Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene 1895-005/1893.4

Breuer, Josef, Freud, Sigmund (1895-005/1893.4): Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene

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  • S.
    XVI. Jahrgang. Donnerstag, den 19. Januar 1893. Nr. 3.
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    Wiener
    Medizinische Blätter.


    Zeitschrift für die gesammte Heilkunde.

    Herausgegeben von Dr. Wilhelm Schlesinger, Privatdocent an der Wiener Universität.

    Erscheint jeden Donnerstag.

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    I N H A L T: Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. Von Dr. Josef Breuer und Dr. Sigmund Freud in Wien. —
    Die Behandlung der häufigsten und wichtigsten Augenkrankheiten. Von Dr. L. Königstein, Docent an der k. k. Universität in Wien.
    Glaukom. (Fortsetzung.) — Aus der Strassburger Universitäts-Frauenklinik. Klinische Beobachtungen an 35 mit Urinfisteln behafteten
    Frauen. Von Franz Geisthövel, Volontärarzt der königl. Universitäts-Frauenklinik in München. (Fortsetzung). — Aus dem chemisch-
    mikroskopischen Laboratorium von Dr. Max und Adolf Jolles in Wien: Ueber die Centrifuge im Dienste der Harnuntersuchung, sowie
    über einige neue Harnuntersuchungsmethoden. Vortrag, gehalten in der wissenschaftlichen Versammlung des Wiener medizinischen
    Doctoren-Collegiums. Von Dr. Max Jolles in Wien. (Schluss.) — Sitzungsberichte: Wiener medizinisches Doctoren-Collegium.
    (Orig.-Bericht der „Wiener Mediz. Blätter“.) K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. (Original-Bericht der „Wiener Mediz. Blätter“.) —
    Revue: Blutveränderungen bei Milzerkrankungen. — Therapeutica: Ueber die Behandlung des Panaritium. — Die Esmarch-
    Feier in Kiel. — Notizen. — Anzeigen.

    Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer
    Phänomene.

    Von Dr. JOS. BREUER und Dr. SIGM. FREUD in Wien.*)

    Angeregt durch eine zufällige Beobachtung, forschen wir
    seit einer Reihe von Jahren bei den verschiedensten Formen und
    Symptomen der Hysterie nach der Veranlassung, dem Vorgange,
    welcher das betreffende Phänomen zum ersten Male, oft vor vielen
    Jahren hervorgerufen hat. In der grossen Mehrzahl der Fälle
    gelingt es nicht, durch das einfache, wenn auch noch so ein-
    gehende Krankenexamen diesen Ausgangspunkt klarzustellen,
    theilweise, weil es sich oft um Erlebnisse handelt, deren Be-
    sprechung den Kranken unangenehm ist, hauptsächlich aber,
    weil sie sich wirklich nicht daran erinnern, oft den ursäch-
    lichen Zusammenhang nicht ahnen. Meistens ist es nöthig,
    die Kranken zu hypnotisiren und in der Hypnose die Erinnerungen
    jener Zeit, wo das Symptom zum ersten Male auftrat, wach-
    zurufen; dann gelingt es, jenen Zusammenhang auf's Deut-
    lichste und Ueberzeugendste darzulegen.

    Diese Methode der Untersuchung hat uns in einer grossen
    Zahl von Fällen Resultate ergeben, die in theoretischer wie
    in praktischer Hinsicht werthvoll erscheinen.

    In theoretischer Hinsicht, weil sie uns bewiesen
    haben, dass das accidentelle Moment weit über das bekannte
    und anerkannte Mass hinaus bestimmend ist für die Pathologie
    der Hysterie. Dass es bei „traumatischer“ Hysterie der Unfall
    ist, welcher das Symptom hervorgerufen hat, ist ja selbstver-
    ständlich, und wenn bei hysterischen Anfällen aus den Aeusse-
    rungen der Kranken zu entnehmen ist, dass sie in jedem An-
    falle immer wieder denselben Vorgang halluciniren, der die
    erste Attaque hervorgerufen hat, so liegt auch hier der ursäch-
    liche Zusammenhang klar zu Tage. Dunkler ist der Sachverhalt
    bei den anderen Phänomenen.

