S.
80
III.
Der zweite Traum.
Wenige Wochen nach dem ersten fiel der zweite Traum
vor, mit dessen Erledigung die Analyse abbrach. Er ist nichtläßt sich treffend symbolisieren, indem sie in dieser Situation Herrn K. durch
den Vater ersetzt.Der Vater weckte sie aber seinerzeit, damit sie das Bett nicht naß mache.
Dieses „Naß“ wird bestimmend für den weiteren Trauminhalt, in welchen
es aber nur durch eine entfernte Anspielung und durch seinen Gegensatz ver-
treten ist.Der Gegensatz von „Naß“, „Wasser“ kann leicht „Feuer“, „Brennen“
sein. Die Zufälligkeit, daß der Vater bei der Ankunft an dem Orte Angst
vor Feuersgefahr geäußert hat, hilft mit, um zu entscheiden, daß die Gefahr,
aus welcher der Vater sie rettet, eine Brandgefahr sei. Auf diesen Zufall und
auf den Gegensatz zu „Naß“ stützt sich die gewählte Situation des Traumbildes:
Es brennt, der Vater steht vor ihrem Bette, um sie zu wecken. Die zufällige
Äußerung des Vaters gelangte wohl nicht zu dieser Bedeutung im Traum-
inhalte, wenn sie nicht so vortrefflich zu der siegreichen Gefühlsströmung
stimmen würde, die in dem Vater durchaus den Helfer und Retter finden will
Er hat die Gefahr gleich bei der Ankunft geahnt, er hat recht gehabt! (In
Wirklichkeit hat er das Mädchen in diese Gefahr gebracht.)In den Traumgedanken fällt dem „Naß“ infolge leicht herstellbarer
Beziehungen die Rolle eines Knotenpunktes für mehrere Vorstellungskreise zu.
„Naß“ gehört nicht allein dem Bettnässen an, sondern auch dem Kreise der
sexuellen Versuchsgedanken, die unterdrückt hinter diesem Trauminhalte stehen.
Sie weiß, daß es auch ein Naßwerden beim sexuellen Verkehr gibt, daß der
Mann dem Weib etwas Flüssiges in Tropfenform bei der Begattung schenkt.
Sie weiß, daß gerade darin die Gefahr besteht, daß ihr die Aufgabe gestellt
wird, das Genitale vor dem Benetztwerden zu hüten.Mit „Naß“ und „Tropfen“ erschließt sich gleichzeitig der andere
Assoziationskreis, der des ekelhaften Katarrhs, der in ihren reiferen Jahren
wohl die nämliche beschämende Bedeutung hat wie in der Kinderzeit das
Bettnässen. „Naß“ wird hier gleichbedeutend mit „Verunreinigt“. Das Genitale,
das rein gehalten werden soll, ist ja schon durch den Katarrh verunreinigt,
übrigens bei der Mama gerade so wie bei ihr (Seite 66). Sie scheint zu
verstehen, daß die Reinlichkeitssucht der Mama die Reaktion gegen diese
Verunreinigung ist.Beide Kreise treffen in dem einen zusammen: Die Mama hat beides
vom Papa bekommen, das sexuelle Naß und den verunreinigenden Fluor.
Die Eifersucht gegen die Mama ist untrennbar von dem Gedankenkreise der
hier zum Schutze aufgerufenen infantilen Liebe zum Vater. Aber darstellungs-
fähig ist dieses Material noch nicht. Läßt sich aber eine Erinnerung finden,
die mit den beiden Kreisen des „Naß“ in ähnlich guter Beziehung steht, aberS.
81
so voll durchsichtig zu machen wie der erste, brachte aber eine
erwünschte Bestätigung einer notwendig gewordenen Annahme
über den Seelenzustand der Patientin, füllte eine Gedächtnis-
das Anstößige vermeidet, so wird diese die Vertretung im Trauminhalte über
nehmen können.Eine solche findet sich in der Begebenheit von den „Tropfen“, die sich
die Mama als Schmuck gewünscht. Anscheinend ist die Verknüpfung dieser
Reminiszenz mit den beiden Kreisen des sexuellen Naß und der Verunreinigung
eine äußerliche, oberflächliche, durch die Worte vermittelt, denn „Tropfen“ ist
als „Wechsel“, als zweideutiges Wort verwendet, und „Schmuck“ ist so viel als
„rein“ – ein etwas gezwungener Gegensatz zu „verunreinigt“. In Wirklichkeit
sind die festesten inhaltlichen Verknüpfungen nachweisbar. Die Erinnerung
stammt aus dem Material der infantil wurzelnden, aber weit fortgesetzten
Eifersucht gegen die Mama. Über die beiden Wortbrücken kann alle
Bedeutung, die an den Vorstellungen vom sexuellen Verkehre zwischen den
Eltern, von der Fluorkrankung und von der quälenden Reinmacherei der
Mama haftet, auf die eine Reminiszenz von den „Schmucktropfen“ übergeführt
werden.Doch muß noch eine weitere Verschiebung für den Trauminhalt Platz
greifen. Nicht das dem ursprünglichen „Naß“ nähere „Tropfen“, sondern das
entferntere „Schmuck“ gelangt zur Aufnahme in den Traum. Es hätte also
heißen können, wenn dieses Element in die vorher fixierte Traumsituation
eingefügt wird: Die Mama will noch ihren Schmuck retten. In der neuen
Abänderung „Schmuckkästchen“ macht sich nun nachträglich der Einfluß von
Elementen aus dem unterliegenden Kreise der Versuchung durch Herrn K.
geltend. Schmuck hat ihr Herr K. nicht geschenkt, wohl aber ein „Kästchen“
dafür, die Vertretung all der Auszeichnungen und Zärtlichkeiten, für die sie
jetzt dankbar sein sollte. Und das jetzt entstandene Kompositum „Schmuck-
kästchen“ hat noch einen besonderen vertretenden Wert. Ist „Schmuck-
kästchen“ nicht ein gebräuchliches Bild für das unbefleckte, unversehrte,
weibliche Genitale? Und anderseits ein harmloses Wort, also vortrefflich
geeignet, die sexuellen Gedanken hinter dem Traum ebensosehr anzudeuten wie
zu verstecken?So heißt es also im Trauminhalte an zwei Stellen: „Schmuckkästchen
der Mama“, und dies Element ersetzt die Erwähnung der infantilen Eifersucht,
der Tropfen, also des sexuellen Nassen, der Verunreinigung durch den Fluor
und anderseits der jetzt aktuellen Versuchungsgedanken, die auf Gegenliebe
dringen und die bevorstehende – ersehnte und drohende – sexuelle Situation
ausmalen. Das Element „Schmuckkästchen“ ist wie kein anderes ein Ver-
dichtungs- und Verschiebungsergebnis und ein Kompromiß gegensätzlicher
Strömungen. Auf seine mehrfache Herkunft – aus infantiler wie aus aktueller
Quelle – deutet wohl sein zweimaliges Auftreten im Trauminhalte.Der Traum ist die Reaktion auf ein frisches, erregend wirkendes Er-
lebnis, welches notwendigerweise die Erinnerung an das einzige analog-
Freud, Neurosenlehre. II. 3. Aufl.S.
82
lücke aus und ließ einen tiefen Einblick in die Entstehung eines
anderen ihrer Symptome gewinnen.
