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Magisches im Heutigen
Professor Sigm. Freud in Wien
belichtet seit etlicher Frist Ueberein-
stimmungen zwischen Neurotikern und
Wilden – mit seiner ganzen Kenntnis und
seinem ganzen spürenden Ahnungsmut.
Er zeigt in der jüngsten „Imago“ manchen
inneren Zwang, verborgene Wünsche heut
lebender Menschen, ihren Seelenatavismus,
ihre Verwandtheit mit Kindern, mit Früh-
völkern und Vorweltlern. Hiervon ein paar
Belegstellen – hinter ihnen öffnen sich ab-
sonderlich dunkle Türen.!Der Fortbestand der Allmacht der Gedanken tritt uns bei
der Zwangsneurose am deutlichsten entgegen, die Ergebnisse
dieser primitiven Denkweise sind hier dem Bewußtsein am nächsten.
Wir müssen uns aber davor hüten, darin einen auszeichnenden
Charakter dieser Neurose zu erblicken, denn die analytische Unter-
suchung deckt das nämliche bei den anderen Neurosen auf. Bei
ihnen allen ist nicht die Realität des Erlebens, sondern die des
Denkens für die Symptombildung maßgebend. Die Neurotiker
leben in einer besonderen Welt, in welcher, wie ich es an anderer
Stelle ausgedrückt habe, nur die ‚neurotische Währung‘ gilt, d. h.
nur das intensiv Gedachte, mit Affekt Vorgestellte ist bei ihnen
wirksam, dessen Uebereinstimmung mit der äußeren Realität aber
nebensächlich. Der Hysteriker wiederholt in seinen Anfällen und
fixiert durch seine Symptome Erlebnisse, die sich nur in seiner
Phantasie so zugetragen haben, allerdings in letzter Auflösung
auf wirkliche Ereignisse zurückgehen oder aus solchen aufgebaut
worden sind. Das Schuldbewußtsein der Neurotiker würde man
ebenso schlecht verstehen, wenn man es als unberechtigt abweisen,
wie wenn man es auf reale Missetaten zurückführen wollte. Ein
Zwangsneurotiker kann von einem Schuldbewußtsein gedrückt
sein, das einem Massenmörder wohl anstünde; er wird sich dabei
gegen seine Mitmenschen als der rücksichtsvollste und skrupulöseste
Genosse benehmen und seit seiner Kindheit so benommen haben.
Doch ist sein Schuldgefühl begründet, es fußt auf den intensiven
und häufigen Todeswünschen, die sich in ihm unbewußt gegen
seine Mitmenschen regen. Es ist begründet, insoferne unbewußte
Gedanken und nicht absichtliche Taten in Betracht kommen. So er-
weist sich die Allmacht der Gedanken, die Ueberschätz-
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der seelischen Vorgänge gegen die Realität,
als unbeschränkt wirksam im Affektleben des Neurotikers und in
allen von diesem ausgehenden Folgen. Unterzieht man ihn aber
der psychoanalytischen Behandlung, welche das bei ihm Unbe-
wußte bewußt macht, so wird er nicht glauben können, daß Ge-
danken frei sind, und wird sich jedesmal fürchten, böse Wünsche
zu äußern, als ob sie infolge dieser Aeußerung in Erfüllung gehen
müßten. Durch dieses Verhalten wie durch seinen im Leben be-
tätigten Aberglauben zeigt er uns aber, wie nahe er dem Wilden
steht, der durch seine bloßen Gedanken die Außenwelt zu ver-
ändern meint.Die primären Zwangshandlungen dieser Neurotiker sind
eigentlich durchaus magischer Natur. Sie sind, wenn nicht
Zauber, so doch Gegenzauber, zur Abwehr der Unheilserwartungen
bestimmt, mit denen die Neurose zu beginnen pflegt. So oft ich das
Geheimnis zu durchdringen vermochte, zeigte es sich, daß diese
Unheilserwartung den Tod zum Inhalt hatte. Das Todesproblem
