• S.

    85

    Fragen schließen, wie: „Nicht wahr, ich gehör’ auch dir“
    (Er meint, nicht nur der Mutter.) Das: wieso er mir gehört,
    ist ihm nicht klar. Dagegen habe ich keinen direkten Beweis,
    daß er, wie Sie meinen, einen Koitus der Eltern belauscht
    hätte.“

    „7. Bei einer Darstellung müßte vielleicht doch auf die
    Heftigkeit der Angst aufmerksam gemacht werden, da man
    sonst sagen würde: „Hätte man ihn nur ordentlich durch-
    geprügelt, so wäre er schon spazieren gegangen.“

    Ich setze abschließend hinzu: Mit der letzten Phantasie
    Hansens war auch die vom Kastrationskomplex stammende
    Angst überwunden, die peinliche Erwartung ins Beglückende
    gewendet. Ja, der Arzt, Installateur usw. kommt, er nimmt den
    Penis ab, aber nur um einen größeren dafür zu geben. Im
    übrigen mag unser kleiner Forscher nur frühzeitig die Erfahrung
    machen, daß alles Wissen Stückwerk ist, und daß auf jeder
    Stufe ein ungelöster Rest bleibt.

    III. Epikrise.

    Nach drei Richtungen werde ich nun diese Beobachtung
    von der Entwicklung und Lösung einer Phobie bei einem noch
    nicht fünfjährigen Knaben zu prüfen haben: erstens, inwieweit
    sie die Behauptungen unterstützt, die ich in den „Drei Abhand-
    lungen zur Sexualtheorie“, 1905, aufgestellt habe; zweitens, was
    sie zum Verständnis der so häufigen Krankheitsform zu leisten
    vermag; drittens, was sich ihr etwa zur Aufklärung des kind-
    lichen Seelenlebens und zur Kritik unserer Erziehungsabsichten
    abgewinnen läßt.

    I.

    Mein Eindruck geht dahin, daß das Bild des kindlichen
    Sexuallebens, wie es aus der Beobachtung des kleinen Hans
    hervortritt, in sehr guter Übereinstimmung mit der Schilderung
    steht, die ich in meiner Sexualtheorie nach psychoanalytischen
    Untersuchungen an Erwachsenen entworfen habe. Aber ehe ich
    daran gehe, die Einzelheiten dieser Übereinstimmung zu ver-
    folgen, werde ich zwei Einwendungen erledigen müssen, welche
    sich gegen die Verwertung dieser Analyse erheben. Die erste

  • S.

    86

    lautet: Der kleine Hans sei kein normales Kind, sondern, wie
    die Folge, eben die Erkrankung, lehrt, ein zur Neurose dispo-
    niertes, ein kleiner „Hereditarier“, und es sei darum unstatt-
    haft, Schlüsse, die vielleicht für ihn Geltung haben, auf andere,
    normale Kinder zu übertragen. Ich werde diesen Einwand, da
    er den Wert der Beobachtung bloß einschränkt, nicht völlig
    aufhebt, später berücksichtigen. Der zweite und strengere Ein-
    spruch wird behaupten, daß die Analyse eines Kindes durch
    seinen Vater, der, in meinen theoretischen Anschauungen be-
    fangen, mit meinen Vorurteilen behaftet an die Arbeit geht,
    überhaupt eines objektiven Wertes entbehre. Ein Kind sei selbst-
    verständlich in hohem Grade suggerierbar, vielleicht gegen keine
    Person mehr als gegen seinen Vater; es lasse sich alles dem
    Vater zuliebe aufdrängen zum Dank dafür, daß er sich soviel
    mit ihm beschäftige, seine Aussagen hätten keine Beweiskraft
    und seine Produktionen in Einfällen, Phantasien und Träumen
    erfolgten natürlich in der Richtung, nach welcher man es mit
    allen Mitteln gedrängt habe. Kurz, es sei wieder einmal alles
    „Suggestion“ und deren Entlarvung beim Kinde nur sehr er-
    leichtert im Vergleiche mit dem Erwachsenen.

    Sonderbar: ich weiß mich zu erinnern, als ich mich vor
    22 Jahren in den Streit der wissenschaftlichen Meinungen ein-
    zumengen begann, mit welchem Spotte damals von der älteren
    Generation der Neurologen und Psychiater die Aufstellung der
    Suggestion und ihrer Wirkungen empfangen wurde. Seither hat
    sich die Situation gründlich geändert; der Widerwille ist in
    allzu entgegenkommende Bereitwilligkeit umgeschlagen, und
    dies nicht allein infolge der Wirkung, welche die Arbeiten
    Liebeaults, Bernheims und ihrer Schüler im Laufe dieser
    Dezennien entfalten mußten, sondern auch, weil unterdes die
    Entdeckung gemacht wurde, welche Denkersparnis mit der An-
    wendung des Schlagwortes „Suggestion“ verbunden werden kann.
    Weiß doch niemand und bekümmert sich auch niemand zu
    wissen, was die Suggestion ist, woher sie rührt und wann sie
    sich einstellt; genug, daß man alles im Psychischen Unbequeme
    „Suggestion“ heißen darf.

    Ich teile nicht die gegenwärtig beliebte Ansicht, daß Kinder-
    aussagen durchwegs willkürlich und unverläßlich seien. Willkür

  • S.

    87

    gibt es im Psychischen überhaupt nicht; die Unverlässlichkeit
    in den Aussagen der Kinder rührt her von der Übermacht
    ihrer Phantasie, wie die Unverlässlichkeit der Aussagen Er-
    wachsener von der Übermacht ihrer Vorurteile. Sonst lügt auch
    das Kind nicht ohne Grund und hat im ganzen mehr Neigung
    zur Wahrheitsliebe als die Großen. Mit einer Verwerfung der
    Angaben unseres kleinen Hans in Bausch und Bogen täte man
    ihm gewiß schweres Unrecht; man kann vielmehr ganz deutlich
    unterscheiden, wo er unter dem Zwange eines Widerstandes
    fälscht oder zurückhält, wo er, selbst unentschieden, dem Vater
    beipflichtet, was man nicht als beweisend gelten lassen muß,
    und wo er, vom Drucke befreit, übersprudelnd mitteilt, was
    seine innere Wahrheit ist, und was er bisher allein gewußt hat.
    Größere Sicherheiten bieten auch die Angaben der Erwachsenen
    nicht. Bedauerlich bleibt, daß keine Darstellung einer Psycho-
    analyse die Eindrücke wiedergeben kann, die man während
    ihrer Ausführung empfängt, daß die endgültige Überzeugung
    nie durchs Lesen, sondern nur durchs Erleben vermittelt werden
    kann. Aber dieser Mangel haftet den Analysen mit Erwachsenen
    in gleichem Maße an.

    Den kleinen Hans schildern seine Eltern als ein heiteres,
    aufrichtiges Kind, und so dürfte er auch durch die Erziehung
    geworden sein, die ihm die Eltern schenkten, die wesentlich in
    der Unterlassung unserer gebräuchlichen Erziehungssünden be-
    stand. Solange er in fröhlicher Naivität seine Forschungen
    pflegen konnte, ohne Ahnung der aus ihnen bald erwachsenden
    Konflikte, teilte er sich auch rückhaltlos mit, und die Beobach-
    tungen aus der Zeit vor seiner Phobie unterliegen auch keinem
    Zweifel und keiner Beanstandung. In der Zeit der Krankheit
    und während der Analyse beginnen für ihn die Inkongruenzen
    zwischen dem, was er sagt, und dem, was er denkt, zum Teil
    darin begründet, daß sich ihm unbewußtes Material aufdrängt,
    das er nicht mit einem Male zu bewältigen weiß, zum andern
    Teil infolge der inhaltlichen Abhaltungen, die aus seinem Ver-
    hältnis zu den Eltern stammen. Ich behaupte, daß ich un-
    parteiisch bleibe, wenn ich das Urteil ausspreche, daß auch
    diese Schwierigkeiten nicht größer ausgefallen sind als in soviel
    anderen Analysen mit Erwachsenen.

  • S.

    88

    Während der Analyse allerdings muß ihm vieles gesagt
    werden, was er selbst nicht zu sagen weiß, müssen ihm Ge-
    danken eingegeben werden, von denen sich noch nichts bei ihm
    gezeigt hat, muß seine Aufmerksamkeit die Einstellung nach
    jenen Richtungen erfahren, von denen her der Vater das Kom-
    mende erwartet. Das schwächt die Beweiskraft der Analyse;
    aber in jeder verfährt man so. Eine Psychoanalyse ist eben
    keine tendenzlose, wissenschaftliche Untersuchung, sondern ein
    therapeutischer Eingriff; sie will an sich nichts beweisen, sondern
    nur etwas ändern. Jedesmal gibt der Arzt in der Psycho-
    analyse dem Patienten die bewußten Erwartungsvorstellungen,
    mit deren Hilfe er imstande sein soll, das Unbewußte zu er-
    kennen und zu erfassen, das eine Mal in reichlicherem, das
    andere in bescheidenerem Ausmaße. Es gibt eben Fälle, die
    mehr, und andere, die weniger Nachhilfe brauchen. Ohne solche
    Hilfe kommt niemand aus. Was man etwa bei sich allein zu
    Ende bringen kann, sind leichte Störungen, niemals eine Neu-
    rose, die sich dem Ich wie etwas Fremdes entgegengestellt hat;
    zur Bewältigung eines solchen braucht es den andern, und so-
    weit der andere helfen kann, soweit ist die Neurose heilbar.
    Wenn es im Wesen einer Neurose liegt, sich vom „andern“
    abzuwenden, wie es die Charakteristik der als Dementia praecox
    zusammengefaßten Zustände zu enthalten scheint, so sind eben
    darum diese Zustände für unsere Bemühung unheilbar. Es ist nun
    zugegeben, daß das Kind wegen der geringen Entwicklung seiner
    intellektuellen Systeme einer besonders intensiven Nachhilfe be-
    darf. Aber was der Arzt dem Patienten mitteilt, stammt doch
    selbst wieder aus analytischen Erfahrungen, und es ist wirklich
    beweisend genug, wenn mit dem Aufwande dieser ärztlichen
    Einmengung der Zusammenhang und die Lösung des pathogenen
    Materials erreicht wird.

    Und doch hat unser kleiner Patient auch während der
    Analyse Selbständigkeit genug bewiesen, um ihm von dem Ver-
    dikte der „Suggestion“ freisprechen zu können. Seine kindlichen
    Sexualtheorien wendet er auf sein Material an wie alle Kinder,
    ohne dazu eine Anregung zu erhalten. Dieselben sind dem Er-
    wachsenen so überaus ferne gerückt; ja, in diesem Falle hatte
    ich es geradezu versäumt, den Vater darauf vorzubereiten, daß

  • S.

    89

    der Weg zum Thema der Entbindung für Hans über den
    Exkretionskomplex führen müsse. Was infolge meiner Flüchtigkeit
    zu einer dunkeln Partie der Analyse wurde, ergab dann
    wenigstens ein gutes Zeugnis für die Echtheit und Selbständig-
    keit in Hansens Gedankenarbeit. Er war auf einmal mit dem
    „Lumpf“ beschäftigt, ohne daß der angeblich suggerierende Vater
    verstehen konnte, wie er dazu kam und was daraus werden
    sollte. Ebensowenig Anteil kann man dem Vater an der Ent-
    wicklung der beiden Phantasien vom Installateur zuschreiben,
    die von dem frühzeitig erworbenen „Kastrationskomplexe“ aus-
    gehen. Ich muß hier das Geständnis ablegen, daß ich dem
    Vater die Erwartung dieses Zusammenhanges völlig verschwiegen
    habe, aus theoretischem Interesse, um nur die Beweiskraft eines
    sonst schwer erreichbaren Beleges nicht verkümmern zu lassen.

    Bei weiterer Vertiefung in das Detail der Analyse würden
    sich noch reichlich neue Beweise für die Unabhängigkeit unseres
    Hans von der „Suggestion“ ergeben, aber ich breche hier die
    Behandlung des ersten Einwandes ab. Ich weiß, daß ich auch
    durch diese Analyse keinen überzeugen werde, der sich nicht
    überzeugen lassen will, und ich setze die Bearbeitung dieser
    Beobachtung für jene Leser fort, die sich eine Überzeugung
    von der Objektivität des unbewußten pathogenen Materials be-
    reits erworben haben, nicht ohne die angenehme Gewißheit zu
    betonen, daß die Anzahl der letzteren in beständiger Zunahme
    begriffen ist.

