S.
11
I. Krankengeschichte.
Dr. Schreiber berichtet1): „Ich bin zweimal nervenkrank ge-
wesen, beide Male infolge von geistiger Überanstrengung; das erste
mal (als Landesgerichtsdirektor in Chemnitz) aus Anlaß einer Reichs-
tagskandidatur, das zweitemal aus Anlaß der ungewöhnlichen Arbeits-
last, die ich beim Antritt des mir neu übertragenen Amtes eines Senats-
präsidenten beim Oberlandesgericht Dresden vorfand.“Die erste Erkrankung trat im Herbste 1884 hervor und war
Ende 1885 vollkommen geheilt. Flechsig, auf dessen Klinik der Patient
damals 6 Monate verbrachte, bezeichnete in einem später abgegebenen
„Formulargutachten“ den Zustand als einen Anfall schwerer Hy-
pochondrie. Dr. Schreiber versichert, daß diese erste Krankheit
„ohne jede an das Gebiet des Übersinnlichen anstreifenden Zwischen-
fälle“ verlief2).Über die Vorgeschichte und die näheren Lebensumstände des
Patienten geben weder seine Niederschriften noch die ihr angefügten
Gutachten der Ärzte genügende Auskunft. Ich wäre nicht einmal in
der Lage, sein Alter zur Zeit der Erkrankung anzugeben, wiewohl die
vor der zweiten Erkrankung erreichte hohe Stellung im Justizdienst
eine gewisse untere Grenze sichert. Wir erfahren, daß Dr. Schreiber
zur Zeit der „Hypochondrie“ bereits lange verheiratet war. Er schreibt:
„Fast noch inniger wurde der Dank von meiner Frau empfunden, die
in Professor Flechsig geradezu denjenigen verehrte, der ihr ihren Mann
wiedergeschenkt habe und aus diesem Grunde sein Bildnis jahrelang
auf ihrem Arbeitstische stehen hatte“ (S. 36). Und ebenda: „Nach der
Genesung von meiner ersten Krankheit habe ich acht, im ganzen recht
glückliche, auch an äußeren Ehren reiche und nur durch die mehrmalige
Vereitlung der Hoffnung auf Kindersegen zeitweilig getrübte Jahre
mit meiner Frau verlebt.“Im Juni 1893 wurde ihm seine bevorstehende Ernennung zum
Senatspräsidenten angezeigt; er trat sein Amt am 1. Oktober desselben
Jahres an. In die Zwischenzeit3) fallen einige Träume, denen Bedeutung
beizulegen er erst später veranlaßt wurde. Es träumte ihm einige Male,
daß seine frühere Nervenkrankheit zurückgekehrt war, worüber er1)Denkwürdigkeiten, S. 34.
2)Denkwürdigkeiten, S. 35.
3)Also noch vor der Einwirkung der von ihm beschuldigten Überarbeitung
in seiner neuen Stellung.S.
12
sich im Traume ebenso unglücklich fühlte, wie nach dem Erwachen
glücklich, daß es eben nur ein Traum gewesen war. Ferner hatte er
einmal gegen Morgen in einem Zustande zwischen Schlafen und Wachen
„die Vorstellung, daß es doch eigentlich recht schön sein müsse, ein
Weib zu sein, das dem Beischlaf unterliege“ (S. 36), eine Vorstellung,
die er bei vollem Bewußtsein mit großer Entrüstung zurückgewiesen hätte.Die zweite Erkrankung setzte Ende Oktober 1893 mit quälender
Schlaflosigkeit ein, die ihn die Flechsigsche Klinik von neuem auf
suchen ließ, wo sich aber sein Zustand rasch verschlechterte. Die weitere
Entwicklung derselben schildert ein späteres Gutachten, welches von
dem Direktor der Anstalt Sonnenstein abgegeben wurde (S. 380):
„Im Beginn seines dortigen Aufenthaltes1) äußerte er mehr hypochondri-
sche Ideen, klagte, daß er an Hirnerweichung leide, bald sterben müsse,
p. p., doch mischten sich schon Verfolgungsideen in das Krankheits-
bild, und zwar auf Grund von Sinnestauschungen, die anfangs aller-
dings mehr vereinzelt aufzutreten schienen, während gleichzeitig hoch-
gradige Hyperästhesie, große Empfindlichkeit gegen Licht und Ge-
räusch sich geltend machte. Später häuften sich die Gesichts- und
Gehörstäuschungen und beherrschten in Verbindung mit Gemein-
gefühlsstörungen sein ganzes Empfinden und Denken, er hielt sich
für tot und angefault, für pestkrank, wähnte, daß an seinem Körper
allerhand abscheuliche Manipulationen vorgenommen würden und
machte, wie er sich selbst noch jetzt ausspricht, – entsetzlichere Dinge
durch, als jemand geahnt, und zwar um eines heiligen Zweckes Willen.
Die krankhaften Eingebungen nahmen den Kranken so sehr in Anspruch,
daß er, für jeden andern Eindruck unzugänglich, stundenlang völlig
starr und unbeweglich da saß (halluzinatorischer Stupor), andererseits
quälten sie ihn derartig, daß er sich den Tod herbeiwünschte, im Bade
wiederholt Ertänkungsversuche machte und das „für ihn bestimmte
Zyankalium“ verlangte. Allmählich nahmen die Wahnideen den
Charakter des Mystischen, Religiösen an, er verkehrte direkt mit Gott,
die Teufel trieben ihr Spiel mit ihm, er sah ‚Wundererscheinungen‘,
hörte ‚heilige Musik‘ und glaubte schließlich sogar in einer andern Welt
zu weilen.“Fügen wir hinzu, daß er verschiedene Personen, von denen er
sich verfolgt und beeinträchtigt glaubte, vor allen seinen früheren
Arzt Flechsig beschimpfte, ihn „Seelenmörder“ nannte und unge-
zählte Male „kleiner Flechsig“, das erste Wort scharf betonend,1) Auf der Leipziger Klinik bei Prof. Flechsig.
S.
13
ausrief (S. 383). In die Anstalt Sonnenstein bei Pirna war er aus
Leipzig nach kurzem Zwischenaufenthalt im Juni 1894 gekommen
und verblieb dort bis zur endgültigen Gestaltung seines Zustandes.
Im Laufe der nächsten Jahre veränderte sich das Krankheitsbild in
einer Weise, die wir am besten mit den Worten des Anstaltsdirektors
Dr. Weber beschreiben werden:„Ohne noch weiter auf die Einzelheiten des Krankheitsverlaufes
einzugehen, sei nur darauf hingewiesen, wie in der Folge aus der an-
fänglichen akuten, das gesamte psychische Geschehen unmittelbar
in Mitleidenschaft ziehenden Psychose, die als halluzinatorischer Wahn-
sinn zu bezeichnen war, immer entschiedener das paranoische Krank-
heitsbild sich hervorhob, sozusagen herauskristallisierte, das man
gegenwärtig vor sich hat“ (S. 385). Er hatte nämlich einerseits ein
kunstvolles Wahngebäude entwickelt, welches den größten Anspruch
auf unser Interesse hat, anderseits hatte sich seine Persönlichkeit
rekonstruiert und sich den Aufgaben des Lebens bis auf einzelne Störun-
gen gewachsen gezeigt.“Dr. Weber berichtet über ihn im Gutachten von 1899:
„So erscheint zur Zeit Herr Senatspräsident Dr. Schreber, ab-
gesehen von den selbst für den flüchtigen Beobachter unmittelbar als
krankhaft sich aufdrängenden psychomotorischen Symptomen, weder
verwirrt, noch psychisch gehemmt, noch in seiner Intelligenz merklich
beeinträchtigt –, er ist besonnen, sein Gedächtnis vorzüglich, er ver-
fügt über ein erhebliches Maß von Wissen, nicht nur in juristischen
Dingen, sondern auch auf vielen anderen Gebieten und vermag es in
geordnetem Gedankengange wiederzugeben, er hat Interesse für die
Vorgänge in Politik, Wissenschaft und Kunst usw. und beschäftigt
sich fortgesetzt mit ihnen ..., und wird in den angedeuteten Richtungen
dem von seinem Gesamtzustande nicht näher unterrichteten Beobachter
kaum viel Auffälliges erkennen lassen. Bei alledem ist der Patient von
krankhaft bedingten Vorstellungen erfüllt, die sich zu einem voll-
ständigen System geschlossen haben, mehr oder weniger fixiert sind
und einer Korrektur durch objektive Auffassung und Beurteilung der
tatsächlichen Verhältnisse nicht zugänglich erscheinen“ (S. 386).Der so weit veränderte Kranke hielt sich selbst für existenzfähig
und unternahm zweckmäßige Schritte, um die Aufhebung seiner Kuratel
und die Entlassung aus der Anstalt durchzusetzen. Dr. Weber wider-
strebte diesen Wünschen und gab Gutachten im entgegengesetzten
Sinne ab; doch kann er nicht umhin, das Wesen und Benehmen desS.
