Über Psychoanalyse1910-001/1924
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    IV

    Meine Damen und Herren! Sie werden nun zu wissen verlangen,
    was wir mit Hilfe der beschriebenen technischen Mittel über
    die pathogenen Komplexe und verdrängten Wunschregungen der
    Neurotiker in Erfahrung gebracht haben.

    Nun vor allem eines: Die psychoanalytische Forschung führt
    mit wirklich überraschender Regelmäßigkeit die Leidenssymptome
    der Kranken auf Eindrücke aus ihrem Liebesleben zurück, zeigt
    uns, daß die pathogenen Wunschregungen von der Natur
    erotischer Triebkomponenten sind, und nötigt uns anzunehmen,
    daß Störungen der Erotik die größte Bedeutung unter den zur
    Erkrankung führenden Einflüssen zugesprochen werden muß, und
    dies zwar bei beiden Geschlechtern.

    Ich weiß, diese Behauptung wird mir nicht gern geglaubt.
    Selbst solche Forscher, die meinen psychologischen Arbeiten bereit-
    willig folgen, sind geneigt zu meinen, daß ich den ätiologischen
    Anteil der sexuellen Momente überschätze, und wenden sich an
    mich mit der Frage, warum denn nicht auch andere seelische
    Erregungen zu den beschriebenen Phänomenen der Verdrängung
    und Ersatzbildung Anlaß geben sollen. Nun ich kann antworten:

    Ich weiß nicht, warum sie es nicht sollten, habe auch nichts
    dagegen, aber die Erfahrung zeigt, daß sie solche Bedeutung
    nicht haben, daß sie höchstens die Wirkung der sexuellen Momente
    unterstützen, nie aber die letzteren ersetzen können. Dieser Sach-
    verhalt wurde von mir nicht etwa theoretisch postuliert; noch in

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    den 1895 mit Dr. J. Breuer publizierten Studien über Hysterie
    stand ich nicht auf diesem Standpunkte; ich mußte mich zu ihm
    bekehren, als meine Erfahrungen zahlreicher wurden und tiefer
    in den Gegenstand eindrangen. Meine Herren! Es befinden sich
    hier unter Ihnen einige meiner nächsten Freunde und Anhänger,
    die die Reise nach Worcester mit mir gemacht haben. Fragen
    Sie bei ihnen an und Sie werden hören, daß sie alle der
    Behauptung von der maßgebenden Bedeutung der sexuellen
    Ätiologie zuerst vollen Unglauben entgegenbrachten, bis sie durch
    ihre eigenen analytischen Bemühungen genötigt wurden, sie zu
    der ihrigen zu machen.

    Die Überzeugung von der Richtigkeit des in Rede stehenden
    Satzes wird durch das Benehmen der Patienten nicht gerade
    erleichtert. Anstatt uns die Auskünfte über ihr Sexualleben bereit-
    willig entgegenzubringen, suchen sie dieses mit allen Mitteln zu
    verbergen. Die Menschen sind überhaupt nicht aufrichtig in
    sexuellen Dingen. Sie zeigen ihre Sexualität nicht frei, sondern
    tragen eine dicke Oberkleidung aus – Lügengewebe zu ihrer
    Verhüllung, als ob es schlechtes Wetter gäbe in der Welt der
    Sexualität. Und sie haben nicht unrecht, Sonne und Wind sind
    in unserer Kulturwelt der sexuellen Betätigung wirklich nicht
    günstig; eigentlich kann niemand von uns seine Erotik frei den
    anderen enthüllen. Wenn Ihre Patienten aber erst gemerkt haben,
    daß sie sich’s in Ihrer Behandlung behaglich machen dürfen,
    dann legen sie jene Lügenhülle ab, und dann erst sind Sie in
    der Lage, sich ein Urteil über unsere Streitfrage zu bilden. Leider
    sind auch die Ärzte in ihrem persönlichen Verhältnis zu den
    Fragen des Sexuallebens vor anderen Menschenkindern nicht
    bevorzugt, und viele von ihnen stehen unter dem Banne jener
    Vereinigung von Prüderie und Lüsternheit, welche das Verhalten
    der meisten „Kulturmenschen“ in Sachen der Sexualität beherrscht.

