S.
[18]
II
DAS ICH UND DAS ESDie pathologische Forschung hat unser Interesse
allzu ausschließlich auf das Verdrängte gerichtet. Wir
möchten mehr vom Ich erfahren, seitdem wir wissen,
daß auch das Ich unbewußt im eigentlichen Sinne sein
kann. Unser einziger Anhalt während unserer Unter-
suchungen war bisher das Kennzeichen des Bewußt- oder
Unbewußtseins; zuletzt haben wir gesehen, wie
vieldeutig es sein kann.Nun ist all unser Wissen immer an das Bewußtsein
gebunden. Auch das Ubw können wir nur dadurch
kennen lernen, daß wir es bewußt machen. Aber halt,
wie ist das möglich? Was heißt: etwas bewußt machen?
Wie kann das vor sich gehen?Wir wissen schon, wo wir hiefür anzuknüpfen haben.
Wir haben gesagt, das Bewußtsein ist die Oberfläche
des seelischen Apparats, d. h. wir haben es einem
System als Funktion zugeschrieben, welches räumlich
das erste von der Außenwelt her ist. Räumlich übrigens
nicht nur im Sinne der Funktion, sondern diesmal auchS.
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im Sinne der anatomischen Zergliederung.1 Auch unser
Forschen muß diese wahrnehmende Oberfläche zum
Ausgang nehmen.Von vornherein bw sind alle Wahrnehmungen, die
von außen herankommen (Sinneswahrnehmungen), und
von innen her, was wir Empfindungen und Gefühle
heißen. Wie aber ist es mit jenen inneren Vorgängen,
die wir etwa – roh und ungenau – als Denkvorgänge
zusammenfassen können? Kommen sie, die sich irgendwo
im Innern des Apparats als Verschiebungen seelischer
Energie auf dem Wege zur Handlung vollziehen, an
die Oberfläche, die das Bewußtsein entstehen läßt,
heran? Oder kommt das Bewußtsein zu ihnen? Wir
merken, das ist eine von den Schwierigkeiten, die sich
ergeben, wenn man mit der räumlichen, topischen, Vor-
stellung des seelischen Geschehens Ernst machen will.
Beide Möglichkeiten sind gleich unausdenkbar, es müßte
etwas drittes der Fall sein.An einer anderen Stelle2 habe ich schon die An-
nahme gemacht, daß der wirkliche Unterschied einer
ubw von einer vbw Vorstellung (einem Gedanken) darin
besteht, daß die erstere sich an irgendwelchem Mate-
rial, das unerkannt bleibt, vollzieht, während bei der
letzteren (der vbw) die Verbindung mit Wortvorstellungen1)S. Jenseits des Lustprinzips.
2)Das Unbewußte. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse,
III. 1915 (auch: Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre,
4. Folge. 1918.)S.
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hinzukommt. Hier ist zuerst der Versuch
gemacht, für die beiden Systeme Vbw und Ubw Kenn-
zeichen anzugeben, die anders sind als die Beziehung
zum Bewußtsein. Die Frage: Wie wird etwas bewußt?
lautet also zweckmäßiger: Wie wird etwas vorbewußt?
Und die Antwort wäre: durch Verbindung mit den
entsprechenden Wortvorstellungen.Diese Wortvorstellungen sind Erinnerungsreste, sie
waren einmal Wahrnehmungen und können wie alle
Erinnerungsreste wieder bewußt werden. Ehe wir noch
weiter von ihrer Natur handeln, dämmert uns wie eine
neue Einsicht auf: bewußt werden kann nur das, was
schon einmal bw Wahrnehmung war, und was außer
Gefühlen von innen her bewußt werden will, muß
versuchen sich in äußere Wahrnehmungen umzusetzen.
Dies wird mittels der Erinnerungsspuren möglich.Die Erinnerungsreste denken wir uns in Systemen
enthalten, welche unmittelbar an das System W-Bw
anstoßen, so daß ihre Besetzungen sich leicht auf die
Elemente dieses Systems von innen her fortsetzen können.