    Der erste dem Sexualleben zuzurechnende Zug bei dem
    kleinen Hans ist ein ganz besonders lebhaftes Interesse für
    seinen „Wiwimacher“, wie dies Organ nach der kaum minder
    wichtigen seiner beiden Funktionen und nach jener, die in der
    Kinderstube nicht zu umgehen ist, genannt wird. Dieses In-
    teresse macht ihn zum Forscher; er entdeckt so, daß man auf
    Grund des Vorhandenseins oder Fehlens des Wiwimachers
    Lebendes und Lebloses unterscheiden könne. Bei allen Lebe-
    wesen, die er als sich ähnlich beurteilt, setzt er diesen bedeut-
    samen Körperteil voraus, studiert ihn an den großen Tieren,
    vermutet ihn bei beiden Eltern und läßt sich auch durch den
    Augenschein nicht abhalten, ihn bei seiner neugeborenen Schwester

  • S.

    90

    zu statuieren. Es wäre eine zu gewaltige Erschütterung seiner
    „Weltanschauung“, könnte man sagen, wenn er sich entschließen
    sollte, bei einem ihm ähnlichen Wesen auf ihn zu verzichten;
    es wäre so, als würde er ihm selbst entrissen. Eine Drohung
    der Mutter, die nichts weniger als den Verlust des Wiwimachers
    zum Inhalte hat, wird darum wahrscheinlich eiligst zurück-
    gedrängt und darf erst in späteren Zeiten ihre Wirkung äußern.
    Die Einmengung der Mutter war erfolgt, weil er sich durch
    Berührung dieses Gliedes Lustgefühle zu verschaffen liebte; der
    Kleine hat die gewöhnlichste und – normalste Art der auto-
    erotischen Sexualtätigkeit begonnen.

    In einer Weise, die Alf. Adler sehr passend als „Trieb-
    verschränkung“ bezeichnet hat1), verknüpft sich die Lust am
    eigenen Geschlechtsgliede mit der Schaulust in ihrer aktiven
    und ihrer passiven Ausbildung. Der Kleine sucht den Wiwi-
    macher anderer Personen zu Gesicht zu bekommen, er ent-
    wickelt sexuelle Neugierde und liebt es, seinen eigenen zu zeigen.
    Einer seiner Träume aus der ersten Zeit der Verdrängung hat
    den Wunsch zum Inhalte, daß eine seiner kleinen Freundinnen
    ihm beim Wiwimachen behilflich sein, also dieses Anblickes
    teilhaftig werden solle. Der Traum bezeugt so, daß der Wunsch
    bis dahin unverdrängt bestanden hat, sowie spätere Mitteilungen
    bestätigen, daß er seine Befriedigung zu finden pflegte. Die
    aktive Richtung der sexuellen Schaulust verbindet sich bei ihm
    bald mit einem bestimmten Motiv. Wenn er sowohl dem Vater
    wie der Mutter wiederholt sein Bedauern zu erkennen gibt, daß
    er deren Wiwimacher noch nie gesehen habe, so drängt ihn
    dazu wahrscheinlich das Bedürfnis zu vergleichen. Das Ich
    bleibt der Maßstab, mit dem man die Welt ausmißt; durch be-
    ständiges Vergleichen mit der eigenen Person lernt man sie
    verstehen. Hans hat beobachtet, daß die großen Tiere soviel
    größere Wiwimacher haben als er; darum vermutet er das
    gleiche Verhältnis auch bei seinen Eltern und möchte sich da-
    von überzeugen. Die Mama, meint er, hat gewiß einen Wiwi-
    macher „wie ein Pferd“. Er hat dann den Trost bereit, daß


    1)„Der Aggressionsbetrieb im Leben und in der Neurose“. Fort-
    schritte der Medizin. 1908. Nr. 19.

  • S.

    91

    der Wiwimacher mit ihm wachsen werde; es ist, als ob der
    Größenwunsch des Kindes sich aufs Genitale geworfen hätte.

    In der Sexualkonstitution des kleinen Hans ist also die
    Genitalzone von vornherein die am intensivsten lustbetonte unter
    den erogenen Zonen. Neben ihr ist nur noch die exkrementelle,
    an die Orifizien der Harn-
    und Stuhlentleerung geknüpfte Lust
    bei ihm bezeugt. Wenn er in seiner letzten Glücksphantasie,
    mit der sein Krankensein überwunden ist, Kinder hat, die er
    sie Wiwi machen läßt und ihnen den Podl
    auswischt, kurz, „alles mit ihnen tut, was man mit Kindern tun
    kann“, so scheint es unabweisbar anzunehmen, daß diese selben
    Verrichtungeu während seiner Kinderpflege eine Quelle der
    Lustempfindung für ihn waren. Diese Lust von erogenen Zonen
    wurde für ihn mit Hilfe der ihn pflegenden Person, der Mutter,
    gewonnen, führt also bereits zur Objektwahl; es bleibt aber
    möglich, daß er in noch früheren Zeiten gewohnt war, sich die
    selbe autoerotisch zu verschaffen, daß er zu jenen Kindern ge-
    hört hat, die die Exkrete zurückzuhalten lieben, bis ihnen deren
    Entleerung einen Wollustreiz bereiten kann. Ich sage nur, es
    ist möglich, denn es ist in der Analyse nicht klargestellt worden;
    das „Krawallmachen mit den Beinen“ [Zappeln], vor dem er
    sich später so sehr fürchtet, deutet nach dieser Richtung. Eine
    auffällige Betonung, wie bei anderen Kindern so häufig, haben
    diese Lustquellen bei ihm übrigens nicht. Er ist bald rein ge-
    worden, Bettnässen und tägliche Inkontinenz haben keine Rolle
    in seinen ersten Jahren gespielt; von der am Erwachsenen so
    häßlichen Neigung, mit den Exkrementen zu spielen, die am
    Ausgange der psychischen Rückbildungsprozesse wieder aufzu-
    treten pflegt, ist an ihm nichts beobachtet worden.

    Heben wir gleich an dieser Stelle hervor, daß während
    seiner Phobie die Verdrängung dieser beiden bei ihm gut aus-
    gebildeten Komponenten der Sexualtätigkeit unverkennbar ist.
    Er schämt sich, vor anderen zu urinieren, klagt sich an, daß
    er den Finger zum Wiwimacher gebe, bemüht sich, auch die
    Onanie aufzugeben, und ekelt sich vor „Lumpf“, „Wiwi“ und
    allem, was daran erinnert. In der Phantasie von der Kinder-
    pflege nimmt er diese letztere Verdrängung wieder zurück.

    Eine Sexualkonstitution wie die unseres kleinen Hans

  • S.

    92

    scheint die Disposition zur Entwicklung von Perversionen oder
    ihrem Negativ (beschränken wir uns hier auf die Hysterie) nicht
    zu enthalten. Soviel ich erfahren habe (es ist hier wirklich noch
    Zurückhaltung geboten), zeichnet sich die angeborene Konstitution
    der Hysteriker – bei den Perversen versteht es sich beinahe
    von selbst – durch das Zurücktreten der Genitalzonen gegen
    andere erogene Zonen aus. Eine einzige „Abirrung“ des Sexual-
    lebens muß von dieser Regel ausdrücklich ausgenommen werden.
    Bei den später Homosexuellen, die nach meiner Erwartung und
    nach den Beobachtungen von J. Sadger alle in der Kindheit
    eine amphigene Phase durchmachen, trifft man auf die näm-
    liche infantile Präponderanz der Genitalzone, speziell des Penis.
    Ja, diese Hochschätzung des männlichen Gliedes wird zum
    Schicksal für die Homosexuellen. Sie wählen das Weib zum
    Sexualobjekt in ihrer Kindheit, solange sie auch beim Weibe
    die Existenz dieses ihnen unentbehrlich dünken-den Körperteiles
    voraussetzen; mit der Überzeugung, daß das Weib sie in diesem
    Punkte getäuscht hat, wird das Weib für sie als Sexualobjekt
    unannehmbar. Sie können den Penis bei der Person, die sie
    zum Sexualverkehre reizen soll, nicht entbehren und fixieren
    ihre Libido im günstigen Falle auf „das Weib mit dem Penis“,
    den feminin erscheinenden Jüngling. Die Homosexuellen sind
    also Personen, welche durch die erogene Bedeutung des eigenen
    Genitales gehindert worden sind, bei ihrem Sexualobjekt auf
    diese Übereinstimmung mit der eigenen Person zu verzichten.
    Sie sind in der Entwicklung vom Autoerotismus zur Objektliebe
    an einer Stelle, dem Autoerotismus näher, fixiert geblieben.

    Es ist ganz und gar unzulässig, einen besonderen homo-
    sexuellen Trieb zu unterscheiden; es ist nicht eine Besonderheit
    des Trieblebens, sondern der Objektwahl, die den Homosexuellen
    ausmacht. Ich verweise darauf, was ich in der „Sexualtheorie“
    ausgeführt habe, daß wir uns irrigerweise die Vereinigung von
    Trieb und Objekt im Sexualleben als eine zu innige vorgestellt
    haben. Der Homosexuelle kommt mit seinen – vielleicht nor-
    malen – Trieben von einem, durch eine bestimmte Bedingung
    ausgezeichneten Objekt nicht mehr los; in seiner Kindheit kann
    er sich, weil diese Bedingung überall als selbstverständlich er-
    füllt gilt, benehmen wie unser kleiner Hans, der unterschiedslos

  • S.

    93

    zärtlich ist mit Buben wie mit Mädchen und gelegentlich seinen
    Freund Fritzl für „sein liebstes Mäderl“ erklärt. Hans ist homo-
    sexuell, wie es alle Kinder sein können, ganz im Einklange mit
    der nicht zu übersehenden Tatsache, daß er nur eine Art von
    Genitale kennt, ein Genitale wie das seinige.

    Die weitere Entwicklung unseres kleinen Erotikers geht
    aber nicht zur Homosexualität, sondern zu einer energischen,
    sich polygam gebärdenden Männlichkeit, die sich je nach ihren
    wechselnden weiblichen Objekten anders zu benehmen weiß, hier
    dreist zugreift und dort sehnsüchtig und verschämt schmachtet.
    In einer Zeit der Armut an anderen Objekten zur Liebe geht
    diese Neigung auf die Mutter zurück, von der her sie sich zu
    anderen gewendet hatte, um bei der Mutter in der Neurose zu
    scheitern. Erst dann erfahren wir, zu welcher Intensität die
    Liebe zur Mutter sich entwickelt und welche Schicksale sie
    durchgemacht hatte. Das Sexualziel, das er bei seinen Ge-
    spielinnen verfolgte, bei ihnen zu schlafen, rührte bereits von
    der Mutter her; es ist in die Worte gefaßt, die es auch im
    reifen Leben beibehalten kann, wenngleich der Inhalt dieser
    Worte eine Bereicherung erfahren wird. Der Knabe hatte auf
    dem gewöhnlichen Wege, von der Kinderpflege aus, den Weg
    zur Objektliebe gefunden und ein neues Lustergebnis war für
    ihn bestimmend geworden, das Schlafen neben der Mutter, aus
    dessen Zusammensetzung wir die Berührungslust der Haut, die
    uns allen konstitutionell eignet, herausheben würden, während
    es nach der uns artefiziell erscheinenden Nomenklatur von Moll
    als Befriedigung des Kontrektationstriebes zu bezeichnen wäre.

    In seinem Verhältnisse zu Vater und Mutter bestätigt
    Hans aufs grellste und greifbarste alles, was ich in der „Traum-
    deutung“ und in der „Sexualtheorie“ über die Sexualbeziehungen
    der Kinder zu den Eltern behauptet habe. Er ist wirklich ein
    kleiner Ödipus, der den Vater „weg“, beseitigt haben möchte,
    um mit der schönen Mutter allein zu sein, bei ihr zu schlafen.
    Dieser Wunsch entstand im Sommeraufenthalte, als die Ab-
    wechslungen von Anwesenheit und Abwesenheit des Vaters ihn
    auf die Bedingung hinwiesen, an welche die ersehnte Intimität
    mit der Mutter gebunden war. Er begnügte sich damals mit der
    Fassung, der Vater solle „wegfahren“, an welche später die

  • S.

    94

    Angst, von einem weißen Pferde gebissen zu werden, unmittel-
    bar anknüpfen konnte, dank einem akzidentellen Eindrucke beim
    Wegfahren eines andern Vaters. Er erhob sich später, wahr-
    scheinlich erst in Wien, wo auf Verreisen des Vaters nicht
    mehr zu rechnen war, zum Inhalte, der Vater solle dauernd
    weg, solle „tot“ sein. Die aus diesem Todeswunsche gegen den
    Vater entspringende, also normal zu motivierende Angst vor
    dem Vater bildete das größte Hindernis der Analyse, bis sie
    in der Aussprache in meiner Ordination beseitigt wurde1).

