• S.

    74

    VIII

    Es ist Zeit, sich zu besinnen. Wir suchen offenbar
    nach einer Einsicht, die uns das Wesen der Angst
    erschließt, nach einem Entweder‑Oder, das die
    Wahrheit über sie vom Irrtum scheidet. Aber das ist
    schwer zu haben, die Angst ist nicht einfach zu erfassen.
    Bisher haben wir nichts erreicht als Widersprüche,
    zwischen denen ohne Vorurteil keine Wahl möglich
    war. Ich schlage jetzt vor, es anders zu machen; wir
    wollen unparteiisch alles zusammentragen, was wir
    von der Angst aussagen können, und dabei auf die
    Erwartung einer nahen Synthese verzichten.

    Die Angst ist also in erster Linie etwas Empfundenes.
    Wir heißen sie einen Affektzustand, obwohl wir auch
    nicht wissen, was ein Affekt ist. Sie hat als Empfindung
    offenbarsten Unlustcharakter, aber das erschöpft nicht
    ihre Qualität; nicht jede Unlust können wir Angst
    heißen. Es gibt andere Empfindungen mit Unlust-
    charakter (Spannungen, Schmerz, Trauer) und die
    Angst muß außer dieser Unlustqualität andere Besonder-
    heiten haben. Eine Frage: Werden wir es dazu bringen,

  • S.

    75

    die Unterschiede zwischen diesen verschiedenen Unlust-
    affekten zu verstehen?

    Aus der Empfindung der Angst können wir immer-
    hin etwas entnehmen. Ihr Unlustcharakter scheint eine
    besondere Note zu haben; das ist schwer zu beweisen,
    aber wahrscheinlich; es wäre nichts Auffälliges. Aber
    außer diesem schwer isolierbaren Eigencharakter nehmen
    wir an der Angst bestimmtere körperliche Sensationen
    wahr, die wir auf bestimmte Organe beziehen. Da
    uns die Physiologie der Angst hier nicht interessiert,
    genügt es uns, einzelne Repräsentanten dieser Sensa-
    tionen hervorzuheben, also die häufigsten und deut-
    lichsten an den Atmungsorganen und am Herzen.
    Sie sind uns Beweise dafür, daß motorische Inner-
    vationen, also Abfuhrvorgänge an dem Ganzen der
    Angst Anteil haben. Die Analyse des Angstzustandes
    ergibt also 1) einen spezifischen Unlustcharakter,
    2) Abfuhrreaktionen, 3) die Wahrnehmungen derselben.

    Die Punkte 2) und 3) ergeben uns bereits einen
    Unterschied gegen die ähnlichen Zustände, z. B.
    der Trauer und des Schmerzes. Bei diesen gehören
    die motorischen Äußerungen nicht dazu; wo sie vor-
    handen sind, sondern sie sich deutlich nicht als Bestand-
    teile des Ganzen, sondern als Konsequenzen oder
    Reaktionen darauf. Die Angst ist also ein besonderer
    Unlustzustand mit Abfuhrreaktionen auf bestimmte Bahnen.
    Nach unseren allgemeinen Anschauungen werden wir
    glauben, daß der Angst eine Steigerung der Erregung

  • S.

    76

    zugrunde liegt, die einerseits den Unlustcharakter
    schafft, andererseits sich durch die genannten Abfuhren
    erleichtert. Diese rein physiologische Zusammenfassung
    wird uns aber kaum genügen; wir sind versucht,
    anzunehmen, daß ein historisches Moment da ist,
    welches die Sensationen und Innervationen der Angst
    fest an einander bindet. Mit anderen Worten, daß
    der Angstzustand die Reproduktion eines Erlebnisses
    ist, das die Bedingungen einer solchen Reizsteigerung
    und der Abfuhr auf bestimmte Bahnen enthielt, wodurch
    also die Unlust der Angst ihren spezifischen Charakter
    erhält. Als solches vorbildliches Erlebnis bietet sich
    uns für den Menschen die Geburt, und darum sind
    wir geneigt, im Angstzustand eine Reproduktion des
    Geburtstraumas zu sehen.

