Libidotheorie 1923-021/1922.01

Freud, Sigmund (1923-021/1922.01): Libidotheorie

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    Libidotheorie
    Libido ist ein Terminus aus der Trieblehre zur Bezeichnung
    des dynamischen Ausdrucks der Sexualität schon von
    A. Moll in diesem Sinne gebraucht (Untersuchungen
    über die Libido sexualis 1898) vom Ref. in die Psycho-
    analyse eingeführt. Im Folgenden soll nur darge-
    stellt werden, welche Entwicklungen, die noch
    nicht abgeschlossen sind, die Trieblehre in der Ps. A.
    er erfahren hat.
    Gegensatz von Sexualtrieben und Ichtrieben. Die Psychoanalyse,
    die bald erkannte, daß sie alles seelische Geschehen
    über dem Kräftespiel der elementaren Triebe
    aufbauen müsse, sah sich in der übelsten Lage
    da es in der Psychologie eine Trieblehre nicht
    gab und ihr niemand sagen konnte, was ein Trieb
    eigentlich ist. Es herrschte vollste Willkür, jeder
    Psychologe pflegte solche und so viele Triebe anzu-
    nehmen als ihm beliebte. Das erste Erscheinungs-
    gebiet, welches die Psychoanalyse studierte waren
    die sog. Übertragungsneurosen (Hysterie und
    Zwangsneurose). Die Symptome derselben entstanden
    dadurch, daß sexuelle Triebregungen von der Per-
    sönlichkeit (dem Ich) abgewiesen (verdrängt)
    worden waren und sich auf Umwegen durch das
    Unbewußte einen Ausdruck verschafft hatten.
    Somit konnte man zurecht kommen wenn man den
    Sexualtrieben Ichtriebe (Selbsterhaltungstriebe)
    entgegenstellte und befand sich dann in Überein-
    stimmung mit der populär gewordenen Aussage
    des Dichters, der das Weltgetriebe durch Hunger
    und durch Liebe erhalten werden läßt. Die
    Libido war in gleichem Sinne die Kraftäußerung
    der Liebe, wie der Hunger des Selbsterhaltungs-
    triebs. Die Natur der Ichtriebe blieb dabei
    zunächst unbestimmt und der Analyse unzugänglich
    wie alle anderen Charaktere des Ichs. Ob und
    welche qualitativen Unterschiede zwischen beiden
    Triebarten anzunehmen sind war nicht anzugeben.
    Die Urlibido. Diese Dunkelheit versuchte C. G. Jung
    auf spekulativem Wege zu überwinden, indem
    er nur eine einzige Urlibido annahm die
    sexualisiert und desexualisiert werden konnte
    und also im Wesen mit der seelischen Energie
    überhaupt zusammen fiel. Diese Neuerung war
    methodisch anfechtbar, sie stiftete viel Verwirrung
    setzte den Terminus Libido zu einem über-
    flüssigen Synonym herab und mußte in der
    Praxis doch immer zwischen sexueller und
    asexueller Libido unterscheiden. Der Unter-
    schied zwischen den Sexualtrieben und den
    Trieben mit anderen Zielen war eben
    auf dem Weg einer neuen Definition nicht
    aufzuheben.
     