Man denkt hier sofort an die Halluzination und an die
Tatsache, daß die lebhafteste Erinnerung immer noch
von der Halluzination wie von der äußeren Wahrnehmung
unterschieden wird, allein ebenso rasch stellt sich die Aus-
kunft ein, daß bei der Wiederbelebung einer Erinnerung
die Besetzung im Erinnerungssystem erhalten bleibt,
während die von der Wahrnehmung nicht unterscheid-
bare Halluzination entstehen mag, wenn die BesetzungS.
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nicht nur von der Erinnerungsspur auf das W-Element
übergreift, sondern völlig auf dasselbe übergeht.Die Wortreste stammen wesentlich von akustischen
Wahrnehmungen ab, so daß hiedurch gleichsam ein
besonderer Sinnesursprung für das System Vbw gegeben
ist. Die visuellen Bestandteile der Wortvorstellung kann
man als sekundär, durch Lesen erworben, zunächst
vernachlässigen und ebenso die Bewegungsbilder des
Wortes, die außer bei Taubstummen die Rolle von
unterstützenden Zeichen spielen. Das Wort ist doch
eigentlich der Erinnerungsrest des gehörten Wortes.Es darf uns nicht beifallen, etwa der Vereinfachung
zuliebe, die Bedeutung der optischen Erinnerungs-
reste – von den Dingen – zu vergessen, oder zu ver-
leugnen, daß ein Bewußtwerden der Denkvorgänge
durch Rückkehr zu den visuellen Resten möglich ist
und bei vielen Personen bevorzugt scheint. Von der
Eigenart dieses visuellen Denkens kann uns das Studium
der Träume und der vorbewußten Phantasien nach den
Beobachtungen J. Varendoncks eine Vorstellung geben.
Man erfährt, daß dabei meist nur das konkrete Material
des Gedankens bewußt wird, für die Relationen aber, die
den Gedanken besonders kennzeichnen, ein visueller Aus-
druck nicht gegeben werden kann. Das Denken in Bildern
ist also ein nur sehr unvollkommenes Bewußtwerden.Es steht auch irgendwie den unbewußten Vorgängen
näher als das Denken in Worten und ist unzweifelhaft
onto‑ wie phylogenetisch älter als dieses.S.
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Wenn also, um zu unserem Argument zurückzukehren,
dies der Weg ist, wie etwas an sich Unbewußtes vor-
bewußt wird, so ist die Frage, wie machen wir etwas
Verdrängtes (vor)bewußt, zu beantworten: indem wir
solche vbw Mittelglieder durch die analytische Arbeit
herstellen. Das Bewußtsein verbleibt also an seiner
Stelle, aber auch das Ubw ist nicht etwa zum Bw auf-
gestiegen.Während die Beziehung der äußeren Wahrnehmung
zum Ich ganz offenkundig ist, fordert die der inneren
Wahrnehmung zum Ich eine besondere Untersuchung
heraus. Sie läßt noch einmal den Zweifel auftauchen,
ob man wirklich Recht daran tut, alles Bewußtsein
auf das eine oberflächliche System W-Bw zu beziehen.Die innere Wahrnehmung ergibt Empfindungen von
Vorgängen aus den verschiedensten, gewiß auch tiefsten
Schichten des seelischen Apparats. Sie sind schlecht
gekannt, als ihr bestes Muster können noch die der
Lust‑Unlustreihe gelten. Sie sind ursprünglicher,
elementarer, als die von außen stammenden, können
noch in Zuständen getrübten Bewußtseins zu Stande
kommen. Über ihre größere ökonomische Bedeutung
und deren metapsychologische Begründung habe ich
mich an anderer Stelle geäußert. Diese Empfindungen
sind multilokulär wie die äußeren Wahrnehmungen,
können gleichzeitig von verschiedenen Stellen kommen
und dabei verschiedene, auch entgegengesetzte Quali-
täten haben.S.
