S.
VII.
Zur Psychologie der Traumvorgänge.
Unter den Träumen, die ich durch Mittheilung von Seiten
Anderer erfahren habe, befindet sich einer, der jetzt einen ganz
besonderen Anspruch auf unsere Beachtung erhebt. Er ist mir von
einer Patientin erzählt worden, die ihn selbst in einer Vorlesung über
den Traum kennen gelernt hat; seine eigentliche Quelle ist mir
unbekannt geblieben. Jener Dame aber hat er durch seinen Inhalt
Eindruck gemacht, denn sie hat es nicht versäumt, ihn „nachzu-
träumen“, d. h. Elemente des Traumes in einem eigenen Traum zu
wiederholen, um durch diese Uebertragung eine Uebereinstimmung
in einem bestimmten Punkte auszudrücken.Die Vorbedingungen dieses vorbildlichen Traumes sind folgende:
Ein Vater hat Tage und Nächte lang am Krankenbette seines Kindes
gewacht. Nachdem das Kind gestorben, begiebt er sich in einem
Nebenzimmer zur Ruhe, lässt aber die Thüre geöffnet, um aus seinem
Schlafraum in jenen zu blicken, worin die Leiche des Kindes auf-
gebahrt liegt, von grossen Kerzen umstellt. Ein alter Mann ist zur
Wache bestellt worden und sitzt neben der Leiche, Gebete murmelnd.
Nach einigen Stunden Schlafes träumt der Vater, dass das Kind
an seinem Bette steht, ihn am Arme fasst und ihm vor-
wurfsvoll zuruft: Vater, siehst Du denn nicht, dass
ich verbrenne? Er erwacht, merkt einen hellen Lichtschein, der
aus dem Leichenzimmer kommt, eilt hin, findet den greisen Wächter
eingeschlummert, die Hüllen und einen Arm der theuren Leiche ver-
brannt durch eine Kerze, die brennend auf sie gefallen war.Die Erklärung dieses rührenden Traumes ist einfach genug und
wurde auch von dem Vortragenden, wie meine Patientin erzählt,
richtig gegeben. Der helle Lichtschein drang durch die offen stehende
Thüre in’s Auge des Schlafenden und regte denselben Schluss bei
ihm an, den er als Wachender gezogen hätte, es sei durch Umfallen
einer Kerze ein Brand in der Nähe der Leiche entstanden. Vielleicht
hatte selbst der Vater die Besorgnis mit in den Schlaf hinüber-S.
298
genommen, dass der greise Wächter seiner Aufgabe nicht gewachsen
sein dürfte.Auch wir fänden an dieser Deutung nichts zu verändern, es
sei denn, dass wir die Forderung hinzufügten, der Inhalt des Traumes
müsse überdeterminiert, und die Rede des Kindes aus Reden zusammen-
gesetzt sein, die es im Leben wirklich geführt, und die an dem Vater
wichtige Ereignisse anknüpfen. Etwa die Klage: Ich verbrenne, an
das Fieber, in dem das Kind gestorben, und die Worte: Vater, siehst
Du denn nicht? an eine andere uns unbekannte, aber affectreiche
Gelegenheit.Nachdem wir aber den Traum als einen sinnvollen, in den Zu-
sammenhang des psychischen Geschehens einfügbaren Vorgang
erkannt haben, werden wir uns verwundern dürfen, dass unter
solchen Verhältnissen überhaupt ein Traum zu Stande kam, wo das
rascheste Erwachen geboten war. Wir werden dann aufmerksam,
dass auch dieser Traum einer Wunscherfüllung nicht entbehrt. Im
Traum benimmt sich das todte Kind wie ein lebendes, es mahnt
selbst den Vater, kommt an sein Bett und zieht ihn am Arm, wie
es wahrscheinlich in jener Erinnerung that, aus welcher der
Traum das erste Stück der Rede des Kindes geholt hat. Dieser
Wunscherfüllung zu Liebe hat der Vater nun seinen Schlaf um einen
Moment verlängert. Der Traum erhielt das Vorrecht vor der Ueber-
legung im Wachen, weil er das Kind noch einmal lebend zeigen
konnte. Wäre der Vater zuerst erwacht und hätte dann den Schluss
gezogen, der ihn in's Leichenzimmer führte, so hätte er gleichsam
das Leben des Kindes um diesen einen Moment verkürzt.Es kann kein Zweifel darüber sein, durch welche Eigenthüm-
lichkeit dieser kleine Traum unser Interesse fesselt. Wir haben uns
bisher vorwiegend darum gekümmert, worin der geheime Sinn der
Träume besteht, auf welchem Weg derselbe gefunden wird, und
welcher Mittel sich die Traumarbeit bedient hat, ihn zu verbergen.
Die Aufgaben der Traumdeutung standen bis jetzt im Mittelpunkte
unseres Blickfeldes. Und nun stossen wir auf diesen Traum, welcher
der Deutung keine Aufgabe stellt, dessen Sinn unverhüllt gegeben
ist, und werden aufmerksam, dass dieser Traum noch immer die
wesentlichen Charaktere bewahrt, durch die ein Traum auffällig von
unserem wachen Denken abweicht und unser Bedürfnis nach Er-
klärung rege macht. Nach der Beseitigung alles dessen, was die
Deutungsarbeit angeht, können wir erst merken, wie unvollständig
unsere Psychologie des Traumes geblieben ist.Ehe wir aber mit unseren Gedanken diesen neuen Weg ein-
schlagen, wollen wir Halt machen und zurückschauen, ob wir auf
unserer Wanderung bis hieher nichts Wichtiges unbeachtet gelassen
haben. Denn wir müssen uns klar darüber werden, dass die bequeme
und behagliche Strecke unseres Weges hinter uns liegt. Bisher haben
alle Wege, die wir gegangen sind, wenn ich nicht sehr irre, in'sS.
299
Lichte, zur Aufklärung und zum vollen Verständnis geführt; von
dem Moment an, da wir in die seelischen Vorgänge beim Träumen
tiefer eindringen wollen, werden alle Pfade in’s Dunkel münden.
Wir können es unmöglich dahin bringen, den Traum als psychischen
Vorgang aufzuklären, denn erklären heisst auf Bekanntes zurück-
führen, und es gibt derzeit keine psychologische Kenntnis, der wir
unterordnen könnten, was sich aus der psychologischen Prüfung der
Träume als Erklärungsgrund erschliessen lässt. Wir werden im
Gegentheile genöthigt sein, eine Reihe von neuen Annahmen aufzu-
stellen, die den Bau des seelischen Apparates und das Spiel der in
ihm thätigen Kräfte mit Vermuthungen streifen, und die wir bedacht
sein müssen, nicht zu weit über die erste logische Angliederung aus-
zuspinnen, weil sonst ihr Werth sich in Unbestimmbare verläuft.
Selbst wenn wir keinen Fehler im Schliessen begehen und alle logisch
sich ergebenden Möglichkeiten in Rechnung ziehen, droht uns die
wahrscheinliche Unvollständigkeit im Ansatz der Elemente mit dem
völligen Fehlschlagen der Rechnung. Einen Aufschluss über die
Construction und Arbeitsweise des Seeleninstrumentes wird man durch
die sorgfältigste Untersuchung des Traumes oder einer anderen ver-
einzelten Leistung nicht gewinnen oder wenigstens nicht begründen
können, sondern wird zu diesem Zwecke zusammentragen müssen,
was sich bei dem vergleichenden Studium einer ganzen Reihe von
psychischen Leistungen als constant erforderlich herausstellt. So
werden die psychologischen Annahmen, die wir aus der Analyse der
Traumvorgänge schöpfen, gleichsam an einer Haltestelle warten
müssen, bis sie den Anschluss an die Ergebnisse anderer Unter-
suchungen gefunden haben, die von einem anderen Angriffspunkte
her zum Kern des nämlichen Problems vordringen wollen.a) Das Vergessen der Träume.
Ich meine also, wir wenden uns vorher zu einem Thema, aus
dem sich ein bisher unbeachteter Einwand ableitet, der doch geeignet
ist, unseren Bemühungen um die Traumdeutung den Boden zu ent-
ziehen. Es ist uns von mehr als einer Seite vorgehalten worden,
dass wir den Traum, den wir deuten wollen, eigentlich gar nicht
kennen, richtiger, dass wir keine Gewähr dafür haben, ihn so zu
kennen, wie er wirklich vorgefallen ist (vgl. Seite 31). Was wir vom
Traum erinnern, und woran wir unsere Deutungskünste üben, das
ist erstens verstümmelt durch die Untreue unseres Gedächtnisses, welches
in ganz besonders hohem Grade zur Bewahrung des Traumes unfähig
scheint, und hat vielleicht gerade die bedeutsamsten Stücke seines
Inhaltes eingebüsst. Wir finden uns ja so oft, wenn wir unseren
Träumen Aufmerksamkeit schenken wollen, zur Klage veranlasst,
dass wir viel mehr geträumt haben und leider davon nichts mehr
wissen als dies eine Bruchstück, dessen Erinnerung selbst uns eigen-S.
300
thümlich unsicher vorkommt. Zweitens aber spricht alles dafür, dass
unsere Erinnerung den Traum nicht nur lückenhaft, sondern auch
ungetreu und verfälscht wiedergibt. So wie man einerseits daran
zweifeln kann, ob das Geträumte wirklich so unzusammenhängend
und verschwommen war, wie wir’s im Gedächtnis haben, so lässt
sich andererseits in Zweifel ziehen, ob ein Traum so zusammen-
hängend gewesen ist, wie wir ihn erzählen, ob wir bei dem Versuch
der Reproduction nicht vorhandene oder durch Vergessen geschaffene
Lücken mit willkürlich gewähltem neuen Materiale ausfüllen, den
Traum ausschmücken, abrunden, zurichten, so dass jedes Urtheil
unmöglich wird, was der wirkliche Inhalt unseres Traumes war. Ja
bei einem Autor (Spitta64)) haben wir die Muthmassung gefunden,
dass alles, was Ordnung und Zusammenhang ist, überhaupt erst bei
dem Versuch, sich den Traum zurückzurufen, in ihn hineingetragen
wird. So sind wir in Gefahr, dass man uns den Gegenstand selbst
aus der Hand winde, dessen Werth zu bestimmen wir unter-
nommen haben.Wir haben bei unseren Traumdeutungen bisher diese Warnun-
gen überhört. Ja wir haben im Gegentheil in den kleinsten,
unscheinbarsten und unsichersten Inhaltsbestandtheilen des Traumes
die Aufforderung zur Deutung nicht minder vernehmlich gefunden,
als in dessen deutlich und sicher erhaltenen. Im Traum von Irma’s
Injection hiess es: Ich rufe schnell den Doctor M. herbei, und wir
nahmen an, auch dieser kleine Zusatz wäre nicht in den Traum
gelangt, wenn er nicht eine besondere Ableitung zuliesse. So kamen
wir zur Geschichte jener unglücklichen Patientin, an deren Bett ich
„schnell“ den älteren Collegen berief. In dem scheinbar absurden
Traum, der den Unterschied von 51 und 56 als quantité négligeable
behandelt, war die Zahl 51 mehrmal erwähnt. Anstatt dies selbst-
verständlich oder gleichgültig zu finden, haben wir daraus auf einen
zweiten Gedankengang in dem latenten Trauminhalt geschlossen, der
zur Zahl 51 hinführt, und die Spur, die wir weiter verfolgten, führte
uns zu Befürchtungen, welche 51 Jahre als Lebensgrenze hinstellen,
im schärfsten Gegensatz zu einem dominirenden Gedankenzug, der
prahlerisch mit den Lebensjahren um sich wirft. In dem Traume
„Non vixit“ fand sich als unscheinbares Einschiebsel, das ich anfangs
übersah, die Stell: „Da P. ihn nicht versteht, fragt mich
Fl. etc.“ Als dann die Deutung stockte, griff ich auf diese Worte
zurück, und fand von ihnen aus den Weg zu der Kinderphantasie,
die in den Traumgedanken als intermediärer Knotenpunkt auftritt.
Es geschah dies mittelst der Zeilen des Dichters:Selten habt Ihr mich verstanden,
Selten auch verstand ich Euch,
Nur wenn wir im Koth uns fanden,
So verstanden wir uns gleich!S.
301
Jede Analyse könnte mit Beispielen belegen, wie gerade die
geringfügigsten Züge des Traumes zur Deutung unentbehrlich sind,
und wie die Erledigung der Aufgabe verzögert wird, indem sich die
Aufmerksamkeit solchen erst spät zuwendet. Die gleiche Würdigung
haben wir bei der Traumdeutung jeder Nuance des sprachlichen
Ausdruckes geschenkt, in welchem der Traum uns vorlag; ja, wenn
uns ein unsinniger oder unzureichender Wortlaut vorgelegt wurde,
als ob es der Anstrengung nicht gelungen wäre, den Traum in die
richtige Fassung zu übersetzen, haben wir auch diese Mängel des
Ausdruckes respectirt. Kurz, was nach der Meinung der Autoren
eine willkürliche, in der Verlegenheit eilig zusammengebraute Impro-
visation sein soll, das haben wir behandelt wie einen heiligen Text.
Dieser Widerspruch bedarf der Aufklärung.Sie lautet zu unseren Gunsten, ohne darum den Autoren
Unrecht zu geben. Vom Standpunkte unserer neu gewonnenen Ein-
sichten über die Entstellung des Traumes vereinigen sich die Wider-
sprüche ohne Rest. Es ist richtig, dass wir den Traum beim Versuch
der Reproduction entstellen; wir finden darin wieder, was wir als
die secundäre und oft mißverständliche Bearbeitung des Traumes
durch die Instanz des normalen Denkens bezeichnet haben. Aber
diese Entstellung ist selbst nichts anderes als ein Stück der Bear-
beitung, welcher die Traumgedanken gesetzmässig in Folge der
Traumcensur unterliegen. Die Autoren haben hier das manifest
arbeitende Stück der Traumentstellung geahnt oder bemerkt; uns
verschlägt es wenig, da wir wissen, dass eine weit ausgiebigere Ent-
stellungsarbeit, minder leicht fassbar, den Traum bereits von den ver-
borgenen Traumgedanken her zum Object erkoren hat. Die Autoren
irren nur darin, dass sie die Modification des Traumes bei seinem
Erinnern und In-Worte-Fassen für willkürlich, also für nicht weiter
auflösbar und demnach, für geeignet halten, uns an der Erkenntnis
des Traumes irre zu leiten. Sie unterschätzen die Determinirung
im Psychischen. Es gibt da nichts Willkürliches. Es lässt sich
ganz allgemein zeigen, dass ein zweiter Gedankenzug sofort die Be-
stimmung des Elementes übernimmt, welches vom ersten unbestimmt
gelassen wurde. Ich will mir z. B. ganz willkürlich eine Zahl ein-
fallen lassen; es ist nicht möglich; die Zahl, die mir einfällt, ist durch
Gedanken in mir, die meinem momentanen Vorsatz ferne stehen
mögen, eindeutig und nothwendig bestimmt. Ebenso wenig willkürlich
sind die Veränderungen, die der Traum bei der Redaction des
Wachens erfährt. Sie bleiben in associativer Verknüpfung mit dem
Inhalt, an dessen Stelle sie sich setzen, und dienen dazu, uns den
Weg zu diesem Inhalt zu zeigen, der selbst wieder der Ersatz eines
anderen sein mag.Ich pflege bei den Traumanalysen mit Patienten folgende Probe
auf diese Behauptung nie ohne Erfolg anzustellen. Wenn mir der
Bericht eines Traumes zuerst schwer verständlich erscheint, so bitteS.
302
VII. Psychologie der Traumvorgänge.
ich den Erzähler, ihn zu wiederholen. Das geschieht dann selten
mit den nämlichen Worten. Die Stellen aber, an denen er den
Ausdruck verändert hat, die sind mir als die schwachen Stellen der
Traumverkleidung kenntlich gemacht worden, die dienen mir wie
Hagen das gestickte Zeichen an Sigfrieds Gewand. Dort kann
die Traumdeutung ansetzen. Der Erzähler ist durch meine Auf-
forderung gewarnt worden, dass ich besondere Mühe zur Lösung
des Traumes anzuwenden gedenke; er schützt also rasch, unter dem
Drange des Widerstandes, die schwachen Stellen der Traumver-
kleidung, indem er einen verrätherischen Ausdruck durch einen
ferner abliegenden ersetzt. Er macht mich so auf den von ihm
fallen gelassenen Ausdruck aufmerksam. Aus der Mühe, mit der die
Traumlösung vertheidigt wird, darf ich auch auf die Sorgfalt
schliessen, die dem Traum sein Gewand gewebt hat.Minder Recht haben die Autoren, wenn sie dem Zweifel, mit
dem unser Urtheil der Traumerzählung begegnet, so sehr viel Raum
machen. Dieser Zweifel entbehrt nämlich einer intellectuellen
Gewähr; unser Gedächtnis kennt überhaupt keine Garantien, und
doch unterliegen wir viel öfter, als objectiv gerechtfertigt ist, dem
Zwange, seinen Angaben Glauben zu schenken. Der Zweifel an der
richtigen Wiedergabe des Traumes oder einzelner Traumdaten ist
wieder nur ein Abkömmling der Traumcensur, des Widerstandes
gegen das Durchdringen der Traumgedanken zum Bewusstsein.
Dieser Widerstand hat sich mit den von ihm durchgesetzten Ver-
schiebungen und Ersetzungen nicht immer erschöpft, er heftet sich
dann noch an das Durchgelassene als Zweifel. Wir verkennen diesen
Zweifel um so leichter, als er die Vorsicht gebraucht, niemals insen-
sitive Elemente des Traumes anzugreifen, sondern blos schwache und
undeutliche. Wir wissen aber jetzt bereits, dass zwischen Traum-
gedanken und Traum eine völlige Umwerthung aller psychischen
Werthe stattgefunden hat; die Entstellung war nur möglich durch
Werthentziehung, sie äussert sich regelmässig darin und begnügt
sich gelegentlich damit. Wenn zu einem undeutlichen Element des
Trauminhaltes noch der Zweifel hinzutritt, so können wir dem
Fingerzeige folgend in diesem einen directeren Abkömmling eines
der vervehmten Traumgedanken erkennen. Es ist damit, wie nach
einer grossen Umwälzung in einer der Republiken des Alterthums
oder der Renaissance. Die früher herrschenden edlen und mächtigen
Familien sind nun verbannt, alle hohen Stellungen mit Empor-
kömmlingen besetzt; in der Stadt geduldet sind nur noch ganz
verarmte und machtlose Mitglieder oder entfernte Anhänger der
Gestürzten. Aber auch diese geniessen nicht die vollen Bürgerrechte,
sie werden misstrauisch überwacht. An der Stelle des Misstrauens
im Beispiel steht in unserem Falle der Zweifel. Ich verlange darum
bei der Analyse eines Traumes, dass man sich von der ganzen
Scala der Sicherheitsschätzung frei mache, die leiseste Möglichkeit,S.
303
dass etwas der oder jener Art im Traum vorgekommen sei, behandle
wie die volle Gewissheit. So lange jemand bei der Verfolgung
eines Traumelementes sich nicht zum Verzicht auf diese Rücksicht
entschlossen, so lange stockt hier die Analyse. Die Geringschätzung
für das betreffende Element hat bei dem Analysierten die psychische
Wirkung, dass ihm von den ungewollten Vorstellungen hinter dem
selben nichts einfallen will. Solche Wirkung ist eigentlich nicht
selbstverständlich; es wäre nicht widersinnig, wenn jemand sagte:
Ob dies oder jenes im Traume enthalten war, weiss ich nicht sicher;
es fällt mir aber dabei folgendes ein. Niemals sagt er so, und gerade
diese die Analyse störende Wirkung des Zweifels lässt ihn als einen
Abkömmling und als ein Werkzeug des psychischen Widerstandes
entlarven. Die Psychoanalyse ist mit Recht misstrauisch. Eine
ihrer Regeln lautet: Was immer die Fortsetzung der Arbeit
stört, ist ein Widerstand.Auch das Vergessen der Träume bleibt so lange unergründlich,
als man nicht die Macht der psychischen Censur zu seiner Erklärung
mit heranzieht. Die Empfindung, dass man in einer Nacht sehr viel
geträumt und davon nur wenig behalten hat, mag in einer Reihe
von Fällen einen anderen Sinn haben, etwa den, dass die Traumarbeit
die Nacht hindurch spürbar vor sich gegangen ist und nur den
einen kurzen Traum hinterlassen hat. Sonst ist an der Thatsache,
dass man den Traum nach dem Erwachen immer mehr vergisst, ein
Zweifel nicht möglich. Man vergisst ihn oft trotz peinlicher Be-
mühungen ihn zu merken. Ich meine aber, so wie man in der
Regel den Umfang dieses Vergessens überschätzt, so überschätzt man
auch die mit der Lückenhaftigkeit des Traumes verbundene Einbusse
an seiner Kenntnis. Alles, was das Vergessen am Trauminhalt
gekostet hat, kann man oft durch die Analyse wieder hereinbringen;
wenigstens in einer ganzen Anzahl von Fällen kann man von einem
einzelnen stehen gebliebenen Brocken aus, zwar nicht den Traum –
aber an dem liegt ja auch nichts – doch die Traumgedanken alle
auffinden. Es verlangt einen grösseren Aufwand an Aufmerksamkeit
und Selbstüberwindung bei der Analyse; das ist alles, zeigt aber doch
an, dass das Vergessen des Traumes seine feindselige Absicht nicht
verfehlt hat.Einen überzeugenden Beweis für die tendenziöse, dem Wider-
stand dienende Natur des Traumvergessens*) gewinnt man bei den
Analysen aus der Würdigung einer Vorstufe des Vergessens. Es kommt
gar nicht selten vor, dass mitten in der Deutungsarbeit plötzlich ein
ausgelassenes Stück des Traumes auftaucht, das als bisher vergessen
bezeichnet wird. Dieser der Vergessenheit entrissene Traumtheil ist
nun jedesmal der wichtigste; er liegt auf dem kürzesten Wege zur*)Vergl. über die Absicht beim Vergessen überhaupt meine kleine Abhandlung
über den „psychischen Mechanismus der Vergesslichkeit“ in der Monatsschrift für
Psychiatrie und Neurologie, 1898.S.
304
Traumlösung und war darum dem Widerstande am meisten ausgesetzt.
Unter den Traumbeispielen, die ich in den Zusammenhang dieser
Abhandlung eingestreut habe, trifft es sich einmal, dass ich so ein
Stück Trauminhalt nachträglich einzuschalten habe. Es ist dies ein
Reisetraum, der Rache nimmt an einer unliebenswürdigen Reise-
gefährtin, den ich wegen seines zum Theil grob unfläthigen Inhalts
fast ungedeutet gelassen habe. Das ausgelassene Stück lautet: Ich
sage auf ein Buch von Schiller: It is from . . . corrigire
mich aber, den Irrthum selbst bemerkend: It is by . . .
Der Mann bemerkt hierauf zu seiner Schwester: „Er hat
es ja richtig gesagt.“Die Selbstcorrectur im Traum, die manchen Autoren so wunderbar
erschienen ist, verdient wohl nicht uns zu beschäftigen. Ich werde
lieber für den Sprachirrthum im Traum das Vorbild aus meiner
Erinnerung aufzeigen. Ich war 17jährig zum ersten Mal in England
und einen Tag lang am Strande der Irish Sea. Ich schwelgte natürlich
im Fang der von der Fluth zurückgelassenen Seethiere und beschäftigte
mich gerade mit einem Seestern (der Traum beginnt mit: Hollthurn-
Holothurien), als ein reizendes kleines Mädchen zu mir trat und mich
fragte: Is it a starfish? Is it alive? Ich antwortete: Yes he is alive,
schämte mich aber dann der Incorrectheit und wiederholte den Satz
richtig. An Stelle des Sprachfehlers, den ich damals begangen habe,
setzt nun der Traum einen anderen, in den der Deutsche ebenso leicht
verfällt, „Das Buch ist von Schiller“, soll man nicht mit from, . . .
sondern mit by . . . übersetzen. Dass die Traumarbeit diesen Ersatz
vollzieht, weil from durch den Gleichklang mit dem deutschen Eigen-
schaftswort fromm eine grossartige Verdichtung ermöglicht, das
nimmt uns nach allem, was wir von den Absichten der Traumarbeit
und von ihrer Rücksichtslosigkeit in der Wahl der Mittel gehört
haben, nicht mehr Wunder. Was will aber die harmlose Erinnerung
vom Meeresstrand im Zusammenhang des Traumes besagen? Sie
erläutert an einem möglichst unschuldigen Beispiel, dass ich das
Geschlechtswort am unrechten Platz gebrauche, also das Ge-
schlechtliche (he) dort anbringe, wo es nicht hingehört. Dies
ist allerdings einer der Schlüssel zur Lösung des Traumes. Wer dann
noch die Ableitung des Buchtitels „Matter and Motion“ angehört
hat (Molière im Malade Imaginaire: La matière est-elle laudable?
— a motion of the bowels), der wird sich das Fehlende leicht
ergänzen können.Ich kann übrigens den Beweis, dass das Vergessen des Traumes
zum grossen Theil Widerstandsleistung ist, durch eine Demonstratio
ad oculos erledigen. Ein Patient erzählt, er habe geträumt, aber den
Traum spurlos vergessen; dann gilt er eben als nicht vorgefallen.
Wir setzen die Arbeit fort, ich stosse auf einen Widerstand, mache
dem Kranken etwas klar, helfe ihm durch Zureden und Drängen,
sich mit irgend einem unangenehmen Gedanken zu versöhnen, undS.
305
kaum ist das gelungen, so ruft er aus: Jetzt weiß ich auch wieder,
was ich geträumt habe. Derselbe Widerstand, der ihn an diesem
Tage in der Arbeit gestört hat, hat ihn auch den Traum vergessen
lassen. Durch die Ueberwindung dieses Widerstandes habe ich den
Traum zur Erinnerung gefördert.Ebenso kann sich der Patient, bei einer gewissen Stelle der
Arbeit angelangt, an einen Traum erinnern, der vor drei, vier oder mehr
Tagen vorgefallen ist, und bis dahin in der Vergessenheit geruht hat.Dass die Träume eben so wenig vergessen werden wie andere
seelische Acte, und dass sie auch in Bezug auf ihr Haften im Gedächt-
nis den anderen seelischen Leistungen ungeschmälert gleichzustellen sind,
zeigt mir eine Erfahrung, die ich bei der Abfassung dieses Manuscriptes
machen konnte. Ich hatte in meinen Notizen reichlich eigene Träume
aufbewahrt, die ich damals aus irgend einem Grunde nur sehr unvoll-
ständig oder auch überhaupt nicht der Deutung unterziehen konnte.
Bei einigen derselben habe ich nun ein bis zwei Jahre später den Ver-
such, sie zu deuten, unternommen, in der Absicht mir Material zur Illu-
stration meiner Behauptungen zu schaffen. Dieser Versuch gelang
mir ausnahmslos; ja ich möchte behaupten, die Deutung ging so
lange Zeit später leichter vor sich als damals, so lange die Träume
frische Erlebnisse waren, wofür ich als mögliche Erklärung angeben
möchte, dass ich seither über manche Widerstände in meinem Inneren
weggekommen bin, die mich damals störten. Ich habe bei solchen
nachträglichen Deutungen die damaligen Ergebnisse an Traum-
gedanken mit den heutigen, meist viel reichhaltigeren, verglichen
und das damalige unter dem heutigen unverändert wiedergefunden.
Ich trat meinem Erstaunen hierüber rechtzeitig in den Weg, indem
ich mich besann, dass ich ja bei meinen Patienten längst in Uebung
habe, Träume aus früheren Jahren, die sie mir gelegentlich erzählen,
deuten zu lassen, als ob es Träume aus der letzten Nacht wären,
nach demselben Verfahren und mit demselben Erfolg. Bei der
Besprechung der Angstträume werde ich zwei Beispiele von solch’
verspäteter Traumdeutung mittheilen. Als ich diesen Versuch zum
ersten Male anstellte, leitete mich die berechtigte Erwartung, dass
der Traum sich auch hier nur verhalten werde wie ein neurotisches
Symptom. Wenn ich nämlich einen Psychoneurotiker, eine Hysterie
etwa, mittelst Psychoanalyse behandle, so muss ich für die ersten,
längst überwundenen Symptome seines Leidens ebenso Aufklärung
schaffen wie für die noch heute bestehenden, die ihn zu mir geführt
haben, und finde erstere Aufgabe nur leichter zu lösen als die heute
dringende. Schon in den 1895 publicirten „Studien über Hysterie“
konnte ich die Aufklärung eines ersten hysterischen Anfalles mit-
theilen, den die mehr als 40jährige Frau in ihrem 15. Lebensjahre
gehabt hatte.In loserer Anreihung will ich hier noch einiges vorbringen,
was ich über die Deutung der Träume zu bemerken habe, und wasS.
306
vielleicht den Leser orientiren wird, der mich durch Nacharbeit an
seinen eigenen Träumen controliren will.
Es wird Niemand erwarten dürfen, dass ihm die Deutung seiner
Träume mühelos in den Schoss falle. Schon zur Wahrnehmung
endoptischer Phänomene und anderer für gewöhnlich der Aufmerk-
samkeit entzogener Sensationen bedarf es der Uebung, obwohl kein
psychisches Motiv sich gegen diese Gruppe von Wahrnehmungen sträubt.
Es ist erheblich schwieriger, der „ungewollten Vorstellungen“ habhaft zu
werden. Wer dies verlangt, wird sich mit den Erwartungen erfüllen
müssen, die in dieser Abhandlung rege gemacht werden, und wird in
Befolgung der hier gegebenen Regeln jede Kritik, jede Voreingenommen-
heit, jede affective oder intellectuelle Parteinahme, während der Arbeit
bei sich niederzuhalten bestrebt sein. Er wird der Vorschrift eingedenk
bleiben, die Claude Bernard für den Experimentator im physiolo-
gischen Laboratorium aufgestellt hat: Travailler comme une bête, d. h. so
ausdauernd, aber auch so unbekümmert um das Ergebnis. Wer diese
Rathschläge befolgt, der wird die Aufgabe allerdings nicht mehr
schwierig finden. Die Deutung eines Traumes vollzieht sich auch nicht
immer in Einem Zuge; nicht selten fühlt man seine Leistungsfähigkeit
erschöpft, wenn man einer Verkettung von Einfällen gefolgt ist, der
Traum sagt einem nichts mehr an diesem Tage; man thut dann gut,
abzubrechen und an einem nächsten zur Arbeit zurückzukehren. Dann
lenkt ein anderes Stück des Trauminhaltes die Aufmerksamkeit auf
sich, und man findet den Zugang zu einer neuen Schicht von Traum-
gedanken. Man kann das die „fractionirte“ Traumdeutung heissen.
