Die Traumdeutung1900-001/1900
  • S.

    IV.

    Die Traumentstellung.

    Wenn ich nun die Behauptung aufstelle, dass Wunscherfüllung
    der Sinn eines jeden Traumes sei, also dass es keine anderen
    als Wunschträume geben kann, so bin ich des entschiedensten
    Widerspruches im Vorhinein sicher. Man wird mir entgegenhalten:
    „Dass es Träume gibt, welche als Wunscherfüllungen zu verstehen
    sind, ist nicht neu, sondern längst von den Autoren bemerkt worden.“
    [Vgl. Radestock54) (p. 137–138), Volkelt72) (p. 110–111),
    Purkinje55) (p. 456), Tissiè68) (p. 70), M. Simon63) (p. 42 über
    die Hungerträume des eingekerkerten Baron Trenck) und die
    Stelle bei Griesinger31) (p. 111).] Dass es aber nichts Anderes
    giebt als Wunscherfüllungsträume, das ist wieder eine der ungerecht-
    fertigten Verallgemeinerungen, in denen Sie sich letzter Zeit auszu-
    zeichnen belieben. Es kommen doch reichlich genug Träume vor,
    welche den peinlichsten Inhalt erkennen lassen, aber keine Spur
    irgend einer Wunscherfüllung. Der pessimistische Philosoph
    Ed. v. Hartmann steht wohl der Wunscherfüllungstheorie am
    fernsten. Er äussert in seiner Philosophie des Unbewussten, II. Theil
    (Stereotyp-Ausgabe, p. 344):

    „Was den Traum betrifft, so treten mit ihm alle Plackereien
    des wachen Lebens auch in den Schlafzustand hinüber, nur das
    Einzige nicht, was den Gebildeten einigermassen mit dem Leben
    aussöhnen kann: wissenschaftlicher und Kunstgenuss . . . .“ Aber
    auch minder unzufriedene Beobachter haben hervorgehoben, dass
    im Traum Schmerz und Unlust häufiger sei als Lust, so Scholz59)
    (p. 33), Volkelt72) (p. 80) u. A. Ja die Damen Sarah Weed
    und Florence Hallam83) haben aus der Bearbeitung ihrer Träume
    einen ziffermässigen Ausdruck für das Ueberwiegen der Unlust in
    den Träumen entnommen. Sie bezeichnen 58% der Träume als
    peinlich und nur 28% als positiv angenehm. Ausser diesen
    Träumen, welche die mannigfaltigen peinlichen Ge-
    fühle des Lebens
    in den Schlaf fortsetzen, giebt es auch Angstträume, in denen uns

  • S.

    94

    IV. Die Traumentstellung.

    diese entsetzliche aller Unlustempfindungen schüttelt, bis wir
    erwachen, und von solchen Angstträumen werden gerade die Kinder
    so leicht heimgesucht [Vgl. Debacker17) über den Pavor nocturnus],
    bei denen Sie die Wunschträume unverhüllt gefunden haben.“

    Wirklich scheinen gerade die Angstträume eine Verallgemei-
    nerung des Satzes, den wir aus den Beispielen des vorigen
    Abschnittes gewonnen haben, der Traum sei eine Wunscherfüllung,
    unmöglich zu machen, ja diesen Satz zur Absurdität zu brandmarken.

    Dennoch ist es nicht sehr schwer, sich diesen anscheinend zwingen-
    den Einwänden zu entziehen. Man wolle bloß beachten, dass unsere
    Lehre nicht auf der Würdigung des manifesten Trauminhaltes
    beruht, sondern sich auf den Gedankeninhalt bezieht, welcher durch
    die Deutungsarbeit hinter dem Traume erkannt wird. Stellen wir
    manifesten und latenten Trauminhalt einander gegenüber.
    Es ist richtig, dass es Träume giebt, deren manifester Inhalt von
    der peinlichsten Art ist. Aber hat Jemand versucht, diese Träume
    zu deuten, den latenten Gedankeninhalt derselben aufzudecken?
    Wenn aber nicht, dann treffen uns die beiden Einwände nicht mehr;
    es bleibt immerhin möglich, dass auch peinliche und Angstträume
    sich nach der Deutung als Wunscherfüllungen enthüllen.

    Bei wissenschaftlicher Arbeit ist es oft von Vortheil, wenn die
    Lösung des einen Problems Schwierigkeiten bereitet, ein zweites
    hinzuzunehmen, etwa wie man zwei Nüsse leichter mit einander als
    einzeln aufknackt. So stehen wir nicht nur vor der Frage: Wie
    können peinliche und Angstträume Wunscherfüllungen sein, sondern
    wir können auch aus unseren bisherigen Erörterungen über den Traum
    eine zweite Frage aufwerfen: Warum zeigen die Träume indifferenten
    Inhalts, welche sich als Wunscherfüllungen ergeben, diesen ihren
    Sinn nicht unverhüllt? Man nehme den weitläufig behandelten
    Traum von Irma’s Injection, er ist keineswegs peinlicher Natur,
    er ist durch die Deutung als eclatante Wunscherfüllung zu erkennen.
    Wozu bedarf es aber überhaupt einer Deutung? Warum sagt der
    Traum nicht direct, was er bedeutet? Thatsächlich macht auch
    der Traum von Irma’s Injection zunächst nicht den Eindruck, dass
    er einen Wunsch des Träumers als erfüllt darstellt. Der Leser
    wird diesen Eindruck nicht bekommen haben, aber auch ich selbst
    wusste es nicht, ehe ich die Analyse angestellt hatte. Heissen wir
    dieses der Erklärung bedürftige Verhalten des Traumes: die That-
    sache der Traumentstellung, so erhebt sich also die zweite
    Frage: Wovon rührt diese Traumentstellung her?

    Wenn man hierüber seine ersten Einfälle befrägt, könnte
    man auf verschiedene mögliche Lösungen gerathen, z. B. dass
    während des Schlafes ein Unvermögen bestehe, den Traumgedanken
    einen entsprechenden Ausdruck zu schaffen. Allein die Analyse
    gewisser Träume nöthigt uns, für die Traumentstellung eine andere
    Erklärung zuzulassen. Ich will dies an einem zweiten Traum von

  • S.

    95

    mir selbst zeigen, welcher wiederum vielfache Indiscretionen erfordert,
    aber für dies persönliche Opfer durch eine gründliche Aufhellung
    des Problems entschädigt.

    Vorbericht: Im Frühjahr 1897 erfuhr ich, dass zwei
    Professoren unserer Universität mich für die Ernennung zum Prof.
    extraord. vorgeschlagen haben. Diese Nachricht kam mir über-
    raschend und erfreute mich lebhaft als Ausdruck einer durch persön-
    liche Beziehungen nicht aufzuklärenden Anerkennung von Seiten
    zweier hervorragender Männer. Ich sagte mir aber sofort, dass ich
    an dieses Ereignis keine Erwartungen knüpfen dürfe. Das Ministerium
    hatte in den letzten Jahren Vorschläge solcher Art unberücksichtigt
    gelassen, und mehrere Collegen, die mir an Jahren voraus waren und
    an Verdiensten mindestens gleich kamen, warteten seitdem vergebens
    auf ihre Ernennung. Ich hatte keinen Grund anzunehmen, dass es mir
    besser ergehen würde. Ich beschloss also bei mir, mich zu trösten.
    Ich bin, soviel ich weiss, nicht ehrgeizig, übe meine ärztliche Thä-
    tigkeit mit zufriedenstellendem Erfolge aus, auch ohne dass mich
    ein Titel empfiehlt. Es handelte sich übrigens gar nicht darum, ob
    ich die Trauben für süss oder sauer erklärte, da sie unzweifelhaft
    zu hoch für mich hingen.

