S.
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Eindrücke von der Möglichkeit mächtiger seelischer Vorgänge, die doch
dem Bewußtsein des Menschen verhüllt bleiben. Zum Zwecke der Be-
lehrung hatte ich eine meiner Patientinnen bewogen, nach Nancy
nachzukommen. Es war eine vornehme, genial begabte Hysterika,
die mir überlassen worden war, weil man nichts mit ihr anzufangen
wußte. Ich hatte ihr durch hypnotische Beeinflussung eine menschen-
würdige Existenz ermöglicht und konnte sie immer wieder aus dem
Elend ihres Zustandes herausheben. Daß sie jedesmal nach einiger
Zeit rückfällig wurde, schob ich in meiner damaligen Unkenntnis darauf,
daß ihre Hypnose niemals den Grad von Somnambulismus mit Amnesie
erreicht hatte. Bernheim versuchte es nun mit ihr wiederholte Male,
brachte es aber auch nicht weiter. Er gestand mir freimütig, daß er
die großen therapeutischen Erfolge durch die Suggestion nur in seiner
Spitalspraxis, nicht auch an seinen Privatpatienten erziele. Ich hatte
viele anregende Unterhaltungen mit ihm und übernahm es, seine beiden
Werke über die Suggestion und ihre Heilwirkungen ins Deutsche zu
übersetzen.Im Zeitraum von 1886–1891 habe ich wenig wissenschaftlich
gearbeitet und kaum etwas publiziert. Ich war davon in Anspruch ge-
nommen, mich in den neuen Beruf zu finden und meine materielle
Existenz sowie die meiner rasch anwachsenden Familie zu sichern.
1891 erschien die erste der Arbeiten über die Gehirnlähmungen der
Kinder, in Gemeinschaft mit meinem Freunde und Assistenten Dr. Oskar
Rie abgefaßt. In demselben Jahre veranlaßte mich ein Auftrag der
Mitarbeiterschaft an einem Handwörterbuch der Medizin, die Lehre
von der Aphasie zu erörtern, die damals von dem rein lokalisatorischen
Gesichtspunkte Wernicke-Lichtheims beherrscht war. Ein kleines
kritisch-spekulatives Buch „Zur Auffassung der Aphasie“ war die Frucht
dieser Bemühung. Ich habe nun aber zu verfolgen, wie es kam, daß
die wissenschaftliche Forschung wieder zum Hauptinteresse meines
Lebens wurde.II.
Meine frühere Darstellung ergänzend, muß ich angeben, daß
ich von Anfang an außer der hypnotischen Suggestion eine andere
Verwendung der Hypnose übte. Ich bediente mich ihrer zur Aus-
forschung des Kranken über die Entstehungsgeschichte seines
Symptoms, die er im Wachzustand oft gar nicht oder nur sehr
unvollkommen mitteilen konnte. Dies Verfahren schien nicht
nur wirksamer als das bloße suggestive Gebot oder Verbot, es
befriedigte auch die Wißbegierde des Arztes, der doch ein Recht
hatte, etwas von der Herkunft des Phänomens zu erfahren, das
er durch die monotone suggestive Prozedur aufzuheben strebte.Zu diesem anderen Verfahren war ich aber auf folgende Weise
gekommen. Noch im Brückeschen Laboratorium wurde ich8
S.
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mit Dr. Josef Breuer bekannt, einem der angesehensten Familien
ärzte Wiens, der aber auch eine wissenschaftliche Vergangenheit
hatte, da mehrere Arbeiten von bleibendem Werte über die Physio-
logie der Atmung und über das Gleichgewichtsorgan von ihm
herrührten. Er war ein Mann von überragender Intelligenz,
14 Jahre älter als ich; unsere Beziehungen wurden bald intimer,
er wurde mein Freund und Helfer in schwierigen Lebenslagen.