Am schwierigsten ist der Anfänger in der Traumdeutung zur
Anerkennung der Thatsache zu bewegen, dass seine Aufgabe nicht
voll erledigt ist, wenn er eine vollständige Deutung des Traumes in
Händen hat, die sinnreich, zusammenhängend ist und über alle
Elemente des Trauminhaltes Auskunft gibt. Es kann ausserdem eine
andere, eine Ueberdeutung desselben Traumes möglich sein, die ihm
entgangen ist. Es ist wirklich nicht leicht, sich von dem Reichthum
an unbewussten, nach Ausdruck ringenden, Gedankengängen in unserem
Denken eine Vorstellung zu machen und an die Geschicklichkeit der
Traumarbeit zu glauben, durch mehrdeutige Ausdrucksweise jedesmal
gleichsam sieben Fliegen mit einem Schlage zu treffen, wie der
Schneidergeselle im Märchen. Der Leser wird immer geneigt sein,
dem Autor vorzuwerfen, dass er seinen Witz überflüssig vergeude;
wer sich selbst Erfahrung erworben hat, wird sich eines Besseren
belehrt finden.Die Frage, ob jeder Traum zur Deutung gebracht werden kann,
ist mit Nein zu beantworten. Man darf nicht vergessen, dass man
bei der Deutungsarbeit die psychischen Mächte gegen sich hat,
welche die Entstellung des Traumes verschulden. Es wird so eine
Frage des Kräfteverhältnisses, ob man mit seinem intellectuellen
Interesse, seiner Fähigkeit zur Selbstüberwindung, seinen psycholo-S.
307
gischen Kenntnissen und seiner Uebung in der Traumdeutung den
inneren Widerständen den Herren zeigen kann. Ein Stück weit ist
das immer möglich, so weit wenigstens, um die Ueberzeugung zu
gewinnen, dass der Traum eine sinnreiche Bildung ist, und meist
auch, um eine Ahnung dieses Sinnes zu gewinnen. Recht häufig ge-
stattet ein nächstfolgender Traum, die für den ersten angenommene
Deutung zu versichern und weiter zu führen. Eine ganze Reihe von
Träumen, die sich durch Wochen oder Monate zieht, ruht oft auf
gemeinsamem Boden und ist dann im Zusammenhange der Deutung
zu unterwerfen. Von auf einander folgenden Träumen kann man oft
merken, wie der eine zum Mittelpunkte nimmt, was in dem nächsten
nur in der Peripherie angedeutet wird, und umgekehrt, so dass die
beiden einander auch zur Deutung ergänzen. Dass die verschiedenen
Träume derselben Nacht ganz regelmässig von der Deutungsarbeit
wie ein Ganzes zu behandeln sind, habe ich bereits durch Beispiele
erwiesen.In den bestgedeuteten Träumen muss man oft eine Stelle im
Dunkeln lassen, weil man bei der Deutung merkt, dass dort ein
Knäuel von Traumgedanken anhebt, der sich nicht entwirren will,
aber auch zum Trauminhalt keine weiteren Beiträge geliefert hat. Dies
ist dann der Nabel des Traumes, die Stelle, an der er dem Unerkannten
aufsitzt. Die Traumgedanken, auf die man bei der Deutung geräth,
müssen ja ganz allgemein ohne Abschluss bleiben und nach allen
Seiten hin in die netzartige Verstrickung unserer Gedankenwelt aus
laufen. Aus einer dichteren Stelle dieses Geflechtes erhebt sich
dann der Traumwunsch wie der Pilz aus seinem Mycelium.Wir kehren zu den Thatsachen des Traumvergessens zurück.
Wir haben es nämlich versäumt, einen wichtigen Schluss aus ihnen
zu ziehen. Wenn das Wachleben die unverkennbare Absicht zeigt,
den Traum, der bei Nacht gebildet worden ist, zu vergessen, ent-
weder als Ganzes unmittelbar nach dem Erwachen oder stückweise
im Laufe des Tages, und wenn wir als den Hauptbetheiligten bei
diesem Vergessen den seelischen Widerstand gegen den Traum er-
kennen, der doch schon in der Nacht das Seinige gegen den Traum
gethan hat, so liegt die Frage nahe, was eigentlich gegen diesen
Widerstand die Traumbildung überhaupt ermöglicht hat. Nehmen
wir den grellsten Fall, in dem das Wachleben den Traum wieder
beseitigt, als ob er gar nicht vorgefallen wäre. Wenn wir dabei
das Spiel der psychischen Kräfte in Betracht ziehen, so müssen wir
aussagen, der Traum wäre überhaupt nicht zu Stande gekommen, wenn
der Widerstand bei Nacht gewaltet hätte wie bei Tage. Unser Schluss
ist, dass dieser während der Nachtzeit einen Theil seiner Macht
eingebüsst hatte; wir wissen, er war nicht aufgehoben, denn wir
haben seinen Antheil an der Traumbildung in der Traumstellung
nachgewiesen. Aber die Möglichkeit drängt sich uns auf, dass er
des Nachts verringert war, dass durch diese Abnahme des Wider-S.
308
standes die Traumbildung möglich wurde, und wir verstehen so leicht,
dass er, mit dem Erwachen in seine volle Kraft eingesetzt, sofort
wieder beseitigt, was er, so lange er schwach war, zulassen musste.
Die beschreibende Psychologie lehrt uns ja, dass die Hauptbedingung
der Traumbildung der Schlafzustand der Seele ist; wir könnten nun
die Erklärung hinzufügen: der Schlafzustand ermöglicht die
Traumbildung, indem er die endopsychische Censur
herabsetzt.Wir sind gewiss in Versuchung, diesen Schluss als den einzig
möglichen aus den Thatsachen des Traumvergessens anzusehen, und
weitere Folgerungen über die Energieverhältnisse des Schlafens und des
Wachens aus ihm zu entwickeln. Wir wollen aber vorläufig hierin inne-
halten. Wenn wir uns in die Psychologie des Traumes ein Stück weiter
vertieft haben, werden wir erfahren, dass man sich die Ermöglichung der
Traumbildung auch noch anders vorstellen kann. Der Widerstand
gegen das Bewusstwerden der Traumgedanken kann vielleicht auch
umgangen werden, ohne dass er an sich eine Herabsetzung erfahren
hätte. Es ist auch plausibel, dass beide der Traumbildung günstigen
Momente, die Herabsetzung sowie die Umgehung des Widerstandes,
durch den Schlafzustand gleichzeitig ermöglicht werden. Wir brechen
hier ab, um nach einer Weile hier fortzusetzen.Es gibt eine andere Reihe von Einwendungen gegen unser
Verfahren bei der Traumdeutung, um die wir uns jetzt bekümmern
müssen. Wir gehen ja so hervor, dass wir alle sonst das Nachdenken
beherrschenden Zielvorstellungen fallen lassen, unsere Aufmerksam-
keit auf ein einzelnes Traumelement richten und dann notieren, was
uns an ungewollten Gedanken zu demselben einfällt. Dann greifen
wir einen nächsten Bestandtheil des Trauminhaltes auf, wiederholen
an ihm dieselbe Arbeit und lassen uns, unbekümmert um die Richtung,
nach der die Gedanken treiben, von ihnen weiter führen, wobei wir
– wie man zu sagen pflegt – vom Hundertsten in’s Tausendste
gerathen. Dabei hegen wir die zuversichtliche Erwartung, am Ende
ganz ohne unser Dazuthun auf die Traumgedanken zu gerathen, aus
denen der Traum entstanden ist. Dagegen wird die Kritik nun etwa
Folgendes einzuwenden haben: Dass man von einem einzelnen Elemente
des Traumes irgendwohin gelangt, ist nichts Wunderbares. An jede
Vorstellung lässt sich associativ etwas knüpfen; es ist nur merk-
würdig, dass man bei diesem ziellosen und willkürlichen Gedanken-
ablauf gerade zu den Traumgedanken gerathen soll. Wahrscheinlich
ist das eine Selbsttäuschung; man folgt der Associationskette von
dem einen Elemente aus, bis man sie aus irgend einem Grunde ab-
reissen merkt; wenn man dann ein zweites Element aufnimmt, so
ist es nur natürlich, dass die ursprüngliche Unbeschränktheit der
Association jetzt eine Einengung erfährt. Man hat die frühere
Gedankenkette noch in Erinnerung und wird darum bei der Analyse
der zweiten Traumvorstellung leichter auf einzelne Einfälle stossen, dieS.
309
auch mit den Einfällen aus der ersten Kette irgend etwas gemein-
haben. Dann bildet man sich ein, einen Gedanken gefunden zu
haben, der einen Knotenpunkt zwischen zwei Traumelementen dar-
stellt. Da man sich sonst jede Freiheit der Gedankenverbindung ge-
stattet und eigentlich nur die Uebergänge von einer Vorstellung zur
anderen ausschliesst, die beim normalen Denken in Kraft treten, so
wird es schliesslich nicht schwer, aus einer Reihe von „Zwischen-
gedanken“ etwas zusammenzubrauen, was man die Traumgedanken
benennt, und ohne jede Gewähr, da diese sonst nicht bekannt sind,
für den psychischen Ersatz des Traumes ausgibt. Es ist aber alles
Willkür und witzig erscheinende Ausnützung des Zufalls dabei, und
jeder, der sich dieser unnützen Mühe unterzieht, kann zu einem
beliebigen Traume auf diesem Wege eine ihm beliebige Deutung
herausgrübeln.Wenn uns solche Einwände wirklich vorgerückt werden, so
können wir uns zur Abwehr auf den Eindruck unserer Traum-
deutungen berufen, auf die überraschenden Verbindungen mit anderen
Traumelementen, die sich während der Verfolgung der einzelnen
Vorstellungen ergeben, und auf die Unwahrscheinlichkeit, dass etwas,
was den Traum so erschöpfend deckt und aufklärt wie eine unserer
Traumdeutungen, anders gewonnen werden könne, als indem man
wohlhergestellten psychischen Verbindungen nachfährt. Wir könnten
auch zu unserer Rechtfertigung heranziehen, dass das Verfahren bei
der Traumdeutung identisch ist mit dem bei der Auflösung der
hysterischen Symptome, wo die Richtigkeit des Verfahrens durch
das Auftauchen und Schwinden der Symptome zu ihrer Stelle ge-
währleistet wird, wo also die Auslegung des Textes an den ein-
geschalteten Illustrationen einen Anhalt findet. Wir haben aber
keinen Grund, dem Problem, wieso man durch Verfolgung einer
sich willkürlich und ziellos weiter spinnenden Gedankenkette zu einem
präexistenten Ziele gelangen könne, aus dem Wege zu gehen, da
wir dieses Problem zwar nicht zu lösen, aber voll zu beseitigen
vermögen.Es ist nämlich nachweisbar unrichtig, dass wir uns einem ziel-
losen Vorstellungsablauf hingeben, wenn wir, wie bei der Traum-
deutungsarbeit, unser Nachdenken fallen und die ungewollten Vor-
stellungen auftauchen lassen. Es lässt sich zeigen, dass wir immer
nur auf die uns bekannten Zielvorstellungen verzichten können, und
dass mit dem Aufhören dieser sofort unbekannte – wie wir ungenau
sagen: unbewusste – Zielvorstellungen zur Macht kommen, die jetzt
den Ablauf der ungewollten Vorstellungen determiniert halten. Ein
Denken ohne Zielvorstellungen lässt sich durch unsere eigene Beein-
flussung unseres Seelenlebens überhaupt nicht herstellen; es ist mir
aber auch unbekannt, in welchen Zuständen psychischer Zerrüttung
es sich sonst herstellt. Die Psychiater haben hier viel zu früh auf
die Festigkeit des psychischen Gefüges verzichtet. Ich weiss, dassS.
310
ein ungeregelter, der Zielvorstellungen entbeh-
rendmer Gedankenablauf
im Rahmen der Hysterie und der Parnoia ebenso wenig vorkommt
wie bei der Bildung oder bei der Auflösung der Träume. Er tritt
vielleicht bei den endogenen psychischen Affectionen überhaupt nicht
ein; selbst die Delirien der Verworrenen sind nach einer geistreichen
Vermuthung von Leuret sinnvoll und werden nur durch Auslassun-
gen für uns unverständlich. Ich habe die nämliche Ueberzeugung
gewonnen, wo mir Gelegenheit zur Beobachtung geboten war. Die
Delirien sind das Werk einer Censur, die sich keine Mühe mehr
gibt ihr Walten zu verbergen, die anstatt ihre Mitwirkung zu einer
nicht mehr anstössigen Umarbeitung zu leihen, rücksichtslos aus-
streicht, wogegen sie Einspruch erhebt, wodurch dann das übrig-
gelassene zusammenhangslos wird. Diese Censur verfährt ganz analog
der russischen Zeitungsmcensur an der Grenze, welche ausländische
Journale nur von schwarzen Strichen durchsetzt in die Hände der
zu behütenden Leser gelangen lässt.Das freie Spiel der Vorstellungen nach beliebiger Associations-
verkettung kommt vielleicht bei destructiven organischen Gehirnpro-
cessen zum Vorschein; was bei den Psychoneurosen für solches ge-
halten wird, lässt sich allemal durch Einwirkung der Censur auf
eine Gedankenreihe aufklären, welche von verborgen gebliebenen
Zielvorstellungen in den Vordergrund geschoben wird. Als ein un-
trügliches Zeichen der von Zielvorstellungen freien Association hat
man es betrachtet, wenn die auftauchenden Vorstellungen (oder Bil-
der) unter einander durch die Bande der sogenannten oberflächlichen
Associationen verknüpft erscheinen, also durch Assonanz, Wortzwei-
deutigkeit, zeitliches Zusammentreffen ohne innere Sinnbeziehung,
durch alle die Associationen, die wir im Witz und beim Wortspiel
zu verwerthen uns gestatten. Dieses Kennzeichen trifft für die Ge-
dankenverbindungen, die uns von den Elementen des Trauminhaltes
zu den Collateralen und von diesen zu den eigentlichen Traumge-
danken führen, zu; wir haben bei vielen Traumanalysen Beispiele
davon gefunden, die unser Befremden wecken mussten. Keine An-
knüpfung war da zu locker, kein Witz zu verwerflich, als dass er
nicht die Brücke von einem Gedanken zum anderen hätte bilden
dürfen. Aber das richtige Verständnis solcher Nachsichtigkeit liegt nicht
ferne. Jedesmal, wenn ein psychisches Element mit einem
anderen durch eine anstössige und oberflächliche Asso-
ciation verbunden ist, existirt auch eine correcte und
tiefergehende Verknüpfung zwischen den beiden,
welche dem Widerstande der Censur unterliegt.Druck der Censur, nicht Aufhebung der Zielvorstellungen ist
die richtige Begründung für das Vorherrschen der oberflächlichen
Associationen. Die oberflächlichen Associationen ersetzen in der
Darstellung die tiefen, wenn die Censur diese normalen Verbin-
dungswege ungangbar macht. Es ist, wie wenn ein allgemeines Ver-
¿S.
311
kehrshindernis, z. B. eine Ueberschwemmung, im Gebirge die grossen
und breiten Strassen unwegsam werden lässt; der Verkehr wird dann
auf unbequemen und steilen Fusspfaden aufrecht erhalten, die sonst
nur der Jäger begangen hat.Man kann hier zwei Fälle von einander trennen, die im wesent-
lichen Eins sind. Entweder die Censur richtet sich nur gegen den
Zusammenhang zweier Gedanken, die von einander losgelöst, dem
Einspruch entgehen. Dann treten die beiden Gedanken nach einander
in’s Bewusstsein; ihr Zusammenhang bleibt verborgen; aber dafür
fällt uns eine oberflächliche Verknüpfung zwischen beiden ein, an
die wir sonst nicht gedacht hätten, und die in der Regel an einer
anderen Ecke des Vorstellungskomplexes ansetzt, als von welcher
die unterdrückte, aber wesentliche Verbindung ausgeht. Oder aber,
beide Gedanken unterliegen an sich wegen ihres Inhaltes der Censur;
dann erscheinen beide nicht in der richtigen, sondern in modifi-
cirter, ersetzter Form, und die beiden Ersatzgedanken sind so gewählt,
dass sie durch eine oberflächliche Association die wesentliche Ver-
bindung wiedergeben, an der die von ihnen ersetzten stehen. Unter
dem Drucke der Censur hat hier in beiden Fällen eine
Verschiebung stattgefunden von einer normalen, ernst-
haften Association auf eine oberflächliche, absurd er-
scheinende.Weil wir von diesen Verschiebungen wissen, vertrauen wir uns
bei der Traumdeutung auch den oberflächlichen Associationen ganz
ohne Bedenken an.*)Von den beiden Sätzen, dass mit dem Aufgeben der bewussten
Zielvorstellungen die Herrschaft über den Vorstellungsablauf an ver-
borgene Zielvorstellungen übergeht, und dass oberflächliche Asso-
ciationen nur ein Verschiebersatz sind für unterdrückte tiefer
gehende, macht die Psychoanalyse bei Neurosen den ausgiebigsten
Gebrauch; ja, sie erhebt die beiden Sätze zu Grundpfeilern ihrer
Technik. Wenn ich einem Patienten auftrage, alles Nachdenken
fahren zu lassen und mir zu berichten, was immer ihm dann in den
Sinn kommt, so halte ich die Voraussetzung fest, dass er die Ziel-
vorstellungen der Behandlung nicht fahren lassen kann, und halte
mich für berechtigt zu folgern, dass das scheinbar Harmloseste und
Willkürlichste, das er mir berichtet, im Zusammenhange mit seinem
Krankheitszustande steht. Eine andere Zielvorstellung, von der dem
Patienten nichts ahnt, ist die meiner Person. Die volle Würdigung,*)Dieselben Erwägungen gelten natürlich auch für den Fall, dass die ober-
flächlichen Associationen im Trauminhalt blossgelegt werden, wie z. B. in den beiden
von Maury mitgetheilten Träumen (Seite 41: pélérinage – Pelletier – pelle;
Kilometer – Kilogramm – Gilolo – Lobelia – Lopez – Lotto). Aus der Arbeit mit
Neurotikern weiss ich, welche Reminiscenz sich so darzustellen liebt. Es ist das
Nachschlagen im Conversationslexicon (Lexicon überhaupt), aus dem ja die Meisten
in der Zeit der Pubertätsneugierde ihr Bedürfnis nach Aufklärung der sexuellen
Räthsel gestillt haben.S.
312
sowie der eingehende Nachweis der beiden Aufklärungen gehört
demnach in die Darstellung der psychoanalytischen Technik als
therapeutischen Methode. Wir haben hier einen der Anschlüsse er-
reicht, bei denen wir das Thema der Traumdeutung vorsätzlich
fallen lassen.Eines nur ist richtig und bleibt von den Einwendungen be-
stehen, nämlich dass wir nicht alle Einfälle der Deutungsarbeit auch
in die nächtliche Traumarbeit zu versetzen brauchen. Wir machen
ja beim Deuten im Wachen einen Weg, der von den Traumelementen
zu den Traumgedanken rückläuft. Die Traumarbeit hat den um-
gekehrten Weg genommen und es ist gar nicht wahrscheinlich,
dass diese Wege in umgekehrter Richtung gangbar sind. Es er-
weist sich vielmehr, dass wir bei Tag über neue Gedanken-
verbindungen Schachte führen, welche die Zwischengedanken und
die Traumgedanken bald an dieser, bald an jener Stelle treffen. Wir
können sehen, wie sich das frische Gedankenmaterial des Tages in
die Deutungsreihen einschiebt, und wahrscheinlich nötigt auch die
Widerstandssteigerung, die seit der Nachtzeit eingetreten ist, zu
neuen und ferneren Umwegen. Die Zahl oder Art der Collateralen
aber, die wir so bei Tage anspinnen, ist psychologisch völlig bedeutungs-
los, wenn sie uns nur den Weg zu den gesuchten Traumgedanken
führen.b) Die Regression.
Nun aber, da wir uns gegen die Einwendungen verwahrt oder
wenigstens angezeigt haben, wo unsere Waffen zur Abwehr ruhen,
dürfen wir es nicht länger verschieben, in die psychologischen Unter-
suchungen einzutreten, für die wir uns längst gerüstet haben. Wir
stellen die Hauptergebnisse unserer bisherigen Untersuchung zu-
sammen. Der Traum ist ein vollwichtiger psychischer Act; seine Trieb-
kraft ist allemale ein zu erfüllender Wunsch; seine Unkenntlichkeit als
Wunsch und seine vielen Sonderbarkeiten und Absurditäten rühren von
dem Einfluss der psychischen Censur her, den er bei der Bildung er-
fahren hat; ausser der Nötigung, sich dieser Censur zu entziehen,
haben bei seiner Bildung mitgewirkt eine Nötigung zur Verdichtung
des psychischen Materiales, eine Rücksicht auf Darstellbarkeit in
Sinnesbildern und – wenn auch nicht regelmässig – eine Rücksicht
auf ein rationelles und intelligibles Aeusseres des Traumgebildes.
Von jedem dieser Sätze führt der Weg weiter zu psychologischen
Postulaten und Muthmassungen; die gegenseitige Beziehung des
Wunschmotives und der vier Bedingungen, sowie dieser untereinander,
ist zu untersuchen; der Traum ist in den Zusammenhang des Seelen-
lebens einzureihen.Wir haben einen Traum an die Spitze dieses Abschnittes ge-
stellt, um uns an die Räthsel zu mahnen, deren Lösung noch aus-
S.
313
steht. Die Deutung dieses Traumes vom brennen-
den Kind bereitete uns keine Schwierigkeiten, wenngleich sie nicht in unserem Sinne
vollständig gegeben war. Wir fragten uns, warum hier überhaupt
geträumt wurde, anstatt zu erwachen, und erkannten als das eine
Motiv des Träumens den Wunsch, das Kind als lebend vorzustellen.
Dass noch ein anderer Wunsch dabei eine Rolle spielt, werden wir
nach späteren Erörterungen einsehen können. Zunächst also ist es
die Wunscherfüllung, der zu Liebe der Denkvorgang des Schlafens
in einen Traum verwandelt wurde.Macht man diese rückgängig, so bleibt nur noch ein Charakter
übrig, welcher die beiden Arten des psychischen Geschehens von ein-
ander scheidet. Der Traumgedanke hätte gelautet: Ich sehe einen
Schein aus dem Zimmer, in dem die Leiche liegt. Vielleicht ist
eine Kerze umgefallen und das Kind brennt! Der Traum gibt das
Resultat dieser Ueberlegung unverändert wieder, aber dargestellt in
einer Situation, die gegenwärtig und mit den Sinnen wie ein Er-
lebnis des Wachens zu erfassen ist. Das ist aber der allgemeinste
und auffälligste psychologische Charakter des Träumens; ein Gedanke,
in der Regel der gewünschte, wird im Traume objectivirt, als Scene
dargestellt oder, wie wir meinen, erlebt.Wie soll man nun diese charakteristische Eigenthümlichkeit
der Traumarbeit erklären oder – bescheidener ausgedrückt – in
den Zusammenhang der psychischen Vorgänge einfügen?Bei näherem Zusehen merkt man wohl, dass in der Erscheinungs-
form des Traumes zwei von einander fast unabhängige Charaktere aus-
geprägt sind. Der eine ist die Darstellung als gegenwärtige Situation
mit Weglassung des vielleicht; der andere die Umsetzung des Ge-
dankens in visuelle Bilder und in Rede.Die Umwandlung, welche die Traumgedanken dadurch erfahren,
dass die in ihnen ausgedrückte Erwartung in’s Präsens gesetzt wird,
scheint vielleicht gerade an diesem Traume nicht sehr auffällig. Es
hängt dies mit der besonderen, eigentlich nebensächlichen Rolle der
Wunscherfüllung in diesem Traume zusammen. Nehmen wir einen
anderen Traum vor, in dem sich der Traumwunsch nicht von der Fort-
setzung der Wachgedanken in den Schlaf absondert, z. B. den von Irma’s
Injection. Hier ist der zur Darstellung gelangende Traumgedanke
ein Optativ: Wenn doch der Otto an der Krankheit Irma’s Schuld
sein möchte! Der Traum verdrängt den Optativ und ersetzt ihn durch
ein simples Präsens: Ja, Otto ist Schuld an der Krankheit Irma’s.
Das ist also die erste der Verwandlungen, die auch der Entstellungs-
freie Traum mit den Traumgedanken vornimmt. Bei dieser ersten
Eigenthümlichkeit des Traumes werden wir uns aber nicht lange
aufhalten. Wir erledigen sie durch den Hinweis auf die bewusste
Phantasie, auf den Tagtraum, der mit seinem Vorstellungsinhalt
ebenso verfährt. Wenn Daudet’s Mr. Joyeuse beschäftigungslos
durch die Strassen von Paris irrt, während seine Töchter glaubenS.
314
müssen, er habe eine Anstellung und sitze in seinem Bureau, so
träumt er von den Vorfällen, die ihm zur Protection und zu einer
Anstellung verhelfen sollen, gleichfalls im Präsens. Der Traum ge-
braucht also das Präsens in derselben Weise und mit demselben Rechte
wie der Tagtraum. Das Präsens ist die Zeitform, in welcher der
Wunsch als erfüllt dargestellt wird.Dem Traume allein zum Unterschiede vom Tagtraume eigen-
thümlich ist aber der zweite Charakter, dass der Vorstellungsinhalt
nicht gedacht, sondern in sinnliche Bilder verwandelt wird, denen
man dann Glauben schenkt, und die man zu erleben meint. Fügen
wir gleich hinzu, dass nicht alle Träume die Umwandlung von Vor-
stellung in Sinnesbild zeigen; es gibt Träume, die nur aus Ge-
danken bestehen, denen man die Wesenheit der Träume darum doch
nicht bestreiten wird. Mein Traum: „Autodidasker — die
Tagesphantasie mit Professor N.“ ist ein solcher, in den sich kaum
mehr sinnliche Elemente einmengten, als wenn ich seinen Inhalt
bei Tag gedacht hätte. Auch gibt es in jedem längeren Traum-
Elemente, welche die Umwandlung in’s Sinnliche nicht mit-
gemacht haben, die einfach gedacht oder gewusst werden, wie
wir’s vom Wachen her gewöhnt sind. Ferner wollen wir gleich
hier daran denken, dass solche Verwandlung von Vorstellungen in
Sinnesbilder nicht dem Traume allein zukommt, sondern ebenso der
Hallucination, den Visionen, die etwa selbständig in der Gesundheit
auftreten oder als Symptome der Psychoneurosen. Kurz, die Be-
ziehung, die wir hier untersuchen, ist nach keiner Richtung eine
ausschliessliche; es bleibt aber bestehen, dass dieser Charakter des
Traumes, wo er vorkommt, uns als der bemerkenswertheste er-
scheint, so dass wir ihn nicht aus dem Traumleben weggenommen
denken könnten. Sein Verständnis erfordert aber weit ausgreifende
Erörterungen.Unter allen Bemerkungen zur Theorie des Träumens, welche
man bei den Autoren finden kann, möchte ich eine als anknüpfens-
werth hervorheben. Der grosse G. Th. Fechner25) spricht in
seiner Psychophysik (II. Th. p. 520) im Zusammenhange einiger
Erörterungen, die er dem Traume widmet, die Vermuthung aus,
dass der Schauplatz der Träume ein anderer sei, als
der des wachen Vorstellungslebens. Keine andere Annahme
gestatte es, die besonderen Eigenthümlichkeiten des Traumlebens
zu begreifen.Die Idee, die uns so zur Verfügung gestellt wird, ist die einer
psychischen Localität. Wir wollen ganz bei Seite lassen,
dass der seelische Apparat, um den es sich hier handelt, uns auch
als anatomisches Präparat bekannt ist, und wollen der Versuchung
sorgfältig aus dem Wege gehen, die psychische Localität etwa
anatomisch zu bestimmen. Wir bleiben auf psychologischem Boden
und gedenken nur der Aufforderung zu folgen, dass wir uns dasS.
315
Instrument, welches den Seelenleistungen dient, vorstellen wie etwa
ein zusammengesetztes Mikroskop, einen photographischen Apparat
u. dgl. Die psychische Localität entspricht dann einem Orte inner-
halb eines solchen Apparates, an dem eine der Vorstufen des Bildes
zu Stande kommt. Beim Mikroskop und Fernrohr sind dies bekanntlich
zum Theil ideelle Oertlichkeiten, Gegenden, in denen kein greifbarer Be-
standtheil des Apparates gelegen ist. Für die Unvollkommenheiten dieser
und aller ähnlichen Bilder Entschuldigung zu erbitten, halte ich für über-
flüssig. Diese Gleichnisse sollen uns nur bei einem Versuch unterstützen,
der es unternimmt, uns die Complication der psychischen Leistung ver-
ständlich zu machen, indem wir diese Leistung zerlegen, und die
Einzelleistung den einzelnen Bestandtheilen des Apparates zuweisen.
Der Versuch, die Zusammensetzung des seelischen Instrumentes aus
solcher Zerlegung zu erra-
then, ist meines Wissens noch nicht gewagt
worden. Er scheint mir harmlos. Ich meine, wir dürfen unseren
Vermuthungen freien Lauf lassen, wenn wir dabei nur unser kühles
Urtheil bewahren, das Gerüste nicht für den Bau halten. Da wir
nichts Anderes nöthigen als Hilfsvorstellungen zur ersten Annäherung
an etwas Unbekanntes, so werden wir die rohesten und greifbarsten
Annahmen zunächst allen anderen vorziehen.Wir stellen uns also den seelischen Apparat vor als ein zusammen-
gesetztes Instrument, dessen Bestandtheile wir Instanzen oder der
Anschau-
lichkeit zu Liebe Systeme heissen wollen. Dann bilden wir
die Erwartung, dass diese Systeme vielleicht eine constante räumliche
Orientirung gegen einander haben, etwa wie die verschiedenen
Linsensysteme des Fernrohres hinter einander stehen. Streng genommen
brauchen wir die Annahme einer wirklich räumlichen Anordnung
der psychischen Systeme nicht zu machen. Es genügt uns, wenn
eine feste Reihenfolge dadurch hergestellt wird, dass bei gewissen
psychischen Vorgängen die Systeme in einer bestimmten zeitlichen
Folge von der Erregung durchlaufen werden. Diese Folge mag bei
anderen Vorgängen eine Abänderung erfahren; eine solche Möglich-
keit wollen wir uns offen lassen. Von den Bestandtheilen des
Apparates wollen wir von nun an der Kürze halber als „W-Systeme“
sprechen.Das Erste, das uns auffällt, ist nun, dass dieser aus W-Systemen
zusammengesetzte Apparat eine Richtung hat. All unsere psychische
Thätigkeit geht von (inneren oder äusseren) Reizen aus und endigt in
Innervationen. Somit schreiben wir dem Apparat ein sensibles und
ein motorisches Ende zu; an dem sensibeln Ende befindet sich ein
System, welches die Wahrnehmungen empfängt, am motorischen
Ende ein anderes, welches die Schleusen der Motilität eröffnet. Der
psychische Vorgang verläuft im Allgemeinen vom Wahrnehmungs-
ende zum Motilitätsende. Das allgemeinste Schema des psychischen
Apparates hätte also folgendes Ansehen:S.
