S.
25
IV
Meine Damen und Herren! Sie werden nun zu wissen verlangen,
was wir mit Hilfe der beschriebenen technischen Mittel über
die pathogenen Komplexe und verdrängten Wunschregungen der
Neurotiker in Erfahrung gebracht haben.Nun vor allem eines: Die psychoanalytische Forschung führt
mit wirklich überraschender Regelmäßigkeit die Leidenssymptome
der Kranken auf Eindrücke aus ihrem Liebesleben zurück, zeigt
uns, daß die pathogenen Wunschregungen von der Natur
erotischer Triebkomponenten sind, und nötigt uns anzunehmen,
daß Störungen der Erotik die größte Bedeutung unter den zur
Erkrankung führenden Einflüssen zugesprochen werden muß, und
dies zwar bei beiden Geschlechtern.Ich weiß, diese Behauptung wird mir nicht gern geglaubt.
Selbst solche Forscher, die meinen psychologischen Arbeiten bereit-
willig folgen, sind geneigt zu meinen, daß ich den ätiologischen
Anteil der sexuellen Momente überschätze, und wenden sich an
mich mit der Frage, warum denn nicht auch andere seelische
Erregungen zu den beschriebenen Phänomenen der Verdrängung
und Ersatzbildung Anlaß geben sollen. Nun ich kann antworten:Ich weiß nicht, warum sie es nicht sollten, habe auch nichts
dagegen, aber die Erfahrung zeigt, daß sie solche Bedeutung
nicht haben, daß sie höchstens die Wirkung der sexuellen Momente
unterstützen, nie aber die letzteren ersetzen können. Dieser Sach-
verhalt wurde von mir nicht etwa theoretisch postuliert; noch inS.
388
den 1895 mit Dr. J. Breuer publizierten Studien über Hysterie
stand ich nicht auf diesem Standpunkte; ich mußte mich zu ihm
bekehren, als meine Erfahrungen zahlreicher wurden und tiefer
in den Gegenstand eindrangen. Meine Herren! Es befinden sich
hier unter Ihnen einige meiner nächsten Freunde und Anhänger,
die die Reise nach Worcester mit mir gemacht haben. Fragen
Sie bei ihnen an und Sie werden hören, daß sie alle der
Behauptung von der maßgebenden Bedeutung der sexuellen
Ätiologie zuerst vollen Unglauben entgegenbrachten, bis sie durch
ihre eigenen analytischen Bemühungen genötigt wurden, sie zu
der ihrigen zu machen.Die Überzeugung von der Richtigkeit des in Rede stehenden
Satzes wird durch das Benehmen der Patienten nicht gerade
erleichtert. Anstatt uns die Auskünfte über ihr Sexualleben bereit-
willig entgegenzubringen, suchen sie dieses mit allen Mitteln zu
verbergen. Die Menschen sind überhaupt nicht aufrichtig in
sexuellen Dingen. Sie zeigen ihre Sexualität nicht frei, sondern
tragen eine dicke Oberkleidung aus – Lügengewebe zu ihrer
Verhüllung, als ob es schlechtes Wetter gäbe in der Welt der
Sexualität. Und sie haben nicht unrecht, Sonne und Wind sind
in unserer Kulturwelt der sexuellen Betätigung wirklich nicht
günstig; eigentlich kann niemand von uns seine Erotik frei den
anderen enthüllen. Wenn Ihre Patienten aber erst gemerkt haben,
daß sie sich’s in Ihrer Behandlung behaglich machen dürfen,
dann legen sie jene Lügenhülle ab, und dann erst sind Sie in
der Lage, sich ein Urteil über unsere Streitfrage zu bilden. Leider
sind auch die Ärzte in ihrem persönlichen Verhältnis zu den
Fragen des Sexuallebens vor anderen Menschenkindern nicht
bevorzugt, und viele von ihnen stehen unter dem Banne jener
Vereinigung von Prüderie und Lüsternheit, welche das Verhalten
der meisten „Kulturmenschen“ in Sachen der Sexualität beherrscht.Lassen Sie uns nun in der Mitteilung unserer Ergebnisse
fortfahren. In einer anderen Reihe von Fällen führt die psycho-
S.
