S.

PROF. DR. FREUD 
Wien IX., BERGGASSE 19

3.1.21.

Liebe Frau Doktor

Die Briefe Ihrer Kinder waren zu 
reizend – ich hoffe, sie haben nicht allzuviel 
Mühe oder gar Thränen gekostet, sind 
nicht mehrmals umgeschrieben worden 
u. s. w. Ich hätte den Kleinen selbst ant-
worten sollen, aber ich fürchtete, ihre 
Moral anzuätzen, denn mir wäre
gewiß die Anforderung eingefallen, 
zu gestehen, daß die schönsten Gedanken 
durchs Bedenkenmüßen verdorben werden. 
Auch hat es mich selbst genirt, entweder 
dem großen Gönner weiterzuspielen oder 
verraten zu müßen, daß ich mit fremden 
Mitteln Glückliche gemacht habe. Wollen 
Sie bitte, den Kindern bei Gelegenheit 
vom wahren Sachverhalt mitteilen, an 
dem sich ja die Moral knüpfen läßt, 
daß man auch durch Tätigkeiten wie die 
Ausübung der Psychoanalyse irgendwann 
spät zu im Leben zu einigen holländischen 
Gulden kommen kann. 

Von Ihren Nachrichten hebe ich mir 
die eine heraus, daß es Ihrem Mann 
endlich wieder gut geht. Wir waren schon 
recht ärgerlich über sein Leiden. Auch 
bei uns hier spukt mehr Krankheit 
als gerade unentbehrlich ist. 

Ein schönes, an Erfüllungen reicheres 
ganz u gar nicht bösartiges neues 
Jahr wünscht Ihnen Allen 
Ihr getreuer 
Freud