• S.

    52 Schriften aus den Jahren 1928—1933

    in einen Massenwahn gelingt es der Religion, vielen Menschen die
    individuelle Neurose zu ersparen. Aber kaum mehr; es gibt, wie
    wir gesagt haben, viele Wege, die zu dem Glück führen können,
    wie es dem Menschen erreichbar ist, keinen, der sicher dahin leitet.
    Auch die Religion kann ihr Versprechen nicht halten. Wenn der
    Gläubige sich endlich genötigt findet, von Gottes „unerforschlichem
    RatschluB“ zu reden, so gesteht er damit ein, daB ihm als letzte
    Trostmôglichkeit und Lustquelle im Leiden nur die bedingungslose
    Unterwerfung übriggeblieben ist. Und wenn er zu dieser bereit
    ist, hätte er sich wahrscheinlich den Umweg ersparen können.

    III

    Unsere Untersuchung über das Glück hat uns bisher nicht viel
    gelehrt, was nicht allgemein bekannt ist. Auch wenn wir sie mit
    der Frage fortsetzen, warum es für die Menschen so schwer ist,
    glücklich zu werden, scheint die Aussicht, Neues zu erfahren, nicht
    viel größer. Wir haben die Antwort bereits gegeben, indem wir auf
    die drei Quellen hinwiesen, aus denen unser Leiden kommt: die
    Ubermacht der Natur, die Hinfålligkeit unseres eigenen Körpers und
    die Unzulånglichkeit der Einrichtungen, welche die Beziehungen
    der Menschen zueinander in Familie, Staat und Gesellschaft regeln.
    In betreff der beiden ersten kann unser Urteil nicht lange schwanken;
    es zwingt uns zur Anerkennung dieser Leidensquellen und zur
    Ergebung ins Unvermeidliche. Wir werden die Natur nie voll-
    kommen beherrschen, unser Organismus, selbst ein Stück dieser
    Natur, wird immer ein vergångliches, in Anpassung und Leistung
    beschrånktes Gebilde bleiben. Von dieser Erkenntnis geht keine
    låhmende Wirkung aus; im Gegenteil, sie weist unserer Tätigkeit
    die Richtung. Können wir nicht alles Leiden aufheben, so doch
    manches, und anderes lindern, mehrtausendjåhrige Erfahrung hat
    uns davon iiberzeugt. Anders verhalten wir uns zur dritten, zur
    sozialen Leidensquelle. Diese wollen wir überhaupt nicht gelten

  • S.

    Das Unbehagen in der Kultur 53

    lassen, können nicht einsehen, warum die von uns selbst geschaffenen
    Einrichtungen nicht vielmehr Schutz und Wohltat fiir uns alle sein
    sollten. Allerdings, wenn wir bedenken, wie schlecht uns gerade
    dieses Stück der Leidverhiitung gelungen ist, erwacht der Verdacht,
    es konnte auch hier ein Stiick der unbesiegbaren Natur dahinter-
    stecken, diesmal unserer eigenen psychischen Beschaffenheit.

    Auf dem Wege, uns mit dieser Möglichkeit zu beschäftigen, treffen
    wir auf eine Behauptung, die so erstaunlich ist, daß wir bei ihr
    verweilen wollen. Sie lautet, einen groBen Teil der Schuld an
    unserem Elend trage unsere sogenannte Kultur; wir wären viel
    glücklicher, wenn wir sie aufgeben und in primitive Verhältnisse
    zuriickfinden würden. Ich heiße sie erstaunlich, weil — wie immer
    man den Begriff Kultur bestimmen mag — es doch feststeht, daB
    alles, womit wir uns gegen die Bedrohung aus den Quellen des
    Leidens zu schützen versuchen, eben der nämlichen Kultur zu-
    gehört.

    Auf welchem Weg sind wohl so viele Menschen zu diesem
    Standpunkt befremdlicher Kulturfeindlichkeit gekommen? Ich meine,
    eine tiefe, lang bestehende Unzufriedenheit mit dem jeweiligen
    Kulturzustand stellte den Boden her, auf dem sich dann bei be-
    stimmten historischen Anlässen eine Verurteilung erhob. Den letzten
    und den vorletzten dieser Anlässe glaube ich zu erkennen; ich bin
    nicht gelehrt genug, um die Kette derselben weit genug in die
    Geschichte der menschlichen Art zurückzuverfolgen. Schon beim
    Sieg des Christentums über die heidnischen Religionen muß ein
    solcher kulturfeindlicher Faktor beteiligt gewesen sein. Der durch
    die christliche Lehre vollzogenen Entwertung des irdischen Lebens
    stand er ja sehr nahe. Die vorletzte Veranlassung ergab sich, als
    man im Fortschritt der Entdeckungsreisen in Berührung mit pri-
    mitiven Völkern und Stämmen kam. Bei ungenügender Beobachtung
    und mißverständlicher Auffassung ihrer Sitten und Gebräuche
    schienen sie den Europäern ein einfaches, bedürfnisarmes, glück-
    liches Leben zu führen, wie es den kulturell überlegenen Besuchern

  • S.

