• S.

    11

    I. Krankengeschichte.

    Dr. Schreiber berichtet1): „Ich bin zweimal nervenkrank ge-
    wesen, beide Male infolge von geistiger Überanstrengung; das erste
    mal (als Landesgerichtsdirektor in Chemnitz) aus Anlaß einer Reichs-
    tagskandidatur, das zweitemal aus Anlaß der ungewöhnlichen Arbeits-
    last, die ich beim Antritt des mir neu übertragenen Amtes eines Senats-
    präsidenten beim Oberlandesgericht Dresden vorfand.“

    Die erste Erkrankung trat im Herbste 1884 hervor und war
    Ende 1885 vollkommen geheilt. Flechsig, auf dessen Klinik der Patient
    damals 6 Monate verbrachte, bezeichnete in einem später abgegebenen
    „Formulargutachten“ den Zustand als einen Anfall schwerer Hy-
    pochondrie. Dr. Schreiber versichert, daß diese erste Krankheit
    „ohne jede an das Gebiet des Übersinnlichen anstreifenden Zwischen-
    fälle“ verlief2).

    Über die Vorgeschichte und die näheren Lebensumstände des
    Patienten geben weder seine Niederschriften noch die ihr angefügten
    Gutachten der Ärzte genügende Auskunft. Ich wäre nicht einmal in
    der Lage, sein Alter zur Zeit der Erkrankung anzugeben, wiewohl die
    vor der zweiten Erkrankung erreichte hohe Stellung im Justizdienst
    eine gewisse untere Grenze sichert. Wir erfahren, daß Dr. Schreiber
    zur Zeit der „Hypochondrie“ bereits lange verheiratet war. Er schreibt:
    „Fast noch inniger wurde der Dank von meiner Frau empfunden, die
    in Professor Flechsig geradezu denjenigen verehrte, der ihr ihren Mann
    wiedergeschenkt habe und aus diesem Grunde sein Bildnis jahrelang
    auf ihrem Arbeitstische stehen hatte“ (S. 36). Und ebenda: „Nach der
    Genesung von meiner ersten Krankheit habe ich acht, im ganzen recht
    glückliche, auch an äußeren Ehren reiche und nur durch die mehrmalige
    Vereitlung der Hoffnung auf Kindersegen zeitweilig getrübte Jahre
    mit meiner Frau verlebt.“

    Im Juni 1893 wurde ihm seine bevorstehende Ernennung zum
    Senatspräsidenten angezeigt; er trat sein Amt am 1. Oktober desselben
    Jahres an. In die Zwischenzeit3) fallen einige Träume, denen Bedeutung
    beizulegen er erst später veranlaßt wurde. Es träumte ihm einige Male,
    daß seine frühere Nervenkrankheit zurückgekehrt war, worüber er

    1)Denkwürdigkeiten, S. 34.

    2)Denkwürdigkeiten, S. 35.

    3)Also noch vor der Einwirkung der von ihm beschuldigten Überarbeitung
    in seiner neuen Stellung.

  • S.

    12

    sich im Traume ebenso unglücklich fühlte, wie nach dem Erwachen
    glücklich, daß es eben nur ein Traum gewesen war. Ferner hatte er
    einmal gegen Morgen in einem Zustande zwischen Schlafen und Wachen
    „die Vorstellung, daß es doch eigentlich recht schön sein müsse, ein
    Weib zu sein, das dem Beischlaf unterliege“ (S. 36), eine Vorstellung,
    die er bei vollem Bewußtsein mit großer Entrüstung zurückgewiesen hätte.

    Die zweite Erkrankung setzte Ende Oktober 1893 mit quälender
    Schlaflosigkeit ein, die ihn die Flechsigsche Klinik von neuem auf
    suchen ließ, wo sich aber sein Zustand rasch verschlechterte. Die weitere
    Entwicklung derselben schildert ein späteres Gutachten, welches von
    dem Direktor der Anstalt Sonnenstein abgegeben wurde (S. 380):
    „Im Beginn seines dortigen Aufenthaltes1) äußerte er mehr hypochondri-
    sche Ideen, klagte, daß er an Hirnerweichung leide, bald sterben müsse,
    p. p., doch mischten sich schon Verfolgungsideen in das Krankheits-
    bild, und zwar auf Grund von Sinnestauschungen, die anfangs aller-
    dings mehr vereinzelt aufzutreten schienen, während gleichzeitig hoch-
    gradige Hyperästhesie, große Empfindlichkeit gegen Licht und Ge-
    räusch sich geltend machte. Später häuften sich die Gesichts- und
    Gehörstäuschungen und beherrschten in Verbindung mit Gemein-
    gefühlsstörungen sein ganzes Empfinden und Denken, er hielt sich
    für tot und angefault, für pestkrank, wähnte, daß an seinem Körper
    allerhand abscheuliche Manipulationen vorgenommen würden und
    machte, wie er sich selbst noch jetzt ausspricht, – entsetzlichere Dinge
    durch, als jemand geahnt, und zwar um eines heiligen Zweckes Willen.
    Die krankhaften Eingebungen nahmen den Kranken so sehr in Anspruch,
    daß er, für jeden andern Eindruck unzugänglich, stundenlang völlig
    starr und unbeweglich da saß (halluzinatorischer Stupor), andererseits
    quälten sie ihn derartig, daß er sich den Tod herbeiwünschte, im Bade
    wiederholt Ertänkungsversuche machte und das „für ihn bestimmte
    Zyankalium“ verlangte. Allmählich nahmen die Wahnideen den
    Charakter des Mystischen, Religiösen an, er verkehrte direkt mit Gott,
    die Teufel trieben ihr Spiel mit ihm, er sah ‚Wundererscheinungen‘,
    hörte ‚heilige Musik‘ und glaubte schließlich sogar in einer andern Welt
    zu weilen.“

    Fügen wir hinzu, daß er verschiedene Personen, von denen er
    sich verfolgt und beeinträchtigt glaubte, vor allen seinen früheren
    Arzt Flechsig beschimpfte, ihn „Seelenmörder“ nannte und unge-
    zählte Male „kleiner Flechsig“, das erste Wort scharf betonend,

    1) Auf der Leipziger Klinik bei Prof. Flechsig.

  • S.

    13

    ausrief (S. 383). In die Anstalt Sonnenstein bei Pirna war er aus
    Leipzig nach kurzem Zwischenaufenthalt im Juni 1894 gekommen
    und verblieb dort bis zur endgültigen Gestaltung seines Zustandes.
    Im Laufe der nächsten Jahre veränderte sich das Krankheitsbild in
    einer Weise, die wir am besten mit den Worten des Anstaltsdirektors
    Dr. Weber beschreiben werden:

    „Ohne noch weiter auf die Einzelheiten des Krankheitsverlaufes
    einzugehen, sei nur darauf hingewiesen, wie in der Folge aus der an-
    fänglichen akuten, das gesamte psychische Geschehen unmittelbar
    in Mitleidenschaft ziehenden Psychose, die als halluzinatorischer Wahn-
    sinn zu bezeichnen war, immer entschiedener das paranoische Krank-
    heitsbild sich hervorhob, sozusagen herauskristallisierte, das man
    gegenwärtig vor sich hat“ (S. 385). Er hatte nämlich einerseits ein
    kunstvolles Wahngebäude entwickelt, welches den größten Anspruch
    auf unser Interesse hat, anderseits hatte sich seine Persönlichkeit
    rekonstruiert und sich den Aufgaben des Lebens bis auf einzelne Störun-
    gen gewachsen gezeigt.“

    Dr. Weber berichtet über ihn im Gutachten von 1899:

    „So erscheint zur Zeit Herr Senatspräsident Dr. Schreber, ab-
    gesehen von den selbst für den flüchtigen Beobachter unmittelbar als
    krankhaft sich aufdrängenden psychomotorischen Symptomen, weder
    verwirrt, noch psychisch gehemmt, noch in seiner Intelligenz merklich
    beeinträchtigt –, er ist besonnen, sein Gedächtnis vorzüglich, er ver-
    fügt über ein erhebliches Maß von Wissen, nicht nur in juristischen
    Dingen, sondern auch auf vielen anderen Gebieten und vermag es in
    geordnetem Gedankengange wiederzugeben, er hat Interesse für die
    Vorgänge in Politik, Wissenschaft und Kunst usw. und beschäftigt
    sich fortgesetzt mit ihnen ..., und wird in den angedeuteten Richtungen
    dem von seinem Gesamtzustande nicht näher unterrichteten Beobachter
    kaum viel Auffälliges erkennen lassen. Bei alledem ist der Patient von
    krankhaft bedingten Vorstellungen erfüllt, die sich zu einem voll-
    ständigen System geschlossen haben, mehr oder weniger fixiert sind
    und einer Korrektur durch objektive Auffassung und Beurteilung der
    tatsächlichen Verhältnisse nicht zugänglich erscheinen“ (S. 386).

