• S.

    PROF. DR. FREUD
    WIEN IX., BERGGASSE 19

    17 Jan 1926

    Liebe Frau

    Seit meinem Telegramm 
    nach der Todesnachricht 
    habe ich es aufgeschoben, 
    Ihnen zu schreiben. Es 
    war zu schwer und ich 
    hoffte, es würde leichter 
    werden. Dann bin ich selbst 
    krank gewesen, habe 
    gefiebert, bin noch nicht 
    erholt. Aber ich sehe schon, 
    das Zögern war zwecklos, 
    es ist heute eben so schwer 
    wie damals. Ich habe keinen 
    Ersatz für ihn und keinen 
    Trost für Sie, der Ihnen 
    etwas Neues zu bieten 
    hätte. Daß wir die Mishand-
    lungen des Schicksals resig-
    nirt ertragen müßen, 
    wissen Sie auch; daß mir sein 
    Verlust darum besonders 
    schmerzlich ist, weil ich denke, 
    meiner voraussichtlich 
    so kurzen Lebensdauer

  • S.

    hätte er leicht erspart werden 
    können – diese egoistische 
    Alterseinstellung –, werden 
    Sie erraten haben.

    Einzig beschwichtigend wirkt 
    die Nachricht, daß Sie 
    an Ihrem Bruder den 
    Helfer gefunden haben, 
    der Ihnen gestatten wird, 
    frei von lähmenden 
    Sorgen die Entwicklung 
    von Tochter u Sohn zu 
    überwachen. Möge Ihnen aus 
    Ihrer Mutterschaft ein 
    neuer, reicher Lebens-
    inhalt erwachsen!

    Ich denke nicht an Reisen, 
    weiß also nicht, ob ich 
    Sie wiedersehen werde. 
    Behalten Sie auch mich 
    im Gedächtnis, Ihren
    in herzlicher Teilnahme
    ergebenen
    Freud