    54 Schriften aus den Jahren 1928—1933

    unerreichbar war. Die spätere Erfahrung hat manches Urteil dieser
    Art berichtigt; in vielen Fällen hatte man irrtümlich ein Maß von
    Lebenserleichterung, das der GroBmut der Natur und der Be-
    quemlichkeit in der Befriedigung der groBen Bediirfnisse zu danken
    war, der Abwesenheit von verwickelten kulturellen Anforderungen
    zugeschrieben. Die letzte Veranlassung ist uns besonders vertraut;
    sie trat auf, als man den Mechanismus der Neurosen kennenlernte,
    die das biBchen Gliick des Kulturmenschen zu untergraben drohen.
    Man fand, daß der Mensch neurotisch wird, weil er das Maß von
    Versagung nicht ertragen kann, das ihm die Gesellschaft im Dienste
    ihrer kulturellen Ideale auferlegt, und man schloß daraus, daß es
    eine Rückkehr zu Glücksmöglichkeiten bedeutete, wenn diese An-
    forderungen aufgehoben oder sehr herabgesetzt würden.

    Es kommt noch ein Moment der Enttäuschung dazu. In den
    letzten Generationen haben die Menschen außerordentliche Fort-
    schritte in den Naturwissenschaften und in ihrer technischen
    Anwendung gemacht, ihre Herrschaft über die Natur in einer
    früher unvorstellbaren Weise befestigt. Die Einzelheiten dieser
    Fortschritte sind allgemein bekannt, es erübrigt sich, sie auf-
    zuzählen. Die Menschen sind stolz auf diese Errungenschaften
    und haben ein Recht dazu. Aber sie glauben bemerkt zu haben,
    daß diese neu gewonnene Verfügung über Raum und Zeit, diese
    Unterwerfung der Naturkrifte, die Erfüllung jahrtausendealter
    Sehnsucht, das Maß von Lustbefriedigung, das sie vom Leben
    erwarten, nicht erhöht, sie nach ihren Empfindungen nicht glück-
    licher gemacht hat. Man sollte sich begnügen, aus dieser Fest-
    stellung den Schluß zu ziehen, die Macht über die Natur sei
    nicht die einzige Bedingung des Menschenglücks, wie sie ja auch
    nicht das einzige Ziel der Kulturbestrebungen ist, und nicht die
    Wertlosigkeit der technischen Fortschritte für unsere Glücks-
    ókonomie daraus ableiten. Man möchte einwenden, ist es denn
    nicht ein positiver Lustgewinn, ein unzweideutiger Zuwachs an
    Glücksgefühl, wenn ich beliebig oft die Stimme des Kindes hören

  • S.

    Das Unbehagen in der Kultur 55

    kann, das Hunderte von Kilometern entfernt von mir lebt, wenn
    ich die kürzeste Zeit nach der Landung des Freundes erfahren
    kann, daB er die lange, beschwerliche Reise gut bestanden hat?
    Bedeutet es nichts, daB es der Medizin gelungen ist, die Sterblich-
    keit der kleinen Kinder, die Infektionsgefahr der gebärenden
    Frauen so auBerordentlich herabzusetzen, ja die mittlere Lebens-
    dauer des Kulturmenschen um eine beträchtliche Anzahl von
    Jahren zu verlängern? Und solcher Wohltaten, die wir dem viel-
    geschmihten Zeitalter der wissenschaftlichen und technischen Fort-
    schritte verdanken, können wir noch eine große Reihe anführen,
    — aber da läßt sich die Stimme der pessimistischen Kritik ver-
    nehmen und mahnt, die meisten dieser Befriedigungen folgten
    dem Muster jenes „billigen Vergnügens“, das in einer gewissen
    Anekdote angepriesen wird. Man verschafft sich diesen Genuß,
    indem man in kalter Winternacht ein Bein nackt aus der Decke
    herausstreckt und es dann wieder einzieht. Gäbe es keine Eisen-
    bahn, die die Entfernungen überwindet, so hätte das Kind die
    Vaterstadt nie verlassen, man brauchte kein Telephon, um seine
    Stimme zu hören. Wäre nicht die Schiffahrt über den Ozean ein-
    gerichtet, so hätte der Freund nicht die Seereise unternommen,
    ich brauchte den Telegraphen nicht, um meine Sorge um ihn
    zu beschwichtigen. Was nützt uns die Einschränkung der Kinder-
    sterblichkeit, wenn gerade sie uns die äußerste Zurückhaltung in
    der Kinderzeugung aufnötigt, so daß wir im ganzen doch nicht
    mehr Kinder aufziehen, als in den Zeiten vor der Herrschaft
    der Hygiene, dabei aber unser Sexualleben in der Ehe unter
    schwierige Bedingungen gebracht und wahrscheinlich der wohl-
    tätigen, natürlichen Auslese entgegengearbeitet haben? Und was
    soll uns endlich ein langes Leben, wenn es beschwerlich, arm
    an Freuden und so leidvoll ist, daß wir den Tod nur als Erlöser
    bewillkommnen können?