    Der so weit veränderte Kranke hielt sich selbst für existenzfähig
    und unternahm zweckmäßige Schritte, um die Aufhebung seiner Kuratel
    und die Entlassung aus der Anstalt durchzusetzen. Dr. Weber wider-
    strebte diesen Wünschen und gab Gutachten im entgegengesetzten
    Sinne ab; doch kann er nicht umhin, das Wesen und Benehmen des

  • S.

    14

    Patienten im Gutachten von 1900 in folgender anerkennender
    Weise zu schildern: „Der Unterzeichnete hat seit ¾ Jahren bei Ein
    nahme der täglichen Mahlzeiten am Familientisch ausgiebigste Ge
    legenheit gehabt, mit Herrn Präsidenten Schreiber über alle möglichen
    Gegenstände sich zu unterhalten. Welche Dinge nun auch – von seinen
    Wahnideen natürlich abgesehen – zur Sprache gekommen sind, mochten
    die Vorgänge im Bereiche der Staatsverwaltung und Justiz, der Politik,
    der Kunst und Literatur, des gesellschaftlichen Lebens oder was sonst
    berühren, überall bekundete Dr. Schreiber reges Interesse, eingehende
    Kenntnisse, gutes Gedächtnis und zutreffendes Urteil und auch in
    ethischer Beziehung eine Auffassung, der nur beigetreten werden konnte.
    Ebenso zeigte er sich in leichter Plauderei mit den anwesenden Damen
    nett und liebenswürdig und bei humoristischer Behandlung mancher
    Dinge immer taktvoll und dezent, niemals hat er in die harmlose Tisch
    unterhaltung die Erörterung von Angelegenheiten hineingezogen, die
    nicht dort, sondern bei der ärztlichen Visite zu erledigen gewesen wären“
    (S. 397). Selbst in eine geschäftliche, die Interessen der ganzen Familie
    berührende Angelegenheit hatte er damals in fachgemäßer und zweck
    entsprechender Weise eingegriffen (S. 401, 510).

    In den wiederholten Eingaben an das Gericht, mittels deren Dr.
    Schreiber um seine Befreiung kämpfte, verleugnete er durchaus nicht
    seinen Wahn und machte kein Hehl aus seiner Absicht, die „Denk
    würdigkeiten“ der Öffentlichkeit zu übergeben. Er betonte vielmehr
    den Wert seiner Gedankengänge für das religiöse Leben und deren
    Unzersetzbarkeit durch die heutige Wissenschaft; gleichzeitig berief
    er sich aber auch auf die absolute Harmlosigkeit (S. 430) all jener
    Handlungen, zu denen er sich durch den Inhalt des Wahnes genötigt
    wußte. Der Scharfsinn und die logische Treffsicherheit des als Paranoiker
    Erkannten führten denn auch zum Triumph. Im Juli 1902 wurde die
    über Dr. Schreiber verhängte Entmündigung aufgehoben, im nächsten
    Jahre erschienen die „Denkwürdigkeiten eines Geisteskranken“ als
    Buch, allerdings zensuriert und um manches wertvolle Stück ihres
    Inhaltes geschmälert.

    In der Entscheidung, welche Dr. Schreiber die Freiheit wieder
    gab, ist der Inhalt seines Wahnsystems in wenigen Sätzen zusammen
    gefaßt: „Er halte sich für berufen, die Welt zu erlösen und ihr die
    verloren gegangene Seligkeit wiederzubringen. Das könne er aber nur,
    wenn er sich zuvor aus einem Manne zu einem Weibe verwandelt habe“
    (S. 475).

  • S.

    15

    Eine ausführlichere Darstellung des Wahnes in seiner endgültigen
    Gestaltung können wir dem 1899 vom Anstaltsarzte Dr. Weber er-
    statteten Gutachten entnehmen: „Das Wahnsystem des Patienten
    gipfelt darin, daß er berufen sei, die Welt zu erlösen und der Menschheit
    die verloren gegangene Seligkeit wiederzubringen. Er sei, so behauptet
    er, zu dieser Aufgabe gekommen durch unmittelbar göttliche Eingebun-
    gen, ähnlich wie dies von den Propheten gelehrt wird; gerade auf-
    geregtere Nerven, wie es die seinigen lange Zeit hindurch gewesen seien,
    hätten nämlich die Eigenschaft, anziehend auf Gott zu wirken, es
    handle sich dabei aber um Dinge, die sich entweder gar nicht oder doch
    nur sehr schwer in menschlicher Sprache ausdrücken lassen, weil sie
    außerhalb aller menschlichen Erfahrung lägen und eben nur ihm offenbart
    seien. Das Wesentlichste bei seiner erlösenden Mission sei, daß zunächst
    seine Verwandlung zum Weibe zu erfolgen habe. Nicht etwa,
    daß er sich zum Weibe verwandeln wolle, es handle sich vielmehr
    um ein in der Weltordnung begründetes „Muß“, dem er schlechterdings
    nicht entgehen könne, wenn es ihm persönlich auch viel lieber gewesen
    wäre, in seiner ehrenvollen männlichen Lebensstellung zu verbleiben,
    das Jenseits sei aber nun für ihn und die ganze übrige Menschheit nicht
    anders wieder zu erobern, als durch eine ihm vielleicht erst nach
    Ablauf vieler Jahre oder Jahrzehnte bevorstehende Verwandlung
    in ein Weib im Wege göttlicher Wunder. Er sei, das stehe für ihn fest,
    der ausschließliche Gegenstand göttlicher Wunder, somit der merk-
    würdigste Mensch, der je auf Erden gelebt habe, seit Jahren, in jeder
    Stunde und jeder Minute erfahre er diese Wunder an seinem Leibe,
    erhalte sie auch durch die Stimmen, die mit ihm sprächen, bestätigt.
    Er habe in den ersten Jahren seiner Krankheit Zerstörungen an einzelnen
    Organen seines Körpers erfahren, die jedem andern Menschen längst
    den Tod hätten bringen müssen, habe lange Zeit gelebt ohne Magen,
    ohne Därme, fast ohne Lungen, mit zerrissener Speiseröhre, ohne Blase,
    mit zerschmetterten Rippenknochen, habe seinen Kehlkopf manchmal
    zum Teil mit aufgegessen usf., göttliche Wunder („Strahlen“) aber
    hätten das Zerstörte immer wieder hergestellt und er sei daher, so
    lange er ein Mann bleibe, überhaupt nicht sterblich. Jene bedrohlichen
    Erscheinungen seien nun längst verschwunden, dafür sei in den Vorder-
    grund getreten seine „Weiblichkeit“, wobei es sich um einen Ent-
    wicklungsprozeß handle, der wahrscheinlich noch Jahrzehnte, wenn
    nicht Jahrhunderte zu seiner Vollendung beanspruche und dessen Ende
    schwerlich einer der jetzt lebenden Menschen erleben werde. Er habe

  • S.

    16

    das Gefühl, daß bereits massenhafte „weibliche Nerven“ in seinen
    Körper übergegangen seien, aus denen durch unmittelbare Befruchtung
    Gottes neue Menschen hervorgehen würden. Erst dann werde er wohl
    eines natürlichen Todes sterben können und sich wie alle anderen
    Menschen die Seligkeit wieder erworben haben. Einstweilen sprächen
    nicht nur die Sonne, sondern auch die Bäume und die Vögel, die so
    etwas wie „verwunderte Reste früherer Menschenseelen“ seien, in
    menschlichen Lauten zu ihm und überall geschähen Wunderdinge
    um ihn her“ (S. 386).

