S.
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V
Die psychoanalytische Arbeit hat uns ge-
lehrt, daß gerade diese
Versagungen des Sexuallebens von den sogenannten Neurotikern
nicht vertragen werden. Sie schaffen sich in ihren Symptomen
Ersatzbefriedigungen, die aber entweder an sich Leiden schaffenzusammenfallen lassen, was sich in der Tierreihe keineswegs ausnahmslos bestätigt.
Die Lehre von der Bisexualität liegt noch sehr im Dunkeln, und daß sie noch keine
Verknüpfung mit der Trieblehre gefunden hat, müssen wir in der Psychoanalyse als
schwere Störung verspüren. Wie dem auch sein mag, wenn wir als tatsächlich an-
nehmen, daß der Einzelne in seinem Sexualleben männliche wie weibliche Wünsche
befriedigen will, sind wir für die Möglichkeit vorbereitet, daß diese Ansprüche nicht
durch das nämliche Objekt erfüllt werden und daß sie einander stören, wenn es nicht
gelingt, sie auseinander zu halten und jede Regung in eine besondere, ihr angemessene
Bahn zu leiten. Eine andere Schwierigkeit ergibt sich daraus, daß der erotischen
Beziehung außer der ihr eigenen sadistischen Komponente so häufig ein Betrag von
direkter Aggressionsneigung beigesellt ist. Das Liebesobjekt wird diesen Komplikationen
nicht immer soviel Verständnis und Toleranz entgegenbringen, wie jene Bäuerin, die
sich beklagt, daß ihr Mann sie nicht mehr liebt, weil er sie seit einer Woche nicht
mehr geprügelt hat.Am tiefsten reicht aber die Vermutung, die an die Ausführungen in der Anmerkung
S. 66 anknüpft, daß mit der Aufrichtung des Menschen und der Entwertung des
Geruchssinnes die gesamte Sexualität, nicht nur die Analerotik, ein Opfer der organischen
Verdrängung zu werden drohte, so daß seither die sexuelle Funktion von einem weiter
nicht zu begründenden Widerstreben begleitet wird, das eine volle Befriedigung ver-
hindert und vom Sexualziel verdrängt zu Sublimierungen und Libidoverschiebungen.
Ich weiß, daß Bleuler („Der Sexualwiderstand“. Jahrbuch für psychoanalyt. und
psychopathol. Forschungen, Bd. V, 1913) einmal auf das Vorhandensein einer solchen
ursprünglichen abweisenden Einstellung zum Sexualleben hingewiesen hat. An der
Tatsache des „Inter urinas et faeces nascimur“ nehmen alle Neurotiker und viele außer
ihnen Anstoß. Die Genitalien erzeugen auch starke Geruchsempfindungen, die vielen
Menschen unerträglich sind und ihnen den Sexualverkehr verleiden. So ergäbe sich
als tiefste Wurzel der mit der Kultur fortschreitenden Sexualverdrängung die organische
Abwehr der mit dem aufrechten Gang gewonnenen neuen Lebensform gegen die
frühere animalische Existenz, ein Resultat wissenschaftlicher Erforschung, das sich
in merkwürdiger Weise mit oft laut gewordenen banalen Vorurteilen deckt. Immer-
hin sind dies derzeit nur ungesicherte, von der Wissenschaft nicht erhärtete Möglich-
keiten. Wir wollen auch nicht vergessen, daß trotz der unleugbaren Entwertung der
Geruchsreize es selbst in Europa Völker gibt, die die starken, uns so widrigen Genital-
gerüche als Reizmittel der Sexualität hochschätzen und auf sie nicht verzichten wollen.
(Siehe die folkloristischen Erhebungen auf die „Umfrage“ von Iwan Bloch „Über
den Geruchssinn in der vita sexualis“ in verschiedenen Jahrgängen der „Anthro-
prophyteia“ von Friedrich S. Krauß.)S.
