Die Traumdeutung1900-001/1900
  • S.

    VII.

    Zur Psychologie der Traumvorgänge.

    Unter den Träumen, die ich durch Mittheilung von Seiten
    Anderer erfahren habe, befindet sich einer, der jetzt einen ganz
    besonderen Anspruch auf unsere Beachtung erhebt. Er ist mir von
    einer Patientin erzählt worden, die ihn selbst in einer Vorlesung über
    den Traum kennen gelernt hat; seine eigentliche Quelle ist mir
    unbekannt geblieben. Jener Dame aber hat er durch seinen Inhalt
    Eindruck gemacht, denn sie hat es nicht versäumt, ihn „nachzu-
    träumen“, d. h. Elemente des Traumes in einem eigenen Traum zu
    wiederholen, um durch diese Uebertragung eine Uebereinstimmung
    in einem bestimmten Punkte auszudrücken.

    Die Vorbedingungen dieses vorbildlichen Traumes sind folgende:
    Ein Vater hat Tage und Nächte lang am Krankenbette seines Kindes
    gewacht. Nachdem das Kind gestorben, begiebt er sich in einem
    Nebenzimmer zur Ruhe, lässt aber die Thüre geöffnet, um aus seinem
    Schlafraum in jenen zu blicken, worin die Leiche des Kindes auf-
    gebahrt liegt, von grossen Kerzen umstellt. Ein alter Mann ist zur
    Wache bestellt worden und sitzt neben der Leiche, Gebete murmelnd.
    Nach einigen Stunden Schlafes träumt der Vater, dass das Kind
    an seinem Bette steht, ihn am Arme fasst und ihm vor-
    wurfsvoll zuruft: Vater, siehst Du denn nicht, dass
    ich verbrenne? Er erwacht, merkt einen hellen Lichtschein, der
    aus dem Leichenzimmer kommt, eilt hin, findet den greisen Wächter
    eingeschlummert, die Hüllen und einen Arm der theuren Leiche ver-
    brannt durch eine Kerze, die brennend auf sie gefallen war.

    Die Erklärung dieses rührenden Traumes ist einfach genug und
    wurde auch von dem Vortragenden, wie meine Patientin erzählt,
    richtig gegeben. Der helle Lichtschein drang durch die offen stehende
    Thüre in’s Auge des Schlafenden und regte denselben Schluss bei
    ihm an, den er als Wachender gezogen hätte, es sei durch Umfallen
    einer Kerze ein Brand in der Nähe der Leiche entstanden. Vielleicht
    hatte selbst der Vater die Besorgnis mit in den Schlaf hinüber-

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    298

    genommen, dass der greise Wächter seiner Aufgabe nicht gewachsen
    sein dürfte.

    Auch wir fänden an dieser Deutung nichts zu verändern, es
    sei denn, dass wir die Forderung hinzufügten, der Inhalt des Traumes
    müsse überdeterminiert, und die Rede des Kindes aus Reden zusammen-
    gesetzt sein, die es im Leben wirklich geführt, und die an dem Vater
    wichtige Ereignisse anknüpfen. Etwa die Klage: Ich verbrenne, an
    das Fieber, in dem das Kind gestorben, und die Worte: Vater, siehst
    Du denn nicht? an eine andere uns unbekannte, aber affectreiche
    Gelegenheit.

    Nachdem wir aber den Traum als einen sinnvollen, in den Zu-
    sammenhang des psychischen Geschehens einfügbaren Vorgang
    erkannt haben, werden wir uns verwundern dürfen, dass unter
    solchen Verhältnissen überhaupt ein Traum zu Stande kam, wo das
    rascheste Erwachen geboten war. Wir werden dann aufmerksam,
    dass auch dieser Traum einer Wunscherfüllung nicht entbehrt. Im
    Traum benimmt sich das todte Kind wie ein lebendes, es mahnt
    selbst den Vater, kommt an sein Bett und zieht ihn am Arm, wie
    es wahrscheinlich in jener Erinnerung that, aus welcher der
    Traum das erste Stück der Rede des Kindes geholt hat. Dieser
    Wunscherfüllung zu Liebe hat der Vater nun seinen Schlaf um einen
    Moment verlängert. Der Traum erhielt das Vorrecht vor der Ueber-
    legung im Wachen, weil er das Kind noch einmal lebend zeigen
    konnte. Wäre der Vater zuerst erwacht und hätte dann den Schluss
    gezogen, der ihn in's Leichenzimmer führte, so hätte er gleichsam
    das Leben des Kindes um diesen einen Moment verkürzt.

    Es kann kein Zweifel darüber sein, durch welche Eigenthüm-
    lichkeit dieser kleine Traum unser Interesse fesselt. Wir haben uns
    bisher vorwiegend darum gekümmert, worin der geheime Sinn der
    Träume besteht, auf welchem Weg derselbe gefunden wird, und
    welcher Mittel sich die Traumarbeit bedient hat, ihn zu verbergen.
    Die Aufgaben der Traumdeutung standen bis jetzt im Mittelpunkte
    unseres Blickfeldes. Und nun stossen wir auf diesen Traum, welcher
    der Deutung keine Aufgabe stellt, dessen Sinn unverhüllt gegeben
    ist, und werden aufmerksam, dass dieser Traum noch immer die
    wesentlichen Charaktere bewahrt, durch die ein Traum auffällig von
    unserem wachen Denken abweicht und unser Bedürfnis nach Er-
    klärung rege macht. Nach der Beseitigung alles dessen, was die
    Deutungsarbeit angeht, können wir erst merken, wie unvollständig
    unsere Psychologie des Traumes geblieben ist.

    Ehe wir aber mit unseren Gedanken diesen neuen Weg ein-
    schlagen, wollen wir Halt machen und zurückschauen, ob wir auf
    unserer Wanderung bis hieher nichts Wichtiges unbeachtet gelassen
    haben. Denn wir müssen uns klar darüber werden, dass die bequeme
    und behagliche Strecke unseres Weges hinter uns liegt. Bisher haben
    alle Wege, die wir gegangen sind, wenn ich nicht sehr irre, in's

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    Lichte, zur Aufklärung und zum vollen Verständnis geführt; von
    dem Moment an, da wir in die seelischen Vorgänge beim Träumen
    tiefer eindringen wollen, werden alle Pfade in’s Dunkel münden.
    Wir können es unmöglich dahin bringen, den Traum als psychischen
    Vorgang aufzuklären, denn erklären heisst auf Bekanntes zurück-
    führen, und es gibt derzeit keine psychologische Kenntnis, der wir
    unterordnen könnten, was sich aus der psychologischen Prüfung der
    Träume als Erklärungsgrund erschliessen lässt. Wir werden im
    Gegentheile genöthigt sein, eine Reihe von neuen Annahmen aufzu-
    stellen, die den Bau des seelischen Apparates und das Spiel der in
    ihm thätigen Kräfte mit Vermuthungen streifen, und die wir bedacht
    sein müssen, nicht zu weit über die erste logische Angliederung aus-
    zuspinnen, weil sonst ihr Werth sich in Unbestimmbare verläuft.
    Selbst wenn wir keinen Fehler im Schliessen begehen und alle logisch
    sich ergebenden Möglichkeiten in Rechnung ziehen, droht uns die
    wahrscheinliche Unvollständigkeit im Ansatz der Elemente mit dem
    völligen Fehlschlagen der Rechnung. Einen Aufschluss über die
    Construction und Arbeitsweise des Seeleninstrumentes wird man durch
    die sorgfältigste Untersuchung des Traumes oder einer anderen ver-
    einzelten Leistung nicht gewinnen oder wenigstens nicht begründen
    können, sondern wird zu diesem Zwecke zusammentragen müssen,
    was sich bei dem vergleichenden Studium einer ganzen Reihe von
    psychischen Leistungen als constant erforderlich herausstellt. So
    werden die psychologischen Annahmen, die wir aus der Analyse der
    Traumvorgänge schöpfen, gleichsam an einer Haltestelle warten
    müssen, bis sie den Anschluss an die Ergebnisse anderer Unter-
    suchungen gefunden haben, die von einem anderen Angriffspunkte
    her zum Kern des nämlichen Problems vordringen wollen.

    a) Das Vergessen der Träume.

    Ich meine also, wir wenden uns vorher zu einem Thema, aus
    dem sich ein bisher unbeachteter Einwand ableitet, der doch geeignet
    ist, unseren Bemühungen um die Traumdeutung den Boden zu ent-
    ziehen. Es ist uns von mehr als einer Seite vorgehalten worden,
    dass wir den Traum, den wir deuten wollen, eigentlich gar nicht
    kennen, richtiger, dass wir keine Gewähr dafür haben, ihn so zu
    kennen, wie er wirklich vorgefallen ist (vgl. Seite 31). Was wir vom
    Traum erinnern, und woran wir unsere Deutungskünste üben, das
    ist erstens verstümmelt durch die Untreue unseres Gedächtnisses, welches
    in ganz besonders hohem Grade zur Bewahrung des Traumes unfähig
    scheint, und hat vielleicht gerade die bedeutsamsten Stücke seines
    Inhaltes eingebüsst. Wir finden uns ja so oft, wenn wir unseren
    Träumen Aufmerksamkeit schenken wollen, zur Klage veranlasst,
    dass wir viel mehr geträumt haben und leider davon nichts mehr
    wissen als dies eine Bruchstück, dessen Erinnerung selbst uns eigen-

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    300

    thümlich unsicher vorkommt. Zweitens aber spricht alles dafür, dass
    unsere Erinnerung den Traum nicht nur lückenhaft, sondern auch
    ungetreu und verfälscht wiedergibt. So wie man einerseits daran
    zweifeln kann, ob das Geträumte wirklich so unzusammenhängend
    und verschwommen war, wie wir’s im Gedächtnis haben, so lässt
    sich andererseits in Zweifel ziehen, ob ein Traum so zusammen-
    hängend gewesen ist, wie wir ihn erzählen, ob wir bei dem Versuch
    der Reproduction nicht vorhandene oder durch Vergessen geschaffene
    Lücken mit willkürlich gewähltem neuen Materiale ausfüllen, den
    Traum ausschmücken, abrunden, zurichten, so dass jedes Urtheil
    unmöglich wird, was der wirkliche Inhalt unseres Traumes war. Ja
    bei einem Autor (Spitta64)) haben wir die Muthmassung gefunden,
    dass alles, was Ordnung und Zusammenhang ist, überhaupt erst bei
    dem Versuch, sich den Traum zurückzurufen, in ihn hineingetragen
    wird. So sind wir in Gefahr, dass man uns den Gegenstand selbst
    aus der Hand winde, dessen Werth zu bestimmen wir unter-
    nommen haben.

    Wir haben bei unseren Traumdeutungen bisher diese Warnun-
    gen überhört. Ja wir haben im Gegentheil in den kleinsten,
    unscheinbarsten und unsichersten Inhaltsbestandtheilen des Traumes
    die Aufforderung zur Deutung nicht minder vernehmlich gefunden,
    als in dessen deutlich und sicher erhaltenen. Im Traum von Irma’s
    Injection hiess es: Ich rufe schnell den Doctor M. herbei, und wir
    nahmen an, auch dieser kleine Zusatz wäre nicht in den Traum
    gelangt, wenn er nicht eine besondere Ableitung zuliesse. So kamen
    wir zur Geschichte jener unglücklichen Patientin, an deren Bett ich
    „schnell“ den älteren Collegen berief. In dem scheinbar absurden
    Traum, der den Unterschied von 51 und 56 als quantité négligeable
    behandelt, war die Zahl 51 mehrmal erwähnt. Anstatt dies selbst-
    verständlich oder gleichgültig zu finden, haben wir daraus auf einen
    zweiten Gedankengang in dem latenten Trauminhalt geschlossen, der
    zur Zahl 51 hinführt, und die Spur, die wir weiter verfolgten, führte
    uns zu Befürchtungen, welche 51 Jahre als Lebensgrenze hinstellen,
    im schärfsten Gegensatz zu einem dominirenden Gedankenzug, der
    prahlerisch mit den Lebensjahren um sich wirft. In dem Traume
    „Non vixit“ fand sich als unscheinbares Einschiebsel, das ich anfangs
    übersah, die Stell: „Da P. ihn nicht versteht, fragt mich
    Fl. etc.“ Als dann die Deutung stockte, griff ich auf diese Worte
    zurück, und fand von ihnen aus den Weg zu der Kinderphantasie,
    die in den Traumgedanken als intermediärer Knotenpunkt auftritt.
    Es geschah dies mittelst der Zeilen des Dichters:

    Selten habt Ihr mich verstanden,
    Selten auch verstand ich Euch,
    Nur wenn wir im Koth uns fanden,
    So verstanden wir uns gleich!

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    301

    Jede Analyse könnte mit Beispielen belegen, wie gerade die
    geringfügigsten Züge des Traumes zur Deutung unentbehrlich sind,
    und wie die Erledigung der Aufgabe verzögert wird, indem sich die
    Aufmerksamkeit solchen erst spät zuwendet. Die gleiche Würdigung
    haben wir bei der Traumdeutung jeder Nuance des sprachlichen
    Ausdruckes geschenkt, in welchem der Traum uns vorlag; ja, wenn
    uns ein unsinniger oder unzureichender Wortlaut vorgelegt wurde,
    als ob es der Anstrengung nicht gelungen wäre, den Traum in die
    richtige Fassung zu übersetzen, haben wir auch diese Mängel des
    Ausdruckes respectirt. Kurz, was nach der Meinung der Autoren
    eine willkürliche, in der Verlegenheit eilig zusammengebraute Impro-
    visation sein soll, das haben wir behandelt wie einen heiligen Text.
    Dieser Widerspruch bedarf der Aufklärung.

    Sie lautet zu unseren Gunsten, ohne darum den Autoren
    Unrecht zu geben. Vom Standpunkte unserer neu gewonnenen Ein-
    sichten über die Entstellung des Traumes vereinigen sich die Wider-
    sprüche ohne Rest. Es ist richtig, dass wir den Traum beim Versuch
    der Reproduction entstellen; wir finden darin wieder, was wir als
    die secundäre und oft mißverständliche Bearbeitung des Traumes
    durch die Instanz des normalen Denkens bezeichnet haben. Aber
    diese Entstellung ist selbst nichts anderes als ein Stück der Bear-
    beitung, welcher die Traumgedanken gesetzmässig in Folge der
    Traumcensur unterliegen. Die Autoren haben hier das manifest
    arbeitende Stück der Traumentstellung geahnt oder bemerkt; uns
    verschlägt es wenig, da wir wissen, dass eine weit ausgiebigere Ent-
    stellungsarbeit, minder leicht fassbar, den Traum bereits von den ver-
    borgenen Traumgedanken her zum Object erkoren hat. Die Autoren
    irren nur darin, dass sie die Modification des Traumes bei seinem
    Erinnern und In-Worte-Fassen für willkürlich, also für nicht weiter
    auflösbar und demnach, für geeignet halten, uns an der Erkenntnis
    des Traumes irre zu leiten. Sie unterschätzen die Determinirung
    im Psychischen. Es gibt da nichts Willkürliches. Es lässt sich
    ganz allgemein zeigen, dass ein zweiter Gedankenzug sofort die Be-
    stimmung des Elementes übernimmt, welches vom ersten unbestimmt
    gelassen wurde. Ich will mir z. B. ganz willkürlich eine Zahl ein-
    fallen lassen; es ist nicht möglich; die Zahl, die mir einfällt, ist durch
    Gedanken in mir, die meinem momentanen Vorsatz ferne stehen
    mögen, eindeutig und nothwendig bestimmt. Ebenso wenig willkürlich
    sind die Veränderungen, die der Traum bei der Redaction des
    Wachens erfährt. Sie bleiben in associativer Verknüpfung mit dem
    Inhalt, an dessen Stelle sie sich setzen, und dienen dazu, uns den
    Weg zu diesem Inhalt zu zeigen, der selbst wieder der Ersatz eines
    anderen sein mag.

    Ich pflege bei den Traumanalysen mit Patienten folgende Probe
    auf diese Behauptung nie ohne Erfolg anzustellen. Wenn mir der
    Bericht eines Traumes zuerst schwer verständlich erscheint, so bitte

  • S.

    302

    VII. Psychologie der Traumvorgänge.

    ich den Erzähler, ihn zu wiederholen. Das geschieht dann selten
    mit den nämlichen Worten. Die Stellen aber, an denen er den
    Ausdruck verändert hat, die sind mir als die schwachen Stellen der
    Traumverkleidung kenntlich gemacht worden, die dienen mir wie
    Hagen das gestickte Zeichen an Sigfrieds Gewand. Dort kann
    die Traumdeutung ansetzen. Der Erzähler ist durch meine Auf-
    forderung gewarnt worden, dass ich besondere Mühe zur Lösung
    des Traumes anzuwenden gedenke; er schützt also rasch, unter dem
    Drange des Widerstandes, die schwachen Stellen der Traumver-
    kleidung, indem er einen verrätherischen Ausdruck durch einen
    ferner abliegenden ersetzt. Er macht mich so auf den von ihm
    fallen gelassenen Ausdruck aufmerksam. Aus der Mühe, mit der die
    Traumlösung vertheidigt wird, darf ich auch auf die Sorgfalt
    schliessen, die dem Traum sein Gewand gewebt hat.

    Minder Recht haben die Autoren, wenn sie dem Zweifel, mit
    dem unser Urtheil der Traumerzählung begegnet, so sehr viel Raum
    machen. Dieser Zweifel entbehrt nämlich einer intellectuellen
    Gewähr; unser Gedächtnis kennt überhaupt keine Garantien, und
    doch unterliegen wir viel öfter, als objectiv gerechtfertigt ist, dem
    Zwange, seinen Angaben Glauben zu schenken. Der Zweifel an der
    richtigen Wiedergabe des Traumes oder einzelner Traumdaten ist
    wieder nur ein Abkömmling der Traumcensur, des Widerstandes
    gegen das Durchdringen der Traumgedanken zum Bewusstsein.
    Dieser Widerstand hat sich mit den von ihm durchgesetzten Ver-
    schiebungen und Ersetzungen nicht immer erschöpft, er heftet sich
    dann noch an das Durchgelassene als Zweifel. Wir verkennen diesen
    Zweifel um so leichter, als er die Vorsicht gebraucht, niemals insen-
    sitive Elemente des Traumes anzugreifen, sondern blos schwache und
    undeutliche. Wir wissen aber jetzt bereits, dass zwischen Traum-
    gedanken und Traum eine völlige Umwerthung aller psychischen
    Werthe stattgefunden hat; die Entstellung war nur möglich durch
    Werthentziehung, sie äussert sich regelmässig darin und begnügt
    sich gelegentlich damit. Wenn zu einem undeutlichen Element des
    Trauminhaltes noch der Zweifel hinzutritt, so können wir dem
    Fingerzeige folgend in diesem einen directeren Abkömmling eines
    der vervehmten Traumgedanken erkennen. Es ist damit, wie nach
    einer grossen Umwälzung in einer der Republiken des Alterthums
    oder der Renaissance. Die früher herrschenden edlen und mächtigen
    Familien sind nun verbannt, alle hohen Stellungen mit Empor-
    kömmlingen besetzt; in der Stadt geduldet sind nur noch ganz
    verarmte und machtlose Mitglieder oder entfernte Anhänger der
    Gestürzten. Aber auch diese geniessen nicht die vollen Bürgerrechte,
    sie werden misstrauisch überwacht. An der Stelle des Misstrauens
    im Beispiel steht in unserem Falle der Zweifel. Ich verlange darum
    bei der Analyse eines Traumes, dass man sich von der ganzen
    Scala der Sicherheitsschätzung frei mache, die leiseste Möglichkeit,

  • S.

    303

    dass etwas der oder jener Art im Traum vorgekommen sei, behandle
    wie die volle Gewissheit. So lange jemand bei der Verfolgung
    eines Traumelementes sich nicht zum Verzicht auf diese Rücksicht
    entschlossen, so lange stockt hier die Analyse. Die Geringschätzung
    für das betreffende Element hat bei dem Analysierten die psychische
    Wirkung, dass ihm von den ungewollten Vorstellungen hinter dem
    selben nichts einfallen will. Solche Wirkung ist eigentlich nicht
    selbstverständlich; es wäre nicht widersinnig, wenn jemand sagte:
    Ob dies oder jenes im Traume enthalten war, weiss ich nicht sicher;
    es fällt mir aber dabei folgendes ein. Niemals sagt er so, und gerade
    diese die Analyse störende Wirkung des Zweifels lässt ihn als einen
    Abkömmling und als ein Werkzeug des psychischen Widerstandes
    entlarven. Die Psychoanalyse ist mit Recht misstrauisch. Eine
    ihrer Regeln lautet: Was immer die Fortsetzung der Arbeit
    stört, ist ein Widerstand.

    Auch das Vergessen der Träume bleibt so lange unergründlich,
    als man nicht die Macht der psychischen Censur zu seiner Erklärung
    mit heranzieht. Die Empfindung, dass man in einer Nacht sehr viel
    geträumt und davon nur wenig behalten hat, mag in einer Reihe
    von Fällen einen anderen Sinn haben, etwa den, dass die Traumarbeit
    die Nacht hindurch spürbar vor sich gegangen ist und nur den
    einen kurzen Traum hinterlassen hat. Sonst ist an der Thatsache,
    dass man den Traum nach dem Erwachen immer mehr vergisst, ein
    Zweifel nicht möglich. Man vergisst ihn oft trotz peinlicher Be-
    mühungen ihn zu merken. Ich meine aber, so wie man in der
    Regel den Umfang dieses Vergessens überschätzt, so überschätzt man
    auch die mit der Lückenhaftigkeit des Traumes verbundene Einbusse
    an seiner Kenntnis. Alles, was das Vergessen am Trauminhalt
    gekostet hat, kann man oft durch die Analyse wieder hereinbringen;
    wenigstens in einer ganzen Anzahl von Fällen kann man von einem
    einzelnen stehen gebliebenen Brocken aus, zwar nicht den Traum –
    aber an dem liegt ja auch nichts – doch die Traumgedanken alle
    auffinden. Es verlangt einen grösseren Aufwand an Aufmerksamkeit
    und Selbstüberwindung bei der Analyse; das ist alles, zeigt aber doch
    an, dass das Vergessen des Traumes seine feindselige Absicht nicht
    verfehlt hat.

    Einen überzeugenden Beweis für die tendenziöse, dem Wider-
    stand dienende Natur des Traumvergessens*) gewinnt man bei den
    Analysen aus der Würdigung einer Vorstufe des Vergessens. Es kommt
    gar nicht selten vor, dass mitten in der Deutungsarbeit plötzlich ein
    ausgelassenes Stück des Traumes auftaucht, das als bisher vergessen
    bezeichnet wird. Dieser der Vergessenheit entrissene Traumtheil ist
    nun jedesmal der wichtigste; er liegt auf dem kürzesten Wege zur

    *)Vergl. über die Absicht beim Vergessen überhaupt meine kleine Abhandlung
    über den „psychischen Mechanismus der Vergesslichkeit“ in der Monatsschrift für
    Psychiatrie und Neurologie, 1898.

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    Traumlösung und war darum dem Widerstande am meisten ausgesetzt.
    Unter den Traumbeispielen, die ich in den Zusammenhang dieser
    Abhandlung eingestreut habe, trifft es sich einmal, dass ich so ein
    Stück Trauminhalt nachträglich einzuschalten habe. Es ist dies ein
    Reisetraum, der Rache nimmt an einer unliebenswürdigen Reise-
    gefährtin, den ich wegen seines zum Theil grob unfläthigen Inhalts
    fast ungedeutet gelassen habe. Das ausgelassene Stück lautet: Ich
    sage auf ein Buch von Schiller: It is from . . . corrigire
    mich aber, den Irrthum selbst bemerkend: It is by . . .
    Der Mann bemerkt hierauf zu seiner Schwester: „Er hat
    es ja richtig gesagt.“

    Die Selbstcorrectur im Traum, die manchen Autoren so wunderbar
    erschienen ist, verdient wohl nicht uns zu beschäftigen. Ich werde
    lieber für den Sprachirrthum im Traum das Vorbild aus meiner
    Erinnerung aufzeigen. Ich war 17jährig zum ersten Mal in England
    und einen Tag lang am Strande der Irish Sea. Ich schwelgte natürlich
    im Fang der von der Fluth zurückgelassenen Seethiere und beschäftigte
    mich gerade mit einem Seestern (der Traum beginnt mit: Hollthurn-
    Holothurien), als ein reizendes kleines Mädchen zu mir trat und mich
    fragte: Is it a starfish? Is it alive? Ich antwortete: Yes he is alive,
    schämte mich aber dann der Incorrectheit und wiederholte den Satz
    richtig. An Stelle des Sprachfehlers, den ich damals begangen habe,
    setzt nun der Traum einen anderen, in den der Deutsche ebenso leicht
    verfällt, „Das Buch ist von Schiller“, soll man nicht mit from, . . .
    sondern mit by . . . übersetzen. Dass die Traumarbeit diesen Ersatz
    vollzieht, weil from durch den Gleichklang mit dem deutschen Eigen-
    schaftswort fromm eine grossartige Verdichtung ermöglicht, das
    nimmt uns nach allem, was wir von den Absichten der Traumarbeit
    und von ihrer Rücksichtslosigkeit in der Wahl der Mittel gehört
    haben, nicht mehr Wunder. Was will aber die harmlose Erinnerung
    vom Meeresstrand im Zusammenhang des Traumes besagen? Sie
    erläutert an einem möglichst unschuldigen Beispiel, dass ich das
    Geschlechtswort am unrechten Platz gebrauche, also das Ge-
    schlechtliche (he) dort anbringe, wo es nicht hingehört. Dies
    ist allerdings einer der Schlüssel zur Lösung des Traumes. Wer dann
    noch die Ableitung des Buchtitels „Matter and Motion“ angehört
    hat (Molière im Malade Imaginaire: La matière est-elle laudable?
    — a motion of the bowels), der wird sich das Fehlende leicht
    ergänzen können.

    Ich kann übrigens den Beweis, dass das Vergessen des Traumes
    zum grossen Theil Widerstandsleistung ist, durch eine Demonstratio
    ad oculos erledigen. Ein Patient erzählt, er habe geträumt, aber den
    Traum spurlos vergessen; dann gilt er eben als nicht vorgefallen.
    Wir setzen die Arbeit fort, ich stosse auf einen Widerstand, mache
    dem Kranken etwas klar, helfe ihm durch Zureden und Drängen,
    sich mit irgend einem unangenehmen Gedanken zu versöhnen, und

  • S.

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    kaum ist das gelungen, so ruft er aus: Jetzt weiß ich auch wieder,
    was ich geträumt habe. Derselbe Widerstand, der ihn an diesem
    Tage in der Arbeit gestört hat, hat ihn auch den Traum vergessen
    lassen. Durch die Ueberwindung dieses Widerstandes habe ich den
    Traum zur Erinnerung gefördert.

    Ebenso kann sich der Patient, bei einer gewissen Stelle der
    Arbeit angelangt, an einen Traum erinnern, der vor drei, vier oder mehr
    Tagen vorgefallen ist, und bis dahin in der Vergessenheit geruht hat.

    Dass die Träume eben so wenig vergessen werden wie andere
    seelische Acte, und dass sie auch in Bezug auf ihr Haften im Gedächt-
    nis den anderen seelischen Leistungen ungeschmälert gleichzustellen sind,
    zeigt mir eine Erfahrung, die ich bei der Abfassung dieses Manuscriptes
    machen konnte. Ich hatte in meinen Notizen reichlich eigene Träume
    aufbewahrt, die ich damals aus irgend einem Grunde nur sehr unvoll-
    ständig oder auch überhaupt nicht der Deutung unterziehen konnte.
    Bei einigen derselben habe ich nun ein bis zwei Jahre später den Ver-
    such, sie zu deuten, unternommen, in der Absicht mir Material zur Illu-
    stration meiner Behauptungen zu schaffen. Dieser Versuch gelang
    mir ausnahmslos; ja ich möchte behaupten, die Deutung ging so
    lange Zeit später leichter vor sich als damals, so lange die Träume
    frische Erlebnisse waren, wofür ich als mögliche Erklärung angeben
    möchte, dass ich seither über manche Widerstände in meinem Inneren
    weggekommen bin, die mich damals störten. Ich habe bei solchen
    nachträglichen Deutungen die damaligen Ergebnisse an Traum-
    gedanken mit den heutigen, meist viel reichhaltigeren, verglichen
    und das damalige unter dem heutigen unverändert wiedergefunden.
    Ich trat meinem Erstaunen hierüber rechtzeitig in den Weg, indem
    ich mich besann, dass ich ja bei meinen Patienten längst in Uebung
    habe, Träume aus früheren Jahren, die sie mir gelegentlich erzählen,
    deuten zu lassen, als ob es Träume aus der letzten Nacht wären,
    nach demselben Verfahren und mit demselben Erfolg. Bei der
    Besprechung der Angstträume werde ich zwei Beispiele von solch’
    verspäteter Traumdeutung mittheilen. Als ich diesen Versuch zum
    ersten Male anstellte, leitete mich die berechtigte Erwartung, dass
    der Traum sich auch hier nur verhalten werde wie ein neurotisches
    Symptom. Wenn ich nämlich einen Psychoneurotiker, eine Hysterie
    etwa, mittelst Psychoanalyse behandle, so muss ich für die ersten,
    längst überwundenen Symptome seines Leidens ebenso Aufklärung
    schaffen wie für die noch heute bestehenden, die ihn zu mir geführt
    haben, und finde erstere Aufgabe nur leichter zu lösen als die heute
    dringende. Schon in den 1895 publicirten „Studien über Hysterie“
    konnte ich die Aufklärung eines ersten hysterischen Anfalles mit-
    theilen, den die mehr als 40jährige Frau in ihrem 15. Lebensjahre
    gehabt hatte.

    In loserer Anreihung will ich hier noch einiges vorbringen,
    was ich über die Deutung der Träume zu bemerken habe, und was

  • S.

    306

    vielleicht den Leser orientiren wird, der mich durch Nacharbeit an
    seinen eigenen Träumen controliren will.
    Es wird Niemand erwarten dürfen, dass ihm die Deutung seiner
    Träume mühelos in den Schoss falle. Schon zur Wahrnehmung
    endoptischer Phänomene und anderer für gewöhnlich der Aufmerk-
    samkeit entzogener Sensationen bedarf es der Uebung, obwohl kein
    psychisches Motiv sich gegen diese Gruppe von Wahrnehmungen sträubt.
    Es ist erheblich schwieriger, der „ungewollten Vorstellungen“ habhaft zu
    werden. Wer dies verlangt, wird sich mit den Erwartungen erfüllen
    müssen, die in dieser Abhandlung rege gemacht werden, und wird in
    Befolgung der hier gegebenen Regeln jede Kritik, jede Voreingenommen-
    heit, jede affective oder intellectuelle Parteinahme, während der Arbeit
    bei sich niederzuhalten bestrebt sein. Er wird der Vorschrift eingedenk
    bleiben, die Claude Bernard für den Experimentator im physiolo-
    gischen Laboratorium aufgestellt hat: Travailler comme une bête, d. h. so
    ausdauernd, aber auch so unbekümmert um das Ergebnis. Wer diese
    Rathschläge befolgt, der wird die Aufgabe allerdings nicht mehr
    schwierig finden. Die Deutung eines Traumes vollzieht sich auch nicht
    immer in Einem Zuge; nicht selten fühlt man seine Leistungsfähigkeit
    erschöpft, wenn man einer Verkettung von Einfällen gefolgt ist, der
    Traum sagt einem nichts mehr an diesem Tage; man thut dann gut,
    abzubrechen und an einem nächsten zur Arbeit zurückzukehren. Dann
    lenkt ein anderes Stück des Trauminhaltes die Aufmerksamkeit auf
    sich, und man findet den Zugang zu einer neuen Schicht von Traum-
    gedanken. Man kann das die „fractionirte“ Traumdeutung heissen.
    Am schwierigsten ist der Anfänger in der Traumdeutung zur
    Anerkennung der Thatsache zu bewegen, dass seine Aufgabe nicht
    voll erledigt ist, wenn er eine vollständige Deutung des Traumes in
    Händen hat, die sinnreich, zusammenhängend ist und über alle
    Elemente des Trauminhaltes Auskunft gibt. Es kann ausserdem eine
    andere, eine Ueberdeutung desselben Traumes möglich sein, die ihm
    entgangen ist. Es ist wirklich nicht leicht, sich von dem Reichthum
    an unbewussten, nach Ausdruck ringenden, Gedankengängen in unserem
    Denken eine Vorstellung zu machen und an die Geschicklichkeit der
    Traumarbeit zu glauben, durch mehrdeutige Ausdrucksweise jedesmal
    gleichsam sieben Fliegen mit einem Schlage zu treffen, wie der
    Schneidergeselle im Märchen. Der Leser wird immer geneigt sein,
    dem Autor vorzuwerfen, dass er seinen Witz überflüssig vergeude;
    wer sich selbst Erfahrung erworben hat, wird sich eines Besseren
    belehrt finden.

