Über fausse reconaissance ("déjà raconté") während der psychoanalytischen Arbeit 1914-001/1914.2

Freud, Sigmund (1914-001/1914.2): Über fausse reconaissance ("déjà raconté") während der psychoanalytischen Arbeit

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    SEPARATABDRUCK

    aus der

    INTERNATIONALEN ZEITSCHRIFT FÜR ÄRZTLICHE PSYCHOANALYSE

    herausgegeben von Professor S. Freud, redigiert von Dr. S. Ferenczi und Dr. O. Rank.
    I. Jahrgang 1913. Verlag von Hugo Heller & Co. in Leipzig und Wien I. Bauernmarkt 3.
    Abonnementspreis ganzjährig M 18.— = K 21.60.


    Über fause reconnaissance („déjà raconté“) während der
    psychoanalytischen Arbeit.

    Von Sigmund Freud.

    Es ereignet sich nicht selten während der Arbeit der Analyse, daß
    der Patient die Mitteilung eines von ihm erinnerten Faktums mit der
    Bemerkung begleitet: „Das habe ich Ihnen aber schon erzählt“,
    während man selbst sicher zu sein glaubt, diese Erzählung von ihm noch
    niemals vernommen zu haben. Äußert man diesen Widerspruch gegen
    den Patienten, so wird er häufig energisch versichern, er wisse es ganz
    gewiß, er sei bereit, es zu beschwören, usw.; in demselben Maße wird
    aber die eigene Überzeugung von der Neuheit des Gehörten stärker. Es
    wäre nun ganz unpsychologisch, einen solchen Streit durch Überschreien
    oder Überbieten mit Beteuerungen entscheiden zu wollen. Ein solches
    Überzeugungsgefühl von der Treue seines Gedächtnisses hat bekanntlich
    keinen objektiven Wert, und da einer von beiden sich notwendigerweise
    irren muß, kann es ebensowohl der Arzt wie der Analysierte sein, welcher
    der Paramnesie verfallen ist. Man gesteht dies dem Patienten zu, bricht
    den Streit ab und verschiebt dessen Erledigung auf eine spätere Ge-
    legenheit.

    In einer Minderzahl von Fällen erinnert man sich dann selbst, die
    fragliche Mitteilung bereits gehört zu haben, und findet gleichzeitig das
    subjektive, oft weit hergeholte, Motiv für deren zeitweilige Beseitigung.
    In der großen Mehrzahl aber ist es der Analysierte, der geirrt hat und
    auch dazu bewogen werden kann, es einzusehen. Die Erklärung für dieses
    häufige Vorkommnis scheint zu sein, daß er wirklich bereits die Absicht
    gehabt hat, diese Mitteilung zu machen, daß er eine vorbereitende Äuße-
    rung wirklich ein oder mehrere Male getan hat, dann aber durch den
    Widerstand abgehalten wurde, seine Absicht auszuführen, und nun die
    Erinnerung an die Intention mit der an die Ausführung derselben ver-
    wechselt.

    Ich lasse nun alle die Fälle bei Seite, in denen der Sachverhalt
    irgendwie zweifelhaft bleiben kann, und hebe einige andere hervor, die

    Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse.

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    ein besonderes theoretisches Interesse haben. Es ereignet sich nämlich
    bei einzelnen Personen, und zwar wiederholt, daß sie die Behauptung,
    sie hätten dies oder jenes schon erzählt, besonders hartnäckig bei Mit-
    teilungen vertreten, wo die Sachlage es ganz unmöglich macht, daß sie
    recht haben können. Was sie bereits früher einmal erzählt haben wollen,
    und jetzt als etwas Altes, was der Arzt auch wissen müßte, wieder-
    erkennen, sind dann Erinnerungen von höchstem Wert für die Analyse,
    Bestätigungen, auf welche man lange Zeit gewartet, Lösungen, die einem
    Teilstück der Arbeit ein Ende machen, an die der analysierende Arzt
    sicherlich eingehende Erörterungen geknüpft hätte. Angesichts dieser
    Verhältnisse gibt der Patient auch bald zu, daß ihn seine Erinnerung
    getäuscht haben muß, obwohl er sich die Bestimmtheit derselben nicht
    erklären kann.

