Sigmund Freud1925-041/1925.2
  • S.

    17

    und mein Versichern und Antreiben, etwa unterstützt durch Hand-
    auflegen, sollte die Macht haben, die vergessenen Tatsachen und
    Zusammenhänge ins Bewußtsein zu drängen. Das schien freilich
    mühseliger zu sein als die Versetzung in die Hypnose, aber es war
    vielleicht sehr lehrreich. Ich gab also die Hypnose auf und behielt
    von ihr nur die Lagerung des Patienten auf einem Ruhebett bei,
    hinter dem ich saß, so daß ich ihn sah, aber nicht selbst gesehen
    wurde.

    III.

    Meine Erwartung erfüllte sich, ich wurde von der Hypnose
    frei, aber mit dem Wechsel der Technik änderte auch die kathar-
    tische Arbeit ihr Gesicht. Die Hypnose hatte ein Kräftespiel
    verdeckt, welches sich nun enthüllte, dessen Erfassung der Theorie
    eine sichere Begründung gab.

    Woher kam es nur, daß die Kranken soviel Tatsachen des
    äußeren und inneren Erlebens vergessen hatten, und diese doch
    erinnern konnten, wenn man die beschriebene Technik auf sie
    anwendete? Auf diese Fragen erteilte die Beobachtung erschöpfende
    Antwort. All das Vergessene war irgendwie peinlich gewesen,
    entweder schreckhaft oder schmerzlich oder beschämend für die
    Ansprüche der Persönlichkeit. Es drängte sich von selbst der
    Gedanke auf: gerade darum sei es vergessen worden, d. h. nicht
    bewußt geblieben. Um es doch wieder bewußt zu machen, mußte
    man etwas in dem Kranken überwinden, was sich sträubte, mußte
    man eigene Anstrengung aufwenden, um ihn zu drängen und zu
    nötigen. Die vom Arzt erforderte Anstrengung war verschieden
    groß für verschiedene Fälle, sie wuchs im geraden Verhältnis zur
    Schwere des zu Erinnernden. Der Kraftaufwand des Arztes war
    offenbar das Maß für einen Widerstand des Kranken. Man
    brauchte jetzt nur in Worte zu übersetzen, was man selbst verspürt
    hatte, und man war im Besitz der Theorie der Verdrängung.

    Der pathogene Vorgang ließ sich jetzt leicht rekonstruieren.
    Um beim einfachen Beispiel zu bleiben, es war im Seelenleben
    eine einzelne Stre-
    bung aufgetreten, der aber mächtige andere
    widerstrebten. Der nun entstehende seelische Konflikt sollte
    nach unserer Erwartung so verlaufen, daß die beiden dynamischen
    Größen – heißen wir sie für unsere Zwecke: Trieb und Wider-
    stand – eine Weile unter stärkster Anteilnahme des Bewußtseins
    miteinander rangen, bis der Trieb abgewiesen, seiner Stre-
    bung

  • S.

    18

    die Energiebesetzung entzogen war. Das wäre die normale Er-
    ledigung. Bei der Neurose hatte aber – aus noch unbekannten
    Gründen – der Konflikt einen anderen Ausgang gefunden. Das
    Ich hatte sich sozusagen beim ersten Zusammenstoß von der
    anstoßigen Triebregung zurückgezogen, ihr den Zugang zum
    Bewußtsein und zur direkten motorischen Abfuhr versperrt, dabei
    hatte sie aber ihre volle Energiebesetzung behalten. Diesen Vorgang
    nannte ich Verdrängung; er war eine Neuheit, nichts ihm
    Ähnliches war je im Seelenleben erkannt worden. Er war offenbar
    ein primärer Abwehrmechanismus, einem Fluchtversuch vergleichbar,
    erst ein Vorläufer der späteren normalen Urteilserledigung. An
    den ersten Akt der Verdrängung knüpften weitere Folgen an.
    Erstens mußte sich das Ich gegen den immer bereiten Andrang
    der verdrängten Regung durch einen permanenten Aufwand, eine
    Gegenbesetzung, schützen und verarmte dabei, andererseits
    konnte sich das Verdrängte, das nun unbewußt war, Abfuhr
    und Ersatzbefriedigung auf Umwegen schaffen und solcherart
    die Absicht der Verdrängung zum Scheitern bringen. Bei der
    Konversionshysterie führte dieser Umweg in die Körperinnervation,
    die verdrängte Regung brach an irgendeiner Stelle durch und
    schuf sich die Symptome, die also Kompromißergebnisse waren,
    zwar Ersatzbefriedigungen, aber doch entstellt und von ihrem
    Ziele abgelenkt durch den Widerstand des Ichs.