    Eines Abends besuchte mich ein befreundeter College, einer von
    denjenigen, deren Schicksal ich mir zur Warnung hatte dienen
    lassen. Seit längerer Zeit ein Candidat für die Beförderung zum
    Professor, die den Arzt in unserer Gesellschaft zum Halbgott für
    seine Kranken erhebt, und minder resignirt als ich, pflegte er von
    Zeit zu Zeit seine Vorstellung in den Bureaux des hohen Ministeriums
    zu machen, um seine Angelegenheit zu fördern. Von einem solchen
    Besuche kam er zu mir. Er erzählte, dass er diesmal den hohen Herrn
    in die Enge getrieben und ihn gerade heraus befragt habe, ob an
    dem Aufschub seiner Ernennung wirklich – confessionelle Rück-
    sichten die Schuld trügen. Die Antwort hatte gelautet, dass aller-
    dings – bei der gegenwärtigen Strömung – Se. Excellenz vorläufig
    nicht in der Lage sei u. s. w. „Nun weiss ich wenigstens, woran
    ich bin,“ schloss mein Freund seine Erzählung, die mir nichts Neues
    brachte, mich aber in meiner Resignation bestärken musste. Dieselben
    confessionellen Rücksichten sind nämlich auch auf meinen Fall
    anwendbar.

    Am Morgen nach diesem Besuch hatte ich folgenden Traum,
    der auch durch seine Form bemerkenswerth war. Er bestand aus
    zwei Gedanken und zwei Bildern, so dass ein Gedanke und ein Bild
    einander ablösten. Ich setze aber nur die erste Hälfte des Traumes
    hieher, da die andere mit der Absicht nichts zu thun hat, welcher
    die Mittheilung des Traumes dienen soll.

    I. Freund R. ist mein Onkel. – Ich empfinde
    grosse Zärtlichkeit für ihn.

  • S.

    96

    II. Ich sehe sein Gesicht etwas verändert vor mir.
    Es ist wie in die Länge gezogen, ein gelber Bart, der
    es umrahmt, ist besonders deutlich hervorgehoben.

    Dann folgen die beiden anderen Stücke, wieder ein Gedanke
    und ein Bild, die ich übergehe.

    Die Deutung dieses Traumes vollzog sich folgendermaßen:
    Als mir der Traum im Laufe des Vormittags einfiel, lachte
    ich auf und sagte: Der Traum ist ein Unsinn. Er liess sich aber
    nicht abthun und ging mir den ganzen Tag nach, bis ich mir
    endlich am Abend Vorwürfe machte: „Wenn einer deiner Patienten
    zur Traumdeutung nichts zu sagen wüsste als: Das ist ein Unsinn,
    so würdest du es ihm verweisen und vermuthen, dass sich hinter dem
    Traum eine unangenehme Geschichte versteckt, welche zur Kenntnis
    zu nehmen er sich ersparen will. Verfahr mit dir selbst ebenso;
    deine Meinung, der Traum sei ein Unsinn, bedeutet nur einen
    inneren Widerstand gegen die Traumdeutung. Lass dich nicht
    abhalten.“ Ich machte mich also an die Deutung.

    „R. ist mein Onkel.“ Was kann das heissen? Ich habe doch
    nur einen Onkel gehabt, den Onkel Josef.*) Mit dem war’s allerdings
    eine traurige Geschichte. Er hatte sich einmal, es sind mehr als
    30 Jahre her, in gewinnsüchtiger Absicht zu einer Handlung
    verleiten lassen, welche das Gesetz schwer bestraft, und wurde dann
    auch von der Strafe getroffen. Mein Vater, der damals aus Kummer
    in wenigen Tagen grau wurde, pflegte immer zu sagen, Onkel Josef
    sei nie ein schlechter Mensch gewesen, wohl aber ein Schwachkopf.
    So drückte er sich aus. Wenn also Freund R. mein Onkel Josef
    ist, so will ich damit sagen: R. ist ein Schwachkopf. Kaum glaub-
    lich und sehr unangenehm! Aber da ist ja jenes Gesicht, das ich
    im Traum sehe, mit den länglichen Zügen und dem gelben Bart.
    Mein Onkel hatte wirklich so ein Gesicht, länglich, von einem
    schönen blonden Bart umrahmt. Mein Freund R. war intensiv
    schwarz, aber wenn die Schwarzhaarigen zu ergrauen anfangen,
    so büssen sie für die Pracht ihrer Jugendjahre. Ihr schwarzer Bart
    macht Haar für Haar eine unerfreuliche Farbenwandlung durch; er
    wird zuerst rothbraun, dann gelbbraun, dann erst definitiv grau.
    In diesem Stadium befindet sich jetzt der Bart meines Freundes R.;
    übrigens auch schon der meinige, wie ich mit Missvergnügen
    bemerke. Das Gesicht, das ich im Traum sehe, ist gleichzeitig das
    meines Freundes R. und das meines Onkels. Es ist wie eine Misch-
    photographie von Galton, der, um Familienähnlichkeiten zu eruiren,
    mehrere Gesichter auf die nämliche Platte photographiren liess.

    *) Es ist merkwürdig, wie sich hier meine Erinnerung – im Wachen – für
    die Zwecke der Analyse einschränkt. Ich habe fünf von meinen Onkeln gekannt,
    einen von ihnen geliebt und geehrt. In dem Augenblicke aber, da ich den Wider-
    stand gegen die Traumdeutung überwunden habe, sage ich mir: Ich habe doch nur
    einen Onkel gehabt, den, der eben im Traum gemeint ist.

  • S.

    97

    Es ist also kein Zweifel möglich, ich meine wirklich, dass mein
    Freund R. ein Schwachkopf ist – wie mein Onkel Josef.

    Ich ahne noch gar nicht, zu welchem Zweck ich diese Be-
    ziehung hergestellt, gegen die ich mich unausgesetzt sträuben muss.
    Sie ist doch nicht sehr tiefgehend, denn der Onkel war ein Ver-
    brecher, mein Freund R. ist unbescholten. Etwa bis auf die Be-
    strafung dafür, dass er mit dem Rad einen Lehrbuben nieder-
    geworfen. Sollte ich diese Unthat meinen? Das hiesse die Vergleichung
    in’s Lächerliche ziehen. Da fällt mir aber ein anderes Gespräch ein,
    dass ich vor einigen Tagen mit einem anderen Collegen N. und
    zwar über das gleiche Thema hatte. Ich traf N. auf der Strasse; er
    ist auch zum Professor vorgeschlagen, wusste von meiner Ehrung
    und gratulirte mir dazu. Ich lehnte entschieden ab. „Gerade Sie sollten
    sich den Scherz nicht machen, da Sie den Werth des Vorschlages
    an sich selbst erfahren haben.“ Er darauf, wahrscheinlich nicht ernst-
    haft: „Das kann man nicht wissen. Gegen mich liegt ja etwas Be-
    sonderes vor. Wissen Sie nicht, dass eine Person einmal eine gericht-
    liche Anzeige gegen mich erstattet hat? Ich brauche Ihnen nicht zu
    versichern, dass die Untersuchung eingestellt wurde; es war ein
    gemeiner Erpressungsversuch; ich hatte noch alle Mühe, die An-
    zeigerin selbst vor Bestrafung zu retten. Aber vielleicht macht man
    im Ministerium diese Angelegenheit gegen mich geltend, um mich
    nicht zu ernennen. Sie aber, Sie sind unbescholten.“ Da habe ich ja
    den Verbrecher, gleichzeitig aber auch die Deutung und Tendenz
    meines Traumes. Mein Onkel Josef stellt mir da beide nicht zu
    Professoren ernannte Collegen dar, den einen als Schwachkopf, den
    anderen als Verbrecher. Ich weiss jetzt auch, wozu ich diese Dar-
    stellung brauche. Wenn confessionelle1) Rücksichten massgebend sind,
    so ist auch meine Ernennung in Frage gestellt; wenn ich aber die
    Zurückweisung der Beiden auf andere Gründe schieben kann, die
    mich nicht treffen, so bleibt mir die Hoffnung ungestört. So verfährt
    mein Traum, er macht den einen, R., zum Schwachkopf, den anderen,
    N., zum Verbrecher; ich bin aber weder das eine noch das andere;
    unsere Gemeinsamkeit ist aufgehoben, ich darf mich auf meine Er-
    nennung zum Professor freuen, und bin der peinlichen Anwendung
    entgangen, die ich aus R.’s Nachricht, was ihm der hohe Beamte-
    bekannt, für meine eigene Person hätte machen müssen.

    Ich muss mich mit der Deutung dieses Traumes noch
    weiter beschäftigen. Er ist für mein Gefühl noch nicht befrie-
    digend erledigt, ich bin noch immer nicht über die Leichtigkeit
    beruhigt, mit der ich zwei geachtete Collegen degradire, um mir den
    Weg zur Professur frei zu halten. Meine Unzufriedenheit mit meinem
    Vorgehen hat sich allerdings bereits ermässigt, seitdem ich den Werth
    der Aussagen im Traum zu würdigen weiss. Ich würde gegen Jeder-
    mann bestreiten, dass ich R. wirklich für einen Schwachkopf halte,

    1)D. h. konfessionelle.

