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Seite 18 Wien, Donnerstag DER WIENER TAG 8. Dezember 1932 Nr. 3433 Traum und Okkultismus
Von Sigmund Freud.
Die Ankündigung, daß ich über die Bezie-
hung des Traums zum Okkultismus sprechen
werde, kann kaum überraschen. Der Traum
ist ja oft als die Pforte zur Welt der Mystik
betrachtet worden, gilt heute noch vielen selbst
als ein okkultes Phänomen. Auch wir, die ihn
zum Objekt wissen-
schaftlicher Untersu-
chung gemacht haben,
bestreiten nicht, daß
er etwas zu tun haben
könnte mit jenen
dunklen Dingen ver-
knüpfen. Mystik, Ok-
kultismus, was ist
mit diesen Namen ge-
meint? Erwarten
Sie keinen Versuch
von mir, diese schlecht
umgrenzten Gebiete
durch Definitionen zu
umfassen. In einer allgemeinen und un-
bestimmter Weise wissen wir alle, wovon wir
dabei zu denken haben. Es ist eine Art von
Jenseits der hellen, von unerläßlichen Ge-
setzen beherrschten Welt, welche die Wissen-
schaft für uns aufgebaut hat.Der Okkultismus behauptet die reale
Existenz jener „Dinge zwischen Himmel und
Erde, von denen unsere Schulweisheit sich
nichts träumen läßt“. Nun, wir wollen nicht
an der Engherzigkeit der Schule festhalten;
wir sind bereit zu glauben, was man uns
glaubwürdig macht.Wir gedenken mit diesen Dingen zu ver-
fahren wie mit allem anderen Material der
Wissenschaft; zunächst festzustellen, ob solche
Vorgänge wirklich nachweisbar sind und
dann, aber erst dann, wenn sich ihre Tatsäch-
lichkeit nicht bezweifeln läßt, uns um ihre
Erklärung zu bemühen. Aber es ist nicht zu
leugnen, daß schon dieser Entschluß un-
schwer gemacht wird durch intellektuelle,
psychologische und historische Momente. Es
ist nicht derselbe Fall, wie wenn wir an an-
dere Untersuchungen herangehen.Die intellektuelle Schwierigkeit zuerst! Ge-
statten Sie mir grobe, handgreifliche Verdeut-
lichungen. Nehmen wir an, es handle sich um
die Frage nach der Beschaffenheit des Erd-
innern, das natürlich niemand hat untersuchen
dürfen. Wir vermuten, daß es aus schweren
Metallen im glühenden Zustand besteht.
Nun stelle einer die Behauptung auf, das
Erdinnere sei mit Kohlensäure gesättigtes
Wasser, also eine Art Sodawasser. Wir wer-
den gewiß sagen, das ist sehr unwahrschein-
lich, widerspricht allen unseren Erwartungen,
nimmt keine Rücksicht auf jene Anhaltspunkte
unseres Wissens, die uns zur Aufstellung der
Metallhypothese geführt haben. Aber un-
denkbar ist es immerhin nicht; wenn uns
jemand einen Weg zur Prüfung der Soda-
wasserhypothese zeigt, werden wir ihn ohne
Widerstand gehen. Aber nun kommt ein an-
derer mit der ernsthaften Behauptung, das
Erdinnere bestehe aus Marmelade! Dagegenwerden wir uns ganz anders verhalten. Wir
werden uns sagen, Marmelade kommt in
der Natur nicht vor, es ist ein Produkt der
menschlichen Küche, die Existenz dieses Stof-
fes setzt außerdem das Vorhandensein von
Obstbäumen und von deren Früchten voraus,
und wir wüßten nicht, wie wir die im Erd-
innern unterbringen sollten; die Zuckererzeu-
gung sein vor der Entstehung des Menschen
legen könnten; das Ergebnis dieser intellek-
tuellen Einwendungen wird eine Schwen-
kung unseres Interesses sein, anstatt die
Untersuchung einzugehen, ob es wirklich der
Erdkern aus Marmelade besteht, werden wir
uns fragen, was es für ein Mensch sein muß,
der auf eine solche Idee kommen kann und
höchstens noch ihn fragen, woher er das weiß.