316
Fig. 1.
Das ist aber nur die Erfüllung der uns längst vertrauten
Forderung, der psychische Apparat müsse gebaut sein wie ein Reflex-
apparat. Der Reflexvorgang bleibt das Vorbild auch aller psychischen
Leistung.Wir haben nun Grund, am sensiblen Ende eine erste
Differenzirung eintreten zu lassen. Von den Wahrnehmungen, die
an uns herankommen, verbleibt in unserem psychischen Apparat
eine Spur, die wir „Erinnerungsspur“ heissen können. Die
Function, die sich auf diese Erinnerungsspur bezieht, heissen wir ja
„Gedächtnis“. Wenn wir Ernst mit dem Vorsatz machen, die
psychischen Vorgänge an Systeme zu knüpfen, so kann die Erinne-
rungsspur nur bestehen in bleibenden Veränderungen an den
Elementen der Systeme. Nun bringt es, wie schon von anderer
Seite ausgeführt, offenbar Schwierigkeiten mit sich, wenn ein und
dasselbe System an seinen Elementen Veränderungen getreu bewahren
und doch neuen Anlässen zur Veränderung immer frisch und auf
nahmsfähig entgegentreten soll. Nach dem Princip, das unseren
Versuch leitet, werden wir also diese beiden Leistungen auf ver-
schiedene Systeme vertheilen. Wir nehmen an, dass ein vorderstes
System des Apparates die Wahrnehmungsreize aufnimmt, aber nichts
von ihnen bewahrt, also kein Gedächtnis hat, und dass hinter diesem
ein zweites System liegt, welches die momentane Erregung des
ersten in Dauerspuren umsetzt. Dann wäre dies das Bild unseres
psychischen Apparates (Fig. 2):Fig 2.
S.
317
Ein Schema des seelischen Apparates.
Es ist bekannt, dass wir von den Wahrnehmungen, die auf
System W einwirken, noch etwas anderes als bleibend bewahren als
den Inhalt derselben. Unsere Wahrnehmungen erweisen sich auch
als im Gedächtnis mit einander verknüpft, und zwar vor Allem nach
ihrem einstigen Zusammentreffen in der Gleichzeitigkeit. Wir heissen
das die Thatsache der Association. Es ist nun klar, wenn das W-System
überhaupt kein Gedächtnis hat, dass es auch die Spuren für die
Association nicht aufbewahren kann; die einzelnen W-Elemente würden
in ihrer Function unerträglich behindert, wenn sich gegen eine neue
Wahrnehmung ein Rest früherer Verknüpfung geltend machen würde.
Wir müssen also als die Grundlage der Association vielmehr die
Erinnerungssysteme annehmen. Die Thatsache der Association be-
steht dann darin, dass in Folge von Widerstandsverringerungen und
Bahnungen von einem der Er-Elemente die Erregung sich eher nach
einem zweiten als nach einem dritten Er-Element fortpflanzt.Bei näherem Eingehen ergibt sich die Nothwendigkeit, nicht
eines, sondern mehrere solcher Er-Systeme anzunehmen, in denen
dieselbe, durch die W-Elemente fortgepflanzte, Erregung eine ver-
schiedenartige Fixirung erfährt. Das erste dieser Er-Systeme wird
jedenfalls die Fixirung der Association durch Gleichzeitigkeit ent-
halten, in den weiter entfernt liegenden wird dasselbe Erregungs-
material nach anderen Arten des Zusammentreffens angeordnet sein,
so dass etwa Beziehungen der Aehnlichkeit u. A. durch diese
späteren Systeme dargestellt würden. Es wäre natürlich müssig, die
psychische Bedeutung eines solchen Systemes in Worten an-
geben zu wollen. Die Charakteristik desselben läge in der Innig-
keit seiner Beziehungen zu Elementen des Erinnerungsrohmateriales,
das heisst, wenn wir auf eine tiefer greifende Theorie hinweisen
wollen, in den Abstufungen des Leitungswiderstandes nach diesen
Elementen hin.Eine Bemerkung allgemeiner Natur, die vielleicht auf Bedeut-
sames hinweist, wäre hier einzuschalten. Das W-System, welches
keine Fähigkeiten hat, Veränderungen zu bewahren, also kein Ge-
dächtnis, ergibt für unser Bewusstsein die ganze Mannigfaltigkeit
der sinnlichen Qualitäten. Umgekehrt sind unsre Erinnerungen,
die am tiefsten uns eingeprägten nicht ausgenommen, an sich un-
bewusst. Sie können bewusst gemacht werden; es ist aber kein
Zweifel, dass sie im unbewussten Zustand alle ihre Wirkungen ent-
falten. Was wir unseren Charakter nennen, beruht ja auf den Er-
innerungsspuren unserer Eindrücke, und zwar sind gerade die Ein-
drücke, die am stärksten auf uns gewirkt hatten, die unserer ersten
Jugend, solche, die fast nie bewusst werden. Werden aber Er-
innerungen wieder bewusst, so zeigen sie keine sinnliche Qualität
oder eine sehr geringfügige im Vergleiche zu den Wahrnehmungen.
Liesse sich nun bestätigen, dass Gedächtnis und Qualität für
das Bewusstsein an den W-Systemen einander aus-S.
318
schliessen, so eröffnete sich in die Bedingungen der Neuron-
erregung ein vielversprechender Einblick.Was wir bisher über die Zusammensetzung des psychischen
Apparates am sensibeln Ende angenommen haben, erfolgte ohne
Rücksicht auf den Traum und die aus ihm ableitbaren psychologischen
Aufklärungen. Für die Erkenntnis eines anderen Stückes des
Apparates wird uns aber der Traum zur Beweisquelle. Wir haben
gesehen, dass es uns unmöglich wurde, die Traumbildung zu erklären,
wenn wir nicht die Annahmen zweier psychischen Instanzen wagen
wollten, von denen die eine die Thätigkeit der anderen einer Kritik
unterzieht, als deren Folge sich die Ausschliessung vom Bewusst-
werden ergäbe.Die kritisirende Instanz, haben wir geschlossen, unterhält nähere
Beziehungen zum Bewusstsein als die kritisirte. Sie steht zwischen
dieser und dem Bewusstsein wie ein Schirm. Wir haben ferner
Anhaltspunkte gefunden, die kritisirende Instanz mit dem zu identi-
ficiren, was unser waches Leben lenkt und über unser willkürliches,
bewusstes Handeln entscheidet. Ersetzen wir nun diese Instanzen
im Sinne unserer Annahmen durch Systeme, so wird durch die letzt-
erwähnte Erkenntnis das kritisirende System an’s motorische Ende
gerückt. Wir tragen nun die beiden Systeme in unser Schema ein
und drücken in den ihnen verliehenen Namen ihre Beziehung zum
Bewusstsein aus.Fig. 3.
Das letzte der Systeme am motorischen Ende heissen wir das
Vorbewusste, um anzudeuten, dass die Erregungsvorgänge in
demselben ohne weitere Aufhaltung zum Bewusstsein gelangen können,
falls noch gewisse Bedingungen erfüllt sind, z. B. die Erreichung
einer gewissen Intensität, eine gewisse Vertheilung jener Function,
die man Aufmerksamkeit zu nennen hat, und dergleichen. Es ist gleich-
zeitig das System, welches die Schlüssel zur willkürlichen Motilität
inne hat. Das System dahinter heissen wir das Unbewusste, weil
es keinen Zugang zum Bewusstsein hat, ausser durch das Vor-
S.
319
bewusste, bei welchem Durchgang sein Erregungsvorgang sich
Abänderungen gefallen lassen muss.In welches dieser Systeme verlegen wir nun den Anstoss zur
Traumbildung? Der Vereinfachung zu Liebe in das System Ubw.
Wir werden zwar in späteren Erörterungen hören, dass dies nicht
ganz richtig ist, dass die Traumbildung genöthigt ist an Traum-
gedanken anzuknüpfen, die dem System des Vorbewussten ange-
hören. Wir werden aber auch an anderer Stelle, wenn wir vom
Traumwunsch handeln, erfahren, dass die Triebkraft für den Traum
vom Ubw beigestellt wird, und wegen dieses letzteren Momentes
wollen wir das unbewusste System als den Ausgangspunkt der Traum-
bildung annehmen. Diese Traumerregung wird nun wie alle anderen
Gedankenbildungen das Bestreben äussern, sich in’s Vbw fortzusetzen
und von diesem aus den Zugang zum Bewusstsein zu gewinnen.Die Erfahrung lehrt uns, dass den Traumgedanken tagsüber
dieser Weg, der durch’s Vorbewusste zum Bewusstsein führt, durch die
Widerstandscensur verlegt ist. In der Nacht schaffen sie sich den
Zugang zum Bewusstsein; aber es erhebt sich die Frage, auf welchem
Wege und Dank welcher Veränderung. Würde dies den Traum-
gedanken dadurch ermöglicht, dass Nachts der Widerstand absinkt,
der an der Grenze zwischen Unbewusstem und Vorbewusstem wacht,
so bekämen wir Träume in dem Material unserer Vorstellungen, die
nicht den hallucinatori-
schen Charakter zeigen, der uns jetzt interessirt.Das Absinken der Censur zwischen den beiden Systemen Ubw
und Vbw kann uns also nur solche Traumbildungen erklären wie Auto-
didasker, aber nicht Träume wie den vom brennenden Kinde,
den wir uns als Problem an den Eingang dieser Untersuchungen ge-
stellt haben.Was im hallucinatorischen Traum vor sich geht, können wir
nicht anders beschreiben, als indem wir sagen: Die Erregung nimmt
einen rückläufigen Weg. Anstatt gegen das motorische Ende
des Apparates pflanzt sie sich gegen das sensible fort und langt
schliesslich beim System der Wahrnehmungen an. Heissen wir die
Richtung, nach welcher sich der psychische Vorgang aus dem Un-
bewussten im Wachen fortsetzt, die progrediente, so dürfen wir
vom Traum aussagen, er habe regredienten Charakter.Diese Regression ist dann sicherlich eine der wichtigsten psycho-
logischen Eigenthümlichkeiten des Traumvorganges; aber wir dürfen
nicht vergessen, dass sie dem Träumen nicht allein zukommt. Auch
das absichtliche Erinnern und andere Theilvorgänge unseres normalen
Denkens entsprechen einem Rückschreiten im psychischen Apparat
von irgend welchem complexen Vorstellungsact auf das Rohmaterial
der Erinnerungsspuren, die ihm zu Grunde liegen. Während des
Wachens aber reicht dieses Zurückgreifen niemals über die Erinne-
rungsbilder hinaus; es vermag die hallucinatorische Belebung der
Wahrnehmungsbilder nicht zu erzeugen. Warum ist dies im TraumeS.
320
anders? Als wir von der Verdichtungsarbeit des Traumes sprachen,
konnten wir der Annahme nicht ausweichen, dass durch die Traum-
arbeit die an den Vorstellungen haftenden Intensitäten von einer zur
anderen voll übertragen werden. Wahrscheinlich ist es diese Ab-
änderung des sonstigen psychischen Vorganges, welche es ermöglicht,
das System der W bis zur vollen sinnlichen Lebhaftigkeit in umge-
kehrter Richtung, von den Gedanken her, zu besetzen.Ich hoffe, wir sind weit davon entfernt, uns über die Tragweite
dieser Erörterungen zu täuschen. Wir haben nichts anderes gethan,
als für ein nicht zu erklärendes Phänomen einen Namen gegeben.
Wir heissen es Regression, wenn sich im Traum die Vorstellung in
das sinnliche Bild rückverwandelt, aus dem sie irgend einmal hervor-
gegangen ist. Auch dieser Schritt verlangt aber Rechtfertigung.
Wozu die Namengebung, wenn sie uns nichts Neues lehrt? Nun
ich meine, der Name „Regression“ dient uns insoferne, als er die
uns bekannte Thatsache an das Schema des mit einer Richtung ver-
sehenen seelischen Apparates knüpft. An dieser Stelle verlohnt es
sich aber zum ersten Male, ein solches Schema aufgestellt zu haben.
Denn eine andere Eigentümlichkeit der Traumbildung wird uns
ohne neue Ueberlegung allein mit Hilfe des Schemas einsichtlich
werden. Wenn wir den Traumvorgang als eine Regression innerhalb
des von uns angenommenen seelischen Apparates ansehen, so erklärt
sich uns ohne Weiteres die empirisch festgestellte Thatsache, dass alle
Denkrelationen der Traumgedanken bei der Traumarbeit verloren
gehen oder nur mühseligen Ausdruck finden. Diese Denkrelationen
sind nach unserem Schema nicht in den ersten Er-Systemen, sondern
in weiter nach vorn liegenden enthalten und müssen bei der
Regression bis auf die Wahrnehmungsbilder ihren Ausdruck ein-
büssen. Das Gefüge der Traumgedanken wird bei der
Regression in sein Rohmaterial aufgelöst.Durch welche Veränderung wird aber die bei Tag unmögliche
Regression ermöglicht? Hier wollen wir es bei Vermuthungen
bewenden lassen. Es muss sich wohl um Veränderungen in den
Energiebesetzungen der einzelnen Systeme handeln, durch welche
sie wegsamer oder unwegsamer für den Ablauf der Erregung werden;
aber in jedem derartigen Apparat könnte der nämliche Effect für
den Weg der Erregung durch mehr als eine Art von solchen Ab-
änderungen zu Stande gebracht werden. Man denkt natürlich sofort
an den Schlafzustand, und an Besetzungsänderungen, die er am
sensibeln Ende des Apparates hervorruft. Bei Tag gibt es eine
continuirlich laufende Strömung von dem W-System der W her
zur Motilität; diese hat bei Nacht ein Ende und könnte einer Rück-
strömung der Erregung kein Hindernis mehr bereiten. Es wäre dies
die „Abschliessung von der Aussenwelt“, welche in der Theorie
einiger Autoren die psychologischen Charaktere des Traumes auf-
klären soll (vergl. Seite 35). Indess wird man bei der Erklärung derS.
321
Regression des Traumes Rücksicht auf jene anderen Regressionen
nehmen müssen, die in krankhaften Wachzuständen zu Stande
kommen. Bei diesen Formen lässt natürlich die eben gegebene
Auskunft im Stiche. Es kommt zur Regression trotz der ununter-
brochenen sensibeln Strömung in progredienter Richtung.Für die Hallucinationen der Hysterie, der Paranoia, die Visionen
geistesnormaler Personen kann ich die Aufklärung geben, dass sie
thatsächlich Regressionen entsprechen, d. h. in Bilder verwandelte
Gedanken sind, und dass nur solche Gedanken diese Verwandlung
erfahren, welche mit unterdrückten oder unbewusst gebliebenen
Erinnerungen im intimen Zusammenhange stehen. Z. B. einer meiner
jüngsten Hysteriker, ein zwölfjähriger Knabe, wird am Einschlafen
gehindert durch „grüne Gesichter mit rothen Augen“, vor
denen er sich entsetzt. Quelle dieser Erscheinung ist die unterdrückte,
aber einstens bewusste Erinnerung an einen Knaben, den er vor vier
Jahren oftmals sah, und der ihm ein abschreckendes Bild vieler
Kinderunarten bot, darunter auch jener der Onanie, aus der er sich selbst
jetzt einen nachträglichen Vorwurf macht. Die Mama hatte damals
bemerkt, dass der ungezogene Junge eine grünliche Gesichtsfarbe
habe und rothe (d. h. roth veränderte) Augen. Daher das
Schreckgespenst, das übrigens nur dazu bestimmt ist, ihn an eine
andere Vorhersage der Mama zu erinnern, dass solche Jungen blöd-
sinnig werden, in der Schule nichts erlernen können und früh sterben.
Unser kleiner Patient lässt den einen Theil der Prophezeiung ein-
treffen; er kömmt im Gymnasium nicht weiter, und fürchtet sich, wie das
Verhör seiner ungewollten Einfälle zeigt, entsetzlich vor dem zweiten
Theil. Die Behandlung hat allerdings nach kurzer Zeit den Erfolg,
dass er schläft, seine Aengstlichkeit verliert und sein Schuljahr mit
einem Vorzugszeugnis abschliesst.Hier kann ich die Auflösung einer Vision anreihen, die mir
eine 40jährige Hysterica aus ihren gesunden Tagen erzählt hat.
Eines Morgens schlägt sie die Augen auf und sieht ihren Bruder im
Zimmer, der doch, wie sie weiss, sich in der Irrenanstalt befindet.
Ihr kleiner Sohn schläft im Bette neben ihr. Damit das Kind nicht
erschrickt und in Krämpfe verfällt, wenn es den Onkel sieht,
zieht sie die Bettdecke über dasselbe, und dann verschwindet die
Erscheinung. Die Vision ist die Umarbeitung einer Kindererinnerung
der Dame, die zwar bewusst war, aber mit allem unbewusstem
Materiale in ihrem Innern in intimster Beziehung stand. Ihre Kinder-
frau hatte ihr erzählt, dass die sehr früh verstorbene Mutter (sie
war zur Zeit des Todesfalles erst 1½ Jahre alt) an epileptischen
oder hysterischen Krämpfen gelitten hatte und zwar seit einem Schreck,
den ihr der Bruder (der Onkel meiner Patientin) dadurch verur-
sachte, dass er ihr als Gespenst mit einer Bettdecke über dem Kopf
erschien. Die Vision enthält dieselben Elemente wie die Erinnerung:
Die Erscheinung des Bruders, die Bettdecke, den Schreck und seineS.
322
Wirkung. Diese Elemente sind aber zu neuem Zusammenhange ange
ordnet und auf andere Personen übertragen. Das offenkundige Motiv
der Vision, der durch sie ersetzte Gedanke, ist die Besorgnis, dass
ihr kleiner Sohn, der seinem Onkel physisch so ähnlich war, das
Schicksal desselben theilen könnte.Beide hier angeführte Beispiele sind nicht frei von aller Be
ziehung zum Schlafzustande und darum vielleicht zu dem Beweise
ungeeignet, für den ich sie brauche. Ich verweise also auf meine
Analyse einer hallucinirenden Paranoica*) und auf die Ergebnisse
meiner noch nicht veröffentlichten Studien über die Psychologie der
Psychoneurosen, um zu bekräftigen, dass man in diesen Fällen von
regredienter Gedankenverwandlung den Einfluss einer unterdrückten
oder unbewusst gebliebenen Erinnerung, meist einer infantilen, nicht
übersehen darf. Diese Erinnerung zieht gleichsam den mit ihr in Ver
bindung stehenden, an seinem Ausdruck durch die Censur verhin
derten Gedanken, in die Regression als in jene Form der Darstel
lung, in der sie selbst psychisch vorhanden ist. Ich darf hier als ein
Ergebnis der Studien über Hysterie anführen, dass die infantilen
Scenen (seien sie nun Erinnerungen oder Phantasien), wenn es gelingt,
sie bewusst zu machen, hallucinatorisch gesehen werden und erst
beim Mittheilen diesen Charakter abstreifen. Es ist auch bekannt,
dass selbst bei Personen, die sonst im Erinnern nicht visuell sind,
die frühesten Kindererinnerungen den Charakter der sinnlichen Leb
haftigkeit bis in späte Jahre bewahren.Wenn man sich nun erinnert, welche Rolle in den Traum
gedanken den infantilen Erlebnissen oder den auf sie gegründeten
Phantasien zufällt, wie häufig Stücke derselben im Trauminhalt wieder
auftauchen, wie die Traumwünsche selbst häufig aus ihnen abgeleitet
sind, so wird man auch für den Traum die Wahrscheinlichkeit nicht
abweisen, dass die Verwandlung von Gedanken in visuelle Bilder
mit die Folge der Anziehung sein möge, welche die nach Neubelebung
strebende visuell dargestellte Erinnerung auf den nach Ausdruck
ringenden vom Bewusstsein abgeschnittenen Gedanken ausübt. Nach
dieser Auffassung liesse sich der Traum auch beschreiben als der
durch Uebertragung auf Recentes veränderte Ersatz
der infantilen Scene. Die Infantilscene kann ihre Erneuerung
nicht durchsetzen; sie muss sich mit der Wiederkehr als Traum be
gnügen.Der Hinweis auf die gewissermassen vorbildliche Bedeutung der
Infantilscenen (oder ihrer phantastischen Wiederholungen) für den
Trauminhalt macht eine der Annahmen Scherner’s und seiner An
hänger über die inneren Reizquellen überflüssig. Scherner nimmt
einen Zustand von „Gesichtsreiz“ von innerer Erregung im Sehorgan
an, wenn die Träume eine besondere Lebhaftigkeit ihrer visuellen*)Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen, Neurologisches
Centralblatt, 1896. Nr. 10.S.
323
Die Regression erklärt durch die Anziehung der Infantilscenen.
Elemente oder einen besonderen Reichthum an solchen erkennen
lassen. Wir brauchen uns gegen diese Annahme nicht zu sträuben,
dürfen uns etwa damit begnügen, einen solchen Erregungszustand
blos für das psychische Wahrnehmungssystem des Sehorgans zu
statuiren, werden aber geltend machen, dass dieser Erregungszu-
stand ein durch die Erinnerung hergestellter, die Auffrischung der
seinerzeit actuellen Seherregung ist. Ich habe aus eigener Erfahrung
kein gutes Beispiel für solchen Einfluss einer infantilen Erinnerung
zur Hand; meine Träume sind überhaupt weniger reich an sinnlichen
Elementen, als ich die Anderer schätzen muss; aber in dem schönsten
und lebhaftesten Traume dieser letzten Jahre wird es mir leicht, die
hallucinatorische Deutlichkeit des Trauminhaltes auf sinnliche Quali-
täten recenter und kürzlich erfolgter Eindrücke zurückzuführen. Ich
habe auf Seite 272 einen Traum erwähnt, in dem die tiefblaue Farbe
des Wassers, die braune Farbe des Rauches aus den Kaminen der
Schiffe und das düstere Braun und Roth der Bauwerke, die ich sah,
mir einen tiefen Eindruck hinterliessen. Wenn irgend einer, so musste
dieser Traum auf Gesichtsreiz gedeutet werden. Und was hatte mein
Sehorgan in diesen Reizzustand versetzt? Ein recenter Eindruck,
der sich mit einer Reihe früherer zusammenhat. Die Farben, die
ich sah, waren zunächst die des Ankersteinbaukastens, mit dem die
Kinder am Tage vor meinem Traume ein grossartiges Bauwerk auf
geführt hatten, um es meiner Bewunderung zu zeigen. Da fanden
sich das nämliche düstere Roth an den grossen, das Blau und Braun
an den kleinen Steinen. Dazu gesellten sich die Farbeindrücke
der letzten italienischen Reisen, das schöne Blau des Isonzo und der
Lagune und das Braun des Karstes. Die Farbenschönheit des Traumes
war nur eine Wiederholung der in der Erinnerung gesehenen.Fassen wir zusammen, was wir über die Eigenthümlichkeit des
Traumes, seinen Vorstellungsinhalt in sinnliche Bilder umzugiessen,
erfahren haben. Wir haben diesen Charakter der Traumarbeit nicht
etwa erklärt, auf bekannte Gesetze der Psychologie zurückgeführt,
sondern haben ihn als auf unbekannte Verhältnisse hindeutend heraus
gegriffen und durch den Namen des „regredienten“ Charakters
ausgezeichnet. Wir haben gemeint, diese Regression sei wohl überall,
wo sie vorkommt, eine Wirkung des Widerstandes, der sich dem Vor-
dringen des Gedankens zum Bewusstsein auf dem normalen Wege
entgegensetzt, sowie der gleichzeitigen Anziehung, welche als sinnes-
stark vorhandene Erinnerungen auf ihn ausüben. Beim Traume käme
vielleicht zur Erleichterung der Regression hiezu das Aufhören der
progredienten Tagesströmung von den Sinnesorganen, welches Hilfs-
moment bei den anderen Formen von Regression durch Verstärkung der
anderen Regressionsmotive wett gemacht werden muss. Wir wollen
auch nicht vergessen uns zu merken, dass bei diesen pathologischen
Fällen von Regression wie im Traume der Vorgang der Energie-
übertragung ein anderer sein dürfte als bei den Regressionen des21*
S.
324
normalen seelischen Lebens, da durch ihn eine volle hallucinatori-
sche Besetzung der Wahrnehmungssysteme ermöglicht wird. Was wir bei
der Analyse der Traumarbeit als die „Rücksicht auf Darstellbarkeit“
beschrieben haben, dürfte auf die auswählende Anziehung der
von den Traumgedanken berührten, visuell erinnerten Scenen zu
beziehen sein.Leicht möglich, dass dieses erste Stück unserer psychologischen
Verwerthung des Traumes uns selbst nicht sonderlich befriedigt. Wir
wollen uns damit trösten, dass wir ja genöthigt sind, in’s Dunkle
hinaus zu bauen. Sind wir nicht völlig in die Irre gerathen, so
müssen wir von einem anderen Angriffspunkte her in ungefähr die
nämlich Region gerathen, in welcher wir uns dann vielleicht besser
zurecht finden werden.c) Zur Wunscherfüllung.
Der vorangestellte Traum vom brennenden Kinde gibt uns
einen willkommenen Anlass, Schwierigkeiten, auf welche die Lehre
von der Wunscherfüllung stösst, zu würdigen. Wir haben es gewiss
Alle mit Befremden aufgenommen, dass der Traum nichts anderes
als eine Wunscherfüllung sein soll, und nicht etwa allein wegen des
Widerspruches, der vom Angsttraum ausgeht. Nachdem uns die
ersten Aufklärungen durch die Analyse belehrt hatten, hinter dem
Traum verberge sich Sinn und psychischer Werth, so wäre unsere
Erwartung keineswegs auf eine so eindeutige Bestimmung dieses
Sinnes gefasst gewesen. Nach der correcten, aber kärglichen Defi-
nition des Aristoteles ist der Traum das in den Schlafzustand –
insoferne man schläft – fortgesetzte Denken. Wenn nun unser
Denken bei Tage so verschiedenartige psychische Acte schafft, Urtheile,
Schlussfolgerungen, Widerlegungen, Erwartungen, Vorsätze u. dgl.,
wodurch soll es bei Nacht genöthigt sein, sich allein auf die Er-
zeugung von Wünschen einzuschränken? Gibt es nicht viel-
mehr reichlich Träume, die einen andersartigen psychischen Act in
Traumgestalt verwandelt bringen, z. B. eine Besorgnis, und ist nicht
gerade der vorangestellte, ganz besonders durchsichtige Traum des
Vaters ein solcher? Er zieht auf den Lichtschein hin, der ihm
auch schlafend in’s Auge fällt, den besorgten Schluss, dass eine Kerze
umgefallen sei und die Leiche in Brand gesteckt haben könne; diesen
Schluss verwandelt er in einen Traum, indem er ihn in eine sinn fällige
Situation und in das Präsens einkleidet. Welche Rolle spielt dabei
die Wunscherfüllung, und ist denn die Uebermacht des vom Wachen
her sich fortsetzenden oder durch den neuen Sinneseindruck an-
geregten Gedankens dabei irgend zu verkennen?Das ist alles richtig und nöthigt uns, auf die Rolle der Wunsch-
erfüllung im Traume und auf die Bedeutung der in den Schlaf sich
fortsetzenden Wachgedanken näher einzugehen.S.
325
Gerade die Wunscherfüllung hat uns bereits zu einer Scheidung
der Träume in zwei Gruppen veranlasst. Wir haben Träume ge-
funden, die sich offen als Wunscherfüllungen gaben; andere, deren
Wunscherfüllung unkenntlich, oft mit allen Mitteln versteckt war.
In den letzteren erkannten wir die Leistungen der Traumcensur.
Die unentstellten Wunschträume fanden wir hauptsächlich bei Kindern;
kurze, offenherzige Wunschträume schienen – ich lege Nach-
druck auf diesen Vorbehalt – auch bei Erwachsenen vorzukommen.Wir können nun fragen, woher jedesmal der Wunsch stammt,
der sich im Traume verwirklicht. Aber auf welchen Gegensatz oder
auf welche Mannigfaltigkeit beziehen wir dieses „Woher“? Ich
meine, auf den Gegensatz zwischen dem bewusst gewordenen Tages-
leben und einer unbewusst gebliebenen psychischen Thätigkeit, die
sich erst zur Nachtzeit bemerkbar machen kann. Ich finde dann eine
dreifache Möglichkeit für die Herkunft eines Wunsches. Er kann 1.
bei Tage erregt worden sein und infolge äusserer Verhältnisse keine Be-
friedigung gefunden haben; es erübrigt dann für die Nacht ein an-
erkannter und unerledigter Wunsch; 2. er kann bei Tage auf-
getaucht sein, aber Verwerfung gefunden haben; es erübrigt uns
dann ein unerledigter aber unterdrückter Wunsch oder 3. er kann
ausser Beziehung mit dem Tagesleben sein und zu jenen Wünschen
gehören, die erst Nachts aus dem Unterdrückten in uns rege werden.
Wenn wir unser Schema des psychischen Apparates vornehmen, so
localisiren wir einen Wunsch der ersten Art in dem System Vbw;
vom Wunsch der zweiten Art nehmen wir an, dass er aus dem
System Vbw in das Ubw zurückgedrängt worden ist, und wenn über-
haupt, nur dort sich erhalten hat; und von der Wunschregung der
dritten Art glauben wir, dass sie überhaupt unfähig ist, das System
des Ubw zu überschreiten. Haben nun Wünsche aus diesen ver-
schiedenen Quellen den gleichen Werth für den Traum, die gleiche
Macht einen Traum anzuregen?Eine Ueberschau über die Träume, die uns für die Beant-
wortung dieser Frage zu Gebote stehen, mahnt uns zunächst als
vierte Quelle des Traumwunsches hinzuzufügen die actuellen bei
Nacht sich erhebenden Wunschregungen (z. B. auf den Durstreiz, das
sexuelle Bedürfnis). Sodann wird uns wahrscheinlich, dass die Her-
kunft des Traumwunsches an seiner Fähigkeit, einen Traum an-
zuregen, nichts ändert. Ich erinnere an den Traum der Kleinen,
welcher die bei Tage unterbrochene Seefahrt fortsetzt, und an die
nebenstehenden Kinderträume; sie werden durch einen unerfüllten,
aber nicht unterdrückten Wunsch vom Tage erklärt. Beispiele da-
für, dass ein bei Tage unterdrückter Wunsch sich im Traume Luft
macht, sind überaus reichlich nachzuweisen; ein einfachstes solcher
Art könnte ich hier nachtragen. Eine etwas spottlustige Dame,
deren jüngere Freundin sich verlobt hat, beantwortet tagsüber die
Anfragen der Bekannten, ob sie den Bräutigam kenne, und was sie
S.
