — einen der erlaubten Wege
    öffnet? Es 1406 sich laut sagen, was diese Witze flüstern, daß
    die Wiinsche und Begierden des Menschen ein Recht haben, sich
    vernehmbar zu machen neben der anspruchsvollen und rücksichts-
    losen Moral, und es ist in unseren Tagen in nachdriicklichen und
    packenden Sätzen gesagt worden, daß diese Moral nur die eigen-
    niitzige Vorschrift der wenigen Reichen und Mächtigen ist, welche

    *) Lorenzo dei Medici.

  • S.

    94 III. Die Tendenzen des Witzes,

    jederzeit ohne Aufschub ihre Wünsche befriedigen können. So
    lange die Heilkunst es nicht weiter gebracht hat, unser Leben
    zu sichern, und so lange die sozialen Einrichtungen nicht mehr
    dazu tun, es crfreulicher zu gestalten, so lange kann die Stimme
    in uns, die sich gegen die Moralanforderungen auflehnt, nicht
    erstickt werden. Jeder ehrliche Mensch wird wenigstens bei sich
    dieses Zugestindnis endlich machen. Die Entscheidung in diesem
    Konflikt ist erst auf dem Umwege über eine neue Einsicht múg-
    lich. Man muß sein Leben so an das Anderer knüpfen, sich so
    innig mit Anderen identifizieren können, daß die Verkürzung der
    eigenen Lebensdauer überwindbar wird, und man darf die Forde-
    zungen der eigenen Bedürfnisse nicht unrechtmäßig erfüllen,
    sondern muf sie unerfüllt lassen, weil nur der Fortbestand so
    vieler unerfüllter Forderungen die Macht entwickeln kann, die
    gesellschaftliche Ordnung abzuändern. Aber nicht alle persön-
    lichen Bedürfnisse lassen sich in solcher Art verschieben und auf
    Andere übertragen, und eine allgemein- und endgültige Lösung
    des Konflikts gibt es nicht.

    Wir wissen nun, wie wir Witze wie die letztgedeuteten zu
    benennen haben; es sind zynische Witze, was sie verhüllen,
    sind Zynismen.

    Unter den Institutionen, die der zynische Witz anzugreifen
    pflegt, ist keine wichtiger, eindringlicher durch Moralvorschriften
    geschützt, aber dennoch zum Angriff einladender als das Institut
    der Ehe, dem also auch die meisten zynischen Witze gelten.
    Kein Anspruch ist ja persönlicher als der auf sexuelle Freiheit,
    und nirgends hat die Kultur eine stärkere Unterdrückung zu üben
    versucht als auf dem Gebiete der Sexualität. Für unsere Ab-
    sichten mag ein einziges Beispiel geniigen, die auf S. 64 erwihnte
    „Eintragung in das Stammbuch des Prinzen Karneval“:

    „Eine Frau ist wie ein Regenschirm; — man nimmt. sich
    dann doch einen Komfortabel.“

    Die komplizierte Technik dieses Beispiels haben wir bereits
    erörtert: ein verbliffender, anscheinend unmóglicher Vergleich,
    der aber, wie wir jetzt sehen, an sich nicht witzig ist, ferner eine
    Anspielung (Komfortabel = öffentliches Fuhrwerk) und als stårk-
    stes technisches Mittel eine die Unverstindlichkeit erhôhende
    Auslassung. Die Vergleichung wäre in folgender Art auszuführen:
    Man heiratet, um sich gegen die Anfechtungen der Sinnlichkeit
    zu sichern, und dann stellt sich doch heraus, daß die Ehe keine
    Befriedigung eines etwas stärkeren Bediirfnisses gestattet, gerade
    so wie man einen Regenschirm mitnimmt, um sich gegen den

  • S.

    Zynische Witze und Selbstkritik, 95

    Regen zu schützen, und dann im Regen doch nab wird. In
    beiden Fällen muß man sich um stärkeren Schutz umsehen, hier
    öffentliches Fuhrwerk, dort für Geld zugängliche Frauen nehmen.
    Jetzt ist der Witz fast völlig durch Zynismus ersetzt. Daß die
    Ehe nicht die Veranstaltung ist, die Sexualitit des Mannes zu
    befriedigen, getraut man sich nicht laut und öffentlich zu sagen,
    wenn man nicht etwa von der Wahrheitsliebe und dem Reform-
    eifer eines Christian v. Ehrenfels*) dazu gedrängt wird.
    Die Stärke dieses Witzes liegt nun darin, daß er es doch — auf
    allerlei Umwegen — gesagt hat.

