• S.

    13

    II

    Wir sind unversehens aus dem Ökonomischen ins
    Psychologische hinübergeglitten. Anfangs waren wir ver-
    sucht, den Kulturbesitz in den vorhandenen Gütern und
    den Einrichtungen zu ihrer Verteilung zu suchen. Mit
    der Erkenntnis, daß jede Kultur auf Arbeitszwang und
    Triebverzicht beruht und darum unvermeidlich eine Op-
    position bei den von diesen Anforderungen Betroffenen
    hervorruft, wurde es klar, daß die Güter selbst, die
    Mittel zu ihrer Gewinnung und Anordnungen zu ihrer
    Verteilung nicht das Wesentliche oder das Alleinige der
    Kultur sein können. Denn sie sind durch die Aufleh-
    nung und Zerstörungssucht der Kulturteilhaber bedroht.
    Neben die Güter treten jetzt die Mittel, die dazu dienen
    können, die Kultur zu verteidigen, die Zwangsmittel
    und andere, denen es gelingen soll, die Menschen mit
    ihr auszusöhnen und für ihre Opfer zu entschädigen.
    Letztere können aber als der seelische Besitz der Kul-
    tur beschrieben werden.

    Einer gleichförmigen Ausdrucksweise zuliebe wollen

  • S.

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    wir die Tatsache, daß ein Trieb nicht befriedigt werden
    kann, Versagung, die Einrichtung, die diese Versagung
    festlegt, Verbot, und den Zustand, den das Verbot herbei-
    führt, Entbehrung nennen. Dann ist der nächste Schritt,
    zwischen Entbehrungen zu unterscheiden, die alle be-
    treffen, und solchen, die nicht alle betreffen, bloß
    Gruppen, Klassen oder selbst einzelne. Die ersteren
    sind die ältesten: mit den Verboten, die sie einsetzen,
    hat die Kultur die Ablösung vom animalischen Ur-
    zustand begonnen, vor unbekannt wie vielen Tausen-
    den von Jahren. Zu unserer Ueberraschung fanden
    wir, daß sie noch immer wirksam sind, noch immer den
    Kern der Kulturfeindseligkeit bilden. Die Triebwünsche,
    die unter ihnen leiden, werden mit jedem Kind von
    neuem geboren; es gibt eine Klasse von Menschen,
    die Neurotiker, die bereits auf diese Versagungen mit
    Asozialität reagieren. Solche Triebwünsche sind die des
    Inzests, des Kannibalismus und der Mordlust. Es klingt
    sonderbar, wenn man sie, in deren Verwerfung alle
    Menschen einig scheinen, mit jenen anderen zusammen-
    stellt, um deren Gewährung oder Versagung in unserer
    Kultur so lebhaft gekämpft wird, aber psychologisch ist
    man dazu berechtigt. Auch ist das kulturelle Verhalten
    gegen diese ältesten Triebwünsche keineswegs das gleiche,
    nur der Kannibalismus erscheint allen verpönt und der
    nicht analytischen Betrachtung völlig überwunden, die
    Stärke der Inzestwünsche vermögen wir noch hinter dem

  • S.

    15

    Verbot zu verspüren und der Mord wird von unserer
    Kultur unter bestimmten Bedingungen noch geübt, ja
    geboten. Möglicherweise stehen uns Entwicklungen der
    Kultur bevor, in denen noch andere, heute durchaus
    mögliche Wunschbefriedigungen ebenso unannehmbar er-
    scheinen werden, wie jetzt die des Kannibalismus.

    Schon bei diesen ältesten Triebverzichten kommt ein
    psychologischer Faktor in Betracht, der auch für alle
    weiteren bedeutungsvoll bleibt. Es ist nicht richtig, daß
    die menschliche Seele seit den ältesten Zeiten keine
    Entwicklung durchgemacht hat und im Gegensatz zu den
    Fortschritten der Wissenschaft und der Technik heute
    noch dieselbe ist, wie zu Anfang der Geschichte. Einen
    dieser seelischen Fortschritte können wir hier nachweisen.
    Es liegt in der Richtung unserer Entwicklung, daß äußerer
    Zwang allmählich verinnerlicht wird, indem eine beson-
    dere seelische Instanz, das Über-Ich des Menschen, ihn
    unter seine Gebote aufnimmt. Jedes Kind führt uns den
    Vorgang einer solchen Umwandlung vor, wird erst durch
    sie moralisch und sozial. Diese Erstarkung des Über-Ichs
    ist ein höchst wertvoller psychologischer Kulturbesitz.
    Die Personen, bei denen sie sich vollzogen hat, werden
    aus Kulturgegnern zu Kulturträgern. Je größer ihre An-
    zahl in einem Kulturkreis ist, desto gesicherter ist diese
    Kultur, desto eher kann sie der äußeren Zwangsmittel
    entbehren. Das Maß dieser Verinnerlichung ist nun für
    die einzelnen Triebverbote sehr verschieden. Für die

  • S.