14
Patienten im Gutachten von 1900 in folgender anerkennender
Weise zu schildern: „Der Unterzeichnete hat seit ¾ Jahren bei Ein
nahme der täglichen Mahlzeiten am Familientisch ausgiebigste Ge
legenheit gehabt, mit Herrn Präsidenten Schreiber über alle möglichen
Gegenstände sich zu unterhalten. Welche Dinge nun auch – von seinen
Wahnideen natürlich abgesehen – zur Sprache gekommen sind, mochten
die Vorgänge im Bereiche der Staatsverwaltung und Justiz, der Politik,
der Kunst und Literatur, des gesellschaftlichen Lebens oder was sonst
berühren, überall bekundete Dr. Schreiber reges Interesse, eingehende
Kenntnisse, gutes Gedächtnis und zutreffendes Urteil und auch in
ethischer Beziehung eine Auffassung, der nur beigetreten werden konnte.
Ebenso zeigte er sich in leichter Plauderei mit den anwesenden Damen
nett und liebenswürdig und bei humoristischer Behandlung mancher
Dinge immer taktvoll und dezent, niemals hat er in die harmlose Tisch
unterhaltung die Erörterung von Angelegenheiten hineingezogen, die
nicht dort, sondern bei der ärztlichen Visite zu erledigen gewesen wären“
(S. 397). Selbst in eine geschäftliche, die Interessen der ganzen Familie
berührende Angelegenheit hatte er damals in fachgemäßer und zweck
entsprechender Weise eingegriffen (S. 401, 510).In den wiederholten Eingaben an das Gericht, mittels deren Dr.
Schreiber um seine Befreiung kämpfte, verleugnete er durchaus nicht
seinen Wahn und machte kein Hehl aus seiner Absicht, die „Denk
würdigkeiten“ der Öffentlichkeit zu übergeben. Er betonte vielmehr
den Wert seiner Gedankengänge für das religiöse Leben und deren
Unzersetzbarkeit durch die heutige Wissenschaft; gleichzeitig berief
er sich aber auch auf die absolute Harmlosigkeit (S. 430) all jener
Handlungen, zu denen er sich durch den Inhalt des Wahnes genötigt
wußte. Der Scharfsinn und die logische Treffsicherheit des als Paranoiker
Erkannten führten denn auch zum Triumph. Im Juli 1902 wurde die
über Dr. Schreiber verhängte Entmündigung aufgehoben, im nächsten
Jahre erschienen die „Denkwürdigkeiten eines Geisteskranken“ als
Buch, allerdings zensuriert und um manches wertvolle Stück ihres
Inhaltes geschmälert.In der Entscheidung, welche Dr. Schreiber die Freiheit wieder
gab, ist der Inhalt seines Wahnsystems in wenigen Sätzen zusammen
gefaßt: „Er halte sich für berufen, die Welt zu erlösen und ihr die
verloren gegangene Seligkeit wiederzubringen. Das könne er aber nur,
wenn er sich zuvor aus einem Manne zu einem Weibe verwandelt habe“
(S. 475).S.
15
Eine ausführlichere Darstellung des Wahnes in seiner endgültigen
Gestaltung können wir dem 1899 vom Anstaltsarzte Dr. Weber er-
statteten Gutachten entnehmen: „Das Wahnsystem des Patienten
gipfelt darin, daß er berufen sei, die Welt zu erlösen und der Menschheit
die verloren gegangene Seligkeit wiederzubringen. Er sei, so behauptet
er, zu dieser Aufgabe gekommen durch unmittelbar göttliche Eingebun-
gen, ähnlich wie dies von den Propheten gelehrt wird; gerade auf-
geregtere Nerven, wie es die seinigen lange Zeit hindurch gewesen seien,
hätten nämlich die Eigenschaft, anziehend auf Gott zu wirken, es
handle sich dabei aber um Dinge, die sich entweder gar nicht oder doch
nur sehr schwer in menschlicher Sprache ausdrücken lassen, weil sie
außerhalb aller menschlichen Erfahrung lägen und eben nur ihm offenbart
seien. Das Wesentlichste bei seiner erlösenden Mission sei, daß zunächst
seine Verwandlung zum Weibe zu erfolgen habe. Nicht etwa,
daß er sich zum Weibe verwandeln wolle, es handle sich vielmehr
um ein in der Weltordnung begründetes „Muß“, dem er schlechterdings
nicht entgehen könne, wenn es ihm persönlich auch viel lieber gewesen
wäre, in seiner ehrenvollen männlichen Lebensstellung zu verbleiben,
das Jenseits sei aber nun für ihn und die ganze übrige Menschheit nicht
anders wieder zu erobern, als durch eine ihm vielleicht erst nach
Ablauf vieler Jahre oder Jahrzehnte bevorstehende Verwandlung
in ein Weib im Wege göttlicher Wunder. Er sei, das stehe für ihn fest,
der ausschließliche Gegenstand göttlicher Wunder, somit der merk-
würdigste Mensch, der je auf Erden gelebt habe, seit Jahren, in jeder
Stunde und jeder Minute erfahre er diese Wunder an seinem Leibe,
erhalte sie auch durch die Stimmen, die mit ihm sprächen, bestätigt.
Er habe in den ersten Jahren seiner Krankheit Zerstörungen an einzelnen
Organen seines Körpers erfahren, die jedem andern Menschen längst
den Tod hätten bringen müssen, habe lange Zeit gelebt ohne Magen,
ohne Därme, fast ohne Lungen, mit zerrissener Speiseröhre, ohne Blase,
mit zerschmetterten Rippenknochen, habe seinen Kehlkopf manchmal
zum Teil mit aufgegessen usf., göttliche Wunder („Strahlen“) aber
hätten das Zerstörte immer wieder hergestellt und er sei daher, so
lange er ein Mann bleibe, überhaupt nicht sterblich. Jene bedrohlichen
Erscheinungen seien nun längst verschwunden, dafür sei in den Vorder-
grund getreten seine „Weiblichkeit“, wobei es sich um einen Ent-
wicklungsprozeß handle, der wahrscheinlich noch Jahrzehnte, wenn
nicht Jahrhunderte zu seiner Vollendung beanspruche und dessen Ende
schwerlich einer der jetzt lebenden Menschen erleben werde. Er habeS.