389
analytische Erforschung die Symptome allerdings nicht auf
sexuelle, sondern auf banale traumatische Erlebnisse zurück. Aber
diese Unterscheidung wird durch einen anderen Umstand
bedeutungslos. Die zur gründlichen Aufklärung und endgültigen
Herstellung eines Krankheitsfalles erforderliche Analysenarbeit
macht nämlich in keinem Falle bei den Erlebnissen der Erkrankungs-
zeit halt, sondern sie geht in allen Fällen bis in die Pubertät
und in die frühe Kindheit des Erkrankten zurück, um erst dort
auf die für die spätere Erkrankung bestimmenden Eindrücke und
Vorfälle zu stoßen. Erst die Erlebnisse der Kindheit geben die
Erklärung für die Empfindlichkeit gegen spätere Traumen, und
nur durch die Aufdeckung und Bewußtwerdung dieser fast
regelmäßig vergessenen Erinnerungsspuren erwerben wir die
Macht zur Beseitigung der Symptome. Wir gelangen hier zu dem
gleichen Ergebnis wie bei der Erforschung der Träume, daß es
die unvergänglichen, verdrängten, Wunschregungen der Kindheit
sind, die ihre Macht zur Symptombildung geliehen haben, ohne
welche die Reaktion auf spätere Traumen normal verlaufen wäre.
Diese mächtigen Wunschregungen der Kindheit dürfen wir aber
ganz allgemein als sexuelle bezeichnen.Jetzt bin ich aber erst recht Ihrer Verwunderung sicher. Gibt
es denn eine infantile Sexualität? werden Sie fragen. Ist das
Kindesalter nicht vielmehr die Lebensperiode, die durch das
Fehlen des Sexualtriebes ausgezeichnet ist? Nein, meine Herren,
es ist gewiß nicht so, daß der Sexualtrieb zur Pubertätszeit in
die Kinder fährt wie im Evangelium der Teufel in die Säue.
Das Kind hat seine sexuellen Triebe und Betätigungen von Anfang
an, es bringt sie mit auf die Welt, und aus ihnen geht durch
eine bedeutungsvolle, an Etappen reiche Entwicklung die
sogenannte normale Sexualität des Erwachsenen hervor. Es ist
nicht einmal schwer, die Äußerungen dieser kindlichen Sexual-
betätigung zu beobachten; es gehört vielmehr eine gewisse Kunst
dazu, sie zu übersehen oder wegzudeuten.S.
390
Durch die Gunst des Schicksals bin ich in die Lage versetzt,
einen Zeugen für meine Behauptungen aus Ihrer Mitte selbst
anzurufen. Ich zeige Ihnen hier die Arbeit eines Dr. Sanford
Bell, die 1902 im „American Journal of Psychology“ abgedruckt
worden ist. Der Autor ist ein Fellow der Clark University,
desselben Instituts, in dessen Räumen wir jetzt stehen. In dieser
Arbeit, betitelt: A preliminary study of the emotion of love
between the sexes, die drei Jahre vor meinen „Drei Abhandlungen
zur Sexualtheorie“ erschienen ist, sagt der Autor ganz so, wie
ich Ihnen eben sagte: The emotion of sex-love … does not make
its appearance for the first time at the period of adolescence, as
has been thought. Er hat, wie wir in Europa sagen würden, im
amerikanischen Stil gearbeitet, nicht weniger als 2500 positive
Beobachtungen im Laufe von 15 Jahren gesammelt, darunter
800 eigene. Von den Zeichen, durch die sich diese Verliebtheiten
kundgeben, äußert er: The unprejudiced mind in observing these
manifestations in hundreds of couples of children cannot escape
referring them to sex origin. The most exacting mind is satisfied
when to these observations are added the confessions of those who
have as children, experienced the emotion to a marked degree of
intensity, and whose memories of childhood are relatively distinct.
Am meisten aber werden diejenigen von Ihnen, die an die
infantile Sexualität nicht glauben wollten, überrascht sein zu
hören, daß unter diesen früh verliebten Kindern nicht wenige
sich im zarten Alter von drei, vier und fünf Jahren befinden.Ich würde mich nicht wundern, wenn Sie diesen Beobachtungen
eines engsten Landsmannes eher Glauben schenken würden als
den meinigen. Mir selbst ist es vor kurzem geglückt, aus der
Analyse eines fünfjährigen, an Angst leidenden Knaben, die dessen
eigener Vater kunstgerecht mit ihm vorgenommen,1) ein ziemlich
1) Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben (Jahrbuch für psychoanalytische
und psychopathologische Forschungen. Bd. I, 1. Hälfte, 1909. Enthalten in Bd. VIII
dieser Gesamtausgabe).S.