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Die Empfindungen mit Lustcharakter haben nichts
Drängendes an sich, dagegen im höchsten Grad die
Unlustempfindungen. Diese drängen auf Veränderung,
auf Abfuhr und darum deuten wir die Unlust auf eine
Erhöhung, die Lust auf eine Erniedrigung der Energie-
besetzung. Nennen wir das, was als Lust und Unlust
bewußt wird, ein quantitativ‑qualitativ Anderes im
seelischen Ablauf, so ist die Frage, ob ein solches
Anderes an Ort und Stelle bewußt werden kann, oder
bis zum System W fortgeleitet werden muß.Die klinische Erfahrung entscheidet für das Letztere.
Sie zeigt, daß dies Andere sich verhält wie eine ver-
drängte Regung. Es kann treibende Kräfte entfalten,
ohne daß das Ich den Zwang bemerkt. Erst Wider-
stand gegen den Zwang, Aufhalten der Abfuhrreaktion
macht dieses Andere sofort als Unlust bewußt. Eben-
so wie Bedürfnisspannungen kann auch der Schmerz
unbewußt bleiben, dies Mittelding zwischen äußerer
und innerer Wahrnehmung, der sich wie eine innere
Wahrnehmung verhält, auch wo er aus der Außenwelt
stammt. Es bleibt also richtig, daß auch Empfindungen
und Gefühle nur durch Anlangen an das System W
bewußt werden; ist die Fortleitung gesperrt, so kommen
sie nicht als Empfindungen zu Stande, obwohl das ihnen
entsprechende Andere im Erregungsablauf dasselbe ist.
Abgekürzter, nicht ganz korrekter Weise sprechen wir
dann von unbewußten Empfindungen, halten die
Analogie mit unbewußten Vorstellungen fest, die nichtS.
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ganz gerechtfertigt ist. Der Unterschied ist nämlich,
daß für die ubw Vorstellung erst Verbindungsglieder
geschaffen werden müssen, um sie zum Bw zu bringen,
während dies für die Empfindungen, die sich direkt
fortleiten, entfällt. Mit anderen Worten: die Unter-
scheidung von Bw und Vbw hat für die Empfindungen
keinen Sinn, das Vbw fällt hier aus, Empfindungen sind
entweder bewußt oder unbewußt. Auch wenn sie an
Wortvorstellungen gebunden werden, danken sie nicht
diesen ihr Bewußtwerden, sondern sie werden es direkt.Die Rolle der Wortvorstellungen wird nun vollends
klar. Durch ihre Vermittlung werden die inneren Denk-
vorgänge zu Wahrnehmungen gemacht. Es ist, als sollte
der Satz erwiesen werden: alles Wissen stammt aus
der äußeren Wahrnehmung. Bei einer Überbesetzung
des Denkens werden die Gedanken wirklich – wie von
außen – wahrgenommen und darum für wahr gehalten.Nach dieser Klärung der Beziehungen zwischen
äußerer und innerer Wahrnehmung und dem Ober-
flächensystem W-Bw können wir daran gehen, unsere
Vorstellung vom Ich auszubauen. Wir sehen es vom
System W als seinem Kern ausgehen und zunächst
das Vbw, das sich an die Erinnerungsreste anlehnt,
umfassen. Das Ich ist aber auch, wie wir erfahren
haben, unbewußt.Nun meine ich, wir werden großen Vorteil davon
haben, wenn wir der Anregung eines Autors folgen,
der vergebens aus persönlichen Motiven beteuert, erS.
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habe mit der gestrengen, hohen Wissenschaft nichts
zu tun. Ich meine G. Groddeck, der immer wieder
betont, daß das, was wir unser Ich heißen, sich im
Leben wesentlich passiv verhält, daß wir nach seinem
Ausdruck „gelebt“ werden von unbekannten unbe-
herrschbaren Mächten.1 Wir haben alle dieselben Ein-
drücke empfangen, wenngleich sie uns nicht bis zum
Ausschluß aller anderen überwältigt haben, und ver-
zagen nicht daran, der Einsicht Groddecks ihre Stelle
in dem Gefüge der Wissenschaft anzuweisen. Ich schlage
vor, ihr Rechnung zu tragen, indem wir das vom
System W ausgehende Wesen, das zunächst vbw ist,
das Ich heißen, das andere Psychische aber, in welches
es sich fortsetzt, und das sich wie ubw verhält, nach
Groddecks Gebrauch das Es.2Wir werden bald sehen, ob wir aus dieser Auf-
fassung Nutzen für Beschreibung und Verständnis ziehen
können. Ein Individuum ist nun für uns ein psychisches
Es, unerkannt und unbewußt, diesem sitzt das Ich ober-
flächlich auf, aus dem W-System als Kern entwickelt.
