• S.

    80

    III.

    Der zweite Traum.

    Wenige Wochen nach dem ersten fiel der zweite Traum
    vor, mit dessen Erledigung die Analyse abbrach. Er ist nicht

    läßt sich treffend symbolisieren, indem sie in dieser Situation Herrn K. durch
    den Vater ersetzt.

    Der Vater weckte sie aber seinerzeit, damit sie das Bett nicht naß mache.
    Dieses „Naß“ wird bestimmend für den weiteren Trauminhalt, in welchen
    es aber nur durch eine entfernte Anspielung und durch seinen Gegensatz ver-
    treten ist.

    Der Gegensatz von „Naß“, „Wasser“ kann leicht „Feuer“, „Brennen“
    sein. Die Zufälligkeit, daß der Vater bei der Ankunft an dem Orte Angst
    vor Feuersgefahr geäußert hat, hilft mit, um zu entscheiden, daß die Gefahr,
    aus welcher der Vater sie rettet, eine Brandgefahr sei. Auf diesen Zufall und
    auf den Gegensatz zu „Naß“ stützt sich die gewählte Situation des Traumbildes:
    Es brennt, der Vater steht vor ihrem Bette, um sie zu wecken. Die zufällige
    Äußerung des Vaters gelangte wohl nicht zu dieser Bedeutung im Traum-
    inhalte, wenn sie nicht so vortrefflich zu der siegreichen Gefühlsströmung
    stimmen würde, die in dem Vater durchaus den Helfer und Retter finden will
    Er hat die Gefahr gleich bei der Ankunft geahnt, er hat recht gehabt! (In
    Wirklichkeit hat er das Mädchen in diese Gefahr gebracht.)

    In den Traumgedanken fällt dem „Naß“ infolge leicht herstellbarer
    Beziehungen die Rolle eines Knotenpunktes für mehrere Vorstellungskreise zu.
    „Naß“ gehört nicht allein dem Bettnässen an, sondern auch dem Kreise der
    sexuellen Versuchsgedanken, die unterdrückt hinter diesem Trauminhalte stehen.
    Sie weiß, daß es auch ein Naßwerden beim sexuellen Verkehr gibt, daß der
    Mann dem Weib etwas Flüssiges in Tropfenform bei der Begattung schenkt.
    Sie weiß, daß gerade darin die Gefahr besteht, daß ihr die Aufgabe gestellt
    wird, das Genitale vor dem Benetztwerden zu hüten.

    Mit „Naß“ und „Tropfen“ erschließt sich gleichzeitig der andere
    Assoziationskreis, der des ekelhaften Katarrhs, der in ihren reiferen Jahren
    wohl die nämliche beschämende Bedeutung hat wie in der Kinderzeit das
    Bettnässen. „Naß“ wird hier gleichbedeutend mit „Verunreinigt“. Das Genitale,
    das rein gehalten werden soll, ist ja schon durch den Katarrh verunreinigt,
    übrigens bei der Mama gerade so wie bei ihr (Seite 66). Sie scheint zu
    verstehen, daß die Reinlichkeitssucht der Mama die Reaktion gegen diese
    Verunreinigung ist.

    Beide Kreise treffen in dem einen zusammen: Die Mama hat beides
    vom Papa bekommen, das sexuelle Naß und den verunreinigenden Fluor.
    Die Eifersucht gegen die Mama ist untrennbar von dem Gedankenkreise der
    hier zum Schutze aufgerufenen infantilen Liebe zum Vater. Aber darstellungs-
    fähig ist dieses Material noch nicht. Läßt sich aber eine Erinnerung finden,
    die mit den beiden Kreisen des „Naß“ in ähnlich guter Beziehung steht, aber

  • S.

    81

    so voll durchsichtig zu machen wie der erste, brachte aber eine
    erwünschte Bestätigung einer notwendig gewordenen Annahme
    über den Seelenzustand der Patientin, füllte eine Gedächtnis-
    das Anstößige vermeidet, so wird diese die Vertretung im Trauminhalte über
    nehmen können.

    Eine solche findet sich in der Begebenheit von den „Tropfen“, die sich
    die Mama als Schmuck gewünscht. Anscheinend ist die Verknüpfung dieser
    Reminiszenz mit den beiden Kreisen des sexuellen Naß und der Verunreinigung
    eine äußerliche, oberflächliche, durch die Worte vermittelt, denn „Tropfen“ ist
    als „Wechsel“, als zweideutiges Wort verwendet, und „Schmuck“ ist so viel als
    „rein“ – ein etwas gezwungener Gegensatz zu „verunreinigt“. In Wirklichkeit
    sind die festesten inhaltlichen Verknüpfungen nachweisbar. Die Erinnerung
    stammt aus dem Material der infantil wurzelnden, aber weit fortgesetzten
    Eifersucht gegen die Mama. Über die beiden Wortbrücken kann alle
    Bedeutung, die an den Vorstellungen vom sexuellen Verkehre zwischen den
    Eltern, von der Fluorkrankung und von der quälenden Reinmacherei der
    Mama haftet, auf die eine Reminiszenz von den „Schmucktropfen“ übergeführt
    werden.

    Doch muß noch eine weitere Verschiebung für den Trauminhalt Platz
    greifen. Nicht das dem ursprünglichen „Naß“ nähere „Tropfen“, sondern das
    entferntere „Schmuck“ gelangt zur Aufnahme in den Traum. Es hätte also
    heißen können, wenn dieses Element in die vorher fixierte Traumsituation
    eingefügt wird: Die Mama will noch ihren Schmuck retten. In der neuen
    Abänderung „Schmuckkästchen“ macht sich nun nachträglich der Einfluß von
    Elementen aus dem unterliegenden Kreise der Versuchung durch Herrn K.
    geltend. Schmuck hat ihr Herr K. nicht geschenkt, wohl aber ein „Kästchen“
    dafür, die Vertretung all der Auszeichnungen und Zärtlichkeiten, für die sie
    jetzt dankbar sein sollte. Und das jetzt entstandene Kompositum „Schmuck-
    kästchen“ hat noch einen besonderen vertretenden Wert. Ist „Schmuck-
    kästchen“ nicht ein gebräuchliches Bild für das unbefleckte, unversehrte,
    weibliche Genitale? Und anderseits ein harmloses Wort, also vortrefflich
    geeignet, die sexuellen Gedanken hinter dem Traum ebensosehr anzudeuten wie
    zu verstecken?

    So heißt es also im Trauminhalte an zwei Stellen: „Schmuckkästchen
    der Mama“, und dies Element ersetzt die Erwähnung der infantilen Eifersucht,
    der Tropfen, also des sexuellen Nassen, der Verunreinigung durch den Fluor
    und anderseits der jetzt aktuellen Versuchungsgedanken, die auf Gegenliebe
    dringen und die bevorstehende – ersehnte und drohende – sexuelle Situation
    ausmalen. Das Element „Schmuckkästchen“ ist wie kein anderes ein Ver-
    dichtungs- und Verschiebungsergebnis und ein Kompromiß gegensätzlicher
    Strömungen. Auf seine mehrfache Herkunft – aus infantiler wie aus aktueller
    Quelle – deutet wohl sein zweimaliges Auftreten im Trauminhalte.

    Der Traum ist die Reaktion auf ein frisches, erregend wirkendes Er-
    lebnis, welches notwendigerweise die Erinnerung an das einzige analog-
    Freud, Neurosenlehre. II. 3. Aufl.

  • S.