    Wir haben damit nichts behauptet, was der Angst
    eine Ausnahmestellung unter den Affektzuständen ein-
    räumen würde. Wir meinen, auch die anderen Affekte
    sind Reproduktionen alter, lebenswichtiger, eventuell
    vorindividueller Ereignisse und wir bringen sie als
    allgemeine, typische, mitgeborene hysterische Anfälle
    in Vergleich mit den spät und individuell erworbenen
    Attacken der hysterischen Neurose, deren Genese und
    Bedeutung als Erinnerungssymbole uns durch die
    Analyse deutlich geworden ist. Natürlich wäre es sehr
    wünschenswert, diese Auffassung für eine Reihe anderer
    Affekte beweisend durchführen zu können, wovon
    wir heute weit entfernt sind.

  • S.

    77

    Die Zurückführung der Angst auf das Geburts-
    ereignis hat sich gegen naheliegende Ein-
    wände zu verteidigen. Die Angst ist eine wahrscheinlich allen
    Organismen, jedenfalls allen höheren zukommende
    Reaktion, die Geburt wird nur von den Säugetieren
    erlebt, und es ist fraglich, ob sie bei allen diesen die
    Bedeutung eines Traumas hat. Es gibt also Angst
    ohne Geburtsvorbild. Aber dieser Einwand setzt sich
    über die Schranken zwischen Biologie und Psychologie
    hinaus. Gerade weil die Angst eine biologisch unent-
    behrliche Funktion zu erfüllen hat, als Reaktion auf
    den Zustand der Gefahr, mag sie bei verschiedenen
    Lebewesen auf verschiedene Art eingerichtet worden
    sein. Wir wissen auch nicht, ob sie bei dem Menschen
    ferner stehenden Lebewesen denselben Inhalt an Sen-
    sationen und Innervationen hat wie beim Menschen.
    Das hindert also nicht, daß die Angst beim Menschen
    den Geburtsvorgang zum Vorbild nimmt.

    Wenn dies die Struktur und die Herkunft der
    Angst ist, so lautet die weitere Frage: Was ist ihre
    Funktion? Bei welchen Gelegenheiten wird sie reprodu-
    ziert? Die Antwort scheint naheliegend und zwingend
    zu sein. Die Angst entstand als Reaktion auf einen
    Zustand der Gefahr, sie wird nun regelmäßig reprodu-
    ziert, wenn sich ein solcher Zustand wieder einstellt.

    Dazu ist aber einiges zu bemerken. Die Inner-
    vationen des ursprünglichen Angstzustandes waren
    wahrscheinlich auch sinnvoll und zweckmäßig, ganz

  • S.

    78

    so wie die Muskelaktionen des ersten hysterischen An-
    falls. Wenn man den hysterischen Anfall erklären will,
    braucht man ja nur die Situation zu suchen, in der
    die betreffenden Bewegungen Anteile einer berech-
    tigten Handlung waren. So hat wahrscheinlich während
    der Geburt die Richtung der Innervation auf die
    Atmungsorgane die Tätigkeit der Lungen vorbereitet,
    die Beschleunigung des Herzschlags gegen die Ver-
    giftung des Blutes arbeiten wollen. Diese Zweckmäßig-
    keit entfällt natürlich bei der späteren Reproduktion
    des Angstzustandes als Affekt, wie sie auch beim
    wiederholten hysterischen Anfall vermißt wird. Wenn
    also das Individuum in eine neue Gefahrsituation gerät,
    so kann es leicht unzweckmäßig werden, daß es mit
    dem Angstzustand, der Reaktion auf eine frühere
    Gefahr antwortet, anstatt die der jetzigen adäquaten
    Reaktion einzuschlagen. Die Zweckmäßigkeit tritt aber
    wieder hervor, wenn die Gefahrsituation als heran-
    nahend erkannt und durch den Angstausbruch signa-
    lisiert wird. Die Angst kann dann sofort durch ge-
    eignetere Maßnahmen abgelöst werden. Es sondern
    sich also sofort zwei Möglichkeiten des Auftretens der
    Angst: die eine, unzweckmäßige, in einer neuen Gefahr-
    situation, die andere, zweckmäßige, zur Signalisierung
    und Verhütung einer solchen.