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    Die Sublimierung. Das bedächtige Studium der allein
    analytisch zugänglichen Sexualstrebungen hatte unter-
    dess bemerkenswerte Einzeleinsichten ergeben. Was
    man den Sexualtrieb nannte, war hoch zusammen-
    gesetzt und konnte wieder in seine Partialtriebe
    zerfallen. Jeder Partialtrieb war unabänderlich
    charakterisiert durch seine Quelle nämlich die Körper-
    region oder Zone aus welcher er seine Erregung
    bezog. Außerdem war an ihm ein
    Objekt und ein Ziel zu unterscheiden. Das Ziel
    war immer die Befriedigungsabfuhr, es konnte
    aber eine Wandlung von der Aktivität
    zur Passivität erfahren. Das Objekt hing dem
    Trieb minder fest an als man zunächst
    gemeint hatte, es wurde leicht gegen ein anderes
    eingetauscht, auch konnte der Trieb, der ein
    äußeres Objekt gehabt hatte, gegen die eigenen
    Person gewendet werden. Die einzelnen Triebe
    konnten unabhängig von einander bleiben oder –
    in noch unvorstellbarer Weise – sich kombinieren,
    zur gemeinsamen Arbeit verschmelzen. Sie konnten
    auch für einander eintreten, einander ihre
    Libidobesetzung übertragen, so daß die Befriedigung
    des Einen an Stelle der Befriedigung des
    anderen trat. Am bedeutsamsten erschien
    das Triebschicksal der Sublimierung bei dem
    Objekt und Ziel gewechselt werden, so daß
    der ursprünglich sexuelle Trieb nun in einer
    nicht mehr sexuellen, sozial oder ethisch höher
    gewerteten Leistung Befriedigung findet.
    Alles dies sind Züge, welche sich noch zu keinem
    Gesamtbild zusammensetzen.
    Der Narzißmus. Ein entscheidender Fortschritt er-
    folgte, als man sich an die Analyse der Dementia
    praecox und anderer psychotischer Affektionen heran-
    wagte und somit das Ich selbst zu studieren begann
    das man bisher nur als verdrängende und
    widerstrebende Instanz gekannt hatte. Man er-
    kannte als den pathogenen Vorgang bei der Demenz
    daß die Libido von den Objekten abgezogen
    und ins Ich eingeführt wird, während die lärmenden
    Krankheitserscheinungen von dem vergeblichen Be-
    streben der Libido herrühren, den Rück-
    weg zu den Objekten zu finden. Es war
    also möglich, daß sich Objektlibido in Ichbesetzung
    umwandelte und umgekehrt. Weitere Erwägungen
    zeigten daß dieser Vorgang im größten Ausmaß
    anzunehmen sei, daß das Ich vielmehr als ein
    großes Libidoreservoir angesehen werden
    mußte aus dem die Libido auf die Objekte
    entsandt wird und das immer bereit ist
    die von den Objekten rückströmende
    Libido aufzunehmen. Die Selbsterhaltungstriebe
     

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    waren also auch libidinöser Natur, es waren Sexualtriebe
    die anstatt der äußeren Objekte das eigene Ich zum
    Objekt genommen hatten. Man kannte aus der klinischen
    Erfahrung Personen die sich in auffallender Weise so
    benahmen als wären sie in sich selbst verliebt und
    hatte diese Perversion Narzißmus genannt. Nun
    hieß man die Libido der Selbsterhaltungstriebe
    narzißtische Libido und anerkannte ein hohes Maß von
    solcher Selbstliebe als den primären und normalen
    Zustand. Die frühere Formel für die Übertragungsneurosen
    bedurfte jetzt zwar nicht einer Korrektur aber doch
    einer Modifikation. Anstatt von einem Konflikt
    zwischen Sexualtrieben und Ichtrieben sprach
    man besser vom Konflikt zwischen Objektlibido und
    Ichlibido, oder da die Natur der Triebe dieselbe war,
    zwischen den Objektbesetzungen und dem Ich.
    Scheinbare Annäherung an die Jung'sche Auffassung. Auf solche
    Art gewann es den Anschein als ob auch die langsame
    psychoanalytische Forschung der Jung'schen Spekulation
    von der Urlibido nachgekommen wäre,
    besonders da mit der Umwandlung der Objektlibido
    in Narzißmus eine gewisse Desexualisierung, ein
    Aufgeben der speziellen Sexualziele, unvermeid-
    lich verbunden ist. Indes drängt sich die Erwägung
    auf, daß wenn die Selbsterhaltungstriebe des Ichs
    als libidinös anerkannt sind, damit noch nicht
    bewiesen ist, daß im Ich keine anderen Triebe
    wirken.
    Der Herdentrieb. Von vielen Seiten wird behauptet
    daß es einen besonderen, angeborenen und nicht weiter
    auflösbaren „Herdentrieb“ giebt der das soziale Verhalten
    der Menschen bestimmt, die Einzelnen zur Vereinigung
    in größeren Gemeinschaften drängt. Die Psychoanalyse
    muß dieser Aufstellung widersprechen. Wenn der
    soziale Trieb auch angeboren sein mag, so ist er doch ohne
    Schwierigkeit auf ursprünglich libidinöse Objektbe-
    setzungen zurückzuführen und entwickelt sich beim
    kindlichen Individuum als Reaktionsbildung auf feind-
    selige Rivalitätseinstellungen. Er beruht auf einer
    besonderen Art von Identifizierung mit dem Anderen.
    Zielgehemmte Sexualstrebungen. Die sozialen Triebe ge-
    hören zu einer Klasse von Triebregungen die man
    noch nicht sublimierte zu nennen braucht, wenngleich
    sie diesen nahe stehen. Sie haben ihre direkt sexuellen
    Ziele nicht aufgegeben, werden aber von der Er-
    reichung derselben durch innere Widerstände abge-
    halten, begnügen sich mit gewissen Annäherungen
    an die Befriedigung und stellen gerade darum
    besonders feste und dauerhafte Bindungen
    unter den Menschen her. Von dieser Art sind
    insbesondere die ursprünglich vollsexuellen
     