    Die Frage, ob jeder Traum zur Deutung gebracht werden kann,
    ist mit Nein zu beantworten. Man darf nicht vergessen, dass man
    bei der Deutungsarbeit die psychischen Mächte gegen sich hat,
    welche die Entstellung des Traumes verschulden. Es wird so eine
    Frage des Kräfteverhältnisses, ob man mit seinem intellectuellen
    Interesse, seiner Fähigkeit zur Selbstüberwindung, seinen psycholo-

  • S.

    307

    gischen Kenntnissen und seiner Uebung in der Traumdeutung den
    inneren Widerständen den Herren zeigen kann. Ein Stück weit ist
    das immer möglich, so weit wenigstens, um die Ueberzeugung zu
    gewinnen, dass der Traum eine sinnreiche Bildung ist, und meist
    auch, um eine Ahnung dieses Sinnes zu gewinnen. Recht häufig ge-
    stattet ein nächstfolgender Traum, die für den ersten angenommene
    Deutung zu versichern und weiter zu führen. Eine ganze Reihe von
    Träumen, die sich durch Wochen oder Monate zieht, ruht oft auf
    gemeinsamem Boden und ist dann im Zusammenhange der Deutung
    zu unterwerfen. Von auf einander folgenden Träumen kann man oft
    merken, wie der eine zum Mittelpunkte nimmt, was in dem nächsten
    nur in der Peripherie angedeutet wird, und umgekehrt, so dass die
    beiden einander auch zur Deutung ergänzen. Dass die verschiedenen
    Träume derselben Nacht ganz regelmässig von der Deutungsarbeit
    wie ein Ganzes zu behandeln sind, habe ich bereits durch Beispiele
    erwiesen.

    In den bestgedeuteten Träumen muss man oft eine Stelle im
    Dunkeln lassen, weil man bei der Deutung merkt, dass dort ein
    Knäuel von Traumgedanken anhebt, der sich nicht entwirren will,
    aber auch zum Trauminhalt keine weiteren Beiträge geliefert hat. Dies
    ist dann der Nabel des Traumes, die Stelle, an der er dem Unerkannten
    aufsitzt. Die Traumgedanken, auf die man bei der Deutung geräth,
    müssen ja ganz allgemein ohne Abschluss bleiben und nach allen
    Seiten hin in die netzartige Verstrickung unserer Gedankenwelt aus
    laufen. Aus einer dichteren Stelle dieses Geflechtes erhebt sich
    dann der Traumwunsch wie der Pilz aus seinem Mycelium.

    Wir kehren zu den Thatsachen des Traumvergessens zurück.
    Wir haben es nämlich versäumt, einen wichtigen Schluss aus ihnen
    zu ziehen. Wenn das Wachleben die unverkennbare Absicht zeigt,
    den Traum, der bei Nacht gebildet worden ist, zu vergessen, ent-
    weder als Ganzes unmittelbar nach dem Erwachen oder stückweise
    im Laufe des Tages, und wenn wir als den Hauptbetheiligten bei
    diesem Vergessen den seelischen Widerstand gegen den Traum er-
    kennen, der doch schon in der Nacht das Seinige gegen den Traum
    gethan hat, so liegt die Frage nahe, was eigentlich gegen diesen
    Widerstand die Traumbildung überhaupt ermöglicht hat. Nehmen
    wir den grellsten Fall, in dem das Wachleben den Traum wieder
    beseitigt, als ob er gar nicht vorgefallen wäre. Wenn wir dabei
    das Spiel der psychischen Kräfte in Betracht ziehen, so müssen wir
    aussagen, der Traum wäre überhaupt nicht zu Stande gekommen, wenn
    der Widerstand bei Nacht gewaltet hätte wie bei Tage. Unser Schluss
    ist, dass dieser während der Nachtzeit einen Theil seiner Macht
    eingebüsst hatte; wir wissen, er war nicht aufgehoben, denn wir
    haben seinen Antheil an der Traumbildung in der Traumstellung
    nachgewiesen. Aber die Möglichkeit drängt sich uns auf, dass er
    des Nachts verringert war, dass durch diese Abnahme des Wider-

  • S.

    308

    standes die Traumbildung möglich wurde, und wir verstehen so leicht,
    dass er, mit dem Erwachen in seine volle Kraft eingesetzt, sofort
    wieder beseitigt, was er, so lange er schwach war, zulassen musste.
    Die beschreibende Psychologie lehrt uns ja, dass die Hauptbedingung
    der Traumbildung der Schlafzustand der Seele ist; wir könnten nun
    die Erklärung hinzufügen: der Schlafzustand ermöglicht die
    Traumbildung, indem er die endopsychische Censur
    herabsetzt.

    Wir sind gewiss in Versuchung, diesen Schluss als den einzig
    möglichen aus den Thatsachen des Traumvergessens anzusehen, und
    weitere Folgerungen über die Energieverhältnisse des Schlafens und des
    Wachens aus ihm zu entwickeln. Wir wollen aber vorläufig hierin inne-
    halten. Wenn wir uns in die Psychologie des Traumes ein Stück weiter
    vertieft haben, werden wir erfahren, dass man sich die Ermöglichung der
    Traumbildung auch noch anders vorstellen kann. Der Widerstand
    gegen das Bewusstwerden der Traumgedanken kann vielleicht auch
    umgangen werden, ohne dass er an sich eine Herabsetzung erfahren
    hätte. Es ist auch plausibel, dass beide der Traumbildung günstigen
    Momente, die Herabsetzung sowie die Umgehung des Widerstandes,
    durch den Schlafzustand gleichzeitig ermöglicht werden. Wir brechen
    hier ab, um nach einer Weile hier fortzusetzen.

    Es gibt eine andere Reihe von Einwendungen gegen unser
    Verfahren bei der Traumdeutung, um die wir uns jetzt bekümmern
    müssen. Wir gehen ja so hervor, dass wir alle sonst das Nachdenken
    beherrschenden Zielvorstellungen fallen lassen, unsere Aufmerksam-
    keit auf ein einzelnes Traumelement richten und dann notieren, was
    uns an ungewollten Gedanken zu demselben einfällt. Dann greifen
    wir einen nächsten Bestandtheil des Trauminhaltes auf, wiederholen
    an ihm dieselbe Arbeit und lassen uns, unbekümmert um die Richtung,
    nach der die Gedanken treiben, von ihnen weiter führen, wobei wir
    – wie man zu sagen pflegt – vom Hundertsten in’s Tausendste
    gerathen. Dabei hegen wir die zuversichtliche Erwartung, am Ende
    ganz ohne unser Dazuthun auf die Traumgedanken zu gerathen, aus
    denen der Traum entstanden ist. Dagegen wird die Kritik nun etwa
    Folgendes einzuwenden haben: Dass man von einem einzelnen Elemente
    des Traumes irgendwohin gelangt, ist nichts Wunderbares. An jede
    Vorstellung lässt sich associativ etwas knüpfen; es ist nur merk-
    würdig, dass man bei diesem ziellosen und willkürlichen Gedanken-
    ablauf gerade zu den Traumgedanken gerathen soll. Wahrscheinlich
    ist das eine Selbsttäuschung; man folgt der Associationskette von
    dem einen Elemente aus, bis man sie aus irgend einem Grunde ab-
    reissen merkt; wenn man dann ein zweites Element aufnimmt, so
    ist es nur natürlich, dass die ursprüngliche Unbeschränktheit der
    Association jetzt eine Einengung erfährt. Man hat die frühere
    Gedankenkette noch in Erinnerung und wird darum bei der Analyse
    der zweiten Traumvorstellung leichter auf einzelne Einfälle stossen, die

  • S.

    309

    auch mit den Einfällen aus der ersten Kette irgend etwas gemein-
    haben. Dann bildet man sich ein, einen Gedanken gefunden zu
    haben, der einen Knotenpunkt zwischen zwei Traumelementen dar-
    stellt. Da man sich sonst jede Freiheit der Gedankenverbindung ge-
    stattet und eigentlich nur die Uebergänge von einer Vorstellung zur
    anderen ausschliesst, die beim normalen Denken in Kraft treten, so
    wird es schliesslich nicht schwer, aus einer Reihe von „Zwischen-
    gedanken“ etwas zusammenzubrauen, was man die Traumgedanken
    benennt, und ohne jede Gewähr, da diese sonst nicht bekannt sind,
    für den psychischen Ersatz des Traumes ausgibt. Es ist aber alles
    Willkür und witzig erscheinende Ausnützung des Zufalls dabei, und
    jeder, der sich dieser unnützen Mühe unterzieht, kann zu einem
    beliebigen Traume auf diesem Wege eine ihm beliebige Deutung
    herausgrübeln.

    Wenn uns solche Einwände wirklich vorgerückt werden, so
    können wir uns zur Abwehr auf den Eindruck unserer Traum-
    deutungen berufen, auf die überraschenden Verbindungen mit anderen
    Traumelementen, die sich während der Verfolgung der einzelnen
    Vorstellungen ergeben, und auf die Unwahrscheinlichkeit, dass etwas,
    was den Traum so erschöpfend deckt und aufklärt wie eine unserer
    Traumdeutungen, anders gewonnen werden könne, als indem man
    wohlhergestellten psychischen Verbindungen nachfährt. Wir könnten
    auch zu unserer Rechtfertigung heranziehen, dass das Verfahren bei
    der Traumdeutung identisch ist mit dem bei der Auflösung der
    hysterischen Symptome, wo die Richtigkeit des Verfahrens durch
    das Auftauchen und Schwinden der Symptome zu ihrer Stelle ge-
    währleistet wird, wo also die Auslegung des Textes an den ein-
    geschalteten Illustrationen einen Anhalt findet. Wir haben aber
    keinen Grund, dem Problem, wieso man durch Verfolgung einer
    sich willkürlich und ziellos weiter spinnenden Gedankenkette zu einem
    präexistenten Ziele gelangen könne, aus dem Wege zu gehen, da
    wir dieses Problem zwar nicht zu lösen, aber voll zu beseitigen
    vermögen.

    Es ist nämlich nachweisbar unrichtig, dass wir uns einem ziel-
    losen Vorstellungsablauf hingeben, wenn wir, wie bei der Traum-
    deutungsarbeit, unser Nachdenken fallen und die ungewollten Vor-
    stellungen auftauchen lassen. Es lässt sich zeigen, dass wir immer
    nur auf die uns bekannten Zielvorstellungen verzichten können, und
    dass mit dem Aufhören dieser sofort unbekannte – wie wir ungenau
    sagen: unbewusste – Zielvorstellungen zur Macht kommen, die jetzt
    den Ablauf der ungewollten Vorstellungen determiniert halten. Ein
    Denken ohne Zielvorstellungen lässt sich durch unsere eigene Beein-
    flussung unseres Seelenlebens überhaupt nicht herstellen; es ist mir
    aber auch unbekannt, in welchen Zuständen psychischer Zerrüttung
    es sich sonst herstellt. Die Psychiater haben hier viel zu früh auf
    die Festigkeit des psychischen Gefüges verzichtet. Ich weiss, dass

  • S.

    310

    ein ungeregelter, der Zielvorstellungen entbeh-
    rendmer Gedankenablauf
    im Rahmen der Hysterie und der Parnoia ebenso wenig vorkommt
    wie bei der Bildung oder bei der Auflösung der Träume. Er tritt
    vielleicht bei den endogenen psychischen Affectionen überhaupt nicht
    ein; selbst die Delirien der Verworrenen sind nach einer geistreichen
    Vermuthung von Leuret sinnvoll und werden nur durch Auslassun-
    gen für uns unverständlich. Ich habe die nämliche Ueberzeugung
    gewonnen, wo mir Gelegenheit zur Beobachtung geboten war. Die
    Delirien sind das Werk einer Censur, die sich keine Mühe mehr
    gibt ihr Walten zu verbergen, die anstatt ihre Mitwirkung zu einer
    nicht mehr anstössigen Umarbeitung zu leihen, rücksichtslos aus-
    streicht, wogegen sie Einspruch erhebt, wodurch dann das übrig-
    gelassene zusammenhangslos wird. Diese Censur verfährt ganz analog
    der russischen Zeitungsmcensur an der Grenze, welche ausländische
    Journale nur von schwarzen Strichen durchsetzt in die Hände der
    zu behütenden Leser gelangen lässt.

    Das freie Spiel der Vorstellungen nach beliebiger Associations-
    verkettung kommt vielleicht bei destructiven organischen Gehirnpro-
    cessen zum Vorschein; was bei den Psychoneurosen für solches ge-
    halten wird, lässt sich allemal durch Einwirkung der Censur auf
    eine Gedankenreihe aufklären, welche von verborgen gebliebenen
    Zielvorstellungen in den Vordergrund geschoben wird. Als ein un-
    trügliches Zeichen der von Zielvorstellungen freien Association hat
    man es betrachtet, wenn die auftauchenden Vorstellungen (oder Bil-
    der) unter einander durch die Bande der sogenannten oberflächlichen
    Associationen verknüpft erscheinen, also durch Assonanz, Wortzwei-
    deutigkeit, zeitliches Zusammentreffen ohne innere Sinnbeziehung,
    durch alle die Associationen, die wir im Witz und beim Wortspiel
    zu verwerthen uns gestatten. Dieses Kennzeichen trifft für die Ge-
    dankenverbindungen, die uns von den Elementen des Trauminhaltes
    zu den Collateralen und von diesen zu den eigentlichen Traumge-
    danken führen, zu; wir haben bei vielen Traumanalysen Beispiele
    davon gefunden, die unser Befremden wecken mussten. Keine An-
    knüpfung war da zu locker, kein Witz zu verwerflich, als dass er
    nicht die Brücke von einem Gedanken zum anderen hätte bilden
    dürfen. Aber das richtige Verständnis solcher Nachsichtigkeit liegt nicht
    ferne. Jedesmal, wenn ein psychisches Element mit einem
    anderen durch eine anstössige und oberflächliche Asso-
    ciation verbunden ist, existirt auch eine correcte und
    tiefergehende Verknüpfung zwischen den beiden,
    welche dem Widerstande der Censur unterliegt.

    Druck der Censur, nicht Aufhebung der Zielvorstellungen ist
    die richtige Begründung für das Vorherrschen der oberflächlichen
    Associationen. Die oberflächlichen Associationen ersetzen in der
    Darstellung die tiefen, wenn die Censur diese normalen Verbin-
    dungswege ungangbar macht. Es ist, wie wenn ein allgemeines Ver-
    ¿

  • S.

    311

    kehrshindernis, z. B. eine Ueberschwemmung, im Gebirge die grossen
    und breiten Strassen unwegsam werden lässt; der Verkehr wird dann
    auf unbequemen und steilen Fusspfaden aufrecht erhalten, die sonst
    nur der Jäger begangen hat.

    Man kann hier zwei Fälle von einander trennen, die im wesent-
    lichen Eins sind. Entweder die Censur richtet sich nur gegen den
    Zusammenhang zweier Gedanken, die von einander losgelöst, dem
    Einspruch entgehen. Dann treten die beiden Gedanken nach einander
    in’s Bewusstsein; ihr Zusammenhang bleibt verborgen; aber dafür
    fällt uns eine oberflächliche Verknüpfung zwischen beiden ein, an
    die wir sonst nicht gedacht hätten, und die in der Regel an einer
    anderen Ecke des Vorstellungskomplexes ansetzt, als von welcher
    die unterdrückte, aber wesentliche Verbindung ausgeht. Oder aber,
    beide Gedanken unterliegen an sich wegen ihres Inhaltes der Censur;
    dann erscheinen beide nicht in der richtigen, sondern in modifi-
    cirter, ersetzter Form, und die beiden Ersatzgedanken sind so gewählt,
    dass sie durch eine oberflächliche Association die wesentliche Ver-
    bindung wiedergeben, an der die von ihnen ersetzten stehen. Unter
    dem Drucke der Censur hat hier in beiden Fällen eine
    Verschiebung stattgefunden von einer normalen, ernst-
    haften Association auf eine oberflächliche, absurd er-
    scheinende.

    Weil wir von diesen Verschiebungen wissen, vertrauen wir uns
    bei der Traumdeutung auch den oberflächlichen Associationen ganz
    ohne Bedenken an.*)

    Von den beiden Sätzen, dass mit dem Aufgeben der bewussten
    Zielvorstellungen die Herrschaft über den Vorstellungsablauf an ver-
    borgene Zielvorstellungen übergeht, und dass oberflächliche Asso-
    ciationen nur ein Verschiebersatz sind für unterdrückte tiefer
    gehende, macht die Psychoanalyse bei Neurosen den ausgiebigsten
    Gebrauch; ja, sie erhebt die beiden Sätze zu Grundpfeilern ihrer
    Technik. Wenn ich einem Patienten auftrage, alles Nachdenken
    fahren zu lassen und mir zu berichten, was immer ihm dann in den
    Sinn kommt, so halte ich die Voraussetzung fest, dass er die Ziel-
    vorstellungen der Behandlung nicht fahren lassen kann, und halte
    mich für berechtigt zu folgern, dass das scheinbar Harmloseste und
    Willkürlichste, das er mir berichtet, im Zusammenhange mit seinem
    Krankheitszustande steht. Eine andere Zielvorstellung, von der dem
    Patienten nichts ahnt, ist die meiner Person. Die volle Würdigung,

    *)Dieselben Erwägungen gelten natürlich auch für den Fall, dass die ober-
    flächlichen Associationen im Trauminhalt blossgelegt werden, wie z. B. in den beiden
    von Maury mitgetheilten Träumen (Seite 41: pélérinage – Pelletier – pelle;
    Kilometer – Kilogramm – Gilolo – Lobelia – Lopez – Lotto). Aus der Arbeit mit
    Neurotikern weiss ich, welche Reminiscenz sich so darzustellen liebt. Es ist das
    Nachschlagen im Conversationslexicon (Lexicon überhaupt), aus dem ja die Meisten
    in der Zeit der Pubertätsneugierde ihr Bedürfnis nach Aufklärung der sexuellen
    Räthsel gestillt haben.

  • S.

    312

    sowie der eingehende Nachweis der beiden Aufklärungen gehört
    demnach in die Darstellung der psychoanalytischen Technik als
    therapeutischen Methode. Wir haben hier einen der Anschlüsse er-
    reicht, bei denen wir das Thema der Traumdeutung vorsätzlich
    fallen lassen.

    Eines nur ist richtig und bleibt von den Einwendungen be-
    stehen, nämlich dass wir nicht alle Einfälle der Deutungsarbeit auch
    in die nächtliche Traumarbeit zu versetzen brauchen. Wir machen
    ja beim Deuten im Wachen einen Weg, der von den Traumelementen
    zu den Traumgedanken rückläuft. Die Traumarbeit hat den um-
    gekehrten Weg genommen und es ist gar nicht wahrscheinlich,
    dass diese Wege in umgekehrter Richtung gangbar sind. Es er-
    weist sich vielmehr, dass wir bei Tag über neue Gedanken-
    verbindungen Schachte führen, welche die Zwischengedanken und
    die Traumgedanken bald an dieser, bald an jener Stelle treffen. Wir
    können sehen, wie sich das frische Gedankenmaterial des Tages in
    die Deutungsreihen einschiebt, und wahrscheinlich nötigt auch die
    Widerstandssteigerung, die seit der Nachtzeit eingetreten ist, zu
    neuen und ferneren Umwegen. Die Zahl oder Art der Collateralen
    aber, die wir so bei Tage anspinnen, ist psychologisch völlig bedeutungs-
    los, wenn sie uns nur den Weg zu den gesuchten Traumgedanken
    führen.

    b) Die Regression.

    Nun aber, da wir uns gegen die Einwendungen verwahrt oder
    wenigstens angezeigt haben, wo unsere Waffen zur Abwehr ruhen,
    dürfen wir es nicht länger verschieben, in die psychologischen Unter-
    suchungen einzutreten, für die wir uns längst gerüstet haben. Wir
    stellen die Hauptergebnisse unserer bisherigen Untersuchung zu-
    sammen. Der Traum ist ein vollwichtiger psychischer Act; seine Trieb-
    kraft ist allemale ein zu erfüllender Wunsch; seine Unkenntlichkeit als
    Wunsch und seine vielen Sonderbarkeiten und Absurditäten rühren von
    dem Einfluss der psychischen Censur her, den er bei der Bildung er-
    fahren hat; ausser der Nötigung, sich dieser Censur zu entziehen,
    haben bei seiner Bildung mitgewirkt eine Nötigung zur Verdichtung
    des psychischen Materiales, eine Rücksicht auf Darstellbarkeit in
    Sinnesbildern und – wenn auch nicht regelmässig – eine Rücksicht
    auf ein rationelles und intelligibles Aeusseres des Traumgebildes.
    Von jedem dieser Sätze führt der Weg weiter zu psychologischen
    Postulaten und Muthmassungen; die gegenseitige Beziehung des
    Wunschmotives und der vier Bedingungen, sowie dieser untereinander,
    ist zu untersuchen; der Traum ist in den Zusammenhang des Seelen-
    lebens einzureihen.

    Wir haben einen Traum an die Spitze dieses Abschnittes ge-
    stellt, um uns an die Räthsel zu mahnen, deren Lösung noch aus-
     

  • S.

    313

    steht. Die Deutung dieses Traumes vom brennen-
    den Kind bereitete uns keine Schwierigkeiten, wenngleich sie nicht in unserem Sinne
    vollständig gegeben war. Wir fragten uns, warum hier überhaupt
    geträumt wurde, anstatt zu erwachen, und erkannten als das eine
    Motiv des Träumens den Wunsch, das Kind als lebend vorzustellen.
    Dass noch ein anderer Wunsch dabei eine Rolle spielt, werden wir
    nach späteren Erörterungen einsehen können. Zunächst also ist es
    die Wunscherfüllung, der zu Liebe der Denkvorgang des Schlafens
    in einen Traum verwandelt wurde.

    Macht man diese rückgängig, so bleibt nur noch ein Charakter
    übrig, welcher die beiden Arten des psychischen Geschehens von ein-
    ander scheidet. Der Traumgedanke hätte gelautet: Ich sehe einen
    Schein aus dem Zimmer, in dem die Leiche liegt. Vielleicht ist
    eine Kerze umgefallen und das Kind brennt! Der Traum gibt das
    Resultat dieser Ueberlegung unverändert wieder, aber dargestellt in
    einer Situation, die gegenwärtig und mit den Sinnen wie ein Er-
    lebnis des Wachens zu erfassen ist. Das ist aber der allgemeinste
    und auffälligste psychologische Charakter des Träumens; ein Gedanke,
    in der Regel der gewünschte, wird im Traume objectivirt, als Scene
    dargestellt oder, wie wir meinen, erlebt.

    Wie soll man nun diese charakteristische Eigenthümlichkeit
    der Traumarbeit erklären oder – bescheidener ausgedrückt – in
    den Zusammenhang der psychischen Vorgänge einfügen?

    Bei näherem Zusehen merkt man wohl, dass in der Erscheinungs-
    form des Traumes zwei von einander fast unabhängige Charaktere aus-
    geprägt sind. Der eine ist die Darstellung als gegenwärtige Situation
    mit Weglassung des vielleicht; der andere die Umsetzung des Ge-
    dankens in visuelle Bilder und in Rede.

    Die Umwandlung, welche die Traumgedanken dadurch erfahren,
    dass die in ihnen ausgedrückte Erwartung in’s Präsens gesetzt wird,
    scheint vielleicht gerade an diesem Traume nicht sehr auffällig. Es
    hängt dies mit der besonderen, eigentlich nebensächlichen Rolle der
    Wunscherfüllung in diesem Traume zusammen. Nehmen wir einen
    anderen Traum vor, in dem sich der Traumwunsch nicht von der Fort-
    setzung der Wachgedanken in den Schlaf absondert, z. B. den von Irma’s
    Injection. Hier ist der zur Darstellung gelangende Traumgedanke
    ein Optativ: Wenn doch der Otto an der Krankheit Irma’s Schuld
    sein möchte! Der Traum verdrängt den Optativ und ersetzt ihn durch
    ein simples Präsens: Ja, Otto ist Schuld an der Krankheit Irma’s.
    Das ist also die erste der Verwandlungen, die auch der Entstellungs-
    freie Traum mit den Traumgedanken vornimmt. Bei dieser ersten
    Eigenthümlichkeit des Traumes werden wir uns aber nicht lange
    aufhalten. Wir erledigen sie durch den Hinweis auf die bewusste
    Phantasie, auf den Tagtraum, der mit seinem Vorstellungsinhalt
    ebenso verfährt. Wenn Daudet’s Mr. Joyeuse beschäftigungslos
    durch die Strassen von Paris irrt, während seine Töchter glauben

  • S.

    314

    müssen, er habe eine Anstellung und sitze in seinem Bureau, so
    träumt er von den Vorfällen, die ihm zur Protection und zu einer
    Anstellung verhelfen sollen, gleichfalls im Präsens. Der Traum ge-
    braucht also das Präsens in derselben Weise und mit demselben Rechte
    wie der Tagtraum. Das Präsens ist die Zeitform, in welcher der
    Wunsch als erfüllt dargestellt wird.

    Dem Traume allein zum Unterschiede vom Tagtraume eigen-
    thümlich ist aber der zweite Charakter, dass der Vorstellungsinhalt
    nicht gedacht, sondern in sinnliche Bilder verwandelt wird, denen
    man dann Glauben schenkt, und die man zu erleben meint. Fügen
    wir gleich hinzu, dass nicht alle Träume die Umwandlung von Vor-
    stellung in Sinnesbild zeigen; es gibt Träume, die nur aus Ge-
    danken bestehen, denen man die Wesenheit der Träume darum doch
    nicht bestreiten wird. Mein Traum: „Autodidasker — die
    Tagesphantasie mit Professor N.“ ist ein solcher, in den sich kaum
    mehr sinnliche Elemente einmengten, als wenn ich seinen Inhalt
    bei Tag gedacht hätte. Auch gibt es in jedem längeren Traum-
    Elemente, welche die Umwandlung in’s Sinnliche nicht mit-
    gemacht haben, die einfach gedacht oder gewusst werden, wie
    wir’s vom Wachen her gewöhnt sind. Ferner wollen wir gleich
    hier daran denken, dass solche Verwandlung von Vorstellungen in
    Sinnesbilder nicht dem Traume allein zukommt, sondern ebenso der
    Hallucination, den Visionen, die etwa selbständig in der Gesundheit
    auftreten oder als Symptome der Psychoneurosen. Kurz, die Be-
    ziehung, die wir hier untersuchen, ist nach keiner Richtung eine
    ausschliessliche; es bleibt aber bestehen, dass dieser Charakter des
    Traumes, wo er vorkommt, uns als der bemerkenswertheste er-
    scheint, so dass wir ihn nicht aus dem Traumleben weggenommen
    denken könnten. Sein Verständnis erfordert aber weit ausgreifende
    Erörterungen.

    Unter allen Bemerkungen zur Theorie des Träumens, welche
    man bei den Autoren finden kann, möchte ich eine als anknüpfens-
    werth hervorheben. Der grosse G. Th. Fechner25) spricht in
    seiner Psychophysik (II. Th. p. 520) im Zusammenhange einiger
    Erörterungen, die er dem Traume widmet, die Vermuthung aus,
    dass der Schauplatz der Träume ein anderer sei, als
    der des wachen Vorstellungslebens. Keine andere Annahme
    gestatte es, die besonderen Eigenthümlichkeiten des Traumlebens
    zu begreifen.

    Die Idee, die uns so zur Verfügung gestellt wird, ist die einer
    psychischen Localität. Wir wollen ganz bei Seite lassen,
    dass der seelische Apparat, um den es sich hier handelt, uns auch
    als anatomisches Präparat bekannt ist, und wollen der Versuchung
    sorgfältig aus dem Wege gehen, die psychische Localität etwa
    anatomisch zu bestimmen. Wir bleiben auf psychologischem Boden
    und gedenken nur der Aufforderung zu folgen, dass wir uns das

  • S.

    315

    Instrument, welches den Seelenleistungen dient, vorstellen wie etwa
    ein zusammengesetztes Mikroskop, einen photographischen Apparat
    u. dgl. Die psychische Localität entspricht dann einem Orte inner-
    halb eines solchen Apparates, an dem eine der Vorstufen des Bildes
    zu Stande kommt. Beim Mikroskop und Fernrohr sind dies bekanntlich
    zum Theil ideelle Oertlichkeiten, Gegenden, in denen kein greifbarer Be-
    standtheil des Apparates gelegen ist. Für die Unvollkommenheiten dieser
    und aller ähnlichen Bilder Entschuldigung zu erbitten, halte ich für über-
    flüssig. Diese Gleichnisse sollen uns nur bei einem Versuch unterstützen,
    der es unternimmt, uns die Complication der psychischen Leistung ver-
    ständlich zu machen, indem wir diese Leistung zerlegen, und die
    Einzelleistung den einzelnen Bestandtheilen des Apparates zuweisen.
    Der Versuch, die Zusammensetzung des seelischen Instrumentes aus
    solcher Zerlegung zu erra-
    then, ist meines Wissens noch nicht gewagt
    worden. Er scheint mir harmlos. Ich meine, wir dürfen unseren
    Vermuthungen freien Lauf lassen, wenn wir dabei nur unser kühles
    Urtheil bewahren, das Gerüste nicht für den Bau halten. Da wir
    nichts Anderes nöthigen als Hilfsvorstellungen zur ersten Annäherung
    an etwas Unbekanntes, so werden wir die rohesten und greifbarsten
    Annahmen zunächst allen anderen vorziehen.

    Wir stellen uns also den seelischen Apparat vor als ein zusammen-
    gesetztes Instrument, dessen Bestandtheile wir Instanzen oder der
    Anschau-
    lichkeit zu Liebe Systeme heissen wollen. Dann bilden wir
    die Erwartung, dass diese Systeme vielleicht eine constante räumliche
    Orientirung gegen einander haben, etwa wie die verschiedenen
    Linsensysteme des Fernrohres hinter einander stehen. Streng genommen
    brauchen wir die Annahme einer wirklich räumlichen Anordnung
    der psychischen Systeme nicht zu machen. Es genügt uns, wenn
    eine feste Reihenfolge dadurch hergestellt wird, dass bei gewissen
    psychischen Vorgängen die Systeme in einer bestimmten zeitlichen
    Folge von der Erregung durchlaufen werden. Diese Folge mag bei
    anderen Vorgängen eine Abänderung erfahren; eine solche Möglich-
    keit wollen wir uns offen lassen. Von den Bestandtheilen des
    Apparates wollen wir von nun an der Kürze halber als „W-Systeme“
    sprechen.

