Typisches Beispiel eines verkappten Ödipustraumes 1900-001/1910

Freud, Sigmund (1900-001/1910): Typisches Beispiel eines verkappten Ödipustraumes

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    IV. 

    Typisches Beispiel eines verkappten Ödipustraumes.

    Ein Mann träumt: Er hat ein geheimes Verhältnis mit einer Dame,
    die ein anderer heiraten will. Er ist besorgt, dass dieser andere das
    Verhältnis entdecken könnte, so dass aus der Heirat nichts würde, und
    benimmt sich darum sehr zärtlich gegen den Mann; er schmiegt sich
    an ihn an und küsst ihn.

    Die Tatsachen im Leben des Träumers berühren den Inhalt dieses
    Traumes nur in einem Punkte. Er unterhält ein geheimes Verhältnis
    mit einer verheirateten Frau, und eine vieldeutige Äusserung ihres
    Mannes, mit dem er befreundet ist, hat den Verdacht bei ihm geweckt,
    dass dieser etwas gemerkt haben könnte. Aber in der Wirklichkeit
    spielt noch etwas anderes mit, dessen Erwähnung im Traume vermieden
    wird, und das doch allein den Schlüssel zum Verständnis des Traumes
    gibt. Das Leben des Ehemannes ist durch ein organisches Leiden
    bedroht. Seine Frau ist auf die Möglichkeit seines plötzlichen Todes
    vorbereitet, und unser Träumer beschäftigt sich bewusst mit dem Vor-
    satze, nach dem Hinscheiden des Mannes die junge Witwe zur Frau
    zu nehmen. Durch diese äussere Situation findet sich der Träumer in
    die Konstellation des Ödipustraumes versetzt; sein Wunsch kann den
    Mann töten, um die Frau zum Weib zu gewinnen; sein Traum gibt
    diesem Wunsch in heuchlerischer Entstellung Ausdruck. Anstatt des
    Verheiratetseins mit dem anderen setzt er ein, dass ein anderer sie
    erst heiraten will, was seiner eigenen geheimen Absicht entspricht, und 

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    die feindseligen Wünsche gegen den Mann verbergen sich hinter demon-
    strativen Zärtlichkeiten, die aus der Erinnerung an seinen kindlichen
    Verkehr mit dem Vater stammen.

    Dr. Sigm. Freud.

    Editorischer Hinweis: 

    In der 3. Auflage der Traumdeutung  (1900.001/1911) in einer Fußnote auf Seite 207
    findet sich ein Hinweis auf diesen Traum:

    *) [Ein typisches Beispiel eines solchen verkappten Ödipustraumes habe ich
    in Nr. 1 des Zentralblattes für Psychoanalyse veröffentlicht; ein anderes mit aus-
    führlicher Deutung O. Rank ebendort in Nr. 4. Den Alten war übrigens auch die
    symbolische Deutung der unverhüllten Ödipusträume nicht fremd. (Vgl. O. Rank166)
    p. 534): „So ist von Julius Cäsar ein Traum vom geschlechtlichen Verkehr mit der
    Mutter überliefert, den die Traumdeuter als günstiges Vorzeichen für die Besitz-
    ergreifung der Erde (Mutter-Erde) auslegten. Ebenso bekannt ist das den Tarqui-
    niern gegebene Orakel, demjenigen von ihnen werde die Herrschaft Roms zufallen, 
    der zuerst die Mutter küsse (osculum matri tulerit), was Brutus als Hinweis auf
    die Mutter-Erde auffaßte (terram osculo contigit, scilicet quod ea communia mater
    omnium mortalium caset. Livius I, LXI).“ Diese Mythen und Deutungen weisen auf
    eine richtige psychologische Erkenntnis hin. Ich habe gefunden, daß die Personen,
    die sich von der Mutter bervorzugt oder ausgezeichnet wissen, im Leben jene be- 
    sondere Zuversicht zu sich selbst, jenen unerschütterlichen Optimismus bekunden, die
    nicht selten als heldenhaft erscheinen und den wirklichen Erfolg erzwingen.]