    Lassen Sie uns nun in der Mitteilung unserer Ergebnisse
    fortfahren. In einer anderen Reihe von Fällen führt die psycho-
     

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    analytische Erforschung die Symptome allerdings nicht auf
    sexuelle, sondern auf banale traumatische Erlebnisse zurück. Aber
    diese Unterscheidung wird durch einen anderen Umstand
    bedeutungslos. Die zur gründlichen Aufklärung und endgültigen
    Herstellung eines Krankheitsfalles erforderliche Analysenarbeit
    macht nämlich in keinem Falle bei den Erlebnissen der Erkrankungs-
    zeit halt, sondern sie geht in allen Fällen bis in die Pubertät
    und in die frühe Kindheit des Erkrankten zurück, um erst dort
    auf die für die spätere Erkrankung bestimmenden Eindrücke und
    Vorfälle zu stoßen. Erst die Erlebnisse der Kindheit geben die
    Erklärung für die Empfindlichkeit gegen spätere Traumen, und
    nur durch die Aufdeckung und Bewußtwerdung dieser fast
    regelmäßig vergessenen Erinnerungsspuren erwerben wir die
    Macht zur Beseitigung der Symptome. Wir gelangen hier zu dem
    gleichen Ergebnis wie bei der Erforschung der Träume, daß es
    die unvergänglichen, verdrängten, Wunschregungen der Kindheit
    sind, die ihre Macht zur Symptombildung geliehen haben, ohne
    welche die Reaktion auf spätere Traumen normal verlaufen wäre.
    Diese mächtigen Wunschregungen der Kindheit dürfen wir aber
    ganz allgemein als sexuelle bezeichnen.

    Jetzt bin ich aber erst recht Ihrer Verwunderung sicher. Gibt
    es denn eine infantile Sexualität? werden Sie fragen. Ist das
    Kindesalter nicht vielmehr die Lebensperiode, die durch das
    Fehlen des Sexualtriebes ausgezeichnet ist? Nein, meine Herren,
    es ist gewiß nicht so, daß der Sexualtrieb zur Pubertätszeit in
    die Kinder fährt wie im Evangelium der Teufel in die Säue.
    Das Kind hat seine sexuellen Triebe und Betätigungen von Anfang
    an, es bringt sie mit auf die Welt, und aus ihnen geht durch
    eine bedeutungsvolle, an Etappen reiche Entwicklung die
    sogenannte normale Sexualität des Erwachsenen hervor. Es ist
    nicht einmal schwer, die Äußerungen dieser kindlichen Sexual-
    betätigung zu beobachten; es gehört vielmehr eine gewisse Kunst
    dazu, sie zu übersehen oder wegzudeuten.

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    Durch die Gunst des Schicksals bin ich in die Lage versetzt,
    einen Zeugen für meine Behauptungen aus Ihrer Mitte selbst
    anzurufen. Ich zeige Ihnen hier die Arbeit eines Dr. Sanford
    Bell, die 1902 im „American Journal of Psychology“ abgedruckt
    worden ist. Der Autor ist ein Fellow der Clark University,
    desselben Instituts, in dessen Räumen wir jetzt stehen. In dieser
    Arbeit, betitelt: A preliminary study of the emotion of love
    between the sexes, die drei Jahre vor meinen „Drei Abhandlungen
    zur Sexualtheorie“ erschienen ist, sagt der Autor ganz so, wie
    ich Ihnen eben sagte: The emotion of sex-love … does not make
    its appearance for the first time at the period of adolescence, as
    has been thought. Er hat, wie wir in Europa sagen würden, im
    amerikanischen Stil gearbeitet, nicht weniger als 2500 positive
    Beobachtungen im Laufe von 15 Jahren gesammelt, darunter
    800 eigene. Von den Zeichen, durch die sich diese Verliebtheiten
    kundgeben, äußert er: The unprejudiced mind in observing these
    manifestations in hundreds of couples of children cannot escape
    referring them to sex origin. The most exacting mind is satisfied
    when to these observations are added the confessions of those who
    have as children, experienced the emotion to a marked degree of
    intensity, and whose memories of childhood are relatively distinct.
    Am meisten aber werden diejenigen von Ihnen, die an die
    infantile Sexualität nicht glauben wollten, überrascht sein zu
    hören, daß unter diesen früh verliebten Kindern nicht wenige
    sich im zarten Alter von drei, vier und fünf Jahren befinden.