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oder Leidensquelle werden, indem sie ihnen Schwierigkeiten mit
Umwelt und Gesellschaft bereiten. Das letztere ist leicht verständ-
lich, das andere gibt uns ein neues Rätsel auf. Die Kultur verlangt
aber noch andere Opfer als an Sexualbefriedigung.Wir haben die Schwierigkeit der Kulturentwicklung als eine
allgemeine Entwicklungsschwierigkeit aufgefaßt, indem wir sie auf
die Trägheit der Libido zurückführten, auf deren Abneigung, eine
alte Position gegen eine neue zu verlassen. Wir sagen ungefähr
dasselbe, wenn wir den Gegensatz zwischen Kultur und Sexualität
davon ableiten, daß die sexuelle Liebe ein Verhältnis zwischen zwei
Personen ist, bei dem ein Dritter nur überflüssig oder störend sein
kann, während die Kultur auf Beziehungen unter einer größeren
Menschenanzahl ruht. Auf der Höhe eines Liebesverhältnisses bleibt
kein Interesse für die Umwelt übrig; das Liebespaar genügt sich
selbst, braucht auch nicht das gemeinsame Kind, um glücklich zu
sein. In keinem anderen Falle verrät der Eros so deutlich den
Kern seines Wesens, die Absicht, aus mehreren einen zu machen,
aber wenn er dies, wie es sprichwörtlich geworden ist, in der Ver-
liebtheit zweier Menschen zueinander erreicht hat, will er darüber
nicht hinausgehen.Wir können uns bisher sehr gut vorstellen, daß eine Kultur-
gemeinschaft aus solchen Doppelindividuen bestünde, die, in sich
libidinös gesättigt, durch das Band der Arbeits- und Interessen-
gemeinschaft miteinander verknüpft sind. In diesem Falle brauchte
die Kultur der Sexualität keine Energie zu entziehen. Aber dieser
wünschenswerte Zustand besteht nicht und hat niemals bestanden;
die Wirklichkeit zeigt uns, daß die Kultur sich nicht mit den ihr
bisher zugestandenen Bindungen begnügt, daß sie die Mitglieder
der Gemeinschaft auch libidinös aneinander binden will, daß sie
sich aller Mittel hierzu bedient, jeden Weg begünstigt, starke Identi-
fizierungen unter ihnen herzustellen, im größten Ausmaße ziel-
gehemmte Libido aufbietet, um die Gemeinschaftsbande durch
Freundschaftsbeziehungen zu kräftigen. Zur Erfüllung dieser Ab-S.
76
sichten wird die Einschränkung des Sexuallebens unvermeidlich.
Uns fehlt aber die Einsicht in die Notwendigkeit, welche die Kultur
auf diesen Weg drängt und ihre Gegnerschaft zur Sexualität be-
gründet. Es muß sich um einen von uns noch nicht entdeckten
störenden Faktor handeln.Eine der sogenannten Idealforderungen der Kulturgesellschaft
kann uns hier die Spur zeigen. Sie lautet: „Du sollst den Nächsten
lieben wie dich selbst“; sie ist weltberühmt, gewiß älter als das
Christentum, das sie als seinen stolzesten Anspruch vorweist, aber
sicherlich nicht sehr alt; in historischen Zeiten war sie den Menschen
noch fremd. Wir wollen uns naiv zu ihr einstellen, als hörten
wir von ihr zum ersten Male. Dann können wir ein Gefühl von
Überraschung und Befremden nicht unterdrücken. Warum sollen
wir das? Was soll es uns helfen? Vor allem aber, wie bringen
wir das zustande? Wie wird es uns möglich? Meine Liebe ist etwas
mir Wertvolles, das ich nicht ohne Rechenschaft verwerfen darf.
Sie legt mir Pflichten auf, die ich mit Opfern zu erfüllen bereit
sein muß. Wenn ich einen anderen liebe, muß er es auf irgend
eine Art verdienen. (Ich sehe von dem Nutzen, den er mir bringen
kann, sowie von seiner möglichen Bedeutung als Sexualobjekt für
mich ab; diese beiden Arten der Beziehung kommen für die Vor-
schrift der Nächstenliebe nicht in Betracht.) Er verdient es, wenn
er mir in wichtigen Stücken so ähnlich ist, daß ich in ihm mich
selbst lieben kann; er verdient es, wenn er so viel vollkommener
ist als ich, daß ich mein Ideal von meiner eigenen Person in ihm
lieben kann; ich muß ihn lieben, wenn er der Sohn meines Freundes
ist, denn der Schmerz des Freundes, wenn ihm ein Leid zustößt,
wäre auch mein Schmerz, ich müßte ihn teilen. Aber wenn er
mir fremd ist und mich durch keinen eigenen Wert, keine bereits
erworbene Bedeutung für mein Gefühlsleben anziehen kann, wird
es mir schwer, ihn zu lieben. Ich tue sogar unrecht damit, denn
meine Liebe wird von all den Meinen als Bevorzugung geschätzt;
es ist ein Unrecht an ihnen, wenn ich den Fremden ihnen gleich-S.
