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    Sonderabdruck aus dem Jahrbuch für psychoanalytische
    und psychopathologische Forschungen, Band III.

    Psychoanalytische Bemerkungen über einen auto-
    biographisch beschriebenen Fall von Paranoia
    (Dementia paranoides).

    Von Sigm. Freud (Wien).

    Die analytische Untersuchung der Paranoia bietet uns Ärzten,
    die nicht an öffentlichen Anstalten tätig sind, Schwierigkeiten be-
    sonderer Natur. Wir können solche Kranke nicht annehmen oder
    nicht lange behalten, weil die Aussicht auf therapeutischen Erfolg die
    Bedingung unserer Behandlung ist. So trifft es sich auch nur ausnahms-
    weise, daß ich einen tieferen Einblick in die Struktur der Paranoia
    machen kann, sei es, daß die Unsicherheit der nicht immer leichten
    Diagnose den Versuch einer Beeinflussung rechtfertigt, sei es, daß ich
    den Bitten der Angehörigen nachgebe und einen solchen Kranken trotz
    der gesicherten Diagnose für eine gewisse Zeit in Behandlung nehme.
    Ich sehe sonst natürlich Paranoiker (und Demente) genug und erfahre
    von ihnen soviel wie andere Psychiater von ihren Fällen, aber das
    reicht in der Regel nicht aus, um analytische Entscheidungen zu
    treffen.

    Die psychoanalytische Untersuchung der Paranoia wäre über-
    haupt unmöglich, wenn die Kranken nicht die Eigentümlichkeit besäßen,
    allerdings in entstellter Form, gerade das zu verraten, was die anderen
    Neurotiker als Geheimnis verbergen. Da die Paranoiker nicht zur
    Überwindung ihrer inneren Widerstände gezwungen werden können
    und ohnedies nur sagen, was sie sagen wollen, darf gerade bei dieser
    Affektion der schriftliche Bericht oder die gedruckte Krankengeschichte
    als Ersatz für die persönliche Bekanntschaft mit dem Kranken ein-
    treten. Ich halte es darum nicht für unstatthaft, analytische Deutungen
    an die Krankengeschichte eines Paranoikers (Dementia paranoides) zu

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    knüpfen, den ich nie gesehen habe, der aber seine Krankengeschichte
    selbst beschrieben und zur öffentlichen Kenntnis durch den Druck
    gebracht hat.

    Es ist dies der ehemalige sächsische Senatspräsident Dr. jur.
    Daniel Paul Schreiber, dessen „Denkwürdigkeiten eines Nerven-
    kranken“ im Jahre 1903 als Buch erschienen sind und, wenn ich recht
    berichtet bin, ein ziemlich großes Interesse bei den Psychiatern er-
    weckt haben. Es ist möglich, daß Dr. Schreber heute noch lebt und
    sich von seinem 1903 vertretenen Wahnsystem so weit zurückgezogen
    hat, daß er diese Bemerkungen über sein Buch peinlich empfindet.
    Soweit er aber die Identität seiner heutigen Persönlichkeit mit der
    damaligen noch festhält, darf ich mich auf seine eigenen Argumente
    berufen, die der „geistig hochstehende Mann von ungewöhnlich scharfem
    Verstand und scharfer Beobachtungsgabe“1) den Bemühungen, ihn
    von der Publikation abzuhalten, entgegensetzte: „Dabei habe ich
    mir die Bedenken nicht verfehlt, die einer Veröffentlichung entgegen-
    zustehen scheinen: es handelt sich namentlich um die Rücksicht auf
    einzelne noch lebende Personen. Auf der andern Seite bin ich der
    Meinung, daß es für die Wissenschaft und für die Erkenntnis religiöser
    Wahrheiten von Wert sein könnte, wenn noch bei meinen Lebzeiten
    irgendwelche Beobachtungen von berufener Seite an meinem Körper
    und meinen persönlichen Schicksalen zu ermöglichen wären. Dieser
    Erwägung gegenüber müssen alle persönlichen Rücksichten schweigen“2).
    An einer andern Stelle des Buches spricht er aus, daß er sich entschlossen
    habe, an dem Vorhaben der Veröffentlichung festzuhalten, auch wenn
    sein Arzt Geh. Rat Dr. Flechsig in Leipzig deswegen die Anklage
    gegen ihn erheben würde. Er mutet dabei Flechsig dasselbe zu,
    was ihm selbst jetzt von meiner Seite zugemutet wird: „Ich hoffe, daß
    dann auch bei Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig das wissenschaftliche Inter-
    esse an dem Inhalte meiner Denkwürdigkeiten etwaige persönliche
    Empfindlichkeiten zurückdrängen würde.“

    Wiewohl ich im folgenden alle Stellen der „Denkwürdigkeiten“,
    die meine Deutungen stützen, im Wortlaut anführen werde, bitte ich
    doch die Leser dieser Arbeit, sich vorher mit dem Buche wenigstens
    durch einmalige Lektüre vertraut zu machen.


    1)Diese gewiß nicht unberechtigte Selbstcharakteristik findet sich auf
    S. 35 des Schreberschen Buches.

    2)Vorrede der „Denkwürdigkeiten“.