    Ich würde mich nicht wundern, wenn Sie diesen Beobachtungen
    eines engsten Landsmannes eher Glauben schenken würden als
    den meinigen. Mir selbst ist es vor kurzem geglückt, aus der
    Analyse eines fünfjährigen, an Angst leidenden Knaben, die dessen
    eigener Vater kunstgerecht mit ihm vorgenommen,1) ein ziemlich


    1) Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben (Jahrbuch für psychoanalytische
    und psychopathologische Forschungen. Bd. I, 1. Hälfte, 1909. Enthalten in Bd. VIII
    dieser Gesamtausgabe).

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    vollständiges Bild der somatischen Triebäußerungen und der
    seelischen Produktionen auf einer frühen Stufe des kindlichen
    Liebeslebens zu gewinnen. Und ich darf Sie daran erinnern, daß
    mein Freund Dr. C. G. Jung Ihnen in diesem Saale vor wenigen
    Stunden die Beobachtung eines noch jüngeren Mädchens vorlas,
    welches aus dem gleichen Anlaß wie mein Patient – bei der
    Geburt eines Geschwisterchens – fast die nämlichen sinnlichen
    Regungen, Wunsch- und Komplexbildungen, mit Sicherheit
    erraten ließ. Ich verzweifle also nicht daran, daß Sie sich mit
    der anfänglich befremdlichen Idee der infantilen Sexualität
    befreunden werden, und möchte Ihnen noch das rühmliche
    Beispiel des Züricher Psychiaters E. Bleuler vorhalten, der noch
    vor wenigen Jahren öffentlich äußerte, „er stehe meinen
    sexuellen Theorien ohne Verständnis gegenüber“, und seither die
    infantile Sexualität in ihrem vollen Umfang durch eigene Beob-
    achtungen bestätigt hat.1)

    Wenn die meisten Menschen, ärztliche Beobachter oder andere,
    vom Sexualleben des Kindes nichts wissen wollen, so ist dies nur
    zu leicht erklärlich. Sie haben ihre eigene infantile Sexual-
    betätigung unter dem Drucke der Erziehung zur Kultur vergessen
    und wollen nun an das Verdrängte nicht erinnert werden. Sie
    würden zu anderen Überzeugungen gelangen, wenn sie die
    Untersuchung mit einer Selbstanalyse, einer Revision und Deutung
    ihrer Kindheitserinnerungen beginnen würden.

    Lassen Sie die Zweifel fallen und gehen Sie mit mir an eine
    Würdigung der infantilen Sexualität von den frühesten Jahren
    an.2) Der Sexualtrieb des Kindes erweist sich als hoch zusammen-
    gesetzt, er läßt eine Zerlegung in viele Komponenten zu, die aus
    verschiedenen Quellen stammen. Er ist vor allem noch unabhängig
    von der Funktion der Fortpflanzung, in deren Dienst er sich

    1) Bleuler, Sexuelle Abnormitäten der Kinder. Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Schulgesundheitspflege, IX, 1908.

    2) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (Wien 1905; 5. Auflage 1922. Enthalten in Band V dieser Gesamtausgabe).

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    später stellen wird. Er dient der Gewinnung verschiedener Arten
    von Lustempfindung, die wir nach Analogien und Zusammen-
    hängen als Sexuallust zusammenfassen. Die Hauptquelle der infan-
    tilen Sexuallust ist die geeignete Erregung bestimmter, besonders
    reizbarer Körperstellen, außer den Genitalien der Mund-, After-
    und Harnröhrenöffnung, aber auch der Haut und anderer Sinnes-
    oberflächen. Da in dieser ersten Phase des kindlichen Sexual-
    lebens die Befriedigung am eigenen Körper gefunden und von
    einem fremden Objekt abgesehen wird, heißen wir die Phase
    nach einem von Havelock Ellis geprägten Wort die des Auto-
    erotismus. Jene für die Gewinnung von sexueller Lust bedeut-
    samen Stellen nennen wir erogene Zonen. Das Ludeln oder
    Wonnesaugen der kleinsten Kinder ist ein gutes Beispiel einer
    solchen autoerotischen Befriedigung von einer erogenen Zone aus;
    der erste wissenschaftliche Beobachter dieses Phänomens, ein
    Kinderarzt namens Lindner in Budapest, hat es bereits richtig
    als Sexualbefriedigung gedeutet und dessen Übergang in andere
    und höhere Formen der Sexualbetätigung erschöpfend beschrieben.1)

