Silberer, Herbert

Herbert Silberer 
Österreichischer Psychoanalytiker. Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Wie C. G. Jung galt sein Interesse der Mythologie, Symbolik und Parapsychologie. 

Chronologie: 

Geboren am 28. Februar 1882 in Wien Er war der Sohn des erfolgreichen Wiener Unternehmers und Ballonfahrers Viktor Silberer, Gründer der ›Allgemeinen Sportzeitung‹ in Wien, der auch – unter anderem – den Annahof in Wien I., in der Annagasse erbaute, in dem Silberer später wohnen wird.
 

Silberer wurde von seinem Vater systematisch und energisch zum Sportler erzogen. 
1903 Silberer, Herbert (1903): Viertausend Kilometer im Ballon. Mit 28 photographischen Aufnahmen vom Ballon aus. Otto Spamer, Leipzig 1903. 
Darin berichtete Silberer von seinen Ballonfahrten, die er in seinen Fotografien dokumentierte. 
Er sollte in die Fußstapfen seines Vaters treten, wurde Redakteur der ›Allgemeinen Sportzeitung‹.

Herbert Silberer verstand sich jedoch zunehmend als Privatgelehrter und interessierte sich unter anderem für das Phänomens des Traumes, beschäftigte sich mit Mystik und trat einer Freimaurerloge bei. 
Ab 1907 suche Silberer den Kontakt mit dem Kreis  um Sigmund Freud  
1909 Freud empfahl Jung zur Veröffentlichung im Jahrbuch Silberers „Bericht über eine Methode, gewisse symbolische Halluzinations-Erscheinungen hervorzurufen und zu beobachten“ 

"Silberer ist ein unbekannter 
junger Mensch, wahrscheinlich ein feinere
Dégénéré; sein Vater ist eine Wiener 
Persönlichkeit, Gemeinderat u „Macher“. Aber 
seine Sache ist gut u macht ein Stück der Trarbeit 
greifbar." (F-JCG/1909-07-19)

Jung wird sich später mehrfach auf Silberer berufen, besonders schätzte er dessen Forschungen zur Symbolwelt der   Alchemie sehr angetan sein. 
 Carl Gustav Jung: Mysterium Coniunctionis. Untersuchungen über die Trennung und Zusammensetzung der seelischen Gegensätze in der Alchemie (Teil 2). GW 14/2, Olten/Freiburg i.Br. 1971, S. 336f. „Dem leider zu früh verstorbenen Herbert Silberer kommt das Verdienst zu, der erste gewesen zu sein, die geheimen   Fäden, die von der Alchemie zur Psychologie des Unbewußten laufen, entdeckt zu haben".

1910 Im Oktober wird Silberer Mitglieder der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. 

1917 zitierte Freud Silberer:

„Silberer hat bekanntlich gezeigt, daß man in Zuständen zwischen Schlafen und Wachen die Umsetzung von Gedanken in visuelle Bilder direkt beobachten kann, daß aber unter solchen Verhältnissen häufig nicht eine Darstellung des Gedankeninhaltes auftritt, sondern des Zustandes (von Bereitwilligkeit, Ermüdung usw.), in welchem sich die mit dem Schlaf kämpfende Person befindet. Ebenso hat er gezeigt, daß manche Schlüsse von Träumen und Absätze innerhalb des Trauminhaltes nichts anderes bedeuten als die Selbstwahrnehmung des Schlafens und Erwachens. Er hat also den Anteil der Selbstbeobachtung – im Sinne des paranoischen Beobachtungswahns – an der Traumbildung nachgewiesen.“ (Sigmund Freud (1917): Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre. GW 10:164.)