    Das Phänomen, welches der Analysierte in solchen Fällen bietet,
    hat Anspruch darauf, eine „fausse reconnaissance“ genannt zu werden,
    und ist durchaus analog den anderen Fällen, in denen man spontan die
    Empfindung hat: In dieser Situation war ich schon einmal, das habe ich
    schon einmal erlebt (das „Déjà vu“), ohne daß man je in die Lage
    käme, diese Überzeugung durch das Wiederauffinden jenes früheren Males
    im Gedächtnisse zu bewahrheiten. Es ist bekannt, daß dies Phänomen
    eine Fülle von Erklärungsversuchen hervorgerufen hat, die sich im All-
    gemeinen in zwei Gruppen bringen lassen.1) In der einen wird der im
    Phänomen enthaltenen Empfindung Glauben geschenkt und angenommen,
    es handle sich wirklich darum, daß etwas erinnert werde; die Frage
    bleibt nur, was. Zu einer bei weitem zahlreicheren Gruppe treten jene
    zusammen, die vielmehr behaupten, daß hier eine Täuschung
    der Erinnerung vorliege, und die nun die Aufgabe haben, nachzuspüren, wie
    es zu einer paramnestischen Fehlleistung kommen könne. Im übrigen
    umfassen diese Versuche einen weiten Umkreis von Motiven, beginnend
    mit der uralten, dem Pythagoras zugeschriebenen Auffassung, daß
    das Phänomen des Déjà vu einen Beweis für eine frühere individuelle
    Existenz enthalte, fortgesetzt über die auf die Anatomie gestützte Hypo-
    these, daß ein zeitliches Auseinanderweichen in der Tätigkeit der beiden
    Hirnhemisphären das Phänomen begründe (Wigan 1860), bis auf die
    rein psychologischen Theorien der meisten neueren Autoren, welche im
    Déjà vu eine Äußerung einer Apperzeptionsschwäche erblicken und Er-
    müdung, Erschöpfung, Zerstreutheit für dasselbe verantwortlich machen.

    Grasset2) hat im Jahre 1904 eine Erklärung des Déjà vu gegeben,
    welche zu den „Gläubigen“ gerechnet werden muß. Er meinte, das Phä-
    nomen weise darauf hin, daß früher einmal eine unbewußte Wahrneh-
    mung

    1)S. eine der letzten Zusammenstellungen der betreffenden Literatur in H.
    Ellis „World of Dreams“, 1911.

    2)La sensation du „déjà vu“. Journal de psychologie norm. et pathol. I, 1904.

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    mung gemacht worden sei, welche erst jetzt unter dem Einfluß eines
    neuen und ähnlichen Eindruckes das Bewußtsein erreiche. Mehrere andere
    Autoren haben sich ihm angeschlossen und die Erinnerung an vergessenes
    Geträumtes zur Grundlage des Phänomens gemacht. In beiden Fällen
    würde es sich um die Belebung eines unbewußten Eindruckes handeln.
    Ich habe im Jahre 1907, in der zweiten Auflage meiner „Psycho-
    pathologie des Alltagslebens“, eine ganz ähnliche Erklärung der angeb-
    lichen Paramnesie vertreten, ohne die Arbeit von Grasset zu kennen
    oder zu erwähnen. Zu meiner Entschuldigung mag dienen, daß ich
    meine Theorie als Ergebnis einer psychoanalytischen Untersuchung gewann,
    die ich an einem sehr deutlichen, aber etwa 28 Jahre zurückliegenden Falle
    von Déjà vu bei einer Patientin vornehmen konnte. Ich will die kleine
    Analyse hier nicht wiederholen. Sie ergab, daß die Situation, in welcher
    das Déjà vu auftrat, wirklich geeignet war, die Erinnerung an ein frü-
    heres Erlebnis der Analysierten zu wecken. In der Familie, welche das
    damals 12jährige Kind besuchte, befand sich ein schwerkranker, dem
    Tode verfallener Bruder, und ihr eigener Bruder war einige Monate vor-
    her in derselben Gefahr gewesen. An dies Gemeinsame hatte sich aber
    im Falle des ersteren Erlebnisses eine bewußtseinsunfähige Phantasie
    geknüpft – der Wunsch, der Bruder solle sterben – und darum konnte die
    Analogie der beiden Fälle nicht bewußt werden. Die Empfindung derselben
    ersetzte sich durch das Phänomen des Schon-
    einmal-
    erlebt habens, in-
    dem sich die Identität von dem Gemeinsamen auf die Lokalität verschob.