    82

    lücke aus und ließ einen tiefen Einblick in die Entstehung eines
    anderen ihrer Symptome gewinnen.
    Dora erzählte: Ich gehe in einer Stadt, die ich
    nicht kenne, spaziere, sehe Straßen und Plätze, die

    Erlebnis früherer Jahre wecken muß. Dies ist die Szene mit dem Kusse im
    Laden, bei dem der Ekel auftrat. Dieselbe Szene ist aber assoziativ von
    anderswoher zugänglich, von dem Gedankenkreise des Katarrhs (vgl. S. 74)
    und von dem der aktuellen Versuchung aus. Sie liefert also einen eigenen
    Beitrag zum Trauminhalte, der sich der vorgebildeten Situation anpassen
    muß. Es brennt... der Kuß hat wohl nach Rauch geschmeckt, sie riecht
    also Rauch im Trauminhalte, der sich hier über das Erwachen fortsetzt.

    In der Analyse dieses Traumes habe ich leider aus Unachtsamkeit
    eine Lücke gelassen. Dem Vater ist die Rede in den Mund gelegt: Ich will
    nicht, daß meine beiden Kinder usw. (hier ist wohl aus den Traumgedanken
    einzufügen: an den Folgen der Masturbation) zugrunde gehen. Solche
    Traumrede ist regelmäßig aus Stücken realer, gehaltener oder gehörter
    Rede zusammengesetzt. Ich hätte mich nach der realen Herkunft dieser Rede
    erkundigen sollen. Das Ergebnis dieser Nachfrage hätte den Aufbau des
    Traumes zwar verwickelter ergeben, aber dabei gewiß auch durchsichtiger er-
    kennen lassen.

    Soll man annehmen, daß dieser Traum damals in L. genau den näm-
    lichen Inhalt gehabt hat wie bei seiner Wiederholung während der Kur?
    Es scheint nicht notwendig. Die Erfahrung zeigt, daß die Menschen häufig
    behaupten, sie hätten denselben Traum gehabt, während sich die einzelnen
    Erscheinungen des wiederkehrenden Traumes durch zahlreiche Details und
    sonst weitgehende Abänderungen unterscheiden. So berichtet eine meiner
    Patientinnen, sie habe heute wieder ihren stets in gleicher Weise wieder-
    kehrenden Lieblingstraum gehabt, daß sie im blauen Meere schwimme, mit
    Genuß die Wogen teile usw. Nähere Nachforschung ergibt, daß auf dem
    gemeinsamen Untergrunde das eine Mal dies, das andere Mal jenes Detail
    aufgetragen ist; ja, einmal schwamm sie im Meere, während es gefroren war,
    mitten zwischen Eisbergen. Andere Träume, die sie selbst nicht mehr
    für die nämlichen auszugeben versucht, zeigen sich mit diesen wieder-
    kehrenden innig verknüpft. Sie sieht z. B. nach einer Photographie gleich-
    zeitig das Ober- und das Unterland von Helgoland in realen Dimensionen,
    auf dem Meere ein Schiff, in dem sich zwei Jugendbekannte von ihr be-
    finden usw.

    Sicher ist, daß der während der Kur vorfallende Traum Doras-
    vielleicht ohne seinen manifesten Inhalt zu ändern – eine neue aktuelle
    Bedeutung gewonnen hatte. Er schloß unter seinen Traumgedanken eine
    Beziehung zu meiner Behandlung ein und entsprach einer Erneuerung des
    damaligen Vorsatzes, sich einer Gefahr zu entziehen. Wenn keine Erinnerungs-
    täuschung von ihrer Seite im Spiele war, als sie behauptete, den Rauch
    nach dem Erwachen schon in L. verspürt zu haben, so ist anzuerkennen,

  • S.

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    mir fremd sind1). Ich komme dann in ein Haus, wo
    ich wohne, gehe auf mein Zimmer und finde dort
    einen Brief der Mama liegen. Sie schreibt: Da ich
    ohne Wissen der Eltern vom Hause fort bin, wollte
    sie mir nicht schreiben, daß der Papa erkrankt ist.
    Jetzt ist er gestorben, und wenn Du willst2), kannst
    Du kommen. Ich gehe nun zum Bahnhofe und frage
    etwa 100mal: Wo ist der Bahnhof? Ich bekomme
    immer die Antwort: Fünf Minuten. Ich sehe dann einen
    dichten Wald vor mir, in den ich hineingehe, und
    frage dort einen Mann, dem ich begegne. Er sagt
    mir: Noch 21/2 Stunden3). Er bietet mir an, mich zu
    begleiten. Ich lehne ab und gehe allein. Ich sehe den
    Bahnhof vor mir und kann ihn nicht erreichen. Dabei
    ist das gewöhnliche Angstgefühl, wenn man im Traume
    nicht weiter kommt. Dann bin ich zu Hause, da
    zwischen muß ich gefahren sein, davon weiß ich aber
    nichts. — Trete in die Portierloge und frage ihn nach
    unserer Wohnung. Das Dienstmädchen öffnet mir
    und antwortet: Die Mama und die anderen sind schon
    auf dem Friedhofe4).


    daß sie meinen Ausspruch: „Wo Rauch ist, da ist Feuer“ sehr geschickt
    unter die fertige Traumform gebracht, wo er zur Überdeterminierung des
    letzten Elementes verwendet erscheint. Ein unügbarer Zufall war es, daß
    ihr der letzte aktuelle Anlaß, das Verschließen des Speisezimmers von seiten
    der Mutter, wodurch der Bruder in seinem Schlafraume eingeschlossen blieb,
    eine Anknüpfung an die Nachstellung des Herrn K. in L. brachte, wo ihr
    Entschluß zur Reife kam, als sie ihr Schlafzimmer nicht verschließen konnte.
    Vielleicht kam der Bruder in den damaligen Träumen nicht vor, so daß die
    Rede „meine beiden Kinder“ erst nach dem letzten Anlasse in den Trauminhalt
    gelangte.

    1)Hierzu der wichtige Nachtrag: Auf einem der Plätze sehe ich
    ein Monument.

    2)Dazu der Nachtrag: Bei diesem Worte stand ein Frage-
    zeichen: willst?

    3)Ein zweites Mal wiederholt sie: 3 Stunden.

    4)Dazu in der nächsten Stunde zwei Nachträge: Ich sehe mich
    besonders deutlich die Treppe hinaufgehen, und: Nach ihrer
    Antwort gehe ich, aber gar nicht traurig, auf mein Zimmer und
    lese in einem großen Buche, das auf meinem Schreibtische liegt.

  • S.

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    Die Deutung dieses Traumes ging nicht ohne Schwierig-
    keiten vor sich. Infolge der eigentümlichen, mit seinem Inhalte
    verknüpften Umstände, unter denen wir abbrachen, ist nicht
    alles geklärt worden, und damit hängt wieder zusammen, daß
    meine Erinnerung die Reihenfolge der Erschließungen nicht
    überall gleich sicher bewahrt hat. Ich schicke noch voraus,
    welches Thema der fortlaufenden Analyse unterlag, als sich der
    Traum einmengte. Dora warf seit einiger Zeit selbst Fragen über
    den Zusammenhang ihrer Handlungen mit den zu vermutenden
    Motiven auf. Eine dieser Fragen war: Warum habe ich die ersten
    Tage nach der Szene am See noch darüber geschwiegen? Die
    zweite: Warum habe ich dann plötzlich den Eltern davon erzählt?
    Ich fand es überhaupt noch der Erklärung bedürftig, daß sie sich
    durch die Werbung K.s so schwer gekränkt gefühlt, zumal da mir
    die Einsicht aufzugeben begann, daß die Werbung um Dora auch
    für Herrn K. keinen leichtsinnigen Verführungsversuch bedeutet
    hatte. Daß sie von dem Vorfalle ihre Eltern in Kenntnis gesetzt,
    legte ich als eine Handlung aus, die bereits unter dem Einflusse
    krankhafter Rachsucht stand. Ein normales Mädchen wird, so
    sollte ich meinen, allein mit solchen Angelegenheiten fertig.

