• S.

    36

    IV.

          Meine Damen und Herren! Sie werden nun zu wissen ver-
    langen, was wir mit Hilfe der beschriebenen technischen
    Mittel über die pathogenen Komplexe und verdrängten
    Wunschregungen der Neurotiker in Erfahrung gebracht
    haben.
          Nun vor allem eines: Die psychoanalytische Forschung
    führt mit wirklich überraschender Regelmäßigkeit
    die Leidenssymptome der Kranken auf Eindrücke aus ihrem
    Liebesleben zurück, zeigt uns, daß die pathogenen
    Wunschregungen von der Natur erotischer Trieb-
    komponenten sind, und nötigt uns anzunehmen,
    daß Störungen der Erotik die größte Bedeutung
    unter den zur Erkrankung führenden Einflüssen
    zugesprochen werden muß, und dies zwar bei beiden
    Geschlechtern.
          Ich weiß, diese Behauptung wird mir nicht gern ge-
    glaubt. Selbst solche Forscher, die meinen psychologischen
    Arbeiten bereitwillig folgen, sind geneigt zu meinen, daß
    ich den aetiologischen Anteil der sexuellen
    Momente überschätze und wenden sich an mich
    mit der Frage, warum denn nicht auch andere
    seelische Erregungen zu den beschriebenen Phänomenen
    der Verdrängung und Ersatzbildung Anlaß geben
    sollen. Nun, ich kann antworten: Ich weiß nicht, warum
    sie es nicht sollten, habe auch nichts dagegen, aber
    die Erfahrung zeigt, daß sie solche Bedeutung nicht
    haben, daß sie höchstens die Wirkung der sexuellen
    Momente unterstützen, nie aber die letzteren
    ersetzen. Dieser Sachverhalt wurde von mir nicht
    etwa theoretisch postuliert; noch in den 1895 mit
    Dr. J. Breuer publicirten Studien über Hysterie x)
    stand ich nicht auf diesem Standpunkte; ich mußte
    mich zu ihm bekehren, als meine Erfahrungen
    zahlreicher wurden und tiefer in den Gegenstand
    eindrangen. Meine Herren, es befinden sich hier
    unter Ihnen einige meiner nächsten Freunde und
    Anhänger, die die Reise nach Worcester mit mir
    gemacht haben. Fragen Sie bei ihnen an und Sie werden
    hören, daß sie alle der Behauptung von der
    maßgebenden Bedeutung der sexuellen Aetiologie

  • S.

    2 37

    zuerst vollen Unglauben entgegenbrachten, bis sie durch
    ihre eigenen analytischen Bemühungen genötigt wurden
    sie zu der ihrigen zu machen.
          Die Überzeugung von der Richtigkeit des in Rede
    stehenden Satzes wird durch das Benehmen der
    Patienten nicht gerade erleichtert. Anstatt uns
    die Auskünfte über ihr Sexualleben bereitwillig
    entgegenzubringen, suchen sie dieses mit allen Mitteln
    zu verbergen. Die Menschen sind überhaupt nicht auf-
    richtig in sexuellen Dingen. Sie zeigen ihre Sexualität
    nicht frei, sondern tragen eine dicke Oberkleidung
    aus – Lügengebe zu ihrer Verhüllung, als ob
    es schlechtes Wetter gäbe in der Welt der Sexualität.
    Und sie haben nicht Unrecht. Sonne und Wind sind
    in unserer Kulturwelt der sexuellen Betätigung
    wirklich nicht günstig; eigentlich kann niemand
    von uns seine Erotik frei den Anderen enthüllen.
    Wenn Ihre Patienten aber erst gemerkt haben,
    daß sie sich in Ihrer Behandlung behaglich machen
    dürfen, dann legen sie jene Lügenhülle ab, und
    dann erst sind Sie in der Lage, sich ein Urteil über
    unsere Streitfrage zu bilden. Leider sind auch die
    Ärzte in ihrem persönlichen Verhältnis zu
    den Fragen des Sexuallebens vor anderen
    Menschenkindern nicht bevorzugt, und viele von
    ihnen stehen unter dem Banne jener Vereinigung
    von Prüderie und Lüsternheit, welche das
    Verhalten der meisten „Kulturmenschen“ in Sachen
    der Sexualität beherrscht.
          Lassen Sie uns nun in der Mitteilung unserer
    Ergebnisse fortgehen. In einer anderen Reihe
    von Fällen führt die psychoanalytische Erforschung
    die Symptome allerdings nicht auf sexuelle, sondern
    auf banale traumatische Erlebnisse zurück.
    Aber diese Unterscheidung wird durch einen anderen
    Umstand bedeutungslos. Die zur gründlichen Auf-
    klärung und endgiltigen Herstellung eines Krank-
    heitsfalles erforderliche Analysenarbeit macht
    nämlich in keinem Falle bei den Erlebnissen
    der Erkrankungszeit Halt, sondern sie geht
    in allen Fällen bis in die Pubertät und in
    die frühe Kindheit des Erkrankten zurück,
    um erst dort auf die für die spätere Erkrankung
    bestimmenden Eindrücke und Vorfälle zu stoßen.

