S.
49
IV
Vierte Vorlesung.Meine Damen und Herren! Daß die Fehlleistungen einen Sinn
haben, dürfen wir doch als das Ergebnis unserer bisherigen
Bemühungen hinstellen und zur Grundlage unserer weiteren
Untersuchungen nehmen. Nochmals sei betont, daß wir nicht
behaupten – und für unsere Zwecke der Behauptung nicht
bedürfen –, daß jede einzelne vorkommende Fehlleistung
sinnreich sei, wiewohl ich das für wahrscheinlich halte. Es genügt
uns, wenn wir einen solchen Sinn relativ häufig bei den
verschiedenen Formen der Fehlleistung nachweisen. Diese
verschiedenen Formen verhalten sich übrigens in dieser
Hinsicht verschieden. Beim Versprechen, Verschreiben
u. s. w. mögen Fälle mit rein physiologischer Begründung
vorkommen, bei den auf Vergessen beruhenden Arten
(Namen- und Vorsatzvergessen, Verlegen u. s. w.) kann ich
an solche nicht glauben, ein Verlieren giebt es sehr
wahrscheinlich, das als unbeabsichtigt zu erkennen ist; die
im Leben vorfallenden Irrtümer sind über-
haupt nur zu einem gewissen Anteil unseren Gesichtspunkten
unterworfen. Diese Einschränkungen wollen Sie im Auge
behalten, wenn wir fortan davon ausgehen, daß Fehl-
leistungen psychische Akte sind und durch die Inter-
ferenz zweier Absichten entstehen.Es ist dies das erste Resultat der Psychoanalyse. Von dem
Vorkommen solcher Interferenzen und der Mög-
lichkeit, daß dieselben derartige Erscheinungen zur Folge
haben, hat die Psychologie bisher nichts gewußt. Wir
haben das Gebiet der psychischen Erscheinungswelt um
ein ganz ansehnliches Stück erweitert und Phänomene
für die Psychologie erobert, die ihr früher nicht zu-
gerechnet wurden.Verweilen wir noch einen Moment bei der Behaup-
tung, die Fehlleistungen seien „psychische Akte“. Enthält
sie mehr als unsere sonstige Aussage, sie hätten
einen Sinn? Ich glaube nicht; sie ist vielmehr eher
unbestimmter und mißverständlicher. Alles, was
man am Seelenleben beobachten kann, wird
man gelegentlich als seelisches Phänomen be-
zeichnen. Es wird aber darauf ankommen, ob
die einzelne seelische Äußerung direkt aus körper-
lichen, organischen, materiellen EinwirkungenS.
50 hervorgegangen ist, in welchem Falle ihre Untersuchung
nicht der Psychologie zufällt, oder ob sie sich zunächst
aus anderen seelischen Vorgängen ableitet, hinter
denen dann irgendwo die Reihe der organischen
Einwirkungen anfängt. Den letzteren Sachverhalt
haben wir im Auge, wenn wir eine Erscheinung
als einen seelischen Vorgang bezeichnen, und
darum ist es zweckmäßiger, unsere Aussage in
die Form zu kleiden: Die Erscheinung sei sinnreich,
habe einen Sinn. Unter Sinn verstehen wir
Bedeutung, Absicht, Tendenz und Stellung in
einer psychischen Reihe (Zusammenhänge).Es giebt eine Anzahl anderer Erscheinungen, welche
den Fehlleistungen sehr nahe stehen, auf welche aber
dieser Name nicht mehr paßt. Wir nennen sie
Zufalls- und Symptomhandlungen. Sie haben gleich-
falls den Charakter des Unmotivierten, Unschein-
baren und Unwichtigen, überdies aber deutlicher
den des Überflüssigen. Von den Fehlhandlungen
unterscheidet sie der Wegfall einer anderen Intention
mit der sie zusammenstoßen, und die durch sie gestört
wird. Sie übergehen anderseits ohne Grenze in die
Gesten und Bewegungen, welche wir zum Ausdruck
der Gemütsbewegungen rechnen. Zu diesen Zufalls-
handlungen gehören alle wie spielend ausgeführten,
anscheinend zwecklosen Verrichtungen an unserer
Kleidung, an Teilen unseres Körpers an Gegenständen, die uns erreichbar
sind, sowie die Unterlassungen derselben, ferner die
Melodien, die wir vor uns hinsummen. Ich vertrete
vor Ihnen die Behauptung, daß alle diese Phänomene
sinnreich und deutbar sind in derselben Weise
wie die Fehlhandlungen, kleine Anzeichen von
anderen wichtigeren seelischen Vorgängen, voll-
giltige psychische Akte. Aber ich gedenke bei dieser
neuen Erweiterung des Gebiets seelischer Erschei-
nungen nicht zu verweilen, sondern zu den Fehl-
leistungen zurückzukehren, an denen sich die
für die Psychoanalyse wichtigen Fragestellungen
mit weit größerer Deutlichkeit herausarbeiten
lassen.S.
51 Die interessantesten Fragen, die wir bei den Fehlleist-
ungen gestellt und noch nicht beantwortet haben,
sind wohl die folgenden: Wir haben gesagt, daß die
Fehlleistungen Ergebnisse der Interferenz von
zwei verschiedenen Intentionen sind, von denen die
eine die gestörte, die andere die störende heißen kann.
Die gestörten Intentionen geben zu weiteren Fragen
keinen Anlaß, aber von den anderen wollen wir
wissen, erstens was sind das für Intentionen, die
als Störung anderer auftreten, und zweitens,
wie verhalten sich die störenden zu den gestörten?Gestatten Sie, daß ich wiederum das Versprechen
zum Repräsentanten der ganzen Gattung nehme,
und daß ich die zweite Frage eher beantworte als
die erste.Die störende Intention beim Versprechen kann in in-
haltlicher Beziehung zur gestörten stehen, dann enthält
sie einen Widerspruch gegen sie, eine Berichti-
gung oder Ergänzung zu ihr. Oder, der dunklere
und interessantere Fall, die störende Intention hat
inhaltlich nichts mit der gestörten zu thun.Belege für die erstere der beiden Beziehungen
können wir in den uns bereits bekannten und
in ähnlichen Beispielen mühelos finden. Fast in allen
Fällen von Versprechen zum Gegenteil drückt die
störende Intention den Gegensatz zur gestörten
aus, ist die Fehlleistung die Darstellung des Konflikts
zwischen zwei unvereinbaren Strebungen. Ich erkläre
die Sitzung für eröffnet, möchte sie aber lieber
schon geschlossen haben, ist der Sinn des Versprechens
des Präsidenten. Eine politische Zeitung, die der Be-
stechlichkeit beschuldigt worden ist, verteidigt sich
in einem Artikel, der in den Worten gipfeln
soll: Unsere Leser werden uns das Zeugnis
ausstellen, daß wir immer in un-eigennützigster
Weise für das Wohl der Allgemeinheit eingetreten
sind. Der mit der Abfassung der Verteidigung
betraute Redakteur schreibt aber: in eigen-
nützigster Weise. Das heißt, er denkt: So muß ich zwar
schreiben, aber ich weiß es anders. Ein Volksvertreter,
der dazu auffordert, dem Kaiser rückhaltlosS.
