C. Theoretischer Teil1905-003/1905/M3
  • S.

    C. Theoretischer Teil.

    VI. Die Beziehung des Witzes zum Traum und zum
    Unbewußten.

        Zu Ende des Abschnittes, der sich mit der Aufdeckung der
    Witztechnik beschäftigte, haben wir (S. 72) ausgesprochen, daß die
    Vorgänge der Verdichtung mit und ohne Ersatzbildung, der Ver-
    schiebung, der Darstellung durch Widersinn, durch das Gegenteil,
    der indirekten Darstellung u. a., welche wir an der Herstellung
    des Witzes beteiligt fanden, eine sehr weitgehende Übereinstim-
    mung mit den Vorgängen der „Traumarbeit“ zeigen, und haben
    uns vorbehalten, einerseits diese Ähnlichkeiten sorgfältiger zu
    studieren, anderseits das Gemeinsame von Witz und Traum, welches
    sich solcher Art anzudeuten scheint, zu erforschen. Die Ausführung
    dieser Vergleichung wäre uns sehr erleichtert, wenn wir das eine
    der Verglichenen — die „Traumarbeit“ — als bekannt annehmen
    dürften. Wir tun aber wahrscheinlich besser daran, diese Annahme
    nicht zu machen; ich habe den Eindruck empfangen, als ob meine
    im Jahre 1900 veröffentlichte „Traumdeutung“ mehr „Verblüffung“
    als „Erleuchtung“ bei den Fachgenossen hervorgerufen hätte, und
    weiß, daß weitere Leserkreise sich damit begnügt haben, den
    Inhalt des Buches auf ein Schlagwort („Wunscherfüllung“) zu
    reduzieren, das sich leicht behalten und bequem mißbrauchen läßt.

        In der fortgesetzten Beschäftigung mit den dort behandelten
    Problemen, zu der mir meine ärztliche Tätigkeit als Psychotherapeut
    reichlich Anlaß gibt, bin ich aber auf nichts gestoßen, was eine
    Veränderung oder Verbesserung meiner Gedankengänge von mir
    gefordert hätte, und kann darum in Ruhe abwarten, bis das Ver-
    ständnis der Leser mir nachgekommen ist, oder bis eine einsichtige
    Kritik mir die Grundirrtümer meiner Auffassung nachgewiesen hat.
    Zum Zwecke der Vergleichung mit dem Witze werde ich hier das
    Notwendigste über den Traum und die Traumarbeit in gedrängter
    Kürze wiederholen.

        Wir kennen den Traum aus der uns meist fragmentarisch
    scheinenden Erinnerung, die sich nach dem Erwachen an ihn
    einstellt. Er ist dann ein Gefüge von meist visuellen (aber auch

  • S.

    136 VI, Die Beziehung des Witzes zum Traum.

    andersartigen) Sinneseindriicken, die uns ein Erleben vorgetåuscht
    haben, und unter welche Denkvorgånge (das „Wissen” im Traum)
    und AffektiuBerungen gemengt sein mögen. Was wir so als
    Traum erinnern, das heiße ich den ,manifesten Traum-
    inhalt“. Derselbe ist häufig völlig absurd und verworren, andere
    Male nur das Eine oder das Andere; aber auch wenn er ganz
    kohårent ist wie in manchen Angsttriumen steht er unserem
    Seelenleben als etwas Fremdes gegeniiber, von dessen Herkunft
    man sich keine Rechenschaft zu geben vermag. Die Aufklirung
    fiir diese Charaktere des Traumes wurde bisher in ihm selbst
    gesucht, indem man dieselben als Anzeichen einer unordentlichen,
    dissoziierten und sozusagen ,,verschlafenen“ Tätigkeit der nervósen
    Elemente ansah.

    Dagegen habe ich gezeigt, daB der so sonderbare , manifeste"
    Trauminhalt regelmäßig verständlich gemacht werden kann als die
    verstümmelte und abgeånderte Umschrift gewisser korrekter psy-
    chischer Bildungen, die den Namen ,latente Traumgedan-
    ken" verdienen. Man verschafft sich die Kenntnis derselben,
    indem man den manifesten Trauminhalt ohne Rücksicht auf seinen
    etwaigen scheinbaren Sinn in seine Bestandteile zerlegt, und dann
    die Assoziationsfáden verfolgt, die von jedem der nun isolierten
    Elemente ausgehen. Diese verflechten sich mit einander und
    leiten endlich zu einem Gefüge von Gedanken, welche nicht nur
    völlig korrekt sind, sondern auch leicht in den uns bekannten
    Zusammenhang unserer seelischen Vorgänge eingereiht werden.
    Auf dem Wege dieser „Analyse“ hat der Trauminhalt all seine
    uns befremdenden Sonderbarkeiten abgestreift; wenn uns aber die
    Analyse gelingen soll, müssen wir während derselben die kritischen
    Einwendungen, die sich unausgesetzt gegen die Reproduktion der
    einzelnen vermittelnden Assoziationen erheben, standhaft zurück-
    weisen.

    Aus der Vergleichung des erinnerten manifesten Trauminhalts
    mit den so gefundenen latenten Traumgedanken ergibt sich der
    Begriff der ,/Traumarbeit". Als Traumarbeit wird die ganze Summe
    der umwandelnden Vorgünge zu bezeichnen sein, welche die
    latenten Traumgedanken in den manifesten Traum überführt haben.
    An der Traumarbeit haftet nun das Befremden, welches vorhin
    der Traum in uns erregt hatte. :

    Die Leistung der Traumarbeit kann aber folgender Art be-
    schrieben werden: Ein meist sehr kompliziertes Gefüge von Ge-
    danken, welches während des Tages aufgebaut worden ist und
    nicht zur Erledigung gefiihrt wurde, — ein Tagesrest — halt

  • S.

    Die Traumarbeit. 137

    auch während der Nacht den von ihm in Anspruch genommenen
    Energiebetrag — das Interesse — fest und droht eine Störung
    des Schlafes. Dieser Tagesrest wird durch die Traumarbeit in
    einen Traum verwandelt und fiir den Schlaf unschådlich gemacht.
    Um der Traumarbeit einen Angriffspunkt zu bieten, muB der Tages-
    rest wunschbildungsfåhig sein, eine nicht eben schwer ‏שטק‎ 6
    Bedingung. Der aus den Traumgedanken hervorgehende Wunsch
    bildet dic Vorstufe und spåter den Kern des Traumes. Die aus
    den Analysen stammende Erfahrung — nicht die Theorie des
    Traumes — sagt uns, daB beim Kinde ein beliebiger vom Wachleben
    erübrigter Wunsch hinreicht, einen Traum hervorzurufen, der dann
    zusammenhångend und sinnreich, meist aber kurz ausfällt und
    leicht als ,,Wunscherfiillung“ erkannt wird. Beim Erwachsenen
    scheint es allgemein giiltige Bedingung fiir den traumschaffenden
    Wunsch, daß er dem bewuBten Denken fremd, also ein verdrångter
    Wunsch sei, oder doch, daß er dem Bewußtsein unbekannte Ver-
    stirkungen haben könne. Ohne Annahme des UnbewuBten in
    dem oben dargelegten Sinne wüßte ich die Theorie des Traumes
    nicht weiter zu entwickeln und das Erfahrungsmaterial der Traum-
    analysen nicht zu deuten. Die Einwirkung dieses unbewuBten
    Wunsches auf das bewuBtseinskorrekte Material der Traumgedanken
    ergibt nun den Traum. Letzteres wird dabei gleichsam in's Un-
    bewuBte herabgezogen, genauer gesagt, einer Behandlung aus-
    gesetzt, wie sie auf der Stufe der unbewuBten Denkvorgånge vor-
    kómmlich und für diese Stufe charakteristisch ist. Wir kennen
    die Charaktere des unbewuBten Denkens und dessen Unterschiede
    vom bewuBbtseinsfähigen „vorbewußten‘“ bisher nur aus den Er-
    gebnissen eben der ,,Traumarbeit".