Dora erzählte: Ich gehe in einer Stadt, die ich
nicht kenne, spaziere, sehe Straßen und Plätze, dieErlebnis früherer Jahre wecken muß. Dies ist die Szene mit dem Kusse im
Laden, bei dem der Ekel auftrat. Dieselbe Szene ist aber assoziativ von
anderswoher zugänglich, von dem Gedankenkreise des Katarrhs (vgl. S. 74)
und von dem der aktuellen Versuchung aus. Sie liefert also einen eigenen
Beitrag zum Trauminhalte, der sich der vorgebildeten Situation anpassen
muß. Es brennt... der Kuß hat wohl nach Rauch geschmeckt, sie riecht
also Rauch im Trauminhalte, der sich hier über das Erwachen fortsetzt.In der Analyse dieses Traumes habe ich leider aus Unachtsamkeit
eine Lücke gelassen. Dem Vater ist die Rede in den Mund gelegt: Ich will
nicht, daß meine beiden Kinder usw. (hier ist wohl aus den Traumgedanken
einzufügen: an den Folgen der Masturbation) zugrunde gehen. Solche
Traumrede ist regelmäßig aus Stücken realer, gehaltener oder gehörter
Rede zusammengesetzt. Ich hätte mich nach der realen Herkunft dieser Rede
erkundigen sollen. Das Ergebnis dieser Nachfrage hätte den Aufbau des
Traumes zwar verwickelter ergeben, aber dabei gewiß auch durchsichtiger er-
kennen lassen.Soll man annehmen, daß dieser Traum damals in L. genau den näm-
lichen Inhalt gehabt hat wie bei seiner Wiederholung während der Kur?
Es scheint nicht notwendig. Die Erfahrung zeigt, daß die Menschen häufig
behaupten, sie hätten denselben Traum gehabt, während sich die einzelnen
Erscheinungen des wiederkehrenden Traumes durch zahlreiche Details und
sonst weitgehende Abänderungen unterscheiden. So berichtet eine meiner
Patientinnen, sie habe heute wieder ihren stets in gleicher Weise wieder-
kehrenden Lieblingstraum gehabt, daß sie im blauen Meere schwimme, mit
Genuß die Wogen teile usw. Nähere Nachforschung ergibt, daß auf dem
gemeinsamen Untergrunde das eine Mal dies, das andere Mal jenes Detail
aufgetragen ist; ja, einmal schwamm sie im Meere, während es gefroren war,
mitten zwischen Eisbergen. Andere Träume, die sie selbst nicht mehr
für die nämlichen auszugeben versucht, zeigen sich mit diesen wieder-
kehrenden innig verknüpft. Sie sieht z. B. nach einer Photographie gleich-
zeitig das Ober- und das Unterland von Helgoland in realen Dimensionen,
auf dem Meere ein Schiff, in dem sich zwei Jugendbekannte von ihr be-
finden usw.Sicher ist, daß der während der Kur vorfallende Traum Doras-
vielleicht ohne seinen manifesten Inhalt zu ändern – eine neue aktuelle
Bedeutung gewonnen hatte. Er schloß unter seinen Traumgedanken eine
Beziehung zu meiner Behandlung ein und entsprach einer Erneuerung des
damaligen Vorsatzes, sich einer Gefahr zu entziehen. Wenn keine Erinnerungs-
täuschung von ihrer Seite im Spiele war, als sie behauptete, den Rauch
nach dem Erwachen schon in L. verspürt zu haben, so ist anzuerkennen,S.
83
mir fremd sind1). Ich komme dann in ein Haus, wo
ich wohne, gehe auf mein Zimmer und finde dort
einen Brief der Mama liegen. Sie schreibt: Da ich
ohne Wissen der Eltern vom Hause fort bin, wollte
sie mir nicht schreiben, daß der Papa erkrankt ist.
Jetzt ist er gestorben, und wenn Du willst2), kannst
Du kommen. Ich gehe nun zum Bahnhofe und frage
etwa 100mal: Wo ist der Bahnhof? Ich bekomme
immer die Antwort: Fünf Minuten. Ich sehe dann einen
dichten Wald vor mir, in den ich hineingehe, und
frage dort einen Mann, dem ich begegne. Er sagt
mir: Noch 21/2 Stunden3). Er bietet mir an, mich zu
begleiten. Ich lehne ab und gehe allein. Ich sehe den
Bahnhof vor mir und kann ihn nicht erreichen. Dabei
ist das gewöhnliche Angstgefühl, wenn man im Traume
nicht weiter kommt. Dann bin ich zu Hause, da
zwischen muß ich gefahren sein, davon weiß ich aber
nichts. — Trete in die Portierloge und frage ihn nach
unserer Wohnung. Das Dienstmädchen öffnet mir
und antwortet: Die Mama und die anderen sind schon
auf dem Friedhofe4).
daß sie meinen Ausspruch: „Wo Rauch ist, da ist Feuer“ sehr geschickt
unter die fertige Traumform gebracht, wo er zur Überdeterminierung des
letzten Elementes verwendet erscheint. Ein unügbarer Zufall war es, daß
ihr der letzte aktuelle Anlaß, das Verschließen des Speisezimmers von seiten
der Mutter, wodurch der Bruder in seinem Schlafraume eingeschlossen blieb,
eine Anknüpfung an die Nachstellung des Herrn K. in L. brachte, wo ihr
Entschluß zur Reife kam, als sie ihr Schlafzimmer nicht verschließen konnte.
Vielleicht kam der Bruder in den damaligen Träumen nicht vor, so daß die
Rede „meine beiden Kinder“ erst nach dem letzten Anlasse in den Trauminhalt
gelangte.1)Hierzu der wichtige Nachtrag: Auf einem der Plätze sehe ich
ein Monument.2)Dazu der Nachtrag: Bei diesem Worte stand ein Frage-
zeichen: willst?3)Ein zweites Mal wiederholt sie: 3 Stunden.
4)Dazu in der nächsten Stunde zwei Nachträge: Ich sehe mich
besonders deutlich die Treppe hinaufgehen, und: Nach ihrer
Antwort gehe ich, aber gar nicht traurig, auf mein Zimmer und
lese in einem großen Buche, das auf meinem Schreibtische liegt.S.
84
Die Deutung dieses Traumes ging nicht ohne Schwierig-
keiten vor sich. Infolge der eigentümlichen, mit seinem Inhalte
verknüpften Umstände, unter denen wir abbrachen, ist nicht
alles geklärt worden, und damit hängt wieder zusammen, daß
meine Erinnerung die Reihenfolge der Erschließungen nicht
überall gleich sicher bewahrt hat. Ich schicke noch voraus,
welches Thema der fortlaufenden Analyse unterlag, als sich der
Traum einmengte. Dora warf seit einiger Zeit selbst Fragen über
den Zusammenhang ihrer Handlungen mit den zu vermutenden
Motiven auf. Eine dieser Fragen war: Warum habe ich die ersten
Tage nach der Szene am See noch darüber geschwiegen? Die
zweite: Warum habe ich dann plötzlich den Eltern davon erzählt?