  • S.

    98

    und dass ich an N.’s Darstellung jener Erpressungsaffaire nicht
    glaube. Ich glaube ja auch nicht, dass Irma durch eine Infection Otto’s
    mit einem Propylenpräparat gefährlich krank geworden ist; es ist
    hier wie dort nur mein Wunsch, dass es sich so verhalten
    möge, den mein Traum ausdrückt. Die Behauptung, in welcher sich
    mein Wunsch realisirt, klingt im zweiten Traum minder absurd als
    im ersten; sie ist hier mit geschickter Benützung thatsächlicher An-
    haltungspunkte geformt, etwa wie eine gut gemachte Verleumdung,
    an der „etwas dran ist“, denn Freund R. hatte seinerzeit das Votum
    eines Fachprofessors gegen sich, und Freund N. hat mir das Material
    für die Anschwärzung arglos selbst geliefert. Dennoch, ich wiederhole
    es, scheint mir der Traum weiterer Aufklärung bedürftig.
    Ich entsinne mich jetzt, dass der Traum noch ein Stück ent-
    hielt, auf welches die Deutung bisher keine Rücksicht genommen
    hat. Nachdem mir eingefallen, R. ist mein Onkel, empfinde ich im
    Traum warme Zärtlichkeit für ihn. Wohin gehört diese Empfindung?
    Für meinen Onkel Josef habe ich zärtliche Gefühle natürlich
    niemals gehabt. Freund R. ist mir seit Jahren lieb und theuer;
    aber käme ich zu ihm und drückte ihm meine Zuneigung in Worten
    aus, die annähernd dem Grad meiner Zärtlichkeit im Traume ent-
    sprechen, so wäre er ohne Zweifel erstaunt. Meine Zärtlichkeit
    gegen ihn erscheint mir unwahr und übertrieben ähnlich wie mein
    Urtheil über seine geistigen Qualitäten, das ich durch die Ver-
    schmelzung seiner Persönlichkeit mit der des Onkels ausdrücke;
    aber in entgegengesetztem Sinne übertrieben. Nun dämmert mir aber
    ein neuer Sachverhalt. Die Zärtlichkeit des Traumes gehört nicht
    zum latenten Inhalt, zu den Gedanken hinter dem Traume; sie
    steht im Gegensatz zu diesem Inhalt; sie ist geeignet, mir die
    Kenntnis der Traumdeutung zu verdecken. Wahrscheinlich ist gerade
    dies ihre Bestimmung. Ich erinnere mich, mit welchem Widerstand
    ich an die Traumdeutung ging, wie lange ich sie aufschieben wollte
    und den Traum für baren Unsinn erklärte. Von meinen psycho-
    analytischen Behandlungen her weiss ich, wie ein solches Ver-
    werfungsurtheil zu deuten ist. Es hat keinen Erkenntniswerth,
    sondern blos den einer Affectäusserung. Wenn meine kleine Tochter
    einen Apfel nicht mag, den man ihr angeboten hat, so behauptet sie,
    der Apfel schmeckt bitter, ohne ihn auch nur gekostet zu haben.
    Wenn meine Patienten sich so benehmen wie die Kleine, so weiss
    ich, dass es sich bei ihnen um eine Vorstellung handelt, welche sie
    verdrängen wollen. Dasselbe gilt für meinen Traum. Ich mag ihn
    nicht deuten, weil die Deutung etwas enthält, wogegen ich mich
    sträube. Nach vollzogener Traumdeutung erfahre ich, wogegen ich
    mich gesträubt hatte; es war die Behauptung, dass R. ein Schwach-
    kopf ist. Die Zärtlichkeit, die ich gegen R. empfinde, kann ich nicht
    auf die latenten Traumgedanken, wohl aber auf dies mein Sträuben
    zurückführen. Wenn mein Traum im Vergleich zu seinem latenten

  • S.

    99

    Inhalt in diesem Punkte entstellt, und zwar in’s Gegensätzliche ent
    stellt ist, so dient die im Traum manifeste Zärtlichkeit dieser Ent
    stellung oder, mit anderen Worten, die Entstellung erweist sich
    hier als absichtlich, als ein Mittel der Verstellung. Meine Traum
    gedanken enthalten eine Schmähung für R.; damit ich diese nicht
    merke, gelangt in den Traum das Gegentheil, ein zärtliches Empfin-
    den für ihn.

    Es könnte dies eine allgemein giltige Erkenntnis sein. Wie die
    Beispiele in Abschnitt III gezeigt haben, giebt es ja Träume, welche
    unverhüllte Wunscherfüllungen sind. Wo die Wunscherfüllung un-
    kenntlich, verkleidet ist, da müsste eine Tendenz zur Abwehr
    gegen diesen Wunsch vorhanden sein, und in Folge dieser Abwehr
    könnte der Wunsch sich nicht anders als entstellt zum Ausdruck
    bringen. Ich will zu diesem Vorkommnis aus dem psychischen
    Binnenleben das Seitenstück aus dem socialen Leben suchen. Wo
    findet man im socialen Leben eine ähnliche Entstellung eines psy-
    chischen Actes? Nur dort, wo es sich um zwei Personen handelt,
    von denen die eine eine gewisse Macht besitzt, die zweite wegen
    dieser Macht eine Rücksicht zu nehmen hat. Diese zweite Person
    entstellt dann ihre psychischen Acte oder, wie wir auch sagen
    können, sie verstellt sich. Die Höflichkeit, die ich alle Tage über
    für den guten Theil eine solche Verstellung; wenn ich meine Träume
    für den Leser deute, bin ich zu solchen Entstellungen genöthigt.
    Ueber den Zwang zu solcher Entstellung klagt auch der Dichter:

    „Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben doch
    nicht sagen.“

    In ähnlicher Lage befindet sich der politische Schriftsteller, der
    den Machthabern unangenehme Wahrheiten zu sagen hat. Wenn er
    sie unverhohlen sagt, wird der Machthaber seine Aeusserung unter-
    drücken, nachträglich, wenn es sich um mündliche Aeusserung
    handelt, präventiv, wenn sie auf dem Wege des Drucks kund-
    gegeben werden soll. Der Schriftsteller hat die Censur zu fürchten,
    er ermässigt und entstellt darum den Ausdruck seiner Meinung. Je
    nach der Stärke und Empfindlichkeit dieser Censur sieht er sich
    genöthigt, entweder blos gewisse Formen des Angriffs einzuhalten,
    oder in Anspielungen anstatt in directen Bezeichnungen zu reden,
    oder er muss seine anstössige Mittheilung hinter einer harmlos er-
    scheinenden Verkleidung verbergen, er darf z. B. von Vorfällen
    zwischen zwei Mandarinen im Reiche der Mitte erzählen, während
    er die Beamten des Vaterlandes im Auge hat. Je strenger die
    Censur waltet, desto weitgehender wird die Verkleidung, desto
    witziger oft die Mittel, welche den Leser doch auf die Spur der
    eigentlichen Bedeutung leiten.

    Die bis in’s Einzelne durchzuführende Uebereinstimmung zwischen
    den Phänomenen der Censur und denen der Traumentstellung giebt

  • S.