    Ver-
    ständnis
    des
    Wahnes

    Das Interesse des praktischen Psychiaters an solchen Wahn-
    bildungen ist in der Regel erschöpft, wenn er die Leistung des Wahnes
    festgestellt und seinen Einfluß auf die Lebensführung des Kranken
    beurteilt hat; seine Verwunderung ist nicht der Anfang seines Ver-
    ständnisses. Der Psychoanalytiker bringt von seiner Kenntnis der
    Psychoneurosen her die Vermutung mit, daß auch so absonderliche,
    soweit von dem gewohnten Denken der Menschen abweichende Ge-
    dankenbildungen aus den allgemeinsten und begreiflichsten Regungen
    des Seelenlebens hervorgegangen sind, und möchte die Motive wie
    die Wege dieser Umbildung kennen lernen. In dieser Absicht wird
    er sich gerne in die Entwicklungsgeschichte wie in die Einzelheiten
    des Wahnes vertiefen.

    a) Als die beiden Hauptpunkte werden vom ärztlichen Begut-
    achter die Erlöserrolle und die Verwandlung zum Weibe hervor-
    gehoben. Der Erlöserwahn ist eine uns vertraute Phantasie, er bildet
    so häufig den Kern der religiösen Paranoia. Der Zusatz, daß die Er-
    lösung durch die Verwandlung des Mannes in ein Weib erfolgen müsse,
    ist ungewöhnlich und an sich befremdend, da er sich weit von dem
    historischen Mythos entfernt, den die Phantasie des Kranken re-
    produzieren will. Es liegt nahe, mit dem ärztlichen Gutachten an-
    zunehmen, daß der Ehrgeiz, den Erlöser zu spielen, das Treibende
    dieses Wahnkomplexes sei, wobei die Entmannung nur die Bedeutung
    eines Mittels zu diesem Zweck in Anspruch nehmen könne. Mag sich
    dies auch in der endgültigen Gestaltung des Wahnes so darstellen,
    so wird uns doch durch das Studium der „Denkwürdigkeiten“ eine
    ganz andere Auffassung aufgenötigt. Wir erfahren, daß die Verwandlung
    in ein Weib (Entmannung) der primäre Wahn war, daß sie zunächst
    als ein Akt schwerer Beeinträchtigung und Verfolgung beurteilt wurde,
    und daß sie erst sekundär in Beziehung zur Erlöserrolle trat. Auch
    wird es unzweifelhaft, daß sie zuerst zum Zwecke sexuellen Mißbrauches

  • S.

    17

    und nicht im Dienste höherer Absichten erfolgen sollte. Formal aus
    gedrückt, ein sexueller Verfolgungswahn hat sich bei dem Patienten
    nachträglich zum religiösen Größenwahn umgebildet. Als Verfolger
    galt zuerst der behandelnde Arzt Prof. Flechsig, später trat Gott
    selbst an dessen Stelle.

    Ich setze die beweisenden Stellen aus den „Denkwürdigkeiten“
    ungekürzt hierher (S. 56): „Auf diese Weise wurde ein gegen mich
    gerichtetes Komplott fertig (etwa im März oder April 1894), welches
    dahinging, nach einmal erkannter oder angenommener Unheilbarkeit
    meiner Nervenkrankheit mich einem Menschen in der Weise aus
    zuliefern, daß meine Seele demselben überlassen, mein Körper aber –
    in mißverständlicher Auffassung der oben bezeichneten, der Welt
    ordnung zugrunde liegenden Tendenz – in einen weiblichen Körper
    verwandelt, als solcher dem betreffenden Menschen1) zum geschlecht-
    lichen Mißbrauch überlassen und dann einfach ‚liegen gelassen‘, also
    wohl der Verwesung anheimgegeben werden sollte.“

    (S. 59): „Dabei war es vom menschlichen Gesichtspunkte aus,
    der mich damals noch vorzugsweise beherrschte, wohl durchaus natür-
    lich, daß ich meinen eigentlichen Feind immer nur in Professor Flechsig
    oder dessen Seele erblickte (später kam noch die v. W. sche Seele hinzu,
    worüber weiter unten das Nähere) und Gottes Allmacht als meine
    natürliche Bundesgenossin betrachtete, die ich nur dem Professor
    Flechsig gegenüber in einer Notlage wähnte und deshalb mit allen
    erdenklichen Mitteln bis zur Selbstaufopferung unterstützen zu müssen
    glaubte. Daß Gott selbst der Mitwisser, wenn nicht gar der Anstifter
    des auf den an mir zu verübenden Seelenmord und die Preisgabe meines
    Körpers als weibliche Dirne gerichteten Planes gewesen sei, ist ein Ge-
    danke, der sich mir erst sehr viel später aufgedrängt hat, ja zum Teil,
    wie ich sagen darf, mir erst während der Niederschrift des gegenwärtigen
    Aufsatzes zu klarem Bewußtsein gekommen ist.“

    (S. 61): „Alle auf Verübung eines Seelenmords,
    zu weltordnungswidrigen Zwecken2) (d. h. zur Befriedigung der
    geschlechtlichen Begierde eines Menschen) und später auf Zerstörung
    meines Verstandes gerichteten Versuche sind gescheitert. Ich gehe aus
    dem anscheinend so ungleichen Kampfe eines einzelnen schwachen
    Menschen mit Gott selbst, wennschon nach manchen bitteren Leiden

    1)Es geht aus dem Zusammenhange dieser und anderer Stellen hervor,
    daß der betreffende Mensch, von dem der Mißbrauch geübt werden sollte, kein
    anderer als Flechsig ist (vgl. unten).

  • S.

    18

    und Entbehrungen, als Sieger hervor, weil die Weltordnung auf meiner
    Seite steht.“

    In der Anmerkung34) wird dann die spätere Umgestaltung des
    Entmannungswahnes und des Verhältnisses zu Gott angekündigt:
    „Daß eine Entmannung zu einem anderen – weltordnungsgemäßen
    Zweck im Bereich der Möglichkeit liegt, ja sogar vielleicht die wahr-
    scheinliche Lösung des Konfliktes enthält, wird später noch angeführt
    werden.“

    Diese Äußerungen sind entscheidend für die Auffassung des Ent-
    mannungswahnes und somit für das Verständnis des Falles überhaupt.
    Fügen wir hinzu, daß die „Stimmen“, die der Patient hörte, die Um-
    wandlung in ein Weib nie anders denn als eine sexuelle Schmach be-
    handelten, wegen welcher sie den Kranken höhnen durften. „Gottes-
    strahlen1) glaubten mich nicht selten mit Rücksicht auf die angeblich
    bevorstehende Entmannung als ‚Miss Schreber‘ verhöhnen zu dürfen
    (S. 127). – „Das will ein Senatspräsident gewesen sein, der sich f…2)
    läßt.“ – „Schämen Sie sich denn nicht vor Ihrer Frau Gemahlin?“

    Die primäre Natur der Entmannungsphantasie und ihre an-
    fängliche Unabhängigkeit von der Erlöseridee wird ferner durch die
    eingangs erwähnte, im Halbschlaf aufgetretene „Vorstellung“ bezeugt,
    daß es schön sein müsse, ein Weib zu sein, das dem Beischlaf unter-
    liege (S. 36). Diese Phantasie war in der Inkubationszeit der Erkrankung,
    noch vor der Einwirkung der Überbürdung in Dresden bewußt worden.

    Der Monat November 1895 wird von Schreber selbst als die
    Zeit hingestellt, in welcher sich der Zusammenhang der Entmannungs-
    phantasie mit der Erlöseridee herstellte und solcher Art eine Ver-
    söhnung mit der ersteren angebahnt wurde. „Nunmehr aber wurde
    mir unzweifelhaft bewußt, daß die Weltordnung die Entmannung,
    möchte sie mir persönlich zusagen oder nicht, gebieterisch verlange
    und daß mir daher aus Vernunftgründen gar nichts anderes
    übrig bleibe, als mich mit dem Gedanken der Verwandlung in ein Weib
    zu befreunden. Als weitere Folge der Entmannung konnte natürlich
    nur eine Befruchtung durch göttliche Strahlen zum Zwecke der Er-
    schaffung neuer Menschen in Betracht kommen“ (S. 177).

    1)Die „Gottesstrahlen“ sind, wie sich ergeben wird, identisch mit den
    in der „Grundsprache“ redenden Stimmen.