Ich fand es überhaupt noch der Erklärung bedürftig, daß sie sich
durch die Werbung K.s so schwer gekränkt gefühlt, zumal da mir
die Einsicht aufzugeben begann, daß die Werbung um Dora auch
für Herrn K. keinen leichtsinnigen Verführungsversuch bedeutet
hatte. Daß sie von dem Vorfalle ihre Eltern in Kenntnis gesetzt,
legte ich als eine Handlung aus, die bereits unter dem Einflusse
krankhafter Rachsucht stand. Ein normales Mädchen wird, so
sollte ich meinen, allein mit solchen Angelegenheiten fertig.Ich werde also das Material, welches sich zur Analyse
dieses Traumes einstellte, in der ziemlich bunten Ordnung, die
sich in meiner Reproduktion ergibt, vorbringen.Sie irrt allein in einer fremden Stadt, sieht
Straßen und Plätze. Sie versichert, es war gewiß nicht B.,
worauf ich zuerst geraten hatte, sondern eine Stadt, in der sie
nie gewesen war. Es lag nahe, fortzusetzen: Sie können ja Bilder
oder Photographien gesehen haben, denen Sie die Traumbilder
entnehmen. Nach dieser Bemerkung stellte sich der Nachtrag
von dem Monumente auf einem Platze ein und dann sofort die
Kenntnis der Quelle. Sie hatte zu den Weihnachtsfeiertagen ein
Album mit Stadtansichten aus einem deutschen Kurorte be-
kommen und dasselbe gerade gestern hervorgesucht, um es den
Verwandten, die bei ihnen zu Gast waren, zu zeigen. Es lag in
einer Bilderschachtel, die sich nicht gleich vorfand, und sie
fragte die Mama: Wo ist die Schachtel?1) Eines der Bilder1)Im Traume fragt sie: Wo ist der Bahnhof? Aus dieser Annäherung
zog ich einen Schluß, den ich später entwickeln werde.S.
85
zeigte einen Platz mit einem Monumente. Der Spender aber
war ein junger Ingenieur, dessen flüchtige Bekanntschaft sie
einst in der Fabrikstadt gemacht hatte. Der junge Mann hatte
eine Stellung in Deutschland angenommen, um rascher zur
Selbständigkeit zu kommen, benützte jede Gelegenheit, um sich
in Erinnerung zu bringen, und es war leicht zu erraten, daß er
vorhabe, seinerzeit, wenn sich seine Position gebessert, mit einer
Werbung um Dora hervorzutreten. Aber das brauchte noch
Zeit, da hieß es warten.Das Umherwandern in einer fremden Stadt war überdeter-
miniert. Es führte zu einem der Tagesanlässe. Zu den Feier-
tagen war ein jugendlicher Cousin auf Besuch gekommen, dem
sie jetzt die Stadt Wien zeigen mußte. Dieser Tagesanlaß war
freilich ein höchst indifferenter. Der Vetter erinnerte sie aber
an einen kurzen ersten Aufenthalt in Dresden. Damals wanderte
sie als Fremde herum, versäumte natürlich nicht die berühmte
Galerie zu besuchen. Ein anderer Vetter, der mit ihnen war und
Dresden kannte, wollte den Führer durch die Galerie machen.
Aber sie wies ihn ab und ging allein, blieb vor den
Bildern stehen, die ihr gefielen. Vor der Sixtina verweilte sie
zwei Stunden lang in still träumender Bewunderung. Auf die
Frage, was ihr an dem Bilde so sehr gefallen, wußte sie nichts
Klares zu antworten. Endlich sagte sie: Die Madonna.Daß diese Einfälle wirklich dem traumbildenden Material
angehören, ist doch gewiß. Sie schließen Bestandteile ein, die
wir unverändert im Trauminhalte wiederfinden (sie wies ihn ab
und ging allein – zwei Stunden). Ich merke bereits, daß „Bilder“
einem Knotenpunkte in dem Gewebe der Traumgedanken ent-
sprechen (die Bilder im Album – die Bilder in Dresden). Auch
das Thema der Madonna, der jungfräulichen Mutter, möchte
ich für weitere Verfolgung herausgreifen. Vor allem aber sehe
ich, daß sie sich in diesem ersten Teile des Traumes mit einem
jungen Manne identifiziert. Er irrt in der Fremde herum, er
bestrebt sich, ein Ziel zu erreichen, aber er wird hingehalten,
er braucht Geduld, er muß warten. Wenn sie dabei an den
Ingenieur dachte, so hätte es gestimmt, daß dieses Ziel der Besitz
eines Weibes, ihrer eigenen Person, sein sollte. Anstatt dessen
war es ein – Bahnhof, für den wir allerdings nach dem Ver-S.
86
hältnisse der Frage im Traume zu der wirklich getanen Frage
eine Schachtel einsetzen dürfen. Eine Schachtel und ein Weib,
das geht schon besser zusammen.Sie fragt wohl hundertmal… Das führt zu einer
anderen, minder indifferenten Veranlassung des Traumes. Gestern
abends nach der Gesellschaft bat sie der Vater, ihm den Cognac
zu holen; er schlafe nicht, wenn er nicht vorher Cognac ge-
trunken. Sie verlangte den Schlüssel zum Speisekasten von der
Mutter, aber die war in ein Gespräch verwickelt und gab ihr
keine Antwort, bis sie mit der ungeduldigen Übertreibung heraus-
fuhr: Jetzt habe ich dich schon hundertmal gefragt, wo der
Schlüssel ist. In Wirklichkeit hatte sie die Frage natürlich nur
etwa fünfmal wiederholt1).Wo ist der Schlüssel? scheint mir das männliche Gegen-
stück zur Frage: Wo ist die Schachtel? (siehe den ersten Traum.
Seite 58) Es sind also Fragen — nach den Genitalien.In derselben Versammlung Verwandter hatte jemand einen
Trinkspruch auf den Papa gehalten und die Hoffnung ausge-
sprochen, daß er noch lange in bester Gesundheit usw. Dabei
hatte es so eigentümlich in den müden Mienen des Vaters ge-
zuckt, und sie hatte verstanden, welche Gedanken er zu unter-
drücken hatte. Der arme kranke Mann! Wer konnte wissen, wie
lange Lebensdauer ihm noch beschieden war.Damit sind wir beim Inhalte des Briefes im Traume
angelangt. Der Vater war gestorben, sie hatte sich eigenmächtig
vom Haus entfernt. Ich mahnte sie bei dem Briefe im Traume
sofort an den Abschiedsbrief, den sie den Eltern geschrieben
oder wenigstens für die Eltern aufgesetzt hatte. Dieser Brief
war bestimmt, den Vater in Schrecke zu versetzen, damit er von
Frau K. ablasse, oder wenigstens an ihm Rache zu nehmen,
wenn er dazu nicht zu bewegen sei. Wir stehen beim Thema
ihres Todes und beim Tode ihres Vaters (Friedhof später im
Traume). Gehen wir irre, wenn wir annehmen, daß die Situation,1)Im Trauminhalte steht die Zahl fünf bei der Zeitangabe: 5 Minuten.
In meinem Buche über die Traumdeutung habe ich an mehreren Beispielen
gezeigt, wie in den Traumgedanken vorkommende Zahlen vom Traume behandelt
werden; man findet sie häufig aus ihren Beziehungen gerissen und in neue
Zusammenhänge eingetragen.S.