52 die Wahrheit zu sagen, muß eine Stimme in seinem
Innern anhören, die ob seiner Kühnheit erschrickt,
und durch ein Versprechen das rückhaltlos in
rückgratlos verwandelt. x)
x) Im deutschen Reichstag, Nov 1908In den Ihnen bekannten Beispielen, die den Eindruck
von Zusammenziehungen und Verkürzungen machen,
handelt es sich um Berichtigungen, Zusätze oder
Fortsetzungen, mit denen sich eine zweite Tendenz
neben der ersten zur Geltung bringt. Es sind da
Dinge zum Vorschein gekommen, aber sag' es lieber
gerad' heraus, es waren Schweinereien; also: es
sind Dinge zum Vorschwein gekommen. – Die Leute,
die das verstehen, kann man an den Fingern einer
Hand abzählen; aber nein, es giebt doch eigentlich
nur einen, der das versteht, also: an einem
Finger abzählen. – Oder, mein Mann kann essen
und trinken, was er will. Aber Sie wissen ja, ich
dulde es überhaupt nicht, daß er etwas will;
also: er darf essen und trinken, was ich will.
In all diesen Fällen geht also das Versprechen aus
dem Inhalt der gestörten Intention selbst hervor
oder es knüpft an ihn an.Die andere Art der Beziehung zwischen den beiden
interferierenden Intentionen wirkt befremdend.
Wenn die störende Intention nichts mit dem
Inhalt der gestörten zu thun hat, woher kommt sie
denn, und woher rührt es, daß sie sich gerade an
solcher Stelle als Störung bemerkbar macht?
Die Beobachtung, die hier allein Antwort geben kann,
läßt erkennen, daß die Störung von einem Gedan-
kengang herrührt, der die betreffende Person
kurz vorher beschäftigt hatte, und der nun in
solcher Weise nachwirkt, gleichgiltig ob er bereits
Ausdruck in der Rede gefunden hat oder nicht.
Sie ist also wirklich als Nachklang zu bezeichnen,
aber nicht notwendig als Nachklang von ge-
sprochenen Worten. Es fehlt auch hier nicht an
einem assoziativen Zusammenhang zwischen dem
Störenden und dem Gestörten, aber er ist nicht
im Inhalt gegeben, sondern künstlich, oft auf
sehr gezwungenen Verbindungswegen hergestellt.S.
53 Hören Sie ein einfaches Beispiel hierfür an, das ich
selbst beobachtet habe. Ich treffe einmal in unseren
schönen Dolomiten mit zwei Wiener Damen zu-
sammen, die als Touristinnen verkleidet sind.
Ich begleite sie ein Stück weit und wir besprechen die
Genüsse, aber auch die Beschwerden der touristischen
Lebensweise. Die eine der Damen giebt zu, daß
diese Art den Tag zu verbringen, manches Unbequeme
hat. Es ist wahr, sagt sie, daß es gar nicht angenehm
ist, wenn man so in der Sonne den ganzen Tag mar-
schiert ist, und Bluse und Hemd ganz durchgeschwitzt
sind. In diesem Satze hat sie einmal eine kleine
Stockung zu überwinden. Dann setzt sie fort: Wenn
man aber dann nach Hose kommt und sich umkleiden
kann . . . . . Wir haben dies Versprechen nicht ana-
lysiert, aber ich meine, Sie können es leicht verstehen.
Die Dame hatte die Absicht gehabt, die Aufzählung voll-
ständiger zu halten und zu sagen: Bluse, Hemd und
Hose. Aus Motiven der Wohlanständigkeit war
die Erwähnung der Hose unterblieben, aber in
dem nächsten inhaltlich ganz unabhängigen Satz
kam das nicht ausgesprochene Wort als Verun-
staltung des ähnlichen Wortes nach Hause zum
Vorschein.Nun können wir uns aber der lange aufgesparten
Hauptfrage zuwenden, was für Intentionen es
sind, die sich in so ungewöhnlicher Weise als
Störungen anderer zum Ausdruck bringen. Nun
selbstverständlich sehr verschiedene, in denen
wir aber das Gemeinsame suchen wollen. Untersuchen
wir eine Reihe von Beispielen daraufhin, so werden
sie sich uns alsbald in drei Gruppen sondern. Zur
ersten Gruppe gehören die Fälle, in denen die störende
Tendenz dem Redner bekannt ist, überdies aber
vor dem Versprechen von ihm verspürt wurde. So
giebt beim Versprechen „Vorschwein“ der Sprecher
nicht nur zu, daß er das Urteil „Schweinereien“
über die betreffenden Vorgänge gefällt hat,
sondern auch, daß er die Absicht hatte, von der
er später zurücktrat, ihr auch wörtlichen Ausdruck
zu geben. Eine zweite Gruppe bilden andere Fälle,
in denen die störende Tendenz vom Sprecher
gleichfalls als die seinige anerkannt wird,
aber er weiß nichts davon, daß sie gerade vorS.
54 dem Versprechen bei ihm aktiv war. Er akzeptiert
also unsere Deutung seines Versprechens, bleibt
aber doch in gewissem Maße verwundert über sie.
Beispiele für dieses Verhalten lassen sich von anderen
Fehlleistungen vielleicht leichter geben als gerade
vom Versprechen. In einer dritten Gruppe wird die
Deutung der störenden Intention vom Sprecher
energisch abgelehnt; er bestreitet nicht nur, daß sie
sich vor dem Versprechen in ihm geregt, sondern
er will behaupten, daß sie ihm überhaupt völlig
fremd ist. Erinnern Sie sich an das Beispiel vom
„Aufstoßen“ und an die geradezu unhöfliche Ab-
weisung, die ich mir durch die Aufdeckung der
störenden Intention von diesem Sprecher geholt
habe. Sie wissen, daß wir in der Auffassung dieser
Fälle noch keine Einigung erzielt haben. Ich
würde mir aus dem Widerspruch des Toastredners
nichts machen und unbeirrbar an meiner Deutung
festhalten, während Sie, meine ich, doch unter
dem Eindrucke seines Sträubens stehen und in
Erwägung ziehen, ob man nicht auf die Deutung
solcher Fehlleistungen verzichten und sie als rein
physiologische Akte im voranalytischen Sinne
gelten lassen soll. Ich kann mir denken, was
Sie abschreckt. Meine Deutung schließt die Annahme
ein, daß sich bei dem Sprecher Intentionen
äußern können, von denen er selbst nichts
weiß, die ich aber aus Indizien erschließen
kann. Vor einer so neuartigen und folgenschweren
Annahme machen Sie halt. Ich verstehe das
und gebe Ihnen insoweit Recht. Aber stellen
wir das eine fest: Wenn Sie die an so vielen
Beispielen erhärtete Auffassung der Fehl-
leistungen konsequent durchführen wollen,
müssen Sie sich zu der genannten befremd-
enden Annahme entschließen. Können Sie
das nicht, so müssen Sie auf das kaum erworbene
Verständnis der Fehlleistungen wiederum
verzichten.S.