591
vollständiges Bild der somatischen Triebäußerungen und der
seelischen Produktionen auf einer frühen Stufe des kindlichen
Liebeslebens zu gewinnen. Und ich darf Sie daran erinnern, daß
mein Freund Dr. C. G. Jung Ihnen in diesem Saale vor wenigen
Stunden die Beobachtung eines noch jüngeren Mädchens vorlas,
welches aus dem gleichen Anlaß wie mein Patient – bei der
Geburt eines Geschwisterchens – fast die nämlichen sinnlichen
Regungen, Wunsch- und Komplexbildungen, mit Sicherheit
erraten ließ. Ich verzweifle also nicht daran, daß Sie sich mit
der anfänglich befremdlichen Idee der infantilen Sexualität
befreunden werden, und möchte Ihnen noch das rühmliche
Beispiel des Züricher Psychiaters E. Bleuler vorhalten, der noch
vor wenigen Jahren öffentlich äußerte, „er stehe meinen
sexuellen Theorien ohne Verständnis gegenüber“, und seither die
infantile Sexualität in ihrem vollen Umfang durch eigene Beob-
achtungen bestätigt hat.1)Wenn die meisten Menschen, ärztliche Beobachter oder andere,
vom Sexualleben des Kindes nichts wissen wollen, so ist dies nur
zu leicht erklärlich. Sie haben ihre eigene infantile Sexual-
betätigung unter dem Drucke der Erziehung zur Kultur vergessen
und wollen nun an das Verdrängte nicht erinnert werden. Sie
würden zu anderen Überzeugungen gelangen, wenn sie die
Untersuchung mit einer Selbstanalyse, einer Revision und Deutung
ihrer Kindheitserinnerungen beginnen würden.Lassen Sie die Zweifel fallen und gehen Sie mit mir an eine
Würdigung der infantilen Sexualität von den frühesten Jahren
an.2) Der Sexualtrieb des Kindes erweist sich als hoch zusammen-
gesetzt, er läßt eine Zerlegung in viele Komponenten zu, die aus
verschiedenen Quellen stammen. Er ist vor allem noch unabhängig
von der Funktion der Fortpflanzung, in deren Dienst er sich1) Bleuler, Sexuelle Abnormitäten der Kinder. Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Schulgesundheitspflege, IX, 1908.
2) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (Wien 1905; 5. Auflage 1922. Enthalten in Band V dieser Gesamtausgabe).
S.
392
später stellen wird. Er dient der Gewinnung verschiedener Arten
von Lustempfindung, die wir nach Analogien und Zusammen-
hängen als Sexuallust zusammenfassen. Die Hauptquelle der infan-
tilen Sexuallust ist die geeignete Erregung bestimmter, besonders
reizbarer Körperstellen, außer den Genitalien der Mund-, After-
und Harnröhrenöffnung, aber auch der Haut und anderer Sinnes-
oberflächen. Da in dieser ersten Phase des kindlichen Sexual-
lebens die Befriedigung am eigenen Körper gefunden und von
einem fremden Objekt abgesehen wird, heißen wir die Phase
nach einem von Havelock Ellis geprägten Wort die des Auto-
erotismus. Jene für die Gewinnung von sexueller Lust bedeut-
samen Stellen nennen wir erogene Zonen. Das Ludeln oder
Wonnesaugen der kleinsten Kinder ist ein gutes Beispiel einer
solchen autoerotischen Befriedigung von einer erogenen Zone aus;
der erste wissenschaftliche Beobachter dieses Phänomens, ein
Kinderarzt namens Lindner in Budapest, hat es bereits richtig
als Sexualbefriedigung gedeutet und dessen Übergang in andere
und höhere Formen der Sexualbetätigung erschöpfend beschrieben.1)Eine andere Sexualbefriedigung dieser Lebenszeit ist die mastur-
batorische Erregung der Genitalien, die eine so große Bedeutung
für das spätere Leben behält und von vielen Individuen über-
haupt nie völlig überwunden wird. Neben diesen und anderen
autoerotischen Betätigungen äußern sich sehr frühzeitig beim
Kinde jene Triebkomponenten der Sexuallust oder, wie wir gern
sagen, der Libido, die eine fremde Person als Objekt zur Vor-
aussetzung nehmen. Diese Triebe treten in Gegensatzpaaren auf,
als aktive und passive; ich nenne Ihnen als die wichtigsten Ver-
treter dieser Gruppe die Lust, Schmerzen zu bereiten (Sadismus),
mit ihrem passiven Gegenspiel (Masochismus), und die aktive
und passive Schaulust, von welch ersterer später die Wißbegierde
abzweigt, wie von letzterer der Drang zur künstlerischen und
schauspielerischen Schaustellung. Andere Sexualbetätigungen des
1) Jahrbuch für Kinderheilkunde, 1879.