    Ein für den tendenziôsen Witz besonders günstiger Fall wird
    hergestellt, wenn die beabsichtigte Kritik der Auflehnung sich
    gegen die eigene Person richtet, vorsichtiger ausgedriickt, eine
    Person, an der die eigene Anteil hat, eine Sammelperson also,
    das eigene Volk zum Beispiel. Diese Bedingung der Selbst-
    kritik mag uns erklären, daß gerade auf dem Boden des jüdi-
    schen Volkslebens eine Anzahl der trefflichsten Witze erwachsen
    sind, von denen wir ja hier reichliche Proben gegeben haben.
    Es sind Geschichten, die von Juden geschaffen und gegen jüdische
    Eigentümlichkeiten gerichtet sind. Die Witze, die von Fremden
    über Juden gemacht werden, sind zu allermeist brutale Schwünke,
    in denen der Witz durch die Tatsache erspart wird, daß der
    Jude den Fremden als komische Figur gilt. Auch die Judenwitze,
    die von Juden herrühren, geben dies zu, aber sie kennen ihre
    wirklichen Fehler wie deren Zusammenhang mit ihren Vorzügen,
    und der Anteil der eigenen Person an dem zu Tadelnden schafft
    die sonst schwierig herzustellende subjektive Bedingung der Witz-
    arbeit. Ich weiß übrigens nicht, ob es sonst noch häufig vor-
    kommt, daß sich ein Volk in solchem Ausmaß über sein eigenes
    Wesen lustig macht.

    Als Beispiel hiefür kann ich auf die S. 66 erwihnte Ge-
    Schichte hinweisen, wie ein Jude in der Eisenbahn sofort alle
    Dezenz des Betragens aufgibt, nachdem er den Ankómmling im
    Coupé als Glaubensgenossen erkannt hat. Wir haben diesen Witz
    als Beleg für die Veranschauliehung durch ein Detail, Darstellung
    dureh ein Kleinstes, kennen gelernt; er soll die demokratische
    Denkungsart der Juden schildern, die keinen Unterschied von
    Herren und Knechten anerkennt, aber leider auch Disziplin und
    Zusammenwirken stort. Eine andere, besonders interessante Reihe
    von Witzen schildert die Beziehungen der armen und der reichen
    Juden zu einander; ihre Helden sind der ,,Schnorrer“ und der

    *) S. dessen Aufsätze in der Politisch-anthropologischen Revue II, 1908.

  • S.

    96 III. Die Tendenzen des Witzes.

    mildtåtige Hausherr oder der Baron. Der Schnorrer, der alle
    Sonntage in demselben Haus als Gast zugelassen wird, erscheint
    eines Tages in Begleitung eines unbekannten jungen Mannes, der
    Miene macht, sich mit zu Tische zu setzen. Wer ist das? fragt
    der Hausherr und erhält die Antwort: Das ist mein Schwieger-
    sohn seit voriger Woche; ich hab’ ihm die Kost versprochen das
    erste Jahr. Die Tendenz dieser Geschichten ist stets die näm-
    liche; sie wird in folgender am deutlichsten hervortreten: Der
    Schnorrer bettelt beim Baron um das Geld für eine Badereise
    nach Ostende; der Arzt hat ihm wegen seiner Beschwerden ein
    Seebad empfohlen. Der Baron findet, Ostende sei ein besonders
    kostspieliger Aufenthalt; ein wohlfeilerer würde es auch tun. Aber
    der Schnorrer lehnt den Vorschlag mit den Worten ab: Herr
    Baron, für meine Gesundheit ist mir nichts zu teuer. Das ist
    ein prächtiger Verschiebungswitz, den wir als Muster für seine
    Gattung hätten nehmen können. Der Baron will offenbar sein
    Geld ersparen, der Schnorrer antwortet aber, als sei das Geld
    des Barons sein eigenes, das er dann allerdings minder hoch-
    schätzen darf als seine Gesundheit. Man wird hier aufgefordert,
    über die Frechheit des Anspruchs zu lachen, aber diese Witze
    sind ausnahmsweise nicht mit einer das Verständnis irreführen-
    den Fassade ausgestattet. Die Wahrheit dahinter ist, daß der
    Schnorrer, der das Geld des Reichen in Gedanken wie eigenes
    behandelt, nach den heiligen Vorschriften der Juden wirklich fast
    das Recht zu dieser Verwechslung hat. Natürlich richtet sich
    die Auflehnung, die diesen Witz geschaffen hat, gegen das selbst
    den Frommen schwer bedrückende Gesetz.