    Das Erste, das uns auffällt, ist nun, dass dieser aus W-Systemen
    zusammengesetzte Apparat eine Richtung hat. All unsere psychische
    Thätigkeit geht von (inneren oder äusseren) Reizen aus und endigt in
    Innervationen. Somit schreiben wir dem Apparat ein sensibles und
    ein motorisches Ende zu; an dem sensibeln Ende befindet sich ein
    System, welches die Wahrnehmungen empfängt, am motorischen
    Ende ein anderes, welches die Schleusen der Motilität eröffnet. Der
    psychische Vorgang verläuft im Allgemeinen vom Wahrnehmungs-
    ende zum Motilitätsende. Das allgemeinste Schema des psychischen
    Apparates hätte also folgendes Ansehen:

  • S.

    316

    Fig. 1.

    Das ist aber nur die Erfüllung der uns längst vertrauten
    Forderung, der psychische Apparat müsse gebaut sein wie ein Reflex-
    apparat. Der Reflexvorgang bleibt das Vorbild auch aller psychischen
    Leistung.

    Wir haben nun Grund, am sensiblen Ende eine erste
    Differenzirung eintreten zu lassen. Von den Wahrnehmungen, die
    an uns herankommen, verbleibt in unserem psychischen Apparat
    eine Spur, die wir „Erinnerungsspur“ heissen können. Die
    Function, die sich auf diese Erinnerungsspur bezieht, heissen wir ja
    „Gedächtnis“. Wenn wir Ernst mit dem Vorsatz machen, die
    psychischen Vorgänge an Systeme zu knüpfen, so kann die Erinne-
    rungsspur nur bestehen in bleibenden Veränderungen an den
    Elementen der Systeme. Nun bringt es, wie schon von anderer
    Seite ausgeführt, offenbar Schwierigkeiten mit sich, wenn ein und
    dasselbe System an seinen Elementen Veränderungen getreu bewahren
    und doch neuen Anlässen zur Veränderung immer frisch und auf
    nahmsfähig entgegentreten soll. Nach dem Princip, das unseren
    Versuch leitet, werden wir also diese beiden Leistungen auf ver-
    schiedene Systeme vertheilen. Wir nehmen an, dass ein vorderstes
    System des Apparates die Wahrnehmungsreize aufnimmt, aber nichts
    von ihnen bewahrt, also kein Gedächtnis hat, und dass hinter diesem
    ein zweites System liegt, welches die momentane Erregung des
    ersten in Dauerspuren umsetzt. Dann wäre dies das Bild unseres
    psychischen Apparates (Fig. 2):

    Fig 2.

  • S.

    317

    Ein Schema des seelischen Apparates.

    Es ist bekannt, dass wir von den Wahrnehmungen, die auf
    System W einwirken, noch etwas anderes als bleibend bewahren als
    den Inhalt derselben. Unsere Wahrnehmungen erweisen sich auch
    als im Gedächtnis mit einander verknüpft, und zwar vor Allem nach
    ihrem einstigen Zusammentreffen in der Gleichzeitigkeit. Wir heissen
    das die Thatsache der Association. Es ist nun klar, wenn das W-System
    überhaupt kein Gedächtnis hat, dass es auch die Spuren für die
    Association nicht aufbewahren kann; die einzelnen W-Elemente würden
    in ihrer Function unerträglich behindert, wenn sich gegen eine neue
    Wahrnehmung ein Rest früherer Verknüpfung geltend machen würde.
    Wir müssen also als die Grundlage der Association vielmehr die
    Erinnerungssysteme annehmen. Die Thatsache der Association be-
    steht dann darin, dass in Folge von Widerstandsverringerungen und
    Bahnungen von einem der Er-Elemente die Erregung sich eher nach
    einem zweiten als nach einem dritten Er-Element fortpflanzt.

    Bei näherem Eingehen ergibt sich die Nothwendigkeit, nicht
    eines, sondern mehrere solcher Er-Systeme anzunehmen, in denen
    dieselbe, durch die W-Elemente fortgepflanzte, Erregung eine ver-
    schiedenartige Fixirung erfährt. Das erste dieser Er-Systeme wird
    jedenfalls die Fixirung der Association durch Gleichzeitigkeit ent-
    halten, in den weiter entfernt liegenden wird dasselbe Erregungs-
    material nach anderen Arten des Zusammentreffens angeordnet sein,
    so dass etwa Beziehungen der Aehnlichkeit u. A. durch diese
    späteren Systeme dargestellt würden. Es wäre natürlich müssig, die
    psychische Bedeutung eines solchen Systemes in Worten an-
    geben zu wollen. Die Charakteristik desselben läge in der Innig-
    keit seiner Beziehungen zu Elementen des Erinnerungsrohmateriales,
    das heisst, wenn wir auf eine tiefer greifende Theorie hinweisen
    wollen, in den Abstufungen des Leitungswiderstandes nach diesen
    Elementen hin.

    Eine Bemerkung allgemeiner Natur, die vielleicht auf Bedeut-
    sames hinweist, wäre hier einzuschalten. Das W-System, welches
    keine Fähigkeiten hat, Veränderungen zu bewahren, also kein Ge-
    dächtnis, ergibt für unser Bewusstsein die ganze Mannigfaltigkeit
    der sinnlichen Qualitäten. Umgekehrt sind unsre Erinnerungen,
    die am tiefsten uns eingeprägten nicht ausgenommen, an sich un-
    bewusst. Sie können bewusst gemacht werden; es ist aber kein
    Zweifel, dass sie im unbewussten Zustand alle ihre Wirkungen ent-
    falten. Was wir unseren Charakter nennen, beruht ja auf den Er-
    innerungsspuren unserer Eindrücke, und zwar sind gerade die Ein-
    drücke, die am stärksten auf uns gewirkt hatten, die unserer ersten
    Jugend, solche, die fast nie bewusst werden. Werden aber Er-
    innerungen wieder bewusst, so zeigen sie keine sinnliche Qualität
    oder eine sehr geringfügige im Vergleiche zu den Wahrnehmungen.
    Liesse sich nun bestätigen, dass Gedächtnis und Qualität für
    das Bewusstsein an den W-Systemen einander aus-

  • S.

    318

    schliessen, so eröffnete sich in die Bedingungen der Neuron-
    erregung ein vielversprechender Einblick.

    Was wir bisher über die Zusammensetzung des psychischen
    Apparates am sensibeln Ende angenommen haben, erfolgte ohne
    Rücksicht auf den Traum und die aus ihm ableitbaren psychologischen
    Aufklärungen. Für die Erkenntnis eines anderen Stückes des
    Apparates wird uns aber der Traum zur Beweisquelle. Wir haben
    gesehen, dass es uns unmöglich wurde, die Traumbildung zu erklären,
    wenn wir nicht die Annahmen zweier psychischen Instanzen wagen
    wollten, von denen die eine die Thätigkeit der anderen einer Kritik
    unterzieht, als deren Folge sich die Ausschliessung vom Bewusst-
    werden ergäbe.

    Die kritisirende Instanz, haben wir geschlossen, unterhält nähere
    Beziehungen zum Bewusstsein als die kritisirte. Sie steht zwischen
    dieser und dem Bewusstsein wie ein Schirm. Wir haben ferner
    Anhaltspunkte gefunden, die kritisirende Instanz mit dem zu identi-
    ficiren, was unser waches Leben lenkt und über unser willkürliches,
    bewusstes Handeln entscheidet. Ersetzen wir nun diese Instanzen
    im Sinne unserer Annahmen durch Systeme, so wird durch die letzt-
    erwähnte Erkenntnis das kritisirende System an’s motorische Ende
    gerückt. Wir tragen nun die beiden Systeme in unser Schema ein
    und drücken in den ihnen verliehenen Namen ihre Beziehung zum
    Bewusstsein aus.

    Fig. 3.

    Das letzte der Systeme am motorischen Ende heissen wir das
    Vorbewusste, um anzudeuten, dass die Erregungsvorgänge in
    demselben ohne weitere Aufhaltung zum Bewusstsein gelangen können,
    falls noch gewisse Bedingungen erfüllt sind, z. B. die Erreichung
    einer gewissen Intensität, eine gewisse Vertheilung jener Function,
    die man Aufmerksamkeit zu nennen hat, und dergleichen. Es ist gleich-
    zeitig das System, welches die Schlüssel zur willkürlichen Motilität
    inne hat. Das System dahinter heissen wir das Unbewusste, weil
    es keinen Zugang zum Bewusstsein hat, ausser durch das Vor-
     

  • S.

    319

    bewusste, bei welchem Durchgang sein Erregungsvorgang sich
    Abänderungen gefallen lassen muss.

    In welches dieser Systeme verlegen wir nun den Anstoss zur
    Traumbildung? Der Vereinfachung zu Liebe in das System Ubw.
    Wir werden zwar in späteren Erörterungen hören, dass dies nicht
    ganz richtig ist, dass die Traumbildung genöthigt ist an Traum-
    gedanken anzuknüpfen, die dem System des Vorbewussten ange-
    hören. Wir werden aber auch an anderer Stelle, wenn wir vom
    Traumwunsch handeln, erfahren, dass die Triebkraft für den Traum
    vom Ubw beigestellt wird, und wegen dieses letzteren Momentes
    wollen wir das unbewusste System als den Ausgangspunkt der Traum-
    bildung annehmen. Diese Traumerregung wird nun wie alle anderen
    Gedankenbildungen das Bestreben äussern, sich in’s Vbw fortzusetzen
    und von diesem aus den Zugang zum Bewusstsein zu gewinnen.

    Die Erfahrung lehrt uns, dass den Traumgedanken tagsüber
    dieser Weg, der durch’s Vorbewusste zum Bewusstsein führt, durch die
    Widerstandscensur verlegt ist. In der Nacht schaffen sie sich den
    Zugang zum Bewusstsein; aber es erhebt sich die Frage, auf welchem
    Wege und Dank welcher Veränderung. Würde dies den Traum-
    gedanken dadurch ermöglicht, dass Nachts der Widerstand absinkt,
    der an der Grenze zwischen Unbewusstem und Vorbewusstem wacht,
    so bekämen wir Träume in dem Material unserer Vorstellungen, die
    nicht den hallucinatori-
    schen Charakter zeigen, der uns jetzt interessirt.

    Das Absinken der Censur zwischen den beiden Systemen Ubw
    und Vbw kann uns also nur solche Traumbildungen erklären wie Auto-
    didasker, aber nicht Träume wie den vom brennenden Kinde,
    den wir uns als Problem an den Eingang dieser Untersuchungen ge-
    stellt haben.

    Was im hallucinatorischen Traum vor sich geht, können wir
    nicht anders beschreiben, als indem wir sagen: Die Erregung nimmt
    einen rückläufigen Weg. Anstatt gegen das motorische Ende
    des Apparates pflanzt sie sich gegen das sensible fort und langt
    schliesslich beim System der Wahrnehmungen an. Heissen wir die
    Richtung, nach welcher sich der psychische Vorgang aus dem Un-
    bewussten im Wachen fortsetzt, die progrediente, so dürfen wir
    vom Traum aussagen, er habe regredienten Charakter.

    Diese Regression ist dann sicherlich eine der wichtigsten psycho-
    logischen Eigenthümlichkeiten des Traumvorganges; aber wir dürfen
    nicht vergessen, dass sie dem Träumen nicht allein zukommt. Auch
    das absichtliche Erinnern und andere Theilvorgänge unseres normalen
    Denkens entsprechen einem Rückschreiten im psychischen Apparat
    von irgend welchem complexen Vorstellungsact auf das Rohmaterial
    der Erinnerungsspuren, die ihm zu Grunde liegen. Während des
    Wachens aber reicht dieses Zurückgreifen niemals über die Erinne-
    rungsbilder hinaus; es vermag die hallucinatorische Belebung der
    Wahrnehmungsbilder nicht zu erzeugen. Warum ist dies im Traume

  • S.

    320

    anders? Als wir von der Verdichtungsarbeit des Traumes sprachen,
    konnten wir der Annahme nicht ausweichen, dass durch die Traum-
    arbeit die an den Vorstellungen haftenden Intensitäten von einer zur
    anderen voll übertragen werden. Wahrscheinlich ist es diese Ab-
    änderung des sonstigen psychischen Vorganges, welche es ermöglicht,
    das System der W bis zur vollen sinnlichen Lebhaftigkeit in umge-
    kehrter Richtung, von den Gedanken her, zu besetzen.

    Ich hoffe, wir sind weit davon entfernt, uns über die Tragweite
    dieser Erörterungen zu täuschen. Wir haben nichts anderes gethan,
    als für ein nicht zu erklärendes Phänomen einen Namen gegeben.
    Wir heissen es Regression, wenn sich im Traum die Vorstellung in
    das sinnliche Bild rückverwandelt, aus dem sie irgend einmal hervor-
    gegangen ist. Auch dieser Schritt verlangt aber Rechtfertigung.
    Wozu die Namengebung, wenn sie uns nichts Neues lehrt? Nun
    ich meine, der Name „Regression“ dient uns insoferne, als er die
    uns bekannte Thatsache an das Schema des mit einer Richtung ver-
    sehenen seelischen Apparates knüpft. An dieser Stelle verlohnt es
    sich aber zum ersten Male, ein solches Schema aufgestellt zu haben.
    Denn eine andere Eigentümlichkeit der Traumbildung wird uns
    ohne neue Ueberlegung allein mit Hilfe des Schemas einsichtlich
    werden. Wenn wir den Traumvorgang als eine Regression innerhalb
    des von uns angenommenen seelischen Apparates ansehen, so erklärt
    sich uns ohne Weiteres die empirisch festgestellte Thatsache, dass alle
    Denkrelationen der Traumgedanken bei der Traumarbeit verloren
    gehen oder nur mühseligen Ausdruck finden. Diese Denkrelationen
    sind nach unserem Schema nicht in den ersten Er-Systemen, sondern
    in weiter nach vorn liegenden enthalten und müssen bei der
    Regression bis auf die Wahrnehmungsbilder ihren Ausdruck ein-
    büssen. Das Gefüge der Traumgedanken wird bei der
    Regression in sein Rohmaterial aufgelöst.

    Durch welche Veränderung wird aber die bei Tag unmögliche
    Regression ermöglicht? Hier wollen wir es bei Vermuthungen
    bewenden lassen. Es muss sich wohl um Veränderungen in den
    Energiebesetzungen der einzelnen Systeme handeln, durch welche
    sie wegsamer oder unwegsamer für den Ablauf der Erregung werden;
    aber in jedem derartigen Apparat könnte der nämliche Effect für
    den Weg der Erregung durch mehr als eine Art von solchen Ab-
    änderungen zu Stande gebracht werden. Man denkt natürlich sofort
    an den Schlafzustand, und an Besetzungsänderungen, die er am
    sensibeln Ende des Apparates hervorruft. Bei Tag gibt es eine
    continuirlich laufende Strömung von dem W-System der W her
    zur Motilität; diese hat bei Nacht ein Ende und könnte einer Rück-
    strömung der Erregung kein Hindernis mehr bereiten. Es wäre dies
    die „Abschliessung von der Aussenwelt“, welche in der Theorie
    einiger Autoren die psychologischen Charaktere des Traumes auf-
    klären soll (vergl. Seite 35). Indess wird man bei der Erklärung der

  • S.

    321

    Regression des Traumes Rücksicht auf jene anderen Regressionen
    nehmen müssen, die in krankhaften Wachzuständen zu Stande
    kommen. Bei diesen Formen lässt natürlich die eben gegebene
    Auskunft im Stiche. Es kommt zur Regression trotz der ununter-
    brochenen sensibeln Strömung in progredienter Richtung.

    Für die Hallucinationen der Hysterie, der Paranoia, die Visionen
    geistesnormaler Personen kann ich die Aufklärung geben, dass sie
    thatsächlich Regressionen entsprechen, d. h. in Bilder verwandelte
    Gedanken sind, und dass nur solche Gedanken diese Verwandlung
    erfahren, welche mit unterdrückten oder unbewusst gebliebenen
    Erinnerungen im intimen Zusammenhange stehen. Z. B. einer meiner
    jüngsten Hysteriker, ein zwölfjähriger Knabe, wird am Einschlafen
    gehindert durch „grüne Gesichter mit rothen Augen“, vor
    denen er sich entsetzt. Quelle dieser Erscheinung ist die unterdrückte,
    aber einstens bewusste Erinnerung an einen Knaben, den er vor vier
    Jahren oftmals sah, und der ihm ein abschreckendes Bild vieler
    Kinderunarten bot, darunter auch jener der Onanie, aus der er sich selbst
    jetzt einen nachträglichen Vorwurf macht. Die Mama hatte damals
    bemerkt, dass der ungezogene Junge eine grünliche Gesichtsfarbe
    habe und rothe (d. h. roth veränderte) Augen. Daher das
    Schreckgespenst, das übrigens nur dazu bestimmt ist, ihn an eine
    andere Vorhersage der Mama zu erinnern, dass solche Jungen blöd-
    sinnig werden, in der Schule nichts erlernen können und früh sterben.
    Unser kleiner Patient lässt den einen Theil der Prophezeiung ein-
    treffen; er kömmt im Gymnasium nicht weiter, und fürchtet sich, wie das
    Verhör seiner ungewollten Einfälle zeigt, entsetzlich vor dem zweiten
    Theil. Die Behandlung hat allerdings nach kurzer Zeit den Erfolg,
    dass er schläft, seine Aengstlichkeit verliert und sein Schuljahr mit
    einem Vorzugszeugnis abschliesst.

    Hier kann ich die Auflösung einer Vision anreihen, die mir
    eine 40jährige Hysterica aus ihren gesunden Tagen erzählt hat.
    Eines Morgens schlägt sie die Augen auf und sieht ihren Bruder im
    Zimmer, der doch, wie sie weiss, sich in der Irrenanstalt befindet.
    Ihr kleiner Sohn schläft im Bette neben ihr. Damit das Kind nicht
    erschrickt und in Krämpfe verfällt, wenn es den Onkel sieht,
    zieht sie die Bettdecke über dasselbe, und dann verschwindet die
    Erscheinung. Die Vision ist die Umarbeitung einer Kindererinnerung
    der Dame, die zwar bewusst war, aber mit allem unbewusstem
    Materiale in ihrem Innern in intimster Beziehung stand. Ihre Kinder-
    frau hatte ihr erzählt, dass die sehr früh verstorbene Mutter (sie
    war zur Zeit des Todesfalles erst 1½ Jahre alt) an epileptischen
    oder hysterischen Krämpfen gelitten hatte und zwar seit einem Schreck,
    den ihr der Bruder (der Onkel meiner Patientin) dadurch verur-
    sachte, dass er ihr als Gespenst mit einer Bettdecke über dem Kopf
    erschien. Die Vision enthält dieselben Elemente wie die Erinnerung:
    Die Erscheinung des Bruders, die Bettdecke, den Schreck und seine

  • S.

    322

    Wirkung. Diese Elemente sind aber zu neuem Zusammenhange ange
    ordnet und auf andere Personen übertragen. Das offenkundige Motiv
    der Vision, der durch sie ersetzte Gedanke, ist die Besorgnis, dass
    ihr kleiner Sohn, der seinem Onkel physisch so ähnlich war, das
    Schicksal desselben theilen könnte.

    Beide hier angeführte Beispiele sind nicht frei von aller Be
    ziehung zum Schlafzustande und darum vielleicht zu dem Beweise
    ungeeignet, für den ich sie brauche. Ich verweise also auf meine
    Analyse einer hallucinirenden Paranoica*) und auf die Ergebnisse
    meiner noch nicht veröffentlichten Studien über die Psychologie der
    Psychoneurosen, um zu bekräftigen, dass man in diesen Fällen von
    regredienter Gedankenverwandlung den Einfluss einer unterdrückten
    oder unbewusst gebliebenen Erinnerung, meist einer infantilen, nicht
    übersehen darf. Diese Erinnerung zieht gleichsam den mit ihr in Ver
    bindung stehenden, an seinem Ausdruck durch die Censur verhin
    derten Gedanken, in die Regression als in jene Form der Darstel
    lung, in der sie selbst psychisch vorhanden ist. Ich darf hier als ein
    Ergebnis der Studien über Hysterie anführen, dass die infantilen
    Scenen (seien sie nun Erinnerungen oder Phantasien), wenn es gelingt,
    sie bewusst zu machen, hallucinatorisch gesehen werden und erst
    beim Mittheilen diesen Charakter abstreifen. Es ist auch bekannt,
    dass selbst bei Personen, die sonst im Erinnern nicht visuell sind,
    die frühesten Kindererinnerungen den Charakter der sinnlichen Leb
    haftigkeit bis in späte Jahre bewahren.

    Wenn man sich nun erinnert, welche Rolle in den Traum
    gedanken den infantilen Erlebnissen oder den auf sie gegründeten
    Phantasien zufällt, wie häufig Stücke derselben im Trauminhalt wieder
    auftauchen, wie die Traumwünsche selbst häufig aus ihnen abgeleitet
    sind, so wird man auch für den Traum die Wahrscheinlichkeit nicht
    abweisen, dass die Verwandlung von Gedanken in visuelle Bilder
    mit die Folge der Anziehung sein möge, welche die nach Neubelebung
    strebende visuell dargestellte Erinnerung auf den nach Ausdruck
    ringenden vom Bewusstsein abgeschnittenen Gedanken ausübt. Nach
    dieser Auffassung liesse sich der Traum auch beschreiben als der
    durch Uebertragung auf Recentes veränderte Ersatz
    der infantilen Scene. Die Infantilscene kann ihre Erneuerung
    nicht durchsetzen; sie muss sich mit der Wiederkehr als Traum be
    gnügen.

    Der Hinweis auf die gewissermassen vorbildliche Bedeutung der
    Infantilscenen (oder ihrer phantastischen Wiederholungen) für den
    Trauminhalt macht eine der Annahmen Scherner’s und seiner An
    hänger über die inneren Reizquellen überflüssig. Scherner nimmt
    einen Zustand von „Gesichtsreiz“ von innerer Erregung im Sehorgan
    an, wenn die Träume eine besondere Lebhaftigkeit ihrer visuellen

    *)Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen, Neurologisches
    Centralblatt, 1896. Nr. 10.

  • S.

    323

    Die Regression erklärt durch die Anziehung der Infantilscenen.

    Elemente oder einen besonderen Reichthum an solchen erkennen
    lassen. Wir brauchen uns gegen diese Annahme nicht zu sträuben,
    dürfen uns etwa damit begnügen, einen solchen Erregungszustand
    blos für das psychische Wahrnehmungssystem des Sehorgans zu
    statuiren, werden aber geltend machen, dass dieser Erregungszu-
    stand ein durch die Erinnerung hergestellter, die Auffrischung der
    seinerzeit actuellen Seherregung ist. Ich habe aus eigener Erfahrung
    kein gutes Beispiel für solchen Einfluss einer infantilen Erinnerung
    zur Hand; meine Träume sind überhaupt weniger reich an sinnlichen
    Elementen, als ich die Anderer schätzen muss; aber in dem schönsten
    und lebhaftesten Traume dieser letzten Jahre wird es mir leicht, die
    hallucinatorische Deutlichkeit des Trauminhaltes auf sinnliche Quali-
    täten recenter und kürzlich erfolgter Eindrücke zurückzuführen. Ich
    habe auf Seite 272 einen Traum erwähnt, in dem die tiefblaue Farbe
    des Wassers, die braune Farbe des Rauches aus den Kaminen der
    Schiffe und das düstere Braun und Roth der Bauwerke, die ich sah,
    mir einen tiefen Eindruck hinterliessen. Wenn irgend einer, so musste
    dieser Traum auf Gesichtsreiz gedeutet werden. Und was hatte mein
    Sehorgan in diesen Reizzustand versetzt? Ein recenter Eindruck,
    der sich mit einer Reihe früherer zusammenhat. Die Farben, die
    ich sah, waren zunächst die des Ankersteinbaukastens, mit dem die
    Kinder am Tage vor meinem Traume ein grossartiges Bauwerk auf
    geführt hatten, um es meiner Bewunderung zu zeigen. Da fanden
    sich das nämliche düstere Roth an den grossen, das Blau und Braun
    an den kleinen Steinen. Dazu gesellten sich die Farbeindrücke
    der letzten italienischen Reisen, das schöne Blau des Isonzo und der
    Lagune und das Braun des Karstes. Die Farbenschönheit des Traumes
    war nur eine Wiederholung der in der Erinnerung gesehenen.

    Fassen wir zusammen, was wir über die Eigenthümlichkeit des
    Traumes, seinen Vorstellungsinhalt in sinnliche Bilder umzugiessen,
    erfahren haben. Wir haben diesen Charakter der Traumarbeit nicht
    etwa erklärt, auf bekannte Gesetze der Psychologie zurückgeführt,
    sondern haben ihn als auf unbekannte Verhältnisse hindeutend heraus
    gegriffen und durch den Namen des „regredienten“ Charakters
    ausgezeichnet. Wir haben gemeint, diese Regression sei wohl überall,
    wo sie vorkommt, eine Wirkung des Widerstandes, der sich dem Vor-
    dringen des Gedankens zum Bewusstsein auf dem normalen Wege
    entgegensetzt, sowie der gleichzeitigen Anziehung, welche als sinnes-
    stark vorhandene Erinnerungen auf ihn ausüben. Beim Traume käme
    vielleicht zur Erleichterung der Regression hiezu das Aufhören der
    progredienten Tagesströmung von den Sinnesorganen, welches Hilfs-
    moment bei den anderen Formen von Regression durch Verstärkung der
    anderen Regressionsmotive wett gemacht werden muss. Wir wollen
    auch nicht vergessen uns zu merken, dass bei diesen pathologischen
    Fällen von Regression wie im Traume der Vorgang der Energie-
    übertragung ein anderer sein dürfte als bei den Regressionen des

    21*

  • S.

    324

    normalen seelischen Lebens, da durch ihn eine volle hallucinatori-
    sche Besetzung der Wahrnehmungssysteme ermöglicht wird. Was wir bei
    der Analyse der Traumarbeit als die „Rücksicht auf Darstellbarkeit“
    beschrieben haben, dürfte auf die auswählende Anziehung der
    von den Traumgedanken berührten, visuell erinnerten Scenen zu
    beziehen sein.

    Leicht möglich, dass dieses erste Stück unserer psychologischen
    Verwerthung des Traumes uns selbst nicht sonderlich befriedigt. Wir
    wollen uns damit trösten, dass wir ja genöthigt sind, in’s Dunkle
    hinaus zu bauen. Sind wir nicht völlig in die Irre gerathen, so
    müssen wir von einem anderen Angriffspunkte her in ungefähr die
    nämlich Region gerathen, in welcher wir uns dann vielleicht besser
    zurecht finden werden.

    c) Zur Wunscherfüllung.

    Der vorangestellte Traum vom brennenden Kinde gibt uns
    einen willkommenen Anlass, Schwierigkeiten, auf welche die Lehre
    von der Wunscherfüllung stösst, zu würdigen. Wir haben es gewiss
    Alle mit Befremden aufgenommen, dass der Traum nichts anderes
    als eine Wunscherfüllung sein soll, und nicht etwa allein wegen des
    Widerspruches, der vom Angsttraum ausgeht. Nachdem uns die
    ersten Aufklärungen durch die Analyse belehrt hatten, hinter dem
    Traum verberge sich Sinn und psychischer Werth, so wäre unsere
    Erwartung keineswegs auf eine so eindeutige Bestimmung dieses
    Sinnes gefasst gewesen. Nach der correcten, aber kärglichen Defi-
    nition des Aristoteles ist der Traum das in den Schlafzustand –
    insoferne man schläft – fortgesetzte Denken. Wenn nun unser
    Denken bei Tage so verschiedenartige psychische Acte schafft, Urtheile,
    Schlussfolgerungen, Widerlegungen, Erwartungen, Vorsätze u. dgl.,
    wodurch soll es bei Nacht genöthigt sein, sich allein auf die Er-
    zeugung von Wünschen einzuschränken? Gibt es nicht viel-
    mehr reichlich Träume, die einen andersartigen psychischen Act in
    Traumgestalt verwandelt bringen, z. B. eine Besorgnis, und ist nicht
    gerade der vorangestellte, ganz besonders durchsichtige Traum des
    Vaters ein solcher? Er zieht auf den Lichtschein hin, der ihm
    auch schlafend in’s Auge fällt, den besorgten Schluss, dass eine Kerze
    umgefallen sei und die Leiche in Brand gesteckt haben könne; diesen
    Schluss verwandelt er in einen Traum, indem er ihn in eine sinn fällige
    Situation und in das Präsens einkleidet. Welche Rolle spielt dabei
    die Wunscherfüllung, und ist denn die Uebermacht des vom Wachen
    her sich fortsetzenden oder durch den neuen Sinneseindruck an-
    geregten Gedankens dabei irgend zu verkennen?

    Das ist alles richtig und nöthigt uns, auf die Rolle der Wunsch-
    erfüllung im Traume und auf die Bedeutung der in den Schlaf sich
    fortsetzenden Wachgedanken näher einzugehen.

  • S.

    325

    Gerade die Wunscherfüllung hat uns bereits zu einer Scheidung
    der Träume in zwei Gruppen veranlasst. Wir haben Träume ge-
    funden, die sich offen als Wunscherfüllungen gaben; andere, deren
    Wunscherfüllung unkenntlich, oft mit allen Mitteln versteckt war.
    In den letzteren erkannten wir die Leistungen der Traumcensur.
    Die unentstellten Wunschträume fanden wir hauptsächlich bei Kindern;
    kurze, offenherzige Wunschträume schienen – ich lege Nach-
    druck auf diesen Vorbehalt – auch bei Erwachsenen vorzukommen.

    Wir können nun fragen, woher jedesmal der Wunsch stammt,
    der sich im Traume verwirklicht. Aber auf welchen Gegensatz oder
    auf welche Mannigfaltigkeit beziehen wir dieses „Woher“? Ich
    meine, auf den Gegensatz zwischen dem bewusst gewordenen Tages-
    leben und einer unbewusst gebliebenen psychischen Thätigkeit, die
    sich erst zur Nachtzeit bemerkbar machen kann. Ich finde dann eine
    dreifache Möglichkeit für die Herkunft eines Wunsches. Er kann 1.
    bei Tage erregt worden sein und infolge äusserer Verhältnisse keine Be-
    friedigung gefunden haben; es erübrigt dann für die Nacht ein an-
    erkannter und unerledigter Wunsch; 2. er kann bei Tage auf-
    getaucht sein, aber Verwerfung gefunden haben; es erübrigt uns
    dann ein unerledigter aber unterdrückter Wunsch oder 3. er kann
    ausser Beziehung mit dem Tagesleben sein und zu jenen Wünschen
    gehören, die erst Nachts aus dem Unterdrückten in uns rege werden.
    Wenn wir unser Schema des psychischen Apparates vornehmen, so
    localisiren wir einen Wunsch der ersten Art in dem System Vbw;
    vom Wunsch der zweiten Art nehmen wir an, dass er aus dem
    System Vbw in das Ubw zurückgedrängt worden ist, und wenn über-
    haupt, nur dort sich erhalten hat; und von der Wunschregung der
    dritten Art glauben wir, dass sie überhaupt unfähig ist, das System
    des Ubw zu überschreiten. Haben nun Wünsche aus diesen ver-
    schiedenen Quellen den gleichen Werth für den Traum, die gleiche
    Macht einen Traum anzuregen?