    Eine neuartige, nicht einfache und den Denkgewohnheiten
    widersprechende Lehre kann bei gedrångter Darstellung an Klar-
    heit kaum gewinnen. Ich kann mit diesen Auseinandersetzungen
    also nichts anderes bezwecken, als auf die ausfiihrlichere Behand-
    lung des UnbewuBten in meiner „Traumdeutung“ und auf die mir
    höchst bedeutungsvoll erscheinenden Arbeiten von Lipps zu ver-
    weisen. Ich weiB, daB wer im Banne einer guten philosophischen
    Schulbildung steht oder entfernt von einem sog. philosophischen
    System abhångt, der Annahme des ,UnbewuBt Psychischen" in
    Lipps' und meinem Sinne widerstrebt und dessen Unmöglichkeit
    am liebsten, aus der Definition des Psychischen beweisen möchte,
    Aber Definitionen sind konventionell und lassen sich abändern.
    Ich habe häufig die Erfahrung gemacht, daß Personen, welche
    das UnbewuBte als absurd oder unmoglich bestreiten, ihre Ein-

  • S.

    138 VI. Die Beziehung des Witzes zum Traum.

    driicke nicht an den Quellen geholt hatten, aus denen wenigstens
    für mich die Nötigung zur Anerkennung desselben geflossen ist.
    Diese Gegner des UnbewuDten hatten nie den Effekt einer post-
    hypnotischen Suggestion mitangesehen, und was ich ihnen als
    Probe aus meinen Analysen bei nicht hypnotisierten Neurotikern
    mitteilte, versetzte sie in das größte Erstaunen. Sie hatten nie
    den Gedanken realisiert, daß das UnbewuBte etwas ist, was man
    wirklich nicht weiß, während man durch zwingende Schlüsse ge-
    nôtigt wird, es zu ergänzen, sondern etwas BewuBtseinsfåhiges dar-
    unter verstanden, an was man gerade nicht gedacht hatte, was nicht
    im „Blickpunkt der Aufmerksamkeit“ stand. Sie hatten auch nie
    versucht, sich von der Existenz solcher unbewuBter Gedanken in
    ihrem eigenen Seelenleben durch eine Analyse eines eigenen
    Traumes zu überzeugen, und wenn ich eine solche mit ihnen ver-
    suchte, konnten sie ihre eigenen Einfille nur mit Verwunderung
    und Verwirrtheit aufnehmen. Ich habe auch den Eindruck be-
    kommen, daß der Annahme des ,UnbewuBten" wesentlich Affekt-
    widerstånde im Wege stehen, darin begründet, daß niemand sein
    Unbewußtes kennen lernen will, wo es dann am bequemsten ist,
    dessen Möglichkeit überhaupt zu leugnen.

    Die Traumarbeit also, zu der ich nach dieser Abschweifung
    zurückkehre, setzt das in den Optativ gebrachte Gedankenmaterial
    einer ganz eigentümlichen Bearbeitung aus. Zunächst macht sie
    den Schritt vom Optativ zum Präsens, ersetzt das: „O möchte
    doch‘ — durch ein: Es ist. Dies „Es ist" ist zur halluzinatorischen
    Darstellung bestimmt, was ich als die , Regression" der Traum-
    arbeit bezeichnet habe; der Weg von den Gedanken zu den
    Wahrnehmungsbildern, oder wenn man mit Bezug auf die noch
    unbekannte — nicht anatomisch zu verstehende — Topik des
    seelischen Apparats sprechen will, von der Gegend der Denk-
    bildungen zu der der sinnlichen Wahrnehmungen. Auf diesem
    Wege, welcher der Entwicklungsrichtung der seelischen Kompli-
    kationen entgegengesetzt ist, gewinnen die Traumgedanken An-
    schaulichkeit; es stellt sich schlieBlich eine plastische Situation
    heraus als Kern des manifesten „Traumbildes”. Um solche
    sinnliche Darstellbarkeit zu erreichen, haben die Traumgedanken
    eingreifende Umgestaltungen ihres Ausdrucks erfahren müssen.
    Aber während der Rückverwandlung der Gedanken in Sinnes-
    bilder treten noch weitere Veränderungen an ihnen auf, die zum
    Teil als notwendige begreiflich, zum anderen Teil überraschend
    sind, Als notwendigen Nebenerfolg der Regression begreift man,
    daß fast alle Relationen innerhalb der Gedanken, welche die-

  • S.

    Verdichtung und Verschiebung in der Traumarbeit, 139

    selben gegliedert haben, für den manifesten Traum verloren gehen.
    Die Traumarbeit übernimmt sozusagen nur das Rohmaterial der
    Vorstellunger zur Darstellung, nicht auch die Denkbeziehungen,
    die sie gegen einander einhielten, oder sie wahrt sich wenigstens
    die Freiheit, von diesen letzteren abzusehen. Hingegen können
    wir ein anderes Stück der Traumarbeit nicht von der Regression,
    der Rückverwandlung in Sinnesbilder, ableiten, gerade jenes, welches
    uns für die Analogie mit der Witzbildung bedeutsam ist. Das
    Material der Traumgedanken erfährt während der Traumarbeit
    eine ganz außerordentliche Zusammendrängung oder Verdich.
    tung. Ausgangspunkte derselben sind die Gemeinsamkeiten, die
    sich zufällig oder dem Inhalt gemäß innerhalb der Traumgedanken
    vorfinden; da dieselben für eine ausgiebige Verdichtung in der
    Regel nicht hinreichen, werden in der Traumarbeit neue, künst-
    liche und flüchtige, Gemeinsamkeiten geschaffen, und zu diesem
    Zwecke werden mit Vorliebe selbst Worte benützt, in deren Laut
    verschiedene Bedeutungen zusammentreffen. Die neugeschaffenen
    Verdichtungsgemeinsamen gehen wie Repräsentanten der Traum-
    gedanken in den manifesten Trauminhalt ein, so daß ein Element
    des Traumes einem Knoten- und Kreuzungspunkt für die Traum-
    gedanken entspricht und mit Rücksicht auf die letzteren ganz
    allgemein ,überdeterminiert" genannt werden muß, Die Tatsache
    der Verdichtung ist dasjenige Stück der Traumarbeit, welches sich
    am leichtesten erkennen läßt; es genügt, den aufgeschriebenen
    Wortlaut eines Traumes mit der Niederschrift der durch Analyse
    gewonnener Traumgedanken zu vergleichen, um sich von der
    Ausgiebigkeit der Traumverdichtung einen guten Eindruck zu holen.

    Minder bequem ist es, sich von der zweiten groBen' Veránde-
    rung, welche durch die Traumarbeit an den Traumgedanken be-
    wirkt wird, zu überzeugen, von jenem Vorgang, den ich die Traum-
    verschiebung genannt habe. Dieselbe äußert sich darin,
    daB im manifesten Traum zentral steht und mit großer sinnlicher
    Intensität auftritt, was in den Traumgedanken peripherisch lag
    und nebensáchlich war; und ebenso umgekehrt. Der Traum er-
    scheint dadurch gegen die Traumgedanken verschoben, und gerade
    durch diese Verschiebung wird erreicht, daß er dem wachen
    Seelenleben fremd und unverständlich entgegentritt. Damit solche
    Verschiebung zu stande kam, mußte es möglich sein, daß die
    Besetzungsenergie von den wichtigen Vorstellungen ungehemmt
    auf die unwichtigen übergehe, was im normalen bewuBtseins-
    fähigen Denken nur den Eindruck eines ,,Denkfehlers“ hervor-
    rufen kann.