    Eine andere Sexualbefriedigung dieser Lebenszeit ist die mastur-
    batorische Erregung der Genitalien, die eine so große Bedeutung
    für das spätere Leben behält und von vielen Individuen über-
    haupt nie völlig überwunden wird. Neben diesen und anderen
    autoerotischen Betätigungen äußern sich sehr frühzeitig beim
    Kinde jene Triebkomponenten der Sexuallust oder, wie wir gern
    sagen, der Libido, die eine fremde Person als Objekt zur Vor-
    aussetzung nehmen. Diese Triebe treten in Gegensatzpaaren auf,
    als aktive und passive; ich nenne Ihnen als die wichtigsten Ver-
    treter dieser Gruppe die Lust, Schmerzen zu bereiten (Sadismus),
    mit ihrem passiven Gegenspiel (Masochismus), und die aktive
    und passive Schaulust, von welch ersterer später die Wißbegierde
    abzweigt, wie von letzterer der Drang zur künstlerischen und
    schauspielerischen Schaustellung. Andere Sexualbetätigungen des


    1) Jahrbuch für Kinderheilkunde, 1879.

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    Kindes fallen bereits unter den Gesichtspunkt der Objektwahl,
    bei welcher eine fremde Person zur Hauptsache wird, die ihre
    Bedeutung ursprünglich Rücksichten des Selbsterhaltungstriebes
    verdankt. Der Geschlechtsunterschied spielt aber in dieser kindlichen
    Periode noch keine ausschlaggebende Rolle; Sie können so jedem
    Kinde, ohne ihm unrecht zu tun, ein Stück homosexueller
    Begabung zusprechen.

    Dieses zerfahrene, reichhaltige, aber dissoziierte Sexualleben des
    Kindes, in welchem der einzelne Trieb unabhängig von jedem an-
    deren dem Lusterwerbe nachgeht, erfährt nun eine Zusammenfassung
    und Organisation nach zwei Hauptrichtungen, so daß mit Abschluß
    der Pubertätszeit der definitive Sexualcharakter des Individuums
    meist fertig ausgebildet ist. Einerseits unterordnen sich die
    einzelnen Triebe der Oberherrschaft der Genitalzone, wodurch
    das ganze Sexualleben in den Dienst der Fortpflanzung tritt und
    die Befriedigung ersterer nur noch als Vorbereitung und Begün-
    stigung des eigentlichen Sexualaktes von Bedeutung bleibt. Ander-
    seits drängt die Objektwahl den Autoerotismus zurück, so daß
    nun im Liebesleben alle Komponenten des Sexualtriebes an der
    geliebten Person befriedigt werden wollen. Aber nicht alle
    ursprünglichen Triebkomponenten werden zu einem Anteil an
    dieser endgültigen Feststellung des Sexuallebens zugelassen. Noch
    vor der Pubertätszeit sind unter dem Einfluß der Erziehung
    äußerst energische Verdrängungen gewisser Triebe durchgesetzt
    und seelische Mächte, wie Scham, Ekel, Moral, hergestellt worden,
    welche diese Verdrängungen wie Wächter unterhalten. Kommt
    dann im Pubertätsalter die Hochflut der sexuellen Bedürftigkeit,
    so findet sie an den genannten seelischen Reaktions- oder Wider-
    standsbildungen Dämme, welche ihr den Ablauf in die sogenannten
    normalen Wege vorschreiben und es ihr unmöglich machen, die
    der Verdrängung unterlegenen Triebe neu zu beleben. Es sind
    besonders die koprophilen, das heißt die mit den Exkrementen
    zusammenhängenden Lustregungen der Kindheit, welche von der

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    Verdrängung am gründlichsten betroffen werden, und ferner die
    Fixierung an die Personen der primitiven Objektwahl.

    Meine Herren! Ein Satz der allgemeinen Pathologie sagt aus,
    daß jeder Entwicklungsvorgang die Keime der pathologischen
    Disposition mit sich bringt, insofern er gehemmt, verzögert werden
    oder unvollkommen ablaufen kann. Dasselbe gilt für die so
    komplizierte Entwicklung der Sexualfunktion. Sie wird nicht bei
    allen Individuen glatt durchgemacht und hinterläßt dann entweder
    Abnormitäten oder Dispositionen zu späterer Erkrankung auf dem
    Wege der Rückbildung (Regression). Es kann geschehen, daß
    nicht alle Partialtriebe sich der Herrschaft der Genitalzone unter-
    werfen; ein solcher unabhängig gebliebener Trieb stellt dann das
    her, was wir eine Perversion nennen, und was das normale
    Sexualziel durch sein eigenes ersetzen kann. Es kommt, wie
    bereits erwähnt, sehr häufig vor, daß der Autoerotismus nicht
    völlig überwunden wird, wovon die mannigfaltigsten Störungen
    in der Folge Zeugnis ablegen. Die ursprüngliche Gleichwertigkeit
    beider Geschlechter als Sexualobjekte kann sich erhalten, und
    daraus wird sich eine Neigung zur homosexuellen Betätigung im
    reifen Leben ergeben, die sich unter Umständen zur ausschließ-
    lichen Homosexualität steigern kann. Diese Reihe von Störungen
    entspricht den direkten Entwicklungshemmungen der Sexual-
    funktion; sie umfaßt die Perversionen und den gar nicht
    seltenen allgemeinen Infantilismus des Sexuallebens.