    Was aber ist eine „Gefahr“? Im Geburtsakt
    besteht eine objektive Gefahr für die Erhaltung des
    Lebens, wir wissen, was das in der Realität bedeutet.

  • S.

    79

    Aber psychologisch sagt es uns gar nichts. Die Gefahr
    der Geburt hat noch keinen psychischen Inhalt.
    Sicherlich dürfen wir beim Fötus nichts voraussetzen,
    was sich irgendwie einer Art von Wissen um die
    Möglichkeit eines Ausgangs in Lebensvernichtung an-
    nähert. Der Fötus kann nichts anderes bemerken
    als eine großartige Störung in der Ökonomie seiner
    narzißtischen Libido. Große Erregungssummen dringen
    zu ihm, erzeugen neuartige Unlustempfindungen, manche
    Organe erzwingen sich erhöhte Besetzungen, was wie
    ein Vorspiel der bald beginnenden Objektbesetzung
    ist; was davon wird als Merkzeichen einer „Gefahr-
    situation“ Verwertung finden?

    Wir wissen leider viel zu wenig von der seelischen
    Verfassung des Neugeborenen, um diese Frage direkt
    zu beantworten. Ich kann nicht einmal für die Brauch-
    barkeit der eben gegebenen Schilderung einstehen. Es
    ist leicht zu sagen, das Neugeborene werde den Angst-
    affekt in allen Situationen wiederholen, die es an das
    Geburtsereignis erinnert. Der entscheidende Punkt
    bleibt aber, wodurch und woran es erinnert wird.

    Es bleibt uns kaum etwas anderes übrig, als die
    Anlässe zu studieren, bei denen der Säugling oder
    das ein wenig ältere Kind sich zur Angstentwicklung
    bereit zeigt. Rank hat in seinem Buch „Das Trauma
    der Geburt“1 einen sehr energischen Versuch gemacht,

    1)Otto Rank, Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung
    für die Psychoanalyse. Internat. Psychoanalyt. Bibliothek XIV, 1924.

  • S.

    80

    die Beziehungen der frühesten Phobien des Kindes
    zum Eindruck des Geburtsereignisses zu erweisen,
    allein ich kann ihn nicht für geglückt halten. Man kann
    ihm zweierlei vorwerfen: Erstens, daß er auf der Vor-
    aussetzung beruht, das Kind habe bestimmte Sinnes-
    eindrücke, insbesondere visueller Natur, bei seiner
    Geburt empfangen, deren Erneuerung die Erinnerung
    an das Geburtstrauma und somit die Angstreaktion
    hervorrufen kann. Diese Annahme ist völlig unbewiesen
    und sehr unwahrscheinlich; es ist nicht glaubhaft, daß
    das Kind andere als taktile und Allgemeinsensationen vom
    Geburtsvorgang bewahrt hat. Wenn es also später
    Angst vor kleinen Tieren zeigt, die in Löchern ver-
    schwinden oder aus diesen herauskommen, so erklärt
    Rank diese Reaktion durch die Wahrnehmung einer
    Analogie, die aber dem Kinde nicht auffällig werden kann.
    Zweitens, daß Rank in der Würdigung dieser späteren
    Angstsituationen je nach Bedürfnis die Erinnerung an die
    glückliche intrauterine Existenz oder an deren trauma-
    tische Störung wirksam werden läßt, womit der Willkür
    in der Deutung Tür und Tor geöffnet wird. Einzelne
    Fälle dieser Kinderangst widersetzen sich direkt der
    Anwendung des Rankschen Prinzips. Wenn das Kind
    in Dunkelheit und Einsamkeit gebracht wird, so sollten
    wir erwarten, daß es diese Wiederherstellung der
    intrauterinen Situation mit Befriedigung aufnimmt, und
    wenn die Tatsache, daß es gerade dann mit Angst
    reagiert, auf die Erinnerung an die Störung dieses

  • S.