77
stelle. Wenn ich ihn aber lieben soll, mit jener Weltliebe, bloß
weil er auch ein Wesen dieser Erde ist, wie das Insekt, der Regen-
wurm, die Ringelnatter, dann wird, fürchte ich, ein geringer Be-
trag Liebe auf ihn entfallen, unmöglich soviel, als ich nach dem
Urteil der Vernunft berechtigt bin für mich selbst zurückzubehalten.
Wozu eine so feierlich auftretende Vorschrift, wenn ihre Erfüllung
sich nicht als vernünftig empfehlen kann?Wenn ich näher zusehe, finde ich noch mehr Schwierigkeiten.
Dieser Fremde ist nicht nur im allgemeinen nicht liebenswert, ich
muß ehrlich bekennen, er hat mehr Anspruch auf meine Feind-
seligkeit, sogar auf meinen Haß. Er scheint nicht die mindeste
Liebe für mich zu haben, bezeigt mir nicht die geringste Rück-
sicht. Wenn es ihm einen Nutzen bringt, hat er kein Bedenken,
mich zu schädigen, fragt sich dabei auch nicht, ob die Höhe seines
Nutzens der Größe des Schadens, den er mir zufügt, entspricht.Ja, er braucht nicht einmal einen Nutzen davon zu haben; wenn
er nur irgend eine Lust damit befriedigen kann, macht er sich
nichts daraus, mich zu verspotten, zu beleidigen, zu verleumden, seine
Macht an mir zu zeigen, und je sicherer er sich fühlt, je hilfloser ich
bin, desto sicherer darf ich dies Benehmen gegen mich von ihm er-
warten. Wenn er sich anders verhält, wenn er mir als Fremdem
Rücksicht und Schonung erweist, bin ich ohnedies, ohne jene Vor-
schrift, bereit, es ihm in ähnlicher Weise zu vergelten. Ja, wenn
jenes großartige Gebot lauten würde: Liebe deinen Nächsten wie
dein Nächster dich liebt, dann würde ich nicht widersprechen. Es
gibt ein zweites Gebot, das mir noch unfaßbarer scheint und ein
noch heftigeres Sträuben in mir entfesselt. Es heißt: Liebe deineFeinde. Wenn ich's recht überlege, habe ich unrecht, es als eine
noch stärkere Zumutung abzuweisen. Es ist im Grunde dasselbe.1)1)Ein großer Dichter darf sich gestatten, schwer verpönte psychologische Wahr-
heiten wenigstens scherzend zum Ausdruck zu bringen. So gesteht H. Heine: „Ich
habe die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene Hütte, ein
Strohdach, aber ein gutes Bett, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch, vor dem
Fenster Blumen, vor der Tür einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott michS.
78
Ich glaube nun von einer würdevollen Stimme die Mahnung
zu hören: Eben darum, weil der Nächste nicht liebenswert und
eher dein Feind ist, sollst du ihn lieben wie dich selbst. Ich ver-
stehe dann, das ist ein ähnlicher Fall wie das Credo quia absurdum.
Es ist nun sehr wahrscheinlich, daß der Nächste, wenn er auf-
gefordert wird, mich so zu lieben wie sich selbst, genau so ant-
worten wird wie ich und mich mit den nämlichen Begründungen
abweisen wird. Ich hoffe, nicht mit demselben objektiven Recht,
aber dasselbe wird auch er meinen. Immerhin gibt es Unterschiede
im Verhalten der Menschen, die die Ethik mit Hinwegsetzung
über deren Bedingtheit als „gut“ und „böse“ klassifiziert. Solange
diese unleugbaren Unterschiede nicht aufgehoben sind, bedeutet
die Befolgung der hohen ethischen Forderungen eine Schädigung
der Kulturabsichten, indem sie direkte Prämien für das Bösesein
aufstellt. Man kann hier die Erinnerung an einen Vorgang nicht
abweisen, der sich in der französischen Kammer zutrug, als über
die Todesstrafe verhandelt wurde; ein Redner hatte sich leiden-
schaftlich für ihre Abschaffung eingesetzt und erntete stürmischen
Beifall, bis eine Stimme aus dem Saale die Worte dazwischenrief:
„Que messieurs les assassins commencent!“
Das gern verleugnete Stück Wirklichkeit hinter alledem ist, daß
der Mensch nicht ein sanftes, liebebedürftiges Wesen ist, das sich
höchstens, wenn angegriffen, auch zu verteidigen vermag, sondern
daß er zu seinen Triebbegabungen auch einen mächtigen Anteil
von Aggressionsneigung rechnen darf. Infolgedessen ist ihm der
Nächste nicht nur möglicher Helfer und Sexualobjekt, sondern auch
eine Versuchung, seine Aggression an ihm zu befriedigen, seine
Arbeitskraft ohne Entschädigung auszunützen, ihn ohne seine Ein-
willigung sexuell zu gebrauchen, sich in den Besitz seiner Habe
ganz glücklich machen will, läßt er mich die Freude erleben, daß an diesen Bäumen
etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Herzen werde
ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie mir im Leben zugefügt –
ja, man muß seinen Feinden verzeihen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt werden.“
(Heine, Gedanken und Einfälle.)S.