  • S.

    3 38

    Erst die Erlebnisse der Kindheit geben die Erklärung
    für die Empfindlichkeit gegen spätere Traumen
    und nur durch die Aufdeckung und Bewußt-
    machung dieser fast regelmäßig vergessenen Erinnerungsspuren
    erwerben wir die Macht zur Beseitigung der
    Symptome. Wir gelangen hier zu dem gleichen Ergebnis
    wie bei der Erforschung der Träume, daß es die
    unvergänglichen, verdrängten Wunschregungen der
    Kindheit sind, die ihre Macht zur Symptombildung
    geliehen haben, ohne welche die Reaktion auf spätere
    Traumen normal verlaufen wäre. Diese mächtigen
    Wunschregungen der Kindheit dürfen wir aber
    ganz allgemein als sexuelle bezeichnen.
          Jetzt bin ich aber erst recht Ihrer Verwunderung sicher.
    Gibt es denn eine infantile Sexualität? werden Sie
    fragen. Ist das Kindesalter nicht vielmehr die Lebens-
    periode, die durch das Fehlen des Sexualtriebes aus-
    gezeichnet ist? Nein, meine Herren, es ist gewiß nicht so,
    daß der Sexualtrieb zur Pubertätszeit in die
    Kinder fährt, wie im Evangelium der Teufel in
    die Säue. Das Kind hat seine sexuellen Triebe und Be-
    tätigungen von Anfang an, es bringt sie mit
    auf die Welt, und aus ihnen geht durch eine
    bedeutungsvolle, an Etappen reiche Entwicklung
    die sogenannte normale Sexualität des Erwachsenen
    hervor. Es ist nicht einmal schwer, die Äußerungen
    dieser kindlichen Sexualbetätigung zu beobachten;
    es gehört vielmehr eine gewisse Kunst dazu, sie
    zu übersehen oder wegzudeuten. x)
          Durch die Gunst des Schicksals bin ich in die
    Lage versetzt, einen Zeugen für meine Behauptungen
    aus Ihrer Mitte selbst anzurufen. Ich zeige Ihnen
    hier die Arbeit eines Dr Sanford Bell, die 1902 im
    American Journal of Psychology abgedruckt worden
    ist. Der Autor ist ein Fellow der Clark University, desselben
    Instituts, in dessen Räumen wir jetzt stehen.
    In dieser Arbeit, betitelt: A preliminary study of the
    emotion of love between the sexes, die drei Jahre
    vor meinen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ er-
    schienen ist, sagt der Autor ganz so, wie ich Ihnen eben sagte:
    The emotion of sex love . . . does not make its appearance
    for the first time at the period of adolescence as has been
    thought. Er hat, wie wir in Europa sagen würden,
    im amerikanischen Stil gearbeitet, nicht weniger
    als 2500 positive Beobachtungen im Laufe

  • S.