    81

    Glücks durch die Geburt zurückgeführt wird, so kann
    man das Gezwungene dieses Erklärungsversuches nicht
    länger verkennen.

    Ich muß den Schluß ziehen, daß die frühesten
    Kindheitsphobien eine direkte Rückführung auf den
    Eindruck des Geburtsaktes nicht zulassen und sich
    überhaupt bis jetzt der Erklärung entzogen haben.
    Eine gewisse Angstbereitschaft des Säuglings ist unver-
    kennbar. Sie ist nicht etwa unmittelbar nach der
    Geburt am stärksten, um dann langsam abzunehmen,
    sondern tritt erst später mit dem Fortschritt der
    seelischen Entwicklung hervor und hält über eine
    gewisse Periode der Kinderzeit an. Wenn sich solche
    Frühphobien über diese Zeit hinaus erstrecken, er-
    wecken sie den Verdacht einer neurotischen Störung,
    wiewohl uns ihre Beziehung zu den späteren deutlichen
    Neurosen der Kindheit keineswegs einsichtlich ist.

    Nur wenige Fälle der kindlichen Angstäußerung
    sind uns verständlich; an diese werden wir uns halten
    müssen. So, wenn das Kind allein, in der Dunkelheit,
    ist und wenn es eine fremde Person an Stelle der ihm
    vertrauten (der Mutter) findet. Diese drei Fälle reduzieren
    sich auf eine einzige Bedingung, das Vermissen der
    geliebten (ersehnten) Person. Von da an ist aber der
    Weg zum Verständnis der Angst und zur Vereinigung
    der Widersprüche, die sich an sie zu knüpfen
    scheinen, frei.

    Das Erinnerungsbild der ersehnten Person wird 

  • S.

    82

    gewiß intensiv, wahrscheinlich zunächst halluzinatorisch
    besetzt. Aber das hat keinen Erfolg und nun hat es
    den Anschein, als ob diese Sehnsucht in Angst um-
    schlüge. Es macht geradezu den Eindruck, als wäre
    diese Angst ein Ausdruck der Ratlosigkeit, als wüßte
    das noch sehr unentwickelte Wesen mit dieser sehn-
    süchtigen Besetzung nichts Besseres anzufangen. Die
    Angst erscheint so als Reaktion auf das Vermissen
    des Objekts und es drängen sich uns die Analogien
    auf, daß auch die Kastrationsangst die Trennung
    von einem hochgeschätzten Objekt zum Inhalt hat,
    und daß die ursprünglichste Angst (die „Urangst“
    der Geburt) bei der Trennung von der Mutter ent-
    stand.

    Die nächste Überlegung führt über diese Betonung
    des Objektverlustes hinaus. Wenn der Säugling nach
    der Wahrnehmung der Mutter verlangt, so doch nur
    darum, weil er bereits aus Erfahrung weiß, daß sie
    alle seine Bedürfnisse ohne Verzug befriedigt. Die
    Situation, die er als „Gefahr“wertet, gegen die er
    versichert sein will, ist also die der Unbefriedigung,
    des Anwachsens der Bedürfnisspannung,
    gegen die er ohnmächtig ist. Ich meine, von diesem
    Gesichtspunkt aus ordnet sich alles ein; die Situation
    der Unbefriedigung, in der Reizgrößen eine unlustvolle
    Höhe erreichen, ohne Bewältigung durch psychische
    Verwendung und Abfuhr zu finden, muß für den Säug-
    ling die Analogie mit dem Geburtserlebnis, die Wiederholung 

  • S.

    83

    der Gefahrsituation sein; das beiden Gemein-
    same ist die ökonomische Störung durch das Anwachsen
    der Erledigung heischenden Reizgrößen, dieses Moment
    also der eigentliche Kern der „Gefahr“. In beiden
    Fällen tritt die Angstreaktion auf, die sich auch noch
    beim Säugling als zweckmäßig erweist, indem die
    Richtung der Abfuhr auf Atem‑ und Stimmuskulatur
    nun die Mutter herbeiruft, wie sie früher die
    Lungentätigkeit zur Wegschaffung der inneren Reize
    anregte. Mehr als diese Kennzeichnung der Gefahr
    braucht das Kind von seiner Geburt nicht bewahrt
    zu haben.

