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Die nachstehenden vier Aufsätze, die unter dem Untertitel
dieses Buches in den beiden ersten Jahrgängen der von mir
herausgegebenen Zeitschrift „Imago“ erschienen sind, ent-
sprechen einem ersten Versuch von meiner Seite, Gesichtspunkte
und Ergebnisse der Psychoanalyse auf ungeklärte Probleme
der Völkerpsychologie anzuwenden. Sie enthalten also einen
methodischen Gegensatz einerseits zu dem groß angelegten
Werke von W. Wundt, welches die Annahmen und Arbeits-
weisen der nicht analytischen Psychologie derselben Absicht
dienstbar macht, und anderseits zu den Arbeiten der Züricher
psychoanalytischen Schule, die umgekehrt Probleme der Indi-
vidualpsychologie durch Heranziehung von völkerpsychologi-
schem Material zu erledigen streben1). Es sei gern zugestanden,
daß von diesen beiden Seiten die nächste Anregung zu meinen
eigenen Arbeiten ausgegangen ist.Die Mängel dieser letzteren sind mir wohlbekannt. Ich will
diejenigen nicht berühren, die von dem Erstlingscharakter dieser
Untersuchungen abhängen. Andere aber erfordern ein Wort
der Einführung. Die vier hier vereinigten Aufsätze machen auf
das Interesse eines größeren Kreises von Gebildeten Anspruch1) Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrb. für psycho-
analytische und psychopathologische Forschungen, Bd. IV, 1912; der-
selbe Autor, Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie,
ibid. Bd. V. 1913.S.
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und können eigentlich doch nur von den wenigen verstanden und
beurteilt werden, denen die Psychoanalyse nach ihrer Eigenart
nicht mehr fremd ist. Sie wollen zwischen Ethnologen, Sprach-
forschern, Folkloristen usw. einerseits und Psychoanalytikern
anderseits vermitteln und können doch beiden nicht geben, was
ihnen abgeht: den ersteren eine genügende Einführung in die
neue psychologische Technik, den letzteren eine zureichende Be-
herrschung des der Verarbeitung harrenden Materials. So werden
sie sich wohl damit begnügen müssen, hier wie dort Auf-
merksamkeit zu erregen und die Erwartung hervorzurufen, daß
ein öfteres Zusammentreffen von beiden Seiten nicht ertraglos
für die Forschung bleiben kann.Die beiden Hauptthemata, welche diesem kleinen Buch den
Namen geben, der Totem und das Tabu, werden darin nicht in
gleichartiger Weise abgehandelt. Die Analyse des Tabu tritt
als durchaus gesicherter, das Problem erschöpfender Lösungs-
versuch auf. Die Untersuchung über den Totemismus bescheidet
sich zu erklären: Dies ist, was die psychoanalytische Betrachtung
zur Klärung der Totemprobleme derzeit beibringen kann. Dieser
Unterschied hängt damit zusammen, daß das Tabu eigentlich
noch in unserer Mitte fortbesteht; obwohl negativ gefaßt und
auf andere Inhalte gerichtet, ist es seiner psychologischen Natur
nach doch nichts anderes als der „kategorische Imperativ“
Kant’s, der zwangsartig wirken will und jede bewußte Motivie-
rung ablehnt. Der Totemismus hingegen ist eine unserem heu-
tigen Fühlen entfremdete, in Wirklichkeit längst aufgegebene
und durch neuere Formen ersetzte religiös-soziale Institution,
welche nur geringfügige Spuren in Religion, Sitte und Gebrauch
des Lebens der gegenwärtigen Kulturvölker hinterlassen hat,
und selbst bei jenen Völkern große Verwandlungen erfahren
mußte, welche ihm heute noch anhängen. Der soziale und tech-S.
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nische Fortschritt der Menschheitsgeschichte hat dem Tabu weit
weniger anhaben können als dem Totem. In diesem Buche ist der
Versuch gewagt worden, den ursprünglichen Sinn des Totemismus
aus seinen infantilen Spuren zu erraten, aus den Andeutungen,
in denen er in der Entwicklung unserer eigenen Kinder wieder
auftaucht. Die enge Verbindung zwischen Totem und Tabu
weist die weiteren Wege zu der hier vertretenen Hypothese, und
wenn diese am Ende recht unwahrscheinlich ausgefallen ist, so
ergibt dieser Charakter nicht einmal einen Einwand gegen die
Möglichkeit, daß sie mehr oder weniger nahe an die schwierig
zu rekonstruierende Wirklichkeit herangerückt sein könnte.Rom, im September 1913.
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Totem und Tabu1913-001/1922