16
das Gefühl, daß bereits massenhafte „weibliche Nerven“ in seinen
Körper übergegangen seien, aus denen durch unmittelbare Befruchtung
Gottes neue Menschen hervorgehen würden. Erst dann werde er wohl
eines natürlichen Todes sterben können und sich wie alle anderen
Menschen die Seligkeit wieder erworben haben. Einstweilen sprächen
nicht nur die Sonne, sondern auch die Bäume und die Vögel, die so
etwas wie „verwunderte Reste früherer Menschenseelen“ seien, in
menschlichen Lauten zu ihm und überall geschähen Wunderdinge
um ihn her“ (S. 386).Ver-
ständnis
des
WahnesDas Interesse des praktischen Psychiaters an solchen Wahn-
bildungen ist in der Regel erschöpft, wenn er die Leistung des Wahnes
festgestellt und seinen Einfluß auf die Lebensführung des Kranken
beurteilt hat; seine Verwunderung ist nicht der Anfang seines Ver-
ständnisses. Der Psychoanalytiker bringt von seiner Kenntnis der
Psychoneurosen her die Vermutung mit, daß auch so absonderliche,
soweit von dem gewohnten Denken der Menschen abweichende Ge-
dankenbildungen aus den allgemeinsten und begreiflichsten Regungen
des Seelenlebens hervorgegangen sind, und möchte die Motive wie
die Wege dieser Umbildung kennen lernen. In dieser Absicht wird
er sich gerne in die Entwicklungsgeschichte wie in die Einzelheiten
des Wahnes vertiefen.a) Als die beiden Hauptpunkte werden vom ärztlichen Begut-
achter die Erlöserrolle und die Verwandlung zum Weibe hervor-
gehoben. Der Erlöserwahn ist eine uns vertraute Phantasie, er bildet
so häufig den Kern der religiösen Paranoia. Der Zusatz, daß die Er-
lösung durch die Verwandlung des Mannes in ein Weib erfolgen müsse,
ist ungewöhnlich und an sich befremdend, da er sich weit von dem
historischen Mythos entfernt, den die Phantasie des Kranken re-
produzieren will. Es liegt nahe, mit dem ärztlichen Gutachten an-
zunehmen, daß der Ehrgeiz, den Erlöser zu spielen, das Treibende
dieses Wahnkomplexes sei, wobei die Entmannung nur die Bedeutung
eines Mittels zu diesem Zweck in Anspruch nehmen könne. Mag sich
dies auch in der endgültigen Gestaltung des Wahnes so darstellen,
so wird uns doch durch das Studium der „Denkwürdigkeiten“ eine
ganz andere Auffassung aufgenötigt. Wir erfahren, daß die Verwandlung
in ein Weib (Entmannung) der primäre Wahn war, daß sie zunächst
als ein Akt schwerer Beeinträchtigung und Verfolgung beurteilt wurde,
und daß sie erst sekundär in Beziehung zur Erlöserrolle trat. Auch
wird es unzweifelhaft, daß sie zuerst zum Zwecke sexuellen MißbrauchesS.
17
und nicht im Dienste höherer Absichten erfolgen sollte. Formal aus
gedrückt, ein sexueller Verfolgungswahn hat sich bei dem Patienten
nachträglich zum religiösen Größenwahn umgebildet. Als Verfolger
galt zuerst der behandelnde Arzt Prof. Flechsig, später trat Gott
selbst an dessen Stelle.Ich setze die beweisenden Stellen aus den „Denkwürdigkeiten“
ungekürzt hierher (S. 56): „Auf diese Weise wurde ein gegen mich
gerichtetes Komplott fertig (etwa im März oder April 1894), welches
dahinging, nach einmal erkannter oder angenommener Unheilbarkeit
meiner Nervenkrankheit mich einem Menschen in der Weise aus
zuliefern, daß meine Seele demselben überlassen, mein Körper aber –
in mißverständlicher Auffassung der oben bezeichneten, der Welt
ordnung zugrunde liegenden Tendenz – in einen weiblichen Körper
verwandelt, als solcher dem betreffenden Menschen1) zum geschlecht-
lichen Mißbrauch überlassen und dann einfach ‚liegen gelassen‘, also
wohl der Verwesung anheimgegeben werden sollte.“(S. 59): „Dabei war es vom menschlichen Gesichtspunkte aus,
der mich damals noch vorzugsweise beherrschte, wohl durchaus natür-
lich, daß ich meinen eigentlichen Feind immer nur in Professor Flechsig
oder dessen Seele erblickte (später kam noch die v. W. sche Seele hinzu,
worüber weiter unten das Nähere) und Gottes Allmacht als meine
natürliche Bundesgenossin betrachtete, die ich nur dem Professor
Flechsig gegenüber in einer Notlage wähnte und deshalb mit allen
erdenklichen Mitteln bis zur Selbstaufopferung unterstützen zu müssen
glaubte. Daß Gott selbst der Mitwisser, wenn nicht gar der Anstifter
des auf den an mir zu verübenden Seelenmord und die Preisgabe meines
Körpers als weibliche Dirne gerichteten Planes gewesen sei, ist ein Ge-
danke, der sich mir erst sehr viel später aufgedrängt hat, ja zum Teil,
wie ich sagen darf, mir erst während der Niederschrift des gegenwärtigen
Aufsatzes zu klarem Bewußtsein gekommen ist.“(S. 61): „Alle auf Verübung eines Seelenmords,
zu weltordnungswidrigen Zwecken2) (d. h. zur Befriedigung der
geschlechtlichen Begierde eines Menschen) und später auf Zerstörung
meines Verstandes gerichteten Versuche sind gescheitert. Ich gehe aus
dem anscheinend so ungleichen Kampfe eines einzelnen schwachen
Menschen mit Gott selbst, wennschon nach manchen bitteren Leiden1)Es geht aus dem Zusammenhange dieser und anderer Stellen hervor,
daß der betreffende Mensch, von dem der Mißbrauch geübt werden sollte, kein
anderer als Flechsig ist (vgl. unten).S.
18
und Entbehrungen, als Sieger hervor, weil die Weltordnung auf meiner
Seite steht.“In der Anmerkung34) wird dann die spätere Umgestaltung des
Entmannungswahnes und des Verhältnisses zu Gott angekündigt:
„Daß eine Entmannung zu einem anderen – weltordnungsgemäßen
Zweck im Bereich der Möglichkeit liegt, ja sogar vielleicht die wahr-
scheinliche Lösung des Konfliktes enthält, wird später noch angeführt
werden.“Diese Äußerungen sind entscheidend für die Auffassung des Ent-
mannungswahnes und somit für das Verständnis des Falles überhaupt.
Fügen wir hinzu, daß die „Stimmen“, die der Patient hörte, die Um-
wandlung in ein Weib nie anders denn als eine sexuelle Schmach be-
handelten, wegen welcher sie den Kranken höhnen durften. „Gottes-
strahlen1) glaubten mich nicht selten mit Rücksicht auf die angeblich
bevorstehende Entmannung als ‚Miss Schreber‘ verhöhnen zu dürfen
(S. 127). – „Das will ein Senatspräsident gewesen sein, der sich f…2)
läßt.“ – „Schämen Sie sich denn nicht vor Ihrer Frau Gemahlin?“Die primäre Natur der Entmannungsphantasie und ihre an-
fängliche Unabhängigkeit von der Erlöseridee wird ferner durch die
eingangs erwähnte, im Halbschlaf aufgetretene „Vorstellung“ bezeugt,
daß es schön sein müsse, ein Weib zu sein, das dem Beischlaf unter-
liege (S. 36). Diese Phantasie war in der Inkubationszeit der Erkrankung,
noch vor der Einwirkung der Überbürdung in Dresden bewußt worden.Der Monat November 1895 wird von Schreber selbst als die
Zeit hingestellt, in welcher sich der Zusammenhang der Entmannungs-
phantasie mit der Erlöseridee herstellte und solcher Art eine Ver-
söhnung mit der ersteren angebahnt wurde. „Nunmehr aber wurde
mir unzweifelhaft bewußt, daß die Weltordnung die Entmannung,
möchte sie mir persönlich zusagen oder nicht, gebieterisch verlange
und daß mir daher aus Vernunftgründen gar nichts anderes
übrig bleibe, als mich mit dem Gedanken der Verwandlung in ein Weib
zu befreunden. Als weitere Folge der Entmannung konnte natürlich
nur eine Befruchtung durch göttliche Strahlen zum Zwecke der Er-
schaffung neuer Menschen in Betracht kommen“ (S. 177).1)Die „Gottesstrahlen“ sind, wie sich ergeben wird, identisch mit den
in der „Grundsprache“ redenden Stimmen.2)Diese Auslassung sowie alle anderen Eigentümlichkeiten der Schreib-
weise kopiere ich nach den „Denkwürdigkeiten“. Ich selbst wüßte kein Motiv,
in ernster Sache so schamhaft zu sein.S.