Wir hatten uns daran gewöhnt, alle wissenschaftlichen Interessen
miteinander zu teilen. Natürlich war ich der gewinnende Teil
in diesem Verhältnis. Die Entwicklung der Psychoanalyse hat
mich dann seine Freundschaft gekostet. Es wurde mir nicht leicht,
diesen Preis dafür zu zahlen, aber es war unausweichlich.Breuer hatte mir, schon ehe ich nach Paris ging, Mitteilungen
über einen Fall von Hysterie gemacht, den er in den Jahren 1880
bis 1882 auf eine besondere Art behandelt, wobei er tiefe Einblicke
in die Verursachung und Bedeutung der hysterischen Symptome
gewinnen konnte. Das war also zu einer Zeit geschehen, als die
Arbeiten Janets noch der Zukunft angehörten. Er las mir wieder-
holt Stücke der Krankengeschichte vor, von denen ich den Eindruck
empfing, hier sei mehr für das Verständnis der Neurose geleistet
worden als je zuvor. Ich beschloß bei mir, Charcot von diesen
Funden Kunde zu geben, wenn ich nach Paris käme, und tat dies
dann auch. Aber der Meister zeigte für meine ersten Andeutungen
kein Interesse, so daß ich nicht mehr auf die Sache zurückkam
und sie auch bei mir fallen ließ.Nach Wien zurückgekehrt, wandte ich mich wieder der
Breuerschen Beobachtung zu und ließ mir mehr von ihr er-
zählen. Die Patientin war ein junges Mädchen von ungewöhnlicher
Bildung und Begabung gewesen, die während der Pflege ihres
zärtlich geliebten Vaters erkrankt war. Als Breuer sie übernahm,
bot sie ein buntes Bild von Lähmungen mit Kontrakturen, Hem-
mungen und Zuständen von psychischer Verworrenheit. Eine
zufällige Beobachtung ließ den Arzt erkennen, daß sie von einer
solchen Bewußtseinstrübung befreit werden konnte, wenn man sie
veranlaßte, in Worten der affektiven Phantasie Ausdruck zu geben,
von der sie eben beherrscht wurde. Breuer gewann aus dieser
Erfahrung eine Methode der Behandlung. Er versetzte sie in
tiefe Hypnose und ließ sie jedesmal von dem erzählen, was ihr
Gemüt bedrückte. Nachdem die Anfälle von depressiver Ver-
worrenheit auf diese Weise überwunden waren, verwendete erS.
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dasselbe Verfahren zur Aufhebung ihrer Hemmungen und körper-
lichen Störungen. Im wachen Zustande wußte das Mädchen so
wenig wie andere Kranke zu sagen, wie ihre Symptome entstanden
waren, und fand kein Band zwischen ihnen und irgendwelchen
Eindrücken ihres Lebens. In der Hypnose entdeckte sie sofort
den gesuchten Zusammenhang. Es ergab sich, daß alle ihre Sym-
ptome auf eindrucksvolle Erlebnisse während der Pflege des kranken
Vaters zurückgingen, also sinnvoll waren, und Resten oder Re-
miniszenzen dieser affektiven Situationen entsprachen. Gewöhnlich
war es so zugegangen, daß sie am Krankenbett des Vaters einen
Gedanken oder Impuls hatte unterdrücken müssen; an dessen
Stelle, in seiner Vertretung, war dann später das Symptom er-
schienen. In der Regel war aber das Symptom nicht der Nieder-
schlag einer einzigen „traumatischen“ Szene, sondern das Ergebnis
der Summation von zahlreichen ähnlichen Situationen. Wenn
nun die Kranke in der Hypnose eine solche Situation halluzinatorisch
wieder erinnerte und den damals unterdrückten seelischen Akt
nachträglich unter freier Affektentfaltung zu Ende führte, war
das Symptom weggewischt und trat nicht wieder auf. Durch
dies Verfahren gelang es Breuer in langer und mühevoller Arbeit,
seine Kranke von all ihren Symptomen zu befreien.Die Kranke war genesen und seither gesund geblieben, ja
bedeutsamer Leistungen fähig geworden. Aber über dem Ausgang
der hypnotischen Behandlung lastete ein Dunkel, das Breuer
mir niemals aufhellte; auch konnte ich nicht verstehen, warum er
seine, wie mir schien, unschätzbare Erkenntnis so lange geheim-
gehalten hatte, anstatt die Wissenschaft durch sie zu bereichern.
