S.
36
IV.
Meine Damen und Herren! Sie werden nun zu wissen ver-
langen, was wir mit Hilfe der beschriebenen technischen
Mittel über die pathogenen Komplexe und verdrängten
Wunschregungen der Neurotiker in Erfahrung gebracht
haben.
Nun vor allem eines: Die psychoanalytische Forschung
führt mit wirklich überraschender Regelmäßigkeit
die Leidenssymptome der Kranken auf Eindrücke aus ihrem
Liebesleben zurück, zeigt uns, daß die pathogenen
Wunschregungen von der Natur erotischer Trieb-
komponenten sind, und nötigt uns anzunehmen,
daß Störungen der Erotik die größte Bedeutung
unter den zur Erkrankung führenden Einflüssen
zugesprochen werden muß, und dies zwar bei beiden
Geschlechtern.
Ich weiß, diese Behauptung wird mir nicht gern ge-
glaubt. Selbst solche Forscher, die meinen psychologischen
Arbeiten bereitwillig folgen, sind geneigt zu meinen, daß
ich den aetiologischen Anteil der sexuellen
Momente überschätze und wenden sich an mich
mit der Frage, warum denn nicht auch andere
seelische Erregungen zu den beschriebenen Phänomenen
der Verdrängung und Ersatzbildung Anlaß geben
sollen. Nun, ich kann antworten: Ich weiß nicht, warum
sie es nicht sollten, habe auch nichts dagegen, aber
die Erfahrung zeigt, daß sie solche Bedeutung nicht
haben, daß sie höchstens die Wirkung der sexuellen
Momente unterstützen, nie aber die letzteren
ersetzen. Dieser Sachverhalt wurde von mir nicht
etwa theoretisch postuliert; noch in den 1895 mit
Dr. J. Breuer publicirten Studien über Hysterie x)
stand ich nicht auf diesem Standpunkte; ich mußte
mich zu ihm bekehren, als meine Erfahrungen
zahlreicher wurden und tiefer in den Gegenstand
eindrangen. Meine Herren, es befinden sich hier
unter Ihnen einige meiner nächsten Freunde und
Anhänger, die die Reise nach Worcester mit mir
gemacht haben. Fragen Sie bei ihnen an und Sie werden
hören, daß sie alle der Behauptung von der
maßgebenden Bedeutung der sexuellen AetiologieS.
2 37
zuerst vollen Unglauben entgegenbrachten, bis sie durch
ihre eigenen analytischen Bemühungen genötigt wurden
sie zu der ihrigen zu machen.
Die Überzeugung von der Richtigkeit des in Rede
stehenden Satzes wird durch das Benehmen der
Patienten nicht gerade erleichtert. Anstatt uns
die Auskünfte über ihr Sexualleben bereitwillig
entgegenzubringen, suchen sie dieses mit allen Mitteln
zu verbergen. Die Menschen sind überhaupt nicht auf-
richtig in sexuellen Dingen. Sie zeigen ihre Sexualität
nicht frei, sondern tragen eine dicke Oberkleidung
aus – Lügengebe zu ihrer Verhüllung, als ob
es schlechtes Wetter gäbe in der Welt der Sexualität.
Und sie haben nicht Unrecht. Sonne und Wind sind
in unserer Kulturwelt der sexuellen Betätigung
wirklich nicht günstig; eigentlich kann niemand
von uns seine Erotik frei den Anderen enthüllen.
Wenn Ihre Patienten aber erst gemerkt haben,
daß sie sich in Ihrer Behandlung behaglich machen
dürfen, dann legen sie jene Lügenhülle ab, und
dann erst sind Sie in der Lage, sich ein Urteil über
unsere Streitfrage zu bilden. Leider sind auch die
Ärzte in ihrem persönlichen Verhältnis zu
den Fragen des Sexuallebens vor anderen
Menschenkindern nicht bevorzugt, und viele von
ihnen stehen unter dem Banne jener Vereinigung
von Prüderie und Lüsternheit, welche das
Verhalten der meisten „Kulturmenschen“ in Sachen
der Sexualität beherrscht.
Lassen Sie uns nun in der Mitteilung unserer
Ergebnisse fortgehen. In einer anderen Reihe
von Fällen führt die psychoanalytische Erforschung
die Symptome allerdings nicht auf sexuelle, sondern
auf banale traumatische Erlebnisse zurück.