S.
393
Kindes fallen bereits unter den Gesichtspunkt der Objektwahl,
bei welcher eine fremde Person zur Hauptsache wird, die ihre
Bedeutung ursprünglich Rücksichten des Selbsterhaltungstriebes
verdankt. Der Geschlechtsunterschied spielt aber in dieser kindlichen
Periode noch keine ausschlaggebende Rolle; Sie können so jedem
Kinde, ohne ihm unrecht zu tun, ein Stück homosexueller
Begabung zusprechen.Dieses zerfahrene, reichhaltige, aber dissoziierte Sexualleben des
Kindes, in welchem der einzelne Trieb unabhängig von jedem an-
deren dem Lusterwerbe nachgeht, erfährt nun eine Zusammenfassung
und Organisation nach zwei Hauptrichtungen, so daß mit Abschluß
der Pubertätszeit der definitive Sexualcharakter des Individuums
meist fertig ausgebildet ist. Einerseits unterordnen sich die
einzelnen Triebe der Oberherrschaft der Genitalzone, wodurch
das ganze Sexualleben in den Dienst der Fortpflanzung tritt und
die Befriedigung ersterer nur noch als Vorbereitung und Begün-
stigung des eigentlichen Sexualaktes von Bedeutung bleibt. Ander-
seits drängt die Objektwahl den Autoerotismus zurück, so daß
nun im Liebesleben alle Komponenten des Sexualtriebes an der
geliebten Person befriedigt werden wollen. Aber nicht alle
ursprünglichen Triebkomponenten werden zu einem Anteil an
dieser endgültigen Feststellung des Sexuallebens zugelassen. Noch
vor der Pubertätszeit sind unter dem Einfluß der Erziehung
äußerst energische Verdrängungen gewisser Triebe durchgesetzt
und seelische Mächte, wie Scham, Ekel, Moral, hergestellt worden,
welche diese Verdrängungen wie Wächter unterhalten. Kommt
dann im Pubertätsalter die Hochflut der sexuellen Bedürftigkeit,
so findet sie an den genannten seelischen Reaktions- oder Wider-
standsbildungen Dämme, welche ihr den Ablauf in die sogenannten
normalen Wege vorschreiben und es ihr unmöglich machen, die
der Verdrängung unterlegenen Triebe neu zu beleben. Es sind
besonders die koprophilen, das heißt die mit den Exkrementen
zusammenhängenden Lustregungen der Kindheit, welche von derS.