Die nächste Frage aber war, ob man verallgemeinern dürfe, was
er an einem einzigen Krankheitsfalle gefunden. Die von ihm
aufgedeckten Verhältnisse erschienen mir so fundamentaler Natur,
daß ich nicht glauben konnte, sie würden bei irgendeinem Falle
von Hysterie vermißt werden können, wenn sie einmal bei einem
einzigen nachgewiesen waren. Doch konnte nur die Erfahrung
darüber entscheiden. Ich begann also die Breuerschen Unter-
suchungen an meinen Kranken zu wiederholen und tat, besonders
nachdem mir der Besuch bei Bernheim 1889 die Begrenzung
in der Leistungsfähigkeit der hypnotischen Suggestion gezeigt
hatte, überhaupt nichts anderes mehr. Als ich mehrere Jahre
hindurch immer nur Bestätigungen gefunden hatte, bei jedem
Falle von Hysterie, der solcher Behandlung zugänglich war, auchS.
II
bereits über ein stattliches Material von Beobachtungen verfügte,
die der seinigen analog waren, schlug ich ihm eine gemeinsame
Publikation vor, gegen die er sich anfangs heftig sträubte. Er
gab endlich nach, zumal da unterdes Janets Arbeiten einen Teil
seiner Ergebnisse, die Zurückführung hysterischer Symptome auf
Lebenseindrücke und deren Aufhebung durch hypnotische Re-
produktion in statu nascendi vorweggenommen hatten. Wir ließen
1893 eine vorläufige Mitteilung erscheinen: „Über den psychischen
Mechanismus hysterischer Phänomene“. 1895 folgte unser Buch
„Studien über Hysterie“.Wenn die bisherige Darstellung beim Leser die Erwartung
erweckt hat, die „Studien über Hysterie“ würden in allem Wesent-
lichen ihres materiellen Inhalts Breuers geistiges Eigentum sein,
so ist das genau dasjenige, was ich immer vertreten habe und
auch diesmal aussagen wollte. An der Theorie, welche das Buch
versucht, habe ich in heute nicht mehr bestimmbarem Ausmaße
mitgearbeitet. Diese ist bescheiden, geht nicht weit über den
unmittelbaren Ausdruck der Beobachtungen hinaus. Sie will
nicht die Natur der Hysterie ergründen, sondern bloß die Ent-
stehung ihrer Symptome beleuchten. Dabei betont sie die Be-
deutung des Affektlebens, die Wichtigkeit der Unterscheidung
zwischen unbewußten und bewußten (besser: bewußtseinsfähigen)
seelischen Akten, führt einen dynamischen Faktor ein, indem sie
das Symptom durch die Aufstauung eines Affekts entstehen läßt,
und einen ökonomischen, indem sie dasselbe Symptom als das
Ergebnis der Umsetzung einer sonst anderswie verwendeten Energie-
menge betrachtet (sog. Konversion). Breuer nannte unser
Verfahren das kathartische; als dessen therapeutische Absicht
wurde angegeben, den zur Erhaltung des Symptoms verwendeten
Affektbetrag, der auf falsche Bahnen geraten und dort gleichsam
eingeklemmt war, auf die normalen Wege zu leiten, wo er zur
Abfuhr gelangen konnte (abreagieren). Der praktische Erfolg
der kathartischen Prozedur war ausgezeichnet. Die Mängel, die
sich später herausstellten, waren die einer jeden hypnotischen
Behandlung. Noch jetzt gibt es eine Anzahl von Psychothera-
peuten, die bei der Katharsis im Sinne Breuers stehen geblieben
sind und sie zu loben wissen. In der Behandlung der Kriegs-
neurotiker des deutschen Heeres während des Weltkrieges hat sie
sich als abkürzendes Heilverfahren unter den Händen von
E. Simmel von neuem bewährt. Von der Sexualität ist in derII
S.
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Theorie der Katharsis nicht viel die Rede. In den Krankengeschichten, die ich zu den „Studien“ beigesteuert, spielen Momenteaus dem Sexualleben eine gewisse Rolle, werden aber kaum andersgewertet als sonstige affektive Erregungen. Von seiner berühmtgewordenen ersten Patientin erzählt Breuer, das Sexuale seibei ihr erstaunlich unentwickelt gewesen. Aus den „Studienüber Hysterie“ hätte man nicht leicht erraten können, welcheBedeutung die Sexualität für die Ätiologie der Neurosen hat.