    Ich werde also das Material, welches sich zur Analyse
    dieses Traumes einstellte, in der ziemlich bunten Ordnung, die
    sich in meiner Reproduktion ergibt, vorbringen.

    Sie irrt allein in einer fremden Stadt, sieht
    Straßen und Plätze. Sie versichert, es war gewiß nicht B.,
    worauf ich zuerst geraten hatte, sondern eine Stadt, in der sie
    nie gewesen war. Es lag nahe, fortzusetzen: Sie können ja Bilder
    oder Photographien gesehen haben, denen Sie die Traumbilder
    entnehmen. Nach dieser Bemerkung stellte sich der Nachtrag
    von dem Monumente auf einem Platze ein und dann sofort die
    Kenntnis der Quelle. Sie hatte zu den Weihnachtsfeiertagen ein
    Album mit Stadtansichten aus einem deutschen Kurorte be-
    kommen und dasselbe gerade gestern hervorgesucht, um es den
    Verwandten, die bei ihnen zu Gast waren, zu zeigen. Es lag in
    einer Bilderschachtel, die sich nicht gleich vorfand, und sie
    fragte die Mama: Wo ist die Schachtel?1) Eines der Bilder

    1)Im Traume fragt sie: Wo ist der Bahnhof? Aus dieser Annäherung
    zog ich einen Schluß, den ich später entwickeln werde.

  • S.

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    zeigte einen Platz mit einem Monumente. Der Spender aber
    war ein junger Ingenieur, dessen flüchtige Bekanntschaft sie
    einst in der Fabrikstadt gemacht hatte. Der junge Mann hatte
    eine Stellung in Deutschland angenommen, um rascher zur
    Selbständigkeit zu kommen, benützte jede Gelegenheit, um sich
    in Erinnerung zu bringen, und es war leicht zu erraten, daß er
    vorhabe, seinerzeit, wenn sich seine Position gebessert, mit einer
    Werbung um Dora hervorzutreten. Aber das brauchte noch
    Zeit, da hieß es warten.

    Das Umherwandern in einer fremden Stadt war überdeter-
    miniert. Es führte zu einem der Tagesanlässe. Zu den Feier-
    tagen war ein jugendlicher Cousin auf Besuch gekommen, dem
    sie jetzt die Stadt Wien zeigen mußte. Dieser Tagesanlaß war
    freilich ein höchst indifferenter. Der Vetter erinnerte sie aber
    an einen kurzen ersten Aufenthalt in Dresden. Damals wanderte
    sie als Fremde herum, versäumte natürlich nicht die berühmte
    Galerie zu besuchen. Ein anderer Vetter, der mit ihnen war und
    Dresden kannte, wollte den Führer durch die Galerie machen.
    Aber sie wies ihn ab und ging allein, blieb vor den
    Bildern stehen, die ihr gefielen. Vor der Sixtina verweilte sie
    zwei Stunden lang in still träumender Bewunderung. Auf die
    Frage, was ihr an dem Bilde so sehr gefallen, wußte sie nichts
    Klares zu antworten. Endlich sagte sie: Die Madonna.

    Daß diese Einfälle wirklich dem traumbildenden Material
    angehören, ist doch gewiß. Sie schließen Bestandteile ein, die
    wir unverändert im Trauminhalte wiederfinden (sie wies ihn ab
    und ging allein – zwei Stunden). Ich merke bereits, daß „Bilder“
    einem Knotenpunkte in dem Gewebe der Traumgedanken ent-
    sprechen (die Bilder im Album – die Bilder in Dresden). Auch
    das Thema der Madonna, der jungfräulichen Mutter, möchte
    ich für weitere Verfolgung herausgreifen. Vor allem aber sehe
    ich, daß sie sich in diesem ersten Teile des Traumes mit einem
    jungen Manne identifiziert. Er irrt in der Fremde herum, er
    bestrebt sich, ein Ziel zu erreichen, aber er wird hingehalten,
    er braucht Geduld, er muß warten. Wenn sie dabei an den
    Ingenieur dachte, so hätte es gestimmt, daß dieses Ziel der Besitz
    eines Weibes, ihrer eigenen Person, sein sollte. Anstatt dessen
    war es ein – Bahnhof, für den wir allerdings nach dem Ver-

  • S.

    86

    hältnisse der Frage im Traume zu der wirklich getanen Frage
    eine Schachtel einsetzen dürfen. Eine Schachtel und ein Weib,
    das geht schon besser zusammen.

    Sie fragt wohl hundertmal… Das führt zu einer
    anderen, minder indifferenten Veranlassung des Traumes. Gestern
    abends nach der Gesellschaft bat sie der Vater, ihm den Cognac
    zu holen; er schlafe nicht, wenn er nicht vorher Cognac ge-
    trunken. Sie verlangte den Schlüssel zum Speisekasten von der
    Mutter, aber die war in ein Gespräch verwickelt und gab ihr
    keine Antwort, bis sie mit der ungeduldigen Übertreibung heraus-
    fuhr: Jetzt habe ich dich schon hundertmal gefragt, wo der
    Schlüssel ist. In Wirklichkeit hatte sie die Frage natürlich nur
    etwa fünfmal wiederholt1).

    Wo ist der Schlüssel? scheint mir das männliche Gegen-
    stück zur Frage: Wo ist die Schachtel? (siehe den ersten Traum.
    Seite 58) Es sind also Fragen — nach den Genitalien.

    In derselben Versammlung Verwandter hatte jemand einen
    Trinkspruch auf den Papa gehalten und die Hoffnung ausge-
    sprochen, daß er noch lange in bester Gesundheit usw. Dabei
    hatte es so eigentümlich in den müden Mienen des Vaters ge-
    zuckt, und sie hatte verstanden, welche Gedanken er zu unter-
    drücken hatte. Der arme kranke Mann! Wer konnte wissen, wie
    lange Lebensdauer ihm noch beschieden war.

    Damit sind wir beim Inhalte des Briefes im Traume
    angelangt. Der Vater war gestorben, sie hatte sich eigenmächtig
    vom Haus entfernt. Ich mahnte sie bei dem Briefe im Traume
    sofort an den Abschiedsbrief, den sie den Eltern geschrieben
    oder wenigstens für die Eltern aufgesetzt hatte. Dieser Brief
    war bestimmt, den Vater in Schrecke zu versetzen, damit er von
    Frau K. ablasse, oder wenigstens an ihm Rache zu nehmen,
    wenn er dazu nicht zu bewegen sei. Wir stehen beim Thema
    ihres Todes und beim Tode ihres Vaters (Friedhof später im
    Traume). Gehen wir irre, wenn wir annehmen, daß die Situation,

    1)Im Trauminhalte steht die Zahl fünf bei der Zeitangabe: 5 Minuten.
    In meinem Buche über die Traumdeutung habe ich an mehreren Beispielen
    gezeigt, wie in den Traumgedanken vorkommende Zahlen vom Traume behandelt
    werden; man findet sie häufig aus ihren Beziehungen gerissen und in neue
    Zusammenhänge eingetragen.

  • S.

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    welche die Fassade des Traumes bildet, einer Rachephantasie
    gegen den Vater entspricht? Die mitleidigen Gedanken vom
    Tage vorher würden gut dazu stimmen. Die Phantasie aber
    lautete: Sie ginge von Haus weg in die Fremde, und dem Vater
    würde aus Kummer darüber, vor Sehnsucht nach ihr das Herz
    brechen. Dann wäre sie gerächt. Sie verstand ja sehr gut, was
    dem Vater fehlte, der jetzt nicht ohne Cognac schlafen konnte1).

