Die Toten 1913-001/1912.6

Freud, Sigmund (1913-001/1912.6): Die Toten

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    Die Toten

    Bei Monastir strecken sich siebzehntausend Leichname duft-
    voll. Wieviel Tote sonst noch, frisch oder halbfrisch, oder
    schon etwas übergegangen, allerhand Atembeschwerden und
    Verkehrshinderungen, über die man stolpert, ausmachen; wie-
    viel Menschenbälge käsig und mit einer Renaissance für die
    Würmer und in einem sich selbst bewegenden Zustand, von der
    Festigkeit zum Flüssigen übergehend, unaufgeräumt und etwas
    glotzend herumliegen, weil die Diplomatenschaft Großeuropas
    und die Kaste, so uns noch beherrscht, weise, begabt, voraus-
    sehend, neuzeitlich, berechnungsstark, seelenfromm, ver-
    fügungsfähig und ehrenhaft ist; wieviel Exemplare die ruchbare
    Volkszählung im ganzen ergäbe: das steht dahin. Die Wilden,
    so bei uns Staatsmannsfräcke anhaben, und statt Federn auf
    dem Kopf glänzig-fette Goldstickerei auf den Lungenflügeln bis
    zum Harnschwengel, bis zum After: sie mögen die Lichtlein
    vorantragen beim Totenfest, die talentvollen Söhne der adligen
    Familien Europas, welche die neuere Menschheit so tüchtig
    führen: als bestände sie aus Maoris, Neu-Guinea-Massas und
    Kombodschauten.

    Das Totenfest haben die deutschen Protestanten (unter Aus-
    schluß übler Theaterstücke, so die Weihe des innigen Gefühls
    unterbrechen könnten; sogar mit Verfolgung zweier Billetthändler)
    – das Totenfest haben die Evangelischen am 24 sten November
    in schlichter Kernhaftigkeit der Behörde begangen: während
    die päpstlich-römischen Toten bereits am ersten November die
    Genehmigung zum Umzug beim Zuständigen am Alexanderplatz
    nachgesucht haben. Wann die Mennoniten (die Ebräer sind
    bescheiden in diesem Punkt, aufs Gewesene geben sie nichts,
    ihrem festlichen Bedürfnis, welches von Aufzügen minder
    schwärmt, genügt es daß ein Rabbinerich von der Kanzel Tat-
    sachen mitteilt, wie: Verstorben sind . . . Natalie Hirsch, geb.
    Littauer; Felix Cohen; Thea Horwitz, geb. Magnus; Joachim
    Friedländer; Charlotte Auerbach; Wilhelm Grumach; Franziska
    Bernstein, geb. Inländer; Meta Lassally, geb. Stein; Heinz
    Günther Machschewes; Sigurd Rathenow; Lisa Lessing; Aisik
    Wernheim; Veilchen Arendt; – wollte sagen: auf wann die
    Mennoniten eigentlich ihren Totenumzug verlegen, ist mir, einem
    Dilettanten in der Ethnologie meiner Zeit, nicht feststehend;

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    ich halte mich an den ersten und vierundzwanzigsten Novem-
    ber, bin als Preuße gegen eine Simultan-Wiederkehr der Verstorbenen
    — und gebe, statt aller Zeremonien, ein paar Seiten, welche der
    Psycho-Analytiker Freud eben jetzt in seiner ‚Imago‘ zustande-
    gebracht hat. Ohne Beziehung zu dem von mir Gesagten, ja
    im Gegensatz hierzu, sei folgendes angezogen:

    II.


    Die Versöhnungsgebräuche auf der Insel Timor, nachdem
    eine siegreiche Kriegerschar mit den abgeschnittenen Köpfen der
    besiegten Feinde zurückkehrt, sind darum besonders bedeutsam,
    weil überdies der Führer der Expedition von schweren Beschrän-
    kungen betroffen wird. Bei dem feierlichen Einzug der Sieger
    werden Opfer dargebracht, um die Seelen der Feinde zu ver-
    söhnen; sonst müßte man Unheil für die Sieger vorhersehen.
    Es wird ein Tanz aufgeführt, und dabei ein Gesang vorgetragen,
    in welchem der erschlagene Feind beklagt und seine Verzeihung
    erbeten wird: ‚Zürne uns nicht, weil wir deinen Kopf hier bei
    uns haben; wäre uns das Glück nicht hold gewesen, so hingen
    jetzt vielleicht unsere Köpfe in deinem Dorf. Wir haben dir
    ein Opfer gebracht, um dich zu besänftigen. Nun darf dein Geist
    zufrieden sein und uns in Ruhe lassen. Warum bist du unser
    Feind gewesen? Wären wir nicht besser Freunde geblieben?
    Dann wäre dein Blut nicht vergossen und dein Kopf nicht ab-
    geschnitten worden.‘

    Aehnliches findet sich bei den Palu in Celebes; die Gallas
    opfern den Geistern ihrer erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimats-
    dorf betreten. (Nach Paulitschke, Ethnographie Nordost-Afrikas.)

