• S.

    PROF. DR. FREUD 
    WIEN, IX., BERGGASSE 19.

    30. XI. 1934

    Liebe Frau Doktor

    Schönen Dank für den Korb aus dem 
    Garten Eden!  Blumen vertragen 
    eine solche Reise nicht gut, aber die 
    Früchte sind entzückend und Neid erre-
    gend. Die Sehnsucht nach dem Mittelmeer 
    hat keinen von uns verlassen. Schade 
    nur, dass in dem Paradies nicht auch 
    die ungestörte Gesundheit wohnt. Sie 
    scheinen dieselbe Art von Grippe 
    gehabt zu haben wie wir und ich 
    muß der lieben Kleinen rascheste 
    Herstellung wünschen.

    Von Ihren Nachrichten die interessan-
    teste war die Mitteilung Ihres 
    ersten „Stoffes“. Eine bloße Inhaltsan-
    gabe kann natürlich nicht viel wirken. 
    Ich glaube nicht, daß Prinz Pamino in 
    der Zauberflöte sich in das Bild 
    Paminas verliebt hätte, wenn es 
    ein Röntgenbild gewesen wäre. 
    Aber mir fiel ganz gegen jede Absicht 
    ein, wie man eine solche Begeben-
    heit real möglich machen könnte, 
    ohne ihr das Ungewöhnliche und Ge-
    heimnisvolle zu nehmen. Ich sage 
    Ihnen nichts davon, denn es kann 
    mir nicht beifallen, Ihre Produktion 
    zu beeinflußen. Auch habe ich keine 
    Ahnung, welche Ziele sich Ihre 
    Darstellungskunst gesetzt hat.

  • S.

    Nach Realien und technischen Details 
    werden Sie sich gewiß jedesmal bei 
    Sachverständigen erkundigen müßen. 
    Angeborene Blindheit oder wenigstens 
    Sehstörung, die sich durch Operation 
    beheben läßt, kom̄t meines Wissens 
    wirklich vor als Folge eines ange-
    borenen Stars (Kararacta).

    Mit vielen freundlichen Grüßen
    Ihr 
    Freud