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    PROF. DR. FREUD   WIEN IX., BERGGASSE 19

    20. 4. 1928

    Lieber Herr Doktor

    Mein Rat ist eindeutig. 
    Wenn Sie Anknüpfungen 
    in den U S haben, Aus-
    sicht, dort durch Lehren 
    und Analysiren gut zu 
    erwer­ben, so versäumen 
    Sie es nicht hinüberzugehen 
    u die Gelegen­heit auszu-
    nützen. Sie kennen die 
    trostlosen materiellen 
    Zustände in Wien und die 
    Unwahrscheinlichkeit einer 
    baldigen Änderung. Die 
    Sorge um den Lebensunter-
    halt thut auch dem Charakter 
    nicht gut.

    Ihre Nebenabsicht, dort Adler 
    zu bekämpfen, ist natür-
    lich sehr lobenswert. Legen 
    Sie nicht den Hauptakzent 
    darauf, denn diese seichte 
    Abbrevatur der Analyse 
    muß den Amerikanern 
    durch ihren positiven Gehalt 
    wie durch das, was sie ver-
    leugnet, sehr gut passen. 
    Aber Amerika ist so groß, 
    weit und urteilslos, daß 
    dort Platz für alle Gegensätze 

  • S.

    neben einander ist.

    Ihre Klage über das Lehrinstitut 
    kann ich nicht ernst nehmen. 
    Sie wissen, daß das Lehrinst. 
    nur den Gemeinwillen des 
    Kongres­ses ausführt, daß 
    dieser sich durch das Postulat 
    einer Gleichar­tigkeit der 
    Ausbildung rechtfertigt, und 
    daß, wenn jeder so denken 
    und rechnen würde wie 
    Sie wir ein Chaos zulassen 
    würden, wie es eben in 
    Amerika besteht. Meine Tochter 
    hat, soviel ich weiß als Mit-
    glied des Lehrinstituts fünf 
    Gratiskontrollen. Man darf 
    von jedem Zugehörigen ein 
    Opfer verlangen. Wenn ich 
    von meinen Publikationen 
    einen Ertrag haben wollte, 
    gäbe es keinen Internat. 
    psychoanalyt Verlag.

    Indem ich Ihnen ausgiebigen 
    Erfolg wünsche

    Ihr 
    Freud

    P.S. Es ist doch keine 
    Rede davon, dass Sie Ihre Pat. 
    die aus U.S. zu Ihnen kom̄en, 
    dem Lehrinstitut abtreten sollen. 
    Das L.I. beansprucht nur die Kontrolle.