    Unser Hans ist aber wahrlich kein Bösewicht, nicht ein-
    mal ein Kind, bei welchem die grausamen und gewalttätigen
    Neigungen der menschlichen Natur um diese Zeit des Lebens
    noch ungehemmt entfaltet sind. Er ist im Gegenteil von un-
    gewöhnlich gutmütigem und zärtlichem Wesen; der Vater hat
    notiert, daß sich die Verwandlung der Aggressionsneigung in
    Mitleiden bei ihm sehr frühzeitig vollzogen hat. Lange von der
    Phobie wurde er unruhig, wenn er im Ringelspiele die Pferde
    schlagen sah, und er blieb nie ungerührt, wenn jemand in seiner
    Gegenwart weinte. An einer Stelle der Analyse kommt in einem
    gewissen Zusammenhange ein unterdrücktes Stück Sadismus bei
    ihm zum Vorschein2); aber es war unterdrückt, und wir werden
    später aus dem Zusammenhange zu erraten haben, wofür es
    steht und was es ersetzen soll. Hans liebt auch den Vater
    innig, gegen den er diese Todeswünsche hegt, und während
    seine Intelligenz den Widerspruch beanständet3), muß er dessen
    tatsächliches Vorhandensein demonstrieren; indem er den Vater
    schlägt und sofort darauf die geschlagene Stelle küßt. Auch
    wir wollen uns hüten, diesen Widerspruch anstößig zu finden;
    aus solchen Gegensatzpaaren ist das Gefühlsleben der Menschen
    überhaupt zusammengesetzt4); ja, es käme vielleicht nicht zur

    1)Die beiden Einfälle Hansens: Himbeersaft und Gewehr zum Tot-
    schießen werden gewiß nicht nur einseitig determiniert gewesen sein. Sie
    haben wahrscheinlich mit dem Hasse gegen den Vater ebensoviel zu tun
    wie mit dem Verstopfungskomplex. Der Vater, der die letztere Zurück-
    führung selbst errät, denkt bei „Himbeersaft“ auch an „Blut“.

    2)Die Pferde schlagen und necken wollen.

    3)Vgl. die kritischen Fragen an den Vater p. 33.

    4)„Das macht, ich bin kein ausgeklügelt Buch.
    Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.“
    C F. Meyer, Huttens letzte Tage.

  • S.

    95

    Verdrängung und zur Neurose, wenn es anders wäre. Diese
    Gefühlsgegensätze, die dem Erwachsenen gewöhnlich nur in der
    höchsten Liebesleidenschaft gleichzeitig bewußt werden, sonst
    einander zu unterdrücken pflegen, bis es dem einen gelingt das
    andere verdeckt zu halten, finden im Seelenleben des Kindes
    eine ganze Weile über friedlich nebeneinander Raum.

    Die größte Bedeutung für die psychosexuelle Entwicklung
    unseres Knaben hat die Geburt einer kleinen Schwester gehabt,
    als er 31/2 Jahre alt war. Dieses Ereignis hat seine Beziehungen
    zu den Eltern verschärft, seinem Denken unlösliche Aufgaben
    gestellt, und das Zuschauen bei der Kinderpflege hat dann die
    Erinnerungsspuren seiner eigenen frühesten Lusterlebnisse
    wiederbelebt. Auch dieser Einfluß ist ein typischer; in einer
    unerwartet großen Anzahl von Lebens-
    und Krankengeschichten
    muß man dieses Aufflammen der sexuellen Lust und der
    sexuellen Wißbegierde, das an die Geburt des nächsten Kindes
    anknüpft, zum Ausgangspunkte nehmen. Hansens Benehmen
    gegen den Ankömmling ist das in der „Traumdeutung“1) ge-
    schilderte. Im Fieber wenige Tage nachher verrät er, wie wenig
    er mit diesem Zuwachs einverstanden ist. Hier ist die Feind-
    seligkeit das zeitlich Vorangehende, die Zärtlichkeit mag nach-
    folgen2). Die Angst, daß noch ein neues Kind nachkommen
    könne, hat seither eine Stelle in seinem bewußten Denken. In
    der Neurose ist die bereits unterdrückte Feindseligkeit durch
    eine besondere Angst, die vor der Badewanne, vertreten; in
    der Analyse bringt er den Todeswunsch gegen die Schwester
    unverhohlen zum Ausdrucke, nicht bloß in Anspielungen, die
    der Vater vervollständigen muß. Seine Selbstkritik läßt ihm
    diesen Wunsch nicht so arg erscheinen wie den analogen gegen
    den Vater; aber er hat offenbar beide Personen in gleicher
    Weise im Unbewußten behandelt, weil sie beide ihm die Mammi
    wegnehmen, ihn im Alleinsein mit ihr stören.

    Dies Ereignis und die mit ihm verknüpften Erweckungen
    haben übrigens seinen Wünschen eine neue Richtung gegeben.
    In der sieghaften Schlußphantasie zieht er dann die Summe

    1) p. 177, 2. Aufl.

    2) Vgl. seine Vorsätze, wenn die Kleine erst sprechen kann. p. 60.

  • S.

    96

    aller seiner erotischen Wunschregungen, der aus der autoeroti-
    schen Phase stammenden und der mit der Objektliebe zusammen-
    hängenden. Er ist mit der schönen Mutter verheiratet und hat
    ungezählte Kinder, die er nach seiner Weise pflegen kann.

    II.

    Hans erkrankt eines Tages an Angst auf der Straße. Er
    kann noch nicht sagen, wovor er sich fürchtet, aber zu Beginn
    seines Angstzustandes verrät er auch dem Vater das Motiv
    seines Krankseins, den Krankheitsgewinn. Er will bei der Mutter
    bleiben, mit ihr schmeicheln; die Erinnerung, daß er auch von
    ihr getrennt war zur Zeit, als das Kind kam, mag, wie der
    Vater meint, zu dieser Sehnsucht beitragen. Bald erweist sich,
    daß diese Angst nicht mehr in Sehnsucht zurückzuübersetzen
    ist, er fürchtet sich auch, wenn die Mutter mit ihm geht. Unter-
    des erhalten wir Anzeichen von dem, woran sich die zur Angst
    gewordene Libido fixiert hat. Er äußert die ganz spezialisierte
    Furcht, daß ihn ein weißes Pferd beißen wird.

    Wir benennen einen solchen Krankheitszustand eine
    „Phobie“ und könnten den Fall unseres Kleinen der Agora-
    phobie zurechnen, wenn diese Affektion nicht dadurch aus-
    gezeichnet wäre, daß die sonst unmögliche Leistung im Raume
    jedesmal durch die Begleitung einer gewissen dazu auserwählten
    Person, im äußersten Falle des Arztes, leicht möglich wird.
    Hansens Phobie hält diese Bedingung nicht ein, sieht bald vom
    Raume ab und nimmt immer deutlicher das Pferd zum Objekte;
    in den ersten Tagen äußert er auf der Höhe des Angst-
    zustandes die Befürchtung: „Das Pferd wird ins Zimmer kom-
    men“, die mir das Verständnis seiner Angst so sehr erleich-
    tert hat.

    Die Stellung der „Phobien“ im System der Neurosen ist
    bisher eine unbestimmte gewesen. Sicher scheint, daß man in
    den Phobien nur Syndrome erblicken darf, die verschiedenen
    Neurosen angehören können, ihnen nicht die Bedeutung beson-
    derer Krankheitsprozesse einzuräumen braucht. Für die Phobien
    von der Art wie die unseres kleinen Patienten, die ja die
    häufigsten sind, scheint mir die Bezeichnung „Angsthysterie“
    nicht unzweckmäßig; ich habe sie Herrn Dr. W. Stekel vor-

  • S.

    97

    geschlagen, als er die Darstellung der nervösen Angstzustände
    unternahm, und ich hoffe, daß sie sich einbürgern wird1). Sie
    rechtfertigt sich durch die vollkommene Übereinstimmung im
    psychischen Mechanismus dieser Phobien mit der Hysterie bis
    auf einen, aber entscheidenden und zur Sonderung geeigneten
    Punkt. Die aus dem pathogenen Material durch die Verdrän-
    gung entbundene Libido wird nämlich nicht konvertiert, aus
    dem Seelischen heraus zu einer körperlichen Innervation ver-
    wendet, sondern wird als Angst frei. In den vorkommenden
    Krankheitsfällen kann sich diese „Angsthysterie“ mit der „Kon-
    versionshysterie“ in beliebigem Ausmaße vermengen. Es
    gibt auch reine Konversionshysterie ohne jede Angst sowie
    bloße Angsthysterie, die sich in Angstempfindungen und Phobien
    äußert, ohne Konversionszusatz; ein Fall letzterer Art ist der
    unseres kleinen Hans.

    Die Angsthysterien sind die häufigsten aller psychoneuro-
    tischen Erkrankungen, vor allem aber die zuerst im Leben auf-
    tretenden, es sind geradezu die Neurosen der Kinderzeit. Wenn
    eine Mutter etwa von ihrem Kind erzählt, es sei sehr „nervös“,
    so kann man in 9 unter 10 Fällen darauf rechnen, daß das
    Kind irgend eine Art von Angst oder viele Ängstlichkeiten zu-
    gleich hat. Leider ist der feinere Mechanismus dieser so be-
    deutsamen Erkrankungen noch nicht genügend studiert; es ist
    noch nicht festgestellt, ob die Angsthysterie zum Unterschiede
    von der Konversionshysterie und von anderen Neurosen ihre
    Bedingung in konstitutionellen Momenten oder im akzidentellen
    Erleben hat, oder in welcher Vereinigung von beiden sie sie
    findet. Es scheint mir, daß es diejenige neurotische Erkrankung
    ist, welche die geringsten Ansprüche auf eine besondere Kon-
    stitution erhebt und im Zusammenhange damit am leichtesten
    zu jeder Lebenszeit akquiriert werden kann.

    Ein wesentlicher Charakter der Angsthysterien läßt sich
    leicht hervorheben. Die Angsthysterie entwickelt sich immer
    mehr zur „Phobie“; am Ende kann der Kranke angstfrei ge-
    worden sein, aber nur auf Kosten von Hemmungen und Ein-
    schränkungen, denen er sich unterwerfen mußte. Es gibt bei

    1)W. Stekel. Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung. 1908.
    Freud, Neurosenlehre. III. 7

  • S.

    98

    der Angsthysterie eine von Anfang an fortgesetzte psychische
    Arbeit, um die frei gewordene Angst wieder psychisch zu bin-
    den, aber diese Arbeit kann weder die Rückverwandlung der
    Angst in Libido herbeiführen noch an dieselben Komplexe an-
    knüpfen, von denen die Libido herrührt. Es bleibt ihr nichts
    anderes übrig, als jeden der möglichen Anlässe zur Angst-
    entwicklung durch einen psychischen Vorbau von der Art einer
    Vorsicht, einer Hemmung, eines Verbotes zu sperren, und diese
    Schutzbauten sind es, die uns als Phobien erscheinen und für
    unsere Wahrnehmung das Wesen der Krankheit ausmachen.

    Man darf sagen, daß die Behandlung der Angsthysterie
    bisher eine rein negative gewesen ist. Die Erfahrung hat ge-
    zeigt, daß es unmöglich, ja, unter Umständen gefährlich ist, die
    Heilung der Phobie auf gewalttätige Art zu erreichen, indem
    man den Kranken in eine Situation bringt, in welcher er die
    Angstentbindung durchmachen muß, nachdem man ihm seine
    Deckung entzogen hat. So läßt man ihn notgedrungen Schutz
    suchen, wo er ihn zu finden glaubt, und bezeugt ihm eine wir-
    kungslose Verachtung wegen seiner „unbegreiflichen Feigheit“.
    Für die Eltern unseres kleinen Patienten stand von Be-
    ginn der Erkrankung an fest, daß man ihn weder auslachen
    noch brutalisieren dürfe, sondern den Zugang zu seinen ver-
    drängten Wünschen auf psychoanalytischem Wege suchen müsse.
    Der Erfolg belohnte die außerordentliche Bemühung seines Va-
    ters, dessen Mitteilungen uns Gelegenheit geben werden, in das
    Gefüge einer solchen Phobie einzudringen und den Weg der bei
    ihr vorgenommenen Analyse zu verfolgen.

    Es ist mir nicht unwahrscheinlich, daß die Analyse durch
    ihre Ausdehnung und Ausführlichkeit dem Leser einigermaßen
    undurchsichtig geworden ist. Ich will darum zuerst ihren Ver-
    lauf verkürzt wiederholen mit Weglassung alles störenden Bei-
    werks und Hervorhebung der Ergebnisse, die sich schrittweise
    erkennen lassen.

    Wir erfahren zunächst, daß der Ausbruch des Angst-
    zustandes kein so plötzlicher war, wie es auf den ersten Blick
    erschien. Einige Tage vorher war das Kind aus einem Angst-

  • S.

