-
S.
PROF. DR. FREUD
WIEN, IX. BERGGASSE 19.2.2.13
Lieber Freund
Ihre Influenza, jetzt hoffentlich überwunden
hat wahrscheinlich nur den einen Sinn gehabt,
mir einmal einen ganzen Brief von Frau
G. zu verschaffen. Bei mir hätte sie jetzt
gar keinen Sinn, ich setze mir also vor,
mich der herrschenden Epidemie zu entziehen.Jungs Brief klingt etwas elegisch, viel-
leicht hat ihn seine Egeria bereits verlassen.
Sie soll nach Amerika gehen, um die Tochter
von Rockefeller nach Zürich zu bringen. Es
st natürlich eine Pose wie eine andere.
Auch Brill schreibt daß er sich jetzt freund-
lich um ihn bemüht. (Brill scheint die
Obmannschaft seiner Gruppe nicht nieder-
gelegt zu haben. Er hat jetzt Schwierigkeiten
mit dem englischen Verleger, der eine
Reihe von Träumen wegen Unanständig-
keit des Materials auslassen will)Jungs Brief ist wahrscheinlich auch zur
indirekten Mitteilung an mich bestim̄t.
Da Sie auf die Idee gekom̄en sind, mich an
der Redaktion Ihrer Antwort zu beteiligen,
werfe ich einige Sätze aufs Papier, die Sie
verwenden wollen oder nicht. Ich bemerke
noch, daß ich ihm Ihre Kritik seiner Arbeit
angekündigt habe. Ich schrieb ihm dieser
Tage geschäftlich u erhielt gestern sachliche
Antwort. Er fragt auch an, ob 7/8 Sept
als Kongreßdatum für München ange-
messen ist. Eine Bemerkung über ein -
S.
„schlechte Aufnahme* seiner Arbeit.
Also meine Vorschläge.
Sie wüßten wie beschäftigt er sei. Aber der
Eindruck, daß die Z. sich gar nicht um die
Wiener Journale küm̄ern, er besonders
nicht, sei doch leicht zu vermeiden. Irgend
welche Zeichen von Interesse willkommen –
glaubten ihm gerne, daß er keine Trennung
wolle. Alle Anzeichen sind dafür, daß
solche auch nicht von anderer Seite beab-
sichtigt werde. Sie wüßten, daß es F (mir)
besonders daran läge zu zeigen, daß
wissenschaftl. Differenzen im Rahmen der
Organisation anstandslos vertragen werden,
wo nicht das persönliche Benehmen wie
bei St. und A. es unmöglich mache. Sie be-
dauerten Abbruch der privaten Beziehungen
zwischen F. und ihm, müßten es aber nach den
erhaltenen Auskünften für beste halten.
Sie hätten von mir gehört, daß er jede
persönl Beziehung als störend für seine
wissensch. Freiheit erachte, er wiederhole
dasselbe in seinem Brief. Da bliebe ja
nichts anderes übrig. F. (ich) behaupte,
er (J.) sei mit seinen Beziehungen zum Mann
nicht in Ordnung. Sie müßten allerdings
aus Ihrer Erfahrung gestehen, daß Sie
keine besonderen Schwierigkeiten
gefunden hätten, mit F. (mir) auszukom̄en
Sie enthielten sich gerne der Kritik, auf
welcher Seite die größere Abnormität -
S.
zu vermuten sei. Meinten, nach einer gewißen
weiteren Entwicklung werde ein Zusam̄en-
gehen wieder möglich sein.Ihre Kritik seiner Arbeit. Reserven wegen
der erwarteten Vorlesungen in New York.
Sie kennten die Schwierigkeiten einer
theoret. Entscheidung in Libidofrage. Hofften,
irgend welche Folgerungen betreffs des
klinischen Materials würden die Partei-
nahme erleichtern. Wenn sich bei ihm in
Technik d. Analyse nichts ändere, dürfe
es ja unentschiedene theoret. Streitfrage
bleiben. Im anderen Falle bekäme man
ja Gelegenheit zum Vergleichen und
selbständig Urteilen.Sie wunderten sich, daß er sage, das Wesen
des Traumes sei ihm so unklar. Ob er
denn das Ubw. nicht mehr anerkenne
oder die Verdrängung? Mit diesen
beiden Momenten fänden Sie und andere
sich im Traum leidlich zurecht. Das Symbol
sei für uns alle noch rätselhaft, wahr-
scheinlich historisch zu verstehen, aus
Denk‑ und Sprachentwicklg etc. etc.Ich freue mich über den ruhigen Sonntag
nach den Anforderungen des vorigen. -
S.