1919 Scheidung der Ehe mit Lilli Tiger. 
1919 Eheschließung mit Berta Bloch.

Herbert Silberer blieb bis zu seinem Tod Mitglied der WPV. Wegen seine Nähe zu C. G. Jung und Wilhelm Stekel und der Ausrichtung seiner Forschung war er in der Vereinigung zunehmend umstritten. 
1920-1922 Mit Wilhelm Stekel Herausgeber der von Samuel Tannenbaum in New York finanzierten englischsprachigen Zweimonatszeitschrift ›Psyche and Eros‹. Nach zwei Jahren zogen sich Stekel und Silber aus diesem Periodikum wieder zurück. 
1922 Bemühungen um ein Ehrendoktorat. 
Pläne, eine Laufbahn als Bankangestellter zu beginnen.

1922: Silberer, Herbert (1922): Vortrag am 1. November 1922  ›Beobachtungen an Träumen‹.
Sieh dazu: 
(1922-517): Protokoll des 2. Vortragsabends des 21. Vereinsjahres der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 1. November 1922. Herbert Silberer: Beobachtungen an Träumen.

Sitzungen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1922 in: 
Fallend, (Hg.) (1995): Sonderlinge, Träumer, Sensitive. Psychoanalyse auf dem Weg zur Institution und Profession. Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und biographische Studien.

Am 12.1.1923 nahm sich Herbert Silberer in Seiner Wohnung in der Annagasse das Leben. +

Veröffentlichungen (Auswahl)

Silberer, Herbert (1903): Viertausend Kilometer im Ballon. Mit 28 photographischen Aufnahmen vom Ballon aus. Otto Spamer, Leipzig 1903.
Silberer, Herbert (1909): Bericht über eine Methode, gewisse symbolische Halluzinations-Erscheinungen hervorzurufen und zu beobachten. Jb. 1, 513–525.
Silberer, Herbert (1910): Phantasie und Mythos. (Vornehmlich vom Gesichtspunkte der „funktionalen Kategorie„“ aus betrachtet.) Jb, 2, 541–622.
Silberer, Herbert (1911a): Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt. Jb. 3, 621–660.
Silberer, Herbert (1911b): Über die Symbolbildung. Jb. 3, 661–723. 
Silberer, Herbert (1911c) Über die Behandlung einer Psychose bei Justinus Kerner. Jb. 3, 724–729.
Silberer, Herbert (1911d) Vorläufer Freud’scher Gedanken. Zentralblatt für Psychoanalyse und Psychotherapie 1, 441–449. 
Silberer, Herbert (1912a): Spermatozoenträume. Jb. 4, 141–161.
Silberer, Herbert (1912b): Zur Symbolbildung. Jb. 4, 607–683.
Silberer, Herbert (1912c): Zur Frage der Spermatozoenträume. Jb. 4, 708–740.
Silberer, Herbert (1912e): Mantik und Psychoanalyse. Zentralblatt für Psychoanalyse und Psychotherapie 2, 78–83.
Silberer, Herbert (1912f): Von den Kategorien der Symbolik. Zentralblatt für Psychoanalyse und Psychotherapie 2, 177–189.
Silberer, Herbert (1912 g): Lekanomantische Versuche. Zentralblatt für Psychoanalyse und Psychotherapie 2, 383–401; 438–540; 518–530; 566–587.
Silberer, Herbert (1912 h): Märchensymbolik. Imago 1, 176–187.
Silberer, Herbert (1914a): Probleme der Mystik und ihrer Symbolik. Wien: Heller, 1914. 
Volltext: https://archive.org/details/Silberer_1914_Mystik_und_ihre_Symbolik_k[20…]]
Silberer, Herbert (1914b): Mystik und Okkultismus. Jb. 6, 413–424.
Silberer, Herbert (1914c): Der Homunculus. Imago 3, 37–79.
Silberer, Herbert (1914d): Das Zerstückelungsmotiv im Mythos. Imago 3, 502–523.
Volltext: https://pep-web.org/search/document/IMAGO.003.0502A
 Silberer, Herbert (1915): Silberer, Herbert (1915): Referat zu: Theodore Flournoy: Die Seherin von Genf. (Experimentaluntersuchungen zur Religions-, Unterbewußtseins- und Sprachpsychologie. Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse. 1915, (3)4:242-243.
Silberer, Herbert (1915):  Referat zu: G. Vorbrodt: Flournoys Seherin von Genf und Religionspsychologie. Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse. 1915, (3)4:243-244.
Silberer, Herbert (1915 a): Durch Tod zum Leben. Eine kurze Untersuchung über die entwicklungsgeschichtliche Bedeutung des Symbols der Wiedergeburt in seinen Urformen, mit bes. Berücksichtigung der modernen Theosophie. Heims, Leipzig. 
Silberer, Herbert (1919): Der Traum. Einführung in die Traumpsychologie. Stuttgart (Enke).
Silberer, Herbert (1919): Zur Entstehung der Symbole. Vortrag, 20. Nov. 1919 in der Großloge Wien.
Silberer, Herbert (1920a): The origin and the meaning of the symbols of freemansonry. Psyche & Eros, S. 17–24, 84–97.
Silberer, Herbert (1920b): The Steinach in mythologie. Psyche & Eros, 137–139.
Silberer, Herbert (1921a): Der Seelenspiegel. Das enoptrische Moment im Okkultismus. Pfullingen:  Baum.
Silberer, Herbert (1921b): Der Zufall und die Koboldstreiche des Unbewußten. Bern, Leipzig: Bircher.
Silberer, Herbert (1921d): Beyond psychoanalysis. (Reflection on Sigmund Freud’s Jenseits des Lustprinzips. (1920): Psyche & Eros, 142–151.
Silberer, Herbert (1923a): Der Aberglaube. Bern: Bircher.

