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Befremdend erscheint es mir, dass er das Faktum, dass Träume bei
schwerer körperli-
cher Ermüdung wohl vorhanden sein können, wir aber beim
Erwachen durchaus darauf vergessen haben und uns bald mit dem Gedanken
trösten „wir hätten nicht geträumt“, entweder vergisst oder nicht kennt.Bezüglich der Faktoren, die als Urheber der erotischen Träume gel-
ten,
ist es auffällig, dass er sämtliche äussere somatische Ursachen (Lage des Körpers,
volle Blase, Hautreize und Druck durch Nachtbekleidung, Decke etc.) läugnet.Meistenteils sind die erotischen Träume Folgeer-
scheinungen eines un
regelmässigen sexuellen Verkehrs. Er findet sie häufiger bei Junggesellen
als bei Ehemännern.Wenn an einem Tag normaliter ein Koitus ausgeübt wurde, derselbe
aus irgendeinem Grunde unterblieb, so erfolgt nach seiner Beobachtung,
häufig in der folgenden Nacht ein erotischer Traum mit gleichzei-
tiger Samen
entleerung. Das moderne Leben in der Gross-
stadt, die moderne Literatur,
Ansichtskarten, Frauenbeklei-
dung, die berüchtig-
ten Annoncen in der vierten
Seite der Tageszeitungen, die Varietés und Café chantants macht Gualino
viel mehr als alle übrigen Faktoren als Reizquel-
len, im Gegensatz zu den
somatischen, verantwortlich.Bezüglich der Heilung dieser Erscheinungen erwähnt er schliesslich die
Suggestionsthe-
rapie, ohne auf nähere Details einzu-
gehen.Die „Rivista di psicoterapia“ bringt im IV. Jahrgange eine Besprechung
von Stekels „Ursachen der Nervosität“: Sie entstammt mutmasslich der
Feder Prof. Ferraris (Signatur F.) selbst und zeigt grosses Verständ-
nis
und genaues Studium der Werke Stekels.Einen besonderen Abschnitt
widmet er den „conflitto psichico“ und der im Buche Stekels vertretenen
Anschauung, dass man nicht bloss Neuropatho-
loge, sondern auch Seelen-
arzt
sein müsse.Schliesslich erwähnt er die nicht zu unterschätzende Bedeutung
der Psychoanalyse bei Neuropathi-
kern; er vergisst nicht Betonung des Um
standes, dass man sich gerade bei dieser Behandlungs-
methode vor Verallgemeine-
rungen oder Schablonisie-
ren hüten solle.Dr. Ch. E. von Hartungen (Riva).
Aus Vereinen und Versammlungen.
Bericht über die I. private Psychoanalytische Vereini-
gung in Salzburg am 27. April 1908.Referate von Otto Rank (Wien).
1. Prof. S. Freud (Wien): Kasuistisches.
Der Vortragende macht an Hand eines analysierten Falles von schwe-
rer
Zwangsneurose einzelne Mitteilungen über die Genese und den feineren Mecha-
nismus
der seelischen Zwangsvorgänge. Insbesondere weist er zum ersten Mal auf das
eigenartige Gefühls- und Triebleben der Zwangsneurotiker hin und hebt als den1) „Das punctum saliens des initialen Mechanismus bei erotischen Träumen.“
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häufigsten, ausgesprochensten und bedeutsamsten Charakter der Zwang-
neurose ein chronisches Nebeneinander von Liebe und Haß gegen dieselben
Personen hervor. Er gibt die Aufklärung, daß die Bedingung dieser befremd-
lichen Konstellation des Liebeslebens eine frühzeitig, in den prähistorischen Kind-
heitsjahren erfolgte Scheidung der beiden Gegensätze mit Verdrängung des einen
Anteils, gewöhnlich des Hasses, zu sein scheine. In solchen Fällen von unbewußtem
Hasse sei die sadistische Komponente der Liebe konstitutionell besonders stark
entwickelt gewesen, habe darum eine vorzeitige und allzu gründliche Unterdrückung
erfahren, und nun leiten sich die Phänomene der Zwang-
neurose einerseits von der durch Reaktion in die Höhe getriebenen bewußten Zärtlichkeit,
andererseits von dem im Unbewußten als Haß fortwirkenden Sadismus ab.