    3V 38

    Durch die Gunst des Schicksals bin ich in die Lage versetzt,
    einen Zeugen für meine Behauptungen aus Ihrer Mitte
    selbst anzurufen. Ich zeige Ihnen hier die Arbeit eines
    Dr Sanford Bell die 1902 im American Journal
    of Psychology abgedruckt worden ist. Der Autor ist
    ein Fellow der Clark University, desselben Instituts,
    in dessen Räumen wir jetzt stehen. In dieser Arbeit
    betitelt: A preliminary study of the emotion of love
    between the sexes, die 3 Jahre vor meinen „Drei Ab=
    handlungen zur Sexualtheorie“ erschienen ist sagt der
    Autor ganz wie ich Ihnen eben sagte: The emotion of
    sex love . . . does not make its appearance for the
    first time at the period of adolescence as has been
    thought. Er hat, wie wir in Europa sagen würden,
    im amerikanischen Stil gearbeitet, nicht weniger
    als 2500 positive Beobachtungen im Laufe
    von 15 Jahren gesammelt, darunter 800 eigene.
    Von den Zeichen, durch die sich diese Verliebtheiten
    kundgeben, äußert er: The unprejudiced mind
    in observing these manifestations in hundreds
    of couples of children cannot escape referring
    them to sex origin. The most exacting mind is
    satisfied when to these observations are added the
    confessions of those who have as children experienced
    the emotion to a marked degree of intensity, and
    whose memories of childhood are relatively distinct.
    Am meisten überrascht werden (aber) diejenigen
    von Ihnen, die an die infantile Sexualität nicht
    glauben wollten, überrascht sein zu hören, daß unter
    diesen früh verliebten Kindern nicht wenige
    sich im zarten Alter von 3, 4 und 5 Jahren
    befinden.
    Ich würde mich nicht wundern, wenn Sie diesen Beob-
    achtungen eines engsten Landsmannes eher Glauben
    schenken würden als den meinigen. Mir selbst ist
    es vor kurzem geglückt aus der Analyse eines
    5jährigen an Angst leidenden Knaben, die dessen
    eigener Vater kunstgerecht mit ihm vorgenommen x)
    ein ziemlich vollständiges Bild der somatischen Trieb-
    __________________________________________________
    x) Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. Jahrbuch
    für psychoanalyt. und psychopathologische Forschungen. Bd I
    1 Hälfte 1909.
    __________________________________________________
    äußerungen und der seelischen Produktionen auf
    einer frühen Stufe des kindlichen Liebeslebens zu gewinnen
    Und ich darf Sie daran erinnern, daß mein Freund

  • S.

    Dr. C. G. Jung Ihnen vor wenigen Stunden die Beobachtung
    in diesem Saale
    eines noch jüngeren Mädchens vorlas, welches aus dem
    gleichen Anlasse wie mein Patient – bei der Geburt
    eines Geschwisterchens – fast die nämlichen sinnlichen
    Regungen, Wunsch- und Komplexbildungen mit
    Sicherheit erraten ließ. Ich verzweifle also nicht daran,
    daß Sie sich mit der anfänglich befremdlichen
    Idee der infantilen Sexualität befreunden
    werden und möchte Ihnen noch das rühmliche Beispiel
    des Züricher Psychiaters E. Bleuler vorhalten,
    der noch vor wenigen Jahren öffentlich äußerte,
    „er stehe meinen sexuellen Theorien ohne Ver-
    ständnis gegenüber“, und seither die infantile
    Sexualität in ihrem vollen Umfang durch eigene
    Beobachtungen bestätigt hat. x)
    __________________________________________________
    x) Bleuler Sexuelle Abnormitäten der Kinder. Jahrbuch der
    schweiz. Gesellschaft für Schulgesundheitspflege IX. 1908.