87
welche die Fassade des Traumes bildet, einer Rachephantasie
gegen den Vater entspricht? Die mitleidigen Gedanken vom
Tage vorher würden gut dazu stimmen. Die Phantasie aber
lautete: Sie ginge von Haus weg in die Fremde, und dem Vater
würde aus Kummer darüber, vor Sehnsucht nach ihr das Herz
brechen. Dann wäre sie gerächt. Sie verstand ja sehr gut, was
dem Vater fehlte, der jetzt nicht ohne Cognac schlafen konnte1).Wir wollen uns die Rachsucht als ein neues Element
für eine spätere Synthese der Traumgedanken merken.Der Inhalt des Briefes mußte aber weitere Determinierung
zulassen. Woher stammte der Zusatz: Wenn Du willst?Da fiel ihr der Nachtrag ein, daß hinter dem Worte „willst“
ein Fragezeichen gestanden hatte, und damit erkannte sie auch
diese Worte als Zitat aus dem Briefe der Frau K., welcher die
Einladung nach L. (am See) enthalten hatte. In ganz auffälliger
Weise stand in diesem Briefe nach der Einschaltung: „wenn
Du kommen willst?“ mitten im Gefüge des Satzes ein Frage-
zeichen.Da wären wir also wieder bei der Szene am See und bei
den Rätseln, die sich an sie knüpften. Ich bat sie, mir diese
Szene einmal ausführlich zu erzählen. Sie brachte zuerst nicht
viel Neues. Herr K. hatte eine einigermaßen ernsthafte Einleitung
vorgebracht; sie ließ ihn aber nicht ausreden. Sobald sie nur
verstanden hatte, um was es sich handle, schlug sie ihm ins
Gesicht und eilte davon. Ich wollte wissen, welche Worte er ge-
braucht; sie erinnerte sich nur an seine Begründung: „Sie wissen,
ich habe nichts an meiner Frau2).“ Sie wollte dann, um nicht
mehr mit ihm zusammenzutreffen, den Weg nach L. zu Fuß um
den See machen und fragte einen Mann, der ihr be-
gegnete, wie weit sie dahin habe. Auf seine Antwort:
„2½ Stunden“ gab sie diese Absicht auf und suchte doch
wieder das Schiff auf, das bald nachher abfuhr. Herr K. war
auch wieder da, näherte sich ihr, bat sie, ihn zu entschuldigen
1)Die sexuelle Befriedigung ist unzweifelhaft das beste Schlafmittel,
sowie Schlaflosigkeit zu allermeist die Folge der Unbefriedigung ist. Der Vater
schief nicht, weil ihm der Verkehr mit der geliebten Frau fehlte. Vgl. hierzu
das unten Folgende: Ich habe nichts an meiner Frau.2)Diese Worte werden zur Lösung eines unserer Rätsel führen.
S.
88
und nichts von dem Vorfalle zu erzählen. Sie gab aber keine
Antwort. — Ja, der Wald im Traume war ganz ähnlich dem
Walde am Seeufer, in dem sich die eben von neuem beschriebene
Szene abgespielt hatte. Genau den nämlichen dichten Wald hatte
sie aber gestern auf einem Gemälde in der Sezessionsausstellung
gesehen. Im Hintergrunde des Bildes sah man Nymphen1).Jetzt wurde ein Verdacht bei mir zur Gewißheit. Bahn-
hof2) und Friedhof, an Stelle von weiblichen Genitalien, war
auffällig genug, hatte aber meine geschärfte Aufmerksamkeit
auf das ähnlich gebildete „Vorhof“ gelenkt, einen anatomischen
Terminus für eine bestimmte Region der weiblichen Genitalien.
Aber das konnte ein witziger Irrtum sein. Nun, da die „Nymphen“
dazu kamen, die man im Hintergrunde des „dichten Waldes“ sieht,
war ein Zweifel nicht mehr gestattet. Das war symbolische Sexual-
geographie! Nymphen nennt man, wie dem Arzte, aber nicht dem
Laien bekannt, wie übrigens auch ersterem nicht sehr gebräuchlich,
die kleinen Labien im Hintergrunde des „dichten Waldes“ von
Schamhaaren. Wer aber solche technische Namen wie „Vorhof“ und
„Nymphen“ gebrauchte, der mußte seine Kenntnis aus Büchern
geschöpft haben, und zwar nicht aus populären, sondern aus ana-
tomischen Lehrbüchern oder aus einem Konversationslexikon, der
gewöhnlichen Zuflucht der von sexueller Neugierde verzehrten
Jugend. Hinter der ersten Situation des Traumes verbarg sich also,
wenn diese Deutung richtig war, eine Deflorationsphantasie, wie
ein Mann sich bemüht, ins weibliche Genitale einzudringen3).
1)Hier zum drittenmal: Bild (Städtebilder, Galerie in Dresden), aber
in weit bedeutsamerer Verknüpfung. Durch das, was man an dem Bilde sieht,
wird es zum Weibsbilde (Wald, Nymphen).2)Der „Bahnhof“ dient übrigens dem „Verkehre“. Die psychische Um-
kleidung mancher Eisenbahnangst.3)Die Deflorationsphantasie ist der zweite Bestandteil dieser Situation.
Die Hervorhebung der Schwierigkeit im Vorwärtskommen und die im Traume
empfundene Angst weisen auf die gerne betonte Jungfräulichkeit, die wir
an anderer Stelle durch die „Sixtina“ angedeutet finden. Diese sexuellen
Gedanken ergeben eine Anknüpfung für die vielleicht nur geheim-
gehaltenen Wünsche, die sich mit dem wartenden Bewerber in Deutschland
beschäftigen. Als ersten Bestandteil derselben Traumsituation haben wir die
Rachephantasie kennen gelernt, die beiden decken einander nicht völlig, sondern
nur partiell; die Spuren eines noch bedeutsameren dritten Gedankenzuges werden
wir später finden.S.
89
Ich teilte ihr meine Schlüsse mit. Der Eindruck muß
zwingend gewesen sein, denn es kam sofort ein vergessenes
Stückchen des Traumes nach: Daß sie ruhig auf ihr
Zimmer geht und in einem großen Buch ließt, welches
auf ihrem Schreibtische liegt1). Der Nachdruck liegt
hier auf den beiden Details: ruhig und groß bei Buch. Ich
fragte: War es Lexikonformat? Sie bejahte. Nun lesen Kinder
über verbotene Materien niemals ruhig im Lexikon nach. Sie
zittern und bangen dabei und schauen sich ängstlich um, ob
wohl jemand kommt. Die Eltern sind bei solcher Lektüre sehr
im Wege. Aber die wunscherfüllende Kraft des Traumes hatte
die unbehagliche Situation gründlich verbessert. Der Vater war
tot und die anderen schon auf den Friedhof gefahren. Sie konnte
ruhig lesen, was ihr beliebte. Sollte das nicht heißen, daß einer
ihrer Gründe zur Rache auch die Auflehnung gegen den Zwang
der Eltern war? Wenn der Vater tot war, dann konnte sie lesen
oder lieben, wie sie wollte.Zunächst wollte sie sich nun nicht erinnern, daß sie je im
Konversationslexikon gelesen, dann gab sie zu, daß eine solche
Erinnerung in ihr auftauchte, freilich harmlosen Inhaltes. Zur
Zeit, als die geliebte Tante so schwer krank und ihre Reise
nach Wien schon beschlossen war, kam von einem anderen
Onkel ein Brief, sie könnten nicht nach Wien reisen, ein
Kind, also ein Vetter Doras, sei gefährlich an Blinddarm-
entzündung erkrankt. Damals las sie im Lexikon nach, welches
die Symptome einer Blinddarmentzündung seien. Von dem, was
sie gelesen, erinnert sie noch den charakteristisch lokalisierten
Schmerz im Leibe.Nun erinnerte ich, daß sie kurz nach dem Todé der
Tante eine angebliche Blinddarmentzündung in Wien durch-
gemacht. Ich hatte mich bisher nicht getraut, diese Erkrankung
zu ihren hysterischen Leistungen zu rechnen. Sie erzählte, daß
1)Ich kann diesen Traum als neuen Beweis für die Richtigkeit einer in
der Traumdeutung (p. 299 u. ff., 6. Aufl. p. 387) enthaltenen Behauptung ver-
werten, daß die zuerst vergessenen und nachträglich erinnerten Traumstücke
stets die für das Verständnis des Traumes wichtigsten sind. Ich ziehe dort
den Schluß, daß auch das Vergessen der Träume die Erklärung durch den
innerpsychischen Widerstand fordert.S.