    Die Disposition zu den Neurosen ist auf andere Weise von
    einer Schädigung der Sexualentwicklung abzuleiten. Die Neurosen
    verhalten sich zu den Perversionen wie das Negativ zum Positiv;
    in ihnen sind dieselben Triebkomponenten als Träger der Komplexe
    und Symptombildner nachweisbar wie bei den Perversionen, aber
    sie wirken hier vom Unbewußten her; sie haben also eine Ver-
    drängung erfahren, konnten sich aber derselben zum Trotze im
    Unbewußten behaupten. Die Psychoanalyse läßt uns erkennen,
    daß überstarke Äußerung dieser Triebe in sehr frühen Zeiten zu

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    Vierte Vorlesung


    einer Art von partieller Fixierung führt, die nun einen
    schwachen Punkt im Gefüge der Sexualfunktion darstellt. Stößt
    die Ausübung der normalen Sexualfunktion im reifen Leben auf
    Hindernisse, so wird die Verdrängung der Entwicklungszeit gerade
    an jenen Stellen durchbrochen, wo die infantilen Fixierungen
    stattgefunden haben.

    Sie werden jetzt vielleicht den Einwand machen: Aber das ist
    ja alles nicht Sexualität. Ich gebrauchte das Wort in einem viel
    weiteren Sinne, als Sie gewohnt sind, es zu verstehen. Das gebe
    ich Ihnen gern zu. Aber es fragt sich, ob nicht vielmehr Sie das
    Wort in viel zu engem Sinne gebrauchen, wenn Sie es auf das
    Gebiet der Fortpflanzung einschränken. Sie opfern dabei das Ver-
    ständnis der Perversionen, den Zusammenhang zwischen Perversion,
    Neurose und normalem Sexualleben, und setzen sich außerstande,
    die leicht zu beobachtenden Anfänge des somatischen und seelischen
    Liebeslebens der Kinder nach ihrer wahren Bedeutung zu erkennen.
    Wie immer Sie aber über den Wortgebrauch entscheiden wollen,
    halten Sie daran fest, daß der Psychoanalytiker die Sexualität in
    jenem vollen Sinne erfaßt, zu dem man durch die Würdigung
    der infantilen Sexualität geleitet wird.

    Kehren wir nun nochmals zur Sexualentwicklung des Kindes
    zurück. Wir haben hier manches nachzuholen, weil wir unsere
    Aufmerksamkeit mehr den somatischen als den seelischen Äuße-
    rungen des Sexuallebens geschenkt haben. Die primitive Objekt-
    wahl des Kindes, die sich von seiner Hilfsbedürftigkeit ableitet,
    fordert unser weiteres Interesse heraus. Sie wendet sich zunächst
    allen Pflegepersonen zu, die aber bald hinter den Eltern zurück-
    treten. Die Beziehung der Kinder zu ihren Eltern ist, wie direkte
    Beobachtung des Kindes und spätere analytische Erforschung des
    Erwachsenen übereinstimmend dartun, keineswegs frei von
    Elementen sexueller Miterregung. Das Kind nimmt beide Eltern-
    teile und einen Teil besonders zum Objekt seiner erotischen
    Wünsche. Gewöhnlich folgt es dabei selbst einer Anregung der