Das nun folgende Stück der Entwicklung, den Übergangvon der Katharsis zur eigentlichen Psychoanalyse, habe ich bereitsmehrmals so eingehend beschrieben, daß es mir schwer fallen wird,hier etwas Neues vorzubringen. Das Ereignis, welches diese Zeiteinleitete, war der Rücktritt Breuers von unserer Arbeitsgemeinschaft, so daß ich sein Erbe allein zu verwalten hatte. Eshatte schon frühzeitig Meinungsverschiedenheiten zwischen unsgegeben, die aber keine Entzweiung begründeten. In der Frage,wann ein seelischer Ablauf pathogen, d. h. von der normalenErledigung ausgeschlossen werde, bevorzugte Breuer eine sozusagen physiologische Theorie; er meinte, solche Vorgänge entzögen sich dem normalen Schicksal, die in außergewöhnlichen– hypnoiden – Seelenzuständen entstanden seien. Damit wareine neue Frage, die nach der Herkunft solcher Hypnoide, aufgeworfen. Ich hingegen vermutete eher ein Kräftespiel, die Wirkungvon Absichten und Tendenzen, wie sie im normalen Leben zu beobachten sind. So stand „Hypnoidhysterie“ gegen „Abwehrneurose“.Aber dieser und ähnliche Gegensätze hätten ihn wohl der Sachenicht abwendig gemacht, wenn nicht andere Momente hinzugetretenwären. Das eine derselben war gewiß, daß er als Internist undFamilienarzt stark in Anspruch genommen war und nicht wieich seine ganze Kraft der kathartischen Arbeit widmen konnte.Ferner wurde er durch die Aufnahme beeinflußt, welche unserBuch in Wien wie im Reiche draußen gefunden hatte. SeinSelbstvertrauen und seine Widerstandsfähigkeit standen nichtauf der Höhe seiner sonstigen geistigen Organisation. Als z. B.die „Studien“ von Strümpell eine harte Abweisung erfuhren,konnte ich über die verständnislose Kritik lachen, er aberkränkte sich und wurde entmutigt. Am meisten trug aber zuseinem Entschluß bei, daß meine eigenen weiteren Arbeiten eineRichtung einschlugen, mit der er sich vergeblich zu befreundenversuchte.
12
S.
13
Die Theorie, die wir in den „Studien“ aufzubauen versucht
hatten, war ja noch sehr unvollständig gewesen, insbesondere
das Problem der Ätiologie, die Frage, auf welchem Boden der
pathogene Vorgang entstehe, hatten wir kaum berührt. Nun
zeigte mir eine rasch sich steigernde Erfahrung, daß nicht beliebige
Affekterregungen hinter den Erscheinungen der Neurose wirksam
waren, sondern regelmäßig solche sexueller Natur, entweder aktuelle
sexuelle Konflikte oder Nachwirkungen früherer sexueller Er-
lebnisse. Ich war auf dieses Resultat nicht vorbereitet, meine
Erwartung hatte keinen Anteil daran, ich war vollkommen arglos
an die Untersuchung der Neurotiker herangetreten. Als ich 1914
die „Geschichte der psychoanalytischen Bewegung“ schrieb, tauchte
in mir die Erinnerung an einige Aussprüche von Breuer, Charcot
und Chrobak auf, aus denen ich eine solche Erkenntnis hätte
frühzeitig gewinnen können. Allein ich verstand damals nicht,
was diese Autoritäten meinten; sie hatten mir mehr gesagt, als
sie selbst wußten und zu vertreten bereit waren. Was ich von
ihnen gehört hatte, schlummerte unwirksam in mir, bis es bei
Gelegenheit der kathartischen Untersuchungen als anscheinend
originelle Erkenntnis hervorbrach. Auch wußte ich damals noch
nicht, daß ich mit der Zurückführung der Hysterie auf Sexualität
bis auf die ältesten Zeiten der Medizin zurückgegriffen und an
Plato angeknüpft hatte. Ich erfuhr es erst später aus einem
Aufsatz von Havelock Ellis.Unter dem Einfluß meines überraschenden Fundes machte
ich nun einen folgenschweren Schritt. Ich ging über die Hysterie
hinaus und begann, das Sexualleben der sogenannten Neurastheniker
zu erforschen, die sich zahlreich in meiner Sprechstunde ein-
zufinden pflegten. Dieses Experiment kostete mich zwar meine
Beliebtheit als Arzt, aber es trug mir Überzeugungen ein, die
sich heute, fast 30 Jahre später, noch nicht abgeschwächt haben.