    Andere Völker haben das Mittel gefunden, um aus ihren
    früheren Feinden nach deren Tod Freunde, Wächter und Be-
    schützer zu machen. Es besteht in der zärtlichen Behandlung
    der abgeschnittenen Köpfe, wie manche wilde Stämme Borneos
    sich derer rühmen. Wenn die See-Dayaks von Sarawak von
    einem Kriegszug einen Kopf nach Hause bringen, so wird dieser
    Monate hindurch mit der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit be-
    handelt und mit den zärtlichsten Namen angesprochen, über die
    ihre Sprache verfügt. Die besten Bissen von ihren Mahlzeiten
    werden ihm in den Mund gesteckt, Leckerbissen und Zigarren.
    Er wird wiederholt gebeten, seine früheren Freunde zu hassen
    und seinen neuen Wirten seine Liebe zu schenken, da er jetzt
    einer der ihrigen ist. Man würde sehr irre gehen, wenn man an
    dieser uns gräßlich erscheinenden Behandlung dem Hohn einen
    Anteil zuschriebe.

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    Bei mehreren der wilden Stämme Nordamerikas ist die Trauer
    um den erschlagenen und skalpierten Feind den Beobachtern
    aufgefallen. Wenn ein Choctaw einen Feind getötet hatte, so
    begann für ihn eine monatlange Trauer, während welcher er
    sich schweren Einschränkungen unterwarf. Ebenso trauerten die
    Dacota-Indianer. Wenn die Osagen, bemerkt ein Gewährsmann,
    ihre eigenen Toten betrauert hatten, so trauerten sie dann um
    den Feind, als ob er ein Freund gewesen wäre.

    Freud sagt:

    Es will uns scheinen, als wäre auch in diesen Wilden das
    Gebot lebendig: Du sollst nicht töten, welches nicht ungestraft
    verletzt werden darf, lange vor jeder Gesetzgebung, die aus den
    Händen eines Gottes empfangen wird.

    III.

    Die Beschränkungen des siegreichen Mörders sind ungemein
    häufig und meist von ernster Art. Auf Timor darf der Führer
    der Expedition nicht ohne weiteres in sein Haus zurückkehren.
    Es wird für ihn eine besondere Hütte errichtet, in welcher er
    zwei Monate mit der Befolgung verschiedener Reinigungsvor-
    schriften beschäftigt verbringt. In dieser Zeit darf er sein Weib
    nicht sehen, sich auch nicht selbst ernähren, eine andere Person
    muß ihm das Essen in den Mund schieben. – Bei einigen Dayak-
    stämmen müssen die vom erfolgreichen Kriegszug Heimkehrenden
    einige Tage lang abgesondert bleiben und sich gewisser Speisen
    enthalten; sie dürfen auch kein Eisen berühren und bleiben
    ihren Frauen ferne. – In Logea, einer Insel nahe bei Neuguinea,
    schließen sich Männer, die Feinde getötet oder daran teilgenommen
    haben, für eine Woche in ihren Häusern ein. Sie vermeiden
    jeden Umgang mit ihren Frauen und ihren Freunden, rühren
    Nahrungsmittel nicht mit ihren Händen an und nähren sich nur
    von Pflanzenkost, die in besonderen Gefäßen für sie gekocht
    wird. – Bei dem Toaripi- oder Motumotu-Stamm auf Neuguinea
    darf ein Mann, der einen anderen getötet hat, seinem Weib
    nicht nahekommen und Nahrung nicht mit seinen Fingern be-
    rühren. Er wird von anderen Personen mit besonderer Nahrung
    gefüttert. Dies dauert bis zum nächsten Neumond.