steht nach Schopenhauer am Eingang jeder Philosophie;
wir haben gehört, daß auch die Bildung der Seelenvorstellungen
und des Dämonenglaubens, die den Animismus kennzeichnen,
auf den Eindruck zurückgeführt wird, den der Tod auf den
Menschen macht. Ob diese ersten Zwangs- oder Schutzhandlungen
dem Prinzip der Aehnlichkeit, respektive des Kontrastes folgen,
ist schwer zu beurteilen, denn sie werden unter den Bedingungen
der Neurose gewöhnlich durch die Verschiebung auf irgendein
Kleinstes, eine an sich höchst geringfügige Aktion entstellt. Auch
die Schutzformeln der Zwangsneurose finden ihr Gegenstück in
den Zauberformeln der Magie. Die Entwicklungsgeschichte der
Zwangshandlungen kann man aber beschreiben, indem man
hervorhebt, wie sie, vom Sexuellen möglichst weit entfernt, als
Zauber gegen böse Wünsche beginnen, um als Ersatz für verbotenes
sexuelles Tun, das sie möglichst getreu nachahmen, zu enden.Wenn wir die Entwicklungsgeschichte der menschlichen Welt-
anschauungen annehmen, in welcher die animistische
Phase von der religiösen, diese von der wissen-
schaftlichen abgelöst wird, wird es uns nicht schwer, die
Schicksale der ‚Allmacht der Gedanken‘ durch diese Phasen zu
verfolgen. Im animistischen Stadium schreibt der Mensch sich
selbst die Allmacht zu; im religiösen hat er sie den Göttern ab-
getreten, aber nicht ernstlich auf sie verzichtet, denn er behält
sich vor, die Götter durch mannigfache Beeinflussungen nach
seinen Wünschen zu lenken. In der wissenschaftlichen Welt-
anschauung ist kein Raum mehr für die Allmacht des Menschen,
er hat sich zu seiner Kleinheit bekannt und sich resigniert demS.
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Tode wie allen anderen Naturnotwendigkeiten unterworfen. Aber
in dem Vertrauen auf die Macht des Menschengeistes, welcher mit
den Gesetzen der Wirklichkeit rechnet, lebt ein Stück
des primitiven Allmachtglaubens weiter.* * *
Die unzähligen Tabuvorschriften, denen die Frauen der Wilden
während ihrer Menstruation unterliegen, werden durch die aber-
gläubische Scheu vor dem Blute motiviert und haben in ihr wohl
auch eine reale Begründung. Aber es wäre unrecht die Möglich-
keit zu übersehen, daß diese Blutscheu hier auch ästhetischen
und hygienischen Absichten dient, die sich in allen Fällen mit
magischen Motivierungen drapieren müßten.Wir täuschen uns wohl nicht darüber, daß wir uns durch solche
Erklärungsversuche dem Vorwurf aussetzen, daß wir den heutigen
Wilden eine Feinheit der seelischen Tätigkeiten zumuten, die weit
über die Wahrscheinlichkeit hinausgeht. Allein ich meine, es
könnte uns mit der Psychologie dieser Völker, die auf der ani-
mistischen Stufe stehen geblieben sind, leicht so ergehen wie mit
dem Seelenleben des Kindes, das wir Erwachsene nicht mehr ver-
stehen, und dessen Reichhaltigkeit und Feinfühligkeit wir darum
so sehr unterschätzt haben.... Die Menschheit hat, wenn wir den Autoren folgen wollen,
drei Denksysteme, drei große Weltanschauungen im Laufe der Zeiten
hervorgebracht: die animistische (mythologische), die religiöse
und die wissenschaftliche. Unter diesen ist die erstgeschaffene,
die des Animismus, vielleicht die folgerichtigste und erschöpfendste,
eine, die das Wesen der Welt restlos erklärt. Diese erste Weltan-
schauung der Menschheit ist nun eine psychologische Theorie.