55 Verweilen wir noch bei dem, was die drei
Gruppen einigt was den drei Mechanismen des Ver-
sprechens gemeinsam ist. Das ist zum Glück unver-
kennbar. In den beiden ersten Gruppen wird die
störende Tendenz vom Sprecher anerkannt, in
der ersten kommt noch hinzu, daß sie sich unmittel-
bar vor dem Versprechen gemeldet hat. In beiden
Fällen ist sie aber zurückgedrängt worden.
Der Sprecher hat sich entschlossen, sie nicht in Rede
umzusetzen, und dann passiert ihm das Versprechen,
d. h. dann setzt sich die zurückgedrängte Tendenz
gegen seinen Willen in eine Äußerung um,
indem sie den Ausdruck der von ihm zugelassenen
Intention abändert, sich mit ihr vermengt oder
sich geradezu an ihre Stelle setzt. Dies ist also
der Mechanismus des Versprechens.Ich kann von meinem Standpunkt auch den
Vorgang in unserer dritten Gruppe in den schönsten
Einklang mit dem hier beschriebenen Mecha-
nismus bringen. Ich brauche nur anzunehmen, daß
diese drei Gruppen durch eine verschieden
weit reichende Zurückdrängung einer Intention
unterschieden werden. In der ersten ist die Intention
vorhanden und macht sich vor der Äußerung des
Sprechers ihm bemerkbar; erst dann erfährt
sie die Zurückweisung, für welche sie sich im
Versprechen entschädigt. In der zweiten Gruppe
reicht die Zurückweisung weiter; die Intention
wird bereits vor der Redeäußerung nicht
mehr bemerkt. Merkwürdig, daß sie dadurch
keineswegs abgehalten wird, sich an der Verur-
sachung des Versprechens zu beteiligen!
Durch dies Verhalten wird uns aber die Er-
klärung für den Vorgang bei der dritten
Gruppe erleichtert. Ich werde so kühn sein an-
zunehmen, daß sich in der Fehlleistung auch
noch eine Tendenz äußern kann, welche
seit längerer Zeit, vielleicht seit sehr langer
Zeit zurückgedrängt ist, nicht bemerkt wird
und darum vom Sprecher direkt verleugnet
werden kann. Aber lassen Sie selbst das ProblemS.
56 der dritten Gruppe bei Seite; Sie müssen aus den
Beobachtungen an den anderen Fällen den Schluß
ziehen, daß die Unterdrückung der vorhandenen
Absicht etwas zu sagen, die unerläßliche Bedingung
dafür ist, daß ein Versprechen zu Stande kommt.Wir dürfen nun behaupten, daß wir
im Verständnis der Fehlleistungen weitere
Fortschritte gemacht haben. Wir wissen nicht nur,
daß sie psychische Akte sind an denen man Sinn
und Absicht erkennen kann, nicht nur, daß sie
durch die Interferenz von zwei verschiedenen
Intentionen entstehen, sondern außerdem
noch, daß die eine dieser Intentionen eine gewisse
Zurückdrängung von der Ausführung er-
fahren haben muß, um sich durch die Störung
der anderen äußern zu können. Sie muß
selbst erst gestört worden sein, ehe sie zur
störenden werden kann. Eine vollständige
Erklärung der Phänomene, die wir Fehlleist-
ungen nennen, ist damit natürlich noch nicht gewonnen.
Wir sehen sofort weitere Fragen auftauchen
und ahnen überhaupt, daß sich um so mehr Anlässe
zu neuen Fragen ergeben werden, je weiter
wir im Verständnis kommen. Wir können
z. B. fragen, warum es nicht viel einfacher zugeht.
Wenn die Absicht besteht, eine gewisse Tendenz
zurückzudrängen anstatt sie auszuführen,
so sollte diese Zurückdrängung so gelingen, daß
eben nichts von ihr zum Ausdruck kommt oder
sie könnte auch mißlingen, so daß die zurück-
gedrängte Tendenz sich vollen Ausdruck schafft.
Die Fehlleistungen sind aber Kompromißergebnis-
se, sie bedeuten ein halbes Gelingen und ein halbes
Mißlingen für jede der beiden Absichten, die
gefährdete Intention wird weder ganz unter-
drückt, noch setzt sie sich – von Einzelfällen
abgesehen – ganz unversehrt durch.
Wir können uns denken, daß besondere
Bedingungen für das Zu Stande KommenS.
57 solcher Interferenz oder Kompromißergebnisse
vorhanden sein müssen, aber wir können auch
nicht einmal ahnen, welcher Art sie sein können. Ich glaube
auch nicht, daß wir diese uns unbekannten Ver-
hältnisse durch weitere Vertiefung in das
Studium der Fehlleistungen aufdecken könnten.
Es wird vielmehr notwendig sein, vorher noch
andere dunkle Gebiete des Seelenlebens zu
durchforschen; erst die Analogien, die uns dort begegnen,
können uns den Mut geben ,gebenjene An-
nahmen aufzustellen, die für eine tiefer reichende
Aufklärung der Fehlleistungen erforderlich
sind. Und noch eines. Auch das Arbeiten mit
kleinen Anzeichen, wie wir es auf diesem
Gebiete beständig üben, bringt seine Gefahren
mit sich. Es giebt eine seelische Erkrankung die
kombinatorische Paranoia bei welcher die Ver-
wertung solcher kleiner Anzeichen in uneinge-
schränkter Weise betrieben wird, und ich
werde mich natürlich nicht dafür einsetzen,
daß die auf dieser Grundlage aufgebauten
Schlüsse durchwegs richtig sind. Vor solchen Gefahren
kann uns nur die breite Basis unserer
Beobachtungen bewahren, die Wiederholung
ähnlicher Eindrücke aus den verschiedensten
Gebieten des Seelenlebens.Wir werden also die Analyse der Fehlleistungen
hier verlassen. An eines darf ich Sie aber noch
mahnen; wollen Sie die Art, wie wir diese
Phänomene behandelt haben, als vorbildlich
im Gedächtnis behalten. Sie können an diesem
Beispiel ersehen, welches die Absichten unserer
Psychologie sind. Wir wollen die Erscheinungen
nicht bloß beschreiben und klassifizieren, sondern
sie als Anzeichen eines Kräftespiels in der
Seele begreifen, als Äußerungen von ziel-
strebigen Tendenzen, die zusammen oder gegen-
einander arbeiten. Wir bemühen uns um
eine dynamische Auffassung der seelischen
Erscheinungen. Die wahrgenommenen Phänomene
müssen in unserer Auffassung gegen die nur
angenommenen Strebungen zurücktreten.S.
