Über Psychoanalyse1910-001/1924
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    Meine Damen und Herren! Etwa gleichzeitig, während Breuer
    mit seiner Patientin die „talking cure“ übte, hatte Meister
    Charcot in Paris jene Untersuchungen über die Hysterischen
    der Salpêtrière begonnen, von denen ein neues Verständnis der
    Krankheit ausgehen sollte. Diese Resultate konnten damals in
    Wien noch nicht bekannt sein. Als aber etwa ein Dezennium
    später Breuer und ich die vorläufige Mitteilung über den
    psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene veröffentlichten,
    welche an die kathartische Behandlung bei Breuers erster
    Patientin anknüpfte, da befanden wir uns ganz im Banne der
    Charcotschen Forschungen. Wir stellten die pathogenen Erleb-
    nisse unserer Kranken als psychische Traumen jenen körperlichen
    Traumen gleich, deren Einfluß auf hysterische Lähmungen
    Charcot festgestellt hatte, und Breuers Aufstellung der
    hypnoiden Zustände ist selbst nichts anderes als ein Reflex der
    Tatsache, daß Charcot jene traumatischen Lähmungen in der
    Hypnose künstlich reproduziert hatte.

    Der große französische Beobachter, dessen Schüler ich 1885/86
    wurde, war selbst psychologischen Auffassungen nicht geneigt; erst
    sein Schüler P. Janet versuchte ein tieferes Eindringen in die
    besonderen psychischen Vorgänge bei der Hysterie, und wir folgten
    seinem Beispiele, als wir die seelische Spaltung und den Zerfall
    der Persönlichkeit in das Zentrum unserer Auffassung rückten.
    Sie finden bei Janet eine Theorie der Hysterie, welche den in

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    Frankreich herrschenden Lehren über die Rolle der Erblichkeit
    und der Degeneration Rechnung trägt. Die Hysterie ist nach ihm
    eine Form der degenerativen Veränderung des Nervensystems,
    welche sich durch eine angeborene Schwäche der psychischen
    Synthese kundgibt. Die hysterisch Kranken seien von Anfang an
    unfähig, die Mannigfaltigkeit der seelischen Vorgänge zu einer
    Einheit zusammenzuhalten, und daher komme die Neigung zur
    seelischen Dissoziation. Wenn Sie mir ein banales, aber deutliches
    Gleichnis gestatten, Janets Hysterische erinnert an eine schwache
    Frau, die ausgegangen ist, um Einkäufe zu machen, und nun mit
    einer Menge von Schachteln und Paketen beladen zurückkommt.
    Sie kann den ganzen Haufen mit ihren zwei Armen und zehn
    Fingern nicht bewältigen, und so entfällt ihr zuerst ein Stück.
    Bückt sie sich, um dieses aufzuheben, so macht sich dafür ein
    anderes los usw. Es stimmt nicht gut zu dieser angenommenen
    seelischen Schwäche der Hysterischen, daß man bei ihnen außer
    den Erscheinungen verminderter Leistung auch Beispiele von
    teilweiser Steigerung der Leistungsfähigkeit, wie zur Entschädigung,
    beobachten kann. Zur Zeit, als Breuers Patientin ihre Mutter-
    sprache und alle anderen Sprachen bis auf Englisch vergessen
    hatte, erreichte ihre Beherrschung des Englischen eine solche Höhe,
    daß sie imstande war, wenn man ihr ein deutsches Buch vorlegte,
    eine tadellose und fließende englische Übersetzung desselben vom
    Blatt herunterzulesen.

    Als ich es später unternahm, die von Breuer begonnenen
    Untersuchungen auf eigene Faust fortzusetzen, gelangte ich bald
    zu einer anderen Ansicht über die Entstehung der hysterischen
    Dissoziation (Bewußtseinsspaltung). Eine solche, für alles weitere
    entscheidende Divergenz mußte sich notwendigerweise ergeben, da
    ich nicht wie Janet von Laboratoriumsversuchen, sondern von
    therapeutischen Bemühungen ausging.