326
von ihm halte, mit uneingeschränkten Lobsprüchen, bei denen sie
ihrem Urtheil Schweigen auferlegt, denn sie hätte gern die Wahrheit
gesagt: Er ist ein Dutzendmensch. Nachts träumt sie, dass die
selbe Frage an sie gerichtet wird, und antwortet mit der Formel:
Bei Nachbestellungen genügt die Angabe der Nummer.
Endlich, dass in allen Träumen, die der Entstellung unterlegen sind,
der Wunsch aus dem Unbewussten stammt und bei Tage nicht ver-
nehmbar werden konnte, haben wir als das Ergebnis zahlreicher
Analysen erfahren. So scheinen zunächst alle Wünsche für die Traum-
bildung von gleichem Werth und gleicher Macht.Ich kann hier nicht beweisen, dass es sich doch eigentlich
anders verhält, aber ich neige sehr zur Annahme einer strengeren
Bedingtheit des Traumwunsches. Die Kinderträume lassen ja keinen
Zweifel darüber, dass ein bei Tage unerledigter Wunsch der Traum-
erreger sein kann. Aber es ist nicht zu vergessen, das ist dann der
Wunsch eines Kindes, eine Wunschregung von der dem Infantilen
eigenen Stärke. Es ist mir durchaus zweifelhaft, ob ein am Tage
nicht erfüllter Wunsch, bei einem Erwachsenen genügt, um einen
Traum zu schaffen. Es scheint mir vielmehr, dass wir mit der
fortschreitenden Beherrschung unseres Trieblebens durch die denkende
Thätigkeit auf die Bildung oder Erhaltung so intensiver Wünsche, wie
das Kind sie kennt, als unnütz immer mehr verzichten. Es mögen sich
dabei ja individuelle Verschiedenheiten geltend machen, der Eine den
infantilen Typus der seelischen Vorgänge länger bewahren als ein
Anderer, wie ja solche Unterschiede auch für die Abschwächung des
ursprünglich deutlich visuellen Vorstellens bestehen. Aber im All-
gemeinen, glaube ich, wird beim Erwachsenen der unerfüllt vom
Tage übrig gebliebene Wunsch nicht genügen, einen Traum zu
schaffen. Ich gebe gerne zu, dass die aus dem Bewussten stammende
Wunschregung einen Beitrag zur Anregung des Traumes liefern
wird, aber wahrscheinlich auch nicht mehr. Der Traum entstünde
nicht, wenn der vorbewusste Wunsch sich nicht eine Verstärkung
von anderswoher zu holen wüsste.Aus dem Unbewussten nämlich. Ich stelle mir vor, dass
der bewusste Wunsch nur dann zum Traumerreger wird,
wenn es ihm gelingt, einen gleichlautenden unbe-
wussten zu wecken, durch den er sich verstärkt. Diese
unbewussten Wünsche betrachte ich, nach den Andeutungen aus
der Psychoanalyse der Neurosen, als immer rege, jederzeit be-
reit, sich Ausdruck zu verschaffen, wenn sich ihnen Gelegen-
heit bietet, sich mit einer Regung aus dem Bewussten zu
alliiren, ihre grosse Intensität auf deren geringere zu übertragen*).*)Sie theilen diesen Charakter der Unzerstörbarkeit mit allen anderen wirklich
unbewussten, d. h. dem System Ubw allein angehörigen seelischen Acten. Diese sind
ein für allemale gebahnte Wege, die nie veröden und den Erregungsvorgang immer
wieder zur Abfuhr leiten, so oft die unbewusste Erregung sie wiederbesetzt. UmS.
327
Es muss dann zum Anschein kommen, als hätte allein der bewusste
Wunsch sich im Traume realisirt; allein eine kleine Auffälligkeit in
der Gestaltung dieses Traumes wird uns ein Fingerzeig werden, dem
mächtigen Helfer aus dem Unbewussten auf die Spur zu kommen.
Diese immer regen, so zu sagen unsterblichen Wünsche unseres Un--
bewussten, welche an die Titanen der Sage erinnern, auf denen seit
Urzeiten die schweren Gebirgsmassen lasten, die einst von den sieg--
reichen Göttern auf sie gewälzt wurden, und die unter den Zuckungen
ihrer Glieder noch jetzt von Zeit zu Zeit erheben: – diese in der
Verdrängung befindlichen Wünsche, sage ich, sind aber selbst in--
fantiler Herkunft, wie wir durch die psychologische Erforschung der
Neurosen erfahren. Ich möchte also den früher ausgesprochenen
Satz, die Herkunft des Traumwunsches sei gleichgültig, beseitigen
und durch einen anderen ersetzen, der lautet: Der Wunsch,
welcher sich im Traume darstellt, muss ein infantiler
sein. Er stammt dann beim Erwachsenen aus dem Ubw; beim
Kind, wo es die Sonderung und Censur zwischen Vbw und Ubw
noch nicht giebt oder wo sie sich erst allmählich herstellt, ist es ein un--
erfüllter, unverdrängter Wunsch des Wachlebens. Ich weiss, diese An--
schauung ist nicht allgemein zu erweisen; aber ich behaupte, sie ist
häufig zu erweisen, auch wo man es nicht vermuthet hätte, und ist
nicht allgemein zu widerlegen.Die aus dem bewussten Wachleben erübrigten Wunschregungen
lasse ich also für die Traumbildung in den Hintergrund treten. Ich
will ihnen keine andere Rolle zugestehen, als etwa dem Material an
actuellen Sensationen während des Schlafes für den Trauminhalt
(vergl. Seite 157 u. ff.). Ich bleibe auf der Linie, die mir dieser Gedan--
kengang vorschreibt, wenn ich jetzt die anderen psychischen Anregungen
in Betracht ziehe, die vom Tagesleben übrig bleiben und die nicht
Wünsche sind. Es kann uns gelingen, den Energiebesetzungen
unseres wachen Denkens ein vorläufiges Ende zu machen, wenn wir
beschliessen den Schlaf aufzusuchen. Wer das gut kann, der ist
ein guter Schläfer; der erste Napoleon soll ein Meister dieser Gattung
gewesen sein. Aber es gelingt uns nicht immer und nicht immer
vollständig. Unerledigte Probleme, quälende Sorgen, eine Uebermacht
von Eindrücken, setzen die Denkthätigkeit auch während des Schlafes
fort und unterhalten seelische Vorgänge in dem System, das wir als
das Vorbewusste bezeichnet haben. Wenn uns um eine Eintheilung
dieser in den Schlaf sich fortsetzenden Denkregungen zu thun ist,
so können wir folgende Gruppen derselben aufstellen: 1. Das während
des Tages durch zufällige Abhaltung nicht zu Ende Gebrachte,
mich eines Gleichnisses zu bedienen: es gibt für sie keine andere Art der Ver--
nichtung als für die Schatten der odysseischen Unterwelt, die zum neuen Leben er--
wachen, sobald sie Blut getrunken haben. Die vom vorbewussten System abhängigen
Vorgänge sind in ganz anderem Sinne zerstörbar. Auf diesem Unterschiede ruht die
Psychotherapie der Neurosen.S.
328
2. das durch Erlahmen unserer Denkkraft Unerledigte, das Ungelöste,
3. das bei Tage Zurückgewiesene und Unterdrückte. Dazu gesellt
sich als eine mächtige 4. Gruppe, was durch die Arbeit des Vor-
bewussten tagsüber in unserem Ubw rege gemacht worden ist, und
endlich können wir als 5. Gruppe anfügen: die indifferenten und
darum unerledigt gebliebenen Eindrücke des Tages.
Die psychischen Intensitäten, welche durch diese Reste des
Tageslebens in den Schlafzustand eingeführt werden, zumal aus der
Gruppe des Ungelösten, braucht man nicht zu unterschätzen. Sicherlich
ringen diese Erregungen auch zur Nachtzeit nach Ausdruck, und
ebenso sicher dürfen wir annehmen, dass der Schlafzustand die ge-
wohnte Fortführung des Erregungsvorganges im Vorbewussten und
deren Abschluss durch das Bewusstwerden unmöglich macht. Inso-
ferne wir unserer Denkvorgänge auf dem normalen Wege bewusst
werden können, auch zur Nachtzeit, insoferne schlafen wir eben nicht.
Was für Veränderung der Schlafzustand im System Vbw hervorruft,
weiss ich nicht anzugeben; aber es ist unzweifelhaft, dass die psycho-
logische Charakteristik des Schlafes wesentlich in den Besetzungs-
veränderungen gerade dieses Systemes zu suchen ist, das auch den
Zugang zu der im Schlaf gelähmten Motilität beherrscht. Im Gegen-
satze dazu wüsste ich von keinem Anlass aus der Psychologie des
Traumes, der uns annehmen hiesse, dass der Schlaf anders als secundär
in den Verhältnissen des Systems Ubw etwas verändere. Der nächt-
lichen Erregung im Vbw bleibt also kein anderer Weg als der, den
die Wunscherregungen aus dem Ubw nehmen; sie muss die Ver-
stärkung aus dem Ubw suchen und die Umwege der unbewussten
Erregungen mitmachen. Wie stellen sich aber die vorbewussten
Tagesreste zum Traum? Es ist kein Zweifel, dass sie reichlich in
den Traum eindringen, dass sie den Trauminhalt benützen, um sich
auch zur Nachtzeit dem Bewusstsein aufzudrängen; ja sie dominiren
gelegentlich den Trauminhalt, nöthigen ihn, die Tagesarbeit fortzu-
setzen; es ist auch sicher, dass die Tagesreste jeden anderen Charakter
ebensowohl haben können wie den der Wünsche; aber es ist dabei
höchst lehrreich und für die Lehre von der Wunscherfüllung geradezu
entscheidend zu sehen, welcher Bedingung sie sich fügen müssen,
um in den Traum Aufnahme zu finden.
Greifen wir eines der früheren Traumbeispiele heraus, z. B. den
Traum, der mir Freund Otto mit den Zeichen der Basedow’schen
Krankheit erscheinen lässt. (Seite 186.) Ich hatte am Tage eine Besorgnis
gebildet, zu der das Aussehen Ottos Anlass gab, und die Sorge
ging mir nahe, wie Alles, was diese Person betrifft. Sie folgte mir
auch, darf ich annehmen, in den Schlaf. Wahrscheinlich wollte ich
ergründen, was ihm fehlen könnte. Zur Nachtzeit fand diese Sorge
Ausdruck in dem Traume, den ich mitgetheilt habe, dessen Inhalt
erstens unsinnig war und zweitens keiner Wunscherfüllung entsprach.
Ich begann aber nachzuforschen, woher der unangemessene AusdruckS.
329
der bei Tag verspürten Besorgnis rühre, und durch die Analyse fand
ich einen Zusammenhang, indem ich ihn mit einem Baron L., mich
selbst aber mit Professor R. identificirte. Warum ich gerade diesen
Ersatz des Tagesgedanken hatte wählen müssen, dafür gab es nur
eine Erklärung. Zu der Identificirung mit Professor R. musste ich
im Ubw immer bereit sein, da durch sie eine der unsterblichen
Kinderwünsche, der Wunsch der Größensucht, sich erfüllte. Hässliche,
der Verwerfung bei Tage sichere Gedanken gegen meinen Freund
hatten die Gelegenheit benutzt, sich zur Darstellung mit einzuschleichen,
aber auch die Sorge des Tages war zu einer Art von Ausdruck durch
einen Ersatz im Trauminhalte gekommen. Der Tagesgedanke, der
an sich kein Wunsch, sondern im Gegentheil eine Besorgnis war,
musste sich auf irgend einem Wege die Anknüpfung an einen in
fantilen, nun unbewussten und unterdrückten Wunsch verschaffen,
der ihn dann, wenn auch gehörig zugerichtet, für das Bewusstsein
„entstehen“ ließ. Je dominirender diese Sorge war, desto gewalt-
samer durfte die herzustellende Verbindung sein; zwischen dem Inhalt
des Wunsches und dem der Besorgnis brauchte ein Zusammenhang
gar nicht zu bestehen und bestand auch keiner in unserem Beispiele.
Ich kann es nun scharf bezeichnen, was der unbewusste Wunsch für
den Traum bedeutet. Ich will zugeben, dass es eine ganze Classe von
Träumen gibt, zu denen die Anregung vorwiegend oder selbst
ausschließlich aus den Resten des Tageslebens stammt, und ich meine,
selbst mein Wunsch, endlich einmal Professor extraordinarius zu
werden, hätte mich diese Nacht in Ruhe schlafen lassen können,
wäre nicht die Sorge um die Gesundheit meines Freundes vom Tage
her noch rührig gewesen. Aber diese Sorge hätte noch keinen Traum
gemacht; die Triebkraft, die der Traum bedurfte, musste von
einem Wunsche beigesteuert werden; es war Sache der Besorgnis,
sich einen solchen Wunsch als Triebkraft des Traumes zu verschaffen.
Um es in einem Gleichnis zu sagen: Es ist sehr wohl möglich, dass
ein Tagesgedanke die Rolle des Unternehmers für den Traum
spielt; aber der Unternehmer, der, wie man sagt, die Idee hat und
den Drang sie in That umzusetzen, kann doch ohne Capital nichts
machen; er braucht einen Capitalisten, der den Aufwand be-
streitet, und dieser Capitalist, der den psychischen Aufwand für den
Traum beistellt, ist alle Male und unweigerlich, was immer auch der
Tagesgedanke sein mag, ein Wunsch aus dem Unbewussten.
Andere Male ist der Capitalist selbst der Unternehmer; das ist
für den Traum sogar der gewöhnlichere Fall. Es ist durch die
Tagesarbeit ein unbewusster Wunsch angeregt worden, und der
schafft nun den Traum. Auch für alle anderen Möglichkeiten des
hier als Beispiel verwendeten wirthschaftlichen Verhältnisses bleiben
die Traumvorgänge parallel; der Unternehmer kann selbst eine
Kleinigkeit an Capital mitbringen; es können mehrere Unternehmer
sich an denselben Capitalisten wenden; es können mehrere CapitalistenS.
330
gemeinsam das für die Unternehmer Erforderliche zusammensteuern. So
gibt es auch Träume, die von mehr als einem Traumwunsche getragen
werden, und dergleichen Variationen mehr, die leicht zu übersehen sind und
uns kein Interesse mehr bieten. Was an dieser Erörterung über den Traum
wunsch noch unvollständig ist, werden wir erst später ergänzen können.
Das Tertium comparationis der hier gebrauchten Gleichnisse,
die in zugemessener Menge zu freien Verfügung gestellte Quantität,
lässt noch feinere Verwendung zur Beleuchtung der Traumstructur
zu. In den meisten Träumen lässt sich ein mit besonderer sinnlicher
Intensität ausgestattetes Centrum erkennen, wie auf Seite 209 aus
geführt. Das ist in der Regel die directe Darstellung der Wunsch
erfüllung, denn, wenn wir die Verschiebungen der Traumarbeit rück-
gängig machen, finden wir die psychische Intensität der Elemente in
den Traumgedanken durch die sinnliche Intensität der Elemente im
Trauminhalt ersetzt. Die Elemente in der Nähe der Wunscherfüllung
haben mit deren Sinn oft nichts zu thun, sondern erweisen sich als Ab-
kömmlinge peinlicher, dem Wunsch zuwiderlaufender Gedanken.
Durch den oft künstlich hergestellten Zusammenhang mit dem centralen
Element haben sie aber soviel Intensität abbekommen, dass sie zur
Darstellung fähig geworden sind. So diffundirt die darstellende Kraft
der Wunscherfüllung über eine gewisse Sphäre von Zusammenhang,
innerhalb deren alle Elemente, auch die an sich mittellosen, zur Dar-
stellung gehoben werden. Bei Träumen mit mehreren treibenden
Wünschen gelingt es leicht, die Sphären der einzelnen Wunscherfüllungen
von einander abzugrenzen, oft auch die Lücken im Traume als Grenz-
zonen zu verstehen.Wenn wir auch die Bedeutung der Tagesreste für den Traum
durch die vorstehenden Bemerkungen eingeschränkt haben, so ver-
lohnt es doch der Mühe, ihnen noch einige Aufmerksamkeit zu
schenken. Sie müssen doch ein nothwendiges Ingrediens der Traum-
bildung sein, wenn uns die Erfahrung mit der Thatsache überraschen
kann, dass jeder Traum eine Anknüpfung an einen recenten Tages-
eindruck, oft der gleichgiltigsten Art, mit in seinem Inhalt erkennen
lässt. Die Nothwendigkeit für diesen Zusatz zur Traummischung ver-
mochten wir noch nicht einzusehen. (Seite 124) Sie ergibt sich auch nur,
wenn man an der Rolle des unbewussten Wunsches festhält und
dann die Neurosenpsychologie um Auskunft befragt. Aus dieser er-
fährt man, dass die unbewusste Vorstellung als solche überhaupt
unfähig ist in's Vorbewusste einzutreten, und dass sie dort nur eine
Wirkung zu äussern vermag, indem sie sich mit einer harmlosen,
dem Vorbewussten bereits angehörigen Vorstellung in Verbindung
setzt, auf sie ihre Intensität überträgt und sich durch sie decken
lässt. Es ist dies die Thatsache der Uebertragung, welche für
so viele auffällige Vorfälle im Seelenleben der Neurotiker die Auf-
klärung enthält. Die Uebertragung kann die Vorstellung aus dem Vor-
bewussten, welche somit zu einer unverdient grossen Intensität ge-
langt, unverändert lassen, oder ihr selbst eine Modification durch denS.
331
Die Uebertragung an die Tagesreste.
Inhalt der übertragenden Vorstellung aufdrängen. Man verzeihe mir
die Neigung zu Gleichnissen aus dem täglichen Leben, aber ich bin
versucht zu sagen, die Verhältnisse liegen für die verdrängte Vor-
stellung ähnlich wie in unserem Vaterlande für den amerikanischen
Zahnarzt, der seine Praxis nicht ausüben darf, wenn er sich nicht eines
rite promovirten Doctors der Medicin als Aushängeschild und Deckung
von dem Gesetz bedient. Und ebenso wie es nicht gerade die be-
schäftigsten Aerzte sind, die solche Alliancen mit den Zahntechniker
eingehen, so werden auch im Psychischen nicht jene vorbewussten
oder bewussten Vorstellungen zur Deckung einer verdrängten erkoren,
die selbst genügend von der im Vorbewussten thätigen Aufmerk-
keit auf sich gezogen haben. Das Unbewusste umspinnt mit seinen
Verbindungen vorzugsweise jene Eindrücke und Vorstellungen des
Vorbewussten, die entweder als indifferent ausser Beachtung geblieben
sind, oder denen diese Beachtung durch Verwerfung alsbald wieder
entzogen wurde. Es ist ein bekannter Satz aus der Associationslehre,
durch alle Erfahrung bestätigt, dass Vorstellungen, die eine sehr
innige Verbindung nach der einen Seite angeknüpft haben, sich wie
ablehnend gegen ganze Gruppen von neuen Verbindungen verhalten;
ich habe einmal den Versuch gemacht, eine Theorie der hysterischen
Lähmungen auf diesen Satz zu begründen.Wenn wir annehmen, dass das nämliche Bedürfnis zur Ueber-
tragung von den verdrängten Vorstellungen aus, das uns die Analyse
der Neurosen kennen lehrt, sich auch im Traume geltend macht, so
erklären sich auch mit einem Schlage zwei der Räthsel des Traumes,
dass jede Traumanalyse eine Verwebung eines recenten Eindruckes
nachweist, und dass dies recente Element oft von der gleichgiltigsten
Art ist. Wir fügen hinzu, was wir bereits an anderer Stelle gelernt
haben, dass diese recenten und indifferenten Elemente als Ersatz der
allerältesten aus den Traumgedanken darum so häufig in den Traum-
inhalt gelangen, weil sie gleichzeitig von der Widerstandscensur am
wenigsten zu befürchten haben. Während aber die Censurfreiheit
uns nur die Bevorzugung der trivialen Elemente aufklärt, lässt die
Constanz der recenten Elemente auf die Nöthigung zur Uebertragung
durchblicken. Dem Anspruch des Verdrängten auf noch associations-
freies Material genügen beide Gruppen von Eindrücken, die indifferenten,
weil sie zu ausgiebigen Verbindungen keinen Anlass geboten haben,
die recenten, weil dazu noch die Zeit gefehlt hat.Wir sehen so, dass die Tagesreste, denen wir die indifferenten
Eindrücke jetzt zurechnen dürfen, nicht nur vom Ubw etwas ent-
lehnen, wenn sie an der Traumbildung Antheil gewinnen, nämlich
die Triebkraft, über die der verdrängte Wunsch verfügt, sondern
dass sie auch dem Unbewussten etwas unentbehrliches bieten, die noth-
wendige Anheftung zur Uebertragung. Wollten wir hier in die
seelischen Vorgänge tiefer eindringen, so müssten wir das Spiel der
Erregungen zwischen Vorbewusstem und Unbewusstem schärfer be-S.
332
leuchten, wozu wohl das Studium der Psychoneurosen drängt, aber
gerade der Traum keinen Anhalt bietet.Nur noch eine Bemerkung über die Tagesreste. Es ist kein
Zweifel, dass sie die eigentlichen Störer des Schlafes sind, und nicht
der Traum, der sich vielmehr bemüht den Schlaf zu hüten. Hierauf
werden wir noch später zurückkommen.Wir haben bisher den Traumwunsch verfolgt, ihn aus dem
Gebiet des Ubw abgeleitet und sein Verhältnis zu den Tagesresten
zergliedert, die ihrerseits Wünsche sein können oder psychische
Regungen irgend welcher anderen Art oder einfach recente Eindrücke.
Wir haben so Raum geschaffen für die Ansprüche, die man zu
Gunsten der traumbildenden Bedeutung der wachen Denkarbeit in
all ihrer Mannigfaltigkeit erheben kann. Es wäre nicht einmal un-
möglich, dass wir auf Grund unserer Gedankenreihe selbst jene
extremen Fälle aufklären, in denen der Traum als Fortsetzer der
Tagesarbeit eine ungelöste Aufgabe des Wachens zum glücklichen
Ende bringt. Es mangelt uns nur an einem Beispiel solcher Art,
um durch dessen Analyse die infantile oder verdrängte Wunschquelle
aufzudecken, deren Heranziehung die Bemühung der vorbewussten
Thätigkeit so erfolgreich verstärkt hat. Wir sind aber um keinen
Schritt der Lösung des Räthsels näher gekommen, warum das Un-
bewusste im Schlafe nichts anderes bieten kann als die Triebkraft
zu einer Wunscherfüllung? Die Beantwortung dieser Frage muss
ein Licht auf die psychische Natur des Wünschens werfen; sie soll
an der Hand des Schemas vom psychischen Apparat gegeben werden.Wir zweifeln nicht daran, dass auch dieser Apparat seine heutige
Vollkommenheit erst über den Weg einer langen Entwickelung er-
reicht hat. Versuchen wir’s, ihn in eine frühere Stufe seiner Leistungs-
fähigkeit zurückzuversetzen. Anderswie zu begründende Annahmen
sagen uns, dass der Apparat zunächst dem Bestreben folgte, sich
möglichst reizlos zu erhalten, und darum in seinem ersten Aufbau
das Schema des Reflexapparates annahm, das ihm gestattete, eine von
aussen an ihn anlangende sensible Erregung alsbald auf motorischem
Wege abzuführen. Aber die Noth des Lebens stört diese einfache
Function; ihr verdankt der Apparat auch den Anstoss zur weiteren
Ausbildung. In der Form der grossen Körperbedürfnisse tritt die
Noth des Lebens zuerst an ihn heran. Die durch das innere Be-
dürfnis gesetzte Erregung wird sich einen Abfluss in die Motilität
suchen, die man als „Innere Veränderung“ oder als „Ausdruck der
Gemüthsbewegung“ bezeichnen kann. Das hungerige Kind wird hilf-
los schreien oder zappeln. Die Situation bleibt aber unverändert,
denn die vom inneren Bedürfnis ausgehende Erregung entspricht nicht
einer momentan stossenden, sondern einer continuirlich wirkenden
Kraft. Eine Wendung kann erst eintreten, wenn auf irgend einem
Wege, beim Kinde durch fremde Hilfeleistung, die Erfahrung des
Befriedigungserlebnisses gemacht wird, das den inneren ReizS.
333
Das Wünschen als primäre Thätigkeit des Unbewussten.
aufhebt. Ein wesentlicher Bestandtheil dieses Erlebnisses ist das Er-
scheinen einer gewissen Wahrnehmung (der Speise im Beispiel), deren
Erinnerungsbild von jetzt an mit der Gedächtnisspur der Bedürfnis-
erregung associirt bleibt. Sobald dies Bedürfnis ein nächstes Mal
auftritt, wird sich, Dank der hergestellten Verknüpfung, eine psychische
Regung ergeben, welche das Erinnerungsbild jener Wahrnehmung
wieder besetzen und die Wahrnehmung selbst wieder hervorrufen,
also eigentlich die Situation der ersten Befriedigung wiederherstellen
will. Eine solche Regung ist das, was wir einen Wunsch heissen;
das Wiedererscheinen der Wahrnehmung ist die Wunscherfüllung,
und die volle Besetzung der Wahrnehmung von der Bedürfnisregung
her der kürzeste Weg zur Wunscherfüllung. Es hindert uns nichts,
einen primitiven Zustand des psychischen Apparates anzunehmen,
in dem dieser Weg wirklich so begangen wird, das Wünschen also
in ein Halluciniren ausläuft.*) Diese erste psychische Thätigkeit zielt
also auf eine Wahrnehmungsidentität, nämlich auf die Wieder-
holung jener Wahrnehmung, welche mit der Befriedigung des Bedürf-
nisses verknüpft ist.Eine bittere Lebenserfahrung muss diese primitive Denkthätig-
keit zu einer zweckmässigeren, secundären, modificirt haben. Die
Herstellung der Wahrnehmungsidentität auf dem kurzen regredienten
Wege im Innern des Apparates hat an anderer Stelle nicht die Folge,
welche mit der Besetzung derselben Wahrnehmung von aussen her
verbunden ist. Die Befriedigung tritt nicht ein, das Bedürfnis dauert
fort. Um die innere Besetzung der äusseren gleichwerthig zu machen,
müsste dieselbe fortwährend aufrecht erhalten werden, wie es in den
hallucinatorischen Psychosen und in den Hungerphantasien auch
wirklich geschieht, die ihre psychische Leistung in der Festhaltung
des gewünschten Objectes erschöpfen. Um eine zweckmässigere Ver-
wendung der psychischen Kraft zu erreichen, wird es nothwendig,
die volle Regression aufzuhalten, so dass sie nicht über das Er-
innerungsbild hinausgeht und von diesem aus andere Wege suchen kann,
die schliesslich zur Herstellung der gewünschten Identität von der
Aussenwelt her führen. Diese Hemmung sowie die darauf folgende
Ablenkung der Erregung wird zur Aufgabe eines zweiten Systems,
welches die willkürliche Motilität beherrscht, d. h. an dessen Leistung
sich erst die Verwendung der Motilität zu vorher erinnerten Zwecken
anschliesst. All’ die complicirte Denkthätigkeit aber, welche sich
vom Erinnerungsbild bis zur Herstellung der Wahrnehmungsidentität
durch die Aussenwelt fortspinnt, stellt doch nur einen durch die Er-
fahrung nothwendig gewordenen Umweg zur Wunscherfüllung
dar.*) Das Denken ist doch nichts anderes als der Ersatz des hallucina-
torischen Wunsches, und wenn der Traum eine Wunscherfüllung ist,
*) Von der Wunscherfüllung des Traumes rühmt Le Lorrain45) mit Recht:
„Sans fatigue sérieuse, sans être obligé de recourir à cette lutte opiniâtre et longue
qui use et corrode les jouissances poursuivies.“S.
334
so wird das eben selbstverständlich, da nichts anderes als ein Wunsch
unseren seelischen Apparat zur Arbeit anzutreiben vermag. Der
Traum, der seine Wünsche auf kurzem regredienten Wege erfüllt,
hat uns hiemit nur eine Probe der primären, als unzweckmässig ver-
lassenen Arbeitsweise des psychischen Apparates aufbewahrt. In das
Nachtleben scheint verbannt, was einst im Wachen herrschte, als
das psychische Leben noch jung und untüchtig war, etwa wie wir
in der Kinderstube die abgelegten primitiven Waffen der erwachsenen
Menschheit, Pfeil und Bogen, wiederfinden. Das Träumen ist ein
Stück des überwundenen Kinderseelenlebens. In den
Psychosen werden diese sonst im Wachen unterdrückten Arbeitsweisen
des psychischen Apparates sich wiederum Geltung erzwingen und
dann ihre Unfähigkeit zur Befriedigung unserer Bedürfnisse gegen
die Aussenwelt an den Tag legen.Die unbewussten Wunschregungen streben offenbar auch bei
Tage sich geltend zu machen, und die Thatsache der Uebertragung,
sowie die Psychosen belehren uns, dass sie auf dem Wege durch
das System des Vorbewussten zum Bewusstsein und zur Beherrschung
der Motilität durchdringen möchten. In der Censur zwischen Ubw
und Vbw, deren Annahme uns der Traum geradezu aufnöthigt, haben
wir also den Wächter unserer geistigen Gesundheit zu erkennen und zu
ehren. Ist es nun nicht eine Unvorsichtigkeit dieses Wächters, dass
er zur Nachtzeit seine Thätigkeit verringert, die unterdrückten
Regungen des Ubw zum Ausdrucke kommen lässt, die hallucinotorische
Regression wieder ermöglicht? Ich denke nicht, denn wenn sich der
kritische Wächter zur Ruhe begibt, – wir haben die Beweise dafür,
dass er doch nicht tief schlummert – so schliesst er auch das Thor
zur Motilität. Welche Regungen aus dem sonst gehemmten Ubw
sich auch auf dem Schauplatz tummeln mögen, man kann sie ge-
währen lassen, sie bleiben harmlos, weil sie nicht im Stande sind,
den motorischen Apparat in Bewegung zu setzen, welcher allein die
Aussenwelt verändernd beeinflussen kann. Der Schlafzustand garantirt
die Sicherheit der zu bewachenden Festung. Minder harmlos gestaltet
es sich, wenn die Kräfteverschiebung nicht durch den nächtlichen
Nachlass im Kräfteaufwand, der kritischen Censur, sondern durch
pathologische Schwächung derselben oder durch pathologische Ver-
stärkung der unbewussten Erregungen hergestellt wird, so lange das
Vorbewusste besetzt und die Thore zur Motilität offen sind. Dann
wird der Wächter überwältigt, die unbewussten Erregungen unter-
werfen sich das Vbw, beherrschen von ihm aus unser Reden und
Handeln, oder erzwingen sich die hallucinotorische Regression und
lenken den nicht für sie bestimmten Apparat vermöge der Anziehung,
welche die Wahrnehmungen auf die Vertheilung unserer psychischen
Energie ausüben. Diesen Zustand heissen wir Psychose.Wir befinden uns da auf dem besten Wege, an dem psycho-
logischen Gerüste weiter zu bauen, das wir mit der Einfügung der
beiden Systeme Ubw und Vbw verlassen haben. Wir haben aberS.