    Eine Ueberschau über die Träume, die uns für die Beant-
    wortung dieser Frage zu Gebote stehen, mahnt uns zunächst als
    vierte Quelle des Traumwunsches hinzuzufügen die actuellen bei
    Nacht sich erhebenden Wunschregungen (z. B. auf den Durstreiz, das
    sexuelle Bedürfnis). Sodann wird uns wahrscheinlich, dass die Her-
    kunft des Traumwunsches an seiner Fähigkeit, einen Traum an-
    zuregen, nichts ändert. Ich erinnere an den Traum der Kleinen,
    welcher die bei Tage unterbrochene Seefahrt fortsetzt, und an die
    nebenstehenden Kinderträume; sie werden durch einen unerfüllten,
    aber nicht unterdrückten Wunsch vom Tage erklärt. Beispiele da-
    für, dass ein bei Tage unterdrückter Wunsch sich im Traume Luft
    macht, sind überaus reichlich nachzuweisen; ein einfachstes solcher
    Art könnte ich hier nachtragen. Eine etwas spottlustige Dame,
    deren jüngere Freundin sich verlobt hat, beantwortet tagsüber die
    Anfragen der Bekannten, ob sie den Bräutigam kenne, und was sie
     

  • S.

    326

    von ihm halte, mit uneingeschränkten Lobsprüchen, bei denen sie
    ihrem Urtheil Schweigen auferlegt, denn sie hätte gern die Wahrheit
    gesagt: Er ist ein Dutzendmensch. Nachts träumt sie, dass die
    selbe Frage an sie gerichtet wird, und antwortet mit der Formel:
    Bei Nachbestellungen genügt die Angabe der Nummer.
    Endlich, dass in allen Träumen, die der Entstellung unterlegen sind,
    der Wunsch aus dem Unbewussten stammt und bei Tage nicht ver-
    nehmbar werden konnte, haben wir als das Ergebnis zahlreicher
    Analysen erfahren. So scheinen zunächst alle Wünsche für die Traum-
    bildung von gleichem Werth und gleicher Macht.

    Ich kann hier nicht beweisen, dass es sich doch eigentlich
    anders verhält, aber ich neige sehr zur Annahme einer strengeren
    Bedingtheit des Traumwunsches. Die Kinderträume lassen ja keinen
    Zweifel darüber, dass ein bei Tage unerledigter Wunsch der Traum-
    erreger sein kann. Aber es ist nicht zu vergessen, das ist dann der
    Wunsch eines Kindes, eine Wunschregung von der dem Infantilen
    eigenen Stärke. Es ist mir durchaus zweifelhaft, ob ein am Tage
    nicht erfüllter Wunsch, bei einem Erwachsenen genügt, um einen
    Traum zu schaffen. Es scheint mir vielmehr, dass wir mit der
    fortschreitenden Beherrschung unseres Trieblebens durch die denkende
    Thätigkeit auf die Bildung oder Erhaltung so intensiver Wünsche, wie
    das Kind sie kennt, als unnütz immer mehr verzichten. Es mögen sich
    dabei ja individuelle Verschiedenheiten geltend machen, der Eine den
    infantilen Typus der seelischen Vorgänge länger bewahren als ein
    Anderer, wie ja solche Unterschiede auch für die Abschwächung des
    ursprünglich deutlich visuellen Vorstellens bestehen. Aber im All-
    gemeinen, glaube ich, wird beim Erwachsenen der unerfüllt vom
    Tage übrig gebliebene Wunsch nicht genügen, einen Traum zu
    schaffen. Ich gebe gerne zu, dass die aus dem Bewussten stammende
    Wunschregung einen Beitrag zur Anregung des Traumes liefern
    wird, aber wahrscheinlich auch nicht mehr. Der Traum entstünde
    nicht, wenn der vorbewusste Wunsch sich nicht eine Verstärkung
    von anderswoher zu holen wüsste.

    Aus dem Unbewussten nämlich. Ich stelle mir vor, dass
    der bewusste Wunsch nur dann zum Traumerreger wird,
    wenn es ihm gelingt, einen gleichlautenden unbe-
    wussten zu wecken, durch den er sich verstärkt. Diese
    unbewussten Wünsche betrachte ich, nach den Andeutungen aus
    der Psychoanalyse der Neurosen, als immer rege, jederzeit be-
    reit, sich Ausdruck zu verschaffen, wenn sich ihnen Gelegen-
    heit bietet, sich mit einer Regung aus dem Bewussten zu
    alliiren, ihre grosse Intensität auf deren geringere zu übertragen*).

    *)Sie theilen diesen Charakter der Unzerstörbarkeit mit allen anderen wirklich
    unbewussten, d. h. dem System Ubw allein angehörigen seelischen Acten. Diese sind
    ein für allemale gebahnte Wege, die nie veröden und den Erregungsvorgang immer
    wieder zur Abfuhr leiten, so oft die unbewusste Erregung sie wiederbesetzt. Um

  • S.

    327

    Es muss dann zum Anschein kommen, als hätte allein der bewusste
    Wunsch sich im Traume realisirt; allein eine kleine Auffälligkeit in
    der Gestaltung dieses Traumes wird uns ein Fingerzeig werden, dem
    mächtigen Helfer aus dem Unbewussten auf die Spur zu kommen.
    Diese immer regen, so zu sagen unsterblichen Wünsche unseres Un--
    bewussten, welche an die Titanen der Sage erinnern, auf denen seit
    Urzeiten die schweren Gebirgsmassen lasten, die einst von den sieg--
    reichen Göttern auf sie gewälzt wurden, und die unter den Zuckungen
    ihrer Glieder noch jetzt von Zeit zu Zeit erheben: – diese in der
    Verdrängung befindlichen Wünsche, sage ich, sind aber selbst in--
    fantiler Herkunft, wie wir durch die psychologische Erforschung der
    Neurosen erfahren. Ich möchte also den früher ausgesprochenen
    Satz, die Herkunft des Traumwunsches sei gleichgültig, beseitigen
    und durch einen anderen ersetzen, der lautet: Der Wunsch,
    welcher sich im Traume darstellt, muss ein infantiler
    sein. Er stammt dann beim Erwachsenen aus dem Ubw; beim
    Kind, wo es die Sonderung und Censur zwischen Vbw und Ubw
    noch nicht giebt oder wo sie sich erst allmählich herstellt, ist es ein un--
    erfüllter, unverdrängter Wunsch des Wachlebens. Ich weiss, diese An--
    schauung ist nicht allgemein zu erweisen; aber ich behaupte, sie ist
    häufig zu erweisen, auch wo man es nicht vermuthet hätte, und ist
    nicht allgemein zu widerlegen.

    Die aus dem bewussten Wachleben erübrigten Wunschregungen
    lasse ich also für die Traumbildung in den Hintergrund treten. Ich
    will ihnen keine andere Rolle zugestehen, als etwa dem Material an
    actuellen Sensationen während des Schlafes für den Trauminhalt
    (vergl. Seite 157 u. ff.). Ich bleibe auf der Linie, die mir dieser Gedan--
    kengang vorschreibt, wenn ich jetzt die anderen psychischen Anregungen
    in Betracht ziehe, die vom Tagesleben übrig bleiben und die nicht
    Wünsche sind. Es kann uns gelingen, den Energiebesetzungen
    unseres wachen Denkens ein vorläufiges Ende zu machen, wenn wir
    beschliessen den Schlaf aufzusuchen. Wer das gut kann, der ist
    ein guter Schläfer; der erste Napoleon soll ein Meister dieser Gattung
    gewesen sein. Aber es gelingt uns nicht immer und nicht immer
    vollständig. Unerledigte Probleme, quälende Sorgen, eine Uebermacht
    von Eindrücken, setzen die Denkthätigkeit auch während des Schlafes
    fort und unterhalten seelische Vorgänge in dem System, das wir als
    das Vorbewusste bezeichnet haben. Wenn uns um eine Eintheilung
    dieser in den Schlaf sich fortsetzenden Denkregungen zu thun ist,
    so können wir folgende Gruppen derselben aufstellen: 1. Das während
    des Tages durch zufällige Abhaltung nicht zu Ende Gebrachte,


    mich eines Gleichnisses zu bedienen: es gibt für sie keine andere Art der Ver--
    nichtung als für die Schatten der odysseischen Unterwelt, die zum neuen Leben er--
    wachen, sobald sie Blut getrunken haben. Die vom vorbewussten System abhängigen
    Vorgänge sind in ganz anderem Sinne zerstörbar. Auf diesem Unterschiede ruht die
    Psychotherapie der Neurosen.

  • S.

    328

    2. das durch Erlahmen unserer Denkkraft Unerledigte, das Ungelöste,
    3. das bei Tage Zurückgewiesene und Unterdrückte. Dazu gesellt
    sich als eine mächtige 4. Gruppe, was durch die Arbeit des Vor-
    bewussten tagsüber in unserem Ubw rege gemacht worden ist, und
    endlich können wir als 5. Gruppe anfügen: die indifferenten und
    darum unerledigt gebliebenen Eindrücke des Tages.
    Die psychischen Intensitäten, welche durch diese Reste des
    Tageslebens in den Schlafzustand eingeführt werden, zumal aus der
    Gruppe des Ungelösten, braucht man nicht zu unterschätzen. Sicherlich
    ringen diese Erregungen auch zur Nachtzeit nach Ausdruck, und
    ebenso sicher dürfen wir annehmen, dass der Schlafzustand die ge-
    wohnte Fortführung des Erregungsvorganges im Vorbewussten und
    deren Abschluss durch das Bewusstwerden unmöglich macht. Inso-
    ferne wir unserer Denkvorgänge auf dem normalen Wege bewusst
    werden können, auch zur Nachtzeit, insoferne schlafen wir eben nicht.
    Was für Veränderung der Schlafzustand im System Vbw hervorruft,
    weiss ich nicht anzugeben; aber es ist unzweifelhaft, dass die psycho-
    logische Charakteristik des Schlafes wesentlich in den Besetzungs-
    veränderungen gerade dieses Systemes zu suchen ist, das auch den
    Zugang zu der im Schlaf gelähmten Motilität beherrscht. Im Gegen-
    satze dazu wüsste ich von keinem Anlass aus der Psychologie des
    Traumes, der uns annehmen hiesse, dass der Schlaf anders als secundär
    in den Verhältnissen des Systems Ubw etwas verändere. Der nächt-
    lichen Erregung im Vbw bleibt also kein anderer Weg als der, den
    die Wunscherregungen aus dem Ubw nehmen; sie muss die Ver-
    stärkung aus dem Ubw suchen und die Umwege der unbewussten
    Erregungen mitmachen. Wie stellen sich aber die vorbewussten
    Tagesreste zum Traum? Es ist kein Zweifel, dass sie reichlich in
    den Traum eindringen, dass sie den Trauminhalt benützen, um sich
    auch zur Nachtzeit dem Bewusstsein aufzudrängen; ja sie dominiren
    gelegentlich den Trauminhalt, nöthigen ihn, die Tagesarbeit fortzu-
    setzen; es ist auch sicher, dass die Tagesreste jeden anderen Charakter
    ebensowohl haben können wie den der Wünsche; aber es ist dabei
    höchst lehrreich und für die Lehre von der Wunscherfüllung geradezu
    entscheidend zu sehen, welcher Bedingung sie sich fügen müssen,
    um in den Traum Aufnahme zu finden.
    Greifen wir eines der früheren Traumbeispiele heraus, z. B. den
    Traum, der mir Freund Otto mit den Zeichen der Basedow’schen
    Krankheit erscheinen lässt. (Seite 186.) Ich hatte am Tage eine Besorgnis
    gebildet, zu der das Aussehen Ottos Anlass gab, und die Sorge
    ging mir nahe, wie Alles, was diese Person betrifft. Sie folgte mir
    auch, darf ich annehmen, in den Schlaf. Wahrscheinlich wollte ich
    ergründen, was ihm fehlen könnte. Zur Nachtzeit fand diese Sorge
    Ausdruck in dem Traume, den ich mitgetheilt habe, dessen Inhalt
    erstens unsinnig war und zweitens keiner Wunscherfüllung entsprach.
    Ich begann aber nachzuforschen, woher der unangemessene Ausdruck

  • S.

    329

    der bei Tag verspürten Besorgnis rühre, und durch die Analyse fand
    ich einen Zusammenhang, indem ich ihn mit einem Baron L., mich
    selbst aber mit Professor R. identificirte. Warum ich gerade diesen
    Ersatz des Tagesgedanken hatte wählen müssen, dafür gab es nur
    eine Erklärung. Zu der Identificirung mit Professor R. musste ich
    im Ubw immer bereit sein, da durch sie eine der unsterblichen
    Kinderwünsche, der Wunsch der Größensucht, sich erfüllte. Hässliche,
    der Verwerfung bei Tage sichere Gedanken gegen meinen Freund
    hatten die Gelegenheit benutzt, sich zur Darstellung mit einzuschleichen,
    aber auch die Sorge des Tages war zu einer Art von Ausdruck durch
    einen Ersatz im Trauminhalte gekommen. Der Tagesgedanke, der
    an sich kein Wunsch, sondern im Gegentheil eine Besorgnis war,
    musste sich auf irgend einem Wege die Anknüpfung an einen in
    fantilen, nun unbewussten und unterdrückten Wunsch verschaffen,
    der ihn dann, wenn auch gehörig zugerichtet, für das Bewusstsein
    „entstehen“ ließ. Je dominirender diese Sorge war, desto gewalt-
    samer durfte die herzustellende Verbindung sein; zwischen dem Inhalt
    des Wunsches und dem der Besorgnis brauchte ein Zusammenhang
    gar nicht zu bestehen und bestand auch keiner in unserem Beispiele.
    Ich kann es nun scharf bezeichnen, was der unbewusste Wunsch für
    den Traum bedeutet. Ich will zugeben, dass es eine ganze Classe von
    Träumen gibt, zu denen die Anregung vorwiegend oder selbst
    ausschließlich aus den Resten des Tageslebens stammt, und ich meine,
    selbst mein Wunsch, endlich einmal Professor extraordinarius zu
    werden, hätte mich diese Nacht in Ruhe schlafen lassen können,
    wäre nicht die Sorge um die Gesundheit meines Freundes vom Tage
    her noch rührig gewesen. Aber diese Sorge hätte noch keinen Traum
    gemacht; die Triebkraft, die der Traum bedurfte, musste von
    einem Wunsche beigesteuert werden; es war Sache der Besorgnis,
    sich einen solchen Wunsch als Triebkraft des Traumes zu verschaffen.
    Um es in einem Gleichnis zu sagen: Es ist sehr wohl möglich, dass
    ein Tagesgedanke die Rolle des Unternehmers für den Traum
    spielt; aber der Unternehmer, der, wie man sagt, die Idee hat und
    den Drang sie in That umzusetzen, kann doch ohne Capital nichts
    machen; er braucht einen Capitalisten, der den Aufwand be-
    streitet, und dieser Capitalist, der den psychischen Aufwand für den
    Traum beistellt, ist alle Male und unweigerlich, was immer auch der
    Tagesgedanke sein mag, ein Wunsch aus dem Unbewussten.
    Andere Male ist der Capitalist selbst der Unternehmer; das ist
    für den Traum sogar der gewöhnlichere Fall. Es ist durch die
    Tagesarbeit ein unbewusster Wunsch angeregt worden, und der
    schafft nun den Traum. Auch für alle anderen Möglichkeiten des
    hier als Beispiel verwendeten wirthschaftlichen Verhältnisses bleiben
    die Traumvorgänge parallel; der Unternehmer kann selbst eine
    Kleinigkeit an Capital mitbringen; es können mehrere Unternehmer
    sich an denselben Capitalisten wenden; es können mehrere Capitalisten

  • S.

    330

    gemeinsam das für die Unternehmer Erforderliche zusammensteuern. So
    gibt es auch Träume, die von mehr als einem Traumwunsche getragen
    werden, und dergleichen Variationen mehr, die leicht zu übersehen sind und
    uns kein Interesse mehr bieten. Was an dieser Erörterung über den Traum
    wunsch noch unvollständig ist, werden wir erst später ergänzen können.
    Das Tertium comparationis der hier gebrauchten Gleichnisse,
    die in zugemessener Menge zu freien Verfügung gestellte Quantität,
    lässt noch feinere Verwendung zur Beleuchtung der Traumstructur
    zu. In den meisten Träumen lässt sich ein mit besonderer sinnlicher
    Intensität ausgestattetes Centrum erkennen, wie auf Seite 209 aus
    geführt. Das ist in der Regel die directe Darstellung der Wunsch
    erfüllung, denn, wenn wir die Verschiebungen der Traumarbeit rück-
    gängig machen, finden wir die psychische Intensität der Elemente in
    den Traumgedanken durch die sinnliche Intensität der Elemente im
    Trauminhalt ersetzt. Die Elemente in der Nähe der Wunscherfüllung
    haben mit deren Sinn oft nichts zu thun, sondern erweisen sich als Ab-
    kömmlinge peinlicher, dem Wunsch zuwiderlaufender Gedanken.
    Durch den oft künstlich hergestellten Zusammenhang mit dem centralen
    Element haben sie aber soviel Intensität abbekommen, dass sie zur
    Darstellung fähig geworden sind. So diffundirt die darstellende Kraft
    der Wunscherfüllung über eine gewisse Sphäre von Zusammenhang,
    innerhalb deren alle Elemente, auch die an sich mittellosen, zur Dar-
    stellung gehoben werden. Bei Träumen mit mehreren treibenden
    Wünschen gelingt es leicht, die Sphären der einzelnen Wunscherfüllungen
    von einander abzugrenzen, oft auch die Lücken im Traume als Grenz-
    zonen zu verstehen.

    Wenn wir auch die Bedeutung der Tagesreste für den Traum
    durch die vorstehenden Bemerkungen eingeschränkt haben, so ver-
    lohnt es doch der Mühe, ihnen noch einige Aufmerksamkeit zu
    schenken. Sie müssen doch ein nothwendiges Ingrediens der Traum-
    bildung sein, wenn uns die Erfahrung mit der Thatsache überraschen
    kann, dass jeder Traum eine Anknüpfung an einen recenten Tages-
    eindruck, oft der gleichgiltigsten Art, mit in seinem Inhalt erkennen
    lässt. Die Nothwendigkeit für diesen Zusatz zur Traummischung ver-
    mochten wir noch nicht einzusehen. (Seite 124) Sie ergibt sich auch nur,
    wenn man an der Rolle des unbewussten Wunsches festhält und
    dann die Neurosenpsychologie um Auskunft befragt. Aus dieser er-
    fährt man, dass die unbewusste Vorstellung als solche überhaupt
    unfähig ist in's Vorbewusste einzutreten, und dass sie dort nur eine
    Wirkung zu äussern vermag, indem sie sich mit einer harmlosen,
    dem Vorbewussten bereits angehörigen Vorstellung in Verbindung
    setzt, auf sie ihre Intensität überträgt und sich durch sie decken
    lässt. Es ist dies die Thatsache der Uebertragung, welche für
    so viele auffällige Vorfälle im Seelenleben der Neurotiker die Auf-
    klärung enthält. Die Uebertragung kann die Vorstellung aus dem Vor-
    bewussten, welche somit zu einer unverdient grossen Intensität ge-
    langt, unverändert lassen, oder ihr selbst eine Modification durch den

  • S.

    331

    Die Uebertragung an die Tagesreste.

    Inhalt der übertragenden Vorstellung aufdrängen. Man verzeihe mir
    die Neigung zu Gleichnissen aus dem täglichen Leben, aber ich bin
    versucht zu sagen, die Verhältnisse liegen für die verdrängte Vor-
    stellung ähnlich wie in unserem Vaterlande für den amerikanischen
    Zahnarzt, der seine Praxis nicht ausüben darf, wenn er sich nicht eines
    rite promovirten Doctors der Medicin als Aushängeschild und Deckung
    von dem Gesetz bedient. Und ebenso wie es nicht gerade die be-
    schäftigsten Aerzte sind, die solche Alliancen mit den Zahntechniker
    eingehen, so werden auch im Psychischen nicht jene vorbewussten
    oder bewussten Vorstellungen zur Deckung einer verdrängten erkoren,
    die selbst genügend von der im Vorbewussten thätigen Aufmerk-
    keit auf sich gezogen haben. Das Unbewusste umspinnt mit seinen
    Verbindungen vorzugsweise jene Eindrücke und Vorstellungen des
    Vorbewussten, die entweder als indifferent ausser Beachtung geblieben
    sind, oder denen diese Beachtung durch Verwerfung alsbald wieder
    entzogen wurde. Es ist ein bekannter Satz aus der Associationslehre,
    durch alle Erfahrung bestätigt, dass Vorstellungen, die eine sehr
    innige Verbindung nach der einen Seite angeknüpft haben, sich wie
    ablehnend gegen ganze Gruppen von neuen Verbindungen verhalten;
    ich habe einmal den Versuch gemacht, eine Theorie der hysterischen
    Lähmungen auf diesen Satz zu begründen.

    Wenn wir annehmen, dass das nämliche Bedürfnis zur Ueber-
    tragung von den verdrängten Vorstellungen aus, das uns die Analyse
    der Neurosen kennen lehrt, sich auch im Traume geltend macht, so
    erklären sich auch mit einem Schlage zwei der Räthsel des Traumes,
    dass jede Traumanalyse eine Verwebung eines recenten Eindruckes
    nachweist, und dass dies recente Element oft von der gleichgiltigsten
    Art ist. Wir fügen hinzu, was wir bereits an anderer Stelle gelernt
    haben, dass diese recenten und indifferenten Elemente als Ersatz der
    allerältesten aus den Traumgedanken darum so häufig in den Traum-
    inhalt gelangen, weil sie gleichzeitig von der Widerstandscensur am
    wenigsten zu befürchten haben. Während aber die Censurfreiheit
    uns nur die Bevorzugung der trivialen Elemente aufklärt, lässt die
    Constanz der recenten Elemente auf die Nöthigung zur Uebertragung
    durchblicken. Dem Anspruch des Verdrängten auf noch associations-
    freies Material genügen beide Gruppen von Eindrücken, die indifferenten,
    weil sie zu ausgiebigen Verbindungen keinen Anlass geboten haben,
    die recenten, weil dazu noch die Zeit gefehlt hat.

    Wir sehen so, dass die Tagesreste, denen wir die indifferenten
    Eindrücke jetzt zurechnen dürfen, nicht nur vom Ubw etwas ent-
    lehnen, wenn sie an der Traumbildung Antheil gewinnen, nämlich
    die Triebkraft, über die der verdrängte Wunsch verfügt, sondern
    dass sie auch dem Unbewussten etwas unentbehrliches bieten, die noth-
    wendige Anheftung zur Uebertragung. Wollten wir hier in die
    seelischen Vorgänge tiefer eindringen, so müssten wir das Spiel der
    Erregungen zwischen Vorbewusstem und Unbewusstem schärfer be-

  • S.

    332

    leuchten, wozu wohl das Studium der Psychoneurosen drängt, aber
    gerade der Traum keinen Anhalt bietet.

    Nur noch eine Bemerkung über die Tagesreste. Es ist kein
    Zweifel, dass sie die eigentlichen Störer des Schlafes sind, und nicht
    der Traum, der sich vielmehr bemüht den Schlaf zu hüten. Hierauf
    werden wir noch später zurückkommen.

    Wir haben bisher den Traumwunsch verfolgt, ihn aus dem
    Gebiet des Ubw abgeleitet und sein Verhältnis zu den Tagesresten
    zergliedert, die ihrerseits Wünsche sein können oder psychische
    Regungen irgend welcher anderen Art oder einfach recente Eindrücke.
    Wir haben so Raum geschaffen für die Ansprüche, die man zu
    Gunsten der traumbildenden Bedeutung der wachen Denkarbeit in
    all ihrer Mannigfaltigkeit erheben kann. Es wäre nicht einmal un-
    möglich, dass wir auf Grund unserer Gedankenreihe selbst jene
    extremen Fälle aufklären, in denen der Traum als Fortsetzer der
    Tagesarbeit eine ungelöste Aufgabe des Wachens zum glücklichen
    Ende bringt. Es mangelt uns nur an einem Beispiel solcher Art,
    um durch dessen Analyse die infantile oder verdrängte Wunschquelle
    aufzudecken, deren Heranziehung die Bemühung der vorbewussten
    Thätigkeit so erfolgreich verstärkt hat. Wir sind aber um keinen
    Schritt der Lösung des Räthsels näher gekommen, warum das Un-
    bewusste im Schlafe nichts anderes bieten kann als die Triebkraft
    zu einer Wunscherfüllung? Die Beantwortung dieser Frage muss
    ein Licht auf die psychische Natur des Wünschens werfen; sie soll
    an der Hand des Schemas vom psychischen Apparat gegeben werden.

    Wir zweifeln nicht daran, dass auch dieser Apparat seine heutige
    Vollkommenheit erst über den Weg einer langen Entwickelung er-
    reicht hat. Versuchen wir’s, ihn in eine frühere Stufe seiner Leistungs-
    fähigkeit zurückzuversetzen. Anderswie zu begründende Annahmen
    sagen uns, dass der Apparat zunächst dem Bestreben folgte, sich
    möglichst reizlos zu erhalten, und darum in seinem ersten Aufbau
    das Schema des Reflexapparates annahm, das ihm gestattete, eine von
    aussen an ihn anlangende sensible Erregung alsbald auf motorischem
    Wege abzuführen. Aber die Noth des Lebens stört diese einfache
    Function; ihr verdankt der Apparat auch den Anstoss zur weiteren
    Ausbildung. In der Form der grossen Körperbedürfnisse tritt die
    Noth des Lebens zuerst an ihn heran. Die durch das innere Be-
    dürfnis gesetzte Erregung wird sich einen Abfluss in die Motilität
    suchen, die man als „Innere Veränderung“ oder als „Ausdruck der
    Gemüthsbewegung“ bezeichnen kann. Das hungerige Kind wird hilf-
    los schreien oder zappeln. Die Situation bleibt aber unverändert,
    denn die vom inneren Bedürfnis ausgehende Erregung entspricht nicht
    einer momentan stossenden, sondern einer continuirlich wirkenden
    Kraft. Eine Wendung kann erst eintreten, wenn auf irgend einem
    Wege, beim Kinde durch fremde Hilfeleistung, die Erfahrung des
    Befriedigungserlebnisses gemacht wird, das den inneren Reiz

  • S.

    333

    Das Wünschen als primäre Thätigkeit des Unbewussten.

    aufhebt. Ein wesentlicher Bestandtheil dieses Erlebnisses ist das Er-
    scheinen einer gewissen Wahrnehmung (der Speise im Beispiel), deren
    Erinnerungsbild von jetzt an mit der Gedächtnisspur der Bedürfnis-
    erregung associirt bleibt. Sobald dies Bedürfnis ein nächstes Mal
    auftritt, wird sich, Dank der hergestellten Verknüpfung, eine psychische
    Regung ergeben, welche das Erinnerungsbild jener Wahrnehmung
    wieder besetzen und die Wahrnehmung selbst wieder hervorrufen,
    also eigentlich die Situation der ersten Befriedigung wiederherstellen
    will. Eine solche Regung ist das, was wir einen Wunsch heissen;
    das Wiedererscheinen der Wahrnehmung ist die Wunscherfüllung,
    und die volle Besetzung der Wahrnehmung von der Bedürfnisregung
    her der kürzeste Weg zur Wunscherfüllung. Es hindert uns nichts,
    einen primitiven Zustand des psychischen Apparates anzunehmen,
    in dem dieser Weg wirklich so begangen wird, das Wünschen also
    in ein Halluciniren ausläuft.*) Diese erste psychische Thätigkeit zielt
    also auf eine Wahrnehmungsidentität, nämlich auf die Wieder-
    holung jener Wahrnehmung, welche mit der Befriedigung des Bedürf-
    nisses verknüpft ist.

    Eine bittere Lebenserfahrung muss diese primitive Denkthätig-
    keit zu einer zweckmässigeren, secundären, modificirt haben. Die
    Herstellung der Wahrnehmungsidentität auf dem kurzen regredienten
    Wege im Innern des Apparates hat an anderer Stelle nicht die Folge,
    welche mit der Besetzung derselben Wahrnehmung von aussen her
    verbunden ist. Die Befriedigung tritt nicht ein, das Bedürfnis dauert
    fort. Um die innere Besetzung der äusseren gleichwerthig zu machen,
    müsste dieselbe fortwährend aufrecht erhalten werden, wie es in den
    hallucinatorischen Psychosen und in den Hungerphantasien auch
    wirklich geschieht, die ihre psychische Leistung in der Festhaltung
    des gewünschten Objectes erschöpfen. Um eine zweckmässigere Ver-
    wendung der psychischen Kraft zu erreichen, wird es nothwendig,
    die volle Regression aufzuhalten, so dass sie nicht über das Er-
    innerungsbild hinausgeht und von diesem aus andere Wege suchen kann,
    die schliesslich zur Herstellung der gewünschten Identität von der
    Aussenwelt her führen. Diese Hemmung sowie die darauf folgende
    Ablenkung der Erregung wird zur Aufgabe eines zweiten Systems,
    welches die willkürliche Motilität beherrscht, d. h. an dessen Leistung
    sich erst die Verwendung der Motilität zu vorher erinnerten Zwecken
    anschliesst. All’ die complicirte Denkthätigkeit aber, welche sich
    vom Erinnerungsbild bis zur Herstellung der Wahrnehmungsidentität
    durch die Aussenwelt fortspinnt, stellt doch nur einen durch die Er-
    fahrung nothwendig gewordenen Umweg zur Wunscherfüllung
    dar.*) Das Denken ist doch nichts anderes als der Ersatz des hallucina-
    torischen Wunsches, und wenn der Traum eine Wunscherfüllung ist,


    *) Von der Wunscherfüllung des Traumes rühmt Le Lorrain45) mit Recht:
    „Sans fatigue sérieuse, sans être obligé de recourir à cette lutte opiniâtre et longue
    qui use et corrode les jouissances poursuivies.“

  • S.

    334

    so wird das eben selbstverständlich, da nichts anderes als ein Wunsch
    unseren seelischen Apparat zur Arbeit anzutreiben vermag. Der
    Traum, der seine Wünsche auf kurzem regredienten Wege erfüllt,
    hat uns hiemit nur eine Probe der primären, als unzweckmässig ver-
    lassenen Arbeitsweise des psychischen Apparates aufbewahrt. In das
    Nachtleben scheint verbannt, was einst im Wachen herrschte, als
    das psychische Leben noch jung und untüchtig war, etwa wie wir
    in der Kinderstube die abgelegten primitiven Waffen der erwachsenen
    Menschheit, Pfeil und Bogen, wiederfinden. Das Träumen ist ein
    Stück des überwundenen Kinderseelenlebens. In den
    Psychosen werden diese sonst im Wachen unterdrückten Arbeitsweisen
    des psychischen Apparates sich wiederum Geltung erzwingen und
    dann ihre Unfähigkeit zur Befriedigung unserer Bedürfnisse gegen
    die Aussenwelt an den Tag legen.

    Die unbewussten Wunschregungen streben offenbar auch bei
    Tage sich geltend zu machen, und die Thatsache der Uebertragung,
    sowie die Psychosen belehren uns, dass sie auf dem Wege durch
    das System des Vorbewussten zum Bewusstsein und zur Beherrschung
    der Motilität durchdringen möchten. In der Censur zwischen Ubw
    und Vbw, deren Annahme uns der Traum geradezu aufnöthigt, haben
    wir also den Wächter unserer geistigen Gesundheit zu erkennen und zu
    ehren. Ist es nun nicht eine Unvorsichtigkeit dieses Wächters, dass
    er zur Nachtzeit seine Thätigkeit verringert, die unterdrückten
    Regungen des Ubw zum Ausdrucke kommen lässt, die hallucinotorische
    Regression wieder ermöglicht? Ich denke nicht, denn wenn sich der
    kritische Wächter zur Ruhe begibt, – wir haben die Beweise dafür,
    dass er doch nicht tief schlummert – so schliesst er auch das Thor
    zur Motilität. Welche Regungen aus dem sonst gehemmten Ubw
    sich auch auf dem Schauplatz tummeln mögen, man kann sie ge-
    währen lassen, sie bleiben harmlos, weil sie nicht im Stande sind,
    den motorischen Apparat in Bewegung zu setzen, welcher allein die
    Aussenwelt verändernd beeinflussen kann. Der Schlafzustand garantirt
    die Sicherheit der zu bewachenden Festung. Minder harmlos gestaltet
    es sich, wenn die Kräfteverschiebung nicht durch den nächtlichen
    Nachlass im Kräfteaufwand, der kritischen Censur, sondern durch
    pathologische Schwächung derselben oder durch pathologische Ver-
    stärkung der unbewussten Erregungen hergestellt wird, so lange das
    Vorbewusste besetzt und die Thore zur Motilität offen sind. Dann
    wird der Wächter überwältigt, die unbewussten Erregungen unter-
    werfen sich das Vbw, beherrschen von ihm aus unser Reden und
    Handeln, oder erzwingen sich die hallucinotorische Regression und
    lenken den nicht für sie bestimmten Apparat vermöge der Anziehung,
    welche die Wahrnehmungen auf die Vertheilung unserer psychischen
    Energie ausüben. Diesen Zustand heissen wir Psychose.