Man hatte viel Verlogenheit und Geheimtuerei zu überwinden,
aber wenn das gelungen war, fand man, daß bei all diesen Kranken
schwere Mißbräuche der Sexualfunktion bestanden. Bei der
großen Häufigkeit solcher Mißbräuche einerseits, der Neurasthenie
andererseits, hatte ein häufiges Zusammentreffen beider natürlich
nicht viel Beweiskraft, aber es blieb auch nicht bei dieser einen
groben Tatsache. Schärfere Beobachtung legte mir nahe, aus
dem bunten Gewirre von Krankheitsbildern, die man mit dem
Namen Neurasthenie deckte, zwei grundverschiedene Typen heraus-S.
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zugreifen, die in beliebiger Vermengung vorkommen konnten, aber
doch in reiner Ausprägung zu beobachten waren. Bei dem einen
Typus war der Angstanfall das zentrale Phänomen mit seinen
Äquivalenten, rudimentären Formen und chronischen Ersatz-
symptomen; ich hieß ihn darum auch Angstneurose. Auf den
anderen Typus beschränkte ich die Bezeichnung Neurasthenie.
Nun war es leicht festzustellen, daß jedem dieser Typen eine andere
Abnormität des Sexuallebens als ätiologisches Moment entsprach
(Coitus interruptus, frustrane Erregung, sexuelle Enthaltung hier,
exzessive Masturbation, gehäufte Pollutionen dort). Für einige
besonders instruktive Fälle, in denen eine überraschende Wendung
des Krankheitsbildes von dem einen Typus zum anderen statt-
gefunden hatte, gelang es auch, nachzuweisen, daß ein entsprechen-
der Wechsel des sexuellen Regimes zugrunde lag. Konnte man
den Mißbrauch abstellen und durch normale Sexualtätigkeit er-
setzen, so lohnte sich dies durch eine auffällige Besserung des Zu-
standes.So wurde ich dazu geführt, die Neurosen ganz allgemein als
Störungen der Sexualfunktion zu erkennen, und zwar die sogenannten
Aktualneurosen als direkten toxischen Ausdruck, die Psycho-
neurosen als psychischen Ausdruck dieser Störungen. Mein
ärztliches Gewissen fühlte sich durch diese Aufstellung befriedigt.
Ich hoffte, eine Lücke in der Medizin ausgefüllt zu haben, die
bei einer biologisch so wichtigen Funktion keine anderen Schädi-
gungen als durch Infektion oder grobe anatomische Läsion in
Betracht ziehen wollte. Außerdem kam der ärztlichen Auffassung
zugute, daß die Sexualität ja keine bloß psychische Sache war.
Sie hatte auch ihre somatische Seite, man durfte ihr einen be-
sondern Chemismus zuschreiben und die Sexualerregung von der
Anwesenheit bestimmter, wenn auch noch unbekannter Stoffe
ableiten. Es mußte auch seinen guten Grund haben, daß die
echten, spontanen Neurosen mit keiner anderen Krankheitsgruppe
so viel Ähnlichkeit zeigen wie mit den Intoxikations- und Ab-
stinenzerscheinungen, hervorgerufen durch die Einführung und
die Entbehrung gewisser toxisch wirkender Stoffe oder mit dem
M. Basedowii, dessen Abhängigkeit vom Produkt der Schilddrüse
bekannt ist.Ich habe später keine Gelegenheit mehr gehabt, auf die Unter-
suchungen über die Aktualneurosen zurückzukommen. Auch von
anderen ist dieses Stück meiner Arbeit nicht fortgesetzt worden.S.