90
sie die ersten Tage hoch gefiebert und denselben Schmerz im
Unterleibe verspürt, von dem sie im Lexikon gelesen. Sie habe
kalte Umschläge bekommen, sie aber nicht vertragen; am zweiten
Tage sei unter heftigen Schmerzen die seit ihrem Kranksein
sehr unregelmäßige Periode eingetreten. An Stuhlverstopfung
habe sie damals konstant gelitten.Es ging nicht recht an, diesen Zustand als einen rein
hysterischen aufzufassen. Wenn auch hysterisches Fieber un-
zweifelhaft vorkommt, so schien es doch willkürlich, das Fieber
dieser fraglichen Erkrankung auf Hysterie anstatt auf eine
organische, damals wirksame Ursache zu beziehen. Ich wollte
die Spur wieder aufgeben, als sie selbst weiterhalf, indem sie
den letzten Nachtrag zum Traume brachte: Sie sehe sich be-
sonders deutlich die Treppe hinaufgehen.Dafür verlangte ich natürlich eine besondere Determinierung.
Ihren wohl nicht ernsthaft gemeinten Einwand, daß sie ja die
Treppe hinaufgehen müsse, wenn sie in ihre im Stocke gelegene
Wohnung wolle, konnte ich leicht mit der Bemerkung abweisen,
wenn sie im Traume von der fremden Stadt nach Wien reisen
und dabei die Eisenbahnfahrt übergehen könne, so dürfe sie
sich auch über die Stufen der Treppe im Traume hinwegsetzen.
Sie erzählte dann weiter: Nach der Blinddarmentzündung habe
sie schlecht gehen können, weil sie den rechten Fuß nachgezogen.
Das sei lange so geblieben, und sie hätte darum besonders
Treppen gerne vermieden. Noch jetzt bleibe der Fuß manchmal
zurück. Die Ärzte, die sie auf Verlangen des Vaters konsul-
tierte, hätten sich über diesen ganz ungewöhnlichen Rest nach
einer Blinddarmentzündung sehr verwundert, besonders da der
Schmerz im Leibe nicht wieder aufgetreten sei und keineswegs
das Nachziehen des Fußes begleite1).Das war also ein rechtes hysterisches Symptom. Mochte
auch das Fieber damals organisch bedingt gewesen sein —
1)Zwischen der „Ovarie“ benannten Schmerzhaftigkeit im Abdomen und
der Gehstörung des gleichseitigen Beines ist ein somatischer Zusammenhang
anzunehmen, der hier bei Dora eine besonders spezialisierte Deutung i. e.
psychische Überlagerung und Verwertung erfährt. Vgl. die analoge Bemerkung
bei der Analyse der Hustensymptome und des Zusammenhanges von Katarrh
und Eßunlust.S.
91
etwa durch eine der so häufigen Influenza-Erkrankungen ohne
besondere Lokalisation — so war doch sichergestellt, daß sich
die Neurose des Zufalles bemächtigte, um ihn für eine ihrer
Äußerungen zu verwerten. Sie hatte sich also eine Krankheit
angeschafft, über die sie im Lexikon nachgelesen, sich für diese
Lektüre bestraft und mußte sich sagen, die Strafe konnte un-
möglich der Lektüre des harmlosen Artikels gelten, sondern
war durch eine Verschiebung zustande gekommen, nachdem an
diese Lektüre sich eine andere schuldvollere angeschlossen hatte,
die sich heute in der Erinnerung hinter der gleichzeitigen
harmlosen verbarg1). Vielleicht ließ sich noch erforschen, über
welche Themata sie damals gelesen hatte.Was bedeutete denn der Zustand, der eine Perityphlitis
nachahmen wollte? Der Rest der Affektion, das Nachziehen
eines Beines, der zu einer Perityphlitis so gar nicht stimmte,
mußte sich besser zu der geheimen, etwa sexuellen Bedeutung
des Krankheitsbildes schicken und konnte seinerseits, wenn
man ihn aufklärte, ein Licht auf diese gesuchte Bedeutung
werfen. Ich versuchte, einen Zugang zu diesem Rätsel zu
finden. Es waren im Traume Zeiten vorgekommen; die Zeit
ist wahrlich nichts Gleichgültiges bei allem biologischen Ge-
schehen. Ich fragte also, wann diese Blinddarm-entzündung
sich ereignet, ob früher oder später als die Szene am See. Die
prompte, alle Schwierigkeiten mit einem Schlage lösende Antwort
war: neun Monate nachher. Dieser Termin ist wohl charakteris-
tisch. Die angebliche Blinddarm-entzündung hatte also die Phanta-
sie einer Entbindung realisiert mit den bescheidenen Mitteln,
die der Patientin zu Gebote standen, den Schmerzen und der
Periodenblutung2). Sie kannte natürlich die Bedeutung dieses
Termins und konnte die Wahrscheinlichkeit nicht in Abrede
stellen, daß sie damals im Lexikon über Schwangerschaft und
Geburt gelesen. Was war aber mit dem nachgezogenen Beine?
1)Ein ganz typisches Beispiel für Entstehung von Symptomen aus An-
lässen, die anscheinend mit dem Sexuellen nichts zu tun haben.2)Ich habe schon angedeutet, daß die meisten hysterischen Symptome,
wenn sie ihre volle Ausbildung erlangt haben, eine phantasierte Situation des
sexuellen Verkehres, also eine Szene des sexuellen Verkehres, eine Schwanger-
schaft, Entbindung, Wochenbett u. dgl.S.
92
Ich durfte jetzt ein Errraten versuchen. So geht man doch,
wenn man sich den Fuß übertreten hat. Sie hatte also einen
„Fehltritt“ getan, ganz richtig, wenn sie neun Monate nach der
Szene am See entbinden konnte. Nur mußte ich eine weitere
Forderung aufstellen. Man kann — nach meiner Überzeugung
— solche Symptome nur dann bekommen, wenn man ein in-
fantiles Vorbild für sie hat. Die Erinnerungen, die man von
Eindrücken späterer Zeit hat, besitzen, wie ich nach meinen
bisherigen Erfahrungen strenge festhalten muß, nicht die Kraft,
sich als Symptome durchzusetzen. Ich wagte kaum zu hoffen,
daß sie mir das gewünschte Material aus der Kinderzeit liefern
würde, denn ich kann in Wirklichkeit obigen Satz, an den ich
gerne glauben möchte, noch nicht allgemein aufstellen. Aber
hier kam die Bestätigung sofort. Ja, sie hatte sich als Kind
einmal denselben Fuß übertreten, sie war in B. beim Herunter-
gehen auf der Treppe über eine Stufe gerutscht; der Fuß,
es war sogar der nämliche, den sie später nachzog, schwoll an,
mußte bandagiert werden, sie lag einige Wochen ruhig. Es war
kurze Zeit vor dem nervösen Asthma im achten Lebensjahre.Nun galt es, den Nachweis dieser Phantasie zu verwerten:
Wenn Sie neun Monate nach der Szene am See eine Entbindung
durchmachen und dann mit den Folgen des Fehltrittes bis zum
heutigen Tage herumgehen, so beweist dies, daß Sie im Un-
bewußten den Ausgang der Szene bedauert haben. Sie haben
ihn also in Ihrem unbewußten Denken korrigiert. Die Voraus-
setzung Ihrer Entbindungsphantasie ist ja, daß damals etwas
vorgegangen ist1), daß Sie damals all das erlebt und erfahren
haben, was Sie später aus dem Lexikon entnehmen mußten.