79
Das Unbehagen in der Kultur
zu setzen, ihn zu demütigen, ihm Schmerzen zu bereiten, zu martern
und zu töten. Homo homini lupus; wer hat nach allen Erfahrungen
des Lebens und der Geschichte den Mut, diesen Satz zu bestreiten?
Diese grausame Aggression wartet in der Regel eine Provokation
ab oder stellt sich in den Dienst einer anderen Absicht, deren
Ziel auch mit milderen Mitteln zu erreichen wäre. Unter ihr
günstigen Umständen, wenn die seelischen Gegenkräfte, die sie
sonst hemmen, weggefallen sind, äußert sie sich auch spontan, ent-
hüllt den Menschen als wilde Bestie, der die Schonung der eigenen
Art fremd ist. Wer die Greuel der Völkerwanderung, der Ein-
brüche der Hunnen, der sogenannten Mongolen unter Dschengis
Khan und Timurlenk, der Eroberung Jerusalems durch die frommen
Kreuzfahrer, ja selbst noch die Schrecken des letzten Weltkriegs
in seine Erinnerung ruft, wird sich vor der Tatsächlichkeit dieser
Auffassung demütig beugen müssen.Die Existenz dieser Aggressionsneigung, die wir bei uns selbst
verspüren können, beim anderen mit Recht voraussetzen, ist das
Moment, das unser Verhältnis zum Nächsten stört und die Kultur
zu ihrem Aufwand nötigt. Infolge dieser primären Feindseligkeit
der Menschen gegeneinander ist die Kulturgesellschaft beständig
vom Zerfall bedroht. Das Interesse der Arbeitsgemeinschaft würde
sie nicht zusammenhalten, triebhafte Leidenschaften sind stärker
als vernünftige Interessen. Die Kultur muß alles aufbieten, um
den Aggressionstrieben der Menschen Schranken zu setzen, ihre
Äußerungen durch psychische Reaktionsbildungen niederzuhalten.
Daher also das Aufgebot von Methoden, die die Menschen zu
Identifizierungen und zielgehemmten Liebesbeziehungen antreiben
sollen, daher die Einschränkung des Sexuallebens und daher auch
das Idealgebot, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das sich
wirklich dadurch rechtfertigt, daß nichts anderes der ursprünglichen
menschlichen Natur so sehr zuwiderläuft. Durch alle ihre Mühen
hat diese Kulturbestrebung bisher nicht sehr viel erreicht. Die
gröbsten Ausschreitungen der brutalen Gewalt hofft sie zu verhüten,S.
80
indem sie sich selbst das Recht beilegt, an den Verbrechern Gewalt
zu üben, aber die vorsichtigeren und feineren Äußerungen der
menschlichen Aggression vermag das Gesetz nicht zu erfassen. Jeder
von uns kommt dahin, die Erwartungen, die er in der Jugend
an seine Mitmenschen geknüpft, als Illusionen fallen zu lassen, und
kann erfahren, wie sehr ihm das Leben durch deren Übelwollen
erschwert und schmerzhaft gemacht wird. Dabei wäre es ein Un-
recht, der Kultur vorzuwerfen, daß sie Streit und Wettkampf aus
den menschlichen Betätigungen ausschließen will. Diese sind sicher-
lich unentbehrlich, aber Gegnerschaft ist nicht notwendig Feind-
schaft, wird nur zum Anlaß für sie mißbraucht.Die Kommunisten glauben den Weg zur Erlösung vom Übel
gefunden zu haben. Der Mensch ist eindeutig gut, seinem Nächsten
wohlgesinnt, aber die Einrichtung des privaten Eigentums hat seine
Natur verdorben. Besitz an privaten Gütern gibt dem einen die
Macht und damit die Versuchung, den Nächsten zu mißhandeln;
der vom Besitz Ausgeschlossene muß sich in Feindseligkeit gegen
den Unterdrücker auflehnen. Wenn man das Privateigentum auf-
hebt, alle Güter gemeinsam macht und alle Menschen an deren
Genuß teilnehmen läßt, werden Übelwollen und Feindseligkeit unter
den Menschen verschwinden. Da alle Bedürfnisse befriedigt sind,
wird keiner Grund haben, in dem anderen seinen Feind zu sehen;
der notwendigen Arbeit werden sich alle bereitwillig unterziehen.