19
Die Verwandlung in ein Weib war das Punctum saliens, der erste
Keim der Wahn-
bildung gewesen; sie erwies sich auch als das einzige
Stück, welches die Herstellung überdauerte und als das einzige, das
im wirklichen Handeln des Genesenen seinen Platz zu behaupten
wußte. „Das Einzige, was in den Augen anderer Menschen als etwas
Unvernünftiges gelten kann, ist der auch von den Herren Sachver-
ständigen berührte Umstand, daß ich zuweilen mit etwas weiblichem
Zierat (Bändern, unechten Ketten u. dgl.) bei halb entblößtem Ober-
körper vor dem Spiegel stehend oder sonst angetroffen werde. Es ge-
schieht dies übrigens nur im Alleinsein, niemals, wenigstens soweit
ich es vermeiden kann, zu Angesicht anderer Personen“ (S. 429). Diese
Spielereien gestand der Herr Senatspräsident zu einer Zeit ein (Juli 1901),
da er für seine wiedergewonnene praktische Gesundheit den treffenden
Ausdruck fand: „Jetzt weiß ich längst, daß die Personen, die ich vor
mir sehe, nicht „flüchtig hingemachte Männer“, sondern wirkliche
Menschen sind, und daß ich mich daher ihnen gegenüber so zu ver-
halten habe, wie ein vernünftiger Mensch im Verkehr mit anderen
Menschen zu tun pflegt“ (S. 409). Im Gegensatz zu dieser Betätigung
der Entmannungsphantasie hat der Kranke für die Anerkennung
seiner Erlösermission nie etwas anderes unternommen als eben die
Veröffentlichung seiner „Denkwürdigkeiten“.b) Das Verhältnis unseres Kranken zu Gott ist so sonderbar
und von einander widersprechenden Bestimmungen erfüllt, daß ein
gutes Stück Zuversicht dazu gehört, wenn man an der Erwartung fest-
hält, daß in diesem „Wahnsinn“ doch „Methode“ zu finden sei. Wir
müssen uns nun mit Hilfe der Äußerungen in den Denkwürdigkeiten
über das theologisch-psychologische System des Dr. Schreber ge-
nauere Orientierung schaffen und seine Ansichten über die Nerven,
die Seligkeit, die göttliche Hierarchie und die Eigenschaften
Gottes in ihrem scheinbaren (wahnhaften) Zusammenhange darlegen.
In allen Stücken der Theorie fällt die merkwürdige Mischung von
Plattem und Geistreichem, von geborgten und originellen Elementen auf.Die menschliche Seele ist in den Nerven des Körpers enthalten,
die als Gebilde von außerordentlicher Feinheit – den feinsten Zwirn-
fäden vergleichbar – vorzustellen sind. Einige dieser Nerven sind
nur zur Aufnahme sinnlicher Wahrnehmungen geeignet, andere (die
Verstandesnerven) leisten alles Psychische, wobei das Verhältnis
stattfindet, daß jeder einzelne Verstandesnerv die gesamte
geistige Individualität des Menschen repräsentiert undS.
20
die größere oder geringere Zahl der vorhanden Verstandesnerven
nur von Einfluß ist auf die Zeitdauer, während deren die Eindrücke
festgehalten werden können1))Während die Menschen aus Körper und Nerven bestehen, ist
Gott von vornherein nur Nerv. Die Gottesnerven sind jedoch nicht
wie im menschlichen Körper in beschränkter Zahl vorhanden, sondern
unendlich oder ewig. Sie besitzen alle Eigenschaften der menschlichen
Nerven in enorm gesteigertem Maße. In ihrer Fähigkeit zu schaffen,
d. h. sich umzusetzen in alle möglichen Dinge der erschaffenen Welt,
heißen sie Strahlen. Zwischen Gott und dem gestirnten Himmel
oder der Sonne besteht eine innige Beziehung2)).Nach dem Schöpfungswerk zog sich Gott in ungeheuere Ent-
fernung zurück (S. 11, 252) und überließ die Welt im allgemeinen ihren
Gesetzen. Er beschränkte sich darauf, die Seelen Verstorbener zu
sich heraufzuziehen. Nur ausnahmsweise mochte er sich mit einzelnen
hochbegabten Menschen in Verbindung setzen3) oder mit einem Wunder
in die Geschicke der Welt eingreifen. Ein regelmäßiger Verkehr
Gottes mit Menschenseelen findet nach der Weltordnung erst nach dem
Tode statt4). Wenn ein Mensch gestorben ist, so werden seine Seelen-
teile (Nerven) einem Läuterungsverfahren unterworfen, um endlich
als „Vorhöfe des Himmels“ Gott selbst wieder angegliedert zu werden.
Es entsteht so ein ewiger Kreislauf der Dinge, welcher der Weltordnung
zugrunde liegt (S. 19). Indem Gott etwas schafft, entäußert er sich1) In der Anmerkung zu dieser von Schreber unterstrichenen Lehre
wird deren Brauchbarkeit zur Erklärung der Erblichkeit betont. „Der männliche
Samen enthält einen Nerv des Vaters und vereinigt sich mit einem aus dem Leib
der Mutter entnommenen Nerven zu einer neuentstehenden Einheit.“ (S. 7) Es
ist also hier ein Charakter, den wir dem Spermatozoon zuschreiben müssen, auf die
Nerven übertragen worden und dadurch die Herkunft der Schreberschen
„Nerven“ aus dem sexuellen Vorstellungskreis wahrscheinlich gemacht. In den
„Denkwürdigkeiten“ trifft es sich nicht so selten, daß eine beiläufige Anmerkung
zu einer wahnhaften Lehre den erwünschten Hinweis auf die Genese und somit
auf die Bedeutung des Wahnes enthält.2) Über diese siehe weiter unten: Sonne. — Die Gleichstellung (oder viel-
mehr Verdichtung) von Nerven und Strahlen könnte leicht deren lineare Erscheinung
zum Gemeinsamen genommen haben. — Die Strahlen-Nerven sind übrigens
ebenso schöpferisch wie die Samenfäden-Nerven.3) Das wird in der „Grundsprache“ (s. u.) als „Nervenanhang bei ihnen
nehmen“ bezeichnet.4) Welche Einwürfe gegen Gott sich hieran knüpfen, werden wir später
erfahren.S.
21
eines Teiles seiner selbst, gibt einem Teile seiner Nerven eine veränderte
Gestalt. Der scheinbar hierdurch entstehende Verlust wird wiederum
ersetzt, wenn nach Jahrhunderten und Jahrtausenden die selig geworde-
nen Nerven verstorbener Menschen als „Vorhöfe des Himmels“ ihm
wieder zuwachsen.Die durch den Läuterungsprozeß gereinigten Seelen befinden
sich im Genusse der Seligkeit1). „Sie haben unterdes ihr Selbst-
bewußtsein abgeschwächt und sind mit anderen Seelen zu höheren
Einheiten zusammengeschmolzen. Bedeutsame Seelen, wie die eines
Goethe, Bismarck u. a., haben ihr Identitätsbewußtsein vielleicht
noch durch Jahrhunderte zu bewahren, bis sie selbst in höheren Seelen-
komplexen (wie „Jehovastrahlen“ für das alte Judentum, „Zoroaster-
strahlen“ für das Persertum) aufgehen können. Während der Läuterung
lernen die Seelen die von Gott selbst gesprochene Sprache, die so-
genannte „Grundsprache“, ein „etwas altertümliches, aber immerhin
kraftvolles Deutsch, das sich namentlich durch einen großen Reichtum
an Euphemismen auszeichnete“ (S. 13)2).Gott selbst ist kein einfaches Wesen. „Über den „Vorhöfen des
Himmels“ schwebte Gott selbst, dem im Gegensatze zu diesen „vor-
deren Gottesreichen“ auch die Bezeichnung der „hinteren Gottes-
reiche“ gegeben wurde. Die hinteren Gottesreiche unterlagen (und
unterliegen noch jetzt) einer eigentümlichen Zweiteilung, nach der
ein niederer Gott (Ariman) und ein oberer Gott (Ormuzd) unter-
schieden wurde“ (S. 19). Über die nähere Bedeutung dieser Zwei-
teilung weiß Schreiber nichts anderes zu sagen, als daß der
niedere Gott sich vorzugsweise den Völkern brünetter Rasse
(den Semiten) und der obere den blonden Völkern (Ariern) zu-
geneigt hat. Doch wird man von menschlicher Erkenntnis in solchen
Höhen auch nicht mehr fordern dürfen. Immerhin erfahren wir
noch „daß der niedere und der obere Gott ungeachtet der in ge-
wisser Beziehung vorhandenen Einheit von Gottes Allmacht doch als
verschiedene Wesen aufgefaßt werden müssen, die, ein jedes von ihnen,
auch im Verhältnis untereinander, ihren besonderen Egoismus
und ihren besonderen Selbsterhaltungstrieb haben und sich daher
1)Diese besteht wesentlich in einem Wollustgefühl (s. u.).