Aber diese Unterscheidung wird durch einen anderen
Umstand bedeutungslos. Die zur gründlichen Auf-
klärung und endgiltigen Herstellung eines Krank-
heitsfalles erforderliche Analysenarbeit macht
nämlich in keinem Falle bei den Erlebnissen
der Erkrankungszeit Halt, sondern sie geht
in allen Fällen bis in die Pubertät und in
die frühe Kindheit des Erkrankten zurück,
um erst dort auf die für die spätere Erkrankung
bestimmenden Eindrücke und Vorfälle zu stoßen.S.
3 38
Erst die Erlebnisse der Kindheit geben die Erklärung
für die Empfindlichkeit gegen spätere Traumen
und nur durch die Aufdeckung und Bewußt-
machung dieser fast regelmäßig vergessenen Erinnerungsspuren
erwerben wir die Macht zur Beseitigung der
Symptome. Wir gelangen hier zu dem gleichen Ergebnis
wie bei der Erforschung der Träume, daß es die
unvergänglichen, verdrängten Wunschregungen der
Kindheit sind, die ihre Macht zur Symptombildung
geliehen haben, ohne welche die Reaktion auf spätere
Traumen normal verlaufen wäre. Diese mächtigen
Wunschregungen der Kindheit dürfen wir aber
ganz allgemein als sexuelle bezeichnen.
Jetzt bin ich aber erst recht Ihrer Verwunderung sicher.
Gibt es denn eine infantile Sexualität? werden Sie
fragen. Ist das Kindesalter nicht vielmehr die Lebens-
periode, die durch das Fehlen des Sexualtriebes aus-
gezeichnet ist? Nein, meine Herren, es ist gewiß nicht so,
daß der Sexualtrieb zur Pubertätszeit in die
Kinder fährt, wie im Evangelium der Teufel in
die Säue. Das Kind hat seine sexuellen Triebe und Be-
tätigungen von Anfang an, es bringt sie mit
auf die Welt, und aus ihnen geht durch eine
bedeutungsvolle, an Etappen reiche Entwicklung
die sogenannte normale Sexualität des Erwachsenen
hervor. Es ist nicht einmal schwer, die Äußerungen
dieser kindlichen Sexualbetätigung zu beobachten;
es gehört vielmehr eine gewisse Kunst dazu, sie
zu übersehen oder wegzudeuten. x)
Durch die Gunst des Schicksals bin ich in die
Lage versetzt, einen Zeugen für meine Behauptungen
aus Ihrer Mitte selbst anzurufen. Ich zeige Ihnen
hier die Arbeit eines Dr Sanford Bell, die 1902 im
American Journal of Psychology abgedruckt worden
ist. Der Autor ist ein Fellow der Clark University, desselben
Instituts, in dessen Räumen wir jetzt stehen.
In dieser Arbeit, betitelt: A preliminary study of the
emotion of love between the sexes, die drei Jahre
vor meinen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ er-
schienen ist, sagt der Autor ganz so, wie ich Ihnen eben sagte:
The emotion of sex love . . . does not make its appearance
for the first time at the period of adolescence as has been
thought. Er hat, wie wir in Europa sagen würden,
im amerikanischen Stil gearbeitet, nicht weniger
als 2500 positive Beobachtungen im LaufeS.
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Durch die Gunst des Schicksals bin ich in die Lage versetzt,
einen Zeugen für meine Behauptungen aus Ihrer Mitte
selbst anzurufen. Ich zeige Ihnen hier die Arbeit eines
Dr Sanford Bell die 1902 im American Journal
of Psychology abgedruckt worden ist. Der Autor ist
ein Fellow der Clark University, desselben Instituts,
in dessen Räumen wir jetzt stehen. In dieser Arbeit
betitelt: A preliminary study of the emotion of love
between the sexes, die 3 Jahre vor meinen „Drei Ab=
handlungen zur Sexualtheorie“ erschienen ist sagt der
Autor ganz wie ich Ihnen eben sagte: The emotion of
sex love . . . does not make its appearance for the
first time at the period of adolescence as has been
thought. Er hat, wie wir in Europa sagen würden,
im amerikanischen Stil gearbeitet, nicht weniger
als 2500 positive Beobachtungen im Laufe
von 15 Jahren gesammelt, darunter 800 eigene.