Ich habe nichts mit der wirtschaftlichen Kritik des kommunistischen
Systems zu tun, ich kann nicht untersuchen, ob die Abschaffung
des privaten Eigentums zweckdienlich und vorteilhaft ist.1) Aber
1)Wer in seinen eigenen jungen Jahren das Elend der Armut verkostet, die Gleich-
gültigkeit und den Hochmut der Besitzenden erfahren hat, sollte vor dem Verdacht
geschützt sein, daß er kein Verständnis und kein Wohlwollen für die Bestrebungen
hat, die Besitzungleichheit der Menschen und was sich aus ihr ableitet, zu bekämpfen.
Freilich, wenn sich dieser Kampf auf die abstrakte Gerechtigkeitsforderung der Gleich-
heit aller Menschen berufen will, liegt der Einwand zu nahe, daß die Natur durch
die höchst ungleichmäßige körperliche Ausstattung und geistige Begabung der Einzelnen
Ungerechtigkeiten eingesetzt hat, gegen die es keine Abhilfe gibt.S.
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seine psychologische Voraussetzung vermag ich als haltlose Illusion
zu erkennen. Mit der Aufhebung des Privateigentums entzieht
man der menschlichen Aggressionslust eines ihrer Werkzeuge, gewiß
ein starkes, und gewiß nicht das stärkste. An den Unterschieden
von Macht und Einfluß, welche die Aggression für ihre Absichten
mißbraucht, daran hat man nichts geändert, auch an ihrem Wesen
nicht. Sie ist nicht durch das Eigentum geschaffen worden, herrschte
fast uneingeschränkt in Urzeiten, als das Eigentum noch sehr arm
selig war, zeigt sich bereits in der Kinderstube, kaum daß das
Eigentum seine anale Urform aufgegeben hat, bildet den Boden
satz aller zärtlichen und Liebesbeziehungen unter den Menschen,
vielleicht mit alleiniger Ausnahme der einer Mutter zu ihrem
männlichen Kind. Räumt man das persönliche Anrecht auf ding-
liche Güter weg, so bleibt noch das Vorrecht aus sexuellen Be-
ziehungen, das die Quelle der stärksten Mißgunst und der heftigsten
Feindseligkeit unter den sonst gleichgestellten Menschen werden
muß. Hebt man auch dieses auf durch die völlige Befreiung des
Sexuallebens, beseitigt also die Familie, die Keimzelle der Kultur,
so läßt sich zwar nicht vorhersehen, welche neuen Wege die
Kulturentwicklung einschlagen kann, aber eines darf man erwarten,
daß der unzerstörbare Zug der menschlichen Natur ihr auch dort-
hin folgen wird.Es wird den Menschen offenbar nicht leicht, auf die Befriedigung
dieser ihrer Aggressionsneigung zu verzichten; sie fühlen sich nicht
wohl dabei. Der Vorteil eines kleineren Kulturkreises, daß er dem
Trieb einen Ausweg an der Befreindung der Außenstehenden gestattet,
ist nicht geringzuschätzen. Es ist immer möglich, eine größere
Menge von Menschen in Liebe aneinander zu binden, wenn nur
andere für die Äußerung der Aggression übrig bleiben. Ich habe
mich einmal mit dem Phänomen beschäftigt, daß gerade benach-
barte und einander auch sonst nahe stehende Gemeinschaften sich
gegenseitig befehden und verspotten, so Spanier und Portugiesen,
Nord- und Süddeutsche, Engländer und Schotten usw. Ich gab ihmS.