    Die Lehre von der Verdrängung wurde zum Grundpfeiler
    des Verständnisses der Neurosen. Die therapeutische Aufgabe
    mußte nun anders gefaßt werden, ihr Ziel war nicht mehr das
    „Abreagieren“ des auf falsche Bahnen geratenen Affekts, sondern
    die Aufdeckung der Verdrängungen und deren Ablösung durch
    Urteilsleistungen, die in Annahme oder Verwerfung des damals
    Abgewiesenen ausgehen konnten. Ich trug der neuen Sachlage
    Rechnung, indem ich das Verfahren zur Untersuchung und Heilung
    nicht mehr Katharsis, sondern Psychoanalyse benannte.

    Man kann von der Verdrängung wie von einem Zentrum ausgehen
    und alle Stücke der psychoanalytischen Lehre mit ihr in Verbindung
    bringen. Vorher will ich aber noch eine Bemerkung polemischen Inhalts
    machen. Nach der Meinung Janets war die Hysterika eine arme
    Person, die infolge einer konstitutionellen Schwäche ihre seelischen
    Akte nicht zusammenhalten konnte. Darum verfiel sie der seelischen
    Spaltung und der Einengung des Bewußtseins. Nach den Ergebnissen
    der psychoanalytischen Untersuchungen waren diese Phänomene aber
    Erfolg dynamischer Faktoren, des seelischen Konflikts und der voll-
    ständigen Erledigung der Triebregung durch das Ich.

  • S.

    19

    zogenen Verdrängung. Ich meine, dieser Unterschied ist weittragend
    genug und sollte dem immer wiederholten Gerede ein Ende machen,
    was an der Psychoanalyse wertvoll sei, schränke sich auf eine Ent-
    lehnung Janetscher Gedanken ein. Meine Darstellung muß dem
    Leser gezeigt haben, daß die Psychoanalyse von den Janetschen
    Funden in historischer Hinsicht völlig unabhängig ist, wie sie auch
    inhaltlich von ihnen abweicht und weit über sie hinausgreift. Niemals
    wären auch von den Arbeiten Janets die Folgerungen ausgegangen,
    welche die Psychoanalyse so wichtig für die Geisteswissenschaften
    gemacht und ihr das allgemeinste Interesse zugewendet haben. Janet
    selbst habe ich immer respektvoll behandelt, weil seine Entdeckungen
    ein ganzes Stück weit mit denen Breuers zusammentrafen, die früher
    gemacht und später veröffentlicht worden waren. Aber als die Psycho-
    analyse Gegenstand der Diskussion auch in Frankreich wurde, hat
    Janet sich schlecht benommen, geringe Sachkenntnis gezeigt und
    unschöne Argumente gebraucht. Endlich hat er sich in meinen Augen
    bloßgestellt und sein Werk selbst entwertet, indem er verkündete, wenn
    er von „unbewußten“ seelischen Akten gesprochen, so habe er nichts
    damit gemeint, es sei bloß „une façon de parler“ gewesen.