  • S.

    140 VI. Die Beziehung des Witzes zum Traum.

    Umwandlung zur Darstellungsfåhigkeit, Verdichtung und Ver-
    schiebung sind die drei groBen Leistungen, die wir der Traum-
    arbeit zuschreiben diirfen. Eine vierte, in der Traumdeutung viel-
    leicht zu kurz gewiirdigte, kommt fiir unsere Zwecke hier nicht
    in Betracht. Bei einer konsequenten Ausführung der Ideen von
    der „Тор! des seelischen Apparats und der „Regression“ — und
    nur eine solche wiirde diese Arbeitshypothesen wertvoll machen
    — müßte man zu bestimmen versuchen, an welchen Stationen
    der Regression die verschiedenen Umwandlungen der Traum-
    gedanken vor sich gehen. Dieser Versuch ist noch nicht ernst-
    haft unternommen worden; es låBt sich aber wenigstens von der
    Verschiebung mit Sicherheit angeben, daß sie an dem Gedanken-
    material erfolgen muB, wåhrend es sich auf der Stufe der un-
    bewuBten Vorgånge befindet. Die Verdichtung wird man sich
    wahrscheinlich als einen über den ganzen Verlauf sich erstrecken-
    den Vorgang bis zum Anlangen in der Wahrnehmungsregion vor-
    zustellen haben, im allgemeinen aber sich mit der Annahme einer
    gleichzeitig erfolgenden Wirkung aller bei der Traumbildung be-
    teiligten Kråfte begniigen. Bei der Zuriickhaltung, die man ver-
    ståndigerweise in der Behandlung solcher Probleme bewahren muß,
    und mit Rücksicht auf die hier nicht zu erórternden prinzipiellen
    Bedenken solcher Fragestellung, möchte ich mich etwa der Auf.
    stellung getrauen, daß der den Traum vorbereitende Vorgang der
    Traumarbeit in die Region des Unbewußten zu verlegen ist. Im
    ganzen wären also bei der Traumbildung, grob genommen, drei
    Stadien zu unterscheiden: erstens die Versetzung der vorbewußten
    Tagesreste in’s Unbewußte, woran die Bedingungen des Schlaf-
    zustandes' mitbeteiligt sein müßten, sodann die eigentliche Traum-
    arbeit im Unbewußten, und drittens die Regression des so be-
    arbeiteten Traummaterials auf die Wahrnehmung, als welche der
    Traum bewußt wird.

    Als Kräfte, welche bei der Traumbildung beteiligt sind, lassen
    sich erkennen: Der Wunsch zu schlafen, die den Tagesresten
    nach der Erniedrigung durch den Schlafzustand noch verbliebene
    Energiebesetzung, die psychische Energie des traumbildenden un-
    bewußten Wunsches und die widerstrebende Kraft der im Wachleben
    herrschenden, während des Schlafes nicht völlig aufgehobenen,
    „Zensur“. Aufgabe der Traumbildung ist es vor allem, die Hem-
    mung der Zensur zu überwinden, und gerade diese Aufgabe wird
    durch die Verschiebungen der psychischen Energie innerhalb des
    Materials der Traumgedanken gelöst.

    Nun erinnern wir uns, welchen AnlaB wir hatten, bei der

  • S.

    Die Formel für die Witzarbeit, 141

    Untersuchung des Witzes an den Traum zu denken. Wir fanden,
    daß Charakter und Wirkung des Witzes an gewisse Ausdrucks-
    formen, technische Mittel, gebunden sind, unter denen die ver-
    schiedenen Arten der Verdichtung, Verschiebung und indirekten
    Darstellung am auffälligsten sind. Vorgänge, die zu den näm-
    lichen Ergebnissen, Verdichtung, Verschiebung und indirekter Dar-
    stellung führen, sind uns aber als Eigentümlichkeiten der Traum-
    arbeit bekannt geworden. Wird uns durch diese Übereinstimmung
    nicht der Schluß nahe gelegt, daß Witzarbeit und Traumarbeit
    in wenigstens einem wesentlichen Punkte identisch sein müssen?
    Die Traumarbeit liegt, wie ich meine, in ihren wichtigsten Charak-
    teren. entschleiert vor uns; von den psychischen Vorgängen beim
    Witze ist uns gerade jenes Stück verhüllt, welches wir der Traum-
    arbeit vergleichen. dürfen, der Vorgang der Witzbildung bei der
    ersten. Person. Sollen wir nicht der Versuchung nachgeben, diesen
    Vorgang nach der Analogie der Traumbildung zu konstruieren?
    Einige der Züge des Traumes sind dem Witze so fremd, daß wir
    auch das ihnen entsprechende Stück der Traumarbeit nicht auf
    die Witzbildung übertragen dürfen. Die Regression des Gedanken-
    ganges zur Wahrnehmung fällt für den Witz sicherlich weg; die
    beiden anderen Stadien der Traumbildung aber, das Herabsinken
    eines vorbewußten Gedankens zum Unbewußten und die unbewußte
    Bearbeitung würden uns, wenn wir sie für die Witzbildung sup-
    ponieren, gerade das Ergebnis liefern, das wir am Witze beobachten
    können. Entschließen wir uns also zur Annahme, daß dies der
    Hergang der Witzbildung bei der ersten Person ist. Ein vor-
    bewußter Gedanke wird für einen Moment der un-
    bewußten Bearbeitung überlassen, und deren Er-
    gebnis alsbald von der bewußten Wahrnehmung
    erfaßt.

    Ehe wir aber diese Aufstellung im Einzelnen prüfen, wollen
    wir eines Einwandes gedenken, welcher unserer Voraussetzung
    bedrohlich werden kann. Wir gehen von der Tatsache aus, daß
    die Techniken des Witzes auf dieselben Vorgänge hindeuten,
    welche uns als Eigentümlichkeiten der Traumarbeit bekannt sind,
    Nun ist es leicht dawider zu sagen, daß wir die Techniken des
    Witzes nicht als Verdichtung, Verschiebung usw. beschrieben hätten
    und nicht zu so weit gehenden Übereinstimmungen in den Darstel-
    lungsmitteln von Witz und Traum gelangt wären, wenn nicht die
    vorherige Kenntnis der Traumarbeit unsere Auffassung für die
    Witztechnik bestochen hätte, so daß wir im Grunde am Witz nur
    die Erwartungen bestätigt finden, mit denen wir vom Traum

  • S.

    142 VI, Die Beziehung des Witzes zum Unbewuften

    her an ihn herangetreten sind. Eine solche Genese der Uber-
    einstimmung wire keine sichere Gewähr für ihren Bestand auBer-
    halb unseres Vorurteils. Die Gesichtspunkte der Verdichtung,
    Verschiebung, indirekten Darstellung sind auch wirklich von keinem
    anderen Autor für die Ausdrucksformen des Witzes geltend ge-
    macht worden. Das wäre ein möglicher Einwand, aber darum
    noch kein berechtigter. Es kann ebensowohl sein, daß die Schär-
    fung unserer Auffassung durch die Kenntnis der Traumarbeit un-
    entbehrlich wäre, um die reale Übereinstimmung zu erkennen.
    Die Entscheidung wird doch nur davon abhängen, ob die prüfende
    Kritik solche Auffassung der Witztechnik an den einzelnen Bei-
    spielen als eine aufgezwungene nachweisen kann, zu deren Gunsten
    andere näher liegende und tiefer reichende Auffassungen unter-
    drückt worden sind, oder ob sie zugeben muß; daß die Erwartungen
    vom Traum her sich am Witz wirklich bestätigen lassen. Ich
    bin der Meinung, daß wir solche Kritik nicht zu fürchten haben
    und daß unser Reduktionsverfahren (siehe S. ı3) uns verläßlich
    angezeigt hat, in welchen Ausdrucksformen die Techniken des
    Witzes zu suchen waren. Daß wir diesen Techniken Namen ge-
    geben hatten, welche das Ergebnis der Übereinstimmung von
    Witztechnik und Traumarbeit bereits antizipierten, dies war unser
    gutes Recht, eigentlich nichts anderes als eine leicht zu recht-
    fertigende Vereinfachung.