Von den Zeichen, durch die sich diese Verliebtheiten
kundgeben, äußert er: The unprejudiced mind
in observing these manifestations in hundreds
of couples of children cannot escape referring
them to sex origin. The most exacting mind is
satisfied when to these observations are added the
confessions of those who have as children experienced
the emotion to a marked degree of intensity, and
whose memories of childhood are relatively distinct.
Am meisten überrascht werden (aber) diejenigen
von Ihnen, die an die infantile Sexualität nicht
glauben wollten, überrascht sein zu hören, daß unter
diesen früh verliebten Kindern nicht wenige
sich im zarten Alter von 3, 4 und 5 Jahren
befinden.
Ich würde mich nicht wundern, wenn Sie diesen Beob-
achtungen eines engsten Landsmannes eher Glauben
schenken würden als den meinigen. Mir selbst ist
es vor kurzem geglückt aus der Analyse eines
5jährigen an Angst leidenden Knaben, die dessen
eigener Vater kunstgerecht mit ihm vorgenommen x)
ein ziemlich vollständiges Bild der somatischen Trieb-
__________________________________________________
x) Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. Jahrbuch
für psychoanalyt. und psychopathologische Forschungen. Bd I
1 Hälfte 1909.
__________________________________________________
äußerungen und der seelischen Produktionen auf
einer frühen Stufe des kindlichen Liebeslebens zu gewinnen
Und ich darf Sie daran erinnern, daß mein FreundS.
Dr. C. G. Jung Ihnen vor wenigen Stunden die Beobachtung
in diesem Saale
eines noch jüngeren Mädchens vorlas, welches aus dem
gleichen Anlasse wie mein Patient – bei der Geburt
eines Geschwisterchens – fast die nämlichen sinnlichen
Regungen, Wunsch- und Komplexbildungen mit
Sicherheit erraten ließ. Ich verzweifle also nicht daran,
daß Sie sich mit der anfänglich befremdlichen
Idee der infantilen Sexualität befreunden
werden und möchte Ihnen noch das rühmliche Beispiel
des Züricher Psychiaters E. Bleuler vorhalten,
der noch vor wenigen Jahren öffentlich äußerte,
„er stehe meinen sexuellen Theorien ohne Ver-
ständnis gegenüber“, und seither die infantile
Sexualität in ihrem vollen Umfang durch eigene
Beobachtungen bestätigt hat. x)
__________________________________________________
x) Bleuler Sexuelle Abnormitäten der Kinder. Jahrbuch der
schweiz. Gesellschaft für Schulgesundheitspflege IX. 1908.S.
4 39
des Kindes erweist sich als hoch zusammengesetzt, er
läßt eine Zerlegung in viele Komponenten zu,
die aus verschiedenen Quellen stammen. Er ist vor
allem noch unabhängig von der Funktion der
Fortpflanzung, in deren Dienst er sich später
stellen wird. Er dient der Gewinnung verschiedener
Arten von Lustempfindung, die wir nach Analogien
und Zusammenhängen als Sexuallust zusammenfassen.
Die Hauptquelle der infantilen Sexuallust ist die
geeignete Erregung bestimmter besonders reizbarer
Körperstellen, außer den Genitalien, der Mund-,
After- und Harnröhrenöffnung, aber auch der
Haut und anderer Sinnesoberflächen. Da in
dieser ersten Phase des kindlichen Sexuallebens
die Befriedigung am eigenen Körper gefunden
und von einem fremden Objekt abgesehen
wird, heißen wir die Phase nach einem von Havelock
Ellis geprägten Wort die des Autoerotismus.
Jene für die Gewinnung von sexueller Lust bedeut-
samen Stellen nennen wir erogene Zonen. Das
Ludeln oder Wonnesaugen der kleinsten Kinder
ist ein gutes Beispiel einer solchen autoerotischen Befried-
igung von einer erogenen Zone aus; der erste
wissenschaftliche Beobachter dieses Phänomens, ein
Kinderarzt namens Lindner in Budapest, hat
es bereits richtig als Sexualbefriedigung gedeutet
und dessen Übergang in andere und höhere Formen
der Sexualbetätigung erschöpfend beschrieben.x) Eine
__________________________________________________
x) Jahrbuch für Kinderheilkunde 1879.
andere Sexualbefriedigung dieser Lebenszeit ist
die masturbatorische Erregung der Genitalien,
die eine so große Bedeutung für das spätere
Leben behält und von vielen Individuen
überhaupt nie völlig überwunden wird.