    Es scheint festzustehen, daß wir uns in unserer heutigen Kultur
    nicht wohlfühlen, aber es ist sehr schwer, sich ein Urteil darüber

  • S.

    56

    zu bilden, ob und inwieweit die Menschen früherer Zeiten sich
    glücklicher gefühlt haben und welchen Anteil ihre Kulturbedin-
    gungen daran hatten. Wir werden immer die Neigung haben, das
    Elend objektiv zu erfassen, d. h. uns mit unseren Ansprüchen
    und Empfänglichkeiten in jene Bedingungen zu versetzen, um
    dann zu prüfen, welche Anlässe zu Glücks- und Unglücksempfin-
    dungen wir in ihnen fänden. Diese Art der Betrachtung, die
    objektiv erscheint, weil sie von den Variationen der subjektiven
    Empfindlichkeit absieht, ist natürlich die subjektivste, die möglich
    ist, indem sie an die Stelle aller anderen unbekannten seelischen
    Verfassungen die eigene einsetzt. Das Glück ist aber etwas durch-
    aus Subjektives. Wir mögen noch so sehr vor gewissen Situationen
    zurückschrecken, der des antiken Galeerensklaven, des Bauern im
    30jährigen Krieg, des Opfers der heiligen Inquisition, des Juden,
    der den Pogrom erwartet, es ist uns doch unmöglich, uns in
    diese Personen einzufühlen, die Veränderungen zu erraten, die
    ursprüngliche Stumpfheit, allmähliche Abstumpfung, Einstellung
    der Erwartungen, gröbere und feinere Weisen der Narkotisierung
    in der Empfänglichkeit für Lust- und Unlustempfindungen herbei-
    geführt haben. Im Falle äußerster Leidmöglichkeit werden auch
    bestimmte seelische Schutzvorrichtungen in Tätigkeit versetzt. Es
    scheint mir unfruchtbar, diese Seite des Problems weiter zu
    verfolgen.

    Es ist Zeit, daß wir uns um das Wesen dieser Kultur kümmern,
    deren Glückswert in Zweifel gezogen wird. Wir werden keine
    Formel fordern, die dieses Wesen in wenigen Worten ausdrückt,
    noch ehe wir etwas aus der Untersuchung erfahren haben. Es
    genügt uns also, zu wiederholen,1) daß das Wort „Kultur“ die
    ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen bezeichnet, in
    denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen ent-
    fernt und die zwei Zwecken dienen: dem Schutz des Menschen

    1)Siehe: Die Zukunft einer Illusion, 1927. (Ges. Schr. Bd. XI.)

  • S.

    57

    gegen die Natur und der Regelung der Beziehungen der Menschen
    untereinander. Um mehr zu verstehen, werden wir die Züge der
    Kultur im einzelnen zusammensuchen, wie sie sich in mensch-
    lichen Gemeinschaften zeigen. Wir lassen uns dabei ohne Bedenken
    vom Sprachgebrauch, oder wie man auch sagt: Sprachgefühl,
    leiten im Vertrauen darauf, daß wir so inneren Einsichten gerecht
    werden, die sich dem Ausdruck in abstrakten Worten noch
    widersetzen.

    Der Eingang ist leicht: Als kulturell anerkennen wir alle Tätig-
    keiten und Werte, die dem Menschen nützen, indem sie ihm die
    Erde dienstbar machen, ihn gegen die Gewalt der Naturkräfte
    schützen u. dgl. Über diese Seite des Kulturellen besteht ja
    am wenigsten Zweifel. Um weit genug zurückzugehen, die ersten
    kulturellen Taten waren der Gebrauch von Werkzeugen, die
    Zähmung des Feuers, der Bau von Wohnstätten. Unter ihnen
    ragt die Zähmung des Feuers als eine ganz außerordentliche, vor-
    bildlose Leistung hervor,1) mit den anderen schlug der Mensch
    Wege ein, die er seither immer weiter verfolgt hat, zu denen
    die Anregung leicht zu erraten ist. Mit all seinen Werkzeugen