    Mit der Erfahrung, daß ein äußeres, durch Wahr-
    nehmung erfaßbares Objekt der an die Geburt mahnenden
    gefährlichen Situation ein Ende machen kann, ver-
    schiebt sich nun der Inhalt der Gefahr von der öko-
    nomischen Situation auf seine Bedingung, den Objekt-
    verlust. Das Vermissen der Mutter wird nun die
    Gefahr, bei deren Eintritt der Säugling das Angst-
    signal gibt, noch ehe die gefürchtete ökonomische
    Situation eingetreten ist. Diese Wandlung bedeutet
    einen ersten großen Fortschritt in der Fürsorge für
    die Selbsterhaltung, sie schließt gleichzeitig den Über-
    gang von der automatisch ungewollten Neuentstehung
    der Angst zu ihrer beabsichtigten Reproduktion als
    Signal der Gefahr ein.

    In beiden Hinsichten, sowohl als automatisches
    Phänomen wie als rettendes Signal, zeigt sich die

  • S.

    84

    Angst als Produkt der psychischen Hilflosigkeit des
    Säuglings, welche das selbstverständliche Gegenstück
    seiner biologischen Hilflosigkeit ist. Das auffällige
    Zusammentreffen, daß sowohl die Geburtsangst wie die
    Säuglingsangst die Bedingung der Trennung von der
    Mutter anerkennt, bedarf keiner psychologischen
    Deutung; es erklärt sich biologisch einfach genug aus
    der Tatsache, daß die Mutter, die zuerst alle Bedürf-
    nisse des Fötus durch die Einrichtungen ihres Leibes
    beschwichtigt hatte, dieselbe Funktion zum Teil mit
    anderen Mitteln auch nach der Geburt fortsetzt.
    Intrauterinleben und erste Kindheit sind weit mehr ein
    Kontinuum, als uns die auffällige Zensur des Geburts-
    aktes glauben läßt. Das psychische Mutterobjekt
    ersetzt dem Kinde die biologische Fötalsituation. Wir
    dürfen darum nicht vergessen, daß im Intrauterin-
    leben die Mutter kein Objekt war, und daß es damals
    keine Objekte gab.

    Es ist leicht zu sehen, daß es in diesem Zusammen-
    hange keinen Raum für ein Abreagieren des Geburts-
    traumas gibt, und daß eine andere Funktion der
    Angst als die eines Signals zur Vermeidung der
    Gefahrsituation nicht aufzufinden ist. Die Angst-
    bedingung des Objektverlustes trägt nun noch ein
    ganzes Stück weiter. Auch die nächste Wandlung der
    Angst, die in der phallischen Phase auftretende
    Kastrationsangst, ist eine Trennungsangst und an die-
    selbe Bedingung gebunden. Die Gefahr ist hier die

  • S.

    85

    Trennung von dem Genitale. Ein vollberechtigt
    scheinender Gedankengang von Ferenczi läßt uns
    hier die Linie des Zusammenhanges mit den früheren
    Inhalten der Gefahrsituation deutlich erkennen. Die hohe
    narzißtische Einschätzung des Penis kann sich darauf
    berufen, daß der Besitz dieses Organs die Gewähr für
    eine Wiedervereinigung mit der Mutter (dem Mutter-
    ersatz) im Akt des Koitus enthält. Die Beraubung
    dieses Gliedes ist soviel wie eine neuerliche Trennung
    von der Mutter, bedeutet also wiederum, einer unlust-
    vollen Bedürfnisspannung (wie bei der Geburt) hilflos
    ausgeliefert zu sein. Das Bedürfnis, dessen Ansteigen
    gefürchtet wird, ist aber nun ein spezialisiertes, das
    der genitalen Libido, nicht mehr ein beliebiges wie in
    der Säuglingszeit. Ich füge hier an, daß die Phantasie
    der Rückkehr in den Mutterleib der Koitusersatz des
    Impotenten (durch die Kastrationsdrohung Gehemmten)
    ist. Im Sinne Ferenczis kann man sagen, das
    Individuum, das sich zur Rückkehr in den Mutter-
    leib durch sein Genitalorgan vertreten lassen wollte,
    ersetzt nun regressiv dies Organ durch seine ganze
    Person.