    2)Diese Auslassung sowie alle anderen Eigentümlichkeiten der Schreib-
    weise kopiere ich nach den „Denkwürdigkeiten“. Ich selbst wüßte kein Motiv,
    in ernster Sache so schamhaft zu sein.

  • S.

    19

    Die Verwandlung in ein Weib war das Punctum saliens, der erste
    Keim der Wahn-
    bildung gewesen; sie erwies sich auch als das einzige
    Stück, welches die Herstellung überdauerte und als das einzige, das
    im wirklichen Handeln des Genesenen seinen Platz zu behaupten
    wußte. „Das Einzige, was in den Augen anderer Menschen als etwas
    Unvernünftiges gelten kann, ist der auch von den Herren Sachver-
    ständigen berührte Umstand, daß ich zuweilen mit etwas weiblichem
    Zierat (Bändern, unechten Ketten u. dgl.) bei halb entblößtem Ober-
    körper vor dem Spiegel stehend oder sonst angetroffen werde. Es ge-
    schieht dies übrigens nur im Alleinsein, niemals, wenigstens soweit
    ich es vermeiden kann, zu Angesicht anderer Personen“ (S. 429). Diese
    Spielereien gestand der Herr Senatspräsident zu einer Zeit ein (Juli 1901),
    da er für seine wiedergewonnene praktische Gesundheit den treffenden
    Ausdruck fand: „Jetzt weiß ich längst, daß die Personen, die ich vor
    mir sehe, nicht „flüchtig hingemachte Männer“, sondern wirkliche
    Menschen sind, und daß ich mich daher ihnen gegenüber so zu ver-
    halten habe, wie ein vernünftiger Mensch im Verkehr mit anderen
    Menschen zu tun pflegt“ (S. 409). Im Gegensatz zu dieser Betätigung
    der Entmannungsphantasie hat der Kranke für die Anerkennung
    seiner Erlösermission nie etwas anderes unternommen als eben die
    Veröffentlichung seiner „Denkwürdigkeiten“.

    b) Das Verhältnis unseres Kranken zu Gott ist so sonderbar
    und von einander widersprechenden Bestimmungen erfüllt, daß ein
    gutes Stück Zuversicht dazu gehört, wenn man an der Erwartung fest-
    hält, daß in diesem „Wahnsinn“ doch „Methode“ zu finden sei. Wir
    müssen uns nun mit Hilfe der Äußerungen in den Denkwürdigkeiten
    über das theologisch-psychologische System des Dr. Schreber ge-
    nauere Orientierung schaffen und seine Ansichten über die Nerven,
    die Seligkeit, die göttliche Hierarchie und die Eigenschaften
    Gottes in ihrem scheinbaren (wahnhaften) Zusammenhange darlegen.
    In allen Stücken der Theorie fällt die merkwürdige Mischung von
    Plattem und Geistreichem, von geborgten und originellen Elementen auf.

    Die menschliche Seele ist in den Nerven des Körpers enthalten,
    die als Gebilde von außerordentlicher Feinheit – den feinsten Zwirn-
    fäden vergleichbar – vorzustellen sind. Einige dieser Nerven sind
    nur zur Aufnahme sinnlicher Wahrnehmungen geeignet, andere (die
    Verstandesnerven) leisten alles Psychische, wobei das Verhältnis
    stattfindet, daß jeder einzelne Verstandesnerv die gesamte
    geistige Individualität des Menschen repräsentiert und

  • S.

    20

    die größere oder geringere Zahl der vorhanden Verstandesnerven
    nur von Einfluß ist auf die Zeitdauer, während deren die Eindrücke
    festgehalten werden können1))

    Während die Menschen aus Körper und Nerven bestehen, ist
    Gott von vornherein nur Nerv. Die Gottesnerven sind jedoch nicht
    wie im menschlichen Körper in beschränkter Zahl vorhanden, sondern
    unendlich oder ewig. Sie besitzen alle Eigenschaften der menschlichen
    Nerven in enorm gesteigertem Maße. In ihrer Fähigkeit zu schaffen,
    d. h. sich umzusetzen in alle möglichen Dinge der erschaffenen Welt,
    heißen sie Strahlen. Zwischen Gott und dem gestirnten Himmel
    oder der Sonne besteht eine innige Beziehung2)).

    Nach dem Schöpfungswerk zog sich Gott in ungeheuere Ent-
    fernung zurück (S. 11, 252) und überließ die Welt im allgemeinen ihren
    Gesetzen. Er beschränkte sich darauf, die Seelen Verstorbener zu
    sich heraufzuziehen. Nur ausnahmsweise mochte er sich mit einzelnen
    hochbegabten Menschen in Verbindung setzen3) oder mit einem Wunder
    in die Geschicke der Welt eingreifen. Ein regelmäßiger Verkehr
    Gottes mit Menschenseelen findet nach der Weltordnung erst nach dem
    Tode statt4). Wenn ein Mensch gestorben ist, so werden seine Seelen-
    teile (Nerven) einem Läuterungsverfahren unterworfen, um endlich
    als „Vorhöfe des Himmels“ Gott selbst wieder angegliedert zu werden.
    Es entsteht so ein ewiger Kreislauf der Dinge, welcher der Weltordnung
    zugrunde liegt (S. 19). Indem Gott etwas schafft, entäußert er sich

    1) In der Anmerkung zu dieser von Schreber unterstrichenen Lehre
    wird deren Brauchbarkeit zur Erklärung der Erblichkeit betont. „Der männliche
    Samen enthält einen Nerv des Vaters und vereinigt sich mit einem aus dem Leib
    der Mutter entnommenen Nerven zu einer neuentstehenden Einheit.“ (S. 7) Es
    ist also hier ein Charakter, den wir dem Spermatozoon zuschreiben müssen, auf die
    Nerven übertragen worden und dadurch die Herkunft der Schreberschen
    „Nerven“ aus dem sexuellen Vorstellungskreis wahrscheinlich gemacht. In den
    „Denkwürdigkeiten“ trifft es sich nicht so selten, daß eine beiläufige Anmerkung
    zu einer wahnhaften Lehre den erwünschten Hinweis auf die Genese und somit
    auf die Bedeutung des Wahnes enthält.

    2) Über diese siehe weiter unten: Sonne. — Die Gleichstellung (oder viel-
    mehr Verdichtung) von Nerven und Strahlen könnte leicht deren lineare Erscheinung
    zum Gemeinsamen genommen haben. — Die Strahlen-Nerven sind übrigens
    ebenso schöpferisch wie die Samenfäden-Nerven.

    3) Das wird in der „Grundsprache“ (s. u.) als „Nervenanhang bei ihnen
    nehmen“ bezeichnet.

    4) Welche Einwürfe gegen Gott sich hieran knüpfen, werden wir später
    erfahren.

  • S.

    21

    eines Teiles seiner selbst, gibt einem Teile seiner Nerven eine veränderte
    Gestalt. Der scheinbar hierdurch entstehende Verlust wird wiederum
    ersetzt, wenn nach Jahrhunderten und Jahrtausenden die selig geworde-
    nen Nerven verstorbener Menschen als „Vorhöfe des Himmels“ ihm
    wieder zuwachsen.

    Die durch den Läuterungsprozeß gereinigten Seelen befinden
    sich im Genusse der Seligkeit1). „Sie haben unterdes ihr Selbst-
    bewußtsein abgeschwächt und sind mit anderen Seelen zu höheren
    Einheiten zusammengeschmolzen. Bedeutsame Seelen, wie die eines
    Goethe, Bismarck u. a., haben ihr Identitätsbewußtsein vielleicht
    noch durch Jahrhunderte zu bewahren, bis sie selbst in höheren Seelen-
    komplexen (wie „Jehovastrahlen“ für das alte Judentum, „Zoroaster-
    strahlen“ für das Persertum) aufgehen können. Während der Läuterung
    lernen die Seelen die von Gott selbst gesprochene Sprache, die so-
    genannte „Grundsprache“, ein „etwas altertümliches, aber immerhin
    kraftvolles Deutsch, das sich namentlich durch einen großen Reichtum
    an Euphemismen auszeichnete“ (S. 13)2).

