S.
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IV.
Typisches Beispiel eines verkappten Ödipustraumes.
Ein Mann träumt: Er hat ein geheimes Verhältnis mit einer Dame,
die ein anderer heiraten will. Er ist besorgt, dass dieser andere das
Verhältnis entdecken könnte, so dass aus der Heirat nichts würde, und
benimmt sich darum sehr zärtlich gegen den Mann; er schmiegt sich
an ihn an und küsst ihn.Die Tatsachen im Leben des Träumers berühren den Inhalt dieses
Traumes nur in einem Punkte. Er unterhält ein geheimes Verhältnis
mit einer verheirateten Frau, und eine vieldeutige Äusserung ihres
Mannes, mit dem er befreundet ist, hat den Verdacht bei ihm geweckt,
dass dieser etwas gemerkt haben könnte. Aber in der Wirklichkeit
spielt noch etwas anderes mit, dessen Erwähnung im Traume vermieden
wird, und das doch allein den Schlüssel zum Verständnis des Traumes
gibt. Das Leben des Ehemannes ist durch ein organisches Leiden
bedroht. Seine Frau ist auf die Möglichkeit seines plötzlichen Todes
vorbereitet, und unser Träumer beschäftigt sich bewusst mit dem Vor-
satze, nach dem Hinscheiden des Mannes die junge Witwe zur Frau
zu nehmen. Durch diese äussere Situation findet sich der Träumer in
die Konstellation des Ödipustraumes versetzt; sein Wunsch kann den
Mann töten, um die Frau zum Weib zu gewinnen; sein Traum gibt
diesem Wunsch in heuchlerischer Entstellung Ausdruck. Anstatt des
Verheiratetseins mit dem anderen setzt er ein, dass ein anderer sie
erst heiraten will, was seiner eigenen geheimen Absicht entspricht, undS.
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die feindseligen Wünsche gegen den Mann verbergen sich hinter demon-
strativen Zärtlichkeiten, die aus der Erinnerung an seinen kindlichen
Verkehr mit dem Vater stammen.Dr. Sigm. Freud.
Editorischer Hinweis:
In der 3. Auflage der Traumdeutung (1900.001/1911) in einer Fußnote auf Seite 207
findet sich ein Hinweis auf diesen Traum:*) [Ein typisches Beispiel eines solchen verkappten Ödipustraumes habe ich
in Nr. 1 des Zentralblattes für Psychoanalyse veröffentlicht; ein anderes mit aus-
führlicher Deutung O. Rank ebendort in Nr. 4. Den Alten war übrigens auch die
symbolische Deutung der unverhüllten Ödipusträume nicht fremd. (Vgl. O. Rank166)
p. 534): „So ist von Julius Cäsar ein Traum vom geschlechtlichen Verkehr mit der
Mutter überliefert, den die Traumdeuter als günstiges Vorzeichen für die Besitz-
ergreifung der Erde (Mutter-Erde) auslegten. Ebenso bekannt ist das den Tarqui-
niern gegebene Orakel, demjenigen von ihnen werde die Herrschaft Roms zufallen,
der zuerst die Mutter küsse (osculum matri tulerit), was Brutus als Hinweis auf
die Mutter-Erde auffaßte (terram osculo contigit, scilicet quod ea communia mater
omnium mortalium caset. Livius I, LXI).“ Diese Mythen und Deutungen weisen auf
eine richtige psychologische Erkenntnis hin. Ich habe gefunden, daß die Personen,
die sich von der Mutter bervorzugt oder ausgezeichnet wissen, im Leben jene be-
sondere Zuversicht zu sich selbst, jenen unerschütterlichen Optimismus bekunden, die
nicht selten als heldenhaft erscheinen und den wirklichen Erfolg erzwingen.]
Diese Arbeit wurde ab 1925 in die Traumdeutung mit aufgenommen.
Zur Datierung: Die ersten beiden Hefte des ersten Jahrgangs des "Zentralblatts für Psychoanalyse" (Heft 1/2 & 3) erschienen noch 1910, erst ab Heft 4 ist das Erscheinungsjahr 1911.