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Aus: Christfried Tögel and Michael Schröter (2002): Sigmund Freud und Hermann Swoboda: Ihr Briefwechsel (1901-1906). Psyche - Zeitschrift für Psychoanalyse,56D(4):313
"Der Freud-Brief vom 29.11.1901 wurde im März 1997 als Teil des Hermann-Swoboda-Nachlassesim Wiener Dorotheum versteigert. Es ist uns leider nicht gelungen, den jetzigen Besitzer ausfindig zu machen, so daß wir nur den Auszug bieten können, der im Versteigerungskatalog wiedergegeben wurde.2
FN2 Anfragen nach dem Verbleib des Briefs wurden sowohl an das Dorotheum gerichtet als auch an Dr. Helmut Gröger vom Institut für Geschichte der Medizin (Universität Wien). — Zu dem versteigerten Konvolut gehörten auch drei Briefe von Fließ an Swoboda (vom 29.1.1904, 14.5.1905 und 22.6.1905), die zusammen mit Swobodas Gegenbriefen bereits von Pfennig veröffentlicht worden sind (1906, S. 61, 64-67).“]
Sigmund Freud — Hermann Swoboda, 29.11.19017
«… Bemerkenswert, daß beide Ideen, die Ihnen* Eindruck machen, die Bisex[ualität] und die Periodizität nicht mein Eigentum sind. Die Bisex. habe ich wie Sie aus einer Stelle des Alltagslebens* entnehmen können, von meinem Freunde W. Fliess in Berlin. Mit der Period. habe ich theoretisch gar nichts zu tun, sie spielt aber in seinen* Arbeiten die Hauptrolle. Er ist mit dem Thema weiter beschäftigt und wird eines Tages großes Staunen durch seine Mitteilungen hervorrufen. Vorläufig kann ich Sie nur auf einige Schriften von ihm »über den Zusammenhang der Nase mit den weiblichen Sexualorganen« verweisen.8 Auf meinem* Mist gewachsen sind die beiden Gedanken vom Einfluß der Infantilität und die Conception der »Verdrängung«, mit denen* sich die Psychologie noch gar nicht abgegeben hat.»
Von Ihrem Freunde W[eininger] habe ich unterdeß einen weiteren Eindruck bekommen, aber leider nicht den besten. Er schickte mir eines Tages das Mnsc. [= Manuscript] von »Eros u Psyche« zu mit einem Brief, der die Bitte enthielt, den Verleger günstig für die Aufnahme zu stimmen. Bei Deuticke9 erfuhr ich, daß Mach10 das Heft schon zur Begutachtg in der Hand gehabt u es ausweichend abgewiesen habe. Seither hatte W. einen kleinen Aufsatz über Hysterie eingelegt, »Hysterie sei eine Krankheit von W11« eigens als Captatio benevolentiae12 für mich geschrieben. Das Ganze machte mir nur den schlechtesten Eindruck, es ist
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absolut ohne Composition u verträgt den Druck gar nicht. Die geistreichsten Behauptungen wechseln mit recht läppischen ab, aber es sind alles nur Behauptungen; von Beweismaterial keine Spur. Wie in einem Tagebuch verketten sich die Einfälle u das Bedürfniß des jugendlichen Autors, sich über alle in der Wissenschaft schwebenden Probleme als unfehlbarer Meister hören zu lassen, befriedigt sich ungehemmt. Keine Rücksicht auf den etwaigen Leser, der fragen könnte: Warum soll ich all diese Merkwürdigkeiten glauben? Drei Detailabhandlungen über einzelne Punkte mit Beobachtungsmaterial u Discussion hätten 300 mal mehr Werth gehabt. Als wäre es auf Verblüffung abgesehen, was doch recht unwissenschaftlich ist.