    Mich trieb vor allem das praktische Bedürfnis. Die kathartische
    Behandlung, wie sie Breuer geübt hatte, setzte voraus, daß man

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    den Kranken in tiefe Hypnose bringe, denn nur im hypnotischen
    Zustand fand er die Kenntnis jener pathogenen Zusammenhänge,
    die ihm in seinem Normalzustand abging. Nun war mir die
    Hypnose als ein launenhaftes und sozusagen mystisches Hilfsmittel
    bald unliebsam geworden; als ich aber die Erfahrung machte, daß
    es mir trotz aller Bemühungen nicht gelingen wollte, mehr als
    einen Bruchteil meiner Kranken in den hypnotischen Zustand zu
    versetzen, beschloß ich, die Hypnose aufzugeben und die kathartische
    Behandlung von ihr unabhängig zu machen. Weil ich den
    psychischen Zustand meiner meisten Patienten nicht nach meinem
    Belieben verändern konnte, richtete ich mich darauf ein, mit ihrem
    Normalzustand zu arbeiten. Das schien allerdings vorerst ein sinn-
    und aussichtsloses Unternehmen zu sein. Es war die Aufgabe
    gestellt, etwas vom Kranken zu erfahren, was man nicht wußte
    und was er selbst nicht wußte; wie konnte man hoffen, dies doch
    in Erfahrung zu bringen? Da kam mir die Erinnerung an einen
    sehr merkwürdigen und lehrreichen Versuch zu Hilfe, den ich bei
    Bernheim in Nancy mitangesehen hatte. Bernheim zeigte
    uns damals, daß die Personen, welche er in hypnotischen
    Somnambulismus versetzt und in diesem Zustand allerlei hatte
    erleben lassen, die Erinnerung an das somnambul Erlebte doch
    nur zum Schein verloren hatten, und daß es möglich war, bei
    ihnen diese Erinnerungen auch im Normalzustand zu erwecken.
    Wenn er sie nach den somnambulen Erlebnissen befragte, so
    behaupteten sie anfangs zwar, nichts zu wissen, aber wenn er nicht
    nachgab, drängte, ihnen versicherte, sie wüßten es doch, so kamen
    die vergessenen Erinnerungen jedesmal wieder.

    So machte ich es also auch mit meinen Patienten. Wenn ich
    mit ihnen bis zu einem Punkte gekommen war, an dem sie
    behaupteten, nichts weiter zu wissen, so versicherte ich ihnen,
    sie wüßten es doch, sie sollten es nur sagen, und ich getraute
    mich der Behauptung, daß die Erinnerung die richtige sein
    würde, die ihnen in dem Moment käme, da ich meine Hand auf

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    ihre Stirne legte. Auf diese Weise gelang es mir, ohne Anwendung
    der Hypnose, von den Kranken alles zu erfahren, was zur
    Herstellung des Zusammenhanges zwischen den vergessenen
    pathogenen Szenen und den von ihnen erübrigten Symptomen
    erforderlich war. Aber es war ein mühseliges, ein auf die Dauer
    erschöpfendes Verfahren, das sich für eine endgültige Technik
    nicht eignen konnte.

    Ich gab es jedoch nicht auf, ohne aus den dabei gemachten
    Wahrnehmungen die entscheidenden Schlüsse zu ziehen. Ich hatte
    es also bestätigt gefunden, daß die vergessenen Erinnerungen
    nicht verloren waren. Sie waren im Besitze des Kranken und
    bereit, in Assoziation an das von ihm noch Gewußte aufzutauchen,
    aber irgendeine Kraft hinderte sie daran, bewußt zu werden,
    und nötigte sie, unbewußt zu bleiben. Die Existenz dieser Kraft
    konnte man mit Sicherheit annehmen, denn man verspürte eine ihr
    entsprechende Anstrengung, wenn man sich bemühte, im Gegensatz
    zu ihr die unbewußten Erinnerungen ins Bewußtsein des Kranken
    einzuführen. Man bekam die Kraft, welche den krankhaften Zustand
    aufrecht erhielt, als Widerstand des Kranken zu spüren.

    Auf diese Idee des Widerstandes habe ich nun meine Auffassung
    der psychischen Vorgänge bei der Hysterie gegründet. Es hatte
    sich als notwendig zur Herstellung erwiesen, diese Widerstände
    aufzuheben; vom Mechanismus der Heilung aus konnte man
    sich jetzt ganz bestimmte Vorstellungen über den Hergang bei
    der Erkrankung bilden. Dieselben Kräfte, die sich heute als
    Widerstand dem Bewußtmachen des Vergessenen widersetzten,
    mußten seinerzeit dieses Vergessen bewirkt und die betreffenden
    pathogenen Erlebnisse aus dem Bewußtsein gedrängt haben. Ich
    nannte diesen von mir supponierten Vorgang Verdrängung
    und betrachtete ihn als erwiesen durch die unleugbare Existenz
    des Widerstandes.