    Die Psychoanalyse wurde aber durch das Studium der patho-
    genen Verdrängungen und anderer noch zu erwähnender Phäno-
    mene gezwungen, den Begriff des „Unbewußten“ ernst zu nehmen.
    Für sie war alles Psychische zunächst unbewußt, die Bewußtseins-
    qualität konnte dann dazukommen oder auch wegbleiben. Dabei
    stieß man freilich mit dem Widerspruch der Philosophen zusammen,
    für die „bewußt“ und „psychisch“ identisch war und die beteuerten,
    sie könnten sich so ein Unding wie das „unbewußte Seelische“
    nicht vorstellen. Es half aber nichts, man mußte sich achsel-
    zuckend über diese Idiosynkrasie der Philosophen hinaussetzen.
    Die Erfahrungen am pathologischen Material, das die Philosophen
    nicht kannten, über die Häufigkeit und Mächtigkeit solcher
    Regungen, von denen man nichts wußte und die man wie irgend-
    eine Tatsache der Außenwelt erschließen mußte, ließen keine Wahl.
    Man konnte dann geltend machen, daß man nur am eigenen Seelen-
    leben tat, was man immer schon für das anderer getan hatte. Man
    schrieb doch auch der anderen Person psychische Akte zu, obwohl
    man kein unmittelbares Bewußtsein von diesen hatte und sie aus
    Äußerungen und Handlungen erraten mußte. Was aber beim
    anderen recht ist, das muß auch für die eigene Person billig sein.
    Will man dies Argument weiter treiben und daraus ableiten, daß
    die eigenen verborgenen Akte eben einem zweiten Bewußtsein
    angehören, so steht man vor der Konzeption eines Bewußtseins,
    von dem man nichts weiß, eines unbewußten Bewußtseins, was

  • S.

    20

    doch kaum ein Vorteil gegen die Annahme eines unbewußten
    Psychischen ist. Sagt man aber mit anderen Philosophen, man
    würdige die pathologischen Vorkommnisse, nur sollten die diesen
    zugrunde liegenden Akte nicht psychisch, sondern psychoid ge-
    heißen werden, so läuft die Differenz auf einen unfruchtbaren
    Wortstreit hinaus, in dem man sich doch am zweckmäßigsten
    für die Beibehaltung des Ausdrucks „unbewußt psychisch“ ent-
    scheidet. Die Frage, was dies Unbewußte an sich sei, ist dann
    nicht klüger und aussichtsreicher als die andere, frühere, was das
    Bewußte sei.

    Schwieriger wäre es, in kurzem darzustellen, wie die Psycho-
    analyse dazu gekommen ist, das von ihr anerkannte Unbewußte
    noch zu gliedern, es in ein Vorbewußtes und in ein eigentlich
    Unbewußtes zu zerlegen. Es mag die Bemerkung genügen, daß
    es legitim erschien, die Theorien, welche direkter Ausdruck der
    Erfahrung sind, durch Hypothesen zu ergänzen, welche, zur Be-
    wältigung des Stoffes zweckdienlich sind und sich auf Verhältnisse
    beziehen, die nicht Gegenstand unmittelbarer Beobachtung werden
    können. Man pflegt auch in älteren Wissenschaften nicht anders
    zu verfahren. Die Gliederung des Unbewußten hängt mit dem
    Versuch zusammen, sich den seelischen Apparat aus einer Anzahl
    von Instanzen oder Systemen aufgebaut zu denken, von deren
    Beziehung zueinander man in räumlicher Ausdrucksweise spricht,
    wobei aber ein Anschluß an die reale Hirnanatomie nicht gesucht
    wird. (Der sog. topische Gesichtspunkt.) Solche und ähnliche
    Vorstellungen gehören zu einem spekulativen Überbau der Psycho-
    analyse, von dem jedes Stück ohne Schaden und Bedauern geopfert
    oder ausgetauscht werden kann, sobald seine Unzulänglichkeit
    erwiesen ist. Es bleibt genug zu berichten übrig, was der Beob-
    achtung näher steht.