    Ein anderer Einwand träfe unsere Sache nicht so schwer,
    wäre aber auch nicht so gründlich zu widerlegen. Man könnte
    meinen, daß die zu unseren Absichten so gut stimmenden Tech-
    niken des Witzes zwar Anerkennung verdienen, aber doch nicht
    alle möglichen oder in der Praxis verwendeten Techniken des
    Witzes wären. Wir hätten eben von dem Vorbild der Traum-
    arbeit beeinflußt nur die zu ihr passenden Witztechniken heraus-
    gesucht, während andere, von uns übersehene, eine solche Über-
    einstimmung als nicht allgemein vorhanden erwiesen hätten. Ich
    getraue mich nun wirklich nicht der Behauptung, daß es mir
    gelungen ist, alle im Umlauf befindlichen Witze in Bezug auf
    ihre Technik aufzuklären, und lasse darum die Möglichkeit offen,
    daß meine Aufzählung der Witztechniken manche Unvollständig-
    keit erkennen lassen wird, aber ich habe keine Art der Technik,
    die mir durchsichtig wurde, absichtlich von der Erörterung aus-
    geschlossen und kann die Behauptung vertreten, daß die häufigsten,
    wichtigsten, am meisten charakteristischen technischen Mittel des
    Witzes sich meiner Aufmerksamkeit nicht entzogen haben.

    Der Witz besitzt noch einen anderen Charakter, welcher sich

  • S.

    Der Witz als Einfall. 143

    unserer vom Traum herstammenden Auffassung der Witzarbeit
    befriedigend fügt. Man sagt zwar, daß man den Witz „macht“,
    aber man verspürt, daß man sich dabei anders benimmt, als wenn
    man ein Urteil fällt, einen Einwand macht. Der Witz hat in
    ganz hervorragender Weise den Charakter eines ungewollten „Ein-
    falls", Man weiß nicht etwa einen Moment vorher, welchen Witz
    man machen wird, den man dann nur in Worte zu kleiden braucht.
    Man verspiirt vielmehr etwas Undefinierbares, das ich am ehesten
    einer Absenz, einem plötzlichen Auslassen der intellektuellen
    Spannung vergleichen möchte, und dann ist der Witz mit einem
    Schlage da, meist gleichzeitig mit seiner Einkleidung. Manche
    der Mittel des Witzes finden auch außerhalb desselben im Ge-
    dankenausdruck Verwendung, z. B. das Gleichnis und die An-
    spielung. Ich kann eine Anspielung absichtlich machen wollen.
    Dabei habe ich zuerst den direkten Ausdruck meines Gedankens
    im Sinne (im inneren Héren), ich hemme mich in der AuBerung
    desselben durch ein der Situation entsprechendes Bedenken, nehme
    mir beinahe vor, den direkten Ausdruck durch eine Form des
    indirekten Ausdrucks zu ersetzen und bringe dann eine Anspielung
    hervor; aber die so entstandene, unter meiner fortlaufenden Kon-
    trolle gebildete Anspielung ist niemals witzig, so brauchbar sie
    auch sonst sein mag; die witzige Anspielung hingegen erscheint,
    ohne daß ich diese vorbereitenden Stadien in meinem Denken
    verfolgen konnte, Ich will nicht zuviel Wert auf dies Verhalten
    legen; es ist kaum entscheidend, aber es stimmt doch gut zu
    unserer Annahme, daß man bei der Witzbildung einen Gedanken-
    gang für einen Moment fallen läßt, der dann plötzlich als Witz
    aus dem Unbewußten auftaucht.

    Witze zeigen auch assoziativ ein besonderes Benehmen. Sie
    stehen unserem Gedächtnis häufig nicht zur Verfügung, wenn wir
    sie wollen, stellen sich dafür andere Male wie ungewollt ein, und
    zwar an Stellen unseres Gedankenganges, wo wir ihre Einflechtung
    nicht verstehen. Es sind dies wiederum nur kleine Züge, aber
    immerhin Hinweise auf ihre Abkunft aus dem UnbewuBten.

    Suchen wir nun die Charaktere des Witzes zusammen, die
    sich auf seine Bildung im Unbewußten beziehen lassen. Da ist
    vor allem die eigentümliche Kürze des Witzes, ein zwar nicht
    unerläßliches, aber ungemein bezeichnendes Merkmal desselben.
    Als wir ihr zuerst begegneten, waren wir geneigt, einen Ausdruck
    sparender Tendenzen in ihr zu sehen, entwerteten aber diese Auf-
    fassung selbst durch nahe liegende Einwendungen. Sie erscheint
    uns jetzt vielmehr als ein Zeichen der unbewußten Bearbeitung,

  • S.

    144 VI. Die Beziehung des Witzes zum Unbewuften.

    welche der Witzgedanke erfahren hat. Das ihr beim Traum ent-
    sprechende, die Verdichtung, können wir nämlich mit keinem
    anderen Moment als mit der Lokalisation im Unbewußten zusammen-
    bringen und müssen annehmen, daß im unbewußten Denkvorgang
    die im Vorbewußten fehlenden Bedingungen für solche Verdich-
    tungen gegeben sind.*) Es steht zu erwarten, daß beim Ver-
    dichtungsvorgang einige der ihm unterworfenen Elemente verloren
    gehen, während andere, welche deren Besetzungsenergie über-
    nehmen, durch die Verdichtung erstarken oder überstark auf-
    gebaut werden. Die Kürze des Witzes wäre also wie die des
    Traumes eine notwendige Begleiterscheinung der in beiden vor-
    kommenden Verdichtungen, beide Male ein Ergebnis des Ver-
    dichtungsvorganges. Dieser Herkunft verdankte auch die Kürze
    des Witzes ihren besonderen, nicht weiter angebbaren, aber der
    Empfindung auffälligen Charakter,

    Wir haben vorhin (S. 104) das eine Ergebnis der Verdichtung,
    die mehrfache Verwendung desselben Materials, das Wortspiel, den
    Gleichklang, als lokalisierte Ersparung aufgefaßt und die Lust,
    die der (harmlose) Witz schafft, aus solcher Ersparung abgeleitet;
    späterhin haben wir die ursprünglichste Absicht des Witzes darin
    gefunden, derartigen Lustgewinn an Worten zu machen, was ihm
    auf der Stufe des Spieles unverwehrt war, im Verlaufe der in-
    tellektuellen Entwicklung aber durch die vernünftige Kritik ein-
    gedämmt wurde. Nun haben wir uns zu der Annahme entschlossen,
    daß derartige Verdichtungen, wie sie der Technik des Witzes
    dienen, automatisch, ohne besondere Absicht, während des Denk-
    vorganges im Unbewußten entstehen. Liegen da nicht zwei ver-
    schiedene Auffassungen derselben Tatsache vor, die mit einander
    unverträglich scheinen. Ich glaube nicht; es sind allerdings zwei
    verschiedene Auffassungen, und sie verlangen mit einander in
    Einklang gebracht zu werden, aber sie widersprechen einander
    nicht, Die eine ist bloß der anderen fremd, und wenn wir eine
    Beziehung zwischen ihnen hergestellt haben, werden wir wahr-
    scheinlich um ein Stück Erkenntnis weiter gekommen sein. Daß
    solche Verdichtungen Quellen von Lustgewinn sind, verträgt sich
    sehr wohl mit der Voraussetzung, daß sie im Unbewußten leicht

    *) Die Verdichtung als regelmäßigen und bedeutungsvollen Vorgang
    habe ich außer bei der Traumarbeit und Witztechnik noch in einem
    anderen seelischen Geschehen nachweisen können, beim Mechanismus des
    normalen (nicht tendenziösen) Vergessens. Singuläre Eindrücke setzen
    dem Vergessen Schwierigkeiten entgegen; irgendwie analoge werden
    vergessen, indem sie von ihren Berührungspunkten aus verdichtet werden,
    Die Verwechslung analoger Eindrücke ist eine der Vorstufen des Vergessens,

  • S.