58 Wir wollen also bei den Fehlleistungen nicht weiter
in die Tiefe gehen, aber wir können noch einen
Streifzug durch die Breite dieses Gebiets unter-
nehmen, auf dem wir Bekanntes wiederfinden
und einiges Neue aufspüren werden. Wir
halten uns dabei an die Einteilung in die bereits
eingangs aufgestellten drei Gruppen des
Versprechens mit den beigeordneten Formen
des Verschreibens, Verlesens, Verhörens, des
Vergessens mit seinen Unterteilungen je nach
dem vergessenen Objekte (Eigennamen, Fremdworten,
Vorsätzen, Eindrücken), und des Vergreifens,
Verlegens, Verlierens. Die Irrtümer, soweit
sie für uns in Betracht kommen, schließen
sich teils dem Vergessen, teils dem Vergreifen
an.Vom Versprechen haben wir bereits so eingehend
gehandelt und doch noch einiges hinzuzufügen.
Es knüpfen sich an das Versprechen kleinere
affektive Phänomene, die nicht ganz ohne
Interesse sind. Es will niemand sich gerne versprochen
haben; man überhört auch oft das eigene Ver-
sprechen, niemals das eines anderen. Das Ver-
sprechen ist auch in gewissem Sinne ansteckend;
es ist gar nicht leicht, über das Versprechen zu
reden, ohne dabei selbst in Versprechen zu ver-
fallen. Die geringfügigsten Formen des Ver-
sprechens, die gerade keine besonderen Aufklär-
ungen über versteckte seelische Vorgänge zu
geben haben, sind doch in ihrer Motivierung
unschwer zu durchschauen. Wenn Jemand z. B.
einen langen Vokal kurz gesprochen hat in-
folge einer beliebig motivierten, bei diesem
Wort eingetretenen Störung, so dehnt er dafür
einen bald darauf folgenden kurzen Vokal
und begeht ein neues Versprechen, indem er
das frühere kompensiert. Dasselbe, wenn er
einen Doppelvokal unrein und nachlässig
ausgesprochen hat, z. B. ein eu oder oi wie ei;
er sucht es gutzumachen, indem er ein nach-
folgendes ei in eu oder oi verändert. Dabei
scheint eine Rücksicht auf den Zuhörer
maßgebend zu sein, der nicht glauben soll,S.
59 es sei dem Redner gleichgiltig, wie er die Mutter-
sprache behandle. Die zweite kompensierende Ent-
stellung hat geradezu die Absicht, den Hörer auf
die erste aufmerksam zu machen und ihm zu
versichern, daß sie auch dem Redner nicht entgangen
ist. Die häufigsten, einfachsten und geringfügigsten
Fälle des Versprechens bestehen in Zusammen-
ziehungen und Vorklängen, die sich an unschein-
baren Redeteilen äußern. Man verspricht sich
in einem längeren Satz z. B. derart, daß das
letzte Wort der beabsichtigten Redeintention
vorklingt. Das macht den Eindruck einer gewissen
Ungeduld, mit dem Satze fertig zu werden,
und bezeugt im Allgemeinen ein gewisses Wider-
streben gegen die Mitteilung dieses Satzes oder gegen
die Rede überhaupt. Wir kommen so zu Grenzfällen
in denen sich die Unterschiede zwischen der
psychoanalytischen und der gemeinen physiologischen
Auffassung des Versprechens vermischen. Wir
nehmen an, daß in diesen Fällen eine die Rede-
intention störende Tendenz vorhanden
ist; sie kann uns aber nur anzeigen, daß sie vorhanden
ist und nicht, was sie selbst beabsichtigt. Die
Störung, die sie hervorruft, folgt dann irgend
welchen Lautbeeinflussungen oder Assoziations-
anziehungen und kann als Ablenkung der Auf-
merksamkeit von der Redeintention aufge-
faßt werden. Aber weder diese Aufmerksam-
keitsstörung noch die wirksam gewordenen
Assoziationsneigungen treffen das Wesen des
Vorgangs. Dies bleibt doch der Hinweis auf
die Existenz einer die Redeabsicht störenden
Intention, deren Natur nur diesmal nicht
aus ihren Wirkungen erraten werden
kann, wie es in allen besser ausgeprägten
Fällen des Versprechens möglich ist.Das Verschreiben, zu dem ich nun übergehe,
stimmt mit dem Versprechen soweit überein,
daß wir keine neuen Gesichtspunkte zu er-
warten haben. Vielleicht wird uns eine kleine
Nachlese beschieden sein. Die so verbreiteten
kleinen Verschreibungen, Zusammenziehungen, VorwegnahmenS.
60 späterer, besonders der letzten Worte, deuten
wiederum auf eine allgemeine Schreibunlust
und Ungeduld, fertig zu werden. Ausgeprägtere
Effekte des Verschreibens lassen Natur und Absicht
der störenden Tendenz erkennen. Im Allgemeinen
weiß man, wenn man in einem Brief ein Ver-
schreiben findet, daß beim Schreiber nicht alles
in Ordnung war; was sich bei ihm geregt hat,
kann man nicht immer feststellen. Das Ver-
schreiben wird häufig von dem, der es begeht,
ebensowenig bemerkt wie das Versprechen.
Auffällig ist dann folgende Beobachtung: Es
giebt ja Menschen, welche die Gewohnheit üben,
jeden Brief, den sie geschrieben haben, vor
der Absendung nochmals durchzulesen. Andere
pflegen dies nicht; wenn sie es ausnahmsweise aber
einmal thun, haben sie dann immer Gelegenheit
ein auffälliges Verschreiben aufzufinden
und zu korrigieren. Wie ist das zu erklären?
Das sieht so aus, als wüßten diese Leute
doch, daß sie sich bei der Abfassung des Briefes
verschrieben haben. Sollen wir das wirklich
glauben?An die praktische Bedeutung des Verschreibens
knüpft sich ein interessantes Problem.
Sie erinnern sich vielleicht an den Fall eines
Mörders H., der sich Kulturen von höchst
gefährlichen Krankheitserregern von wissenschaftlichen Instituten verschaffen
wußte, indem er sich für einen Bakterienforscher
ausgab, der aber diese Kulturen dazu gebrauchte,
um ihm nahestehende Personen auf diese
modernste Weise aus dem Wege zu räumen.
Dieser Mann beklagte sich nun einmal bei der Leitung
eines solchen Instituts über die Unwirksamkeit
der ihm geschickten Kulturen, verschrieb sich aber dabei,
und an Stelle der Worte „bei meinen Versuchen
an Mäusen oder Meerschweinchen“ stand deutlich
zu lesen „bei meinen Versuchen an Menschen“.
Dies Verschreiben fiel auch den Ärzten des Instituts
auf; sie zogen abersoviel ich weiß keine Konsequenzdaraus. Nun was meinen Sie? Hätten die Ärzte nicht
vielmehr das Verschreiben als Geständnis
annehmen und eine Untersuchung veranlassenS.