    Ich habe schon erwähnt, daß die Forschung nach den Ver-
    anlassungen und Begründungen der Neurose mit immer steigender
    Häufigkeit auf Konflikte zwischen den sexuellen Regungen der Person
    und den Widerständen gegen die Sexualität führte. Bei der Suche
    nach den pathogenen Situationen, in denen die Verdrängungen
    der Sexualität eingetreten waren, und aus denen die Symptome
    als Ersatzbildungen des Verdrängten stammten, wurde man in
    immer frühere Lebenszeiten des Kranken zurückgeleitet und langte
    endlich in dessen ersten Kindheitsjahren an. Es ergab sich, was
    Dichter und Menschenkenner immer behauptet hatten, daß die

  • S.

    21

    Eindrücke dieser frühen Lebensperiode, obwohl sie meist der
    Amnesie verfallen, unvertilgbare Spuren in der Entwicklung des
    Individuums zurücklassen, insbesondere daß sie die Disposition
    für spätere neurotische Erkrankungen festlegen. Da es sich aber
    in diesen Kindererlebnissen immer um sexuelle Erregungen und
    um die Reaktion gegen dieselben handelte, stand man vor der
    Tatsache der infantilen Sexualität, die wiederum eine Neuheit
    und einen Widerspruch gegen eines der stärksten Vorurteile der
    Menschen bedeutete. Die Kindheit sollte ja „unschuldig“ sein,
    frei von geschlechtlichen Gelüsten, und der Kampf mit dem Dämon
    „Sinnlichkeit“ erst mit dem Sturm und Drang der Pubertät ein-
    setzen. Was man von sexuellen Betätigungen gelegentlich an
    Kindern hatte wahrnehmen müssen, faßte man als Zeichen von
    Degeneration, vorzeitiger Verderbtheit oder als kuriose Laune
    der Natur auf. Wenige der Ermittlungen der Psychoanalyse haben
    eine so allgemeine Ablehnung gefunden, einen solchen Ausbruch
    von Entrüstung hervorgerufen, wie die Behauptung, daß die
    Sexualfunktion vom Anfang des Lebens an beginne und schon
    in der Kindheit sich in wichtigen Erscheinungen äußere. Und
    doch ist kein anderer analytischer Fund so leicht und so voll-
    ständig zu erweisen.

    Ehe ich weiter in die Würdigung der infantilen Sexualität
    eingehe, muß ich eines Irrtums gedenken, dem ich eine Weile
    verfallen war und der bald für meine ganze Arbeit verhängnis-
    voll geworden wäre. Unter dem Drängen meines damaligen
    technischen Verfahrens reproduzierten die meisten meiner Patienten
    Szenen aus ihrer Kindheit, deren Inhalt die sexuelle Verführung
    durch einen Erwachsenen war. Bei den weiblichen Personen
    war die Rolle des Verführers fast immer dem Vater zugeteilt.
    Ich schenkte diesen Mitteilungen Glauben und nahm also an,
    daß ich in diesen Erlebnissen sexueller Verführung in der Kindheit
    die Quellen der späteren Neurose aufgefunden hatte. Einige
    Fälle, in denen sich solche Beziehungen zum Vater, Oheim oder
    älteren Bruder bis in die Jahre sicherer Erinnerung fortgesetzt
    hatten, bestärkten mich in meinem Zutrauen. Wenn jemand
    über meine Leichtgläubigkeit mißtrauisch den Kopf schütteln
    wollte, so kann ich ihm nicht ganz unrecht geben, will aber vor-
    bringen, daß es die Zeit war, wo ich meiner Kritik absichtlich
    Zwang antat, um unparteiisch und aufnahmsfähig für die vielen
    Neuheiten zu bleiben, die mir täglich entgegentraten. Als ich

  • S.