    Die Fortschritte in der Entwicklung des Kindes,
    die Zunahme seiner Unabhängigkeit, die schärfere
    Sonderung seines seelischen Apparats in mehrere
    Instanzen, das Auftreten neuer Bedürfnisse, können
    nicht ohne Einfluß auf den Inhalt der Gefahrsituation
    bleiben. Wir haben dessen Wandlung vom Verlust

  • S.

    86

    des Mutterobjekts zur Kastration verfolgt und sehen
    den nächsten Schritt durch die Macht des Über‑Ichs
    verursacht. Mit dem Unpersönlichwerden der Eltern-
    instanz, von der man die Kastration befürchtete, wird
    die Gefahr unbestimmter. Die Kastrationsangst ent-
    wickelt sich zur Gewissensangst, zur sozialen Angst.
    Es ist jetzt nicht mehr so leicht anzugeben, was die
    Angst befürchtet. Die Formel: „Trennung, Ausschluß
    aus der Horde“, trifft nur jenen späteren Anteil des
    Über-Ichs, der sich in Anlehnung an soziale Vorbilder
    entwickelt hat, nicht den Kern des Über-Ichs, der der
    introjizierten Elterninstanz entspricht. Allgemeiner aus-
    gedrückt, ist es der Zorn, die Strafe des Über‑Ichs,
    der Liebesverlust von dessen Seite, den das Ich als
    Gefahr wertet und mit dem Angstsignal beantwortet.
    Als letzte Wandlung dieser Angst vor dem Über‑Ich
    ist mir die Todes‑(Lebens‑)Angst, die Angst vor der
    Projektion des Über-Ichs in den Schicksalsmächten
    erschienen.

    Ich habe früher einmal einen gewissen Wert auf
    die Darstellung gelegt, daß es die bei der Verdrän-
    gung abgezogene Besetzung ist, welche die Verwen-
    dung als Angstabfuhr erfährt. Das erscheint mir nun
    heute kaum wissenswert. Der Unterschied liegt darin,
    daß ich vormals die Angst in jedem Falle durch einen
    ökonomischen Vorgang automatisch entstanden glaubte,
    während die jetzige Auffassung der Angst als eines
    vom Ich beabsichtigten Signals zum Zweck der

  • S.

    87

    Beeinflussung der Lust‑Unlustinstanz uns von diesem
    ökonomischen Zwange unabhängig macht. Es ist
    natürlich nichts gegen die Annahme zu sagen, daß
    das Ich gerade die durch die Abziehung bei der
    Verdrängung frei gewordene Energie zur Erweckung
    des Affekts verwendet, aber es ist bedeutungslos
    geworden, mit welchem Anteil Energie dies geschieht.

    Ein anderer Satz, den ich einmal ausgesprochen,
    verlangt nun nach Überprüfung im Lichte unserer
    neuen Auffassung. Es ist die Behauptung, das Ich sei
    die eigentliche Angststätte; ich meine, sie wird sich
    als zutreffend erweisen. Wir haben nämlich keinen
    Anlaß, dem Über‑Ich irgendeine Angstäußerung zuzu-
    teilen. Wenn aber von einer „Angst des Es“ die
    Rede ist, so hat man nicht zu widersprechen, sondern
    einen ungeschickten Ausdruck zu korrigieren. Die
    Angst ist ein Affektzustand, der natürlich nur vom
    Ich verspürt werden kann. Das Es kann nicht Angst
    haben wie das Ich, es ist keine Organisation, kann
    Gefahrsituationen nicht beurteilen. Dagegen ist es ein
    überaus häufiges Vorkommnis, daß sich im Es Vor-
    gänge vorbereiten oder vollziehen, die dem Ich
    Anlaß zur Angstentwicklung geben; in der Tat sind
    die wahrscheinlich frühesten Verdrängungen, wie die
    Mehrzahl aller späteren, durch solche Angst des Ichs
    vor einzelnen Vorgängen im Es motiviert. Wir unter-
    scheiden hier wiederum mit gutem Grund die beiden
    Fälle, daß sich im Es etwas ereignet, was eine der

  • S.