  • S.

    4 39

    des Kindes erweist sich als hoch zusammengesetzt, er
    läßt eine Zerlegung in viele Komponenten zu,
    die aus verschiedenen Quellen stammen. Er ist vor
    allem noch unabhängig von der Funktion der
    Fortpflanzung, in deren Dienst er sich später
    stellen wird. Er dient der Gewinnung verschiedener
    Arten von Lustempfindung, die wir nach Analogien
    und Zusammenhängen als Sexuallust zusammenfassen.
    Die Hauptquelle der infantilen Sexuallust ist die
    geeignete Erregung bestimmter besonders reizbarer
    Körperstellen, außer den Genitalien, der Mund-,
    After- und Harnröhrenöffnung, aber auch der
    Haut und anderer Sinnesoberflächen. Da in
    dieser ersten Phase des kindlichen Sexuallebens
    die Befriedigung am eigenen Körper gefunden
    und von einem fremden Objekt abgesehen
    wird, heißen wir die Phase nach einem von Havelock
    Ellis geprägten Wort die des Autoerotismus.
    Jene für die Gewinnung von sexueller Lust bedeut-
    samen Stellen nennen wir erogene Zonen. Das
    Ludeln oder Wonnesaugen der kleinsten Kinder
    ist ein gutes Beispiel einer solchen autoerotischen Befried-
    igung von einer erogenen Zone aus; der erste
    wissenschaftliche Beobachter dieses Phänomens, ein
    Kinderarzt namens Lindner in Budapest, hat
    es bereits richtig als Sexualbefriedigung gedeutet
    und dessen Übergang in andere und höhere Formen
    der Sexualbetätigung erschöpfend beschrieben.x) Eine
    __________________________________________________
    x) Jahrbuch für Kinderheilkunde 1879.
    andere Sexualbefriedigung dieser Lebenszeit ist
    die masturbatorische Erregung der Genitalien,
    die eine so große Bedeutung für das spätere
    Leben behält und von vielen Individuen
    überhaupt nie völlig überwunden wird.
    Neben diesen und anderen autoerotischen Betätig-
    ungen äußern sich sehr frühzeitig beim Kinde
    jene Triebkomponenten der Sexuallust oder,
    wie wir gern sagen, der Libido, die eine fremde
    Person als Objekt zur Voraussetzung nehmen.
    Diese Triebe treten in Gegensatzpaaren auf, als aktive
    und passive; ich nenne Ihnen als die wichtigsten Ver-
    treter dieser Gruppe die Lust Schmerzen zu bereiten
    (Sadismus) mit ihrem passiven Gegenspiel (Masochismus)
    und die aktive und passive Schaulust, von welch

  • S.