Literatur zu Herbert Silberer

Mühlleitner, Elke (1992): Herbert Silberer. In: Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902–1938. Tübingen : Edition Diskord, 1992, 301–303.

Stekel, Wilhelm (1924): In memoriam Herbert Silberer, Fortschritte der Sexualwissenschaft und Psychoanalyse. 1924, 411.

Fallend, Karl9 (1988): Herbert Silberer – „Über den Wolken'“. Herbert Silberer -,Führer erster Classe' und Mitglied der Wiener Psychoanalytischen -Vereinigung. WERKBLATT. Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik. 1988, (14/15):67–86.

Nitzschke, Bernd (Hg.) (1988): Zu Fuß durch den Kopf – Wanderungen im Gedankengebirge. Ausgewählte Schriften Herbert Silberers – Miszellen zu seinem Leben und Werk. Tübingen, 1988

Bernd Nitzschke: Die Gefahr, sich selbst ausgeliefert zu sein: Herbert Silberer, zum Beispiel. In Bernd Nitzschke (Hg.) (1988): Zu Fuß durch den Kopf – Wanderungen im Gedankengebirge. Ausgewählte Schriften Herbert Silberers – Miszellen zu seinem Leben und Werk. Tübingen, 1988

Nitzschke, Bernd (2005): Silberer Herbert. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 12. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2005.

Nitzschke, (992): Bernd: Herbert Silberer – Luftschiffer und Halluzinationsforscher. Stichworte zu seinem Leben und Werk. In: Ernst Federn und Gerhard Wittenberger (Hrsg.): Aus dem Kreis um Freud. Zu den Protokollen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, Frankfurt/M. 1992.

Nitzschke, Bernd (1997): Herbert Silberer. Skizzen zu seinem Leben und Werk. Überarbeiteter Text des Vorworts zur Neuausgabe von „Probleme der Mystik und ihrer Symbolik“, AAGW, Sinzheim 1997, ISBN 3-937592-07-5. http://www.werkblatt.at/nitzschke/text/silberer.htm[2025-08-08]

Herbert Silberer: Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Silberer [2025-08-08)]

 

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:WP_Herbert_Silberer.jpg
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Beschreibung, Quelle