Für heute nachmittag habe ich mir nur
Frau Lou Andreas‑Salomé eingeladen.
Sobald ich die nächsten kleinen Geschäfte
abgethan, gehe ich an den Totemismus.
Hoffe Ihren Hahnemann bald zitiren
zu können.Jones ist gestern nach Canada abgereist.
Es gab eine vorübergehende Verstim̄ung
zwischen ihm u seiner Frau, bei der sich
besonders die Frau reizend benom̄en
hat. Ich bin jetzt mit meinen angenom̄enen
Kindern überhaupt zufrieden.Unsere Zeitschrift gefällt allgemein.
Ich will jetzt im nächsten Aufsatz die
Frage der ersten Mitteilungen und
den Mechanismus der Heilung
behandeln.Herzliche Grüße von uns
allen und baldiges Wiedersehen!
Ihr
FreudP.S. Wir wollen jetzt im Verein die
Frage des Themas für das nächste
Heft der Diskussionen entscheiden.
Ich möchte die soziale Rolle der Neurosen
vorschlagen. Qu'en dites‑vous?Egeria]
Hat freud damit Frau Moltzer gemeint?
Egeria ist in der römischen Mythologie die Nymphe der gleichnamigen Quelle, eng verbunden mit dem Heiligtum der Dianavon Aricia.
Egeria soll die Geliebte des sagenumwobenen zweiten Königs von Rom, Numa Pompilius, gewesen sein. Der Legende nach beriet sie ihn bei wichtigen Entscheidungen und wies ihm so den Weg zu weiser Herrschaft. Von ihr soll Numa auch die Ancilia erhalten haben, zwölf Bronzeschilde, auf deren Besitz sich der Sage nach Roms Macht gründete. Später hieß es, der König habe die Nymphe nur erfunden, um seinen Aussagen mehr Nachdruck zu verleihen und das Volk zur kritiklosen Hinnahme und Befolgung seiner Vorschriften zu veranlassen.
Ovid zufolge soll Egeria sich nach dem Tod des Numa nach Aricia zurückgezogen und sich dort in tränenvoller Trauer in die Quelle Egeria verwandelt haben.
Die Grotte der Nymphe Egeria in Rom ist ein beliebtes Motiv in Malerei und Literatur. Nymphengrotten wurden vielfach in Parks nachgebildet, so im Rheinsberger Schlosspark und im Wörlitzer Park. Nach Egeria ist auch der 1850 entdeckte Asteroid Egeriabenannt. (Quelle https://de.wikipedia.org/wiki/Egeria_(Mythologie) [2025-11-27])Tochter von Rockefeller]
Edith Rockefeller McCormick (August 31, 1872 – August 25, 1932) was an American socialite. McCormick's parents were Standard Oil co-founder John D. Rockefeller and Laura Spelman Rockefeller. She and her husband Harold Fowler McCormick were prominent in Chicago society, supporting many causes, including the city's first opera company. After being treated for depression by Carl Jung, she became a successful Jungian psycho-analyst herself. McCormick also studied astrology and reincarnation. She remained prominent after divorcing her husband and helped sponsor and organize several "Women's World Fairs" celebrating female achievement in the 1920s. (Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Edith_Rockefeller_McCormick [2025-11-27])A. A. Brill übersetzt Freuds Traumdeutung, sie wird Mai 1913 erscheinen (in London bei Georg Allen)
Qu'en dites‑vous?] Frazösisch. Was sagen Sie dazu?
Lou Andreas-Salomé] Andreas-Salomé, Lou (1893): In der Schule bei Freud. Frankfurt am Main: Fischer, 1983:88‑90.
Ferenczi, Sándor (): Ein kleiner Hahnemann. IZP, 1, 1913, 3:240-246.
seiner [Jones] Frau] Loe Kann, bei Sigmund Freud in Analyse.
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
VII Erzsebét-kőrút 54
Budapest 1073
Ungarn
http://data.onb.ac.at/rec/AC16572878 Autogr. 1053/16(1-10) HAN MAG