    100

    uns die Berechtigung, ähnliche Bedingungen für Beide vorauszusetzen.
    Wir würden also als die Urheber der Traumgestaltung zwei psy-
    chische Mächte (Strömungen, Systeme) im Einzelmenschen annehmen,
    von denen die eine den durch den Traum zum Ausdruck gebrachten
    Wunsch bildet, während die andere eine Censur an diesem Traum-
    wunsch übt und durch diese Censur eine Entstellung seiner Aeusse-
    rung erzwingt. Es fragt sich nur, worin die Machtbefugnis dieser
    zweiten Instanz besteht, kraft deren sie ihre Censur ausüben darf.
    Wenn wir uns erinnern, dass die latenten Traumgedanken vor der
    Analyse nicht bewusst sind, der von ihnen ausgehende manifeste
    Trauminhalt aber als bewusst erinnert wird, so liegt die Annahme
    nicht ferne, das Vorrecht der zweiten Instanz sei eben die Zulassung
    zum Bewusstsein. Aus dem ersten Systeme könne nichts zum Be-
    wusstsein gelangen, was nicht vorher die zweite Instanz passirt habe,
    und die zweite Instanz lasse nichts passiren, ohne ihre Rechte aus-
    zuüben und die ihr genehmen Abänderungen am Bewusstseinswerber
    durchzusetzen. Wir verrathen dabei eine ganz bestimmte Auffassung
    vom „Wesen“ des Bewusstseins; das Bewusstwerden ist für uns ein
    besonderer psychischer Act, verschieden und unabhängig von dem
    Vorgang des Gesetz- und Vorgestelltwerdens, und das Bewusstsein
    erscheint uns als ein Sinnesorgan, welches einen anderwärts ge-
    gebenen Inhalt wahrnimmt. Es lässt sich zeigen, dass die Psycho-
    pathologie dieser Grundannahmen schlechterdings nicht entrathen
    kann. Eine eingehendere Würdigung derselben dürfen wir uns für
    eine spätere Stelle vorbehalten.

    Wenn ich die Vorstellung der beiden psychischen Instanzen
    und ihrer Beziehungen zum Bewusstsein festhalte, ergiebt sich für die
    auffällige Zärtlichkeit, die ich im Traum für meinen Freund R.
    empfinde, der in der Traumdeutung so herabgesetzt wird, eine völlig
    congruente Analogie aus dem politischen Leben der Menschen. Ich
    versetze mich in ein Staatsleben, in welchem ein auf seine Macht
    eifersüchtiger Herrscher und eine rege öffentliche Meinung mit
    einander ringen. Das Volk empöre sich gegen einen ihm missliebigen
    Beamten und verlange dessen Entlassung; um nicht zu zeigen, dass
    er dem Volkswillen Rechnung tragen muss, wird der Selbstherrscher
    dem Beamten gerade dann eine hohe Auszeichnung verleihen, zu
    der sonst kein Anlass vorläge. So zeichnet meine zweite, den Zu-
    gang zum Bewusstsein beherrschende Instanz, Freund R. durch einen
    Erguss von übergrosser Zärtlichkeit aus, weil die Wunschbestrebungen
    des ersten Systems ihn in einem besonderen Interesse, dem sie gerade
    nachhängen, als einen Schwachkopf beschimpfen möchten.

    Vielleicht werden wir hier von der Ahnung erfasst, dass die
    Traumdeutung im Stande sei, uns Aufschlüsse über den Bau
    unseres seelischen Apparates zu geben, welche wir von der Philo-
    sophie bisher vergebens erwartet haben. Wir folgen aber nicht
    dieser Spur, sondern kehren, nachdem wir die Traumentstellung

  • S.

    101

    aufgeklärt haben, zu unserem Ausgangsproblem zurück. Es wurde
    gefragt, wie denn die Träume mit peinlichem Inhalt als Wunsch-
    erfüllungen aufgelöst werden können. Wir sehen nun, dies ist
    möglich, wenn eine Traumentstellung stattgefunden hat, wenn der
    peinliche Inhalt nur zur Verkleidung eines erwünschten dient. Mit
    Rücksicht auf unsere Annahmen über die zwei psychischen Instanzen
    können wir jetzt auch sagen: die peinlichen Träume enthalten that-
    sächlich etwas, was der zweiten Instanz peinlich ist, was aber gleich-
    zeitig einen Wunsch der ersten Instanz erfüllt. Sie sind insofern
    Wunschträume, als ja jeder Traum von der ersten Instanz ausgeht,
    die zweite sich nur abwehrend, nicht schöpferisch gegen den Traum
    verhält. Beschränken wir uns auf eine Würdigung dessen, was die
    zweite Instanz zum Traum beiträgt, so können wir den Traum
    niemals verstehen. Es bleiben dann alle Räthsel bestehen, welche
    von den Autoren am Traum bemerkt worden sind.

    Dass der Traum wirklich einen geheimen Sinn hat, der eine
    Wunscherfüllung ergiebt, muss wiederum für jeden Fall durch die
    Analyse erwiesen werden. Ich greife darum einige Träume peinlichen
    Inhalts heraus und versuche deren Analyse. Es sind zum Theil Träume
    von Hysterikern, die einen langen Vorbericht und stellenweise ein
    Eindringen in die psychischen Vorgänge bei der Hysterie erfordern.
    Ich kann dieser Erschwerung der Darstellung aber nicht aus dem
    Wege gehen.

    Wenn ich einen Psychoneurotiker in analytische Behandlung
    nehme, werden seine Träume regelmässig, wie bereits erwähnt, zum
    Thema unserer Besprechungen. Ich muss ihm dabei alle die psycho-
    logischen Aufklärungen geben, mit deren Hilfe ich selbst zum Ver-
    ständnis seiner Symptome gelangt bin, und erfahre dabei eine uner-
    bittliche Kritik, wie ich sie von den Fachgenossen wohl nicht schärfer
    zu erwarten habe. Ganz regelmässig erhebt sich der Widerspruch
    meiner Patienten gegen den Satz, dass die Träume sämmtlich Wunsch-
    erfüllungen seien. Hier einige Beispiele von dem Material an Träumen,
    welche mir als Gegenbeweise vorgehalten werden.

    „Sie sagen immer, der Traum ist ein erfüllter Wunsch,“ beginnt
    eine witzige Patientin. „Nun will ich Ihnen einen Traum erzählen,
    dessen Inhalt ganz im Gegentheil dahin geht, dass mir ein Wunsch
    nicht erfüllt wird. Wie vereinen Sie das mit Ihrer Theorie? Der
    Traum lautet wie folgt:
    Ich will ein Souper geben, habe aber nichts vorräthig als
    etwas geräucherten Lachs. Ich denke daran, einkaufen zu gehen,
    erinnere mich aber, dass es Sonntag Nachmittag ist, wo alle Läden
    gesperrt sind. Ich will nun einigen Lieferanten telephoniren, aber
    das Telephon ist gestört. So muss ich auf den Wunsch, ein Souper
    zu geben, verzichten.“

  • S.

    102

    Ich antworte natürlich, dass über den Sinn dieses Traumes nur
    die Analyse entscheiden kann, wenngleich ich zugebe, dass er für
    den ersten Anblick vernünftig und zusammenhängend erscheint und
    dem Gegentheil einer Wunscherfüllung ähnlich sieht. „Aus welchem
    Material ist aber dieser Traum hervorgegangen? Sie wissen, dass
    die Anregung zu einem Traum jedesmal in den Erlebnissen des
    letzten Tages liegt.“

    Analyse: Der Mann der Patientin, ein biederer und tüchtiger
    Grossfleischhauer, hat ihr Tags vorher erklärt, er werde zu dick und
    wolle darum eine Entfettungscur beginnen. Er werde Früh aufstehen,
    Bewegung machen, strenge Diät halten, und vor Allem keine Ein-
    ladungen zu Soupers mehr annehmen. – Von dem Manne erzählt
    sie lachend weiter, er habe am Stammtisch die Bekanntschaft eines
    Malers gemacht, der ihn durchaus abconterfeien wolle, weil er einen
    so ausdrucksvollen Kopf noch nicht gefunden habe. Ihr Mann habe
    aber in seiner derben Manier erwidert, er bedanke sich schön und
    er sei ganz überzeugt, ein Stück vom Hintern eines schönen jungen
    Mädchens sei dem Maler lieber als sein ganzes Gesicht.*) Sie sei
    jetzt sehr verliebt in ihren Mann und necke sich mit ihm herum.
    Sie hat ihn auch gebeten, ihr keinen Caviar zu schenken. – Was
    soll das heissen?

    Sie wünscht es sich nämlich schon lange, jeden Vormittag eine
    Caviarsemmel essen zu können, gönnt sich aber die Ausgabe nicht.
    Natürlich bekäme sie den Caviar sofort von ihrem Mann, wenn sie
    ihn darum bitten würde. Aber sie hat ihn im Gegentheil gebeten,
    ihr keinen Caviar zu schenken, damit sie ihn länger damit
    necken kann.

