Die Inzestscheu der Wilden (Schluß) 1913-001/1912.5

Freud, Sigmund (1913-001/1912.5): Die Inzestscheu der Wilden (Schluß)

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    haben sich die öffentlichen Verwaltungen für diesen Ausweg entschieden,
    aber die Stellungnahme bleibt Theorie zum schweren Schaden der öffent-
    lichen Interessen, die bereits unter der privaten Monopolisierung der
    Stein- und Braunkohlenindustrie schwer genug zu leiden haben …
    Preussen schickt sich an, die Elektrisierung der Berliner Stadt-, Ring-
    und Vorortbahn durchzuführen, die Errichtung und der Betrieb der dazu
    notwendigen Kraftstationen sollen dem Privatkapital überlassen bleiben,
    – wobei „Privatkapital“ nur eine Umschreibung für die auf diesem
    Gebiete zusammenarbeitenden Konzerne, A. E. G. und Siemens-Halske-
    Schuckert, ist …

    „Ich bin ein Preusse!“ wird der alte Rathenau doppelt begeistert
    singen, wenn er nach Sachsen blickt. Von den deutschen Bundes-
    staaten will die sächsische Regierung das Elektrizitätsproblem anders
    angefasst wissen, der Finanzminister v. Seydewitz berichtete
    unlängst in der Kammer über den Ankauf von Braunkohlenfeldern im
    Leipziger Bezirk, – um den Staatsbahnen nach einer Elektrisierung das
    für den Betrieb von Elektrizitätszentralen notwendige Braunkohlen-
    material zu sichern … In der gleichen Richtung bewegte sich ein Erlass
    des sächsischen Ministeriums des Innern, der die allmähliche Abnahme
    der Gemeindeunternehmungen und ihren Übergang in private Hände als
    Gefahr bezeichnet, da die Stromversorgung des Landes in die Abhängig-
    keit von einigen privaten Grossunternehmern geraten muss … Alle
    Gemeinden und Gemeindeverbände, die eigene Elektrizitätswerke besitzen,
    wurden darauf aufmerksam gemacht, welchen folgenschweren Schritt sie
    tun, und welche grosse Verantwortung sie übernehmen, wenn sie ihre
    Werke an Private veräussern …

    So Sachsen. Und in Preussen wird das Gegenteil von dem getan,
    was Sachsen zur Wahrung der öffentlichen Interessen anstrebt. Nimmt
    die preussische Elektrizitätspolitik nicht noch in elfter Stunde einen
    sächsischen Kurs, dann wird bald in ganz Deutschland die Stromver-
    sorgung ein Monopol der beiden grossen Elektrizitätskonzerne sein.

    Und jener Bergmann, der nach „Kummer“ in die Grube fuhr, ist
    nur ein Episödchen in diesem Prozess.

    Emporos

    Die Inzestscheu der Wilden

    Von Sigm. Freud

    (Schluß)

    Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die psycho-
    analytische Untersuchung einzelner Menschen verleiht, ge-
    stattet uns, zu diesen Motiven noch andere hinzuzufügen. Wo
    die psychosexuellen Bedürfnisse der Frau in der Ehe und im
    Familienleben befriedigt werden sollen, da droht ihr immer die
    Gefahr der Unbefriedigung durch den frühzeitigen Ablauf der
    ehelichen Beziehung und die Ereignislosigkeit in ihrem Gefühls-
    leben. Die alternde Mutter schützt sich davor durch Einfühlung
    in ihre Kinder, Identifizierung mit ihnen, indem sie deren ge-

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    fühlsbetonte Erlebnisse zu den eigenen macht. Man sagt, die
    Eltern bleiben jung mit ihren Kindern; es ist dies in der Tat
    einer der wertvollsten seelischen Gewinne, die Eltern aus ihren
    Kindern ziehen. Im Falle der Kinderlosigkeit entfällt so eine
    der besten Möglichkeiten, die für die eigene Ehe erforderliche
    Resignation zu ertragen. Diese Einfühlung in die Tochter geht
    bei der Mutter leicht so weit, dass sie sich in den von ihr geliebten
    Mann mitverliebt, was in grellen Fällen, infolge des heftigen
    seelischen Sträubens gegen diese Gefühlsanlage zu schweren
    Formen neurotischer Erkrankung führt. Eine Tendenz zu solcher
    Verliebtheit ist bei der Schwiegermutter jedenfalls sehr häufig, und
    entweder diese selbst oder die ihr entgegenarbeitende Strebung
    schliessen sich dem Gefühle der mit einander ringenden Kräfte
    in der Seele der Schwiegermutter an. Recht häufig wird gerade
    die unzärtliche, sadistische Komponente der Liebeserregung dem
    Schwiegersohne zugewendet, um die verpönte, zärtliche, um so
    sicherer zu unterdrücken.