    22

    dann doch erkennen mußte, diese Verführungsszenen seien niemals
    vorgefallen, seien nur Phantasien, die meine Patienten erdichtet,
    die ich ihnen vielleicht selbst aufgedrängt hatte, war ich eine
    Zeitlang ratlos. Mein Vertrauen in meine Technik wie in ihre
    Ergebnisse erlitt einen harten Stoß; ich hatte doch diese Szenen
    auf einem technischen Wege, den ich für korrekt hielt, gewonnen
    und ihr Inhalt stand in unverkennbarer Beziehung zu den Sym-
    ptomen, von denen meine Untersuchung ausgegangen war. Als
    ich mich gefaßt hatte, zog ich aus meiner Erfahrung die richtigen
    Schlüsse, daß die neurotischen Symptome nicht direkt an wirkliche
    Erlebnisse anknüpften, sondern an Wunschphantasien, und daß
    für die Neurose die psychische Realität mehr bedeute als die
    materielle. Ich glaube auch heute nicht, daß ich meinen Patien-
    ten Verführungsphantasien aufgedrängt, „suggeriert“ habe. Ich
    war da zum erstenmal mit dem Ödipuskomplex zusammen-
    getroffen, der späterhin eine so überragende Bedeutung gewinnen
    sollte, den ich aber in solch phantastischer Verkleidung noch nicht
    erkannte. Auch blieb der Verführung im Kindesalter ihr Anteil
    an der Ätiologie, wenngleich in bescheidenerem Ausmaß, gewahrt.
    Die Verführer waren aber zumeist ältere Kinder gewesen.

    Mein Irrtum war also der nämliche gewesen, wie wenn jemand
    die Sagengeschichte der römischen Königszeit nach der Erzählung
    des Livius für historische Wahrheit nehmen würde, anstatt für
    das, was sie ist, eine Reaktionsbildung gegen die Erinnerung arm-
    seliger, wahrscheinlich nicht immer rühmlicher Zeiten und Ver-
    hältnisse. Nach der Aufhellung des Irrtums war der Weg zum
    Studium des infantilen Sexuallebens frei. Man kam da in die
    Lage, die Psychoanalyse auf ein anderes Wissensgebiet anzuwenden,
    aus ihren Daten ein bisher unbekanntes Stück des biologischen
    Geschehens zu erraten.

    Die Sexualfunktion war von Anfang an vorhanden, lehnte
    sich zunächst an die anderen lebenswichtigen Funktionen an und
    machte sich dann von ihnen unabhängig; sie hatte eine lange und
    komplizierte Entwicklung durchzumachen, bis aus ihr das wurde,
    was als das normale Sexualleben des Erwachsenen bekannt war.
    Sie äußerte sich zuerst als Tätigkeit einer ganzen Reihe von Trieb-
    komponenten, welche von erogenen Körperzonen abhängig
    waren, zum Teil in Gegensatzpaaren auftraten (Sadismus –
    Masochismus, Schautrieb – Exhibitionlust), unabhängig von
    einander auf Lustgewinn ausgingen und ihr Objekt zumeist am

  • S.

    23

    eigenen Körper fanden. Sie war also zuerst nicht zentriert und
    vorwiegend autoerotisch. Später traten Zusammenfassungen in
    ihr auf; eine erste Organisationsstufe stand unter der Vorherr-
    schaft der oralen Komponenten, dann folgte eine sadistisch-
    anale Phase und erst die spät erreichte dritte Phase brachte den
    Primat der Genitalien, womit die Sexualfunktion in den Dienst
    der Fortpflanzung trat. Während dieser Entwicklung wurden
    manche Triebanteile als für diesen Endzweck unbrauchbar bei-
    seite gelassen oder anderen Verwendungen zugeführt, andere von
    ihren Zielen abgelenkt und in die genitale Organisation über-
    geleitet. Ich nannte die Energie der Sexualtriebe – und nur
    diese – Libido. Ich mußte nun annehmen, daß die Libido die
    beschriebene Entwicklung nicht immer tadellos durchmache. In-
    folge der Überstärke einzelner Komponenten oder frühzeitiger
    Befriedigungserlebnisse kommt es zu Fixierungen der Libido
    an gewissen Stellen des Entwicklungsweges. Zu diesen Stellen
    strebt dann die Libido im Falle einer späteren Verdrängung zurück
    (Regression) und von ihnen aus wird auch der Durchbruch
    zum Symptom erfolgen. Eine spätere Einsicht fügte hinzu, daß
    die Lokalisation der Fixierungsstelle auch entscheidend ist für
    die Neurosenwahl, für die Form, in der die spätere Erkrankung
    auftritt.