    Das Unbewußte und das Infantile, 145

    die Bedingungen zu ihrer Entstehung finden; wir sehen im
    Gegenteile die Motivierung für das Eintauchen in’s Unbewußte
    in dem Umstande, daß dort die lustbringende Verdichtung, welcher
    der Witz bedarf, sich leicht ergibt. Auch zwei andere Momente,
    welche für die erste Betrachtung einander völlig fremd scheinen
    und wie durch einen unerwünschten Zufall zusammentreffen, werden
    sich bei tieferem Eingehen als innig verknüpft, ja wesenseinig
    erkennen lassen. Ich meine die beiden Aufstellungen, daß der
    Witz einerseits während seiner Entwicklung auf der Stufe des
    Spieles, also im Kindesalter der Vernunft, solche lustbringende
    Verdichtungen hervorbringen konnte, und daß er anderseits auf
    höheren Stufen dieselbe Leistung durch das Eintauchen des Ge-
    dankens in’s Unbewußte vollbringt. Das Infantile ist nämlich die
    Quelle des Unbewußten, die unbewußten Denkvorgänge sind keine
    anderen, als welche im Kindesalter einzig und allein hergestellt
    werden. Der Gedanke, der zum Zwecke der Witzbildung in’s
    Unbewußte eintaucht, sucht dort nur die alte Heimstätte des
    einstigen Spieles mit Worten auf. Das Denken wird für einen
    Moment auf die kindliche Stufe zurückversetzt, um so der kind-
    lichen Lustquelle wieder habhaft zu werden. Wüßte man es nicht
    bereits aus der Erforschung der Neurosenpsychologie, so müßte
    man beim Witz auf die Ahnung geraten, daß die sonderbare
    unbewuBte Bearbeitung nichts anderes als der infantile Typus der
    Denkarbeit ist. Es ist bloß nicht sehr leicht, dieses infantile
    Denken mit seinen im Unbewubten des Erwachsenen erhaltenen
    Eigentümlichkeiten beim Kinde zu erhaschen, weil es meist so-
    zusagen in statu nascendi korrigiert wird. In einer Reihe von
    Fällen gelingt es aber doch, und dann lachen wir jedesmal über
    die ,,Kinderdummheit*. Jede Aufdeckung eines solchen Unbewufi-
    ten wirkt auf uns überhaupt als ,,komisch“.*)

    Leichter zu fassen sind die Charaktere dieser unbewubten
    Denkvorginge in den Äußerungen der Kranken bei manchen
    psychischen Störungen, Es ist sehr wahrscheinlich, daB wir nach
    des alten Griesinger Vermutung im stande wiren, die Delirien
    der Geisteskranken zu verstehen und als Mitteilungen zu verwerten,
    wenn wir nicht die Anforderungen des bewußten Denkens an sie

    *) Viele meiner neurotischen, in psychoanalytischer Behandlung stehen-
    den Patienten pflegen regelmäßig durch ein Lachen zu bezeugen, daß es
    gelungen ist, ihrer bewufiten Wahrnehmung das verhüllte Unbewufite ge-
    treulich zu zeigen, und sie lachen auch dann, wenn der Inhalt des Ent-
    hüllten es keineswegs rechtfertigen würde, Bedingung dafür ist allerdings,
    daß sie diesem Unbewufiten nahe genug gekommen sind, um es zu
    erfassen, wenn der Arzt es erraten und ihnen vorgeführt hat.

    Freud, Der Witz, 10

  • S.

    146 VI. Die Beziehung des Witzes zum Traum.

    stellen, sondern sie mit unserer Deutungskunst behandeln würden
    wie etwa die Tråume.%) Auch fiir den Traum haben wir ja
    seinerzeit. die „Rückkehr des Seelenlebens auf den embryonalen
    Standpunkt" zur Geltung gebracht.**)

    Wir haben an den Verdichtungsvorgingen die Bedeutung der
    Analogie von Witz und Traum so eingehend erörtert, daß wir
    uns im folgenden kürzer fassen dürfen, Wir wissen, daß die
    Verschiebungen bei der Traumarbeit auf die Einwirkung der
    Zensur des bewußten Denkens hindeuten, und werden demgemäß,
    wenn wir die Verschiebung unter den Techniken des Witzes
    begegnen, geneigt sein anzunehmen, daß auch bei der Witzbildung
    eine hemmende Macht eine Rolle spielt. Wir wissen auch bereits,
    daß dies ganz allgemein der Fall ist; das Bestreben des Witzes,
    die alte Lust am Unsinn oder die alte Wortlust zu gewinnen,
    findet bei normaler Stimmung an dem Einspruch der kritischen
    Vernunft eine Hemmung, die für jeden Einzelfall überwunden
    werden muß. Aber in der Art und Weise, wie die Witzarbeit
    diese Aufgabe löst, zeigt sich ein durchgreifender Unterschied
    zwischen dem Witz und dem Traum. In der Traumarbeit geschieht
    die Lösung dieser Aufgabe regelmäßig durch Verschiebungen,
    durch die Auswahl von Vorstellungen, welche weit genug entfernt
    von den beanstandeten sind, um Durchlaß bei der Zensur zu
    finden, und doch Abkömmlinge dieser sind, deren psychische Be-
    setzung sie durch volle Übertragung auf sich übernommen haben.
    Die Verschiebungen fehlen darum bei keinem Traum und sind weit
    umfassender; nicht nur die Ablenkungen vom Gedankengang,
    sondern auch alle Arten der indirekten Darstellung sind zu den
    Verschiebungen zu rechnen, insbesondere der Ersatz eines bedeut-
    samen. aber anstößigen Elements durch ein indifferentes, aber
    der Zensur harmlos erscheinendes, welches wie eine entfernteste
    Anspielung an das erstere steht, der Ersatz durch eine Symbolik,
    ein Gleichnis, ein Kleines. Es ist nicht abzuweisen, daß Stücke
    dieser indirekten Darstellung bereits in den vorbewußten Gedanken
    des Traumes zu stande kommen, so z. B. die symbolische und
    die Gleichnisdarstellung, weil sonst der Gedanke es überhaupt nicht
    zur Stufe des vorbewußten Ausdrucks gebracht hätte. Indirekte
    Darstellungen dieser Art und Anspielungen, deren Beziehung zum
    Eigentlichen leicht auffindbar ist, sind ja zulässige und viel-
    gebrauchte Ausdrucksmittel auch in unserem bewußten Denken.

    *) Dabei dürften wir nicht vergessen, der Entstellung infolge der

    auch in der Psychose noch wirksamen Zensur Rechnung zu tragen.
    b Traumdeutung, S. 350.

    2

  • S.

    Der Unterschied der Witztechnik von der Traumtechnik. 147

    Die Traumarbeit iibertreibt aber die Anwendung dieser Mittel
    der indirekten Darstellung in's Schrankenlose. Jede Art von Zu-
    sammenhang wird unter dem Drucke der Zensur zum Ersatz
    durch Anspielung gut genug, die Verschiebung von einem Ele-
    ment her ist auf jedes andere gestattet, Ganz besonders auffällig
    und fiir die Traumarbeit charakteristisch ist die Ersetzung der
    inneren Assoziationen (Ähnlichkeit, Kausalzusammenhang usw.)
    durch die sog. äußeren (Gleichzeitigkeit, Kontiguität im Raum,
    Gleichklang).