    16

    erwähnten ältesten Kulturforderungen scheint die Ver-
    innerlichung, wenn wir die unerwünschte Ausnahme der
    Neurotiker beiseite lassen, weitgehend erreicht. Dies
    Verhältnis ändert sich, wenn man sich zu den anderen
    Triebeanforderungen wendet. Man merkt dann mit Über-
    raschung und Besorgnis, daß eine Überzahl von Menschen
    den diesbezüglichen Kulturverboten nur unter dem Druck
    des äußeren Zwanges gehorcht, also nur dort, wo er sich
    geltend machen kann und solange er zu befürchten ist.
    Dies trifft auch auf jene sogenannt moralischen Kultur-
    forderungen zu, die in gleicher Weise für alle bestimmt
    sind. Das meiste, was man von der moralischen Unzu-
    verlässigkeit der Menschen erfährt, gehört hieher. Un-
    endlich viele Kulturmenschen, die vor Mord oder Inzest
    zurückschrecken würden, versagen sich nicht die Befrie-
    digung ihrer Habgier, ihrer Aggressionslust, ihrer sexu-
    ellen Gelüste, unterlassen es nicht, den Anderen durch
    Lüge, Betrug, Verleumdung zu schädigen, wenn sie
    dabei straflos bleiben können, und das war wohl seit
    vielen kulturellen Zeitaltern immer ebenso.

    Bei den Einschränkungen, die sich nur auf bestimmte
    Klassen der Gesellschaft beziehen, trifft man auf grobe
    und auch niemals verkannte Verhältnisse. Es steht zu
    erwarten, daß diese zurückgesetzten Klassen den Bevor-
    zugten ihre Vorrechte beneiden und alles tun werden,
    um ihr eigenes Mehr von Entbehrung los zu werden.
    Wo dies nicht möglich ist, wird sich ein dauerndes Maß

  • S.

    17

    von Unzufriedenheit innerhalb dieser Kultur behaupten,
    das zu gefährlichen Auflehnungen führen mag. Wenn
    aber eine Kultur es nicht darüber hinaus gebracht hat,
    daß die Befriedigung einer Anzahl von Teilnehmern die
    Unterdrückung einer anderen, vielleicht der Mehrzahl,
    zur Voraussetzung hat, und dies ist bei allen gegenwärtigen
    Kulturen der Fall, so ist es begreiflich, daß diese Unter-
    drückten eine intensive Feindseligkeit gegen die Kultur
    entwickeln, die sie durch ihre Arbeit ermöglichen, an deren
    Gütern sie aber einen zu geringen Anteil haben. Eine
    Verinnerlichung der Kulturverbote darf man dann bei
    den Unterdrückten nicht erwarten, dieselben sind viel-
    mehr nicht bereit, diese Verbote anzuerkennen, bestrebt,
    die Kultur selbst zu zerstören, eventuell selbst ihre Vor-
    aussetzungen aufzuheben. Die Kulturfeindschaft dieser
    Klassen ist so offenkundig, daß man über sie die eher
    latente Feindseligkeit der besser beteilten Gesellschafts-
    schichten übersehen hat. Es braucht nicht gesagt zu werden,
    daß eine Kultur, welche eine so große Zahl von Teil-
    nehmern unbefriedigt läßt und zur Auflehnung treibt,
    weder Aussicht hat, sich dauernd zu erhalten, noch es
    verdient.

    Das Maß von Verinnerlichung der Kulturvorschriften
    – populär und unpsychologisch ausgedrückt: das moralische
    Niveau der Teilnehmer – ist nicht das einzige seelische
    Gut, das für die Würdigung einer Kultur in Betracht
    kommt. Daneben steht ihr Besitz an Idealen und an

  • S.