    (Diese Begründung erscheint mir fadenscheinig. Hinter solchen
    unbefriedigenden Auskünften pflegen sich uneingestandene Motive
    zu verbergen. Man denke an die Hypnotisirten Bernheim’s, die
    einen posthypnotischen Auftrag ausführen, und, nach ihren Motiven
    befragt, nicht etwa antworten: Ich weiss nicht, warum ich das
    gethan habe, sondern eine offenbar unzureichende Begründung
    erfinden müssen. So ähnlich wird es wohl mit dem Caviar meiner
    Patientin sein. Ich merke, sie ist genöthigt, sich im Leben einen
    unerfüllten Wunsch zu schaffen. Ihr Traum zeigt ihr auch die
    Wunschverweigerung als eingetroffen. Wozu braucht sie aber einen
    unerfüllten Wunsch?)

    Die bisherigen Einfälle haben zur Deutung des Traumes nicht
    ausgereicht. Ich dringe nach Weiterem. Nach einer kurzen Pause,
    wie sie eben der Ueberwindung eines Widerstandes entspricht,
    berichtet sie ferner, dass sie gestern einen Besuch bei einer Freundin
    gemacht, auf die sie eigentlich eifersüchtig ist, weil ihr Mann diese


    *)Dem Maler sitzen. Goethe: Und wenn er keinen Hintern hat,
    Wie kann der Edle sitzen?

  • S.

    103

    Frau immer so lobt. Zum Glück ist diese Freundin sehr dürr und
    mager, und ihr Mann ist ein Liebhaber voller Körperformen. Wo
    von sprach nun diese magere Freundin? Natürlich von ihrem Wunsch,
    etwas stärker zu werden. Sie fragte sie auch: „Wann laden Sie uns
    wieder einmal ein? Man isst immer so gut bei Ihnen.“
    Nun ist der Sinn des Traumes klar. Ich kann der Patientin
    sagen: „Es ist gerade so, als ob Sie sich bei der Aufforderung gedacht
    hätten: Dich werde ich natürlich einladen, damit Du Dich bei mir
    anessen, dick werden und meinem Mann noch besser gefallen kannst.
    Lieber geb’ ich kein Souper mehr. Der Traum sagt Ihnen dann,
    dass Sie kein Souper geben können, erfüllt also Ihren Wunsch, zur
    Abrundung der Körperformen Ihrer Freundin nichts beizutragen.
    Dass man von den Dingen, die man in Gesellschaft vorgesetzt
    bekommt, dick wird, lehrt Sie ja der Vorsatz Ihres Mannes, im
    Interesse seiner Entfettung Soupereinladungen nicht mehr anzu-
    nehmen.“ Es fehlt jetzt nur noch irgend ein Zusammentreffen,
    welches die Lösung bestätigt. Es ist auch der geräucherte Lachs
    im Trauminhalt noch nicht abgeleitet. „Wie kommen Sie zu dem
    im Traum erwähnten Lachs?“ „Geräucherter Lachs ist die Lieblings-
    speise dieser Freundin,“ antwortet sie. Zufällig kenne ich die Dame
    auch und kann bestätigen, dass sie sich den Lachs ebensowenig ver-
    gönnt wie meine Patientin den Caviar.
    Derselbe Traum lässt auch noch eine andere und feinere
    Deutung zu, die durch einen Nebenumstand selbst notwendig gemacht
    wird. Die beiden Deutungen widersprechen einander nicht, sondern
    überdecken einander und ergeben ein schönes Beispiel für die
    gewöhnliche Doppelsinnigkeit der Träume wie aller anderen psycho-
    pathologischen Bildungen. Wir haben gehört, dass die Patientin
    gleichzeitig mit ihrem Traum von der Wunschverweigerung bemüht
    war, sich einen versagten Wunsch im Realen zu verschaffen (die
    Caviarsemmel). Auch die Freundin hatte einen Wunsch geäussert,
    nämlich dicker zu werden, und es würde uns nicht wundern, wenn
    unsere Dame geträumt hätte, der Freundin gehe ein Wunsch nicht
    in Erfüllung. Es ist nämlich ihr eigener Wunsch, dass der Freundin
    ein Wunsch – nämlich der nach Körperzunahme – nicht in Er-
    füllung gehe. Anstatt dessen träumt sie aber, dass ihr selbst ein
    Wunsch nicht erfüllt wird. Der Traum erhält eine neue Deutung,
    wenn sie im Traum nicht sich, sondern die Freundin meint, wenn
    sie sich an die Stelle der Freundin gesetzt oder, wie wir sagen
    können, sich mit ihr identificirt hat.
    Ich meine, dies hat sie wirklich gethan, und als Anzeichen
    dieser Identificirung hat sie sich den versagten Wunsch im Realen
    geschaffen. Was hat aber die hysterische Identificirung für Sinn?
    Das aufzuklären bedarf einer eingehenderen Darstellung. Die Iden-
    tificirung ist ein für den Mechanismus der hysterischen Symptome
    höchst wichtiges Moment; auf diesem Wege bringen es die Kranken

  • S.

    104

    zu Stande, die Erlebnisse einer grossen Reihe von Personen, nicht
    nur die eigenen, in ihren Symptomen auszudrücken, gleichsam für
    einen ganzen Menschenhaufen zu leiden und alle Rollen eines Schau-
    spiels allein mit ihren persönlichen Mitteln darzustellen. Man wird
    mir einwenden, das sei die bekannte hysterische Imitation, die Fähig-
    keit Hysterischer, alle Symptome, die ihnen bei Anderen Eindruck
    machen, nachzuahmen, gleichsam ein zur Reproduction gesteigertes
    Mitleiden. Damit ist aber nur der Weg bezeichnet, auf dem der
    psychische Vorgang bei der hysterischen Imitation abläuft; etwas
    Anderes ist der Weg, und der seelische Act, der diesen Weg geht.
    Letzterer ist um ein Geringes complicirter, als man sich die Imitation
    der Hysterischen vorzustellen liebt; er entspricht einem unbewussten
    Schlussprocess, wie ein Beispiel klarstellen wird. Der Arzt, welcher
    eine Kranke mit einer bestimmten Art von Zuckungen unter anderen
    Kranken auf demselben Zimmer im Krankenhause hat, zeigt sich
    nicht erstaunt, wenn er eines Morgens erfährt, dass dieser besondere
    hysterische Anfall Nachahmung gefunden hat. Er sagt sich einfach:
    Die Anderen haben ihn gesehen und nachgemacht; das ist psychische
    Infection. Ja, aber die psychische Infection geht etwa auf folgende
    Weise zu. Die Kranken wissen in der Regel mehr von einander als der
    Arzt aber jede von ihnen, und sie kümmern sich um einander, wenn
    die ärztliche Visite vorüber ist. Die Eine bekomme heute ihren
    Anfall; es wird alsbald den Anderen bekannt, dass ein Brief von
    Hause, Auffrischung des Liebeskummers und dergleichen davon die
    Ursache ist. Ihr Mitgefühl wird rege, es vollzieht sich in ihnen
    folgender, nicht zum Bewusstsein gelangender Schluss: Wenn man
    von solcher Ursache solche Anfälle haben kann, so kann ich auch
    solche Anfälle bekommen, denn ich habe dieselben Anlässe. Wäre
    dies ein des Bewusstseins fähiger Schluss, so würde er vielleicht in die
    Angst ausmünden, den gleichen Anfall zu bekommen; er vollzieht
    sich aber auf einem anderen psychischen Terrain, endet daher in der
    Realisirung des gefürchteten Symptoms. Die Identificirung ist also
    nicht simple Imitation, sondern Aneignung auf Grund des gleichen
    ätiologischen Anspruches; sie drückt ein „gleichwie“ aus und bezieht
    sich auf ein im Unbewussten verbleibendes Gemeinsames.
    Die Identificirung wird in der Hysterie am häufigsten benützt
    zum Ausdruck einer sexuellen Gemeinsamkeit. Die Hysterica identi-
    ficirt sich in ihren Symptomen am ehesten – wenn auch nicht aus-
    schliesslich – mit solchen Personen, mit denen sie im sexuellen
    Verkehr gestanden hat, oder welche mit den nämlichen Personen
    wie sie selbst sexuell verkehren. Die Sprache trägt einer solchen
    Auffassung gleichfalls Rechnung. Zwei Liebende sind „Eines“. In der
    hysterischen Phantasie wie im Traum genügt es für die Identificirung,
    dass man an sexuelle Beziehungen denkt, ohne dass sie darum als
    real gelten müssen. Die Patientin folgt also blos den Regeln der
    hysterischen Denkvorgänge, wenn sie ihrer Eifersucht gegen die

  • S.