    Für den Mann kompliziert sich das Verhältnis zur Schwieger-
    mutter durch ähnliche Regungen, die aber aus anderen Quellen
    stammen. Der Weg der Objektwahl hat ihn regulärerweise
    über das Bild seiner Mutter, vielleicht noch seiner Schwester,
    zu seinem Liebesobjekt geführt; infolge der Inzestschranke glitt
    seine Vorliebe von beiden teueren Personen seiner Kindheit ab,
    um bei einem fremden Objekt nach deren Ebenbild zu landen.
    An Stelle der eigenen Mutter und Mutter seiner Schwester sieht
    er nun die Schwiegermutter treten; es entwickelt sich eine
    Tendenz, in die vorzeitliche Wahl zurückzusinken; aber dieser
    widerstrebt alles in ihm. Seine Inzestscheu fordert, dass er an
    die Genealogie seiner Liebeswahl nicht erinnert werde; die
    Aktualität der Schwiegermutter, die er nicht wie die Mutter von
    jeher gekannt hat, so dass ihr Bild im Unbewussten unverändert
    bewahrt werden konnte, macht ihm die Ablehnung leicht. Ein
    besonderer Zusatz von Reizbarkeit und Gehässigkeit zur Ge-
    fühlsmischung lässt uns vermuten, dass die Schwiegermutter
    tatsächlich eine Inzestversuchung für den Schwiegersohn dar-
    stellt, sowie es andererseits nicht selten vorkommt, dass sich ein
    Mann manifesterweise zunächst in seine spätere Schwieger-
    mutter verliebt, ehe seine Neigung auf deren Tochter übergeht.

    Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, dass es gerade
    dieser, der inzestuöse Faktor des Verhältnisses ist, welcher die
    Vermeidung zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter
    bei den Wilden motiviert. Wir würden also in der Aufklärung der
    so streng gehandhabten „Vermeidungen“ dieser primitiven
    Völker die ursprünglich von Fison geäusserte Meinung be-
    vorzugen, die in diesen Vorschriften wiederum nur einen Schutz
    gegen den möglichen Inzest erblickt. Das nämliche würde für
    alle anderen Vermeidungen zwischen Bluts- oder Heirats-
     

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    Die Inzestscheu der Wilden


    verwandten gelten. Nur bliebe der Unterschied, dass im ersteren
    Falle der Inzest ein direkter ist, die Verhütungsabsicht eine be-
    wusste sein könnte; im anderen Falle, der das Schwiegermutter-
    verhältnis mit einschliesst, wäre der Inzest eine Phantasie-
    versuchung, ein durch unbewusste Zwischenglieder vermittelter.

    Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Ge-
    legenheit gehabt zu zeigen, dass die Tatsachen der Völker-
    psychologie durch die Anwendung der psychoanalytischen Be-
    trachtung in neuem Verständnis gesehen werden können, denn
    die Inzestscheu der Wilden ist längst als solche erkannt worden
    und bedarf keiner weiteren Deutung. Was wir zu ihrer Würdigung
    hinzufügen können, ist die Aussage, sie sei ein exquisit infantiler
    Zug und eine auffällige Übereinstimmung mit dem seelischen
    Leben des Neurotikers. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, dass
    die erste sexuelle Objektwahl des Knaben eine inzestuöse ist, den
    verpönten Objekten Mutter und Schwester gilt, und hat uns auch
    die Wege kennen gelehrt, auf denen sich der Heranwachsende
    von der Anziehung des Inzestes frei macht. Der Neurotiker
    repräsentiert uns aber regelmässig ein Stück des psychischen
    Infantilismus, er hat es entweder nicht vermocht, sich von den
    kindlichen Verhältnissen der Psychosexualität zu befreien, oder
    er ist zu ihnen zurückgekehrt. (Entwicklungshemmung und
    Regression). In seinem unbewussten Seelenleben spielen darum
    noch immer oder wiederum die inzestuösen Fixierungen der
    Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin gekommen, das von
    Inzestverlangen beherrschte Verhältnis zu den Eltern für den
    Kernkomplex der Neurose zu erklären. Die Aufdeckung
    dieser Bedeutung des Inzests für die Neurose stösst natürlich auf
    den allgemeinsten Unglauben der Erwachsenen und Normalen;
    dieselbe Ablehnung wird z. B. auch den Arbeiten von Otto
    Rank entgegentreten, die in immer grösserem Ausmass dar-
    tun, wie sehr das Inzestthema im Mittelpunkte des dichterischen
    Interesses steht und in ungezählten Variationen und Entstellungen
    der Poesie den Stoff liefert. Wir sind genötigt zu glauben, dass
    solche Ablehnung vor allem ein Produkt der tiefen Abneigung
    des Menschen gegen seine einstigen, seither der Verdrängung
    verfallenen Inzestwünsche ist. Es ist uns darum nicht unwichtig,
    an den wilden Völkern zeigen zu können, dass sie die zur späteren
    Unbewusstheit bestimmten Inzestwünsche des Menschen noch
    als bedrohlich empfinden und der schärfsten Abwehrmassregeln
    für würdig halten.

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    Zweiter Jahrgang No. 22

    18. April 1912

    PAN

    Wochenschrift

    Alfred Kerr
    Herausgeber


    INHALT:

    Mopp Zeichnung
    M. d. R. Haas Parlamentarismus
    Hans Hyan Bourgeoisie
    Georg Gräser Arnold Schönbergs „Harmonie-
    {lehre}“
    Emporos Elektro-Monopol
    Sigm. Freud Die Inzestscheu der Wilden

    Der Krieg – Shaw und Tripolis
    Berlin, Berlin! – Sexuelle Aufklärung – Es ist an der Zeit – Heimat