    Freud sagt hierzu:

    In der gangbaren Erklärung all dieser Versöhnungs-, Be-
    schränkungs-, Sühne- und Reinigungsvorschriften werden zwei
    Prinzipien miteinander kombiniert. Die Fortsetzung des Tabu
    vom Toten hat auf alles, was mit ihm in Berührung gekommen
    ist, und die Furcht vor dem Geist des Getöteten. Auf welche
    Weise diese beiden Momente miteinander zur Erklärung des

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    Zeremoniells zu kombinieren sind, ob sie als gleichwertig auf-
    gefaßt werden sollen, ob das eine das primäre, das andere sekundär
    ist, und welches, das wird nicht gesagt und ist in der Tat nicht
    leicht anzugeben. Demgegenüber betonen wir die Einheitlich-
    keit unserer Auffassung, wenn wir all diese Vorschriften aus
    der Ambivalenz der Gefühlsregungen gegen
    den Feind ableiten.

    IV.

    Ferner heißt es, als Nachtrag zum Totenfest – dies trifft
    aber mehr das zivilrechtliche Verhältnis der Heimgegangenen:

    R. Kleinpaul hat in einem eindrucksvollen Buche die Reste
    des alten Seelenglaubens bei den zivilisierten Völkern zur Dar-
    stellung des Verhältnisses zwischen den Lebendigen und den
    Toten verwertet. Es gipfelt auch nach ihm in der Überzeugung,
    daß die Toten mordlustig die Lebendigen nach sich ziehen. Die
    Toten töten; das Skelett, als welches der Tod heute gebildet wird,
    stellt dar, daß der Tod selbst nur ein Toter ist. Nicht eher fühlt
    sich der Lebendige vor der Nachstellung der Toten sicher, als
    bis er ein trennendes Wasser zwischen sich und ihn gebracht hat.
    Daher begrub man die Toten gerne auf Inseln, brachte sie auf
    die andere Seite eines Flusses; die Ausdrücke Diesseits und
    Jenseits sind hievon ausgegangen. Eine spätere Milderung
    hat die Böswilligkeit der Toten auf jene Kategorien beschränkt,
    denen man ein besonderes Recht zum Groll einräumen mußte,
    auf die Ermordeten, die ihren Mörder als böse Geister verfolgen,
    auf die in ungestillter Sehnsucht Gestorbenen, wie die Bräute.
    Aber ursprünglich, meint Kleinpaul, waren alle Toten Vampire,
    alle grollten den Lebenden und trachteten, ihnen zu schaden,
    sie des Lebens zu berauben. Der Leichnam hat überhaupt erst
    den Begriff eines bösen Geistes geliefert.

    Die Annahme, die liebsten Verstorbenen wandelten sich nach
    dem Tode zu Dämonen, läßt offenbar eine weitere Fragestellung
    zu. Was bewog die Primitiven dazu, ihren teueren Toten eine
    solche Sinnsänderung zuzuschreiben. Warum machten sie sie
    zu Dämonen? Westermarck glaubt, diese Frage leicht zu beant-
    worten. „Da der Tod zumeist für das schlimmste Unglück ge-
    halten wird, das den Menschen treffen kann, glaubt man, daß
    die Abgeschiedenen mit ihrem Schicksal äußerst unzufrieden
    seien. Nach Auffassung der Naturvölker stirbt man nur durch
    Tötung, sei es gewaltsame, sei es durch Zauberei bewirkte, und
    schon deshalb sieht man die Seele als rachsüchtig und reizbar
    an; vermeintlich beneidet sie die Lebenden und sehnt sich nach

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    der Gesellschaft der alten Angehörigen – es ist daher begreif-
    lich, daß sie trachtet, sie durch Krankheiten zu töten, um mit
    ihnen vereinigt zu werden … .

    … Eine weitere Erklärung der Bösartigkeit, die man den
    Seelen zuschreibt, liegt in der instinktiven Furcht vor diesen,
    welche Furcht ihrerseits das Ergebnis der Angst vor dem Tode ist.1

    Das Studium der psychoneurotischen Störungen weist uns
    auf eine umfassendere Erklärung hin, welche die Westermarck-
    sche miteinschließt.