    Man konnte sich aber auch die Frage vorlegen, welches diese
    Kräfte und welche die Bedingungen der Verdrängung seien, in

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    Zweite Vorlesung


    der wir nun den pathogenen Mechanismus der Hysterie erkennen.
    Eine vergleichende Untersuchung der pathogenen Situationen, die
    man durch die kathartische Behandlung kennen gelernt hatte,
    gestattete hierauf Antwort zu geben. Bei all diesen Erlebnissen
    hatte es sich darum gehandelt, daß eine Wunschregung aufgetaucht
    war, welche in scharfem Gegensatze zu den sonstigen Wünschen
    des Individuums stand, sich als unverträglich mit den ethischen
    und ästhetischen Ansprüchen der Persönlichkeit erwies. Es hatte
    einen kurzen Konflikt gegeben, und das Ende dieses inneren
    Kampfes war, daß die Vorstellung, welche als der Träger jenes un-
    vereinbaren Wunsches vor dem Bewußtsein auftrat, der Verdrängung
    anheimfiel und mit den zu ihr gehörigen Erinnerungen aus dem
    Bewußtsein gedrängt und vergessen wurde. Die Unverträglichkeit
    der betreffenden Vorstellung mit dem Ich des Kranken war also
    das Motiv der Verdrängung; die ethischen und anderen Anforde-
    rungen des Individuums waren die verdrängenden Kräfte. Die
    Annahme der unverträglichen Wunschregung oder die Fortdauer
    des Konflikts hätten hohe Grade von Unlust hervorgerufen; diese
    Unlust wurde durch die Verdrängung erspart, die sich in
    solcher Art als eine der Schutzvorrichtungen der seelischen
    Persönlichkeit erwies.

    Ich will Ihnen anstatt vieler einen einzigen meiner Fälle
    erzählen, in welchem Bedingungen und Nutzen der Verdrängung
    deutlich genug zu erkennen sind. Freilich muß ich für meinen
    Zweck auch diese Krankengeschichte verkürzen und wichtige
    Voraussetzungen derselben beiseite lassen. Ein junges Mädchen,
    welches kurz vorher den geliebten Vater verloren hatte, an dessen
    Pflege sie beteiligt gewesen war, – eine Situation analog der
    bei der Patientin Breuers, – brachte, als ihre ältere Schwester
    sich verheiratete, dem neuen Schwager eine besondere Sympathie
    entgegen, die sich leicht als verwandtschaftliche Zärtlichkeit
    maskieren konnte. Diese Schwester erkrankte bald und starb,
    während die Patientin mit ihrer Mutter abwesend war. Die

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    Abwesenden wurden eiligst zurückgerufen, ohne in sichere Kenntnis
    des schmerzlichen Ereignisses gesetzt zu werden. Als das Mädchen
    an das Bett der toten Schwester trat, tauchte für einen kurzen
    Moment eine Idee in ihr auf, die sich etwa in den Worten
    ausdrücken ließe: Jetzt ist er frei und kann mich
    heiraten. Wir dürfen als sicher annehmen, daß diese Idee,
    welche die ihr selbst nicht bewußte intensive Liebe zum Schwager
    ihrem Bewußtsein verriet, durch den Aufruhr ihrer Gefühle im
    nächsten Moment der Verdrängung überliefert wurde. Das
    Mädchen erkrankte an schweren hysterischen Symptomen, und
    als ich sie in Behandlung genommen hatte, stellte es sich heraus,
    daß sie jene Szene am Bette der Schwester und die in ihr
    auftretende häßlich-egoistische Regung gründlich vergessen hatte.
    Sie erinnerte sich daran in der Behandlung, reproduzierte den
    pathogenen Moment unter den Anzeichen heftigster Gemüts-
    bewegung und wurde durch diese Behandlung gesund.

    Vielleicht darf ich Ihnen den Vorgang der Verdrängung und
    deren notwendige Beziehung zum Widerstand durch ein grobes
    Gleichnis veranschaulichen, das ich gerade aus unserer gegen-
    wärtigen Situation herausgreifen will. Nehmen Sie an, hier in
    diesem Saale und in diesem Auditorium, dessen musterhafte Ruhe
    und Aufmerksamkeit ich nicht genug zu preisen weiß, befände
    sich doch ein Individuum, welches sich störend benimmt und
    durch sein ungezogenes Lachen, Schwätzen, Scharren mit den
    Füßen meine Aufmerksamkeit von meiner Aufgabe abzieht. Ich
    erkläre, daß ich so nicht weiter vortragen kann, und daraufhin
    erheben sich einige kräftige Männer unter Ihnen und setzen den
    Störenfried nach kurzem Kampfe vor die Tür. Er ist also jetzt
    „verdrängt“ und ich kann meinen Vortrag fortsetzen. Damit aber
    die Störung sich nicht wiederhole, wenn der Herausgeworfene
    versucht, wieder in den Saal einzudringen, rücken die Herren,
    welche meinen Willen zur Ausführung gebracht haben, ihre
    Stühle an die Türe an und etablieren sich so als „Widerstand“