Neben diesen und anderen autoerotischen Betätig-
ungen äußern sich sehr frühzeitig beim Kinde
jene Triebkomponenten der Sexuallust oder,
wie wir gern sagen, der Libido, die eine fremde
Person als Objekt zur Voraussetzung nehmen.
Diese Triebe treten in Gegensatzpaaren auf, als aktive
und passive; ich nenne Ihnen als die wichtigsten Ver-
treter dieser Gruppe die Lust Schmerzen zu bereiten
(Sadismus) mit ihrem passiven Gegenspiel (Masochismus)
und die aktive und passive Schaulust, von welchS.
5 40
ersterer später die Wißbegierde abzweigt, wie von letzterer
der Drang zur künstlerischen und schauspielerischen
Schaustellung. Andere Sexualbetätigungen des Kindes
fallen bereits unter den Gesichtspunkt der Objekt-
wahl, bei welcher eine fremde Person zur Hauptsache
wird, die ihre Bedeutung ursprünglich Rücksichten
des Selbsterhaltungstriebes verdankt. Der
Geschlechtsunterschied spielt aber in dieser kindlichen
Periode noch keine ausschlaggebende Rolle; Sie
können so jedem Kinde, ohne ihm Unrecht zu tun,
ein Stück homosexueller Begabung zusprechen.
Dies zerfahrene, reichhaltige aber dissoziierte
Sexualleben des Kindes, in welchem der einzelne
Trieb unabhängig von jedem andern dem Lust-
erwerbe nachgeht, erfährt nun eine Zusammen-
fassung und Organisation nach zwei Hauptricht-
ungen, so daß mit Abschluß der Pubertätszeit
der definitive Sexualcharakter des Individuums
meist fertig ausgebildet ist. Einerseits ordnen
sich die einzelnen Triebe der Oberherrschaft der Genitalzone
unter, wodurch das ganze Sexualleben in den Dienst der
Fortpflanzung tritt und ihre Befriedigung bleibt
nur noch als Vorbereitung und Begünstigung
des eigentlichen Sexualaktes von Bedeutung.
Anderseits drängt die Objektwahl den Autoerotismus
zurück, so daß nun im Liebesleben alle Komponenten
des Sexualtriebes an der geliebten Person befriedigt
werden wollen. Aber nicht alle ursprünglichen
Triebkomponenten werden zu einem Anteil an
dieser endgültigen Feststellung des Sexuallebens
zugelassen. Noch vor der Pubertätszeit sind unter
dem Einfluß der Erziehung äußerst energische
Verdrängungengewisser Triebedurchgesetzt
und seelische Mächte wie Scham Ekel Moral herge-
stellt worden, welche diese Verdrängungen wie
Wächter unterhalten. Kommt dann im Pubertäts-
alter die Hochflut der sexuellen Bedürftigkeit, so
findet sie an den genannten seelischen Reaktions-
oder Widerstandsbildungen Dämme, welche ihr
den Ablauf in die sogenannten normalen Wege
vorschreiben und es ihr unmöglich machen, die der
Verdrängung unterlegenen Triebe neu zu beleben.
Es sind besonders die koprophilen, d. i. die mit den
Exkrementen zusammenhängenden Lustregungen desS.
6 41
Kindheit, welche von der Verdrängung am gründlichsten
betroffen werden, und ferner die Fixierung an die Personen der
primitiven Objektwahl.