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den Namen „Narzißmus der kleinen Differenzen“, der nicht viel zur
Erklärung beiträgt. Man erkennt nun darin eine bequeme und
relativ harmlose Befriedigung der Aggressionsneigung, durch die
den Mitgliedern der Gemeinschaft das Zusammenhalten erleichtert
wird. Das überallhin versprengte Volk der Juden hat sich in
dieser Weise anerkennenswerte Verdienste um die Kulturen seiner
Wirtsvölker erworben; leider haben alle Judengemetzel des Mittel-
alters nicht ausgereicht, dieses Zeitalter friedlicher und sicherer für
seine christlichen Genossen zu gestalten. Nachdem der Apostel
Paulus die allgemeine Menschenliebe zum Fundament seiner christ-
lichen Gemeinde gemacht hatte, war die äußerste Intoleranz des
Christentums gegen die draußen Verbliebenen eine unvermeidliche
Folge geworden; den Römern, die ihr staatliches Gemeinwesen
nicht auf die Liebe begründet hatten, war religiöse Unduldsamkeit
fremd gewesen, obwohl die Religion bei ihnen Sache des Staates
und der Staat von Religion durchtränkt war. Es war auch kein
unverständlicher Zufall, daß der Traum einer germanischen Welt-
herrschaft zu seiner Ergänzung den Antisemitismus aufrief, und
man erkennt es als begreiflich, daß der Versuch, eine neue kommu-
nistische Kultur in Rußland aufzurichten, in der Verfolgung der
Bourgeoisie seine psychologische Unterstützung findet. Man fragt
sich nur besorgt, was die Sowjets anfangen werden, nachdem sie
ihre Bourgeoisie ausgerottet haben.Wenn die Kultur nicht allein der Sexualität, sondern auch der
Aggressionsneigung des Menschen so große Opfer auferlegt, so ver-
stehen wir es besser, daß es dem Menschen schwer wird, sich in
ihr beglückt zu finden. Der Urmensch hatte es in der Tat darin
besser, da er keine Triebbeschränkungen kannte. Zum Ausgleich
war seine Sicherheit, solches Glück lange zu genießen, eine sehr
geringe. Der Kulturmensch hat für ein Stück Glücksmöglichkeit
ein Stück Sicherheit eingetauscht. Wir wollen aber nicht vergessen,
daß in der Urfamilie nur das Oberhaupt sich solcher Triebfreiheit
erfreute; die anderen lebten in sklavischer Unterdrückung. DerS.
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Gegensatz zwischen einer die Vorteile der Kultur genießenden
Minderheit und einer dieser Vorteile beraubten Mehrzahl war also
in jener Urzeit der Kultur aufs Äußerste getrieben. Über den heute
lebenden Primitiven haben wir durch sorgfältigere Erkundung er-
fahren, daß sein Triebleben keineswegs ob seiner Freiheit beneidet
werden darf; es unterliegt Einschränkungen von anderer Art, aber
vielleicht von größerer Strenge als das des modernen Kulturmenschen.Wenn wir gegen unseren jetzigen Kulturzustand mit Recht ein-
wenden, wie unzureichend er unsere Forderungen an eine be-
glückende Lebensordnung erfüllt, wie viel Leid er gewähren läßt,
das wahrscheinlich zu vermeiden wäre, wenn wir mit schonungsloser
Kritik die Wurzeln seiner Unvollkommenheit aufzudecken streben,
üben wir gewiß unser gutes Recht und zeigen uns uns nicht als Kultur-
feinde. Wir dürfen erwarten, allmählich solche Abänderungen unserer
Kultur durchzusetzen, die unsere Bedürfnisse besser befriedigen
und jener Kritik entgehen. Aber vielleicht machen wir uns uns auch
mit der Idee vertraut, daß es Schwierigkeiten gibt, die dem Wesen
der Kultur anhaften und die keinem Reformversuch weichen werden.
Außer den Aufgaben der Triebenschränkung, auf die wir vor-
bereitet sind, drängt sich uns die Gefahr eines Zustandes auf, den
man „das psychologische Elend der Masse“ benennen kann. Diese
Gefahr droht am ehesten, wo die gesellschaftliche Bindung haupt-
sächlich durch Identifizierung der Teilnehmer untereinander her-
gestellt wird, während Führerindividualitäten nicht zu jener Be-deutung kommen, die ihnen bei der Massenbildung zufallen sollte.1)
Der gegenwärtige Kulturzustand Amerikas gäbe eine gute Gelegen-
heit, diesen befürchteten Kulturschaden zu studieren. Aber ich
vermeide die Versuchung, in die Kritik der Kultur Amerikas ein-
zugehen; ich will nicht den Eindruck hervorrufen, als wollte ich
mich selbst amerikanischer Methoden bedienen.1)Siehe: Massenpsychologie und Ich-Analyse, 1921. (Ges. Schr. Bd. VI.)
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Das Unbehagen in der Kultur1930-001/1934