2)Es war dem Patienten ein einziges Mal während seiner Krankheit ver-
gönnt, Gottes Allmacht in ihrer vollständigen Reinheit vor seinem geistigen Auge
zu sehen. Gott äußerte damals das in der Grundsprache ganz geläufige, kraft-
volle, aber nicht freundlich klingende Wort: Luder! (S 136).S.
22
immer wechselseitig vorzuschieben trachten“ (S. 140). Die beiden
göttlichen Wesen benahmen sich auch während des akuten Krank-
heitsstadiums in ganz verschiedener Weise gegen den unglücklichen
Schreber1).Der Senatspräsident Schreber war in gesunden Tagen ein Zweifler
in religiösen Dingen gewesen (S. 29, 64); er hatte sich zu einem festen
Glauben an die Existenz eines persönlichen Gottes nicht aufzuschwingen
vermocht. Ja er zieht aus dieser Tatsache seiner Vorgeschichte ein
Argument, um die volle Realität seines Wahnes zu stützen2). Wer
aber das Folgende über die Charaktereigenschaften des Schreberschen
Gottes erfährt, wird sagen müssen, daß die durch die paranoische Er-
krankung erzeugte Umwandlung keine sehr gründliche war, und daß
in dem nunmehrigen Erlöser noch viel vom vormaligen Zweifler übrig-
geblieben ist.Die Weltordnung hat nämlich eine Lücke, infolge deren die
Existenz Gottes selbst gefährdet erscheint. Vermöge eines nicht näher
aufzuklärenden Zusammenhanges über die Nerven lebender Menschen,
namentlich im Zustand einer hochgradigen Erregung, eine der-
artige Anziehung auf die Gottesnerven aus, daß Gott nicht wieder von
ihnen loskommen kann, also in seiner eigenen Existenz bedroht ist
(S. 11). Dieser außerordentlich seltene Fall ereignete sich nun bei
Schreber und hatte die größten Leiden für ihn zur Folge. Gottes
Selbsterhaltungstrieb wurde dadurch rege gemacht (S. 30) und es ergab
sich, daß Gott von der Vollkommenheit, die ihm die Religionen bei-
legen, weit entfernt ist. Durch das ganze Buch Schrebers zieht sich
die bittere Anklage, daß Gott, nur an den Verkehr mit Verstorbenen
gewöhnt, den lebenden Menschen nicht versteht.(S. 56): „Dabei waltet nun aber ein fundamentales Mißverständnis
ob, welches sich seitdem wie ein roter Faden durch mein ganzes Leben
hindurchzieht und welches eben darauf beruht, daß Gott nach der
1)Eine Anmerkung S. 20 läßt erraten, daß eine Stelle in Byrons Manfred
für die Wahl der persischen Gottesnamen den Ausschlag gegeben hat. Wir werden
dem Einflusse dieser Dichtung noch ein anderes Mal begegnen.2)„Daß bei mir bloße Sinnestäuschungen vorliegen sollen, erscheint mir
schon vornherein psychologisch undenkbar. Denn die Sinnestäuschung, mit Gott
oder abgeschiedenen Seelen in Verkehr zu stehen, kann doch füglich nur in solchen
Menschen entstehen, die in ihren krankhaft erregten Nervenzustand bereits einen
sicheren Glauben an Gott und an die Unsterblichkeit der Seele mitgebracht haben.
Dies ist aber bei mir, nach dem im Eingang dieses Kapitels Er-
wähnten gar nicht der Fall gewesen“ (S. 79).S.
23
Weltordnung den lebenden Menschen eigentlich nicht
kannte und nicht zu kennen brauchte, sondern weltordnungsgemäß
nur mit Leichen zu verkehren hatte.“ – (S. 141): „Daß . . . muß nach
meiner Überzeugung wiederum damit in Zusammenhang gebracht
werden, daß Gott mit dem lebenden Menschen sozusagen nicht um
zugehen wußte, sondern nur den Verkehr mit Leichen oder allenfalls
mit dem im Schlafe daliegenden (träumenden) Menschen gewöhnt
war.“ – (S. 246): „Incredibile scriptu, möchte ich selbst hinzufügen,
und doch ist alles tatsächlich wahr, so wenig andere Menschen den
Gedanken einer so totalen Unfähigkeit Gottes, den lebenden Menschen
richtig zu beurteilen, werden fassen können, und so langer Zeit es
auch für mich bedurft hat, um mich an diesen Gedanken nach den unzäh-
ligen, hierüber gemachten Beobachtungen zu gewöhnen.“Allein infolge dieses Mißverständnisses Gottes für den lebenden
Menschen konnte es geschehen, daß Gott selbst der Anstifter des gegen
Schreber gerichteten Komplottes wurde, daß Gott ihn für blödsinnig
hielt und ihm die beschwerlichsten Prüfungen auferlegte (S. 264).
Er unterwarf sich einem höchst lästigen „Denkzwange“, um dieser Ver-
urteilung zu entgehen. (S. 206). „Bei jeder Einstellung meiner Denk-
tätigkeit erachtet Gott augenblicklich meine geistigen Fähigkeiten
für erloschen, die von ihm erhoffte Zerstörung des Verstandes (den
Blödsinn) für eingetreten und damit die Möglichkeit des Rückzuges
für gegeben.“Eine besonders heftige Empörung wird durch das Benehmen
Gottes in der Sache des Entleerungs- oder Sch . . . dranges hervor-
gerufen. Die Stelle ist so charakteristisch, daß ich sie ganz zitieren
will. Zu ihrem Verständnis schicke ich voraus, daß sowohl die Wunder
als auch die Stimmen von Gott (d. h. von den göttlichen Strahlen)
ausgehen.(S. 225): „Wegen ihrer charakteristischen Bedeutung muß ich
der eben erwähnten Frage „Warum sch . . . Sie denn nicht?“ noch
einige Bemerkungen widmen, so wenig dezent auch das Thema ist,
das ich dabei zu berühren genötigt bin. Wie alles andere an meinem
Körper, wird nämlich auch das Ausleerungsbedürfnis durch Wunder
hervorgerufen; es geschieht dies, indem der Kot in den Därmen vor-
wärts (manchmal auch wieder rückwärts) gedrängt wird und wenn
infolge bereits geschehener Ausleerungen genügendes Material nicht
mehr vorhanden ist, wenigstens die noch vorhandenen geringen Reste
des Darminhalts, auf meine Gesäßöffnung geschmiert werden. EsS.