    5 40

    ersterer später die Wißbegierde abzweigt, wie von letzterer
    der Drang zur künstlerischen und schauspielerischen
    Schaustellung. Andere Sexualbetätigungen des Kindes
    fallen bereits unter den Gesichtspunkt der Objekt-
    wahl, bei welcher eine fremde Person zur Hauptsache
    wird, die ihre Bedeutung ursprünglich Rücksichten
    des Selbsterhaltungstriebes verdankt. Der
    Geschlechtsunterschied spielt aber in dieser kindlichen
    Periode noch keine ausschlaggebende Rolle; Sie
    können so jedem Kinde, ohne ihm Unrecht zu tun,
    ein Stück homosexueller Begabung zusprechen.
          Dies zerfahrene, reichhaltige aber dissoziierte
    Sexualleben des Kindes, in welchem der einzelne
    Trieb unabhängig von jedem andern dem Lust-
    erwerbe nachgeht, erfährt nun eine Zusammen-
    fassung und Organisation nach zwei Hauptricht-
    ungen, so daß mit Abschluß der Pubertätszeit
    der definitive Sexualcharakter des Individuums
    meist fertig ausgebildet ist. Einerseits ordnen
    sich die einzelnen Triebe der Oberherrschaft der Genitalzone
    unter, wodurch das ganze Sexualleben in den Dienst der
    Fortpflanzung tritt und ihre Befriedigung bleibt
    nur noch als Vorbereitung und Begünstigung
    des eigentlichen Sexualaktes von Bedeutung.
    Anderseits drängt die Objektwahl den Autoerotismus
    zurück, so daß nun im Liebesleben alle Komponenten
    des Sexualtriebes an der geliebten Person befriedigt
    werden wollen. Aber nicht alle ursprünglichen
    Triebkomponenten werden zu einem Anteil an
    dieser endgültigen Feststellung des Sexuallebens
    zugelassen. Noch vor der Pubertätszeit sind unter
    dem Einfluß der Erziehung äußerst energische
    Verdrängungen gewisser Triebe durchgesetzt
    und seelische Mächte wie Scham Ekel Moral herge-
    stellt worden, welche diese Verdrängungen wie
    Wächter unterhalten. Kommt dann im Pubertäts-
    alter die Hochflut der sexuellen Bedürftigkeit, so
    findet sie an den genannten seelischen Reaktions-
    oder Widerstandsbildungen Dämme, welche ihr
    den Ablauf in die sogenannten normalen Wege
    vorschreiben und es ihr unmöglich machen, die der
    Verdrängung unterlegenen Triebe neu zu beleben.
    Es sind besonders die koprophilen, d. i. die mit den
    Exkrementen zusammenhängenden Lustregungen des

  • S.

    6 41

    Kindheit, welche von der Verdrängung am gründlichsten
    betroffen werden, und ferner die Fixierung an die Personen der
    primitiven Objektwahl.
          Meine Herren! Ein Satz der allgemeinen Pathologie
    sagt aus, daß jeder Entwicklungsvorgang die
    Keime pathologischer Disposition mit sich bringt insoferne
    er gehemmt, verzögert oder unvollkommen ablaufen
    kann. Dasselbe gilt für die so complicierte Ent-
    wicklung der Sexualfunktion. Sie wird nicht bei
    allen Individuen glatt durchgemacht und hinter-
    läßt dann entweder Abnormitäten oder
    Dispositionen zu späterer Erkrankung auf dem
    Wege der Rückbildung (Regression). Es kann geschehen,
    daß nicht alle Partialtriebe sich der Herrschaft
    der Genitalzone unterordnen; ein solcher unab-
    hängig gebliebener Trieb stellt dann das her,
    was wir eine Perversion nennen und was das
    normale Sexualziel durch sein eigenes ersetzen
    kann. Es kommt, wie bereits erwähnt, sehr häufig
    vor, daß der Autoerotismus nicht völlig über-
    wunden wird, wovon die mannigfaltigsten Störungen
    in der Folge Zeugnis ablegen. Die ursprüngliche
    Gleichwertigkeit beider Geschlechter als Sexualobjekte
    kann sich erhalten, und daraus wird sich eine Neigung zur homo-
    sexuellen Betätigung im reifen Leben, die sich unter Umständen
    zur ausschließlichen Homosexualität steigern
    kann. Diese Reihe von Störungen entspricht den
    direkten Entwicklungshemmungen der Sexual-
    funktion. Sie umfaßt die Perversionen und den
    gar nicht seltenen, allgemeinen Infantilismus
    des Sexuallebens.
    Die Disposition zu den Neurosen ist auf andere
    Weise von einer Schädigung der Sexualent-
    wicklung abzuleiten. Die Neurosen verhalten sich
    zu den Perversionen wie das Negativ zum
    Positiv; in ihnen sind dieselben Triebkompon-
    enten als Träger der Komplexe und Symptombildner
    nachweisbar wie bei den Perversionen, aber sie
    wirken hier vom Unbewußten her; sie haben
    also eine Verdrängung erfahren, konnten sich
    aber derselben zum Trotze im Unbewußten
    behaupten. Die Psychoanalyse läßt uns erkennen,
    daß überstarke Äußerung dieser Triebe in
    sehr frühen Zeiten zu einer Art von partieller

  • S.