    Gott selbst ist kein einfaches Wesen. „Über den „Vorhöfen des
    Himmels“ schwebte Gott selbst, dem im Gegensatze zu diesen „vor-
    deren Gottesreichen“ auch die Bezeichnung der „hinteren Gottes-
    reiche“ gegeben wurde. Die hinteren Gottesreiche unterlagen (und
    unterliegen noch jetzt) einer eigentümlichen Zweiteilung, nach der
    ein niederer Gott (Ariman) und ein oberer Gott (Ormuzd) unter-
    schieden wurde“ (S. 19). Über die nähere Bedeutung dieser Zwei-
    teilung weiß Schreiber nichts anderes zu sagen, als daß der
    niedere Gott sich vorzugsweise den Völkern brünetter Rasse
    (den Semiten) und der obere den blonden Völkern (Ariern) zu-
    geneigt hat. Doch wird man von menschlicher Erkenntnis in solchen
    Höhen auch nicht mehr fordern dürfen. Immerhin erfahren wir
    noch „daß der niedere und der obere Gott ungeachtet der in ge-
    wisser Beziehung vorhandenen Einheit von Gottes Allmacht doch als
    verschiedene Wesen aufgefaßt werden müssen, die, ein jedes von ihnen,
    auch im Verhältnis untereinander, ihren besonderen Egoismus
    und ihren besonderen Selbsterhaltungstrieb haben und sich daher


    1)Diese besteht wesentlich in einem Wollustgefühl (s. u.).

    2)Es war dem Patienten ein einziges Mal während seiner Krankheit ver-
    gönnt, Gottes Allmacht in ihrer vollständigen Reinheit vor seinem geistigen Auge
    zu sehen. Gott äußerte damals das in der Grundsprache ganz geläufige, kraft-
    volle, aber nicht freundlich klingende Wort: Luder! (S 136).

  • S.

    22

    immer wechselseitig vorzuschieben trachten“ (S. 140). Die beiden
    göttlichen Wesen benahmen sich auch während des akuten Krank-
    heitsstadiums in ganz verschiedener Weise gegen den unglücklichen
    Schreber1).

    Der Senatspräsident Schreber war in gesunden Tagen ein Zweifler
    in religiösen Dingen gewesen (S. 29, 64); er hatte sich zu einem festen
    Glauben an die Existenz eines persönlichen Gottes nicht aufzuschwingen
    vermocht. Ja er zieht aus dieser Tatsache seiner Vorgeschichte ein
    Argument, um die volle Realität seines Wahnes zu stützen2). Wer
    aber das Folgende über die Charaktereigenschaften des Schreberschen
    Gottes erfährt, wird sagen müssen, daß die durch die paranoische Er-
    krankung erzeugte Umwandlung keine sehr gründliche war, und daß
    in dem nunmehrigen Erlöser noch viel vom vormaligen Zweifler übrig-
    geblieben ist.

    Die Weltordnung hat nämlich eine Lücke, infolge deren die
    Existenz Gottes selbst gefährdet erscheint. Vermöge eines nicht näher
    aufzuklärenden Zusammenhanges über die Nerven lebender Menschen,
    namentlich im Zustand einer hochgradigen Erregung, eine der-
    artige Anziehung auf die Gottesnerven aus, daß Gott nicht wieder von
    ihnen loskommen kann, also in seiner eigenen Existenz bedroht ist
    (S. 11). Dieser außerordentlich seltene Fall ereignete sich nun bei
    Schreber und hatte die größten Leiden für ihn zur Folge. Gottes
    Selbsterhaltungstrieb wurde dadurch rege gemacht (S. 30) und es ergab
    sich, daß Gott von der Vollkommenheit, die ihm die Religionen bei-
    legen, weit entfernt ist. Durch das ganze Buch Schrebers zieht sich
    die bittere Anklage, daß Gott, nur an den Verkehr mit Verstorbenen
    gewöhnt, den lebenden Menschen nicht versteht.

    (S. 56): „Dabei waltet nun aber ein fundamentales Mißverständnis
    ob, welches sich seitdem wie ein roter Faden durch mein ganzes Leben
    hindurchzieht und welches eben darauf beruht, daß Gott nach der


    1)Eine Anmerkung S. 20 läßt erraten, daß eine Stelle in Byrons Manfred
    für die Wahl der persischen Gottesnamen den Ausschlag gegeben hat. Wir werden
    dem Einflusse dieser Dichtung noch ein anderes Mal begegnen.

    2)„Daß bei mir bloße Sinnestäuschungen vorliegen sollen, erscheint mir
    schon vornherein psychologisch undenkbar. Denn die Sinnestäuschung, mit Gott
    oder abgeschiedenen Seelen in Verkehr zu stehen, kann doch füglich nur in solchen
    Menschen entstehen, die in ihren krankhaft erregten Nervenzustand bereits einen
    sicheren Glauben an Gott und an die Unsterblichkeit der Seele mitgebracht haben.
    Dies ist aber bei mir, nach dem im Eingang dieses Kapitels Er-
    wähnten gar nicht der Fall gewesen“ (S. 79).

  • S.

    23

    Weltordnung den lebenden Menschen eigentlich nicht
    kannte und nicht zu kennen brauchte, sondern weltordnungsgemäß
    nur mit Leichen zu verkehren hatte.“ – (S. 141): „Daß . . . muß nach
    meiner Überzeugung wiederum damit in Zusammenhang gebracht
    werden, daß Gott mit dem lebenden Menschen sozusagen nicht um
    zugehen wußte, sondern nur den Verkehr mit Leichen oder allenfalls
    mit dem im Schlafe daliegenden (träumenden) Menschen gewöhnt
    war.“ – (S. 246): „Incredibile scriptu, möchte ich selbst hinzufügen,
    und doch ist alles tatsächlich wahr, so wenig andere Menschen den
    Gedanken einer so totalen Unfähigkeit Gottes, den lebenden Menschen
    richtig zu beurteilen, werden fassen können, und so langer Zeit es
    auch für mich bedurft hat, um mich an diesen Gedanken nach den unzäh-
    ligen, hierüber gemachten Beobachtungen zu gewöhnen.“

    Allein infolge dieses Mißverständnisses Gottes für den lebenden
    Menschen konnte es geschehen, daß Gott selbst der Anstifter des gegen
    Schreber gerichteten Komplottes wurde, daß Gott ihn für blödsinnig
    hielt und ihm die beschwerlichsten Prüfungen auferlegte (S. 264).
    Er unterwarf sich einem höchst lästigen „Denkzwange“, um dieser Ver-
    urteilung zu entgehen. (S. 206). „Bei jeder Einstellung meiner Denk-
    tätigkeit erachtet Gott augenblicklich meine geistigen Fähigkeiten
    für erloschen, die von ihm erhoffte Zerstörung des Verstandes (den
    Blödsinn) für eingetreten und damit die Möglichkeit des Rückzuges
    für gegeben.“

    Eine besonders heftige Empörung wird durch das Benehmen
    Gottes in der Sache des Entleerungs- oder Sch . . . dranges hervor-
    gerufen. Die Stelle ist so charakteristisch, daß ich sie ganz zitieren
    will. Zu ihrem Verständnis schicke ich voraus, daß sowohl die Wunder
    als auch die Stimmen von Gott (d. h. von den göttlichen Strahlen)
    ausgehen.

    (S. 225): „Wegen ihrer charakteristischen Bedeutung muß ich
    der eben erwähnten Frage „Warum sch . . . Sie denn nicht?“ noch
    einige Bemerkungen widmen, so wenig dezent auch das Thema ist,
    das ich dabei zu berühren genötigt bin. Wie alles andere an meinem
    Körper, wird nämlich auch das Ausleerungsbedürfnis durch Wunder
    hervorgerufen; es geschieht dies, indem der Kot in den Därmen vor-
    wärts (manchmal auch wieder rückwärts) gedrängt wird und wenn
    infolge bereits geschehener Ausleerungen genügendes Material nicht
    mehr vorhanden ist, wenigstens die noch vorhandenen geringen Reste
    des Darminhalts, auf meine Gesäßöffnung geschmiert werden. Es

  • S.