24
handelt sich dabei um ein Wunder des oberen Gottes, das an jedem
Tage mindestens mehrere Dutzende von Malen wiederholt wird. Damit
verbindet sich die für Menschen geradezu unbegreifliche und nur
aus der völligen Unbekanntschaft Gottes mit dem lebenden Menschen
als Organismus erklärliche Vorstellung, daß das „Sch...“ gewisser-
maßen das letzte sei, d. h. mit dem Anwandern des Sch-
dranges
das Ziel der Zerstörung des Verstandes erreicht und die Möglichkeit
eines endgültigen Rückzuges der Strahlen gegeben sei. Wie mir scheint,
muß man, um der Entstehung dieser Vorstellung auf den Grund zu
gehen, an das Vorliegen eines Mißverständnisses in betreff der symboli-
schen Bedeutung des Ausleerungsaktes denken, daß nämlich derjenige,
der zu göttlichen Strahlen in ein dem meinigen entsprechendes Ver-
hältnis gekommen ist, gewissermaßen berechtigt sei, auf alle Welt
zu sch....“„Zugleich äußert sich dabei aber auch die ganze Perfide1) der
Politik, die mir gegenüber verfolgt wird. Nahezu jedesmal, wenn man
mir das Ausleerungsbedürfnis wundert, schickt man – indem man
die Nerven des betreffenden Menschen dazu anregt – irgend eine
andere Person meiner Umgebung auf den Abtritt, um mich am Aus-
leeren zu verhindern; es ist dies eine Erscheinung, die ich seit Jahren
in so unzähligen (Tausenden von) Malen und so regelmäßig beobachtet
habe, daß jeder Gedanke an einen Zufall ausgeschlossen ist. Mir selbst
gegenüber wird dann aber auf die Frage: „Warum sch-
Sie denn
nicht?“ mit der famosen Antwort fortgefahren: „Weil ich dumm bin
so etwa.“ Die Feder sträubt sich fast dagegen, den formidabeln Unsinn
niederzuschreiben, daß Gott in der Tat in seiner auf Unkenntnis der
Menschennatur beruhenden Verblendung so weit geht, anzunehmen,
es könne einen Menschen geben, der – was doch jedes Tier zu tun
vermag – vor Dummheit nicht sch... könne. Wenn ich dann im
Fall eines Bedürfnisses wirklich ausleere – wozu ich mich, da ich den
Abtritt fast stets besetzt finde, in der Regel eines Eimers bediene –,
so ist dies jedesmal mit einer überaus kräftigen Entwicklung der Seelen-
wollust verbunden. Die Befreiung von dem Drucke, der durch den
in den Därmen vorhandenen Kot verursacht wird, hat nämlich für
die Wollustnerven ein intensives Wohlbehagen zur Folge; das Gleiche
ist auch beim Pissen der Fall. Aus diesem Grunde sind noch stets1)Eine Anmerkung bemüht sich hier, das harte Wort „Perfide“ zu mildern,
indem auf eine der noch zu erwähnenden Rechtfertigungen Gottes verwiesen
wird.S.
25
Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw.
und ohne jede Ausnahme beim Ausleeren und Pissen alle Strahlen
vereinigt gewesen; aus eben diesem Grunde sucht man auch stets,
wenn ich mich zu diesen natürlichen Funktionen anschicke, den Aus-
leerungs- und Pißdrang, wenn auch meist vergeblich, wieder zurück-
zuwindern“1).Der sonderbare Gott Schrebers ist auch nicht imstande, etwas aus
der Erfahrung zu lernen. (S. 186): „Aus der so gewonnenen Erfahrung
eine Lehre für die Zukunft zu ziehen, scheint vermöge irgendwelcher,
in dem Wesen Gottes liegender Eigenschaften eine Unmöglichkeit zu
sein.“ Er kann daher dieselben quälenden Proben, Wunder und Stimm-
äußerungen Jahre hindurch ohne Abänderung wiederholen, bis er
dem Verfolgten zum Gespötte werden muß.(S. 333): „Daraus ergibt sich, daß Gott fast in allem, was mir
gegenüber geschieht, nachdem die Wunder ihre frühere furchtbare
Wirkung zum größten Teil eingebüßt haben, mir überwiegend lächerlich
oder kindisch erscheint. Daraus folgt für mein Verhalten, daß ich
häufig durch die Notwehr gezwungen bin, nach Befinden auch in lauten
Worten den Gottesspötter zu spielen; …“2).Diese Kritik Gottes und Auflehnung gegen Gott begegnet bei
Schreber indes einer energischen Gegenströmung, welcher an zahl-
reichen Stellen Ausdruck gegeben wird. (S. 333): „Auf das Aller-
entschiedenste habe ich aber auch hier zu betonen, daß es sich dabei
nur um eine Episode handelt, die, wie ich hoffe, spätestens mit meinem
Ableben ihre Endschaft erreichen wird, daß daher das Recht, Gottes
zu spotten, nur mir, nicht aber anderen Menschen zusteht. Für andere
Menschen bleibt Gott der allmächtige Schöpfer Himmels und der Erde,
der Urgrund aller Dinge und das Heil ihrer Zukunft, dem – mögen
auch einzelne der herkömmlichen religiösen Vorstellungen einer Be-
richtigung bedürfen – Anbetung und höchste Verehrung gebührt.“Es wird darum zu wiederholten Malen eine Rechtfertigung Gottes
wegen seines Benehmens gegen den Patienten versucht, die ebenso
spitzfindig wie alle Theodiceen, bald in der allgemeinen Natur der1)Dies Eingeständnis der Exkretionslust, die wir als eine der autoerotischen
Komponenten der infantilen Sexualität kennen gelernt haben, möge man mit
den Äußerungen des kleinen Hans in der „Analyse der Phobie eines 5jährigen
Knaben“ (Jahrb. f. psychoanalyt. und psychopathol. Forschungen, Bd. I, 1909,
S. 74) zusammenhalten.2)Auch in der „Grundsprache“ war Gott nicht immer der schimpfende
Teil, sondern gelegentlich auch der beschimpfte, z. B. „Ei verflucht, das sagt
sich schwer, daß der liebe Gott sich f… läßt“ (S. 194).S.
26
Seelen, bald in der Nötigung Gottes sich selbst zu erhalten und in dem
irreführenden Einflusse der Flechsigschen Seele die Erklärung findet
(S. 60 u. ff., S. 160). Im ganzen aber wird die Krankheit als ein
Kampf des Menschen Schreiber gegen Gott aufgefaßt, in welchem
der schwache Mensch Sieger bleibt, weil er die Weltordnung auf seiner
Seite hat (S. 61).Aus den ärztlichen Gutachten hätte man leicht schließen können,
daß man es bei Schreiber mit der landläufigen Form der Erlösungs-
phantasie zu tun habe. Der Betreffende sei Gottes Sohn, dazu bestimmt,
die Welt aus ihrem Elend oder von dem ihr drohenden Untergang zu
retten usw. Ich habe es daher nicht unterlassen, die Besonderheiten
des Schreiberschen Verhältnisses zu Gott ausführlich darzustellen.
Die Bedeutung, welche diesem Verhältnisse für die übrige Menschheit
zukommt, wird in den Denkwürdigkeiten nur selten und erst zu Ende
der Wahn-
bildung erwähnt. Sie besteht wesentlich darin, daß kein
Verstorbener selig werden kann, solange seine Person die Hauptmasse
der Gottesstrahlen durch ihre Anziehungskraft absorbiert (S. 32).
Auch die unverhüllte Identifizierung mit Jesus Christus kommt erst
sehr spät zum Vorscheine (S. 338, 431).Es wird kein Erklärungsversuch des Falles Schreiber Aussicht
auf Richtigkeit haben, der nicht dieser Besonderheiten seiner Gottes-
vorstellung, dieser Mischung von Zügen der Verehrung und der Auf-
lehnung, Rechnung trägt. Wir wenden uns nun einem andern, in inniger
Beziehung zu Gott stehenden Thema, dem der Seligkeit, zu.Die Seligkeit ist auch bei Schreiber „das jenseitige Leben“,
zu dem die Menschenseele durch die Läuterung nach dem Tode er-
hoben wird. Er beschreibt sie als einen Zustand ununterbrochenen
Genießens, verbunden mit der Anschauung Gottes. Das ist nun wenig
originell, aber dafür werden wir durch die Unterscheidung überrascht,
die Schreiber zwischen einer männlichen und einer weiblichen Selig-
keit macht. (S. 18): „Die männliche Seligkeit stand höher als die weib-
liche Seligkeit, welche letztere vorzugsweise in einem ununterbrochenen
Wollustgefühle bestanden zu haben scheint1).“ Andere Stellen ver-
künden das Zusammenfallen von Seligkeit und Wollust in deutlicherer
Sprache und ohne Bezug auf den Geschlechtsunterschied, so wie auch1)Es liegt doch ganz im Sinne der Wunscherfüllung vom Leben im Jen-
seits, daß man dort endlich des Geschlechtsunterschiedes ledig wird.„Und jene himmlischen Gestalten
sie fragen nicht nach Mann und Weib.“(Mignon.)