335
Die Wunschtheorie der psycho-neurotischen Symptome.
noch Motive genug, bei der Würdigung des Wunsches als einziger
psychischer Triebkraft für den Traum zu verweilen. Wir haben die
Aufklärung entgegengenommen, dass der Traum darum jedesmal
eine Wunscherfüllung ist, weil er eine Leistung des Systems Ubw
ist, welches kein anderes Ziel seiner Arbeit als Wunscherfüllung
kennt und über keine anderen Kräfte als die der Wunschregungen
verfügt. Wenn wir nun auch nur einen Moment länger an dem Recht
festhalten wollen, von der Traumdeutung aus so weitgreifende psycho-
logische Speculationen aufzuführen, so obliegt uns die Verpflichtung
zu zeigen, dass wir durch sie den Traum in einen Zusammenhang
einreihen, welcher auch andere psychische Bildungen umfassen kann.
Wenn ein System des Ubw – oder etwas ihm für unsere Erörterungen
analoges – existirt, so kann der Traum nicht dessen einzige Aeusse-
rung sein; jeder Traum mag eine Wunscherfüllung sein, aber es muss
noch andere Formen abnormer Wunscherfüllungen geben als die
Träume. Und wirklich gipfelt die Theorie aller psychoneurotischen
Symptome in dem einen Satz, dass auch sie als Wunsch-
erfüllungen des Unbewussten aufgefasst werden müssen.
Der Traum wird durch unsere Aufklärung nur das erste Glied
einer für den Psychiater höchst bedeutungsvollen Reihe, deren
Verständnis die Lösung des rein psychologischen Antheils der
psychiatrischen Aufgabe bedeutet. Von anderen Gliedern dieser
Reihe von Wunscherfüllungen, z. B. von den hysterischen Sym-
ptomen, kenne ich aber einen wesentlichen Charakter, den ich
am Traume noch vermisse. Ich weiss nämlich aus den im Laufe
dieser Abhandlung oftmals angedeuteten Untersuchungen, dass
zur Bildung eines hysterischen Symptoms beide Strömungen unseres
Seelenlebens zusammentreffen müssen. Das Symptom ist nicht blos
der Ausdruck eines realisirten unbewussten Wunsches; es muss noch
ein Wunsch aus dem Vorbewussten dazukommen, der sich durch
das nämliche Symptom erfüllt, so dass das Symptom mindestens
zweifach determinirt wird, je einmal von einem der im Conflict
befindlichen Systeme her. Einer weiteren Ueberdeterminirung sind
– ähnlich wie beim Traum – keine Schranken gesetzt. Die Deter-
minirung, die nicht dem Ubw entstammt, ist, soviel ich sehe, regel-
mässig ein Gedankenzug der Reaktion gegen den unbewussten Wunsch,
z. B. eine Selbstbestrafung. Ich kann also ganz allgemein sagen,
ein hysterisches Symptom entsteht nur dort, wo zwei
gegensätzliche Wunscherfüllungen, jede aus der Quelle
eines anderen psychischen Systems, in einem Ausdruck
zusammentreffen können. Beispiele würden hier wenig fruchten,
da nur die vollständige Enthüllung der vorliegenden Complication
Ueberzeugung erwecken kann. Ich lasse es darum bei der Behaup-
tung und bringe ein Beispiel blos seiner Anschaulichkeit, nicht seiner
Beweiskraft wegen. Das hysterische Erbrechen also bei einer Patientin
erwies sich einerseits als die Erfüllung einer unbewussten Phantasie ausS.
336
den Pubertätsjahren, nämlich des Wunsches, fortwährend gravid zu
sein, ungezählt viele Kinder zu haben, wozu später die Erweiterung
trat: von möglichst vielen Männern. Gegen diesen unbändigen Wunsch
hatte sich eine mächtige Abwehrregung erhoben. Da die Patientin
aber durch das Erbrechen ihre Körperfülle und ihre Schönheit ver-
lieren konnte, so dass kein Mann mehr an ihr Gefallen fand, so war
das Symptom auch dem strafenden Gedankengang recht und durfte
von beiden Seiten zugelassen, zur Realität werden. Es ist dieselbe
Manier auf eine Wunscherfüllung einzugehen, welche der Parther-
königin gegen den Triumvir Crassus beliebte. Sie meinte, er habe
den Feldzug aus Goldgier unternommen; so lies sie der Leiche ge-
schmolzenes Gold in den Rachen giessen. „Hier hast du, was du dir
gewünscht hast.“ Vom Traum wissen wir bis jetzt nur, dass er eine
Wunscherfüllung des Unbewussten ausdrückt; es scheint, dass das
herrschende, vorbewusste System diese gewähren lässt, nachdem sie
ihr gewisse Entstellungen aufgenöthigt hat. Man ist auch wirklich
nicht im Stande, allgemein einen dem Traumwunsch gegensätzlichen
Gedankenzug nachzuweisen, der sich wie sein Widerpart im Traume
verwirklicht. Nur hie und da sind uns in den Traumanalysen An-
zeichen von Reaktionsschöpfungen begegnet, z. B. die Zärtlich-
keit für Freund R. im Onkeltraum (Seite 96). Wir können aber die
hier vermisste Zuthut aus dem Vorbewussten an anderer Stelle auf-
finden. Der Traum darf einen Wunsch aus dem Ubw nach allerlei
Entstellungen zum Ausdruck bringen, während sich das herrschende
System auf den Wunsch zu schlafen zurückgezogen hat, und
diesen Wunsch durch Herstellung der ihm möglichen Besetzungs-
änderungen innerhalb des psychischen Apparates realisirt, endlich ihn
die ganze Dauer des Schlafes über festhält.*)
Dieser festgehaltene Wunsch des Vorbewussten zu schlafen,
wirkt nun ganz allgemein erleichternd auf die Traumbildung. Denken
wir an den Traum des Vaters, den der Lichtschein aus dem Todten-
zimmer zur Folgerung anregt, die Leiche könne in Brand gerathen
sein. Wir haben als die eine der psychischen Kräfte, die den Aus-
schlag dafür geben, dass der Vater im Traume diesen Schluss zieht,
anstatt sich durch den Lichtschein wecken zu lassen, den Wunsch
aufgewiesen, der das Leben des im Traume vorgestellten Kindes um
den einen Moment verlängert. Andere aus dem Verdrängten stam-
menden Wünsche entgehen uns wahrscheinlich, weil wir die Analyse
dieses Traumes nicht machen können. Aber als zweite Triebkraft
dieses Traumes dürfen wir das Schlafbedürfnis des Vaters hinzu-
nehmen; sowie durch den Traum das Leben des Kindes, so wird
auch der Schlaf des Vaters um einen Moment verlängert. Den Traum
gewähren lassen, heisst diese Motivierung, sonst muss ich erwachen.*)Diesen Gedanken entlehne ich der Schlaftheorie von Liébault, des Er-
weckers der hypnotischen Forschung in unseren Tagen. (Du sommeil provoqué etc.,
Paris, 1889.)S.
337
Der Antheil des Schlafwunsches am Traume.
Wie bei diesem Traume, so leiht auch bei allen anderen der Schlaf
wunsch dem unbewussten Wunsch seine Unterstützung. Wir haben
auf Seite 161 von Träumen berichtet, die sich offenkundig als Bequem
lichkeitsträume geben. Eigentlich haben alle Träume Anspruch auf
diese Bezeichnung. Bei den Weckträumen, die den äusseren Sinnes
reiz so verarbeiten, dass er mit der Fortsetzung des Schlafens ver
träglich wird, ihn in einen Traum verweben, um ihm die Ansprüche
zu entreissen, die er als Mahnung an die Aussenwelt erheben könnte,
ist die Wirksamkeit des Wunsches, weiter zu schlafen, am leichtesten
zu erkennen. Derselbe muss aber ebenso seinen Antheil an der
Gestattung aller anderen Träume haben, die nur von innen her als
Wecker am Schlafzustand rütteln können. Was das Vbw in manchen
Fällen dem Bewusstsein mittheilt, wenn der Traum es zu arg treibt:
„Aber lass’ doch und schlaf’ weiter“, es ist ja nur ein Traum; das
beschreibt, auch ohne dass es laut wird, ganz allgemein das Verhalten
unserer herrschenden Seelenthätigkeit gegen das Träumen. Ich muss
die Folgerung ziehen, dass wir den ganzen Schlafzustand
über ebenso sicher wissen, dass wir träumen, wie wir es
wissen, dass wir schlafen. Es ist durchaus nothwendig, den Ein
wand dagegen gering zu schätzen, dass unser Bewusstsein auf das
eine Wissen nie gelenkt wird, auf das andere nur bei bestimmtem
Anlass, wenn sich die Censur wie überrumpelt fühlt.d) Das Wecken durch den Traum. Die Function des
Traumes. Der Angsttraum.Seitdem wir wissen, dass das Vorbewusste über die Nacht auf den
Wunsch zu schlafen eingestellt ist, können wir den Traumvorgang
mit Verständnis weiter verfolgen. Wir fassen aber zunächst unsere
bisherige Kenntnis desselben zusammen. Es seien also von der
Wacharbeit Tagesreste übrig geblieben, denen sich die Energie
besetzung nicht völlig entziehen liess. Oder es sei durch die Wach
arbeit tagsüber einer der unbewussten Wünsche rege geworden, oder
es treffe beides zusammen; wir haben die hier mögliche Mannig
faltigkeit bereits erörtert. Schon im Laufe des Tages oder erst mit
Herstellung des Schlafzustandes hat der unbewusste Wunsch sich
den Weg zu den Tagesresten gebahnt, seine Uebertragung auf sie
bewerkstelligt. Es entsteht nun ein auf das recente Material über
tragener Wunsch, oder der unterdrückte recente Wunsch hat sich
durch Verstärkung aus dem Unbewussten neu belebt. Er möchte
nun auf dem normalen Wege der Gedankenvorgänge durch das Vbw,
dem er mit einem Bestandtheil ja angehört, zum Bewusstsein vor
dringen. Aber er stösst auf die Censur, die noch besteht und deren
Einfluss er jetzt unterliegt. Hier nimmt er die Entstellung an, die
schon durch die Uebertragung auf das Recente angebahnt war. Bis
jetzt ist er nun auf dem Wege, etwas ähnliches zu werden wie eineFreud, Traumdeutung.22
S.
338
Zwangs-
vorstellung, eine Wahnidee u. dgl., nämlich ein durch Ueber-
tragung verstärkter, durch Censur im Ausdruck entstellter Gedanke.
Nun aber gestattet der Schlafzustand des Vorbewussten nicht das
weitere Vordringen; wahrscheinlich hat sich das System durch Herab-
setzung seiner Erregungen gegen das Eindringen geschützt. Der
Traumvorgang schlägt also den Weg der Regression ein, der gerade
durch die Eigenthümlichkeit des Schlafzustandes eröffnet ist, und
folgt dabei der Anziehung, welche Erinnerungsgruppen auf ihn aus-
üben, die zum Theil selbst nur als visuelle Besetzungen, nicht als
Uebersetzung in die Zeichen der späteren Systeme vorhanden sind.
Auf dem Wege zur Regression erwirbt er die Darstellbarkeit. Von
der Compression werden wir später handeln. Er hat jetzt das zweite
Stück seines mehrmals geknickten Verlaufes zurückgelegt. Das erste
Stück spann sich progredient von den unbewussten Scenen oder
Phantasien zum Vorbewussten; das zweite Stück strebt von der
Censurgrenze an wieder zu den Wahrnehmungen hin. Wenn der
Traumvorgang aber Wahrnehmungsinhalt geworden ist, so hat er
das ihm durch Censur und Schlafzustand im Vbw gesetzte Hindernis
gleichsam umgangen. Es gelingt ihm, Aufmerksamkeit auf sich zu
ziehen und vom Bewusstsein bemerkt zu werden. Das Bewusstsein
nämlich, dass uns ein Sinnesorgan für die Auffassung psychischer
Qualitäten bedeutet, ist im Wachen von zwei Stellen her erregbar.
Von der Peripherie des ganzen Apparates, dem Wahrnehmungs-
system, in erster Linie; ausserdem von den Lust- und Unlust-
erregungen, die sich als einzige psychische Qualität bei den Energie-
umsetzungen im Innern des Apparates ergeben. Alle Vorgänge in
den W-Systemen sonst, auch die im Vbw, entbehren jeder psychischen
Qualität und sind darum kein Object des Bewusstseins, insoferne
sie ihm nicht Lust oder Unlust zur Wahrnehmung liefern. Wir
werden uns zur Annahme entschliessen müssen, dass diese Lust-
und Unlustentbindungen automatisch den Ablauf der
Besetzungsvorgänge reguliren. Es hat sich aber später die
Nothwendigkeit herausgestellt, zur Ermöglichung feinerer Leistungen
den Vorstellungsablauf unabhängiger von den Unlustzeichen zu gestalten.
Zu diesem Zwecke bedurfte das Vbw-System eigener Qualitäten, die das
Bewusstsein anziehen könnten, und erhielt sie höchst wahrscheinlich
durch die Verknüpfung der vorbewussten Vorgänge mit dem nicht qua-
litätslosen Erinnerungssystem der Sprachzeichen. Durch die Qualitäten
dieses Systems wird jetzt das Bewusstsein, das vorher nur Sinnes-
organ für die Wahrnehmungen war, auch zum Sinnesorgan für einen
Theil unserer Denkvorgänge. Es gibt jetzt gleichsam zwei Sinnes-
oberflächen, die eine dem Wahrnehmen, die andere den vorbewussten
Denkvorgängen zugewendet.Ich muss annehmen, dass die dem Vbw zugewendete Sinnes-
fläche des Bewusstseins durch den Schlafzustand weit unerregbarer
gemacht wird, als die gegen die W-Systeme gerichtete. Das Auf-S.
339
geben des Interesses für die nächtlichen Denkvorgänge ist ja auch
zweckmässig. Es soll im Denken nichts vorfallen, das Vbw verlangt
zu schlafen. Ist der Traum aber einmal Wahrnehmung geworden,
so vermag er durch die jetzt gewonnenen Qualitäten das Bewusstsein
zu erregen. Diese Sinnerregung leistet das, worin überhaupt ihre
Function besteht; sie dirigirt einen Theil der im Vbw verfügbaren
Besetzungsenergie als Aufmerksamkeit auf das Erregende. So muss
man also zugeben, dass der Traum jedesmal weckt, einen Theil
der ruhenden Kraft des Vbw in Thätigkeit versetzt. Er erfährt nun
von dieser jene Beeinflussung, die wir als secundäre Bearbeitung mit
Rücksicht auf Zusammenhang und Verständlichkeit bezeichnet haben.
Das will besagen, der Traum wird von ihr behandelt wie jeder
andere Wahrnehmungsinhalt; er wird denselben Erwartungsvor-
stellungen unterzogen, soweit sein Material sie eben zulässt. Soweit
bei diesem dritten Stück des Traumvorganges eine Ablaufsrichtung
in Betracht kommt, ist es wieder die progrediente.Zur Verhütung von Missverständnissen wird ein Wort über
die zeitlichen Eigenschaften dieser Traumvorgänge wohl angebracht
sein. Ein sehr anziehender Gedankengang Goblot’s29), der offenbar
durch das Räthsel des Maury’schen Guillotinentraumes angeregt ist,
sucht darzuthun, dass der Traum keine andere Zeit in Anspruch
nimmt als die der Uebergangsperiode zwischen Schlafen und Erwachen.
Das Erwachen braucht Zeit; in dieser Zeit fällt der Traum vor.
Man meint, das letzte Bild des Traumes war so stark, dass es zum
Erwachen nöthigte. In Wirklichkeit war es nur darum so stark,
weil wir bei ihm dem Erwachen schon so nahe waren. „Un rêve
c’est un réveil qui commence“.Es ist schon von Dugas18) hervorgehoben worden, dass Goblot
viel Thatsächliches besitzen muss, um seine These allgemein zu
halten. Es gibt auch Träume, aus denen man nicht erwacht, z. B.
manche, in denen man träumt, dass man träumt. Nach unserer Kenntnis
der Traumarbeit können wir unmöglich zugeben, dass sie sich nur
über die Periode des Erwachens erstrecke. Es muss uns im Gegen-
theil wahrscheinlich werden, dass das erste Stück der Traumarbeit
bereits am Tage, noch unter der Herrschaft des Vorbewussten
beginnt. Das zweite Stück derselben, die Veränderung durch die
Censur, die Anziehung durch die unbewussten Scenen, das Durch-
dringen zur Wahrnehmung, das geht wohl die ganze Nacht hindurch
fort, und insoferne dürfen wir immer Recht haben, wenn wir eine
Empfindung angeben, wir hätten die ganze Nacht geträumt, auch
wenn wir nicht zu sagen wissen, was. Ich glaube aber nicht, dass
es nothwendig ist anzunehmen, die Traumvorgänge hielten bis zum
Bewusstwerden wirklich die zeitliche Folge ein, die wir beschrieben
haben; es sei zuerst der übertragene Traumwunsch vorhanden, dann
gehe die Entstellung durch die Censur vor sich, darauf folge die
Richtungsänderung zur Regression u. s. w. Wir haben eine solcheS.
340
Succession bei der Beschreibung herstellen müssen: in Wirklichkeit
handelt es sich wohl vielmehr um gleichzeitiges Erproben dieser
und jener Wege, um ein Hin-
endlich durch deren zweckmässigste Anhäufung gerade die eine
Gruppirung die bleibende wird. Ich möchte selbst nach gewissen
persönlichen Erfahrungen glauben, dass die Traumarbeit oft mehr
als einen Tag und eine Nacht braucht, um ihr Ergebnis zu liefern,
wobei dann die ausserordentliche Kunst im Aufbau des Traumes
alles Wunderbare verliert. Selbst die Rücksicht auf die Verständ-
lichkeit als Wahrnehmungsereignis kann meiner Meinung nach zur
Wirkung kommen, ehe der Traum das Bewusstsein an sich zieht.
Von da an erfährt der Vorgang allerdings eine Beschleunigung, da
der Traum ja jetzt dieselbe Behandlung erfährt wie etwas anderes
Wahrgenommenes. Es ist wie mit einem Feuerwerk, das Stunden
lang hergerichtet und dann in einem Moment entzündet wird.
Durch die Traumarbeit gewinnt der Traumvorgang nun entweder
die genügende Intensität, um das Bewusstsein auf sich zu ziehen und
das Vorbewusste zu wecken, ganz unabhängig von der Zeit und
Tiefe des Schlafes; oder seine Intensität ist dazu nicht genügend,
und er muss bereit bleiben, bis ihm unmittelbar vor dem Erwachen
die beweglicher gewordene Aufmerksamkeit entgegenkommt. Die
meisten Träume scheinen mit vergleichsweise geringen psychischen
Intensitäten zu arbeiten, denn sie warten das Erwachen ab. Es
erklärt sich so aber auch, dass wir in der Regel etwas Geträumtes
wahrnehmen, wenn man uns plötzlich aus tiefem Schlafe reisst. Der
erste Blick dabei wird beim spontanen Erwachen trifft den von der
Traumarbeit geschaffenen Wahrnehmungsinhalt, der nächste dann
den von aussen gegebenen.
Das grössere theoretische Interesse wendet sich aber den
Träumen zu, die mitten im Schlafe zu wecken vermögen. Man darf
der sonst überall nachweisbaren Zweckmässigkeit gedenken und sich
fragen, warum dem Traum, also dem unbewussten Wunsch, die
Macht gelassen wird, den Schlaf, also die Erfüllung des vorbewussten
Wunsches, zu stören. Es muss das wohl an Energierelationen liegen,
in welche uns die Einsicht fehlt. (Besässen wir diese, so würden
wir wahrscheinlich finden, dass das Gewährenlassen des Traumes
und der Aufwand einer gewissen detachirten Aufmerksamkeit für
ihn eine Ersparnis an Energie darstellt gegen den Fall, dass das
Unbewusste Nacht ebenso in Schranken gehalten werden sollte wie
Tagsüber. Wie die Erfahrung zeigt, bleibt das Träumen, selbst
wenn es mehrmals in einer Nacht den Schlaf unterbricht, mit dem
Schlafen vereinbar. Man erwacht für einen Moment und schläft
sofort wieder ein. Es ist, wie wenn man schlafend eine Fliege weg-
scheucht; man erwacht ad hoc. Wenn man wieder einschläft, hat
man die Störung beseitigt. Die Erfüllung des Schlafwunsches ist,
wie bekannte Beispiele vom Ammenschlaf u. dgl. zeigen, ganz gutS.
341
Das Wecken durch den Traum.
mit der Unterhaltung eines gewissen Aufwandes von Aufmerksamkeit
nach einer bestimmten Richtung vereinbar.Hier verlangt aber ein Einwand gehört zu werden, der auf
einer besseren Kenntnis der unbewussten Vorgänge fusst. Wir haben
selbst die unbewussten Wünsche als immer rege bezeichnet. Trotz
dem seien sie bei Tag nicht stark genug, sich vernehmbar zu
machen. Wenn aber der Schlafzustand besteht, und der unbewusste
Wunsch die Kraft gezeigt hat, einen Traum zu bilden und mit ihm
das Vorbewusste zu wecken, warum versiegt diese Kraft, nachdem
der Traum zur Kenntnis genommen worden ist? Sollte der Traum
sich nicht vielmehr fortwährend erneuern, gerade wie die störende
Fliege es liebt, immer wieder nach ihrer Vertreibung wiederzukehren?
Mit welchem Recht haben wir behauptet, dass der Traum die Schlaf-
störung beseitigt?Es ist ganz richtig, dass die unbewussten Wünsche immer rege
bleiben. Sie stellen Wege dar, die immer gangbar sind, so oft ein
Erregungsquantum sich ihrer bedient. Es ist sogar eine hervor-
ragende Besonderheit unbewusster Vorgänge, dass sie unzerstörbar
bleiben. Im Unbewussten ist nichts zu Ende zu bringen, ist nichts
vergangen oder vergessen. Man bekommt hievon den stärksten
Eindruck beim Studium der Neurosen, speciell der Hysterie. Der
unbewusste Gedankenweg, der zur Entladung im Anfall führt, ist
sofort wieder gangbar, wenn sich genug Erregung angesammelt hat.
Die Kränkung, die vor dreissig Jahren vorgefallen ist, wirkt, nachdem
sie sich den Zugang zu den unbewussten Affectquellen verschafft
hat, alle die dreissig Jahre wie eine frische. So oft ihre Erinnerung
angerührt wird, lebt sie wieder auf und zeigt sich mit Erregung
besetzt, die sich in einem Anfall motorische Abfuhr verschafft.
Gerade hier hat die Psychotherapie einzugreifen. Ihre Aufgabe ist
es, für die unbewussten Vorgänge eine Erledigung und ein Vergessen
zu schaffen. Was wir nämlich geneigt sind, für selbstverständlich
zu halten und für einen primären Einfluss der Zeit auf die seelischen
Erinnerungsreste erklären, das Abblassen der Erinnerungen und die
Affectschwäche der nicht mehr recenten Eindrücke, das sind in
Wirklichkeit secundäre Veränderungen, die durch mühevolle Arbeit
zu Stande kommen. Es ist das Vorbewusste, welches diese Arbeit
leistet, und die Psychotherapie kann keinen andern Weg einschlagen,
als das Ubw der Herrschaft des Vbw zu unterwerfen.Für den einzelnen unbewussten Erregungsvorgang gibt es
also zwei Ausgänge. Entweder er bleibt sich selbst überlassen, dann
bricht er endlich irgendwo durch und schafft seiner Erregung für
dies eine Mal einen Abfluss in die Motilität, oder er unterliegt der
Beeinflussung des Vorbewussten, und seine Erregung wird durch das
selbe gebunden anstatt abgeführt. Letzteres aber geschieht
beim Traumvorgang. Die Besetzung, die den zur Wahrnehmung
gewordenen Traum von Seiten des Vbw entgegenkommt, weil sie durchS.
342
die Bewußtseinserregung hingelenkt worden ist, bindet die unbewußte
Erregung des Traumes und macht sie als Störung unschädlich.
Wenn der Träumer für einen Augenblick erwacht, so hat er wirk-
lich die Fliege weggescheucht, die den Schlaf zu stören drohte.
Es kann uns jetzt auch nicht mehr zweckmäßiger und wohl-
feiler war, den unbewussten Wunsch gewähren zu lassen, ihm den
Weg zur Regression frei zu geben, damit er einen Traum bilde,
und dann diesen Traum durch einen kleinen Aufwand von vor-
bewußter Arbeit zu binden und zu erledigen, als das Unbewußte
auch die ganze Zeit des Schlafens über im Zaume zu halten. Es stand
ja zu erwarten, daß der Traum, auch wenn er ursprünglich kein
zweckmäßiger Vorgang war, im Kräftespiel des seelischen Lebens
sich einer Function bemächtigt haben würde. Wir sehen, welches
diese Function ist. Er hat die Aufgabe übernommen, die frei
gelassene Erregung des Ubw wieder unter die Herrschaft des Vor-
bewußten zu bringen; er führt dabei die Erregung des Ubw ab,
dient ihm als Ventil und sichert gleichzeitig gegen einen geringen
Aufwand an Wachthätigkeit den Schlaf des Vorbewußten. So stellt
er sich als ein Compromiß, ganz wie die anderen psychischen Bil-
dungen seiner Reihe, gleichzeitig in den Dienst der beiden Systeme,
indem er beider Wünsche, insoweit sie mit einander verträglich
sind, erfüllt. Ein Blick auf die Seite 55 mitgetheilte Robert’sche
„Ausscheidungstheorie“ wird zeigen, daß wir diesem Autor in der
Hauptsache, in der Bestimmung der Function des Traumes, Recht
geben müssen, während wir in den Voraussetzungen und in der
Würdigung des Traumvorganges von ihm abweichen.
Die Einschränkung, insofern beide Wünsche mit ein-
ander verträglich sind, enthält einen Hinweis auf die möglichen
Fälle, in denen die Function des Traumes zum Scheitern gelangt. Der
Traumvorgang wird zunächst als Wunscherfüllung des Unbewußten zu
gelassen; wenn diese versuchte Wunscherfüllung am Vorbewußten
so intensiv rüttelt, daß dies seine Ruhe nicht mehr bewahren kann,
so hat der Traum das Compromiß gebrochen, das andere Stück
seiner Aufgabe nicht mehr erfüllt. Er wird dann sofort abgebrochen
und durch das volle Erwachen ersetzt. Es ist eigentlich auch hier
nicht die Schuld des Traumes, wenn er, sonst der Hüter des Schlafes,
als Störer desselben auftreten muß, und braucht uns gegen seine
Zweckmäßigkeit nicht einzunehmen. Es ist dies nicht der einzige
Fall im Organismus, daß eine sonst zweckmäßige Einrichtung
unzweckmäßig und störend wird, sobald an den Bedingungen ihres
Entstehens etwas geändert ist, und dann dient die Störung wenigstens
dem neuen Zweck, die Veränderung anzuzeigen und die Regulierungs-
mittel des Organismus wider sie wach zu rufen. Ich habe natürlich
den Fall des Angsttraumes im Auge, und um nicht dem Anscheine
Recht zu geben, daß ich diesem Zeugen gegen die Theorie der
Wunscherfüllung ausweiche, wo immer ich auf ihn stoße, will ichS.
343
der Erklärung des Angsttraumes wenigstens mit Andeutungen näher
treten.Dass ein psychischer Vorgang, der Angst entwickelt, darum
doch eine Wunscherfüllung sein kann, enthält für uns längst keinen
Widerspruch mehr. Wir wissen uns das Vorkommnis so zu
erklären, dass der Wunsch dem einen System, dem Ubw, angehört,
während das System des Vbw diesen Wunsch verworfen und unter-
drückt hat. Die Unterwerfung des Ubw durch das Vbw ist auch
bei völliger psychischer Gesundheit keine durchgreifende; das Mass
dieser Unterdrückung ergibt den Grad unserer psychischen Normalität.
Neurotische Symptome zeigen uns an, dass sich die beiden Systeme im
Conflict mit einander befinden; sie sind die Compromissergebnisse
dieses Conflicts, die ihm ein vorläufiges Ende setzen. Sie gestatten
einerseits dem Ubw einen Ausweg für den Abfluss seiner Erregung,
dienen ihm als Ausfallsthor und geben doch andererseits dem Vbw
die Möglichkeit, das Ubw einigermassen zu beherrschen. Lehrreich
ist es z. B. die Bedeutung einer hysterischen Phobie oder der Platzangst
in Betracht zu ziehen. Ein Neurotiker sei unfähig allein über die
Strasse zu gehen, was wir mit Recht als „Symptom“ anführen.
Man helfe nun dieses Symptom auf, indem man ihm zu dieser
Handlung nöthigt, für die er sich unfähig glaubt. Es erfolgt dann
ein Angstanfall, wie auch oft ein Angstanfall auf der Strasse die
Veranlassung für die Herstellung der Platzangst geworden ist. Wir
erfahren so, dass das Symptom constituirt worden ist, um den Aus-
bruch der Angst zu verhüten; die Phobie ist der Angst wie eine
Grenzfestung vorgelegt.Unsere Erörterung lässt sich nicht weiter führen, wenn wir
nicht auf die Rolle der Affecte bei diesen Vorgängen eingehen, was
aber hier nur unvollkommen möglich ist. Stellen wir also den Satz
auf, dass die Unterdrückung des Ubw vor Allem darum nothwendig
wird, weil der sich selbst überlassene Vorstellungsablauf im Ubw
einen Affect entwickeln würde, der ursprünglich den Charakter der
Lust hatte, aber seit dem Vorgang der Verdrängung den Charakter
der Unlust trägt. Die Unterdrückung hat den Zweck, aber auch
den Erfolg, diese Unlustentwicklung zu verhüten. Die Unter-
drückung erstreckt sich auf den Vorstellungsinhalt des Ubw, weil
vom Vorstellungsinhalt her die Entbindung der Unlust erfolgen könnte.