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    Über Psychoanalyse


    Eltern, deren Zärtlichkeit die deutlichsten Charaktere einer, wenn
    auch in ihren Zielen gehemmten, Sexualbetätigung hat. Der
    Vater bevorzugt in der Regel die Tochter, die Mutter den Sohn;
    das Kind reagiert hierauf, indem es sich als Sohn an die Stelle
    des Vaters, als Tochter an die Stelle der Mutter wünscht. Die
    Gefühle, die in diesen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern
    und in den daran angelehnten zwischen den Geschwistern unter-
    einander geweckt werden, sind nicht nur positiver, zärtlicher,
    sondern auch negativer, feindseliger Art. Der so gebildete Komplex
    ist zur baldigen Verdrängung bestimmt, aber er übt noch vom
    Unbewußten her eine großartige und nachhaltige Wirkung aus.
    Wir dürfen die Vermutung aussprechen, daß er mit seinen Aus-
    läufern den Kernkomplex einer jeden Neurose darstellt, und
    wir sind darauf gefaßt, ihn auf anderen Gebieten des Seelenlebens
    nicht minder wirksam anzutreffen. Der Mythus vom König
    Ödipus, der seinen Vater tötet und seine Mutter zum Weib
    gewinnt, ist eine noch wenig abgeänderte Offenbarung des infan-
    tilen Wunsches, dem sich späterhin die Inzestschranke abweisend
    entgegenstellt. Die Hamlet-Dichtung Shakespeares ruht
    auf demselben Boden des besser verhüllten Inzestkomplexes.

    Um die Zeit, da das Kind von dem noch unverdrängten Kern-
    komplex beherrscht wird, setzt ein bedeutungsvolles Stück seiner
    intellektuellen Betätigung im Dienste der Sexualinteressen ein. Es
    beginnt zu forschen, woher die Kinder kommen, und errät in
    Verwertung der ihm gebotenen Anzeichen mehr von den wirk-
    lichen Verhältnissen, als die Erwachsenen ahnen können. Gewöhnlich
    hat die materielle Bedrohung durch ein neu angekommenes Kind,
    in dem es zunächst nur den Konkurrenten erblickt, sein Forscher-
    interesse geweckt. Unter dem Einfluß der in ihm selbst tätigen
    Partialtriebe gelangt es zu einer Anzahl von „infantilen
    Sexualtheorien“, wie daß es beiden Geschlechtern das
    gleiche männliche Genitale zuspricht, daß es die Kinder durch
    Essen empfangen und durch das Ende des Darmes geboren werden

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    läßt, und daß es den Verkehr der Geschlechter als einen feind-
    seligen Akt, eine Art von Überwältigung erfaßt. Aber gerade die
    Unfertigkeit seiner sexuellen Konstitution und die Lücke in seinen
    Kenntnissen, die durch die Latenz des weiblichen Geschlechts-
    kanals gegeben ist, nötigt den infantilen Forscher, seine Arbeit
    als erfolglos einzustellen. Die Tatsache dieser Kinderforschung
    selbst, sowie die einzelnen durch sie zutage geförderten infantilen
    Sexualtheorien bleiben von bestimmender Bedeutung für die
    Charakterbildung des Kindes und den Inhalt seiner späteren
    neurotischen Erkrankung.

    Es ist unvermeidlich und durchaus normal, daß das Kind die
    Eltern zu Objekten seiner ersten Liebeswahl mache. Aber seine
    Libido soll nicht an diese ersten Objekte fixiert bleiben, sondern
    sie späterhin bloß zum Vorbild nehmen und von ihnen zur Zeit
    der definitiven Objektwahl auf fremde Personen hinübergleiten.
    Die Ablösung des Kindes von den Eltern wird so zu einer
    unentrinnbaren Aufgabe, wenn die soziale Tüchtigkeit des jungen
    Individuums nicht gefährdet werden soll. Während der Zeit, da
    die Verdrängung die Auslese unter den Partialtrieben der
    Sexualität trifft, und später, wenn der Einfluß der Eltern gelockert
    werden soll, der den Aufwand für diese Verdrängungen im
    wesentlichen bestritten hat, fallen der Erziehungsarbeit große
    Aufgaben zu, die gegenwärtig gewiß nicht immer in verständnis-
    voller und einwandfreier Weise erledigt werden.

    Meine Damen und Herren! Urteilen Sie nicht etwa, daß wir
    uns mit diesen Erörterungen über das Sexualleben und die psycho-
    sexuelle Entwicklung des Kindes allzuweit von der Psychoanalyse
    und von der Aufgabe der Beseitigung nervöser Störungen entfernt
    haben. Wenn Sie wollen, können Sie die psychoanalytische
    Behandlung nur als eine fortgesetzte Erziehung zur Überwindung
    von Kindheitsresten beschreiben.