Beschreibung Herbert Silberer (* 28. Februar 1882 in Wien; † 12. Januar 1923), österreichischer Psychoanalytiker
Quelle Wiener Luftschiffer-Zeitung, Ausgabe vom September 1902; I. Jahrgang, Nr. 7, S. 141
Urheber bzw.
Nutzungsrechtinhaber
unbekannter Fotograf
Datum 1902
Anmerkungen Der Fotograf ist in der Publikation von 1902 nicht genannt; Nachforschungen (Bilddatenbank der österreichischen Nationalbibliothek, Bildindex der Kunst und Architektur, allgemeine Online-Recherche) förderten keinen Hinweis auf seine Identität zutage

Volltext:

Neue Freie Presse. Abendblatt. 12. 1.1923, Seite 3:
„Selbstmord des Schriftstellers Herbert Silberer.

Auf tragische Weise hat heute nacht der Schriftsteller Herbert Silberer geendet. Er hatte sich in seiner Wohnung, 1. Bezirk, Annagasse 3, im Zustande geistiger Überreiztheit erhängt und wurde tot aufgefunden. Herr Silberer, der 42 Jahre Zählte, hatte in der letzten Zeit Spuren nervöser Erkrankung gezeigt. Seiner Gattin war das Benehmen ihres Gatten aufgefallen, sie war um ihn besorgt und drang wiederholt, leider erfolglos, in ihn, sich zu schonen. Gestern namentlich war Herr Silberer unruhig und überaus nervös. Seine Gattin befand sich abends nicht ganz wohl und war zeitlich zu Bette. Herr Silberer war abends außer Hause und kam erst nach der Sperrstunde heim. Er begab sich in das Schlafzimmer seiner Gattin, das an das seine grenzt. Er sagte ihr gute Nacht und ging in sein Zimmer. Es fiel ihr aber auf, daß er wieder hin und her ging. Dann wurde es im Schlafzimmer des Gatten ruhig. Frau Silberer erhob sich und ging in das Zimmer. Es war leer, das Bett unberührt. Sie wollte die Tür, die vom Schlafzimmer in das Vorzimmer führte, öffnen. Sie war versperrt. Nun weckte sie ihr Stubenmädchen und teilte ihr ihre Besorgnisse mit. Die beiden Frauen nahmen eine Hacke. Zuvor blickte Frau Silberer durch das Schlüsselloch in das Vorzimmer und sah zu ihrem Entsetzen ihren Mann auf dem Fensterkreuz hängen. Mit einigen Hieben mit der Hacke gegen die Tür war diese aufgesprengt und die unglückliche Frau fand den Mann erhängt. Ärztliche Hilfe war rasch zur Hand; allein der Tod war schon eingetreten. Keine Zeile von der Hand des Toten sagte ein Wort über den Grund der Tat; aber auch so ist es gewiß, daß sich Herbert Silberer im Zustand nervöser Erkrankung das Leben genommen hat. Große Teilnahme wendet sich seinem greisen Vater und seiner Witwe zu. Silberer war ein bekannter Schriftsteller. Er fungierte als Redakteur der Zeitung des Österreichischen Aeroklubs und hat sich auch viel mit Problemen der Metaphysik und der Telepathie usw. befaßt, die er wissenschaftlich behandelte.“ 
(Quelle: Neuen Freien Presse“ vom 12. Januar 1923, Abendausgabe, Seite 3. Digitale Faksimile-Ausgabe. https://alex.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nfp&datum=19230112&seite=17&zoom=33 [2025-08-08]]

Nachruf in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse. 1923, (9)1:119