Eine ganz bestimmte Annahme über die Natur der Affectentwicklung
ist hier zu Grunde gelegt. Dieselbe wird als eine motorische oder
sekretorische Leistung angesehen, zu welcher der Innervationsschlüssel
in den Vorstellungen des Ubw gelegen ist. Durch die Beherrschung
von Seiten des Vbw werden diese Vorstellungen gleichsam gedrosselt,
an der Aussendung der Affect entwickelnden Impulse gehemmt. Die
Gefahr, wenn die Besetzung von Seiten des Vbw aufhört, besteht
also darin, dass die unbewussten Erregungen solchen Affect entbinden,
der – in Folge der früher stattgehabten Verdrängung – nur als
Unlust, als Angst verspürt werden kann.S.
344
Diese Gefahr wird durch das Gewährenlassen des Traumvor-
ganges entfesselt. Die Bedingungen für deren Realisirung liegen
darin, dass Verdrängungen stattgefunden haben, und dass die unter-
drückten Wunschregungen stark genug werden können. Sie stehen
also ganz ausserhalb des psychologischen Rahmens der Traumbildung.
Wäre es nicht, dass unser Thema durch dies eine Moment, die
Befreiung des Urtriebs während des Schlafes, mit dem Thema der
Angstentwickelung zusammenhinge, so könnte ich auf die Besprechung
des Angsttraumes verzichten und mir alle ihm anhängenden Dunkel-
heiten hier ersparen.Die Lehre vom Angsttraum gehört, wie ich schon wiederholt
ausgesprochen habe, in die Neurosenpsychologie. Wir haben weiter-
nichts mit ihr zu schaffen, nachdem wir einmal ihre Berührungs-
stelle mit dem Thema des Traumvorganges aufgezeigt haben. Ich
kann nur noch eines thun. Da ich behauptet habe, dass die neu-
rotische Angst aus sexuellen Quellen stammt, kann ich Angstträume
der Analyse unterziehen, um das sexuelle Material in deren Traum-
gedanken nachzuweisen.Aus guten Gründen verzichte ich hier auf alle die Beispiele,
die mir neurotische Patienten in reicher Fülle bieten, und bevorzuge
Angstträume von jugendlichen Personen.Ich selbst habe seit Jahrzehnten keinen eigentlichen Angsttraum
mehr gehabt. Aus meinem siebenten oder achten Jahre erinnere
ich mich an einen solchen, den ich etwa 30 Jahre später der
Deutung unterworfen habe. Er war sehr lebhaft, und zeigte mir
die geliebte Mutter mit eigenthümlich ruhigem, schla-
fendem Gesichtsausdruck, die von zwei (oder drei)
Personen mit Vogelschnäbeln in’s Zimmer getragen
und auf’s Bett gelegt wird. Ich erwachte weinend und
schreiend und störte den Schlaf der Eltern. Die – eigenthümlich
drapirten – überlangen Gestalten mit Vogelschnäbeln hatte ich
den Illustrationen der Philippson’schen Bibel entnommen; ich
glaube, es waren Götter mit Sperberköpfen von einem ägyptischen
Grabrelief. Sonst aber liefert mir die Analyse die Erinnerung an
einen ungezogenen Hausmeistersjungen, der mit uns Kindern auf
der Wiese vor dem Hause zu spielen pflegte; und ich möchte sagen,
der hiess Philipp. Es ist mir dann, als hätte ich von dem Knaben
zuerst das vulgäre Wort gehört, welches den sexuellen Verkehr
bezeichnet und von den Gebildeten nur durch ein lateinisches,
durch „coitiren“ ersetzt wird, das aber durch die Auswahl der
Sperberköpfe deutlich genug gekennzeichnet ist. Ich muss die
sexuelle Bedeutung des Wortes aus der Miene des welterfahrenen
Lehrmeisters errathen haben. Der Gesichtsausdruck der Mutter im
Traume war vom Angesicht des Grossvaters copirt, den ich einige
Tage vor seinem Tode im Coma schnarchend gesehen hatte. Die
Deutung der secundären Bearbeitung im Traume muss also gelautetS.
345
haben, dass die Mutter stirbt, auch das Grabrelief stimmt dazu.
In dieser Angst erwachte ich und liess nicht ab, bis ich die Eltern
geweckt hatte. Ich erinnere mich, dass ich mich plötzlich beruhigte,
als ich die Mutter zu Gesicht bekam, als ob ich die Beruhigung
bedurft hätte: sie ist also nicht gestorben. Diese secundäre Deutung
des Traumes ist aber schon unter dem Einfluss der entwickelten
Angst geschehen. Nicht dass ich ängstlich war, weil ich geträumt
hatte, dass die Mutter stirbt; sondern ich deutete den Traum in der
vorbewussten Bearbeitung so, weil ich schon unter der Herrschaft
der Angst stand. Die Angst aber lässt sich mittelst der Verdrängung
zurückführen auf ein dunkles, offenkundig sexuelles Gelüste, das in
dem visuellen Inhalt des Traumes seinen guten Ausdruck gefunden hatte.
Ein 27jähriger Mann, der seit einem Jahre schwer leidend ist,
hat zwischen 11 und 13 Jahren wiederholt unter schwerer Angst
geträumt, dass ein Mann mit einer Hacke ihm nachsetzt;
er möchte laufen, ist aber wie gelähmt und kommt
nicht von der Stelle. Das ist wohl ein gutes Muster eines sehr
gemeinen und sexuell unverdächtigen Angsttraumes. Bei der Analyse
geräth der Träumer zuerst auf eine, der Zeit nach spätere, Erzählung
seines Onkels, dass er auf der Strasse von einem verdächtigen
Individuum nächtlich angefallen wurde, und schliesst selbst aus
diesem Einfall, dass er zur Zeit des Traumes von einem ähnlichen
Erlebnis gehört haben kann. Zur Hacke erinnert er, dass er sich
in jener Lebenszeit einmal beim Holzverkleinern mit der Hacke an
der Hand verletzt. Er geräth dann unvermittelt auf sein Verhältnis
zu seinem jüngeren Bruder, den er zu misshandeln und hinzuwerfen
pflegte, erinnert sich speciell eines Males, wo er ihn mit dem
Stiefel an den Kopf traf, so dass er blutete und die Mutter dann
äusserte: Ich habe Angst, er wird ihn noch einmal umbringen.
Während er so beim Thema der Gewaltthat festgehalten scheint,
taucht ihm plötzlich eine Erinnerung aus dem neunten Lebensjahr
auf. Die Eltern waren spät nach Hause gekommen, gingen, während
er sich schlafend stellte, zu Bette, und er hörte dann ein Keuchen
und andere Geräusche, die ihm unheimlich vorkamen, konnte auch
die Lage der Beiden im Bette errathen. Seine weiteren Gedanken
zeigen, dass er zwischen dieser Beziehung der Eltern und seinem
Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder eine Analogie hergestellt
hatte. Er subsumirte, was bei den Eltern vorfiel, unter den Begriff:
Gewaltthat und Rauferei. Ein Beweis für diese Auffassung war
ihm, dass er oft Blut im Bette der Mutter bemerkt hatte.
Dass der sexuelle Verkehr Erwachsener den Kindern, die ihn
bemerken, unheimlich vorkommt und Angst in ihnen erweckt, ist,
möchte ich sagen, Ergebnis der täglichen Erfahrung. Ich habe
für diese Angst die Erklärung gegeben, dass es sich um eine sexuelle
Erregung handelt, die von ihrem Verständnis nicht bewältigt wird,
auch wohl darum auf Ablehnung stösst, weil die Eltern in sie ver-
S.
346
flochten sind, und die darum sich in Angst verwandelt.
In einer noch früheren Lebensperiode stösst die sexuelle Regung für den
gegengeschlechtlichen Theil des Elternpaares noch nicht auf Ver-
drängung und äussert sich frei, wie wir gehört haben (Seite 178).Auf die bei Kindern so häufigen nächtlichen Angstanfälle mit
Hallucinationen (den Pavor nocturnus) würde ich dieselbe Erklärung
unbedenklich anwenden. Es kann sich auch da nur um unver-
standene und abgelehnte sexuelle Regungen handeln, bei deren Auf-
zeichnung sich auch wahrscheinlich eine zeitliche Periodicität her-
ausstellen würde, da eine Steigerung der sexuellen Libido ebensowohl
durch zufällige erregende Eindrücke, als auch durch die spontanen,
schubweise eintreffenden Entwicklungsvorgänge erzeugt werden kann.Mir fehlt es an dem erforderlichen Beobachtungsmaterial, um
diese Erklärung durchzuführen. Den Kinderärzten scheint es da-
gegen an dem Gesichtspunkte zu fehlen, der allein das Verständniss
der ganzen Reihe von Phänomenen, sowohl nach der somatischen als
auch nach der psychischen Seite gestattet. Als ein komisches Beispiel,
wie nahe man durch die Scheuklappen der medicinischen Mythologie
geblendet, am Verständniss solcher Fälle vorbeigehen kann, möchte
ich einen Fall anführen, den ich in der These über den Pavor noc-
turnus von Debacker1) 1881 (p. 66) gefunden habe.Ein 13jähriger Knabe von schwacher Gesundheit begann
ängstlich und verträumt zu werden, sein Schlaf wurde unruhig und
fast jede Woche einmal durch einen schweren Anfall von Angst mit
Hallucinationen unterbrochen. Die Erinnerung an diese Träume
war immer sehr deutlich. Er konnte also erzählen, dass der Teufel
ihn angeschrieen habe: „Jetzt haben wir dich, jetzt haben wir dich,
und dann roch es nach Pech und Schwefel, und das Feuer ver-
brannte seine Haut. Aus diesem Traum schreckte er dann auf,
konnte zuerst nicht schreien, bis die Stimme frei wurde und man
ihn deutlich sagen hörte: „Nein, nein, nicht mir, ich hab’ ja nichts
gethan,“ oder auch: „Bitte, nicht, ich werd’ es nie mehr thun“.
Einige Male sagte er auch: „Albert hat das nicht gethan.“ Er ver-
mied es später sich auszukleiden, „weil das Feuer ihn nur ergreife,
wenn er ausgekleidet sei“. Mitten aus diesen Teufelsträumen, die
seine Gesundheit in Gefahr brachten, wurde er auf’s Land geschickt,
erholte sich dort im Verlaufe von 11/2 Jahren und gestand dann
einmal 15 Jahre alt: „Je n’osais pas l’avouer, mais j’éprouvais con-
tinuellement des picotements et des surexcitations aux parties*);
à la fin, cela m’énervait tant que plusieurs fois, j’ai pensé me jeter
par la fenêtre au dortoir“.Es ist wahrlich nicht schwer zu errathen, 1) dass der Knabe
in früheren Jahren masturbirt, es wahrscheinlich geleugnet hatte und
mit schweren Strafen für seine Unart bedroht worden war. (Sein Ge-*)Von mir hervorgehoben; übrigens nicht missverständlich.
S.
347
ständnis: Je ne le ferai plus; sein Leugnen: Albert n’a jamais fait
ça;2) dass unter dem Andrang der Pubertät die Versuchung
zu masturbiren in dem Kitzel an den Genitalien wieder er-
wachte; dass aber jetzt3) ein Verdrängungskampf in ihm
losbrach, der die Libido unterdrückte und sie in Angst verwandelte,
welche Angst nachträglich die damals angedrohten Strafen aufnahm.Hören wir dagegen die Folgerungen unseres Autors (p. 69)
„Es geht aus dieser Beobachtung hervor, dass1) der Einfluss der
Pubertät bei einem Knaben von geschwächter Gesundheit einen
Zustand von grosser Schwäche herbeiführen, und dass es dabei
zu einer sehr erheblichen Gehirnanämie*) kommen kann.“2) Diese Gehirnanämie erzeugt eine Charakterveränderung,
dämonomanische Hallucinationen und sehr heftige nächtliche, vielleicht
auch tägliche Angstzustände.3) Die Dämonomanie und die Selbstvorwürfe des Knaben
gehen auf die Einflüsse der religiösen Erziehung zurück, die als
Kind auf ihn gewirkt hatten.4) Alle Erscheinungen sind in Folge eines längeren Landaufent-
haltes durch körperliche Uebung und Wiederkehr der Kräfte nach
abgelaufener Pubertät verschwunden.5) Vielleicht darf man der Heredität und der alten Syphilis des
Vaters einen prädisponirenden Einfluss auf die Entstehung des Gehirn-
zustandes beim Kinde zuschreiben.Das Schlusswort: „Nous avons fait entrer cette observation dans
le cadre des délires apyrétiques d’inanition, car c’est à l’ischémie
cérébrale que nous rattachons cet état particulier.“e) Der Primär- und der Secundärvorgang. Die Ver-
drängung.Indem ich den Versuch wagte, tiefer in die Psychologie der
Traumvorgänge einzudringen, habe ich eine schwierige Aufgabe unter-
nommen, welcher auch meine Darstellungskunst kaum gewachsen
ist. Die Gleichzeitigkeit eines so complicirten Zusammenhanges
durch ein Nacheinander in der Beschreibung wiederzugeben und
dabei bei jeder Aufstellung voraussetzungslos zu erscheinen, will
meinen Kräften zu schwer werden. Es rächt sich nun an mir, dass
ich bei der Darstellung der Traumpsychologie nicht der historischen
Entwickelung meiner Einsichten folgen kann. Mir waren die Ge-
sichtspunkte für die Auffassung des Traumes durch vorhergegangene
Arbeiten über die Psychologie der Neurosen gegeben, auf die ich
mich hier nicht beziehen soll und doch immer wieder beziehen muss,
während ich in umgekehrter Richtung vorgehen und vom Traume
aus den Anschluss an die Psychologie der Neurosen erreichen möchte.*)Meine Hervorhebung.
S.
348
Ich kenne alle Beschwerden, die sich hieraus für den Leser ergeben;
aber ich weiss kein Mittel, sie zu vermeiden.Unbefriedigt von dieser Sachlage verweile ich gerne bei einem
anderen Gesichtspunkte, der mir den Werth meiner Bemühung zu
heben scheint. Ich fand ein Thema vor, das von den schärfsten
Widersprüchen in den Meinungen der Autoren beherrscht war, wie
die Einführung des ersten Abschnittes gezeigt hat. Nach unserer
Bearbeitung der Traumprobleme ist für die meisten dieser Wider-
sprüche Raum geschaffen worden. Nur zweien der geäusserten An-
sichten, dass der Traum ein sinnloser und ein somatischer Vorgang
sei, mussten wir selbst entschieden widersprechen; sonst aber haben
wir allen einander widersprechenden Meinungen an irgend einer
Stelle des verwickelten Zusammenhanges Recht geben und nach-
weisen können, dass sie etwas Richtiges herausgefunden hatten. Dass
der Traum die Anregungen und Interessen des Wachlebens fortsetzt,
hat sich durch die Aufdeckung der verborgenen Traumgedanken
ganz allgemein bestätigt. Diese beschäftigen sich nur mit dem, was
uns wichtig scheint und uns mächtig interessiert. Der Traum gibt
sich nie mit Kleinigkeiten ab. Aber auch das Gegentheil haben wir
gelten lassen, dass der Traum die gleichgiltigen Abfälle des Tages
aufklaubt und sich eines grossen Tagesinteresses nicht eher be-
mächtigen kann, als bis es sich der Wacharbeit einigermassen ent-
zogen hat. Wir fanden dies giltig für den Trauminhalt, der den Traumgedanken einen durch Entstellung veränderten Ausdruck gibt.
Der Traumvorgang, sagten wir, bemächtigt sich aus Gründen der
Associationsmechanik leichter des frischen oder des gleichgiltigen
Vorstellungsmateriales, welches von der wachen Denkthätigkeit noch
nicht mit Beschlag belegt ist, und aus Gründen der Censur über-
trägt er die psychische Intensität von dem Bedeutsamen, aber auch
Anstössigen, auf das Indifferente. Die Hypermnesie des Traumes
und die Verfügung über das Kindheitsmaterial sind zu Grundpfeilern
unserer Lehre geworden; in unserer Traumtheorie haben wir dem
aus dem Infantilen stammenden Wunsch die Rolle des unentbehr-
lichen Motors für die Traumbildung zugeschrieben. An der ex-
perimentell nachgewiesenen Bedeutung der äusseren Sinnesreize
während des Schlafes zu zweifeln, konnte uns natürlich nicht ein-
fallen, aber wir haben dieses Material in dasselbe Verhältniss zum
Traumwunsch gesetzt wie die von der Tagarbeit erübrigten Gedanken-
reste. Dass der Traum den objectiven Sinnesreiz nach Art einer
Illusion deutet, brauchten wir nicht zu bestreiten; aber wir haben
das von den Autoren unbestimmt gelassene Motiv für diese Deutung
hinzugefügt. Die Deutung erfolgt so, dass das wahrgenommene
Object für die Schlafsung unschädlich und für die Wunscherfüllung
verwendbar wird. Den subjectiven Erregungszustand der Sinnes-
organe während des Schlafes, der durch Trumbull Ladd10) nach-
gewiesen scheint, lassen wir zwar nicht als besondere TraumquelleS.
349
geiten, aber wir wissen ihn durch regrediente Belebung der hinter
dem Traum wirkenden Erinnerungen zu erklären. Auch den inneren
organischen Sensationen, die gern zum Angelpunkt der Traum-
erklärung genommen werden, ist in unserer Auffassung eine, wenn-
gleich bescheidenere, Rolle verblieben. Sie stellen uns – die Sen-
sationen des Fallens, Schwebens, Geheimmtseins – ein allezeit be-
reites Material dar, dessen sich die Traumarbeit zum Ausdruck der
Traumgedanken, so oft es Noth thut, bedient.
Dass der Traumvorgang ein rapider, momentaner ist, erscheint
uns richtig für die Wahrnehmung des vorgebildeten Trauminhaltes
durch das Bewusstsein; für die vorhergehenden Stücke des Traum-
vorganges haben wir einen langsamen, wogenden Ablauf wahr-
scheinlich gefunden. Zum Räthsel des überreichen, in den kürzesten
Moment zusammengedrängten Trauminhaltes konnten wir den Beitrag
liefern, dass es sich dabei um das Aufgreifen bereits fertiger Gebilde
des psychischen Lebens handle. Dass der Traum von der Erinnerung
entstellt und verstümmelt wird, fanden wir nicht richtig, aber nicht
hinderlich, da dies nur das letzte manifeste Stück einer von An-
fang der Traumbildung an wirksamen Entstellungsarbeit ist. In dem
erbitterten und einer Versöhnung scheinbar unfähigen Streite, ob das
Seelenleben Nachts schlafe oder über all seine Leistungsfähigkeit wie
bei Tage verfüge, haben wir beiden Theilen Recht und doch keinem
ganz Recht geben können. In den Traumgedanken fanden wir die
Beweise einer höchst complicirten, mit fast allen Mitteln des seelischen
Apparates arbeitenden, intellectuellen Leistung; doch ist es nicht ab-
zuweisen, dass diese Traumgedanken bei Tage entstanden sind, und
es ist unentbehrlich anzunehmen, dass es einen Schlafzustand des
Seelenlebens gibt. So kam selbst die Lehre vom partiellen Schlaf
zur Geltung; aber nicht in dem Zerfall der seelischen Zusammenhänge
haben wir die Charakteristik des Schlafzustandes gefunden, sondern
in der Einstellung des den Tag beherrschenden psychischen Systems
auf den Wunsch zu schlafen. Die Ablenkung von der Aussenwelt
bewahrte auch für unsere Auffassung ihre Bedeutung; sie hilft, wenn
auch nicht als einziges Moment, die Regression der Traumdarstellung
ermöglichen. Der Verzicht auf die willkürliche Lenkung des Vor-
stellungsablaufes ist unbestreitbar; aber das psychische Leben wird
darum nicht ziellos, denn wir haben gehört, dass nach dem Auf-
geben der gewollten Zielvorstellungen ungewollte zur Herrschaft ge-
langen. Die lockere Associationsverknüpfung im Traume haben wir
nicht nur anerkannt, sondern ihrer Herrschaft einen weit grösseren
Umfang zugewiesen, als geahnt werden konnte; wir haben aber ge-
funden, dass sie nur der erzwungene Ersatz für eine andere, correcte
und sinnvolle ist. Gewiss nannten auch wir den Traum absurd;
aber Beispiele konnten uns lehren, wie klug der Traum ist, wenn
er sich absurd stellt. Von den Functionen, die dem Traume zu-
erkannt worden sind, trennt uns kein Widerspruch. Dass derS.
350
VII. Psychologie der Traumvorgänge.
Traum die Seele wie ein Ventil entlaste, und dass nach Robert’s
Ausdruck allerlei Schädliches durch das Vorstellen im Traume
unschädlich gemacht wird, trifft nicht nur genau mit unserer
Lehre von der zweifachen Wunscherfüllung durch den Traum zu
sammen, sondern wird für uns sogar nach seinem Wortlaut ver-
ständlicher als bei Robert. Das freie sich Ergehen der Seele im
Spiele ihrer Fähigkeiten findet sich bei uns wieder in dem Gewähren-
lassen des Traumes durch die vorbewusste Thätigkeit. Die „Rück-
kehr auf den embryonalen Standpunkt des Seelenlebens im Traume“
und die Bemerkung von Havelock Ellis23), „an archaic world of
vast emotions and imperfect thoughts“ erscheinen uns als glückliche
Vorwegnahmen unserer Ausführungen, die primitive, bei Tage unter-
drückte Arbeitsweisen an der Traumbildung betheiligt sein lassen;
und wie bei Delage15) wird bei uns das „Unterdrückte“ zur Trieb-
feder des Träumens.Die Rolle, welche Scherner der Traumphantasie zuschreibt,
und die Deutungen Scherner’s selbst, haben wir in vollem Um-
fange anerkannt, aber ihnen gleichsam eine andere Localität im
Problem anweisen müssen. Nicht der Traum bildet die Phantasie,
sondern an der Bildung der Traumgedanken hat die unbewusste
Phantasietätigkeit den grössten Antheil. Wir bleiben Scherner
für den Hinweis auf die Quelle der Traumgedanken verpflichtet;
aber fast alles, was er der Traumarbeit zuschreibt, ist der Thätig-
keit des bei Tage regſamen Unbewussten zuzurechnen, welche die
Anregungen für die Träume nicht minder ergibt als die für die
neurotischen Symptome. Die Traumarbeit mussen wir von dieser
Thätigkeit als etwas gänzlich Verschiedenes und weit mehr Ge-
bundenes absondern. Endlich haben wir die Beziehung des Traumes
zu den Seelenstörungen keineswegs aufgegeben, sondern sie auf
neuem Boden fester begründet.Durch das Neue in unserer Traumlehre wie durch eine höhere
Einheit zusammengehalten, finden wir also die verschiedenartigsten
und widersprechendsten Ergebnisse der Autoren unserem Gebäude
eingefügt, manche derselben anders gewendet, nur wenige gänzlich
verworfen. Aber auch unser Aufbau ist noch unfertig. Von den vielen
Unklarheiten abgesehen, die wir durch unser Vordringen in das
Dunkel der Psychologie auf uns gezogen haben, scheint auch noch
ein neuer Widerspruch uns zu bedrücken. Wir haben einerseits die
Traumgedanken durch völlig normale geistige Arbeit entstehen lassen,
andererseits aber eine Reihe von ganz abnormen Denkvorgängen
unter den Traumgedanken, und von ihnen aus zum Trauminhalt auf-
gefunden, welche wir dann bei der Traumdeutung wiederholen. Alles,
was wir die „Traumarbeit“ geheissen haben, scheint sich von den
uns als correct bekannten psychischen Vorgängen so weit zu ent-
fernen, dass die härtesten Urtheile der Autoren über die niedrige
psychische Leistung des Träumens uns wohl angebracht dünken müssen.S.
351
Hier schaffen wir vielleicht nur durch noch weiteres Vordringen
Aufklärung und Abhilfe. Ich will eine der Konstellationen heraus-
greifen, die zur Traumbildung führen:
Wir haben erfahren, dass der Traum eine Anzahl von Gedanken
ersetzt, die aus unserem Tagesleben stammen und vollkommen logisch
gefügt sind. Wir können darum nicht bezweifeln, dass diese Ge-
danken unserem normalen Geistesleben entstammen, alle Eigenschaften,
welche wir an unseren Gedankengängen hochschätzen, durch welche
sie sich als complicirte Leistungen hoher Ordnung kennzeichnen,
finden wir an den Traumgedanken wieder. Es besteht aber keine
Nöthigung anzunehmen, dass diese Gedankenarbeit während des
Schlafes vollzogen wurde, was unsere bisher festgehaltene Vorstellung
vom psychischen Schlafzustand arg beirren würde. Diese Gedanken
können vielmehr sehr wohl vom Tage stammen, sich von ihrem Anstoss
an, unserem Bewusstsein unbemerkt, fortgesetzt haben und fanden sich
dann mit dem Einschlafen als fertig vor. Wenn wir aus dieser Sachlage
etwas entnehmen sollen, so ist es höchstens der Beweis, dass die com-
plicirtesten Denkleistungen ohne Mithun des Bewusst-
seins möglich sind, was wir ohnedies aus jeder Psychoanalyse
eines Hysterischen oder einer Person mit Zwangsvorstellungen erfahren
mussten. Diese Traumgedanken sind an sich sicherlich nicht bewusst-
seinsunfähig; wenn sie uns tagsüber nicht bewusst worden sind, so
mag dies verschiedene Gründe haben. Das Bewusstwerden hängt mit
der Zuwendung einer bestimmten psychischen Function, der Auf-
merksamkeit, zusammen, die, wie es scheint, nur in bestimmter Quan-
tität aufgewendet wird, welche von dem betreffenden Gedankengang
durch andere Ziele abgelenkt sein mochte. Eine andere Art, wie
solche Gedankengänge dem Bewusstsein vorenthalten werden können,
ist folgende: Von unserem bewussten Nachdenken her wissen wir, dass
wir bei Anwendung der Aufmerksamkeit einen bestimmten Weg ver-
folgen. Kommen wir auf diesem Wege an eine Vorstellung, welche
der Kritik nicht Stand hält, so brechen wir ab; wir lassen die Auf-
merksamkeitsbesetzung fallen. Es scheint nun, dass der begonnene
und verlassene Gedankengang sich dann fortspinnen kann, ohne dass sich
ihm die Aufmerksamkeit wieder zuwendet, wenn er nicht an einer Stelle
eine besonders hohe Intensität erreicht, welche die Aufmerksamkeit
erzwingt. Eine anfängliche, etwa mit Bewusstsein erfolgte Verwerfung
durch das Urtheil als unrichtig oder als unbrauchbar für den actuellen
Zweck des Denkactes, kann also die Ursache sein, dass ein Denk-
vorgang vom Bewusstsein unbemerkt sich bis zum Einschlafen fortsetzt.
Resumiren wir, dass wir einen solchen Gedankengang einen
vorbewussten heissen, ihn für völlig correct halten, und dass er
ebensowohl ein blos vernachlässigter wie ein abgebrochener, unter-
drückter sein kann. Sagen wir auch frei heraus, in welcher Weise
wir uns den Vorstellungsablauf veranschaulichen. Wir glauben, dass
von einer Zielvorstellung aus eine gewisse Erregungsgrösse, die wirS.
352
„Besetzungsenergie“ heissen, längs der durch diese Zielvorstellung
ausgewählten Associationswege verschoben wird. Ein „vernachlässigter“
Gedankengang hat eine solche Besetzung nicht erhalten; von einem
„unterdrückten“ oder „verworfenen“ ist sie wieder zurückgezogen
worden; beide sind ihren eigenen Erregungen überlassen. Der ziel-
besetzte Gedankengang wird unter gewissen Bedingungen fähig, die
Aufmerksamkeit des Bewusstseins auf sich zu ziehen, und erhält
dann durch dessen Vermittlung eine „Ueberbesetzung“. Unsere
Annahmen über die Natur und Leistung des Bewusstseins werden wir
ein wenig später klarlegen müssen.Ein so im Vorbewussten angeregter Gedankengang kann spontan
erlöschen oder sich erhalten. Den ersteren Ausgang stellen wir uns
so vor, dass seine Energie nach allen von ihm ausgehenden Associations-
richtungen diffundirt, die ganze Gedanken-
kette in einen erregten
Zustand versetzt, der für eine Weile anhält, dann aber abklingt, in-
dem die abfuhrbedürftige Erregung sich in ruhende Besetzung um-
wandelt. Tritt dieser erste Ausgang ein, so hat der Vorgang weiter
keine Bedeutung für die Traumbildung. Es lauern aber in unserem
Vorbewussten andere Zielvorstellungen, die aus den Quellen unserer
unbewussten und immer regen Wünsche stammen. Diese können
sich der Erregung in dem sich selbst überlassenen Gedankenkreise
bemächtigen, stellen die Verbindung zwischen ihm und dem unbe-
wussten Wunsche her, übertragen ihm die dem unbewussten
Wunsch eigene Energie, und von jetzt an ist der vernachlässigte
oder unterdrückte Gedankengang im Stande, sich zu erhalten, obwohl
er durch diese Verstärkung keinen Anspruch auf den Zugang zum
Bewusstsein erhält. Wir können sagen, der bisher vorbewusste
Gedankengang ist in’s Unbewusste gezogen worden.Andere Constellationen zur Traumbildung wären, dass der vor-
bewusste Gedankengang von vorne herein in Verbindung mit dem
unbewussten Wunsche stand, und darum auf Abweisung von Seiten
der herrschenden Zielbesetzung stiess, oder dass ein unbewusster
Wunsch aus anderen (etwa somatischen) Gründen rege geworden ist,
und ohne Entgegenkommen eine Uebertragung auf die vom Vbw nicht
besetzten psychischen Reste sucht. Alle drei Fälle treffen endlich in
einem Ergebnis zusammen, dass ein Gedankenzug im Vorbewussten
zu Stande kommt, der von der vorbewussten Besetzung verlassen,
vom unbewussten Wunsch her Besetzung gefunden hat.Von da an erleidet der Gedankenzug eine Reihe von Um-
wandlungen, die wir nicht mehr als normale psychische Vorgänge
anerkennen, und die ein uns befremdendes Resultat, eine psycho-
pathologische Bildung, ergeben. Wir wollen dieselben herausheben
und zusammenstellen:1. Die Intensitäten der einzelnen Vorstellungen werden nach
ihrem ganzen Betrage abflussfähig und übergehen von einer Vorstel-
lung auf die andere, so dass einzelne mit grosser Intensität verseheneS.