    99

    traum erwacht, dessen Inhalt war, die Mama sei weg und er
    habe jetzt keine Mama zum Schmeicheln. Schon dieser Traum
    weist auf einen Veränderungsvorgang von bedenklicher Inten-
    sität. Seine Aufklärung kann nicht lauten, wie bei vielen Angst-
    träumen sonst, daß das Kind aus irgend welchen somatischen
    Quellen im Traume Angst verspürt und diese Angst nun zur
    Erfüllung eines sonst intensiv verdrängten Wunsches aus dem
    Unbewußten benutzt hat [vgl. Traumdeutung p. 358], sondern es
    ist ein echter Straf- und Verdrängungstraum, bei dem auch die
    Funktion des Traumes fehlschlägt, da das Kind mit Angst aus
    dem Schlaf erwacht. Der eigentliche Vorgang im Unbewußten
    läßt sich leicht rekonstruieren. Das Kind hat von Zärtlichkeiten
    mit der Mutter geträumt, bei ihr geschlafen, alle Lust ist in
    Angst und aller Vorstellungsinhalt in sein Gegenteil verwandelt
    worden. Die Verdrängung hat den Sieg über den Traummecha-
    nismus davongetragen.

    Aber die Anfänge dieser psychologischen Situation gehen
    noch weiter zurück. Schon im Sommer gab es ähnliche sehn-
    süchtig-ängstliche Stimmungen, in denen er ähnliches äußerte,
    und die ihn damals den Vorteil brachten, daß ihn die Mutter
    zu sich ins Bett nahm. Seit dieser Zeit etwa dürften wir den
    Bestand einer gesteigerten sexuellen Erregung bei Hans anneh-
    men, deren Objekt die Mutter ist, deren Intensität sich in zwei
    Verführungsversuchen an der Mutter äußert – der letzte ganz
    kurz vor dem Ausbruche der Angst –, und die sich nebenbei
    in allabendlicher masturbatorischer Befriedigung entlädt. Ob
    dann der Umschlag dieser Erregung sich spontan vollzieht oder
    infolge der Abweisung der Mutter oder durch die zufällige Er-
    weckung früherer Eindrücke bei der später zu erfahrenden
    „Veranlassung“ der Erkrankung, das ist nicht zu entscheiden,
    ist wohl auch gleichgültig, da die drei verschiedenen Fälle
    nicht als Gegensätze aufgefaßt werden können. Die Tatsache
    ist die des Umschlages der sexuellen Erregung in die Angst.

    Von dem Benehmen des Kindes in der ersten Zeit der
    Angst haben wir schon gehört, auch daß der erste Inhalt, den
    es seiner Angst gibt, lautet: Ein Pferd wird es beißen. Hier
    findet nun die erste Einmengung der Therapie statt. Die Eltern
    weisen darauf hin, daß die Angst die Folge der Masturbation
    7)

  • S.

    100

    sei, und leiten ihn zur Entwöhnung von derselben an. Ich sorge
    dafür, daß die Zärtlichkeit für die Mutter, die er gegen die
    Angst vor den Pferden vertauschen möchte, kräftig vor ihm
    betont werde. Eine geringfügige Besserung nach dieser ersten
    Einflußnahme geht bald in einer Zeit körperlichen Krankseins
    unter. Der Zustand ist unverändert. Bald darauf findet Hans
    die Ableitung der Furcht, daß ihn ein Pferd beißen wird, von
    der Reminiszenz eines Eindruckes in Gmunden. Ein fortreisen-
    der Vater warnte damals sein Kind: Gib den Finger nicht zum
    Pferde, sonst wird es dich beißen. Der Wortlaut, in den er die
    Warnung des Vaters kleidet, erinnert an die Wortfassung der
    Onanieverwarnung [den Finger hingeben]. Die Eltern scheinen
    so zuerst recht zu behalten, daß Hans sich vor seiner onanisti-
    schen Befriedigung schreckt. Der Zusammenhang ist aber noch
    ein loser und das Pferd scheint zu seiner Schreckensrolle recht
    zufällig geraten zu sein.
    Ich hatte die Vermutung geäußert, daß sein verdrängter
    Wunsch jetzt lauten könnte, er wolle durchaus den Wiwimacher
    der Mutter sehen. Da sein Benehmen gegen ein neu eingetre-
    tenes Hausmädchen dazu stimmt, wird ihm vom Vater die erste
    Aufklärung erteilt: Frauen haben keinen Wiwimacher. Er
    reagiert auf diese erste Hilfeleistung mit der Mitteilung einer
    Phantasie, er habe die Mama gesehen, wie sie ihren Wiwimacher
    berührt habe. Diese Phantasie und eine im Gespräch geäußerte
    Bemerkung, sein Wiwimacher sei doch angewachsen, gestatten
    den ersten Einblick in die unbewußten Gedankengänge des
    Patienten. Er stand wirklich unter dem nachträglichen Eindruck
    der Kastrationsdrohung der Mutter, die 1¼ Jahre früher vor-
    gefallen war, denn die Phantasie, daß die Mutter das gleiche
    tue, die gewöhnliche „Retourkutsche“ beschuldigter Kinder, soll
    ja seiner Entlastung dienen; sie ist eine Schutz- und Abwehr-
    phantasie. Indes müssen wir uns sagen, daß es die Eltern
    waren, welche aus dem in Hans wirksamen pathogenen Material
    das Thema der Beschäftigung mit dem Wiwimacher hervor-
    geholt haben. Er ist ihnen darin gefolgt, hat aber noch nicht
    selbsttätig in die Analyse eingegriffen. Ein therapeutischer Er-
    folg ist nicht zu beobachten. Die Analyse ist weit weg von
    den Pferden, und die Mitteilung, daß Frauen keinen Wiwi-
     

  • S.

    101

    macher haben, ist durch ihren Inhalt eher geeignet, seine Be-
    sorgnis um die Erhaltung des eigenen Wiwimachers zu steigern.

    Es ist aber nicht der therapeutische Erfolg, den wir an-
    erster Stelle anstreben, sondern wir wollen den Patienten in
    den Stand setzen, seine unbewußten Wunschregungen bewußt
    zu erfassen. Dies erreichen wir, indem wir auf Grund der An-
    deutungen, die er uns macht, mit Hilfe unserer Deutekunst den
    unbewußten Komplex mit unseren Worten vor sein Bewußt-
    sein bringen. Das Stück Ähnlichkeit zwischen dem, was er ge-
    hört hat, und dem, was er sucht, das sich selbst, trotz aller
    Widerstände, zum Bewußtsein durchdrängen will, setzt ihn in
    den Stand, das Unbewußte zu finden. Der Arzt ist ihm im
    Verständnisse um ein Stück voraus; er kommt auf seinen
    eigenen Wegen nach, bis sie sich am bezeichneten Ziel treffen.
    Anfänger in der Psychoanalyse pflegen diese beiden Momente
    zu verschmelzen und den Zeitpunkt, in dem ihnen ein unbe-
    wußter Komplex des Kranken kenntlich geworden ist, auch für
    den zu halten, in dem der Kranke ihn erfaßt. Sie erwarten zu
    viel, wenn sie mit der Mitteilung dieser Erkenntnis den Kranken
    heilen wollen, während er das Mitgeteilte nur dazu verwenden
    kann, mit dessen Hilfe den unbewußten Komplex in seinem
    Unbewußten, dort wo er verankert ist, aufzufinden. Einen
    ersten Erfolg dieser Art erzielen wir nun bei Hans. Er ist jetzt
    nach der partiellen Bewältigung des Kastrationskomplexes im-
    stande, seine Wünsche auf die Mutter mitzuteilen, und er tut
    dies in noch entstellter Form durch die Phantasie von den
    beiden Giraffen, von denen die eine erfolglos schreit, weil er
    von der andern Besitz ergreift. Die Besitzgreifung stellt er
    unter dem Bilde des Sichdaraufsetzens dar. Der Vater erkennt
    in dieser Phantasie eine Reproduktion einer Szene, die sich
    morgens im Schlafzimmer zwischen den Eltern und dem Kinde
    abgespielt hat, und versäumt nicht, dem Wunsche die ihm noch
    anhaftende Entstellung abzustreifen. Er und die Mutter sind
    die beiden Giraffen. Die Einkleidung in die Giraffenphantasie
    ist hinreichend determiniert durch den Besuch bei diesen großen
    Tieren in Schönbrunn wenige Tage vorher, durch die Giraffen-
    zeichnung, die der Vater aus früheren Zeiten aufbewahrt hat,
    vielleicht auch durch eine unbewußte Vergleichung, die an den

  • S.

    102

    langen und steifen Hals der Giraffe anknüpft1). Wir merken,
    daß die Giraffe als großes und durch seinen Wiwimacher
    interessantes Tier ein Konkurrent der Pferde in ihrer Angst
    rolle hätte werden können, und auch daß Vater und Mutter,
    beide als Giraffen vorgeführt werden, gibt einen vorläufig noch
    nicht verwerteten Wink für die Deutung der Angstpferde.

    Zwei kleinere Phantasien, die Hans unmittelbar nach der
    Giraffendichtung bringt, daß er in Schönbrunn sich in einen
    verbotenen Raum drängt, daß er in der Stadtbahn ein Fenster
    zerschlägt, wobei beide Male das Strafbare der Handlung be-
    tont ist und der Vater als Mitschuldiger erscheint, entziehen
    sich leider der Deutung des Vaters. Ihre Mitteilung bringt
    darum auch Hans keinen Nutzen. Aber was so unverstanden
    geblieben ist, das kommt wieder; es ruht nicht, wie ein un-
    erlöster Geist, bis es zur Lösung und Erlösung gekommen ist.

    Das Verständnis der beiden verbrecherischen Phantasien
    bietet uns keine Schwierigkeiten. Sie gehören zum Komplex des
    Besitzergreifens von der Mutter. In dem Kinde ringt es wie
    eine Ahnung von etwas, was er mit der Mutter machen könnte,
    womit die Besitzergreifung vollzogen wäre, und er findet für
    das Unfaßbare gewisse bildliche Vertretungen, denen das Gewalt-
    tätige, Verbotene gemeinsam ist, deren Inhalt uns so merk-
    würdig gut zur verborgenen Wirklichkeit zu stimmen scheint.
    Wir können nur sagen, es sind symbolische Koitusphantasien,
    und es ist keineswegs nebensächlich, daß der Vater dabei
    mittut: „Ich möchte mit der Mama etwas tun, etwas Verbotenes,
    ich weiß nicht was, aber ich weiß, du tust es auch.“

    Die Giraffenphantasie hatte bei mir eine Überzeugung
    verstärkt, die sich bereits bei der Äußerung des kleinen Hans:
    „Das Pferd wird ins Zimmer kommen“, geregt hatte, und ich
    fand den Moment geeignet, ihm als ein wesentlich zu postu-
    lierendes Stück seiner unbewußten Regungen mitzuteilen: seine
    Angst vor dem Vater wegen seiner eifersüchtigen und feind-
    seligen Wünsche gegen ihn. Damit hatte ich ihm teilweise die
    Angst vor den Pferden gedeutet, der Vater mußte das Pferd
    sein, vor dem er sich mit guter innerer Begründung fürchtete.

    1)Dazu stimmt die spätere Bewunderung Hansens für den Hals
    seines Vaters.

  • S.

    103

    Gewisse Einzelheiten, das Schwarze am Munde und das vor
    den Augen [Schnurrbart und Augengläser als Vorrechte des er-
    wachsenen Mannes], vor denen Hans Angst äußerte, schienen
    mir direkt vom Vater auf die Pferde versetzt zu sein.

    Mit dieser Aufklärung hatte ich den wirksamsten Wider-
    stand gegen die Bewußt machung der unbewußten Gedanken bei
    Hans beseitigt, da ja der Vater selbst die Rolle des Arztes bei
    ihm spielte. Die Höhe des Zustandes war von da an über-
    schritten, das Material floß reichlich, der kleine Patient zeigte
    Mut, die Einzelheiten seiner Phobie mitzuteilen, und griff bald
    selbständig in den Ablauf der Analyse ein1).

    Man erfährt erst jetzt, vor welchen Objekten und Ein-
    drücken Hans Angst hat. Nicht allein vor Pferden und daß
    Pferde ihn beißen, davon wird er bald stille, sondern auch vor
    Wagen, Möbelwagen und Stellwagen, als deren Gemeinsames
    sich alsbald die schwere Belastung herausstellt, vor Pferden,
    die sich in Bewegung setzen, Pferden, die groß und schwer
    aussehen, Pferden, die schnell fahren. Den Sinn dieser Bestim-
    mungen gibt Hans dann selbst an; er hat Angst, daß die Pferde
    umfallen, und macht so alles zum Inhalte seiner Phobie, was
    dies Umfallen der Pferde zu erleichtern scheint.