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    nach vollzogener Verdrängung. Wenn Sie nun noch die beiden
    Lokalitäten hier als das „Bewußte“ und das „Unbewußte“ aufs
    Psychische übertragen, so haben Sie eine ziemlich gute Nach-
    bildung des Vorganges der Verdrängung vor sich.

    Sie sehen nun, worin der Unterschied unserer Auffassung von
    der Janetschen gelegen ist. Wir leiten die psychische Spaltung
    nicht von einer angeborenen Unzulänglichkeit des seelischen
    Apparates zur Synthese ab, sondern erklären sie dynamisch durch
    den Konflikt widerstreitender Seelenkräfte, erkennen in ihr das
    Ergebnis eines aktiven Sträubens der beiden psychischen Gruppie-
    rungen gegeneinander. Aus unserer Auffassung erheben sich nun
    neue Fragestellungen in großer Anzahl. Die Situation des
    psychischen Konflikts ist ja eine überaus häufige, ein Bestreben
    des Ichs, sich peinlicher Erinnerungen zu erwehren, wird ganz
    regelmäßig beobachtet, ohne daß es zum Ergebnis einer seelischen
    Spaltung führte. Man kann den Gedanken nicht abweisen, daß
    es noch anderer Bedingungen bedarf, wenn der Konflikt die
    Dissoziation zur Folge haben soll. Ich gebe Ihnen auch gern zu,
    daß wir mit der Annahme der Verdrängung nicht am Ende,
    sondern erst am Anfang einer psychologischen Theorie stehen,
    aber wir können nicht anders als schrittweise vorrücken und
    müssen die Vollendung der Erkenntnis weiterer und tiefer ein-
    dringender Arbeit überlassen.

    Can't it be brought
    into consciousness

    Unterlassen Sie auch den Versuch, den Fall der Patientin
    Breuers unter die Gesichtspunkte der Verdrängung zu bringen.
    Diese Krankengeschichte eignet sich hiezu nicht, weil sie mit
    Hilfe der hypnotischen Beeinflussung gewonnen worden ist. Erst,
    wenn Sie die Hypnose ausschalten, können Sie die Widerstände und
    Verdrängungen bemerken und sich von dem wirklichen pathogenen
    Vorgang eine zutreffende Vorstellung bilden. Die Hypnose verdeckt
    den Widerstand und macht ein gewisses seelisches Gebiet frei zu-
    gänglich, dafür häuft sie den Widerstand an den Grenzen dieses
    Gebietes zu einem Walle auf, der alles Weitere unzugänglich macht.

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    Das Wertvollste, was wir aus der Breuerschen Beobachtung
    gelernt haben, waren die Aufschlüsse über den Zusammenhang
    der Symptome mit den pathogenen Erlebnissen oder psychischen
    Träumen, und nun dürfen wir nicht versäumen, diese Einsichten
    vom Standpunkte der Verdrängungslehre zu würdigen. Man sieht
    zunächst wirklich nicht ein, wie man von der Verdrängung aus
    zur Symptombildung gelangen kann. Anstatt eine komplizierte
    theoretische Ableitung zu geben, will ich an dieser Stelle auf
    unser früher gebrauchtes Bild für die Verdrängung zurückgreifen.
    Denken Sie daran, mit der Entfernung des störenden Gesellen
    und der Niederlassung der Wächter vor der Türe braucht die
    Angelegenheit nicht beendigt zu sein. Es kann sehr wohl geschehen,
    daß der Herausgeworfene, der jetzt erbittert und ganz rücksichtslos
    geworden ist, uns weiter zu schaffen gibt. Er ist zwar nicht
    mehr unter uns, wir sind seine Gegenwart, sein höhnisches
    Lachen, seine halblauten Bemerkungen los geworden, aber in
    gewisser Hinsicht ist die Verdrängung doch erfolglos gewesen,
    denn er führt nun draußen einen unerträglichen Spektakel auf,
    und sein Schreien und mit den Fäusten an die Türe Pochen
    hemmt meinen Vortrag mehr als früher sein unartiges Benehmen.
    Unter diesen Verhältnissen würden wir es mit Freuden begrüßen
    müssen, wenn etwa unser verehrter Präsident Dr. Stanley
    Hall die Rolle des Vermittlers und Friedensstifters übernehmen
    wollte. Er würde mit dem ungebärdigen Gesellen draußen sprechen
    und dann sich an uns mit der Aufforderung wenden, ihn doch
    wieder einzulassen, er übernehme die Garantie, daß jener sich jetzt
    besser betragen werde. Auf Dr. Halls Autorität hin entschließen
    wir uns dazu, die Verdrängung wieder aufzuheben, und nun tritt
    wieder Ruhe und Frieden ein. Es ist dies wirklich keine
    umpassende Darstellung der Aufgabe, die dem Arzt bei der psycho-
    analytischen Therapie der Neurosen zufällt.