    Wir befinden uns da auf dem besten Wege, an dem psycho-
    logischen Gerüste weiter zu bauen, das wir mit der Einfügung der
    beiden Systeme Ubw und Vbw verlassen haben. Wir haben aber

  • S.

    335

    Die Wunschtheorie der psycho-neurotischen Symptome.

    noch Motive genug, bei der Würdigung des Wunsches als einziger
    psychischer Triebkraft für den Traum zu verweilen. Wir haben die
    Aufklärung entgegengenommen, dass der Traum darum jedesmal
    eine Wunscherfüllung ist, weil er eine Leistung des Systems Ubw
    ist, welches kein anderes Ziel seiner Arbeit als Wunscherfüllung
    kennt und über keine anderen Kräfte als die der Wunschregungen
    verfügt. Wenn wir nun auch nur einen Moment länger an dem Recht
    festhalten wollen, von der Traumdeutung aus so weitgreifende psycho-
    logische Speculationen aufzuführen, so obliegt uns die Verpflichtung
    zu zeigen, dass wir durch sie den Traum in einen Zusammenhang
    einreihen, welcher auch andere psychische Bildungen umfassen kann.
    Wenn ein System des Ubw – oder etwas ihm für unsere Erörterungen
    analoges – existirt, so kann der Traum nicht dessen einzige Aeusse-
    rung sein; jeder Traum mag eine Wunscherfüllung sein, aber es muss
    noch andere Formen abnormer Wunscherfüllungen geben als die
    Träume. Und wirklich gipfelt die Theorie aller psychoneurotischen
    Symptome in dem einen Satz, dass auch sie als Wunsch-
    erfüllungen des Unbewussten aufgefasst werden müssen.
    Der Traum wird durch unsere Aufklärung nur das erste Glied
    einer für den Psychiater höchst bedeutungsvollen Reihe, deren
    Verständnis die Lösung des rein psychologischen Antheils der
    psychiatrischen Aufgabe bedeutet. Von anderen Gliedern dieser
    Reihe von Wunscherfüllungen, z. B. von den hysterischen Sym-
    ptomen, kenne ich aber einen wesentlichen Charakter, den ich
    am Traume noch vermisse. Ich weiss nämlich aus den im Laufe
    dieser Abhandlung oftmals angedeuteten Untersuchungen, dass
    zur Bildung eines hysterischen Symptoms beide Strömungen unseres
    Seelenlebens zusammentreffen müssen. Das Symptom ist nicht blos
    der Ausdruck eines realisirten unbewussten Wunsches; es muss noch
    ein Wunsch aus dem Vorbewussten dazukommen, der sich durch
    das nämliche Symptom erfüllt, so dass das Symptom mindestens
    zweifach determinirt wird, je einmal von einem der im Conflict
    befindlichen Systeme her. Einer weiteren Ueberdeterminirung sind
    – ähnlich wie beim Traum – keine Schranken gesetzt. Die Deter-
    minirung, die nicht dem Ubw entstammt, ist, soviel ich sehe, regel-
    mässig ein Gedankenzug der Reaktion gegen den unbewussten Wunsch,
    z. B. eine Selbstbestrafung. Ich kann also ganz allgemein sagen,
    ein hysterisches Symptom entsteht nur dort, wo zwei
    gegensätzliche Wunscherfüllungen, jede aus der Quelle
    eines anderen psychischen Systems, in einem Ausdruck
    zusammentreffen können. Beispiele würden hier wenig fruchten,
    da nur die vollständige Enthüllung der vorliegenden Complication
    Ueberzeugung erwecken kann. Ich lasse es darum bei der Behaup-
    tung und bringe ein Beispiel blos seiner Anschaulichkeit, nicht seiner
    Beweiskraft wegen. Das hysterische Erbrechen also bei einer Patientin
    erwies sich einerseits als die Erfüllung einer unbewussten Phantasie aus

  • S.

    336

    den Pubertätsjahren, nämlich des Wunsches, fortwährend gravid zu
    sein, ungezählt viele Kinder zu haben, wozu später die Erweiterung
    trat: von möglichst vielen Männern. Gegen diesen unbändigen Wunsch
    hatte sich eine mächtige Abwehrregung erhoben. Da die Patientin
    aber durch das Erbrechen ihre Körperfülle und ihre Schönheit ver-
    lieren konnte, so dass kein Mann mehr an ihr Gefallen fand, so war
    das Symptom auch dem strafenden Gedankengang recht und durfte
    von beiden Seiten zugelassen, zur Realität werden. Es ist dieselbe
    Manier auf eine Wunscherfüllung einzugehen, welche der Parther-
    königin gegen den Triumvir Crassus beliebte. Sie meinte, er habe
    den Feldzug aus Goldgier unternommen; so lies sie der Leiche ge-
    schmolzenes Gold in den Rachen giessen. „Hier hast du, was du dir
    gewünscht hast.“ Vom Traum wissen wir bis jetzt nur, dass er eine
    Wunscherfüllung des Unbewussten ausdrückt; es scheint, dass das
    herrschende, vorbewusste System diese gewähren lässt, nachdem sie
    ihr gewisse Entstellungen aufgenöthigt hat. Man ist auch wirklich
    nicht im Stande, allgemein einen dem Traumwunsch gegensätzlichen
    Gedankenzug nachzuweisen, der sich wie sein Widerpart im Traume
    verwirklicht. Nur hie und da sind uns in den Traumanalysen An-
    zeichen von Reaktionsschöpfungen begegnet, z. B. die Zärtlich-
    keit für Freund R. im Onkeltraum (Seite 96). Wir können aber die
    hier vermisste Zuthut aus dem Vorbewussten an anderer Stelle auf-
    finden. Der Traum darf einen Wunsch aus dem Ubw nach allerlei
    Entstellungen zum Ausdruck bringen, während sich das herrschende
    System auf den Wunsch zu schlafen zurückgezogen hat, und
    diesen Wunsch durch Herstellung der ihm möglichen Besetzungs-
    änderungen innerhalb des psychischen Apparates realisirt, endlich ihn
    die ganze Dauer des Schlafes über festhält.*)
    Dieser festgehaltene Wunsch des Vorbewussten zu schlafen,
    wirkt nun ganz allgemein erleichternd auf die Traumbildung. Denken
    wir an den Traum des Vaters, den der Lichtschein aus dem Todten-
    zimmer zur Folgerung anregt, die Leiche könne in Brand gerathen
    sein. Wir haben als die eine der psychischen Kräfte, die den Aus-
    schlag dafür geben, dass der Vater im Traume diesen Schluss zieht,
    anstatt sich durch den Lichtschein wecken zu lassen, den Wunsch
    aufgewiesen, der das Leben des im Traume vorgestellten Kindes um
    den einen Moment verlängert. Andere aus dem Verdrängten stam-
    menden Wünsche entgehen uns wahrscheinlich, weil wir die Analyse
    dieses Traumes nicht machen können. Aber als zweite Triebkraft
    dieses Traumes dürfen wir das Schlafbedürfnis des Vaters hinzu-
    nehmen; sowie durch den Traum das Leben des Kindes, so wird
    auch der Schlaf des Vaters um einen Moment verlängert. Den Traum
    gewähren lassen, heisst diese Motivierung, sonst muss ich erwachen.

    *)Diesen Gedanken entlehne ich der Schlaftheorie von Liébault, des Er-
    weckers der hypnotischen Forschung in unseren Tagen. (Du sommeil provoqué etc.,
    Paris, 1889.)

  • S.

    337

    Der Antheil des Schlafwunsches am Traume.

    Wie bei diesem Traume, so leiht auch bei allen anderen der Schlaf
    wunsch dem unbewussten Wunsch seine Unterstützung. Wir haben
    auf Seite 161 von Träumen berichtet, die sich offenkundig als Bequem
    lichkeitsträume geben. Eigentlich haben alle Träume Anspruch auf
    diese Bezeichnung. Bei den Weckträumen, die den äusseren Sinnes
    reiz so verarbeiten, dass er mit der Fortsetzung des Schlafens ver
    träglich wird, ihn in einen Traum verweben, um ihm die Ansprüche
    zu entreissen, die er als Mahnung an die Aussenwelt erheben könnte,
    ist die Wirksamkeit des Wunsches, weiter zu schlafen, am leichtesten
    zu erkennen. Derselbe muss aber ebenso seinen Antheil an der
    Gestattung aller anderen Träume haben, die nur von innen her als
    Wecker am Schlafzustand rütteln können. Was das Vbw in manchen
    Fällen dem Bewusstsein mittheilt, wenn der Traum es zu arg treibt:
    „Aber lass’ doch und schlaf’ weiter“, es ist ja nur ein Traum; das
    beschreibt, auch ohne dass es laut wird, ganz allgemein das Verhalten
    unserer herrschenden Seelenthätigkeit gegen das Träumen. Ich muss
    die Folgerung ziehen, dass wir den ganzen Schlafzustand
    über ebenso sicher wissen, dass wir träumen, wie wir es
    wissen, dass wir schlafen. Es ist durchaus nothwendig, den Ein
    wand dagegen gering zu schätzen, dass unser Bewusstsein auf das
    eine Wissen nie gelenkt wird, auf das andere nur bei bestimmtem
    Anlass, wenn sich die Censur wie überrumpelt fühlt.

    d) Das Wecken durch den Traum. Die Function des
    Traumes. Der Angsttraum.

    Seitdem wir wissen, dass das Vorbewusste über die Nacht auf den
    Wunsch zu schlafen eingestellt ist, können wir den Traumvorgang
    mit Verständnis weiter verfolgen. Wir fassen aber zunächst unsere
    bisherige Kenntnis desselben zusammen. Es seien also von der
    Wacharbeit Tagesreste übrig geblieben, denen sich die Energie
    besetzung nicht völlig entziehen liess. Oder es sei durch die Wach
    arbeit tagsüber einer der unbewussten Wünsche rege geworden, oder
    es treffe beides zusammen; wir haben die hier mögliche Mannig
    faltigkeit bereits erörtert. Schon im Laufe des Tages oder erst mit
    Herstellung des Schlafzustandes hat der unbewusste Wunsch sich
    den Weg zu den Tagesresten gebahnt, seine Uebertragung auf sie
    bewerkstelligt. Es entsteht nun ein auf das recente Material über
    tragener Wunsch, oder der unterdrückte recente Wunsch hat sich
    durch Verstärkung aus dem Unbewussten neu belebt. Er möchte
    nun auf dem normalen Wege der Gedankenvorgänge durch das Vbw,
    dem er mit einem Bestandtheil ja angehört, zum Bewusstsein vor
    dringen. Aber er stösst auf die Censur, die noch besteht und deren
    Einfluss er jetzt unterliegt. Hier nimmt er die Entstellung an, die
    schon durch die Uebertragung auf das Recente angebahnt war. Bis
    jetzt ist er nun auf dem Wege, etwas ähnliches zu werden wie eine

    Freud, Traumdeutung.22

  • S.

    338

    Zwangs-
    vorstellung, eine Wahnidee u. dgl., nämlich ein durch Ueber-
    tragung verstärkter, durch Censur im Ausdruck entstellter Gedanke.
    Nun aber gestattet der Schlafzustand des Vorbewussten nicht das
    weitere Vordringen; wahrscheinlich hat sich das System durch Herab-
    setzung seiner Erregungen gegen das Eindringen geschützt. Der
    Traumvorgang schlägt also den Weg der Regression ein, der gerade
    durch die Eigenthümlichkeit des Schlafzustandes eröffnet ist, und
    folgt dabei der Anziehung, welche Erinnerungsgruppen auf ihn aus-
    üben, die zum Theil selbst nur als visuelle Besetzungen, nicht als
    Uebersetzung in die Zeichen der späteren Systeme vorhanden sind.
    Auf dem Wege zur Regression erwirbt er die Darstellbarkeit. Von
    der Compression werden wir später handeln. Er hat jetzt das zweite
    Stück seines mehrmals geknickten Verlaufes zurückgelegt. Das erste
    Stück spann sich progredient von den unbewussten Scenen oder
    Phantasien zum Vorbewussten; das zweite Stück strebt von der
    Censurgrenze an wieder zu den Wahrnehmungen hin. Wenn der
    Traumvorgang aber Wahrnehmungsinhalt geworden ist, so hat er
    das ihm durch Censur und Schlafzustand im Vbw gesetzte Hindernis
    gleichsam umgangen. Es gelingt ihm, Aufmerksamkeit auf sich zu
    ziehen und vom Bewusstsein bemerkt zu werden. Das Bewusstsein
    nämlich, dass uns ein Sinnesorgan für die Auffassung psychischer
    Qualitäten bedeutet, ist im Wachen von zwei Stellen her erregbar.
    Von der Peripherie des ganzen Apparates, dem Wahrnehmungs-
    system, in erster Linie; ausserdem von den Lust- und Unlust-
    erregungen, die sich als einzige psychische Qualität bei den Energie-
    umsetzungen im Innern des Apparates ergeben. Alle Vorgänge in
    den W-Systemen sonst, auch die im Vbw, entbehren jeder psychischen
    Qualität und sind darum kein Object des Bewusstseins, insoferne
    sie ihm nicht Lust oder Unlust zur Wahrnehmung liefern. Wir
    werden uns zur Annahme entschliessen müssen, dass diese Lust-
    und Unlustentbindungen automatisch den Ablauf der
    Besetzungsvorgänge reguliren. Es hat sich aber später die
    Nothwendigkeit herausgestellt, zur Ermöglichung feinerer Leistungen
    den Vorstellungsablauf unabhängiger von den Unlustzeichen zu gestalten.
    Zu diesem Zwecke bedurfte das Vbw-System eigener Qualitäten, die das
    Bewusstsein anziehen könnten, und erhielt sie höchst wahrscheinlich
    durch die Verknüpfung der vorbewussten Vorgänge mit dem nicht qua-
    litätslosen Erinnerungssystem der Sprachzeichen. Durch die Qualitäten
    dieses Systems wird jetzt das Bewusstsein, das vorher nur Sinnes-
    organ für die Wahrnehmungen war, auch zum Sinnesorgan für einen
    Theil unserer Denkvorgänge. Es gibt jetzt gleichsam zwei Sinnes-
    oberflächen, die eine dem Wahrnehmen, die andere den vorbewussten
    Denkvorgängen zugewendet.

    Ich muss annehmen, dass die dem Vbw zugewendete Sinnes-
    fläche des Bewusstseins durch den Schlafzustand weit unerregbarer
    gemacht wird, als die gegen die W-Systeme gerichtete. Das Auf-

  • S.

    339

    geben des Interesses für die nächtlichen Denkvorgänge ist ja auch
    zweckmässig. Es soll im Denken nichts vorfallen, das Vbw verlangt
    zu schlafen. Ist der Traum aber einmal Wahrnehmung geworden,
    so vermag er durch die jetzt gewonnenen Qualitäten das Bewusstsein
    zu erregen. Diese Sinnerregung leistet das, worin überhaupt ihre
    Function besteht; sie dirigirt einen Theil der im Vbw verfügbaren
    Besetzungsenergie als Aufmerksamkeit auf das Erregende. So muss
    man also zugeben, dass der Traum jedesmal weckt, einen Theil
    der ruhenden Kraft des Vbw in Thätigkeit versetzt. Er erfährt nun
    von dieser jene Beeinflussung, die wir als secundäre Bearbeitung mit
    Rücksicht auf Zusammenhang und Verständlichkeit bezeichnet haben.
    Das will besagen, der Traum wird von ihr behandelt wie jeder
    andere Wahrnehmungsinhalt; er wird denselben Erwartungsvor-
    stellungen unterzogen, soweit sein Material sie eben zulässt. Soweit
    bei diesem dritten Stück des Traumvorganges eine Ablaufsrichtung
    in Betracht kommt, ist es wieder die progrediente.

    Zur Verhütung von Missverständnissen wird ein Wort über
    die zeitlichen Eigenschaften dieser Traumvorgänge wohl angebracht
    sein. Ein sehr anziehender Gedankengang Goblot’s29), der offenbar
    durch das Räthsel des Maury’schen Guillotinentraumes angeregt ist,
    sucht darzuthun, dass der Traum keine andere Zeit in Anspruch
    nimmt als die der Uebergangsperiode zwischen Schlafen und Erwachen.
    Das Erwachen braucht Zeit; in dieser Zeit fällt der Traum vor.
    Man meint, das letzte Bild des Traumes war so stark, dass es zum
    Erwachen nöthigte. In Wirklichkeit war es nur darum so stark,
    weil wir bei ihm dem Erwachen schon so nahe waren. „Un rêve
    c’est un réveil qui commence“.

    Es ist schon von Dugas18) hervorgehoben worden, dass Goblot
    viel Thatsächliches besitzen muss, um seine These allgemein zu
    halten. Es gibt auch Träume, aus denen man nicht erwacht, z. B.
    manche, in denen man träumt, dass man träumt. Nach unserer Kenntnis
    der Traumarbeit können wir unmöglich zugeben, dass sie sich nur
    über die Periode des Erwachens erstrecke. Es muss uns im Gegen-
    theil wahrscheinlich werden, dass das erste Stück der Traumarbeit
    bereits am Tage, noch unter der Herrschaft des Vorbewussten
    beginnt. Das zweite Stück derselben, die Veränderung durch die
    Censur, die Anziehung durch die unbewussten Scenen, das Durch-
    dringen zur Wahrnehmung, das geht wohl die ganze Nacht hindurch
    fort, und insoferne dürfen wir immer Recht haben, wenn wir eine
    Empfindung angeben, wir hätten die ganze Nacht geträumt, auch
    wenn wir nicht zu sagen wissen, was. Ich glaube aber nicht, dass
    es nothwendig ist anzunehmen, die Traumvorgänge hielten bis zum
    Bewusstwerden wirklich die zeitliche Folge ein, die wir beschrieben
    haben; es sei zuerst der übertragene Traumwunsch vorhanden, dann
    gehe die Entstellung durch die Censur vor sich, darauf folge die
    Richtungsänderung zur Regression u. s. w. Wir haben eine solche

  • S.

    340

    Succession bei der Beschreibung herstellen müssen: in Wirklichkeit
    handelt es sich wohl vielmehr um gleichzeitiges Erproben dieser
    und jener Wege, um ein Hin-
    endlich durch deren zweckmässigste Anhäufung gerade die eine
    Gruppirung die bleibende wird. Ich möchte selbst nach gewissen
    persönlichen Erfahrungen glauben, dass die Traumarbeit oft mehr
    als einen Tag und eine Nacht braucht, um ihr Ergebnis zu liefern,
    wobei dann die ausserordentliche Kunst im Aufbau des Traumes
    alles Wunderbare verliert. Selbst die Rücksicht auf die Verständ-
    lichkeit als Wahrnehmungsereignis kann meiner Meinung nach zur
    Wirkung kommen, ehe der Traum das Bewusstsein an sich zieht.
    Von da an erfährt der Vorgang allerdings eine Beschleunigung, da
    der Traum ja jetzt dieselbe Behandlung erfährt wie etwas anderes
    Wahrgenommenes. Es ist wie mit einem Feuerwerk, das Stunden
    lang hergerichtet und dann in einem Moment entzündet wird.
    Durch die Traumarbeit gewinnt der Traumvorgang nun entweder
    die genügende Intensität, um das Bewusstsein auf sich zu ziehen und
    das Vorbewusste zu wecken, ganz unabhängig von der Zeit und
    Tiefe des Schlafes; oder seine Intensität ist dazu nicht genügend,
    und er muss bereit bleiben, bis ihm unmittelbar vor dem Erwachen
    die beweglicher gewordene Aufmerksamkeit entgegenkommt. Die
    meisten Träume scheinen mit vergleichsweise geringen psychischen
    Intensitäten zu arbeiten, denn sie warten das Erwachen ab. Es
    erklärt sich so aber auch, dass wir in der Regel etwas Geträumtes
    wahrnehmen, wenn man uns plötzlich aus tiefem Schlafe reisst. Der
    erste Blick dabei wird beim spontanen Erwachen trifft den von der
    Traumarbeit geschaffenen Wahrnehmungsinhalt, der nächste dann
    den von aussen gegebenen.
    Das grössere theoretische Interesse wendet sich aber den
    Träumen zu, die mitten im Schlafe zu wecken vermögen. Man darf
    der sonst überall nachweisbaren Zweckmässigkeit gedenken und sich
    fragen, warum dem Traum, also dem unbewussten Wunsch, die
    Macht gelassen wird, den Schlaf, also die Erfüllung des vorbewussten
    Wunsches, zu stören. Es muss das wohl an Energierelationen liegen,
    in welche uns die Einsicht fehlt. (Besässen wir diese, so würden
    wir wahrscheinlich finden, dass das Gewährenlassen des Traumes
    und der Aufwand einer gewissen detachirten Aufmerksamkeit für
    ihn eine Ersparnis an Energie darstellt gegen den Fall, dass das
    Unbewusste Nacht ebenso in Schranken gehalten werden sollte wie
    Tagsüber. Wie die Erfahrung zeigt, bleibt das Träumen, selbst
    wenn es mehrmals in einer Nacht den Schlaf unterbricht, mit dem
    Schlafen vereinbar. Man erwacht für einen Moment und schläft
    sofort wieder ein. Es ist, wie wenn man schlafend eine Fliege weg-
    scheucht; man erwacht ad hoc. Wenn man wieder einschläft, hat
    man die Störung beseitigt. Die Erfüllung des Schlafwunsches ist,
    wie bekannte Beispiele vom Ammenschlaf u. dgl. zeigen, ganz gut

  • S.

    341

    Das Wecken durch den Traum.

    mit der Unterhaltung eines gewissen Aufwandes von Aufmerksamkeit
    nach einer bestimmten Richtung vereinbar.

    Hier verlangt aber ein Einwand gehört zu werden, der auf
    einer besseren Kenntnis der unbewussten Vorgänge fusst. Wir haben
    selbst die unbewussten Wünsche als immer rege bezeichnet. Trotz
    dem seien sie bei Tag nicht stark genug, sich vernehmbar zu
    machen. Wenn aber der Schlafzustand besteht, und der unbewusste
    Wunsch die Kraft gezeigt hat, einen Traum zu bilden und mit ihm
    das Vorbewusste zu wecken, warum versiegt diese Kraft, nachdem
    der Traum zur Kenntnis genommen worden ist? Sollte der Traum
    sich nicht vielmehr fortwährend erneuern, gerade wie die störende
    Fliege es liebt, immer wieder nach ihrer Vertreibung wiederzukehren?
    Mit welchem Recht haben wir behauptet, dass der Traum die Schlaf-
    störung beseitigt?

    Es ist ganz richtig, dass die unbewussten Wünsche immer rege
    bleiben. Sie stellen Wege dar, die immer gangbar sind, so oft ein
    Erregungsquantum sich ihrer bedient. Es ist sogar eine hervor-
    ragende Besonderheit unbewusster Vorgänge, dass sie unzerstörbar
    bleiben. Im Unbewussten ist nichts zu Ende zu bringen, ist nichts
    vergangen oder vergessen. Man bekommt hievon den stärksten
    Eindruck beim Studium der Neurosen, speciell der Hysterie. Der
    unbewusste Gedankenweg, der zur Entladung im Anfall führt, ist
    sofort wieder gangbar, wenn sich genug Erregung angesammelt hat.
    Die Kränkung, die vor dreissig Jahren vorgefallen ist, wirkt, nachdem
    sie sich den Zugang zu den unbewussten Affectquellen verschafft
    hat, alle die dreissig Jahre wie eine frische. So oft ihre Erinnerung
    angerührt wird, lebt sie wieder auf und zeigt sich mit Erregung
    besetzt, die sich in einem Anfall motorische Abfuhr verschafft.
    Gerade hier hat die Psychotherapie einzugreifen. Ihre Aufgabe ist
    es, für die unbewussten Vorgänge eine Erledigung und ein Vergessen
    zu schaffen. Was wir nämlich geneigt sind, für selbstverständlich
    zu halten und für einen primären Einfluss der Zeit auf die seelischen
    Erinnerungsreste erklären, das Abblassen der Erinnerungen und die
    Affectschwäche der nicht mehr recenten Eindrücke, das sind in
    Wirklichkeit secundäre Veränderungen, die durch mühevolle Arbeit
    zu Stande kommen. Es ist das Vorbewusste, welches diese Arbeit
    leistet, und die Psychotherapie kann keinen andern Weg einschlagen,
    als das Ubw der Herrschaft des Vbw zu unterwerfen.

    Für den einzelnen unbewussten Erregungsvorgang gibt es
    also zwei Ausgänge. Entweder er bleibt sich selbst überlassen, dann
    bricht er endlich irgendwo durch und schafft seiner Erregung für
    dies eine Mal einen Abfluss in die Motilität, oder er unterliegt der
    Beeinflussung des Vorbewussten, und seine Erregung wird durch das
    selbe gebunden anstatt abgeführt. Letzteres aber geschieht
    beim Traumvorgang. Die Besetzung, die den zur Wahrnehmung
    gewordenen Traum von Seiten des Vbw entgegenkommt, weil sie durch

  • S.

    342

    die Bewußtseinserregung hingelenkt worden ist, bindet die unbewußte
    Erregung des Traumes und macht sie als Störung unschädlich.
    Wenn der Träumer für einen Augenblick erwacht, so hat er wirk-
    lich die Fliege weggescheucht, die den Schlaf zu stören drohte.
    Es kann uns jetzt auch nicht mehr zweckmäßiger und wohl-
    feiler war, den unbewussten Wunsch gewähren zu lassen, ihm den
    Weg zur Regression frei zu geben, damit er einen Traum bilde,
    und dann diesen Traum durch einen kleinen Aufwand von vor-
    bewußter Arbeit zu binden und zu erledigen, als das Unbewußte
    auch die ganze Zeit des Schlafens über im Zaume zu halten. Es stand
    ja zu erwarten, daß der Traum, auch wenn er ursprünglich kein
    zweckmäßiger Vorgang war, im Kräftespiel des seelischen Lebens
    sich einer Function bemächtigt haben würde. Wir sehen, welches
    diese Function ist. Er hat die Aufgabe übernommen, die frei
    gelassene Erregung des Ubw wieder unter die Herrschaft des Vor-
    bewußten zu bringen; er führt dabei die Erregung des Ubw ab,
    dient ihm als Ventil und sichert gleichzeitig gegen einen geringen
    Aufwand an Wachthätigkeit den Schlaf des Vorbewußten. So stellt
    er sich als ein Compromiß, ganz wie die anderen psychischen Bil-
    dungen seiner Reihe, gleichzeitig in den Dienst der beiden Systeme,
    indem er beider Wünsche, insoweit sie mit einander verträglich
    sind, erfüllt. Ein Blick auf die Seite 55 mitgetheilte Robert’sche
    „Ausscheidungstheorie“ wird zeigen, daß wir diesem Autor in der
    Hauptsache, in der Bestimmung der Function des Traumes, Recht
    geben müssen, während wir in den Voraussetzungen und in der
    Würdigung des Traumvorganges von ihm abweichen.
    Die Einschränkung, insofern beide Wünsche mit ein-
    ander verträglich sind, enthält einen Hinweis auf die möglichen
    Fälle, in denen die Function des Traumes zum Scheitern gelangt. Der
    Traumvorgang wird zunächst als Wunscherfüllung des Unbewußten zu
    gelassen; wenn diese versuchte Wunscherfüllung am Vorbewußten
    so intensiv rüttelt, daß dies seine Ruhe nicht mehr bewahren kann,
    so hat der Traum das Compromiß gebrochen, das andere Stück
    seiner Aufgabe nicht mehr erfüllt. Er wird dann sofort abgebrochen
    und durch das volle Erwachen ersetzt. Es ist eigentlich auch hier
    nicht die Schuld des Traumes, wenn er, sonst der Hüter des Schlafes,
    als Störer desselben auftreten muß, und braucht uns gegen seine
    Zweckmäßigkeit nicht einzunehmen. Es ist dies nicht der einzige
    Fall im Organismus, daß eine sonst zweckmäßige Einrichtung
    unzweckmäßig und störend wird, sobald an den Bedingungen ihres
    Entstehens etwas geändert ist, und dann dient die Störung wenigstens
    dem neuen Zweck, die Veränderung anzuzeigen und die Regulierungs-
    mittel des Organismus wider sie wach zu rufen. Ich habe natürlich
    den Fall des Angsttraumes im Auge, und um nicht dem Anscheine
    Recht zu geben, daß ich diesem Zeugen gegen die Theorie der
    Wunscherfüllung ausweiche, wo immer ich auf ihn stoße, will ich

  • S.

    343

    der Erklärung des Angsttraumes wenigstens mit Andeutungen näher
    treten.

    Dass ein psychischer Vorgang, der Angst entwickelt, darum
    doch eine Wunscherfüllung sein kann, enthält für uns längst keinen
    Widerspruch mehr. Wir wissen uns das Vorkommnis so zu
    erklären, dass der Wunsch dem einen System, dem Ubw, angehört,
    während das System des Vbw diesen Wunsch verworfen und unter-
    drückt hat. Die Unterwerfung des Ubw durch das Vbw ist auch
    bei völliger psychischer Gesundheit keine durchgreifende; das Mass
    dieser Unterdrückung ergibt den Grad unserer psychischen Normalität.
    Neurotische Symptome zeigen uns an, dass sich die beiden Systeme im
    Conflict mit einander befinden; sie sind die Compromissergebnisse
    dieses Conflicts, die ihm ein vorläufiges Ende setzen. Sie gestatten
    einerseits dem Ubw einen Ausweg für den Abfluss seiner Erregung,
    dienen ihm als Ausfallsthor und geben doch andererseits dem Vbw
    die Möglichkeit, das Ubw einigermassen zu beherrschen. Lehrreich
    ist es z. B. die Bedeutung einer hysterischen Phobie oder der Platzangst
    in Betracht zu ziehen. Ein Neurotiker sei unfähig allein über die
    Strasse zu gehen, was wir mit Recht als „Symptom“ anführen.
    Man helfe nun dieses Symptom auf, indem man ihm zu dieser
    Handlung nöthigt, für die er sich unfähig glaubt. Es erfolgt dann
    ein Angstanfall, wie auch oft ein Angstanfall auf der Strasse die
    Veranlassung für die Herstellung der Platzangst geworden ist. Wir
    erfahren so, dass das Symptom constituirt worden ist, um den Aus-
    bruch der Angst zu verhüten; die Phobie ist der Angst wie eine
    Grenzfestung vorgelegt.