    Alle diese Verschiebungsmittel kommen auch als Techniken
    des Witzes vor, aber wenn sie vorkommen, halten sie zumeist
    die Grenzen ein, die ihrer Anwendung im bewußten Denken ge-
    zogen sind, und sie können überhaupt fehlen, obwohl ja auch der
    Witz regelmäßig eine Hemmungsaufgabe zu erledigen hat. Man
    versteht dies Zuriicktreten der Verschiebungen bei der Witz-
    arbeit, wenn man sich erinnert, daß dem Witz ganz allgemein
    eine andere Technik zu Gebote steht, mit welcher er sich der
    Hemmung erwehrt, ja daß wir nichts gefunden haben, was
    charakteristischer für ihn wäre als gerade diese Technik. Der
    Witz schafft nämlich nicht Kompromisse wie der Traum, er weicht
    der Hemmung nicht aus, sondern er besteht darauf, das Spiel
    mit dem Wort oder dem Unsinn unverändert zu erhalten, be-
    schränkt sich aber auf die Auswahl von Fällen, in denen dieses
    Spiel oder dieser Unsinn doch gleichzeitig zulässig (Scherz) oder
    sinnreich (Witz) erscheinen kann, Dank der Vieldeutigkeit der
    Worte und der Mannigfaltigkeit der Denkrelationen. Nichts
    scheidet den Witz besser von allen anderen psychischen Bildungen
    als diese seine Doppelseitigkeit und Doppelzüngigkeit, und wenig-
    stens von dieser Seite haben sich die Autoren durch die Betonung des
    „Sinnes im Unsinn" der Erkenntnis des Witzes am meisten genåhert.

    Bei der ausnahmslosen Vorherrschaft dieser dem Witz be-
    sonderen Technik zur Überwindung seiner Hemmungen könnte
    man es überflüssig finden, daß er sich überhaupt noch der Ver-
    schiebungstechnik in einzelnen Fällen bedient, allein einerseits
    bleiben gewisse Arten dieser Technik als Ziele und Lustquellen
    für den Witz wertvoll, wie z. B. die eigentliche Verschiebung
    (Gedankenablenkung), die ja die Natur des Unsinns teilt, ander-
    seits darf man nicht vergessen, daß die höchste Stufe des Witzes,
    der tendenziöse Witz, häufig zweierlei Hemmungen zu überwinden
    hat, die ihm selbst und die seiner Tendenz entgegenstehenden,
    (S. 83) und daß die Anspielungen und Verschiebungen ihm die
    letztere Aufgabe zu ermöglichen geeignet sind.

    10*

  • S.

    148 VI. Die Beziehung des Witzes zum Traum.

    Die reichliche und zügellose Anwendung der indirekten Dar-
    stellung, der Verschiebungen und insbesondere Anspielungen in
    der Traumarbeit hat eine Folge, die ich nicht ihrer eigenen Be-
    deutung wegen erwähne, sondern weil sie der subjektive Anlaß
    für mich wurde, mich mit dem Problem des Witzes zu beschäftigen.
    Wenn man einem Unkundigen oder Ungewóhnten eine Traum-
    analyse mitteilt, in welcher also die sonderbaren, dem Wachdenken
    anstóBigen Wege der Anspielungen und Verschiebungen dargelegt
    werden, deren sich die Traumarbeit bedient hat, so unterliegt der
    Leser einem ihm unbehaglichen Eindruck, erklärt diese Deu-
    tungen für „witzig”, erblickt aber in ihnen offenbar nicht ge-
    lungene Witze, sondern gezwungene und irgendwie gegen .die
    Regeln des Witzes verstoßende. Dieser Eindruck ist nun leicht
    aufzuklären: er rührt daher, daß die Traumarbeit mit denselben
    Mitteln arbeitet wie der Witz, aber in der Anwendung derselben
    die Grenzen überschreitet, welche der Witz einhält. Wir werden
    auch alsbald hören, daß der Witz infolge der Rolle der dritten
    Person an eine gewisse Bedingung gebunden ist, welche den
    Traum nicht berührt.

    Ein gewisses Interesse nehmen unter den Techniken, die
    Witz und Traum gemeinsam sind, die Darstellung durch das
    Gegenteil und die Verwendung des Widersinnes in Anspruch. Die
    erstere gehört zu den kräftig wirkenden Mitteln des Witzes, wie
    wir unter anderen an den Beispielen von »Uberbietungswitz" er-
    sehen konnten (S. 57). Die Darstellung durch's Gegenteil ver-
    mochte sich iibrigens der bewuBten Aufmerksamkeit nicht wie die
    meisten anderen Witztechniken zu entziehen; wer den Mechanis-
    mus der Witzarbeit bei sich möglichst absichtlich in Tätigkeit zu
    bringen sucht, der habituelle Witzling, pflegt bald herauszufinden,
    daß man auf eine Behauptung am leichtesten mit einem Witz
    erwidert, wenn man deren Gegenteil festhålt und es dem Einfall
    überläBt, den gegen dies Gegenteil zu befürchtenden Einspruch
    durch eine Umdeutung zu beseitigen. Vielleicht verdankt die Dar-
    stellung durch's Gegenteil solche Bevorzugung dem Umstande, daB
    sie den Kern einer anderen lustbringenden Ausdrucksweise des
    Gedankens bildet, fiir deren Verståndnis wir das UnbewuBte
    nicht zu bemiihen brauchen Ich meine die Ironie, die sich
    dem Witze sehr annåhert und zu den Unterarten der Komik ge-
    rechnet wird. Ihr Wesen besteht darin, das Gegenteil von dem,
    was man dem Anderen mitzuteilen beabsichtigt, auszusagen, diesem
    aber den Widerspruch dadurch zu ersparen, daB man im Ton-
    fall, in den begleitenden Gesten, in kleinen stilistischen Anzeichen

  • S.

                                    Die Ironie. — Der Negativismus.                        149

    — wenn es sich um schriftliche Darstellung handelt — zu ver-
    stehen gibt, man meine selbst das Gegenteil seiner Aussage. Die
    Ironie ist nur dort anwendbar, wo der Andere das Gegenteil zu
    hören vorbereitet ist, so daß seine Neigung zum Widerspruch nicht
    ausbleiben kann. Infolge dieser Bedingtheit ist die Ironie der
    Gefahr, nicht verstanden zu werden, besonders leicht ausgesetzt.
    Sie bringt der sie anwendenden Person den Vorteil, daß sie die
    Schwierigkeiten direkter Äußerungen, z. B. bei Invektiven, leicht um-
    gehen läßt; bei dem Hörer erzeugt sie komische Lust, wahr-
    scheinlich, indem sie ihn zu einem Widerspruchsaufwand bewegt,
    der sofort als überflüssig erkannt wird. Ein solcher Vergleich
    des Witzes mit einer ihm nahe stehenden Gattung des Komischen
    mag uns in der Annahme bestärken, daß die Beziehung zum
    Unbewußten das dem Witz Besondere ist, das ihn vielleicht auch
    von der Komik scheidet.*)

        In der Traumarbeit fällt der Darstellung durch's Gegenteil
    eine noch weit größere Rolle zu als beim Witz. Der Traum
    liebt es nicht nur, zwei Gegensätze durch ein und dasselbe Misch-
    gebilde darzustellen; er verwandelt auch so häufig ein Ding aus
    den Traumgedanken in sein Gegenteil, daß hieraus der Deutungs-
    arbeit eine große Schwierigkeit erwächst. „Man weiß zunächst
    von keinem eines Gegenteils fähigen Elemente, ob es in den
    Traumgedanken positiv oder negativ enthalten ist.**)