Der unglückliche Urheber der Marmelade-
theorie wird schwer gekränkt sein und uns an-
klagen, daß wir ihm aus angeblich wissen-
schaftlichem Vorurteil die objektive Unter-
suchung seiner Behauptung verweigern. Aber es
wird ihm nichts nützen. Wir verspüren, daß
Vorurteile nicht immer verwerflich sind, daß
sie manchmal berechtigt sind, zweckmäßig, um
uns unnötigen Aufwand zu ersparen. Sie sind
ja nichts anderes als Analogieschlüsse nach an-
deren, gut begründeten Urteilen.Eine ganze Anzahl der okkultistischen Be-
hauptungen wirkt auf uns ähnlich wie die
Marmeladehypothese, so daß wir uns berech-
tigt glauben, sie ohne Nachprüfung von vorn-
herein abzuweisen. Aber es ist doch nicht so
einfach. Ein Vergleich wie der von mir ge-
wählte beweist nichts, beweist so wenig wie
überhaupt Vergleiche. Es bleibt ja fraglich, ob
er paßt, und man versteht, daß das Urteil über
die Unwahrscheinlichkeit eines Falls bereits seine
Auswahl bestimmt hat. Vorurteile sind
manchmal zweckmäßig und berechtigt, an-
dere Male aber irrtümlich und schädlich, und
man weiß nie, wann sie das eine, wann sie
das andere sind. Die Geschichte der Wissen-
schaften selbst ist überreich an Vorfällen, die
vor einer voreiligen Verdammung warnen
können. Lange Zeit galt es auch als eine un-
sinnige Annahme, daß die Steine, die wir
heute Meteoriten heißen, aus dem Himmels-
raum auf die Erde gelangt sein sollen, oder
daß das Gestein der Berge, das Muschelreste
einschließt, einst den Meeresgrund gebildet
hatte. Übrigens ist es auch unserer Psycho-
analyse nicht viel anders ergangen, als sie mit
der Erschließung des Unbewußten hervor-
trat. Also haben wir Analytiker besonderen
Grund, mit der Verwendung des intellek-
tuellen Motivs zur Ablehnung neuer Aufstel-
lungen vorsichtig zu sein, und müssen zuge-
stehen, daß es uns nicht über Abneigung,
Zweifel und Unsicherheit hinaus fördert.Das zweite Moment habe ich das psycho-
logische genannt. Ich meine damit die allge-
meine Neigung der Menschen zur Leichtgläu-
bigkeit und Wundergläubigkeit. Von allem
Anfang an, wenn das Leben uns in seine
strenge Zucht nimmt, regt sich in uns ein
Widerstand gegen die Unerbittlichkeit und
Monotonie der Denkgesetze und gegen die An-S.
Nr. 3433 Wien, Donnerstag DER WIENER TAG 8. Dezember 1932 Seite 19 forderungen der Realitätsprüfung. Die Ver-
nunft wird zur Feindin, die uns so vieles
möglichst vorenthält. Man entdeckt, welche
Lust es bereitet, sich ihr wenigstens zeitweilig
zu entziehen und sich den Verlockungen des
Unsinns hinzugeben. Der Schulknabe ergötzt
sich an Wortverdrehungen, der Fachgelehrte
verfolgt seine Tätigkeit nach einem wissen-
schaftlichen Kongreß, selbst der ernsthafte
Mann genießt die Spiele des Witzes. Ernst-
haftere Feindseligkeit gegen Vernunft und
Wissenschaft, des Menschen allerbeste Kraft,
wartet ihre Gelegenheit ab. Sie beeilt sich, dem
Wunderlichen oder Rätselhaftem den
Vorzug zu geben vor dem „studierten“ Arzt,
sie kommt den Behauptungen des Okkultis-
mus entgegen, solange dessen angebliche Tat-
sachen als Durchbrechungen von Gesetz und
Regel genommen werden, sie schlüsselt die
Kritik ein, verfälscht die Wahrnehmungen, er-
zwingt Bestätigungen und Zustimmungen,
die nicht zu rechtfertigen sind. Wer diese Nei-
gung der Menschen in Betracht zieht, hat
allen Grund, viele Mitteilungen der okkultis-
tischen Literatur zu enterten.Das dritte Bedenken nannte ich das histo-
rische und will damit aufmerksam machen, daß
in der Welt des Okkultismus eigentlich nichts
Neues vorgeht, daß aber in ihr alle die
Zeichen, Wunder, Prophezeiungen und Gei-
stererscheinungen neuerdings auftreten, die
uns aus alten Zeiten und in alten Büchern be-
richtet werden und die wir längst als Aus-
geburten ungezügelter Phantasie oder ten-
denziösen Trugs erledigt zu haben glaubten,
als Produkte einer Zeit, in der die Unwis-
senheit der Menschheit sehr groß war und der
wissenschaftliche Geist noch in seinen Kinder-
schuhen stak. Wenn wir als wahr annehmen,
was sich nach den Mitteilungen der Okkul-
tisten noch heute ereignet, so müssen wir auch
jene Nachrichten aus dem Altertum als glaub-
würdig anerkennen. Und nun besinnen wir
uns, daß die Traditionen und heiligen
Bücher der Völker von solchen Wundergeschich-
ten übervoll sind und daß die Religionen
ihren Anspruch auf Glaubwürdigkeit gerade
auf solche außerordentliche und wunderbare
Begebenheiten stützen, und in ihnen die Be-
weise für das Walten übermenschlicher
Mächte finden. Dann wird es uns schwer,
den Verdacht zu vermeiden, daß das okkul-
tistische Interesse eigentlich ein religiöses ist,
daß es zu den geheimen Motiven der okkul-
tistischen Bewegung gehört, der durch den
Fortschritt des wissenschaftlichen Denkens be-
drohten Religion zu Hilfe zu kommen. Und
mit der Erkenntnis eines solchen Motivs
unter unser Mißtrauen wachsen und unsere
Abneigung, uns in die Untersuchung der an-
geblichen okkulten Phänomene einzulassen.Aber endlich muß diese Abneigung doch
überwunden werden. Es handelt sich um eine
Frage der Tatsächlichkeit, ob das, was die
Okkultisten erzählen, wahr ist oder nicht. Das
muß doch durch Beobachtung entschieden wer-
den können. Im Grunde müssen wir den
Okkultisten dankbar sein. Die Wunderberichte
aus alten Zeiten sind unserer Nachprüfung
entzogen. Wenn wir meinen, sie sind nicht zu
beweisen, so müssen wir doch zugeben, sie
sind nicht mit aller Strenge zu widerlegen.