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    Zärtlichkeitsbeziehungen zwischen Eltern und Kindern
    die Gefühle der Freundschaft und die aus sexueller
    Zuneigung hervorgegangenen Gefühlsbindungen in
    der Ehe.
    Anerkennung zweier Triebarten im Seelenleben.
    Während die Ps.A. sonst bestrebt ist ihre
    Lehren möglichst unabhängig von denen anderer Wissen-
    schaften zu entwickeln, sieht sie sich doch genötigt
    für die Trieblehre Anlehnung bei der Biologie
    zu suchen. Auf Grund weitläufiger Erwägungen
    über die Vorgänge, die das Leben ausmachen und
    die zum Tode führen wird es wahrscheinlich, daß
    man zwei Triebarten anzuerkennen hat, ent-
    sprechend den entgegengesetzten Prozessen von
    Aufbau und Abbau im Organismus. Die einen
    Triebe die im Grunde geräuschlos arbeiten, verfolgten
    das Ziel das lebende Wesen zum Tode zu führen,
    verdienten darum den Namen der „Todestriebe“
    und würden durch das Zusammenwirken der vielen
    zelligen Elementarorganismen nach außen gewendet
    als Destruktions- oder Aggressionstendenzen
    zum Vorschein kommen. Die anderen wären
    die uns analytisch besser bekannten libidinösen
    Sexual- oder Lebenstriebe, am besten als Eros
    zusammengefaßt, deren Absicht es wäre, aus der
    lebenden Substanz immer größere Einheiten zu
    gestalten, somit die Fortdauer des Lebens zu er-
    halten und es zu höheren Entwicklungen zu führen.
    In den Lebewesen wären die erotischen und die
    Todestriebe regelmäßige Ver-
    mischungen, Legierungen, eingegangen, es wären aber
    auch Entmischungen derselben möglich; das Leben
    bestünde in den Äußerungen des Konflikts oder
    der Interferenz beider Triebarten und brächte
    dem Individuum den Sieg der Destruktions-
    triebe durch den Tod, aber auch den Sieg des Eros
    durch die Fortpflanzung.
    Die Natur der Triebe. Auf dem Boden dieser Auffassung
    läßt sich für die Triebe die Charakteristik geben,
    sie seien der lebenden Substanz innewohnende
    Tendenzen zur Wiederherstellung eines früheren
    Zustandes, also historisch bedingt, konservativer
    Natur und gleichsam der Ausdruck einer
    Trägheit oder Elastizität des Organischen. Beide
    Triebarten, der Eros wie der Todestrieb würden
    von der ersten Entstehung des Lebens an
    wirken und gegen einander arbeiten.
     

    Freud (Wien).