61 müssen, durch welche dem Mörder rechtzeitig das Handwerk
gelegt worden wäre? Ist in diesem Falle nicht die Unkennt-
nis unserer Auffassung der Fehlleistungen die Ursache
eines praktisch bedeutsamen Versäumnisses geworden?
Nun, ich meine, ein solches Verschreiben erschiene mir
gewiß als sehr verdächtig, aber seiner Verwendung
als Geständnis steht etwas sehr Gewichtiges im Wege.
So einfach ist die Sache nicht. Das Verschreiben ist sicherlich
ein Indizium, aber für sich allein hätte es zur Einleitung
einer Untersuchung nicht hingereicht. Daß der Mann
von dem Gedanken beschäftigt ist, Menschen zu infizieren,
das sagt das Verschreiben allerdings, aber es läßt
nicht entscheiden, ob dieser Gedanke den Wert eines
klaren schädlichen Vorsatzes oder den einer form-
losen Phantasie hat. Es ist sogar möglich, daß der Mensch,
der sich so verschrieben hat, mit der besten subjektiven
Berechtigung diese Phantasie verleugnen und
sie als etwas ihm gänzlich Fremdes von sich weisen
wird. Wenn wir später den Unterschied zwischen
psychischer und materieller Realität ins Auge
fassen, werden Sie diese Möglichkeiten noch besser
verstehen können. Es ist dies aber wieder ein Fall,
in dem eine Fehlleistung nachträglich zu unge-
ahnter Bedeutung gekommen ist.Beim Verlesen treffen wir auf eine psychische
Situation, die sich von der des Versprechens und
Verschreibens deutlich unterscheidet. Die eine der
beiden miteinander konkurrierenden Tendenzen
ist hier durch eine sensorische Anregung ersetzt und
vielleicht darum weniger resistent. Was man zu
lesen hat, ist ja nicht eine Produktion des eigenen
Seelenlebens, wie etwas, was man zu schreiben vorhat.
In einer großen Mehrzahl besteht daher das Verlesen
in einer vollen Substitution. Man ersetzt das zu
lesende Wort durch ein anderes, ohne daß eine
inhaltliche Beziehung zwischen dem Text und dem
Effekt des Verlesens zu bestehen braucht, in
der Regel in Anlehnung an eine Wortähnlich-
keit. Lichtenbergs Beispiel: Agamemnon
anstatt angenommen ist das beste dieser Gruppe.
Will man die störende, das Verlesen erzeugende
Tendenz kennen lernen, so darf man den
verlesenen Text ganz bei Seite lassen und kannS.
62 die analytische Untersuchung mit den beiden Fragen
einleiten, welcher Einfall sich als der nächste zum
Effekt des Verlesens ergibt und in welcher Situation
das Verlesen vorgefallen ist. Mitunter reicht die
Kenntnis der letzteren für sich allein zur Aufklärung
des Verlesens hin, z. B. wenn Jemand in gewissen
Nöten in einer ihm fremden Stadt herumwandert
und auf einer großen Tafel eines ersten Stockwerkes
das Wort Closethaus liest. Er hat gerade noch
Zeit, sich zu verwundern darüber, daß die Tafel
so hoch angebracht ist, ehe er entdeckt, daß dort
streng genommen Corsethaus zu lesen steht. In
anderen Fällen bedarf gerade das vom Inhalt
des Textes unabhängige Verlesen einer einge-
henden Analyse, die ohne Übung in der psychoanalyti-
schen Technik und ohne Zutrauen zu ihr nicht durch-
zuführen ist. Meist ist es aber leichter, sich die Auf-
klärung eines Verlesens zu schaffen. Das substi-
tuierte Wort verrät nach dem Beispiel Agamemnon
ohne weiteres den Gedankenkreis, aus welchem
die Störung hervorgeht. In diesen Kriegszeiten
ist es z. B. sehr gewöhnlich, daß man die Namen
der Städte und Heerführer und die militärischen
Ausdrücke, die einen beständig umschwirren,
überall hineinliest, wo einem ein ähnliches Wortbild
entgegenkommt. Was einen interessiert und be-
schäftigt, das setzt sich so an Stelle des Fremden
und noch Uninteressanten. Die Nachbilder der
Gedanken trüben die neue Wahrnehmung.Es fehlt auch beim Verlesen nicht an Fällen
anderer Art, in denen der Text des Gelesenen
selbst die störende Tendenz erweckt, durch welche
er dann meist in sein Gegenteil verwandelt
wird. Man sollte etwas Unerwünschtes lesen und
überzeugt sich durch die Analyse, daß ein inten-
siver Wunsch zur Ablehnung des Gelesenen
für dessen Abänderung verantwortlich zu
machen ist.Bei den erst erwähnten häufigeren Fällen des
Verlesens kommen zwei Momente zu kurz,
denen wir im Mechanismus der FehlleistungenS.
63 eine wichtige Rolle zugeteilt haben: der Konflikt
zweier Tendenzen und die Zurückdrängung der
einen, die sich durch den Effekt der Fehlleistung
entschädigt. Nicht daß beim Verlesen etwas dem
Gegensätzliches aufzufinden wäre, aber die Vordring-
lichkeit des zum Verlesen führenden Gedanken-
inhalts ist doch weit auffälliger als die Zurück-
drängung, die dieser vorher erfahren haben mag.
Gerade diese beiden Momente treten uns bei den verschiedenen
Situationen der Fehlleistung durch Vergessen
am greifbarsten entgegen.Das Vergessen von Vorsätzen ist geradezu eindeutig,
seine Deutung wird, wie wir gehört haben, auch
vom Laien nicht bestritten. Die den Vorsatz stö-
rende Tendenz ist jedesmal eine Gegenabsicht, ein
Nichtwollen, von dem uns nur zu wissen er-
übrigt, warum es sich nicht anders und nicht unver-
hüllter zum Ausdruck bringt. Manchmal gelingt
es auch, etwas von den Motivenrauszufindenoder das Vorhandensein dieser Gegenwillen istunzweifelhaft.zu erraten, die diesen Gegenwillen
nötigen sich zu verbergen und allemal hat er
durch die Fehlleistung aus dem Verborgenen
seine Absicht erreicht, während ihm die Ab-
weisung sicher wäre, wenn er als offener Wider-
spruch aufträte. Wenn zwischen dem Vorsatz
und seiner Ausführung eine wichtige Veränderung
der psychischen Situation eingetreten ist, derzufolge
die Ausführung des Vorsatzes nicht in Frage käme,
dann tritt das Vergessen des Vorsatzes aus
dem Rahmen einer Fehlleistung heraus. Man
wundert sich nicht mehr darüber und sieht ein,
daß es überflüssig gewesen wäre den Vorsatz
zu erinnern; er war dann dauernd oder
zeitweilig erloschen. Eine Fehlleistung kann
das Vergessen des Vorsatzes nur dann heißen,
wenn wir an eine solche Unterbrechung
desselben nicht glauben können.Die Fälle von Vorsatzvergessen sind im Allgemeinen
so einförmig und durchsichtig, daß sie eben darum
für unsere Untersuchung kein Interesse haben.S.