    Unsere Erörterung lässt sich nicht weiter führen, wenn wir
    nicht auf die Rolle der Affecte bei diesen Vorgängen eingehen, was
    aber hier nur unvollkommen möglich ist. Stellen wir also den Satz
    auf, dass die Unterdrückung des Ubw vor Allem darum nothwendig
    wird, weil der sich selbst überlassene Vorstellungsablauf im Ubw
    einen Affect entwickeln würde, der ursprünglich den Charakter der
    Lust hatte, aber seit dem Vorgang der Verdrängung den Charakter
    der Unlust trägt. Die Unterdrückung hat den Zweck, aber auch
    den Erfolg, diese Unlustentwicklung zu verhüten. Die Unter-
    drückung erstreckt sich auf den Vorstellungsinhalt des Ubw, weil
    vom Vorstellungsinhalt her die Entbindung der Unlust erfolgen könnte.
    Eine ganz bestimmte Annahme über die Natur der Affectentwicklung
    ist hier zu Grunde gelegt. Dieselbe wird als eine motorische oder
    sekretorische Leistung angesehen, zu welcher der Innervationsschlüssel
    in den Vorstellungen des Ubw gelegen ist. Durch die Beherrschung
    von Seiten des Vbw werden diese Vorstellungen gleichsam gedrosselt,
    an der Aussendung der Affect entwickelnden Impulse gehemmt. Die
    Gefahr, wenn die Besetzung von Seiten des Vbw aufhört, besteht
    also darin, dass die unbewussten Erregungen solchen Affect entbinden,
    der – in Folge der früher stattgehabten Verdrängung – nur als
    Unlust, als Angst verspürt werden kann.

  • S.

    344

    Diese Gefahr wird durch das Gewährenlassen des Traumvor-
    ganges entfesselt. Die Bedingungen für deren Realisirung liegen
    darin, dass Verdrängungen stattgefunden haben, und dass die unter-
    drückten Wunschregungen stark genug werden können. Sie stehen
    also ganz ausserhalb des psychologischen Rahmens der Traumbildung.
    Wäre es nicht, dass unser Thema durch dies eine Moment, die
    Befreiung des Urtriebs während des Schlafes, mit dem Thema der
    Angstentwickelung zusammenhinge, so könnte ich auf die Besprechung
    des Angsttraumes verzichten und mir alle ihm anhängenden Dunkel-
    heiten hier ersparen.

    Die Lehre vom Angsttraum gehört, wie ich schon wiederholt
    ausgesprochen habe, in die Neurosenpsychologie. Wir haben weiter-
    nichts mit ihr zu schaffen, nachdem wir einmal ihre Berührungs-
    stelle mit dem Thema des Traumvorganges aufgezeigt haben. Ich
    kann nur noch eines thun. Da ich behauptet habe, dass die neu-
    rotische Angst aus sexuellen Quellen stammt, kann ich Angstträume
    der Analyse unterziehen, um das sexuelle Material in deren Traum-
    gedanken nachzuweisen.

    Aus guten Gründen verzichte ich hier auf alle die Beispiele,
    die mir neurotische Patienten in reicher Fülle bieten, und bevorzuge
    Angstträume von jugendlichen Personen.

    Ich selbst habe seit Jahrzehnten keinen eigentlichen Angsttraum
    mehr gehabt. Aus meinem siebenten oder achten Jahre erinnere
    ich mich an einen solchen, den ich etwa 30 Jahre später der
    Deutung unterworfen habe. Er war sehr lebhaft, und zeigte mir
    die geliebte Mutter mit eigenthümlich ruhigem, schla-
    fendem Gesichtsausdruck, die von zwei (oder drei)
    Personen mit Vogelschnäbeln in’s Zimmer getragen
    und auf’s Bett gelegt wird. Ich erwachte weinend und
    schreiend und störte den Schlaf der Eltern. Die – eigenthümlich
    drapirten – überlangen Gestalten mit Vogelschnäbeln hatte ich
    den Illustrationen der Philippson’schen Bibel entnommen; ich
    glaube, es waren Götter mit Sperberköpfen von einem ägyptischen
    Grabrelief. Sonst aber liefert mir die Analyse die Erinnerung an
    einen ungezogenen Hausmeistersjungen, der mit uns Kindern auf
    der Wiese vor dem Hause zu spielen pflegte; und ich möchte sagen,
    der hiess Philipp. Es ist mir dann, als hätte ich von dem Knaben
    zuerst das vulgäre Wort gehört, welches den sexuellen Verkehr
    bezeichnet und von den Gebildeten nur durch ein lateinisches,
    durch „coitiren“ ersetzt wird, das aber durch die Auswahl der
    Sperberköpfe deutlich genug gekennzeichnet ist. Ich muss die
    sexuelle Bedeutung des Wortes aus der Miene des welterfahrenen
    Lehrmeisters errathen haben. Der Gesichtsausdruck der Mutter im
    Traume war vom Angesicht des Grossvaters copirt, den ich einige
    Tage vor seinem Tode im Coma schnarchend gesehen hatte. Die
    Deutung der secundären Bearbeitung im Traume muss also gelautet

  • S.

    345

    haben, dass die Mutter stirbt, auch das Grabrelief stimmt dazu.
    In dieser Angst erwachte ich und liess nicht ab, bis ich die Eltern
    geweckt hatte. Ich erinnere mich, dass ich mich plötzlich beruhigte,
    als ich die Mutter zu Gesicht bekam, als ob ich die Beruhigung
    bedurft hätte: sie ist also nicht gestorben. Diese secundäre Deutung
    des Traumes ist aber schon unter dem Einfluss der entwickelten
    Angst geschehen. Nicht dass ich ängstlich war, weil ich geträumt
    hatte, dass die Mutter stirbt; sondern ich deutete den Traum in der
    vorbewussten Bearbeitung so, weil ich schon unter der Herrschaft
    der Angst stand. Die Angst aber lässt sich mittelst der Verdrängung
    zurückführen auf ein dunkles, offenkundig sexuelles Gelüste, das in
    dem visuellen Inhalt des Traumes seinen guten Ausdruck gefunden hatte.
    Ein 27jähriger Mann, der seit einem Jahre schwer leidend ist,
    hat zwischen 11 und 13 Jahren wiederholt unter schwerer Angst
    geträumt, dass ein Mann mit einer Hacke ihm nachsetzt;
    er möchte laufen, ist aber wie gelähmt und kommt
    nicht von der Stelle. Das ist wohl ein gutes Muster eines sehr
    gemeinen und sexuell unverdächtigen Angsttraumes. Bei der Analyse
    geräth der Träumer zuerst auf eine, der Zeit nach spätere, Erzählung
    seines Onkels, dass er auf der Strasse von einem verdächtigen
    Individuum nächtlich angefallen wurde, und schliesst selbst aus
    diesem Einfall, dass er zur Zeit des Traumes von einem ähnlichen
    Erlebnis gehört haben kann. Zur Hacke erinnert er, dass er sich
    in jener Lebenszeit einmal beim Holzverkleinern mit der Hacke an
    der Hand verletzt. Er geräth dann unvermittelt auf sein Verhältnis
    zu seinem jüngeren Bruder, den er zu misshandeln und hinzuwerfen
    pflegte, erinnert sich speciell eines Males, wo er ihn mit dem
    Stiefel an den Kopf traf, so dass er blutete und die Mutter dann
    äusserte: Ich habe Angst, er wird ihn noch einmal umbringen.
    Während er so beim Thema der Gewaltthat festgehalten scheint,
    taucht ihm plötzlich eine Erinnerung aus dem neunten Lebensjahr
    auf. Die Eltern waren spät nach Hause gekommen, gingen, während
    er sich schlafend stellte, zu Bette, und er hörte dann ein Keuchen
    und andere Geräusche, die ihm unheimlich vorkamen, konnte auch
    die Lage der Beiden im Bette errathen. Seine weiteren Gedanken
    zeigen, dass er zwischen dieser Beziehung der Eltern und seinem
    Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder eine Analogie hergestellt
    hatte. Er subsumirte, was bei den Eltern vorfiel, unter den Begriff:
    Gewaltthat und Rauferei. Ein Beweis für diese Auffassung war
    ihm, dass er oft Blut im Bette der Mutter bemerkt hatte.
    Dass der sexuelle Verkehr Erwachsener den Kindern, die ihn
    bemerken, unheimlich vorkommt und Angst in ihnen erweckt, ist,
    möchte ich sagen, Ergebnis der täglichen Erfahrung. Ich habe
    für diese Angst die Erklärung gegeben, dass es sich um eine sexuelle
    Erregung handelt, die von ihrem Verständnis nicht bewältigt wird,
    auch wohl darum auf Ablehnung stösst, weil die Eltern in sie ver-
     

  • S.

    346

    flochten sind, und die darum sich in Angst verwandelt.
    In einer noch früheren Lebensperiode stösst die sexuelle Regung für den
    gegengeschlechtlichen Theil des Elternpaares noch nicht auf Ver-
    drängung und äussert sich frei, wie wir gehört haben (Seite 178).

    Auf die bei Kindern so häufigen nächtlichen Angstanfälle mit
    Hallucinationen (den Pavor nocturnus) würde ich dieselbe Erklärung
    unbedenklich anwenden. Es kann sich auch da nur um unver-
    standene und abgelehnte sexuelle Regungen handeln, bei deren Auf-
    zeichnung sich auch wahrscheinlich eine zeitliche Periodicität her-
    ausstellen würde, da eine Steigerung der sexuellen Libido ebensowohl
    durch zufällige erregende Eindrücke, als auch durch die spontanen,
    schubweise eintreffenden Entwicklungsvorgänge erzeugt werden kann.

    Mir fehlt es an dem erforderlichen Beobachtungsmaterial, um
    diese Erklärung durchzuführen. Den Kinderärzten scheint es da-
    gegen an dem Gesichtspunkte zu fehlen, der allein das Verständniss
    der ganzen Reihe von Phänomenen, sowohl nach der somatischen als
    auch nach der psychischen Seite gestattet. Als ein komisches Beispiel,
    wie nahe man durch die Scheuklappen der medicinischen Mythologie
    geblendet, am Verständniss solcher Fälle vorbeigehen kann, möchte
    ich einen Fall anführen, den ich in der These über den Pavor noc-
    turnus von Debacker1) 1881 (p. 66) gefunden habe.

    Ein 13jähriger Knabe von schwacher Gesundheit begann
    ängstlich und verträumt zu werden, sein Schlaf wurde unruhig und
    fast jede Woche einmal durch einen schweren Anfall von Angst mit
    Hallucinationen unterbrochen. Die Erinnerung an diese Träume
    war immer sehr deutlich. Er konnte also erzählen, dass der Teufel
    ihn angeschrieen habe: „Jetzt haben wir dich, jetzt haben wir dich,
    und dann roch es nach Pech und Schwefel, und das Feuer ver-
    brannte seine Haut. Aus diesem Traum schreckte er dann auf,
    konnte zuerst nicht schreien, bis die Stimme frei wurde und man
    ihn deutlich sagen hörte: „Nein, nein, nicht mir, ich hab’ ja nichts
    gethan,“ oder auch: „Bitte, nicht, ich werd’ es nie mehr thun“.
    Einige Male sagte er auch: „Albert hat das nicht gethan.“ Er ver-
    mied es später sich auszukleiden, „weil das Feuer ihn nur ergreife,
    wenn er ausgekleidet sei“. Mitten aus diesen Teufelsträumen, die
    seine Gesundheit in Gefahr brachten, wurde er auf’s Land geschickt,
    erholte sich dort im Verlaufe von 11/2 Jahren und gestand dann
    einmal 15 Jahre alt: „Je n’osais pas l’avouer, mais j’éprouvais con-
    tinuellement des picotements et des surexcitations aux parties*);
    à la fin, cela m’énervait tant que plusieurs fois, j’ai pensé me jeter
    par la fenêtre au dortoir“.

    Es ist wahrlich nicht schwer zu errathen, 1) dass der Knabe
    in früheren Jahren masturbirt, es wahrscheinlich geleugnet hatte und
    mit schweren Strafen für seine Unart bedroht worden war. (Sein Ge-

    *)Von mir hervorgehoben; übrigens nicht missverständlich.

  • S.

    347

    ständnis: Je ne le ferai plus; sein Leugnen: Albert n’a jamais fait
    ça;2) dass unter dem Andrang der Pubertät die Versuchung
    zu masturbiren in dem Kitzel an den Genitalien wieder er-
    wachte; dass aber jetzt3) ein Verdrängungskampf in ihm
    losbrach, der die Libido unterdrückte und sie in Angst verwandelte,
    welche Angst nachträglich die damals angedrohten Strafen aufnahm.

    Hören wir dagegen die Folgerungen unseres Autors (p. 69)
    „Es geht aus dieser Beobachtung hervor, dass1) der Einfluss der
    Pubertät bei einem Knaben von geschwächter Gesundheit einen
    Zustand von grosser Schwäche herbeiführen, und dass es dabei
    zu einer sehr erheblichen Gehirnanämie*) kommen kann.“

    2) Diese Gehirnanämie erzeugt eine Charakterveränderung,
    dämonomanische Hallucinationen und sehr heftige nächtliche, vielleicht
    auch tägliche Angstzustände.

    3) Die Dämonomanie und die Selbstvorwürfe des Knaben
    gehen auf die Einflüsse der religiösen Erziehung zurück, die als
    Kind auf ihn gewirkt hatten.

    4) Alle Erscheinungen sind in Folge eines längeren Landaufent-
    haltes durch körperliche Uebung und Wiederkehr der Kräfte nach
    abgelaufener Pubertät verschwunden.

    5) Vielleicht darf man der Heredität und der alten Syphilis des
    Vaters einen prädisponirenden Einfluss auf die Entstehung des Gehirn-
    zustandes beim Kinde zuschreiben.

    Das Schlusswort: „Nous avons fait entrer cette observation dans
    le cadre des délires apyrétiques d’inanition, car c’est à l’ischémie
    cérébrale que nous rattachons cet état particulier.“

    e) Der Primär- und der Secundärvorgang. Die Ver-
    drängung.

    Indem ich den Versuch wagte, tiefer in die Psychologie der
    Traumvorgänge einzudringen, habe ich eine schwierige Aufgabe unter-
    nommen, welcher auch meine Darstellungskunst kaum gewachsen
    ist. Die Gleichzeitigkeit eines so complicirten Zusammenhanges
    durch ein Nacheinander in der Beschreibung wiederzugeben und
    dabei bei jeder Aufstellung voraussetzungslos zu erscheinen, will
    meinen Kräften zu schwer werden. Es rächt sich nun an mir, dass
    ich bei der Darstellung der Traumpsychologie nicht der historischen
    Entwickelung meiner Einsichten folgen kann. Mir waren die Ge-
    sichtspunkte für die Auffassung des Traumes durch vorhergegangene
    Arbeiten über die Psychologie der Neurosen gegeben, auf die ich
    mich hier nicht beziehen soll und doch immer wieder beziehen muss,
    während ich in umgekehrter Richtung vorgehen und vom Traume
    aus den Anschluss an die Psychologie der Neurosen erreichen möchte.

    *)Meine Hervorhebung.

  • S.

    348

    Ich kenne alle Beschwerden, die sich hieraus für den Leser ergeben;
    aber ich weiss kein Mittel, sie zu vermeiden.

    Unbefriedigt von dieser Sachlage verweile ich gerne bei einem
    anderen Gesichtspunkte, der mir den Werth meiner Bemühung zu
    heben scheint. Ich fand ein Thema vor, das von den schärfsten
    Widersprüchen in den Meinungen der Autoren beherrscht war, wie
    die Einführung des ersten Abschnittes gezeigt hat. Nach unserer
    Bearbeitung der Traumprobleme ist für die meisten dieser Wider-
    sprüche Raum geschaffen worden. Nur zweien der geäusserten An-
    sichten, dass der Traum ein sinnloser und ein somatischer Vorgang
    sei, mussten wir selbst entschieden widersprechen; sonst aber haben
    wir allen einander widersprechenden Meinungen an irgend einer
    Stelle des verwickelten Zusammenhanges Recht geben und nach-
    weisen können, dass sie etwas Richtiges herausgefunden hatten. Dass
    der Traum die Anregungen und Interessen des Wachlebens fortsetzt,
    hat sich durch die Aufdeckung der verborgenen Traumgedanken
    ganz allgemein bestätigt. Diese beschäftigen sich nur mit dem, was
    uns wichtig scheint und uns mächtig interessiert. Der Traum gibt
    sich nie mit Kleinigkeiten ab. Aber auch das Gegentheil haben wir
    gelten lassen, dass der Traum die gleichgiltigen Abfälle des Tages
    aufklaubt und sich eines grossen Tagesinteresses nicht eher be-
    mächtigen kann, als bis es sich der Wacharbeit einigermassen ent-
    zogen hat. Wir fanden dies giltig für den Trauminhalt, der den Traumgedanken einen durch Entstellung veränderten Ausdruck gibt.
    Der Traumvorgang, sagten wir, bemächtigt sich aus Gründen der
    Associationsmechanik leichter des frischen oder des gleichgiltigen
    Vorstellungsmateriales, welches von der wachen Denkthätigkeit noch
    nicht mit Beschlag belegt ist, und aus Gründen der Censur über-
    trägt er die psychische Intensität von dem Bedeutsamen, aber auch
    Anstössigen, auf das Indifferente. Die Hypermnesie des Traumes
    und die Verfügung über das Kindheitsmaterial sind zu Grundpfeilern
    unserer Lehre geworden; in unserer Traumtheorie haben wir dem
    aus dem Infantilen stammenden Wunsch die Rolle des unentbehr-
    lichen Motors für die Traumbildung zugeschrieben. An der ex-
    perimentell nachgewiesenen Bedeutung der äusseren Sinnesreize
    während des Schlafes zu zweifeln, konnte uns natürlich nicht ein-
    fallen, aber wir haben dieses Material in dasselbe Verhältniss zum
    Traumwunsch gesetzt wie die von der Tagarbeit erübrigten Gedanken-
    reste. Dass der Traum den objectiven Sinnesreiz nach Art einer
    Illusion deutet, brauchten wir nicht zu bestreiten; aber wir haben
    das von den Autoren unbestimmt gelassene Motiv für diese Deutung
    hinzugefügt. Die Deutung erfolgt so, dass das wahrgenommene
    Object für die Schlafsung unschädlich und für die Wunscherfüllung
    verwendbar wird. Den subjectiven Erregungszustand der Sinnes-
    organe während des Schlafes, der durch Trumbull Ladd10) nach-
    gewiesen scheint, lassen wir zwar nicht als besondere Traumquelle

  • S.

    349

    geiten, aber wir wissen ihn durch regrediente Belebung der hinter
    dem Traum wirkenden Erinnerungen zu erklären. Auch den inneren
    organischen Sensationen, die gern zum Angelpunkt der Traum-
    erklärung genommen werden, ist in unserer Auffassung eine, wenn-
    gleich bescheidenere, Rolle verblieben. Sie stellen uns – die Sen-
    sationen des Fallens, Schwebens, Geheimmtseins – ein allezeit be-
    reites Material dar, dessen sich die Traumarbeit zum Ausdruck der
    Traumgedanken, so oft es Noth thut, bedient.
    Dass der Traumvorgang ein rapider, momentaner ist, erscheint
    uns richtig für die Wahrnehmung des vorgebildeten Trauminhaltes
    durch das Bewusstsein; für die vorhergehenden Stücke des Traum-
    vorganges haben wir einen langsamen, wogenden Ablauf wahr-
    scheinlich gefunden. Zum Räthsel des überreichen, in den kürzesten
    Moment zusammengedrängten Trauminhaltes konnten wir den Beitrag
    liefern, dass es sich dabei um das Aufgreifen bereits fertiger Gebilde
    des psychischen Lebens handle. Dass der Traum von der Erinnerung
    entstellt und verstümmelt wird, fanden wir nicht richtig, aber nicht
    hinderlich, da dies nur das letzte manifeste Stück einer von An-
    fang der Traumbildung an wirksamen Entstellungsarbeit ist. In dem
    erbitterten und einer Versöhnung scheinbar unfähigen Streite, ob das
    Seelenleben Nachts schlafe oder über all seine Leistungsfähigkeit wie
    bei Tage verfüge, haben wir beiden Theilen Recht und doch keinem
    ganz Recht geben können. In den Traumgedanken fanden wir die
    Beweise einer höchst complicirten, mit fast allen Mitteln des seelischen
    Apparates arbeitenden, intellectuellen Leistung; doch ist es nicht ab-
    zuweisen, dass diese Traumgedanken bei Tage entstanden sind, und
    es ist unentbehrlich anzunehmen, dass es einen Schlafzustand des
    Seelenlebens gibt. So kam selbst die Lehre vom partiellen Schlaf
    zur Geltung; aber nicht in dem Zerfall der seelischen Zusammenhänge
    haben wir die Charakteristik des Schlafzustandes gefunden, sondern
    in der Einstellung des den Tag beherrschenden psychischen Systems
    auf den Wunsch zu schlafen. Die Ablenkung von der Aussenwelt
    bewahrte auch für unsere Auffassung ihre Bedeutung; sie hilft, wenn
    auch nicht als einziges Moment, die Regression der Traumdarstellung
    ermöglichen. Der Verzicht auf die willkürliche Lenkung des Vor-
    stellungsablaufes ist unbestreitbar; aber das psychische Leben wird
    darum nicht ziellos, denn wir haben gehört, dass nach dem Auf-
    geben der gewollten Zielvorstellungen ungewollte zur Herrschaft ge-
    langen. Die lockere Associationsverknüpfung im Traume haben wir
    nicht nur anerkannt, sondern ihrer Herrschaft einen weit grösseren
    Umfang zugewiesen, als geahnt werden konnte; wir haben aber ge-
    funden, dass sie nur der erzwungene Ersatz für eine andere, correcte
    und sinnvolle ist. Gewiss nannten auch wir den Traum absurd;
    aber Beispiele konnten uns lehren, wie klug der Traum ist, wenn
    er sich absurd stellt. Von den Functionen, die dem Traume zu-
    erkannt worden sind, trennt uns kein Widerspruch. Dass der

  • S.

    350

    VII. Psychologie der Traumvorgänge.

    Traum die Seele wie ein Ventil entlaste, und dass nach Robert’s
    Ausdruck allerlei Schädliches durch das Vorstellen im Traume
    unschädlich gemacht wird, trifft nicht nur genau mit unserer
    Lehre von der zweifachen Wunscherfüllung durch den Traum zu
    sammen, sondern wird für uns sogar nach seinem Wortlaut ver-
    ständlicher als bei Robert. Das freie sich Ergehen der Seele im
    Spiele ihrer Fähigkeiten findet sich bei uns wieder in dem Gewähren-
    lassen des Traumes durch die vorbewusste Thätigkeit. Die „Rück-
    kehr auf den embryonalen Standpunkt des Seelenlebens im Traume“
    und die Bemerkung von Havelock Ellis23), „an archaic world of
    vast emotions and imperfect thoughts“ erscheinen uns als glückliche
    Vorwegnahmen unserer Ausführungen, die primitive, bei Tage unter-
    drückte Arbeitsweisen an der Traumbildung betheiligt sein lassen;
    und wie bei Delage15) wird bei uns das „Unterdrückte“ zur Trieb-
    feder des Träumens.

    Die Rolle, welche Scherner der Traumphantasie zuschreibt,
    und die Deutungen Scherner’s selbst, haben wir in vollem Um-
    fange anerkannt, aber ihnen gleichsam eine andere Localität im
    Problem anweisen müssen. Nicht der Traum bildet die Phantasie,
    sondern an der Bildung der Traumgedanken hat die unbewusste
    Phantasietätigkeit den grössten Antheil. Wir bleiben Scherner
    für den Hinweis auf die Quelle der Traumgedanken verpflichtet;
    aber fast alles, was er der Traumarbeit zuschreibt, ist der Thätig-
    keit des bei Tage regſamen Unbewussten zuzurechnen, welche die
    Anregungen für die Träume nicht minder ergibt als die für die
    neurotischen Symptome. Die Traumarbeit mussen wir von dieser
    Thätigkeit als etwas gänzlich Verschiedenes und weit mehr Ge-
    bundenes absondern. Endlich haben wir die Beziehung des Traumes
    zu den Seelenstörungen keineswegs aufgegeben, sondern sie auf
    neuem Boden fester begründet.

    Durch das Neue in unserer Traumlehre wie durch eine höhere
    Einheit zusammengehalten, finden wir also die verschiedenartigsten
    und widersprechendsten Ergebnisse der Autoren unserem Gebäude
    eingefügt, manche derselben anders gewendet, nur wenige gänzlich
    verworfen. Aber auch unser Aufbau ist noch unfertig. Von den vielen
    Unklarheiten abgesehen, die wir durch unser Vordringen in das
    Dunkel der Psychologie auf uns gezogen haben, scheint auch noch
    ein neuer Widerspruch uns zu bedrücken. Wir haben einerseits die
    Traumgedanken durch völlig normale geistige Arbeit entstehen lassen,
    andererseits aber eine Reihe von ganz abnormen Denkvorgängen
    unter den Traumgedanken, und von ihnen aus zum Trauminhalt auf-
    gefunden, welche wir dann bei der Traumdeutung wiederholen. Alles,
    was wir die „Traumarbeit“ geheissen haben, scheint sich von den
    uns als correct bekannten psychischen Vorgängen so weit zu ent-
    fernen, dass die härtesten Urtheile der Autoren über die niedrige
    psychische Leistung des Träumens uns wohl angebracht dünken müssen.

  • S.

    351

    Hier schaffen wir vielleicht nur durch noch weiteres Vordringen
    Aufklärung und Abhilfe. Ich will eine der Konstellationen heraus-
    greifen, die zur Traumbildung führen:
    Wir haben erfahren, dass der Traum eine Anzahl von Gedanken
    ersetzt, die aus unserem Tagesleben stammen und vollkommen logisch
    gefügt sind. Wir können darum nicht bezweifeln, dass diese Ge-
    danken unserem normalen Geistesleben entstammen, alle Eigenschaften,
    welche wir an unseren Gedankengängen hochschätzen, durch welche
    sie sich als complicirte Leistungen hoher Ordnung kennzeichnen,
    finden wir an den Traumgedanken wieder. Es besteht aber keine
    Nöthigung anzunehmen, dass diese Gedankenarbeit während des
    Schlafes vollzogen wurde, was unsere bisher festgehaltene Vorstellung
    vom psychischen Schlafzustand arg beirren würde. Diese Gedanken
    können vielmehr sehr wohl vom Tage stammen, sich von ihrem Anstoss
    an, unserem Bewusstsein unbemerkt, fortgesetzt haben und fanden sich
    dann mit dem Einschlafen als fertig vor. Wenn wir aus dieser Sachlage
    etwas entnehmen sollen, so ist es höchstens der Beweis, dass die com-
    plicirtesten Denkleistungen ohne Mithun des Bewusst-
    seins möglich sind, was wir ohnedies aus jeder Psychoanalyse
    eines Hysterischen oder einer Person mit Zwangsvorstellungen erfahren
    mussten. Diese Traumgedanken sind an sich sicherlich nicht bewusst-
    seinsunfähig; wenn sie uns tagsüber nicht bewusst worden sind, so
    mag dies verschiedene Gründe haben. Das Bewusstwerden hängt mit
    der Zuwendung einer bestimmten psychischen Function, der Auf-
    merksamkeit, zusammen, die, wie es scheint, nur in bestimmter Quan-
    tität aufgewendet wird, welche von dem betreffenden Gedankengang
    durch andere Ziele abgelenkt sein mochte. Eine andere Art, wie
    solche Gedankengänge dem Bewusstsein vorenthalten werden können,
    ist folgende: Von unserem bewussten Nachdenken her wissen wir, dass
    wir bei Anwendung der Aufmerksamkeit einen bestimmten Weg ver-
    folgen. Kommen wir auf diesem Wege an eine Vorstellung, welche
    der Kritik nicht Stand hält, so brechen wir ab; wir lassen die Auf-
    merksamkeitsbesetzung fallen. Es scheint nun, dass der begonnene
    und verlassene Gedankengang sich dann fortspinnen kann, ohne dass sich
    ihm die Aufmerksamkeit wieder zuwendet, wenn er nicht an einer Stelle
    eine besonders hohe Intensität erreicht, welche die Aufmerksamkeit
    erzwingt. Eine anfängliche, etwa mit Bewusstsein erfolgte Verwerfung
    durch das Urtheil als unrichtig oder als unbrauchbar für den actuellen
    Zweck des Denkactes, kann also die Ursache sein, dass ein Denk-
    vorgang vom Bewusstsein unbemerkt sich bis zum Einschlafen fortsetzt.
    Resumiren wir, dass wir einen solchen Gedankengang einen
    vorbewussten heissen, ihn für völlig correct halten, und dass er
    ebensowohl ein blos vernachlässigter wie ein abgebrochener, unter-
    drückter sein kann. Sagen wir auch frei heraus, in welcher Weise
    wir uns den Vorstellungsablauf veranschaulichen. Wir glauben, dass
    von einer Zielvorstellung aus eine gewisse Erregungsgrösse, die wir

  • S.

    352

    „Besetzungsenergie“ heissen, längs der durch diese Zielvorstellung
    ausgewählten Associationswege verschoben wird. Ein „vernachlässigter“
    Gedankengang hat eine solche Besetzung nicht erhalten; von einem
    „unterdrückten“ oder „verworfenen“ ist sie wieder zurückgezogen
    worden; beide sind ihren eigenen Erregungen überlassen. Der ziel-
    besetzte Gedankengang wird unter gewissen Bedingungen fähig, die
    Aufmerksamkeit des Bewusstseins auf sich zu ziehen, und erhält
    dann durch dessen Vermittlung eine „Ueberbesetzung“. Unsere
    Annahmen über die Natur und Leistung des Bewusstseins werden wir
    ein wenig später klarlegen müssen.

    Ein so im Vorbewussten angeregter Gedankengang kann spontan
    erlöschen oder sich erhalten. Den ersteren Ausgang stellen wir uns
    so vor, dass seine Energie nach allen von ihm ausgehenden Associations-
    richtungen diffundirt, die ganze Gedanken-
    kette in einen erregten
    Zustand versetzt, der für eine Weile anhält, dann aber abklingt, in-
    dem die abfuhrbedürftige Erregung sich in ruhende Besetzung um-
    wandelt. Tritt dieser erste Ausgang ein, so hat der Vorgang weiter
    keine Bedeutung für die Traumbildung. Es lauern aber in unserem
    Vorbewussten andere Zielvorstellungen, die aus den Quellen unserer
    unbewussten und immer regen Wünsche stammen. Diese können
    sich der Erregung in dem sich selbst überlassenen Gedankenkreise
    bemächtigen, stellen die Verbindung zwischen ihm und dem unbe-
    wussten Wunsche her, übertragen ihm die dem unbewussten
    Wunsch eigene Energie, und von jetzt an ist der vernachlässigte
    oder unterdrückte Gedankengang im Stande, sich zu erhalten, obwohl
    er durch diese Verstärkung keinen Anspruch auf den Zugang zum
    Bewusstsein erhält. Wir können sagen, der bisher vorbewusste
    Gedankengang ist in’s Unbewusste gezogen worden.

    Andere Constellationen zur Traumbildung wären, dass der vor-
    bewusste Gedankengang von vorne herein in Verbindung mit dem
    unbewussten Wunsche stand, und darum auf Abweisung von Seiten
    der herrschenden Zielbesetzung stiess, oder dass ein unbewusster
    Wunsch aus anderen (etwa somatischen) Gründen rege geworden ist,
    und ohne Entgegenkommen eine Uebertragung auf die vom Vbw nicht
    besetzten psychischen Reste sucht. Alle drei Fälle treffen endlich in
    einem Ergebnis zusammen, dass ein Gedankenzug im Vorbewussten
    zu Stande kommt, der von der vorbewussten Besetzung verlassen,
    vom unbewussten Wunsch her Besetzung gefunden hat.

    Von da an erleidet der Gedankenzug eine Reihe von Um-
    wandlungen, die wir nicht mehr als normale psychische Vorgänge
    anerkennen, und die ein uns befremdendes Resultat, eine psycho-
    pathologische Bildung, ergeben. Wir wollen dieselben herausheben
    und zusammenstellen:

    1. Die Intensitäten der einzelnen Vorstellungen werden nach
    ihrem ganzen Betrage abflussfähig und übergehen von einer Vorstel-
    lung auf die andere, so dass einzelne mit grosser Intensität versehene

  • S.