    Neben der Organisation der Libido geht der Prozeß der Objekt-
    findung einher, dem eine große Rolle im Seelenleben vorbehalten
    ist. Das erste Liebesobjekt nach dem Stadium des Autoerotismus
    wird für beide Geschlechter die Mutter, deren nährendes Organ
    wahrscheinlich anfänglich vom eigenen Körper nicht unterschieden
    wurde. Später, aber noch in den ersten Kinderjahren, stellt sich
    die Relation des Ödipuskomplexes her, in welcher der Knabe
    seine sexuellen Wünsche auf die Person der Mutter konzentriert
    und feindselige Regungen gegen den Vater als Rivalen entwickelt.
    In analoger Weise stellt sich das kleine Mädchen ein, alle Variationen
    und Abfolgen des Ödipuskomplexes werden bedeutungsvoll, die
    angeborene bisexuelle Konstitution macht sich geltend und ver-
    mehrt die Anzahl der gleichzeitig vorhandenen Strebungen. Es
    dauert eine ganze Weile, bis das Kind über die Unterschiede der
    Geschlechter Klarheit gewinnt; in dieser Zeit der Sexualforschung
    schafft es sich typische Sexualtheorien, die, abhängig von der
    Unvollkommenheit der eigenen körperlichen Organisation, Richtiges
    und Falsches vermengen und die Probleme des Geschlechtslebens

  • S.

    24

    (das Rätsel der Sphinx: woher die Kinder kommen) nicht lösen
    können. Die erste Objektwahl des Kindes ist also eine in-
    zestuöse. Die ganze hier beschriebene Entwicklung wird rasch
    durchlaufen. Der merkwürdigste Charakter des menschlichen
    Sexuallebens ist sein zweizeitiger Ansatz mit dazwischenliegender
    Pause. Im vierten und fünften Lebensjahr erreicht es einen
    ersten Höhepunkt, dann aber vergeht diese Frühblüte der Sexua-
    lität, die bisher lebhaften Strebungen verfallen der Verdrän-
    gung und es tritt die bis zur Pubertät dauernde Latenzzeit
    ein, während welcher die Reaktionsbildungen der Moral, der
    Scham, des Ekels aufgerichtet werden. Die Zweizeitigkeit der
    Sexualentwicklung scheint von allen Lebewesen allein dem Men-
    schen zuzukommen, sie ist vielleicht die biologische Bedingung
    seiner Disposition zur Neurose. Mit der Pubertät werden die
    Strebungen und Objektbesetzungen der Frühzeit wieder belebt,
    auch die Gefühlsbindungen des Ödipuskomplexes. Im Sexual-
    leben der Pubertät ringen miteinander die Anregungen der
    Frühzeit und die Hemmungen der Latenzperiode. Noch auf der
    Höhe der infantilen Sexualentwicklung hatte sich eine Art von
    genitaler Organisation hergestellt, in der aber nur das männ-
    liche Genitale eine Rolle spielte, das weibliche unentdeckt
    geblieben war (der sog. phallische Primat). Der Gegensatz
    der Geschlechter hieß damals noch nicht männlich oder weiblich,
    sondern: im Besitze eines Penis oder kastriert. Der hier an-
    schließende Kastrationskomplex wird überaus bedeutsam für
    die Bildung von Charakter und Neurose.