    Man weiß, daß der Name „déjà vu“ für eine ganze Reihe analoger
    Phänomene steht, für ein „déjà entendu“, ein „déjà éprouvé“, ein „déjà
    senti“. Der Fall, den ich an Stelle vieler ähnlicher nun berichten werde,
    enthält ein „déjà raconté“, welches also von einem unbewußten, unaus-
    geführt gebliebenen Vorsatz abzuleiten wäre.

    Ein Patient erzählt im Laufe seiner Assoziationen: „Wie ich damals
    im Alter von fünf Jahren im Garten mit einem Messer gespielt und mir da-
    bei den kleinen Finger durchgeschnitten habe, – oh, ich habe nur geglaubt,
    daß er durchgeschnitten ist – aber das habe ich Ihnen ja schon erzählt.“
    Ich versichere, daß ich mich an nichts Ähnliches zu erinnern weiß.
    Er beteuert immer überzeugter, daß er sich darin nicht täuschen kann.
    Endlich mache ich dem Streit in der eingangs angegebenen Weise ein
    Ende und bitte ihn, die Geschichte auf alle Fälle zu wiederholen. Wir
    würden dann ja sehen.

    „Als ich fünf Jahre alt war, spielte ich im Garten neben meiner
    Kinderfrau und schnitzelte mit meinem Taschenmesser an der Rinde
    eines jener Nußbäume, die auch in meinem Traum 1) eine Rolle spielen.2)“

    1)Vgl. Märchenstoffe in Träumen. „Int. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse“, I, 2. Heft.

    2)Korrektur bei späterer Erzählung: Ich glaube, ich schnitt nicht in den Baum.
    Das ist eine Verschmelzung mit einer anderen Erinnerung, die auch halluzinatorisch

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    Plötzlich bemerkte ich mit unaussprechlichem Schrecken, daß ich mir
    den kleinen Finger der (rechten oder linken?) Hand so durchgeschnitten
    hatte, daß er nur noch an der Haut hing. Schmerz spürte ich keinen,
    aber eine große Angst. Ich getraute mich nicht, der wenige Schritte ent-
    fernten Kinderfrau etwas zu sagen, sank auf die nächste Bank und blieb
    da sitzen, unfähig, noch einen Blick auf den Finger zu werfen. Endlich
    wurde ich ruhig, faßte den Finger ins Auge, und siehe da, er war ganz
    unverletzt.“

    Wir einigten uns bald darüber, daß er mir diese Vision oder Hallu-
    zination doch nicht erzählt haben könne. Er verstand sehr wohl, daß
    ich einen solchen Beweis für die Existenz der Kastrationsangst in
    seinem fünften Jahr doch nicht unverwertet gelassen hätte. Sein Wider-
    stand gegen die Annahme des Kastrationskomplexes war damit gebrochen,
    aber er warf die Frage auf: Warum habe ich so sicher geglaubt, daß
    ich diese Erinnerung schon erzählt habe?

    Dann fiel uns beiden ein, daß er wiederholt, bei verschiedenen An-
    lässen, aber jedesmal ohne Vorteil, folgende kleine Erinnerung vorge-
    tragen hatte:

    „Als der Onkel einmal verreiste, fragte er mich und die Schwester,
    was er uns mitbringen solle. Die Schwester wünschte sich ein Buch, ich
    ein Taschenmesser.“ Nun verstanden wir diesen Monate vorher aufge-
    tauchten Einfall als Deckerinnerung für die verdrängte Erinnerung und
    als Ansatz zu der infolge des Widerstandes unterbliebenen Erzählung
    vom vermeintlichen Verlust des kleinen Fingers (eines unverkennbaren
    Penisäquivalents). Das Messer, welches ihm der Onkel auch wirklich
    mitgebracht hatte, war nach seiner sicheren Erinnerung das nämliche,
    welches in der lange unterdrückten Mitteilung vorkam.

    Ich glaube es ist überflüssig, zur Deutung dieser kleinen Erfahrung,
    soweit sie auf das Phänomen der „fausse reconnaissance“ Licht wirft,
    weiteres hinzuzufügen. Zum Inhalt der Vision des Patienten will ich
    bemerken, daß solche halluzinatorische Täuschungen gerade im Gefüge
    des Kastrationskomplexes nicht vereinzelt sind, und daß sie ebensowohl
    zur Korrektur unerwünschter Wahrnehmungen dienen können.

