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Die okkulte Bedeutung
des Traumesvon
Sigm. Freud
Aus dem im Herbst 1925 erscheinenden
Band III der Gesammelten Schriften, der —
zum Teil noch unveröffentlichte — „Er-
gänzungen und Zusatzkapitel“ zur „Traum-
deutung“ enthält.Wenn der Probleme des Traumlebens kein Ende ab-
zusehen ist, so kann sich nur der darüber verwundern,
der eben vergißt, daß alle Probleme des Seelenlebens auch
am Traume wiederkehren, vermehrt um einige neue, die
die besondere Natur der Träume betreffen. Viele der Dinge,
die wir am Traume studieren, weil sie sich uns dort zeigen,
haben aber mit dieser psychischen Besonderheit des Traumes
nichts oder wenig zu tun. So ist z. B. die Symbolik kein
Traumproblem, sondern ein Thema unseres archaischen
Denkens, unserer „Grundsprache“ nach des Paranoikers
Schreber trefflichem Ausdruck, sie beherrscht den Mythus
und das religiöse Ritual nicht minder als den Traum; kaum
daß der Traumsymbolik die Eigenheit verbleibt, vorwiegend
sexuell Bedeutsames zu verhüllen! Auch der Angsttraum
braucht seine Aufklärung nicht von der Traumlehre zu
erwarten, die Angst ist vielmehr ein Neurosenproblem, es
bleibt nur zu erörtern, wie Angst unter den Bedingungen
des Träumens entstehen kann.Ich meine, es ist mit dem Verhältnis des Traumes zu
den angeblichen Tatsachen der okkulten Welt auch nicht
anders. Aber da der Traum selbst immer etwas Geheimnis-
volles war, hat man ihn mit jenen anderen unerkannten
Geheimnissen in intime Beziehung gesetzt. Er hatte wohlS.
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auch ein historisches Anrecht darauf, denn in den Ur-
zeiten, als unsere Mythologie sich bildete, mögen die Traum-
bilder an der Entstehung der Seelenvorstellungen beteiligt
gewesen sein.Es soll zwei Kategorien von Träumen geben, die den
okkulten Phänomenen zuzurechnen sind, die prophetischen
und die telepathischen. Für beide spricht eine unüber-
sehbare Masse von Zeugnissen; gegen beide die hart-
näckige Abneigung, wenn man will, das Vorurteil der
Wissenschaft.Daß es prophetische Träume in dem Sinne gibt, daß
ihr Inhalt irgendeine Gestaltung der Zukunft darstellt,
leidet allerdings keinen Zweifel, fraglich bleibt nur, ob
diese Vorhersagen in irgend bemerkenswerter Weise mit
dem übereinstimmen, was später wirklich geschieht. Ich
gestehe, daß mich für diesen Fall der Vorsatz der Un-
parteilichkeit im Stiche läßt. Daß es irgendeiner psychi-
schen Leistung außer einer scharfsinnigen Berechnung
möglich sein sollte, das zukünftige Geschehen im einzelnen
vorauszusehen, widerspricht einerseits zu sehr allen Er-
wartungen und Einstellungen der Wissenschaft und ent-
spricht anderseits allzu getreu uralten, wohlbekannten
Menschheitswünschen, welche die Kritik als unberechtigte
Anmaßung verwerfen muß. Ich meine also, wenn man
die Unzuverlässigkeit, Leichtgläubigkeit und Unglaubwür-
digkeit der meisten Berichte zusammenhält mit der Mög-
lichkeit affektiv erleichterter Erinnerungstäuschungen und
der Notwendigkeit einzelner Zufallstreffer, darf man er-
warten, daß sich der Spuk der prophetischen Wahrträume
in ein Nichts auflösen wird. Persönlich habe ich nie etwas
erlebt oder erfahren, was ein günstigeres Vorurteil erwecken
könnte.Anders steht es mit den telepathischen Träumen. Hier
sei aber vor allem bemerkt, daß noch niemand behauptetS.
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hat, das telepathische Phänomen — die Aufnahme eines
seelischen Vorganges in einer Person durch eine andere
auf anderem Wege als dem der Sinneswahrnehmung —
sei ausschließlich an den Traum gebunden. Die Tele-
pathie ist also wiederum kein Traumproblem, man braucht
sein Urteil über ihre Existenz nicht aus dem Studium
der telepathischen Träume zu schöpfen.Unterwirft man die Berichte über telepathische Vorkomm-
nisse (ungenau: Gedankenübertragung) derselben Kritik, mit
der man andere okkulte Behauptungen abgewehrt hat, so
behält man doch ein ansehnliches Material übrig, das man
nicht so leicht vernachlässigen kann. Auch gelingt es auf
diesem Gebiete weit eher, eigene Beobachtungen und Er-
fahrungen zu sammeln, die eine freundliche Einstellung
zum Problem der Telepathie berechtigen, wenngleich sie
für die Herstellung einer gesicherten Überzeugung noch
nicht ausreichen mögen. Man bildet sich vorläufig die
Meinung, es könne wohl sein, daß die Telepathie wirklich
existiert und daß sie den Wahrheitskern von vielen anderen,
sonst unglaublichen Aufstellungen bildet.Man tut gewiß Recht daran, wenn man auch in Sachen
der Telepathie jede Position der Skepsis hartnäckig ver-
teidigt und nur ungern vor der Macht der Beweise zurück-
weicht. Ich glaube ein Material gefunden zu haben, welches
den meisten sonst zulässigen Bedenken entzogen ist: nicht
erfüllte Prophezeiungen berufsmäßiger Wahrsager. Leider
stehen mir nur wenige solcher Beobachtungen zu Gebote,
aber zwei unter diesen haben mir einen starken Eindruck
hinterlassen. Es ist mir versagt, diese so ausführlich mit-
zuteilen, daß sie auch auf andere wirken könnten. Ich
muß mich auf die Hervorhebung einiger wesentlicher
Punkte beschränken.Den betreffenden Personen war also — an fremdem
Ort und von seiten eines fremden Wahrsagers, der dabeiS.
