S.
I
Meine Damen und Herren! Es ist mir ein neuartiges und
verwirrendes Gefühl, als Vortragender vor Wißbegierigen der
Neuen Welt zu stehen. Ich nehme an, daß ich diese Ehre nur
der Verknüpfung meines Namens mit dem Thema der Psycho-
analyse verdanke, und beabsichtige daher, Ihnen von Psychoanalyse
zu sprechen. Ich will es versuchen, Ihnen in gedrängtester Kürze
einen Überblick über die Geschichte der Entstehung und weiteren
Fortbildung dieser neuen Untersuchungs- und Heilmethode zu geben.Wenn es ein Verdienst ist, die Psychoanalyse ins Leben gerufen
zu haben, so ist es nicht mein Verdienst.1) Ich bin an den ersten
Anfängen derselben nicht beteiligt gewesen. Ich war Student und
mit der Ablegung meiner letzten Prüfungen beschäftigt, als ein
anderer Wiener Arzt, Dr. Josef Breuer,2) dieses Verfahren zuerst
an einem hysterisch erkrankten Mädchen anwendete (1880 bis
1882). Mit dieser Kranken- und Behandlungsgeschichte wollen
wir uns nun zunächst beschäftigen. Sie finden dieselbe ausführlich
dargestellt in den später von Breuer und mir veröffentlichten
„Studien über Hysterie“.3)
1) [Zusatz 1923:] Vgl. aber hiezu die Äußerung in „Zur Geschichte der psycho-
analytischen Bewegung“ (1914; enthalten im vorliegenden Bande der Gesamtausgabe),
mit welcher ich mich uneingeschränkt zur Verantwortung für die Psychoanalyse
bekenne.2) Dr. Josef Breuer, geb. 1842; korrespondierendes Mitglied der k. Akademie
der Wissenschaften, bekannt durch Arbeiten über die Atmung und zur Physiologie
des Gleichgewichtssinnes.3) Studien über Hysterie, Wien, 1895. 4. Aufl., 1922. [Enthalten in Bd. I. dieser
Gesamtausgabe.] Stücke meines Anteils an diesem Buche sind von Dr. A. A. BrillS.
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Vorher nur noch eine Bemerkung. Ich habe nicht ohne
Befriedigung erfahren, daß die Mehrzahl meiner Zuhörer nicht
dem ärztlichen Stande angehört. Besorgen Sie nun nicht, daß es
besonderer ärztlicher Vorbildung bedarf, um meinen Mitteilungen
zu folgen. Wir werden allerdings ein Stück weit mit den Ärzten
gehen, aber bald werden wir uns absondern und Dr. Breuer
auf einen ganz eigenartigen Weg begleiten.Dr. Breuers Patientin, ein einundzwanzigjähriges, geistig hoch-
begabtes Mädchen, entwickelte im Verlaufe ihrer über zwei Jahre
ausgedehnten Krankheit eine Reihe von körperlichen und seelischen
Störungen, die es wohl verdienten, ernst genommen zu werden.
Sie hatte eine steife Lähmung der beiden rechtsseitigen Extremitäten
mit Unempfindlichkeit derselben, zeitweise dieselbe Affektion an
den Gliedern der linken Körperseite, Störungen der Augen-
bewegungen und mannigfache Beeinträchtigungen des Seh-
vermögens, Schwierigkeiten der Kopfhaltung, eine intensive Tussis
nervosa, Ekel vor Nahrungsaufnahme und einmal durch mehrere
Wochen eine Unfähigkeit zu trinken trotz quälenden Durstes,
eine Herabsetzung des Sprechvermögens, die bis zum Verlust der
Fähigkeit fortschritt, ihre Muttersprache zu sprechen oder zu
verstehen, endlich Zustände von Abwesenheit, Verworrenheit,
Delirien, Alteration ihrer ganzen Persönlichkeit, denen wir unsere
Aufmerksamkeit später werden zuwenden müssen.Wenn Sie von einem solchen Krankheitsbilde hören, so werden
Sie, auch ohne Ärzte zu sein, der Annahme zuneigen, daß es
sich um ein schweres Leiden, wahrscheinlich des Gehirns, handle,
welches wenig Aussicht auf Herstellung biete und zur baldigen
Auflösung der Kranken führen dürfte. Lassen Sie sich indes von
den Ärzten belehren, daß für eine Reihe von Fällen mit so
schweren Erscheinungen eine andere und weitaus günstigere
in New York ins Englische übertragen worden (Selected papers on Hysteria and
other Psychoneuroses by S. Freud, Nr. 4 der „Nervous and Mental Disease Mono-
graph Series“, New York, Third enlarged edition 1920).S.