„Die Internationale Psychoanalytische Vereinigung hatte in letzter Zeit den Verlust zweier Mitglieder zu beklagen. Am 12. Jänner machte Herbert Silberer im Alter von etwa 40 Jahren seinem Leben freiwillig ein Ende. Der Verstorbene war langjähriges Mitglied der Wiener Gruppe, von der er sich aber in den letzten Jahren bis auf gelegentliche Besuche persönlich fern gehalten hatte. Seine wissenschaftlichen Arbeiten, insbesondere auf dem Gebiete der Traumpsychologie, sind in der psychoanalytischen Literatur mehrfach anerkennend gewürdigt worden; aber auch an kritischen Einwendungen gegen manche ungerechtfertigte Verallgemeinerung hat es nicht gefehlt. Das Interesse Silberers lag offenkundig außerhalb des eigentlich psychoanalytischen Bereiches; er hat sich mit schönem Erfolge um das psychologische Verständnis der sogenannten okkulten Phänomene bemüht, wovon sein eigentliches Hauptwerk: „Die Probleme der Mystik und ihrer Symbolik“, 1914, Zeugnis ablegt. Seine übrigen Arbeiten sind im „Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen“, 1909 ‑1912, sowie im „Zentralblatt für Psychoanalyse“, 1911 bis 1914, erschienen.“

Nitzschke, Bernd (2005): Silberer Herbert. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 12. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2005.Quelle: Quelle: https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_S/Silberer_Herbert_1882_1923.xm

"Silberer Herbert, Journalist, Schriftsteller und Psychoanalytiker. Geb. Wien, 28. 2. 1882; gest. ebd., 12. 1. 1923 (Selbstmord); konfessionslos. – Sohn von Victor S. (s. d.). S. trat mit 17 Jahren in die Schriftleitung der „Allgemeinen Sportzeitung“ ein und red. – selbst Ballonfahrer – gem. mit seinem Vater die „Wiener Luftschiffer-Zeitung“. Doch gab er die Journalisten-Laufbahn bald auf, wurde Privatgelehrter und befaßte sich mit Problemen des Traums. Dies brachte ihn in Kontakt zu Freud (s. d.), der S.s Ber. über eine Methode, gewisse symbol. Halluzinations-Erscheinungen hervorzurufen und zu beobachten, 1909 veröff. 1910 wurde S. Mitgl. der Wr. Psychoanalyt. Vereinigung, der er bis zu seinem Tod angehörte. In seinem Hauptwerk „Probleme der Mystik und ihrer Symbolik“ (1914) analysierte er die Alchemie als symbol. Abbild des Individuationsprozesses, des weiteren beschäftigte er sich mit Okkultismus und Aberglauben. Nach dem 1912 eingetretenen Zerwürfnis zwischen Freud und Wilhelm Stekel hielt S. den Kontakt zu Stekel aufrecht. Mit ihm und dem Amerikaner Samuel Tannenbaum gab er 1920–22 die Z. „Psyche and Eros“ heraus, deren antifreudian. Tendenzen zur weiteren Entfremdung mit Freud führten. Auf Grund privater und wiss. Enttäuschungen – seine Hoffnung auf ein Ehrendoktorat hatte sich zerschlagen – beging S. Selbstmord.

Silberer, Herbert (1915): Referat zu: Theodore Flournoy: Die Seherin von Genf. (Experimentaluntersuchungen zur Religions-, Unterbewußtseins- und Sprachpsychologie — von Dr. Th. Flournoy, Professor der Psychologie in Genf, Herausgegeben und eingeleitet von G. Vorbrodt. 2. Heft.) Mit Geleitwort von Max Dessoir. Autorisierte Übersetzung. Leipzig 1914. Felix Meiner, Verlag. Preis 16 M.
Quelle: https://archive.org/details/InternationaleZeitschriftFuumlraumlrztliche…