    Es ist gar nicht selten, daß man den eigentlichen Inhalt
    einer Phobie, den richtigen Wortlaut eines Zwangs-impulses
    u. dgl. erst nach einem Stücke psychoanalytischer Bemühung
    zu hören bekommt. Die Verdrängung hat nicht nur die unbe-
    wußten Komplexe getroffen, sie richtet sich auch noch fort-
    während gegen deren Abkömmlinge und hindert den Kranken
    an der Wahrnehmung seiner Krankheitsprodukte selbst. Man ist
    da in der seltsamen Lage, als Arzt der Krankheit zu Hilfe zu
    kommen, um Aufmerksamkeit für sie zu werben, aber nur wer
    das Wesen der Psychoanalyse völlig verkennt, wird diese Phase

    1)Die Angst vor dem Vater spielt noch in den Analysen, die man
    als Arzt mit Fremden vornimmt, eine der bedeutendsten Rollen als Wider-
    stand gegen die Reproduktion des unbewußten pathogenen Materials. Die
    Widerstände sind zum Teil von der Natur der „Motive“, zum andern Teil
    ist, wie in diesem Beispiel, ein Stück des unbewußten Materials inhalt-
    lich befähigt, als Hemmung gegen die Reproduktion eines andern Stückes
    zu dienen.

  • S.

    104

    der Bemühung hervorheben und darob eine Schädigung durch
    die Analyse erwarten. Die Wahrheit ist, daß die Nürnberger
    keinen henken, den sie nicht zuvor in die Hand bekommen
    haben, und daß es einiger Arbeit bedarf, um der krankhaften
    Bildungen, die man zerstören will, habhaft zu werden.

    Ich erwähnte schon in den die Krankengeschichte beglei-
    tenden Glossen, daß es sehr instruktiv ist, sich so in das Detail
    einer Phobie zu vertiefen und sich den sicheren Eindruck einer
    sekundär hergestellten Beziehung zwischen der Angst und ihren
    Objekten zu holen. Daher das eigentümlich diffuse und dann
    wiederum so streng bedingte Wesen einer Phobie. Das Material
    zu diesen Speziallösungen hat sich unser kleiner Patient offenbar
    aus den Eindrücken geholt, die er infolge der Lage der Woh-
    nung gegenüber dem Hauptzollamte tagsüber vor Augen haben
    kann. Er verrät auch in diesem Zusammenhang eine jetzt durch
    die Angst gehemmte Regung, mit den Ladungen der Wagen,
    dem Gepäcke, den Fässern und Kisten wie die Buben der
    Gasse zu spielen.

    In diesem Stadium der Analyse findet er das an sich
    nicht bedeutsame Erlebnis wieder, welches dem Ausbruche der
    Krankheit unmittelbar vorausgegangen ist, und das wohl als die
    Veranlassung für diesen Ausbruch angesehen werden darf. Er
    ging mit der Mama spazieren und sah ein Stellwagenpferd um-
    fallen und mit den Füßen zappeln. Dies machte auf ihn einen
    großen Eindruck. Er erschrak heftig, meinte, das Pferd sei tot;
    von jetzt ab würden alle Pferde umfallen. Der Vater weist ihn
    darauf hin, daß er bei dem fallenden Pferde an ihn, den Vater,
    gedacht und gewünscht haben muß, er solle so fallen und tot
    sein. Hans sträubt sich nicht gegen diese Deutung; eine Weile
    später akzeptiert er durch ein Spiel, das er aufführt, indem er
    den Vater beißt, die Identifizierung des Vaters mit dem ge-
    fürchteten Pferde und benimmt sich von da ab frei und
    furchtlos, ja, selbst ein wenig übermütig gegen seinen Vater.
    Die Angst vor Pferden hält aber noch an, und infolge welcher
    Verkettung das fallende Pferd seine unbewußten Wünsche auf-
    gerührt hat, ist uns noch nicht klar.

    Fassen wir zusammen, was sich bisher ergeben hat: Hinter
    der erst geäußerten Angst, das Pferd werde ihn beißen, ist die

  • S.

    105

    tiefer liegende Angst, die Pferde werden umfallen, aufgedeckt
    worden, und beide, das beißende wie das fallende Pferd, sind
    der Vater, der ihn strafen wird, weil er so böse Wünsche gegen
    ihn hegt. Von der Mutter sind wir unterdes in der Analyse ab-
    gekommen.

    Ganz unerwartet und gewiß ohne Dazutun des Vaters be-
    ginnt nun Hans sich mit dem „Lumpfkomplex“ zu beschäftigen
    und Ekel vor Dingen zu zeigen, die ihn an die Stuhlentleerung
    erinnern. Der Vater, der hier nur ungern mitgeht, setzt mitten-
    drin die Fortsetzung der Analyse durch, wie er sie leiten
    möchte, und bringt Hans zur Erinnerung eines Erlebnisses in
    Gmunden, dessen Eindruck sich hinter dem des fallenden Stell-
    wagenpferdes verbirgt. Fritzl, sein geliebter Spielgenosse, viel-
    leicht auch sein Konkurrent bei den vielen Gespielinnen, hatte
    im Pferdespiele mit dem Fuße an einen Stein angestoßen, war
    umgefallen und der Fuß hatte geblutet. An diesen Unfall hatte
    das Erlebnis mit dem fallenden Stellwagenpferd erinnert. Es
    ist bemerkenswert, daß Hans, der zurzeit mit anderen Dingen
    beschäftigt ist, das Umfallen Fritzls, das den Zusammenhang
    herstellt, zuerst leugnet, erst in einem späteren Stadium der
    Analyse zugesteht. Für uns mag es aber interessant sein her-
    vorzuheben, wie sich die Verwandlung von Libido in Angst auf
    das Hauptobjekt der Phobie, das Pferd, projiziert. Pferde waren
    ihm die interessantesten großen Tiere, Pferdespiel das liebste
    Spiel mit seinen kindlichen Genossen. Die Vermutung, daß der
    Vater ihm zuerst als Pferd gedient hat, wird durch Erkundi-
    gung beim Vater bestätigt, und so konnte sich bei dem Unfalle
    in Gmunden der Person des Vaters die Fritzls substituieren.
    Nach eingetretenem Verdrängungsumschwunge mußte er sich
    nun vor den Pferden fürchten, an die er vorher soviel Lust
    geknüpft hatte.

    Aber wir sagten schon, daß wir diese letzte bedeutsame
    Aufklärung über die Wirksamkeit des Krankheitsanlasses dem
    Eingreifen des Vaters verdanken. Hans ist bei seinen Lumpf-
    interessen und wir müssen ihm endlich dorthin folgen. Wir er-
    fahren, daß er sich früher der Mutter als Begleiter aufs Klosett
    aufzudrängen pflegte, und daß er dies bei der damaligen Stell-
    vertreterin der Mutter, seiner Freundin Berta, wiederholte, bis

  • S.

    106

    es bekannt und verboten wurde. Die Lust, bei den Verrichtungen
    einer geliebten Person zuzuschauen, entspricht auch einer „Trieb-
    verschränkung“, von der wir bei Hans bereits ein Beispiel be-
    merkt hatten. Endlich geht auch der Vater auf die Lumpf-
    symbolik ein und anerkennt eine Analogie zwischen einem
    schwer beladenen Wagen und einem mit Stuhlmassen belasteten
    Leibe, der Art, wie der Wagen aus dem Tore hinausfährt, und
    wie man den Stuhl aus dem Leib entläßt u. dgl.

    Die Stellung Hansens in der Analyse hat sich aber gegen
    frühere Stadien wesentlich geändert. Konnte ihm der Vater
    früher voraussagen, was kommen würde, bis Hans, der An-
    deutung folgend, nachgetrabt war, so eilt er jetzt mit sicherem
    Schritte voraus und der Vater hat Mühe ihm zu folgen. Hans
    bringt wie unvermittelt eine neue Phantasie: Der Schlosser oder
    Installateur hat die Badewanne losgeschraubt, in welcher Hans
    sich befindet, und ihm dann mit seinem großen Bohrer in den
    Bauch gestoßen. Von jetzt an hinkt unser Verständnis dem
    Materiale nach. Wir können erst später erraten, daß dies die
    angestelltste Umarbeitung einer Zeugungsphantasie ist.

    Die große Badewanne, in der Hans im Wasser sitzt, ist der
    Mutterleib; der „Bohrer“, der schon dem Vater als ein großer
    Penis kenntlich wird, dankt seine Erwähnung dem Geboren-
    werden. Es klingt natürlich sehr merkwürdig, wenn wir der
    Phantasie die Deutung geben müssen: Mit deinem großen Penis
    hast du mich „gebohrt“ [zur Geburt gebracht] und mich in den
    Mutterleib hineingesetzt. Aber vorläufig entgeht die Phantasie
    der Deutung und dient Hans nur als Anknüpfung zur Fort-
    führung seiner Mitteilungen.

    Vor dem Baden in der großen Wanne zeigt Hans eine
    Angst, die wiederum zusammengesetzt ist. Ein Anteil derselben
    entgeht uns noch, der andere wird durch eine Beziehung zum
    Baden der kleinen Schwester alsbald aufgeklärt. Hans gibt den
    Wunsch zu, daß die Mutter die Kleine beim Baden fallen
    lassen möge, so daß sie sterbe; seine eigene Angst beim Baden
    war die vor der Vergeltung für diesen bösen Wunsch, vor der
    Strafe, daß es ihm so ergehen werde. Er verläßt nun das Thema
    des Lumpfes und übergeht unmittelbar darauf auf das der
    kleinen Schwester. Aber wir können ahnen, was diese Anein-
     

  • S.

    107

    anderreihung bedeutet. Nichts anderes, als daß die kleine Hanna
    selbst ein Lumpf ist, daß alle Kinder Lumpfe sind und wie
    Lumpfe geboren werden. Wir verstehen nun, daß alle Möbel-,
    Stellwagen und Lastwagen nur Storchenkistenwagen sind, auch
    nur als symbolische Vertretungen der Gravidität Interesse für
    ihn hatten, und daß er im Umfallen der schweren oder schwer
    belasteten Pferde nichts anderes gesehen haben kann als eine
    Entbindung, ein Niederkommen. Das fallende Pferd war also
    nicht nur der sterbende Vater, sondern auch die Mutter in der
    Niederku-
    kunft.

    Und nun bringt Hans die Überraschung, auf welche wir
    in der Tat nicht vorbereitet waren. Er hat die Gravidität der
    Mutter, die ja mit der Geburt der Kleinen endigte, als er
    31/2 Jahre war, bemerkt und sich den richtigen Sachverhalt,
    wenigstens nach der Entbindung, konstruiert, wohl ohne ihn zu
    äußern, vielleicht ohne ihn äußern zu können; es war damals
    nur zu beobachten, daß er unmittelbar nach der Entbindung
    sich so sehr skeptisch gegen alle Zeichen, die auf die An-
    wesenheit des Storches deuten sollten, benahm. Aber daß er
    im Unbewußten und ganz im Gegensatze zu seinen
    offiziellen Reden gewußt, woher das Kind kam und wo
    es früher verweilt hatte, das wird durch diese Analyse
    gegen jeden Zweifel sicher dargetan; es ist vielleicht das un-
    erschütterlichste Stück derselben.

    Den zwingenden Beweis dafür erbringt die hartnäckig fest-
    gehaltene, mit soviel Einzelheiten ausgeschmückte Phantasie,
    daß Hanna schon im Sommer vor ihrer Geburt mit ihnen in
    Gmunden war, wie sie hingereist ist und damals soviel mehr
    leisten konnte als ein Jahr später, nach ihrer Geburt. Die
    Frechheit, mit der Hans diese Phantasie vorträgt, die unge-
    zählten tollen Lügen, die er in sie einflicht, sind beileibe nicht
    sinnlos; das alles soll seiner Rache am Vater dienen, dem er
    wegen der Irreführung durch das Storchmärchen grollt. Es ist
    ganz so, als ob er sagen wollte: hast du mich für so dumm ge-
    halten und mir zugemutet zu glauben, daß der Storch die Hanna
    gebracht hat, so kann ich dafür von dir verlangen, daß du
    meine Erfindungen für Wahrheit nimmst. In durchsichtigem
    Zusammenhange mit diesem Racheakte des kleinen Forschers

  • S.

    108

    an seinem Vater reiht sich nun die Phantasie vom Necken und
    Schlagen der Pferde an. Sie ist wiederum doppelt gefügt, lehnt
    sich einerseits an die Neckerei an, der er eben den Vater
    unterzogen hat, und bringt anderseits jene dunkeln sadistischen
    Gelüste gegen die Mutter wieder, die sich, zuerst von uns noch
    unverstanden, in den Phantasien vom verbotenen Tun geäußert
    hatten. Bewußt gesteht er auch die Lust, die Mammi zu
    schlagen, ein.