Es geht über unsere Absicht hinaus zu zeigen, wie viel von ihr
noch im Leben der Gegenwart nachweisbar ist, entweder ent-
wertet in der Form des Aberglaubens, oder lebendig als Grundlage
unseres Sprechens, Glaubens und Philosophierens.
Es greift auf jene Stufenfolge der drei Weltanschauungen
zurück, wenn gesagt wird, daß der Animismus selbst noch keine
Religion ist, aber die Vorbedingungen enthält, auf denen sich
später die Religionen aufbauen. Es ist auch augenfällig, daß der
Mythus auf animistischen Voraussetzungen ruht; die Einzel-
heiten der Beziehung von Mythus und Animismus erscheinen aber
als in wesentlichen Punkten ungeklärt.* * *
Man darf nicht annehmen, daß die Menschen sich aus reiner
spekulativer Wißbegierde zur Schöpfung ihres ersten Weltsystems
aufgeschwungen haben. Das praktische Bedürfnis, sich der WeltS.
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zu bemächtigen, muß seinen Anteil an dieser Bemühung haben.
Wir sind darum nicht erstaunt zu erfahren, daß mit dem ani-
mistischen System etwas anderes Hand in Hand geht, eine An-
weisung, wie man erfahren müsse, um der Menschen, Tiere
und Dinge, respektive ihrer Geister Herr zu werden. Diese An-
weisung, welche unter dem Namen ‚Zauberei und Magie‘
bekannt ist, will S. Reinach die Strategie des Animismus
heißen; ich würde es vorziehen, sie mit Hubert-und Mauß
der Technik zu vergleichen.. . . Die Magie muß den mannigfaltigsten Absichten dienen,
die Naturvorgänge dem Willen des Menschen unterwerfen, das
Individuum gegen Feinde und Gefahren schützen und ihm die
Macht geben, seine Feinde zu schädigen. Die Prinzipien aber,
auf deren Voraussetzung das magische Tun beruht – oder viel-
mehr das Prinzip der Magie – ist so augenfällig, daß es von allen
Autoren erkannt werden mußte. Man kann es am knappsten,
wenn man von dem beigefügten Werturteil absieht, mit den
Worten E. B. Tylors ausdrücken: ‚mistaking an ideal
connexion for a real one‘.
Die Bezeichnung ‚Allmacht der Gedanken‘ habe ich von einem
hochintelligenten, an Zwangsvorstellungen leidenden Manne ange-
nommen, dem es nach seiner Herstellung durch psychoanalytische
Behandlung möglich geworden ist, auch seine Tüchtigkeit und
Verständigkeit zu erweisen. Er hatte sich dieses Wort geprägt zur
Begründung aller jener sonderbaren und unheimlichen Gescheh-
nisse, die ihn wie andere mit seinem Leiden Behaftete zu verfolgen
schienen. Dachte er eben an eine Person, so kam sie ihm auch
schon entgegen, als ob er sie beschworen hätte; erkundigte er sich
plötzlich nach dem Befinden eines lange vermißten Bekannten,
so mußte er hören, daß dieser eben gestorben sei, so daß er glauben
konnte, er habe sich ihm telepathisch bemerkbar gemacht; stieß
er gegen einen Fremden eine nicht einmal ganz ernst gemeinte
Verwünschung aus, so durfte er erwarten, daß dieser bald darauf
starb und ihn mit der Verantwortlichkeit für sein Ableben belastete.
Von den meisten dieser Fälle konnte er mir im Laufe der Behand-
lung selbst mitteilen, wie der täuschende Anschein entstanden war,
und was er selbst an Veranstaltungen hinzugetan hatte, um sich
in seinen abergläubischen Erwartungen zu bestärken. Alle
Zwangskranken sind in solcher Weise, meist gegen ihre bessere
Einsicht, abergläubisch.
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1913-001/1913.5