Streben wir nach graphischer Darstellung, so werden
wir hinzufügen, das Ich umhüllt das Es nicht ganz,1)G. Groddeck, Das Buch vom Es. Internationaler Psycho-
analytischer Verlag 1923.2)Groddeck selbst ist wohl dem Beispiel Nietzsches
gefolgt, bei dem dieser grammatikalische Ausdruck für das
Unpersönliche und sozusagen Naturnotwendige in unserem Wesen
durchaus gebräuchlich ist.S.
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sondern nur insoweit das System W dessen Ober-
fläche bildet, also etwa so wie die Keimscheibe dem
Ei aufsitzt. Das Ich ist vom Es nicht scharf getrennt,
es fließt nach unten hin mit ihm zusammen.Aber auch das Verdrängte fließt mit dem Es zu-
sammen, ist nur ein Teil von ihm. Das Verdrängte ist
nur vom Ich durch die Verdrängungswiderstände scharf
geschieden, durch das Es kann es mit ihm kommuni-
zieren. Wir erkennen sofort, fast alle Sonderungen, die
wir auf die Anregung der Pathologie hin beschrieben
haben, beziehen sich nur auf die – uns allein be-
kannten – oberflächlichen Schichten des seelischen
Apparats. Wir könnten von diesen Verhältnissen eineZeichnung entwerfen, deren Konturen allerdings nur
der Darstellung dienen, keine besondere DeutungS.
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beanspruchen sollen. Etwa fügen wir hinzu, daß das Ich
eine „Hörkappe“ trägt, nach dem Zeugnis der Gehirn-
anatomie nur auf einer Seite. Sie sitzt ihm sozusagen
schief auf.Es ist leicht einzusehen, das Ich ist der durch den
direkten Einfluß der Außenwelt unter Vermittlung von
W-Bw veränderte Teil des Es, gewissermaßen eine
Fortsetzung der Oberflächendifferenzierung. Es bemüht
sich auch, den Einfluß der Außenwelt auf das Es und
seine Absichten zur Geltung zu bringen, ist bestrebt,
das Realitätsprinzip an die Stelle des Lustprinzips zu
setzen, welches im Es uneingeschränkt regiert. Die
Wahrnehmung spielt für das Ich die Rolle, welche im
Es dem Trieb zufällt. Das Ich repräsentiert, was man
Vernunft und Besonnenheit nennen kann, im Gegen-
satz zum Es, welches die Leidenschaften enthält. Dies
alles deckt sich mit allbekannten populären Unter-
scheidungen, ist aber auch nur als durchschnittlich oder
ideell richtig zu verstehen.Die funktionelle Wichtigkeit des Ichs kommt darin
zum Ausdruck, daß ihm normaler Weise die Herrschaft
über die Zugänge zur Motilität eingeräumt ist. Es gleicht
so im Verhältnis zum Es dem Reiter, der die über-
legene Kraft des Pferdes zügeln soll, mit dem Unter-
schied, daß der Reiter dies mit eigenen Kräften ver-
sucht, das Ich mit geborgten. Dieses Gleichnis trägt
ein Stück weiter. Wie dem Reiter, will er sich nicht
vom Pferd trennen, oft nichts anderes übrig bleibt,S.
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als es dahin zu führen, wohin es gehen will, so pflegt
auch das Ich den Willen des Es in Handlung umzu-
setzen, als ob es der eigene wäre.Auf die Entstehung des Ichs und seine Ab-
sonderung vom Es scheint noch ein anderes Moment
als der Einfluß des System W hingewirkt zu haben.