    18

    Kunstschöpfungen, d. h. die Befriedigungen, die aus beiden
    gewonnen werden.

    Man wird nur allzuleicht geneigt sein, die Ideale einer
    Kultur, d. h. die Wertungen, welches die höchststehenden
    und am meisten anzustrebenden Leistungen seien, unter
    deren psychische Besitztümer aufzunehmen. Zunächst
    scheint es, als ob diese Ideale die Leistungen des Kultur-
    kreises bestimmen würden; der wirkliche Hergang dürfte
    aber der sein, daß sich die Ideale nach den ersten Lei-
    stungen bilden, welche das Zusammenwirken von innerer
    Begabung und äußeren Verhältnissen einer Kultur er-
    möglicht und daß diese ersten Leistungen nun vom Ideal
    zur Fortführung festgehalten werden. Die Befriedigung,
    die das Ideal den Kulturteilnehmern schenkt, ist also
    narzißtischer Natur, sie ruht auf dem Stolz auf die be-
    reits geglückte Leistung. Zu ihrer Vervollständigung be-
    darf sie des Vergleichs mit anderen Kulturen, die sich
    auf andere Leistungen geworfen und andere Ideale ent-
    wickelt haben. Kraft dieser Differenzen spricht sich jede
    Kultur das Recht zu, die andere gering zu schätzen. Auf
    solche Weise werden die Kulturideale Anlaß zur Ent-
    zweiung und Verfeindung zwischen verschiedenen Kultur-
    kreisen, wie es unter Nationen am deutlichsten wird.

    Die narzißtische Befriedigung aus dem Kulturideal
    gehört auch zu jenen Mächten, die der Kulturfeindschaft
    innerhalb des Kulturkreises erfolgreich entgegenwirken.
    Nicht nur die bevorzugten Klassen, welche die Wohl-

  • S.

    19

    taten dieser Kultur genießen, sondern auch die Unter
    drückten können an ihr Anteil haben, indem die Be
    rechtigung, die Außenstehenden zu verachten, sie für die
    Beeinträchtigung in ihrem eigenen Kreis entschädigt. Man
    ist zwar ein elender, von Schulden und Kriegsdiensten
    geplagter Plebejer, aber dafür ist man Römer, hat seinen
    Anteil an der Aufgabe, andere Nationen zu beherr-
    schen und ihnen Gesetze vorzuschreiben. Diese Identi-
    fizierung der Unterdrückten mit der sie beherrschenden
    und ausbeutenden Klasse ist aber nur ein Stück eines
    größeren Zusammenhanges. Anderseits können jene affektiv
    an diese gebunden sein, trotz der Feindseligkeit ihre Ideale
    in ihren Herren erblicken. Wenn nicht solche im Grunde
    befriedigende Beziehungen bestünden, bliebe es unver-
    ständlich, daß so manche Kulturen sich trotz berechtigter
    Feindseligkeit großer Menschenmassen so lange Zeit er-
    halten haben.

    Von anderer Art ist die Befriedigung, welche die
    Kunst den Teilhabern an einem Kulturkreis gewährt,
    obwohl diese in der Regel den Massen, die durch er-
    schöpfende Arbeit in Anspruch genommen sind und
    keine persönliche Erziehung genossen haben, unzugäng-
    lich bleibt. Die Kunst bietet, wie wir längst gelernt
    haben, Ersatzbefriedigungen für die ältesten, immer noch
    am tiefsten empfundenen Kulturverzichte und wirkt dar-
    um wie nichts anderes aussöhnend mit den für sie ge-
    brachten Opfern. Anderseits heben ihre Schöpfungen

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    die Identifizierungsgefühle, deren jeder Kulturkreis so
    sehr bedarf, durch den Anlaß zu gemeinsam erlebten,
    hocheingeschätzten Empfindungen; sie dienen aber auch
    der narzißtischen Befriedigung, wenn sie die Leistungen
    der besonderen Kultur darstellen, in eindrucksvoller Art
    an ihre Ideale mahnen.

    Das vielleicht bedeutsamste Stück des psychischen
    Inventars einer Kultur hat noch keine Erwähnung ge-
    funden. Es sind ihre im weitesten Sinn religiösen Vor-
    stellungen, mit anderen später zu rechtfertigenden Worten,
    ihre Illusionen.