353
Vorstellungen gebildet werden. Indem sich dieser Vorgang mehrmals
wiederholt, kann die Intensität eines ganzen Gedankenzuges schliess-
lich in einem einzigen Vorstellungselement gesammelt sein. Dies ist die
Tatsache der Compression oder Verdichtung, die wir während
der Traumarbeit kennen gelernt haben. Sie trägt die Hauptschuld
an dem befremdenden Eindruck des Traumes, denn etwas ihr analoges
ist uns aus dem normalen und dem Bewusstsein zugänglichen Seelen-
leben ganz unbekannt. Wir haben auch hier Vorstellungen, die als
Knotenpunkte, oder als Endergebnisse ganzer Gedankenkette eine
grosse psychische Bedeutung besitzen, aber diese Werthigkeit äussert
sich in keinem für die innere Wahrnehmung sinnfälligen Charakter;
das in ihr Vorgestellte wird darum in keiner Weise intensiver. Im
Verdichtungsvorgang setzt sich aller psychische Zusammenhang in die
Intensität des Vorstellungsinhaltes um. Es ist der nämliche Fall, wie
wenn ich in einem Buch ein Wort, dem ich einen überragenden
Werth für die Auffassung des Textes beilege, gesperrt oder fett
drucken lasse. In der Rede würde ich dasselbe Wort laut und langsam
sprechen und nachdrücklich betonen. Das erstere Gleichnis führt unmit-
telbar zu einer der Traumarbeit entlehnten Beispiele (Trimethylamin
im Traum von Irma’s Injection). Die Kunsthistoriker machen uns
darauf aufmerksam, dass die ältesten historischen Sculpturen ein
ähnliches Princip befolgen, indem sie die Ranggrösse der dargestellten
Personen durch die Bildgrösse zum Ausdruck bringen. Der König
wird zwei- oder dreimal so gross gebildet als sein Gefolge oder der
überwundene Feind. Ein Bildwerk aus der Römerzeit wird sich zu
demselben Zweck feinerer Mittel bedienen. Es wird die Figur des
Imperators in die Mitte stellen, ihn hoch aufgerichtet zeigen, beson-
dere Sorgfalt auf die Durchbildung seiner Gestalt verwenden, die
Feinde zu seinen Füssen legen, ihn aber nicht mehr als Riesen unter
Zwergen erscheinen lassen. Indess ist die Verbeugung des Unter-
gebenen vor seinem Vorgesetzten in unserer Mitte noch heute ein
Nachklang jenes alten Darstellungsprincips.
1. Die Richtung, nach welcher die Verdichtungen des Traumes
fortschreiten, ist einerseits durch die correcten vorbewussten Relationen
der Traumgedanken, andererseits durch die Anziehung der visuellen
Erinnerungen im Unbewussten vorgeschrieben. Der Erfolg der Ver-
dichtungsarbeit erzielt jene Intensitäten, die zum Durchbruch gegen
die Wahrnehmungssysteme erfordert werden.
2. Es werden wiederum durch freie Uebertragbarkeit der Inten-
sitäten und im Dienste der Verdichtung Mittelvorstellungen ge-
bildet, Compromisse gleichsam (vgl. die zahlreichen Beispiele). Gleichfalls
etwas Unerhörtes im normalen Vorstellungsablauf, bei dem es vor
allem auf die Auswahl und Festhaltung des „richtigen“ Vorstellungs-
elementes ankommt. Dagegen ereignen sich Misch- wie Compromiss-
bildungen ausserordentlich häufig, wenn wir für die vorbewusstenS.
354
Gedanken den sprachlichen Ausdruck suchen, und werden als Arten
des „Versprechens“ angeführt.3. Die Vorstellungen, die einander ihre Intensitäten übertragen,
stehen in den lockersten Beziehungen zu einander, und sind durch
solche Arten von Associationen verknüpft, welche von unserem Denken
verschmäht und nur dem witzigen Effect zur Ausnützung überlassen
werden. Insbesondere gelten Gleichklangs- und Wortlautassociationen
als den anderen gleichwerthig.4. Einander widersprechende Gedanken streben nicht darnach,
einander aufzuheben, sondern bestehen neben einander, setzen sich oft,
als ob kein Widerspruch bestünde, zu Verdichtungsproducten
zusammen, oder bilden Compromisse, die wir unserem Denken nie ver-
zeihen würden, in unserem Handeln aber oft gutheissen.Dies wären einige der auffälligsten abnormen Vorgänge, denen
im Laufe der Traumarbeit die vorher rationell gebildeten Traum-
gedanken unterzogen werden. Man erkennt als den Hauptcharakter
derselben, dass aller Werth darauf gelegt wird, die besetzende Energie
beweglich und abfuhrfähig zu machen; der Inhalt und die eigene
Bedeutung der psychischen Elemente, an denen diese Besetzungen
haften, wird zur Nebensache. Man könnte noch meinen, die Verdich-
tung und Compromissbildung geschehe nur im Dienste der Regression,
wenn es sich darum handelt, Gedanken in Bilder zu verwandeln.
Allein die Analyse – und noch deutlicher – die Synthese solcher
Träume, die der Regression auf Bilder entbehren, z. B. des Traumes
„Autodidasker – Gespräch mit Professor N.“ ergeben die nämlichen
Verschiebungs- und Verdichtungsvorgänge wie die anderen.So können wir uns also der Einsicht nicht verschliessen, dass
an der Traumbildung zweierlei wesensverschiedene psychische Vor-
gänge betheiligt sind; der eine schafft vollkommen correcte, dem
normalen Denken gleichwerthige Traumgedanken; der andere verfährt
mit demselben auf eine höchst befremdende, incorrecte Weise. Den
letzteren haben wir schon im Abschnitt VI als die eigentliche Traum-
arbeit abgesondert. Was haben wir nun zur Ableitung dieses letzteren
psychischen Vorgangs vorzubringen?Wir könnten hier eine Antwort nicht geben, wenn wir nicht
ein Stück weit in die Psychologie der Neurosen, speciell der Hysterie,
eingedrungen wären. Aus dieser aber erfahren wir, dass die näm-
lichen incorrecten psychischen Vorgänge – und noch andere nicht
aufgezählte – die Herstellung der hysterischen Symptome beherrschen.
Auch bei der Hysterie finden wir zunächst eine Reihe von völlig
correcten, unseren bewussten ganz gleichwerthigen Gedanken, von
deren Existenz in dieser Form wir aber nichts erfahren können,
die wir erst nachträglich reconstruiren. Wenn sie irgendwo zu unserer
Wahrnehmung durchgedrungen sind, so ersehen wir aus der Analyse des
gebildeten Symptoms, dass diese normalen Gedanken eine abnorme Be-
handlung erlitten haben und mittelst Verdichtung, Compro-S.
355
missbildung, oberflächliche Associationen, unter
Deckung der Widersprüche, eventuell auf dem Wege der
Regression in das Symptom übergeführt wurden. Bei der
vollen Identität zwischen den Eigenthümlichkeiten der Traumarbeit
und der psychischen Thätigkeit, welche in die psychoneurotischen
Symptome ausläuft, werden wir uns für berechtigt halten, die Schlüsse,
zu denen uns die Hysterie nöthigt, auf den Traum zu übertragen.
Aus der Lehre von der Hysterie entnehmen wir den Satz, dass
solche abnorme psychische Bearbeitung eines normalen
Gedankenzuges nur dann vorkommt, wenn dieser zur
Uebertragung eines unbewussten Wunsches geworden
ist, der aus dem Infantil-
en stammt und sich in der Ver-
drängung befindet. Diesem Satz zu Liebe haben wir die Theorie
des Traumes auf die Aufnahme gebaut, dass der treibende Traum-
wunsch allemal aus dem Unbewussten stammt, was, wie wir selbst
zugestanden, sich nicht allgemein nachweisen, wenn auch nicht zurück-
weisen, lässt. Um aber sagen zu können, was die „Verdrängung“ ist,
mit deren Namen wir schon so oft gespielt haben, müssen wir ein
Stück an unserem psychologischen Gerüste weiter bauen.
Wir hatten uns in die Fiction eines primitiven psychischen
Apparates vertieft, dessen Arbeit durch das Bestreben geregelt wird,
Anhäufung von Erregung zu vermeiden und sich möglichst erregungs-
los zu erhalten. Er war darum nach dem Schema eines Reflex-
apparates gebaut; die Motilität, zunächst der Weg zur inneren Ver-
änderung des Körpers, war die ihm zu Gebote stehende Abfuhrbahn.
Wir erörterten dann die psychischen Folgen eines Befriedigungs-
erlebnisses und hätten dabei schon die zweite Annahme einfügen
können, dass Anhäufung der Erregung – nach gewissen uns nicht
bekümmernden Modalitäten – als Unlust empfunden wird und den
Apparat in Thätigkeit versetzt, um das Befriedigungserlebnis, bei dem
die Verringerung der Erregung als Lust verspürt wird, wieder herbei-
zuführen. Eine solche, von der Unlust ausgehende, auf die Lust
zielende, Strömung im Apparat heissen wir einen Wunsch; wir haben
gesagt, nichts anderes als ein Wunsch sei im Stande, den Apparat in
Bewegung zu bringen, und der Ablauf der Erregung in ihm werde
automatisch durch die Wahrnehmungen von Lust und Unlust geregelt.
Das erste Wünschen dürfte ein hallucin-
atorisches Besetzen der Be-
friedigungserinnerung gewesen sein. Diese Hallucination erwies sich
aber, wenn sie nicht bis zur Erschöpfung festgehalten werden sollte, als
untüchtig, das Aufhören des Bedürfnisses, also die mit der Befriedi-
gung verbundene Lust, herbeizuführen.
Es wurde so eine zweite Thätigkeit – in unserer Ausdrucks-
weise die Thätigkeit eines zweiten Systems – nothwendig, welche
nicht gestattete, dass die Erinnerungsbesetzung zur Wahrnehmung
vordringe und von dort aus die psychischen Kräfte binde, sondern
die vom Bedürfnisreiz ausgehende Erregung auf einen Umweg leite,S.
356
VII. Psychologie der Traumvorgänge.
der endlich über die willkürliche Motilität die Außenwelt so ver
ändert, dass die reale Wahrnehmung des Befriedigungsobjectes ein
treten kann. So weit haben wir das Schema des psychischen Apparates
bereits verfolgt; die beiden Systeme sind der Keim zu dem, was wir
als Ubw und Vbw in den voll ausgebildeten Apparat einsetzen.
Um die Außenwelt zweckmässig durch die Motilität verändern
zu können, bedarf es der Anhäufung einer grossen Summe von Er
fahrungen in den Erinnerungssystemen und einer mannigfachen
Fixirung der Beziehungen, die durch verschiedene Zielvorstellungen
in diesem Erinnerungsmaterial hervorgerufen werden. Wir gehen
nun in unseren Annahmen weiter. Die vielfach tastende, Besetzungen
aussendende und wieder einziehende Thätigkeit des zweiten Systems
bedarf einerseits der freien Verfügung über alles Erinnerungsmaterial;
andererseits wäre es überflüssiger Aufwand, wenn sie grosse Be
setzungscquantitäten auf die einzelnen Denkwege schickte, die dann
unzweckmässig abströmen und die für die Veränderung der Außen
welt nothwendige Quantität verringern würden. Der Zweckmässig
keit zu Liebe postulire ich also, dass es dem zweiten System ge
lingt, die Energiebesetzungen zum grösseren Antheil in Ruhe zu
erhalten, und nur einen kleineren Theil zur Verschiebung zu ver
wenden. Die Mechanik dieser Vorgänge ist mir ganz unbekannt;
wer mit diesen Vorstellungen Ernst machen wollte, müsste die phy
sikalischen Analogien heraussuchen und sich einen Weg zur Ver
anschaulichung des Bewegungsvorganges bei der Neuronenerregung
bahnen.1)Ich halte nur an der Vorstellung fest, dass die Thätigkeit
des ersten Ψ-Systems auf freies Abströmen der Erregungs
quantitäten gerichtet ist, und dass das zweite System durch die von
ihm ausgehenden Besetzungen eine Hemmung dieses Abströmens,
eine Verwandlung in ruhende Besetzung, wohl unter Niveaucrhöhung,
herbeiführt. Ich nehme also an, dass der Ablauf der Erregung
unter der Herrschaft des zweiten Systems an ganz andere mechanische
Verhältnisse geknüpft wird, als unter der Herrschaft des ersten. Hat
das zweite System seine probende Denkarbeit beendigt, so hebt es
auch die Hemmung und Stauung der Erregungen auf und lässt die
selben zur Motilität abfliessen.2)
Es ergibt sich nun eine interessante Gedankenfolge, wenn man
die Beziehungen dieser Abflusshemmung durch das zweite System
zur Regulirung durch das Unlustprincip in’s Auge fasst. Suchen wir
uns das Gegenstück zum primären Befriedigungserlebnis auf das
äussere Schreck-
erlebnis. Es wirke ein Wahrnehmungsreiz auf den
primitiven Apparat ein, der die Quelle einer Schmerzerregung ist. Es
werden dann so lange ungeordnete motorische Aeusserungen erfolgen,
bis eine derselben den Apparat der Wahrnehmung und gleichzeitig
dem Schmerz entzieht, und diese wird bei Wiederauftreten der Wahr
nehmung sofort wiederholt werden (etwa als Fluchtbewegung), bis
die Wahrnehmung wieder verschwunden ist. Es wird aber hierS.
357
keine Neigung übrig bleiben, die Wahrnehmung der Schmerzquelle
hallucinatorisch oder anderswie wieder zu besetzen. Vielmehr wird
im primären Apparat die Neigung bestehen, dies peinliche Er-
innerungsbild sofort, wenn es irgendwie geweckt wird, wieder zu
verlassen, weil ja das Ueberfliessen seiner Erregung auf die Wahr-
nehmung Unlust hervorrufen würde (genauer: hervorzurufen beginnt).
Die Abwendung von der Erinnerung, die nur eine Wiederholung
der einstigen Flucht vor der Wahrnehmung ist, wird auch dadurch
erleichtert, dass die Erinnerung nicht wie die Wahrnehmung genug
Qualität besitzt, um das Bewusstsein zu erregen und hiedurch neue
Besetzung an sich zu ziehen. Diese mühelose und regelmässig er-
folgende Abwendung des psychischen Vorganges von der Erinnerung
des einst Peinlichen, gibt uns das Vorbild und das erste Beispiel
der psychischen Verdrängung. Es ist allgemein bekannt, wie viel
von dieser Abwendung vom Peinlichen, von der Taktik des Vogels
Strauss, noch im normalen Seelenleben des Erwachsenen nachweisbar
geblieben ist.
Zufolge des Unlustprincipes ist das erste Ψ-System also über-
haupt unfähig, etwas Unangenehmes in den Denkzusammenhang zu
ziehen. Das System kann nichts anderes, als wünschen. Bliebe es
so, so wäre die Denkarbeit des zweiten Systems gehindert, welches
die Verfügung über alle in der Erfahrung niedergelegten Erinne-
rungen braucht. Es eröffnen sich nun zwei Wege: entweder macht
sich die Arbeit des zweiten Systems vom Unlustprincip völlig frei, setzt
ihren Weg fort, ohne sich um die Erinnerungsunlust zu kümmern;
oder sie versteht es, die Unlusterinnerung in solcher Weise zu be-
setzen, dass die Unlustentbindung dabei vermieden wird. Wir können
die erste Möglichkeit zurückweisen, denn das Unlustprincip zeigt
sich auch als Regulator für den Erregungsablauf des zweiten Systems;
somit werden wir auf die zweite gewiesen, dass dies System eine
Erinnerung so besetzt, dass der Abfluss von ihr gehemmt wird, also
auch der einer motorischen Innervation vergleichbare Abfluss zur
Entwickelung der Unlust. Zur Hypothese, dass die Besetzung durch
das zweite System gleichzeitig eine Hemmung für den Abfluss der
Erregung darstellt, werden wir also von zwei Ausgangspunkten her
geleitet, von der Rücksicht auf das Unlustprincip und von dem Princip
des kleinsten Innervationsaufwandes. Halten wir aber daran fest, –
es ist der Schlüssel zur Verdrängungslehre – dass das zweite
System nur dann eine Vorstellung besetzen kann, wenn
es im Stande ist, die von ihr ausgehende Unlust-
entwickelung zu hemmen. Was sich etwa dieser Hemmung
entzüge, bliebe auch für das zweite System unzugänglich, würde dem
Unlustprincip zufolge alsbald verlassen werden. Die Hemmung der
Unlust braucht indess keine vollständige zu sein; ein Beginn derselben
muss zugelassen werden, da es dem zweiten System die Natur der
Erinnerung und etwa deren mangelnde Eignung für den vom Denken
gesuchten Zweck anzeigt.S.
358
VII. Psychologie der Traumvorgänge.
Den psychischen Vorgang, welchen das erste System allein zu
lässt, werde ich jetzt Primärvorgang nennen; den, der sich unter
der Hemmung des zweiten ergibt, Secundärvorgang. Ich
kann noch an einem anderen Punkte zeigen, zu welchem Zwecke
das zweite System den Primärvorgang corrigiren muss. Den Primär-
vorgang strebt nach Abfuhr der Erregung, um mit der so gesammelten
Erregungsgrösse eine Wahrnehmungsidentität herzustellen;
der Secundärvorgang hat diese Absicht verlassen und an ihrer Statt
die andere aufgenommen, eine Denkidentität zu erzielen.1) Das
ganze Denken ist nur ein Umweg von der als Zielvorstellung ge-
nommenen Befriedigungserinnerung bis zur identischen Besetzung
derselben Erinnerung, die auf dem Wege über die motorischen Er-
fahrungen wieder erreicht werden soll. Das Denken muss sich für
die Verbindungswege zwischen den Vorstellungen interessiren, ohne
sich durch die Intensitäten derselben beirren zu lassen. Es ist aber
klar, dass die Verdichtungen von Vorstellungen, Mittel- und Com-
promissbildungen in der Erreichung dieses Identitätszieles hinderlich
sind; indem sie die eine Vorstellung für die andere setzen, lenken
sie vom Wege ab, der von der ersteren weiter geführt hatte. Solche
Vorgänge werden also im secundären Denken sorgfältig vermieden.
Es ist auch nicht schwer zu übersehen, dass das Unlustprincip dem
Denkvorgang, welchem es sonst die wichtigsten Anhaltspunkte bietet,
auch Schwierigkeiten in der Verfolgung der Denkidentität in den
Weg legt. Die Tendenz des Denkens muss also dahin gehen, sich
von der ausschliesslichen Regulirung durch das Unlustprincip immer
mehr zu befreien und die Affectentwicklung durch die Denkarbeit
auf ein Mindestes, das noch als Signal verwerthbar ist, einzuschränken.
Durch eine neuerliche Uebersetzung, die das Bewusstsein vermittelt,
soll diese Verfeinerung der Leistung erzielt werden. Wir wissen
aber, dass diese selbst im normalsten Seelenleben selten vollständig
gelingt, und dass unser Denken der Fälschung durch die Einmengung
des Unlustprincipes immer zugänglich bleibt.
Aber nicht dies ist die Lücke in der Functionstüchtigkeit un-
seres seelischen Apparates, durch welche es möglich wird, dass
Gedanken, die sich als Ergebnisse der secundären Denkarbeit dar-
stellen, dem primären psychischen Vorgang verfallen, mit welcher
Formel wir jetzt die zum Traume und zu den hysterischen Symp-
tomen führende Arbeit beschreiben können. Der Fall von Un-
zulänglichkeit ergibt sich durch das Zusammentreffen zweier Mo-
mente aus unserer Entwickelungsgeschichte, von denen das eine
ganz dem seelischen Apparat anheimfällt, und einen massgebenden
Einfluss auf das Verhältniss der beiden Systeme ausgeübt hat, das
andere aber im wechselnden Betrage zur Geltung kommt und Trieb-
kräfte organischer Herkunft in’s Seelenleben einführt. Beide stammen
aus dem Kinderleben und sind ein Niederschlag der Veränderung,
die unser seelischer und somatischer Organismus seit den infantilen
Zeiten erfahren hat.S.
359
Wenn ich den einen psychischen Vorgang im Seelenapparat
den primären benannt habe, so that ich dies nicht allein mit Rück-
sicht auf die Rangordnung und Leistungsfähigkeit, sondern durfte
auch die zeitlichen Verhältnisse bei der Namengebung mitsprechen
lassen. Ein psychischer Apparat, der nur den Primärvorgang be-
sässe, existirt zwar unseres Wissens nicht und ist insoferne eine
theoretische Fiction; aber soviel ist thatsächlich, dass die Primär-
vorgänge in ihm von Anfang an gegeben sind, während die secun-
dären erst allmählich im Laufe des Lebens sich ausbilden, die primären
hemmen und überlagern und ihre volle Herrschaft über sie viel-
leicht erst mit der Lebenshöhe erreichen. Infolge dieses verspäteten
Eintreffens der secundären Vorgänge bleibt der Kern unseres Wesens,
aus unbewussten Wunschregungen bestehend, unfassbar und un-
hemmbar für das Vorbewusste, dessen Rolle ein für allemale darauf
beschränkt wird, den aus dem Unbewussten stammenden Wunsch-
regungen die zweckmässigsten Wege anzuweisen. Diese unbewussten
Wünsche stellen für alle späteren seelischen Bestrebungen einen
Zwang dar, dem sie sich zu fügen haben, den etwa abzuleiten und
auf höher stehende Ziele zu lenken sie sich bemühen dürfen. Ein
grosses Gebiet des Erinnerungsmaterials bleibt auch infolge dieser
Verspätung der vorbewussten Besetzung unzugänglich.
Unter diesen aus dem Infantilen stammenden, unzerstörbaren
und unhemmbaren Wunschregungen befinden sich nun auch solche,
deren Erfüllungen in das Verhältnis des Widerspruches zu den Zielvor-
stellungen des secundären Denkens getreten sind. Die Erfüllung dieser
Wünsche würde nicht mehr einen Lust-, sondern einen Unlustaffect
hervorrufen, und eben diese Affectverwandlung macht das
Wesen dessen aus, was wir als „Verdrängung“ bezeichnen.
Auf welchem Wege, durch welche Triebkräfte eine solche Verwandlung
vor sich gehen kann, darin besteht das Problem der Verdrängung,
das wir hier nur zu streifen brauchen. Es genügt uns festzuhalten,
dass eine solche Affectverwandlung im Laufe der Entwickelung vor-
kommt (man denke nur an das Auftreten des anfänglich fehlenden
Ekels im Kinderleben) und dass sie an die Thätigkeit des secun-
dären Systems geknüpft ist.1) Die Erinnerungen von denen aus der
unbewusste Wunsch die Affectentbindung hervorruft, waren dem Vbw
niemals zugänglich; darum ist deren Affectentbindung auch nicht zu
hemmen. Eben wegen dieser Affectentwickelung sind diese Vor-
stellungen jetzt auch nicht von den vorbewussten Gedanken her zu- gänglich, auf die sie ihre Wunschkraft übertragen haben. Vielmehr
tritt das Unlustprincip in Kraft und veranlasst, dass das Vbw sich
von diesen Uebertragungsgedanken abwendet. Dieselben werden
sich selbst überlassen, „verdrängt“, und somit wird das Vorhanden-
sein eines infantilen, dem Vbw von Anfang an entzogenen Er-
innerungsschatzes zur Vorbedingung der Verdrängung.
Im günstigsten Falle nimmt die Unlustentwickelung ein Ende,
sowie den Uebertragungsgedanken im Vbw die Besetzung entzogenS.
360
ist, und dieser Erfolg kennzeichnet das Eingreifen des Unlustprincips
als zweckmässig. Anders aber, wenn der verdrängte unbewusste
Wunsch eine organische Verstärkung erfährt, die er seinen Ueber-
tragungsgelanken leihen, wodurch er sie in den Stand setzen kann,
mit ihrer Erregung den Versuch zum Durchdringen zu machen, auch
wenn sie von der Besetzung des Vbw verlassen worden sind. Es
kommt dann zum Abwehrkampf, indem das Vbw den Gegensatz
gegen die verdrängten Gedanken verstärkt, und in weiterer Folge
zum Durchdringen der Uebertragungsgelanken, welche Träger des
unbewussten Wunsches sind, in irgend einer Form von Compromiss
durch Symptombildung. Von dem Moment ab, da die verdrängten
Gedanken von der unbewussten Wunscherregung kräftig besetzt, von
der vorbewussten Besetzung dagegen verlassen sind, unterliegen sie
dem primären psychischen Vorgang, zielen sie nur auf motorische
Abfuhr oder, wenn der Weg frei ist, auf hallucinotorische Belebung
der gewünschten Wahrnehmungsidentität. (Wir haben früher empirisch
gefunden, dass die beschriebenen incorrecten Vorgänge sich nur mit
Gedanken abspielen, die in der Verdrängung stehen. Wir erfassen
jetzt ein weiteres Stück des Zusammenhanges. Diese incorrecten
Vorgänge sind die im psychischen Apparat primären; sie treten überall
dort ein, wo Vorstellungen von der vorbewussten Besetzung verlassen,
sich selbst überlassen werden und sich mit der ungehemmten nach
Abfluss strebenden Energie vom Unbewussten her erfüllen können.
Einige andere Beobachtungen kommen hinzu, die Auffassung zu
stützen, dass diese incorrect genannten Vorgänge nicht wirklich
Fälschungen der normalen, Denkfehler, sind, sondern die von einer
Hemmung befreiten Arbeitsweisen des psychischen Apparates. So
sehen wir, dass die Ueberleitung der vorbewussten Erregung auf die
Motilität nach denselben Vorgängen geschieht und dass die Ver-
knüpfung der vorbewussten Vorstellungen mit Worten, leicht die
nämlichen, der Unaufmerksamkeit zugeschriebenen Verschiebungen
und Vermengungen zeigt. Endlich möchte sich ein Beweis für den
Arbeitszuwachs, der bei der Hemmung dieser primären Verlaufsweisen
nothwendig wird, aus der Thatsache ergeben, dass wir einen komischen
Effect, einen durch Lachen abzuführenden Ueberschuss erzielen, wenn
wir diese Verlaufsweisen des Denkens zum Bewusstsein vordringen
lassen.)Die Theorie der Psychoneurosen behauptet mit ausschliessender
Sicherheit, dass es nur sexuelle Wunschregungen aus dem Infantilen
sein können, welche in den Entwicklungsperioden der Kindheit die
Verdrängung (Affectverwandlung) erfahren haben, in späteren Ent-
wicklungsperioden dann einer Erneuerung fähig sind, sei es infolge
der sexuellen Constitution, die sich ja aus der ursprünglichen Bisexu-
alität herausbildet, sei es infolge ungünstiger Einflüsse des sexuellen
Lebens, und die somit die Triebkräfte für alle psychoneurotische
Symptombildung abgeben. Nur durch die Einführung dieser sexuellenS.
361
Kräfte sind die in der Theorie der Verdrängung noch aufweisbaren
Lücken zu schliessen. Ich will es dahingestellt sein lassen, ob die
Forderung des Sexuellen und Infantilen auch für die Theorie des
Traumes erhoben werden darf; ich lasse diese unvollendet, weil
ich schon durch die Annahme, der Traumwunsch stamme jedesmal
aus dem Unbewussten, einen Schritt weit über das Beweisbare hinaus
gegangen bin.*) Ich will auch nicht weiter untersuchen, worin der
Unterschied im Spiel der psychischen Kräfte bei der Traumbildung
und bei der Bildung der hysterischen Symptome gelegen ist; es fehlt
uns ja hiezu die genauere Kenntnis des einen, der in Vergleich zu
bringenden Glieder. Aber auf einen anderen Punkt lege ich Werth
und schicke das Bekenntnis voraus, dass ich nur dieses Punktes
wegen all’ die Erörterungen über die beiden psychischen Systeme,
ihre Arbeitsweisen und die Verdrängung hie aufgenommen habe.
Es kommt jetzt nämlich nicht darauf an, ob ich die in Rede stehen
den psychologischen Verhältnisse annähernd richtig, oder, wie bei so
schwierigen Dingen leicht möglich, schief und lückenhaft aufgefasst
habe. Wie immer die Deutung der psychischen Censur, der
correcten und der abnormen Bearbeitung des Trauminhaltes sich
verändern mag, es bleibt giltig, dass solche Vorgänge bei der Traum
bildung wirksam sind, und dass sie die grösste Analogie im Wesent
lichen mit den bei der hysterischen Symptombildung erkannten Vor
gängen zeigen. Nun ist der Traum kein pathologisches Phänomen;
er hat keine Störung des psychischen Gleichgewichtes zur Voraus
*) Es sind hier wie an anderen Stellen Lücken in der Bearbeitung des Themas,
die ich absichtlich belassen habe, weil deren Ausfüllung einerseits einen zu grossen
Aufwand, andererseits die Anlehnung an ein dem Traume fremdes Material erfordern
würde. So habe ich es z. B. vermieden anzugeben, ob ich mit dem Worte „unter
drückt“ einen anderen Sinn verbinde als mit dem Worte „verdrängt“. Es dürfte
nur klar geworden sein, dass letzteres die Zugehörigkeit zum Unbewussten stärker
als das erstere betont. Ich bin auf das nahe liegende Problem nicht eingegangen,
warum die Traumgedanken die Entstellung durch die Censur auch für den Fall
erfahren, dass sie auf die progrediente Fortsetzung zum Bewusstsein verzichten und
sich für den Weg der Regression entscheiden, u. dgl. Unterlassungen mehr. Es
kam mir vor Allem darauf an, einen Eindruck von den Problemen zu erwecken, zu
denen die weitere Zergliederung der Traumarbeit führt, und die anderen Themata
anzudeuten, mit denen dieses auf dem Wege zusammenfällt. Die Entscheidung, an
welcher Stelle die Verfolgung abgebrochen werden soll, ist mir dann nicht immer
leicht geworden. – Dass ich die Rolle des sexuellen Vorstellunglebens für den
Traum nicht erschöpfend behandelt und die Deutung von Träumen mit offenkundig
sexuellem Inhalt vermieden habe, beruht auf einer besonderen Motivierung, die sich
vielleicht mit der Erwartung der Leser nicht deckt. Es liegt gerade meinen An
schauungen und den Lehrmeinungen, die ich in der Neuropathologie vertrete, völlig
ferne, das Sexualleben als ein Pudendum anzusehen, das weder den Arzt noch den
wissenschaftlichen Forscher zu bekümmern hat. Auch finde ich die sittliche Ent
rüstung lächerlich, durch welche der Uebersetzer des Artemidoros aus Daldis2)
über die „Symbolik der Träume“ sich bewegen liess, das dort enthaltene Kapitel über
sexuelle Träume der Kenntnis der Leser zu unterschlagen. Für mich war allein
die Einsicht massgebend, dass ich mich bei der Erklärung sexueller Träume tief in
die noch ungeklärten Probleme der Perversion und der Bisexualität verstricken
müsste, und so sparte ich mir dies Material für einen anderen Zusammenhang.S.