    Wir wollen uns die Rachsucht als ein neues Element
    für eine spätere Synthese der Traumgedanken merken.

    Der Inhalt des Briefes mußte aber weitere Determinierung
    zulassen. Woher stammte der Zusatz: Wenn Du willst?

    Da fiel ihr der Nachtrag ein, daß hinter dem Worte „willst“
    ein Fragezeichen gestanden hatte, und damit erkannte sie auch
    diese Worte als Zitat aus dem Briefe der Frau K., welcher die
    Einladung nach L. (am See) enthalten hatte. In ganz auffälliger
    Weise stand in diesem Briefe nach der Einschaltung: „wenn
    Du kommen willst?“ mitten im Gefüge des Satzes ein Frage-
    zeichen.

    Da wären wir also wieder bei der Szene am See und bei
    den Rätseln, die sich an sie knüpften. Ich bat sie, mir diese
    Szene einmal ausführlich zu erzählen. Sie brachte zuerst nicht
    viel Neues. Herr K. hatte eine einigermaßen ernsthafte Einleitung
    vorgebracht; sie ließ ihn aber nicht ausreden. Sobald sie nur
    verstanden hatte, um was es sich handle, schlug sie ihm ins
    Gesicht und eilte davon. Ich wollte wissen, welche Worte er ge-
    braucht; sie erinnerte sich nur an seine Begründung: „Sie wissen,
    ich habe nichts an meiner Frau2).“ Sie wollte dann, um nicht
    mehr mit ihm zusammenzutreffen, den Weg nach L. zu Fuß um
    den See machen und fragte einen Mann, der ihr be-
    gegnete, wie weit sie dahin habe. Auf seine Antwort:
    „2½ Stunden“ gab sie diese Absicht auf und suchte doch
    wieder das Schiff auf, das bald nachher abfuhr. Herr K. war
    auch wieder da, näherte sich ihr, bat sie, ihn zu entschuldigen


    1)Die sexuelle Befriedigung ist unzweifelhaft das beste Schlafmittel,
    sowie Schlaflosigkeit zu allermeist die Folge der Unbefriedigung ist. Der Vater
    schief nicht, weil ihm der Verkehr mit der geliebten Frau fehlte. Vgl. hierzu
    das unten Folgende: Ich habe nichts an meiner Frau.

    2)Diese Worte werden zur Lösung eines unserer Rätsel führen.

  • S.

    88

    und nichts von dem Vorfalle zu erzählen. Sie gab aber keine
    Antwort. — Ja, der Wald im Traume war ganz ähnlich dem
    Walde am Seeufer, in dem sich die eben von neuem beschriebene
    Szene abgespielt hatte. Genau den nämlichen dichten Wald hatte
    sie aber gestern auf einem Gemälde in der Sezessionsausstellung
    gesehen. Im Hintergrunde des Bildes sah man Nymphen1).

    Jetzt wurde ein Verdacht bei mir zur Gewißheit. Bahn-
    hof2) und Friedhof, an Stelle von weiblichen Genitalien, war
    auffällig genug, hatte aber meine geschärfte Aufmerksamkeit
    auf das ähnlich gebildete „Vorhof“ gelenkt, einen anatomischen
    Terminus für eine bestimmte Region der weiblichen Genitalien.
    Aber das konnte ein witziger Irrtum sein. Nun, da die „Nymphen“
    dazu kamen, die man im Hintergrunde des „dichten Waldes“ sieht,
    war ein Zweifel nicht mehr gestattet. Das war symbolische Sexual-
    geographie! Nymphen nennt man, wie dem Arzte, aber nicht dem
    Laien bekannt, wie übrigens auch ersterem nicht sehr gebräuchlich,
    die kleinen Labien im Hintergrunde des „dichten Waldes“ von
    Schamhaaren. Wer aber solche technische Namen wie „Vorhof“ und
    „Nymphen“ gebrauchte, der mußte seine Kenntnis aus Büchern
    geschöpft haben, und zwar nicht aus populären, sondern aus ana-
    tomischen Lehrbüchern oder aus einem Konversationslexikon, der
    gewöhnlichen Zuflucht der von sexueller Neugierde verzehrten
    Jugend. Hinter der ersten Situation des Traumes verbarg sich also,
    wenn diese Deutung richtig war, eine Deflorationsphantasie, wie
    ein Mann sich bemüht, ins weibliche Genitale einzudringen3).


    1)Hier zum drittenmal: Bild (Städtebilder, Galerie in Dresden), aber
    in weit bedeutsamerer Verknüpfung. Durch das, was man an dem Bilde sieht,
    wird es zum Weibsbilde (Wald, Nymphen).

    2)Der „Bahnhof“ dient übrigens dem „Verkehre“. Die psychische Um-
    kleidung mancher Eisenbahnangst.

    3)Die Deflorationsphantasie ist der zweite Bestandteil dieser Situation.
    Die Hervorhebung der Schwierigkeit im Vorwärtskommen und die im Traume
    empfundene Angst weisen auf die gerne betonte Jungfräulichkeit, die wir
    an anderer Stelle durch die „Sixtina“ angedeutet finden. Diese sexuellen
    Gedanken ergeben eine Anknüpfung für die vielleicht nur geheim-
    gehaltenen Wünsche, die sich mit dem wartenden Bewerber in Deutschland
    beschäftigen. Als ersten Bestandteil derselben Traumsituation haben wir die
    Rachephantasie kennen gelernt, die beiden decken einander nicht völlig, sondern
    nur partiell; die Spuren eines noch bedeutsameren dritten Gedankenzuges werden
    wir später finden.

  • S.

    89

    Ich teilte ihr meine Schlüsse mit. Der Eindruck muß
    zwingend gewesen sein, denn es kam sofort ein vergessenes
    Stückchen des Traumes nach: Daß sie ruhig auf ihr
    Zimmer geht und in einem großen Buch ließt, welches
    auf ihrem Schreibtische liegt1). Der Nachdruck liegt
    hier auf den beiden Details: ruhig und groß bei Buch. Ich
    fragte: War es Lexikonformat? Sie bejahte. Nun lesen Kinder
    über verbotene Materien niemals ruhig im Lexikon nach. Sie
    zittern und bangen dabei und schauen sich ängstlich um, ob
    wohl jemand kommt. Die Eltern sind bei solcher Lektüre sehr
    im Wege. Aber die wunscherfüllende Kraft des Traumes hatte
    die unbehagliche Situation gründlich verbessert. Der Vater war
    tot und die anderen schon auf den Friedhof gefahren. Sie konnte
    ruhig lesen, was ihr beliebte. Sollte das nicht heißen, daß einer
    ihrer Gründe zur Rache auch die Auflehnung gegen den Zwang
    der Eltern war? Wenn der Vater tot war, dann konnte sie lesen
    oder lieben, wie sie wollte.

    Zunächst wollte sie sich nun nicht erinnern, daß sie je im
    Konversationslexikon gelesen, dann gab sie zu, daß eine solche
    Erinnerung in ihr auftauchte, freilich harmlosen Inhaltes. Zur
    Zeit, als die geliebte Tante so schwer krank und ihre Reise
    nach Wien schon beschlossen war, kam von einem anderen
    Onkel ein Brief, sie könnten nicht nach Wien reisen, ein
    Kind, also ein Vetter Doras, sei gefährlich an Blinddarm-
    entzündung erkrankt. Damals las sie im Lexikon nach, welches
    die Symptome einer Blinddarmentzündung seien. Von dem, was
    sie gelesen, erinnert sie noch den charakteristisch lokalisierten
    Schmerz im Leibe.