    353

    Vorstellungen gebildet werden. Indem sich dieser Vorgang mehrmals
    wiederholt, kann die Intensität eines ganzen Gedankenzuges schliess-
    lich in einem einzigen Vorstellungselement gesammelt sein. Dies ist die
    Tatsache der Compression oder Verdichtung, die wir während
    der Traumarbeit kennen gelernt haben. Sie trägt die Hauptschuld
    an dem befremdenden Eindruck des Traumes, denn etwas ihr analoges
    ist uns aus dem normalen und dem Bewusstsein zugänglichen Seelen-
    leben ganz unbekannt. Wir haben auch hier Vorstellungen, die als
    Knotenpunkte, oder als Endergebnisse ganzer Gedankenkette eine
    grosse psychische Bedeutung besitzen, aber diese Werthigkeit äussert
    sich in keinem für die innere Wahrnehmung sinnfälligen Charakter;
    das in ihr Vorgestellte wird darum in keiner Weise intensiver. Im
    Verdichtungsvorgang setzt sich aller psychische Zusammenhang in die
    Intensität des Vorstellungsinhaltes um. Es ist der nämliche Fall, wie
    wenn ich in einem Buch ein Wort, dem ich einen überragenden
    Werth für die Auffassung des Textes beilege, gesperrt oder fett
    drucken lasse. In der Rede würde ich dasselbe Wort laut und langsam
    sprechen und nachdrücklich betonen. Das erstere Gleichnis führt unmit-
    telbar zu einer der Traumarbeit entlehnten Beispiele (Trimethylamin
    im Traum von Irma’s Injection). Die Kunsthistoriker machen uns
    darauf aufmerksam, dass die ältesten historischen Sculpturen ein
    ähnliches Princip befolgen, indem sie die Ranggrösse der dargestellten
    Personen durch die Bildgrösse zum Ausdruck bringen. Der König
    wird zwei- oder dreimal so gross gebildet als sein Gefolge oder der
    überwundene Feind. Ein Bildwerk aus der Römerzeit wird sich zu
    demselben Zweck feinerer Mittel bedienen. Es wird die Figur des
    Imperators in die Mitte stellen, ihn hoch aufgerichtet zeigen, beson-
    dere Sorgfalt auf die Durchbildung seiner Gestalt verwenden, die
    Feinde zu seinen Füssen legen, ihn aber nicht mehr als Riesen unter
    Zwergen erscheinen lassen. Indess ist die Verbeugung des Unter-
    gebenen vor seinem Vorgesetzten in unserer Mitte noch heute ein
    Nachklang jenes alten Darstellungsprincips.
    1. Die Richtung, nach welcher die Verdichtungen des Traumes
    fortschreiten, ist einerseits durch die correcten vorbewussten Relationen
    der Traumgedanken, andererseits durch die Anziehung der visuellen
    Erinnerungen im Unbewussten vorgeschrieben. Der Erfolg der Ver-
    dichtungsarbeit erzielt jene Intensitäten, die zum Durchbruch gegen
    die Wahrnehmungssysteme erfordert werden.
    2. Es werden wiederum durch freie Uebertragbarkeit der Inten-
    sitäten und im Dienste der Verdichtung Mittelvorstellungen ge-
    bildet, Compromisse gleichsam (vgl. die zahlreichen Beispiele). Gleichfalls
    etwas Unerhörtes im normalen Vorstellungsablauf, bei dem es vor
    allem auf die Auswahl und Festhaltung des „richtigen“ Vorstellungs-
    elementes ankommt. Dagegen ereignen sich Misch- wie Compromiss-
    bildungen ausserordentlich häufig, wenn wir für die vorbewussten

  • S.

    354

    Gedanken den sprachlichen Ausdruck suchen, und werden als Arten
    des „Versprechens“ angeführt.

    3. Die Vorstellungen, die einander ihre Intensitäten übertragen,
    stehen in den lockersten Beziehungen zu einander, und sind durch
    solche Arten von Associationen verknüpft, welche von unserem Denken
    verschmäht und nur dem witzigen Effect zur Ausnützung überlassen
    werden. Insbesondere gelten Gleichklangs- und Wortlautassociationen
    als den anderen gleichwerthig.

    4. Einander widersprechende Gedanken streben nicht darnach,
    einander aufzuheben, sondern bestehen neben einander, setzen sich oft,
    als ob kein Widerspruch bestünde, zu Verdichtungsproducten
    zusammen, oder bilden Compromisse, die wir unserem Denken nie ver-
    zeihen würden, in unserem Handeln aber oft gutheissen.

    Dies wären einige der auffälligsten abnormen Vorgänge, denen
    im Laufe der Traumarbeit die vorher rationell gebildeten Traum-
    gedanken unterzogen werden. Man erkennt als den Hauptcharakter
    derselben, dass aller Werth darauf gelegt wird, die besetzende Energie
    beweglich und abfuhrfähig zu machen; der Inhalt und die eigene
    Bedeutung der psychischen Elemente, an denen diese Besetzungen
    haften, wird zur Nebensache. Man könnte noch meinen, die Verdich-
    tung und Compromissbildung geschehe nur im Dienste der Regression,
    wenn es sich darum handelt, Gedanken in Bilder zu verwandeln.
    Allein die Analyse – und noch deutlicher – die Synthese solcher
    Träume, die der Regression auf Bilder entbehren, z. B. des Traumes
    „Autodidasker – Gespräch mit Professor N.“ ergeben die nämlichen
    Verschiebungs- und Verdichtungsvorgänge wie die anderen.

    So können wir uns also der Einsicht nicht verschliessen, dass
    an der Traumbildung zweierlei wesensverschiedene psychische Vor-
    gänge betheiligt sind; der eine schafft vollkommen correcte, dem
    normalen Denken gleichwerthige Traumgedanken; der andere verfährt
    mit demselben auf eine höchst befremdende, incorrecte Weise. Den
    letzteren haben wir schon im Abschnitt VI als die eigentliche Traum-
    arbeit abgesondert. Was haben wir nun zur Ableitung dieses letzteren
    psychischen Vorgangs vorzubringen?

    Wir könnten hier eine Antwort nicht geben, wenn wir nicht
    ein Stück weit in die Psychologie der Neurosen, speciell der Hysterie,
    eingedrungen wären. Aus dieser aber erfahren wir, dass die näm-
    lichen incorrecten psychischen Vorgänge – und noch andere nicht
    aufgezählte – die Herstellung der hysterischen Symptome beherrschen.
    Auch bei der Hysterie finden wir zunächst eine Reihe von völlig
    correcten, unseren bewussten ganz gleichwerthigen Gedanken, von
    deren Existenz in dieser Form wir aber nichts erfahren können,
    die wir erst nachträglich reconstruiren. Wenn sie irgendwo zu unserer
    Wahrnehmung durchgedrungen sind, so ersehen wir aus der Analyse des
    gebildeten Symptoms, dass diese normalen Gedanken eine abnorme Be-
    handlung erlitten haben und mittelst Verdichtung, Compro-

  • S.

    355

    missbildung, oberflächliche Associationen, unter
    Deckung der Widersprüche, eventuell auf dem Wege der
    Regression in das Symptom übergeführt wurden. Bei der
    vollen Identität zwischen den Eigenthümlichkeiten der Traumarbeit
    und der psychischen Thätigkeit, welche in die psychoneurotischen
    Symptome ausläuft, werden wir uns für berechtigt halten, die Schlüsse,
    zu denen uns die Hysterie nöthigt, auf den Traum zu übertragen.
    Aus der Lehre von der Hysterie entnehmen wir den Satz, dass
    solche abnorme psychische Bearbeitung eines normalen
    Gedankenzuges nur dann vorkommt, wenn dieser zur
    Uebertragung eines unbewussten Wunsches geworden
    ist, der aus dem Infantil-
    en stammt und sich in der Ver-
    drängung befindet. Diesem Satz zu Liebe haben wir die Theorie
    des Traumes auf die Aufnahme gebaut, dass der treibende Traum-
    wunsch allemal aus dem Unbewussten stammt, was, wie wir selbst
    zugestanden, sich nicht allgemein nachweisen, wenn auch nicht zurück-
    weisen, lässt. Um aber sagen zu können, was die „Verdrängung“ ist,
    mit deren Namen wir schon so oft gespielt haben, müssen wir ein
    Stück an unserem psychologischen Gerüste weiter bauen.
    Wir hatten uns in die Fiction eines primitiven psychischen
    Apparates vertieft, dessen Arbeit durch das Bestreben geregelt wird,
    Anhäufung von Erregung zu vermeiden und sich möglichst erregungs-
    los zu erhalten. Er war darum nach dem Schema eines Reflex-
    apparates gebaut; die Motilität, zunächst der Weg zur inneren Ver-
    änderung des Körpers, war die ihm zu Gebote stehende Abfuhrbahn.
    Wir erörterten dann die psychischen Folgen eines Befriedigungs-
    erlebnisses und hätten dabei schon die zweite Annahme einfügen
    können, dass Anhäufung der Erregung – nach gewissen uns nicht
    bekümmernden Modalitäten – als Unlust empfunden wird und den
    Apparat in Thätigkeit versetzt, um das Befriedigungserlebnis, bei dem
    die Verringerung der Erregung als Lust verspürt wird, wieder herbei-
    zuführen. Eine solche, von der Unlust ausgehende, auf die Lust
    zielende, Strömung im Apparat heissen wir einen Wunsch; wir haben
    gesagt, nichts anderes als ein Wunsch sei im Stande, den Apparat in
    Bewegung zu bringen, und der Ablauf der Erregung in ihm werde
    automatisch durch die Wahrnehmungen von Lust und Unlust geregelt.
    Das erste Wünschen dürfte ein hallucin-
    atorisches Besetzen der Be-
    friedigungserinnerung gewesen sein. Diese Hallucination erwies sich
    aber, wenn sie nicht bis zur Erschöpfung festgehalten werden sollte, als
    untüchtig, das Aufhören des Bedürfnisses, also die mit der Befriedi-
    gung verbundene Lust, herbeizuführen.
    Es wurde so eine zweite Thätigkeit – in unserer Ausdrucks-
    weise die Thätigkeit eines zweiten Systems – nothwendig, welche
    nicht gestattete, dass die Erinnerungsbesetzung zur Wahrnehmung
    vordringe und von dort aus die psychischen Kräfte binde, sondern
    die vom Bedürfnisreiz ausgehende Erregung auf einen Umweg leite,

  • S.

    356

    VII. Psychologie der Traumvorgänge.

    der endlich über die willkürliche Motilität die Außenwelt so ver
    ändert, dass die reale Wahrnehmung des Befriedigungsobjectes ein
    treten kann. So weit haben wir das Schema des psychischen Apparates
    bereits verfolgt; die beiden Systeme sind der Keim zu dem, was wir
    als Ubw und Vbw in den voll ausgebildeten Apparat einsetzen.
    Um die Außenwelt zweckmässig durch die Motilität verändern
    zu können, bedarf es der Anhäufung einer grossen Summe von Er
    fahrungen in den Erinnerungssystemen und einer mannigfachen
    Fixirung der Beziehungen, die durch verschiedene Zielvorstellungen
    in diesem Erinnerungsmaterial hervorgerufen werden. Wir gehen
    nun in unseren Annahmen weiter. Die vielfach tastende, Besetzungen
    aussendende und wieder einziehende Thätigkeit des zweiten Systems
    bedarf einerseits der freien Verfügung über alles Erinnerungsmaterial;
    andererseits wäre es überflüssiger Aufwand, wenn sie grosse Be
    setzungscquantitäten auf die einzelnen Denkwege schickte, die dann
    unzweckmässig abströmen und die für die Veränderung der Außen
    welt nothwendige Quantität verringern würden. Der Zweckmässig
    keit zu Liebe postulire ich also, dass es dem zweiten System ge
    lingt, die Energiebesetzungen zum grösseren Antheil in Ruhe zu
    erhalten, und nur einen kleineren Theil zur Verschiebung zu ver
    wenden. Die Mechanik dieser Vorgänge ist mir ganz unbekannt;
    wer mit diesen Vorstellungen Ernst machen wollte, müsste die phy
    sikalischen Analogien heraussuchen und sich einen Weg zur Ver
    anschaulichung des Bewegungsvorganges bei der Neuronenerregung
    bahnen.1)Ich halte nur an der Vorstellung fest, dass die Thätigkeit
    des ersten Ψ-Systems auf freies Abströmen der Erregungs
    quantitäten gerichtet ist, und dass das zweite System durch die von
    ihm ausgehenden Besetzungen eine Hemmung dieses Abströmens,
    eine Verwandlung in ruhende Besetzung, wohl unter Niveaucrhöhung,
    herbeiführt. Ich nehme also an, dass der Ablauf der Erregung
    unter der Herrschaft des zweiten Systems an ganz andere mechanische
    Verhältnisse geknüpft wird, als unter der Herrschaft des ersten. Hat
    das zweite System seine probende Denkarbeit beendigt, so hebt es
    auch die Hemmung und Stauung der Erregungen auf und lässt die
    selben zur Motilität abfliessen.2)
    Es ergibt sich nun eine interessante Gedankenfolge, wenn man
    die Beziehungen dieser Abflusshemmung durch das zweite System
    zur Regulirung durch das Unlustprincip in’s Auge fasst. Suchen wir
    uns das Gegenstück zum primären Befriedigungserlebnis auf das
    äussere Schreck-
    erlebnis. Es wirke ein Wahrnehmungsreiz auf den
    primitiven Apparat ein, der die Quelle einer Schmerzerregung ist. Es
    werden dann so lange ungeordnete motorische Aeusserungen erfolgen,
    bis eine derselben den Apparat der Wahrnehmung und gleichzeitig
    dem Schmerz entzieht, und diese wird bei Wiederauftreten der Wahr
    nehmung sofort wiederholt werden (etwa als Fluchtbewegung), bis
    die Wahrnehmung wieder verschwunden ist. Es wird aber hier

  • S.

    357

    keine Neigung übrig bleiben, die Wahrnehmung der Schmerzquelle
    hallucinatorisch oder anderswie wieder zu besetzen. Vielmehr wird
    im primären Apparat die Neigung bestehen, dies peinliche Er-
    innerungsbild sofort, wenn es irgendwie geweckt wird, wieder zu
    verlassen, weil ja das Ueberfliessen seiner Erregung auf die Wahr-
    nehmung Unlust hervorrufen würde (genauer: hervorzurufen beginnt).
    Die Abwendung von der Erinnerung, die nur eine Wiederholung
    der einstigen Flucht vor der Wahrnehmung ist, wird auch dadurch
    erleichtert, dass die Erinnerung nicht wie die Wahrnehmung genug
    Qualität besitzt, um das Bewusstsein zu erregen und hiedurch neue
    Besetzung an sich zu ziehen. Diese mühelose und regelmässig er-
    folgende Abwendung des psychischen Vorganges von der Erinnerung
    des einst Peinlichen, gibt uns das Vorbild und das erste Beispiel
    der psychischen Verdrängung. Es ist allgemein bekannt, wie viel
    von dieser Abwendung vom Peinlichen, von der Taktik des Vogels
    Strauss, noch im normalen Seelenleben des Erwachsenen nachweisbar
    geblieben ist.
    Zufolge des Unlustprincipes ist das erste Ψ-System also über-
    haupt unfähig, etwas Unangenehmes in den Denkzusammenhang zu
    ziehen. Das System kann nichts anderes, als wünschen. Bliebe es
    so, so wäre die Denkarbeit des zweiten Systems gehindert, welches
    die Verfügung über alle in der Erfahrung niedergelegten Erinne-
    rungen braucht. Es eröffnen sich nun zwei Wege: entweder macht
    sich die Arbeit des zweiten Systems vom Unlustprincip völlig frei, setzt
    ihren Weg fort, ohne sich um die Erinnerungsunlust zu kümmern;
    oder sie versteht es, die Unlusterinnerung in solcher Weise zu be-
    setzen, dass die Unlustentbindung dabei vermieden wird. Wir können
    die erste Möglichkeit zurückweisen, denn das Unlustprincip zeigt
    sich auch als Regulator für den Erregungsablauf des zweiten Systems;
    somit werden wir auf die zweite gewiesen, dass dies System eine
    Erinnerung so besetzt, dass der Abfluss von ihr gehemmt wird, also
    auch der einer motorischen Innervation vergleichbare Abfluss zur
    Entwickelung der Unlust. Zur Hypothese, dass die Besetzung durch
    das zweite System gleichzeitig eine Hemmung für den Abfluss der
    Erregung darstellt, werden wir also von zwei Ausgangspunkten her
    geleitet, von der Rücksicht auf das Unlustprincip und von dem Princip
    des kleinsten Innervationsaufwandes. Halten wir aber daran fest, –
    es ist der Schlüssel zur Verdrängungslehre – dass das zweite
    System nur dann eine Vorstellung besetzen kann, wenn
    es im Stande ist, die von ihr ausgehende Unlust-
    entwickelung zu hemmen. Was sich etwa dieser Hemmung
    entzüge, bliebe auch für das zweite System unzugänglich, würde dem
    Unlustprincip zufolge alsbald verlassen werden. Die Hemmung der
    Unlust braucht indess keine vollständige zu sein; ein Beginn derselben
    muss zugelassen werden, da es dem zweiten System die Natur der
    Erinnerung und etwa deren mangelnde Eignung für den vom Denken
    gesuchten Zweck anzeigt.

  • S.

    358

    VII. Psychologie der Traumvorgänge.

    Den psychischen Vorgang, welchen das erste System allein zu
    lässt, werde ich jetzt Primärvorgang nennen; den, der sich unter
    der Hemmung des zweiten ergibt, Secundärvorgang. Ich
    kann noch an einem anderen Punkte zeigen, zu welchem Zwecke
    das zweite System den Primärvorgang corrigiren muss. Den Primär-
    vorgang strebt nach Abfuhr der Erregung, um mit der so gesammelten
    Erregungsgrösse eine Wahrnehmungsidentität herzustellen;
    der Secundärvorgang hat diese Absicht verlassen und an ihrer Statt
    die andere aufgenommen, eine Denkidentität zu erzielen.1) Das
    ganze Denken ist nur ein Umweg von der als Zielvorstellung ge-
    nommenen Befriedigungserinnerung bis zur identischen Besetzung
    derselben Erinnerung, die auf dem Wege über die motorischen Er-
    fahrungen wieder erreicht werden soll. Das Denken muss sich für
    die Verbindungswege zwischen den Vorstellungen interessiren, ohne
    sich durch die Intensitäten derselben beirren zu lassen. Es ist aber
    klar, dass die Verdichtungen von Vorstellungen, Mittel- und Com-
    promissbildungen in der Erreichung dieses Identitätszieles hinderlich
    sind; indem sie die eine Vorstellung für die andere setzen, lenken
    sie vom Wege ab, der von der ersteren weiter geführt hatte. Solche
    Vorgänge werden also im secundären Denken sorgfältig vermieden.
    Es ist auch nicht schwer zu übersehen, dass das Unlustprincip dem
    Denkvorgang, welchem es sonst die wichtigsten Anhaltspunkte bietet,
    auch Schwierigkeiten in der Verfolgung der Denkidentität in den
    Weg legt. Die Tendenz des Denkens muss also dahin gehen, sich
    von der ausschliesslichen Regulirung durch das Unlustprincip immer
    mehr zu befreien und die Affectentwicklung durch die Denkarbeit
    auf ein Mindestes, das noch als Signal verwerthbar ist, einzuschränken.
    Durch eine neuerliche Uebersetzung, die das Bewusstsein vermittelt,
    soll diese Verfeinerung der Leistung erzielt werden. Wir wissen
    aber, dass diese selbst im normalsten Seelenleben selten vollständig
    gelingt, und dass unser Denken der Fälschung durch die Einmengung
    des Unlustprincipes immer zugänglich bleibt.
    Aber nicht dies ist die Lücke in der Functionstüchtigkeit un-
    seres seelischen Apparates, durch welche es möglich wird, dass
    Gedanken, die sich als Ergebnisse der secundären Denkarbeit dar-
    stellen, dem primären psychischen Vorgang verfallen, mit welcher
    Formel wir jetzt die zum Traume und zu den hysterischen Symp-
    tomen führende Arbeit beschreiben können. Der Fall von Un-
    zulänglichkeit ergibt sich durch das Zusammentreffen zweier Mo-
    mente aus unserer Entwickelungsgeschichte, von denen das eine
    ganz dem seelischen Apparat anheimfällt, und einen massgebenden
    Einfluss auf das Verhältniss der beiden Systeme ausgeübt hat, das
    andere aber im wechselnden Betrage zur Geltung kommt und Trieb-
    kräfte organischer Herkunft in’s Seelenleben einführt. Beide stammen
    aus dem Kinderleben und sind ein Niederschlag der Veränderung,
    die unser seelischer und somatischer Organismus seit den infantilen
    Zeiten erfahren hat.

  • S.

    359

    Wenn ich den einen psychischen Vorgang im Seelenapparat
    den primären benannt habe, so that ich dies nicht allein mit Rück-
    sicht auf die Rangordnung und Leistungsfähigkeit, sondern durfte
    auch die zeitlichen Verhältnisse bei der Namengebung mitsprechen
    lassen. Ein psychischer Apparat, der nur den Primärvorgang be-
    sässe, existirt zwar unseres Wissens nicht und ist insoferne eine
    theoretische Fiction; aber soviel ist thatsächlich, dass die Primär-
    vorgänge in ihm von Anfang an gegeben sind, während die secun-
    dären erst allmählich im Laufe des Lebens sich ausbilden, die primären
    hemmen und überlagern und ihre volle Herrschaft über sie viel-
    leicht erst mit der Lebenshöhe erreichen. Infolge dieses verspäteten
    Eintreffens der secundären Vorgänge bleibt der Kern unseres Wesens,
    aus unbewussten Wunschregungen bestehend, unfassbar und un-
    hemmbar für das Vorbewusste, dessen Rolle ein für allemale darauf
    beschränkt wird, den aus dem Unbewussten stammenden Wunsch-
    regungen die zweckmässigsten Wege anzuweisen. Diese unbewussten
    Wünsche stellen für alle späteren seelischen Bestrebungen einen
    Zwang dar, dem sie sich zu fügen haben, den etwa abzuleiten und
    auf höher stehende Ziele zu lenken sie sich bemühen dürfen. Ein
    grosses Gebiet des Erinnerungsmaterials bleibt auch infolge dieser
    Verspätung der vorbewussten Besetzung unzugänglich.
    Unter diesen aus dem Infantilen stammenden, unzerstörbaren
    und unhemmbaren Wunschregungen befinden sich nun auch solche,
    deren Erfüllungen in das Verhältnis des Widerspruches zu den Zielvor-
    stellungen des secundären Denkens getreten sind. Die Erfüllung dieser
    Wünsche würde nicht mehr einen Lust-, sondern einen Unlustaffect
    hervorrufen, und eben diese Affectverwandlung macht das
    Wesen dessen aus, was wir als „Verdrängung“ bezeichnen.
    Auf welchem Wege, durch welche Triebkräfte eine solche Verwandlung
    vor sich gehen kann, darin besteht das Problem der Verdrängung,
    das wir hier nur zu streifen brauchen. Es genügt uns festzuhalten,
    dass eine solche Affectverwandlung im Laufe der Entwickelung vor-
    kommt (man denke nur an das Auftreten des anfänglich fehlenden
    Ekels im Kinderleben) und dass sie an die Thätigkeit des secun-
    dären Systems geknüpft ist.1) Die Erinnerungen von denen aus der
    unbewusste Wunsch die Affectentbindung hervorruft, waren dem Vbw
    niemals zugänglich; darum ist deren Affectentbindung auch nicht zu
    hemmen. Eben wegen dieser Affectentwickelung sind diese Vor-
    stellungen jetzt auch nicht von den vorbewussten Gedanken her zu- gänglich, auf die sie ihre Wunschkraft übertragen haben. Vielmehr
    tritt das Unlustprincip in Kraft und veranlasst, dass das Vbw sich
    von diesen Uebertragungsgedanken abwendet. Dieselben werden
    sich selbst überlassen, „verdrängt“, und somit wird das Vorhanden-
    sein eines infantilen, dem Vbw von Anfang an entzogenen Er-
    innerungsschatzes zur Vorbedingung der Verdrängung.
    Im günstigsten Falle nimmt die Unlustentwickelung ein Ende,
    sowie den Uebertragungsgedanken im Vbw die Besetzung entzogen

  • S.

    360

    ist, und dieser Erfolg kennzeichnet das Eingreifen des Unlustprincips
    als zweckmässig. Anders aber, wenn der verdrängte unbewusste
    Wunsch eine organische Verstärkung erfährt, die er seinen Ueber-
    tragungsgelanken leihen, wodurch er sie in den Stand setzen kann,
    mit ihrer Erregung den Versuch zum Durchdringen zu machen, auch
    wenn sie von der Besetzung des Vbw verlassen worden sind. Es
    kommt dann zum Abwehrkampf, indem das Vbw den Gegensatz
    gegen die verdrängten Gedanken verstärkt, und in weiterer Folge
    zum Durchdringen der Uebertragungsgelanken, welche Träger des
    unbewussten Wunsches sind, in irgend einer Form von Compromiss
    durch Symptombildung. Von dem Moment ab, da die verdrängten
    Gedanken von der unbewussten Wunscherregung kräftig besetzt, von
    der vorbewussten Besetzung dagegen verlassen sind, unterliegen sie
    dem primären psychischen Vorgang, zielen sie nur auf motorische
    Abfuhr oder, wenn der Weg frei ist, auf hallucinotorische Belebung
    der gewünschten Wahrnehmungsidentität. (Wir haben früher empirisch
    gefunden, dass die beschriebenen incorrecten Vorgänge sich nur mit
    Gedanken abspielen, die in der Verdrängung stehen. Wir erfassen
    jetzt ein weiteres Stück des Zusammenhanges. Diese incorrecten
    Vorgänge sind die im psychischen Apparat primären; sie treten überall
    dort ein, wo Vorstellungen von der vorbewussten Besetzung verlassen,
    sich selbst überlassen werden und sich mit der ungehemmten nach
    Abfluss strebenden Energie vom Unbewussten her erfüllen können.
    Einige andere Beobachtungen kommen hinzu, die Auffassung zu
    stützen, dass diese incorrect genannten Vorgänge nicht wirklich
    Fälschungen der normalen, Denkfehler, sind, sondern die von einer
    Hemmung befreiten Arbeitsweisen des psychischen Apparates. So
    sehen wir, dass die Ueberleitung der vorbewussten Erregung auf die
    Motilität nach denselben Vorgängen geschieht und dass die Ver-
    knüpfung der vorbewussten Vorstellungen mit Worten, leicht die
    nämlichen, der Unaufmerksamkeit zugeschriebenen Verschiebungen
    und Vermengungen zeigt. Endlich möchte sich ein Beweis für den
    Arbeitszuwachs, der bei der Hemmung dieser primären Verlaufsweisen
    nothwendig wird, aus der Thatsache ergeben, dass wir einen komischen
    Effect, einen durch Lachen abzuführenden Ueberschuss erzielen, wenn
    wir diese Verlaufsweisen des Denkens zum Bewusstsein vordringen
    lassen.)

    Die Theorie der Psychoneurosen behauptet mit ausschliessender
    Sicherheit, dass es nur sexuelle Wunschregungen aus dem Infantilen
    sein können, welche in den Entwicklungsperioden der Kindheit die
    Verdrängung (Affectverwandlung) erfahren haben, in späteren Ent-
    wicklungsperioden dann einer Erneuerung fähig sind, sei es infolge
    der sexuellen Constitution, die sich ja aus der ursprünglichen Bisexu-
    alität herausbildet, sei es infolge ungünstiger Einflüsse des sexuellen
    Lebens, und die somit die Triebkräfte für alle psychoneurotische
    Symptombildung abgeben. Nur durch die Einführung dieser sexuellen

  • S.

    361

    Kräfte sind die in der Theorie der Verdrängung noch aufweisbaren
    Lücken zu schliessen. Ich will es dahingestellt sein lassen, ob die
    Forderung des Sexuellen und Infantilen auch für die Theorie des
    Traumes erhoben werden darf; ich lasse diese unvollendet, weil
    ich schon durch die Annahme, der Traumwunsch stamme jedesmal
    aus dem Unbewussten, einen Schritt weit über das Beweisbare hinaus
    gegangen bin.*) Ich will auch nicht weiter untersuchen, worin der
    Unterschied im Spiel der psychischen Kräfte bei der Traumbildung
    und bei der Bildung der hysterischen Symptome gelegen ist; es fehlt
    uns ja hiezu die genauere Kenntnis des einen, der in Vergleich zu
    bringenden Glieder. Aber auf einen anderen Punkt lege ich Werth
    und schicke das Bekenntnis voraus, dass ich nur dieses Punktes
    wegen all’ die Erörterungen über die beiden psychischen Systeme,
    ihre Arbeitsweisen und die Verdrängung hie aufgenommen habe.
    Es kommt jetzt nämlich nicht darauf an, ob ich die in Rede stehen
    den psychologischen Verhältnisse annähernd richtig, oder, wie bei so
    schwierigen Dingen leicht möglich, schief und lückenhaft aufgefasst
    habe. Wie immer die Deutung der psychischen Censur, der
    correcten und der abnormen Bearbeitung des Trauminhaltes sich
    verändern mag, es bleibt giltig, dass solche Vorgänge bei der Traum
    bildung wirksam sind, und dass sie die grösste Analogie im Wesent
    lichen mit den bei der hysterischen Symptombildung erkannten Vor
    gängen zeigen. Nun ist der Traum kein pathologisches Phänomen;
    er hat keine Störung des psychischen Gleichgewichtes zur Voraus
     

    *) Es sind hier wie an anderen Stellen Lücken in der Bearbeitung des Themas,
    die ich absichtlich belassen habe, weil deren Ausfüllung einerseits einen zu grossen
    Aufwand, andererseits die Anlehnung an ein dem Traume fremdes Material erfordern
    würde. So habe ich es z. B. vermieden anzugeben, ob ich mit dem Worte „unter
    drückt“ einen anderen Sinn verbinde als mit dem Worte „verdrängt“. Es dürfte
    nur klar geworden sein, dass letzteres die Zugehörigkeit zum Unbewussten stärker
    als das erstere betont. Ich bin auf das nahe liegende Problem nicht eingegangen,
    warum die Traumgedanken die Entstellung durch die Censur auch für den Fall
    erfahren, dass sie auf die progrediente Fortsetzung zum Bewusstsein verzichten und
    sich für den Weg der Regression entscheiden, u. dgl. Unterlassungen mehr. Es
    kam mir vor Allem darauf an, einen Eindruck von den Problemen zu erwecken, zu
    denen die weitere Zergliederung der Traumarbeit führt, und die anderen Themata
    anzudeuten, mit denen dieses auf dem Wege zusammenfällt. Die Entscheidung, an
    welcher Stelle die Verfolgung abgebrochen werden soll, ist mir dann nicht immer
    leicht geworden. – Dass ich die Rolle des sexuellen Vorstellunglebens für den
    Traum nicht erschöpfend behandelt und die Deutung von Träumen mit offenkundig
    sexuellem Inhalt vermieden habe, beruht auf einer besonderen Motivierung, die sich
    vielleicht mit der Erwartung der Leser nicht deckt. Es liegt gerade meinen An
    schauungen und den Lehrmeinungen, die ich in der Neuropathologie vertrete, völlig
    ferne, das Sexualleben als ein Pudendum anzusehen, das weder den Arzt noch den
    wissenschaftlichen Forscher zu bekümmern hat. Auch finde ich die sittliche Ent
    rüstung lächerlich, durch welche der Uebersetzer des Artemidoros aus Daldis2)
    über die „Symbolik der Träume“ sich bewegen liess, das dort enthaltene Kapitel über
    sexuelle Träume der Kenntnis der Leser zu unterschlagen. Für mich war allein
    die Einsicht massgebend, dass ich mich bei der Erklärung sexueller Träume tief in
    die noch ungeklärten Probleme der Perversion und der Bisexualität verstricken
    müsste, und so sparte ich mir dies Material für einen anderen Zusammenhang.