Sie sehen, daß Ihre Liebe zu Herrn K. mit jener Szene nicht
beendet war, daß sie sich, wie ich behauptet habe, bis auf den
heutigen Tag — allerdings Ihnen unbewußt — fortsetzt. —
Sie widersprach dem auch nicht mehr2).
1)Die Deflorationsphantasie findet also ihre Anwendung auf Herrn
K., und es wird klar, warum dieselbe Region des Trauminhaltes Material
aus der Szene am See enthält. (Ablehnung, 21/2 Stunden, der Wald, Ein-
ladung nach L.)2)Einige Nachträge zu den bisherigen Deutungen: Die „Madonna“
ist offenbar sie selbst, erstens wegen des „Anbeters“, der ihr die Bilder ge-
geben hat.S.
93
Diese Arbeiten zur Aufklärung des zweiten Traumes hatten
zwei Stunden in Anspruch genommen. Als ich nach Schluß der
zweiten Sitzung meiner Befriedigung über das Erreichte Aus-
druck gab, antwortete sie geringschätzig: Was ist denn da viel
herausgekommen? und bereitete mich so auf das Herannahen
weiterer Enthüllungen vor.
schickt hat, dann weil sie Herrn K.’s Liebe vor allem durch ihre Mütter-
lichkeit gegen seine Kinder gewonnen hatte, und endlich, weil sie als Mädchen
doch schon ein Kind gehabt hat, im direkten Hinweise auf die Entbindungs-
phantasie. Die „Madonna“ ist übrigens eine beliebte Gegenvorstellung, wenn
ein Mädchen unter dem Drucke sexueller Beschuldigungen steht, was ja auch
bei Dora zutrifft. Ich bekam von diesem Zusammenhange die erste Ahnung
als Arzt der psychiatrischen Klinik bei einem Falle von halluzinatorischer Ver-
worrenheit raschen Ablaufes, der sich als Reaktion auf einen Vorwurf des
Bräutigams herausstellte.Die mütterliche Sehnsucht nach einem Kinde wäre bei Fortsetzung
der Analyse wahrscheinlich als dunkles aber mächtiges Motiv ihres Handelns
aufzudecken gewesen. – Die vielen Fragen, die sie in letzter Zeit auf-
geworfen hatte, erscheinen wie Spätankömmlinge der Fragen sexueller Wiß-
begierde, welche sie aus dem Lexikon zu befriedigen gesucht. Es ist an-
zunehmen, daß sie über Schwangerschaft, Entbindung, Jungfräulichkeit und
ähnliche Themata nachgelesen. – Eine der Fragen, die in den Zusammen-
hang der zweiten Traumsituation einzufügen sind, hatte sie bei der Repro-
duktion des Traumes vergessen. Es konnte nur die Frage sein: Wohnt hier
der Herr ***? oder: Wo wohnt der Herr ***? Es muß seinen Grund haben,
daß sie diese scheinbar harmlose Frage vergessen, nachdem sie sie über-
haupt in den Traum aufgenommen. Ich finde diesen Grund in dem Familien-
namen selbst, der gleichzeitig Gegenstandsbedeutung hat, und zwar mehr-
fache, also einem „zweideutigen“ Worte gleichgesetzt werden kann. Ich
kann diesen Namen leider nicht mitteilen, um zu zeigen, wie geschickt er
verwendet worden ist, um „Zweideutiges“ und „Unanständiges“ zu be-
zeichnen. Es stützt diese Deutung, wenn wir in anderer Region des
Traumes, wo das Material aus den Erinnerungen an den Tod der Tante
stammt „Sie sind schon auf den Friedhof gefahren“ gleichfalls eine Wort-
anspielung auf den Namen der Tante finden. In diesen unanständigen
Worten wäre wohl der Hinweis auf eine zweite mündliche Quelle ge-
legen, da für sie das Wörterbuch nicht ausreicht. Ich wäre nicht erstaunt
gewesen zu hören, daß Frau K. selbst, die Verleumderin, diese Quelle war.
Dora hätte dann gerade sie edelmütig verschont, während sie die anderen
Personen mit nahezu tückischer Rache verfolgte; hinter der schier unüber-
sehbaren Reihe von Verschiebungen, die sich so ergeben, könnte man ein
einfaches Moment, die tief wurzelnde homosexuelle Liebe zu Frau K.,
vermuten.S.
94
Zur dritten Sitzung trat sie mit den Worten an: „Wissen
Sie, Herr Doktor, daß ich heute das letzte Mal hier bin?“ –
Ich kann es nicht wissen, da Sie mir nichts davon gesagt haben.– „Ja, ich habe mir vorgenommen, bis Neujahr1) halte ich es
noch aus; länger will ich aber auf die Heilung nicht warten.“– Sie wissen, daß Sie die Freiheit, auszutreten, immer haben.
Heute wollen wir aber noch arbeiten. Wann haben Sie den
Entschluß gefaßt? – „Vor 14 Tagen, glaube ich.“ – Das
klingt ja wie von einem Dienstmädchen, einer Gouvernante,
14tägige Kündigung. – „Eine Gouvernante, die gekündigt hat,
war auch damals bei K., als ich sie in L. am See besuchte.“– So? von der haben Sie noch nie erzählt. Bitte, erzählen Sie.
„Es war also ein junges Mädchen im Hause als Gouver-
nante der Kinder, die ein ganz merkwürdiges Benehmen gegen
den Herrn zeigte. Sie grüßte ihn nicht, gab ihm keine Antwort,
reichte ihm nichts bei Tisch, wenn er um etwas bat, kurz, be-
handelte ihn wie Luft. Er war übrigens auch nicht viel höf-
licher gegen sie. Einen oder zwei Tage vor der Szene am See
nahm mich das Mädchen auf die Seite; sie habe mir etwas mit-
zuteilen. Sie erzählte mir dann, Herr K. habe sich ihr zu
einer Zeit, als die Frau gerade für mehrere Wochen abwesend
war, genähert, sie sehr umworben und sie gebeten, ihm gefällig-
zu sein; er habe nichts von seiner Frau usw.“ … Das sind
ja dieselben Worte, die er dann in der Werbung um Sie ge-
braucht, bei denen Sie ihm den Schlag ins Gesicht gegeben.
– „Ja. Sie gab ihm nach, aber nach kurzer Zeit kümmerte er
sich nicht mehr um sie, und sie haßte ihn seitdem.“ – Und
diese Gouvernante hatte gekündigt? – „Nein, sie wollte kün-
digen. Sie sagte mir, sie habe sofort, wie sie sich verlassen
gefühlt, den Vorfall ihren Eltern mitgeteilt, die anständige Leute
sind und irgendwo in Deutschland wohnen. Die Eltern ver-
langten, daß sie das Haus augenblicklich verlasse, und schrieben
ihr dann, als sie es nicht tat, sie wollten nichts mehr von ihr
wissen, sie dürfe nicht mehr nach Hause zurückkommen.“ –
Und warum ging sie nicht fort? – „Sie sagte, sie wolle noch
eine kurze Zeit abwarten, ob sich nichts bei Herrn K. ändere.