        Ich muß hervorheben, daß diese Tatsache noch keineswegs
    Verständnis gefunden hat. Sie scheint aber einen wichtigen
    Charakter des unbewußten Denkens anzudeuten, dem aller Wahr-
    scheinlichkeit nach ein dem „Urteilen“ vergleichbarer Vorgang
    abgeht. An Stelle der Urteilsverwerfung findet man im Un-
    bewußten die „Verdrängung“. Die Verdrängung kann wohl
    richtig als die Zwischenstufe zwischen dem Abwehrreflex und der
    Verurteilung beschrieben werden.***)

        Der Unsinn, die Absurdität, die so häufig im Traum vor-
    kommt und ihm soviel unverdiente Verachtung zugezogen hat, ist

    —————————————————

        *) Auf der Scheidung von Aussage und begleitenden Gebärden (im
    weitesten Sinne) beruht auch der Charakter der Komik, der als ihre
    „Trockenheit“ bezeichnet wird.
        **) Traumdeutung, S. 218.
        ***) Dies höchst merkwürdige und immer noch ungenügend erkannte
    Verhalten der Gegensatzrelation im Unbewußten ist wohl nicht ohne Wert
    für das Verständnis des „Negativismus“ bei Neurotikern und Geistes-
    kranken. (Vgl. die beiden letzten Arbeiten darüber: Bleuler, Über die
    negative Suggestibilität, Psych.-Neurol. Wochenschrift, 1904, und Otto
    Groß, Zur Differentialdiagnostik negativistischer Phänomene, ebda.)

  • S.

    150 VI. Die Beziehung des Witzes zum Traum.

    doch niemals zufällig durch die Zusammenwiirfelung von Vor-
    stellungselementen entstanden, sondern jedesmal als von der
    Traumarbeit absichtlich zugelassen nachzuweisen und zur Dar-
    stellung von erbitterter Kritik und verächtlichem Widerspruch
    innerhalb der Traumgedanken bestimmt. Die Absurditåt des
    Trauminhalts ersetzt also das Urteil: Es ist ein Unsinn, in den
    Traumgedanken. Ich habe, in meiner , Traumdeutung" großen
    Nachdruck auf diesen Nachweis gelegt, weil ich den Irrtum, der
    Traum sei iiberhaupt kein psychisches Phånomen, der den Weg
    zur Erkenntnis des UnbewuDten versperrt, auf diese Weise am
    eindringlichsten zu bekåmpfen gedachte. Wir haben nun erfahren
    (bei der Auflösung gewisser tendenziôser Witze, S. 44), daß der
    Unsinn im Witze den gleichen Zwecken der Darstellung dienst-
    bar gemacht wird. Wir wissen auch, daB eine unsinnige Fassade
    des Witzes ganz besonders geeignet ist, den psychischen Aufwand
    bei dem Hører zu steigern und somit auch den zur Abfuhr durch
    Lachen frei werdenden Betrag zu erhöhen. Außerdem aber wollen
    wir nicht daran vergessen, daß der Unsinn im Witz Selbstzweck
    ist, da die Absicht, die alte Lust am Unsinn wiederzugewinnen,
    zu den Motiven der Witzarbeit gehört. Es gibt andere Wege,
    um den Unsinn wiederzugewinnen und Lust aus ihm zu ziehen;
    Karikatur, Übertreibung, Parodie und Travestie bedienen sich der-
    selben und schaffen so den „komischen Unsinn“. Unterwerfen
    wir diese Ausdrucksformen einer ähnlichen Analyse, wie wir sie
    am Witz geübt haben, so werden wir finden, daß sich bei ihnen
    allen keir. Anlaß ergibt, unbewußte Vorgänge in unserem Sinne
    zur Erklärung heranzuziehen. Wir verstehen nun auch, warum
    der Charakter des ,,Witzigen" zur Karikatur, Übertreibung, Paro-
    die als Zutat hinzukommen kann; es ist die Verschiedenheit des
    „psychischen Schauplatzes“, die dies ermöglicht.*)

    Ich meine, die Verlegung der Witzarbeit in das System des
    UnbewuBten ist uns um ein ganzes Stiick wertvoller geworden,
    seitdem sie uns das Verständnis fiir die Tatsache eröffnet hat,
    daB dic Techniken, an denen der Witz doch haftet, anderseits
    nicht sein ausschlieBliches Gut sind. Manche Zweifel, die wir
    wåhrend unserer anfånglichen Untersuchung dieser Techniken
    für's nächste zurückstellen ‚mußten, finden nun ihre bequeme
    Losung. Um so mehr verdient unsere Wiirdigung ein Bedenken,
    welches uns sagen möchte, daß die unleugbar vorhandene Be-
    ziehung des Witzes zum UnbewuBten nur fiir gewisse Kategorien

    *) Ein fiir meine Auffassung bedeutsam gewordener Ausdruck von
    G. Th, Fechner,

    dea,

  • S.

    Das Unbewußte als der psychische Schauplatz der Witzarbeit. 151

    des tendenziösen Witzes richtig ist, während wir bereit sind, die-
    selbe auf alle Arten und Entwicklungsstufen des Witzes auszu-
    dehnen. Wir dürfen uns der Prüfung dieses Einwandes nicht
    entziehen.

    Der sichere Fall der Witzbildung im Unbewußten ist anzu-
    nehmen, wenn es sich um Witze im Dienste unbewußter oder
    durch’s Unbewußte verstärkter Tendenzen handelt, also bei den
    meisten ,zynischen" Witzen. Dann zieht nämlich die unbewuBte
    Tendenz den vorbewußten Gedanken zu sich herab in’s Unbewußte,
    um ihn dort umzuformen, ein Vorgang, zu welchem das Studium
    der Neurosenpsychologie zahlreiche Analogien kennen gelehrt hat.
    Bei den tendenziösen Witzen anderer Art, beim harmlosen Witz
    und beim Scherz scheint aber diese herabziehende Kraft weg-
    zufallen, steht also die Beziehung des Witzes zum Unbewußten
    in Frage.

    Fassen wir aber nun den Fall des witzigen Ausdrucks eines
    an sich nicht wertlosen, im Zusammenhange der Denkvorgånge
    auftauchenden Gedankens in’s Auge. Um diesen Gedanken zum
    Witz werden zu lassen, bedarf es offenbar einer Auswahl unter
    den möglichen Ausdrucksformen, damit gerade jene gefunden
    werde, welche den Wortlustgewinn mit sich bringt. Wir wissen
    aus unserer Selbstbeobachtung, daß nicht die bewuBte Aufmerk-
    samkeit diese Auswahl trifft; es wird ‘derselben aber gewiß zu
    gute kommen, wenn die Besetzung des vorbewuBten Gedankens
    zur unbewuBten erniedrigt wird, denn im Unbewußten werden die
    vom Wort ausgehenden Verbindungswege, wie wir aus der Traum-
    arbeit erfahren haben, den Sachverbindungen gleichartig behandelt.
    Die unbewuBte Besetzung bietet der Auswahl des Ausdrucks die
    weitaus günstigeren Bedingungen. Wir können übrigens ohne
    weiteres annehmen, daß die Ausdrucksmöglichkeit, welche den
    Wortlustgewinn enthält, in ähnlicher Weise herabziehend auf die
    noch schwankende Fassung des vorbewußten Gedankens wirkt wie
    im ersteren Falle die unbewußte Tendenz. Für den simpleren
    Fall des Scherzes dürfen wir uns vorstellen, daß eine allzeit
    Jauernde Absicht, den Wortlustgewinn zu erreichen, sich des An-
    lasses, der gerade im VorbewuBten gegeben ist, bemächtigt, um
    wiederum nach dem bekannten Schema den Besetzungsvorgang
    in’s Unbewußte zu ziehen,

    Ich wünschte gern, daß es mir möglich wäre, diesen einen
    entscheidenden Punkt in meiner Auffassung des Witzes einerseits
    klarer darzulegen, anderseits mit zwingenden Argumenten zu ver-
    stärken. Aber es handelt sich hier in Wahrheit nicht um ein

  • S.