Aber was in der Gegenwart vor sich geht,
wobei wir zugegen sein können, darüber
müssen wir doch ein sicheres Urteil gewinnen
können. Kommen wir zur Überzeugung, daß
solche Wunder heute nicht vorkommen, so
fürchten wir den Einwand nicht, sie könnten
sich doch in alten Zeiten ereignet haben. An-
dere Erklärungen liegen dann viel näher.
Wir haben also unsere Bedenken abgelegt und
sind bereit, an der Beobachtung der okkul-
ten Phänomene teilzunehmen.Zum Unglück treffen wir dabei auf Ver-
hältnisse, die unserer redlichen Absicht äußerst
ungünstig sind. Die Beobachtungen, von
denen unser Urteil abhängen soll, werden
unter Bedingungen angestellt, die unsere Sin-
neswahrnehmungen unsicher machen, unsere
Aufmerksamkeit abstumpfen, in der Dunkel-
heit oder in spärlichem roten Licht, nach lan-gen Zeiten leerer Erwartung. Da wird uns ge-
sagt, daß schon unsere ungläubige, also kri-
tische Einstellung das Zustandekommen der
erwarteten Phänomene zu hindern vermag.
Die so hergestellte Situation ist ein wahres
Zerrbild der Umstände, unter denen wir sonst
wissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen
pflegen. Die Beobachtungen werden an soge-
nannten Medien gemacht, Personen, denen
man besondere „sensitive“ Fähigkeiten zu-
schreibt, die sich aber keineswegs durch her-
vorragende Eigenschaften des Geistes oder
des Charakters auszeichnen, nicht vor einer
großen Idee oder einer ernsthaften Absicht
getragen werden wie die alten Wundertäter.
Im Gegenteil, sie gelten selbst bei denen, die
an ihre geheimen Kräfte glauben, als beson-
ders unzuverlässig, die meisten von ihnen
sind bereits als Betrüger entlarvt worden, es
liegt auch nahe zu erwarten, daß den übrigen
dasselbe bevorsteht. Man sie leistet, macht den
Eindruck von mutwilligen Kinderstreichen
oder Taschenspielerkünsten. Auch niemals
ist in den Sitzungen mit diesen Medien
etwas Brauchbares herausgekommen, etwa
eine neue Kraftquelle zugänglich gemacht wor-
den. Freilich erwartet man auch keine För-
derung der Taubenzucht von dem Kunststück
des Taschenspielers, der Tauben aus seinem
leeren Zylinderhut zaubert. Ich kann mich
leicht in die Lage eines Menschen versetzen,
der, die Anforderung der Objektivität erfül-
len will und darum an den okkultistischen
Sitzungen teilnimmt, aber nach einer Weile
ermüdet und von den an ihn gestellten Zu-
mutungen abgestoßen, sich abwendet und unbe-
lehrt zu seinen früheren Vorurteilen zurück-
kehrt. Man kann einem solchen vorhalten, daß
es auch nicht das richtige Benehmen, Phäno-
menen, die man studieren wolle, dürfe man
nicht vorschreiben, wie sie sein und unter wel-
chen Bedingungen sie auftreten sollen. Es sei
vielmehr geboten, auszuharren und die Vor-
sichts- und Kontrollmaßregeln zu würdigen,
durch die man sich neuerdings gegen die Un-
zuverlässigkeit der Medien zu schützen bemüht
ist. Leider macht diese moderne Sicherungs-
technik der letzten Zugänglichkeit okkul-
tischer Beobachtungen ein Ende. Das Stu-
dium des Okkultismus wird ein besonderer,
schwieriger Beruf, eine Tätigkeit, die man
nicht neben seinen sonstigen Interessen betrei-
ben kann. Und bis die damit beschäftigten
Forscher zu Entscheidungen gekommen sind,
bleibt man dem Zweifel und seinen eigenen
Vermutungen überlassen.
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