  • S.

    362

    VII. Psychologie der Traumvorgänge.

    setzung; er hinterlässt keine Schwächung der Leistungsfähigkeit.
    Der Einwand, dass meine Träume und die meiner neurotischen
    Patienten nicht auf die Träume gesunder Menschen schliessen lassen,
    dürfte wohl ohne Würdigung abzuweisen sein. Wenn wir also aus den
    Phänomenen auf deren Triebkräfte schliessen, so erkennen wir, dass der
    psychische Mechanismus, dessen sich die Neurose bedient, nicht erst durch
    eine das Seelenleben ergreifende krankhafte Störung geschaffen wird,
    sondern in dem normalen Aufbau des seelischen Apparates bereit
    liegt. Die beiden psychischen Systeme, die Uebergangscensur
    zwischen ihnen, die Hemmung und Ueberlagerung der einen Thätig-
    keit durch die andere, die Beziehungen beider zum Bewusstsein –
    oder was eine richtigere Deutung der thatsächlichen Verhältnisse an
    deren Statt ergeben mag; – das alles gehört zum normalen Aufbau
    unseres Seeleninstrumentes, und der Traum zeigt uns einen der
    Wege, die zur Kenntnis der Structur desselben führen. Wenn wir
    uns mit einem Minimum von völlig gesichertem Erkenntniszuwachs
    begnügen wollen, so werden wir sagen, der Traum beweist uns, dass
    das Unterdrückte auch beim normalen Menschen fort-
    besteht und psychischer Leistungen fähig bleibt. Der
    Traum ist selbst eine der Aeusserungen dieses Unterdrückten; nach
    der Theorie ist er es in allen Fällen, nach der greifbaren Erfahrung
    wenigstens in einer grossen Anzahl, welche die auffälligen Charaktere
    des Traumlebens gerade am deutlichsten zur Schau trägt. Das seelisch
    Unterdrückte, welches im Wachleben durch die gegensätzliche
    Erledigung der Widersprüche am Ausdruck gehindert und
    von der inneren Wahrnehmung abgeschnitten wurde, findet im Nacht-
    leben und unter der Herrschaft der Compromissbildungen Mittel und
    Wege, sich dem Bewusstsein aufzudrängen.

    Flectere si nequeo Superos, Acheronta movebo.
    Indem wir der Analyse des Traumes folgen, bekommen wir
    ein Stück weit Einsicht in die Zusammensetzung dieses allerwunder-
    barsten und allergeheimnisvollsten Instrumentes, freilich nur ein
    kleines Stück weit, aber es ist damit der Anfang gemacht, um von
    anderen – pathologisch zu heissenden – Bildungen her weiter in
    die Zerlegung desselben vorzudringen. Denn die Krankheit –
    wenigstens die mit Recht functionell genannte – hat nicht die Zer-
    trümmerung dieses Apparates, die Herstellung neuer Spaltungen in
    seinem Inneren zur Voraussetzung; sie ist dynamisch aufzuklären
    durch Stärkung und Schwächung der Componenten des Kräftespiels,
    von dem so viele Wirkungen während der normalen Function ver-
    deckt sind. An anderer Stelle könnte noch gezeigt werden, wie die
    Zusammensetzung des Apparates aus den beiden Instanzen eine Ver-
    feinerung auch der normalen Leistung gestattet, die einer einzigen
    unmöglich wäre.*)

    *)Der Traum ist nicht das einzige Phänomen, welches die Psychopathologie
    auf die Psychologie zu begründen gestattet. In einer kleinen, noch nicht abge-

  • S.

    363

    f) Das Unbewußte und das Bewußtsein. – Die Realität.

    Wenn wir genauer zusehen, ist es nicht der Bestand von zwei
    Systemen nahe dem motorischen Ende des Apparates, sondern von
    zweierlei Vorgängen oder Ablaufsarten der Erregung,
    deren Annahme uns durch die psychologischen Erörterungen der vor-
    stehenden Abschnitte nahe gelegt wurde. Es gälte uns gleich; denn unsere
    Hilfsvorstellungen fallen zu lassen, müssen wir immer bereit sein,
    wenn wir uns in der Lage glauben, sie durch etwas Anderes zu
    ersetzen, was der unbekannten Wirklichkeit besser angenähert ist.
    Versuchen wir es jetzt, einige Anschauungen richtig zu stellen, die
    sich mißverständlich bilden konnten, so lange wir die beiden Systeme
    im nächsten und rohesten Sinne als zwei Localitäten innerhalb des
    seelischen Apparates im Auge hatten, Anschauungen, die ihren
    Niederschlag in den Ausdrücken „verdrängen“ und „durchdringen“
    zurückgelassen haben. Wenn wir also sagen, ein unbewußter
    Gedanke strebe nach Uebersetzung in’s Vorbewußte, um dann zum
    Bewußtsein durchzudringen, so meinen wir nicht, dass ein zweiter
    an neuer Stelle gelegener Gedanke gebildet werden soll, eine Ueber-
    schrift gleichsam, neben welcher das Original fortbesteht; und auch
    vom Durchdringen zum Bewußtsein wollen wir jede Idee einer
    Ortsveränderung sorgfältig ablösen. Wenn wir sagen, ein vor-
    bewusster Gedanke wird verdrängt und dann vom Unbewussten auf-
    genommen, so könnten uns diese dem Vorstellungskreis des Kampfes
    um ein Terrain entlehnten Bilder zur Annahme verlocken, dass
    wirklich in der einen psychischen Localität eine Anordnung auf-
    gelöst und durch eine neue in der anderen Localität ersetzt wird.
    Für diese Gleichnisse setzen wir ein, was dem realen Sachverhalt
    besser zu entsprechen scheint, dass eine Energiebesetzung auf eine
    bestimmte Anordnung verlegt oder von ihr zurückgezogen wird,
    so dass das psychische Gebilde unter die Herrschaft einer Instanz
    geräth oder ihr entzogen ist. Wir ersetzen hier wiederum eine
    topische Vorstellungsweise durch eine dynamische; nicht das psychische
    Gebilde erscheint uns als das Bewegliche, sondern dessen Innervation.

    Dennoch halte ich es für zweckmäßig und berechtigt, die an-
    schauliche Vorstellung der beiden Systeme weiter zu pflegen. Wir
    weichen jedem Missbrauch dieser Darstellungsweise aus, wenn wir
    uns erinnern, dass Vorstellungen, Gedanken, psychische Gebilde im
    Allgemeinen überhaupt nicht in organischen Elementen des Nerven-
    systems localisirt werden dürfen, sondern so zu sagen zwischen
    ihnen, wo Widerstände und Bahnungen das ihnen entsprechende
    Correlat bilden. Alles, was Gegenstand unserer inneren Wahr-
    nehmung ist, ist nicht nur nicht am richtigen Ort, sondern auch nicht
    aus den richtigen Elementen zusammengesetzt.

    schlossenen Reihe von Aufsätzen in der Monatschrift für Psychiatrie und Neurologie
    (über den psychischen Mechanismus der Vergesslichkeit 1898 – über Denkerinne-
    rungen 1899) suche ich eine Anzahl von alltäglichen psychischen Beobachtungen
    als Stützen der nämlichen Erkenntnis zu deuten.

  • S.

    364

    nehmung werden kann, ist virtuell, wie das durch den Gang der
    Lichtstrahlen gegebene Bild im Fernrohr. Die Systeme aber, die
    selbst nichts Psychisches sind und nie unserer psychischen Wahr-
    nehmung zugänglich werden, sind wir berechtigt anzunehmen gleich
    den Linsen des Fernrohrs, die das Bild entwerfen. In der Fort-
    setzung dieses Gleichnisses entspräche die Censur zwischen zwei
    Systemen der Strahlenbrechung beim Uebergange in ein neues Medium.

    Wir haben bisher Psychologie auf eigene Faust getrieben; es
    ist Zeit, sich nach den Lehrmeinungen umzusehen, welche die heutige
    Psychologie beherrschen, und deren Verhältnis zu unseren Auf-
    stellungen zu prüfen. Die Frage des Unbewussten in der Psychologie
    ist nach dem kräftigen Worte von Lipps*) weniger eine psycho-
    logische Frage, als die Frage der Psychologie. So lange die Psycho-
    logie diese Frage durch die Worterklärung erledigte, das „Psychische“
    sei eben das „Bewusste“, und „unbewusste psychische Vorgänge“
    ein greifbarer Widersinn, blieb eine psychologische Verwerthung
    der Beobachtungen, welche ein Arzt an abnormen Seelenzuständen
    gewinnen konnte, ausgeschlossen. Erst dann treffen der Arzt und
    der Philosoph zusammen, wenn beide anerkennen, unbewusste
    psychische Vorgänge seien „der zweckmässige und wohlberechtigte
    Ausdruck für eine feststehende Thatsache“. Der Arzt kann nicht
    anders, als die Versicherung, „das Bewusstsein sei der unentbehrliche
    Charakter des Psychischen“, mit Achselzucken zurückweisen, und
    etwa, wenn sein Respect vor den Aeusserungen der Philosophen
    noch stark genug ist, annehmen, sie behandelten nicht dasselbe
    Object und trieben nicht die gleiche Wissenschaft. Denn auch nur
    eine einzige verständnisvolle Beobachtung des Seelenlebens eines
    Neurotikers, eine einzige Traumanalyse, muss ihm die unerschütter-
    liche Ueberzeugung aufdrängen, dass die complicirtesten und
    correctesten Denkvorgänge, denen man doch den Namen psychischer
    Vorgänge nicht versagen wird, vorfallen können, ohne das Bewusst-
    sein der Person zu erregen. Gewiss erhält der Arzt von diesen
    unbewussten Vorgängen nicht eher Kunde, als bis sie eine Mit-
    theilung oder Beobachtung zulassende Wirkung auf das Bewusstsein
    ausgeübt haben. Aber dieser Bewusstseinseffect kann einen von dem
    unbewussten Vorgang ganz abweichenden psychischen Charakter
    zeigen, so dass die innere Wahrnehmung unmöglich den einen als
    den Ersatz des anderen erkennen kann. Der Arzt muss sich das
    Recht wahren, durch einen Schlussprocess vom Bewusstseinseffect
    zum unbewussten psychischen Vorgang vorzudringen; er erfährt auf
    diesem Wege, dass der Bewusstseinseffect nur eine entfernte psychische
    Wirkung des unbewussten Vorganges ist, und dass letzterer nicht
    als solcher bewusst geworden ist, auch dass er bestanden und gewirkt
    hat, ohne sich noch mit dem Bewusstsein irgendwie zu verrathen.

    *)Der Begriff des Unbewussten in der Psychologie. – Vortrag auf dem
    dritten internationalen Congress für Psychologie zu München 1897.

  • S.

    365

    Die Rückkehr von der Ueberschätzung der Bewusstseineigen-
    schaft wird zur unerlässlichen Vorbedingung für jede richtige Ein-
    sicht in den Hergang des Psychischen. Das Unbewusste muss nach
    dem Ausdrucke von Lipps als allgemeine Basis des psychischen
    Lebens angenommen werden. Das Unbewusste ist der grössere
    Kreis, der den kleineren des Bewussten in sich einschliesst; alles
    Bewusste hat eine unbewusste Vorstufe, während das Unbewusste
    auf dieser Stufe stehen bleiben und doch den vollen Werth einer
    psychischen Leistung beanspruchen kann. Das Unbewusste ist das
    eigentlich reale Psychische, uns nach seiner inneren Natur
    so unbekannt wie das Reale der Aussenwelt, und uns
    durch die Daten des Bewusstseins ebenso unvollständig
    gegeben wie die Aussenwelt durch die Angaben unserer
    Sinnesorgane.

    Wenn der alte Gegensatz von Bewusstleben und Traumleben
    durch die Einsetzung des unbewussten Psychischen in die ihm
    gebührende Stellung entwerthet ist, so werden eine Reihe von
    Traumproblemen abgestreift, welche frühere Autoren noch eingehend
    beschäftigt haben. So manche Leistungen, über deren Vollziehung
    im Traume man sich wundern konnte, sind nun nicht mehr dem
    Traum anzurechnen, sondern dem auch bei Tage arbeitenden
    unbewussten Denken. Wenn der Traum mit einer symbolisirenden
    Darstellung des Körpers, nach Scherner, zu spielen scheint, so
    wissen wir, dies ist die Leistung gewisser unbewusster Phantasien,
    die wahrscheinlich sexuellen Regungen nachgeben, und die nicht
    nur im Traum sondern auch in den hysterischen Phobien und
    anderen Symptomen zum Ausdruck kommen. Wenn der Traum
    Arbeiten des Tages fortführt und erledigt, und selbst werthvolle Einfälle
    an’s Licht fördert, so haben wir hievon nur die Traumverkleidung
    abzuziehen als Leistung der Traumarbeit und als Marke der Hilfe-
    leistung dunkler Mächte der Seelentiefen (vgl. den Teufel in
    Tartini’s Sonatentraum). Die intellectuelle Leistung selbst fällt
    denselben Seelenkräften zu, die tagsüber alle solche vollbringen.
    Wir neigen wahrscheinlich in viel zu hohem Masse zur Ueber-
    schätzung des bewussten Charakters auch der intellectuellen und
    künstlerischen Production. Aus den Mittheilungen einiger höchst-
    productiven Menschen, wie Goethe und Helmholtz, erfahren wir
    doch eher, dass das Wesentliche und Neue ihrer Schöpfungen ihnen
    einfallsartig gegeben wurde und fast fertig zu ihrer Wahrnehmung
    kam. Die Mithilfe der bewussten Thätigkeit in anderen Fällen hat
    nichts Befremdendes, wo eine Anstrengung aller Geisteskräfte vor
    lag. Aber es ist das viel missbrauchte Vorrecht der bewussten
    Thätigkeit, dass sie uns alle anderen verdecken darf, wo immer
    sie mitthut.

    Es verlohnt sich kaum der Mühe, die historische Bedeutung
    der Träume als ein besonderes Thema aufzustellen. Wo ein Häupt-
    ling etwa durch einen Traum zu einem kühnen Unternehmen bestimmt

  • S.

    366

    wurde, dessen Erfolg verändernd in die Geschichte eingegriffen hat,
    da ergibt sich ein neues Problem nur so lange, als man den Traum
    wie eine fremde Macht anderen, vertrauteren Seelenkräften gegen-
    über stellt, nicht mehr, wenn man den Traum als eine Form des
    Ausdrucks für Regungen betrachtet, auf denen bei Tage ein Wider-
    stand lastete, und die sich bei Nacht Verstärkung aus tiefliegenden
    Erregungsquellen holen konnten. Die Achtung aber, mit der dem
    Traum bei den alten Völkern begegnet wurde, ist eine auf richtige
    psychologische Ahnung gegründete Huldigung vor dem Ungebändigten
    und Unzerstörbaren in der Menschenseele, dem Dämonischen,
    welches den Traumwunsch hergibt, und das wir in unserem Un-
    bewussten wiederfinden.

    Ich sage nicht ohne Absicht, in unserem Unbewussten,
    denn was wir so heißen, deckt sich nicht mit dem Unbewussten der
    Philosophen, auch nicht mit dem Unbewussten bei Lipps. Dort
    soll es blos den Gegensatz zu dem Bewussten bezeichnen; dass es ausser
    den bewussten Vorgängen auch unbewusste psychische gibt, ist die heiss
    bestrittene und energisch vertheidigte Erkenntnis. Bei Lipps
    hören wir von dem weiter reichenden Satz, dass alles Psychische
    als unbewusst vorhanden ist, einiges davon dann auch als bewusst.
    Aber nicht zum Erweis für diesen Satz haben wir die Phänomene
    des Traumes und der hysterischen Symptombildung herangezogen;
    die Beobachtung des normalen Tageslebens reicht allein hin, ihn
    über jeden Zweifel festzustellen. Das Neue, was uns die Analyse
    der psychopathologischen Bildungen und schon ihres erstes Gliedes,
    der Träume, gelehrt, besteht darin, dass das Unbewusste – also das
    Psychische – als Function zweier gesonderter Systeme vorkommt und
    schon im normalen Seelenleben so vorkommt. Es gibt also zweierlei
    Unbewusstes, was wir von den Psychologen noch nicht gesondert
    finden. Beides ist Unbewusstes im Sinne der Psychologie

  • S.

    367

    Auch von der Unterscheidung Ober- und Unterbewusst-
    sein, die in der neueren Litteratur der Psychoneurosen so beliebt
    geworden ist, müssen wir uns ferne halten, da gerade sie die Gleich-
    stellung des Psychischen und des Bewussten zu betonen scheint.

    Welche Rolle verbleibt in unserer Darstellung dem einst allmäch-
    tigen, alles Andere verdeckenden Bewusstsein? Keine andere, als die
    eines Sinnesorganes zur Wahrnehmung psychischer Qua-
    litäten. Nach dem Grundgedanken unseres schematischen Versuches
    können wir die Bewusstseinswahrnehmung nur als die eigene Leistung
    eines besonderen Systems auffassen, für welches sich die Abkürzungs-
    bezeichnung Bw empfiehlt. Dies System denken wir uns in seinen
    mechanischen Charakteren ähnlich wie die Wahrnehmungssysteme
    W, also erregbar durch Qualitäten, und unfähig die Spur von Ver-
    änderungen zu bewahren, also ohne Gedächtnis. Der psychische
    Apparat, der mit dem Sinnesorgan der W-Systeme der Aussenwelt
    zugekehrt ist, ist selbst Aussenwelt für das Sinnesorgan des Bw,
    dessen teleologische Rechtfertigung in diesem Verhältnisse ruht.
    Das Princip des Instanzenzuges, welches den Bau des Apparates zu
    beherrschen scheint, tritt uns hier nochmals entgegen. Das Material
    an Erregungen fliesst dem Bw-Sinnesorgan von zwei Seiten her zu,
    von dem W-System her, dessen durch Qualitäten bedingte Erregung
    wahrscheinlich eine neue Verarbeitung durchnacht, bis sie zur
    bewussten Empfindung wird, und aus dem Innern des Apparates
    selbst, dessen quantitative Vorgänge als Qualitätenreihe der Lust
    und Unlust empfunden werden, wenn sie bei gewissen Veränderungen
    angelangt sind.

    Die Philosophen, welche inne wurden, dass correcte und hoch
    zusammengesetzte Gedankenbildungen auch ohne Dazuthun des
    Bewusstseins möglich sind, haben es dann als Schwierigkeit erfunden,
    dem Bewusstsein eine Verrichtung zuzuschreiben; es erschien ihnen
    als überflüssige Spiegelung des vollendeten psychischen Vorganges.
    Die Analogie unseres Bw-Systemes mit den Wahrnehmungssystemen
    entreisst uns dieser Verlegenheit. Wir sehen, dass die Wahrnehmung
    durch unsere Sinnesorgane die Folge hat, eine Aufmerksamkeits-
    besetzung auf die Wege zu leiten, nach denen die ankommende
    Sinneserregung sich verbreitet; die qualitative Erregung des
    W-Systems dient der mobilen Quantität im psychischen Apparat als
    Regulator ihres Ablaufes. Dieselbe Verrichtung können wir für das
    überlagernde Sinnesorgan des Bw-Systemes in Anspruch nehmen.
    Indem es neue Qualitäten wahrnimmt, leistet es einen neuen Beitrag
    zur Lenkung und zweckmässigen Vertheilung der mobilen Besetzungs-
    quantitäten. Mittelst der Lust- und Unlustwahrnehmung beeinflusst
    es den Verlauf der Besetzungen innerhalb des sonst unbewusst und
    durch Quantitätsverschiebungen arbeitenden psychischen Apparates.
    Es ist wahrscheinlich, dass das Unlustprincip die Verschiebungen
    der Besetzung zunächst automatisch regelt; aber es ist sehr wohl

  • S.

    368

    möglich, dass das Bewusstsein dieser Qualitäten eine zweite und
    feinere Regulirung hinzuthut, die sich sogar der ersteren widersetzen
    kann und die Leistungsfähigkeit des Apparats vervollkommnet, indem
    sie ihn gegen seine ursprüngliche Anlage in den Stand setzt, auch
    was mit Unlustentbindung verknüpft ist, der Besetzung und Bearbei-
    tung zu unterziehen. Aus der Neurosenpsychologie erfährt man, dass
    diesen Regulirungen durch die Qualitätserregung der Sinnesorgane
    eine grosse Rolle bei der Functionsthätigkeit des Apparats zugedacht
    ist. Die automatische Herrschaft des primären Unlustprincips und die
    damit verbundene Einschränkung der Leistungsfähigkeit wird durch
    die sensibeln Regulirungen, die selbst wieder Automatismen sind,
    gebrochen. Man erfährt, dass die Verdrängung, die, ursprünglich
    zweckmässig, doch in schädlichen Verzicht auf Hemmung und seelische
    Beherrschung ausläuft, sich soviel leichter an Erinnerungen als an
    Wahrnehmungen vollzieht, weil bei ersteren der Besetzungszuwachs
    durch die Erregung der psychischen Sinnesorgane ausbleiben muss.
    Wenn ein abzuwehrender Gedanke einerseits nicht bewusst wird,
    weil er der Verdrängung unterlegen ist, so kann er andere Male
    nur darum verdrängt werden, weil er aus anderen Gründen der
    Bewusstseinswahrnehmung entzogen wurde. Es sind das Winke,
    deren sich die Therapie bedient, um vollzogene Verdrängungen
    rückgängig zu machen.

    Der Werth der Ueberbesetzung, welche durch den regulirenden
    Einfluss des Bw-Sinnesorgans auf die mobile Quantität hergestellt
    wird, ist im teleologischen Zusammenhang durch nichts besser dar-
    gethan, als durch die Schöpfung einer neuen Qualitätenreihe und
    somit einer neuen Regulirung, welche das Vorrecht des Menschen
    vor den Thieren ausmacht. Die Denkvorgänge sind nämlich an sich
    qualitätslos bis auf die sie begleitenden Lust und Unlusterregungen,
    die ja als mögliche Störung des Denkens in Schranken gehalten
    werden sollen. Um ihnen eine Qualität zu verleihen, werden sie
    beim Menschen mit den Worterinnerungen associirt, deren Qualitäts-
    reste genügen, um die Aufmerksamkeit des Bewusstseins auf sich zu
    ziehen und von ihm aus dem Denken eine neue mobile Besetzung
    zuzuwenden.

    Die ganze Mannigfaltigkeit der Bewusstseinsprobleme lässt sich
    erst bei der Zergliederung der hysterischen Denkvorgänge über-
    sehen. Man empfängt dann den Eindruck, dass auch der Ueber-
    gang vom Vorbewussten zur Bewusstseinsbesetzung mit einer Censur
    verknüpft ist, ähnlich der Censur zwischen Ubw und Vbw. Auch
    diese Censur setzt erst bei einer gewissen quantitativen Grenze ein,
    so dass ihr wenig intensive Gedankenbildungen entgehen. Alle
    möglichen Fälle der Abhaltung von dem Bewusstsein, sowie des Durch-
    dringens zu demselben unter Einschränkungen, finden sich im
    Rahmen der psychoneurotischen Phänomene vereinigt; sämmtlich
    weisen sie auf den innigen und zweiseitigen Zusammenhang zwischen

  • S.

    369

    Censur und Bewusstsein hin. Mit der Mittheilung zweier derartiger
    Vorkommnisse will ich diese psychologischen Erörterungen beschliessen.
    Ein Consilium im Vorjahre führt mich zu einem intelligent
    und unbefangen blickenden Mädchen. Ihr Aufzug ist befremdend; wo
    doch sonst die Kleidung des Weibes bis in die letzte Falte beseelt
    ist, trägt sie einen Strumpf herabhängend und zwei Knöpfe der
    Blouse offen. Sie klagt über Schmerzen in einem Bein und entblösst
    unaufgefordert eine Wade. Ihre Hauptklage aber lautet wörtlich:
    Sie hat ein Gefühl im Leib, als ob etwas darin stecken
    würde, was sich hin und her bewegt und sie durch und
    durch erschüttert. Manchmal wird ihr dabei der ganze
    Leib wie steif. Mein mitanwesender College sieht mich dabei
    an; er findet die Klage nicht missverständlich. Merkwürdig erscheint
    uns Beiden, dass die Mutter der Kranken sich dabei nichts denkt;
    sie muss sich ja wiederholt in der Situation befunden haben, welche
    ihr Kind beschreibt. Das Mädchen selbst hat keine Ahnung von
    dem Belang ihrer Rede, sonst würde sie dieselbe nicht im Munde
    führen. Hier ist es gelungen, die Censur so abzublenden, dass eine
    sonst im Vorbewusstsein verbleibende Phantasie wie harmlos in der
    Maske einer Klage zum Bewusstsein zugelassen wird.

    Ein anderes Beispiel. Ich beginne eine psychoanalytische Be-
    handlung mit einem 14jährigen Knaben, der an Tic convulsif, hyste-
    rischem Erbrechen, Kopfschmerz u. dgl. leidet, indem ich ihm ver-
    sichere, er werde nach dem Augenschluss Bilder sehen oder Einfälle
    bekommen, die er mir mittheilen soll. Er antwortet in Bildern.
    Der letzte Eindruck, ehe er zu mir gekommen ist, lebt in seiner
    Erinnerung visuell auf. Er hatte mit seinem Onkel ein Brettspiel
    gespielt und sieht jetzt das Brett vor sich. Er erörtert verschiedene
    Stellungen, die günstig sind oder ungünstig, Züge, die man nicht
    machen darf. Dann sieht er auf dem Brett einen Dolch liegen,
    einen Gegenstand, den sein Vater besitzt, den aber seine Phantasie
    auf das Brett verlegt. Dann liegt eine Sichel auf dem Brett; dann
    kommt eine Sense hinzu, und jetzt tritt das Bild eines alten Bauern
    auf, der das Gras vor dem entfernten heimathlichen Hause mit der
    Sense mäht. Nach wenigen Tagen habe ich das Verständniss für
    diese Aneinanderreihung von Bildern gewonnen. Unerfreuliche
    Familienverhältnisse haben den Knaben in Aufregung gebracht. Ein
    harter, jähzorniger Vater, der mit der Mutter im Unfrieden lebte,
    dessen Erziehungsmittel Drohungen waren; die Scheidung des Vaters
    von der weichen und zärtlichen Mutter; die Wiederverheirathung
    des Vaters, der eines Tages eine junge Frau als die neue Mama
    nach Hause brachte. In den ersten Tagen nachher brach die Krank-
    heit des 14jährigen Knaben aus. Es ist die unterdrückte Wuth
    gegen den Vater, die jene Bilder zu verständlichen Anspielungen
    zusammengesetzt hat. Eine Reminiscenz aus der Mythologie hat das
    Material gegeben. Die Sichel ist die, mit der Zeus den Vater ent-
     

  • S.

    370

    mannte, die Sense und das Bild des Bauern schildern den Kronos,
    den gewaltthätigen Alten, der seine Kinder frißt, und an dem Zeus
    so unkindlich Rache nimmt. Die Heirath des Vaters war eine Ge-
    legenheit, ihm die Vorwürfe und Drohungen zurückzugeben, die das
    Kind früher einmal von ihm gehört hatte, weil es mit den Genitalien
    spielte (das Brettspiel); die verbotenen Züge; der Dolch, mit dem
    man umbringen kann). Hier sind es lang verdrängte Erinnerungen
    und deren unbewußt gebliebene Abkömmlinge, die auf dem ihnen
    eröffneten Umwege sich als scheinbar sinnlose Bilder in’s
    Bewußtsein schleichen.

    So würde ich also den theoretischen Werth der Beschäftigung
    mit dem Traum in den Beiträgen zur psychologischen Erkenntnis
    und in der Vorbereitung für das Verständnis der Psychoneurosen
    suchen. Wer vermag zu ahnen, zu welcher Bedeutung sich eine
    gründliche Bekanntschaft mit dem Bau und den Leistungen des
    Seelenapparates noch erheben kann, wenn schon der heutige Stand
    unseres Wissens eine glückliche therapeutische Beeinflussung der an
    sich heilbaren Formen von Psychoneurosen gestattet? Und der prak-
    tische Werth dieser Beschäftigung, höre ich fragen, für die Seelen-
    kenntnis, die Aufdeckung der verborgenen Charaktereigenschaften
    der Einzelnen? Haben denn die unbewussten Regungen, die der
    Traum offenbart, nicht den Werth von realen Mächten im Seelen-
    leben? Ist die ethische Bedeutung der unterdrückten Wünsche
    gering anzuschlagen, die, wie sie Träume schaffen, eines Tages An-
    denen schaffen können?

    Ich fühle mich nicht berechtigt, auf diese Fragen zu ant-
    worten. Meine Gedanken haben diese Seite des Traumproblems
    nicht weiter verfolgt. Ich meine nur, jedenfalls hatte der römische
    Kaiser Unrecht, welcher einen Unterthanen hinrichten liess, weil
    dieser geträumt hatte, dass er den Imperator ermordet. Er hätte
    sich zuerst darum bekümmern sollen, was dieser Traum bedeutete;
    sehr wahrscheinlich war es nicht dasselbe, was er zur Schau trug. Und
    selbst, wenn ein Traum, der anders lautete, diese majestätsverbreche-
    rische Bedeutung hätte, wäre es noch am Platze, des Wortes von Plato
    zu gedenken, dass der Tugendhafte sich bemügt, von dem zu
    träumen, was der Böse im Leben thut. Ich meine also, am besten
    gibt man die Träume frei. Ob den unbewussten Wünschen Realität
    zuzuerkennen ist, kann ich nicht sagen. Allen Uebergangs- und
    Zwischengedanken ist sie natürlich abzusprechen. Hat man die un-
    bewussten Wünsche, auf ihren letzten und wahrsten Ausdruck ge-
    bracht, vor sich, so muss man sich wohl erinnern, dass auch dem
    psychisch Realen mehr als nur eine Existenzform zukommt. Für
    das praktische Bedürfnis der Charakterbeurtheilung des Menschen
    genügt zumeist die That und die bewusst sich äussernde Gesinnung.
    Die That vor Allem verdient in die erste Reihe gestellt zu werden,
    denn viele zum Bewusstsein durchgedrungene Impulse werden noch

  • S.

    371

    durch reale Mächte des Seelenlebens vor ihrem Einmünden in die
    That aufgehoben; ja, sie begegnen oft darum keinem psychischen
    Hindernis auf ihrem Wege, weil das Unbewusste ihrer anderweitigen
    Verhinderung sicher ist. Es bleibt auf alle Fälle lehrreich, den viel
    durchwühlten Boden kennen zu lernen, auf dem unsere Tugenden
    sich stolz erheben. Die nach allen Richtungen hin dynamisch be-
    wegte Complication eines menschlichen Charakters fügt sich höchst
    selten der Erledigung durch eine einfache Alternative, wie unsere
    überjährte Morallehre es möchte.

    Und der Werth des Traumes für die Kenntnis der Zukunft?
    Daran ist natürlich nicht zu denken. Man möchte dafür einsetzen:
    Für die Kenntnis der Vergangenheit. Denn aus der Vergangenheit
    stammt der Traum in jedem Sinne. Zwar entbehrt auch der alte
    Glaube, dass der Traum uns die Zukunft zeigt, nicht völlig des
    Gehalts an Wahrheit. Indem uns der Traum einen Wunsch als
    erfüllt vorstellt, führt er uns allerdings in die Zukunft; aber diese
    vom Träumer für gegenwärtig genommene Zukunft ist durch den
    unzerstörbaren Wunsch zum Ebenbild jener Vergangenheit gestaltet.