Flournoys ausgezeichnetes Buch „Des Indes à la Planète Mars — Etude sur un cas de Somnambulisme avec Glossolalie" und seine anderen damit zusammenhängenden Schriften haben bekanntlich berechtigtes Aufsehen erregt und sind natürlich vielen Psychoanalytikern vertraut. Diese Vertrautheit wird zweifellos durch die deutsche Übersetzung noch wachsen und an Boden gewinnen; und sie wird übrigens gewiß nicht auf die Fachgenossen beschränkt bleiben, vielmehr ist das vorliegende Hauptwerk dank der meisterlichen Form, in die der wissenschaftlich wertvolle Inhalt gegossen ist, ganz dazu angetan, auch weitere Kreise lebhaft zu interessieren. Was Prof. Dessoir in seiner Vorrede zur Charakteristik sagt, hat volle Geltung: „Ein sofort sichtbarer  Wert des Werkes liegt darin, daß es... einen ganz bestimmten Fall bis in alle Einzelheiten hinein zergliedert. Hiedurch gewinnt es schöne Lebendigkeit: es liest sich wie ein psychologischer Roman, dem es weder an Spannung noch an wirkungsvollen Höhepunkten fehlt. Auch die Darstellung hat ihren Anteil daran, denn sie ist von entzückender Leichtigkeit und Natürlichkeit. Der Leser darf sich aber deshalb nicht zu dem Glauben verleiten lassen, die liebenswürdig gelockerte Form sei der Ausdruck lässiger Gedankenarbeit. Nein, im Innern herrscht der Geist strenger Wissenschaftlichkeit. Man kann nicht schärfer beobachten, genauer prüfen, vorsichtiger erklären, als es Flournoy getan hat... Der Leser wird bald bemerken, wieviel Spürsinn und Feinfühligkeit der Verfasser besitzt: Vor allem hat Flournoy die Fähigkeit, sich in halbbewußte, schnell verflatternde Seelenzustände einzuleben und sie durch Einfühlung unmittelbar zu verstehen... Namentlich ist zu bewundern, mit welcher Kunst der Genfer Psycholog die abnormen Erscheinungen des Seelenlebens auf alltägliche zurückzuführen .. . weiß ... Da er vom Geheimnisvollen zwar angezogen, aber niemals der echt wissenschaftlichen Denkweise abtrünnig gemacht wurde, konnte er die ihm durch einen glücklichen Zufall gebotenen Tatsachen sowohl unbefangen hinnehmen, als auch bis ins Innerste aufhellen. Sein Buch ist allen ähnlichen Arbeiten ein Vorbild.“

Über den Inhalt des Hauptwerkes, das dem deutschen Buche zu Grunde liegt? — „Des Indes a la Planöte Mars“ —, habe ich im VI. Bande des Jahrbuches der Psychoanalyse 8. 414 f. referiert und auch auf den Zusammenhang mit der Psychoanalyse hingewiesen. Ich will den Lesern das Wesentliche in Erinnerung bringen, denn eine Gesamtdarstellung des überreichen Inhalts würde begreiflicherweise zu weit führen. Der behandelte Fall ist aus einem vorwiegend spiritistischen Milieu hervorgegangen, Das „Medium“, das unter dem Pseudonym Helene Smith eingeführt wird, entwickelt neben anderen Erscheinungen eine ganze Reihe von Personifikationen, die in ausgebreitete unbewußte Phantasien verwoben sind und sich in den Trancezuständen (Somnambulismus) des Mediums durch allerlei Darstellung, Sprache, Schrift usw. kundtun. Unter den Phantasien fallen gewisse zyklisch eintretende Gruppen auf, die eine geradezu verblüffende Geschlossenheit und dichterische Ausarbeitung zeigen. Flournoy nennt diese zusammenhängenden Gebilde ganz bezeichnend „Romane“. Die wichtigsten Zyklen erlebt das Medium auf dem Mars und in Indien. Das Merkwürdigste daran ist, daß die Visionärin das, was sie erschaut, nicht bloß mit packender Wirklichkeit schildert, sondern sich auch eine martische Sprache und Schrift sowie ein eigenes indisches Idiom (unter Verwendung einiger echter Sanskritbrocken) bildet, deren sie sich im Gespräch mit den halluzinierten martischen beziehungsweise indischen Personen geläufig genug bedient. Die unbewußt erdichteten Sprachen sind wirklich Ausdrucksmittel von Mitteilungen und lassen sich systematisch oft Wort für Wort übersetzen. Man hat also u. a. die Deutung von Produkten einer Glossolalie vor sich. „Deutung“ allerdings nicht im Sinne einer durchwegs bis auf den Grund gehenden Analyse der für die Bildung der Romane und Sprachen maßgebend gewesenen psychischen Triebkräfte. Dennoch erkennt Flournoy vielfach, so z. B. in der martischen Sprache, den primitiven oder infantilen Charakter der Erscheinungen. Der Psychoanalytiker würde von „Regression“ ins Infantile sprechen.