    7 42

    Fixierung führt, die nun einen schwachen Punkt im
    Gefüge der Sexualfunktion darstellt. Stößt die
    Ausübung der normalen Sexualfunktion im
    späteren reifen Leben auf Hindernisse, so wird
    die Verdrängung der Entwicklungszeit gerade
    an jenen Stellen durchbrochen, wo die infantilen
    Fixierungen stattgefunden haben.
          Sie werden jetzt vielleicht den Einwand machen:
    Aber das ist ja Alles nicht Sexualität. Ich gebrauche
    das Wort in einem viel weiteren Sinne als
    Sie gewohnt sind es zu verstehen. Das gebe ich
    Ihnen gern zu, aber es fragt sich, ob nicht vielmehr
    Sie das Wort in viel zu engem Sinne gebrauchen,
    wenn Sie es auf das Gebiet der Fortpflanzung ein-
    schränken. Sie opfern dabei das Verständnis der
    Perversionen, den Zusammenhang zwischen Perversion,
    Neurose und normalem Sexualleben und sein
    setzen sich außer Stande, die sich zu beobachtenden
    Anfänge des somatischen und seelischen Liebeslebens
    der Kinder nach ihrer wahren Bedeutung zu erkennen.
    Wie immer aber Sie über den Wortgebrauch
    entscheiden wollen, halten Sie daran fest, daß der
    Psychoanalytiker die Sexualität in jenem vollen
    Sinne erfaßt, zu dem man durch die Würdigung der
    infantilen Sexualität geleitet wird.
          Kehren wir nun nochmals zur Sexualentwicklung
    des Kindes zurück. Wir haben hier manches nachzu-
    holen, weil wir unsere Aufmerksamkeit mehr
    den somatischen als den seelischen Äußerungen des
    Sexuallebens geschenkt haben. Die primitive Ob-
    jektwahl des Kindes, die sich von seiner Hilfsbedürf-
    tigkeit ableitet, fordert unsere weitere Teilnahme
    heraus. Sie wendet sich zunächst den allen Pflegepersonen
    zu, die aber bald hinter den Eltern zurücktreten.
    Die Beziehung der Kinder zu ihren Eltern ist wie direkte
    Beobachtung des Kindes und spätere analytische
    Erforschung des Erwachsenen übereinstimmend
    dartun, keineswegs frei von Elementen sexueller
    Miterregung. Das Kind nimmt beide Elternteile und
    einen Teil besonders zum Objekt seiner erotischen
    Wünsche. Gewöhnlich folgt es dabei selbst einer An-
    regung der Eltern, deren Zärtlichkeit die deutlichsten
    Charaktere einer wenn auch in ihren Zielen gehemmten
    Sexualbetätigung hat. Der Vater bevorzugt
    in der Regel die Tochter, die Mutter den Sohn;
    das Kind reagiert hierauf, indem es sich als Sohn

  • S.