    In dieser verkürzten Darstellung meiner Befunde über das
    menschliche Sexualleben habe ich dem Verständnis zuliebe viel-
    fach zusammengetragen, was zu verschiedenen Zeiten entstand
    und als Ergänzung oder Berichtigung in die aufeinanderfolgenden
    Auflagen meiner „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ Auf-
    nahme fand. Ich hoffe, es läßt sich aus ihr leicht entnehmen,
    worin die oft betonte und beanstandete Erweiterung des Begrif-
    fes Sexualität besteht. Diese Erweiterung ist eine zweifache.
    Erstens wird die Sexualität aus ihren allzu engen Beziehungen
    zu den Genitalien gelöst und als eine umfassendere, nach Lust
    strebende Körperfunktion hingestellt, welche erst sekundär in
    den Dienst der Fortpflanzung tritt; zweitens werden zu den
    sexuellen Regungen alle die bloß zärtlichen und freundschaft-
    lichen gerechnet, für welche unser Sprachgebrauch das viel-
    deutige Wort „Liebe“ verwendet. Allein ich meine, diese
    Erweiterungen sind nicht

    24

  • S.

    25

    Neuerungen, sondern Wiederherstellungen, sie bedeuten die Auf-
    hebung von unzweckmäßigen Einengungen des Begriffes, zu denen
    wir uns haben bewegen lassen. Die Loslösung der Sexualität von
    den Genitalien hat den Vorteil, daß sie uns gestattet, die Sexual-
    betätigung der Kinder und der Perversen unter dieselben Gesichts-
    punkte zu bringen wie die der normalen Erwachsenen, während
    die erstere bisher völlig vernachlässigt, die andere zwar mit mora-
    lischer Entrüstung, aber ohne Verständnis aufgenommen wurde.
    Der psychoanalytischen Auffassung erklären sich auch die ab-
    sonderlichsten und abstoßendsten Perversionen als Äußerung von
    sexuellen Partialtrieben, die sich dem Genitalprimat entzogen
    haben und wie in den Urzeiten der Libidoentwicklung selbständig
    dem Lusterwerb nachgehen. Die wichtigste dieser Perversionen,
    die Homosexualität, verdient kaum diesen Namen. Sie führt
    sich auf die konstitutionelle Bisexualität und auf die Nachwirkung
    des phallischen Primats zurück; durch Psychoanalyse kann man
    bei jedermann ein Stück homosexueller Objektwahl nachweisen.
    Wenn man die Kinder „polymorph pervers“ genannt hat, so war
    das nur eine Beschreibung in allgemein gebräuchlichen Ausdrücken;
    eine moralische Wertung sollte damit nicht ausgesprochen werden.
    Solche Werturteile liegen der Psychoanalyse überhaupt fern.

    Die andere der angeblichen Erweiterungen rechtfertigt sich
    durch den Hinweis auf die psychoanalytische Untersuchung, welche
    zeigt, daß all diese zärtlichen Gefühlsregungen ursprünglich
    vollsexuelle Strebungen waren, die dann „zielgehemmt“ oder
    „sublimiert“ worden sind. Auf dieser Beeinflußbarkeit und Ab-
    lenkbarkeit der Sexualtriebe beruht auch ihre Verwendbarkeit für
    mannigfache kulturelle Leistungen, zu denen sie die bedeutsamsten
    Beiträge stellen.

    Die überraschenden Ermittlungen über die Sexualität des
    Kindes wurden zunächst durch die Analyse Erwachsener gewonnen,
    konnten aber später, etwa von 1908 an, durch direkte Beobachtungen
    an Kindern bis in alle Einzelheiten und in beliebigem Ausmaße
    bestätigt werden. Es ist wirklich so leicht, sich von den regulären
    sexuellen Betätigungen der Kinder zu überzeugen, daß man sich
    verwundert fragen muß, wie es die Menschen zustande gebracht
    haben, diese Tatsachen zu übersehen und die Wunschlegende von
    der asexuellen Kindheit solange aufrecht zu halten. Dies muß
    mit der Amnesie der meisten Erwachsenen für ihre eigene Kindheit
    zusammenhängen.