    Nun haben wir nicht mehr viel Rätsel zu erwarten. Eine
    dunkle Phantasie vom Zugversäumen scheint eine Vorläuferin
    der späteren Unterbringung des Vaters bei der Großmutter in
    Lainz zu sein, da sie eine Reise nach Lainz behandelt und die
    Großmutter in ihr vorkommt. Eine andere Phantasie, in der
    ein Bub dem Kondukteur 50.000 fl. gibt, damit er ihn mit dem
    Wagen fahren läßt, klingt fast wie ein Plan, dem Vater, dessen
    Stärke ja zum Teil in seinem Reichtume liegt, die Mutter ab-
    zukaufen. Dann gesteht er den Wunsch, den Vater zu beseitigen,
    und die Begründung desselben, weil er seine Intimität mit der
    Mutter störe, mit einer Offenheit ein, zu welcher er es bisher noch
    nicht gebracht hatte. Wir dürfen uns nicht verwundern, wenn
    dieselben Wunschregungen im Laufe der Analyse wiederholt
    auftreten; die Monotonie entsteht nämlich erst durch die an
    geknüpften Deutungen; für Hans sind es nicht bloße Wieder-
    holungen, sondern fortschreitende Entwicklungen von der schüch-
    ternen Andeutung bis zur vollbewußten, von jeder Entstellung
    freien Klarheit.

    Was nun noch folgt, sind solche von Hans ausgehende
    Bestätigungen der für unsere Deutung bereits gesicherten analy-
    tischen Ergebnisse. Er zeigt in einer unzweideutigen Symptom-
    handlung, die er nur vor dem Hausmädchen, nicht vor dem
    Vater, leicht verkleidet, wie er sich eine Geburt vorstellt; aber
    wenn wir genauer zusehen, zeigt er noch mehr, deutet auf etwas
    hin, was in der Analyse nicht mehr zur Sprache kommt. Durch
    die runde Lücke im Gummileibe einer Puppe steckt er ein
    kleines Messerchen hinein, das der Mama gehört, und läßt es
    wieder herausfallen, indem er ihr die Beine auseinanderreißt.
    Die darauffolgende Aufklärung durch die Eltern, daß Kinder
    tatsächlich im Leibe der Mutter wachsen und wie ein Lumpf

  • S.

    109

    herausbefördert werden, kommt zu spät; sie kann ihm nichts
    mehr Neues sagen. Durch eine andere, wie zufällig erfolgte
    Symptomhandlung gibt er zu, daß er den Vater tot gewünscht
    hat, indem er ein Pferd, mit dem er spielt, umfallen läßt, d. h.
    umwirft, in dem Momente, da der Vater von diesem Todes-
    wunsche spricht. Mit Worten bekräftigt er, daß die schwer be-
    ladenen Wagen ihm die Gravidität der Mutter vorstellen, und
    daß das Umfallen des Pferdes so war, wie wenn man ein Kind
    bekommt. Die köstlichste Bestätigung in diesem Zusammen-
    hange, der Beweis, daß Kinder „Lumpfe“ sind, durch die Er-
    findung des Namens „Lodi“ für sein Lieblingskind kommt nur
    verspätet zu unserer Kenntnis, denn wir hören, daß er mit
    diesem Wurstkinde schon die längste Zeit gespielt hat1).

    Die beiden abschließenden Phantasien Hansens, mit denen
    seine Herstellung vollkommen wird, haben wir bereits gewürdigt.
    Die eine, vom Installateur, der ihm einen neuen und, wie der
    Vater errät, größeren Wiwimacher ansetzt, ist doch nicht bloß
    die Wiederholung der früheren, die sich mit dem Installateur
    und der Badewanne beschäftigte. Sie ist eine siegreiche Wunsch-
    phantasie und enthält die Überwindung der Kastrationsangst.
    Die zweite Phantasie, die den Wunsch eingesteht, mit der Mutter
    verheiratet zu sein und viele Kinder mit ihr zu haben, erschöpft
    nicht bloß den Inhalt jener unbewußten Komplexe, die sich
    beim Anblicke des fallenden Pferdes gerührt und Angst ent-
    wickelt hatten, – sie korrigiert auch, was an jenen Gedanken
    schlechterdings unannehmbar war, indem sie, anstatt den Vater
    zu töten, ihn durch Erhöhung zur Ehe mit der Großmutter
    unschädlich macht. Mit dieser Phantasie schließen Krankheit
    und Analyse berechtigterweise ab.


    Während der Analyse eines Krankheitsfalles kann man
    einen anschaulichen Eindruck von der Struktur und Entwick-
    lung gewinnen.

    1)Ein zunächst befremdender Einfall des genialen Zeichners T.
    Heine, der auf einem Blatte im Simplizissimus darstellt, wie das Kind
    des Selchermeisters in die Wurstmaschine gerät und dann als Würstchen
    von den Eltern betrauert, eingesegnet wird und gen Himmel fliegt, findet
    durch die Lodiepisode unserer Analyse seine Zurückführung auf eine in-
    fantile Wurzel.

  • S.

    110

    lung der Neurose nicht gewinnen. Es ist das die Sache einer
    synthetischen Arbeit, der man sich nachher unterziehen muß.
    Wenn wir diese Synthese bei der Phobie unseres kleinen Hans
    unternehmen, so knüpfen wir an die Schilderung seiner Kon-
    stitution, seiner leitenden sexuellen Wünsche und seiner Er-
    lebnisse bis zur Geburt der Schwester an, die wir auf früheren
    Seiten dieser Abhandlung gegeben haben.

    Die Ankunft dieser Schwester brachte ihm mehrerlei, was
    ihn von nun an nicht zur Ruhe kommen ließ. Zunächst ein
    Stück Entbehrung, zu Anfang eine zeitweilige Trennung von der
    Mutter und dann später eine dauernde Verminderung ihrer
    Fürsorge und Aufmerksamkeit, die er mit der Schwester zu
    teilen sich gewöhnen mußte. Zuzweit eine Wiederbelebung seiner
    Lusterlebnisse aus der Kinderpflege, hervorgerufen durch all
    das, was er die Mutter mit der kleinen Schwester vornehmen
    sah. Aus beiden Einflüssen ergab sich eine Steigerung seiner
    erotischen Bedürftigkeit, der es an Befriedigung zu mangeln
    begann. Für den Verlust, den ihm die Schwester gebracht hatte,
    entschädigte er sich durch die Phantasie, daß er selbst Kinder
    habe, und solange er in Gmunden mit diesen Kindern wirklich
    spielen konnte, fand seine Zärtlichkeit genügende Ableitung.
    Aber nach Wien zurückgekehrt, war er wieder einsam, heftete
    alle seine Ansprüche an die Mutter und litt weitere Entbehrung,
    als er mit 4 Jahren aus dem Schlafzimmer der Eltern ver-
    bannt wurde. Seine gesteigerte erotische Erregbarkeit äußerte
    sich nun in Phantasien, welche die Sommergespielen in seine
    Einsamkeit beschworen, und in regelmäßigen autoerotischen Be-
    friedigungen durch masturbatorische Reizung des Genitales.

    Drittens brachte ihm aber die Geburt der Schwester die
    Anregung zu einer Denkarbeit, die einerseits nicht zur Lösung
    zu bringen war, anderseits ihn in Gefühlskonflikte verstrickte.
    Das große Rätsel stellte sich für ihn ein, woher die Kinder
    kommen, das erste Problem vielleicht, dessen Lösung die Geistes-
    kräfte des Kindes in Anspruch nimmt, von dem das Rätsel der
    thebanischen Sphinx wahrscheinlich nur eine Entstellung wieder-
    gibt. Die ihm gebotene Aufklärung, der Storch habe die Hanna
    gebracht, wies er ab. Er hatte doch bemerkt, daß die Mutter
    Monate vor der Geburt der Kleinen einen großen Leib be-

  • S.

    111

    kommen hatte, daß sie dann zu Bett gelegen, bei der Geburt
    gestöhnt hatte und dann schlank aufgestanden war. Er schloß
    also, die Hanna ist im Leibe der Mutter gewesen und dann
    herausgekommen wie ein „Lump“1). Dieses Gebären konnte er
    sich lustvoll vorstellen, unter Anknüpfung an eigene früheste
    Lustempfindungen beim Stuhlgange, konnte sich also mit dop-
    pelter Motivierung wünschen, selbst Kinder zu haben, um sie
    mit Lust zu gebären und dann (mit Vergeltungslust gleichsam)
    zu pflegen. In all dem lag nichts, was ihn zu Zweifel oder zu
    Konflikt geführt hätte.

    Aber es war noch etwas anderes da, was ihn stören mußte.
    Der Vater mußte etwas mit der Geburt der kleinen Hanna
    zu tun haben, denn er behauptete, Hanna und er selbst, Hans,
    seien seine Kinder. Er hatte sie aber gewiß nicht in die Welt
    gesetzt, sondern die Mama. Dieser Vater war ihm bei der Mutter
    im Wege. Wenn er da war, konnte er nicht bei der Mutter
    schlafen, und wenn die Mutter Hans ins Bett nehmen wollte,
    schrie der Vater. Hans hatte erfahren, wie gut er’s bei Ab-
    wesenheit des Vaters haben könnte, und der Wunsch, den Vater
    zu beseitigen, war nur gerechtfertigt. Nun erhielt diese Feind-
    seligkeit eine Verstärkung. Der Vater hatte ihm die Lüge vom
    Storch erzählt, und es ihm damit unmöglich gemacht, ihn in
    diesen Dingen um Aufklärung zu bitten. Er hinderte ihn nicht
    nur, bei der Mutter im Bette zu sein, sondern vorenthielt ihm
    auch das Wissen, nach dem er strebte. Er benachteiligte ihn
    nach beiden Richtungen, und dies offenbar zu seinem eigenen
    Vorteile.

    Daß er nun diesen selben Vater, den er als Konkurrenten
    hassen mußte, seit jeher geliebt hatte und weiter lieben mußte,
    daß er ihm Vorbild war, sein erster Spielgenosse und gleich-
    falls sein Pfleger aus den ersten Jahren, das ergab den ersten,
    zunächst nicht lösbaren Gefühlskonflikt. Wie Hansens Natur sich
    entwickelt hatte, mußte die Liebe vorläufig die Oberhand be-
    halten und den Haß unterdrücken, ohne ihn aufheben zu
    können, denn er wurde von der Liebe zur Mutter her immer
    von neuem gespeist.

    Der Vater wußte aber nicht nur, woher die Kinder kommen,
    er übte es auch wirklich aus, das, was Hans nur dunkel ahnen

  • S.

    112

    konnte. Der Wiwimacher mußte etwas damit zu tun haben,
    dessen Erregung all diese Gedanken begleitete, und zwar ein
    großer, größer als Hans seinen fand. Folgte man den Emp-
    findungsandeutungen, die sich da ergaben, so mußte es sich um
    eine Gewalttätigkeit handeln, die man an der Mama verübte, um
    ein Zerschlagen, ein Öffnungschaften, ein Eindringen in einen
    abgeschlossenen Raum, den Impuls dazu konnte das Kind in
    sich verspüren; aber obwohl es auf dem Wege war, von seinen
    Penissensationen aus die Vagina zu postulieren, so konnte es
    doch das Rätsel nicht lösen, denn so etwas, wie der Wiwimacher
    es brauchte, bestand ja in seiner Kenntnis nicht; vielmehr stand
    der Lösung die Überzeugung im Wege, daß die Mama einen
    Wiwimacher wie er besitze. Der Lösungsversuch, was man mit
    der Mama anfangen mußte, damit sie Kinder bekomme, ver-
    sank im Unbewußten, und beiderlei aktive Impulse, der feind-
    selige gegen den Vater wie der sadistisch zärtliche gegen die
    Mutter, blieben verwendungslos, der eine infolge der neben dem
    Hasse vorhandenen Liebe, der andere vermöge der Ratlosigkeit,
    die sich aus den infantilen Sexualtheorien ergab.