    8 43

    an die Stelle des Vaters, als Tochter an die Stelle der
    Mutter wünscht. Die Gefühle, die in
    diesen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und
    in den daran angelehnten zwischen den Geschwistern
    untereinander geweckt werden, sind nicht nur
    positiver zärtlicher, sondern auch negativer, feindseliger
    Art. Der so gebildete Komplex ist zur baldigen Ver-
    drängung bestimmt aber er übt noch vom Unbewußten
    her eine großartige und nachhaltige Wirkung aus.
    Wir dürfen die Vermutung aussprechen, daß er
    mit seinen Ausläufern den Kernkomplex
    einer jeden Neurose darstellt, und wir sind darauf
    gefaßt, ihn auf anderen Gebieten des Seelenlebens
    nicht minder wirksam anzutreffen. Der Mythus
    vom König Oedipus, der seinen Vater tötet
    und seine Mutter zum Weib gewinnt, ist eine
    noch wenig abgeänderte Offenbarung des
    infantilen Wunsches, dem sich späterhin die Inzest-
    schranke abweisend entgegenstellt. Die Hamlet-
    Dichtung Shakespeare's ruht auf demselben Boden
    des besser verhüllten Inzestkomplexes.
          Um die Zeit, da das Kind von dem noch unverdrängten
    Kernkomplex beherrscht wird, setzt ein bedeutungsvolles
    Stück seiner intellektuellen Betätigung im
    Dienste des Sexualinteresses ein. Es beginnt zu
    forschen, woher die Kinder kommen, und errät in
    Verwertung der ihm gebotenen Anzeichen mehr
    von den wirklichen Verhältnissen als die Erwachsenen
    ahnen können. Gewöhnlich hat die materielle Bedrohung
    durch ein neu angekommenes Kind, in dem es zunächst
    nur den Konkurrenten erblickt, sein Forscherinteresse
    geweckt. Unter dem Einfluß der in ihm selbst
    tätigen Partialtriebe gelangt es zu einer
    Anzahl von „infantilen Sexualtheorien“, wie
    daß es beiden Geschlechtern das gleiche männliche
    Genitale zuspricht, daß es die Kinder durch
    Essen empfangen und durch das Ende des Darmes
    gebären läßt, und daß es den Verkehr der Geschlechter
    als einen feindseligen Akt, eine Art von Über-
    wältigung erfaßt. Aber gerade die Unfertigkeit
    seiner sexuellen Konstitution und die Lücke in
    seinen Kenntnissen, die durch die Latenz des
    weiblichen Geschlechtskanal gegeben ist, nötigt
    den infantilen Forscher, seine Arbeit als erfolglos
    einzustellen. Die Tatsache dieser Kinderforschung

  • S.

    9 44

    selbst wie die einzelnen durch sie zu Tage geförderten
    infantilen Sexualtheorien bleiben von bestimmender
    Bedeutung für die Charakterbildung des Kindes
    und den Inhalt einer späteren neurotischen Erkrankung.
          Es ist unvermeidlich und durchaus normal, daß
    das Kind die Eltern zu Objekten seiner ersten
    Liebeswahl mache. Aber seine Libido soll nicht an
    diese ersten Objekte fixiert bleiben, sondern
    sie späterhin bloß zum Vorbild nehmen und von
    ihnen zur Zeit der definitiven Objektwahl
    auf fremde Personen hinüberleiten. Die Ab-
    lösung des Kindes von den Eltern wird so zur
    unentrinnbaren Aufgabe, wenn die soziale
    Tüchtigkeit des jungen Individuums nicht ge-
    fährdet werden soll. Während der Zeit, da die
    Verdrängung die Auslese unter den Partial-
    trieben der Sexualität trifft, und später, wenn
    der Einfluß der Eltern gelockert werden soll, der
    den Aufwand für diese Verdrängungen im
    Wesentlichen bestritten hat, fallen der Erziehungs-
    arbeit große Aufgaben zu, die gegenwärtig gewiß
    nicht immer in verständnisvoller und einwandfreier
    Weise erledigt werden.
          Meine Herren, urteilen Sie nicht etwa, daß wir uns
    mit diesen Erörterungen über das Sexualleben
    und die psychosexuelle Entwicklung des Kindes allzuweit
    von der Psychoanalyse und von der Aufgabe der
    Beseitigung nervöser Störungen entfernt haben.
    Wenn Sie wollen, können Sie die psychoanalytische
    Behandlung nur als eine fortgesetzte Erziehung
    zur Überwindung von Kindheitsresten beschreiben.