    Unsere Erfahrungen haben uns aber gezeigt, dass die
    verschiedensten Symptome, welche für spontane, sozusagen
    idiopathische Leistungen der Hysterie gelten, in ebenso strengem
    Zusammenhang mit dem veranlassenden Trauma stehen, wie die
    oben genannten, in dieser Beziehung durchsichtigen Phänomene.
    Wir haben Neuralgien wie Anästhesien der verschiedensten Art
    und von oft jahrelanger Dauer, Contracturen und Lähmungen,
    hysterische Anfälle und epileptoide Convulsionen, die alle Be-
    obachter für echte Epilepsie gehalten hatten, Petit-mal und
    ticartige Affectionen, dauerndes Erbrechen und Anorexie bis
    zur Nahrungsverweigerung, die verschiedensten Sehstörungen,


    *) Siehe vorläufige Mittheilung im Centralblatt für Neurologie.
    H. I. 1893.

    immer wiederkehrende Gesichtshallucinationen und dergl. mehr
    auf solche veranlassende Momente zurückführen können.
    Das Missverhältniss zwischen dem jahrelang dauernden hyste-
    rischen Symptom und der einmaligen Veranlassung ist dasselbe,
    wie wir es bei der traumatischen Neurose regelmässig zu sehen
    gewohnt sind; ganz häufig sind es Ereignisse aus der Kinder-
    zeit, die für alle folgenden Jahre ein mehr oder minder schweres
    Krankheitshänomen hergestellt haben.

    Oft ist der Zusammenhang so klar, dass es vollständig
    ersichtlich ist, wieso der veranlassende Vorfall eben dieses
    und kein anderes Phänomen erzeugt hat. Dieses ist dann durch
    die Veranlassung in völlig klarer Weise determinirt. So, um
    das banalste Beispiel zu nehmen, wenn ein schmerzlicher Affect,
    der während des Essens entsteht, aber unterdrückt wird, dann
    Uebelkeit und Erbrechen erzeugt und dieses als hysterisches
    Erbrechen monatelang andauert. Ein Mädchen, das in qual-
    voller Angst an einem Krankenbette wacht, verfällt in einen
    Dämmerzustand und hat eine schreckvolle Hallucination,
    während ihr der rechte Arm, über der Sessel lehne hängend,
    einschläft; es entwickelt sich daraus eine Parese dieses Armes
    mit Contractur und Anästhesie. Sie will beten und findet keine
    Worte; endlich gelingt es ihr, ein englisches Kindergebet zu
    sprechen. Als sich später eine schwere, höchst complicirte
    Hysterie entwickelt, spricht, schreibt und versteht sie nur eng-
    lisch, während ihr die Muttersprache durch 1 1/2 Jahre unver-
    ständlich ist.

    Ein schwerkrankes Kind ist endlich eingeschlafen, die
    Mutter spannt die Willenskraft an, um sich ruhig zu verhalten
    und es nicht zu wecken; gerade in Folge dieses Vorsatzes
    macht sie („hysterischer Gegenwille“!) ein schnalzendes Ge-
    räusch mit der Zunge. Dieses wiederholt sich später bei einer
    anderen Gelegenheit, wobei sie sich gleichfalls absolut ruhig
    verhalten will, und es entwickelt sich daraus ein Tic, der als
    Zungenschnalzen durch viele Jahre jede Aufregung begleitet.

    Ein hochintelligenter Mann assistirt, während seinem
    Bruder das ankylosirte Hüftgelenk in der Narkose gestreckt
    wird. Im Augenblicke, wo das Gelenk krachend nachgibt, em-
    pfindet er heftigen Schmerz im eigenen Hüftgelenk, der fast
    ein Jahr andauert und dergl. mehr.

    In anderen Fällen ist der Zusammenhang nicht so ein-
    fach; es besteht nur eine sozusagen symbolische Beziehung
    zwischen der Veranlassung und dem pathologischen Phänomen,
    wie der Gesunde sie wohl auch im Traume bildet; wenn etwa
    zu seelischem Schmerze sich eine Neuralgie gesellt, oder Er-
    brechen zu dem Affect moralischen Ekels. Wir haben Kranke
    studirt, welche von einer solchen Symbolisirung den aus-
    giebigsten Gebrauch zu machen pflegten. In noch anderen
    Fällen ist eine derartige Determination zunächst nicht dem
    Verständnisse offen; hieher gehören gerade die typischen hysteri-
    schen Symptome, wie Hemianästhesie und Gesichtsfeld-Ein-
    engung, epileptiforme Convulsionen und dergl.