394
Verdrängung am gründlichsten betroffen werden, und ferner die
Fixierung an die Personen der primitiven Objektwahl.Meine Herren! Ein Satz der allgemeinen Pathologie sagt aus,
daß jeder Entwicklungsvorgang die Keime der pathologischen
Disposition mit sich bringt, insofern er gehemmt, verzögert werden
oder unvollkommen ablaufen kann. Dasselbe gilt für die so
komplizierte Entwicklung der Sexualfunktion. Sie wird nicht bei
allen Individuen glatt durchgemacht und hinterläßt dann entweder
Abnormitäten oder Dispositionen zu späterer Erkrankung auf dem
Wege der Rückbildung (Regression). Es kann geschehen, daß
nicht alle Partialtriebe sich der Herrschaft der Genitalzone unter-
werfen; ein solcher unabhängig gebliebener Trieb stellt dann das
her, was wir eine Perversion nennen, und was das normale
Sexualziel durch sein eigenes ersetzen kann. Es kommt, wie
bereits erwähnt, sehr häufig vor, daß der Autoerotismus nicht
völlig überwunden wird, wovon die mannigfaltigsten Störungen
in der Folge Zeugnis ablegen. Die ursprüngliche Gleichwertigkeit
beider Geschlechter als Sexualobjekte kann sich erhalten, und
daraus wird sich eine Neigung zur homosexuellen Betätigung im
reifen Leben ergeben, die sich unter Umständen zur ausschließ-
lichen Homosexualität steigern kann. Diese Reihe von Störungen
entspricht den direkten Entwicklungshemmungen der Sexual-
funktion; sie umfaßt die Perversionen und den gar nicht
seltenen allgemeinen Infantilismus des Sexuallebens.Die Disposition zu den Neurosen ist auf andere Weise von
einer Schädigung der Sexualentwicklung abzuleiten. Die Neurosen
verhalten sich zu den Perversionen wie das Negativ zum Positiv;
in ihnen sind dieselben Triebkomponenten als Träger der Komplexe
und Symptombildner nachweisbar wie bei den Perversionen, aber
sie wirken hier vom Unbewußten her; sie haben also eine Ver-
drängung erfahren, konnten sich aber derselben zum Trotze im
Unbewußten behaupten. Die Psychoanalyse läßt uns erkennen,
daß überstarke Äußerung dieser Triebe in sehr frühen Zeiten zuS.
395
Vierte Vorlesung
einer Art von partieller Fixierung führt, die nun einen
schwachen Punkt im Gefüge der Sexualfunktion darstellt. Stößt
die Ausübung der normalen Sexualfunktion im reifen Leben auf
Hindernisse, so wird die Verdrängung der Entwicklungszeit gerade
an jenen Stellen durchbrochen, wo die infantilen Fixierungen
stattgefunden haben.Sie werden jetzt vielleicht den Einwand machen: Aber das ist
ja alles nicht Sexualität. Ich gebrauchte das Wort in einem viel
weiteren Sinne, als Sie gewohnt sind, es zu verstehen. Das gebe
ich Ihnen gern zu. Aber es fragt sich, ob nicht vielmehr Sie das
Wort in viel zu engem Sinne gebrauchen, wenn Sie es auf das
Gebiet der Fortpflanzung einschränken. Sie opfern dabei das Ver-
ständnis der Perversionen, den Zusammenhang zwischen Perversion,
Neurose und normalem Sexualleben, und setzen sich außerstande,
die leicht zu beobachtenden Anfänge des somatischen und seelischen
Liebeslebens der Kinder nach ihrer wahren Bedeutung zu erkennen.
Wie immer Sie aber über den Wortgebrauch entscheiden wollen,
halten Sie daran fest, daß der Psychoanalytiker die Sexualität in
jenem vollen Sinne erfaßt, zu dem man durch die Würdigung
der infantilen Sexualität geleitet wird.Kehren wir nun nochmals zur Sexualentwicklung des Kindes
zurück. Wir haben hier manches nachzuholen, weil wir unsere
Aufmerksamkeit mehr den somatischen als den seelischen Äuße-
rungen des Sexuallebens geschenkt haben. Die primitive Objekt-
wahl des Kindes, die sich von seiner Hilfsbedürftigkeit ableitet,
fordert unser weiteres Interesse heraus. Sie wendet sich zunächst
allen Pflegepersonen zu, die aber bald hinter den Eltern zurück-
treten. Die Beziehung der Kinder zu ihren Eltern ist, wie direkte
Beobachtung des Kindes und spätere analytische Erforschung des
Erwachsenen übereinstimmend dartun, keineswegs frei von
Elementen sexueller Miterregung. Das Kind nimmt beide Eltern-
teile und einen Teil besonders zum Objekt seiner erotischen
Wünsche. Gewöhnlich folgt es dabei selbst einer Anregung derS.
396
Über Psychoanalyse
Eltern, deren Zärtlichkeit die deutlichsten Charaktere einer, wenn
auch in ihren Zielen gehemmten, Sexualbetätigung hat. Der
Vater bevorzugt in der Regel die Tochter, die Mutter den Sohn;
das Kind reagiert hierauf, indem es sich als Sohn an die Stelle
des Vaters, als Tochter an die Stelle der Mutter wünscht. Die
Gefühle, die in diesen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern
und in den daran angelehnten zwischen den Geschwistern unter-
einander geweckt werden, sind nicht nur positiver, zärtlicher,
sondern auch negativer, feindseliger Art. Der so gebildete Komplex
ist zur baldigen Verdrängung bestimmt, aber er übt noch vom
Unbewußten her eine großartige und nachhaltige Wirkung aus.