362
VII. Psychologie der Traumvorgänge.
setzung; er hinterlässt keine Schwächung der Leistungsfähigkeit.
Der Einwand, dass meine Träume und die meiner neurotischen
Patienten nicht auf die Träume gesunder Menschen schliessen lassen,
dürfte wohl ohne Würdigung abzuweisen sein. Wenn wir also aus den
Phänomenen auf deren Triebkräfte schliessen, so erkennen wir, dass der
psychische Mechanismus, dessen sich die Neurose bedient, nicht erst durch
eine das Seelenleben ergreifende krankhafte Störung geschaffen wird,
sondern in dem normalen Aufbau des seelischen Apparates bereit
liegt. Die beiden psychischen Systeme, die Uebergangscensur
zwischen ihnen, die Hemmung und Ueberlagerung der einen Thätig-
keit durch die andere, die Beziehungen beider zum Bewusstsein –
oder was eine richtigere Deutung der thatsächlichen Verhältnisse an
deren Statt ergeben mag; – das alles gehört zum normalen Aufbau
unseres Seeleninstrumentes, und der Traum zeigt uns einen der
Wege, die zur Kenntnis der Structur desselben führen. Wenn wir
uns mit einem Minimum von völlig gesichertem Erkenntniszuwachs
begnügen wollen, so werden wir sagen, der Traum beweist uns, dass
das Unterdrückte auch beim normalen Menschen fort-
besteht und psychischer Leistungen fähig bleibt. Der
Traum ist selbst eine der Aeusserungen dieses Unterdrückten; nach
der Theorie ist er es in allen Fällen, nach der greifbaren Erfahrung
wenigstens in einer grossen Anzahl, welche die auffälligen Charaktere
des Traumlebens gerade am deutlichsten zur Schau trägt. Das seelisch
Unterdrückte, welches im Wachleben durch die gegensätzliche
Erledigung der Widersprüche am Ausdruck gehindert und
von der inneren Wahrnehmung abgeschnitten wurde, findet im Nacht-
leben und unter der Herrschaft der Compromissbildungen Mittel und
Wege, sich dem Bewusstsein aufzudrängen.Flectere si nequeo Superos, Acheronta movebo.
Indem wir der Analyse des Traumes folgen, bekommen wir
ein Stück weit Einsicht in die Zusammensetzung dieses allerwunder-
barsten und allergeheimnisvollsten Instrumentes, freilich nur ein
kleines Stück weit, aber es ist damit der Anfang gemacht, um von
anderen – pathologisch zu heissenden – Bildungen her weiter in
die Zerlegung desselben vorzudringen. Denn die Krankheit –
wenigstens die mit Recht functionell genannte – hat nicht die Zer-
trümmerung dieses Apparates, die Herstellung neuer Spaltungen in
seinem Inneren zur Voraussetzung; sie ist dynamisch aufzuklären
durch Stärkung und Schwächung der Componenten des Kräftespiels,
von dem so viele Wirkungen während der normalen Function ver-
deckt sind. An anderer Stelle könnte noch gezeigt werden, wie die
Zusammensetzung des Apparates aus den beiden Instanzen eine Ver-
feinerung auch der normalen Leistung gestattet, die einer einzigen
unmöglich wäre.*)*)Der Traum ist nicht das einzige Phänomen, welches die Psychopathologie
auf die Psychologie zu begründen gestattet. In einer kleinen, noch nicht abge-S.
363
f) Das Unbewußte und das Bewußtsein. – Die Realität.
Wenn wir genauer zusehen, ist es nicht der Bestand von zwei
Systemen nahe dem motorischen Ende des Apparates, sondern von
zweierlei Vorgängen oder Ablaufsarten der Erregung,
deren Annahme uns durch die psychologischen Erörterungen der vor-
stehenden Abschnitte nahe gelegt wurde. Es gälte uns gleich; denn unsere
Hilfsvorstellungen fallen zu lassen, müssen wir immer bereit sein,
wenn wir uns in der Lage glauben, sie durch etwas Anderes zu
ersetzen, was der unbekannten Wirklichkeit besser angenähert ist.
Versuchen wir es jetzt, einige Anschauungen richtig zu stellen, die
sich mißverständlich bilden konnten, so lange wir die beiden Systeme
im nächsten und rohesten Sinne als zwei Localitäten innerhalb des
seelischen Apparates im Auge hatten, Anschauungen, die ihren
Niederschlag in den Ausdrücken „verdrängen“ und „durchdringen“
zurückgelassen haben. Wenn wir also sagen, ein unbewußter
Gedanke strebe nach Uebersetzung in’s Vorbewußte, um dann zum
Bewußtsein durchzudringen, so meinen wir nicht, dass ein zweiter
an neuer Stelle gelegener Gedanke gebildet werden soll, eine Ueber-
schrift gleichsam, neben welcher das Original fortbesteht; und auch
vom Durchdringen zum Bewußtsein wollen wir jede Idee einer
Ortsveränderung sorgfältig ablösen. Wenn wir sagen, ein vor-
bewusster Gedanke wird verdrängt und dann vom Unbewussten auf-
genommen, so könnten uns diese dem Vorstellungskreis des Kampfes
um ein Terrain entlehnten Bilder zur Annahme verlocken, dass
wirklich in der einen psychischen Localität eine Anordnung auf-
gelöst und durch eine neue in der anderen Localität ersetzt wird.
Für diese Gleichnisse setzen wir ein, was dem realen Sachverhalt
besser zu entsprechen scheint, dass eine Energiebesetzung auf eine
bestimmte Anordnung verlegt oder von ihr zurückgezogen wird,
so dass das psychische Gebilde unter die Herrschaft einer Instanz
geräth oder ihr entzogen ist. Wir ersetzen hier wiederum eine
topische Vorstellungsweise durch eine dynamische; nicht das psychische
Gebilde erscheint uns als das Bewegliche, sondern dessen Innervation.Dennoch halte ich es für zweckmäßig und berechtigt, die an-
schauliche Vorstellung der beiden Systeme weiter zu pflegen. Wir
weichen jedem Missbrauch dieser Darstellungsweise aus, wenn wir
uns erinnern, dass Vorstellungen, Gedanken, psychische Gebilde im
Allgemeinen überhaupt nicht in organischen Elementen des Nerven-
systems localisirt werden dürfen, sondern so zu sagen zwischen
ihnen, wo Widerstände und Bahnungen das ihnen entsprechende
Correlat bilden. Alles, was Gegenstand unserer inneren Wahr-
nehmung ist, ist nicht nur nicht am richtigen Ort, sondern auch nicht
aus den richtigen Elementen zusammengesetzt.schlossenen Reihe von Aufsätzen in der Monatschrift für Psychiatrie und Neurologie
(über den psychischen Mechanismus der Vergesslichkeit 1898 – über Denkerinne-
rungen 1899) suche ich eine Anzahl von alltäglichen psychischen Beobachtungen
als Stützen der nämlichen Erkenntnis zu deuten.S.
364
nehmung werden kann, ist virtuell, wie das durch den Gang der
Lichtstrahlen gegebene Bild im Fernrohr. Die Systeme aber, die
selbst nichts Psychisches sind und nie unserer psychischen Wahr-
nehmung zugänglich werden, sind wir berechtigt anzunehmen gleich
den Linsen des Fernrohrs, die das Bild entwerfen. In der Fort-
setzung dieses Gleichnisses entspräche die Censur zwischen zwei
Systemen der Strahlenbrechung beim Uebergange in ein neues Medium.Wir haben bisher Psychologie auf eigene Faust getrieben; es
ist Zeit, sich nach den Lehrmeinungen umzusehen, welche die heutige
Psychologie beherrschen, und deren Verhältnis zu unseren Auf-
stellungen zu prüfen. Die Frage des Unbewussten in der Psychologie
ist nach dem kräftigen Worte von Lipps*) weniger eine psycho-
logische Frage, als die Frage der Psychologie. So lange die Psycho-
logie diese Frage durch die Worterklärung erledigte, das „Psychische“
sei eben das „Bewusste“, und „unbewusste psychische Vorgänge“
ein greifbarer Widersinn, blieb eine psychologische Verwerthung
der Beobachtungen, welche ein Arzt an abnormen Seelenzuständen
gewinnen konnte, ausgeschlossen. Erst dann treffen der Arzt und
der Philosoph zusammen, wenn beide anerkennen, unbewusste
psychische Vorgänge seien „der zweckmässige und wohlberechtigte
Ausdruck für eine feststehende Thatsache“. Der Arzt kann nicht
anders, als die Versicherung, „das Bewusstsein sei der unentbehrliche
Charakter des Psychischen“, mit Achselzucken zurückweisen, und
etwa, wenn sein Respect vor den Aeusserungen der Philosophen
noch stark genug ist, annehmen, sie behandelten nicht dasselbe
Object und trieben nicht die gleiche Wissenschaft. Denn auch nur
eine einzige verständnisvolle Beobachtung des Seelenlebens eines
Neurotikers, eine einzige Traumanalyse, muss ihm die unerschütter-
liche Ueberzeugung aufdrängen, dass die complicirtesten und
correctesten Denkvorgänge, denen man doch den Namen psychischer
Vorgänge nicht versagen wird, vorfallen können, ohne das Bewusst-
sein der Person zu erregen. Gewiss erhält der Arzt von diesen
unbewussten Vorgängen nicht eher Kunde, als bis sie eine Mit-
theilung oder Beobachtung zulassende Wirkung auf das Bewusstsein
ausgeübt haben. Aber dieser Bewusstseinseffect kann einen von dem
unbewussten Vorgang ganz abweichenden psychischen Charakter
zeigen, so dass die innere Wahrnehmung unmöglich den einen als
den Ersatz des anderen erkennen kann. Der Arzt muss sich das
Recht wahren, durch einen Schlussprocess vom Bewusstseinseffect
zum unbewussten psychischen Vorgang vorzudringen; er erfährt auf
diesem Wege, dass der Bewusstseinseffect nur eine entfernte psychische
Wirkung des unbewussten Vorganges ist, und dass letzterer nicht
als solcher bewusst geworden ist, auch dass er bestanden und gewirkt
hat, ohne sich noch mit dem Bewusstsein irgendwie zu verrathen.*)Der Begriff des Unbewussten in der Psychologie. – Vortrag auf dem
dritten internationalen Congress für Psychologie zu München 1897.S.
365
Die Rückkehr von der Ueberschätzung der Bewusstseineigen-
schaft wird zur unerlässlichen Vorbedingung für jede richtige Ein-
sicht in den Hergang des Psychischen. Das Unbewusste muss nach
dem Ausdrucke von Lipps als allgemeine Basis des psychischen
Lebens angenommen werden. Das Unbewusste ist der grössere
Kreis, der den kleineren des Bewussten in sich einschliesst; alles
Bewusste hat eine unbewusste Vorstufe, während das Unbewusste
auf dieser Stufe stehen bleiben und doch den vollen Werth einer
psychischen Leistung beanspruchen kann. Das Unbewusste ist das
eigentlich reale Psychische, uns nach seiner inneren Natur
so unbekannt wie das Reale der Aussenwelt, und uns
durch die Daten des Bewusstseins ebenso unvollständig
gegeben wie die Aussenwelt durch die Angaben unserer
Sinnesorgane.Wenn der alte Gegensatz von Bewusstleben und Traumleben
durch die Einsetzung des unbewussten Psychischen in die ihm
gebührende Stellung entwerthet ist, so werden eine Reihe von
Traumproblemen abgestreift, welche frühere Autoren noch eingehend
beschäftigt haben. So manche Leistungen, über deren Vollziehung
im Traume man sich wundern konnte, sind nun nicht mehr dem
Traum anzurechnen, sondern dem auch bei Tage arbeitenden
unbewussten Denken. Wenn der Traum mit einer symbolisirenden
Darstellung des Körpers, nach Scherner, zu spielen scheint, so
wissen wir, dies ist die Leistung gewisser unbewusster Phantasien,
die wahrscheinlich sexuellen Regungen nachgeben, und die nicht
nur im Traum sondern auch in den hysterischen Phobien und
anderen Symptomen zum Ausdruck kommen. Wenn der Traum
Arbeiten des Tages fortführt und erledigt, und selbst werthvolle Einfälle
an’s Licht fördert, so haben wir hievon nur die Traumverkleidung
abzuziehen als Leistung der Traumarbeit und als Marke der Hilfe-
leistung dunkler Mächte der Seelentiefen (vgl. den Teufel in
Tartini’s Sonatentraum). Die intellectuelle Leistung selbst fällt
denselben Seelenkräften zu, die tagsüber alle solche vollbringen.
Wir neigen wahrscheinlich in viel zu hohem Masse zur Ueber-
schätzung des bewussten Charakters auch der intellectuellen und
künstlerischen Production. Aus den Mittheilungen einiger höchst-
productiven Menschen, wie Goethe und Helmholtz, erfahren wir
doch eher, dass das Wesentliche und Neue ihrer Schöpfungen ihnen
einfallsartig gegeben wurde und fast fertig zu ihrer Wahrnehmung
kam. Die Mithilfe der bewussten Thätigkeit in anderen Fällen hat
nichts Befremdendes, wo eine Anstrengung aller Geisteskräfte vor
lag. Aber es ist das viel missbrauchte Vorrecht der bewussten
Thätigkeit, dass sie uns alle anderen verdecken darf, wo immer
sie mitthut.Es verlohnt sich kaum der Mühe, die historische Bedeutung
der Träume als ein besonderes Thema aufzustellen. Wo ein Häupt-
ling etwa durch einen Traum zu einem kühnen Unternehmen bestimmtS.
366
wurde, dessen Erfolg verändernd in die Geschichte eingegriffen hat,
da ergibt sich ein neues Problem nur so lange, als man den Traum
wie eine fremde Macht anderen, vertrauteren Seelenkräften gegen-
über stellt, nicht mehr, wenn man den Traum als eine Form des
Ausdrucks für Regungen betrachtet, auf denen bei Tage ein Wider-
stand lastete, und die sich bei Nacht Verstärkung aus tiefliegenden
Erregungsquellen holen konnten. Die Achtung aber, mit der dem
Traum bei den alten Völkern begegnet wurde, ist eine auf richtige
psychologische Ahnung gegründete Huldigung vor dem Ungebändigten
und Unzerstörbaren in der Menschenseele, dem Dämonischen,
welches den Traumwunsch hergibt, und das wir in unserem Un-
bewussten wiederfinden.Ich sage nicht ohne Absicht, in unserem Unbewussten,
denn was wir so heißen, deckt sich nicht mit dem Unbewussten der
Philosophen, auch nicht mit dem Unbewussten bei Lipps. Dort
soll es blos den Gegensatz zu dem Bewussten bezeichnen; dass es ausser
den bewussten Vorgängen auch unbewusste psychische gibt, ist die heiss
bestrittene und energisch vertheidigte Erkenntnis. Bei Lipps
hören wir von dem weiter reichenden Satz, dass alles Psychische
als unbewusst vorhanden ist, einiges davon dann auch als bewusst.
Aber nicht zum Erweis für diesen Satz haben wir die Phänomene
des Traumes und der hysterischen Symptombildung herangezogen;
die Beobachtung des normalen Tageslebens reicht allein hin, ihn
über jeden Zweifel festzustellen. Das Neue, was uns die Analyse
der psychopathologischen Bildungen und schon ihres erstes Gliedes,
der Träume, gelehrt, besteht darin, dass das Unbewusste – also das
Psychische – als Function zweier gesonderter Systeme vorkommt und
schon im normalen Seelenleben so vorkommt. Es gibt also zweierlei
Unbewusstes, was wir von den Psychologen noch nicht gesondert
finden. Beides ist Unbewusstes im Sinne der PsychologieS.
367
Auch von der Unterscheidung Ober- und Unterbewusst-
sein, die in der neueren Litteratur der Psychoneurosen so beliebt
geworden ist, müssen wir uns ferne halten, da gerade sie die Gleich-
stellung des Psychischen und des Bewussten zu betonen scheint.Welche Rolle verbleibt in unserer Darstellung dem einst allmäch-
tigen, alles Andere verdeckenden Bewusstsein? Keine andere, als die
eines Sinnesorganes zur Wahrnehmung psychischer Qua-
litäten. Nach dem Grundgedanken unseres schematischen Versuches
können wir die Bewusstseinswahrnehmung nur als die eigene Leistung
eines besonderen Systems auffassen, für welches sich die Abkürzungs-
bezeichnung Bw empfiehlt. Dies System denken wir uns in seinen
mechanischen Charakteren ähnlich wie die Wahrnehmungssysteme
W, also erregbar durch Qualitäten, und unfähig die Spur von Ver-
änderungen zu bewahren, also ohne Gedächtnis. Der psychische
Apparat, der mit dem Sinnesorgan der W-Systeme der Aussenwelt
zugekehrt ist, ist selbst Aussenwelt für das Sinnesorgan des Bw,
dessen teleologische Rechtfertigung in diesem Verhältnisse ruht.
Das Princip des Instanzenzuges, welches den Bau des Apparates zu
beherrschen scheint, tritt uns hier nochmals entgegen. Das Material
an Erregungen fliesst dem Bw-Sinnesorgan von zwei Seiten her zu,
von dem W-System her, dessen durch Qualitäten bedingte Erregung
wahrscheinlich eine neue Verarbeitung durchnacht, bis sie zur
bewussten Empfindung wird, und aus dem Innern des Apparates
selbst, dessen quantitative Vorgänge als Qualitätenreihe der Lust
und Unlust empfunden werden, wenn sie bei gewissen Veränderungen
angelangt sind.Die Philosophen, welche inne wurden, dass correcte und hoch
zusammengesetzte Gedankenbildungen auch ohne Dazuthun des
Bewusstseins möglich sind, haben es dann als Schwierigkeit erfunden,
dem Bewusstsein eine Verrichtung zuzuschreiben; es erschien ihnen
als überflüssige Spiegelung des vollendeten psychischen Vorganges.
Die Analogie unseres Bw-Systemes mit den Wahrnehmungssystemen
entreisst uns dieser Verlegenheit. Wir sehen, dass die Wahrnehmung
durch unsere Sinnesorgane die Folge hat, eine Aufmerksamkeits-
besetzung auf die Wege zu leiten, nach denen die ankommende
Sinneserregung sich verbreitet; die qualitative Erregung des
W-Systems dient der mobilen Quantität im psychischen Apparat als
Regulator ihres Ablaufes. Dieselbe Verrichtung können wir für das
überlagernde Sinnesorgan des Bw-Systemes in Anspruch nehmen.
Indem es neue Qualitäten wahrnimmt, leistet es einen neuen Beitrag
zur Lenkung und zweckmässigen Vertheilung der mobilen Besetzungs-
quantitäten. Mittelst der Lust- und Unlustwahrnehmung beeinflusst
es den Verlauf der Besetzungen innerhalb des sonst unbewusst und
durch Quantitätsverschiebungen arbeitenden psychischen Apparates.
Es ist wahrscheinlich, dass das Unlustprincip die Verschiebungen
der Besetzung zunächst automatisch regelt; aber es ist sehr wohlS.
368
möglich, dass das Bewusstsein dieser Qualitäten eine zweite und
feinere Regulirung hinzuthut, die sich sogar der ersteren widersetzen
kann und die Leistungsfähigkeit des Apparats vervollkommnet, indem
sie ihn gegen seine ursprüngliche Anlage in den Stand setzt, auch
was mit Unlustentbindung verknüpft ist, der Besetzung und Bearbei-
tung zu unterziehen. Aus der Neurosenpsychologie erfährt man, dass
diesen Regulirungen durch die Qualitätserregung der Sinnesorgane
eine grosse Rolle bei der Functionsthätigkeit des Apparats zugedacht
ist. Die automatische Herrschaft des primären Unlustprincips und die
damit verbundene Einschränkung der Leistungsfähigkeit wird durch
die sensibeln Regulirungen, die selbst wieder Automatismen sind,
gebrochen. Man erfährt, dass die Verdrängung, die, ursprünglich
zweckmässig, doch in schädlichen Verzicht auf Hemmung und seelische
Beherrschung ausläuft, sich soviel leichter an Erinnerungen als an
Wahrnehmungen vollzieht, weil bei ersteren der Besetzungszuwachs
durch die Erregung der psychischen Sinnesorgane ausbleiben muss.
Wenn ein abzuwehrender Gedanke einerseits nicht bewusst wird,
weil er der Verdrängung unterlegen ist, so kann er andere Male
nur darum verdrängt werden, weil er aus anderen Gründen der
Bewusstseinswahrnehmung entzogen wurde. Es sind das Winke,
deren sich die Therapie bedient, um vollzogene Verdrängungen
rückgängig zu machen.Der Werth der Ueberbesetzung, welche durch den regulirenden
Einfluss des Bw-Sinnesorgans auf die mobile Quantität hergestellt
wird, ist im teleologischen Zusammenhang durch nichts besser dar-
gethan, als durch die Schöpfung einer neuen Qualitätenreihe und
somit einer neuen Regulirung, welche das Vorrecht des Menschen
vor den Thieren ausmacht. Die Denkvorgänge sind nämlich an sich
qualitätslos bis auf die sie begleitenden Lust und Unlusterregungen,
die ja als mögliche Störung des Denkens in Schranken gehalten
werden sollen. Um ihnen eine Qualität zu verleihen, werden sie
beim Menschen mit den Worterinnerungen associirt, deren Qualitäts-
reste genügen, um die Aufmerksamkeit des Bewusstseins auf sich zu
ziehen und von ihm aus dem Denken eine neue mobile Besetzung
zuzuwenden.Die ganze Mannigfaltigkeit der Bewusstseinsprobleme lässt sich
erst bei der Zergliederung der hysterischen Denkvorgänge über-
sehen. Man empfängt dann den Eindruck, dass auch der Ueber-
gang vom Vorbewussten zur Bewusstseinsbesetzung mit einer Censur
verknüpft ist, ähnlich der Censur zwischen Ubw und Vbw. Auch
diese Censur setzt erst bei einer gewissen quantitativen Grenze ein,
so dass ihr wenig intensive Gedankenbildungen entgehen. Alle
möglichen Fälle der Abhaltung von dem Bewusstsein, sowie des Durch-
dringens zu demselben unter Einschränkungen, finden sich im
Rahmen der psychoneurotischen Phänomene vereinigt; sämmtlich
weisen sie auf den innigen und zweiseitigen Zusammenhang zwischenS.
369
Censur und Bewusstsein hin. Mit der Mittheilung zweier derartiger
Vorkommnisse will ich diese psychologischen Erörterungen beschliessen.
Ein Consilium im Vorjahre führt mich zu einem intelligent
und unbefangen blickenden Mädchen. Ihr Aufzug ist befremdend; wo
doch sonst die Kleidung des Weibes bis in die letzte Falte beseelt
ist, trägt sie einen Strumpf herabhängend und zwei Knöpfe der
Blouse offen. Sie klagt über Schmerzen in einem Bein und entblösst
unaufgefordert eine Wade. Ihre Hauptklage aber lautet wörtlich:
Sie hat ein Gefühl im Leib, als ob etwas darin stecken
würde, was sich hin und her bewegt und sie durch und
durch erschüttert. Manchmal wird ihr dabei der ganze
Leib wie steif. Mein mitanwesender College sieht mich dabei
an; er findet die Klage nicht missverständlich. Merkwürdig erscheint
uns Beiden, dass die Mutter der Kranken sich dabei nichts denkt;
sie muss sich ja wiederholt in der Situation befunden haben, welche
ihr Kind beschreibt. Das Mädchen selbst hat keine Ahnung von
dem Belang ihrer Rede, sonst würde sie dieselbe nicht im Munde
führen. Hier ist es gelungen, die Censur so abzublenden, dass eine
sonst im Vorbewusstsein verbleibende Phantasie wie harmlos in der
Maske einer Klage zum Bewusstsein zugelassen wird.Ein anderes Beispiel. Ich beginne eine psychoanalytische Be-
handlung mit einem 14jährigen Knaben, der an Tic convulsif, hyste-
rischem Erbrechen, Kopfschmerz u. dgl. leidet, indem ich ihm ver-
sichere, er werde nach dem Augenschluss Bilder sehen oder Einfälle
bekommen, die er mir mittheilen soll. Er antwortet in Bildern.
Der letzte Eindruck, ehe er zu mir gekommen ist, lebt in seiner
Erinnerung visuell auf. Er hatte mit seinem Onkel ein Brettspiel
gespielt und sieht jetzt das Brett vor sich. Er erörtert verschiedene
Stellungen, die günstig sind oder ungünstig, Züge, die man nicht
machen darf. Dann sieht er auf dem Brett einen Dolch liegen,
einen Gegenstand, den sein Vater besitzt, den aber seine Phantasie
auf das Brett verlegt. Dann liegt eine Sichel auf dem Brett; dann
kommt eine Sense hinzu, und jetzt tritt das Bild eines alten Bauern
auf, der das Gras vor dem entfernten heimathlichen Hause mit der
Sense mäht. Nach wenigen Tagen habe ich das Verständniss für
diese Aneinanderreihung von Bildern gewonnen. Unerfreuliche
Familienverhältnisse haben den Knaben in Aufregung gebracht. Ein
harter, jähzorniger Vater, der mit der Mutter im Unfrieden lebte,
dessen Erziehungsmittel Drohungen waren; die Scheidung des Vaters
von der weichen und zärtlichen Mutter; die Wiederverheirathung
des Vaters, der eines Tages eine junge Frau als die neue Mama
nach Hause brachte. In den ersten Tagen nachher brach die Krank-
heit des 14jährigen Knaben aus. Es ist die unterdrückte Wuth
gegen den Vater, die jene Bilder zu verständlichen Anspielungen
zusammengesetzt hat. Eine Reminiscenz aus der Mythologie hat das
Material gegeben. Die Sichel ist die, mit der Zeus den Vater ent-
S.
370
mannte, die Sense und das Bild des Bauern schildern den Kronos,
den gewaltthätigen Alten, der seine Kinder frißt, und an dem Zeus
so unkindlich Rache nimmt. Die Heirath des Vaters war eine Ge-
legenheit, ihm die Vorwürfe und Drohungen zurückzugeben, die das
Kind früher einmal von ihm gehört hatte, weil es mit den Genitalien
spielte (das Brettspiel); die verbotenen Züge; der Dolch, mit dem
man umbringen kann). Hier sind es lang verdrängte Erinnerungen
und deren unbewußt gebliebene Abkömmlinge, die auf dem ihnen
eröffneten Umwege sich als scheinbar sinnlose Bilder in’s
Bewußtsein schleichen.So würde ich also den theoretischen Werth der Beschäftigung
mit dem Traum in den Beiträgen zur psychologischen Erkenntnis
und in der Vorbereitung für das Verständnis der Psychoneurosen
suchen. Wer vermag zu ahnen, zu welcher Bedeutung sich eine
gründliche Bekanntschaft mit dem Bau und den Leistungen des
Seelenapparates noch erheben kann, wenn schon der heutige Stand
unseres Wissens eine glückliche therapeutische Beeinflussung der an
sich heilbaren Formen von Psychoneurosen gestattet? Und der prak-
tische Werth dieser Beschäftigung, höre ich fragen, für die Seelen-
kenntnis, die Aufdeckung der verborgenen Charaktereigenschaften
der Einzelnen? Haben denn die unbewussten Regungen, die der
Traum offenbart, nicht den Werth von realen Mächten im Seelen-
leben? Ist die ethische Bedeutung der unterdrückten Wünsche
gering anzuschlagen, die, wie sie Träume schaffen, eines Tages An-
denen schaffen können?Ich fühle mich nicht berechtigt, auf diese Fragen zu ant-
worten. Meine Gedanken haben diese Seite des Traumproblems
nicht weiter verfolgt. Ich meine nur, jedenfalls hatte der römische
Kaiser Unrecht, welcher einen Unterthanen hinrichten liess, weil
dieser geträumt hatte, dass er den Imperator ermordet. Er hätte
sich zuerst darum bekümmern sollen, was dieser Traum bedeutete;
sehr wahrscheinlich war es nicht dasselbe, was er zur Schau trug. Und
selbst, wenn ein Traum, der anders lautete, diese majestätsverbreche-
rische Bedeutung hätte, wäre es noch am Platze, des Wortes von Plato
zu gedenken, dass der Tugendhafte sich bemügt, von dem zu
träumen, was der Böse im Leben thut. Ich meine also, am besten
gibt man die Träume frei. Ob den unbewussten Wünschen Realität
zuzuerkennen ist, kann ich nicht sagen. Allen Uebergangs- und
Zwischengedanken ist sie natürlich abzusprechen. Hat man die un-
bewussten Wünsche, auf ihren letzten und wahrsten Ausdruck ge-
bracht, vor sich, so muss man sich wohl erinnern, dass auch dem
psychisch Realen mehr als nur eine Existenzform zukommt. Für
das praktische Bedürfnis der Charakterbeurtheilung des Menschen
genügt zumeist die That und die bewusst sich äussernde Gesinnung.
Die That vor Allem verdient in die erste Reihe gestellt zu werden,
denn viele zum Bewusstsein durchgedrungene Impulse werden nochS.
371
durch reale Mächte des Seelenlebens vor ihrem Einmünden in die
That aufgehoben; ja, sie begegnen oft darum keinem psychischen
Hindernis auf ihrem Wege, weil das Unbewusste ihrer anderweitigen
Verhinderung sicher ist. Es bleibt auf alle Fälle lehrreich, den viel
durchwühlten Boden kennen zu lernen, auf dem unsere Tugenden
sich stolz erheben. Die nach allen Richtungen hin dynamisch be-
wegte Complication eines menschlichen Charakters fügt sich höchst
selten der Erledigung durch eine einfache Alternative, wie unsere
überjährte Morallehre es möchte.Und der Werth des Traumes für die Kenntnis der Zukunft?
Daran ist natürlich nicht zu denken. Man möchte dafür einsetzen:
Für die Kenntnis der Vergangenheit. Denn aus der Vergangenheit
stammt der Traum in jedem Sinne. Zwar entbehrt auch der alte
Glaube, dass der Traum uns die Zukunft zeigt, nicht völlig des
Gehalts an Wahrheit. Indem uns der Traum einen Wunsch als
erfüllt vorstellt, führt er uns allerdings in die Zukunft; aber diese
vom Träumer für gegenwärtig genommene Zukunft ist durch den
unzerstörbaren Wunsch zum Ebenbild jener Vergangenheit gestaltet.
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Die Traumdeutung1900-001/1900
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