    24

    handelt sich dabei um ein Wunder des oberen Gottes, das an jedem
    Tage mindestens mehrere Dutzende von Malen wiederholt wird. Damit
    verbindet sich die für Menschen geradezu unbegreifliche und nur
    aus der völligen Unbekanntschaft Gottes mit dem lebenden Menschen
    als Organismus erklärliche Vorstellung, daß das „Sch...“ gewisser-
    maßen das letzte sei, d. h. mit dem Anwandern des Sch-
    dranges
    das Ziel der Zerstörung des Verstandes erreicht und die Möglichkeit
    eines endgültigen Rückzuges der Strahlen gegeben sei. Wie mir scheint,
    muß man, um der Entstehung dieser Vorstellung auf den Grund zu
    gehen, an das Vorliegen eines Mißverständnisses in betreff der symboli-
    schen Bedeutung des Ausleerungsaktes denken, daß nämlich derjenige,
    der zu göttlichen Strahlen in ein dem meinigen entsprechendes Ver-
    hältnis gekommen ist, gewissermaßen berechtigt sei, auf alle Welt
    zu sch....“

    „Zugleich äußert sich dabei aber auch die ganze Perfide1) der
    Politik, die mir gegenüber verfolgt wird. Nahezu jedesmal, wenn man
    mir das Ausleerungsbedürfnis wundert, schickt man – indem man
    die Nerven des betreffenden Menschen dazu anregt – irgend eine
    andere Person meiner Umgebung auf den Abtritt, um mich am Aus-
    leeren zu verhindern; es ist dies eine Erscheinung, die ich seit Jahren
    in so unzähligen (Tausenden von) Malen und so regelmäßig beobachtet
    habe, daß jeder Gedanke an einen Zufall ausgeschlossen ist. Mir selbst
    gegenüber wird dann aber auf die Frage: „Warum sch-
    Sie denn
    nicht?“ mit der famosen Antwort fortgefahren: „Weil ich dumm bin
    so etwa.“ Die Feder sträubt sich fast dagegen, den formidabeln Unsinn
    niederzuschreiben, daß Gott in der Tat in seiner auf Unkenntnis der
    Menschennatur beruhenden Verblendung so weit geht, anzunehmen,
    es könne einen Menschen geben, der – was doch jedes Tier zu tun
    vermag – vor Dummheit nicht sch... könne. Wenn ich dann im
    Fall eines Bedürfnisses wirklich ausleere – wozu ich mich, da ich den
    Abtritt fast stets besetzt finde, in der Regel eines Eimers bediene –,
    so ist dies jedesmal mit einer überaus kräftigen Entwicklung der Seelen-
    wollust verbunden. Die Befreiung von dem Drucke, der durch den
    in den Därmen vorhandenen Kot verursacht wird, hat nämlich für
    die Wollustnerven ein intensives Wohlbehagen zur Folge; das Gleiche
    ist auch beim Pissen der Fall. Aus diesem Grunde sind noch stets

    1)Eine Anmerkung bemüht sich hier, das harte Wort „Perfide“ zu mildern,
    indem auf eine der noch zu erwähnenden Rechtfertigungen Gottes verwiesen
    wird.

  • S.

    25

    Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw.

    und ohne jede Ausnahme beim Ausleeren und Pissen alle Strahlen
    vereinigt gewesen; aus eben diesem Grunde sucht man auch stets,
    wenn ich mich zu diesen natürlichen Funktionen anschicke, den Aus-
    leerungs- und Pißdrang, wenn auch meist vergeblich, wieder zurück-
    zuwindern“1).

    Der sonderbare Gott Schrebers ist auch nicht imstande, etwas aus
    der Erfahrung zu lernen. (S. 186): „Aus der so gewonnenen Erfahrung
    eine Lehre für die Zukunft zu ziehen, scheint vermöge irgendwelcher,
    in dem Wesen Gottes liegender Eigenschaften eine Unmöglichkeit zu
    sein.“ Er kann daher dieselben quälenden Proben, Wunder und Stimm-
    äußerungen Jahre hindurch ohne Abänderung wiederholen, bis er
    dem Verfolgten zum Gespötte werden muß.

    (S. 333): „Daraus ergibt sich, daß Gott fast in allem, was mir
    gegenüber geschieht, nachdem die Wunder ihre frühere furchtbare
    Wirkung zum größten Teil eingebüßt haben, mir überwiegend lächerlich
    oder kindisch erscheint. Daraus folgt für mein Verhalten, daß ich
    häufig durch die Notwehr gezwungen bin, nach Befinden auch in lauten
    Worten den Gottesspötter zu spielen; …“2).

    Diese Kritik Gottes und Auflehnung gegen Gott begegnet bei
    Schreber indes einer energischen Gegenströmung, welcher an zahl-
    reichen Stellen Ausdruck gegeben wird. (S. 333): „Auf das Aller-
    entschiedenste habe ich aber auch hier zu betonen, daß es sich dabei
    nur um eine Episode handelt, die, wie ich hoffe, spätestens mit meinem
    Ableben ihre Endschaft erreichen wird, daß daher das Recht, Gottes
    zu spotten, nur mir, nicht aber anderen Menschen zusteht. Für andere
    Menschen bleibt Gott der allmächtige Schöpfer Himmels und der Erde,
    der Urgrund aller Dinge und das Heil ihrer Zukunft, dem – mögen
    auch einzelne der herkömmlichen religiösen Vorstellungen einer Be-
    richtigung bedürfen – Anbetung und höchste Verehrung gebührt.“

    Es wird darum zu wiederholten Malen eine Rechtfertigung Gottes
    wegen seines Benehmens gegen den Patienten versucht, die ebenso
    spitzfindig wie alle Theodiceen, bald in der allgemeinen Natur der

    1)Dies Eingeständnis der Exkretionslust, die wir als eine der autoerotischen
    Komponenten der infantilen Sexualität kennen gelernt haben, möge man mit
    den Äußerungen des kleinen Hans in der „Analyse der Phobie eines 5jährigen
    Knaben“ (Jahrb. f. psychoanalyt. und psychopathol. Forschungen, Bd. I, 1909,
    S. 74) zusammenhalten.

    2)Auch in der „Grundsprache“ war Gott nicht immer der schimpfende
    Teil, sondern gelegentlich auch der beschimpfte, z. B. „Ei verflucht, das sagt
    sich schwer, daß der liebe Gott sich f… läßt“ (S. 194).

  • S.

    26

    Seelen, bald in der Nötigung Gottes sich selbst zu erhalten und in dem
    irreführenden Einflusse der Flechsigschen Seele die Erklärung findet
    (S. 60 u. ff., S. 160). Im ganzen aber wird die Krankheit als ein
    Kampf des Menschen Schreiber gegen Gott aufgefaßt, in welchem
    der schwache Mensch Sieger bleibt, weil er die Weltordnung auf seiner
    Seite hat (S. 61).

    Aus den ärztlichen Gutachten hätte man leicht schließen können,
    daß man es bei Schreiber mit der landläufigen Form der Erlösungs-
    phantasie zu tun habe. Der Betreffende sei Gottes Sohn, dazu bestimmt,
    die Welt aus ihrem Elend oder von dem ihr drohenden Untergang zu
    retten usw. Ich habe es daher nicht unterlassen, die Besonderheiten
    des Schreiberschen Verhältnisses zu Gott ausführlich darzustellen.
    Die Bedeutung, welche diesem Verhältnisse für die übrige Menschheit
    zukommt, wird in den Denkwürdigkeiten nur selten und erst zu Ende
    der Wahn-
    bildung erwähnt. Sie besteht wesentlich darin, daß kein
    Verstorbener selig werden kann, solange seine Person die Hauptmasse
    der Gottesstrahlen durch ihre Anziehungskraft absorbiert (S. 32).
    Auch die unverhüllte Identifizierung mit Jesus Christus kommt erst
    sehr spät zum Vorscheine (S. 338, 431).

    Es wird kein Erklärungsversuch des Falles Schreiber Aussicht
    auf Richtigkeit haben, der nicht dieser Besonderheiten seiner Gottes-
    vorstellung, dieser Mischung von Zügen der Verehrung und der Auf-
    lehnung, Rechnung trägt. Wir wenden uns nun einem andern, in inniger
    Beziehung zu Gott stehenden Thema, dem der Seligkeit, zu.