  • S.
    Seite 34 „Wiener Medizinische Blätter“ Nr. 3

    Solche Beobachtungen scheinen uns die
    pathogene Analogie der gewöhnlichen Hysterie
    mit der traumatischen Neurose nachzuweisen
    und eine Ausdehnung des Begriffes der „trauma-
    tischen Hysterie“ zu rechtfertigen. Bei der trauma-
    tischen Neurose ist ja nicht die geringfügige körperliche Ver-
    letzung die wirksame Krankheitsursache, sondern der Schreck-
    affect, das psychische Trauma. In analoger Weise ergeben
    sich aus unseren Nachforschungen für viele, wenn nicht für die
    meisten hysterischen Anlässe, die man als psychische
    Traumen bezeichnen muss. Als solches kann jedes Erlebnis
    wirken, welches die peinlichen Affecte des Schreckens, der
    Angst, des Schams, des psychischen Schmerzes hervorruft, und
    es hängt begreiflicherweise von der Empfindlichkeit des be-
    troffenen Menschen (sowie von einer später zu erwähnenden
    Bedingung) ab, ob das Erlebniss als Trauma zur Geltung
    kommt. Nicht selten finden sich anstatt des einen grossen
    Traumas bei der gewöhnlichen Hysterie mehrere Partialtraumen,
    gruppirte Anlässe, die erst in ihrer Summirung traumatische
    Wirkung äussern konnten, und die insoferne zusammengehören,
    als sie zum Theile Stücke einer Leidensgeschichte bilden.

    In noch anderen Fällen sind es an sich scheinbar gleich-
    gültige Umstände, die durch ihr Zusammentreffen mit dem
    eigentlich wirksamen Ereigniss oder mit einem Zeitpunkt be-
    sonderer Reizbarkeit eine Dignität als Traumen gewonnen
    haben, die ihnen sonst nicht zuzumuthen wäre, die sie aber von
    da an behalten.

    Aber der causale Zusammenhang des veranlassenden
    psychischen Traumas mit dem hysterischen Phänomen ist nicht
    etwa von der Art, dass das Trauma als Agent provocateur das
    Symptom auslösen würde, welches dann, selbstständig geworden,
    weiter bestünde. Wir müssen vielmehr behaupten, dass das
    psychische Trauma, resp. die Erinnerung an dasselbe, nach Art
    eines Fremdkörpers wirkt, welcher noch lange Zeit nach seinem
    Eindringen als gegenwärtig wirkendes Agens gelten muss, und
    wir sehen den Beweis hiefür in einem höchst merkwürdigen
    Phänomen, welches zugleich unseren Befunden ein bedeutendes
    praktisches Interesse verschafft.

    Wir fanden nämlich, anfangs zu unserer grössten Ueber-
    raschung, dass die einzelnen hysterischen Sym-
    ptome sogleich und ohne Wiederkehr ver-
    schwanden, wenn es gelungen war, die Er-
    innerung an den veranlassenden Vorgang zu
    voller Helligkeit zu erwecken, damit auch
    den begleitenden Affect wachzurufen, und
    wenn dann der Kranke den Vorgang in mög-
    lichst ausführlicher Weise schilderte und
    dem Affect Worte gab. Affectloses Erinnern ist fast
    immer völlig wirkungslos; der psychische Process, der ursprüng-
    lich abgelaufen war, muss so lebhaft als möglich wiederholt,
    in statum nascendi gebracht und dann „ausgesprochen“ werden.
    Dabei treten, wenn es sich um Reizerscheinungen handelt,
    diese: Krämpfe, Neuralgien, Hallucinationen — noch einmal
    in voller Intensität auf und schwinden dann für immer.
    Functionsausfälle, Lähmungen und Anästhesien schwinden
    ebenso, natürlich ohne dass ihre momentane Steigerung deut-
    lich wäre.1)