    88

    Gefahrsituationen fürs Ich aktiviert und es somit
    bewegt, zur Inhibition das Angstsignal zu geben, und
    den anderen Fall, daß sich im Es die dem Geburts-
    trauma analoge Situation herstellt, in der es automatisch
    zur Angstreaktion kommt. Man bringt die beiden
    Fälle einander näher, wenn man hervorhebt, daß der
    zweite der ersten und ursprünglichen Gefahrsituation
    entspricht, der erste aber einer der später aus ihr
    abgeleiteten Angstbedingungen. Oder auf die wirklich
    vorkommenden Affektionen bezogen: daß der zweite
    Fall in der Ätiologie der Aktualneurosen verwirklicht
    ist, der erste für die die Psychoneurosen charakteri-
    stisch bleibt.

    Wir sehen nun, daß wir frühere Ermittlungen
    nicht zu entwerten, sondern bloß mit den neueren
    Einsichten in Verbindung zu bringen brauchen. Es ist
    nicht abzuweisen, daß bei Abstinenz, mißbräuchlicher
    Störung im Ablauf der Sexualerregung, Ablenkung
    derselben von ihrer psychischen Verarbeitung, direkt
    Angst aus Libido entsteht, d. h. jener Zustand von
    Hilflosigkeit des Ichs gegen eine übergroße Bedürfnis-
    spannung hergestellt wird, der wie bei der Geburt in
    Angstentwicklung ausgeht, wobei es wieder eine gleich-
    gültige, aber nahe liegende Möglichkeit ist, daß gerade
    der Überschuß an unverwendeter Libido seine Abfuhr
    in der Angstentwicklung findet. Wir sehen, daß sich
    auf dem Boden dieser Aktualneurosen besonders
    leicht Psychoneurosen entwickeln, das heißt wohl, daß

  • S.

    89

    das Ich Versuche macht, die Angst, die es eine Weile
    suspendiert zu erhalten gelernt hat, zu ersparen und
    durch Symptombildung zu binden. Wahrscheinlich
    würde die Analyse der traumatischen Kriegsneurosen,
    welcher Name allerdings sehr verschiedenartige
    Affektionen umfaßt, ergeben haben, daß eine Anzahl
    von ihnen an den Charakteren der Aktualneurosen
    Anteil hat.

    Als wir die Entwicklung der verschiedenen Gefahr-
    situationen aus dem ursprünglichen Geburtsvorbild
    darstellten, lag es uns ferne zu behaupten, daß jede
    spätere Angstbedingung die frühere einfach außer
    Kraft setzt. Die Fortschritte der Ichentwicklung tragen
    allerding dazu bei, die frühere Gefahrsituation zu
    entwerten und beiseite zu schieben, so daß man
    sagen kann, einem bestimmten Entwicklungsalter sei
    eine gewisse Angstbedingung wie adäquat zugeteilt.
    Die Gefahr der psychischen Hilflosigkeit paßt zur
    Lebenszeit der Unreife des Ichs, wie die Gefahr des
    Objektverlustes zur Unselbständigkeit der ersten Kinder-
    jahre, die Kastrationsgefahr zur phallischen Phase, die
    Über‑Ichangst zur Latenzzeit. Aber es können doch
    alle diese Gefahrsituationen und Angstbedingungen
    nebeneinander fortbestehen bleiben und das Ich auch
    zu späteren als den adäquaten Zeiten zur Angst-
    reaktion veranlassen, oder es können mehrere von
    ihnen gleichzeitig in Wirksamkeit treten. Möglicher-
    weise bestehen auch engere Beziehungen zwischen der

  • S.