Meine Herren! Ein Satz der allgemeinen Pathologie
sagt aus, daß jeder Entwicklungsvorgang die
Keime pathologischer Disposition mit sich bringt insoferne
er gehemmt, verzögert oder unvollkommen ablaufen
kann. Dasselbe gilt für die so complicierte Ent-
wicklung der Sexualfunktion. Sie wird nicht bei
allen Individuen glatt durchgemacht und hinter-
läßt dann entweder Abnormitäten oder
Dispositionen zu späterer Erkrankung auf dem
Wege der Rückbildung (Regression). Es kann geschehen,
daß nicht alle Partialtriebe sich der Herrschaft
der Genitalzone unterordnen; ein solcher unab-
hängig gebliebener Trieb stellt dann das her,
was wir eine Perversion nennen und was das
normale Sexualziel durch sein eigenes ersetzen
kann. Es kommt, wie bereits erwähnt, sehr häufig
vor, daß der Autoerotismus nicht völlig über-
wunden wird, wovon die mannigfaltigsten Störungen
in der Folge Zeugnis ablegen. Die ursprüngliche
Gleichwertigkeit beider Geschlechter als Sexualobjekte
kann sich erhalten, und daraus wird sich eine Neigung zur homo-
sexuellen Betätigung im reifen Leben, die sich unter Umständen
zur ausschließlichen Homosexualität steigern
kann. Diese Reihe von Störungen entspricht den
direkten Entwicklungshemmungen der Sexual-
funktion. Sie umfaßt die Perversionen und den
gar nicht seltenen, allgemeinen Infantilismus
des Sexuallebens.
Die Disposition zu den Neurosen ist auf andere
Weise von einer Schädigung der Sexualent-
wicklung abzuleiten. Die Neurosen verhalten sich
zu den Perversionen wie das Negativ zum
Positiv; in ihnen sind dieselben Triebkompon-
enten als Träger der Komplexe und Symptombildner
nachweisbar wie bei den Perversionen, aber sie
wirken hier vom Unbewußten her; sie haben
also eine Verdrängung erfahren, konnten sich
aber derselben zum Trotze im Unbewußten
behaupten. Die Psychoanalyse läßt uns erkennen,
daß überstarke Äußerung dieser Triebe in
sehr frühen Zeiten zu einer Art von partiellerS.
7 42
Fixierung führt, die nun einen schwachen Punkt im
Gefüge der Sexualfunktion darstellt. Stößt die
Ausübung der normalen Sexualfunktion im
späteren reifen Leben auf Hindernisse, so wird
die Verdrängung der Entwicklungszeit gerade
an jenen Stellen durchbrochen, wo die infantilen
Fixierungen stattgefunden haben.
Sie werden jetzt vielleicht den Einwand machen:
Aber das ist ja Alles nicht Sexualität. Ich gebrauche
das Wort in einem viel weiteren Sinne als
Sie gewohnt sind es zu verstehen. Das gebe ich
Ihnen gern zu, aber es fragt sich, ob nicht vielmehr
Sie das Wort in viel zu engem Sinne gebrauchen,
wenn Sie es auf das Gebiet der Fortpflanzung ein-
schränken. Sie opfern dabei das Verständnis der
Perversionen, den Zusammenhang zwischen Perversion,
Neurose und normalem Sexualleben und sein
setzen sich außer Stande, die sich zu beobachtenden
Anfänge des somatischen und seelischen Liebeslebens
der Kinder nach ihrer wahren Bedeutung zu erkennen.
Wie immer aber Sie über den Wortgebrauch
entscheiden wollen, halten Sie daran fest, daß der
Psychoanalytiker die Sexualität in jenem vollen
Sinne erfaßt, zu dem man durch die Würdigung der
infantilen Sexualität geleitet wird.
Kehren wir nun nochmals zur Sexualentwicklung
des Kindes zurück. Wir haben hier manches nachzu-
holen, weil wir unsere Aufmerksamkeit mehr
den somatischen als den seelischen Äußerungen des
Sexuallebens geschenkt haben. Die primitive Ob-
jektwahl des Kindes, die sich von seiner Hilfsbedürf-
tigkeit ableitet, fordert unsere weitere Teilnahme
heraus. Sie wendet sich zunächst den allen Pflegepersonen
zu, die aber bald hinter den Eltern zurücktreten.
Die Beziehung der Kinder zu ihren Eltern ist wie direkte
Beobachtung des Kindes und spätere analytische
Erforschung des Erwachsenen übereinstimmend
dartun, keineswegs frei von Elementen sexueller
Miterregung. Das Kind nimmt beide Elternteile und
einen Teil besonders zum Objekt seiner erotischen
Wünsche. Gewöhnlich folgt es dabei selbst einer An-
regung der Eltern, deren Zärtlichkeit die deutlichsten
Charaktere einer wenn auch in ihren Zielen gehemmten
Sexualbetätigung hat. Der Vater bevorzugt
in der Regel die Tochter, die Mutter den Sohn;
das Kind reagiert hierauf, indem es sich als SohnS.