    Nun erinnerte ich, daß sie kurz nach dem Todé der
    Tante eine angebliche Blinddarmentzündung in Wien durch-
    gemacht. Ich hatte mich bisher nicht getraut, diese Erkrankung
    zu ihren hysterischen Leistungen zu rechnen. Sie erzählte, daß


    1)Ich kann diesen Traum als neuen Beweis für die Richtigkeit einer in
    der Traumdeutung (p. 299 u. ff., 6. Aufl. p. 387) enthaltenen Behauptung ver-
    werten, daß die zuerst vergessenen und nachträglich erinnerten Traumstücke
    stets die für das Verständnis des Traumes wichtigsten sind. Ich ziehe dort
    den Schluß, daß auch das Vergessen der Träume die Erklärung durch den
    innerpsychischen Widerstand fordert.

  • S.

    90

    sie die ersten Tage hoch gefiebert und denselben Schmerz im
    Unterleibe verspürt, von dem sie im Lexikon gelesen. Sie habe
    kalte Umschläge bekommen, sie aber nicht vertragen; am zweiten
    Tage sei unter heftigen Schmerzen die seit ihrem Kranksein
    sehr unregelmäßige Periode eingetreten. An Stuhlverstopfung
    habe sie damals konstant gelitten.

    Es ging nicht recht an, diesen Zustand als einen rein
    hysterischen aufzufassen. Wenn auch hysterisches Fieber un-
    zweifelhaft vorkommt, so schien es doch willkürlich, das Fieber
    dieser fraglichen Erkrankung auf Hysterie anstatt auf eine
    organische, damals wirksame Ursache zu beziehen. Ich wollte
    die Spur wieder aufgeben, als sie selbst weiterhalf, indem sie
    den letzten Nachtrag zum Traume brachte: Sie sehe sich be-
    sonders deutlich die Treppe hinaufgehen.

    Dafür verlangte ich natürlich eine besondere Determinierung.
    Ihren wohl nicht ernsthaft gemeinten Einwand, daß sie ja die
    Treppe hinaufgehen müsse, wenn sie in ihre im Stocke gelegene
    Wohnung wolle, konnte ich leicht mit der Bemerkung abweisen,
    wenn sie im Traume von der fremden Stadt nach Wien reisen
    und dabei die Eisenbahnfahrt übergehen könne, so dürfe sie
    sich auch über die Stufen der Treppe im Traume hinwegsetzen.
    Sie erzählte dann weiter: Nach der Blinddarmentzündung habe
    sie schlecht gehen können, weil sie den rechten Fuß nachgezogen.
    Das sei lange so geblieben, und sie hätte darum besonders
    Treppen gerne vermieden. Noch jetzt bleibe der Fuß manchmal
    zurück. Die Ärzte, die sie auf Verlangen des Vaters konsul-
    tierte, hätten sich über diesen ganz ungewöhnlichen Rest nach
    einer Blinddarmentzündung sehr verwundert, besonders da der
    Schmerz im Leibe nicht wieder aufgetreten sei und keineswegs
    das Nachziehen des Fußes begleite1).

    Das war also ein rechtes hysterisches Symptom. Mochte
    auch das Fieber damals organisch bedingt gewesen sein —


    1)Zwischen der „Ovarie“ benannten Schmerzhaftigkeit im Abdomen und
    der Gehstörung des gleichseitigen Beines ist ein somatischer Zusammenhang
    anzunehmen, der hier bei Dora eine besonders spezialisierte Deutung i. e.
    psychische Überlagerung und Verwertung erfährt. Vgl. die analoge Bemerkung
    bei der Analyse der Hustensymptome und des Zusammenhanges von Katarrh
    und Eßunlust.

  • S.

    91

    etwa durch eine der so häufigen Influenza-Erkrankungen ohne
    besondere Lokalisation — so war doch sichergestellt, daß sich
    die Neurose des Zufalles bemächtigte, um ihn für eine ihrer
    Äußerungen zu verwerten. Sie hatte sich also eine Krankheit
    angeschafft, über die sie im Lexikon nachgelesen, sich für diese
    Lektüre bestraft und mußte sich sagen, die Strafe konnte un-
    möglich der Lektüre des harmlosen Artikels gelten, sondern
    war durch eine Verschiebung zustande gekommen, nachdem an
    diese Lektüre sich eine andere schuldvollere angeschlossen hatte,
    die sich heute in der Erinnerung hinter der gleichzeitigen
    harmlosen verbarg1). Vielleicht ließ sich noch erforschen, über
    welche Themata sie damals gelesen hatte.

    Was bedeutete denn der Zustand, der eine Perityphlitis
    nachahmen wollte? Der Rest der Affektion, das Nachziehen
    eines Beines, der zu einer Perityphlitis so gar nicht stimmte,
    mußte sich besser zu der geheimen, etwa sexuellen Bedeutung
    des Krankheitsbildes schicken und konnte seinerseits, wenn
    man ihn aufklärte, ein Licht auf diese gesuchte Bedeutung
    werfen. Ich versuchte, einen Zugang zu diesem Rätsel zu
    finden. Es waren im Traume Zeiten vorgekommen; die Zeit
    ist wahrlich nichts Gleichgültiges bei allem biologischen Ge-
    schehen. Ich fragte also, wann diese Blinddarm-entzündung
    sich ereignet, ob früher oder später als die Szene am See. Die
    prompte, alle Schwierigkeiten mit einem Schlage lösende Antwort
    war: neun Monate nachher. Dieser Termin ist wohl charakteris-
    tisch. Die angebliche Blinddarm-entzündung hatte also die Phanta-
    sie einer Entbindung realisiert mit den bescheidenen Mitteln,
    die der Patientin zu Gebote standen, den Schmerzen und der
    Periodenblutung2). Sie kannte natürlich die Bedeutung dieses
    Termins und konnte die Wahrscheinlichkeit nicht in Abrede
    stellen, daß sie damals im Lexikon über Schwangerschaft und
    Geburt gelesen. Was war aber mit dem nachgezogenen Beine?


    1)Ein ganz typisches Beispiel für Entstehung von Symptomen aus An-
    lässen, die anscheinend mit dem Sexuellen nichts zu tun haben.

    2)Ich habe schon angedeutet, daß die meisten hysterischen Symptome,
    wenn sie ihre volle Ausbildung erlangt haben, eine phantasierte Situation des
    sexuellen Verkehres, also eine Szene des sexuellen Verkehres, eine Schwanger-
    schaft, Entbindung, Wochenbett u. dgl.

  • S.

    92

    Ich durfte jetzt ein Errraten versuchen. So geht man doch,
    wenn man sich den Fuß übertreten hat. Sie hatte also einen
    „Fehltritt“ getan, ganz richtig, wenn sie neun Monate nach der
    Szene am See entbinden konnte. Nur mußte ich eine weitere
    Forderung aufstellen. Man kann — nach meiner Überzeugung
    — solche Symptome nur dann bekommen, wenn man ein in-
    fantiles Vorbild für sie hat. Die Erinnerungen, die man von
    Eindrücken späterer Zeit hat, besitzen, wie ich nach meinen
    bisherigen Erfahrungen strenge festhalten muß, nicht die Kraft,
    sich als Symptome durchzusetzen. Ich wagte kaum zu hoffen,
    daß sie mir das gewünschte Material aus der Kinderzeit liefern
    würde, denn ich kann in Wirklichkeit obigen Satz, an den ich
    gerne glauben möchte, noch nicht allgemein aufstellen. Aber
    hier kam die Bestätigung sofort. Ja, sie hatte sich als Kind
    einmal denselben Fuß übertreten, sie war in B. beim Herunter-
    gehen auf der Treppe über eine Stufe gerutscht; der Fuß,
    es war sogar der nämliche, den sie später nachzog, schwoll an,
    mußte bandagiert werden, sie lag einige Wochen ruhig. Es war
    kurze Zeit vor dem nervösen Asthma im achten Lebensjahre.