1)Es war der 31. Dezember.
S.
95
So zu leben, halte sie nicht aus. Wenn sie keine Änderung
sehe, werde sie kündigen und fortgehen.“ — Und was ist aus
dem Mädchen geworden? — „Ich weiß nur, daß sie fortge-
gangen ist.“ — Ein Kind hat sie von dem Abenteuer nicht
davongetragen? — „Nein.“Da war also — wie übrigens ganz regelrecht — inmitten
der Analyse ein Stück tatsächlichen Materials zum Vorscheine
gekommen, das früher aufgeworfene Probleme lösen half. Ich
konnte Dora sagen: Jetzt kenne ich das Motiv jenes Schlages,
mit dem Sie die Werbung beantwortet haben. Es war nicht
Kränkung über die an Sie gestellte Zumutung, sondern eifer-
süchtige Rache. Als Ihnen das Fräulein seine Geschichte er-
zählte, machten Sie noch von Ihrer Kunst Gebrauch, alles bei
Seite zu schieben, was Ihren Gefühlen nicht paßte. In dem
Moment, da Herr K. die Worte gebrauchte: Ich habe nichts
an meiner Frau, die er auch zu dem Fräulein gesagt, wurden
neue Regungen in Ihnen wachgerufen, und die Wagschale
kippte um. Sie sagten sich: Er wagt es, mich zu behandeln
wie eine Gouvernante, eine dienende Person? Diese Hochmuts-
kränkung zur Eifersucht und zu den bewußten besonnenen Mo-
tiven hinzu: das war endlich zu viel1). Zum Beweise, wie sehr
Sie unter dem Eindrucke der Geschichte des Fräuleins stehen,
halte ich Ihnen die wiederholten Identifizierungen mit ihr im
Traume und in Ihrem Benehmen vor. Sie sagen es den Eltern,
was wir bisher nicht verstanden haben, wie das Fräulein es
den Eltern geschrieben hat. Sie kündigen mir wie eine Gou-
vernante mit 14tägiger Kündigung. Der Brief im Traume, der
Ihnen erlaubt, nach Hause zu kommen, ist ein Gegenstück zum
Briefe der Eltern des Fräuleins, die es ihr verboten hatten.„Warum habe ich es dann den Eltern nicht gleich er-
zählt?“Welche Zeit haben Sie denn verstreichen lassen?
„Am letzten Juni fiel die Szene vor; am 14. Juli habe
ich’s der Mutter erzählt.“
1)Es war vielleicht nicht gleichgültig, daß sie dieselbe Klage über
die Frau, deren Bedeutung sie wohl verstand, auch vom Vater gehört haben
konnte, wie ich sie aus seinem Munde gehört habe.S.
96
Also wieder 14 Tage, der für eine dienende Person charak-
teristische Termin! Ihre Frage kann ich jetzt beantworten. Sie
haben ja das arme Mädchen sehr wohl verstanden. Sie wollte
nicht gleich fortgehen, weil sie noch hoffte, weil sie erwartete,
daß Herr K. seine Zärtlichkeit ihr wieder zuwenden würde.
Das muß also auch Ihr Motiv gewesen sein. Sie warteten den
Termin ab, um zu sehen, ob er seine Werbung erneuern würde,
daraus hätten Sie geschlossen, daß es ihm Ernst war, und daß
er nicht mit ihnen spielen wollte wie mit der Gouvernante.„In den ersten Tagen nach der Abreise schickte er noch
eine Ansichtskarte1).“Ja, als aber dann nichts weiter kam, da ließen Sie Ihrer
Rache freien Lauf. Ich kann mir sogar vorstellen, daß damals
noch Raum für die Nebenabsicht war, ihn durch die Anklage
zum Hinreisen nach Ihrem Aufenthalte zu bewegen.„… Wie er’s ja auch zuerst uns angetragen hat,“ warf
sie ein. – Dann wäre Ihre Sehnsucht nach ihm gestillt worden,
– hier nickte sie Bestätigung, was ich nicht erwartet hatte –
und er hätte Ihnen die Genugtuung geben können, die Sie sich
verlangten.„Welche Genugtuung?“
Ich fange nämlich an zu ahnen, daß Sie die Angelegen-
heit mit Herrn K. viel ernster aufgefaßt haben, als Sie bisher
verraten wollten. War zwischen den K. nicht oft von Scheidung
die Rede?„Gewiß, zuerst wollte sie nicht der Kinder wegen, und
jetzt will sie, aber er will nicht mehr.“Sollten Sie nicht gedacht haben, daß er sich von seiner
Frau scheiden lassen will, um Sie zu heiraten? Und daß er
jetzt nicht mehr will, weil er keinen Ersatz hat? Sie waren
freilich vor zwei Jahren sehr jung, aber Sie haben mir selbst von
der Mama erzählt, daß sie mit 17 Jahren verlobt war und dann
zwei Jahre auf ihren Mann gewartet hat. Die Liebesgeschichte
der Mutter wird gewöhnlich zum Vorbilde für die Tochter. Sie
wollten also auch auf ihn warten und nahmen an, daß er nur1)Dies die Anlehnung für den Ingenieur, der sich hinter dem Ich
in der ersten Traumsituation verbirgt.S.
97
warte, bis Sie reif genug seien, seine Frau zu werden1). Ich
stelle mir vor, daß es ein ganz ernsthafter Lebensplan bei Ihnen
war. Sie haben nicht einmal das Recht zu behaupten, daß
eine solche Absicht bei Herrn K. ausgeschlossen war und haben
mir genug von ihm erzählt, was direkt auf eine solche Absicht
deutet2). Auch sein Benehmen in L. widerspricht dem nicht.
Sie haben ihn ja nicht ausreden lassen und wissen nicht, was
er Ihnen sagen wollte. Nebstbei wäre der Plan gar nicht so
unmöglich auszuführen gewesen. Die Beziehungen des Papa zu
Frau K., die Sie wahrscheinlich nur darum so lange Zeit unter-
stützt haben, boten Ihnen die Sicherheit, daß die Einwilligung
der Frau zur Scheidung zu erreichen wäre, und beim Papa
setzen Sie durch, was Sie wollen. Ja, wenn die Versuchung in
L. einen anderen Ausgang genommen hätte, wäre dies für
alle Teile die einzig mögliche Lösung gewesen. Ich meine auch,
darum haben Sie den anderen Ausgang so bedauert und ihn
in der Phantasie, die als Blinddarmzündung auftrat, korrigiert.
Es mußte also eine schwere Enttäuschung für Sie sein, als
anstatt einer erneuten Werbung das Leugnen und die Schmä-
hungen von seiten des Herrn K. der Erfolg Ihrer Anklage
wurden. Sie gestehen zu, daß nichts Sie so sehr in Wut
bringen kann, als wenn man glaubt, Sie hätten sich die Szene
am See eingebildet. Ich weiß nun, woran Sie nicht erinnert
werden wollen, daß Sie sich eingebildet, die Werbung sei ernst-
haft und Herr K. werde nicht ablassen, bis Sie ihn geheiratet.