    90

    wirksamen Gefahrsituation und der Form der auf sie
    folgenden Neurose.1

    Als wir in einem früheren Stück dieser Unter-
    suchungen auf die Bedeutung der Kastrationsgefahr

    1)Seit der Unterscheidung von Ich und Es mußte auch unser
    Interesse an den Problemen der Verdrängung eine neue Belebung
    erfahren. Bisher hatte es uns genügt, die dem Ich zugewendeten
    Seiten des Vorgangs, die Abhaltung vom Bewußtsein und von der
    Motilität und die Ersatz- (Symptom-) Bildung ins Auge zu fassen, von
    der verdrängten Triebregung selbst nahmen wir an, sie bleibe im
    Unbewußten unbestimmt lange unverändert bestehen. Nun wendet
    sich das Interesse den Schicksalen des Verdrängten zu, und wir
    ahnen, daß ein solcher unveränderter und unveränderlicher Fort-
    bestand nicht selbstverständlich, vielleicht nicht einmal gewöhnlich
    ist. Die ursprüngliche Triebregung ist jedenfalls durch die Ver-
    drängung gehemmt und von ihrem Ziel abgelenkt worden. Ist aber
    ihr Ansatz im Unbewußten erhalten geblieben und hat er sich
    resistent gegen die verändernden und entwertenden Einflüsse des
    Lebens erwiesen? Bestehen also die alten Wünsche noch, von
    deren früherer Existenz uns die Analyse berichtet? Die Antwort
    scheint naheliegend und gesichert: Die verdrängten alten Wünsche
    müssen im Unbewußten noch fortbestehen, da wir ihre Abkömmlinge,
    die Symptome, noch wirksam finden. Aber sie ist nicht zureichend,
    sie läßt nicht zwischen den beiden Möglichkeiten entscheiden, ob
    der alte Wunsch jetzt nur durch seine Abkömmlinge wirkt, denen
    er all seine Besetzungsenergie übertragen hat, oder ob er außerdem
    selbst erhalten geblieben ist. Wenn es sein Schicksal war, sich in
    der Besetzung seiner Abkömmlinge zu erschöpfen, so bleibt noch
    die dritte Möglichkeit, daß er im Verlauf der Neurose durch Re-
    gression wiederbelebt wurde, so unzeitgemäß er gegenwärtig sein
    mag. Man braucht diese Erwägungen nicht für müßig zu halten;
    vieles an den Erscheinungen des krankhaften wie des normalen
    Seelenlebens scheint solche Fragestellungen zu erfordern. In meiner
    Studie über den Untergang des Ödipuskomplexes bin ich auf den
    Unterschied zwischen der bloßen Verdrängung und der wirklichen
    Aufhebung einer alten Wunschregung aufmerksam geworden.

  • S.

    91

    bei mehr als einer neurotischen Affektion stießen,
    erteilten wir uns die Mahnung, dies Moment doch
    nicht zu überschätzen, da es bei dem gewiß mehr
    zur Neurose disponierten weiblichen Geschlecht doch
    nicht ausschlaggebend sein könnte. Wir sehen jetzt,
    daß wir nicht in Gefahr sind, die Kastrationsangst für
    den einzigen Motor der zur Neurose führenden Abwehr-
    vorgänge zu erklären. Ich habe an anderer Stelle
    auseinandergesetzt, wie die Entwicklung des kleinen
    Mädchens durch den Kastrationskomplex zur zärtlichen
    Objektbesetzung gelenkt wird. Gerade beim Weibe
    scheint die Gefahrsituation des Objektverlustes die
    wirksamste geblieben zu sein. Wir dürfen an ihrer
    Angstbedingung die kleine Modifikation anbringen, daß
    es sich nicht mehr um das Vermissen oder den realen
    Verlust des Objekts handelt, sondern um den Liebes-
    verlust von seiten des Objekts. Da es sicher steht,
    daß die Hysterie eine größere Affinität zur Weiblich-
    keit hat, ebenso wie die Zwangsneurose zur Männlich-
    keit, so liegt die Vermutung nahe, die Angstbedingung
    des Liebesverlustes spiele bei Hysterie eine ähnliche
    Rolle wie die Kastrationsdrohung bei den Phobien,
    die Über‑Ichangst bei der Zwangsneurose.