    105

    Freundin (die sie als unberechtigt übrigens selbst erkennt) Ausdruck
    giebt, indem sie sich im Traum an ihre Stelle setzt und durch die
    Schaffung eines Symptoms (des versagten Wunsches) mit ihr identi-
    ficirt. Man möchte den Vorgang noch sprachlich in folgender Weise
    erläutern: Sie setzt sich an die Stelle der Freundin im Traum, weil
    diese sich bei ihrem Mann an ihre Stelle setzt, weil sie deren Platz
    in der Werthschätzung ihres Mannes einnehmen möchte.*)
    In einfacherer Weise und doch auch nach dem Schema, dass
    die Nichterfüllung des einen Wunsches die Erfüllung eines anderen
    bedeutet, löste sich der Widerspruch gegen meine Traumlehre bei
    einer anderen Patientin, der witzigsten unter all’ meinen Träume-
    rinnen. Ich hatte ihr an einem Tage auseinandergesetzt, dass der
    Traum eine Wunscherfüllung sei; am nächsten Tage brachte sie mir
    einen Traum, dass sie mit ihrer Schwiegermutter nach dem gemein-
    samen Landaufenthalt fahre. Nun wusste ich, dass sie sich heftig
    gesträubt hatte, den Sommer in der Nähe der Schwiegermutter zu
    verbringen, wusste auch, dass sie der von ihr gefürchteten Gemein-
    schaft in den letzten Tagen durch die Miethe eines vom Sitz der
    Schwiegermutter weit entfernten Landaufenthaltes glücklich aus-
    gewichen war. Jetzt machte der Traum diese erwünschte Lösung
    rückgängig; war das nicht der schärfste Gegensatz zu meiner Lehre
    von der Wunscherfüllung durch den Traum? Gewiss, man brauchte
    nur die Consequenz aus diesem Traum zu ziehen, um seine Deutung
    zu haben. Nach diesem Traum hatte ich Unrecht, es war also
    ihr Wunsch, dass ich Unrecht haben sollte, und diesen
    zeigte ihr der Traum erfüllt. Der Wunsch, dass ich Unrecht
    haben sollte, der sich an dem Thema der Landwohnung erfüllte, bezog
    sich aber in Wirklichkeit auf einen anderen und ernsteren Gegenstand.
    Ich hatte um die nämliche Zeit aus dem Material, welches ihre
    Analyse ergab, geschlossen, dass in einer gewissen Periode ihres
    Lebens etwas für ihre Erkrankung Bedeutsames vorgefallen sein
    müsse. Sie hatte es in Abrede gestellt, weil es sich nicht in ihrer
    Erinnerung vorfand. Wir kamen bald darauf, dass ich Recht hatte.
    Ihr Wunsch, dass ich Unrecht haben möge, verwandelt in den
    Traum, dass sie mit ihrer Schwiegermutter auf’s Land fahre, entsprach
    also dem berechtigten Wunsch, dass jene damals erst vermutheten
    Dinge sich nie ereignet haben möchten.
    Ohne Analyse, nur vermittelst einer Vermuthung, gestattete ich
    mir, ein kleines Vorkommnis bei einem Freunde zu deuten, der
    durch die acht Gymnasialclassen mein College gewesen war. Er
    hörte einmal in einem kleinen Kreise einen Vortrag von mir über

    *)Ich bedaure selbst die Einschaltung solcher Stücke aus der Psychopathologie
    der Hysterie, welche, in Folge ihrer fragmentarischen Darstellung und aus allem
    Zusammenhang gerissen, doch nicht sehr aufklärend wirken können. Wenn sie auf
    die innigen Beziehungen des Themas vom Traume zu den Psychoneurosen hinzuweisen
    vermögen, so haben sie die Absicht erfüllt, in der ich sie aufgenommen habe.

  • S.

    106

    Die Neuigkeit, dass der Traum eine Wunscherfüllung sei, ging nach
    Hause, träumte, dass er alle seine Processe verloren habe – er
    war Advocat – und beklagte sich bei mir darüber. Ich half mir mit
    der Ausflucht: Man kann nicht alle Processe gewinnen, dachte aber
    bei mir: Wenn ich durch acht Jahre als Primus in der ersten Bank
    gesessen, während er irgendwo in der Mitte der Classe den Platz
    gewechselt, sollte ihm aus diesen Knabenjahren der Wunsch ferne
    geblieben sein, dass ich mich auch einmal gründlich blamiren möge?
    Ein anderer Traum von mehr düsterem Charakter wurde mir
    gleichfalls von einer Patientin als Einspruch gegen die Theorie des
    Wunschtraumes vorgetragen. Die Patientin, ein junges Mädchen,
    begann: Sie erinnern sich, dass meine Schwester jetzt nur einen
    Buben hat, den Karl; den älteren, Otto, hat sie verloren, als ich noch
    in ihrem Hause war. Otto war mein Liebling, ich habe ihn eigent-
    lich erzogen. Den Kleinen habe ich auch gern, aber natürlich lange
    nicht so sehr wie den Verstorbenen. Nun träume ich diese Nacht,
    dass ich den Karl todt vor mir liegen sehe. Er liegt
    in seinem kleinen Sarg, die Hände gefaltet, Kerzen
    rings herum, kurz ganz so wie damals der kleine Otto,
    dessen Tod mich so erschüttert hat. Nun sagen Sie mir,
    was soll das heissen? Sie kennen mich ja; bin ich eine so schlechte
    Person, dass ich meiner Schwester den Verlust des einzigen Kindes
    wünschen sollte, das sie noch besitzt? Oder heisst der Traum, dass
    ich lieber den Karl todt wünschte als den Otto, den ich um so viel
    lieber gehabt habe?
    Ich versicherte ihr, dass diese letzte Deutung ausgeschlossen
    sei. Nach kurzem Besinnen konnte ich ihr die richtige Deutung
    des Traumes sagen, die ich dann von ihr bestätigen liess. Es gelang
    mir dies, weil mir die ganze Vorgeschichte der Träumerin bekannt war.
    Frühzeitig verwaist, war das Mädchen im Hause ihrer um vieles
    älteren Schwester aufgezogen worden und begegnete unter den
    Freunden und Besuchern des Hauses auch dem Manne, der einen
    bleibenden Eindruck auf ihr Herz machte. Es schien eine Weile,
    als ob diese kaum ausgesprochenen Beziehungen mit einer Heirath
    enden sollten, aber dieser glückliche Ausgang wurde durch die
    Schwester vereitelt, deren Motive nie eine völlige Aufklärung ge-
    funden haben. Nach dem Bruch mied der von unserer Patientin
    geliebte Mann das Haus; sie selbst machte sich einige Zeit nach dem
    Tod des kleinen Otto, an den sie ihre Zärtlichkeit unterdessen ge-
    wendet hatte, selbständig. Es gelang ihr aber nicht, sich von der
    Abhängigkeit frei zu machen, in welche sie durch ihre Neigung zu
    dem Freund ihrer Schwester gerathen war. Ihr Stolz gebot ihr,
    ihm auszuweichen; es war ihr aber unmöglich, ihre Liebe auf andere
    Bewerber zu übertragen, die sich in der Folge einstellten. Wenn
    der geliebte Mann, der dem Litteratenstand angehörte, irgendwo einen
    Vortrag angekündigt hatte, war sie unfehlbar unter den Zuhörern

  • S.