S.
27
von dem Bestandteile der Seligkeit, der Anschauung Gottes ist, weiter
nicht gehandelt wird. So z. B. (S. 51): „mit der Natur der Gottes-
nerven, vermöge deren die Seligkeit …, wenn auch nicht ausschließ-
lich, jedoch mindestens zugleich eine hochgesteigerte Wollustemp-
findung ist“. Und (S. 281): „Die Wollust darf als ein Stück Seligkeit
aufgefaßt werden, das dem Menschen und anderen lebenden Geschöpfen
gewissermaßen im voraus verliehen ist“, so daß die himmlische
Seligkeit wesentlich als Steigerung und Fortsetzung der irdischen
Sinneslust zu verstehen wäre!Diese Auffassung der Seligkeit ist keineswegs ein aus den ersten
Stadien der Krankheit stammendes, später als unverträglich eliminiertes
Stück des Schreberschen Wahnes. Noch in der „Berufsbegrün-
dung“ (Juli 1901) hebt der Kranke als eine seiner großen Einsichten
hervor, „daß die Wollust nun einmal in einer – für andere Menschen
bisher nicht erkennbar gewordenen – nahen Beziehung zu der Seligkeit
der abgeschiedenen Geister steht“1).Ja, wir werden hören, daß diese „nahe Beziehung“ der Fels ist,
auf welchem der Kranke die Hoffnung einer endlichen Versöhnung
mit Gott und eines Aufhörens seiner Leiden gebaut hat. Die Strahlen
Gottes verlieren ihre feindselige Gesinnung, sobald sie versichert sind,
mit Seelenwollust in seinem Körper aufzugehen (S. 133); Gott selbst
verlangt danach, die Wollust bei ihm zu finden (S. 283) und droht
mit dem Rückzuge seiner Strahlen, wenn er in der Pflege der Wollust
nachläßt und Gott das Verlangte nicht bieten kann (S. 320).Diese überraschende Sexualisierung der himmlischen Seligkeit
macht uns den Eindruck, als ob Schrebers Seligkeitsbegriff durch die
Verdichtung der zwei Hauptbedeutungen des deutschen Wortes:
verstorben und sinnlich glücklich entstanden wäre2). Wir werden
in ihr aber auch den Anlaß finden, das Verhältnis unseres Patienten
zur Erotik überhaupt, zu den Fragen des sexuellen Genießens, der
Prüfung zu unterziehen, denn wir Psychoanalytiker huldigen bis jetzt
der Meinung, daß die Wurzeln jeder nervösen und psychischen Er-1)Über den möglichen Tiefsinn dieses Schreberschen Fundes vgl. unten.
2)„Mein seliger Vater“ und der Text der Arie aus dem Don Juan:
„Ja, dein zu sein auf ewig,
wie selig werd’ ich sein.“als extreme Vertreter der beiden Bedeutungen. Es kann aber auch nicht ohne
Sinn sein, daß unsere Sprache dasselbe Wort für so verschiedene Situationen
verwendet.S.
28
krankung vorzugsweise im Sexualleben zu finden seien, und zwar die
einen von uns nur aus Gründen der Erfahrung, die anderen überdies
noch infolge theoretischer Erwägungen.Nach den bisher gegebenen Proben des Schreberschen Wahnes
ist die Befürchtung, gerade diese paranoide Erkrankung könnte sich
als der so lange gesuchte „negative Fall“ herausstellen, in dem die
Sexualität eine allzu geringe Rolle spiele, ohne weiters abzuweisen.
Schreber selbst äußert sich ungezählte Male in solcher Art, als ob er
ein Anhänger unseres Vorurteiles wäre. Er nennt „Nervosität“ und
erotische Verfehlung stets in einem Atem, als ob die beiden nicht von
einander zu trennen wären1).Vor seiner Erkrankung war der Senatspräsident Schreber ein
sittenstrenger Mann gewesen. (S. 281): „Es wird wenige Menschen
geben“ – behauptet er, und ich sehe keine Berechtigung, ihm zu
mißtrauen –, „die in so strengen sittlichen Grundsätzen aufgewachsen
sind wie ich und die sich ihr ganzes Leben hindurch, namentlich
auch in geschlechtlicher Beziehung, eine diesen Grundsätzen ent-
sprechende Zurückhaltung in dem Maße auferlegt haben, wie ich es
von mir behaupten darf.“ Nach dem schweren Seelenkampfe, der sich
nach außen durch die Erscheinungen der Krankheit kundgab, hatte
sich das Verhältnis zur Erotik verändert. Er war zur Einsicht gekommen,
daß die Pflege der Wollust eine Pflicht für ihn sei, deren Erfüllung
allein den schweren in ihm, wie er meinte, um ihn, ausgebrochenen
Konflikt beenden könne. Die Wollust war, wie ihm die Stimmen
versicherten, „gottesfürchtig“ geworden (S. 285), und er bedauert
nur, daß er nicht imstande sei, sich den ganzen Tag über der Pflege
der Wollust zu widmen2) (S. 285).1) (S. 52): „Wenn auf irgend einem Weltkörper sittliche Fäulnis
(„wollüstige Ausschweifungen“) oder vielleicht auch Nervosität die ganze
Menschheit derart ergriffen hatten“ – dann meint Schreber, in Anlehnung
an die biblischen Berichte von Sodom und Gomorrha, von der Sündflut usw.,
könnte es zu einer Weltkatastrophe gekommen sein. – (S. 91.) „... habe Furcht
und Schrecken unter den Menschen verbreitet, die Grundlagen der Religion zer-
stört und das Umsichgreifen einer allgemeinen Nervosität und Un-
sittlichkeit verursacht, in deren Folge dann verheerende Seuchen über die
Menschheit hereingebrochen seien.“ – (S. 163): „Als „Höllenfürst“ galt daher
wahrscheinlich den Seelen die unheimliche Macht, die aus einem sittlichen
Verfall der Menschheit oder aus allgemeiner Nervenüberreizung in-
folge von Überkultur als eine gottfeindliche sich entwickeln konnte.“2) Im Zusammenhange des Wahnes heißt es (S. 179): „Die Anziehung
verlor jedoch ihre Schrecken für die betreffenden Nerven, wenn und so weitS.
29
Das also war das Fazit der Krankheitsveränderung bei Schreber
nach den beiden Hauptrichtungen seines Wahnes. Er war vorher ein
zur sexuellen Askese Geneigter und ein Zweifler an Gott gewesen,
er war nach Ablauf der Krankheit ein Gottesgläubiger und der Wollust
Beflissener. Aber wie sein wiedergewonnener Gottesglaube von ab-
sonderlicher Art war, so zeigte auch das Stück Sexualgenießen, das
er sich erobert hatte, einen ganz ungewöhnlichen Charakter. Es war
nicht mehr männliche Sexualfreiheit, sondern weibliches Sexual-
gefühl, er stellte sich feminin gegen Gott ein, fühlte sich als Gottes
Weib1).Kein anderes Stück seines Wahnes wird von dem Kranken so
ausführlich, man könnte sagen so aufdringlich behandelt, wie die von
ihm behauptete Verwandlung in ein Weib. Die von ihm aufgesogenen
Nerven haben in seinem Körper den Charakter weiblicher Wollust-
nerven angenommen und demselben auch sonst ein mehr oder weniger
weibliches Gepräge, insbesondere seiner Haut die dem weiblichen
Geschlecht eigentümliche Weichheit verliehen (S. 87). Er fühlt diese
Nerven, wenn er einen leisen Druck mit der Hand an einer beliebigen
Körperstelle ausübt, als Gebilde von faden- oder strangartiger
Beschaffenheit unter der Hautoberfläche, dieselben sind namentlich
an der Brust, da wo beim Weibe der Busen ist, vorhanden (S. 277).