    Eine andere Geschichte erzählt: Ein Schnorrer begegnet auf
    der Treppe des Reichen einen Genossen im Gewerbe, der ihm
    abråt, seinen Weg fortzusetzen. „Geh' heute nicht hinauf, der
    Baron ist heute schlecht aufgelegt, er gibt niemand mehr als
    einen Gulden.“ — Ich werde doch hinaufgehen, sagt der erste
    Schnorrer. Warum soll’ ich ihm den einen Gulden schenken?
    Schenkt er mir 'was?

    Dieser Witz bedient sich der Technik des Widersinnes, in-
    dem er den Schnorrer in demselben Moment behaupten läßt, der
    Baron schenke ihm nichts, in dem er sich anschickt, um das
    Geschenk zu betteln. Aber der Widersinn ist nur ein scheinbarer;
    es ist beinahe richtig, daß ihm der Reiche nichts schenkt, da
    er durch das Gesetz verpflichtet ist, ihm Almosen zu geben, und
    ihm strenge genommen, dankbar sein muß, daß er ihm die Ge-
    legenheit zum Wohltun verschafft. Die gemeine, bürgerliche Auf-

  • S.

    Kritische und blasphemische Witze. 97

    fassung des Almosens liegt hier mit der religiösen im Streit; sie
    revoltiert offen gegen die religiöse in der Geschichte vom Baron,
    der, durch die Leidenserzåhlung des Schnorrers tief ergriffen,
    seinen Dienern schellt: Werft's ihn hinaus; er bricht mir das
    Herz! Diese offene Darlegung der Tendenz stellt wieder einen
    Grenzfall des Witzes her. Von der nicht mehr witzigen Klage:
    »Es ist wirklich kein Vorzug, ein Reicher unter Juden zu sein.
    Das fremde Elend låBt einen nicht zum GenuB des eigenen
    Glückes kommen,” entfernen sich diese letzten Geschichten fast
    nur durch die Veranschaulichung in einer einzelnen Situation.

    Von einem tief pessimistischen Zynismus zeugen andere Ge-
    schichten, die technisch wiederum Grenzfålle des Witzes dar-
    stellen, wie die nachstehende: Fin Schwerhøriger konsultiert den
    Arzt, der die richtige Diagnose macht, der Patient trinke
    wahrscheinlich zuviel Branntwein und sei darum taub. Er råt
    ihm davon ab, der Schwerhórige verspricht den Rat zu beherzigen.
    Nach einer Weile trifft ihn der Arzt auf der Straße und fragt
    ihn laut, wie es ihm gehe. Ich danke, ist die Antwort. Sie
    brauchen nicht so zu schreien, Herr Doktor, ich habe das Trinken
    aufgegeben und hör’ wieder gut. Nach einer weiteren: Weile
    wiederholt sich die Begegnung. Der Doktor fragt mit gewöhnlicher
    Stimme nach seinem Befinden, merkt aber, daB er nicht ver-
    standen wird. Wie? Was? — Mir scheint, Sie trinken wieder
    Branntwein, schreit ihm der Doktor ins Ohr, und darum hören
    Sie wieder nichts. Sie können Recht haben, antwortet der Schwer-
    hórige. Ich hab’ wieder angefangen zu trinken Branntwein, aber
    ich will Ihnen sagen: warum. So lange ich nicht getrunken ‘hab’,
    hab" ich gehört; aber alles, was ich gehört, war nicht so gut wie
    der Branntwein. — Technisch ist dieser Witz nichts anderes als
    eine Veranschaulichung; der Jargon, die Kiinste der Erzåhlung
    müssen dazu dienen, das Lachen zu erwecken, aber dahinter lauert
    die traurige Frage: Hat der Mann mit seiner Wahl nicht recht?

    Es ist das mannigfaltige hoffnungslose Elend des Juden, auf
    welches diese pessimistischen Geschichten anspielen, die ich dieses
    Zusammenhanges wegen dem tendenziósen Witz anreihen muß.

    Andere in ähnlichem Sinne zynische Witze, und zwar nicht
    nur Judengeschichten, greifen religiöse Dogmen und den Gottes-
    glauben selber an. Die Geschichte vom ,Kück des Rabbi*, deren
    Technik in dem Denkfehler der Gleichstellung von Phantasie und
    Wirklichkeit bestand (auch die Auffassung als Verschiebung würe
    haltbar) ist ein solcher zynischer oder kritischer Witz, der sich
    gegen die Wundertüter und gewiß auch gegen den Wunderglauben

    Freud, Der Witz, 4. Aufl. 7

  • S.