Sie hatte zugehört, ohne wie sonst zu widersprechen. Sie
schien ergriffen, nahm auf die liebenswürdigste Weise mit
warmen Wünschen zum Jahreswechsel Abschied und — kam
nie wieder. Der Vater, der mich noch einige Male besuchte,
versicherte, sie werde wiederkommen; man merke ihr die Sehn-
sucht nach der Fortsetzung der Behandlung an. Aber er war
wohl nie ganz aufrichtig. Er hatte die Kur unterstützt, solange er
sich Hoffnung machen konnte, ich würde Dora „ausreden“,
1)Das Warten, bis man das Ziel erreicht, findet sich im Inhalte der
ersten Traumsituation; in dieser Phantasie vom Warten auf die Braut sehe ich
ein Stück der dritten, bereits angekündigten Komponente dieses Traumes.2)Besonders eine Rede, mit der er im letzten Jahre des Zusammen-
lebens in B. das Weihnachtsgeschenk einer Briefschachtel begleitet hatte.
Freud, Neurosenlehre. II. 3. Aufl.S.
98
daß zwischen ihm und Frau K. etwas anderes als Freundschaft
bestehe. Sein Interesse erlosch, als er merkte, daß dieser Erfolg
nicht in meiner Absicht liege. Ich wußte, daß sie nicht wieder
kommen würde. Es war ein unzweifelhafter Racheakt, daß sie
in so unvermuteter Weise, als meine Erwartungen auf glück-
liche Beendigung der Kur den höchsten Stand einnahmen, ab-
brach und diese Hoffnungen vernichtete. Auch ihre Tendenz
zur Selbstschädigung fand ihre Rechnung bei diesem Vorgehen.
Wer wie ich die bösesten Dämonen, die unvollkommen gebän-
digt in einer menschlichen Brust wohnen, aufweckt, um sie zu
bekämpfen, muß darauf gefaßt sein, daß er in diesem Ringen
selbst nicht unbeschädigt bleibe. Ob ich das Mädchen bei der
Behandlung erhalten hätte, wenn ich mich selbst in eine Rolle
gefunden, den Wert ihres Verbleibens für mich übertrieben und
ihr ein warmes Interesse bezeigt hätte, das bei aller Milderung
durch meine Stellung als Arzt doch wie ein Ersatz für die von
ihr ersehnte Zärtlichkeit ausgefallen wäre? Ich weiß es nicht.
Da ein Teil der Faktoren, die sich als Widerstand entgegen-
stellen, in jedem Falle unbekannt bleibt, habe ich es immer ver-
mieden, Rollen zu spielen, und mich mit anspruchsloser psycho-
logischer Kunst begnügt. Bei allem theoretischen Interesse und
allem ärztlichen Bestreben, zu helfen, halte ich mir doch vor, daß
der psychischen Beeinflussung notwendig Grenzen gesetzt sind, und
respektiere als solche den Willen und die Einsicht des Patienten.Ich weiß auch nicht, ob Herr K. mehr erreicht hätte,
wäre ihm verraten worden, daß jener Schlag ins Gesicht keines-
wegs ein endgültiges „Nein“ Doras bedeutete, sondern der zu-
letzt geweckten Eifersucht entsprach, während noch die stärksten
Regungen ihres Seelenlebens für ihn Partei nahmen. Würde er
dieses erste „Nein“ überhört und seine Werbung mit über-
zeugender Leidenschaft fortgesetzt haben, so hätte der Erfolg
leicht sein können, daß die Neigung des Mädchens sich über
alle inneren Schwierigkeiten hinweggesetzt hätte. Aber ich meine,
vielleicht ebenso leicht wäre sie nur gereizt worden, ihre Rach-
sucht um so ausgiebiger an ihm zu befriedigen. Auf welche Seite
sich in dem Widerstreite der Motive die Entscheidung neigt, ob
zur Aufhebung oder zur Verstärkung der Verdrängung, das ist
niemals zu berechnen. Die Unfähigkeit zur Erfüllung der realenS.
99
Liebesforderung ist eine der wesentlichsten Charakterzüge der
Neurose; die Kranken sind vom Gegensatze zwischen der Realität
und der Phantasie beherrscht. Was sie in ihren Phantasien am
intensivsten ersehnen, davor fliehen sie doch, wenn es ihnen in
Wirklichkeit entgegentritt, und den Phantasien überlassen sie
sich am liebsten, wo sie eine Realisierung nicht mehr zu be-
fürchten brauchen. Die Schranke, welche die Verdrängung auf-
gerichtet hat, kann allerdings unter dem Ansturme heftiger, real
veranlaßter Erregungen fallen, die Neurose kann noch durch die
Wirklichkeit überwunden werden. Wir können aber nicht allgemein
berechnen, bei wem und wodurch diese Heilung möglich wäre1).
1)Noch einige Bemerkungen über den Aufbau dieses Traumes, der sich
nicht so gründlich verstehen läßt, daß man seine Synthese versuchen könnte.
Als ein fassadenartig vorgeschobenes Stück läßt sich die Rachephantasie gegen
den Vater herausheben: Sie ist eigenmächtig von Hause weggegangen;
der Vater ist erkrankt, dann gestorben ... Sie geht jetzt nach Hause,
die anderen sind schon alle auf dem Friedhofe. Sie geht gar nicht traurig
auf ihr Zimmer und liest ruhig im Lexikon. Darunter zwei Anspielungen auf
den anderen Racheakt, den sie wirklich ausgeführt, indem sie die Eltern
einen Abschiedsbrief finden ließ: Der Brief (im Traume von der Mama) und
die Erwähnung der Leichenbegängnisses der für sie vorbildlichen Tante. —
Hinter dieser Phantasie verbergen sich die Rachegedanken gegen Herrn K.,
denen sie in ihrem Benehmen gegen mich einen Ausweg geschafft hat.
Das Dienstmädchen — die Einladung — der Wald — die 2 Stunden
stammen aus dem Material der Vorgänge in L. Die Erinnerung an die
Gouvernante und deren Briefverkehr mit ihren Eltern tritt mit dem Element
ihres Abschiedsbriefes zu dem im Trauminhalte vorfindlichen Brief, der ihr
nach Hause zu kommen erlaubt, zusammen. Die Ablehnung, sich begleiten
zu lassen, der Entschluß, allein zu gehen, läßt sich wohl so übersetzen:
Weil du mich wie ein Dienstmädchen behandelt hast, lasse ich dich
stehen, gehe allein meine Wege und heirate nicht. — Durch diese Rache
gedanken verdeckt, schimmert an anderen Stellen Material aus zärt-
lichen Phantasien aus der unbewußt fortgesetzten Leibe zu Herrn K. durch:
Ich hätte auf dich gewartet, bis ich deine Frau geworden wäre — die Deflora-
tion — die Entbindung. — Endlich gehört es dem vierten, am tiefsten ver-
borgenen Gedankenkreise, dem der Liebe zu Frau K. an, daß die Deflorations-
phantasie vom Standpunkte des Mannes dargestellt wird (Identifizierung mit
dem Verehrer, der jetzt in der Fremde weilt), und daß an zwei Stellen die
deutlichsten Anspielungen auf zweideutige Reden (wohnt hier der Herr
X. X.) und auf die nicht mündliche Quelle ihrer sexuellen Kenntnisse (Lexikon)
enthalten sind. Grausame und sadistische Regungen finden in diesem Traume
ihre Erfüllung.
You are here
Bruchstück einer Hysterie-Analyse1905-005/1921
1905-005/1921/3