    Der Verdacht liegt nahe, es handle sich dabei um eine
    unbeabsichtigte Suggestion; der Kranke erwarte, durch die
    Procedur von seinem Leiden befreit zu werden und diese Er-
    wartung, nicht das Aussprechen selbst, sei der wirkende Factor.
    Allein, dem ist nicht so; die erste Beobachtung dieser Art, bei
    welcher ein höchst verwickelter Fall von Hysterie auf solche
    Weise analysirt und die gesondert verursachten Symptome auch
    gesondert behoben wurden, stammt aus dem Jahre 1881, also aus


    1) Die Möglichkeit einer solchen Therapie haben Delboeuf und
    Binet klar erkannt, wie die beifolgenden Citate zeigen: Delboeuf,
    Le magnétisme animal, Paris 1889: „On s'expliquerait dès lors comment
    le magnétiseur aide à la guérison. Il remet le sujet dans l'état où le mal
    s'est manifesté et combat par la parole le même mal, mais renaissant.“
    — Binet, Les altérations de la personnalité, 1892, p. 243: „.... peut-
    être verra-t-on qu'en reportant le malade par un artifice mental, au moment
    même où le symptôme a apparu pour la première fois, on rend ce malade
    plus docile à une suggestion curative.“ — In dem interessanten Buche von
    P. Janet: L'automatisme psychologique, Paris 1889, findet sich die Be-
    schreibung einer Heilung, welche bei einem hysterischen Mädchen durch
    Anwendung eines dem unserigen analogen Verfahrens erzielt wurde.

    „vorsuggestiver“ Zeit, wurde durch spontane Autohypnosen der
    Kranken ermöglicht und bereitete dem Beobachter die grösste
    Ueberraschung.

    In Umkehrung des Satzes: cessante causa cessat effectus,
    dürfen wir wohl aus diesen Beobachtungen schliessen: der ver-
    anlassende Vorgang wirke in irgend einer Weise noch nach
    Jahren fort, nicht indirect durch Vermittlung einer Kette von
    causalen Zwischengliedern, sondern unmittelbar als auslösende
    Ursache, wie etwa ein im wachen Bewusstsein erinnerter psychi-
    scher Schmerz noch in später Zeit die Thränensecretion hervor-
    ruft: der Hysterische leide grösstentheils an
    Reminiscenzen.2)

    II.

    Es erscheint zunächst wunderlich, dass längst vergangene
    Erlebnisse so intensiv wirken sollen; dass die Erinnerungen an
    sie nicht der Cinsur unterliegen sollen; der wir doch alle unsere
    Erinnerungen verfallen sehen. Vielleicht gewinnen wir durch
    folgende Erwägungen einiges Verständniss für diese Thatsachen.

    Das Verblassen oder Affectloswerden einer Erinnerung
    hängt von mehreren Factoren ab. Vor Allem ist dafür von
    Wichtigkeit, ob auf das afficirende Ereigniss
    energisch reagirt wurde oder nicht. Wir ver-
    stehen hier unter Reaction die ganze Reihe willkürlicher und
    unwillkürlicher Reflexe, in denen sich erfahrungsgemäss die
    Affecte entladen: vom Weinen bis zum Racheact. Erfolgt
    diese Reaction in genügendem Ausmasse, so schwindet da-
    durch ein grosser Theil des Affectes; unsere Sprache bezeugt
    diese Thatsache der täglichen Beobachtung durch die Ausdrücke
    „sich austoben, ausweinen“ u. dgl. Wird die Reaction unter-
    drückt, so bleibt der Affect mit der Erinnerung verbunden. Eine
    Beleidigung, die vergolten ist, wenn auch nur durch Worte,
    wird anders erinnert, als eine, die hingenommen werden musste.
    Die Sprache anerkennt auch diesen Unterschied in den psychi-
    schen und körperlichen Folgen und bezeichnet höchst charakte-
    ristischer Weise eben das schweigend erduldete Leiden als
    „Kränkung“. — Die Reaction des Geschädigten auf das Trauma
    hat eigentlich nur dann eine völlig „kathartische“ Wirkung,
    wenn sie eine adäquate Reaction ist, wie die Rache. Aber in
    der Sprache findet der Mensch ein Surrogat für die That, mit
    dessen Hilfe der Affect nahezu ebenso „abreagirt“ werden
    kann. In anderen Fällen ist das Reden eben selbst der adäquate
    Reflex, als Klage und als Aussprache für die Pein eines Ge-
    heimnisses (Beichte!). Wenn solche Reaction durch That,
    Worte, in leichtesten Fällen durch Weinen nicht erfolgt, so
    behält die Erinnerung an den Vorfall zunächst die affective
    Betonung.