Mir konnte das Ganze, auch in seinen wahrscheinlich richtigen Griffen, wenig imponiren, weil «ich ja aus Ihrer Mitteilung, die Sie im Briefe wiederholen, wußte woher der Barthel den Most geholt*. Barthel blieb aber dabei, daß der Most auf seinem Weinberg gewachsen und von*ihm gekeltert worden, was mir von seiner Wahrhaftigkeit nicht den besten Begriff beibrachte. (Ich habe natürlich mein besseres Wissen nicht verraten) …»
Im Sommer 1903 hatte Swoboda sein Buch Die Perioden des menschlichen Organismus fertig, das seine Habilitationsschrift werden sollte. Mit dem folgenden Brief bittet er Freud um Hilfe bei der Suche nach einem Verlag. Freud empfahl ihn schließlich seinem eigenen Verleger, Deuticke (siehe Freud 1986, S. 509), wo das 135 Seiten starke Buch 1904 erschien. Den Brief schrieb Swoboda in Rozdól, einer Kleinstadt in der heutigen Ukraine, ca. 50 km südlich von Lemberg (Lviv). Er war 1902-1904 als Hilfslehrer (»Realschulsupplent«) für französische Sprache sowie als Erzieher tätig13, letzteres offenbar auch bei einem Sohn oder Neffen des Schloßherrn von Rozdól, Graf Karol Lanckoronski-Brzezie.14Lanckoronski (1848-1933) war Historiker, Archäologe, Mäzen, Kunstsammler und Kunstwissenschaftler, befreundet mit vielen namhaften Künstlern und Schriftstellern der Zeit. 1885/86 leitete er die Ausgrabungen von Sagalassos (Pisidia, Türkei). Er hatte eine große Sammlung antiker und italienischer Skulpturen, aber auch Gipsen, die Reliefs aus Pisidien und Pamphylien wiedergaben. Die Sammlung erinnerte Swoboda an Freud, der 1896 begonnen hatte, sich als Sammler antiker Kleinplastik zu betätigen.
7Abdruck nach dem Katalog des Dorotheums, Wien »Autographen und historische Photos. Sonderauktion, 1. März 1997« (siehe oben). Den Katalogangaben zufolge trägt der Brief den gedruckten Briefkopf Freuds und umfaßt 712 Seiten. Zwei Seiten sind im Katalog faksimiliert, sie werden oben in einer eigenen Transkription nach dem Faksimile abgedruckt. In Spitzklammern werden weitere Partien geboten, die sich im Textteil des Katalogs finden. Vermutliche Lesefehler in diesen Partien (der Reihe nach: ihnen; (?); meinen; meinen; dem; gehabt; vor) sind korrigiert und die betreffenden Worte mit Sternchen versehen; für »denen« wäre auch »der« denkbar. Es heißt im Katalog weiter, Freud äußere sich in dem Brief »einerseits über seine eigene Arbeit, andererseits über seine Kollegen Fließ, Lipps, Moebius und ausführlich über Weininger«. — Wir danken Gerhard Fichtner an dieser Stelle für seine freundliche Hilfe.
8Gemeint ist hier vor allem Fließ (1897); siehe außerdem Fließ (1901). Der Hinweis auf die künftigen staunenswerten »Mitteilungen« zielt auf das Fließsche Hauptwerk Der Ablauf des Lebens (1906a), dessen Anfänge Freud noch verfolgt hatte.
9Verleger in Wien, bei dem bis 1905 die wichtigsten Bücher Freuds erschienen, so die Studien über Hysterie, die Traumdeutung und die Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie.
10Ernst Mach (1838-1926), Philosophieprofessor in Wien, seit 1898 nicht mehr aktiv. Weininger hat bei ihm nicht mehr gehört (vgl. Rodlauer 1990, S. 210f.).
11»W« steht bei Weininger für »Weib« bzw. die weibliche Substanz. Das Hysterie-Kapitel in seinem Buch, das aus dem hier erwähnten »Aufsatz« hervorgegangen sein dürfte, nimmt stark auf die Studien über Hysterie Bezug (vgl. Schröter 1999, S. 56).
12Lat., etwa: um mein Wohlwollen zu gewinnen.
13Nach seinem »Curriculum Vitae« vom Dezember 1904 (Archiv der Universität Wien; mit Dank an Gerald Sommer).
14Die folgenden Angaben nach Kenner (1982) und Waelkens (1993). Lanckoronski veröffentlichte 1906 ein Buch über den Dom von Aquileia »unter Mitwirkung« von (u. a.) Heinr. Swoboda.