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irgendeine, wahrscheinlich gleichgültige, Praktik betrieb —
etwas für eine bestimmte Zeit vorhergesagt worden, was
nicht eingetroffen war. Die Verfallszeit der Prophezeiung
war längst vorüber. Es war auffällig, daß die Gewährs-
personen anstatt mit Spott und Enttäuschung mit offen-
barem Wohlgefallen von ihrem Erlebnis erzählten. Im
Inhalte der ihnen gewordenen Verkündigung fanden sich
ganz bestimmte Einzelheiten, die willkürlich und un-
verständlich schienen, die eben nur durch ihr Eintreffen
gerechtfertigt worden wären. So sagte z. B. der Chiro-
mant der Siebenundzwanzigjährigen, aber viel jünger aus-
sehenden Frau, die den Ehering abgezogen hatte, sie werde
noch heiraten und mit zweiunddreißig Jahren zwei Kinder
haben. Die Frau war dreiundvierzig Jahre alt, als sie,
schwer krank geworden, mir diese Begebenheit in ihrer
Analyse erzählte, sie war kinderlos geblieben. Wenn man
ihre Geheimgeschichte kannte, die dem „Professeur“ in
der Halle des Pariser Hotels sicherlich unbekannt geblieben
war, konnte man die beiden Zahlen der Prophezeiung ver-
stehen. Das Mädchen hatte nach einer ungewöhnlich inten-
siven Vaterbindung geheiratet und sich dann sehnlichst
Kinder gewünscht, um ihren Mann an die Stelle des Vaters
rücken zu können. Nach jahrelanger Enttäuschung, an der
Schwelle einer Neurose, holte sie sich die Prophezeiung,
die — ihr das Schicksal ihrer Mutter versprach. Auf diese
traf es zu, daß sie mit zweiunddreißig Jahren zwei Kinder
gehabt hatte. So war es also nur mit Hilfe der Psycho-
analyse möglich, die Eigentümlichkeiten der angeblich von
außen her erfolgenden Botschaft sinnvoll zu deuten. Dann
aber konnte man den ganzen, so eindeutig bestimmten
Sachverhalt nicht besser aufklären als durch die Annahme,
ein starker Wunsch der Befragenden — in Wirklichkeit
der stärkste unbewußte Wunsch ihres Affektlebens und
der Motor ihrer keimenden Neurose — habe sich durchS.
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unmittelbare Übertragung dem mit einer ablenkenden Han-
tierung beschäftigten Wahrsager kundgegeben.
Ich habe auch bei Versuchen im intimen Kreise wieder-
holt den Eindruck gewonnen, daß die Übertragung von
stark affektiv betonten Erinnerungen unschwer gelingt.
Getraut man sich, die Einfälle der Person, auf welche
übertragen werden soll, einer analytischen Bearbeitung zu
unterziehen, so kommen oft Übereinstimmungen zum Vor-
schein, die sonst unkenntlich geblieben wären. Aus manchen
Erfahrungen bin ich geneigt, den Schluß zu ziehen, daß
solche Übertragungen besonders gut in dem Momente zu-
stande kommen, da eine Vorstellung aus dem Unbewußten
auftaucht, theoretisch ausgedrückt, sobald sie aus dem „Pri-
märvorgang“ in den „Sekundärvorgang“ übergeht.
Bei aller durch die Tragweite, Neuheit und Dunkelheit
des Gegenstandes gebotenen Vorsicht hielt ich es doch
nicht mehr für berechtigt, mit diesen Äußerungen zum
Problem der Telepathie zurückzuhalten. Mit dem Traum
hat dies alles nur so viel zu tun: Wenn es telepathische
Botschaften gibt, so ist nicht abzuweisen, daß sie auch
den Schlafenden erreichen und von ihm im Traume erfaßt
werden können. Ja, nach der Analogie mit anderem Wahr-
nehmungs- und Gedankenmaterial darf man es auch nicht
abweisen, daß telepathische Botschaften, die während des
Tages aufgenommen wurden, erst im Traume der nächsten
Nacht zur Verarbeitung kommen. Es wäre dann nicht
einmal ein Einwand, wenn das telepathisch vermittelte
Material im Traume wie ein anderes verändert und um-
gestaltet würde. Man möchte gerne mit Hilfe der Psycho-
analyse mehr und besser Gesichertes über die Telepathie
erfahren.
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1900-001/1925