    Die Seligkeit ist auch bei Schreiber „das jenseitige Leben“,
    zu dem die Menschenseele durch die Läuterung nach dem Tode er-
    hoben wird. Er beschreibt sie als einen Zustand ununterbrochenen
    Genießens, verbunden mit der Anschauung Gottes. Das ist nun wenig
    originell, aber dafür werden wir durch die Unterscheidung überrascht,
    die Schreiber zwischen einer männlichen und einer weiblichen Selig-
    keit macht. (S. 18): „Die männliche Seligkeit stand höher als die weib-
    liche Seligkeit, welche letztere vorzugsweise in einem ununterbrochenen
    Wollustgefühle bestanden zu haben scheint1).“ Andere Stellen ver-
    künden das Zusammenfallen von Seligkeit und Wollust in deutlicherer
    Sprache und ohne Bezug auf den Geschlechtsunterschied, so wie auch

    1)Es liegt doch ganz im Sinne der Wunscherfüllung vom Leben im Jen-
    seits, daß man dort endlich des Geschlechtsunterschiedes ledig wird.

    „Und jene himmlischen Gestalten
    sie fragen nicht nach Mann und Weib.“

    (Mignon.)

  • S.

    27

    von dem Bestandteile der Seligkeit, der Anschauung Gottes ist, weiter
    nicht gehandelt wird. So z. B. (S. 51): „mit der Natur der Gottes-
    nerven, vermöge deren die Seligkeit …, wenn auch nicht ausschließ-
    lich, jedoch mindestens zugleich eine hochgesteigerte Wollustemp-
    findung ist“. Und (S. 281): „Die Wollust darf als ein Stück Seligkeit
    aufgefaßt werden, das dem Menschen und anderen lebenden Geschöpfen
    gewissermaßen im voraus verliehen ist“, so daß die himmlische
    Seligkeit wesentlich als Steigerung und Fortsetzung der irdischen
    Sinneslust zu verstehen wäre!

    Diese Auffassung der Seligkeit ist keineswegs ein aus den ersten
    Stadien der Krankheit stammendes, später als unverträglich eliminiertes
    Stück des Schreberschen Wahnes. Noch in der „Berufsbegrün-
    dung“ (Juli 1901) hebt der Kranke als eine seiner großen Einsichten
    hervor, „daß die Wollust nun einmal in einer – für andere Menschen
    bisher nicht erkennbar gewordenen – nahen Beziehung zu der Seligkeit
    der abgeschiedenen Geister steht“1).

    Ja, wir werden hören, daß diese „nahe Beziehung“ der Fels ist,
    auf welchem der Kranke die Hoffnung einer endlichen Versöhnung
    mit Gott und eines Aufhörens seiner Leiden gebaut hat. Die Strahlen
    Gottes verlieren ihre feindselige Gesinnung, sobald sie versichert sind,
    mit Seelenwollust in seinem Körper aufzugehen (S. 133); Gott selbst
    verlangt danach, die Wollust bei ihm zu finden (S. 283) und droht
    mit dem Rückzuge seiner Strahlen, wenn er in der Pflege der Wollust
    nachläßt und Gott das Verlangte nicht bieten kann (S. 320).

    Diese überraschende Sexualisierung der himmlischen Seligkeit
    macht uns den Eindruck, als ob Schrebers Seligkeitsbegriff durch die
    Verdichtung der zwei Hauptbedeutungen des deutschen Wortes:
    verstorben und sinnlich glücklich entstanden wäre2). Wir werden
    in ihr aber auch den Anlaß finden, das Verhältnis unseres Patienten
    zur Erotik überhaupt, zu den Fragen des sexuellen Genießens, der
    Prüfung zu unterziehen, denn wir Psychoanalytiker huldigen bis jetzt
    der Meinung, daß die Wurzeln jeder nervösen und psychischen Er-

    1)Über den möglichen Tiefsinn dieses Schreberschen Fundes vgl. unten.

    2)„Mein seliger Vater“ und der Text der Arie aus dem Don Juan:

    „Ja, dein zu sein auf ewig,
    wie selig werd’ ich sein.“

    als extreme Vertreter der beiden Bedeutungen. Es kann aber auch nicht ohne
    Sinn sein, daß unsere Sprache dasselbe Wort für so verschiedene Situationen
    verwendet.

  • S.

    28

    krankung vorzugsweise im Sexualleben zu finden seien, und zwar die
    einen von uns nur aus Gründen der Erfahrung, die anderen überdies
    noch infolge theoretischer Erwägungen.

    Nach den bisher gegebenen Proben des Schreberschen Wahnes
    ist die Befürchtung, gerade diese paranoide Erkrankung könnte sich
    als der so lange gesuchte „negative Fall“ herausstellen, in dem die
    Sexualität eine allzu geringe Rolle spiele, ohne weiters abzuweisen.
    Schreber selbst äußert sich ungezählte Male in solcher Art, als ob er
    ein Anhänger unseres Vorurteiles wäre. Er nennt „Nervosität“ und
    erotische Verfehlung stets in einem Atem, als ob die beiden nicht von
    einander zu trennen wären1).

    Vor seiner Erkrankung war der Senatspräsident Schreber ein
    sittenstrenger Mann gewesen. (S. 281): „Es wird wenige Menschen
    geben“ – behauptet er, und ich sehe keine Berechtigung, ihm zu
    mißtrauen –, „die in so strengen sittlichen Grundsätzen aufgewachsen
    sind wie ich und die sich ihr ganzes Leben hindurch, namentlich
    auch in geschlechtlicher Beziehung, eine diesen Grundsätzen ent-
    sprechende Zurückhaltung in dem Maße auferlegt haben, wie ich es
    von mir behaupten darf.“ Nach dem schweren Seelenkampfe, der sich
    nach außen durch die Erscheinungen der Krankheit kundgab, hatte
    sich das Verhältnis zur Erotik verändert. Er war zur Einsicht gekommen,
    daß die Pflege der Wollust eine Pflicht für ihn sei, deren Erfüllung
    allein den schweren in ihm, wie er meinte, um ihn, ausgebrochenen
    Konflikt beenden könne. Die Wollust war, wie ihm die Stimmen
    versicherten, „gottesfürchtig“ geworden (S. 285), und er bedauert
    nur, daß er nicht imstande sei, sich den ganzen Tag über der Pflege
    der Wollust zu widmen2) (S. 285).

    1) (S. 52): „Wenn auf irgend einem Weltkörper sittliche Fäulnis
    („wollüstige Ausschweifungen“) oder vielleicht auch Nervosität die ganze
    Menschheit derart ergriffen hatten“ – dann meint Schreber, in Anlehnung
    an die biblischen Berichte von Sodom und Gomorrha, von der Sündflut usw.,
    könnte es zu einer Weltkatastrophe gekommen sein. – (S. 91.) „... habe Furcht
    und Schrecken unter den Menschen verbreitet, die Grundlagen der Religion zer-
    stört und das Umsichgreifen einer allgemeinen Nervosität und Un-
    sittlichkeit verursacht, in deren Folge dann verheerende Seuchen über die
    Menschheit hereingebrochen seien.“ – (S. 163): „Als „Höllenfürst“ galt daher
    wahrscheinlich den Seelen die unheimliche Macht, die aus einem sittlichen
    Verfall der Menschheit oder aus allgemeiner Nervenüberreizung in-
    folge von Überkultur als eine gottfeindliche sich entwickeln konnte.“

    2) Im Zusammenhange des Wahnes heißt es (S. 179): „Die Anziehung
    verlor jedoch ihre Schrecken für die betreffenden Nerven, wenn und so weit

  • S.

    29

    Das also war das Fazit der Krankheitsveränderung bei Schreber
    nach den beiden Hauptrichtungen seines Wahnes. Er war vorher ein
    zur sexuellen Askese Geneigter und ein Zweifler an Gott gewesen,
    er war nach Ablauf der Krankheit ein Gottesgläubiger und der Wollust
    Beflissener. Aber wie sein wiedergewonnener Gottesglaube von ab-
    sonderlicher Art war, so zeigte auch das Stück Sexualgenießen, das
    er sich erobert hatte, einen ganz ungewöhnlichen Charakter. Es war
    nicht mehr männliche Sexualfreiheit, sondern weibliches Sexual-
    gefühl, er stellte sich feminin gegen Gott ein, fühlte sich als Gottes
    Weib1).