    98 III, Die Tendenzen des Witzes.

    richtet. Einen direkt hlasphemischen Witz soll Heine in der
    Situation des Sterbenden gemacht haben. Als der freundliche
    Priester ihn auf Gottes Gnade verwies und ihm Hoffnung machte,
    daß er bei Gott Vergebung für seine Sünden finden werde, soll
    er geantwortet haben: Bien sür, qu'il me pardonnera; c'est son
    métier. Das ist ein herabsetzender Vergleich, technisch etwa nur
    vom Werte einer Anspielung, denn ein métier, Geschäft oder
    Beruf, bat etwa ein Handwerker oder ein Arzt, und zwar hat er
    nur ein einziges métier. Die Stürke des Witzes liegt aber in
    seiner Tendenz. Er soll nichts anderes sagen als: GewiB wird
    er mir verzeihen, dazu ist er ja da, zu keinem anderen Zweck
    habe ich ihn mir angeschafft (wie man sich seinen Arzt, seinen
    Advokaten hilt). Und so regt sich noch in dem machtlos da-
    liegenden Sterbenden das Bewußtsein, daB er sich Gott erschaffen
    und ihn mit Macht ausgestattet hat, um sich seiner bei Gelegen-
    heit zu bedienen. Das vermeintliche Geschåpf gibt sich noch
    kurz vor seiner Vernichtung als den Schópfer zu erkennen.

    Zu den bisher behandelten Gattungen des tendenziósen Witzes,
    dem entblåfenden oder obszónen,
    dem aggressiven (feindseligen),
    dem zynischen (kritischen, blasphemischen),
    móchte ich als vierte und seltenste eine neue anreihen, deren
    Charakter durch ein gutes Beispiel erläutert werden soll.

    Zwei Juden treffen sich im Eisenbahnwagen
    einer galizischen Station. ,Wohin fahrst du?*
    fragt der eine. „Nach Krakau,“ ist die Antwort.
    „Sie her, was du für Lügner bist,“ braust der andere
    auf. ,Wenn du sagst, du fahrst nach Krakau, willst
    du doch, daß ich glauben soll, du fahrst nach Lem-
    berg. Nun weiß ich aber, daß du wirklich fahrst
    nach Krakau. Also warum lügst du?“

    Diese kostbare Geschichte, die den Eindruck übergroßer
    Spitzfindigkeit macht, wirkt offenbar durch die Technik des Wider-
    sinnes. Der Zweite soll sich Lüge vorwerfen lassen, weil er mit-
    geteilt, er fahre nach Krakau, was in Wahrheit sein Reiseziel ist!
    Dieses starke technische Mittel — der Widersinn — ist aber hier mit
    einer anderen Technik gepaart, der Darstellung durch das Gegen-
    teil, denn nach der unwidersprochenen Behauptung des Ersten
    lügt der Andere, wenn er die Wahrheit sagt, und sagt die Wahr-
    heit mit einer Lüge. Der ernstere Gehalt dieses Witzes ist aber
    die Frage nach den Bedingungen der Wahrheit; der Witz deutet

  • S.

    Skeptische Witze. 99

    wiederum auf ein Problem und nützt die Unsicherheit eines
    unserer gebräuchlichsten Begriffe aus. Ist es Wahrheit, wenn
    man die Dinge so beschreibt, wie sie sind, und sich nicht darum
    kümmert, wie der Hörer, das Gesagte auffassen wird? Oder ist
    dies nur jesuitische Wahrheit, und besteht die echte Wahrhaftig-
    keit nicht viel mehr darin, auf den Zuhörer Rücksicht zu nehmen,
    und ihm ein getreues Abbild seines eigenen Wissens zu vermitteln ?
    Ich halte Witze dieser Art für genug verschieden von den anderen,
    um ihnen eine besondere Stellung anzuweisen. Was sie angreifen,
    ist nicht eine Person oder eine Institution, sondern die Sicherheit
    unserer Erkenntnis selbst, eines unserer spekulativen Güter, Der
    Name „skeptische“ Witze würde also für sie der ent-
    sprechende sein.

    Wir haben im Verlaufe unserer Erörterungen über die Ten-
    denzen des Witzes vielleicht mancherlei Aufklärungen gewonnen
    und gewiß reichliche Anregungen zu weiteren Untersuchungen
    gefunden; aber die Ergebnisse dieses Abschnittes setzen sich mit
    denen des vorigen zu einem schwierigen Problem zusammen.
    Wenn es richtig ist, daß die Lust, die der Witz bringt, einerseits
    an der Technik, anderseits an der Tendenz haftet, unter welchem
    gemeinsamen Gesichtspunkt lassen sich etwa diese zwei so ver-
    schiedenen Lustquellen des Witzes vereinen?

    7%