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Blicke ich heute auf meine damaligen Ergebnisse zurück, so kann
ich sie als erste, rohe Schematisierungen erkennen an einem wahr-
scheinlich weit komplizierteren Sachverhalt. Aber sie scheinen
mir im ganzen heute noch richtig zu sein. Gern hätte ich später
noch Fälle von reiner juveniler Neurasthenie dem psychoanalytischen
Examen unterzogen; es hat sich leider nicht gefügt. Um miß-
verständlichen Auffassungen zu begegnen, will ich betonen, daß
es mir ferne liegt, die Existenz des psychischen Konflikts und
der neurotischen Komplexe bei der Neurasthenie zu leugnen.
Die Behauptung geht nur dahin, daß die Symptome dieser Kranken
nicht psychisch determiniert und analytisch auflösbar sind, sondern
als direkte toxische Folgen des gestörten Sexualchemismus auf-
gefaßt werden müssen.Als ich in den nächsten Jahren nach den „Studien“ diese
Ansichten über die ätiologische Rolle der Sexualität bei den
Neurosen gewonnen hatte, hielt ich über sie einige Vorträge in
ärztlichen Vereinen, fand aber nur Unglauben und Widerspruch.
Breuer versuchte noch einige Male, das große Gewicht seines
persönlichen Ansehens zu meinen Gunsten in die Wagschale zu
werfen, aber er erreichte nichts, und es war leicht zu sehen, daß
die Anerkennung der sexuellen Ätiologie auch gegen seine Neigungen
ging. Er hätte mich durch den Hinweis auf seine eigene erste
Patientin schlagen oder irre machen können, bei der sexuelle
Momente angeblich gar keine Rolle gespielt hatten. Er tat es
aber nie; ich verstand es lange nicht, bis ich gelernt hatte, mir
diesen Fall richtig zu deuten und nach einigen früheren Bemerkungen
von ihm den Ausgang seiner Behandlung zu rekonstruieren.
Nachdem die kathartische Arbeit erledigt schien, hatte sich bei
dem Mädchen plötzlich ein Zustand von „Übertragungsliebe“ ein-
gestellt, den er nicht mehr mit ihrem Kranksein in Beziehung
brachte, so daß er sich bestürzt von ihr zurückzog. Es war ihm
offenbar peinlich, an dieses anscheinende Mißgeschick erinnert
zu werden. Im Benehmen gegen mich schwankte er eine Weile
zwischen Anerkennung und herber Kritik, dann traten Zufällig-
keiten hinzu, wie sie in gespannten Situationen niemals ausbleiben,
und wir trennten uns voneinander.Nun hatte meine Beschäftigung mit den Formen allgemeiner
Nervosität die weitere Folge, daß ich die Technik der Katharsis
abänderte. Ich gab die Hypnose auf und suchte sie durch eine
andere Methode zu ersetzen, weil ich die Einschränkung der Be-15
S.
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handlung auf hysteriforme Zustände überwinden wollte. Auch
hatten sich mir mit zunehmender Erfahrung zwei schwere Be-
denken gegen die Anwendung der Hypnose selbst im Dienste der
Katharsis ergeben. Das erste war, daß selbst die schönsten
Resultate plötzlich wie weggewischt waren, wenn sich das persön-
liche Verhältnis zum Patienten getrübt hatte. Sie stellten sich
zwar wieder her, wenn man den Weg zur Versöhnung fand, aber
man wurde belehrt, daß die persönliche affektive Beziehung doch
mächtiger war als alle kathartische Arbeit und gerade dieses
Moment entzog sich der Beherrschung. Sodann machte ich eines
Tages eine Erfahrung, die mir in grellem Lichte zeigte, was ich
längst vermutet hatte. Als ich einmal eine meiner gefügigsten
Patientinnen, bei der die Hypnose die merkwürdigsten Kunst-
stücke ermöglicht hatte, durch die Zurückführung ihres Schmerz-
anfalls auf seine Veranlassung von ihrem Leiden befreite, schlug
sie beim Erwachen ihre Arme um meinen Hals. Der unvermutete
Eintritt einer dienenden Person enthob uns einer peinlichen Aus-
einandersetzung, aber wir verzichteten von da an in stillschweigender
Übereinkunft auf die Fortsetzung der hypnotischen Behandlung.
Ich war nüchtern genug, diesen Zufall nicht auf die Rechnung
meiner persönlichen Unwiderstehlichkeit zu setzen und meinte,
jetzt die Natur des mystischen Elements, welches hinter der
Hypnose wirkte, erfaßt zu haben. Um es auszuschalten oder
wenigstens zu isolieren, mußte ich die Hypnose aufgeben.