    Um es jetzt direkter zu sagen: Wir kommen durch die Unter-
    suchung der hysterisch Kranken und anderer Neurotiker zur

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    Überzeugung, daß ihnen die Verdrängung der Idee, an welcher
    der unerträgliche Wunsch hängt, mißlungen ist. Sie haben
    sie zwar aus dem Bewußtsein und aus der Erinnerung getrieben
    und sich anscheinend eine große Summe Unlust erspart, aber
    im Unbewußten besteht die verdrängte Wunsch-
    regung weiter, lauert auf eine Gelegenheit, aktiviert zu
    werden, und versteht es dann, eine entstellte und unkenntlich
    gemachte Ersatzbildung für das Verdrängte ins Bewußtsein
    zu schicken, an welche sich bald dieselben Unlustempfindungen
    knüpfen, die man durch die Verdrängung erspart glaubte. Diese
    Ersatzbildung für die verdrängte Idee – das Symptom – ist
    gegen weitere Angriffe von seiten des abwehrenden Ichs gefeit,
    und an Stelle des kurzen Konflikts tritt jetzt ein in der Zeit
    nicht endendes Leiden. An dem Symptom ist neben den Anzeichen
    der Entstellung ein Rest von irgendwie vermittelter Ähnlichkeit
    mit der ursprünglich verdrängten Idee zu konstatieren; die
    Wege, auf denen sich die Ersatzbildung vollzog, lassen sich
    während der psychoanalytischen Behandlung des Kranken auf-
    decken, und zu seiner Heilung ist es notwendig, daß das Symptom
    auf diesen nämlichen Wegen wieder in die verdrängte Idee
    übergeführt werde. Ist das Verdrängte wieder der bewußten
    Seelentätigkeit zugeführt, was die Überwindung beträchtlicher
    Widerstände voraussetzt, so kann der so entstandene psychische
    Konflikt, den der Kranke vermeiden wollte, unter der Leitung
    des Arztes einen besseren Ausgang finden, als ihn die Verdrängung
    bot. Es gibt mehrere solcher zweckmäßiger Erledigungen, welche
    Konflikt und Neurose zum glücklichen Ende führen, und die im
    einzelnen Falle auch miteinander kombiniert erzielt werden
    können. Entweder wird die Persönlichkeit des Kranken überzeugt,
    daß sie den pathogenen Wunsch mit Unrecht abgewiesen hat
    und veranlaßt, ihn ganz oder teilweise zu akzeptieren, oder dieser
    Wunsch wird selbst auf ein höheres und darum einwandfreies
    Ziel geleitet (was man seine Sublimierung heißt), oder man

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    erkennt seine Verwerfung als zu Recht bestehend an, ersetzt aber
    den automatischen und darum unzureichenden Mechanismus der
    Verdrängung durch eine Verurteilung mit Hilfe der höchsten
    geistigen Leistungen des Menschen; man erreicht seine bewußte
    Beherrschung.

    Verzeihen Sie mir, wenn es mir nicht gelungen ist, Ihnen
    diese Hauptgesichtspunkte der nun Psychoanalyse genannten
    Behandlungsmethode klarer faßlich darzustellen. Die Schwierig-
    keiten liegen nicht nur in der Neuheit des Gegenstandes. Welcher
    Art die unverträglichen Wünsche sind, die sich trotz der
    Verdrängung aus dem Unbewußten vernehmbar zu machen
    verstehen, und welche subjektiven oder konstitutionellen Bedin-
    gungen bei einer Person zutreffen müssen, damit sich ein solches
    Mißlingen der Verdrängung und eine Ersatz- oder Symptom-
    bildung vollziehe, darüber werden noch einige spätere Bemerkungen
    Aufschluß geben.