64 An zwei Stellen können wir aber doch aus dem Studium
dieser Fehlleistung etwas Neues lernen. Wir haben
gesagt, das Vergessen, also Nichtausführen eines Vor-
satzes weist auf einen ihm feindlichen Gegenwillen
hin. Das bleibt wohl bestehen, aber der Gegenwille
kann nach der Aussage unserer Untersuchungen
von zweierlei Art sein, ein direkter oder ein
vermittelter. Was unter dem Letzteren gemeint
ist, läßt sich am besten an ein oder zwei Beispielen
erläutern. Wenn der Gönner daran vergißt, bei
einer dritten Person ein Fürwort für seinen
Schützling einzulegen, so kann dies geschehen, weil
er sich für den Schützling eigentlich nicht sehr
interessiert und darum auch zur Fürsprache keine
große Lust hat. In diesem Sinne wird jedenfalls
der Schützling das Vergessen des Gönners ver-
stehen. Es kann aber auch komplizierter zugehen. Der
Gegenwille gegen die Ausführung des Vorsatzes
kann beim Gönner von anderer Seite kommen
und an ganz anderer Stelle angreifen. Er braucht
mit dem Schützling nichts zu thun zu haben, sondern
richtet sich etwa gegen die dritte Person bei
welcher die Fürsprache erfolgen soll. Sie sehen
also, welche Bedenken auch hier der praktischen
Verwendung unserer Deutungen entgegenstehen.
Der Schützling gerät trotz der richtigen Deutung
des Vergessens in Gefahr, allzu mißtrauisch
zu werden und seinem Gönner schweres Un-
recht zu thun. Oder: wenn Jemand an das Rendez-
vous vergißt, das einzuhalten er dem Anderen
versprochen und sich selbst vorgenommen hat, so
wird die häufigste Begründung wohl die direkte
Abneigung gegen das Zusammentreffen mit
dieser Person sein. Aber die Analyse könnte
hier den Nachweis erbringen, daß die störende
Tendenz nicht der Person gilt, sondern sich gegen
den Platz richtet, an welchem das Zusammentreffen
stattfinden soll, und der infolge einer
an ihn geknüpften peinlichen Erinnerung ge-
mieden wird. Oder: wenn Jemand einen
Brief aufzugeben vergißt, so kann sich die
Gegentendenz auf den Inhalt des Briefes
selbst stützen; es ist aber keineswegs ausge-S.
65 schlossen, daß der Brief an sich harmlos ist und der
Gegentendenz nur darum verfällt, weil irgend
etwas an ihm an einen anderen, früher einmal
geschriebenen Brief erinnert, der dem Gegen-
willen allerdings einen direkten Angriffspunkt
geboten hatte. Man kann dann sagen, der Gegen-
wille hat sich hier von jenem früheren Brief,
wo er berechtigt war, auf den gegenwärtigen
übertragen, bei dem er eigentlich nichts zu wollen
hat. Sie sehen also, daß man bei der Verwertung
unserer berechtigten Deutungen doch Zurück-
haltung und Vorsicht üben muß; was psychologisch
gleichwertig ist, kann praktisch doch recht viel-
deutig sein.Phänomene wie diese werden Ihnen sehr unge-
wöhnlich erscheinen. Vielleicht sind Sie geneigt
anzunehmen, daß der „indirekte“ Gegenwille
den Vorgang als einen bereits pathologischen
charakterisiert. Ich kann Ihnen aber versichern,
daß er auch im Rahmen der Norm und der
Gesundheit vorkommt. Mißverstehen Sie mich
übrigens nicht. Ich will keineswegs selbst die Unzu-
verlässigkeit unserer analytischen Deutungen zu-
gestehen. Die besprochene Vieldeutigkeit des
Vorsatzvergessens besteht ja nur, so lange
wir keine Analyse des Falles vorgenommen
haben und nur auf Grund unserer allgemeinen
Voraussetzungen deuten. Wenn wir die Analyse
mit der betreffenden Person ausführen, er-
fahren wir jedesmal mit genügender Sicher-
heit, ob es ein direkter Gegenwille ist, oder
woher er sonst rührt.Ein zweiter Punkt ist der Folgende: Wenn wir in einer
Überzahl von Fällen bestätigt finden, daß das
Vergessen eines Vorsatzes auf einen Gegen-
willen zurückgeht, so bekommen wir Mut,
diese Lösung auch auf eine andere Reihe von
Fällen auszudehnen, in denen die analysierte
Person den von uns erschlossenen Gegenwillen
nicht bestätigt, sondern verleugnet. Nehmen Sie
als Beispiele hiefür die überaus häufigenS.
66 Vorkommnisse, daß man vergißt Bücher, die man
entlehnt hat, zurückzustellen, Rechnungen oder
Schulden zu bezahlen. Wir werden so kühn sein,
dem Betreffenden vorzuhalten, daß bei ihm
die Absicht besteht, die Bücher zu behalten
und die Schulden nicht zu bezahlen, während er
diese Absicht leugnen, aber nicht im Stande sein
wird, uns für sein Benehmen eine andere
Erklärung zu geben. Daraufhin setzen wir
fort, er habe die Absicht, nur wisse er nichts
von ihr; es genüge uns aber, daß sie sich durch
den Effekt des Vergessens bei ihm verrate.
Jener kann uns wiederholen, er habe eben
daran vergessen. Sie erkennen jetzt die Situation
als eine, in welcher wir uns bereits früher
einmal befunden haben. Wenn wir unsere
so vielfältig als berechtigt erwiesenen Deut-
ungen der Fehlleistungen konsequent
fortführen wollen, werden wir unausweichlich
zu der Annahme gedrängt, daß es Tendenzen
beim Menschen giebt, welche wirksam werden
können, ohne daß er von ihnen weiß. Damit
setzen wir uns aber in Widerspruch zu allen
das Leben und die Psychologie beherrschenden
Auffassungen.Das Vergessen von Eigen- und Fremdnamen
sowie Fremdworten läßt sich in gleicher Weise
auf eine Gegenabsicht zurückführen, welche
sich entweder direkt oder indirekt gegen
den betreffenden Namen richtet. Von solcher
direkter Abneigung habe ich Ihnen bereits
früher einmal mehrere Beispiele vorgeführt.
Die indirekte Verursachung ist aber hier besonders
häufig und erfordert meist sorgfältige Analysen
zu ihrer Feststellung. So z. B. hat in dieser Kriegs-
zeit, die uns gezwungen hat, so viele unserer
früheren Neigungen aufzugeben, auch die Ver-
fügung über das Erinnern von Eigennamen
infolge der sonderbarsten Verknüpfungen
sehr gelitten. Vor Kurzem ist es mir geschehen,
daß ich den Namen der harmlosen mährischen
Stadt Bisenz nicht reproduzieren konnte
und die Analyse ergab, daß keine direkte
Verfeindung Schuld daran trug, sondern derS.