8 43
an die Stelle des Vaters, als Tochter an die Stelle der
Mutter wünscht. Die Gefühle, die in
diesen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und
in den daran angelehnten zwischen den Geschwistern
untereinander geweckt werden, sind nicht nur
positiver zärtlicher, sondern auch negativer, feindseliger
Art. Der so gebildete Komplex ist zur baldigen Ver-
drängung bestimmt aber er übt noch vom Unbewußten
her eine großartige und nachhaltige Wirkung aus.
Wir dürfen die Vermutung aussprechen, daß er
mit seinen Ausläufern den Kernkomplex
einer jeden Neurose darstellt, und wir sind darauf
gefaßt, ihn auf anderen Gebieten des Seelenlebens
nicht minder wirksam anzutreffen. Der Mythus
vom König Oedipus, der seinen Vater tötet
und seine Mutter zum Weib gewinnt, ist eine
noch wenig abgeänderte Offenbarung des
infantilen Wunsches, dem sich späterhin die Inzest-
schranke abweisend entgegenstellt. Die Hamlet-
Dichtung Shakespeare's ruht auf demselben Boden
des besser verhüllten Inzestkomplexes.
Um die Zeit, da das Kind von dem noch unverdrängten
Kernkomplex beherrscht wird, setzt ein bedeutungsvolles
Stück seiner intellektuellen Betätigung im
Dienste des Sexualinteresses ein. Es beginnt zu
forschen, woher die Kinder kommen, und errät in
Verwertung der ihm gebotenen Anzeichen mehr
von den wirklichen Verhältnissen als die Erwachsenen
ahnen können. Gewöhnlich hat die materielle Bedrohung
durch ein neu angekommenes Kind, in dem es zunächst
nur den Konkurrenten erblickt, sein Forscherinteresse
geweckt. Unter dem Einfluß der in ihm selbst
tätigen Partialtriebe gelangt es zu einer
Anzahl von „infantilen Sexualtheorien“, wie
daß es beiden Geschlechtern das gleiche männliche
Genitale zuspricht, daß es die Kinder durch
Essen empfangen und durch das Ende des Darmes
gebären läßt, und daß es den Verkehr der Geschlechter
als einen feindseligen Akt, eine Art von Über-
wältigung erfaßt. Aber gerade die Unfertigkeit
seiner sexuellen Konstitution und die Lücke in
seinen Kenntnissen, die durch die Latenz des
weiblichen Geschlechtskanal gegeben ist, nötigt
den infantilen Forscher, seine Arbeit als erfolglos
einzustellen. Die Tatsache dieser KinderforschungS.
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selbst wie die einzelnen durch sie zu Tage geförderten
infantilen Sexualtheorien bleiben von bestimmender
Bedeutung für die Charakterbildung des Kindes
und den Inhalt einer späteren neurotischen Erkrankung.
Es ist unvermeidlich und durchaus normal, daß
das Kind die Eltern zu Objekten seiner ersten
Liebeswahl mache. Aber seine Libido soll nicht an
diese ersten Objekte fixiert bleiben, sondern
sie späterhin bloß zum Vorbild nehmen und von
ihnen zur Zeit der definitiven Objektwahl
auf fremde Personen hinüberleiten. Die Ab-
lösung des Kindes von den Eltern wird so zur
unentrinnbaren Aufgabe, wenn die soziale
Tüchtigkeit des jungen Individuums nicht ge-
fährdet werden soll. Während der Zeit, da die
Verdrängung die Auslese unter den Partial-
trieben der Sexualität trifft, und später, wenn
der Einfluß der Eltern gelockert werden soll, der
den Aufwand für diese Verdrängungen im
Wesentlichen bestritten hat, fallen der Erziehungs-
arbeit große Aufgaben zu, die gegenwärtig gewiß
nicht immer in verständnisvoller und einwandfreier
Weise erledigt werden.
Meine Herren, urteilen Sie nicht etwa, daß wir uns
mit diesen Erörterungen über das Sexualleben
und die psychosexuelle Entwicklung des Kindes allzuweit
von der Psychoanalyse und von der Aufgabe der
Beseitigung nervöser Störungen entfernt haben.
Wenn Sie wollen, können Sie die psychoanalytische
Behandlung nur als eine fortgesetzte Erziehung
zur Überwindung von Kindheitsresten beschreiben.