    Nur in dieser Weise vermag ich, auf die Resultate der
    Analyse gestützt, die unbewußten Komplexe und Wunschregungen
    zu konstruieren, deren Verdrängung und Wiedererweckung die
    Phobie des kleinen Hans zum Vorscheine brachte. Ich weiß,
    daß damit dem Denkvermögen eines Kindes zwischen 4 und
    5 Jahren viel zugemutet ist, aber ich lasse mich von dem leiten,
    was wir neu erfahren haben, und halte mich durch die Vor-
    urteile unserer Unwissenheit nicht für gebunden. Vielleicht
    hätte man die Angst vor dem „Krawallmachen mit den Beinen“
    benutzen können, um noch Lücken in unserem Beweisverfahren
    auszufüllen. Hans gab zwar an, es erinnere ihn an das Zappeln
    mit den Beinen, wenn er gezwungen werden sollte, sein Spiel
    zu unterbrechen, um Lumpf zu machen, so daß dieses Element
    der Neurose in Beziehung zu dem Problem gerät, ob die Mama
    gerne oder nur gezwungen Kinder bekomme, aber ich habe
    nicht den Eindruck, daß hiemit die volle Aufklärung für das
    „Krawallmachen mit den Beinen“ gegeben ist. Meine Vermutung,
    daß sich bei dem Kinde eine Reminiszenz an einen von ihm im
    Schlafzimmer beobachteten sexuellen Verkehr der Eltern geregt

  • S.

    113

    habe, konnte der Vater nicht bestätigen. Begnügen wir uns also
    mit dem, was wir erfahren haben.

    Durch welchen Einfluß es in der geschilderten Situation
    bei Hans zum Umkippen, zur Verwandlung der libidinösen
    Sehnsucht in Angst gekommen ist, an welchem Ende da die
    Verdrängung eingesetzt hat, das ist schwer zu sagen und könnte
    wohl nur durch die Vergleichung mit mehreren ähnlichen Analysen
    zu entscheiden sein; ob das intellektuelle Unvermögen des Kindes,
    das schwierige Problem der Kinderzeugung zu lösen und die
    durch die Annäherung an die Lösung entbundenen aggressiven
    Impulse zu verwerten, den Ausschlag gab oder ein somatisches
    Unvermögen, eine Intoleranz seiner Konstitution gegen die
    regelmäßig geübte masturbatorische Befriedigung, ob die bloße
    Fortdauer der sexuellen Erregung in so hoher Intensität zum
    Umschlage führen mußte, das stelle ich als fraglich hin, bis uns
    weitere Erfahrung zu Hilfe kommt.

    Dem Gelegenheitsanlasse für den Ausbruch der Krank-
    heit zu viel Einfluß zuzuschreiben, verbieten die zeitlichen Ver-
    hältnisse, denn Andeutungen von Ängstlichkeit waren bei Hans
    lange vorher, ehe er das Stellwagenpferd auf der Straße um-
    fallen sah, zu beobachten.

    Immerhin knüpfte die Neurose direkt an dieses akziden-
    telle Erlebnis an und bewahrt die Spur desselben in der Er-
    hebung des Pferdes zum Angstobjekt. Eine „traumatische Kraft“
    kommt diesem Eindrucke an und für sich nicht zu; nur die
    frühere Bedeutung des Pferdes als Gegenstand der Vorliebe
    und des Interesses und die Anknüpfung an das traumatisch ge-
    eignetere Erlebnis in Gmunden, wie Fritzl beim Pferdespiele
    umfiel, sowie der leichte Assoziationsweg von Fritzl zum Vater,
    haben den zufällig beobachteten Unfall mit so großer Wirksam-
    keit ausgestattet. Ja, wahrscheinlich hätten auch diese Beziehungen
    nicht ausgereicht, wenn nicht dank der Schmiegſamkeit und der
    Vieldeutigkeit der Assoziationsverknüpfungen der gleiche Ein-
    druck sich auch geeignet erwiesen hätte, an den zweiten der im
    Unbewußten bei Hans lauernden Komplexe, an den von der
    Niederkunft der graviden Mutter zu rühren. Von da an war
    der Weg zur Wiederkehr des Verdrängten eröffnet, und nun
    wurde er in der Weise beschritten, daß das pathogene

  • S.

    114

    Material auf den Pferdkomplex umgearbeitet (trans-
    poniert) und die begleitenden Affekte uniform in Angst
    verwandelt erschienen.

    Bemerkenswerterweise mußte sich der nunmehrige Vor-
    stellungsihalt der Phobie noch eine Entstellung und Ersetzung
    gefallen lassen, ehe das Bewußtsein Kenntnis von ihm nahm.
    Der erste Wortlaut der Angst, den Hans äußerte, war: das
    Pferd wird mich beißen; er rührt aus einer andern Szene in
    Gmunden her, die einerseits Beziehung zum feindseligen Wunsche
    gegen den Vater hat, anderseits an die Onanieverwarnung er-
    innert. Es hat sich da ein ablenkender Einfluß geltend ge-
    macht, der vielleicht von den Eltern ausging; ich bin nicht
    sicher, ob die Berichte über Hans damals sorgfältig genug ab-
    gefaßt wurden, um uns entscheiden zu lassen, ob er seiner
    Angst diesen Ausdruck gegeben, ehe oder erst nachdem
    ihn die Mutter wegen seiner Masturbation zur Rede ge-
    stellt hatte. Im Gegensatze zur Darstellung der Krankenge-
    schichte möchte ich das letztere vermuten. Im übrigen ist
    unverkennbar, daß der feindselige Komplex gegen den Vater
    bei Hans überall den lüsternen gegen die Mutter verdeckt,
    sowie er auch in der Analyse zuerst aufgedeckt und erledigt
    wurde.

    In anderen Krankheitsfällen fände sich weit mehr über
    die Struktur einer Neurose, ihre Entwicklung und Ausbreitung
    zu sagen, aber die Krankheitsgeschichte unseres kleinen Hans
    ist sehr kurz; sie wird alsbald nach ihrem Beginne von der
    Behandlungsgeschichte abgelöst. Wenn die Phobie sich während
    der Behandlung dann weiter zu entwickeln schien, neue Ob-
    jekte und neue Bedingungen in ihren Bereich zog, so war
    der selbst behandelnde Vater natürlich einsichtsvoll genug,
    darin nur ein Zumvorscheinkommen des bereits Fertigen
    und nicht eine Neuproduktion, die man der Behandlung
    zur Last legen könnte, zu erblicken. Auf solche Einsicht darf
    man dann in anderen Fällen von Behandlung nicht immer
    rechnen.

    Ehe ich diese Synthese für beendigt erkläre, muß ich noch
    einen andern Gesichtspunkt würdigen, bei dem wir mitten in
    die Schwierigkeiten der Auffassung neurotischer Zustände ge-

  • S.

    115

    raten werden. Wir sehen, wie unser kleiner Patient von einem
    wichtigen Verdrängungsschube befallen wird, der gerade seine
    herrschenden sexuellen Komponenten betrifft1). Er entäußert
    sich der Onanie, er weist mit Ekel von sich, was an Exkremente
    und an Zuschauen bei den Verrichtungen erinnert. Es sind
    aber nicht diese Komponenten, welche beim Krankheitsanlasse
    (beim Anblicke des fallenden Pferdes) angeregt werden, und
    die das Material für die Syptome, den Inhalt der Phobie,
    liefern.

    Man hat also da Anlaß, eine prinzipielle Unterscheidung
    aufzustellen. Wahrscheinlich gelangt man zu einem tieferen
    Verständnisse des Krankheitsfalles, wenn man sich jenen anderen
    Komponenten zuwendet, welche die beiden letztgenannten Be-
    dingungen erfüllen. Dies sind bei Hans Regungen, die bereits
    vorher unterdrückt waren und sich, soviel wir erfahren, niemals
    ungehemmt äußern konnten, feindselig-eifersüchtige Gefühle
    gegen den Vater und sadistische, Koitusahnungen entsprechende
    Antriebe gegen die Mutter. In diesen frühzeitigen Unter-
    drückungen liegt vielleicht die Disposition für die spätere Er-
    krankung. Diese aggressiven Neigungen haben bei Hans keinen
    Ausweg gefunden, und sobald sie in einer Zeit der Entbehrung
    und gesteigerten sexuellen Erregung verstärkt hervorbrechen
    wollen, entbrennt jener Kampf, den wir die „Phobie“ nennen.
    Während derselben dringt ein Teil der verdrängten Vorstellungen
    als Inhalt der Phobie, entstellt und auf einen andern Komplex
    überschrieben, ins Bewußtsein; aber kein Zweifel, daß dies ein
    kümmerlicher Erfolg ist. Der Sieg verbleibt der Verdrängung,
    die bei dieser Gelegenheit auf andere als die vor-
    dringliche Komponente übergreift. Das ändert nichts
    daran, daß das Wesen des Krankheitszustandes durchaus an
    die Natur der zurückzuweisenden Triebkomponenten gebunden
    bleibt. Absicht und Inhalt der Phobie ist eine weitgehende Ein-
    schränkung der Bewegungsfreiheit, sie ist also eine machtvolle

    1)Der Vater hat sogar beobachtet, daß gleichzeitig mit dieser Ver-
    drängung ein Stück Sublimierung bei ihm eintritt. Er zeigt vom Beginne
    der Ängstlichkeit an ein gesteigertes Interesse für Musik und entwickelt
    seine hereditäre musikalische Begabung.

  • S.

    116

    Reaktion gegen die dunkeln Bewegungsimpulse, die sich beson-
    ders gegen die Mutter wenden wollten. Das Pferd war für den
    Knaben immer das Vorbild der Bewegungslust („Ich bin ein
    junges Pferd,“ sagt Hans im Herumspringen), aber da diese
    Bewegungslust den Koitusimpuls einschließt, wird die Be-
    wegungslust von der Neurose eingeschränkt und das Pferd zum
    Sinnbild des Schreckens erhoben. Es scheint, daß den ver-
    drängten Trieben in der Neurose nichts anderes verbleibt als
    die Ehre, der Angst im Bewußtsein die Vorwände zu liefern.
    Aber so deutlich auch der Sieg der Sexualablehnung in der
    Phobie ist, so läßt doch die Kompromißnatur der Krankheit
    nicht zu, daß das Verdrängte nichts anderes erreiche. Die
    Phobie vor dem Pferde ist doch wieder ein Hindernis, auf die
    Gasse zu gehen, und kann als Mittel dienen, um bei der ge-
    liebten Mutter im Hause zu bleiben. Darin hat sich also die
    Zärtlichkeit für die Mutter siegreich durchgesetzt; der Liebhaber
    klammert sich infolge der Phobie an sein geliebtes Objekt, aber
    freilich ist nun dafür gesorgt, daß er unschädlich bleibt. In
    diesen beiden Wirkungen offenbart sich die eigentliche Natur
    einer neurotischen Erkrankung.

    Alf. Adler hat kürzlich in einer gedankenreichen Arbeit1),
    der ich vorhin die Bezeichnung Triebverschränkung entnommen
    habe, ausgeführt, daß die Angst durch die Unterdrückung des
    von ihm sogenannten „Aggressionstriebes“ entstehe, und in
    weitumfassender Synthese diesem Triebe die Hauptrolle im Ge-
    schehen, „im Leben und in der Neurose“ zugewiesen. Wenn wir
    zum Schlusse gelangt sind, daß in unserem Falle von Phobie
    durch die Verdrängung jener Aggressionsneigungen,
    der feindseligen gegen den Vater und der sadistischen gegen
    die Mutter, zu erklären sei, scheinen wir eine eklatante Bestä-
    tigung für die Anschauung Adlers erbracht zu haben. Und
    doch kann ich derselben, die ich für eine irreführende Verall-
    gemeinerung halte, nicht beipflichten. Ich kann mich nicht ent-
    schließen, einen besonderen Aggressionstrieb neben und gleich-
    berechtigt mit den uns vertrauten Selbsterhaltungs- und Sexual-
    trieben anzunehmen. Es scheint mir, daß Adler einen allge-
     

    1)S. o.

  • S.

    117

    meinen und unerläßlichen Charakter aller Triebe, eben das
    „Triebhafte“, Drängende in ihnen, was wir als die Fähigkeit,
    der Motilität Anstoß zu geben, beschreiben können, zu einem
    besonderen Triebe mit Unrecht hypostasiert habe. Von den
    anderen Trieben erübrigte dann nichts anderes als die Bezie-
    hung zu einem Ziele, nachdem ihnen die Beziehung zu den
    Mitteln, dieses Ziel zu erreichen, durch den „Aggressionstrieb“
    abgenommen wird; trotz all der Unsicherheit und Ungeklärtheit
    unserer Trieblehre, möchte ich vorläufig an der gewohnten Auf-
    fassung festhalten, welche jedem Triebe sein eigenes Vermögen,
    aggressiv zu werden, ohne sich auf ein Objekt zu richten, be-
    läßt, und in den beiden bei unserem Hans zur Verdrängung
    gelangenden Trieben würde ich altbekannte Komponenten der
    sexuellen Libido erkennen.

    III.