67 Anklang an den Namen des Palazzo Bisenzi in
Orvieto, in dem ich sonst zu wiederholten Malen
gerne gewohnt hatte. Als Motiv der gegen dies
Namen-erinnern gerichteten Tendenz tritt uns
hier zum ersten Mal ein Prinzip entgegen,
welches uns später seine ganze großartige
Bedeutung für die Verursachung neurotischer
Symptome enthüllen wird: Die Abneigung des
Gedächtnisses etwas zu erinnern, was mit
Unlustempfindungen verknüpft war und
bei der Reproduktion diese Unlust erneuern
würde. Diese Absicht zur Vermeidung von Unlust
aus der Erinnerung oder anderen psychischen
Akten, die psychische Flucht vor der Unlust
dürfen wir als das letzte wirksame Motiv
nicht nur fürs Namenvergessen sondern auch
für viele andere Fehlleistungen wie Unter-
lassungen, Irrtümer u. a. anerkennen.Das Namenvergessen scheint aber psycho-
physiologisch besonders erleichtert zu sein und stellt
sich daher auch in Fällen ein, welche die Einmeng-
ung eines Unlustmotivs nicht bestätigen lassen.
Wenn einer einmal zum Namenvergessen
neigt, so können Sie bei ihm durch analytische
Untersuchung feststellen, daß ihm nicht nur darum
Namen entfallen, weil er sie selbst nicht mag
oder weil sie ihn an Unliebsames mahnen,
sondern auch darum, weil derselbe Name bei
ihm einem anderen Assoziationskreis angehört,
zu dem er innigere Beziehungen hat. Der Name
wird dort gleichsam festgehalten und den anderen
momentan aktivierten Assoziationen verweigert.
Wenn Sie sich an die Kunststücke der Mne-
motechnik erinnern, so werden Sie mit
einigem Befremden feststellen, daß man
Namen infolge derselben Zusammenhänge
vergißt, die man sonst absichtlich herstellt, um
sie vor dem Vergessen zu schützen. Das
auffälligste Beispiel hiefür geben Eigennamen
von Personen, die begreiflicherweise für
verschiedene Leute ganz verschiedene psychische
Wertigkeit besitzen müssen. Nehmen Sie z. B.S.
68 einen Vornamen wie Theodor. Dem einen von Ihnen
wird er nichts Besonderes bedeuten; für
den Anderen ist es der Name seines Vaters,
Bruders, Freundes oder der eigene. Die
analytische Erfahrung wird Ihnen dann zeigen, daß
der Erstere nicht in Gefahr ist zu vergessen,
daß eine gewisse fremde Person diesen
Namen führt, während die Anderen beständig
geneigt sein werden, dem Fremden einen
Namen vorzuenthalten, der ihnen für intime
Beziehungen reserviert erscheint. Nehmen Sie
nun an, daß diese assoziative Hemmung mit
der Wirkung des Unlustprinzips und
überdies mit einem indirekten Mechanismus
zusammentreffen kann, so werden Sie erst
im Stande sein, sich von der Komplikation
der Verursachung des zeitweiligen Namenver-
gessens eine zutreffende Vorstellung zu
machen. Eine sachgerechte Analyse deckt Ihnen
aber alle diese Verwicklungen restlos
auf.Das Vergessen von Eindrücken und Erlebnissen
zeigt die Wirkung der Tendenz, Unangenehmes
von der Erinnerung fernzuhalten noch viel
deutlicher und ausschließlicher als das Namen-
vergessen. Es gehört natürlich nicht in seinem
vollen Umfang zu den Fehlleistungen, sondern
nur insoferne es uns am Maßstabe unserer gewohnten
Erfahrung gemessen, auffällig und unberechtigt
erscheint, also z. B. wenn das Vergessen zu frische
oder zu wichtige Eindrücke betrifft, oder solche,
deren Ausfall eine Lücke in einen sonst
gut erinnerten Zusammenhang reißt. Warum
und wieso wir überhaupt vergessen können,
darunter Erlebnisse, welche uns gewiß den
tiefsten Eindruck hinterlassen haben, wie
die Ereignisse unserer ersten Kindheitsjahre,
das ist ein ganz anderes Problem, bei
welchem die Abwehr gegen Unlusterreg-
ungen eine gewisse Rolle spielt, aber lange
nicht Alles erklärt.S.
69 Daß unangenehme Eindrücke leicht vergessen
werden, ist eine nicht zu bezweifelnde Tatsache.
Verschiedene Psychologen haben sie bemerkt und
der große Darwin empfing einen so starken
Eindruck von ihr, daß er sich die „goldene Regel“
aufstellte, Beobachtungen, welche seiner Theorie
ungünstig schienen, mit besonderer Sorgfalt zu
notieren, da er sich überzeugt hatte, daß gerade
sie in seinem Gedächtnis nicht haften wollten.Wer von diesem Prinzip der Abwehr gegen
die Erinnerungsunlust durch das Vergessen zuerst
hört, versäumt selten den Einwand zu erheben,
daß er vielmehr die Erfahrung gemacht hat, daß
gerade Peinliches schwer zu vergessen ist, indem es
gegen den Willen der Person immer wiederkehrt,
um sie zu quälen, z. B. die Erinnerung an Kränkungen
und Demütigungen. Auch diese Tatsache ist richtig,
aber der Einwand trifft nicht zu. Es ist wichtig, daß man
rechtzeitig beginne mit der Tatsache zu rechnen, das
Seelenleben sei ein Kampf- und Tummelplatz ent-
gegengesetzter Tendenzen, oder nicht dynamisch ausge-
drückt, es bestehe aus Widersprüchen u Gegensatz-
paaren. Der Nachweis einer bestimmten Tendenz
leistet nichts für den Ausschluß einer ihr gegen-
sätzlichen; es ist Raum für Beide vorhanden. Es
kommt nur darauf an, wie sich die Gegensätze zu
einander stellen, welche Wirkungen von dem
einen, und welche von dem anderen ausgehen.Das Verlieren und Verlegen sind uns besonders
interessant durch ihre Vieldeutigkeit, also durch die
Mannigfaltigkeit der Tendenzen, in deren Dienst
diese Fehlleistungen treten können. Allen Fällen
gemeinsam ist, daß man etwas verlieren wollte,
verschieden aber aus welchem Grund und zu
welchem Zweck. Man verliert eine Sache, wenn sie
schadhaft geworden ist, wenn man die Absicht
hat, sie durch eine bessere zu ersetzen, wenn sie
aufgehört hat, einem lieb zu sein, wenn sie
von einer Person herrührt, zu der sich die
Beziehungen verschlechtert haben, oder wennS.