    Nun galt es, den Nachweis dieser Phantasie zu verwerten:
    Wenn Sie neun Monate nach der Szene am See eine Entbindung
    durchmachen und dann mit den Folgen des Fehltrittes bis zum
    heutigen Tage herumgehen, so beweist dies, daß Sie im Un-
    bewußten den Ausgang der Szene bedauert haben. Sie haben
    ihn also in Ihrem unbewußten Denken korrigiert. Die Voraus-
    setzung Ihrer Entbindungsphantasie ist ja, daß damals etwas
    vorgegangen ist1), daß Sie damals all das erlebt und erfahren
    haben, was Sie später aus dem Lexikon entnehmen mußten.
    Sie sehen, daß Ihre Liebe zu Herrn K. mit jener Szene nicht
    beendet war, daß sie sich, wie ich behauptet habe, bis auf den
    heutigen Tag — allerdings Ihnen unbewußt — fortsetzt. —
    Sie widersprach dem auch nicht mehr2).


    1)Die Deflorationsphantasie findet also ihre Anwendung auf Herrn
    K., und es wird klar, warum dieselbe Region des Trauminhaltes Material
    aus der Szene am See enthält. (Ablehnung, 21/2 Stunden, der Wald, Ein-
    ladung nach L.)

    2)Einige Nachträge zu den bisherigen Deutungen: Die „Madonna“
    ist offenbar sie selbst, erstens wegen des „Anbeters“, der ihr die Bilder ge-
    geben hat.

  • S.

    93

    Diese Arbeiten zur Aufklärung des zweiten Traumes hatten
    zwei Stunden in Anspruch genommen. Als ich nach Schluß der
    zweiten Sitzung meiner Befriedigung über das Erreichte Aus-
    druck gab, antwortete sie geringschätzig: Was ist denn da viel
    herausgekommen? und bereitete mich so auf das Herannahen
    weiterer Enthüllungen vor.


    schickt hat, dann weil sie Herrn K.’s Liebe vor allem durch ihre Mütter-
    lichkeit gegen seine Kinder gewonnen hatte, und endlich, weil sie als Mädchen
    doch schon ein Kind gehabt hat, im direkten Hinweise auf die Entbindungs-
    phantasie. Die „Madonna“ ist übrigens eine beliebte Gegenvorstellung, wenn
    ein Mädchen unter dem Drucke sexueller Beschuldigungen steht, was ja auch
    bei Dora zutrifft. Ich bekam von diesem Zusammenhange die erste Ahnung
    als Arzt der psychiatrischen Klinik bei einem Falle von halluzinatorischer Ver-
    worrenheit raschen Ablaufes, der sich als Reaktion auf einen Vorwurf des
    Bräutigams herausstellte.

    Die mütterliche Sehnsucht nach einem Kinde wäre bei Fortsetzung
    der Analyse wahrscheinlich als dunkles aber mächtiges Motiv ihres Handelns
    aufzudecken gewesen. – Die vielen Fragen, die sie in letzter Zeit auf-
    geworfen hatte, erscheinen wie Spätankömmlinge der Fragen sexueller Wiß-
    begierde, welche sie aus dem Lexikon zu befriedigen gesucht. Es ist an-
    zunehmen, daß sie über Schwangerschaft, Entbindung, Jungfräulichkeit und
    ähnliche Themata nachgelesen. – Eine der Fragen, die in den Zusammen-
    hang der zweiten Traumsituation einzufügen sind, hatte sie bei der Repro-
    duktion des Traumes vergessen. Es konnte nur die Frage sein: Wohnt hier
    der Herr ***? oder: Wo wohnt der Herr ***? Es muß seinen Grund haben,
    daß sie diese scheinbar harmlose Frage vergessen, nachdem sie sie über-
    haupt in den Traum aufgenommen. Ich finde diesen Grund in dem Familien-
    namen selbst, der gleichzeitig Gegenstandsbedeutung hat, und zwar mehr-
    fache, also einem „zweideutigen“ Worte gleichgesetzt werden kann. Ich
    kann diesen Namen leider nicht mitteilen, um zu zeigen, wie geschickt er
    verwendet worden ist, um „Zweideutiges“ und „Unanständiges“ zu be-
    zeichnen. Es stützt diese Deutung, wenn wir in anderer Region des
    Traumes, wo das Material aus den Erinnerungen an den Tod der Tante
    stammt „Sie sind schon auf den Friedhof gefahren“ gleichfalls eine Wort-
    anspielung auf den Namen der Tante finden. In diesen unanständigen
    Worten wäre wohl der Hinweis auf eine zweite mündliche Quelle ge-
    legen, da für sie das Wörterbuch nicht ausreicht. Ich wäre nicht erstaunt
    gewesen zu hören, daß Frau K. selbst, die Verleumderin, diese Quelle war.
    Dora hätte dann gerade sie edelmütig verschont, während sie die anderen
    Personen mit nahezu tückischer Rache verfolgte; hinter der schier unüber-
    sehbaren Reihe von Verschiebungen, die sich so ergeben, könnte man ein
    einfaches Moment, die tief wurzelnde homosexuelle Liebe zu Frau K.,
    vermuten.

  • S.

    94

    Zur dritten Sitzung trat sie mit den Worten an: „Wissen
    Sie, Herr Doktor, daß ich heute das letzte Mal hier bin?“ –
    Ich kann es nicht wissen, da Sie mir nichts davon gesagt haben.

    – „Ja, ich habe mir vorgenommen, bis Neujahr1) halte ich es
    noch aus; länger will ich aber auf die Heilung nicht warten.“

    – Sie wissen, daß Sie die Freiheit, auszutreten, immer haben.
    Heute wollen wir aber noch arbeiten. Wann haben Sie den
    Entschluß gefaßt? – „Vor 14 Tagen, glaube ich.“ – Das
    klingt ja wie von einem Dienstmädchen, einer Gouvernante,
    14tägige Kündigung. – „Eine Gouvernante, die gekündigt hat,
    war auch damals bei K., als ich sie in L. am See besuchte.“

    – So? von der haben Sie noch nie erzählt. Bitte, erzählen Sie.

    „Es war also ein junges Mädchen im Hause als Gouver-
    nante der Kinder, die ein ganz merkwürdiges Benehmen gegen
    den Herrn zeigte. Sie grüßte ihn nicht, gab ihm keine Antwort,
    reichte ihm nichts bei Tisch, wenn er um etwas bat, kurz, be-
    handelte ihn wie Luft. Er war übrigens auch nicht viel höf-
    licher gegen sie. Einen oder zwei Tage vor der Szene am See
    nahm mich das Mädchen auf die Seite; sie habe mir etwas mit-
    zuteilen. Sie erzählte mir dann, Herr K. habe sich ihr zu
    einer Zeit, als die Frau gerade für mehrere Wochen abwesend
    war, genähert, sie sehr umworben und sie gebeten, ihm gefällig-
    zu sein; er habe nichts von seiner Frau usw.“ … Das sind
    ja dieselben Worte, die er dann in der Werbung um Sie ge-
    braucht, bei denen Sie ihm den Schlag ins Gesicht gegeben.
    – „Ja. Sie gab ihm nach, aber nach kurzer Zeit kümmerte er
    sich nicht mehr um sie, und sie haßte ihn seitdem.“ – Und
    diese Gouvernante hatte gekündigt? – „Nein, sie wollte kün-
    digen. Sie sagte mir, sie habe sofort, wie sie sich verlassen
    gefühlt, den Vorfall ihren Eltern mitgeteilt, die anständige Leute
    sind und irgendwo in Deutschland wohnen. Die Eltern ver-
    langten, daß sie das Haus augenblicklich verlasse, und schrieben
    ihr dann, als sie es nicht tat, sie wollten nichts mehr von ihr
    wissen, sie dürfe nicht mehr nach Hause zurückkommen.“ –
    Und warum ging sie nicht fort? – „Sie sagte, sie wolle noch
    eine kurze Zeit abwarten, ob sich nichts bei Herrn K. ändere.


