Die Traumdeutung1900-001/1919
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    Vorwort zur zweiten Auflage.

            Daß von diesem schwer lesbaren Buche noch vor Vollendung
    des ersten Jahrzehntes eine zweite Auflage notwendig geworden ist,
    verdanke ich nicht dem Interesse der Fachkreise, an die ich mich in
    den vorstehenden Sätzen gewendet hatte. Meine Kollegen von der
    Psychiatrie scheinen sich keine Mühe gegeben zu haben, über das
    anfängliche Befremden hinauszukommen, welches meine neuartige
    Auffassung des Traumes erwecken konnte, und die Philosophen von
    Beruf, die nun einmal gewohnt sind, die Probleme des Traumlebens
    als Anhang zu den Bewußtseinszuständen mit einigen — meist den
    nämlichen — Sätzen abzuhandeln, haben offenbar nicht bemerkt, daß
    man gerade an diesem Ende allerlei hervorziehen könne, was zu einer
    gründlichen Umgestaltung unserer psychologischen Lehren führen
    muß. Das Verhalten der wissenschaftlichen Buchkritik konnte nur
    zur Erwartung berechtigen, daß Totgeschwiegenwerden das Schick-
    sal dieses meines Werkes sein müsse; auch die kleine Schar von
    wackeren Anhängern, die meiner Führung in der ärztlichen Hand-
    habung der Psychoanalyse folgen und nach meinem Beispiel Träume
    deuten, um diese Deutungen in der Behandlung von Neurotikern zu
    verwerten, hätte die erste Auflage des Buches nicht erschöpft. So
    fühle ich mich denn jenem weiteren Kreise von Gebildeten und Wiß-
    begierigen verpflichtet, deren Teilnahme mir die Aufforderung ver-
    schafft hat, die schwierige und für so vieles grundlegende Arbeit
    nach neun Jahren von neuem vorzunehmen.
            Ich freue mich, sagen zu können, daß ich wenig zu verändern
    fand. Ich habe hie und da neues Material eingeschaltet, aus meiner
    vermehrten Erfahrung einzelne Einsichten hinzugefügt, an einigen
    wenigen Punkten Umarbeitungen versucht; alles Wesentliche über
    den Traum und seine Deutung sowie über die daraus ableitbaren
    psychologischen Lehrsätze ist aber ungeändert geblieben; es hat
    wenigstens subjektiv, die Probe der Zeit bestanden. Wer meine anderen
    Arbeiten (über Ätiologie und Mechanismus der Psychoneurosen) kennt,
    weiß, daß ich niemals Unfertiges für fertig ausgegeben und mich
    stets bemüht habe, meine Aussagen nach meinen fortschreitenden
    Einsichten abzuändern; auf dem Gebiete des Traumlebens durfte ich
    bei meinen ersten Mitteilungen stehen bleiben. In den langen Jahren
    meiner Arbeit an den Neurosenproblemen bin ich wiederholt ins
    Schwanken geraten und an manchem irre geworden; dann war es
    immer wieder die „Traumdeutung“, an der ich meine Sicherheit

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    VI

    wiederfand. Meine zahlreichen wissenschaftlichen Gegner zeigen also
    einen sicheren Instinkt, wenn sie mir gerade auf das Gebiet der
    Traumforschung nicht folgen wollen.

    Auch das Material dieses Buches, diese zum größten Teil durch
    die Ereignisse entwerteten oder überholten eigenen Träume, an denen
    ich die Regeln der Traumdeutung erläutert hatte, erwies bei der
    Revision ein Beharrungsvermögen, das sich eingreifenden Änderungen
    widersetzte. Für mich hat dieses Buch nämlich noch eine andere
    subjektive Bedeutung, die ich erst nach seiner Beendigung verstehen
    konnte. Es erwies sich mir als ein Stück meiner Selbstanalyse, als
    meine Reaktion auf den Tod meines Vaters, also auf das bedeutsamste
    Ereignis, den einschneidendsten Verlust im Leben eines Mannes.
    Nachdem ich dies erkannt hatte, fühlte ich mich unfähig, die Spuren
    dieser Einwirkung zu verwischen. Für den Leser mag es aber gleich-
    gültig sein, an welchem Material er Träume würdigen und deuten
    lernt.

    Wo ich eine unabweisbare Bemerkung nicht in den alten Zu-
    sammenhang einfügen konnte, habe ich ihre Herkunft von der zweiten
    Bearbeitung durch eckige Klammern angedeutet*.

    Berchtesgaden, im Sommer 1908.

    Vorwort zur dritten Auflage.

    Während zwischen der ersten und der zweiten Auflage dieses
    Buches ein Zeitraum von neun Jahren verstrichen ist, hat sich das
    Bedürfnis einer dritten bereits noch wenig mehr als einen Jahre
    bemerkbar gemacht. Ich darf mich dieser Wandlung freuen; wenn
    ich aber vorhin die Vernachlässigung meines Werkes von Seite der
    Leser nicht als Beweis für dessen Unwert gelten lassen wollte, kann
    ich das nunmehr zu Tage getretene Interesse auch nicht als Beweis
    für seine Trefflichkeit verwerten.

    Der Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis hat auch die
    „Traumdeutung“ nicht unberührt gelassen. Als ich sie 1899 nieder-
    schrieb, bestand die „Sexualtheorie“ noch nicht, war die Analyse der
    komplizierteren Formen von Psychoneurosen noch in ihren Anfängen.
    Die Deutung der Träume sollte ein Hilfsmittel werden, um die psy-
    chologische Analyse der Neurosen zu ermöglichen; seither hat das
    vertiefte Verständnis der Neurosen auf die Auffassung des Traumes
    zurückgewirkt. Die Lehre von der Traumdeutung selbst hat sich
    nach einer Richtung weiterentwickelt, auf welche in der ersten Auf-
    lage dieses Buches nicht genug Akzent gefallen war. Durch eigene
    Erfahrung wie durch die Arbeiten von W. Stekel und anderen habe
    ich seither den Umfang und die Bedeutung der Symbolik im Traume

    * Diese wurden bei den folgenden Auflagen wieder fallen gelassen.