70 sie unter Umständen erworben wurde, derer
man nicht mehr gedenken will. Demselben Zweck
kann auch das Fallenlassen, Beschädigen, Zerbrechen
der Sache dienen. Im Leben der Gesellschaft soll
die Erfahrung gemacht worden sein, daß aufge-
zwungene und uneheliche Kinder weit hinfälliger
sind als die rechtmäßig empfangenen. Es bedarf
für dies Ergebnis nicht der groben Technik
der sog. Engelmacherinnen; ein gewisser Nach-
laß in der Sorgfalt der Kinderpflege soll ganz
ausreichen. Mit der Bewahrung der Dinge
könnte es ebenso zugehen wie mit der der
Kinder.Dann aber können Dinge zum Verlieren bestimmt
werden, ohne daß sie etwas an ihrem Wert ein-
gebüßt haben, wenn nämlich die Absicht besteht
etwas dem Schicksal zu opfern, um einen anderen
gefürchteten Verlust abzuwehren. Solche Schick-
salsbeschwörungen sind nach der Aussage der Ana-
lyse unter uns noch sehr häufig, unser Verlieren
ist darum oft ein freiwilliges Opfern. Ebenso
kann sich das Verlieren in den Dienst des
Trotzes und der Selbstbestrafung stellen;
kurz, die entfernteren Motivierungen der
Tendenz, ein Ding durch Verlieren von sich zu
tun, sind unübersehbar.Das Vergreifen wird wie andere Irrtümer
häufig dazu benützt, um Wünsche zu erfüllen,
die man sich versagen soll. Die Absicht maskiert
sich dabei als glücklicher Zufall. So z. B. wenn man,
wie es einem unserer Freunde geschah, unter
deutlichem Gegenwillen einen Besuch mit der
Eisenbahn in der Nähe der Stadt machen soll,
und dann in der Umsteigestation irrtümlich in
den Zug einsteigt, der einen wieder zur Stadt
zurückführt, oder wenn man auf der Reise
durchaus einen längeren Aufenthalt in einer
Zwischenstation nehmen möchte, aber wegen be-
stimmter Verpflichtungen nicht nehmen soll, und
man dann einen gewissen Anschluß übersieht
oder versäumt, so daß man zu der gewünschten
Unterbrechung gezwungen ist. Oder wie esS.
71 bei einem meiner Patienten zuging, dem ich
untersagt hatte, seine Geliebte telephonisch anzu-
rufen, der aber „irrtümlich“, „in Gedanken“, eine falsche
Nummer aussprach, als er mit mir telephonieren
wollte, so daß er plötzlich mit seiner Geliebten
verbunden war. Ein hübsches, auch praktisch bedeut-
sames Beispiel von direktem Fehlgreifen bringt
die Beobachtung eines Ingenieurs zur Vorge-
schichte einer Sachbeschädigung:„Vor einiger Zeit arbeitete ich mit mehreren Kollegen im
Laboratorium der Hochschule an einer Reihe komplizierter Elasti-
zitätsversuche, eine Arbeit, die wir freiwillig übernommen hatten,
die aber begann mehr Zeit zu beanspruchen, als wir erwartet
hatten. Als ich eines Tages wieder mit meinem Kollegen F. ins
Laboratorium ging, äußerte dieser, wie unangenehm es ihm gerade
heute sei, so viel Zeit zu verlieren, er hätte zu Hause so viel
anderes zu tun; ich konnte ihm nur beistimmen und äußerte noch
halb scherzhaft, auf einen Vorfall der vergangenen Woche anspielend:
‚Hoffentlich wird wieder die Maschine versagen, so daß wir die
Arbeit abbrechen und früher weggehen können!‘
Bei der Arbeitsteilung trifft es sich, daß Kollege F. das Ventil
der Presse zu steuern bekommt, d. h. er hat die Druckflüssigkeit
aus dem Akkumulator durch vorsichtiges Öffnen des Ventils langsam
in den Zylinder der hydraulischen Presse einzulassen; der Leiter
des Versuches steht beim Manometer und ruft, wenn der richtige
Druck erreicht ist, ein lautes „Halt“. Auf dieses Kommando
faßt F. das Ventil und dreht es mit aller Kraft – nach links
(alle Ventile werden ausnahmslos nach rechts geschlossen!).
Dadurch wird plötzlich der volle Druck des Akkumulators in der
Presse wirksam, worauf die Rohrleitung nicht eingerichtet ist, so
daß sofort eine Rohrverbindung platzt – ein ganz harmloser
Maschinendefekt, der uns jedoch zwingt, für heute die Arbeit
einzustellen und nach Hause zu gehen.
Charakteristisch ist übrigens, daß einige Zeit nachher, als
wir diesen Vorfall besprachen, Freund F. sich an meine von mir
mit Sicherheit erinnerte Äußerung absolut nicht erinnern wollte.“Von hier können Sie auf die Vermutung
kommen, daß es nicht immer der harmlose Zufall
ist, der die Hände Ihres Dienstpersonals zu so gefähr-
lichen Feinden Ihres Hausbesitzes macht. Sie können
aber auch die Frage aufwerfen, ob es jedesmal
Zufall ist, wenn man sich selbst beschädigt und seine
eigene Integrität in Gefahr bringt. Anregungen,
die Sie gelegentlich an der Hand der Analyse von
Beobachtungen auf ihren Wert prüfen mögen.Meine geehrten Zuhörer! Das ist lange nicht Alles,
was über die Fehlleistungen zu sagen wäre. Es giebt
da noch viel zu erforschen und zu diskutieren. Aber ich
bin zufrieden, wenn Sie aus unseren bisherigen
Erörterungen darüber eine gewisse Erschütterung
Ihrer bisherigen Auffassungen und einen Grad
von Bereitschaft für die Annahme neuer gewonnen
haben. Im Übrigen bescheide ich mich, Sie vor einer
ungeklärten Sachlage zu belassen. Wir könnenS.
72 mit dem Studium der Fehlleistungen nicht alle unsere
Lehrsätze beweisen und sind auch mit keinem
Beweis auf dieses Material allein angewiesen.
Der große Wert der Fehlleistungen für unsere
Zwecke liegt darin, daß es sehr häufige, auch an
der eigenen Person leicht zu beobachtende
Erscheinungen sind, deren Zustandekommen
das Kranksein durchaus nicht zur Voraussetzung
hat. Nur eine Ihrer unbeantworteten Fragen
möchte ich am Schlusse noch zu Worte kommen
lassen: Wenn die Menschen sich, wie wir's an
vielen Beispielen gesehen haben, dem Ver-
ständnis der Fehlleistungen so sehr annähern
und sich oft so benehmen, als ob sie deren Sinn
durchschauen würden, wie ist es möglich, daß sie
dieselben Phänomene doch ganz allgemein
als zufällig, sinn- und bedeutungslos hinstellen
und der psychoanalytischen Aufklärung derselben
so energisch widerstreben können?Sie haben Recht, das ist auffällig und fordert
eine Erklärung. Aber ich werde sie Ihnen
nicht geben, sondern Sie langsam zu den
Zusammenhängen hinführen, aus denen sich
Ihnen die Erklärung ohne mein Dazuthun
aufdrängen wird.
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