    Wenn eine Frau ihren Mann, eine Tochter ihre Mutter durch
    den Tod verloren hat, so ereignet es sich nicht selten, daß die
    Ueberlebende von peinigenden Bedenken, die wir ‚Zwangsvor-
    würfe‘ heißen, befallen wird, ob sie nicht selbst durch eine Un-
    vorsichtigkeit oder Nachlässigkeit den Tod der geliebten Person
    verschuldet habe. Keine Erinnerung daran, wie sorgfältig sie
    den Kranken gepflegt, keine sachliche Zurückweisung der be-
    haupteten Verschuldung vermag der Qual ein Ende zu machen,
    die etwa den pathologischen Ausdruck einer Trauer darstellt
    und mit der Zeit langsam abklingt. Die psychoanalytische Unter-
    suchung solcher Fälle hat uns die geheimen Triebfedern des
    Leidens kennen gelehrt. Wir haben erfahren, daß diese Zwangs-
    vorwürfe in gewissem Sinne berechtigt und nur darum gegen
    Widerlegung und Einspruch gefeit sind. Nicht als ob die Trauernde
    den Tod wirklich verschuldet oder die Vernachlässigung wirklich
    begangen hätte, wie es der Zwangsvorwurf behauptet; aber es
    war doch etwas in ihr vorhanden, ein ihr selbst unbewußter
    Wunsch, der mit dem Tode nicht unzufrieden war, und der
    ihn herbeigeführt hätte, wenn er im Besitze der Macht gewesen
    wäre. Gegen diesen unbewußten Wunsch reagiert nun der Vor-
    wurf nach dem Tode der geliebten Person. Solche im Unbe-
    wußten versteckte Feindseligkeit hinter zärtlicher Liebe gibt es
    nun in fast allen Fällen von intensiver Bindung des Gefühls an
    eine bestimmte Person, es ist der klassische Fall, das Vorbild
    der Ambivalenz menschlicher Gefühlsregungen. Von solcher
    Ambivalenz ist bei einem Menschen bald mehr, bald weniger
    in der Anlage vorgesehen; normalerweise ist es nicht so viel,
    daß die beschriebenen Zwangsvorwürfe daraus entstehen können.
    Wo sie aber ausgiebig angelegt ist, da wird sie sich gerade im
    Verhältnis zu den allergeliebtesten Personen, da, wo man es
    am wenigsten erwarten würde, manifestieren. Die Disposition
    zur Zwangsneurose, die wir in der Tabufrage so oft zum Ver-
    gleich herangezogen haben, denken wir uns durch ein besonders
    hohes Maß solcher ursprünglicher Gefühlsambivalenz gegeben.

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    Dann heißt es einmal (und hier steckt noch mehr Seelen-
    kennerschaft als in der Vermutung ewiger Eifersucht auf den
    Vater):

    Der Ueberlebende leugnet, daß er je feindselige Regungen
    gegen den geliebten Verstorbenen gehegt hat; aber die Seele
    des Verstorbenen hegt sie jetzt und wird sie über die ganze Zeit
    der Trauer zu betätigen bemüht sein. Der Straf- und Reue-
    charakter dieser Gefühlsreaktion wird sich trotz der geglückten
    Abwehr durch Projektion darin äußern, daß man sich fürchtet,
    sich Verzicht auferlegt und sich Einschränkungen unterwirft,
    die man zum Teil als Schutzmaßregeln gegen den feindlichen
    Dämon verkleidet. Wir finden so wiederum, daß das Tabu auf
    dem Boden einer ambivalenten Gefühlseinstellung erwachsen
    ist. Auch das Tabu der Toten rührt von dem Gegensatze zwischen
    dem bewußten Schmerz und der unbewußten Befriedigung über
    den Todesfall her. Bei dieser Herkunft des Grolles der Geister
    ist es selbstverständlich, daß gerade die nächsten und früher
    geliebtesten Hinterbliebenen ihn am meisten zu fürchten haben.

    V.


    Nachschrift des Herausgebers.

    Dies ist Seelenkunde. Wenn Ethnologie: so zur Hälfte
    Mars-Ethnologie. Zwischenstadium. Denn unser Herz kommt
    nicht los von dem, was über alle Massenbeobachtungen und
    psycho-analytischen Beobachtungen hinwegfliegt; was einmal
    ist; was (in einem einzigen Fall) … es besser weiß.
    Dennoch bleibt das Unbewußte dieses Falls wertvoll für die
    Festnagelung unserer Psyche. ‚Oh, laßt uns wahr sein, viel-
    geliebte Freunde,‘ sagt Grillparzer. Und wenn sie es auch nicht
    verstehen: ich wünsche doch, daß allen Besuchern eines Kirch-
    hofs Blätter solcher Art in die Hände gedrückt werden. Zwischen
    den Maoris, der Universität und dem Auswärtigen Amt öffnen
    sich Spalten, deren Füllung unsere Aufgabe bleibt. K.