    1)Psychoanalytisches Material, unvollständig, nicht sicher deutbar, läßt doch
    wenigstens eine – phantastisch klingende – Vermutung über den Ursprung dieser
    menschlichen Großtat zu. Als wäre der Urmensch gewohnt gewesen, wenn er dem
    Feuer begegnete, eine infantile Lust an ihm zu befriedigen, indem er es durch seinen
    Harnstrahl auslöschte. An der ursprünglichen phallischen Auffassung der züngelnden,
    sich in die Höhe reckenden Flamme kann nach vorhandenen Sagen kein Zweifel
    sein. Das Feuerlöschen durch Urinieren – auf das noch die späten Riesenkinder
    Gulliver in Liliput und Rabelais’ Gargantua zurückgreifen – war also wie ein
    sexueller Akt mit einem Mann, ein Genuß der männlichen Potenz im homosexuellen
    Wettkampf. Wer zuerst auf diese Lust verzichtete, das Feuer verschonte, konnte es
    mit sich forttragen und in seinen Dienst zwingen. Dadurch daß er das Feuer seiner
    eigenen sexuellen Erregung dämpfte, hatte er die Naturkraft des Feuers gezähmt.
    Diese große kulturelle Eroberung wäre also der Lohn für einen Triebverzicht. Und
    was als hätte man das Weib zur Hüterin des auf dem häuslichen Herd gefangen-
    gehaltenen Feuers bestellt, weil ihr anatomischer Bau es ihr verbietet, einer solchen
    Lustvermutung nachzugeben. Es ist auch bemerkenswert, wie regelmäßig die ana-
    lytischen Erfahrungen den Zusammenhang von Ehrgeiz, Feuer und Harnerotik
    bezeugen.

  • S.

    58

    vervollkommnet der Mensch seine Organe –
    die sensorischen – oder räumt die Schranken für ihre Leistung
    weg. Die Motoren stellen ihm riesige Kräfte zur Verfügung, die
    er wie seine Muskeln in beliebige Richtungen schicken kann,
    das Schiff und das Flugzeug machen, daß weder Wasser noch
    Luft seine Fortbewegung hindern können. Mit der Brille korrigiert
    er die Mängel der Linse in seinem Auge, mit dem Fernrohr
    schaut er in entfernte Weiten, mit dem Mikroskop überwindet
    er die Grenzen der Sichtbarkeit, die durch den Bau seiner Netz-
    haut abgesteckt werden. In der photographischen Kamera hat er
    ein Instrument geschaffen, das die flüchtigen Seheindrücke festhält,
    was ihm die Grammophonplatte für die ebenso vergänglichen
    Schalleindrücke leisten muß, beides im Grunde Materialisationen
    des ihm gegebenen Vermögens der Erinnerung, seines Gedächt-
    nisses. Mit Hilfe des Telephons hört er aus Entfernungen, die
    selbst das Märchen als unerreichbar respektieren würde; die Schrift
    ist ursprünglich die Sprache des Abwesenden, das Wohnhaus ein
    Ersatz für den Mutterleib, die erste, wahrscheinlich noch immer
    ersehnte Behausung, in der man sicher war und sich so wohl
    fühlte.

    Es klingt nicht nur wie ein Märchen, es ist direkt die Erfüllung
    aller – nein, der meisten – Märchenwünsche, was der Mensch
    durch seine Wissenschaft und Technik auf dieser Erde hergestellt
    hat, in der er zuerst als ein schwaches Tierwesen auftrat und in
    die jedes Individuum seiner Art wiederum als hilfloser Säugling –
    oh inch of nature! – eintreten muß. All diesen Besitz darf er
    als Kulturerwerb ansprechen. Er hatte sich seit langen Zeiten eine
    Idealvorstellung von Allmacht und Allwissenheit gebildet, die er
    in seinen Göttern verkörperte. Ihnen schrieb er alles zu, was seinen
    Wünschen unerreichbar schien, – oder ihm verboten war. Man
    darf also sagen, diese Götter waren Kulturideale. Nun hat er sich
    der Erreichung dieses Ideals sehr angenähert, ist beinahe selbst
    ein Gott geworden. Freilich nur so, wie man nach allgemein

  • S.

    59


    menschlichem Urteil Ideale zu erreichen pflegt. Nicht vollkommen,
    in einigen Stücken gar nicht, in anderen nur so halbwegs. Der
    Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht groß-
    artig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht
    mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu
    schaffen. Er hat übrigens ein Recht, sich damit zu trösten, daß
    diese Entwicklung nicht gerade mit dem Jahr 1930 A. D. abge-
    schlossen sein wird. Ferne Zeiten werden neue, wahrscheinlich
    unvorstellbar große Fortschritte auf diesem Gebiete der Kultur mit
    sich bringen, die Gottähnlichkeit noch weiter steigern. Im Interesse
    unserer Untersuchung wollen wir aber auch nicht daran vergessen,
    daß der heutige Mensch sich in seiner Gottähnlichkeit nicht glück-
    lich fühlt.