Wir dürfen die Vermutung aussprechen, daß er mit seinen Aus-
läufern den Kernkomplex einer jeden Neurose darstellt, und
wir sind darauf gefaßt, ihn auf anderen Gebieten des Seelenlebens
nicht minder wirksam anzutreffen. Der Mythus vom König
Ödipus, der seinen Vater tötet und seine Mutter zum Weib
gewinnt, ist eine noch wenig abgeänderte Offenbarung des infan-
tilen Wunsches, dem sich späterhin die Inzestschranke abweisend
entgegenstellt. Die Hamlet-Dichtung Shakespeares ruht
auf demselben Boden des besser verhüllten Inzestkomplexes.Um die Zeit, da das Kind von dem noch unverdrängten Kern-
komplex beherrscht wird, setzt ein bedeutungsvolles Stück seiner
intellektuellen Betätigung im Dienste der Sexualinteressen ein. Es
beginnt zu forschen, woher die Kinder kommen, und errät in
Verwertung der ihm gebotenen Anzeichen mehr von den wirk-
lichen Verhältnissen, als die Erwachsenen ahnen können. Gewöhnlich
hat die materielle Bedrohung durch ein neu angekommenes Kind,
in dem es zunächst nur den Konkurrenten erblickt, sein Forscher-
interesse geweckt. Unter dem Einfluß der in ihm selbst tätigen
Partialtriebe gelangt es zu einer Anzahl von „infantilen
Sexualtheorien“, wie daß es beiden Geschlechtern das
gleiche männliche Genitale zuspricht, daß es die Kinder durch
Essen empfangen und durch das Ende des Darmes geboren werdenS.
397
läßt, und daß es den Verkehr der Geschlechter als einen feind-
seligen Akt, eine Art von Überwältigung erfaßt. Aber gerade die
Unfertigkeit seiner sexuellen Konstitution und die Lücke in seinen
Kenntnissen, die durch die Latenz des weiblichen Geschlechts-
kanals gegeben ist, nötigt den infantilen Forscher, seine Arbeit
als erfolglos einzustellen. Die Tatsache dieser Kinderforschung
selbst, sowie die einzelnen durch sie zutage geförderten infantilen
Sexualtheorien bleiben von bestimmender Bedeutung für die
Charakterbildung des Kindes und den Inhalt seiner späteren
neurotischen Erkrankung.Es ist unvermeidlich und durchaus normal, daß das Kind die
Eltern zu Objekten seiner ersten Liebeswahl mache. Aber seine
Libido soll nicht an diese ersten Objekte fixiert bleiben, sondern
sie späterhin bloß zum Vorbild nehmen und von ihnen zur Zeit
der definitiven Objektwahl auf fremde Personen hinübergleiten.
Die Ablösung des Kindes von den Eltern wird so zu einer
unentrinnbaren Aufgabe, wenn die soziale Tüchtigkeit des jungen
Individuums nicht gefährdet werden soll. Während der Zeit, da
die Verdrängung die Auslese unter den Partialtrieben der
Sexualität trifft, und später, wenn der Einfluß der Eltern gelockert
werden soll, der den Aufwand für diese Verdrängungen im
wesentlichen bestritten hat, fallen der Erziehungsarbeit große
Aufgaben zu, die gegenwärtig gewiß nicht immer in verständnis-
voller und einwandfreier Weise erledigt werden.Meine Damen und Herren! Urteilen Sie nicht etwa, daß wir
uns mit diesen Erörterungen über das Sexualleben und die psycho-
sexuelle Entwicklung des Kindes allzuweit von der Psychoanalyse
und von der Aufgabe der Beseitigung nervöser Störungen entfernt
haben. Wenn Sie wollen, können Sie die psychoanalytische
Behandlung nur als eine fortgesetzte Erziehung zur Überwindung
von Kindheitsresten beschreiben.
You are here
Über Psychoanalyse1910-001/1924