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Auffassung berechtigt ist. Wenn ein solches Krankheitsbild bei
einem jugendlichen weiblichen Individuum auftritt, dessen lebens-
wichtige innere Organe (Herz, Niere) sich der objektiven
Untersuchung normal erweisen, das aber heftige gemütliche
Erschütterungen erfahren hat, und wenn die einzelnen Symptome
in gewissen feineren Charakteren von der Erwartung abweichen,
dann nehmen die Ärzte einen solchen Fall nicht zu schwer. Sie
behaupten, daß dann nicht ein organisches Leiden des Gehirns
vorliegt, sondern jener rätselhafte, seit den Zeiten der griechischen
Medizin Hysterie benannte Zustand, der eine ganze Anzahl von
Bildern ernster Erkrankung vorzutäuschen vermöge. Sie halten
dann das Leben für nicht bedroht und eine selbst vollkommene
Herstellung der Gesundheit für wahrscheinlich. Die Unter-
scheidung einer solchen Hysterie von einem schweren organischen
Leiden ist nicht immer sehr leicht. Wir brauchen aber nicht zu
wissen, wie eine Differentialdiagnose dieser Art gemacht wird;
uns mag die Versicherung genügen, daß gerade der Fall von
Breuers Patientin ein solcher ist, bei dem kein kundiger Arzt
die Diagnose der Hysterie verfehlen wird. Wir können auch an
dieser Stelle aus dem Krankheitsbericht nachtragen, daß ihre
Erkrankung auftrat, während sie ihren zärtlich geliebten Vater
in seiner schweren, zum Tode führenden Krankheit pflegte, und
daß sie infolge ihrer eigenen Erkrankung von der Pflege zurück-
treten mußte.Soweit hat es uns Vorteil gebracht, mit den Ärzten zu gehen,
und nun werden wir uns bald von ihnen trennen. Sie dürfen
nämlich nicht erwarten, daß die Aussicht eines Kranken auf
ärztliche Hilfeleistung dadurch wesentlich gesteigert wird, daß
die Diagnose der Hysterie an die Stelle des Urteils auf ernste
organische Hirnaffektion tritt. Gegen die schweren Erkrankungen
des Gehirns ist die ärztliche Kunst in den meisten Fällen
ohnmächtig, aber auch gegen die hysterische Affektion weiß der
Arzt nichts zu tun. Er muß es der gütigen Natur überlassen,S.
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wann und wie sie seine hoffnungsvolle Prognose verwirklichen
will.1Mit der Erkennung der Hysterie wird also für den Kranken
wenig geändert; desto mehr ändert sich für den Arzt. Wir
können beobachten, daß er sich gegen den hysterischen ganz
anders einstellt als gegen den organisch Kranken. Er will dem
ersteren nicht dieselbe Teilnahme entgegenbringen wie dem
letzteren, da sein Leiden weit weniger ernsthaft ist und doch den
Anspruch zu erheben scheint, für ebenso ernsthaft zu gelten.
Aber es wirkt noch anderes mit. Der Arzt, der durch sein
Studium so vieles kennen gelernt hat, was dem Laien verschlossen
ist, hat sich von den Krankheitsursachen und Krankheits-
veränderungen, z. B. im Gehirn eines an Apoplexie oder Neu-
bildung Leidenden, Vorstellungen bilden können, die bis zu einem
gewissen Grade zutreffend sein müssen, da sie ihm das Verständnis
der Einzelheiten des Krankheitsbildes gestatten. Vor den Details
der hysterischen Phänomene läßt ihn aber all sein Wissen, seine
anatomisch-physiologische und pathologische Vorbildung im Stiche.
Er kann die Hysterie nicht verstehen, er steht ihr selbst wie
ein Laie gegenüber. Und das ist nun niemandem recht, der
sonst auf sein Wissen so große Stücke hält. Die Hysterischen
gehen also seiner Sympathie verlustig; er betrachtet sie wie
Personen, welche die Gesetze seiner Wissenschaft übertreten, wie
die Rechtgläubigen die Ketzer ansehen; er traut ihnen alles
mögliche Böse zu, beschuldigt sie der Übertreibung und der
absichtlichen Täuschung, Simulation; und er bestraft sie durch
die Entziehung seines Interesses.Diesen Vorwurf hat nun Dr. Breuer bei seiner Patientin
nicht verdient; er schenkte ihr Sympathie und Interesse, obwohl er
ihr anfangs nicht zu helfen verstand. Wahrscheinlich erleichterte1) Ich weiß, daß diese Behauptung heute nicht mehr zutrifft, aber im Vortrage
versetze ich mich und meine Hörer zurück in die Zeit vor 1880. Wenn es seither
anders geworden ist, so haben gerade die Bemühungen, deren Geschichte ich
skizziere, daran einen großen Anteil.S.
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Über Psychoanalyse1910-001/1924