    152 VI. Die Beziehung des Witzes zum Unbewuften.

    zweifaches, sondern um ein und das nämliche MiBlingen. Ich
    kann eine klarere Darstellung nicht geben, weil ich keine weiteren
    Beweise fiir meine Auffassung habe. Dieselbe ist mir aus dem
    Studium der Technik und aus dem Vergleich mit der Traum-
    arbeit erwachsen, und zwar nur von dieser einen Seite her; ich
    kann dann finden, daB sie den Eigentiimlichkeiten des Witzes
    im ganzen vortrefflich angepaßt ist. Diese Auffassung ist nun
    eine erschlossene; gelangt man mit solchem SchluB nicht auf ein be-
    kanntes, sondern vielmehr auf ein fremdes, dem Denken neuartiges
    Gebiet, so nennt man den Schluß eine „Hypothese“ und läßt mit
    Recht die Beziehung der Hypothese zu dem Material, aus dem
    sie erschlossen ist, nicht als „Beweis“ gelten. Als „bewiesen” gilt
    diese erst dann, wenn man auch auf anderem Wege zu ihr ge-
    langen, sie als den Knotenpunkt auch anderer Zusammenhånge
    aufzeigen kann. Solcher Beweis ist aber bei unserer kaum erst
    beginnenden Kenntnis der unbewuBten Vorgänge nicht zu haben.
    In der Erkenntnis, daB wir auf einem iiberhaupt noch nicht be-
    tretenen Boden stehen, begniigen wir uns also damit, von unserem
    Standpunkt der Beobachtung ein einziges, schmales und schwankes,
    Brett in's Unergriindete hinaus zu schieben.

    Wir werden nicht viel auf dieser Grundlage aufbauen. Bringen
    wir die verschiedenen Stufen des Witzes in Beziehung zu den
    fiir sie günstigen seelischen Dispositionen, so können wir etwa
    sagen: Der Scherz entspringt aus der heiteren Stimmung, der
    eine Neigung zur Herabminderung der seelischen Besetzungen
    cigentiimlich scheint. Er bedient sich bereits aller charakteristi-
    schen Techniken des Witzes und erfüllt bereits die Grundbedingung
    desselben durch die Auswahl eines solchen Wortmaterials oder einer
    solchen Gedankenverkniipfung, wie sie sowohl den Anforderungen
    der Lustgewinnung als auch denen der verståndigen Kritik geniigen.
    Wir werden schließen, daß das Herabsinken der Gedankenbesetzung
    zur unbewuBten Stufe, durch die heitere Stimmung erleichert, schon
    beim Scherz zutreffe, Fiir den harmlosen, aber mit dem Aus-
    druck eines wertvollen Gedankens verkniipften Witz fållt diese
    Förderung durch die Stimmung weg; wir bedürfen hier der An-
    nahme einer besonderen persönlichen Eignung, die in der
    Leichtigkeit zum Ausdruck kommt, mit welcher die vorbewuBte
    Besetzung fallen gelassen und für einen Moment mit der unbewuB-
    ten vertauscht wird. Eine stets lauernde Tendenz, den urspriing-
    lichen Lustgewinn des Witzes zu erneuern, wirkt hiebei
    herabzichend auf den noch schwankenden vorbewuBten Ausdruck
    des Gedankens. In heiterer Stimmung sind wohl die meisten

  • S.

    Unterschiede von Witz und Traum. 153

    Menschen fähig, Scherze zu produzieren; die Eignung zum Witz
    ist nur bei wenigen Personen unabhängig von der Stimmung
    vorhanden. Endlich wirkt als kriftigste Anregung zur Witzarbeit
    das Vorhandensein starker, bis in's Unbewußte reichender Ten-
    denzen, die eine besondere Eignung zur witzigen Produktion dar-
    stellen und uns erklären mögen, daß die subjektiven Bedingungen
    des Witzes so häufig bei neurotischen Personen erfüllt sind. Unter
    dem Einfluß starker Tendenzen kann auch der sonst Ungeeignete
    witzig werden.

    Mit diesem letzten Beitrag, der wenn auch hypothetisch ge-
    bliebenen Aufklärung der Witzarbeit bei der ersten Person, ist aber
    unser Interesse am Witz streng genommen erledigt. Es erübrigt
    uns etwa noch eine kurze Vergleichung des Witzes mit dem
    besser bekannten Traum, der wir die Erwartung vorausschicken
    werden, daB zwei so verschiedenartige seelische Leistungen neben
    der einen bereits gewiirdigten Ubereinstimmung nur noch Unter-
    schiede erkennen lassen diirften. Der wichtigste Unterschied
    liegt in ihrem sozialen Verhalten. Der Traum ist ein vollkommen
    asoziales seelisches Produkt; er hat einem Anderen nichts mit-
    zuteilen; innerhalb einer Person als KompromiB der in ihr ringen-
    den seelischen Kråfte entstanden, bleibt er dieser Person selbst
    unverständlich und ist darum fiir eine andere völlig uninteressant.
    Nicht nur, daB er keinen Wert auf Verståndlichkeit zu legen
    braucht, er muß sich sogar hüten verstanden zu werden, da er
    sonst zerstört würde; er kann nur in der Vermummung bestehen.
    Er darf sich darum ungehindert des Mechanismus, der die un-
    bewulten Denkvorgänge beherrscht, bis zu einer nicht mehr
    redressierbaren Entstellung bedienen. Der Witz dagegen ist die
    sozialste aller auf Lustgewinn zielenden seelischen Leistungen.
    Er benötigt oftmals dreier Personen und verlangt seine Vollendung
    durch die Teilnahme eines Anderen an dem von ihm angeregten
    seelischen Vorgange. Er muß sich also an die Bedingung der
    Verständlichkeit binden, darf die im Unbewußten mögliche Ent-
    stellung durch Verdichtung und Verschiebung in keinem weiteren
    Ausmaße in Anspruch nehmen, als soweit dieselbe durch das Ver-
    ständnis der dritten Person redressierbar ist. Im übrigen sind die
    beiden, Witz und Traum, auf ganz verschiedenen Gebieten des
    Seelenlebens erwachsen und an weit von einander entlegenen
    Stellen des psychologischen Systems unterzubringen. Der Traum
    ist immer noch ein, wiewohl unkenntlich gemachter, Wunsch;
    der Witz ist ein entwickeltes Spiel. Der Traum behält trotz
    all seiner praktischen Nichtigkeit die Beziehung zu den großen

  • S.

    154 VI. Die Beziehung des Witzes zum Traum.

    Interessen des Lebens bei; er sucht die Bedürfnisse auf dem
    regressiven Umwege der Halluzination zu erfüllen, und er ver-
    dankt seine Zulassung dem einzig wihrend des Nachtzustandes
    regen Bedürfnis zu schlafen. Der Witz hingegen sucht einen
    kleinen Lustgewinn aus der bloßen, bediirfnisfreien, Tätigkeit un-
    seres seelischen Apparats zu ziehen, später einen solchen als
    Nebengewinn während der Tätigkeit desselben zu erhaschen, und
    gelangt so sekundär zu nicht unwichtigen, der Außenwelt zu-
    gewendeten Funktionen. Der Traum dient vorwiegend der Un-
    lustersparnis, der Witz dem Lusterwerb; in diesen beiden Zielen
    treffen aber alle unsere seelischen Tätigkeiten zusammen.