    Wir anerkennen also die Kulturhöhe eines Landes, wenn wir
    finden, daß alles in ihm gepflegt und zweckmäßig besorgt wird,
    was der Ausnützung der Erde durch den Menschen und dem Schutz
    desselben vor den Naturkräften dienlich, also kurz zusammengefaßt:
    ihm nützlich ist. In einem solchen Land seien Flüsse, die mit
    Überschwemmungen drohen, in ihrem Lauf reguliert, ihr Wasser
    durch Kanäle hingeleitet, wo es entbehrt wird. Der Erdboden werde
    sorgfältig bearbeitet und mit den Gewächsen beschickt, die er zu
    tragen geeignet ist, die mineralischen Schätze der Tiefe emsig zu
    Tage gefördert und zu den verlangten Werkzeugen und Geräten
    verarbeitet. Die Verkehrsmittel seien reichlich, rasch und zuverlässig,
    die wilden und gefährlichen Tiere seien ausgerottet, die Zucht der
    zu Haustieren gezähmten sei in Blüte. Wir haben aber an die
    Kultur noch andere Anforderungen zu stellen und hoffen bemerkens-
    werterweise sie in denselben Ländern verwirklicht zu finden. Als
    wollten wir unseren zuerst erhobenen Anspruch verleugnen, be-
    grüßen wir es auch als kulturell, wenn wir sehen, daß sich die
    Sorgfalt der Menschen auch Dingen zuwendet, die ganz und gar
    nicht nützlich sind, eher unnütz erscheinen, z. B. wenn die in
    einer Stadt als Spielplätze und Luftreservoirs notwendigen Garten-

  • S.

    60

    flächen auch Blumenbeete tragen, oder wenn die Fenster der
    Wohnungen mit Blumentöpfen geschmückt sind. Wir merken bald,
    das Unnütze, dessen Schätzung wir von der Kultur erwarten, ist
    die Schönheit; wir fordern, daß der Kulturmensch die Schönheit
    verehre, wo sie ihm in der Natur begegnet, und sie herstelle an
    Gegenständen, soweit seiner Hände Arbeit es vermag. Weit entfernt,
    daß unsere Ansprüche an die Kultur damit erschöpft wären. Wir
    verlangen noch die Zeichen von Reinlichkeit und Ordnung zu
    sehen. Wir denken nicht hoch von der Kultur einer englischen
    Landstadt zur Zeit Shakespeares, wenn wir lesen, daß ein hoher
    Misthaufen vor der Türe seines väterlichen Hauses in Stratford
    lagerte; wir sind ungehalten und schelten es „barbarisch“, was
    der Gegensatz zu kulturell ist, wenn wir die Wege des Wiener
    Waldes mit weggeworfenen Papieren bestreut finden. Unsauberkeit
    jeder Art scheint uns mit Kultur unvereinbar; auch auf den mensch-
    lichen Körper dehnen wir die Forderung der Reinlichkeit aus,
    hören mit Erstaunen, welch üblen Geruch die Person des Roi
    Soleil zu verbreiten pflegte, und schütteln den Kopf, wenn uns
    auf Isola bella die winzige Waschschüssel gezeigt wird, deren sich
    Napoleon bei seiner Morgentoilette bediente. Ja, wir sind nicht
    überrascht, wenn jemand den Gebrauch von Seife direkt als Kultur-
    messer aufstellt. Ähnlich ist es mit der Ordnung, die ebenso wie
    die Reinlichkeit sich ganz auf Menschenwerk bezieht. Aber während
    wir Reinlichkeit in der Natur nicht erwarten dürfen, ist die Ordnung
    vielmehr der Natur abgelauscht; die Beobachtung der großen astro-
    nomischen Regelmäßigkeiten hat dem Menschen nicht nur das
    Vorbild, sondern die ersten Anhaltspunkte für die Einführung der
    Ordnung in sein Leben gegeben. Die Ordnung ist eine Art Wieder-
    holungszwang, die durch einmalige Einrichtung entscheidet, wann,
    wo und wie etwas getan werden soll, so daß man in jedem gleichen
    Falle Zögern und Schwanken erspart. Die Wohltat der Ordnung
    ist ganz unleugbar, sie ermöglicht dem Menschen die beste Aus-
    nützung von Raum und Zeit, während sie seine psychischen Kräfte

  • S.

    61

    schont. Man hätte ein Recht zu erwarten, daß sie sich von Anfang
    an und zwanglos im menschlichen Tun durchsetzt und darf er-
    staunen, daß dies nicht der Fall ist, daß der Mensch vielmehr
    einen natürlichen Hang zur Nachlässigkeit, Unregelmäßigkeit und
    Unzuverlässigkeit in seiner Arbeit an den Tag legt und erst müh-
    selig zur Nachahmung der himmlischen Vorbilder erzogen werden
    muß.