    Kein anderes Stück seines Wahnes wird von dem Kranken so
    ausführlich, man könnte sagen so aufdringlich behandelt, wie die von
    ihm behauptete Verwandlung in ein Weib. Die von ihm aufgesogenen
    Nerven haben in seinem Körper den Charakter weiblicher Wollust-
    nerven angenommen und demselben auch sonst ein mehr oder weniger
    weibliches Gepräge, insbesondere seiner Haut die dem weiblichen
    Geschlecht eigentümliche Weichheit verliehen (S. 87). Er fühlt diese
    Nerven, wenn er einen leisen Druck mit der Hand an einer beliebigen
    Körperstelle ausübt, als Gebilde von faden- oder strangartiger
    Beschaffenheit unter der Hautoberfläche, dieselben sind namentlich
    an der Brust, da wo beim Weibe der Busen ist, vorhanden (S. 277).
    „Durch einen auf diese Gebilde auszuübenden Druck vermag ich mir,
    namentlich wenn ich an etwas Weibliches denke, eine der weiblichen
    entsprechende Wollustempfindung zu verschaffen.“ Er weiß sicher,
    daß diese Gebilde nach ihrer Herkunft weiter nichts sind als ehemalige
    Gottesnerven, die doch durch ihren Übergang in seinen Körper ihre

    sie beim Eingehen in meinem Körper das Gefühl der Seelenwollust antrafen,
    an dem sie ihrerseits teilnahmen. Sie fanden dann für die verloren gegangene
    himmlische Seligkeit, die wohl ebenfalls in einem wollustartigen Genießen bestand,
    einen ganz oder mindestens annähernd gleichwertigen Ersatz in meinem Körper
    wieder.

    1)Anmerkung zu S. 4 der Vorrede: „Etwas der Empfängnis Jesu Christi
    von Seiten einer unbefleckten Jungfrau – d. h. von einer solchen, die niemals
    Umgang mit einem Manne gepflogen hat –. Ähnliches ist in meinem eigenen
    Leibe vorgegangen; ich habe (und zwar zu der Zeit, als ich noch in der Flechsig-
    schen Anstalt war) zu zwei verschiedenen Malen bereits einen, wenn auch etwas
    mangelhaft entwickelten weiblichen Geschlechtsteil gehabt und in meinem Leibe
    hüpfende Bewegungen, wie sie den ersten Lebensregungen des menschlichen
    Embryo entsprechen, empfunden: Durch göttliches Wunder waren dem männ-
    lichen Samen entsprechende Gottesnerven in meinen Leib geworfen worden;
    es hatte also eine Befruchtung stattgefunden.“

  • S.

    30

    Eigenschaft als Nerven kaum eingeübt haben können (S. 279). Er ist
    imstande, sich und den Strahlen durch „Zeichnen“ (visuelles Vor-
    stellen) den Eindruck zu verschaffen, daß sein Körper mit weiblichen
    Brüsten und weiblichem Geschlechtsteil ausgestattet sei. (S. 233):
    „Das Zeichnen eines weiblichen Hinteren an meinen Körper – honny
    soit qui mal y pense – ist mir so zur Gewohnheit geworden, daß ich
    dies beim Bücken jedesmal fast unwillkürlich tue.“ Er will es „kühn
    behaupten, daß jeder, der mich mit entblößtem oberen Teile des Rumpfes
    vor dem Spiegel sehen würde – zumal wenn die Illusion durch etwas
    weiblichen Aufputz unterstützt wird –, den unzweifelhaften Eindruck
    eines weiblichen Oberkörpers empfangen würde“ (S. 280). Er
    fordert die ärztliche Untersuchung heraus, um feststellen zu lassen,
    daß sein ganzer Körper vom Scheitel bis zur Sohle mit Wollustnerven
    durchsetzt ist, was nach seiner Meinung nur beim weiblichen Körper
    der Fall ist, während beim Manne, soviel ihm bekannt ist, Wollust-
    nerven nur am Geschlechtsteile und in unmittelbarer Nähe desselben
    sich befinden (S. 274). Die Seelenwollust, die sich durch diese Anhäufung
    der Nerven in seinem Körper entwickelt hat, ist so stark, daß es nament-
    lich beim Liegen im Bette nur eines geringen Aufwandes von Einbildungs-
    kraft bedarf, um sich ein sinnliches Behagen zu schaffen, das eine
    ziemlich deutliche Vorahnung von dem weiblichen Geschlechtsgenusse
    beim Beischlafe gewährt (S. 269).

    Erinnern wir uns des Traumes, welcher in der Inkubationszeit
    der Erkrankung, noch vor der Übersiedlung nach Dresden, vorfiel,
    so wird es über jeden Zweifel evident, daß der Wahn der Verwandlung
    in ein Weib nichts anderes ist als die Realisierung jenes Trauminhaltes.
    Gegen diesen Traum hatte er sich damals mit männlicher Empörung
    gesträubt und ebenso wehrte er sich anfänglich gegen dessen Erfüllung
    während der Krankheit, sah die Wandlung zum Weib als eine Schmach
    an, die in feindseliger Absicht über ihn verhängt werden sollte. Aber
    es kam ein Zeitpunkt (November 1895), in dem er sich mit dieser
    Wandlung zu versöhnen begann und sie mit höheren Absichten Gottes
    in Verbindung brachte. (S. 177 und 178): „Ich habe seitdem die Pflege
    der Weiblichkeit mit vollem Bewußtsein auf meine Fahne geschrieben.“

    Er kam dann zur sicheren Überzeugung, daß Gott selbst zu
    seiner eigenen Befriedigung die Weiblichkeit von ihm verlange.
    (S. 281). „Sobald ich aber – wenn ich mich so ausdrücken darf –
    mit Gott allein bin, ist es eine Notwendigkeit für mich, mit allen er-
    denklichen Mitteln sowie mit dem vollen Aufgebote meiner Verstandes-

  • S.

    31

    kräfte, insbesondere meiner Einbildungskraft, dahin zu wirken, daß
    die göttlichen Strahlen von mir möglichst fortwährend – oder da
    dies der Mensch einfach nicht kann – wenigstens zu gewissen Tages-
    zeiten den Eindruck eines in wollüstigen Empfindungen schwelgenden
    Weibes empfangen.“

    (S. 283): „Auf der andern Seite verlangt Gott ein den welt-
    ordnungsmäßigen Daseinsbedingungen der Seelen entsprechendes
    beständiges Genießen; es ist meine Aufgabe, ihm dasselbe, . . .
    in der Form ausgiebigster Entwicklung der Seelenwollust zu bieten,
    soweit dabei für mich etwas von sinnlichem Genusse abfällt, bin ich
    berechtigt, denselben als eine kleine Entschädigung für das Übermaß
    der Leiden und Entbehrungen, das mir seit Jahren auferlegt ist, mit-
    zunehmen; . . .“

    (S. 284): „. . . ich glaube sogar nach den gewonnenen Eindrücken
    die Ansicht aussprechen zu dürfen, daß Gott niemals zu einer Rück-
    zugsaktion vorschreiten würde, wodurch mein körperliches Wohl-
    befinden jedesmal zunächst erheblich verschlechtert wird, sondern
    ohne jedes Widerstreben und in dauernder Gleichmäßigkeit der An-
    ziehung folgen würde, wenn es mir möglich wäre, immer das in ge-
    schlechtlicher Umarmung mit mir selbst daliegende Weib zu spielen,
    meinen Blick immer auf weiblichen Wesen ruhen zu lassen, immer
    weibliche Bilder zu besehen usw.“

    Die beiden Hauptstücke des Schreberschen Wahnes, die Wand-
    lung zum Weibe und die bevorzugte Beziehung zu Gott sind in seinem
    System durch die feminine Einstellung gegen Gott verknüpft. Es wird
    eine unabweisbare Aufgabe für uns, eine wesentliche genetische
    Beziehung zwischen diesen beiden Stücken nachzuweisen, sonst wären
    wir mit unseren Erläuterungen zu Schrebers Wahn in die lächerliche
    Rolle geraten, die Kant in dem berühmten Gleichnis der Kritik
    der reinen Vernunft als die des Mannes beschreibt, der das Sieb unter-
    hält, während ein anderer den Bock melkt.

    II. Deutungsversuche.

    Von zwei Seiten her könnte man den Versuch machen, zum
    Verständnis dieser paranoiden Krankengeschichte vorzudringen,
    die bekannten Komplexe und Triebkräfte des Seelenlebens in ihr auf-
    zudecken. Von den wahnhaften Äußerungen des Kranken selbst und
    von den Anlässen seiner Erkrankung.