„Durch einen auf diese Gebilde auszuübenden Druck vermag ich mir,
namentlich wenn ich an etwas Weibliches denke, eine der weiblichen
entsprechende Wollustempfindung zu verschaffen.“ Er weiß sicher,
daß diese Gebilde nach ihrer Herkunft weiter nichts sind als ehemalige
Gottesnerven, die doch durch ihren Übergang in seinen Körper ihresie beim Eingehen in meinem Körper das Gefühl der Seelenwollust antrafen,
an dem sie ihrerseits teilnahmen. Sie fanden dann für die verloren gegangene
himmlische Seligkeit, die wohl ebenfalls in einem wollustartigen Genießen bestand,
einen ganz oder mindestens annähernd gleichwertigen Ersatz in meinem Körper
wieder.1)Anmerkung zu S. 4 der Vorrede: „Etwas der Empfängnis Jesu Christi
von Seiten einer unbefleckten Jungfrau – d. h. von einer solchen, die niemals
Umgang mit einem Manne gepflogen hat –. Ähnliches ist in meinem eigenen
Leibe vorgegangen; ich habe (und zwar zu der Zeit, als ich noch in der Flechsig-
schen Anstalt war) zu zwei verschiedenen Malen bereits einen, wenn auch etwas
mangelhaft entwickelten weiblichen Geschlechtsteil gehabt und in meinem Leibe
hüpfende Bewegungen, wie sie den ersten Lebensregungen des menschlichen
Embryo entsprechen, empfunden: Durch göttliches Wunder waren dem männ-
lichen Samen entsprechende Gottesnerven in meinen Leib geworfen worden;
es hatte also eine Befruchtung stattgefunden.“S.
30
Eigenschaft als Nerven kaum eingeübt haben können (S. 279). Er ist
imstande, sich und den Strahlen durch „Zeichnen“ (visuelles Vor-
stellen) den Eindruck zu verschaffen, daß sein Körper mit weiblichen
Brüsten und weiblichem Geschlechtsteil ausgestattet sei. (S. 233):
„Das Zeichnen eines weiblichen Hinteren an meinen Körper – honny
soit qui mal y pense – ist mir so zur Gewohnheit geworden, daß ich
dies beim Bücken jedesmal fast unwillkürlich tue.“ Er will es „kühn
behaupten, daß jeder, der mich mit entblößtem oberen Teile des Rumpfes
vor dem Spiegel sehen würde – zumal wenn die Illusion durch etwas
weiblichen Aufputz unterstützt wird –, den unzweifelhaften Eindruck
eines weiblichen Oberkörpers empfangen würde“ (S. 280). Er
fordert die ärztliche Untersuchung heraus, um feststellen zu lassen,
daß sein ganzer Körper vom Scheitel bis zur Sohle mit Wollustnerven
durchsetzt ist, was nach seiner Meinung nur beim weiblichen Körper
der Fall ist, während beim Manne, soviel ihm bekannt ist, Wollust-
nerven nur am Geschlechtsteile und in unmittelbarer Nähe desselben
sich befinden (S. 274). Die Seelenwollust, die sich durch diese Anhäufung
der Nerven in seinem Körper entwickelt hat, ist so stark, daß es nament-
lich beim Liegen im Bette nur eines geringen Aufwandes von Einbildungs-
kraft bedarf, um sich ein sinnliches Behagen zu schaffen, das eine
ziemlich deutliche Vorahnung von dem weiblichen Geschlechtsgenusse
beim Beischlafe gewährt (S. 269).Erinnern wir uns des Traumes, welcher in der Inkubationszeit
der Erkrankung, noch vor der Übersiedlung nach Dresden, vorfiel,
so wird es über jeden Zweifel evident, daß der Wahn der Verwandlung
in ein Weib nichts anderes ist als die Realisierung jenes Trauminhaltes.
Gegen diesen Traum hatte er sich damals mit männlicher Empörung
gesträubt und ebenso wehrte er sich anfänglich gegen dessen Erfüllung
während der Krankheit, sah die Wandlung zum Weib als eine Schmach
an, die in feindseliger Absicht über ihn verhängt werden sollte. Aber
es kam ein Zeitpunkt (November 1895), in dem er sich mit dieser
Wandlung zu versöhnen begann und sie mit höheren Absichten Gottes
in Verbindung brachte. (S. 177 und 178): „Ich habe seitdem die Pflege
der Weiblichkeit mit vollem Bewußtsein auf meine Fahne geschrieben.“Er kam dann zur sicheren Überzeugung, daß Gott selbst zu
seiner eigenen Befriedigung die Weiblichkeit von ihm verlange.
(S. 281). „Sobald ich aber – wenn ich mich so ausdrücken darf –
mit Gott allein bin, ist es eine Notwendigkeit für mich, mit allen er-
denklichen Mitteln sowie mit dem vollen Aufgebote meiner Verstandes-S.
31
kräfte, insbesondere meiner Einbildungskraft, dahin zu wirken, daß
die göttlichen Strahlen von mir möglichst fortwährend – oder da
dies der Mensch einfach nicht kann – wenigstens zu gewissen Tages-
zeiten den Eindruck eines in wollüstigen Empfindungen schwelgenden
Weibes empfangen.“(S. 283): „Auf der andern Seite verlangt Gott ein den welt-
ordnungsmäßigen Daseinsbedingungen der Seelen entsprechendes
beständiges Genießen; es ist meine Aufgabe, ihm dasselbe, . . .
in der Form ausgiebigster Entwicklung der Seelenwollust zu bieten,
soweit dabei für mich etwas von sinnlichem Genusse abfällt, bin ich
berechtigt, denselben als eine kleine Entschädigung für das Übermaß
der Leiden und Entbehrungen, das mir seit Jahren auferlegt ist, mit-
zunehmen; . . .“(S. 284): „. . . ich glaube sogar nach den gewonnenen Eindrücken
die Ansicht aussprechen zu dürfen, daß Gott niemals zu einer Rück-
zugsaktion vorschreiten würde, wodurch mein körperliches Wohl-
befinden jedesmal zunächst erheblich verschlechtert wird, sondern
ohne jedes Widerstreben und in dauernder Gleichmäßigkeit der An-
ziehung folgen würde, wenn es mir möglich wäre, immer das in ge-
schlechtlicher Umarmung mit mir selbst daliegende Weib zu spielen,
meinen Blick immer auf weiblichen Wesen ruhen zu lassen, immer
weibliche Bilder zu besehen usw.“Die beiden Hauptstücke des Schreberschen Wahnes, die Wand-
lung zum Weibe und die bevorzugte Beziehung zu Gott sind in seinem
System durch die feminine Einstellung gegen Gott verknüpft. Es wird
eine unabweisbare Aufgabe für uns, eine wesentliche genetische
Beziehung zwischen diesen beiden Stücken nachzuweisen, sonst wären
wir mit unseren Erläuterungen zu Schrebers Wahn in die lächerliche
Rolle geraten, die Kant in dem berühmten Gleichnis der Kritik
der reinen Vernunft als die des Mannes beschreibt, der das Sieb unter-
hält, während ein anderer den Bock melkt.II. Deutungsversuche.
Von zwei Seiten her könnte man den Versuch machen, zum
Verständnis dieser paranoiden Krankengeschichte vorzudringen,
die bekannten Komplexe und Triebkräfte des Seelenlebens in ihr auf-
zudecken. Von den wahnhaften Äußerungen des Kranken selbst und
von den Anlässen seiner Erkrankung.
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1911-002/1911.2/1