    Schönheit, Reinlichkeit und Ordnung nehmen offenbar eine
    besondere Stellung unter den Kulturanforderungen ein. Niemand
    wird behaupten, daß sie ebenso lebenswichtig seien wie die Be-
    herrschung der Naturkräfte und andere Momente, die wir noch
    kennen lernen sollen, und doch wird niemand gern sie als Neben-
    sächlichkeiten zurückstellen wollen. Daß die Kultur nicht allein
    auf Nutzen bedacht ist, zeigt schon das Beispiel der Schönheit, die
    wir unter den Interessen der Kultur nicht vermissen wollen. Der
    Nutzen der Ordnung ist ganz offenbar; bei der Reinlichkeit haben
    wir zu bedenken, daß sie auch von der Hygiene gefordert wird,
    und können vermuten, daß dieser Zusammenhang den Menschen
    auch vor der Zeit einer wissenschaftlichen Krankheitsverhütung
    nicht ganz fremd war. Aber der Nutzen erklärt uns das Streben
    nicht ganz; es muß noch etwas anderes im Spiele sein.

    Durch keinen anderen Zug vermeinen wir aber die Kultur
    besser zu kennzeichnen, als durch die Schätzung und Pflege der
    höheren psychischen Tätigkeiten, der intellektuellen, wissenschaft-
    lichen und künstlerischen Leistungen, der führenden Rolle, welche
    den Ideen im Leben der Menschen eingeräumt wird. Unter diesen
    Ideen stehen obenan die religiösen Systeme, auf deren verwickelten
    Aufbau ich an anderer Stelle Licht zu werfen versuchte; neben
    ihnen die philosophischen Spekulationen und endlich, was man
    die Idealbildungen der Menschen heißen kann, ihre Vorstellungen
    von einer möglichen Vollkommenheit der einzelnen Person, des
    Volkes, der ganzen Menschheit und die Anforderungen, die sie
    auf Grund solcher Vorstellungen erheben. Daß diese Schöpfungen

  • S.

    62

    nicht unabhängig voneinander sind, vielmehr innig untereinander
    verwoben, erschwert sowohl ihre Darstellung wie ihre psycho-
    logische Ableitung. Wenn wir ganz allgemein annehmen, die Trieb-
    feder aller menschlichen Tätigkeiten sei das Streben nach den
    beiden zusammenfließenden Zielen, Nutzen und Lustgewinn, so
    müssen wir dasselbe auch für die hier angeführten kulturellen
    Äußerungen gelten lassen, obwohl es nur für die wissenschaftliche
    und künstlerische Tätigkeit leicht ersichtlich ist. Man kann aber
    nicht bezweifeln, daß auch die anderen starken Bedürfnissen der
    Menschen entsprechen, vielleicht solchen, die nur bei einer Minder-
    zahl entwickelt sind. Auch darf man sich nicht durch Werturteile
    über einzelne dieser religiösen, philosophischen Systeme und dieser
    Ideale beirren lassen; ob man die höchste Leistung des Menschen-
    geistes in ihnen sucht oder ob man sie als Verirrungen beklagt,
    man muß anerkennen, daß ihr Vorhandensein, besonders ihre Vor-
    herrschaft, einen Hochstand der Kultur bedeutet.

    Als letzten, gewiß nicht unwichtigsten Charakterzug einer
    Kultur haben wir zu würdigen, in welcher Weise die Beziehungen
    der Menschen zueinander, die sozialen Beziehungen, geregelt sind,
    die den Menschen als Nachbarn, als Hilfskraft, als Sexualobjekt
    eines anderen, als Mitglied einer Familie, eines Staates betreffen.
    Es wird hier besonders schwer, sich von bestimmten Idealforde-
    rungen frei zu halten und das, was überhaupt kulturell ist, zu
    erfassen. Vielleicht beginnt man mit der Erklärung, das kulturelle
    Element sei mit dem ersten Versuch, diese sozialen Beziehungen zu
    regeln, gegeben. Unterbliebe ein solcher Versuch, so wären diese
    Beziehungen der Willkür des Einzelnen unterworfen, d. h. der
    physisch Stärkere würde sie im Sinne seiner Interessen und Trieb-
    regungen entscheiden. Daran änderte sich nichts, wenn dieser
    Stärkere seinerseits einen einzelnen noch Stärkeren fände. Das
    menschliche Zusammenleben wird erst ermöglicht, wenn sich eine
    Mehrheit zusammenfindet, die stärker ist als jeder Einzelne und
    gegen jeden Einzelnen zusammenhält. Die Macht dieser Gemein-

  • S.

