• S.

    22.1.24

    Prof. Dr. Freud                                                                                         Wien, IX. Berggasse 19.

     

    Lieber Freund

    Sie sollen den Bericht haben, den Sie verlangen. Es geht im ganzen nicht schlecht. Auf die positive Seite muß vor allem gebucht werden, daß die sechsstündige Arbeit auch nicht die Spur von geistiger oder körperlicher Müdigkeit zurückläßt, sondern daß die ganze Lebensform als behagliches Faulenzen empfunden wird. Die geschädigten Funktionen werden sehr ungleichmäßig ausgeübt, gute und schlechte Tage weichen sehr voneinander ab. Anderseits hören allerlei Quälereien ─ nicht zu verwundern bei einer hypästhetischen Gesichtshälfte ─ nicht auf und stören das Behagen. Von einer Verbesserung der Prothese wird mir noch Vorteil versprochen, von den Wirkungen der Steinach‑Operation1 habe ich bisher nichts Gesichertes verspürt. Meine Stimmung ist noch nicht fest, ich traue dem Frieden nicht und erwarte bei jedem Anzeichen Unheil.

         Die Arbeit über Masoch[ismus]2 ist beendet, hinter meiner Erwartung zurückgeblieben. Mit Ihrer Kompaniearbeit3 bin ich nicht ganz einverstanden, obwohl ich vieles daran schätze. Ich habe manches davon mit Rank kritisch besprochen, halte aber im ganzen lieber zurück, damit Sie alle in Ihrer Produktion nicht gestört seien. Auf diese Art will ich mein im Alter noch Zugegensein unschädlich machen. Ihr Vortrag war sehr merkwürdig, er behandelte das gemeinsame Buch gar nicht, sondern Ihr Eigenstes, die aktive Therapie, als wollten Sie es dem Rankschen Geburtstrauma entgegenstellen. Eine Entgleisung in die längst verlassenen Bahnen des Brüderkomplexes.

         Ich grüße Sie und Frau Gisela herzlich, Ihr durch Kranksein und Altsein ungeänderter

                                                                                                                                                                 Freud

     

         1            `Am 17. November [1923] unterzog sich Freud ... einer Steinach-Operation, der Unterbindung beider Samenleiter. Dies geschah in der Hoffnung, daß die Verjüngung, die man sich von dieser Operation versprach, die Wiederkehr des Krebes aufhalten würde@ (Jones 3, S. 123).

         2            EDas ökonomische Problem des MasochismusD (Freud, 1924c).

         3            Die Entwicklungsziele der Psychoanalyse.