    Das „Abreagiren“ ist indess nicht die einzige Art der
    Erledigung, welche dem normalen psychischen Mechanismus
    des Gesunden zur Verfügung steht, wenn er ein psychisches
    Trauma erfahren hat. Die Erinnerung daran, tritt, auch wenn
    sie nicht abreagirt wurde, in den grossen Complex der
    Association ein, sie reagirt dann neben anderen, vielleicht ihr
    widersprechenden Erlebnissen, erleidet eine Correctur durch
    andere Vorstellungen. Nach einem Unfall z. B. gesellt sich zu
    der Erinnerung an die Gefahr und zu der (abgeschwächten)
    Wiederholung des Schreckens die Erinnerung des weiteren Ver-
    laufes, der Rettung, das Bewusstsein der jetzigen Sicherheit.
    Die Erinnerung an eine Kränkung wird corrigirt durch Richtig-
    stellung der Thatsachen, durch Erwägungen der eigenen Würde
    u. dgl., und so gelingt es dem normalen Menschen durch
    Leistungen der Association den begleitenden Affect zum Ver-
    schwinden zu bringen.

    Dazu tritt dann jenes allgemeine Verwischen der Eindrücke,
    jenes Abblassen der Erinnerungen, welches wir „vergessen“ nennen
    und das vor Allem die affectiv nicht mehr wirksamen Vor-
    stellungen usurpirt.

    Aus unseren Beobachtungen geht nun hervor, dass jene
    Erinnerungen, welche zu Veranlassungen hysterischer Phänomene


    2) Wir können im Texte dieser vorläufigen Mittheilung nicht sondern,
    was am Inhalte derselben neu ist, und was sich bei anderen Autoren wie
    Moebius und Strümpell findet, die ähnliche Anschauungen für die
    Hysterie vertreten haben. Die grösste Annäherung an unsere theoretischen
    und therapeutischen Ausführungen fanden wir in einigen gelegentlich publi-
    cirten Bemerkungen Benedikt's, mit denen wir uns an anderer Stelle
    beschäftigen werden.

  • S.
    Nr. 3 „Wiener Medizinische Blätter“ Seite 35

    geworden sind, sich in wunderbarer Frische und mit ihrer
    vollen Affectbetonung durch lange Zeit erhalten haben. Wir
    müssen aber als eine weitere auffällige und späterhin verwerth-
    bare Thatsache erwähnen, dass die Kranken nicht etwa über
    diese Erinnerungen wie über andere ihres Lebens verfügen. Im
    Gegentheile, diese Erlebnisse fehlen dem Gedächt-
    niss der Kranken in ihrem gewöhnlichen
    psychischen Zustande völlig oder sind nur
    höchst summarisch darin vorhanden. Erst wenn
    man die Kranken in der Hypnose befragt, stellen sich diese
    Erinnerungen mit der unverminderten Lebhaftigkeit frischer
    Geschehnisse ein.

    So reproducirte eine unserer Kranken in der Hypnose ein
    halbes Jahr hindurch mit hallucinatorischer Lebhaftigkeit Alles,
    was sie an denselben Tagen des vorhergegangenen Jahres
    (während einer acuten Hysterie) erregt hatte; ein ihr unbe-
    kanntes Tagebuch der Mutter bezeugte die tadellose Richtigkeit
    der Reproduction. Eine andere Kranke durchlebte theils in der
    Hypnose, theils in spontanen Anfällen mit hallucinatorischer
    Deutlichkeit alle Ereignisse einer vor zehn Jahren durch-
    gemachten hysterischen Psychose, für welche sie bis zum
    Momente des Wiederauftauchens grösstentheils amnestisch ge-
    wesen war. Auch einzelne ätiologisch wichtige Erinnerungen
    von 15—25jährigem Bestande erwiesen sich bei ihr von erstaun-
    licher Intactheit und sinnlicher Stärke und wirkten bei ihrer
    Wiederkehr mit der vollen Affectkraft neuer Erlebnisse.