    63

    schaft stellt sich nun als „Recht“ der Macht des Einzelnen, die
    als „rohe Gewalt“ verurteilt wird, entgegen. Diese Ersetzung der
    Macht des Einzelnen durch die der Gemeinschaft ist der ent-
    scheidende kulturelle Schritt. Ihr Wesen besteht darin, daß sich
    die Mitglieder der Gemeinschaft in ihren Befriedigungsmlich-
    keiten beschränken, während der Einzelne keine solche Schranke
    kannte. Die nächste kulturelle Anforderung ist also die der Ge-
    rechtigkeit, d. h. die Versicherung, daß die einmal gegebene Rechts-
    ordnung nicht wieder zu Gunsten eines Einzelnen durchbrochen
    werde. Über den ethischen Wert eines solchen Rechts wird hier-
    mit nicht entschieden. Der weitere Weg der kulturellen Entwick-
    lung scheint dahin zu streben, daß dieses Recht nicht mehr der
    Willensausdruck einer kleinen Gemeinschaft – Kaste, Bevölkerungs-
    schichte, Volksstammes – sei, welche sich zu anderen und viel-
    leicht umfassenderen solchen Massen wieder wie ein gewalttätiges
    Individuum verhält. Das Endergebnis soll ein Recht sein, zu dem
    alle – wenigstens alle Gemeinschaftsfähigen – durch ihre Trieb-
    opfer beigetragen haben und das keinen – wiederum mit der
    gleichen Ausnahme – zum Opfer der rohen Gewalt werden läßt.

    Die individuelle Freiheit ist kein Kulturgut. Sie war am größten
    vor jeder Kultur, allerdings damals meist ohne Wert, weil das
    Individuum kaum imstande war, sie zu verteidigen. Durch die
    Kulturentwicklung erfährt sie Einschränkungen und die Gerech-
    tigkeit fordert, daß keinem diese Einschränkungen erspart werden.
    Was sich in einer menschlichen Gemeinschaft als Freiheitsdrang
    rührt, kann Auflehnung gegen eine bestehende Ungerechtigkeit
    sein und so einer weiteren Entwicklung der Kultur günstig werden,
    mit der Kultur verträglich bleiben. Es kann aber auch dem Rest
    der ursprünglichen, von der Kultur ungebändigten Persönlichkeit
    entstammen und so Grundlage der Kulturfeindseligkeit werden.
    Der Freiheitsdrang richtet sich also gegen bestimmte Formen und
    Ansprüche der Kultur oder gegen Kultur überhaupt. Es scheint
    nicht, daß man den Menschen durch irgendwelche Beeinflussung

  • S.

    64

    dazu bringen kann, seine Natur in die eines Termiten umzuwandeln,
    er wird wohl immer seinen Anspruch auf individuelle Freiheit
    gegen den Willen der Masse verteidigen. Ein gut Teil des Ringens
    der Menschheit staut sich um die eine Aufgabe, einen zweck-
    mäßigen, d. h. beglückenden Ausgleich zwischen diesen indivi-
    duellen und den kulturellen Massenansprüchen zu finden, es ist
    eines ihrer Schicksalsprobleme, ob dieser Ausgleich durch eine be-
    stimmte Gestaltung der Kultur erreichbar oder ob der Konflikt
    unversöhnlich ist.

    Indem wir uns vom gemeinen Empfinden sagen ließen, welche
    Züge im Leben der Menschen kulturell zu nennen sind, haben
    wir einen deutlichen Eindruck vom Gesamtbild der Kultur be-
    kommen, freilich zunächst nichts erfahren, was nicht allgemein
    bekannt ist. Dabei haben wir uns gehütet, dem Vorurteil beizu-
    stimmen, Kultur sei gleichbedeutend mit Vervollkommnung, sei
    der Weg zur Vollkommenheit, die dem Menschen vorgezeichnet
    ist. Nun aber drängt sich uns eine Auffassung auf, die vielleicht
    anderswohin führt. Die Kulturentwicklung erscheint uns als ein
    eigenartiger Prozeß, der über die Menschheit abläuft, an dem
    uns manches wie vertraut anmutet. Diesen Prozeß können wir
    durch die Veränderungen charakterisieren, die er mit den be-
    kannten menschlichen Triebanlagen vornimmt, deren Befriedigung
    doch die ökonomische Aufgabe unseres Lebens ist. Einige dieser
    Triebe werden in solcher Weise aufgezehrt, daß an ihrer Stelle
    etwas auftritt, was wir beim Einzelindividuum als Charaktereigen-
    schaft beschreiben. Das merkwürdigste Beispiel dieses Vorganges
    haben wir an der Analerotik des jugendlichen Menschen gefunden.
    Sein ursprüngliches Interesse an der Exkretionsfunktion, ihren
    Organen und Produkten wandelt sich im Lauf des Wachstums in
    die Gruppe von Eigenschaften um, die uns als Sparsamkeit, Sinn
    für Ordnung und Reinlichkeit bekannt sind, die, an und für sich
    wertvoll und willkommen, sich zu auffälliger Vorherrschaft steigern
    können und dann das ergeben, was man den Analcharakter heißt.

  • S.