Steht einer intensiven Liebe ein fast ebenso starker Haß bindend entgegen, so
muß die nächste Folge eine partielle Willenslähmung sein. Damit ist die Herrschaft
von Zwang und Zweifel, wie sie uns im Seelenleben der Zwangskranken
entgegentreten, gegeben. Der Zweifel entspricht der inneren Wahrnehmung der
Unentschlossenheit, der Zwang ist ein Versuch zur Kompensation des Zweifels
und zur Korrektur der unerträglichen Hemmungszustände, von denen der Zweifel
Zeugnis ablegt. Durch eine Art von Regression treten ferner vorbereitende Akte
an die Stelle der endgültigen Entschließung, das Denken ersetzt das Handeln
und irgend eine Gedankenvorstufe der Tat setzt sich mit Zwangsgewalt durch
austatt der Ersatzhandlung. Diese Regression vom Handeln aufs Denken wird
durch das frühzeitige Auftreten und die vorzeitige Verdrängung des sexuellen
Schau-
und Wißtriebe begünstigt. (Eine ausführliche Publikation findet sich im „Jahr-
buch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen 1909“ unter
dem Titel: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose).2. Ernest Jones (London): Rationalisation in every-day life.
Eines der bedeutsamsten Ergebnisse der Freud’schen Untersuchungen ist die
Tatsache, daß eine Reihe von geistigen Prozessen ihren Ursprung Motiven ver-
dankt, die dem Individuum nicht zu Bewußtsein kommen. Es ist nun begreiflich,
daß für derartige intellektuelle Erscheinungen, soweit sie nicht von vornherein
als ursachlos und autochthon empfunden werden, nach einer plausibeln, rationellen
Erklärung gesucht wird, die jedoch, wie die Psychoanalyse ergibt, von der wirk-
lichen Verursachung weit entfernt ist. Diese Rationalisierungen durchsetzen unser
Alltagsleben, unsere religiöse Gläubigkeit, die ethischen und sozialen Normen,
ja selbst die wissenschaftliche Forschung und es gehört nicht zu den geringsten
zukünftigen Aufgaben der Psychoanalyse dieselben aufzudecken und auf diese
Weise ein tieferes Verständnis der geistigen Phänomene überhaupt anzubahnen.
(Die ausführliche Publikation ist zu finden im Journal of Abnormal Psychology, August-
September 1908.)3. Franz Riklin (Zürich): Einige Probleme der Sagendeutung.
Vor etwa 20 Jahren hat Laistner in seinem Werke: „Das Rätsel der
Sphinx“ an Hand eines großen vergleichenden Sagenmaterials das Prinzip aufge-
stellt, daß die Sagen in ihrem Kerne dem Traum entstammen und zwar dem Alp-
traum, welcher allein den Glauben an die Heimsuchung durch elfische Dämonen
zu erklären imstande sei, von der die Sagen berichten. War es Laistner nur
darum zu tun, für die mythologischen Gebilde eine sichere biologische Basis zu
schaffen (experimentelle Erzeugung des Alptraumes durch Hinderung der Atem-
tätigkeit), so wissen wir seit Freud’s Traumdeutung, daß auch diese Reizträume
den allgemeinen Gesetzen der Traumpsychologie und des unbewußten Denkens
unterliegen.Alpträume sind Angstträume und Angst finden wir im seelischen Geschehen
ausgelöst an jenen Stellen, wo der erotischen Wunscherfüllung ein Hindernis in den
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[Vortrag Freuds] Kasuistisches
1909-004/1910
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