Die Hypnose hatte aber der kathartischen Behandlung außer-
ordentliche Dienste geleistet, indem sie das Bewußtseinsfeld der
Patienten erweiterte und ihnen ein Wissen zur Verfügung stellte,
über das sie im Wachen nicht verfügten. Es schien nicht leicht,
sie darin zu ersetzen. In dieser Verlegenheit kam mir die Er-
innerung an ein Experiment zu Hilfe, das ich oft bei Bernheim
mit angesehen hatte. Wenn die Versuchsperson aus dem Som-
nambulismus erwachte, schien sie jede Erinnerung an die Vorfälle
während dieses Zustands verloren zu haben. Aber Bernheim
behauptete, sie wisse es doch, und wenn er sie aufforderte, sich
zu erinnern, wenn er beteuerte, sie wisse alles, sie solle es doch
nur sagen, und ihr dabei noch die Hand auf die Stirne legte, so
kamen die vergessenen Erinnerungen wirklich wieder, zuerst nur
zögernd, und dann im Strome und in voller Klarheit. Ich beschloß,
es ebenso zu machen. Meine Patienten mußten ja auch all das
„wissen“, was ihnen sonst erst die Hypnose zugänglich machte,S.
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und mein Versichern und Antreiben, etwa unterstützt durch Hand-
auflegen, sollte die Macht haben, die vergessenen Tatsachen und
Zusammenhänge ins Bewußtsein zu drängen. Das schien freilich
mühseliger zu sein als die Versetzung in die Hypnose, aber es war
vielleicht sehr lehrreich. Ich gab also die Hypnose auf und behielt
von ihr nur die Lagerung des Patienten auf einem Ruhebett bei,
hinter dem ich saß, so daß ich ihn sah, aber nicht selbst gesehen
wurde.III.
Meine Erwartung erfüllte sich, ich wurde von der Hypnose
frei, aber mit dem Wechsel der Technik änderte auch die kathar-
tische Arbeit ihr Gesicht. Die Hypnose hatte ein Kräftespiel
verdeckt, welches sich nun enthüllte, dessen Erfassung der Theorie
eine sichere Begründung gab.Woher kam es nur, daß die Kranken soviel Tatsachen des
äußeren und inneren Erlebens vergessen hatten, und diese doch
erinnern konnten, wenn man die beschriebene Technik auf sie
anwendete? Auf diese Fragen erteilte die Beobachtung erschöpfen-
de Antwort. All das Vergessene war irgendwie peinlich gewesen,
entweder schreckhaft oder schmerzlich oder beschämend für die
Ansprüche der Persönlich-
keit. Es drängte sich von selbst der
Gedanke auf: gerade darum sei es vergessen worden, d. h. nicht
bewußt geblieben. Um es doch wieder bewußt zu machen, mußte
man etwas in dem Kranken überwinden, was sich sträubte, mußte
man eigene Anstrengung aufwenden, um ihn zu drängen und zu
nötigen. Die vom Arzt erforderte Anstrengung war verschieden
groß für verschiedene Fälle, sie wuchs im geraden Verhält-
nis zur
Schwere des zu Erinnernden. Der Kraftaufwand des Arztes war
offenbar das Maß für einen Widerstand des Kranken. Man
brauchte jetzt nur in Worte zu übersetzen, was man selbst vers-
pürt
hatte, und man war im Besitz der Theorie der Verdrän-
gung.Der pathogene Vorgang ließ sich jetzt leicht rekonstruie-
ren.
Um beim einfachen Beispiel zu bleiben, es war im Seelenle-
ben
eine einzelne Stre-
bung aufgetreten, der aber mächtige andere
widerstrebten. Der nun entstehende seelische Konflikt sollte
nach unserer Erwartung so verlaufen, daß die beiden dynami-
schen
Größen – heißen wir sie für unsere Zwecke: Trieb und Wider-
stand – eine Weile unter stärkster Anteilnahme des Bewußt-
seins
miteinander rangen, bis der Trieb abgewiesen, seiner Stre-
bung
Medizin in Selbstdarstellungen, IV.
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Sigmund Freud1925-041/1925.2