Der eigene Körper und vor allem die Oberfläche des-
selben ist ein Ort, von dem gleichzeitig äußere und
innere Wahrnehmungen ausgehen können. Er wird
wie ein anderes Objekt gesehen, ergibt aber dem
Getast zweierlei Empfindungen, von denen die eine
einer inneren Wahrnehmung gleichkommen kann. Es
ist in der Psychophysiologie hinreichend erörtert
worden, auf welche Weise sich der eigene Körper
aus der Wahrnehmungswelt heraushebt. Auch der
Schmerz scheint dabei eine Rolle zu spielen und die
Art, wie man bei schmerzhaften Erkrankungen eine
neue Kenntnis seiner Organe erwirbt, ist vielleicht vor-
bildlich für die Art, wie man überhaupt zur Vor-
stellung seines eigenen Körpers kommt.Das Ich ist vor allem ein körperliches, es ist nicht
nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst die Projek-
tion einer Oberfläche. Wenn man eine anatomische
Analogie für dasselbe sucht, kann man es am ehesten
mit dem „Gehirnmännchen“ der Anatomen identi-
fizieren, das in der Hirnrinde auf dem Kopf steht,
die Fersen nach oben streckt, nach hinten schaut und
wie bekannt, links die Sprachzone trägt.S.
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Das Verhältnis des Ichs zum Bewußtsein ist wieder-
holt gewürdigt worden, doch sind hier einige wichtige
Tatsachen neu zu beschreiben. Gewöhnt, den Gesichts-
punkt einer sozialen oder ethischen Wertung überall-
hin mitzunehmen, sind wir nicht überrascht zu hören,
daß das Treiben der niedrigen Leidenschaften im Un-
bewußten vor sich geht, erwarten aber, daß die see-
lischen Funktionen umso leichter sicheren Zugang
zum Bewußtsein finden, je höher sie in dieser Wertung
angesetzt sind. Hier enttäuscht uns aber die psycho-
analytische Erfahrung. Wir haben einerseits Belege
dafür, daß selbst feine und schwierige intellektuelle
Arbeit, die sonst angestrengtes Nachdenken erfordert,
auch vorbewußt geleistet werden kann, ohne zum Be-
wußtsein zu kommen. Diese Fälle sind ganz unzweifel-
haft, sie ereignen sich z. B. im Schlafzustand und
äußern sich darin, daß eine Person unmittelbar nach
dem Erwachen die Lösung eines schwierigen mathe-
matischen oder anderen Problems weiß, um das sie
sich am Tage vorher vergeblich bemüht hatte.1Weit befremdender ist aber eine andere Erfahrung.
Wir lernen in unseren Analysen, daß es Personen
gibt, bei denen die Selbstkritik und das Gewissen, also
überaus hochgewertete seelische Leistungen, unbewußt
sind und als unbewußt die wichtigsten Wirkungen1)Ein solcher Fall ist mir erst kürzlich und zwar als Einwand
gegen meine Beschreibung der „Traumarbeit“ mitgeteilt
worden.S.
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äußern; das Unbewußtbleiben des Widerstandes in der
Analyse ist also keineswegs die einzige Situation dieser
Art. Die neue Erfahrung aber, die uns nötigt, trotz
unserer besseren kritischen Einsicht, von einem unbewußten
Schuldgefühl zu reden, verwirrt uns weit
mehr und gibt uns neue Rätsel auf, besonders wenn
wir allmählich erraten, daß ein solches unbewußtes
Schuldgefühl bei einer großen Anzahl von Neurosen
eine ökonomisch entscheidende Rolle spielt und der
Heilung die stärksten Hindernisse in den Weg legt.
Wollen wir zu unserer Wertskala zurückkehren, so
müssen wir sagen: Nicht nur das Tiefste, auch das
Höchste am Ich kann unbewußt sein. Es ist, als würde
uns auf diese Weise demonstriert, was wir vorhin vom
bewußten Ich ausgesagt haben, es sei vor allem ein
Körper‑Ich.
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Das Ich und das Es1923-003/1923