    Den Grund hiefür können wir nur darin suchen, dass
    diese Erinnerungen in allen oben erörterten Beziehungen zur
    Usur eine Ausnahmestellung einnehmen. Es zeigt sich
    nämlich, dass diese Erinnerungen Traumen
    entsprechen, welche nicht genügend „ab-
    reagirt“ worden sind, und bei näherem Eingehen auf
    die Gründe, welche dieses verhindert haben, können wir
    mindestens zwei Reihen von Bedingungen auffinden, unter
    denen die Reaction auf das Trauma unterblieben ist.

    Zur ersten Gruppe rechnen wir jene Fälle, in denen die
    Kranken auf psychische Traumen nicht reagirt haben, weil die
    Natur des Traumas eine Reaction ausschloss, wie beim un-
    ersetzlich erscheinenden Verlust einer geliebten Person, oder weil
    die socialen Verhältnisse eine Reaction unmöglich machten,
    oder weil es sich um Dinge handelte, die der Kranke vergessen
    wollte, die er darum absichtlich aus seinem bewussten Denken
    verdrängte, hemmte und unterdrückte. Gerade solche peinliche
    Dinge findet man dann in der Hypnose als Grundlage hyste-
    rischer Phänomene (hysterische Delirien der Heiligen und
    Nonnen, der enthaltsamen Frauen, der wohlerzogenen Kinder).

    Die zweite Reihe von Bedingungen wird nicht durch den
    Inhalt der Erinnerungen, sondern durch die psychischen Zu-
    stände bestimmt, mit welchen die entsprechenden Erlebnisse
    beim Kranken zusammengetroffen haben. Als Veranlassung
    hysterischer Symptome findet man nämlich in der Hypnose auch
    Vorstellungen, welche, an sich nicht bedeutungsvoll, ihre
    Erhaltung dem Umstande danken, dass sie in schweren,
    lähmenden Affecten, wie z. B. Schreck, entstanden sind, oder
    direct in abnormen psychischen Zuständen wie im halbhypno-
    tischen Dämmerzustand des Wachträumens, in Autohypnosen
    u. dgl. Hier ist es die Natur dieser Zustände, welche eine
    Reaction auf das Geschehniss unmöglich machte.

    Beiderlei Bedingungen können natürlich auch zusammen-
    treffen und treffen in der That oftmals zusammen. Dies ist der
    Fall, wenn ein an sich wirksames Trauma in einen Zustand
    von schwerem, lähmendem Affect oder von verändertem Be-
    wusstsein fällt, es scheint aber auch so zuzugehen, dass durch
    das psychische Trauma bei vielen Personen einer jener abnormen
    Zustände hervorgerufen wird, welcher dann seinerseits die
    Reaction unmöglich macht.

    Beiden Gruppen von Bedingungen ist aber gemeinsam,
    dass die nicht durch Reaction erledigten psychischen Traumen
    auch der Erledigung durch associative Verarbeitung entbehren
    müssen. In der ersten Gruppe ist es der Vorsatz der Kranken,
    welcher an die peinlichen Erlebnisse vergessen will und die-
    selben somit möglichst von der Association ausschliesst; in der
    zweiten Gruppe gelingt diese associative Verarbeitung darum
    nicht, weil zwischen dem normalen Bewusstseinszustand und
    den pathologischen, in denen diese Vorstellungen entstanden
    sind, eine ausgiebige associative Verknüpfung nicht besteht.

    Wir werden sofort Anlass haben, auf diese Verhältnisse weiter
    einzugehen.

    Man darf also sagen, dass die pathogen
    gewordenen Vorstellungen sich darum so
    frisch und affectkräftig erhalten, weil ihnen
    die normale Usur durch Abreagiren und durch
    Reproduction in Zuständen ungehemmter
    Association versagt ist.

    (Schluss folgt.)