Abgesehen davon, daß Flournoy zur Beleuchtung mancher Zusammenhänge direkt auf Freudsche Schriften (der Entstehungszeit seines Werkes entsprechend, die ältesten) hinweist, gelangt er auch oft auf seinem eigenen Wege zu ganz ähnlichen Gesichtspunkten wie Freud. Solche unabhängig gefundene Bestätigungen müssen als besonders wertvoll für die Psychoanalyse gelten. Die wunscherfüllende Tendenz der Phantasien, die Abwehr von Konflikten, die Regression und so mancher andere Zug kommen in schöner Deutlichkeit zur Geltung.

Der besondere Wert der deutschen Ausgabe liegt darin, daß sie gerade die beiden wichtigsten Arbeiten über die „Seherin von Genf“ vereinigt, nämlich „Des Indes à la Planete Mars“ und die zur Vervollständigung dieses Buches sehr notwendigen „Nouvelles Observations sur un cas de somnambulisme“. Die beiden Arbeiten wurden nicht einfach aneinandergehängt, sondern die Nouvelles Observations wurden (auszugsweise) zur Ergänzung der einzelnen Kapitel des Hauptwerkes zerteilt und entsprechend eingefügt. Es empfiehlt sich auch für solche, die das Hauptwerk in der ursprünglichen Form schon kennen, die deutsche Ausgabe dieser reichen Erweiterungen wegen frisch zu lesen, denn diese enthalten oft sehr wesentliche Aufschlüsse. Aus einer Zusammenstellung (S. XIII) ist genau ersichtlich, wie die „Nouvelles Observations“ aufgeteilt und an welchen Stellen sie eingesetzt wurden. Sie greifen fast in allen Punkten vervollständigend ein. Der Entwicklungsgeschichte des Mediums fügen sie den Lebensabschnitt seit der Veröffentlichung von „Des Indes“ (Reizbarkeitsphase, Wiederaufnahmephase, Amerikanistische Phase, Jetzige Phase) hinzu, dem Kapitel über die Personifikation „Leopold“ (angebliche Inkarnation Cagliostros) interessante Details über deren Entstehen und Wirken, ferner bringen sie auch zahlreiche Beobachtungen und Erörterungen über den astronomischen Zyklus und die Sternsprachen, den Orientzyklus, den Königinzyklus (Helene Smith als Marie Antoinette), endlich über verschiedene Fragen, z. B. die übernormalen Erscheinungen, denen Flournoy mit jener Vorsicht und jener Unvoreingenommenheit begegnet, die ihn überhaupt stets als gute Genien geleiten.
Herbert Silberer.

Silberer, Herbert (1915): Referat zu: G. Vorbrodt: Flournoys Seherin von Genf und Religionspsychologie. Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse. 1915, (3)4:243-244.
Quelle: https://archive.org/details/InternationaleZeitschriftFuumlraumlrztliche…

Ursprünglich zur Einleitung der deutschen Ausgabe von Flournoys „Seherin von Genf“ bestimmt, wurde diese Arbeit im Sinne ihres relativ selbständigen Charakters zu einer eigenen Broschüre gestaltet. Sie ist besonders merkwürdig wegen der kräftigen Betonung des Wertes der Tiefenpsychologie, namentlich auch der Freudschen Psychoanalyse, für alle religionspsychologische Forschung. Der Gedankenreichtum würde in besserer Form des Ausdruckes noch weit mehr zur Geltung kommen. 
Herbert Silberer. 

Annotationen

F:465
Silberer, H.


Silberer, H.
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