    1)Es war der 31. Dezember.

  • S.

    95

    So zu leben, halte sie nicht aus. Wenn sie keine Änderung
    sehe, werde sie kündigen und fortgehen.“ — Und was ist aus
    dem Mädchen geworden? — „Ich weiß nur, daß sie fortge-
    gangen ist.“ — Ein Kind hat sie von dem Abenteuer nicht
    davongetragen? — „Nein.“

    Da war also — wie übrigens ganz regelrecht — inmitten
    der Analyse ein Stück tatsächlichen Materials zum Vorscheine
    gekommen, das früher aufgeworfene Probleme lösen half. Ich
    konnte Dora sagen: Jetzt kenne ich das Motiv jenes Schlages,
    mit dem Sie die Werbung beantwortet haben. Es war nicht
    Kränkung über die an Sie gestellte Zumutung, sondern eifer-
    süchtige Rache. Als Ihnen das Fräulein seine Geschichte er-
    zählte, machten Sie noch von Ihrer Kunst Gebrauch, alles bei
    Seite zu schieben, was Ihren Gefühlen nicht paßte. In dem
    Moment, da Herr K. die Worte gebrauchte: Ich habe nichts
    an meiner Frau, die er auch zu dem Fräulein gesagt, wurden
    neue Regungen in Ihnen wachgerufen, und die Wagschale
    kippte um. Sie sagten sich: Er wagt es, mich zu behandeln
    wie eine Gouvernante, eine dienende Person? Diese Hochmuts-
    kränkung zur Eifersucht und zu den bewußten besonnenen Mo-
    tiven hinzu: das war endlich zu viel1). Zum Beweise, wie sehr
    Sie unter dem Eindrucke der Geschichte des Fräuleins stehen,
    halte ich Ihnen die wiederholten Identifizierungen mit ihr im
    Traume und in Ihrem Benehmen vor. Sie sagen es den Eltern,
    was wir bisher nicht verstanden haben, wie das Fräulein es
    den Eltern geschrieben hat. Sie kündigen mir wie eine Gou-
    vernante mit 14tägiger Kündigung. Der Brief im Traume, der
    Ihnen erlaubt, nach Hause zu kommen, ist ein Gegenstück zum
    Briefe der Eltern des Fräuleins, die es ihr verboten hatten.

    „Warum habe ich es dann den Eltern nicht gleich er-
    zählt?“

    Welche Zeit haben Sie denn verstreichen lassen?

    „Am letzten Juni fiel die Szene vor; am 14. Juli habe
    ich’s der Mutter erzählt.“


    1)Es war vielleicht nicht gleichgültig, daß sie dieselbe Klage über
    die Frau, deren Bedeutung sie wohl verstand, auch vom Vater gehört haben
    konnte, wie ich sie aus seinem Munde gehört habe.

  • S.

    96

    Also wieder 14 Tage, der für eine dienende Person charak-
    teristische Termin! Ihre Frage kann ich jetzt beantworten. Sie
    haben ja das arme Mädchen sehr wohl verstanden. Sie wollte
    nicht gleich fortgehen, weil sie noch hoffte, weil sie erwartete,
    daß Herr K. seine Zärtlichkeit ihr wieder zuwenden würde.
    Das muß also auch Ihr Motiv gewesen sein. Sie warteten den
    Termin ab, um zu sehen, ob er seine Werbung erneuern würde,
    daraus hätten Sie geschlossen, daß es ihm Ernst war, und daß
    er nicht mit ihnen spielen wollte wie mit der Gouvernante.

    „In den ersten Tagen nach der Abreise schickte er noch
    eine Ansichtskarte1).“

    Ja, als aber dann nichts weiter kam, da ließen Sie Ihrer
    Rache freien Lauf. Ich kann mir sogar vorstellen, daß damals
    noch Raum für die Nebenabsicht war, ihn durch die Anklage
    zum Hinreisen nach Ihrem Aufenthalte zu bewegen.

    „… Wie er’s ja auch zuerst uns angetragen hat,“ warf
    sie ein. – Dann wäre Ihre Sehnsucht nach ihm gestillt worden,
    – hier nickte sie Bestätigung, was ich nicht erwartet hatte –
    und er hätte Ihnen die Genugtuung geben können, die Sie sich
    verlangten.

    „Welche Genugtuung?“

    Ich fange nämlich an zu ahnen, daß Sie die Angelegen-
    heit mit Herrn K. viel ernster aufgefaßt haben, als Sie bisher
    verraten wollten. War zwischen den K. nicht oft von Scheidung
    die Rede?

    „Gewiß, zuerst wollte sie nicht der Kinder wegen, und
    jetzt will sie, aber er will nicht mehr.“

    Sollten Sie nicht gedacht haben, daß er sich von seiner
    Frau scheiden lassen will, um Sie zu heiraten? Und daß er
    jetzt nicht mehr will, weil er keinen Ersatz hat? Sie waren
    freilich vor zwei Jahren sehr jung, aber Sie haben mir selbst von
    der Mama erzählt, daß sie mit 17 Jahren verlobt war und dann
    zwei Jahre auf ihren Mann gewartet hat. Die Liebesgeschichte
    der Mutter wird gewöhnlich zum Vorbilde für die Tochter. Sie
    wollten also auch auf ihn warten und nahmen an, daß er nur

    1)Dies die Anlehnung für den Ingenieur, der sich hinter dem Ich
    in der ersten Traumsituation verbirgt.

  • S.

    97

    warte, bis Sie reif genug seien, seine Frau zu werden1). Ich
    stelle mir vor, daß es ein ganz ernsthafter Lebensplan bei Ihnen
    war. Sie haben nicht einmal das Recht zu behaupten, daß
    eine solche Absicht bei Herrn K. ausgeschlossen war und haben
    mir genug von ihm erzählt, was direkt auf eine solche Absicht
    deutet2). Auch sein Benehmen in L. widerspricht dem nicht.
    Sie haben ihn ja nicht ausreden lassen und wissen nicht, was
    er Ihnen sagen wollte. Nebstbei wäre der Plan gar nicht so
    unmöglich auszuführen gewesen. Die Beziehungen des Papa zu
    Frau K., die Sie wahrscheinlich nur darum so lange Zeit unter-
    stützt haben, boten Ihnen die Sicherheit, daß die Einwilligung
    der Frau zur Scheidung zu erreichen wäre, und beim Papa
    setzen Sie durch, was Sie wollen. Ja, wenn die Versuchung in
    L. einen anderen Ausgang genommen hätte, wäre dies für
    alle Teile die einzig mögliche Lösung gewesen. Ich meine auch,
    darum haben Sie den anderen Ausgang so bedauert und ihn
    in der Phantasie, die als Blinddarmzündung auftrat, korrigiert.
    Es mußte also eine schwere Enttäuschung für Sie sein, als
    anstatt einer erneuten Werbung das Leugnen und die Schmä-
    hungen von seiten des Herrn K. der Erfolg Ihrer Anklage
    wurden. Sie gestehen zu, daß nichts Sie so sehr in Wut
    bringen kann, als wenn man glaubt, Sie hätten sich die Szene
    am See eingebildet. Ich weiß nun, woran Sie nicht erinnert
    werden wollen, daß Sie sich eingebildet, die Werbung sei ernst-
    haft und Herr K. werde nicht ablassen, bis Sie ihn geheiratet.
    Sie hatte zugehört, ohne wie sonst zu widersprechen. Sie
    schien ergriffen, nahm auf die liebenswürdigste Weise mit
    warmen Wünschen zum Jahreswechsel Abschied und — kam
    nie wieder. Der Vater, der mich noch einige Male besuchte,
    versicherte, sie werde wiederkommen; man merke ihr die Sehn-
    sucht nach der Fortsetzung der Behandlung an. Aber er war
    wohl nie ganz aufrichtig. Er hatte die Kur unterstützt, solange er
    sich Hoffnung machen konnte, ich würde Dora „ausreden“,


    1)Das Warten, bis man das Ziel erreicht, findet sich im Inhalte der
    ersten Traumsituation; in dieser Phantasie vom Warten auf die Braut sehe ich
    ein Stück der dritten, bereits angekündigten Komponente dieses Traumes.