    Im Jahre 1911 stellte mir ein akademisch Gebildeter aus einer
    deutschen Universitätsstadt, den ich nicht kenne, dessen Alter mir unbe-
    kannt ist, folgende Mitteilungen aus seiner Kindheit zur freien Ver-
    fügung:

    „Bei der Lektüre Ihrer „Kindheitserinnerung des Leonardo“ haben
    mich die Ausführungen auf pag. 29 bis 31 zu innerem Widerspruch
    gereizt. Ihre Bemerkung, daß das männliche Kind von dem Interesse
    für sein eigenes Genitale beherrscht ist, weckte in mir eine Gegen-
    gefälscht sein muß, daß ich in einen Baum einen Schnitt mit dem Messer machte,
    und daß dabei Blut aus dem Baume kam.

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    bemerkung von der Art: „Wenn das ein allgemeines Gesetz ist, so bin
    Ich jedenfalls eine Ausnahme.“ Die nun folgenden Zeilen (pag. 31 bis
    32 oben) las ich mit dem größten Staunen, jenem Staunen, von dem
    man bei Kenntnisnahme einer ganz neuartigen Tatsache erfaßt wird.
    Mitten in meinem Staunen kommt mir eine Erinnerung, die mich –
    zu meiner eigenen Überraschung lehrt, daß mir jene Tatsache gar nicht
    so neu sein dürfte. Ich hatte nämlich zur Zeit, da ich mich mitten in
    der „infantilen Sexualforschung“ befand, durch einen glücklichen Zufall
    Gelegenheit, ein weibliches Genitale an einer kleinen Altersgenossin zu
    betrachten und habe hierbei ganz klar einen Penis von der
    Art meines eigenen bemerkt. Bald darauf hat mich aber der An
    blick weiblicher Statuen und Akte in neue Verwirrung gestürzt und ich
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    habe, um diesem „wissenschaftlichen“ Zwiespalt zu entrinnen, das folgende
    Experiment ersonnen: Ich brachte mein Genitale durch Aneinanderpressen
    der Oberschenkel zwischen diesen zum Verschwinden und konstatierte
    mit Befriedigung, daß hierdurch jeder Unterschied gegen den weiblichen
    Akt beseitigt sei. Offenbar, so dachte ich mir, war auch beim weiblichen
    Akt das Genitale auf gleiche Weise zum Verschwinden gebracht.“

    „Hier nun kommt mir eine andere Erinnerung, die mir insofern
    schon von jeher von größter Wichtigkeit war, als sie die eine von den
    drei Erinnerungen ist, aus welchen meine Gesamterinnerung an meine früh
    verstorbene Mutter besteht. Meine Mutter steht vor dem Waschtisch und
    reinigt die Gläser und Waschbecken, während ich im selben Zimmer
    spiele und irgend einen Unfug mache. Zur Strafe wird mir die Hand
    durchgeklopft: da sehe ich zu meinem größten Entsetzen, daß mein
    kleiner Finger herabfällt, u. zw. gerade in den Wasserkübel fällt. Da
    ich meine Mutter erzürnt weiß, getraue ich mich nichts zu sagen und
    sehe mit noch gesteigertem Entsetzen, wie bald darauf der Wasserkübel
    vom Dienstmädchen hinausgetragen wird. Ich war lange überzeugt, daß
    ich einen Finger verloren habe, vermutlich bis in die Zeit, wo ich das
    Zählen lernte.“

    „Diese Erinnerung, die mir – wie bereits erwähnt – durch ihre
    Beziehung zu meiner Mutter immer von größter Wichtigkeit war, habe
    ich oft zu deuten versucht: keine dieser Deutungen hat mich aber be-
    friedigt. Erst jetzt – nach Lektüre Ihrer Schrift – ahne ich eine sehr
    einfache, befriedigende Lösung des Rätsels.“

    Eine andere Art der fausse reconnaissance kommt zur Befriedigung
    des Therapeuten nicht selten beim Abschluß einer Behandlung vor. Nach
    dem es gelungen ist, das verdrängte Ereignis realer oder psychischer
    Natur gegen alle Widerstände zur Annahme durchzusetzen, es gewisser
    maßen zu rehabilitieren, sagt der Patient: Jetzt habe ich die Emp-
    findung, ich habe es immer gewußt. Damit ist die analytische Auf-
    gabe gelöst.

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