Totem und Tabu1913-001/1922
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    Die nachstehenden vier Aufsätze, die unter dem Untertitel
    dieses Buches in den beiden ersten Jahrgängen der von mir
    herausgegebenen Zeitschrift „Imago“ erschienen sind, ent-
    sprechen einem ersten Versuch von meiner Seite, Gesichtspunkte
    und Ergebnisse der Psychoanalyse auf ungeklärte Probleme
    der Völkerpsychologie anzuwenden. Sie enthalten also einen
    methodischen Gegensatz einerseits zu dem groß angelegten
    Werke von W. Wundt, welches die Annahmen und Arbeits-
    weisen der nicht analytischen Psychologie derselben Absicht
    dienstbar macht, und anderseits zu den Arbeiten der Züricher
    psychoanalytischen Schule, die umgekehrt Probleme der Indi-
    vidualpsychologie durch Heranziehung von völkerpsychologi-
    schem Material zu erledigen streben1). Es sei gern zugestanden,
    daß von diesen beiden Seiten die nächste Anregung zu meinen
    eigenen Arbeiten ausgegangen ist.

    Die Mängel dieser letzteren sind mir wohlbekannt. Ich will
    diejenigen nicht berühren, die von dem Erstlingscharakter dieser
    Untersuchungen abhängen. Andere aber erfordern ein Wort
    der Einführung. Die vier hier vereinigten Aufsätze machen auf
    das Interesse eines größeren Kreises von Gebildeten Anspruch

    1) Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrb. für psycho-
    analytische und psychopathologische Forschungen, Bd. IV, 1912; der-
    selbe Autor, Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie,
    ibid. Bd. V. 1913.

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    und können eigentlich doch nur von den wenigen verstanden und
    beurteilt werden, denen die Psychoanalyse nach ihrer Eigenart
    nicht mehr fremd ist. Sie wollen zwischen Ethnologen, Sprach-
    forschern, Folkloristen usw. einerseits und Psychoanalytikern
    anderseits vermitteln und können doch beiden nicht geben, was
    ihnen abgeht: den ersteren eine genügende Einführung in die
    neue psychologische Technik, den letzteren eine zureichende Be-
    herrschung des der Verarbeitung harrenden Materials. So werden
    sie sich wohl damit begnügen müssen, hier wie dort Auf-
    merksamkeit zu erregen und die Erwartung hervorzurufen, daß
    ein öfteres Zusammentreffen von beiden Seiten nicht ertraglos
    für die Forschung bleiben kann.

    Die beiden Hauptthemata, welche diesem kleinen Buch den
    Namen geben, der Totem und das Tabu, werden darin nicht in
    gleichartiger Weise abgehandelt. Die Analyse des Tabu tritt
    als durchaus gesicherter, das Problem erschöpfender Lösungs-
    versuch auf. Die Untersuchung über den Totemismus bescheidet
    sich zu erklären: Dies ist, was die psychoanalytische Betrachtung
    zur Klärung der Totemprobleme derzeit beibringen kann. Dieser
    Unterschied hängt damit zusammen, daß das Tabu eigentlich
    noch in unserer Mitte fortbesteht; obwohl negativ gefaßt und
    auf andere Inhalte gerichtet, ist es seiner psychologischen Natur
    nach doch nichts anderes als der „kategorische Imperativ“
    Kant’s, der zwangsartig wirken will und jede bewußte Motivie-
    rung ablehnt. Der Totemismus hingegen ist eine unserem heu-
    tigen Fühlen entfremdete, in Wirklichkeit längst aufgegebene
    und durch neuere Formen ersetzte religiös-soziale Institution,
    welche nur geringfügige Spuren in Religion, Sitte und Gebrauch
    des Lebens der gegenwärtigen Kulturvölker hinterlassen hat,
    und selbst bei jenen Völkern große Verwandlungen erfahren
    mußte, welche ihm heute noch anhängen. Der soziale und tech-

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    nische Fortschritt der Menschheitsgeschichte hat dem Tabu weit
    weniger anhaben können als dem Totem. In diesem Buche ist der
    Versuch gewagt worden, den ursprünglichen Sinn des Totemismus
    aus seinen infantilen Spuren zu erraten, aus den Andeutungen,
    in denen er in der Entwicklung unserer eigenen Kinder wieder
    auftaucht. Die enge Verbindung zwischen Totem und Tabu
    weist die weiteren Wege zu der hier vertretenen Hypothese, und
    wenn diese am Ende recht unwahrscheinlich ausgefallen ist, so
    ergibt dieser Charakter nicht einmal einen Einwand gegen die
    Möglichkeit, daß sie mehr oder weniger nahe an die schwierig
    zu rekonstruierende Wirklichkeit herangerückt sein könnte.

    Rom, im September 1913.