    107

    zu finden, und auch sonst ergriff sie jede Gelegenheit, ihn am dritten
    Orte aus der Ferne zu sehen. Ich erinnerte mich, dass sie mir
    Tags vorher erzählt hatte, der Professor ginge in ein bestimmtes
    Concert, und sie wolle auch dorthin gehen, um sich wieder einmal
    seines Anblickes zu erfreuen. Das war am Tag vor dem Traum;
    an dem Tag, an dem sie mir den Traum erzählte, sollte das Concert
    stattfinden. Ich konnte mir so die richtige Deutung leicht con--
    struiren und fragte sie, ob ihr irgend ein Ereignis einfalle, das nach
    dem Tod des kleinen Otto eingetreten sei. Sie antwortete sofort:
    Gewiss, damals ist der Professor nach langem Ausbleiben wieder-
    gekommen, und ich habe ihn an dem Sarge des kleinen Otto wieder
    einmal gesehen. Es war genau so, wie ich es erwartet hatte. Ich
    deutete also den Traum in folgender Art: „Wenn jetzt der andere
    Knabe stürbe, würde sich dasselbe wiederholen. Sie würden den
    Tag bei Ihrer Schwester zubringen, der Professor käme sicherlich
    hinauf, um zu condoliren, und unter den nämlichen Verhältnissen
    wie damals würden Sie ihn wiedersehen. Der Traum bedeutet nichts
    als diesen Ihren Wunsch nach Wiedersehen, gegen den Sie innerlich
    ankämpfen. Ich weiss, dass Sie das Billet für das heutige Concert
    in der Tasche tragen. Ihr Traum ist ein Ungeduldstraum, er hat
    das Wiedersehen, das heute stattfinden soll, um einige Stunden
    verfrüht.“

    Zur Verdeckung ihres Wunsches hatte sie offenbar eine Situation
    gewählt, in welcher solche Wünsche unterdrückt zu werden pflegen,
    eine Situation, in der man von Trauer so sehr erfüllt ist, dass man
    an Liebe nicht denkt. Und doch ist es sehr gut möglich, dass auch
    in der realen Situation, welche der Traum getreulich copirte, am
    Sarge des ersten, von ihr stärker geliebten Knaben sie die zärtliche
    Empfindung für den lange vermissten Besucher nicht hatte unter--
    drücken können.

    Eine andere Aufklärung fand ein ähnlicher Traum einer
    anderen Patientin, die sich in früheren Jahren durch raschen Witz
    und heitere Laune hervorgethan hatte und diese Eigenschaften jetzt
    wenigstens noch in ihren Einfällen während der Behandlung bewies.
    Dieser Dame kam es im Zusammenhange eines längeren Traumes
    vor, dass sie ihre einzige, 15jährige Tochter in einer Schachtel todt
    daliegen sah. Sie hatte nicht übel Lust, aus dieser Traumerscheinung
    einen Einwand gegen die Wunscherfüllungstheorie zu machen, ahnte
    aber selbst, dass das Detail der Schachtel den Weg zu einer anderen
    Auffassung des Traumes anzeigen müsse.*) Bei der Analyse fiel ihr
    ein, dass in der Gesellschaft Abends vorher die Rede auf das englische
    Wort „box“ gekommen war und auf die mannigfaltigen Ueber--
    setzungen desselben im Deutschen, als: Schachtel, Loge, Kasten,
    Ohrfeige u. s. w. Aus anderen Bestandstücken desselben Traumes


    *)Aehnlich wie im Traum vom vereitelten Souper der geräucherte Lachs.

  • S.

    108

    liess sich nun ergänzen, dass sie die Verwandt-
    schaft des englischen „box“ mit dem deutschen „Büchse“ errathen habe und dann von
    der Erinnerung heimgesucht worden sei, dass „Büchse“ auch als
    vulgäre Bezeichnung des weiblichen Genitales gebraucht werde. Mit
    einiger Nachsicht für ihre Kenntnisse in der topographischen Anatomie
    konnte man also annehmen, dass das Kind in der „Schachtel“ eine
    Frucht im Mutterleibe bedeute. Soweit aufgeklärt, leugnete sie nun
    nicht, dass das Traumbild wirklich einem Wunsch von ihr entspreche.
    Wie so viele junge Frauen war sie keineswegs glücklich, als sie in
    die Gravidität gerieth, und gestand sich mehr als einmal den Wunsch
    ein, dass ihr das Kind im Mutterleibe absterben möge; ja in einem
    Wuthanfalle nach einer heftigen Scene mit ihrem Manne schlug sie
    mit den Fäusten auf ihren Leib los, um das Kind darin zu treffen.
    Das todte Kind war also wirklich eine Wunscherfüllung, aber die
    eines seit 15 Jahren beseitigten Wunsches, und es ist nicht zu ver-
    wundern, wenn man die Wunscherfüllung nach so verspätetem Ein-
    treffen nicht mehr erkennt. Unterdessen hat sich eben zu viel geändert.

    Die Gruppe, zu welcher die beiden letzten Träume gehören,
    die den Tod lieber Angehöriger zum Inhalt haben, soll bei den
    typischen Träumen nochmals Berücksichtigung finden. Ich werde
    dort an neuen Beispielen zeigen können, dass trotz des uner-
    wünschten Inhalts alle diese Träume als Wunscherfüllungen gedeutet
    werden müssen. Keinem Patienten, sondern einem intelligenten
    Rechtsgelehrten meiner Bekanntschaft, verdanke ich folgenden
    Traum, der mir wiederum in der Absicht erzählt wurde, mich von
    voreiliger Verallgemeinerung in der Lehre vom Wunschtraum zurück-
    zuhalten. „Ich träume,“ berichtet mein Gewährsmann, „dass
    ich, eine Dame am Arm, vor mein Haus komme. Dort
    wartet ein geschlossener Wagen, ein Herr tritt auf
    mich zu, legitimirt sich als Polizeiagent und for-
    dert mich auf, ihm zu folgen. Ich bitte nur noch um die
    Zeit, meine Angelegenheiten zu ordnen. – Glauben Sie, dass es
    vielleicht ein Wunsch von mir ist, verhaftet zu werden?“ Gewiss nicht,
    muss ich zugeben. Wissen Sie vielleicht, unter welcher Beschuldigung
    Sie verhaftet wurden? – „Ja, ich glaube wegen Kindesmords.“ –
    Kindesmord? Sie wissen doch, dass dieses Verbrechen nur eine Mutter
    an ihrem Neugeborenen begehen kann? „Das ist richtig.“*) – Und
    unter welchen Umständen haben Sie geträumt; was ist am Abend
    vorher vorgegangen? „Das möchte ich Ihnen nicht gerne erzählen,
    es ist eine heikle Angelegenheit.“ – Ich brauche es aber, sonst
    müssen wir auf die Deutung des Traumes verzichten. – „Also

    *)Es ereignet sich häufig, dass ein Traum unvollständig erzählt wird, und
    dass erst während der Analyse die Erinnerung an diese ausgelassenen Stücke des
    Traumes auftaucht. Diese nachträglich eingefügten Stücke ergeben regelmässig den
    Schlüssel zur Traumdeutung. Vergleiche weiter unten über das Vergessen der
    Träume.

  • S.

    109

    hören Sie. Ich habe die Nacht nicht zu Hause, sondern bei einer
    Dame zugebracht, die mir sehr viel bedeutet. Als wir am Morgen
    erwachten, ging neuerdings etwas zwischen uns vor. Dann schlief
    ich wiederum ein und träumte, was Sie wissen.“ – Es ist eine ver-
    heiratete Frau? – „Ja.“ – Und sie wollen kein Kind mit ihr er-
    zeugen? – „Nein, nein, das könnte uns verrathen.“ – Sie üben also
    nicht normalen Coitus? – „Ich gebrauche die Vorsicht, mich vor
    der Ejaculation zurückzuziehen.“ – Darf ich annehmen, Sie hätten
    das Kunststück in dieser Nacht mehrere Male ausgeführt, und seien
    nach der Wiederholung am Morgen ein wenig unsicher gewesen, ob
    es Ihnen gelungen ist? – „Das könnte wohl sein.“ – Dann ist Ihr
    Traum eine Wunscherfüllung. Sie erhalten durch ihn die Beruhigung,
    dass Sie kein Kind erzeugt haben, oder was nahezu das Gleiche ist,
    Sie hätten ein Kind umgebracht. Die Mittelglieder kann ich ihnen
    leicht nachweisen. Erinnern Sie sich, vor einigen Tagen sprachen
    wir über die Ehenoth und über die Inconsequenz, dass es gestattet
    ist, den Coitus so zu halten, dass keine Befruchtung zu Stande
    kommt, während jeder Eingriff, wenn einmal Ei und Same sich
    getroffen und einen Fötus gebildet haben, als Verbrechen bestraft
    wird. Im Anschluss daran gedachten wir auch der mittelalterlichen
    Streitfrage, in welchem Zeitpunkt eigentlich die Seele in den Fötus
    hineinfahre, weil der Begriff des Mordes erst von da an zulässig
    wird. Sie kennen gewiss auch das schaurige Gedicht von Lenau,
    welches Kindermord und Kinderverhütung gleichstellt. – „An
    Lenau habe ich merkwürdiger Weise heute Vormittag wie zufällig
    gedacht.“ – Auch ein Nachklang Ihres Traumes. Und nun will ich
    Ihnen noch eine kleine Nebenwunscherfüllung in Ihrem Traum
    nachweisen. Sie kommen mit der Dame am Arm vor ihr Haus. Sie
    führen Sie also heim, anstatt dass Sie in Wirklichkeit die Nacht
    in deren Hause zubringen. Dass die Wunscherfüllung, die den Kern
    des Traumes bildet, sich in so unangenehmer Form verbirgt, hat
    vielleicht mehr als einen Grund. Aus meinem Aufsatz über die
    Aetiologie der Angstneurose könnten Sie erfahren, dass ich den
    Coitus interruptus als eines der ursächlichen Momente für die Ent-
    stehung der neurotischen Angst in Anspruch nehme. Es würde dazu
    stimmen, wenn Ihnen nach mehrmaligem Coitus dieser Art eine un-
    behagliche Stimmung verbliebe, die nun als Element in die Zu-
    sammensetzung Ihres Traumes eingeht. Diese Verstimmung bedienen
    Sie sich auch, um sich die Wunscherfüllung zu verhüllen. Uebrigens
    ist auch die Erwähnung des Kindesmordes nicht erklärt? Wie kommen
    Sie zu diesem specifisch weiblichen Verbrechen? – „Ich will Ihnen
    gestehen, dass ich vor Jahren einmal in eine solche Angelegenheit
    verflochten war. Ich war schuld daran, dass ein Mädchen sich durch
    eine Fruchtabtreibung von den Folgen eines Verhältnisses mit mir
    zu schützen versuchte. Ich hatte mit der Ausführung des Vorsatzes
    gar nichts zu thun, war aber lange Zeit in begreiflicher Angst,