    2)Besonders eine Rede, mit der er im letzten Jahre des Zusammen-
    lebens in B. das Weihnachtsgeschenk einer Briefschachtel begleitet hatte.
    Freud, Neurosenlehre. II. 3. Aufl.

  • S.

    98

    daß zwischen ihm und Frau K. etwas anderes als Freundschaft
    bestehe. Sein Interesse erlosch, als er merkte, daß dieser Erfolg
    nicht in meiner Absicht liege. Ich wußte, daß sie nicht wieder
    kommen würde. Es war ein unzweifelhafter Racheakt, daß sie
    in so unvermuteter Weise, als meine Erwartungen auf glück-
    liche Beendigung der Kur den höchsten Stand einnahmen, ab-
    brach und diese Hoffnungen vernichtete. Auch ihre Tendenz
    zur Selbstschädigung fand ihre Rechnung bei diesem Vorgehen.
    Wer wie ich die bösesten Dämonen, die unvollkommen gebän-
    digt in einer menschlichen Brust wohnen, aufweckt, um sie zu
    bekämpfen, muß darauf gefaßt sein, daß er in diesem Ringen
    selbst nicht unbeschädigt bleibe. Ob ich das Mädchen bei der
    Behandlung erhalten hätte, wenn ich mich selbst in eine Rolle
    gefunden, den Wert ihres Verbleibens für mich übertrieben und
    ihr ein warmes Interesse bezeigt hätte, das bei aller Milderung
    durch meine Stellung als Arzt doch wie ein Ersatz für die von
    ihr ersehnte Zärtlichkeit ausgefallen wäre? Ich weiß es nicht.
    Da ein Teil der Faktoren, die sich als Widerstand entgegen-
    stellen, in jedem Falle unbekannt bleibt, habe ich es immer ver-
    mieden, Rollen zu spielen, und mich mit anspruchsloser psycho-
    logischer Kunst begnügt. Bei allem theoretischen Interesse und
    allem ärztlichen Bestreben, zu helfen, halte ich mir doch vor, daß
    der psychischen Beeinflussung notwendig Grenzen gesetzt sind, und
    respektiere als solche den Willen und die Einsicht des Patienten.

    Ich weiß auch nicht, ob Herr K. mehr erreicht hätte,
    wäre ihm verraten worden, daß jener Schlag ins Gesicht keines-
    wegs ein endgültiges „Nein“ Doras bedeutete, sondern der zu-
    letzt geweckten Eifersucht entsprach, während noch die stärksten
    Regungen ihres Seelenlebens für ihn Partei nahmen. Würde er
    dieses erste „Nein“ überhört und seine Werbung mit über-
    zeugender Leidenschaft fortgesetzt haben, so hätte der Erfolg
    leicht sein können, daß die Neigung des Mädchens sich über
    alle inneren Schwierigkeiten hinweggesetzt hätte. Aber ich meine,
    vielleicht ebenso leicht wäre sie nur gereizt worden, ihre Rach-
    sucht um so ausgiebiger an ihm zu befriedigen. Auf welche Seite
    sich in dem Widerstreite der Motive die Entscheidung neigt, ob
    zur Aufhebung oder zur Verstärkung der Verdrängung, das ist
    niemals zu berechnen. Die Unfähigkeit zur Erfüllung der realen

  • S.

    99

    Liebesforderung ist eine der wesentlichsten Charakterzüge der
    Neurose; die Kranken sind vom Gegensatze zwischen der Realität
    und der Phantasie beherrscht. Was sie in ihren Phantasien am
    intensivsten ersehnen, davor fliehen sie doch, wenn es ihnen in
    Wirklichkeit entgegentritt, und den Phantasien überlassen sie
    sich am liebsten, wo sie eine Realisierung nicht mehr zu be-
    fürchten brauchen. Die Schranke, welche die Verdrängung auf-
    gerichtet hat, kann allerdings unter dem Ansturme heftiger, real
    veranlaßter Erregungen fallen, die Neurose kann noch durch die
    Wirklichkeit überwunden werden. Wir können aber nicht allgemein
    berechnen, bei wem und wodurch diese Heilung möglich wäre1).


    1)Noch einige Bemerkungen über den Aufbau dieses Traumes, der sich
    nicht so gründlich verstehen läßt, daß man seine Synthese versuchen könnte.
    Als ein fassadenartig vorgeschobenes Stück läßt sich die Rachephantasie gegen
    den Vater herausheben: Sie ist eigenmächtig von Hause weggegangen;
    der Vater ist erkrankt, dann gestorben ... Sie geht jetzt nach Hause,
    die anderen sind schon alle auf dem Friedhofe. Sie geht gar nicht traurig
    auf ihr Zimmer und liest ruhig im Lexikon. Darunter zwei Anspielungen auf
    den anderen Racheakt, den sie wirklich ausgeführt, indem sie die Eltern
    einen Abschiedsbrief finden ließ: Der Brief (im Traume von der Mama) und
    die Erwähnung der Leichenbegängnisses der für sie vorbildlichen Tante. —
    Hinter dieser Phantasie verbergen sich die Rachegedanken gegen Herrn K.,
    denen sie in ihrem Benehmen gegen mich einen Ausweg geschafft hat.
    Das Dienstmädchen — die Einladung — der Wald — die 2 Stunden
    stammen aus dem Material der Vorgänge in L. Die Erinnerung an die
    Gouvernante und deren Briefverkehr mit ihren Eltern tritt mit dem Element
    ihres Abschiedsbriefes zu dem im Trauminhalte vorfindlichen Brief, der ihr
    nach Hause zu kommen erlaubt, zusammen. Die Ablehnung, sich begleiten
    zu lassen, der Entschluß, allein zu gehen, läßt sich wohl so übersetzen:
    Weil du mich wie ein Dienstmädchen behandelt hast, lasse ich dich
    stehen, gehe allein meine Wege und heirate nicht. — Durch diese Rache
    gedanken verdeckt, schimmert an anderen Stellen Material aus zärt-
    lichen Phantasien aus der unbewußt fortgesetzten Leibe zu Herrn K. durch:
    Ich hätte auf dich gewartet, bis ich deine Frau geworden wäre — die Deflora-
    tion — die Entbindung. — Endlich gehört es dem vierten, am tiefsten ver-
    borgenen Gedankenkreise, dem der Liebe zu Frau K. an, daß die Deflorations-
    phantasie vom Standpunkte des Mannes dargestellt wird (Identifizierung mit
    dem Verehrer, der jetzt in der Fremde weilt), und daß an zwei Stellen die
    deutlichsten Anspielungen auf zweideutige Reden (wohnt hier der Herr
    X. X.) und auf die nicht mündliche Quelle ihrer sexuellen Kenntnisse (Lexikon)
    enthalten sind. Grausame und sadistische Regungen finden in diesem Traume
    ihre Erfüllung.