    Ehe ich nun in die voraussichtlich kurz gehaltenen Er-
    örterungen eintrete, was aus der Phobie des kleinen Hans all-
    gemein Wertvolles für Kinderleben und Kindererziehung zu
    entnehmen ist, muß ich dem lange aufgesparten Einwande be-
    gegnen, der uns mahnt, daß Hans ein Neurotiker, Hereditarier,
    Dégénéré ist, kein normales Kind, von dem aus auf andere
    Kinder übertragen werden darf. Es tut mir lange schon leid,
    daran zu denken, wie alle die Bekenner des „Normalmenschen“
    unseren armen kleinen Hans mißhandeln werden, nachdem
    sie erst erfahren haben, daß ihm tatsächlich hereditäre Be-
    lastung nachgewiesen werden kann. Seiner schönen Mutter,
    die in einem Konflikte ihrer Mädchenzeit neurotisch erkrankte,
    hatte ich damals Hilfe geleistet, und dies war sogar der
    Anfang meiner Beziehungen zu seinen Eltern. Ich getraue
    mich nur ganz schüchtern, einiges zu seinen Gunsten vor-
    zubringen.

    Zunächst, daß Hans nicht das ist, was man sich nach
    der strengen Observanz unter einem degenerierten, zur Nervo-
    sität erblich bestimmten Kinde vorstellen würde, sondern viel-
    mehr ein körperlich wohlgebildeter, heiterer, liebenswürdiger
    und geistig reger Geselle, an dem nicht nur der eigene Vater

  • S.

    118

    seine Freude haben kann. An seiner sexuellen Frühreife freilich
    ist kein Zweifel, aber es fehlt da viel Vergleichsmaterial zum
    richtigen Urteile. Aus einer Sammeluntersuchung aus amerika-
    nischer Quelle habe ich z. B. ersehen, daß ähnlich frühe
    Objektwahl und Liebesempfinden bei Knaben nicht gar so
    selten angetroffen wird, und aus der Kindergeschichte von
    später als „groß“ erkannten Männern weiß man das näm-
    liche, so daß ich meinen möchte, die sexuelle Frühreife sei
    ein selten fehlendes Korrelat der intellektuellen und darum
    bei begabten Kindern häufiger anzutreffen, als man erwarten sollte.

    Ferner mache ich in meiner eingestandenen Parteilichkeit
    für den kleinen Hans geltend, daß er nicht das einzige Kind
    ist, das zu irgend einer Zeit seiner Kinderjahre an Phobien
    befallen wird. Solche Erkrankungen sind bekanntlich ganz
    außerordentlich häufig, auch bei Kindern, deren Erziehung an
    Strenge nichts zu wünschen übrig läßt. Die betreffenden Kinder
    werden später entweder neurotisch, oder sie bleiben gesund. Ihre
    Phobien werden in der Kinderstube niedergeschrien, weil sie
    der Behandlung unzugänglich und gewiß sehr unbequem sind.
    Sie lassen dann im Laufe von Monaten oder Jahren nach,
    heilen anscheinend; welche psychischen Veränderungen eine
    solche Heilung bedingt, welche Charakterveränderungen mit ihr
    verknüpft sind, darein hat niemand Einsicht. Wenn man dann
    einmal einen erwachsenen Neurotiker in psychoanalytische Be-
    handlung nimmt, der, nehmen wir an, erst in reifen Jahren
    manifest erkrankt ist, so erfährt man regelmäßig, daß seine
    Neurose an jene Kinderangst anknüpft, die Fortsetzung der
    selben darstellt, und daß also eine unausgesetzte, aber auch
    ungestörte psychische Arbeit sich von jenen Kinderkonflikten an
    durchs Leben fortgesponnen hat, ohne Rücksicht darauf, ob
    deren erstes Symptom Bestand hatte oder unter dem Drange
    der Verhältnisse zurückgezogen wurde. Ich meine also, unser
    Hans ist vielleicht nicht stärker erkrankt gewesen als so viele
    andere Kinder, die nicht als „Degenerierte“ gebrandmarkt wer-
    den; aber da er ohne Einschüchterung, mit möglichster Scho-
    nung und möglichst geringem Zwang erzogen wurde, hat sich
    seine Angst kühner hervorgewagt. Die Motive des schlechten
    Gewissens und der Furcht vor der Strafe haben ihr gefehlt,

  • S.

    119

    die sonst gewiß zu ihrer Verkleinerung beitragen. Mir will
    scheinen, wir geben zu viel auf Symptome und kümmern uns zu
    wenig um das, woraus sie hervorgehen. In der Kindererziehung
    gar wollen wir nichts anderes als in Ruhe gelassen werden,
    keine Schwierigkeiten erleben, kurz das brave Kind züchten und
    achten sehr wenig darauf, ob dieser Entwicklungsgang dem
    Kinde auch frommt. Ich könnte mir also vorstellen, daß es
    heilsam für unseren Hans war, diese Phobie produziert zu haben,
    weil sie die Aufmerksamkeit der Eltern auf die unvermeidlichen
    Schwierigkeiten lenkte, welche die Überwindung der angeborenen
    Triebkomponenten in der Kulturerziehung dem Kinde bereiten
    muß, und weil diese seine Störung die Hilfeleistung des Vaters
    nach sich zog. Vielleicht hat er nun vor anderen Kindern das
    voraus, daß er nicht mehr jenen Keim verdrängter Komplexe
    in sich trägt, der fürs spätere Leben jedesmal etwas bedeuten
    muß, der gewiß Charakterverbildung in irgend einem Ausmaße
    mit sich bringt, wenn nicht die Disposition zu einer späteren
    Neurose. Ich bin geneigt, so zu denken, aber ich weiß nicht,
    ob noch viele andere mein Urteil teilen werden, weiß auch
    nicht, ob die Erfahrung mir recht geben wird.

    Ich muß aber fragen, was hat nun bei Hans das Anslicht-
    ziehen der nicht nur von den Kindern verdrängten, sondern
    auch von den Eltern gefürchteten Komplexe geschadet? Hat der
    Kleine nun etwa Ernst gemacht mit seinen Ansprüchen auf die
    Mutter, oder sind an Stelle der bösen Absichten gegen den
    Vater Tätlichkeiten getreten? Sicherlich werden das viele be-
    fürchtet haben, die das Wesen der Psychoanalyse verkennen
    und meinen, man verstärke die bösen Triebe, wenn man sie be-
    wußt mache. Diese Weisen handeln dann nur konsequent, wenn
    sie um Gotteswillen von jeder Beschäftigung mit den bösen
    Dingen abraten, die hinter den Neurosen stecken. Sie vergessen
    dabei allerdings, daß sie Ärzte sind, und geraten in eine fatale
    Ähnlichkeit mit Shakespeares Holzapfel in „Viel Lärmen um
    nichts“, der der ausgeschickten Wache gleichfalls den Rat gibt,
    sich von jeder Berührung mit den etwa angetroffenen Dieben,
    Einbrechern recht fernzuhalten. Solches Gesindel sei kein Um-
    gang für ehrliche Leute1).

    1)Ich kann die verwunderte Frage hier nicht unterdrücken, woher

  • S.

    120

    Die einzigen Folgen der Analyse sind vielmehr, daß Hans
    gesund wird, sich vor Pferden nicht mehr fürchtet, und daß er
    mit seinem Vater, wie dieser belustigt mitteilt, eher familiär-
    winnt er an Vertrauen zurück: „Ich hab’ geglaubt, du weißt
    alles, weil du das vom Pferd gewußt hast.“ Die Analyse macht
    nämlich den Erfolg der Verdrängung nicht rückgängig; die
    Triebe, die damals unterdrückt wurden, bleiben die unter-
    drückten, aber sie erreicht diesen Erfolg auf anderem Weg,
    ersetzt den Prozeß der Verdrängung, der ein automatischer
    und exzessiver ist, durch die maß- und zielvolle Bewältigung
    mit Hilfe der höchsten seelischen Instanzen, mit einem
    Worte: sie ersetzt die Verdrängung durch die
    Verurteilung. Sie scheint uns den lang gehegten Beweis
    zu erbringen, daß das Bewußtsein eine biologische Funktion
    hat, daß mit seinem Inspieltreten ein bedeutsamer Vorteil ver-
    bunden ist.

    Hätte ich allein die Verfügung darüber gehabt, so hätte
    ich’s gewagt, dem Kinde auch noch die eine Aufklärung zu
    geben, welche ihm von den Eltern vorenthalten wurde. Ich hätte
    seine triebhaften Ahnungen bestätigt, indem ich ihm von der
    Existenz der Vagina und des Koitus erzählt hätte, so den un-
    gelösten Rest um ein weiteres Stück verkleinert und seinem
    Fragedrang ein Ende gemacht. Ich bin überzeugt, er hätte
    weder die Liebe zur Mutter noch sein kindliches Wesen infolge
    dieser Aufklärungen verloren und hätte eingesehen, daß seine
    Beschäftigung mit diesen wichtigen, ja imposanten Dingen
    nun ruhen muß, bis sich sein Wunsch, groß zu werden, erfüllt
    hat. Aber das pädagogische Experiment wurde nicht so weit
    geführt.

    Daß man zwischen „nervösen“ und „normalen“ Kindern
    und Erwachsenen keine scharfe Grenze ziehen darf, daß „Krank-

    diese Gegner meiner Anschauungen ihr so sicher vorgetragenes Wissen be-
    ziehen, ob die verdrängten Sexualtriebe eine Rolle in der Ätiologie der
    Neurosen spielen und welche, wenn sie den Patienten den Mund verschließen,
    sobald sie von ihren Komplexen und deren Abkömmlingen zu reden be-
    ginnen? Meine und meiner Anhänger Mitteilungen sind ja dann die ein-
    zige Wissenschaft, die ihnen zugänglich bleibt.

  • S.

    121

    heit“ ein rein praktischer Summationsbegriff ist, daß Disposition
    und Erleben zusammentreffen müssen, um die Schwelle für die
    Erreichung dieser Summation überschreiten zu lassen, daß in
    folgedessen fortwährend viele Individuen aus der Klasse der
    Gesunden in die der nervös Kranken übertreten und eine weit
    geringere Anzahl den Weg auch in umgekehrter Richtung macht,
    das sind Dinge, die so oft gesagt worden sind und soviel An-
    klang gefunden haben, daß ich mit ihrer Behauptung gewiß
    nicht allein stehe. Daß die Erziehung des Kindes einen mäch-
    tigen Einfluß geltend machen kann zugunsten oder ungunsten
    der bei dieser Summation in Betracht kommenden Krankheits-
    disposition, ist zum mindesten sehr wahrscheinlich, aber was
    die Erziehung anzustreben und wo sie einzugreifen hat, das er-
    scheint noch durchaus fragwürdig. Sie hat sich bisher immer
    nur die Beherrschung, oft richtiger Unterdrückung der Triebe
    zur Aufgabe gestellt; der Erfolg war kein befriedigender und
    dort, wo es gelang, geschah es zum Vorteil einer kleinen Anzahl
    bevorzugter Menschen, von denen Triebunterdrückung nicht ge-
    fordert wird. Man fragte auch nicht danach, auf welchem Wege
    und mit welchen Opfern die Unterdrückung der unbequemen
    Triebe erreicht wurde. Substituiert man dieser Aufgabe eine
    andere, das Individuum mit der geringsten Einbuße an seiner
    Aktivität kulturfähig und sozial verwertbar zu machen, so haben
    die durch die Psychoanalyse gewonnenen Aufklärungen über
    die Herkunft der pathogenen Komplexe und über den Kern
    einer jeden Nervosität eigentlich den Anspruch, vom Erzieher
    als unschätzbare Winke für sein Benehmen gegen das Kind ge-
    würdigt zu werden. Welche praktischen Schlüsse sich hieraus
    ergeben, und inwieweit die Erfahrung die Anwendung der
    selben innerhalb unserer sozialen Verhältnisse rechtfertigen
    kann, dies überlasse ich anderen zur Erprobung und Ent-
    scheidung.

    Ich kann von der Phobie unseres kleinen Patienten nicht
    Abschied nehmen, ohne die Vermutung auszusprechen, welche
    mir deren zur Heilung führende Analyse besonders wertvoll
    macht. Ich habe aus dieser Analyse, streng genommen, nichts
    Neues erfahren, nichts, was ich nicht schon, oft in weniger deut-
    licher und mehr vermittelter Weise bei anderen, im reifen Alter

  • S.

    122

    behandelten Patienten hatte erraten können. Und da die Neu-
    rosen dieser anderen Kranken jedesmal auf die nämlichen in-
    fantilen Komplexe zurückzuführen waren, die sich hinter der
    Phobie Hansens aufdecken ließen, bin ich versucht, für diese
    Kinderneurose eine typische und vorbildliche Bedeutung in
    Anspruch zu nehmen, als ob die Mannigfaltigkeit der neuroti-
    schen Verdrängungserscheinungen und die Reichhaltigkeit des
    pathogenen Materials einer Ableitung von sehr wenigen Pro-
    zessen an den nämlichen Vorstellungskomplexen nicht im Wege
    stünden.