  • S.

    110

    dass die Sache entdeckt würde.“ – „Ich verstehe, diese Erinnerung ergab
    einen zweiten Grund, warum Ihnen die Vermuthung, Sie hätten Ihr
    Kunststück schlecht gemacht, peinlich sein musste.“

    Ein junger Arzt, welcher in meinem Colleg diesen Traum er-
    zählen hörte, muss sich von ihm betroffen gefühlt haben, denn er
    beeilte sich ihn nachzuträumen, dessen Gedankenform auf ein anderes
    Thema anzuwenden. Er hatte Tags vorher sein Einkommenbekenntnis
    übergeben, welches vollkommen aufrichtig gehalten war, da er nur
    wenig zu bekennen hatte. Er träumte nun, ein Bekannter komme
    aus der Sitzung der Steuercommission zu ihm und theile ihm mit,
    dass alle anderen Steuerbekenntnisse unbeanständet geblieben seien,
    das seinige aber habe allgemeines Misstrauen erweckt und werde ihm eine
    empfindliche Steuerstrafe eintragen. Der Traum ist eine lässig ver-
    füllte Wunscherfüllung für einen Arzt von grossem Einkommen zu
    gelten. Er erinnert übrigens an die bekannte Geschichte von jenem
    jungen Mädchen, welchem abgerathen wird, ihrem Freier zuzusagen,
    weil er ein jähzorniger Mensch sei und sie in der Ehe sicherlich
    mit Schlägen tractiren werde. Die Antwort des Mädchens lautet
    dann: ‚Schlüg’ er mich erst! Ihr Wunsch, verheirathet zu sein, ist so
    lebhaft, dass sie die in Aussicht gestellte Unannehmlichkeit, die mit
    dieser Ehe verbunden sein soll, mit in den Kauf nimmt und selbst
    zum Wunsch erhebt.

    Ich hoffe die vorstehenden Beispiele werden genügen, um es –
    bis auf weiteren Einspruch – glaubwürdig erscheinen zu lassen,
    dass auch die Träume mit peinlichem Inhalt als Wunscherfüllungen
    aufzulösen sind. Es wird auch Niemand eine Aeusserung des Zufalls
    darin erblicken, dass man bei der Deutung dieser Träume jedesmal
    auf Themata geräth, von denen man nicht gerne spricht oder an die
    man nicht gerne denkt. Das peinliche Gefühl, welches solche Träume
    erwecken, ist wohl einfach identisch mit dem Widerwillen, der uns
    von der Behandlung oder Erwägung solcher Themata – meist mit
    Erfolg – abhalten möchte, und welcher von jedem von uns über-
    wunden werden muss, wenn wir uns genöthigt sehen, es doch in
    Angriff zu nehmen. Dieses im Traum also wiederkehrende Unlust-
    gefühl schliesst aber das Bestehen eines Wunsches nicht aus; es giebt
    bei jedem Menschen Wünsche, die er Anderen nicht mittheilen möchte,
    und Wünsche, die er sich selbst nicht eingestehen will. Anderseits
    fühlen wir uns berechtigt, den Unlustcharakter all’ dieser Träume
    mit der Thatsache der Traumentstellung in Zusammenhang zu bringen
    und zu schliessen, diese Träume seien gerade darum so entstellt, und
    die Wunscherfüllung in ihnen bis zur Unkenntlichkeit verkleidet,
    weil ein Widerwillen, eine Verdrängungsabsicht gegen das Thema
    des Traumes oder gegen den aus ihm geschöpften Wunsch besteht.
    Die Traumentstellung erweist sich also thatsächlich als ein Act der
    Censur. Allem, was die Analyse der Unlustträume zu Tage gefördert
    hat, tragen wir aber Rechnung, wenn wir unsere Formel, die das

  • S.

    111

    Wesen des Traumes ausdrücken soll, in folgender Art verändern: Der
    Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines (unter
    drückten, verdrängten) Wunsches.

    Nun erübrigen noch die Angstträume als besondere Unterart der
    Träume mit peinlichem Inhalt, deren Auffassung als Wunschträume bei
    dem Unaufgeklärten die geringste Bereitwilligkeit begegnen wird. Doch
    kann ich die Angstträume hier ganz kurz abthun; es ist nicht eine
    neue Seite des Traumproblems, die sich uns in ihnen zeigen würde,
    sondern es handelt sich bei ihnen um das Verständnis der neu
    rotischen Angst überhaupt. Die Angst, die wir im Traume empfinden,
    ist nur scheinbar durch den Inhalt des Traumes erklärt. Wenn wir
    den Trauminhalt der Deutung unterziehen, merken wir, dass die
    Traumangst durch den Inhalt des Traumes nicht besser gerecht
    fertigt wird als etwa die Angst einer Phobie durch die Vorstellung,
    an welcher die Phobie hängt. Es ist z. B. zwar richtig, dass man
    aus dem Fenster stürzen kann und darum Ursache hat, sich beim
    Fenster einer gewissen Vorsicht zu befleissen, aber es ist nicht zu ver-
    stehen, warum bei der entsprechenden Phobie die Angst so gross
    ist und den Kranken weit über ihre Anlässe hinaus verfolgt. Die
    selbe Aufklärung erweist sich dann als giltig für die Phobie wie für
    den Angsttraum. Die Angst ist beide Male an die sie begleitende Vor-
    stellung nur angelötht und stammt aus anderer Quelle.

    Wegen dieses intimen Zusammenhanges der Traumangst mit der
    Neurosenangst muss ich hier bei der Erörterung der ersteren auf
    die letztere verweisen. In einem kleinen Aufsatze über die „Angst-
    neurose“ (Neurolog. Centralblatt 1895) habe ich seinerzeit behauptet,
    dass die neurotische Angst aus dem Sexualleben stammt und einer von
    ihrer Bestimmung abgelenkten, nicht zur Verwendung gelangten
    Libido entspricht. Diese Formel hat sich seither immer mehr als
    stichhältig erwiesen. Aus ihr lässt sich nun der Satz ableiten, dass
    die Angstträume Träume sexuellen Inhaltes sind, deren zugehörige
    Libido eine Verwandlung in Angst erfahren hat. Es wird sich
    späterhin die Gelegenheit ergeben, diese Behauptung durch die
    Analyse einiger Träume bei Neurotikern zu unterstützen. Auch
    werde ich bei weiteren Versuchen, mich einer Theorie des Traumes
    zu nähern, nochmals auf die Bedingung der Angstträume und deren
    Verträglichkeit mit der Wunscherfüllungstheorie zu sprechen kommen.