    65

    Wie das zugeht, wissen wir nicht, an der Richtigkeit dieser Auf-
    fassung ist kein Zweifel.1) Nun haben wir gefunden, daß Ordnung
    und Reinlichkeit wesentliche Kulturansprüche sind, obgleich ihre
    Lebensnotwendigkeit nicht gerade einleuchtet, ebensowenig wie
    ihre Eignung als Genußquellen. An dieser Stelle mußte sich uns
    die Ähnlichkeit des Kulturprozesses mit der Libidoentwicklung
    des Einzelnen zuerst aufdrängen. Andere Triebe werden dazu ver-
    anlaßt, die Bedingungen ihrer Befriedigung zu verschieben, auf
    andere Wege zu verlegen, was in den meisten Fällen mit der
    uns wohlbekannten Sublimierung (der Triebziele) zusammenfällt,
    in anderen sich noch von ihr sondern läßt. Die Triebsublimierung
    ist ein besonders hervorstechender Zug der Kulturentwicklung, sie
    macht es möglich, daß höhere psychische Tätigkeiten, wissenschaft-
    liche, künstlerische, ideologische, eine so bedeutsame Rolle im
    Kulturleben spielen. Wenn man dem ersten Eindruck nachgibt,
    ist man versucht zu sagen, die Sublimierung sei überhaupt ein
    von der Kultur erzwungenes Triebschicksal. Aber man tut besser,
    sich das noch länger zu überlegen. Drittens endlich, und das
    scheint das Wichtigste, ist es unmöglich zu übersehen, in welchem
    Ausmaß die Kultur auf Triebverzicht aufgebaut ist, wie sehr sie
    gerade die Nichtbefriedigung (Unterdrückung, Verdrängung oder
    sonst etwas?) von mächtigen Trieben zur Voraussetzung hat. Diese
    „Kulturversagung“ beherrscht das große Gebiet der sozialen Be-
    ziehungen der Menschen; wir wissen bereits, sie ist die Ursache
    der Feindseligkeit, gegen die alle Kulturen zu kämpfen haben. Sie
    wird auch an unsere wissenschaftliche Arbeit schwere Anforderun-
    gen stellen, wir haben da viel Aufklärung zu geben. Es ist nicht
    leicht zu verstehen, wie man es möglich macht, einem Trieb die
    Befriedigung zu entziehen. Es ist gar nicht so ungefährlich; wenn
    man es nicht ökonomisch kompensiert, kann man sich auf ernste
    Störungen gefaßt machen.


    1)S. Charakter und Analerotik, 1908 (Ges. Schriften, Bd. V) und zahlreiche weitere
    Beiträge von E. Jones u. a.

  • S.

    66

    Wenn wir aber wissen wollen, welchen Wert unsere Auffassung
    der Kulturentwicklung als eines besonderen Prozesses, vergleichbar
    der normalen Reifung des Individuums, beanspruchen kann, müssen
    wir offenbar ein anderes Problem in Angriff nehmen, uns die
    Frage stellen, welchen Einflüssen die Kulturentwicklung ihren
    Ursprung dankt, wie sie entstanden ist und wodurch ihr Lauf
    bestimmt wurde.

    IV

    Diese Aufgabe scheint übergroß, man darf seine Verzagtheit ein-
    gestehen. Hier das Wenige, was ich erraten konnte.

    Nachdem der Urmensch entdeckt hatte, daß es – wörtlich so
    verstanden – in seiner Hand lag, sein Los auf der Erde durch
    Arbeit zu verbessern, konnte es ihm nicht gleichgültig sein, ob
    ein Anderer mit oder gegen ihn arbeitete. Der Andere gewann
    für ihn den Wert des Mitarbeiters, mit dem zusammen zu leben
    nützlich war. Noch vorher, in seiner affenähnlichen Vorzeit, hatte
    er die Gewohnheit angenommen, Familien zu bilden; die Mit-
    glieder der Familie waren wahrscheinlich seine ersten Helfer. Ver-
    mutlich hing die Gründung der Familie damit zusammen, daß das
    Bedürfnis genitaler Befriedigung nicht mehr wie ein Gast auftrat,
    der plötzlich bei einem erscheint und nach seiner Abreise lange
    nichts mehr von sich hören läßt, sondern sich als Dauermieter
    beim Einzelnen niederließ. Damit bekam das Männchen ein Motiv,
    das Weib oder allgemeiner: die Sexualobjekte bei sich zu behalten;
    die Weibchen, die sich von ihren hilflosen Jungen nicht trennen
    wollten, mußten auch in deren Interesse beim stärkeren Männchen
    bleiben.1) In dieser primitiven Familie vermissen wir noch einen

    1)Die organische Periodizität des Sexualvorgangs ist zwar erhalten geblieben, aber
    ihr Einfluß auf die psychische Sexualerregung hat sich eher ins Gegenteil verkehrt.
    Diese Veränderung hängt am ehesten zusammen mit dem Zurücktreten der Geruchs-
    reize, durch welche der Menstruationsvorgang auf die männliche Psyche einwirkte.
    Deren Rolle wurde von Gesichtserregungen übernommen, die im Gegensatz zu den